Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert, abweichende Schreibweisen wurden dagegen beibehalten.

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Original-Umschlag

Das Sternenkind
und andere Geschichten

Im Verlag der Franckh’schen Verlagshandlung, Stuttgart, sind erschienen:

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Das Sternenkind
und andere Geschichten

Naturgeschichtliche Märchen

Von

Carl Ewald

Fünfter Band der autorisierten
deutschen Gesamtausgabe von
Hermann Kiy

Mit acht Tafeln und zahlreichen Abbildungen
von Willy Planck

Siebzehnte Auflage

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
1921


Alle Rechte, insbesondere auch das
Uebersetzungsrecht, vorbehalten.

Copyright 1921 by
Franckh’sche Verlagshandlung,
Stuttgart.


STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & CO, STUTTGART


Inhalt

Wald und Heide   [5]
Tante Eidergans [14]
Grabwespe und Goldwespe [32]
Irgendwo im Walde [47]
Das Sternenkind [55]
Das Johanniswürmchen [67]
Das Gold [74]
Sand [140]
Der kleine Hering [166]
Die Blumen [185]
Die vier Fürsten [205]
Die Blattlaus [284]

Wald und Heide.

Es war einmal ein herrlicher Wald mit tausend ranken Stämmen und mit Saus und Sang in den dunkeln Kronen.

Ringsum dehnten sich Wiesen und Felder, und drüben hatte der Bauer sein Haus erbaut. Wiese und Feld boten einen guten Anblick dar in ihrem vollen Grün, und der Bauer war fleißig und dankbar für den Ertrag, den er heimbrachte. Der Wald aber stand wie ein großer Herr hoch über ihnen allen.

Während des Winters lag das Feld flach und elend unterm Schnee, die Wiese war ein einziger vereister See, und der Bauer verkroch sich in der Ofenecke; aber der Wald stand gleich rank und ruhig da mit seinen nackten Zweigen und ließ es stürmen und schneien, soviel es Lust hatte. Wenn’s Frühling wurde, dann grünten freilich Feld und Wiese, und der Bauer kam hervor und begann zu pflügen und zu säen. Der Wald aber erwachte zu solcher Herrlichkeit, daß niemand es beschreiben konnte; zu seinen Füßen standen Blumen, und auf seinen grünen Wipfeln lag die Sonne; aus dem kleinsten Strauch erscholl Vogelgesang, und allerorten duftete es und wogte es von festlichen Farben.

Da geschah es eines Sommertags, als der Wald mit seinen Zweigen um sich fächelte, daß ihm ein spaßiges braunes Ding vor Augen kam, das sich auf den Hügeln gegen Westen ausbreitete, und das er noch nie gesehen hatte.

„Was bist du für ein Geselle?“ fragte der Wald.

„Ich bin die Heide,“ erwiderte das braune Ding.

„Ich kenne dich nicht,“ entgegnete der Wald, „und ich mag dich nicht leiden. Du bist so garstig und schwarz, gleichst weder Feld noch Wiese noch sonst irgend etwas, das ich kenne. Hast du Knospen, die aufspringen? Kannst du blühen? Kannst du singen?“

„Gewiß, gewiß,“ sagte die Heide. „Im August, wenn deine Blätter dunkel und müde werden, dann springen meine Blütenknospen auf. Und dann bin ich rot — rot von einem Ende zum andern und schöner als alles, was du je gesehen hast.“

„Prahlhans!“ sagte der Wald. Und dann sprachen sie nicht mehr zusammen.

Im nächsten Jahr war die Heide ein großes Stück den Hügel hinabgekrochen, auf den Wald zu. Der Wald sah es zwar, sagte aber nichts. Es schien ihm unter seiner Würde zu sein, sich mit solch garstigem Burschen zu unterhalten. In seinem Innern aber hatte er Angst. So machte er sich denn so grün und schön, wie er nur konnte, und ließ sich nichts anmerken.

Mit jedem Jahr aber, das verstrich, kam ihm die Heide näher. Sie hatte jetzt alle Hügel zugedeckt und lag dicht vor dem Bereich des Waldes.

„Scher dich weg!“ sagte der Wald. „Du bist mir im Wege. Gib acht, daß du nicht an meine Hecke rührst!“

„Ich geh drüber weg,“ war die Antwort der Heide. „Ich geh hinein in dich, ich fresse und zerstöre dich.“

Da lachte der Wald, daß alle seine Blätter bebten.

„Soso, also das ist deine Absicht!“ sagte er. „Wenn du’s nur fertig bringst! Ich fürchte, ich bin ein zu großer Happen für dich. Du glaubst wohl, ich bin dasselbe wie so ein bißchen Wiese oder Feld, worüber man im Nu hinwegspazieren kann. Aber ich bin der Mächtigste und Vornehmste in der ganzen Gegend, mußt du wissen. Ich will dir einmal mein Liedlein vorsingen, dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken.“

Und der Wald begann zu singen. Alle Vögel sangen, und die Blumen erhoben ihre Köpfe und sangen mit. Das kleinste Blatt summte mit den andern, der Fuchs hielt inne mitten im Genuß eines fetten Huhns und schlug den Takt mit seinem buschigen Schwanz, und der Wind lief zwischen den Zweigen umher und bildete die Orgelbegleitung zu dem Liede des Waldes:

„Ein schöner’ Fest ich niemals sah,

als da der Wald zu Gaste lud:

Waldmeister duftet’, dem Veilchen ganz nah,

und die Rose leuchtet in wilder Glut.

