Anmerkungen zur Transkription
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Der Zweifüßler
und andere Geschichten
Naturgeschichtliche Märchen
von
Karl Ewald
Zweiter Band der autorisierten
deutschen Gesamtausgabe von
Hermann Kiy
Mit acht Tafeln und zahlreichen
Abbildungen von Willy Planck
Dreiundzwanzigste Auflage
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
1922
Alle Rechte vorbehalten.
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & Co. STUTTGART
Inhalt
| Seite | |
| Der Zweifüßler | [5] |
| Libelle und Seerose | [96] |
| Das Ding in viererlei Gestalt | [105] |
| Das Unkraut | [126] |
| Die Unsichtbaren | [136] |
| Der Kuckuck | [163] |
| Der Seestern | [184] |
| Die Buche und die Eiche | [198] |
| Der Ameisenhügel | [211] |
| Die Korallen | [237] |
| Eine unglaubliche Geschichte | [254] |
| Der Wind | [269] |
| Der gute Mann | [280] |
Der Zweifüßler.
Erstes Kapitel: Die alten Tiere.
Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, in den warmen Ländern, wo die Sonne stärker scheint als bei uns, der Regen dichter fällt und alle Pflanzen und Tiere besser gedeihen, weil der Winter ihnen nichts anhaben kann.
Der Wald war voller Leben und Lärm.
Die Fliegen summten, der Sperling fraß die Fliegen und der Habicht fraß den Sperling. Die Bienen krochen in die Blütenkelche hinein, um Honig zu suchen, der Löwe brüllte und die Vögel sangen; der Bach rieselte und das Gras wuchs. Die Bäume rauschten, während ihre Wurzeln Saft aus der Erde sogen, und die Blumen dufteten und strahlten.
Da auf einmal ward es seltsam still.
Es war, als hielten alle den Atem an und lauschten und starrten. Die Bäume rauschten nicht mehr. Das Veilchen erwachte aus seinen Träumen und guckte verwundert auf. Der Löwe wandte sein Haupt und blieb stehen, die eine Pfote vom Erdboden erhoben. Der Hirsch hörte auf zu äsen, der Adler ruhte hoch in der Luft auf seinen Schwingen aus, die kleine Maus kam aus ihrem Loch hervor und spitzte die Ohren.
Durch den Wald kamen zwei gegangen, die den andern Wesen nicht glichen, und die noch niemand je gesehen hatte.
Aufrecht gingen sie. Ihre Stirn war hoch, ihr Auge stark. Sie hielten einander bei der Hand und sahen sich um, als wüßten sie nicht, wo sie wären.
„Wer in aller Welt ist das?“ fragte der Löwe.
„Das sind Tiere,“ entgegnete der Hirsch. „Sie können gehen, aber sie gehen wunderlich. Warum springen sie nicht auf allen vieren, da sie doch vier Beine haben? Dann kämen sie schneller vorwärts.“
„O,“ wendete die Schlange ein, „ich habe gar keine Beine und komme doch recht gut vom Fleck, sollte ich meinen.“
„Ich glaube nicht, daß es Tiere sind,“ sagte die Nachtigall. „Sie haben ja keine Federn und keine Haare, außer dem bißchen auf dem Kopfe.“
„Schuppen würden wohl auch genügen,“ rief der Hecht, indem er das Maul aus dem Flusse hob.
„Manch einer muß sich mit der nackten Haut zurechtfinden,“ bemerkte der Regenwurm still.
„Sie haben keinen Schwanz,“ piepste die Maus. „Es sind nie im Leben Tiere gewesen.“
„Auch ich habe keinen Schwanz,“ schrie die Kröte, „und doch wird wohl niemand bestreiten wollen, daß ich ein Tier bin.“
„Seht... seht doch bloß!“ rief da der Löwe. „Jetzt nimmt der eine von ihnen einen Stein in die Vorderpfote... das könnte ich nicht.“
„Aber ich!“ sagte der Orang-Utan. „Das ist doch keine Kunst. Übrigens kann ich eure Neugier befriedigen. Die beiden sind wirklich Tiere. Es ist Mann und Weib. Sie heißen Zweifüßler und sind entfernte Verwandte von mir.“
„So so!“ brummte der Löwe. „Wie kommt es denn, daß sie keinen Pelz haben?“
„Den haben sie wohl ausgezogen,“ meinte der Orang-Utan.
Der Löwe aber fragte weiter: „Warum gehst du denn nicht hin und sagst ihnen guten Tag?“
„Ich kenne sie ja gar nicht,“ erwiderte der Orang-Utan. „Und ich mache mir auch gar nichts daraus, mit ihnen zu verkehren. Ich habe nur von ihnen erzählen hören... sie gehören einer sehr armseligen, heruntergekommenen Affenart an, versteht ihr. Ich will ihnen ja gerne gelegentlich eine Apfelsine zustecken, aber ich übernehme durchaus keine Verantwortung für sie.“
„Sie sehen ganz appetitlich aus,“ sagte der Löwe. „Ich hätte wohl Lust, einmal zu versuchen, wie sie schmecken!“
„Das kannst du ja tun,“ meinte der Orang-Utan. „Sie werden der Familie doch niemals Ehre machen, und sie werden noch einmal ein schlimmes Ende nehmen.“
Da ging der Löwe auf die beiden zu; aber als er vor ihnen stand, verlor er plötzlich den Mut. Er verstand die Sache selbst nicht, denn er hatte ja sonst vor nichts im Walde Angst. Aber die beiden neuen Tiere hatten so seltsame Augen und wandelten so frohen Mutes dahin, daß der Löwe dachte, sie müßten über irgendeine geheime Macht gebieten, die er nicht sehen könnte. Ihre Zähne taugten nicht viel, und ihre Krallen waren nicht der Rede wert. Aber ein Geheimnis mußte ja an ihnen sein.
Mit gesenktem Kopf wich er ihnen aus.
„Warum hast du sie nicht gefressen?“ fragte die Löwin.
„Ich hatte keinen Hunger,“ war die Antwort des Löwen.
Dann legte er sich im hohen Grase zur Ruhe und tat so, als dächte er gar nicht mehr an die beiden. Und da er der vornehmste war, so folgten die andern Tiere seinem Beispiel. Trotzdem interessierten sie sich alle ungemein für die neuen Tiere.
Inzwischen wanderten der Zweifüßler und sein Weib weiter; und im Wandern erstaunten sie mehr und mehr über die Schönheit der Welt. Dabei hatten sie gar keine Ahnung davon, wieviel Aufsehen sie erregten, und sahen nicht, wie die Tiere heimlich ihren Spuren folgten. Aber wohin sie auch kamen, überall steckten die Bäume die Köpfe zusammen und flüsterten; die Vögel begleiteten sie über ihren Köpfen durch die Luft, und aus jedem Strauch starrten verwunderte Augen sie an.
