Ansiedlungen
in den
Urwäldern von Canada.

Schilderung des Bodens, Klimas u. s. w. — Lebensweise und Beschäftigungen der Ansiedler. — Durch Erfahrung und genaue Beobachtung bewährte Vorschriften, betreffend die Niederlassung und das Gedeihen der neuen Ankömmlinge; mit vorzüglicher Berücksichtigung der häuslichen Einrichtungen und dem weiblichen Theil der Ansiedler-Familien zufallenden Pflichten.

Ein Wegweiser

für

Auswandrer nach Amerika

von

einer Emigrantin.


Aus dem Englischen

von

Dr. F. A. Wiese.

Mit vielen Abbildungen.

Leipzig, 1837.

Baumgärtners Buchhandlung.


Einleitung.


Unter den vielen, im Verlauf des letzten Jahrzehents über Canada erschienenen Werken, welche Auswanderung zum Thema haben, ertheilen nur wenige oder vielleicht nicht ein einziges über die häusliche Einrichtung der Ansiedler hinreichend genaue Auskunft, um derjenigen, welche für alle Bequemlichkeiten und den wohlbehaglichen Zustand einer Familie verantwortlich ist, — der Hausfrau, welcher die häusliche Ordnung obliegt, als treuer und sichrer Führer zu dienen.


Zwar hat Dr. Dunlop eine geistreiche Flugschrift, betitelt »The Backwoodsman,« (der Urwald-Siedler) herausgegeben, allein sie geht nicht in die Routine weiblicher Pflichten und Geschäfte, in dem bezeichneten neuen Wirkungskreise, ein. In der That kann nur die Feder einer Frau die andre Hälfte von dem beschreiben, was von der innern Einrichtung und Leitung eines Hauswesens in den Urwäldern zu sagen ist, sie allein vermag die neuanlangenden weiblichen Auswandrer über die schwierigen Pflichten und Prüfungen, welche ihrer warten, gehörig zu unterrichten.

»Vorausgewarnt, vorausgewaffnet,« ist ein Sprichwort unsrer Vorväter, das in seiner markigen Kürze viel Stoff zum Nachdenken enthält; seine Bedeutung im Auge, ist die Verfasserin vorliegenden Werkes bestrebt gewesen, den Frauen und Töchtern von Auswandrern aus den höheren Ständen, welche inmitten unsrer canadischen Wildnisse eine Heimath suchen, jeden nur möglichen Unterricht zu ertheilen. Wahrheit war ihr Hauptziel, denn es wäre grausam, Leute, die ihre Familie, ihr Vermögen und ihre Hoffnungen in ein wildfremdes Land versetzen, mit falschen Hoffnungen zu täuschen und glauben zu machen, daß in diesem Lande Milch und Honig fließe, und daß es zur Erlangung von Bequemlichkeit und Ueberfluß daselbst nur geringer Mühe bedürfe. Sie zieht es vor, gewissenhaft und treu die Dinge in ihrem wahren Lichte darzustellen, damit der weibliche Theil der Ankömmlinge im Stande sei, den neuen Verhältnissen kühn ins Gesicht zu blicken, in dem ihm angebornen Tact und Scharfsinn ein Mittel in vorkommenden Schwierigkeiten zu finden, und, gehörig vorbereitet, mit jener muthvollen Freudigkeit, wovon wohlerzogne Frauenzimmer oft außerordentliche Beweise liefern, dem Uebrigen zu begegnen. Desgleichen wünscht sie, ihnen zu zeigen, wie vortheilhaft es ist, Alles wegzulassen, was außschließlich jener künstlichen Verfeinerung des modischen Lebens in England angehört; und wie sie durch Verwendung des Geldes, welches der Ankauf von dergleichen mehr lästigen und überflüssigen Artikeln erheischen würde, auf wahrhaft nützliche Gegenstände, die in Canada nicht leicht zu erlangen sind, sich das Vergnügen verschaffen können, einem wohlgeordneten Hauswesen vorzustehen. Sie wünscht ihnen den Vortheil einer dreijährigen Erfahrung zu sichern, damit sie jeden Theil ihrer Zeit zweckmäßig anwenden mögen, und lernen, daß alles, sowohl Geld als Geldeswerth, das irgend einem Gliede der Emigranten-Familie angehört, gewissenhaft als Capital zu betrachten sei, welches durch Vermehrung entweder des Einkommens oder der häuslichen Ordnung und Bequemlichkeit seine Zinsen tragen werde.

Diese Aussprüche, welche mehr auf Nutzen und Brauchbarkeit, als künstliche persönliche Verfeinerung abzwecken, sind nicht so unnöthig, als das Publikum vielleicht meinen dürfte. Die nach dem brittischen Amerika auswandernden Familien sind nicht mehr von dem Range im Leben, wie die, welche früher dort eine neue Heimath suchten. Es sind nicht blos arme Landleute und Handwerker, die in großen Anzahlen dem Westen zuziehen, sondern auch unternehmende englische Capitalisten, und die vormals in Ueberfluß lebenden Landeigenthümer, welche, beunruhigt durch die Schwierigkeit, in einem Lande, wo alle Gewerbe überfüllt sind, eine zahlreiche Familie in Unabhängigkeit zu erhalten, sich den Schaaren anschließen, die jährlich aus England nach jenen Colonien strömen. Von welcher Bedeutung ist es nicht, daß die weiblichen Glieder dieser Colonien gehörigen Unterricht hinsichtlich der wichtigen Pflichten erhalten, denen sie sich unterziehen; daß sie sich auf die Mühen gefaßt machen und vorbereiten, welche ihrer warten, und so Reue und Mißvergnügen über grundlose Erwartungen und getäuschte Hoffnungen vermeiden.

Es ist eine dem Publikum nicht allgemein bekannte Thatsache, daß brittische Offiziere und ihre Familien gewöhnlich die Bewohner der Urwälder sind, und da sehr viele außer Dienst stehende Offiziere jedes Ranges Land-Bewilligungen in Canada erhalten haben, so kann man sie als die Begründer der Civilisirung in der Wildniß betrachten; und ihre Frauen, nur zu oft zärtlich erzogen und von vornehmer Abkunft, sehen sich auf einmal in alle, mit der rohen Lebensweise eines Waldsiedlers verbundnen Beschwerden und Entbehrungen versenkt. Die Gesetze, welche die Bewilligung von Grundeigenthum regulieren, nöthigen den Colonisten, sich auf eine bestimmte Zeit verbindlich zu machen, so wie zur Ausübung gewisser Pflichten, und verstatten daher, ist einmal die Absteckung des Bodens erfolgt, keinen Urlaub. Dieselben Gesetze nöthigen sehr weislich einen Mann von besserer Erziehung, der sowohl im Besitz von Vermögen als gebildetem Verstand ist, alle seine Kräfte einem bestimmten Flächenraum ungelichteten Bodens zu widmen. Es läßt sich wohl denken, daß nur solche, die eine junge Familie in Wohlstand und Unabhängigkeit zu erhalten wünschen, sich dergleichen Mühseligkeiten unterziehen werden. Diese Familie macht die Niederlassung eines solchen Ansiedlers der Colonie noch werther; und der auf halben Sold gesetzte Offizier, welcher dergestalt gleichsam die Avantgarde der Civilisirung führt und in jene rohen Distrikte anständige und wohlerzogne weibliche Wesen bringt, die durch geistige Verfeinerung alles um sich her sänftigen und veredeln, dient seinem Vaterlande durch Gründung friedlicher Dörfer und anmuthiger Wohnstätten eben so nachdrücklich, als je zur Zeit des Kriegs durch persönlichen Muth oder militairische Klugheit.

Es wird sich im Verfolg dieses Werkes ergeben, daß die Verfasserin, Damen, welche der höhern Ansiedler-Klasse angehören, die geistigen Quellen einer besseren Erziehung eben so sehr im Auge zu behalten empfiehlt, als sie ihnen die Beibehaltung aller unvernünftiger und künstlicher Bedürfnisse, so wie jedes nutzlose Thun und Treiben widerräth. Sie mögen ihre Aufmerksamkeit auf die Naturgeschichte, die Flora dieser neuen Heimath richten, hierin werden sie eine unerschöpfliche Quelle für Unterhaltung und Belehrung finden, eine Beschäftigung, die den Geist erleuchtet und erhebt und für den Mangel an jenen leichteren weiblichen Zeitvertreiben, welche nothwendiger Weise den gebieterischen häuslichen Pflichten weichen müssen, Ersatz leisten dürfte. Dem Weibe, welches fähig ist, die Schönheiten der Natur zu empfinden und den Schöpfer des Weltalls in seinen Werken zu verehren, eröffnet sich ein reicher Vorrath reiner ungeschminkter Freuden, die es inmitten der einsamsten Gegend unsrer westlichen Wildnisse frei von Langerweile und übler Laune erhalten.

Schreiberin dieser Seiten spricht aus Erfahrung und würde sich sehr freuen, wenn sie vernehmen sollte, daß die einfachen Quellen, aus welchen sie selbst so manche Freude geschöpft hat, die Einsamkeit zukünftiger Ansiedlerinnen in den Urwäldern von Canada zu erheitern vermögen.

Als allgemeine Bemerkung für Ansiedler jechlicher Art und jechlichen Standes, mag hier noch stehen, daß das Ringen nach Unabhängigkeit oft sehr mühevoll und ohne eine thätige und heitere Lebensgefährtin fast unmöglich ist. Kinder sollte man frühzeitig die aufopfernde Liebe schätzen lehren, welche ihre Aeltern zur Ueberwindung des natürlichen Widerstrebens, das Land ihrer Vorväter, den Schauplatz ihrer frühesten und glücklichsten Tage, zu verlassen und in einem fernen Welttheile als Fremdlinge eine neue Wohnstätte zu suchen, neue Banden, neue Freundschaften zu knüpfen, und gleichsam des Lebens mühevollen Pfad von neuem anzutreten bestimmte, und alles dies, um ihre Kinder in eine Lage zu versetzen, worin sie durch Fleiß und Thätigkeit sich stets die materiellen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen und ihren Nachkommen ein wohlbestelltes Grundeigenthum zu hinterlassen vermögen.

Junge Männer söhnen sich bald mit diesem Lande aus, indem es ihnen dasjenige gewährt, was den größten Reiz für die Jugend hat — nämlich große persönliche Freiheit. Ihre Beschäftigungen sind erheiternd und der Gesundheit zuträglich; ihre Belustigungen, z. B. Jagen, Schießen, Fischen und Gondeln sind vorzüglich einladend und für viele bezaubernd. An allen diesen Zeitvertreiben aber können ihre Schwestern keinen Antheil nehmen, daher die Mühseligkeiten und Beschwerden des Ansiedler-Lebens insbesondre dem weiblichen Theil der Familie anheim fallen. Mit einem Hinblick auf Abhülfe dieser Entbehrungen und um zu zeigen, wie man einige Schwierigkeiten sich erleichtern andre vermeiden kann, hat die Verfasserin manche ihr nützlich erscheinende Vorschläge eingestreut. Einfache Wahrheit, durchaus auf persönliche Kenntniß gestützt, ist die Grundlage des vorliegenden Werkes; eingeflochtne Erdichtungen hätten es vielleicht manchen Lesern willkommner gemacht, würden aber auf der andern Seite seiner Brauchbarkeit Abbruch gethan haben; indeß werden auch Diejenigen, welche keineswegs die Absicht haben, die Mühseligkeiten und Gefahren des in Rede stehenden Ansiedler-Lebens zu theilen, wohl aber von Scenen und Lebens-Verhältnissen, die von denen eines seit langer Zeit civilisirten Landes so himmelweit verschieden sind, einige Kenntniß zu erlangen wünschen, ihre Rechnung finden und sowohl Unterhaltung als auch manche nützliche Lehre daraus schöpfen.


Die Urwälder von Canada.


Erster Brief.

Abfahrt von Greenock in der Brig Laurel. — Beschaffenheit der Kajüte. — Reise-Gefährte. — Mangel an Beschäftigung und Unterhaltung. — Des Capitains Goldfinke. —

Brig Laurel, Juli 18, 1832.

Theuerste Mutter!

Ich erhielt Ihren letzten lieben Brief nur wenige Stunden vor unsrer Abfahrt von Greenock. Da Sie den Wunsch äußern, eine ausführliche Beschreibung unsrer Reise von mir zu erhalten, so will ich meine Mittheilungen von der Zeit unsrer Einschiffung an beginnen, und so oft schreiben, als mich meine Neigung dazu treibt. Gewiß sollen Sie keinen Grund haben, über zu kurze Briefe von mir zu klagen, ich fürchte Sie werden dieselben nur zu lang finden.

Nach manchem Aufschub, mancher fehlgeschlagnen Erwartung glückte es uns endlich, eine Gelegenheit zur Ueberfahrt in einer schnell segelnden Brig, dem Laurel von Greenock, zu finden; und günstige Winde tragen uns jetzt in reißendem Fluge über den atlantischen Ocean.

Der Laurel ist kein regelmäßiges Passagier-Schiff, dies aber betrachte ich als einen Vortheil, denn was wir auf der einen Seite an Unterhaltung und Mannigfaltigkeit einbüßen, gewinnen wir auf der andern an Behaglichkeit. Die Kajüte ist recht hübsch aufgeputzt und ich erfreue mich des Genusses, (denn ein solcher ist es in der That, in Vergleich zu den schmalen Sitzen der Staats-Kajüte) eines hübschen Sophas mit rothem Ueberzug, in der großen Kajüte. Die Staats-Kajüte steht uns auch offen. Wir zahlten für unsre Ueberfahrt nach Montreal jedes funfzehn Pfund, allerdings ein ziemlich hoher Preis, der aber jede andre Ausgabe in sich einschließt; und übrigens hatten wir keine Wahl. Das einzige nach Canada bestimmte Fahrzeug auf dem Flusse war mit Auswandrern, vorzüglich Holländern aus der niedrigen Klasse, buchstäblich überfüllt.

Die einzigen Passagiere in dem Laurel, außer uns, sind der Neffe des Capitains, ein hübscher blondhaariger Bursche von ungefähr funfzehn Jahren, der die Unkosten für seine Ueberfahrt abarbeitet; und ein junger Herr, der nach Quebek reist, wo er in einem Handlungshause eine Anstellung als Commis erhalten hat. Derselbe scheint zu sehr mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, um sehr mittheilend gegen andre zu sein; er spaziert viel umher, spricht wenig und liest noch weniger; unterhält sich aber oft mit Singen, wenn er das Deck auf- und abschreitet, seine Lieblingslieder sind, »O Heimath, süße Heimath!« u. s. w.; und jener treffliche Gesang, »Schöne Insel[1]« u. s. w. gewiß eine süße Weise, und ich kann mir den Zauber, welchen sie für ein am Heimweh leidendes Herz hat, leicht vorstellen.

Die Scenerei des Clyde (Fluß) gefiel mir ausnehmend; der Tag, an welchem wir die Anker lichteten, war heiter und angenehm, und ich blieb bis spät Abends auf dem Deck. Das Morgenlicht begrüßte unser Schiff, als es mit einem günstigen Winde von Lande her stattlich durch den Nordcanal hinsteuerte; an diesem Tage sahen wir die letzte der Hebriden, und vor Eintritt der Nacht verloren wir die nördliche Küste von Irland aus den Augen. Eine weite Wasserfläche und über uns der Himmel sind jetzt unser einziger Anblick, durch nichts unterbrochen, als wenn sich in weiter Ferne am Saume des Horizonts die kaum zu unterscheidenden Umrisse eines Fahrzeugs zeigen, — ein Fleck in dem unermeßlichen Raume, — oder dann und wann einige Seevögel vorübergleiten.