Es flog das Vöglein auf und ab

und flog niemals allein.

Der Bauer den wehenden Buchenzweig gab

dem holden Liebchen sein.

Es freuten sich Hase, Fuchs und Reh,

der kleine Wurm unterm Blütengewimmel.

Es tanzte groß und klein im Klee,

es tanzte die Sonne am Himmel.“

„Was sagst du nun?“ fragte der Wald.

Die Heide antwortete nicht. Aber im nächsten Jahr überschritt sie die Hecke.

„Bist du toll?“ rief der Wald. „Ich hab’ dir ja verboten, herüberzukommen.“

„Du bist nicht mein Herr,“ erwiderte die Heide. „Ich tu’, wie ich gesagt habe.“

Da rief der Wald den roten Fuchs und schüttelte die Zweige, so daß eine Menge Bucheckern und Eicheln hinabfielen und in seinem Pelz hängen blieben.

„Lauf in die Heide hinaus, lieber Fuchs, und leg die Samen dorthin!“ bat der Wald.

„Will sehn, was sich machen läßt!“ sagte der Fuchs und trabte davon.

Und es halfen Hase, Hirsch, Marder und Maus. Auch die Krähe unterstützte aus alter Freundschaft die Sache, und der Wind faßte ordentlich zu und rüttelte an den Zweigen, daß die Bucheckern und Eicheln weit auf die Heide hin flogen.

„So,“ sagte der Wald, „nun wollen wir mal sehn, was draus wird!“

„Ja, das wollen wir!“ meinte die Heide.

Es verging eine Zeit, der Wald wurde grün und wieder welk, und die Heide dehnte sich immer mehr aus. Man redete nicht mehr zusammen. An einem schönen Frühlingstage aber guckten rings im Heidekraut ganz winzige neugeborene Buchen und Eichen aus der Erde hervor.

„Was sagst du nun?“ fragte triumphierend der Wald. „Jahr auf Jahr sollen meine Bäume wachsen, bis sie groß und stark werden. Dann sollen sie ihre Kronen über dir zusammenschließen; keine Sonne soll scheinen, kein Regen soll auf dich herabfallen, und um deines Übermuts willen sollst du sterben.“

Aber die Heide schüttelte ernst ihre schwarzen Reiser. „Du kennst mich nicht,“ sagte sie, „ich bin stärker, als du glaubst. Niemals werden deine Bäume bei mir grünen. Ich habe die Erde unter mir fest wie Eisen gebunden, und deine Wurzeln können nicht hindurch. Wart nur bis zum nächsten Jahr! Dann sterben die kleinen Wichte, über die du jetzt so froh bist.“

„Du lügst,“ entgegnete der Wald. Und doch war er in großer Angst.

Im nächsten Jahr kam es, wie die Heide gesagt hatte. Die kleinen Buchen und Eichen gingen samt und sonders ein. Und nun folgte eine entsetzliche Zeit für den Wald. Die Heide dehnte sich immer weiter aus. Überall sah man Heidekraut statt der Veilchen und Anemonen. Kein junger Baum wuchs, die Sträucher verwelkten, die alten Bäume begannen am Wipfel abzusterben, daß es ein rechtes Unglück war.

„Hier im Walde ist’s nicht mehr gemütlich,“ sagte die Nachtigall. „Ich glaube, ich baue anderswo mein Nest.“

„Hier ist ja kaum noch ein ordentlicher Baum, wo man wohnen könnte,“ sagte die Krähe.

„Die Erde ist so hart geworden, daß man sich keinen anständigen Gang mehr bauen kann,“ murrte der Fuchs.

Der Wald wußte sich keinen Rat. Die Buche reckte ihre Zweige zum Himmel auf und flehte um Hilfe, und die Eiche krümmte die ihren in stiller Verzweiflung.

„Sing doch noch einmal dein Lied!“ sagte die Heide.

„Ich hab’ es vergessen,“ antwortete der Wald betrübt. „Meine Blumen sind verwelkt, und meine Vögel sind fortgeflogen.“

„Dann will ich singen,“ sagte die Heide. Und sie sang:

„Es geht von der Heide ein Liedlein gut:

Wenn die Sonne im Osten steiget,

dann flammt die Heide wie Feuer und Blut,

während zum Herbst der Wald sich neiget.

Das Wollgras webt den langen Tag

im Moor sein weißes Linnen,

und die Natter gleitet mit ruhigem Schlag

unter Heidekrautwipfeln von hinnen.

Der Regenpfeifer jammert, die Lerche schlägt,

und der Kiebitz wippt auf der Erde.