„Hier wollen wir wohnen,“ rief der Zweifüßler aus und zeigte auf eine wunderschöne kleine Wiese, wo ein lieblicher Fluß zwischen Blumen und Gräsern dahinfloß.
„Nein — hier!“ jauchzte sein Weib und lief in den benachbarten Wald, dessen Bäume kühlen Schatten spendeten und dessen Boden mit dichtem, weichem Moose bedeckt war.
„Wie seltsam ihre Stimmen klingen!“ flötete bewundernd die Nachtigall. „Sie haben mehr Töne als ich.“
„Wenn sie nicht so groß wären, würde ich ihnen empfehlen, neben mir im Schilfe ihr Nest zu bauen,“ sagte der Rohrsänger.
Die beiden neuen Tiere gingen weiter und fanden immer neue Stellen, von denen die eine ihnen noch schöner erschien als die andere, so daß sie zu keinem Entschlusse kamen, wo sie bleiben sollten. Da begegneten sie dem Hunde, der stark hinkte, weil er sich die Pfote an einem scharfen Stein verletzt hatte. Er wollte ihnen aus dem Wege laufen, konnte aber nicht. Frau Zweifüßler hielt ihn fest und betrachtete seine Wunde.
„Ich werd’ dir helfen, du Ärmster!“ tröstete sie. „Wart’ nur ein wenig.... Neulich hab’ ich mir selber den Fuß verletzt und mit Blättern geheilt.“
Der Hund merkte, daß sie nichts Böses mit ihm vorhatte. Darum blieb er ruhig stehen, während sie ins Gebüsch lief, um Blätter zu holen. Inzwischen streichelte der Zweifüßler seinen Rücken und sprach ihm freundlich zu. Nach einer Weile kam sie mit Blättern zurück, legte sie auf die Pfote und band eine Ranke darum:
„Jetzt spring weiter! Morgen bist du gesund.“
Nun setzten die beiden ihre Wanderung fort, während der Hund stehenblieb, ihnen nachschaute und mit dem Schwanze wedelte. Da kamen die andern Tiere aus Gehölz und Gebüsch hervor.
„Du hast mit den Fremdlingen gesprochen.... Was haben sie gesagt?“ fragten sie im Chore.
„Sie sind besser als die andern Tiere im Walde,“ entgegnete der Hund. „Sie haben meine Pfote geheilt und mir das Fell gestreichelt. Ich werd’s ihnen nicht vergessen.“
„Sie haben ihm die Pfote geheilt... sie haben ihm das Fell gestreichelt...“
Von Mund zu Mund ging die Kunde durch den Wald. Die Bäume flüsterten es einander zu, die Blumen seufzten und nickten, die Eidechsen waren wie immer flinke Geschichtenträger, und die Nachtigall machte Verse daraus.
Die neuen Tiere aber gingen weiter und dachten gar nicht mehr an den Hund.
Schließlich wurden sie müde und setzten sich an einer Quelle nieder. Sie beugten sich über das rinnende Wasser, tranken und lachten ihrem eigenen Spiegelbilde zu. Und dann brachen sie saftige Früchte von den Bäumen und aßen sie. Als die Sonne unterging, legten sie sich im Grase zur Ruhe und schliefen ein, einander mit den Armen umschlungen haltend. Nicht weit von ihnen lag, den Kopf auf den Vorderpfoten, der Hund, der ihnen unbemerkt gefolgt war, und schaute zu ihnen hinüber.
Der Mond schien rund und hell auf sie hinab. Er schien auch in das große, erstaunte Gesicht des Rindes hinein, das vor ihnen stand.
„Buh!“ brummte das Rind.
„Böh!“ höhnte der Mond. „Was gaffst du denn da?“
„Ich sehe mir die beiden an, die da schlafen,“ erwiderte das Rind. „Kennst du sie?“
„Mich dünkt, vor vielen, vielen Jahren ist auch auf mir so etwas herumgekrochen,“ sagte der Mond. „Aber ich weiß es nicht mehr ganz genau. Mein Gedächtnis hat in den letzten hunderttausend Jahren ungemein abgenommen. Ich kann gerade noch die Gedanken für meine Himmelstour zusammenhalten.“
„Ja, mit meinem Denken ist es auch nicht weit her. Aber ich habe Angst.“
„Vor den beiden da?“ fragte der Mond.
„Ich vermag es nicht zu erklären. Aber ich kann sie nicht leiden.“
„Dann tritt sie doch tot!“
„Das wag’ ich nicht,“ sagte das Rind. „Nicht allein. Aber vielleicht finde ich jemand, der mir hilft.“
„Mach, was du willst!“ rief der Mond. „Mir ist das alles gleichgültig.“
Mit diesen Worten segelte er von dannen. Das Rind aber käute wieder und dachte nach, ohne zu einem Resultat zu gelangen.
„Schlafen Sie?“ fragte das Schaf, dessen langes Gesicht neben dem Rinde auftauchte.
Und plötzlich war die ganze Wiese lebendig.
Da waren alle die Tiere, die den beiden auf ihrer Wanderung gefolgt waren. Sowohl die, die am Tage schliefen und in der Nacht jagten, als die, die ihrer Arbeit nachgingen, während die Sonne schien. Niemand dachte mehr an Tätigkeit oder Ruhe. Und niemand dachte daran, dem andern ein Leid zuzufügen. Löwe und Hirsch, Wolf und Schaf, Katze und Maus, Pferd, Rind und viele andere standen Seite an Seite im Grase. Der Adler saß im Wipfel eines Baumes mitten zwischen all den kleinen Vögeln des Waldes. Der Orang-Utan hatte es sich auf einem der untersten Zweige bequem gemacht und verzehrte eine Apfelsine. Das Huhn stand auf einer Anhöhe neben dem Fuchs; die Ente und die Gans schwammen auf dem Flusse und reckten den Hals.
„Laßt uns beraten, da wir gerade alle hier beisammen sind!“ schlug der Löwe vor.
„Bist du satt?“ fragte das Rind.
„Gewiß, ich bin gesättigt,“ erwiderte der Löwe. „Heut nacht halten wir Frieden und Freundschaft.“
„Dann schlage ich vor, daß wir sofort und ohne weiteres die beiden fremden Tiere erschlagen,“ brüllte das Rind.