Es macht mir Vergnügen, diese Wandrer des Oceans, indem sie mit den hochgehenden Wogen steigen und fallen, oder um unser Schiff flattern, zu beobachten; und oft denke ich mit Verwunderung darüber nach, woher sie kommen, nach welchem fernen Ufer sie ihren Flug nehmen, und ob sie den langen Tag und die finstre Nacht hindurch die wilde Woge zu ihren Ruheplatz wählen; und dann fallen mir unwillkührlich die Worte des amerikanischen Dichters Bryant ein:

»Er der von Zone zu Zone
Durch den grenzenlosen Luftkreis ihren
bestimmten Flug lenkt,
Wird auf dem langen Wege, den ich
allein durchwandern muß,
Meine Schritte richtig leiten.«

Wiewohl wir noch nicht viel über eine Woche an Bord gewesen sind, so fängt mich doch schon die Reise zu langweilen an. Ich kann ihre Einförmigkeit blos mit der Einkerkerung in ein Dorfwirthshaus während schlechten Wetters vergleichen. Ich habe mich bereits mit allen Büchern der Schiffs-Bibliothek, die des Lesens werth sind, bekannt gemacht; unglücklicher Weise besteht sie größtentheils aus alten Novellen und faden Romanen.

Wenn das Wetter schön ist, sitze ich auf einer Bank auf dem Deck, in meinen Mantel gehüllt, und nähe, oder wandle mit meinem Gatten Arm in Arm umher und schwatze über Pläne für die Zukunft, die wohl nie verwirklicht werden dürften. Die Männer, welche nicht thätig beschäftigt sind, verdienen in der That Mitleiden; Frauenzimmer haben in ihrer Nadel stets ein Zufluchts-Mittel gegen die tödtende Langeweile eines müßigen Lebens; aber wo ein Mann auf einen engen Raum, wie das Deck und die Kajüte eines Handelsschiffs, beschränkt ist und nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu thun hat, spielt er wirklich eine sehr bedauernswürdige Rolle.

Ein einziger Passagier an Bord scheint sich vollkommen glücklich zu fühlen, wenn man anders nach der Lebhaftigkeit seines Gesanges schließen darf, womit er uns begrüßt, so oft wir seinem Käfig nahe kommen. Dies ist »Harry« der Goldfinke des Capitains — »des Capitains Gehülfe,« wie ihn die Matrosen nennen. Dieses niedliche Geschöpf hat nicht weniger als zwölf Reisen auf dem Laurel mitgemacht. »Es ist ihm ganz einerlei, ob sich sein Käfig auf dem Lande oder auf der See befindet, er ist stets zu Hause,« sagte der Capitain, seinen kleinen Liebling mit zärtlichen Blicken betrachtend und durch die Aufmerksamkeit, die wir seinem Vogel widmeten, sich offenbar geschmeichelt fühlend.

Ich habe mich bereits mit dem kleinen Gefangnen befreundet. Er verfehlt nie, meine Annäherung mit einem seiner lieblichsten Gesänge zu begrüßen, und nimmt ein Stückchen Bisquit von meinen Fingern, welches er so lange in seinen Krällchen hält, bis er mir mit einigen seiner klarsten Töne gedankt hat; dieses Zeichen von Anerkennung nennt der Proviantmeister sein Tischgebet.

Wenn uns der Wind noch länger begünstigen sollte, werden wir uns in der nächsten Woche an der Küste von Neufundland befinden. Für jetzt leben Sie wohl.

Fußnoten:

[1] England.


Zweiter Brief.

Ankunft an der Küste von Neufundland. — Der Goldfinke singt kurz vor Entdeckung des Landes. — Der Meerbusen St. Laurence. — Schwierige Fahrt auf dem Flusse. — Ein französischer Fischer wird als Lootse angestellt. — Die Insel Bic. — Grün-Eiland. — Anstellung eines regelmäßigen Lootsen. — Scenerei von Grün-Eiland. — Gros-Eiland. — Quarantaine-Gesetze. — Emigranten auf Gros-Eiland. — Ankunft vor Quebek. — Anblick der Stadt und ihrer Umgebungen.

Brig Laurel, Fluß St. Laurence, August 6, 1832.

Theuerste Mutter!

Ich brach meinen letzten Brief aus der einfachen Ursache ab, weil ich nichts weiter zu schreiben hatte. Ein Tag war gleichsam das Echo des vorhergehenden, so daß eine Seite aus dem Tagebuche des Unterschiffers eben so unterhaltend und eben so belehrend gewesen sein würde, als mein Tagebuch, wofern ich nämlich ein solches während der letzten vierzehn Tage geführt hätte.

So arm an Ereignissen war diese ganze Zeit, daß die Erscheinung einer Anzahl Flaschennasen, einiger Robben und eines Meerschweins[2], — wahrscheinlich auf ihrem Wege zu einer Mittags- oder Thee-Gesellschaft am Nordpol, — als eine Begebenheit von großer Wichtigkeit betrachtet wurde. Jeder griff nach seinem Fernglase, als sie sich zeigten, und man stierte sie an, als wollte man sie in Verlegenheit setzen.

Den fünften August, also gerade einen Monat, nachdem wir die brittischen Inseln völlig aus den Augen verloren, bekamen wir die Küste von Neufundland zu Gesicht, und ob sie gleich braun, rauh und öde erschien, so begrüßte ich doch ihren Anblick mit Entzücken. Nie ist mir etwas so erfrischend und köstlich vorgekommen, als die kühle Landluft, welche uns entgegen wehete und uns, wie mich täuchte, Gesundheit und Freude auf ihren Schwingen zuführte.

Nicht ohne einiges Befremden gewahrte ich die rastlose Thätigkeit des oben erwähnten Goldfinken, einige Stunden bevor der Ausruf »Land!« vom Mastkorbe erscholl. Er sang in einem fort, und seine Töne waren länger, heller und durchdringender als früher; das kleine Geschöpf, versicherte mir der Capitain, fühlte die Umänderung in der Luft, als wir uns dem Lande näherten. »Ich verlasse mich,« sagte er, »fast eben so sehr auf meinen Vogel als auf mein Fernglas, und bin bis jetzt nie getäuscht worden.«

Unsre Fortschritte, nachdem wir in den Golf hineingesteuert, waren etwas langsam und langweilig. Die Strecke durch denselben bis zum Eingang in den majestätischen Laurence-Fluß beträgt neunzig englische Meilen, er scheint an und für sich allein ein Ocean zu sein. Die Hälfte unsrer Zeit bringen wir über der großen Karte in der Kajüte zu, die mein Gatte unaufhörlich auf- und zurollt, um sich mit den Namen der fernen Ufer und Inseln, an denen wir vorbeifahren, bekannt zu machen.

Wir sind bis jetzt ohne Lootsen, und der Capitain, ein vorsichtiger Seemann, will das Schiff nicht gern an diese gefährliche Fahrt wagen, daher unsre Reise nur langsam von statten geht.

Den siebenten August. — Wir erhielten diesen Morgen Besuch von einem schönen kleinen Vogel, der nicht viel größer war, als ein Zaunkönig. Ich pries ihn als einen Vogel guter Vorbedeutung — einen kleinen Boten, abgesendet, uns in der neuen Welt willkommen zu heißen; gewiß ich fühlte eine fast kindische Freude bei Erblickung des kleinen Fremdlings. Es giebt glückliche Momente in unserm Leben, wo wir aus den unbedeutendsten Dingen große Freude schöpfen, wie Kinder, denen das einfachste Spielwerk Vergnügen macht.

Gleich nachdem wir in den Meerbusen hineingesteuert waren, äußerte sich bei allen an Bord eine sichtbare Veränderung. Der Capitain, ein ernster schweigsamer Mann, wurde ganz gesprächig. Mein Gatte zeigte sich mehr als gewöhnlich lebhaft und aufgeregt, ja selbst der gedankenvolle junge Schotte thauete auf und wurde im buchstäblichen Sinne des Wortes unterhaltend. Die Schiffsmannschaft entfaltete den regsten Eifer in Erfüllung ihrer Pflicht, und der Goldfinke sang lustig von Morgen bis Abend. Was mich betrifft, so war mein Herz voller Hoffnung, die jedes Gefühl von Zweifel oder Bedauern, welches die Gegenwart hätte verdüstern oder die Zukunft bewölken können, verdrängte.

Ich kann jetzt deutlich die Umrisse der Küste auf der Südseite des Flusses mit meinen Augen verfolgen. Bisweilen hüllen sich die Hochlande plötzlich in dichte Nebelwolken, die in beständiger Bewegung sind und in dunkeln Wogen dahin rollen, bald von rosigem Licht gefärbt, bald weiß und flockig, oder glänzend wie Silber, wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen. So schnell sind die Veränderungen, welche in diesen Nebelmassen vor sich gehen, daß man, bei dem nächsten Blick darauf, die Scene wie durch Zauber umgewandelt findet. Der Nebelschleier wird wie von unsichtbaren Händen emporgehoben, und die wilden bewaldeten Berge enthüllen sich nebst den kühnen felsigen Ufern und langgedehnten Buchten zum Theil dem überraschten Auge. Ein andermal zertheilt sich die Dunstschicht und schwebt gleich hohen Rauchsäulen in den Thälern und Schluchten hin oder hängt gleich schneeweißen Vorhängen zwischen den dunkeln Waldkiefern.

Ich kann mich an diesen seltsam gestalteten Wolken nicht satt sehen; sie erinnern mich an die schöne Zeit, die ich in den Hochlanden (schottische) zwischen nebelgekrönten Hügeln des Nordens verlebte.

Gegenwärtig ist die Luft kalt, und wir haben häufige Windstöße und Hagelschauer mit gelegentlichem Donnerwetter, gleich darauf ist alles wieder hell und heiter, und die Luft füllt sich mit Wohlgerüchen, und Mücken, Bienen und Vögel schwärmen vom Ufer aus hinter uns her.

Den achten August. Wiewohl ich nur mit Gefühlen von Bewunderung auf der Majestät und Gewalt dieses mächtigen Flusses weilen kann, so fängt mich doch seine Endlosigkeit zu langweilen an, und ich sehne mich nach einem nähern Anblick des Ufers; denn vor der Hand sehen wir in südlicher Richtung nichts als lange Reihen mit Nadelholz bedeckter Hügel und hier und da ein weißes Fleckchen, wie man mir sagt, Ansiedlungen und Dörfer; während hohe Berge, von allem Grün entblößt, auf der Nordseite des Flusses die Aussicht beschränken. Meine Vorliebe für bergige Gegenden zieht mein Auge gewaltsam nach letztrer Seite, und ich beobachte mit wahrem Vergnügen die Cultur-Fortschritte dieser rauhen und unwirthbaren Gegenden.

Während der letzten zwei Tage haben wir uns ängstlich nach einem Lootsen umgesehen, der das Schiff nach Quebek geleiten soll. Es sind mehre Signal-Schüsse gethan worden, aber bisher ohne Erfolg; kein Lootse hat uns bis jetzt mit einem Besuche beehrt, und so befinden wir uns gleichsam auf einer Station, ohne Wagenlenker und blos mit einer der Führung der Zügel unkundigen Hand. Ich bemerke bereits einige Zeichen von Ungeduld unter uns, aber Niemand tadelt den Capitain, der sich sehr besorgt bei der Sache zeigt, da der Fluß mit Felsen und Untiefen gefüllt ist und demjenigen, der nicht genau mit der Fahrt in dieser Gegend vertraut ist, große Schwierigkeiten entgegengesetzt. Ueberdies ist er den Unternehmern für die Sicherheit des Schiffs verantwortlich, im Fall er einen Lootsen an Bord zu nehmen unterläßt.


Während ich obige Bemerkungen niederschrieb, wurde ich plötzlich durch einen Lärm auf dem Deck gestört, und als ich hinaufging, um die Ursache kennen zu lernen, erfuhr ich, daß ein Boot mit dem so lange ersehnten Lootsen vom Ufer abgestoßen sei; allein nach allem Lärm und Durcheinanderlaufen ergab sichs, daß es nur ein französischer Fischer nebst einem armseligen zerlumpten Jungen, seinem Gehülfen, war. Der Capitain bewog ohne große Schwierigkeit Monsieur Paul Breton, uns bis Grün-Eiland, eine Strecke von einigen hundert englischen Meilen den Fluß weiter aufwärts zu geleiten, wo wir, wenn nicht noch früher, seiner Versicherung nach, einen regelmäßigen Lootsen finden würden.

Es fällt mir etwas schwer, Monsieur Paul zu verstehen, da er einen besondern Dialect spricht; aber er scheint ein guter Mensch zu sein und zeigt sich sehr gefällig. Wie er uns erzählt, ist das Getraide zur Zeit noch grün und kaum in der Aehre, und die Sommerfrüchte sind noch nicht reif, indeß meint er, daß wir zu Quebek Aepfel und andre Früchte in Ueberfluß finden werden.

Je weiter wir den Fluß hinaufkommen, desto einladender und anmuthiger wird der Anblick des Landes auf beiden Seiten. Grüne Fleckchen mit weißen Hütten zeigen sich auf den Ufern und längs den Berg-Abhängen ausgestreut; während hier und da eine Dorfkirche mit ihrem Thurme hervorgukt, der mit seiner blitzenden Fahne und hellem Zinndache die umgebenden Gebäude überragt. Die südlichen Ufer sind besser bevölkert, aber nicht so malerisch als die nördlichen, indeß bieten beide Seiten dem Auge viel Erfreuliches dar.

Diesen Morgen ankerten wir im Angesicht der Insel Bic, einem niedlichen, niedrigen, mit Bäumen bedeckten und recht einladenden Eiland. Ich fühlte großes Verlangen, meinen Fuß auf canadischen Boden zu setzen, und muß gestehen, daß es mich etwas verdroß, als mir der Capitain rieth, an Bord zu bleiben, und die Gesellschaft, welche sich vorbereitete, ans Ufer zu gehen, nicht zu begleiten; mein Gatte unterstützte den Wunsch des Capitains, und ich begnügte mich damit, vom Schiffe aus meine Augen auf die reichen Laubmassen zu richten, welche ein leichtes Lüftchen hin und her bewegte. Indeß hatte ich bald Ursache, dankbar zu sein, daß ich meinem eigensinnigen Wunsch nicht gewillfahrtet, denn Nachmittags wurde es trübe und neblich, und bei der Rückkehr des Bootes erfuhr ich, daß der Boden gerade da, wo die Gesellschaft gelandet, morastig sei, und daß sie bis über die Fußknöchel ins Wasser eingesunken. Sie hatten die Insel kniehoch mit üppigem rothen Klee, schlanken Bäumen, niedrigem Strauchwerk und einem Ueberfluß von wilden Blumen bedeckt gefunden.

Um mich einigermaßen dafür zu entschädigen, daß ich ihn nicht hatte begleiten dürfen, überreichte mir mein Gatte bei seiner Rückkehr ein prächtiges Bouquet, das er für mich gesammelt. Unter den Blumen befanden sich süß duftende rothe Rosen, derjenigen nicht unähnlich, welche wir in Schottland die pimpinellenblättrige Rose (burnet-leaved) nennen, mit glatten glänzenden Blättern und wenigen oder gar keinen Dornen; ferner das Lungenkraut (Pulmonaria) welches ich häufig in den Hochlanden gepflückt habe; eine Zucker-Erbse mit rothen Blüthen und blaßgrünen Blätter-Ranken; eine weiße Orchis, von entzückendem Geruch; und außer diesen verschiedne kleine, weiße und gelbe Blumen, die mir völlig unbekannt waren. Der Proviantmeister versah mich mit einem Porzelankruge und frischem Wasser, so daß ich während des Restes unsrer Reise den Genuß eines schönen Blumen-Straußes haben werde. Die Matrosen hatten nicht vergessen, ein oder zwei buschige Aeste zur Schmückung des Schiffs mitzubringen, und der Vogelkäfig war bald in eine kleine Laube umgestaltet.