Der krummrückige Bauer sich bewegt

im Heidehaus mit stiller Gebärde.“

Die Jahre vergingen, und um den Wald war es immer schlechter bestellt. Die Heide dehnte sich weiter und weiter aus, bis sie das andere Ende des Waldes erreichte. Die großen Bäume starben ab und stürzten um, sobald der Sturm sie ordentlich anpackte. Dann lagen sie da und verfaulten, und das Heidekraut wuchs über sie weg. Nun war nur noch ein Dutzend von den ältesten und stärksten Bäumen übrig, aber sie waren alle hohl und hatten ganz dünne Wipfel.

„Meine Zeit ist um, ich muß sterben,“ sagte der Wald.

„Habe ich es dir nicht vorhergesagt!“ rief ihm die Heide zu.

Aber nun bekamen die Menschen einen großen Schreck, weil die Heide so ungestüm gegen den Wald vorging.

„Woher soll ich Bretter für meine Werkstatt nehmen?“ rief der Tischler.

„Woher soll ich kleines Holz bekommen, um mein Essen zu kochen?“ klagte die Frau.

„Woher sollen wir Brennscheite holen für den Winter?“ seufzte der alte Mann.

„Wohin soll ich im Frühling mit meiner Braut spazieren gehen?“ schalt der junge Mann.

Und die Menschen betrachteten eine Weile die armen alten Bäume, mit denen nichts mehr anzufangen war; und dann nahmen sie ihre Hacken und Spaten und liefen auf die Hügel hinauf, dahin, wo die Heide begann.

„Ihr könnt euch die Mühe sparen,“ rief die Heide, „in mir könnt ihr nicht graben.“

„Ach nein!“ seufzte der Wald. Aber er war jetzt so schwach, daß niemand mehr hören konnte, was er sagte.

Die Menschen kümmerten sich auch nicht darum. Sie hackten und hackten, bis sie durch die harte Schale hindurch waren. Dann fuhren sie Erde und Dünger herbei und füllten die Löcher damit aus, und dann pflanzten sie junge Bäumchen. Die pflegten sie und freuten sich ihrer und hüteten sie vor dem Winde, so gut sie vermochten.

Und Jahr auf Jahr wuchsen die kleinen Bäume. Wie helle, grüne Flecke standen sie mitten in dem schwarzen Heidekraut; und als eine Zeit vergangen war, kam ein Vögelchen und baute sein Nest in einem der Bäumchen.

„Hurra! Nun haben wir wieder einen Wald!“ riefen die Menschen.

„Gegen die Menschen kommt niemand an,“ murrte die Heide. „Da ist nichts zu machen. Also gehn wir weiter!“

Von dem alten Walde aber stand noch ein einziger Baum, der nur einen einzigen grünen Zweig am Wipfel hatte. Auf den setzte sich ein kleiner Vogel, und er erzählte von dem neuen Walde, der drüben auf dem Hügel emporwuchs.

„Gott sei Dank!“ sagte der alte Wald. „Was man selbst nicht fertigbringt, muß man den Kindern überlassen. Wenn sie nur tüchtig sind! Sie sehen ein bißchen dünn aus!“

„Du bist selber auch einmal so dünn gewesen,“ erwiderte der Vogel.

Dazu sagte der alte Wald nichts mehr, denn er war gestorben, und damit ist es auch mit unserer Geschichte aus.

Tante Eidergans.

Es war Winter.

Die Blätter waren verschwunden von den Bäumen und die Blumen von der Hecke. Und auch die Vögel waren fort, das heißt, die vornehmsten, die sämtlich nach dem Süden gereist waren.

Aber ein paar waren natürlich noch übrig.

Da war Freund Sperling und die flinke kleine Kohlmeise. Ferner der Rabe und die Saatkrähe, die noch einmal so schwarz und hungrig aussahen auf dem weißen Schnee. Und da waren auch noch einige andere, die lieber in den sauren Apfel beißen und im Norden bleiben wollten, anstatt sich auf die lange Reise zu begeben.

Unten am Strande war mehr Leben als im Sommer.

Da waren die Möwen, die sich überall in großen Scharen tummelten, wo Löcher ins Eis geschlagen waren. Und da waren die wilden Enten, die sich draußen im offenen Wasser aufhielten und schnatterten und tauchten und aufflogen, wenn die Flinten der Fischer knallten.

„Wie viele es sind!“ sagte der Sperling.

„Sie kommen aus dem hohen Norden,“ erklärte die Möwe „Aus Norwegen und von den Färöern. Da oben ist es viel kälter als hier. Sobald die geringste Veränderung in der Luft eintritt, fliegen sie wieder hinauf... Kennst du die beiden, die uns dort auf dem Eise entgegenkommen?“

„Woher sollte ich sie kennen?“ fragte der Sperling. „Ich bin in diesem Sommer geboren und möchte nur wünschen, daß ich wieder im Neste läge.“

„Das sind Eidergänse,“ erzählte die Möwe. „Sieh, nun kommt noch einer.“

Und so war es auch. Und das war ein sehr feiner Vogel. Sein Nacken war grün und Hals und Brust waren weiß mit einem rosigen Schimmer, seine Beine aber wunderschön gelb.