„Was ist denn in dich gefahren?“ rief da der Löwe. „Du bist doch sonst so ein verträglicher Bursche, gehst auf die Weide und tust keiner Katze etwas. Wie kommt es, daß du plötzlich so blutdürstig geworden bist?“
„Ich kann es mir auch nicht erklären,“ entgegnete das Rind. „Aber ich habe das bestimmte Gefühl, daß wir sie möglichst schnell erschlagen sollten. Sie werden uns Unglück bringen. Sie sind böse. Ihr sollt sehen: wenn ihr meinen Rat nicht befolgt, so werdet ihr es noch einmal bereuen.“
Nun mischte sich auch das Pferd ins Gespräch:
„Ich stimme dem Rinde bei. Beißt sie tot, tretet sie tot! Je eher, desto besser!“
„Schlagt sie tot! Schlagt sie tot!“ riefen das Schaf, die Ziege und der Hirsch, die Ente, die Gans und das Huhn.
„Wie sonderbar,“ sagte der Löwe und sah sich erstaunt um. „Die friedlichsten und feigsten Tiere wollen den Fremden zu Leibe. Was haben sie euch getan? Warum fürchtet ihr euch vor ihnen?“
„Ja, erklären kann ich es ebensowenig wie das Rind,“ meinte das Pferd. „Aber ich habe das Gefühl, daß die beiden Wesen uns gefährlich sind. In meinen Lenden und Beinen zuckt es und reißt es.“
Und das Rind fiel ein: „Mir ist es, als würde mir die Haut abgezogen, wenn ich an die beiden denke. Es bohren sich Zähne in mein Fleisch.“
„Mich friert, als würde mir alle meine Wolle abgeschoren,“ schrie das Schaf.
„Mir ist zumute, als würde ich auf dem Feuer gebraten und gegessen,“ rief die Gans.
„Mir auch!“ „Mir auch!“ riefen die Ente und das Huhn.
„Höchst seltsam!“ philosophierte der Löwe. „Ich habe noch nie dergleichen gehört und verstehe eure Empfindungen nicht. Was können die Fremden euch anhaben? Nackt gehen sie umher, verzehren einen Apfel, eine Apfelsine und tun nichts Böses. Auf zwei armseligen Beinen wandeln sie dahin, während ihr vier habt, so daß ihr vor ihnen fortlaufen könnt. Außerdem habt ihr ja Hörner, Klauen und Zähne. Wovor fürchtet ihr euch also?“
„Du wirst deine Worte noch einmal bereuen,“ prophezeite das Rind. „Die neuen Tiere werden uns alle verderben. Dir droht ebenso Gefahr wie uns.“
„Ich weiß von keiner Gefahr und kenne keine Furcht,“ erklärte der Löwe stolz. „Aber ist denn wirklich nicht einer unter euch, der die beiden Fremden in Schutz nimmt?“
Da beeilte sich der Orang-Utan zu versichern: „Wenn sie nicht mit zu meiner Familie gehörten, würde ich das recht gerne tun. Aber es macht keinen guten Eindruck, wenn man die eigene Sippe herausstreicht. Laßt sie gehen, bis sie verkommen! Sie sind ganz unschädlich.“
„Dann will wenigstens ich etwas Gutes von ihnen sagen,“ begann nun der Hund. „Meine Pfote ist schon fast geheilt; und ich glaube, sie sind klüger als ihr alle zusammen. Nie und nimmer werd’ ich ihnen vergessen, was sie an mir getan haben.“
„Das ist recht, Vetter,“ sagte der Löwe. „Du bist ein tüchtiger Bursche; und man merkt, daß du aus guter Familie stammst. Ich glaube nicht, daß diese Zweifüßler gefährlich sind; und ich beabsichtige auch nicht, ihnen etwas zu leide zu tun. Herrgott... treffe ich sie eines Tages, wenn ich hungrig bin, dann fresse ich sie natürlich. Das ist eine Sache für sich. Der Hunger ist nun mal unser Herr. Aber heut nacht bin ich satt. Darum geh’ ich jetzt schlafen. Gute Nacht allerseits!“
Nun sagte niemand mehr etwas. Still, wie sie gekommen, entfernten sich die Tiere. Die Nacht verstrich, und im Osten dämmerte der Tag.
Da kamen plötzlich das Rind, das Pferd, das Schaf und die Ziege über die Wiese herangaloppiert. Hinter ihnen watschelten die Ente, die Gans und das Huhn, so gut sie folgen konnten. Das Rind war an der Spitze. Mit gesenkten Hörnern stürmte es auf die Stelle zu, wo die Fremden schliefen.
Aber im selben Augenblick sprang der Hund auf und bellte rasend. Die beiden Schlafenden erwachten und richteten sich auf. Und wie sie so dastanden, groß und aufrecht, mit ihren weißen Gliedern und starken Augen, und die Sonne sie beschien, da erschraken die alten Tiere und liefen dahin zurück, von wo sie gekommen.
„Durch den Wald kamen zwei gegangen, die den andern Wesen nicht glichen...“
„Schönen Dank, Freund!“ sagte der Zweifüßler zum Hunde, indem er ihn streichelte.
Sein Weib untersuchte die kranke Pfote und plauderte mit ihrer wohlklingenden Stimme mit dem Tier. Da leckte der Hund den beiden froh die Hände.
Nun badeten die neuen Tiere im Flusse. Und dann kletterte der Zweifüßler auf einen Apfelbaum, der in der Nähe stand, um sich und seinem Weibe ein paar Früchte zum Frühstück zu holen.
Auf dem Baum saß der Orang-Utan und nagte an einem Apfel.
„Fort mit dir!“ drohte der Zweifüßler. „Dieser Baum hier gehört mir, daß du’s weißt! Wage nicht, auch nur einen Apfel anzurühren!“
„Du himmlische Güte!“ sagte der Orang-Utan. „In was für einem Tone sprichst du denn? Obendrein zu mir, der ich dich heute nacht noch in Schutz genommen habe, während alle anderen Tiere erklärten, dich erschlagen zu wollen.“
„Fort mit dir, du garstiger Affe!“ rief der Zweifüßler. Er brach einen Zweig ab und gab dem Orang-Utan ein paar gehörige Schläge, so daß dieser heulend in den Wald entfloh.
Zweites Kapitel: Familienzuwachs.
Die Tage verstrichen.
Im Walde war alles emsig und fleißig, unten am Boden wie oben in der Luft. Die Weibchen hatten Eier oder Junge, und die Männchen konnten der Familie nicht genug Futter verschaffen. Jeder ging seinen eigenen Geschäften nach, und niemand dachte an den Nachbar, falls man nicht gerade vorhatte, ihn aufzufressen.
Die neuen Tiere hatten sich auf einer Insel im Flusse ein Haus gebaut.
Der Löwe war ihnen nämlich eines Tages am Rande des Gehölzes begegnet. Wie neulich war er ihnen zwar aus dem Wege gegangen; aber er hatte sie mit einem Blicke gestreift, bei dem der Frau des Zweifüßlers angst und bange geworden war.