Obgleich das Wetter jetzt sehr schön ist, so machen wir doch nur langsame Fortschritte; der Wind bläst von allen Seiten, nur nicht von der rechten. Wir schwimmen mit der Fluth vorwärts, werfen, wenn diese uns verläßt, die Anker aus und warten dann so geduldig als möglich, bis es wieder Zeit ist, dieselben zu lichten. Zu meiner Unterhaltung mustre ich bald die Dörfer und Ansiedlungen durch das Fernglas des Capitains, bald belauere ich das Erscheinen der weißen, zwischen den Wogen schaukelnden Meerschweine (porpoises). Diese Thiere sind von milchweißer Farbe und haben nichts von dem ekelhaften Aeußern der schwarzen. Dann und wann steckt eine Robbe ihr drolliges Haupt dicht neben dem Schiffe aus dem Wasser hervor, ganz so aussehend wie Sindbad's kleiner Meer-Greis[3].

Es ist ein glücklicher Umstand für mich, daß meine Liebe zur Naturgeschichte mir mancherlei Gegenstände, die vielen der Beachtung unwerth erscheinen, zu Quellen der Unterhaltung und Belehrung macht. Das einfachste Kräutchen, das auf meinem Pfade wächst, die unscheinbare Mücke, welche um mich her summt, gewährt mir Stoff zum Nachsinnen und zur freudigen Bewunderung.

Wir befinden uns jetzt im Angesicht von Grün-Eiland. Es ist die größte und, meines Bedünkens, eine der bevölkertsten Inseln, an denen wir bisher vorbeigekommen sind. Mit jeder Minute nimmt die Scenerei an Schönheit zu.

So weit das Auge reichen kann, sieht man das Ufer dicht mit Dörfern und Meiereien in einer fast ununterbrochnen Linie bedeckt. Auf der Südseite glänzt und funkelt Alles von den Zinndächern der ansehnlicheren Gebäude; die übrigen Häuser sind mit weiß übertünchten Schindeln gedeckt. Letztere gefallen mir weniger als die einfachen (nicht angestrichnen) Schindeln; die weiße Farbe der Dächer der Hütten und Hausstätten blendet das Auge, und vergebens sieht man sich zur Erleichterung nach Schiefer- oder Stroh-Dächern um; die Schindeln, in ihrem natürlichen Zustande, erlangen bald das Ansehn von Schieferplatten, so daß man sie kaum davon unterscheiden kann. Was würden Sie zu einem rosenroth angestrichnen Hause mit einem Dache von derselben muntern Farbe, und auf der Vorderseite mit grünen Fensterladen, grünen Thüren und einer grünen Verandah (Vorhalle) sagen. Jedenfalls ist das Innere in entsprechendem Geschmack verziert. In der Regel bemerkt man in einem canadischen Dorfe, ein oder mehre dergleichen rosenfarbne Häuser, die sich durch ihr prahlendes Aeußere vor ihren bescheidnern Brüdern auszeichnen.

Den elften August. — Gleich unter Grün-Eiland nahmen wir einen wirklichen Lootsen an Bord, den ich indeß, beiläufig gesagt, nicht halb so gut leiden kann, als Herrn Paul. Er ist etwas superklug und scheint sich offenbar nicht wenig auf seine überlegne Kenntniß des Flußes einzubilden. Der gutmüthige Fischer verließ seinen Posten mit recht gefälligem Anstand und scheint mit seinem geschickteren Nebenbuhler bereits ziemlich befreundet zu sein. Ich meines Theils gerieth in große Sorge, als der neue Lootse an Bord kam; das erste was er that, war, daß er uns einen gedruckten Zettel einhändigte, welcher Verordnungen von Seiten des Gesundheit-Ausschusses zu Quebek hinsichtlich der Cholera enthielt, die, nach seiner Aussage, sowohl an diesem Orte als zu Montreal wahrhaft pestartig wüthet.

Diese Verordnungen verbieten sowohl dem Capitain als dem Lootsen, unter Androhung schwerer Strafe im Unterlassungsfall, ausdrücklich, irgend Jemand, sei es von der Schiffsmannschaft oder den Passagieren, ohne vorherige strenge Untersuchung von Seiten der Quarantaine-Anstalt aus dem Schiffe zu entlassen.

Dies war für alle höchst unangenehm und ärgerlich, besonders da der Capitain an demselben Morgen den Vorschlag gethan hatte, daß er uns an einem anmuthigen Orte, Namens Kranich-Insel landen wolle, damit wir den Nachmittag bis zur Rückkehr der Fluthzeit in dem Hause eines angesehnen Schotten zubringen könnten, der die beste Ansiedelung, sowohl in Hinsicht der Gebäude als Anlage des Bodens, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, daselbst besitzt.

Die Lage der Insel ist an sich selbst sehr schön. Um sie her fluthet der gewaltige St. Laurence-Fluß, auf seinen Wogen den Handel verschiedner Nationen tragend; im Vordergrunde sind die volkreichen und lebhaften Ansiedelungen der südlichen Ufer, während dahinter und weit darüber hinaus sich die hohe Bergkette nach Norden zu erhebt, gegenwärtig dicht mit Dörfern, anmuthigen Meiereien und angebauten Feldern bedeckt. Die Insel selbst zeigte uns ebne freie Plätze und smaragdgrüne Wiesen, nebst Obstpflanzungen und Kornfeldern, die sanft abwärts nach dem Wasser-Rande verliefen. Nach einer Einkerkerung von ziemlich fünf Wochen an Bord des Schiffs, können Sie sich leicht vorstellen, mit welcher Freude uns die Aussicht erfüllte, einige Stunden an diesem einladendem Orte zuzubringen.

Wir hoffen, diesen Abend den Quarantaine-Platz (Gros-Eiland) zu erreichen, wo wir, wie uns der Lootse sagt, drei Tage werden verweilen müssen. Ob wir uns gleich alle einer guten Gesundheit erfreuen, so müssen wir doch, weil wir aus einem inficirten Hafen kommen, Quarantaine halten und dürfen nicht landen.

Den zwölften August. Wir erreichten Gros-Eiland gestern Abend, — eine schöne felsige Insel, mit Buchen-, Birken-, Eschen- und Tannen-Wäldchen bedeckt. Es liegen hier verschiedne Schiffe dicht am Ufer vor Anker, eins davon führt das traurige Krankheitssymbol, die gelbe Flagge; es ist ein Passagier-Schiff und hat Pocken- und Masern-Kranke unter seiner Mannschaft. Sobald sich an Bord Zeichen von ansteckenden Krankheiten äußern, wird die gelbe Flagge aufgesteckt, und die Erkrankten werden in das Cholera-Hospital oder hölzerne Gebäude geschafft, welches auf einer Anhöhe des Ufers errichtet worden ist. Es ist mit Palisaden und einer Soldaten-Wache umgeben.

In einer kleinen Entfernung vom Hospital steht ein temporäres Castell mit einer Besatzung, zur Aufrechterhaltung und Einschärfung der Quarantaine-Vorschriften. Diese Vorschriften gelten als sehr mangelhaft und in mancher Hinsicht als völlig ungereimt; in der That bringen sie den unglücklichen Emigranten bedeutende Nachtheile[4].

Wenn die Passagiere und Mannschaft eines Schiffs eine gewisse Anzahl nicht übersteigen, so ist es ihnen, unter Verantwortlichkeit sowohl des Capitains als des Uebertreters, nicht erlaubt, zu landen; überschreiten sie dagegen die festgesetzte Zahl, — sie seien nun krank oder gesund, so müssen beide — Passagiere und Mannschaft — ans Land gehen, ihre Betten und Kleider mitnehmen, die man auf dem Ufer ausbreitet, um sie zu waschen, zu lüften und zu durchräuchern, wodurch die Gesunden nothwendiger Weise jeder Gelegenheit zur Ansteckung von Seiten der Kranken ausgesetzt werden.

Die Schuppen und Gebäude zur Aufnahme derjenigen, die sich den Quarantaine-Gesetzen unterziehen müssen, stehen in der unmittelbaren Nähe des Hospitals.

Nichts kann größer sein, als mein sehnsüchtiges Verlangen nach der Erlaubniß zum Landen und zur Durchforschung dieser malerischen Insel; das Wetter ist so schön, und die unter dem Einfluß kühler Lüftchen hin und her wogenden grünen Wäldchen, die kleinen felsigen Baien und Einbuchten der Insel erscheinen so reizend und lockend! — aber allen meinen Bitten setzte der besuchende Arzt, welcher an Bord des Schiffs kam, ein entschiedenes Nein entgegen.

Wenige Stunden nach seinem Besuche indeß langte ein indianischer Korb, gefüllt mit Stachelbeeren und Himbeeren, nebst einem Strauße wilder Blumen und dem Compliment dieses Arztes an Bord unsers Kerkers an.

Ich unterhalte mich mit Entwerfung kleiner Skitzen des Castells und der umgebenden Landschaft oder beobachte die am Ufer umherwandelnden Auswandrer-Gruppen. Wir haben bereits die Passagiere von drei Emigranten-Schiffen landen sehen. Man glaubt, einen Meßplatz oder mit Menschen überfüllten Markt vor sich zu haben: Kleider flattern im Winde oder liegen auf dem Erdboden ausgebreitet; überall stößt das Auge auf Kisten, Bündel, Körbe; auf Männer, Weiber und Kinder, die theils schlafen, theils sich in der Sonne weiden; einige sind mit Ordnung ihrer Güter beschäftigt, die Weiber waschen und kochen unter freiem Himmel, neben den Holz-Feuern, die auf dem Strande lodern; während hier und da Gruppen von Kindern in fröhlicher Ausgelassenheit einander haschen und jagen, ihre neuerlangte Freiheit genießend. Mit diesen vermischt zeigen sich die stattlichen Gestalten und bunten Uniformen der Schildwachen, während der dünne blaugraue Rauch der brennenden Holzstöße sich langsam über die Bäume wegwälzt und die malerische Wirkung der Scene erhöht. Als mein Gatte die Aufmerksamkeit eines Offiziers vom Castell, der an Bord des Schiffs gekommen war, auf die malerische Erscheinung vor uns lenkte, erwiederte dieser mit einem traurigen Lächeln: »Glauben Sie mir, daß in gegenwärtigem Falle, so wie in vielen andern, nur die Ferne dem Anblick einen Zauber verleiht; könnten Sie einige von jenen so heiter erscheinenden Gruppen, die Sie bewundern, näher betrachten, so würden Sie, denk' ich, ihr Auge mit siechem Herzen davon abkehren; Sie würden hier die Krankheit in allen ihren Formen, Sie würden Laster, Armuth, Schmuz und Hungersnoth — das menschliche Elend in seinen grellsten Farben und in der abscheulichsten Gestalt erblicken, Scenen, wie sie nur der Pinsel eines Hogarth zu malen, oder die Feder eines Crabbe zu schildern vermöchte.«

Den vierzehnten August. — Wir haben die Anker wieder gelichtet und schwimmen mit der Fluth stromaufwärts. Gros-Eiland liegt gerade fünfundzwanzig englische Meilen unterhalb Quebek, ein günstiger Wind würde uns binnen wenigen Stunden dahin führen; vor der Hand kommen wir nur kleine Strecken vorwärts und legen, wenn uns die Fluth verlassen, bald an dem einen, bald an dem andern Ufer an. Indeß macht mir diese Art zu steuern Vergnügen, indem sie mir Gelegenheit verschafft, beide Seiten des Flusses, der sich, je mehr wir uns Quebek nähern, immer mehr und mehr verschmälert, genauer kennen zu lernen. Morgen werden wir, wofern kein Hinderniß eintritt, im Angesicht eines Ortes ankern, der sowohl wegen der geschichtlichen Erinnerung, welche er weckt, als auch wegen seiner natürlichen schönen Lage alle Aufmerksamkeit verdient. Bis Morgen also Adieu.

Ich rechnete sehr darauf, die Wasserfälle von Montmorenci zu sehen, die sich im Angesicht des Flusses befinden; allein die Sonne ging unter, und die Sterne stiegen glänzend am Himmel empor, ehe wir das Geräusch des Katarakts vernahmen; und ob ich gleich meine Augen anstrengte, bis ich es müde wurde, die von den Schatten der Nacht verschleierte Scenerei anzustarren, so konnte ich doch nichts als die dunkeln, den Canal bildenden Felsen-Massen erkennen, zwischen welchen hindurch die Wassermassen des Montmorenci in den St. Laurence-Fluß strömen.

Am zehnten August, Nachts Um zehn Uhr schimmerten uns die Lichter der Stadt Quebek aus der Ferne, wies ein Sternen-Kranz über dem Wasser, entgegen. Um halb elf Uhr ließen wir der Citadelle gegenüber die Anker fallen, und ich versank in Schlaf, von den mannigfaltigen Scenen träumend, an denen ich vorbeigekommen war.

Abermals sollte ich in meiner Erwartung, das Ufer zu betreten, getäuscht werden. Der besuchende Arzt rieth meinem Gatten und mir, ja nicht ans Land zu gehen, indem die immer noch in der Stadt herrschende Sterblichkeit dies sehr gefährlich mache. Er gab uns eine traurige Schilderung von dem Platze. »Oede und Wehe und große Trauer, — Rahel beweint ihre Kinder, denn sie sind nicht mehr!« sind Worte, die man passend auf diesen von der Seuche heimgesuchten Ort anwenden kann.

Nichts ist wohl imposanter als die Lage von Quebek, welche die Seiten und den Gipfel eines großartigen Felsen einnimmt, auf dessen höchstem Punkte (Cap Diamant) das Castell steht, welches den Fluß beherrscht und eine treffliche Aussicht auf die umgebende Gegend gewährt. Die Einbuße dieses edeln Anblicks war mir in der That sehr unlieb, und gewiß dürfte mir nie seines Gleichen vorkommen; er würde noch lange in meiner Erinnerung fortgelebt und, nachdem ich bereits Jahre lang in der Einsamkeit der canadischen Wälder begraben gewesen, meinen Augen vorgeschwebt haben.

Die Anhöhen gegenüber, die sogenannte Point Levi-Seite, sind höchst malerisch, jedoch weniger gebietend als der Felsen, vorauf die Stadt steht. Das Ufer ist steinig, abschüssig und mit Bäumen bekleidet, die sich bis an den Rand des Wassers erstrecken, ausgenommen da, wo sie gefällt worden sind, um weißübertünchten Hütten, Gärten und Obstpflanzungen Platz zu machen. Allein meiner Ansicht nach würde diese höchst romantische Lage eine noch weit schönere Wirkung hervorbringen, wenn man auf die Gebäude und Anlage des Bodens mehr Geschmack verwendet hätte. Wie reizend und anziehend würde ein solcher Platz in England oder Schottland geworden sein. Die Natur hat hier alles gethan, der Mensch aber nur wenig, und die hier und da von ihm errichteten plumpen hölzernen Häuser, welche eben so elend als geschmacklos sind, geben ihm eben keine Ansprüche auf Lob. Es ist indes möglich, daß weiter aufwärts hübsche Dörfer und Häuser vorkommen, die jedoch durch die dazwischen liegenden Wäldchen dem Auge entzogen werden.

Von Point Levi bis zu den Landungsstufen unterhalb des Zollhauses in Quebek soll der Fluß gerade eine englische Meile breit sein; es war sehr unterhaltend für mich, die Fährböte zwischen den beiden Ufern spielen zu sehen. Wie mir der Capitain sagte, sind hier nicht weniger als zwölf dergleichen seltsam aussehende Maschinen im Gange. Sie haben jedes seine bestimmten Stunden, so daß man sie in fortwährender Aufeinanderfolge kommen und gehen sieht. Die Zusammengruppirung von allerlei Passagiren macht ihren Anblick ebenfalls eigenthümlich; schlecht- und gutgekleidete, alte und junge, arme und reiche Leute;

Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Hunde, Geflügel, Marktkörbe, Gemüse, Früchte, Heu, Korn, kurz Alles, was man sich nur denken kann, gleiten darauf über den Fluß.