„Das ist das Männchen,“ sagte die Möwe. „Die beiden anderen sind Frauenzimmer und nicht so elegant, obwohl auch sie noch ganz gut aussehen.“

Die drei Eidervögel waren jetzt so nahe bei dem Sperling und der Möwe, daß diese hören konnten, wovon sie sprachen.

„Gnädige Frau,“ sagte der Kavalier, „ich verstehe nicht, was Sie hier auf dem Eise wollen. Gehen Sie mit hinaus auf das offene Wasser und amüsieren Sie sich mit uns.“

„Ich bleibe bei meiner Nichte,“ erwiderte die Eidergans.

„Und warum will das Fräulein nicht mit?“ fragte der Kavalier. „Im Sommer waren Sie auf unseren lieben Färöern die Froheste unter den Frohen.“

„Das war damals,“ entgegnete das Eidergansfräulein. „Jetzt bin ich auf andere und ernstere Gedanken gekommen.“

Der Kavalier versuchte noch eine Weile, sie zu überreden, aber ohne Erfolg. Dann flog er zurück über das Eis.

„Ist hier kein Felsen, Tante?“ fragte das Eidergansmädchen. „Ich sehne mich danach, zu heiraten und ein Nest zu bauen.“

„Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so ist es gerade kalt genug,“ warf der Sperling ein. „Und Felsen haben wir hierzulande nicht.“

„Man kann im Sande brüten,“ sagte die Möwe.

„Vielen Dank für Ihre Auskunft, gute Frau,“ sagte die Eiderganstante. „Aber es ist nur so ein Anfall, den meine Nichte hat. Sie ist jetzt drei Jahre alt und heiratsfähig.“

„Jesses,“ rief der Spatz. „Und ich bin diesen Sommer geboren und könnte mich schon auf der Stelle verheiraten, wenn es nur ein bißchen wärmer wäre.“

„Manche sind ja früher reif zur Heirat,“ sagte die Tante.

„Laß uns nach Hause nach den Färöern fliegen, damit wir uns verheiraten können, Tante,“ seufzte die junge Dame.

„In einem Monat, mein Kind,“ sagte die Tante. „Ich für mein Teil bedanke mich allerdings schönstens. Ich war siebenmal verheiratet und werde die Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber ich will gern ein wenig mit dir schwatzen. Das ist unheimlich interessant.“

„In einem Monat sind die Bäume noch nicht grün,“ sagte der Sperling. „Wir sind ja erst im Januar.“

„Wir haben keine Bäume auf den Färöern, Mädchen,“ erwiderte die Tante. „Und wir brauchen auch keine.“

„Hat das Fräulein denn schon einen Bräutigam?“ forschte die Möwe.

„Noch nicht. Aber das kommt schon. Einen Bräutigam kann man immer bekommen. In den drei Jahren, seitdem sie am Leben ist, hat sie auf dem Meere getanzt und sich vergnügt.“

„Wenn sie nur den rechten finden möchte,“ sagte die Möwe.

„Die Mannsleute sind alle gleich, gute Frau,“ verkündete die Tante. „Sie machen einem den Hof und verheiraten sich; helfen vielleicht ein bißchen beim Neste mit und machen sich dann aus dem Staube und überlassen uns alles übrige.“

„Da bin ich nun anderer Meinung als die gnädige Frau,“ sagte die Möwe. „Mein Mann hat mir getreulich geholfen.“

„Und ich habe auch viele Fliegen von meinem Vater bekommen, als ich im Neste lag,“ erzählte der Sperling.

„Da seid ihr glücklicher daran gewesen als wir,“ sagte die Tante. „Keiner von meinen sieben Männern hat seine eigenen Jungen auch nur gesehen.“

„Jesses,“ rief der Sperling.

Doch das Eidergansfräulein fragte wieder: „Sollen wir nicht bald nach Hause nach den Färöern reisen?“

„Gott, wie interessant ist die Jugend,“ sagte die Tante und schlug mit den Flügeln.

Dann flogen sie aufs Wasser hinaus; aber am folgenden Tage kamen sie wieder, und so ging es Tag für Tag, bis in den Februar hinein. Die Sehnsucht des jungen Eidergansfräuleins, nach Hause zu kommen, wurde immer größer, und die Tante wurde nie müde, mit ihr darüber zu plaudern.

„Jetzt geht es, jetzt geht es!“ sagte sie. „Hier ist es so warm, daß es fast nicht auszuhalten ist.“

„Das ist ein wahres Wort,“ sagte der Sperling, den es fror, und der sich nach dem Frühling sehnte.

Eines Tages kam ein schmucker junger Eidergänserich heran und setzte sich aufs Eis neben die beiden Damen.

„Wenn er um dich anhält, so nimm ihn,“ flüsterte die Tante. „Er hat den grünsten Nacken, den ich seit vielen Jahren gesehen habe.“

„Möcht’ er doch nur um mich anhalten!“ flüsterte die Junge.

Und er hielt um das Fräulein an.