„Der wird uns eines Tages auffressen wollen,“ sagte sie. „Ich wage es nicht mehr, mich auf die Wiese schlafen zu legen.“
So hatte denn der Zweifüßler die kleine Insel als Wohnort gewählt und eine Hütte aus Zweigen und Gräsern gebaut. Am Tage wateten sie durch den Bach und pflückten von den Früchten des Waldes. Des Nachts aber schliefen sie in ihrer Hütte. Die andern Tiere hatten sich allmählich alle an sie gewöhnt und sprachen nur noch selten von ihnen. Nur der Hund vergaß nie, am Morgen an das Ufer gegenüber der Insel zu laufen und seinen Morgengruß hinüberzubellen. Und außer ihm nahm noch der Orang-Utan Notiz von den beiden, indem er sie verleumdete, wo er nur konnte.
„Wer kümmert sich um so etwas?“ sagte der Hirsch. „Das ist der Familienneid.“
Eines Nachts bekamen die neuen Tiere ein Junges.
„Die Zweifüßler haben Familienzuwachs gekriegt,“ sagte der Sperling, der überall herumkam und alle Neuigkeiten kannte.
„Weiß Gott, ich muß doch einmal hinübergehen und mir das Kindchen anschauen,“ flötete Frau Nachtigall. „Meine Eier werden die fünf Minuten über wohl warm bleiben.“
„Die Füchsin ist auch schon hingelaufen. Da kann ich es wohl wagen, meine Gänschen einen Augenblick allein zu lassen,“ sagte Mutter Gans.
Unten am Bach hatte sich schon eine große Gesellschaft versammelt.
Alle Frauen hatten ihren Haushalt im Stiche gelassen, um der Frau Zweifüßler die Wochenvisite abzustatten. Die saß im Grase vor der Hütte, mit dem Kinde an der Brust. Der Zweifüßler saß neben ihr und verspeiste eine Apfelsine.
„Er ist also genau so wie alle andern Männer,“ sagte Madam Hirsch.
„Es gibt schlimmere Männer,“ klagte Frau Maulwurf. „Der meine frißt die Kinder, wenn ich nicht achtgebe.“
„Die Männer sind ein erbärmliches Gesindel,“ versicherte die Spinne. „Ich habe den meinen aufgefressen, nachdem ich die Eier gelegt hatte.“
„Verschone uns mit deinen greulichen Geschichten!“ sagte Frau Nachtigall. „Übrigens könnte der junge Vater seinem Weibe ruhig etwas vorsingen, finde ich. Mein Mann tut das wenigstens.“
„Seht das Junge... Wie süß es ist!“ rief die Rohrsängerin.
„So ein Würmchen!“ erklärte Madam Hirsch. „Es kann ja nicht einmal auf den Beinen stehen. Und der Sperling sagte doch, es sei schon gestern abend um elf Uhr geboren worden. Als mein Kalb eine Stunde alt war, sprang es bereits lustig auf der Wiese umher.“
„Was soll denn das heißen, so ein kleines Wesen auf dem Arm herumzutragen?“ tadelte das Känguruh. „Wäre es mein Junges, so dürfte es hübsch im Beutel bleiben, bis es sich zu benehmen wüßte. Aber die arme Frau hat vermutlich nicht einmal einen Beutel.“
„Sehen kann es,“ sagte die Füchsin. „Meine Kinder sind volle neun Tage blind.“
„Ihr müßt bedenken, daß es arme Leute sind,“ verkündete der Orang-Utan. „So eine Familie hat es nicht leicht, wenn sie Zuwachs bekommt. Die Polizei sollte es verbieten!“
Aber damit war Frau Nachtigall durchaus nicht einverstanden:
„Das Kind ist so lieb und nett, das sieht jede Mutter. — He, Frau Zweifüßler, Sie müssen es unbedingt mit Maden füttern. Davon wird es schön fett.“
„Sie müssen sich in der Nacht darauflegen,“ rief das Rohrsängerweibchen. „Sonst erkältet es sich.“
„Kümmern Sie sich nur nicht um das, was die andern sagen!“ rief Madam Hirsch. „Bleiben Sie ruhig bei der Milch! Die ist für das kleine Wesen gut. Und setzen Sie es ins Gras, und lassen Sie es selber laufen! Es ist das beste, wenn Sie es von klein auf an Selbständigkeit gewöhnen.“
Von allen diesen Reden und Ratschlägen hörte Frau Zweifüßler nichts. Beglückt saß sie da und betrachtete ihr Junges. Jetzt war es mit Trinken fertig und fing an zu jauchzen und mit den Ärmchen und Beinchen zu strampeln. Der Zweifüßler nahm es, hielt es hoch in die Luft und lachte es an.
„Nein, wie niedlich ist es doch!“ rief die Rohrsängerin.
„Das ist es auch,“ meinte Madam Hirsch. „Aber die Eltern sind recht eingebildet. Sie nehmen ja gar keine Notiz von uns.“
Im nächsten Augenblick jedoch rief sie zur Insel hinüber:
„Es schadet nichts, Frau Zweifüßler. Bleiben Sie ruhig bei der Milch! Wenn sie ausgeht, dann kommen Sie ruhig zu mir! Das eine Kalb ist mir neulich gestorben, darum kann ich Ihnen aushelfen.“
Dann machten sie alle, daß sie nach Hause kamen, damit die Männer nicht entdeckten, daß sie beim Kaffeeklatsch gewesen waren. —
„Ich gehe ein Weilchen fort, um ein paar Apfelsinen oder etwas ähnliches zu holen,“ sagte der Zweifüßler. „Wir haben alles gegessen, was auf den Bäumen hier in der Nähe zu finden war.“
„Spute dich nur!“ bat seine Frau. „Du weißt ja, ich mag in dieser Zeit nicht gern allein sein.“
Er durchwatete den Fluß und ging in den Wald. Nach geraumer Zeit kam er mit nur zwei kleinen, unansehnlichen Früchten zurück. Er war sehr ärgerlich darüber, und seine Frau nicht minder; denn sie war sehr hungrig. So saßen sie und berieten, ob sie nicht in der Nähe etwas Eßbares finden könnten. Denn wenn es erst Abend geworden, wagten sie die Insel nicht mehr zu verlassen.
„Gestern abend hab’ ich hier im Fluß den Fischotter gesehn,“ erzählte der Zweifüßler. „Er fing einen großen Fisch und fraß ihn. Vielleicht könnte ich es ebenso machen.“
„Versuch es einmal!“ ermunterte ihn sein Weib. „Essen muß ich ja, so viel steht fest.“
Da ging er wieder in den Fluß hinaus und ergriff mit den Händen einen großen Hecht, der ganz dicht neben ihm schwamm und an keine Gefahr glaubte. Der Hecht hatte den Zweifüßler ja schon so oft durch den Fluß waten sehen, ohne daß dieser sich im geringsten um ihn gekümmert hatte. Jetzt aber wurde der Fisch auf die Insel geworfen, wo er nun ächzend lag, nach Luft schnappte und schrie, so laut er konnte:
„He... hallo... Mord... Hilfe...“
Aber dann war er tot. Der Zweifüßler und seine Frau aßen ihn und fanden, daß er sehr gut mundete.