Die Fährböte sind flach, rings herum mit Gitterwerk als Brustwehr versehen, und haben an jedem Ende ein Weiden-Flechtwerk zur Aufnahme der lebendigen und leblosen Ladung; die Mitte des Bootes, wenn man es so nennen kann, nehmen vier magre, abgetriebne Pferde ein, die im Kreise gehen, wie bei einer Dreschmaschine, und die Ruderschaufeln zu beiden Seiten in Bewegung setzen. Für das Vieh ist eine Art Hürde da.

Wie ich höre, ist man gegenwärtig mit Errichtung eines Denkmals zu Ehren des General Wolf im Gouverneurs-Garten, welcher an den St. Laurence stößt und von Point Levi aus gesehen werden kann, beschäftigt. Ueber die Inschrift ist man noch nicht einig[5].

Der Capitain ist so eben von der Stadt zurückgekehrt. Recht gütig hat er für mich einen Korb mit reifen Aepfeln, frischem Fleisch, Gemüse, Brod und Butter an Bord gebracht. Auf dem Deck wimmelt es von Zollbeamten und Leuten, die einen Theil der Schiffs-Fracht, welche hauptsächlich in Rum, Branntwein, Zucker und Kohlen als Ballast besteht, ausladen. Gegen fünf Uhr Abends sind wir gesonnen, Quebek zu verlassen. Das brittische Amerika, ein prächtiges Dampfschiff mit dreifachem Deck, wird uns bis Montreal bugsiren (ins Schlepptau nehmen). Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen.


Fußnoten:

[2] Delphinus Phocaena.

[3] Siehe des Seemann's Sindbad Reisen in den arabischen Mährchen (Tausend und eine Nacht).

[4] Es ist zu hoffen, daß die Regierung diesen mangelhaften und nachtheiligen Gesetzen abhelfen werde, da sie in der That zu wiederholten Malen gerade die Uebel, welche der Gesundheits-Ausschuß von der Colonie abzuhalten wünscht, für die armen Auswandrer herbeigeführt haben.

Manches schätzbare Leben ist durch die zu nahe Zusammengesellung der Gesunden mit den Angesteckten muthwillig geopfert worden, nicht zu gedenken der vielen andern Leiden, Ausgaben und Unbequemlichkeiten, die man dem heimathslosen Wandrer wohl ersparen könnte.

Müssen nun einmal Quarantaine-Gesetze bestehen, — und ich halte sie für ein nothwendiges Uebel, — so sollte man wenigstens alles thun, um sie für die Emigranten so wenig drückend und nachtheilig, als möglich zu machen.

[5] Seit jener Zeit, zu welcher die Verfasserin Quebek besuchte, ist Wolf's Denkmal vollendet worden. Lord Dalhousie hat in der Weihschrift der Säule mit eben so viel Geschmack als Gefühl, die Namen der beiden mit einander wetteifernden Helden, Wolf und Montcalm, vereinigt, eine Freisinnigkeit, welche den canadischen Franzosen nur angenehm sein kann, während sie dem brittischen Krieger nichts von seinem Ruhme entzieht.

Der Entwurf zu dem Monument ist das Werk Major Young's vom 97. Regiment. Die Höhe des Untersatzes, vom Fußboden aus, beträgt vierzehn Fuß; auf dem Untersatz ruht ein sieben Fuß, drei Zoll hoher Sarcophag, und von diesem erhebt sich eine zweiundvierzig Fuß, acht Zoll hohe Spitzsäule; die Breite der letztern, an der Grundfläche, beträgt sechs Fuß, die Dicke vier Fuß, acht Zoll. J. C. Fisher, L. L. D. erhielt für nachstehende Inschrift auf den Sarg eine Preis-Medaille: —

Mortem virtus communem
Famam Historia
Monumentum Posteritas
Dedit.

Auf dem Untersatz über der Schwelle ist eine Inschrift von Dr. Mill's Feder, welche Lord Dalhousie, den Statthalter von Unter-Canada, als Kostenbestreiter nennt, und die Todestage von Wolf und Montcalm, den 13. und 14. Septbr. 1759 angiebt. Wolf fiel auf dem Schlachtfelde; und Montcalm, durch die einzige Kanone im Besitz der Engländer verwundet, starb am folgenden Tage nach der Schlacht.


Dritter Brief.

Abfahrt von Quebek. — Wir werden von einem Dampfschiffe bugsirt. — Fruchtbarkeit des Landes. — Verschiedne Gegenstände, die sich uns beim Hinaufsteuern des Flusses darbieten. — Ankunft vor Montreal. — Die Stromschnellen (Rapids).

Brig Laurel, St. Laurence, unterhalb Montreal,
August 17, 1832.

Es war nach Sonnenuntergang und ein schöner Abend, als wir Quebek verließen, was in Gesellschaft eines schönen Dampfschiffs geschah, dessen Deck und Gallerie von Passagiren aller Art wimmelten; in der That ein herrliches Fahrzeug, auf welchem das Auge mit Vergnügen weilte; es durchpflügte stattlich das Wasser, welches unter seinen Ruderschaufeln schäumte und rauschte; während unsre Brig mit ihren weißen Segeln, gleich einem Schmetterling, seiner Spur folgte. Am Himmel glühte das schönste Rosenroth und Orangengelb, welche sich unten im Fluße abspiegelten; dann kamen die Sterne zum Vorschein und leuchteten in dem reinen blauen Aether, glänzender, als ich sie je in der Heimath gesehen, was sich, meines Bedünkens, wohl der größeren Reinheit der Atmosphäre zuschreiben lassen dürfte. Mein Gatte sagte, daß dieser Abend einem italienischen Sonnen-Untergang gleiche.

Unsre Fahrt war höchst angenehm; das Wetter war mäßig warm, und die Luft völlig rein und heiter. Wir haben während der letzten wenigen Tage eine kalte, feuchte Atmosphäre, wie wir sie oft während des Frühlings in England erfahren, mit einem wonnevollen, durch leichte, vom Flusse her wehende Lüftchen gekühlten Sommer vertauscht.

Je weiter wir landeinwärts kommen, desto fruchtbarer erscheint die Gegend. Die Saaten reifen unter einem milderen Klima, als das unterhalb Quebek ist. Wir sehen Felder mit indianischem Korn in voller Blüthe; eine stattliche Getraideart, mit schöner federartiger, reich purpurfarbiger Aehre, unter welcher sich Büschel von blaßgrünen, seidenähnlichen Blättern im Winde hin- und herbewegen. Nachdem diese Pflanze ihre völlige Reife erlangt hat, soll es ein schöner Anblick sein, die goldnen Körner aus ihrer Silber-Scheide hervorbersten zu sehen; zugleich ist dieselbe dem Froste sehr ausgesetzt und hat manche Feinde: als Bäre, Racuns (Waschbäre), Eichhörnchen, Mäuse, Vögel u. s. w.

Wir sehen längs den Ufern des Flusses mehre Tabacks-Felder, welche einen gesunden und gedeihlichen Anblick zeigen. Wie ich glaube, wird in beiden Provinzen Taback in ziemlicher Ausdehnung erbaut; allein der canadische Taback wird nicht so hoch geschätzt, als der virginische.

An der Vereinigungsstelle des Richelieu Flusses mit dem St. Laurence liegt eine blühende Stadt, vormals Sorel, jetzt aber Fort William Henry genannt. Ihre Lage ist vortrefflich. Sie hat mehre Kirchen, ein Castell mit Mühlen und andern öffentlichen Gebäuden, und darunter einige schöne massive Häuser. Der Boden in der unmittelbaren Nähe der Stadt indeß scheint leicht und sandig zu sein.

Ich hatte sehr gewünscht ein Log-Haus oder eine Shanty (Hütte) in der Nähe zu sehen, und fand mich hinsichtlich der wenigen, längs den Ufern des Flusses errichteten Gebäude dieser Art etwas in meinen Erwartungen getäuscht; es war nicht sowohl die Rohheit des Materials als vielmehr die scheunenartige Form derselben, und die geringe Rücksichtsnahme auf malerische Wirkung in ihrer Anlage, welche mir mißfielen. In England besitzt selbst der Bauer so viel Geschmack, einige Rosen- oder Geisblatt-Sträucher vor Thür und Fenster zu pflanzen, wozu noch ein kleines eingefriedigtes schmuckes Gärtchen kommt; aber hier gewahrt man keinen solchen Versuch zur Verschönerung der Hütten. Wir sehen keinen lachenden Obstgarten oder Strauch, der die nackten Holz-Wände verdeckte; und was die kleinen Meiereien anlangt, so sind sie noch häßlicher und ohne allen Geschmack dicht an den Wasserrand gebaut.

Weiter nach hinten erscheint ein verschiedner Bau- und Cultur-Styl: die Meiereien und hölzernen Häuser sind recht hübsche, von gutem Geschmack zeigende Gebäude, mit hier und da ausgestreuten Baumgruppen zur Unterbrechung der Einförmigkeit.

Das Land ist eine fast ununterbrochne platte Ebne, und augenfällig fruchtbar und gut angebaut, aber zu flach, um eine malerische Wirkung hervorzubringen. Die Gegend zwischen Quebek und Montreal hat ganz das Ansehen eines seit langer Zeit unter Cultur befindlichen Bodens, vorzüglich auf dem rechten Flußufer. Indeß ist noch ein großer Theil Wald übrig, dessen Lichtung noch vieljährige Arbeit erheischen wird.

Wir kamen an einigen grasreichen Eilanden vorbei, worauf manche Viehheerde weidete. Ich zerbrach mir den Kopf, wie sie dahin kämen; der Capitain erklärte mir aber, daß es Brauch der Meierei-Besitzer sei, ihr Vieh auf diese futterreichen Inseln in Nachen mit flachen Böden zu transportiren oder, wo es nicht zu tief sei, hinüber schwimmen, und es so lange, als das Futter gut befunden werde, dort zu lassen. Werden Kühe auf ein Eiland, innerhalb einer angemeßnen Entfernung von der Meierei, versetzt, so geht täglich jemand in einem Kahne dahin ab, um sie zu melken. Als er mir dies erzählte, ruderten eben ein Knabe und ein stämmiges Mädchen, mit zinnernen Gelten, in einem kleinen Nachen vom Ufer her quer durch den Fluß, um ihre Heerden zusammen zu rufen.

Auf unsrer Weiterfahrt bemerkten wir zur Rechten einige höchst anmuthige Dörfer, aber unser Lootse war etwas einfältig und konnte oder wollte uns ihre Namen nicht nennen. Es war Sonntags früh; wir konnten eben das Läuten der Kirchthurm-Glocken vernehmen, und es zeigten sich lange Reihen von Caleschen, leichten Wagen, Reitern und Fußgängern, welche durch die zum Kirchhof führende Allee vorübereilten; außer diesen glitten Boote über den Fluß, welche demselben Friedens-Hafen zusteuerten.

In einem Theil des St. Laurence, wo Untiefen und Sandbänke die Fahrt durch das Flußbett schwierig machen, gewahrt man kleinen Wassermühlen ähnelnde Leuchtthürme, auf hölzernen Pfählen, die sich über die flachen Ufer erheben, auf welchen sie errichtet sind. Diese drolligen Thürme oder Hüttchen waren bewohnt, und von einem derselben herab sahen wir eine lustige Gesellschaft, in ihrem Feststaate, mit einer andern in einem unten haltenden Kahne zur Kurzweil plaudern. Ihrem Aeußern nach waren sie wohl, und in der That recht vergnügt, indeß beneidete ich ihnen ihre Lage nicht, die, meines Bedünkens, der Gesundheit nicht anders als nachtheilig sein kann.

Einige (englische) Meilen unter Montreal gewann die Gegend ein reicheres und volkreicheres Ansehn; und die in weiter Ferne am Saume des Horizonts sich hindehnende blaue Bergkette fügte der Landschaft keinen kleinen Reiz hinzu. Die reiche Gluth der reifen Saaten bildete einen schönen Contrast mit dem azurnen Himmel und der bläulichen Wasserfläche des St. Laurence. Die Fluß-Scenerei unweit Montreal ist von der unterhalb Quebek sehr verschieden; letztere hat einen wilden rauhen Anblick, und ihre Erzeugnisse sind offenbar die eines kältern, weniger von der Natur begünstigten Klimas. Was der letztern an Großartigkeit und malerischer Wirkung abgeht, ersetzt sie reichlich durch Fruchtbarkeit des Bodens und wärmere Temperatur. In dem untern Theil der Provinz merkt man nur zu sehr, daß die Betriebsamkeit der Bewohner einem widerspänstigen Boden das nöthige Brod abzwingt; während in dem oberen das Land willig scheint, eine mäßige Anstrengung mit Erfolg zu belohnen. Man vergesse nicht, daß dies blos die flüchtigen Bemerkungen einer schnell vorüberwandernden Reisenden sind und sich keineswegs auf persönliche Erfahrung gründen.

Ein Gefühl von Angst und Furcht, das wir einander nicht gern gestehen mochten, um nicht als schwach zu erscheinen, lastete auf unsern Gemüthern, als wir uns der angesteckten Stadt näherten; aber Niemand sprach nur ein Wort davon. Mit welchem ungemischten Entzücken, mit welcher Bewunderung würden wir zu jeder andern Zeit die sich vor unsern Augen erschließende Scene betrachtet haben.

Der Fluß breitet sich hier in ein weites Becken aus, welches mit Inseln gefüllt ist, auf deren größter Montreal liegt.

Der hohe Berg, wovon die Stadt ihren Namen hat, erhebt sich gleich einer Krone über dieselbe und bildet einen eigenthümlichen und großartigen Zug in der schönen Landschaft, der mich an einige einzeln stehende Felsen in der Nachbarschaft von Inverneß erinnerte.

Quebek gegenüber, gerade vor den Flußschnellen (Rapids) ist die Insel St. Helens gelegen, ein Ort von unbeschreiblicher Anmuth. Die Mitte derselben nimmt ein Wäldchen von hohen Bäumen ein, während die sanft nach dem Wasser zu geneigten Ufer mit dem grünsten Rasen bedeckt sind. Dieses schöne Schauspiel wurde noch durch die Erscheinung der auf der Insel in Garnison liegenden Truppen erhöht.

Die Flußufer, dicht mit trefflich angebauten Meiereien besetzt; das Dorf la Prairie, mit der kleinen Insel St. Ann's in der Ferne; die blitzenden Thürme und Dächer der Stadt mit ihren Gärten und Landhäusern, — gewähren in dem sanften Glanze eines canadischen Sonnenuntergangs einen über die Maaßen lieblichen Anblick.

Die zum Abendgebet läutenden Kirchen-Glocken, das murmelnde Getös menschlicher Stimmen, vom Ufer her, mischten sich harmonisch mit dem Rauschen der Flußschnellen. Diese Flußschnellen (Rapids) werden durch eine Senkung des Flußbetts gebildet. An einigen Stellen ist die Neigung allmälig, an andern aber plötzlich und abgebrochen. Wo der Wasserstrom durch Kalkstein- oder Granit-Massen gehindert ist, wie bei den Cascaden, den Cedern und dem Long-Sault, erzeugt er Strudel und Katarakte. Aber die Flußschnellen unterhalb Montreal sind nicht von diesem großartigen Charakter, man erkennt sie blos an der ungewöhnlichen Geschwindigkeit des fließenden Wassers, und an der Trübung der Oberfläche durch Schaum, Wellenschlagen und Wirbel. Um mich kurz zu fassen, ich fand meine Erwartung, etwas besonders Erhabenes zu sehen, getäuscht, und war gewissermaßen halb ärgerlich über diese sich so kleinlich und unbedeutend zeigenden Flußschnellen, durch die uns unser treuer Gefährte, das mit dem Namen Brittsch-Amerika bezeichnete Schiff, glücklich und wohlbehalten bugsirte.