Nachdem er ein Weilchen dagesessen und von gleichgültigen Dingen geplaudert hatte, soweit der Anstand es erforderte — und der Anstand erfordert nicht so viel von Eidergänsen wie von Menschen —, fragte er die junge Dame, ob sie seine Frau werden möchte. Er fing an von Vogelfelsen zu sprechen und von niedlichen kleinen Eiern und dergleichen: aber sie ließ ihn gar nicht ausreden, sondern sagte „Ja“.

Und nun waren sie verlobt.

Er war furchtbar beredt und schwor, daß er ihr das ganze Leben lang treu sein, ein Nest für sie bauen, auf den Eiern für sie liegen und die Kinder von früh bis spät füttern wolle. Und sie nickte und konnte vor lauter Glück nichts sagen.

„Lügen sind es, Wort für Wort! Und doch, wie schön ist das!“ rief die Tante.

„Wie schrecklich,“ sagten der Sperling und die Möwe. „Die liebe junge Dame!“

„Unsinn!“ erwiderte die Tante. „Das ist nun mal unser Los. Meine sieben Männer haben ebenso gesprochen, und nicht einer von ihnen hat seine Versprechungen gehalten. Aber entzückend waren sie doch. Nur nicht so grün im Nacken wie der hier. Er ist wunderschön. Ich bin nahe daran, mich selbst in ihn zu verlieben.“

„Wann reisen wir?“ fragte das Eidergansfräulein.

„Morgen früh, Geliebte, wenn wir günstigen Wind haben,“ erwiderte der Bräutigam.

„Ich reise mit,“ sagte die Tante. „Erstens ist es passend so. Und dann ist es so hübsch, solch junges Glück mitanzusehen.“

Am nächsten Morgen reisten sie fort.

Es war noch dunkel, als die Abreise der Vögel begann. Tausende von Eidergänsen flogen in Scharen und Schwärmen, und immer neue Tausende kamen von allen Himmelsgegenden hinzu. Die Möwe und der Sperling erwachten von dem Gepiep und Gesang in der Luft.

„Nach Norden zu ziehen in so einer Kälte!“ rief der Sperling zitternd. „Es friert ärger als je.“

„Es ist Frühling in der Luft, wenn man liebt,“ sagte die Möwe.

Tag und Nacht hindurch reisten die Eidergänse nach Norden.

Es waren so viele Vögel, daß sie sich gar nicht untereinander auskannten; und je mehr Zeit verging und je näher sie dem Ziele kamen, desto mehr wuchs ihre Sehnsucht; und sie flogen, wie wenn ihnen die Flügel brannten. Die Tante wich nicht von der Seite der beiden jungen Liebesleute und war ebenso flink im Fliegen wie sie und so glücklich, als ob sie selbst zum achtenmal heiraten sollte.

Endlich erreichten sie dann die Färöerinseln, ihre Heimat.

Sie schrien und kreischten vor Freude, als sie die hohen Felsen aus dem Meere aufsteigen sahen, und die Flügel bekamen neue Kraft, so müde sie von dem langen Fluge auch waren. Sie stürzten sich auf die Klippen wie auf eine Beute, und bald war kaum ein Fleck vorhanden, wo nicht ein glücklicher Vogel saß und mit den Flügeln um sich schlug und aufschrie.

„Nun will ich euch ein gutes Brutplätzchen zeigen,“ sagte die Tante zu den beiden Jungen, die dasaßen und sich verliebt ansahen. „Kommt mit mir auf die andere Seite des Felsens.“

Da flogen sie mit ihr und kamen zu einer Stelle, wo der Mann, dem der Felsen gehörte, kleine Holzhäuser für die Vögel angebracht hatte. Es war gerade noch eines von ihnen frei, und das nahm der Bräutigam sofort in Besitz.

„Hier drinnen kannst du wirklich schön warm und gut auf unseren Eiern liegen, Geliebte,“ sagte er.

„Ja... und du,“ antwortete sie. „Du weißt doch, du versprachst mir, mir die Hälfte der Arbeit abzunehmen.“

„Ob ich es weiß,“ sagte er und küßte sie.

„Gott, wie entzückend ist das,“ rief die Tante.

„Übrigens mag ich gar nicht in der ekelhaften Kiste wohnen,“ sagte die Braut. „Ich hab’ mich so unbändig darauf gefreut, daß wir beiden Tang und Stroh und Heidekraut zusammenschleppen würden, so wie du es mir von dir und deiner vorigen Frau erzähltest. Und so will ich es auch haben.“

„Sei doch nur ruhig, liebes Kind,“ sagte er. „Wir werden natürlich die Kiste ein wenig ausfüttern müssen, aber wir wollen nur froh sein, daß ein Anfang da ist. Denk daran, wir haben ein langes Leben voller Arbeit und Glück vor uns, und wir wollen uns nicht überanstrengen.“

„Gott, wie er lügt,“ sagte die Tante und hob ihre Augen gen Himmel. „Aber wie schön hört es sich an!“

„Was sagst du?“ fragte das Fräulein.