„Bring mir morgen wieder so einen Fisch!“ sagte sie. „Die Äpfel habe ich, offen gestanden, schon satt bekommen.“
Am nächsten Tage ging er darum wieder in den Fluß hinein. Es dauerte denn auch nicht lange, bis er einen appetitlichen Fisch fand; aber gerade als er ihn packen wollte, schnappte der Fischotter ihm die Beute vor der Nase weg.
„Willst du wohl aus meinem Flusse fort, du Diebsgesicht!“ schrie er und schlug nach ihm.
„Mich nennst du einen Dieb?“ knurrte der Fischotter und zeigte seine weißen Zähne. „Ich habe gemeint, der Fluß gehöre mir; denn ich habe hier gewohnt, bevor du kamst.“
Da sprang der Zweifüßler ans Land, holte große Steine herbei und warf sie nach dem Fischotter. Einer traf ihn auf die Schnauze, so daß er blutete. Dann versteckte er sich in seiner Höhle, während der Zweifüßler einen andern Fisch fing und seiner Frau brachte. Aber als der Fischotter im Lauf der Nacht wieder zum Vorschein kam, saß der Orang-Utan da und nickte ihm zu.
„Ich habe das Ganze mit angesehen,“ sagte er. „Oben vom Baume aus, wo ich Zeuge war, wie er den Stein gegen dich warf. Dein Blut hat das Wasser ja ganz gerötet. Auch mich hat er einmal mißhandelt. Er sagte, die Äpfel gehörten ihm, und verjagte mich mit einem Stock vom Baume. Obwohl er verwandt mit mir ist.“
„Könnte ich ihn nur treffen!“ rief der Fischotter und knirschte mit den Zähnen. „Aber ich bin zu klein.“
„Kommt Zeit, kommt Rat,“ erwiderte der Orang-Utan. „Wir werden schon mit ihm fertig werden.“
Drittes Kapitel: Blut.
Die Sonne brannte herab, und die Erde war ganz ausgedörrt.
Bäume und Sträucher ließen die Blätter hängen, und das Gras war abgesengt und gelb, so daß das Rind kaum ein grünes Büschelchen fand. Das Wasser im Flusse stand so niedrig, daß die Fische auf den Grund stießen, und der Bach war längst eingetrocknet. Die Tiere lagen im Schatten und schnappten nach Luft. An vielen Stellen starben die Blumen und Tiere. Auch dem Zweifüßler und seinem Weibe und Kinde ging es nicht gut.
So recht von Herzen vergnügt war einzig und allein die Schlange. Sie streckte sich mitten im Sonnenschein und fand das Leben herrlich.
„Scheine nur, liebe Sonne!“ rief sie. „Je mehr, desto besser. Jetzt merke ich erst, daß ich lebe.“
Aber eines Tages kam der Regen.
Und zwar war es kein Regen, gegen den man sich schützen konnte, indem man einen Schirm aufspannte, oder vor dem man in den Hausflur flüchtete, bis er vorüber war. Nein — das Wasser stürzte aus den Wolken hernieder, so daß man nicht die Hand vor Augen sehen konnte; und es regnete Tag um Tag, als ob es nie mehr aufhören wollte. Es prasselte und trommelte auf die dürren Blätter herab, so daß die Leute kein Wort verstehen konnten, wenn sie etwas zueinander sagten. Der Fluß strömte wieder dahin, der Bach erwachte aus seinem Schlafe und rauschte und sang, wie er noch nie gesungen hatte. Die Erde glich einem durstigen Munde, der trank und trank und doch nie seinen Durst löschen konnte.
Allerorten herrschte eitel Freude.
Die Bäume reckten sich und streckten sich und brachten neue Triebe hervor, und dem Boden entsproß frisches grünes Gras. Die Blumen trieben von neuem Knospen, die Frösche quakten so fröhlich, daß es im ganzen Walde zu hören war, und die Fische schlugen munter mit dem Schwanze. Der Zweifüßler saß mit seiner Familie vor der Laubhütte und freute sich mit den andern Geschöpfen.
Aber es regnete immer weiter.
Der Fluß trat über seine Ufer, und der Zweifüßler bekam schließlich Angst, daß seine Insel von den Wogen überflutet werden würde. Der Regen strömte außerdem durch das Dach der Hütte, so daß drinnen kein trockner Fleck war.
„Das Kind friert,“ jammerte sein Weib.
Da beschlossen sie, die Insel zu verlassen; mit großer Mühe gelangten sie über den Fluß hinüber. Sie durchwateten die überschwemmte Wiese, wobei sie abwechselnd das Kind trugen. Endlich fanden sie einen Baum, der ihnen eine Zuflucht bot. Sie flochten Zweige zusammen, bauten ein Dach und stopften Gras und Moos in die Lücken; so hatten sie nun wieder eine Behausung.
„Bis hier herauf kommt das Wasser nicht,“ tröstete der Mann.
„Aber es regnet durch das Dach,“ klagte sein Weib. „Und für das Kind ist es zu kalt. Auch dich und mich friert ja.“
„Hab’ ich es nicht immer gesagt?“ frohlockte der Orang-Utan. „Sie haben keinen Pelz oder etwas ähnliches. Und sie werden ein Ende mit Schrecken nehmen.“
„Sie hätten Ihr Junges mit Maden füttern sollen, Frau Zweifüßler,“ sagte Frau Nachtigall. „Dann wäre es besser gediehen. Meine Jungen sind fast schon ebenso groß wie ich selbst.“
„Sie hätten es auf die Wiese setzen und sich selber überlassen sollen, wie ich Ihnen riet!“ meinte Madam Hirsch. „Dann könnte es jetzt ohne Sie fertig werden.“
„Legen Sie sich auf Ihr Junges!“ riet wie früher Frau Rohrsänger. „So hab’ ich meine Kinderchen warm gehalten.“
Frau Zweifüßler sagte nichts auf alle diese Reden; betrübt betrachtete sie ihren Knaben, der vor Kälte zitterte.
„Es ist eigentlich ein fürchterlich verzogenes Kind!“ nörgelte Mutter Igel. „Gott behüte... was sein muß, muß sein; und wenn man Nachkommen in die Welt gesetzt hat, so muß man ihnen eine anständige Erziehung geben. Aber wenn so ein halbjähriger Lümmel noch immer saugt... pfui! Prügel sollte er haben, und dann rutsch! in die Welt mit ihm!“
„Diese Leute wollen eben keine Vernunft annehmen!“ schalt Madam Hirsch. „Da mögen sie sehen, wie sie durchkommen. Wie man sich bettet, so liegt man.“
Damit gingen die Tiere fort. Die Zweifüßler aber blieben auf ihrem Baume, während der Regen immer noch herabströmte und das Kind vor Kälte schrie.