Da der Capitain ungewiß ist, wie lange er sich in Montreal wird aufhalten müssen, so sende ich diesen Brief ohne weiteren Aufschub ab, und denke sobald als möglich wieder zu schreiben.


Vierter Brief.

Landung zu Montreal. — Erscheinung der Stadt. — Verheerungen der Cholera. — Wohlthätigkeits-Anstalten zu Montreal. — Katholische Cathedrale. — Unter- und Ober-Stadt, Gesellschaft und Unterhaltung im Hotel. — Die Verfasserin wird von der Cholera befallen. — Abreise von Montreal im Postwagen. — Einschiffung zu Lachine an Bord eines Dampf-Schiffes. — Abwechselndes Reisen in Dampfschiffen und Postwagen. — Erscheinung des Landes. — Manufacturen. — Oefen, in einiger Entfernung von den Hütten. — Zieh-Brunnen. — Ankunft zu Cornwall. — Bedienung im Gasthause. — Abreise von Cornwall, und Ankunft zu Prescott. — Ankunft zu Brockwille. — Dasiger Stapelplatz. — Reise durch den See Ontario. — Ankunft zu Cobourg. —

Nelson Hotel, Montreal. August 21.

Wieder einmal auf festem Grund und Boden, Theuerste Mutter! welches eigenthümliche Gefühl ist es doch, das feste Land wieder zu betreten, erlößt von der schwankenden Bewegung des Schiffes auf dem wogenden Wasser, dem ich jetzt wirklich mit Freuden Lebewohl sagte.

Mit Tagesanbruch war Jedermann an Bord aus dem Bette und traf geschäftig alle Vorbereitungen, ans Land zu gehen. Der Capitain selbst gab uns verbindlichst das Geleite und ging mit uns bis zum Gasthof, wo wir jetzt logiren.

Es machte uns einige Schwierigkeit, ans Ufer zu gelangen, wegen der schlechten Beschaffenheit des Landungsplatzes. Der Fluß war mit treibenden Baumstämmen gefüllt, zwischen welchen das Boot hindurchzusteuern, einige Geschicklichkeit erforderte. Es wird jetzt ein Kai gebaut[6], dessen Nothwendigkeit sich nur zu fühlbar gemacht hat.

Zunächst fielen uns die schmuzigen, engen, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen der Vorstädte auf, und zugleich betäubte uns der niedrige, aus einem tiefen, offnen, längs der Straße hinter dem Kai verlaufenden Graben aufsteigende Dunst. Dieser Graben schien zur Aufnahme jedes Unflathes bestimmt und an sich allein hinreichend, die ganze Stadt mit bösartigen Fiebern zu inficiren[7].

Bei meiner ersten Bekanntschaft mit dem Innern von Montreal, einem Orte, wovon Reisende so viel gesagt haben, fand ich mich sehr getäuscht. Ich verglich es in Gedanken mit den Früchten des todten Meeres, die schön und lockend anzuschauen sind, aber blos Asche und Bitterkeit geben, wenn sie der durstige Reisende kostet[8].

Ich bemerkte einen besondern Zug an den Gebäuden der sich im Angesicht des Flusses hinziehenden Vorstadt, — nämlich daß sie meistentheils von dem untersten bis zum obersten Stockwerk mit breiten hölzernen Balcons versehen waren. In einigen Fällen umgeben diese Balcons die Häuser auf drei Seiten und scheinen eine Art Außengemächer zu bilden; zu einigen derselben führten breite Treppen von außen hinauf.

Ich erinnerte mich, als Kind von dergleichen Häusern geträumt und sie sehr einladend gefunden zu haben, auch könnten sie dies wirklich sein, wenn sie von rankendem Strauchwerk beschattet und mit Blumen geschmückt wären, um gleichsam schwebende Gärtchen oder süßduftende Laubengänge abzugeben. Aber nichts der Art erfreute unsre Augen, als wir mühsam durch die langen Straßen wanderten. Alle Gasthäuser und Herbergen waren bis unters Dach hinauf mit Auswandrern jedes Alters, aus England, Schottland und Irland, überfüllt. Die Laute wilder Ausgelassenheit, welche aus ihnen hervorbrachen, schienen sich schlecht mit den bleichen eingefallnen Gesichtern mancher dieser gedankenlosen Lärmer zu vertragen.

Der Contrast war für den, der diese Entfaltung äußerer Lustigkeit bei innerem Elend zu würdigen verstand, nur zu fühlbar und schmerzlich.

Die Cholera hatte grauenvolle Niederlagen angerichtet, und ihre heillosen Wirkungen waren an den verschloßnen und verdunkelten Wohnungen und an den Trauerkleidern aller Klassen zu erkennen. Ein Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Angst zeigte sich in den Gesichtern der wenigen Menschen, welchen wir auf unserm Wege nach dem Gasthause begegneten, und verriethen uns deutlich den Zustand ihres Innern.

In einigen Stadttheilen waren ganze Straßen fast entvölkert; die, welche konnten, flohen, von Schrecken ergriffen, auf die Dörfer, während andre zurück blieben, um im Schooße ihrer Familie zu sterben.

Keiner Klasse hat sich die Krankheit so verderblich gezeigt, als den ärmern Emigranten. Viele von diesen, geschwächt durch die Entbehrungen und Strapazen einer langen Reise, überließen sich, als sie Quebek oder Montreal erreicht, jeder Ausschweifung, jedem Uebermaß — vorzüglich der Völlerei, und gleichsam als hätten sie sich vorsätzlich den Weg zum gewissen Verderben gebahnt, fielen sie unmittelbare Opfer der Krankheit.

In einem Hause starben elf Menschen, in einem andern siebzehn; ein kleines siebenjähriges Kind blieb allein übrig, das traurige Ereigniß zu verkünden. Diese arme verlassene Waise nahmen die Nonnen in ihre wohlthätige Anstalt auf und erwiesen ihr jede Aufmerksamkeit, welche Menschenliebe nur immer fordern kann.

Die Zahl sowohl aus Katholiken als Protestanten bestehender Wohlthätigkeits-Vereine ist beträchtlich, und diese entfalten eine Duldsamkeit und Freisinnigkeit, welche beiden Confessionen zur Ehre gereicht, indem sie einzig und allein von dem Geiste christlicher Liebe beseelt erscheinen.

Ich wüßte keinen Ort, selbst London nicht ausgenommen, wo die Ausübung wohlwollender Gesinnungen so sehr hervorgefordert würde, als in diesen beiden Städten, Quebek und Montreal. Hier vereinigen sich die Unglücklichen, die von den erforderlichen Mitteln Entblößten, die hülflose Waise, die Bejahrten, der arme aber tugendhafte Mann, den die strenge Hand der Nothwendigkeit aus seiner Heimath von seinem Herde getrieben hat, um in einem fernen, fremden Lande von Krankheit oder Mangel dahin gerafft zu werden.

Es ist ein trauriger Umstand, daß sehr viele der ärmsten Auswandrer, die unter dem Einfluß der Cholera ihr Leben verloren, keine Spur hinterlassen haben, wodurch ihre bekümmerten Freunde im alten Vaterlande über ihr Schicksal in Kenntniß gesetzt werden könnten. Die Krankheit ist so plötzlich, so heftig, daß sie dem Befallnen keine Zeit zu Ordnung weltlicher Angelegenheiten übrig läßt. Die Aufforderung kommt, nicht wie an Hesekiah: »Bringe dein Haus in Ordnung, denn du sollst sterben, und nicht leben!«

Das Wetter ist drückend heiß, von häufigen Gewitter-Schauern begleitet, die aber keineswegs die Wirkung haben, welche man davon erwartet, denn sie kühlen die erhitzte Atmosphäre keineswegs ab. Ich fühle einen Grad von Abspannung und Mattigkeit, der mich sehr verstimmt und schlimmer ist als wirklicher Schmerz.

Anstatt diesen Ort mit der ersten Gelegenheit nach der oberen Provinz verlassen zu können, wie wir uns fest vorgenommen, sehen wir uns genöthigt, zwei Tage länger zu bleiben, woran die Weitläufigkeit und Umständlichkeit der Zollbeamten in Untersuchung unsers Gepäckes schuld ist.

Die Hitze war fortwährend so drückend, daß sie mir nur wenige Ausflüge aus dem Hause verstattete. Ich habe, ausgenommen die Straßen in der Nähe des Gasthofs und die katholische Kirche, wenig von der Stadt und ihren öffentlichen Gebäuden gesehn. Die Kathedrale erhielt meinen Beifall; sie ist in der That ein schönes Gotteshaus, jedoch immer noch unvollendet; so sind die Thürme nicht zu der ursprünglich bestimmten Höhe geführt. Das östliche Fenster, hinter dem Altar, ist siebzig Fuß hoch und dreiunddreißig Fuß breit. Die Wirkung dieses großartigen Fensters, dem Eingange gegenüber, der Altar mit seinen Zierrathen und Gemälden, die verschiednen kleinern Altäre und Kapellen, sämmtlich mit Gegenständen aus der heiligen Schrift verziert, die leichten Gallerien, welche den mittlern Theil der Kirche umgeben, die doppelte Säulen-Reihe, worauf das gewölbte Dach ruht, und die Bogenfenster, Alles vereinigt sich zur Bildung eines schönen Ganzen. Am meisten erfreute mich die äußerste Leichtigkeit des Baustyls, dagegen erschien mir der Anstrich der Säulen in Nachahmung von Marmor zu grob und zu grell; ich vermißte die ernste ehrwürdige Weihe, welche das Alter unsern Kirchen und Cathedralen verliehen hat. Die in grauen Stein gehauenen, grimmig blickenden Köpfe und geflügelten Engel, deren befremdendes Ansehn selbst von einer Zeit erzählt, wo unsre Vorväter innerhalb der geweiheten Mauern ihren Schöpfer verehrten, erhöhen den feierlichen Eindruck und die Ehrwürdigkeit unsrer Gotteshäuser. Allein, wenn sich auch die neue Kirche zu Montreal nicht mit unsrer Yorker-, Münster- oder Westmünster-Abtei oder andern unsrer heiligen Gebäude vergleichen darf, so verdient sie doch jedenfalls die Beachtung des Reisenden, der in Canada auf nichts Aehnliches stößt.

Außerdem enthält Montreal verschiedne Collegien und Nonnen-Klöster, ein Hospital für Kranke, verschiedne katholische und protestantische Kirchen, Versammlungshäuser, ein Wachhaus und mehre andre öffentliche Gebäude.

Der an den Fluß grenzende Stadttheil ist ausschließlich für den Handel bestimmt. Seine engen, schmuzigen Straßen und dunkeln Häuser, mit schweren eisernen Fensterladen, machen einen unangenehmen Eindruck auf den brittischen Reisenden; der andre Theil der Stadt jedoch zeigt ein verschiedenes und besseres Ansehn, die Häuser sind hier mit Gärten und angenehmen Spaziergängen untermengt, die sich aus den Fenstern des Ballsaals im Nelson Hotel dem Auge recht hübsch darstellen. Der eben erwähnte Ballsaal, welcher von der Decke bis zum Fußboden grob mit canadischer Scenerei und Waldlandschaften bemalt ist, gewährt eine prächtige Aussicht auf die Stadt, den Fluß und die ganze Umgegend, welche die fernen Berge von Chamblay, die Ufer des St. Laurence gegen la Prairie hin, und die Stromschnellen ober- und unterhalb der Insel St. Anne's in sich schließt. Der Königliche Berg (Mont Real) mit seinen bewaldeten Seiten, seiner reichen Scenerei und seiner Stadt mit ihren Straßen und öffentlichen Gebäuden entfalten sich den Blicken, und das Auge, welches solchen Gegenständen begegnet, kann der Scenerei von Montreal seinen Beifall nicht versagen.

Unser Wirth, ein Italiener von Geburt und Besitzer des Hotels, erweist uns die größte Aufmerksamkeit. Die Bedienung ist äußerst anständig und zuvorkommend, und die Gesellschaft, mit welcher wir im Gasthofe zusammen treffen, hauptsächlich Auswandrer, wie wir, nebst einigen lebhaften Franzosen, Männern und Weibern, sehr achtbar. Der Tisch ist gut besetzt, und der Preis für Kost und Logis täglich ein Dollar[9].

Die mannigfaltigen Charaktere, aus welchen unsre Tischgesellschaft besteht, gewähren mir viel Unterhaltung. Einige unter den Auswandrern scheinen äußerst sanguinische Hoffnungen zu nähren, sie sind, ihren Aeußerungen nach, eines glücklichen Erfolgs gewiß und glauben auf keine Schwierigkeiten in Ausführung ihrer Pläne zu stoßen. Einen Contrast mit diesen bildet einer meiner Landsleute, der so eben aus dem westlichen Distrikt auf seiner Rückreise nach England hier eingetroffen ist; er beschwört uns, ja nicht weiter aufwärts in diesem abscheulichen Lande zu reisen, wie er die obere Provinz mit sichtbaren Nachdruck zu nennen beliebt, versichernd, daß er um keinen Preis in der Welt darin leben möchte.

Die Lesung von Cattermole's Flugschrift über Auswanderung hatte ihn bestimmt, ein hübsches Pachtgut zu verlassen und sich mit seiner ganzen Habe nach Canada einzuschiffen. Aufgemuntert durch den Rath eines Freundes in diesem Lande, kaufte er einen Strich wilden Bodens im westlichen Distrikt; »aber Sir,« sagte er, indem er seine Worte mit großer Aufregung an meinen Gatten richtete, »ich fand mich aufs schändlichste betrogen. Solcher Boden, eine solche Gegend — nein um alles in der Welt hätte ich nicht da bleiben mögen. Wahrlich! nicht ein Tropfen gutes Wasser, keine eßbare Kartoffel ist daselbst zu erlangen. Ich lebte zwei ganze Monate in einem kleinen Schuppen, den sie Shanty nennen, und wäre fast bei lebendigem Leibe von Musquitos aufgezehrt worden. Es gab nichts zu essen als eingesalznes Schweinfleisch, mit einem Wort, das Elend und die Widerwärtigkeiten waren unerträglich; meine landwirthschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen, als englischer Pachter, halfen mir übrigens fast gar nichts, denn man weiß daselbst nichts von Meiereien und Pachtgütern. Es würde mir das Herz gebrochen haben, wenn ich zwischen den Baumstummeln hätte arbeiten sollen, ohne je etwas einem wohlgepflügten Felde Aehnliches zu sehen. Und dann,« fügte er in sanfterem Tone hinzu, »dachte ich an meine arme Frau und meine kleine Tochter. Ich selbst würde, um meine Verhältnisse zu verbessern, mich allenfalls ein Jahr oder noch länger in dieser Wildniß herumgeplackt haben, aber die Arme! — nein! ich hätte das Herz nicht gehabt, sie den Bequemlichkeiten Englands zu entreißen und in eine Wohnung einzuführen, die nicht so gut ist, als einer unsrer Kuhställe oder Schuppen, und so will ich denn in meine Heimath zurückkehren; und wenn ich nicht meinen Nachbarn erzähle, was für ein abscheuliches Land dieses Canada ist, wohin auszuwandern Alle wie verrückt sind, und wofür sie ihre Pachte aufgeben, so soll man mir nie wieder ein Wort glauben.«

Es fruchtete nichts, daß einige Anwesende ihm zeigten, wie ungereimt es sei, zurückzukehren, ehe er alles gehörig geprüft und versucht habe; er erwiederte ihnen blos, sie wären Thoren, wenn sie in einem Lande, wie dieses, blieben; und endete mit Verwünschung derjenigen, welche ihre Landsleute durch ihre falschen Berichte und Angaben täuschten und auf einigen Seiten sämmtliche Vortheile zusammen stellten, ohne einen Band mit den Nachtheilen zu füllen, was doch sehr leicht sein würde.