„Ich sage, dein Bräutigam hat den wundervollsten grünen Nacken auf den Färöern,“ sagte die Tante. „Ich hätte Lust, hineinzubeißen. Aber jetzt will ich euch eurem Glücke überlassen.“

Dann flog sie schnatternd über den Felsen hernieder und plätscherte mit den anderen im Wasser. Die beiden Jungen machten sich nun daran, die Kiste mit allem, was sie auftreiben konnten, auszufüttern. Danach fand die Hochzeit statt in Herrlichkeit und Freuden, und viele Tausende von jungen Eidergänsen heirateten an demselben Tage.

„Gott behüte, wie lieblich ist es doch mit der Jugend,“ sagte die Tante, die mit einer Schar anderer alter Damen herumtrippelte und Hochzeitsvisiten machte.

Den jungen Leuten ging es gut, und sie waren sehr glücklich. Aber als die junge Frau ihr erstes Ei ins Nest gelegt hatte, gab es einen Wortwechsel.

Er wollte sie bestimmen, einen kleinen Ausflug mit ihm zu machen, als das Ei schon dalag; und sie hatte auch an und für sich nichts dagegen, obschon ihr schien, daß er sich ein wenig mehr über das schöne graugrüne Ei hätte freuen können.

„Ich spare meine Gefühle,“ sagte er. „So ziemt es sich für einen Mann. Komm nun.“

Doch da sagte sie, daß nicht die Rede davon sein könne, das Ei so offen liegen zu lassen. Sie müßten es mit etwas zudecken. Und sie rupfte sich ein paar feine Dunen unter dem Flügel aus und legte sie über das Ei. Aber als sie ihn bat, dasselbe zu tun, da schüttelte er entschieden den Kopf.

„Ich spare meine Federn,“ sagte er. „Du mußt noch vier Eier legen; und wenn du keine Federn mehr hast, so fange ich an. Dann will ich mich unseren Kindern zuliebe ganz kahl rupfen, wenn es sein muß.“

„Du himmlischer Vater, wie er dichtet!“ rief die Tante, die ein wenig abseits stand und das ganze mitanhörte. „Ich kenne es von meinen eigenen Männern. Sie sprechen kein wahres Wort; aber es erwärmt doch ein altes Herz, so etwas mitanzuhören.“

Die junge Frau begleitete nun ihren Mann zum Strande hinunter, wo eine beängstigende Lustigkeit herrschte.

Da waren alle Männer mit ihren Frauen und alle die alten Herren und Damen, die kein Nest mehr hatten. Sie tauchten und schwatzten und erzählten sich spaßige Geschichten. Die junge Frau hielt sich mehr für sich oder sprach mit den anderen jungen Frauen, die alle ein bißchen feierlich gestimmt waren. Und schon bald merkte sie, daß sie noch ein Ei legen sollte.

„Lieber Mann,“ sagte sie. „Komm, laß uns nach Hause gehen. Nun ist da wieder ein Ei.“

„Solch ein Unglück!“ sagte der Gemahl, der mitten in einer Quadrille mit ein paar jungen Mädchen vom vorigen Sommer war, die noch nicht ans Heiraten dachten.

Aber er folgte ihr doch zum Neste hinauf, und das Ei wurde gelegt. Sie rupfte sich noch mehr Dunen aus, er sprach schöne und bewegte Worte zu ihr; und dann mischten sie sich wieder unter das Leben draußen; denn er konnte nun einmal nicht zu Hause beim Neste bleiben.

Kaum waren sie jedoch auf halbem Wege, als die junge Frau spürte, daß es wieder schlecht ablief; und sie sagte es ihm.

„Dann mußt du lieber oben beim Neste bleiben,“ sagte er verdrießlich. „Dieses Umherrennen hier ist nicht sehr angenehm für mich und schädlich für die Gesundheit der Kinder.“

„Bleibst du denn bei mir?“ fragte sie.

„Ich werde nach dir sehen, sooft es mir möglich ist,“ sagte er.

„Wie? So hältst du deine Versprechungen mir gegenüber?“ rief sie und weinte kläglich.

„Liebstes Frauchen!“ tröstete er. „Ich kann dir ja doch nicht im geringsten behilflich sein beim Eierlegen. Meine Arbeit für unsere geliebten Kinder und für dich fängt erst an, wenn alle Eier gelegt sind und du ans Brüten kommst. Und dann natürlich später, wenn die lieben kleinen Geschöpfe auskriechen und gefüttert werden und lernen sollen, sich in der Welt zu benehmen. Für die Zeit sammle ich Kräfte, weißt du. Und dann lege ich mich auf die Eier, während du fröhliche Ausflüge machst und da unten mit den anderen spielst.“

„Hat man je so etwas gehört!“ rief die Tante. „Wie schön er zu sprechen weiß. Da hast du wirklich einen entzückenden Mann erwischt.“

Die junge Frau kehrte allein zum Neste zurück und legte das dritte Ei. Die Tante aber flog inzwischen mit dem Herrn Gemahl unten am Strande umher.

„Ich werde schon auf ihn aufpassen, du kannst ganz ruhig sein,“ hatte sie ihrer Nichte zugeflüstert.

Und dann kam das vierte Ei an die Reihe, und dann das fünfte.