„Sieh doch das dumme Schaf da unten auf der Wiese,“ sagte das Weib. „Es läßt es sich wohl sein in seinem dicken Pelz, während mein armer kleiner Junge hier liegt und frieren muß.“
Der Zweifüßler hörte recht gut, was sie sagte, gab ihr aber keine Antwort. Eine Weile saß er schweigend da und dachte nach. Dann kletterte er vom Baume hinunter und setzte sich auf die Erde, um weiter zu sinnen und zu grübeln, während der Regen herabstürzte. Oben hörte er sein Söhnchen schreien, und unten auf der Wiese sah er das Schaf weiden.
Da richtete der Zweifüßler sich auf und ging auf das Schaf zu. Unterwegs nahm er einen scharfen Stein auf und verbarg ihn in der Hand. Er ging ganz langsam und sah zur Seite, damit das Schaf nicht erschräke. Dann stürzte er plötzlich auf das Tier zu.
„Määh! Mord! Hilfe!.... Ich sterbe!“ schrie das Schaf.
Der Zweifüßler schlug es mit dem Stein gegen die Stirn, so daß es zu Boden fiel. Dann erwürgte er es mit den Händen, packte es am Fell und schleppte es zu dem Baum, der jetzt seine Wohnung war.
Mit dem scharfen Stein durchlöcherte er das Fell und begann, es mit den Nägeln zu zerreißen. Seine Frau kam herunter und half ihm. Sie arbeiteten eifrig mit den Zähnen, damit es schneller ginge; und mitten in ihrem Tun hörten sie auf und sahen einander mit frohen Augen an.
„Wie das gemundet hat!“ rief der Mann.
„Wunderschön!“ stimmte sein Weib ein. „Komm, wir wollen unserm Jungen den Pelz bringen; nachher essen wir weiter.“
Der Zweifüßler trank das Blut des Schafes und biß tief in das Fleisch ein.
„Ich fühle mich so stark wie noch nie!“ rief er aus. „Nun mag der Löwe kommen! Er hat es mit mir zu tun!“
Sie zogen das Fell ab und hüllten das Kind darin ein; das schlief bald danach warm und gut. Dann schleppten sie den Rest des Schafes in ihre Behausung und aßen davon. Nach jedem Bissen, den sie nahmen, fühlten sie sich gesünder und kräftiger. Sie dachten nicht mehr an Kälte und Regen, sprachen vielmehr vergnügt von der Zukunft.
„Auch ich will solch einen Schafpelz haben,“ sagte die Frau.
„Den sollst du bekommen,“ erwiderte ihr Mann, während er an einem Knochen nagte. „Wenn wir nicht noch ein anderes Tier finden sollten, dessen Fell weicher und wärmer ist. Denn auch ich will einen Pelz haben... Und dann könnten wir ein Schaffell unter der Decke aufspannen, so daß es nicht in unsere Baumhütte hineinregnen kann. Morgen schlage ich noch einige Schafe tot und schleppe sie hierher.“
„Dann essen wir sie,“ jubelte die Frau.
„Gewiß,“ sagte der Mann. „Jeden Tag essen wir Fleisch. Es ist nur gut, daß wir auf diesen Gedanken gekommen sind; denn die Fische im Fluß haben jetzt Angst vor mir.“
„Nimm dich in acht, daß dir kein Unglück zustößt!“ sagte sie.
„Ich werde schon vorsichtig sein,“ entgegnete er. „Morgen früh gehe ich an den Fluß und sammle mehrere scharfe Steine für den Fall, daß der, den ich habe, mir abhanden kommen sollte.... Weißt du was... ich binde solch einen scharfen Stein mit einer Ranke an das Ende eines langen Zweiges ... verstehst du. Dann kann ich das Schaf treffen und töten, bevor ich ganz zu ihm hinkomme... denn die Tiere fürchten sich natürlich vor mir, wenn sie erfahren, daß ich eins von ihnen getötet habe.“
Während sie so zusammen redeten, versammelten sich alle Tiere des Waldes auf der Wiese — wie in der ersten Nacht nach der Ankunft der neuen Tiere.
„Der Zweifüßler hat das Schaf ermordet!“ schrie der Sperling und eilte mit seiner Neuigkeit weiter, so naß und zerzaust er vom Regen war.
„Der Zweifüßler hat das Schaf ermordet und das Rind und die Ziege!“ schrie die Krähe, indem sie mit den nassen Flügeln schlug.
„Halt!“ rief da das Rind. „Noch bin ich am Leben, wenn ich auch auf das Ärgste gefaßt bin.“
„Der Zweifüßler hat alle Tiere im Walde getötet .... Nun sitzt er mitten auf der Wiese und frißt den Löwen!“ flüsterte das Schilfrohr.
Und alle Tiere stürmten auf die Wiese, um zu erfahren, was vorgefallen war. Mitten in der Versammlung stand der Löwe, den Kopf stolz erhoben:
„Was ist das für ein Spektakel?“
„Darf ich reden?“ rief der Orang-Utan und reckte einen Finger in die Luft. „Ich habe auf dem Palmenbaum gesessen und alles mitangesehen. Es war grauenhaft.“
„Du bist eigentlich ein übler Patron!“ sagte der Löwe. „Du machst deine eigene Familie schlecht.“
„Die Verwandtschaft ist sehr, sehr weitläufig!“ erwiderte der Orang-Utan. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich ausdrücklich alle Verantwortung für diese Zweifüßler abgelehnt habe, die unserer Familie eigentlich nur zur Schande gereichen. — Ich saß also auf dem Baum und sah, wie der Mann herbeigestürzt kam, sich auf das Schaf warf und es erwürgte. Dann schleppte er das arme Geschöpf zu dem Baume, auf dem er wohnt. Ich schlich ihm nach und sah, wie er den Körper des Schafes in Stücke riß. Sein Weib half ihm dabei, und nachher setzten sie sich beide auf ihren Baum und aßen.“
„Ist das alles?“ fragte der Löwe. „Ich habe schon viele Schafe in meinem Leben verspeist, wenn mir Hirschfleisch auch lieber ist! Warum sollte der Zweifüßler sich nicht einen Happen Fleisch nehmen dürfen, wenn er Lust dazu hat?“
„Wenn ich eine Bemerkung einwerfen darf,“ begann nun das Rind, „so möchte ich an das erinnern, was ich gesagt habe, als wir neulich hier versammelt waren. Du hast gut reden, Löwe, denn dir vermag der Zweifüßler nichts anzuhaben. Uns aber frißt er auf. Trotzdem solltest auch du dich in acht nehmen. Er kann dir ein gefährlicher Konkurrent werden. Wenn er nun viele Kinder bekommt, die alle Schafe auffressen!“
„Er rüstete sich von neuem zum Sprunge.“
„Die Rinder sind ja immer noch übrig,“ sagte lachend der Löwe, und seine fürchterlichen Zähne glänzten.