»Die Menschen sind nur zu geneigt, sowohl sich als andre zu betrügen,« sagte mein Gatte, »und haben sie ihre Seele einmal auf einen Gegenstand gerichtet, so pflegen sie blos das zu lesen und zu glauben, was ihren Wünschen entspricht.«

Der junge erbitterte Mann hatte sich offenbar in seinen Erwartungen getäuscht gesehen, als er nicht alles so schön und angenehm wie in der Heimath fand. Er hatte wahrscheinlich nie über die Sache nachgedacht, denn andernfalls würde er nicht so thörigt gewesen sein, vorauszusetzen, daß er bei seinem ersten Ansiedelungs-Versuch auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Wir haben uns auf nicht wenige Hindernisse und Entbehrungen gefaßt gemacht, und doch dürften uns noch manche unvorhergesehene begegnen, ob wir gleich durch die Briefe unsers canadischen Freundes so ziemlich von allem in Kenntniß gesetzt sind.

Unsre Plätze in dem nach Lachine abgehenden Postwagen sind bereits gemiethet, und wenn alles gut geht, so verlassen wir Montreal Morgen früh. Unsre Koffer, Schachteln u. s. w. gehen vor uns nach Cobourg ab. — August 22.

Cobourg, den 29. August.

Am Schluß meines letzten Briefes meldete ich Ihnen, Theuerste Mutter, daß wir Montreal am folgenden Tage früh verlassen würden; allein das Schicksal hatte anders über uns verfügt, und wir erfuhren die Wahrheit jener Worte: — »Rühme dich nicht dessen, was du morgen thun willst, denn du weißt nicht, was die nächste Stunde mit sich bringen wird.« In der Frühe besagten Morgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde ich von den Symptomen der verderblichen Krankheit heimgesucht, die so manche Häuser verödet hat. Ich zwar zu krank, um meine Reise antreten zu können, und hörte mit schwerem Herzen die knarrenden Räder vom Thorwege des Gasthofs über das Pflaster rumpeln.

Ich wurde stündlich schlechter, bis mir die Schwester der Wirthin, ein treffliches junges Frauenzimmer, die mir schon zuvor große Aufmerksamkeit erzeigt, nach einem Arzt zu senden rieth; mein Gatte, der, als er mich so leiden sah, fast in Verzweiflung war, eilte sogleich fort, um den besten ärztlichen Beistand herbeizuholen. Nach einigem Verzug war ein Arzt ausfindig gemacht. Ich litt zu dieser Zeit furchtbare Qualen, fühlte mich aber nach einem Aderlaß und den nachfolgenden heftigen Krankheits-Anfällen etwas erleichtert. Ich will mich in keine umständliche Schilderung meiner Leiden einlassen, genüge es, zu sagen, daß sie fast unerträglich waren; aber Gott in seiner Gnade, obwohl er mich züchtigte und mit Schmerzen heimsuchte, wollte mich noch nicht sterben lassen. Von den weiblichen Gliedern des Hauses erfuhr ich die liebreichste Behandlung. Anstatt aus Furcht das Krankenzimmer zu fliehen, stritten sich die beiden irischen Mädchen fast mit einander, welche von beiden bei mir bleiben und meiner warten und pflegen sollte, während Jane Taylor, das zuvor erwähnte achtbare Frauenzimmer, mich von dem Augenblick an, wo meine Krankheit auf eine so beunruhigende Weise zunahm, bis zur eintretenden Besserung nicht eine Minute verließ und mit eigner Lebensgefahr, wenn der innere Kampf eintrat, in die Arme nahm, an ihre Brust drückte und abwechselnd bald mir zuredete, bald meinen armen trauernden Gatten zu trösten suchte.

Die angewendeten Mittel waren Aderlaß, Opium, blaue Pillen und ein Neutralsalz — aber nicht das gewöhnliche Epsomer. Die Cur zeigte sich wirksam, wiewohl ich viele Stunden hindurch an heftigem Kopfweh und andern Zufällen litt. Die Schwäche und das leichte Fieber, welche an die Stelle der Cholera traten, fesselten mich einige Tage an das Bett; während der beiden ersten besuchte mich mein Arzt täglich viermal; er war sehr theilnehmend, und als er erfahren, daß ich die Gattin eines brittischen auf seinem Wege nach der oberen Provinz begriffnen Offiziers sei, schien er sich für meine Wiedergenesung mehr als jemals zu interessiren, und zeigte eine Theilnahme für uns, die unsern Gefühlen äußerst wohlthätig war. Nach einem lästigen Krankenlager von mehren Tagen wurde ich endlich für so weit genesen erklärt, um meine Reise antreten zu können, indeß war ich noch sehr schwach und konnte mich kaum aufrecht erhalten.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Postwagen, der uns nach Lachine, die ersten neun (englischen) Meilen unsrer Reiseroute, führen sollte, vor der Thür des Gasthofs erschien, und wir von einem Orte, wo wir der angstvollen Stunden so viele, der fröhlichen so wenige erlebt, Abschied nahmen. Indeß war uns von unsern Umgebungen im Gasthofe, obgleich vollkommnen Fremden, viel Liebes und Gutes wiederfahren, wir hatten uns jener Gastfreundschaft erfreut, wegen welcher Montreal so oft gerühmt worden ist.

Ich habe vergessen, Ihnen in meinem letzten Briefe zu sagen, daß wir Bekanntschaft mit einem höchst achtbaren Kaufmann an diesem Platze gemacht, der uns sehr nützliche Belehrung über viele Dinge ertheilt und bei seiner Gattin, einem äußerst gebildeten und vollendeten jungen Frauenzimmer eingeführt hat. Während unsrer kurzen Bekanntschaft brachten wir, sehr zu unsrer Zufriedenheit, einige angenehme Stunden in ihrem Hause zu.

Ich genoß des frischen Luftstroms vom Flusse her, längs welchem sich die Fahrstraße hinzieht. Es war ein herrlicher Anblick, die unbewölkte Sonne hinter der fernen Bergkette emporsteigen zu sehen; unter uns lagen die wild brausenden Stromschnellen, dort die Insel St. Anne's, welche uns an Moore's canadisches Bootsmanns-Liedchen »Laßt zu St. Anne's uns singen den Abschiedsgesang« u. s. w. erinnerte.

Das Ufer des St. Laurence, längs welchem unser Weg liegt, ist hier erhabner als bei Montreal, auf seiner Höhe mit Buschholz bekleidet und gelegentlich durch schmale Abzugs-Gräben zum Ableiten des Wassers unterbrochen. Der Boden war, so viel als ich davon sehen konnte, sandig oder leichtlehmig. Ich sah hier zuerst die wilde Weinrebe sich zwischen den jungen Bäumchen hinranken, deßgleichen Brombeerbüsche und einen Ueberfluß von jener hohen gelben Blume, die wir Goldruthe (Solidago virga aurea) nennen, ferner das weiße Gnaphalium (Ruhrkraut), dasselbe, woraus die französischen und schweizer Bauer-Mädchen Kränze zur Schmückung der Gräber ihrer Freunde flechten und die sie Immortelle (Unsterblichkeitsblume) nennen[10]; endlich eine hohe, purpurblumige Baldrian-Art, die auf den Feldern unter dem Korn eben so häufig steht, als die Ochsenzunge auf unsern leichten Sandfeldern in England.

Zu Lachine stiegen wir aus dem Postwagen und gingen an Bord eines Dampfboots, eines recht hübschen und mit jeder Bequemlichkeit versehnen Fahrzeugs. Die Fahrt den Fluß hinauf machte mir viel Freude, und überhaupt würde ich die Reise sehr angenehm gefunden haben, wäre ich nicht durch meine nur erst überstandne Krankheit so sehr geschwächt gewesen, daß mir die holperigen Straßen sehr viel zu schaffen machten. Das Fuhrwerk anlangend, ein canadischer Postwagen, so verdient es weit größeres Lob, als Reisende ihm gewöhnlich zu ertheilen beliebt haben, und es ist für die Wege, auf welchen es hin- und hergeht, so wohl geeignet, daß ich zweifle, ob es mit einem zweckmäßigeren vertauscht werden könne. Dieser Wagen faßt neun Personen: drei hinten, drei vorn, und drei in der Mitte; der Mittel-Sitz, welcher in breiten Lederriemen hängt, ist bei weitem der bequemste, und hat für die Inhaber nur den Nachtheil daß sie durch das Aus- und Einsteigen der Passagiere gestört werden.

Gewiß ist das Reisen mit so weniger Störung für den Passagier als möglich verbunden, hat man sein Passagier-Geld zu Prescott entrichtet, so braucht man für weiter nichts zu sorgen. So wie der Reisende das Dampfboot verläßt, steht auch schon der Postwagen zur Aufnahme seiner Person und seines Gepäckes, das auf ein gewisses Verhältniß beschränkt ist, bereit; ist der Postwagen an Ort und Stelle angelangt, so ist wieder das Dampfboot da, wo man jede Bequemlichkeit findet.

Außer ihrer eignen Ladung nehmen die Dampfschiffe stromaufwärts in der Regel verschiedne andre Fahrzeuge ins Schlepptau. Wir bugsirten zu einer Zeit drei Durham-Böte und überdies mehre kleine Nachen, die dem Auge jedenfalls Abwechselung und Unterhaltung gewährten.

Mit Ausnahme von Quebek und Montreal, muß ich der obern Provinz den Vorzug geben. Die Scenerei, wenn auch nicht so großartig, ist doch mehr geeignet, dem Auge zu gefallen, indem sich überall Spuren von reger Betriebsamkeit, Fülle und Fruchtbarkeit zeigt. Wenn ich im Postwagen auf der Straße dahinrolle, entzücken mich die Nettigkeit, Reinlichkeit und das bequeme, behagliche Ansehn der Bauerhütten und Meiereien. Log-Häuser oder Shanty's kommen nur selten vor, an ihre Stelle sind hübsch gezimmerte, in besserem Styl gebaute und oft mit Bleiweiß oder blaßerbsgrün angestrichne Wohnungen getreten. Im Umkreise dieser Hausstätten erblickt man Obstgärten, deren Bäume von der reichen Last, — Aepfel, Pflaumen, und der amerikanische Holzapfel, jene schöne scharlachrothe Frucht, die wir im Vaterlande so häufig eingemacht als Dessert genießen, — niedergebogen waren.

Hier gewahrt man kein Zeichen von Armuth oder dem in ihrem Gefolge einhergehenden Elend; keine zerlumpten, schmuzigen Kinder wälzen sich im Kothe oder Staube herum; wohl aber stößt man auf manche hübsche, vor der Hüttenthür spinnende Dirne, mit ihren glänzenden Augen und wohlgeordneten Flechten, während die jüngeren Mädchen auf dem grünen Schwaden oder der Hausschwelle sitzen und stricken und lustig wie die Vöglein bei ihrer Arbeit singen.

Die großen Spinnräder, welche hier zu Lande zum Spinnen der Wolle üblich sind, haben etwas sehr Malerisches, und wenn die canadischen Mädchen auf gefällige Haltung des Körpers und zierliche Bewegungen bedacht wären, so könnte nichts geeigneter sein, eine schöne Körperform in vortheilhaftestem Lichte zu zeigen, als das Spinnen mit diesem Rade. Die Spinnerin sitzt nicht, sondern geht hin und her, zieht das Garn mit der einen Hand aus und dreht mit der andern das Rad.

Ich bemerkte oft, wenn wir an den Meier-Hütten vorüber kamen, Garn von verschiedner Farbe an den Einfriedigungen der Gärten und Obstpflanzungen zum Trocknen aufgehängt, allerlei Farben: Grün, Blau, Purpur, Braun, Roth und Weiß wechselten mit einander ab. Eine artige Wirthin, vor deren Schenke wir hielten, um die Pferde zu wechseln, sagte mir, daß dieses Garn erst gesponnen und nachmals von den Hausfrauen, bevor es auf den Webestuhl komme, gefärbt werde. Sie zeigte mir einige Proben von dergleichen haussponnenen Zeugen, die sich in der That nicht übel ausnahmen. Die Farbe war ein mattes Dunkelbraun, und die Wolle rührte von einer schwarzen Schaf-Gattung her. Diese Zeuge werden auf verschiedne Weise für den Familien-Bedarf verwendet.

»Jede kleine Hausstätte, die Sie sehen,« belehrte sie mich, »hat ihren Antheil Land und mithin auch ihre Schaf-Heerde; und da die Kinder sehr frühzeitig spinnen, stricken und das Garn färben lernen, so sind die Aeltern auch im Stande, sich und ihre kleine Familie stets gut und bequem zu bekleiden.

Viele von eben diesen Meiereien, die jetzt einen so gedeihlichen Zustand zeigen, waren noch vor dreißig Jahren Wildnisse, indianische Jagd-Reviere; — die Betriebsamkeit und der Fleiß der Ansiedler, und darunter mancher armen Leute, die in ihrer Heimath keine Ruthe eignes Land besaßen, haben diese Veränderungen bewirkt.«

Die Gedanken-Folge, welche die Worte dieser guten Frau in mir veranlaßten, war eine sehr erfreuliche. »Wir sind,« dachte ich, »ebenfalls im Begriff, uncultivirtes Land zu kaufen, und sollten wir nicht mit der Zeit unsre zukünftige Meierei diesen fruchtbaren Stätten gleichen sehen. Gewiß ist es ein gesegnetes glückliches Land, in das wir ausgewandert sind, sprach ich bei mir, in Verfolgung der angenehmen Idee, »ein Land, wo jede Hütte Ueberfluß an den Bequemlichkeiten und nöthigen Erfordernissen des Lebens hat.«

Ich übersah vielleicht zu dieser Zeit die Mühe, die Beschwerden, die Entbehrungen, denen diese Ansiedler, als sie zuerst hier angelangt, ausgesetzt gewesen waren. Ich sah das Land blos im Geiste, wie es nach einer ziemlichen Reihe von Jahren und unter einem hohen Cultur-Zustande erscheinen dürfte; vielleicht in den Händen ihrer Kinder oder ihrer Kindes Kinder, nachdem die von Arbeit und Mühseligkeiten aufgeriebnen Aeltern schon längst schlafen gegangen waren.

Unter andern Gegenständen wurde meine Aufmerksamkeit durch offne Begräbnißplätze an der Straße in Anspruch genommen. Freundliche grüne Hügel, von Wald- und andern hübschen Bäumen umgeben, enthielten die Gräber einer Familie und vielleicht einiger theuren Freunde, die ruhig unter dem Rasen neben ihr schlummerten. Mochte auch der Boden nicht geweiht sein, so war er doch durch die Thränen und Gebete von Aeltern und Kindern geheiligt.

Diese Familien-Gräber wurden mir noch interessanter, als ich erfuhr, daß, wenn eine Meierei von einem Fremden käuflich in Beschlag genommen wird, der frühere Besitzer sich in der Regel das Recht ausbedingt, seine Todten auf dem dazu gehörigen Begräbnißplatze beerdigen zu dürfen.

Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Beste Mutter, wenn ich gelegentlich bei Kleinigkeiten verweile. Für mich ist nichts ohne Interesse, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt. Selbst die Lehm-Oefen, welche auf vier Beinen in geringer Entfernung von den Häusern stehen, blieben im Vorbeifahren nicht unbemerkt von mir. Fehlt es an einem dergleichen Ofen vor dem Hause, so wird das Brod in großen eisernen Bottigen oder Töpfen, sogenannten Back-Kesseln (Bake-kettles) gebacken. Ich habe bereits ein Brod, so dick wie ein Scheffel-Maaß, auf dem Heerde in einem solchen Kessel backen sehen, und auch davon gekostet; allein ich glaube, der eingesperrte Dampf giebt dem Brode einen etwas eigenthümlichen Geschmack, den man an den in Ziegel- oder Lehm-Oefen gebacknen Broden nicht wahrnimmt. Anfangs konnte ich aus diesen, auf vier Füßen ruhenden, seltsam aussehenden kleinen runden Gebäuden nicht recht klug werden, ich hielt sie für Bienen-Stöcke, bis ich eine Bauersfrau einige noch kochendheiße Brode aus einem solchen Ofen, der ein unbebautes Fleckchen auf der Straßen-Seite, etwa funfzig Schritt von der Hütte entfernt, einnahm, herauslangen sah.

Außer den Oefen hat jedes Haus einen Ziehbrunnen, ganz in der Nähe. Diese Brunnen wichen in der Einrichtung zum Emporheben des Wassers von denen ab, die ich in England gesehen. Der Plan ist sehr einfach: — eine lange Stange, auf einem Pfahle spielend, dient als Hebel zum Heraufziehen des Eimers, und das Wasser kann so von einem Kinde mit leichter Mühe emporgehoben werden. Diese Methode ziehen einige sowohl dem Seil als der Kette vor; sie kann von Jedermann ins Werk gesetzt werden, es bedarf nur der Befestigung und Verbindung der Stangen. Ich erwähne dies blos, als Beispiel von dem Erfindungsgeist der Bewohner des Landes, um nur zu zeigen, wie angemessen ihre Verfahrungsweisen ihren Mitteln sind[11].

Die prächtige Erscheinung der Stromschnellen des St. Laurence, bei dessen Cascade die Straße auf der Höhe des Ufers eine schöne Aussicht beherrscht, erfreute uns in hohem Grade. Ein Versuch von mir, Ihnen diese großen, in wildem Aufruhr begriffnen Wasserschichten, welche hier vorüberbrausen, zu schildern, würde weit hinter der Wirklichkeit zurück bleiben. Harrison hat diese Scene in seinem Werke über Ober-Canada, welches Ihnen, meines Wissens, wohl bekannt ist, sehr genau geschildert. Ich bedauerte nur, daß wir nicht einige Zeit weilen konnten, um unsre Augen an einem so großartigen und wildem Schauspiel zu weiden, wie es der Fluß hier darbietet; aber ein canadischer Postwagen wartet auf Niemand, und so mußten wir uns mit einem flüchtigen Anblick dieser berühmten Stromschnellen begnügen.

Wir schifften uns zu Couteau du Lac ein und erreichten Cornwall spät an demselben Abend. Einige von den Postwagen gehen des Nachts ab; allein ich war zu ermüdet, um diesen Abend eine Reise von neunundvierzig (englischen) Meilen auf canadischen Straßen antreten zu können. Unserm Beispiel folgte eine verwittwete Dame mit ihrer kleinen Familie.

Es hielt etwas schwer, eine Herberge für die Nacht zu finden, die Gasthöfe waren mit Reisenden gefüllt; hier erfuhren wir zum erstenmal etwas von jenem, dem Amerikaner, jedoch ohne Zweifel zu allgemein, zur Last gelegten tadelnswürdigen Benehmen. Unser Wirth schien im Betreff der Bequemlichkeit seiner Gäste vollkommen gleichgültig, sie mußten entweder sich selbst bedienen, oder ihre Bedürfnisse blieben unbefriedigt. Der Mangel an weiblicher Bedienung in diesen Anstalten ist für reisende Damen äußerst fühlbar und verdrießlich. Die Weiber lassen sich gar nicht sehen, oder behandeln die fremden Gäste mit einer Kälte und Gleichgültigkeit, daß man mit ihren Diensten eben nicht zufrieden sein kann.

Nachdem es mir, nicht ohne Schwierigkeit, geglückt war, der Wirthin des Gasthauses zu Cornwall ansichtig zu werden, bat ich sie, mir ein Zimmer anzuweisen, wo wir übernachten könnten, sie that dies, aber mit einer höchst ungefälligen Miene, indem sie auf eine Thür deutete, die sich in ein kleines Käfter öffnete, das ein Bett ohne Vorhänge, einen Stuhl aber keinen Waschtisch enthielt. Da sie meinen Verdruß bei Erblickung dieses ungastlichen Schlafgemachs wahrnahm, bemerkte sie ganz lakonisch, daß ich keine Wahl hätte, ich müßte es denn vorziehen, in einem Zimmer mit vier Betten zu schlafen, wovon bereits drei — und zwar von Männern, in Beschlag genommen waren. Diese Alternative lehnte ich etwas unwillig ab und zog mich in eben nicht besondrer Laune in das mir angewiesne Schlafgemach zurück, wo unwillkommne Bettbewohner die ganze Nacht hindurch uns hinderten, unsre müden Augenlider zu schließen.

Wir nahmen ein zeitiges und hastiges Frühstück ein und traten unsre Reise wieder an. Diesmal bestand die Reisegesellschaft aus meiner Wenigkeit, meinem Gatten, einer Dame nebst Gemahl, drei kleinen Kindern und einem einmonatlichen Säugling, die insgesammt, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, am Keuchhusten litten; zwei großen cumberländischen Bergleuten und einem französischen Lootsen nebst seinem Begleiter; — letztrer war ein großes, amphibienartig aussehendes Ungeheuer, das in den Wagen sprang und sich in eine Ecke quetschte, indem es dem Postillion, der damit einverstanden war, und alle Gegenvorstellungen gegen dieses unerwartete Eindrängen unbeachtet ließ, auf eine comische Weise angreinte; der Postillion schwang seine Peitsche mit gewaltigem Knall, womit zwei reisende Amerikaner, die zu beiden Seiten der Gasthofthür standen, nicht eben zufrieden zu sein schienen; diese Herren hatten ihre Hüte weder in den Händen, noch zur Zeit auf dem Kopfe, sondern sie trugen dieselben an einem um einen Westenknopf geschlungenen Bande, so daß sie ziemlich unter den Arm hingen. Diese Mode habe ich seitdem öfter beobachtet und glaube, daß, wenn Johnny Gilpin die nämliche weise Vorsicht angewendet, er sowohl seinen Hut als seine Perücke gerettet haben würde.

Die Reise dieses Tages war für mich schrecklich ermüdend, ich wurde buchstäblich braun und blau gequetscht und gestoßen. Die ausnehmend große Hitze machte uns sehr viel zu schaffen, und wir hätten die Gesellschaft von zwei unsrer massiven Reisegefährten mit wahrem Vergnügen entbehrt.

Abends um fünf Uhr desselben Nachmittags erreichten wir Prescott, wo wir im Gasthause eine gute Aufnahme fanden; die weiblichen Dienstboten waren sämmtlich Engländerinnen und schienen in Aufmerksamkeit gegen uns mit einander zu wetteifern.

In der Stadt Prescott sahen wir wenig, was uns hätte interessiren oder gefallen können. Nach einem trefflichen Frühstück, schifften wir uns an Bord des Great Britain (Großbritanien) ein, es war das schönste Dampfboot, welches mir bis jetzt zu Gesicht gekommen, und hier gesellten sich unsre neuen Freunde zu uns, was uns große Freude machte.

Zu Brockville trafen wir gerade zu rechter Zeit ein, um ein Schiff von Stapel laufen zu sehn, — für mich ein ganz neuer Anblick. Es war ein äußerst lebhaftes erfreuliches Schauspiel. Die Sonne schien in vollem Glanze auf die herbeiströmende Menge, die sich in ihrem Sonntagsstaate nach dem Ufer drängte; die Kirchenglocken tönten lustig darein und vermischten ihr Geläute mit der Musik vom Deck des bunt bemalten Fahrzeugs, das mit seinen im Winde flatternden Wimpeln und ausgespannten Segeln und einer wohlgekleideten Gesellschaft an Bord, vom Stapel zu laufen im Begriff war.

Um die Wirkung noch zu erhöhen, wurde von einem einstweiligen, für diese Gelegenheit auf einem kleinen Felsen-Eiland vor der Stadt errichteten Castell eine Salve gegeben. Der Schoner (ein zweimastiges Fahrzeug) glitt stattlich ins Wasser und empfing so zu sagen mit Freuden die Umarmung des Elements, welches ihm zukünftig unterworfen sein sollte. Es war ein höchst interessanter Moment. Der neue stattliche Schwimmer wurde mit drei Hurrahs von der Schiffsgesellschaft des Great Britain, einer Salve vom kleinen Castell und dem fröhlichen Geläute der Glocken begrüßt; letztre ertönten zugleich zu Ehren einer hübschen Braut, die, auf einer Lustreise nach den Fällen des Niagara begriffen, mit ihrem Bräutigam an Bord kam.

Brockville liegt gerade an der Mündung des Sees der tausend Inseln und gewährt, vom Wasser aus gesehen, einen hübschen Anblick. Die Stadt hat, wie man mir erzählt, im Verlauf der letzten wenigen Jahre reißend schnell an Größe und Wohlstand zugenommen und scheint ein Platz von Wichtigkeit werden zu wollen.

Die Ufer des St. Laurence werden, indem man zwischen den tausend Inseln vorwärts steuert, felsiger und malerischer, und die Inseln selbst bieten jede Abwechselung von Waldung und Gestein dar. Das Dampfschiff landete zur Einnahme von Brennholz in der Nähe eines kleinen Dorfes auf der amerikanischen Seite des Flusses, wo wir auch fünfundzwanzig schöne Pferde, die in Cobourg und York zum Verkauf ausgeboten werden sollen, an Bord nahmen.

In dem amerikanischen Dorfe selbst war nichts der Beobachtung Werthes zu sehen, ausgenommen eine Neuheit, die mich in der That belustigte; nämlich jedes Haus hatte sein eignes Model oder Ebenbild, ein kleines winziges Häuschen von Holz, — nicht größer und stärker als ein Puppenhäuschen[12], (a baby-house) vorn am Dache oder Giebel-Ende befestigt. Wie ich nachmals von einem Herrn auf dem Schiffe erfuhr, waren diese Puppenhäuschen, wie ich sie zu nennen beliebte, für die Schwalben zum Hineinnisten bestimmt[13].

Es war Mitternacht, als wir vor Kingston vorbeisegelten und so sah ich natürlicher Weise nichts von diesem »Schlüssel zu den Seen«[14], wie ich es habe nennen hören. Bei meinem Erwachen am nächsten Morgen glitt das Dampfschiff stattlich durch die Fluthen des Ontario, und ich empfand eine leichte Anwandlung von Unpäßlichkeit.

Wenn das Wasser des Sees in Aufruhr ist, wie dies bisweilen bei heftigem Winde geschieht, so glaubt man sich auf ein sturmgepeitschtes Meer versetzt.

Die Ufer des Ontario sind sehr schön, Hügel und Thäler, mit herrlichen Waldungen bekleidet oder durch Fleckchen angebauten Bodens und hübsche Wohnhäuser belebt, wechseln in sanften Wellen-Linien mit einander ab. Um zehn Uhr erreichten wir Cobourg.

Cobourg, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist ein nett gebautes und blühendes Städtchen, das manche stattliche Vorraths-Häuser, Mühlen, eine Wechselbank und eine Druckerei enthält, letztere giebt ein Wochenblatt heraus. Desgleichen findet man hier eine recht hübsche Kirche und eine ausgewählte Gesellschaft, da viele achtbare Familien in oder unweit der Stadt ihre Wohnung gewählt haben.

Morgen verlassen wir Cobourg und werden unsern Weg nach Peterborough nehmen, von wo aus ich wieder zu schreiben gedenke, um sie von unserm zukünftigen Abentheuern zu benachrichtigen, die wir wahrscheinlich an einem der kleinen Seen des Otanabee erfahren werden.


Fußnoten:

[6] Es sind seitdem einige treffliche Kais vollendet worden.

[7] Dieser Graben ist seitdem überwölbt worden, es befindet sich jetzt ein Markt darüber.

[8] Herr M'Gregor, in seinem Brittischen Amerika, vol. II. p. 504, giebt uns von Montreal nachstehende Beschreibung: —

»Zwischen dem Königlichen Berge und dem Flusse, auf einer sanft aufsteigenden Felsen-Firste, steht die Stadt. Mit Einschluß der Vorstädte ist sie von größrer Ausdehnung als Quebek. Beide Städte weichen in ihrer Erscheinung sehr von einander ab; die niedrigen Ufer des St. Laurence zu Montreal entbehren der Grauen erregenden, sich über sie thürmenden Klippen und all jener romantischen Erhabenheit, wodurch sich Quebek auszeichnet.

»Montreal hat keine Kais, und die Schiffe und Dampfböte liegen ruhig in ziemlich tiefem Wasser hart an dem lehmigen und im Allgemeinen kothigen Ufer der Stadt. Die ganze Unterstadt nehmen düster aussehende Häuser, mit dunkeln eisernen Fensterläden; und wenn sie auch im Ganzen etwas reinlicher ist als Quebek, so ist sie doch immer sehr schmutzig; die Straßen sind eng und schlecht gepflastert, und die Fußpfade durch schräg geneigte Kellerthüren und andre Vorsprünge unterbrochen.

»Es ist unmöglich,« sagt Mr. Talbot in seinen Five Years, Residence, »an einem Sonn- oder Festtage die Straßen von Montreal zu durchwandern, ohne daß man die düstersten Eindrücke erhielte; die ganze Stadt erscheint wie ein großes Gefängniß;« er spielt hier auf die eisernen Fensterladen und Außenthüren an, von welchen man Gebrauch macht, um den Wirkungen von Feuersbrünsten zu begegnen.

[9] Dies ist noch nicht eins der vornehmsten Hotels, in letztern beträgt der Preis für Kost und Logis täglich anderthalb Dollar.

[10] Bei den Amerikanern heißt sie the life-everlasting.

[11] Diese Brunnen sind keineswegs die Erfindung jener Ansiedler, man sieht dergleichen fast überall in Europa; in Deutschland kommen sie häufig auf den Dörfern vor.

[12] a doll-house.

[13] Wir finden in Rennie's Baukunst der Vögel, (Leipzig Baumgärtners Buchhandlung) ähnliche Bemerkungen. So liest man Seite 122: die Anglo-Amerikaner bedienen sich verschiedner Mittel, um die Vögel zum Nisten in der Nähe ihrer Wohnungen zu bestimmen, und weil sie die Scheunen- oder Bodenschwalbe (Hirundo rufa, Gmelin), vorzüglich lieben, so stellen sie Schachteln auf, damit sie hinein niste. Diese Species unterscheidet sich beträchtlich von unsrer Rauchschwalbe (Hirundo rustica); am Bauche, wo die unsrige rein weiß ist, ist ihr Gefieder hell kastanienfarben, im Nisten hat sie mit der unsrigen Aehnlichkeit, nur daß sie nicht in Schornsteine baut, sondern ihr Nest an Sparren oder Querbalken von Schuppen, Scheunen und andern Nebengebäuden befestigt.