Die Wöchnerin hatte sich alle Federn ausgerupft, die sie meinte entbehren zu können; und sie lagen wie ein schöner mausgrauer Wall um die Eier herum. Sie selbst aber lag über dem Ganzen und brütete und brütete. Im Anfang ging sie von Zeit zu Zeit zum Klippenrande hin und guckte zum Strande hinunter, wo der Mann sich mit den anderen Herren und den Damen, die keine Eier zu versorgen hatten, tummelte. Aber sie tat es seltener und seltener. Sie machte sich nichts mehr aus dem Essen und magerte ab; aber sie brütete und brütete unermüdlich. Die Tante kam täglich und hielt ein Plauderstündchen mit ihr.

Eines Tages kam auch ihr Mann und setzte sich ans Nest. Flott sah er aus mit seinem grünen Nacken und seinen glänzenden Augen.

„Na, wie geht es?“ fragte er.

„Ich verachte dich. Geh deiner Wege und laß dich nicht mehr vor mir sehen. Du hast mich mit den schönsten Versprechungen betört, und nicht eine davon hast du gehalten. Ich selbst habe mir alle die Dunen ausgerupft, die ich brauche. Tagaus, tagein liege ich hier allein, während du dich mit dem losen Pack unten am Strande vergnügst. Und keinen Bissen Essen hast du mir gebracht.“

„Tja—a,“ sagte er und scharrte mit seinen feinen, gelben Füßen in der Erde. „Ich würde dir gern hin und wieder eine kleine Muschel bringen, wenn dir das Freude macht. Aber nimm es doch nicht so tragisch. Glaubst du, ein Mann wägt seine Worte in der Verlobungszeit ab?“

„Pack’ dich!“ schrie sie. „Ich wünsche nicht, daß meine Kinder ihren unnatürlichen Vater zu sehen bekommen.“

„Na, mir liegt wirklich auch nichts daran, die kahlen Kleinen zu sehen. Und du bist wahrlich auch nicht mehr schön. So mager wie du bist und so voller kahler Flecke. Du bist gar nicht mehr das schöne Mädchen, in das ich mich verliebt hatte.“

Da wollte sie aus dem Neste auffahren und ihn Mores lehren, aber sie blieb wie angenagelt liegen und starrte auf einen Menschen, der den Kopf über den Rand des Felsens steckte. Ihr Gemahl flüchtete mit einem lauten Schrei und die Tante desgleichen. Aber der Mann kümmerte sich gar nicht um sie. Er kletterte ganz auf den Felsen hinauf und setzte einen großen Korb, den er bei sich hatte, neben das Nest.

„So ein wunderschönes Nest,“ sagte er. „Da sind ja Dunen für ein ganzes kleines Kissen.“

„Was willst du von mir?“ fragte die Eidergans.

„Ich will dir nichts Böses tun. Das wäre dumm von mir, wenn ich dir ein Leid antäte; ich selbst habe ja das Häuschen für dich aufgestellt. Ich will nur die Dunen aus deinem Neste haben.“

„Niemals!“ schrie die Eidergans und breitete die Flügel aus und klemmte sich so fest über dem Neste ein, wie sie nur konnte. „Was soll ich denn mit meinen Jungen anfangen?“

„Du kannst ja noch mehr Dunen aus deiner wundervollen Brust zupfen, Freundchen,“ sagte der Mann freundlich. „Geh weg und laß mich ohne Firlefanzen heran. Ich bin doch der stärkere, und das Nest gehört mir.“

Aber die junge Eidergans rührte sich nicht vom Fleck. Sie hackte mit dem Schnabel nach seinen Händen und schrie:

„Geh an den Strand und nimm meinen Mann und rupf ihm alle Dunen aus! Er verdient es wirklich nicht besser. Aber meine Dunen mußt du mir lassen.“

„Schwatz’ du nur, mein Putchen!“ sagte der Mann. „Die besten Dunen sind die, die eine Mutter sich aus der Brust rupft. Das wissen wir wohl. Und haben deine Jungen darunter zu leiden, so kommt es anderen Jungen zugute... kleinen Menschenkindern, deren Eltern die Mittel haben, ein ganz weiches Kissen zu kaufen.“

„Warte wenigstens, bis meine Kinder ausgekrochen sind!“ schrie die Eidergans verzweifelt.

„Ja gewiß!“ spottete der Mann. „Ich soll dich liegen und die Dunen besudeln lassen? Weg mit dir, und zwar geschwind!“

Er puffte sie aus dem Nest, nahm alle Dunen, legte sie in seinen Korb und ging weiter mit den Worten:

„Rupf’ dir nur mehr aus, wenn es für deine Jungen nötig ist. Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder!“

Die Eidergans flog an den Rand des Felsens und sah hinunter.

Da unten tummelten sich lustig die Eidervögel. Sie konnte deutlich ihren Mann und die Tante sehen, die sich ergötzten, wie wenn das Leben nur zum Vergnügen da sei. Und alle anderen machten es ebenso; keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon, daß hier oben ein Mann umherging und alle Nester der kostbaren Dunen beraubte.