„Ganz recht,“ entgegnete das Rind und wich vorsichtig zurück. „Die Reihe kommt sicher auch an die Rinder, nachdem er einmal Blut geleckt hat. Er sieht fürchterlich gefräßig aus. Und ich finde, es sind ohnehin schon genug Leute vorhanden, die mich zu fressen wünschen.“
„Hm!“ brummte der Löwe. „Daran mag ja etwas Wahres sein. Ich liebe nur diese Angstmeierei nicht. Aber laß uns mit dem Burschen reden!“
Er ging, und der Orang-Utan sprang ihm eifrig voraus, unaufhörlich rufend:
„Diesen Weg!... Diesen Weg!“
Und nun stand der Löwe unter dem Baum, auf dem der Zweifüßler wohnte. Alle die andern Tiere des Waldes waren ihnen gefolgt und lauschten und starrten.
„Zweifüßler!“ brüllte der Löwe mit seiner gewaltigen Stimme, die wie Donner klang, so daß alle erschrocken zusammenfuhren. Der Löwe schlug mit dem Schwanze um sich und sah in den Baum hinauf. Kein Laut kam herab. Er rief wieder, aber es antwortete niemand.
„Diese Frechheit!“ zeterte der Orang-Utan.
„Vielleicht sind sie tot,“ sagte die Nachtigall. „Vielleicht haben sie zu viel von dem Schaf gegessen.“
„Man stirbt nicht von zu viel Essen, nur von zu wenig,“ grunzte das Schwein, das die ganze Zeit über mit dem Rüssel in der Erde wühlte, um einen Bissen zu finden.
Da brüllte der Löwe zum drittenmal, und zwar so heftig, daß ein kleiner Zeisig von seinem Zweig herabfiel — unmittelbar in den Rachen der Schlange, die ihn verschluckte, ohne daß einer von beiden einen Laut von sich gab. Darum erfuhr auch niemand etwas von der Geschichte.
Und nun kam der Zweifüßler oben auf dem Baume zum Vorschein.
Nach der starken Mahlzeit, die er genossen, hatte er fest und ruhig geschlafen; und er war wütend darüber, daß man ihn weckte.
„Wer wagt es, mich im Schlafe zu stören?“ rief er.
„Ich... der Löwe.“
„Der Löwe... der König der Tiere,“ sagten alle ehrerbietig durcheinander.
„In meinem Hause bin ich selber König,“ schrie der Zweifüßler. „Fort mit euch! Ich will schlafen.“
„Er lehnt sich gegen den Löwen auf... er ist von Sinnen... er hat sein Leben verwirkt!“ riefen die Tiere.
Der Zweifüßler aber ergriff den Schenkelknochen des Schafes, zielte gut, schleuderte ihn mit aller Kraft gegen den Löwen und traf ihn mitten auf die Stirn. Der Löwe stieß ein fürchterliches Gebrüll aus, und alle die andern Tiere sprangen erschrocken über die Wiese davon; mitten unter ihnen — mit unaufhörlichem Gebrüll — ihr König.
Der Zweifüßler dagegen legte sich wieder ruhig schlafen und schlief bis zum hellen Morgen.
Als er erwachte und vom Baume hinabstieg, lag der Hund da und nagte an dem Knochen, der den Löwen getroffen hatte. Der Hund wedelte mit dem Schwanze, und der Zweifüßler gab ihm noch einen zweiten Knochen.
„Willst du mein Diener und Freund sein?“ fragte er.
„Ja,“ erwiderte der Hund. „Du bist besser zu mir gewesen als die andern, und du bist stärker und klüger als sie.“
„Gut! Dann sollst du mein Wächter sein, sollst mir auf der Jagd helfen und mir stets Gesellschaft leisten.“
Viertes Kapitel: Die Zeit vergeht.
Die Regenperiode war zu Ende, und die Sonne bekam wieder Macht. Und wieder begann die Regenzeit, und so fort in ewigem Wechsel.
Die Zweifüßlerfamilie hatte jetzt eine neue Wohnung, die besser war als die Laubhütte auf der Insel und die Behausung auf dem Apfelbaum. Es war eine Höhle im Felsen, die der Mann eines Tages entdeckt hatte. Sie war kühl in der heißen Zeit und warm in der kalten, bot Schutz vor dem Regen und konnte in der Nacht oder, wenn Gefahr drohte, mit einem Stein verrammelt werden. Diese Höhle polsterte der Zweifüßler mit Fellen aus, verdichtete die Wände mit Moos und saß nun mit seiner Familie und dem Hunde im wohnlichen Heim.
Arbeit hatte er genug, denn die Familie war gewachsen. Er hatte jetzt drei Kinder, die ausgezeichnet gediehen und wie die Scheunendrescher aßen. — Aber er mußte sehr auf der Hut sein seit jener Nacht, in der er den Knochen gegen den Löwen geworfen hatte. Denn er hatte sich den König der Tiere zum Feinde gemacht, und fast alle Tiere des Waldes betrachteten ihn mit dem größten Mißtrauen.
Sie hatten auch wohl Grund dazu, denn der Zweifüßler war ein gewaltiger Jäger geworden, der dem Löwen in nichts nachstand.
In dem inneren Raum der Höhle verwahrte er zwei große Speere, sowie einen kleineren, den schon sein ältester Sohn zu handhaben verstand. Nicht heimtückisch beschlichen sie ihre Beute, wie es der Löwe und die andern jagenden Tiere taten. Der Hund trieb ihnen das Opfer entgegen, und sie warfen den Speer und töteten das Tier.
„Er jagt besser als ich,“ sagte eines Abends der Löwe zu seinem Ehegespons. „Heute hat er mit dem Spieß einen jungen Hirsch erlegt, den ich mir auserkoren hatte.“
„Warum nahmst du ihn denn nicht?“ fragte die Löwin.
„Ich bin durch das Gras auf den Hirsch zu gekrochen. Aber eh’ ich zum Sprunge kam, hatte der Elende ihn schon erlegt. Der Spieß steckte im Halse des Hirsches, und er stürzte tot zu Boden.“
„Warum aber hast du dem Unverschämten die Beute nicht abgenommen?“ fragte sie weiter.
„Er hatte noch einen Speer in der Hand. Und sein Junges hatte auch einen. Ich weiß nicht, welche Bewandtnis es mit diesen Speeren hat. Wer von ihnen getroffen wird, fällt um und stirbt.“
„Du hast also Angst vor dem Zweifüßler,“ rief da die Löwin. „Er ist König im Walde und nicht du! Wenn dein Sohn ebenso feig ist wie du, dann ist es aus mit uns!“
Der Löwe sagte nichts, sondern sah nur mit seinen gelben Augen vor sich hin.
Doch kurz bevor es Tag wurde, schlich er in das Gebüsch vor des Zweifüßlers Höhle und legte sich dort auf die Lauer; geduldig wartete er, bis der Stein beiseite gewälzt würde. Das geschah gleich nach Sonnenaufgang, und der Löwe bereitete sich zum Sprunge. Fast sinnlos vor Wut, sprang er auf den ersten zu, der sich zeigte, schlug ihn mit seiner starken Tatze nieder und trug ihn im Sprunge ins Gebüsch.
Ein fürchterlicher Schrei rief den Zweifüßler in die Öffnung der Höhle. Da stand er, einen Speer in jeder Hand. Und der Löwe sah, daß er nicht seinen Feind getötet hatte, sondern nur eins seiner Kinder. Er ließ ab von der Leiche und rüstete sich von neuem zum Sprunge. Aber schon hatte ihn der Zweifüßler durch das Laub erspäht. Er warf den einen Speer, ohne zu treffen. Dann schleuderte er den andern, — aber da war der Löwe entflohen.
Laut wehklagend und schluchzend trugen der Zweifüßler und sein Weib ihr totes Kind in die Höhle. Der Löwe jedoch flüchtete durch den Wald, von Angst gejagt. Wohin er kam, überall wichen die Tiere erschrocken vor ihm aus.
„Der Löwe flieht vor dem Zweifüßler,“ meldete der Sperling eilfertig weiter.
Und das Gerücht verbreitete sich schnell durch den Wald und wuchs und wuchs.
„Der Zweifüßler hat den Löwen mit seinem Speer verwundet!“ schrie die Krähe.
„Der Zweifüßler hat den Löwen getötet und ist auf der Jagd nach der Löwin!“ pfiff die Maus.
Und der Löwe sprang in großen Sätzen von dannen.
Er eilte an seiner Höhle vorbei, als wagte er seiner Gemahlin nicht mehr in die Augen zu sehen. Erst spät am Abend kam er nach Hause.
„Bist du noch am Leben?“ spottete die Löwin. „Der ganze Wald hält dich für tot. Und der Zweifüßler?“
„Ich habe eins von seinen Jungen getötet,“ sagte der Löwe zornig.
„Und was hilft das?“ fragte sie.
Da gab er ihr eine Backpfeife, wie sie sie noch nie bekommen hatte; und dann legte er sich hin und starrte mit seinen gelben Augen in die Luft.
Aber die Tiere im Walde hörten nicht auf, zu staunen und zu flüstern.
„Der Löwe hat Angst... Der Löwe flieht vor dem Zweifüßler...“
„Hab’ ich es nicht gleich gesagt?“ meinte das Rind. „Wir hätten sie auf der Stelle töten sollen.“
„Ach ja!“ seufzte das Pferd. „Hätte der Löwe doch unsern Rat befolgt!“
„Ach ja!“ schrien Ente, Gans und Huhn.
Nur der Orang-Utan ging abseits in den Wald hinein und dachte nach.
„Der Vetter ist doch nicht so töricht, wie ich gedacht habe!“ sagte er zu sich selbst. „Ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht hingehen und es ihm nachmachen soll! Ich bin ihm ja ähnlich und habe sogar mancherlei vor ihm voraus, so daß ich mich mindestens ebensogut durchfinden müßte.“
Und der Orang-Utan nahm einen Stecken und versuchte, aufrecht wie der Zweifüßler zu gehen. Es glückte ihm auch, und so ging er denn auf die anderen Tiere los. Er hob den Stecken und schrie und machte greuliche Augen. Aber die Tiere scharten sich um ihn und lachten ihn aus. Der Fuchs schnappte ihm den Stecken aus der Hand, der Hirsch stieß ihn mit seinem Geweih in den Rücken, der Sperling erkor sich seinen Kopf für seine Schandtaten, und es kam eine so fröhliche Stimmung unter den Tieren auf, daß der Orang-Utan davonlief und sich im dichtesten Gebüsch versteckte.
Doch am nächsten Morgen hatten die Tiere an andere Dinge zu denken.
Sie sahen, wie der Zweifüßler den Leichnam seines Sohnes in den Wald trug und einen hohen Haufen von Steinen darauflegte. Sein Weib aber pflückte die schönsten Blumen und legte sie auf die Steine.
„Hat man je so etwas gesehen!“ rief die Nachtigall. „Wenn unsereiner stirbt, bleibt man liegen, wo man umfällt, oder wohin man sich geschleppt hat. Von dem Jungen des Zweifüßlers aber soll ein Aufhebens gemacht werden, wie zu ewigem Gedächtnis. Ich weiß nicht einmal, wo meine lebendigen Kinder vom vorigen Jahre geblieben sind, geschweige denn das arme Wesen, das aus dem Nest hinausfiel und den Hals brach.“
„Gebt nur acht! Es kommt noch schlimmer!“ sagte das Rind.
Und so war es. Eine Woche später ereignete sich etwas, das die Tiere des Waldes noch mehr aufbrachte als alles, was bisher geschehen war.
Frau Zweifüßler sah einen prächtigen Paradiesvogel auf einem Baum sitzen.
„Wie wunderschön sind diese Federn!“ rief sie. „Wer die hätte, könnte seinen Kopf damit schmücken.“
Und der Zweifüßler, der sie über den Verlust des Kindes trösten wollte, ging sofort mit seinem Speer hin und kehrte nach einer Weile mit dem toten Paradiesvogel zurück. Sein Weib rupfte die Federn aus und steckte sie ins Haar. Und beide freuten sich über den prächtigen Schmuck.
„Das ist denn doch zu toll!“ rief erbittert die Nachtigall. „Er tötet einen Vogel, bloß um seine Frau mit den Federn auszustaffieren. Da muß man ja froh sein, wenn man grau und häßlich ist.“
Gefolgt von einem großen Schwarm, trat die Paradiesvogelwitwe vor den Löwen, um Klage zu führen:
„Die neuen Tiere haben meinen Mann getötet, und nun sitze ich da als Witwe mit vier kalten Eiern. Wäre ich auf ihnen liegen geblieben, so hätte ich verhungern müssen, da mein Versorger ermordet ist. Da ging ich fort, um mir etwas zu essen zu verschaffen. Und als ich nach Hause kam, da waren die Eier kalt und tot. — Hier steh’ ich und fordere Rache und Bestrafung des Mörders!“