„Komm herauf und rupf dich!“ schrie sie. „Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du deine Versprechungen einlösen kannst. Deine Eier liegen offen und kalt da, während du dich da unten vergnügst, du Elender.“

Aber ihre Stimme verhallte in dem Lärm, den der Sturmwind und die Brandung erzeugten. Niemand hörte ihren Schrei, und niemand sah ihre Verzweiflung. Da fiel es ihr ein, daß die Eier wirklich kalt wurden, während sie so dastand; und darum machte sie, daß sie zum Neste zurückkam.

Ein Ei fing schon an, entzweizugehen... Nun guckte ein winziges Schnäbelchen aus dem Loche in der Schale. Gleich war sie dabei, dem Gänschen beim Ausschlüpfen zu helfen. Einen Augenblick stand sie da und betrachtete es, so entzückend war es. Dann zupfte sie sich wie eine Rasende die letzten Dunen von der Brust und dem Bauche und stopfte sie darauf. Sie klagte nicht mehr, sondern dachte nur daran, ihren Kindern wieder ein warmes Nest zu schaffen.

Ein paar Tage darauf waren alle fünf Jungen ausgeschlüpft.

Die junge Mutter sah mit Stolz, wie prächtig sie waren. Sie streckten schon ihre Beine aus, die zwischen den Zehen wunderschöne Schwimmhäute hatten, gähnten, lüfteten die kleinen Flügel und schnatterten sogar ein klein wenig.

„Ihr sollt gleich an den Strand hinunter,“ sagte sie. „Ich bin überzeugt, auf dem ganzen Felsen hier gibt es keine schöneren Kinder. Aber trefft ihr euren gottvergessenen Vater, so seht nach der anderen Seite!“

Dann fing sie an, den Felsen hinabzusteigen, und die fünf Jungen folgten ihr so flink, daß es ein Vergnügen war, es anzusehen. Auf halbem Wege traf sie die Tante.

„Ich wollte gerade hinauf, um nach dir zu sehen,“ sagte die alte Dame. „Nein, was für fünf reizende Kinderchen du hast!“

„Ja — nicht wahr?“ sagte die Mutter und vergaß über diesem Lob ganz ihr Leid.

„Laß mich eins an mich nehmen, damit ich mit ihm herumspazieren kann,“ bat die Tante.

„Niemals!“ sagte die Mutter streng. „Ich weiß wohl, was du für ein Herumtreiber bist, liebe Tante. Meine Kinder gehören mir und keinem anderen, und sie bleiben bei mir.“

In diesem Augenblick fiel ein Schuß von oben her.

Es war ein dummer Schuß, den ein dummer Junge aufs Geratewohl abgefeuert hatte, weil er mit seines Vaters Flinte großtun wollte. Aber die Flinte war geladen, die Schrotkörner schlugen rings umher ein, und die Eidergansmutter fiel mit einem Schrei zu Boden.

„Meine Jungen! Meine Jungen!“ stöhnte sie.

„Denen geht es gut, allen fünfen,“ sagte die Tante. „Sei nur unbesorgt. Aber was ist dir?“

„Ich sterbe,“ ächzte die Mutter. „Ich bin ganz voller Schrotkörner und spüre deutlich, daß ich sterben muß. Ach, meine Kinder, meine Kinder!“

„Ihretwegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen,“ sagte die Tante. „Ich werde ihnen eine zweite Mutter sein und so gut für sie sorgen, als ob es meine eigenen Kinder wären.“

„Ach, Tante,“ rief die junge Mutter mit schwacher Stimme. „Du bist so furchtbar leichtsinnig. Ich habe ja selbst da oben gesessen und gesehen, wie du dich zwischen den Mannsleuten und den jungen Mädchen unten umhergetummelt und mit ihnen gescherzt hast. Wie könnte eine Mutter dir ihre Kinder anvertrauen?“

„Du irrst dich,“ sagte die Tante. „Wenn man Kinder hat, ist das anders. Leg’ du dich nur ganz ruhig hin und stirb.“

Und das tat die Eidergans auch.

Sie fiel um und konnte gerade noch einmal einen Blick auf ihre Jungen werfen. Aber die Tante wartete nicht einmal, bis sie ganz tot war. Sie vergaß alles, nur nicht, daß sie plötzlich fünf prächtige Kinderchen bekommen hatte, und machte sich auf der Stelle mit ihnen auf die Wanderung an den Strand. Sie wußte den kürzesten Weg, denn sie war ihn ja schon siebenmal mit ihren Jungen gegangen. Sie erleichterte den Kleinen den Weg und streichelte sie mit dem Schnabel und lobte und schalt sie, je nachdem sie es verdienten.

Als die Mutter ihre Augen schloß, waren ihre Kinder schon unten am Strande.

Rasch schwammen sie hinaus und begannen sofort zu tauchen, so daß es eine Lust war, es anzusehen. Die Tante bewachte sie und war vor Stolz ganz aus dem Häuschen. Ein alter Kavalier kam zu ihr hin und wollte sie zu einer Tour aufs Meer auffordern; aber sie versetzte ihm einen ordentlichen Hieb mit dem Schnabel.