Ferner Seite 364: In Nordamerika, wo man bemüht ist, die ländlichen Vergnügungen eines kurzen Sommers so sehr als möglich zu vermehren, sucht man mehr als eine Species durch alle nur mögliche Mittel zum Nisten in der Nähe der Häuser zu bewegen. Unter den halb zahmen Vögeln sind der Haus-Zaunkönig, der blaue Vogel und die Purpur-Schwalbe die bekanntesten. Die zuletzt erwähnte (Hirundo purpurea, Latham) ist gleich unsrer Fensterschwalbe ein Zugvogel, und sie wählt ihren Sommeraufenthalt stets mitten unter den Wohnungen des Menschen, welcher, da ihm ihre Gesellschaft großen Vortheil und zugleich Vergnügen schafft, in der Regel ihr Freund und Beschützer ist. Daher ist sie ziemlich gewiß, bei ihrer Ankunft eine gastliche, zu ihrer Bequemlichkeit und zur Aufnahme ihrer Familie gehörig eingerichtete Wohnstätte, entweder in der vorspringenden hölzernen Kranzleiste, auf dem Dachgiebel oder auf der Grenzsäule, oder, wenn diese fehlen sollten, auf dem Taubenschlage mitten unter den Tauben zu finden; und wenn sie einen besondern Winkel auf dem letzteren wählt, so darf es keine Taube wagen, einen Fuß in ihr Gebieht zu setzen. Einige unter den Anglo-Amerikanern haben für diese Vögel große Anstalten einrichten lassen, welche in zahlreichen Gemächern bestehen, die zum größten Theil jedes Frühjahr in Besitz genommen werden; man hat die Beobachtung gemacht, daß in solchen Schwalbenansiedlungen einzelne Vögel mehre Jahre nach einander immer wieder von der nämlichen Schachtel Gebrauch gemacht haben.

Das eben erwähnte Verfahren, die Purpurschwalbe zu hegen und zu beschützen, scheint nicht aus Europa zu stammen, da die Eingebornen von Amerika seit undenklichen Zeiten eine ähnliche Methode befolgt haben. Die Chactaw und Chickasaw Indianer z. B. stutzen sämmtliche Gipfeläste eines jungen Bäumchens in der Nähe ihrer Hütten ab und lassen die Zinken ein oder zwei Fuß lang, an deren jedem sie einen hohlen Kürbis oder eine Calabasse aufhängen, die gehörig ausgehöhlt ist, so daß die Vögel bequem darin nisten können. In gleicher Absicht steckt man an den Ufern des Mississippi lange Stöcke in den Boden, an deren Spitze ebenfalls Calabassen befestigt werden, und worin die Purpurschwalben in der Regel ihre Eier ausbrüten. »Ueberall, wo mich meine Reisen in diesem Lande hinführten,« sagt Wilson, »habe ich mit Vergnügen die Gastfreundschaft beobachtet, womit die Einwohner diesen Lieblingsvogel empfangen.« Folgenden kleinen Zug aus der Oekonomie der Purpurschwalbe hat Mr. Henry, Mitglied des obersten Gerichtshofes in Pensylvanien, erzählt.

»Im Jahr 1800,« sagt derselbe, »zog ich mich von Lancaster nach einer Meierei einige englische Meilen über Harrisburgh zurück. Da ich wohl mit den Vortheilen bekannt war, welche der Pachter oder Landmann von der Nachbarschaft der Purpurschwalbe zieht, indem sie die Räubereien des weißköpfigen Adlers, der Habichte und selbst der Krähen verhindert, so erhielt ein für mich arbeitender Zimmermann den Auftrag, einen großen Kasten mit mehren Fächern für diese Vögel zu machen. Der Kasten wurde im Herbste aufgestellt. In der Nähe des Hauses und um dasselbe standen eine Anzahl schön gewachsener Aepfelbäume und vieles Strauchwerk, ein sehr bequemer Aufenthalt für Vögel. Gegen die Mitte des Februar kamen die blauen Vögel an; diese wurden in kurzer Zeit sehr zutraulich und nahmen Besitz von dem Kasten: es waren zwei bis drei Pärchen. Mit dem funfzehnten Mai hatten die blauen Vögel Eier, wo nicht gar Junge. Nun aber trafen die Purpurschwalben in Schaaren ein, begaben sich in den Kasten, und es erfolgte ein heftiger Kampf. Die blauen Vögel, wie es scheint, durch ihr Eigenthumsrecht ermuthigt, oder, weil es der Beschützung ihrer Jungen galt, blieben Sieger.

Die Schwalben kamen während der acht folgenden Jahre regelmäßig in der Mitte des Mai an, untersuchten die Gemächer des Kastens in Abwesenheit der blauen Vögel, wurden aber durch die Rückkehr der letzteren jedesmal zur Flucht genöthigt. Die Mühe, welche Ihnen die Durchlesung dieser Bemerkungen verursachen dürfte, müssen sie auf Rechnung der Schwalben setzen. Ein Kasten, mit diesen schönen Wandrern angefüllt, befindet sich jetzt zum Haupte meines Bettes. Ihre Töne scheinen unharmonisch wegen ihrer großen Anzahl; indeß sind sie mir angenehm. Der betriebsame Pachter und Handwerker würde wohl thun, einen Kasten mit diesen Vögeln in der Nähe der Schlafgemächer seiner trägen Leute anzubringen. Gleich mit Anbruch des Tages beginnt die Purpurschwalbe ihr Gezwitscher, welches eine halbe Minute oder auch etwas länger dauert; worauf es wieder still wird, bis die Dämmerung völlig vorüber ist. Nunmehr folgt ein lebhaftes und unaufhörliches Gezwitscher, hinreichend, selbst die schlaftrunkenste Person aus dem Schlummer zu wecken. Vielleicht übertrifft sie nicht einmal der Haushahn in dieser guten Eigenschaft; auch steht er in dem Vermögen, Raubvögel abzuhalten, der Purpuerschwalbe bei weitem nach.«

»Gegen die Mitte des April oder ungefähr am zwanzigsten Tage dieses Monats,« fügt Wilson hinzu, »trifft die Purpurschwalbe die ersten Vorbereitungen zu ihrem Neste. Das letzte, welches ich untersucht habe, bestand aus den welken Blättern der Thränenweide, dünnen Strohhalmen, Heu und Federn in beträchtlicher Menge. Es lagen vier Eier darin, die im Verhältniß zum Vogel sehr klein, von Farbe rein weiß und ohne die geringsten Flecke waren. Die erste Brut erscheint im Mai, die zweite spät im Juni. Während der Periode, in welcher das Weibchen legt, und vor dem Brüten sind beide Vögel den größten Theil des Tages vom Neste entfernt. Während des Sitzens wird das Weibchen häufig vom Männchen besucht, welches letztere sich ebenfalls auf die Eier setzt, wenn das erstere zur Erholung ausfliegt. Oft bringt das Männchen auf eine Viertelstunde im Neste neben dem Weibchen zu, und wird während des Brütens ganz heimisch und zahm. Es sitzt an der Außenseite, putzt und ordnet sein Gefieder und begiebt sich gelegentlich an die Thür des Gemachs, gleichsam, als ob es sich nach dem Befinden der Gattin erkundigen wollte. Seine Töne scheinen in dieser Zeit eine besondere Sanftheit anzunehmen, und seine Glückwünsche drücken einen hohen Grad von Zärtlichkeit aus. Eheliche Treue, selbst wenn viele Pärchen zusammen wohnen, scheint gewissenhaft von diesen Vögeln beobachtet zu werden. Am 25. Mai nahm ein Purpurschwalben-Pärchen von einem Kasten in Mr. Bartram's Garten Besitz. Einen oder zwei Tage darauf erschien ein zweites Weibchen und verweilte mehre Tage; allein, wegen der kalten Aufnahme, die es fand, indem es häufig vom Männchen vertrieben wurde, verließ es endlich diesen Ort und machte sich auf den Weg, wahrscheinlich um einen geselligeren Gefährten aufzusuchen.«

[14] »Key to the lakes.«


Fünfter Brief.

Reise von Cobourg nach Amherst. — Schwierigkeiten, denen man bei seiner ersten Ansiedelung in den Urwäldern zu begegnen hat. — Erscheinung des Landes. — Reis-See. — Indianische Lebensweise und Gebräuche. — Fahrt den Otanabee hinauf. — Log-Haus (Log-house) und seine Inhaber. — Passagier-Boot. — Fußreise nach Peterborough.

Peterborough; Newcastle Distrikt;
den 9. Septbr. 1832.

Wir verließen Cobourg, am Nachmittag des ersten Septembers in einem leichten, recht bequem für die Passagiere mit Büffelfellen ausgekleideten Wagen. Unsre Reise-Genossen waren drei Herrn und eine junge Dame, insgesammt recht angenehme Gesellschafter, und bereit, uns jede Auskunft über die Gegend zu geben, durch welche unser Weg führte; der Nachmittag war einer von jenen ruhigen und heitern, dergleichen man in der ersten Hälfte des Septembers häufig zu erfahren pflegt. Die glühenden Herbst-Farben zeigten sich bereits an den Waldbäumen, sprachen aber mehr von Reife als Verfall. Die Gegend um Cobourg her ist gut angebaut, ein großer Theil der Waldung ist gelichtet, und an seine Stelle sind offne Felder, angenehme Meiereien und schöne, gut gedeihende Obstpflanzungen mit grünen, von feistem Vieh wimmelnden Weide-Plätzen getreten.

Das Gefängniß nebst dem Gerichtshof zu Amherst, etwa anderthalbe englische Meile von Cobourg, ist ein hübsches steinernes Gebäude, und auf einer Anhöhe gelegen, welche eine prächtige Aussicht auf den See Ontario und die umgebende Scenerei beherrscht. In demselben Verhältniß als man weiter landeinwärts kommt, in der Richtung der Hamilton- oder Reis-See-Ebnen, erhebt und senkt sich das Land zu kühnen langgedehnten Hügeln und Thälern.

Die Umrisse der Gegend erinnerten mich an den bergigen Theil von Gloucestershire; indeß vermißt man den Reiz, womit die Civilisirung diese schöne Landschaft in so vorzüglichem Grade geschmückt hat, man vermißt ihre romantischen Dörfer, blühenden Städte, weit gedehnten, mit Rinder- und Schafheerden bedeckten Auen. Hier strotzen die Berge von Eichen-, Buchen- und Ahorn-Wäldern, mit hier und da eingestreuten dunkeln Fichten-Hainen, nur selten durch eine Ansiedelung mit ihren Log-Häusern und zickzackartigen, von Holzscheiten gezimmerten Einfriedigungen unterbrochen und belebt: diese Einfriedigungen sind, beiläufig gesagt, sehr beleidigend für mein Auge. Ich sehe mich vergebens nach den reichen Laubhecken meines Vaterlandes um. Selbst die steinernen Einfriedigungen im Norden und Westen von England, so kalt und dunkel sie sind, erzeugen keinen so unangenehmen Eindruck auf den Beschauer. Die Ansiedler machen indeß unabänderlich von demjenigen Plan Gebrauch, wobei sie am meisten an Zeit, Arbeit und Geld ersparen. Das wichtige, durch Nothwendigkeit bedingte Gesetz, den kürzesten Weg zur Erreichung des beabsichtigten Zwecks einzuschlagen, wird streng befolgt. Geschmackssachen scheinen wenig berücksichtigt zu werden, oder müssen wenigstens vor der Hand in den Hintergrund treten.

Ich sah ein Lächeln um den Mund meiner Reisegefährten spielen, als sie unsre Projecte zur Verschönerung unsrer künftigen Wohnstätte vernahmen.

»Wenn Sie gesonnen sind, Ihre Wohnung in den Urwäldern aufzuschlagen,« sagte ein ältlicher Herr, der sich vor mehren Jahren im Lande angesiedelt, »so muß Ihr Haus nothwendiger Weise ein aus Baumstämmen roh zusammengezimmertes Haus (log-house) sein, denn eine Sägemühle dürften Sie schwerlich in der Nähe finden und außerdem werden Sie in den ersten zwei oder drei Jahren so viel zu thun haben, und so vielen Hindernissen begegnen müssen, daß Sie schwerlich Gelegenheit haben werden, diese Verschönerungen ins Werk zu setzen.« »Es giebt,« fügte er mit einer Mischung von Ernst und guter Laune in seinem Gesicht hinzu, »ein Sprichwort, das ich als Knabe oft gehört habe; es lautet: erst kriechen, und dann gehen«[15]. »Es läßt sich hier zu Lande nicht alles so leicht bewerkstelligen als zu Hause, wovon Sie eine mehrwöchentliche Bekanntschaft mit dem Busch, wie wir jedes nicht gelichtete Waldland nennen, bald überzeugen wird. Nach Verlauf von fünf Jahren dürften Sie schon eher an dergleichen Verschönerungen und Bequemlichkeiten denken und leichter beurtheilen können, was Sie vor sich haben.«

»Ich glaubte,« war meine Erwiederung, »daß in diesem Lande alles sehr schnell und leicht von Statten gehe, ich erinnere mich genau, von Häusern gehört zu haben, die in einem Tage erbaut worden.« Der alte Herr lachte.

»Ja, ja,« sprach er, »Reisende finden es nicht schwer, ein Haus binnen zwölf oder vierundzwanzig Stunden aufzubauen, und allerdings lassen sich die Wände in dieser, ja in noch weniger Zeit aufführen; allein das Haus ist, wenn auch die Außenwände stehen, noch nicht fertig, wie dies Ihr Gemahl auf seine Kosten erfahren wird.«

»Aber sämmtliche Werke über Auswanderung, die ich gelesen,« erwiederte ich, »geben ein so schönes und schmeichelndes Gemälde von dem Leben eines Ansiedlers; denn, ihren Angaben gemäß, lassen sich alle Schwierigkeiten leicht beseitigen.«

»Weg mit den Büchern!« sagte mein Opponent »der eigne Verstand muß hier entscheiden. Richten Sie Ihren Blick auf jene endlosen Waldungen, in die das Auge nur einige Schritte tief eindringen kann, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sich diese gewaltigen Baumstämme ohne Schwierigkeit wegräumen, gänzlich ausrotten, ja, ich möchte sagen, vom Angesicht der Erde entfernen lassen; daß das Lichten und Reinigen des Bodens durch Feuer, die Anlage und Einfriedigung von Feldern, die Erbauung eines Obdachs keine Mühe, Kosten und große Arbeit verursachen werde? Sprechen Sie nur nicht von dem, was in Büchern steht, die häufig von Stuben-Reisenden (tarry at home-travellers) geschrieben sind. Ich verlange Thatsachen. Die Erfahrungen eines einzigen aufrichtigen Emigranten sind mehr werth, als alles, was über den fraglichen Gegenstand zusammen geschrieben worden ist. Uebrigens darf man die einem Theil des Landes entsprechende Schilderung nicht auf alle anwenden. Die von Boden, Klima, Lage und Fortschritten in der Civilisirung abhängigen Umstände sind in verschiednen Distrikten sehr verschieden; selbst die Preise der Güter und Producte, die Mieth-Preise und Arbeits-Löhne u. s. w. weichen, je nachdem man sich den Städten und Märkten nähert oder davon entfernt, beträchtlich von einander ab.«

Ich fühlte bald, daß mein Reisegefährte richtig von einer Sache spreche, womit ihn eine dreizehnjährige Erfahrung vollkommen vertraut gemacht hatte. Ich fing an, zu fürchten, daß wir ebenfalls zu schmeichelhafte Ansichten von dem Leben eines Ansiedlers in den Urwäldern unterhalten. Die Zeit und unsre eigne persönliche Kenntniß wird der sicherste Prüfstein sein, und diesem müssen wir uns anvertrauen. Der Mensch ist stets geneigt, das zu glauben, was er wünscht.

Ungefähr mittelwegs zwischen Cobourg und dem Reis-See liegt zwischen zwei steilen Hügeln ein hübsches Thal. Hier findet man einen guten Theil gelichteten Landes und eine Schenke: der Ort heißt die »Kalte Quelle« (Cold Springs). Wer weiß, ob derselbe nicht vielleicht schon nach einem oder zwei Jahrhunderten in einen Trink- und Bade-Ort für die feine Welt umgestaltet sein wird. Ein canadisches Bath oder Cheltenham[16] dürfte mit der Zeit hier entstehen, wo gegenwärtig die Natur in ihrer Wildniß schwelgt.

Wir fuhren jetzt die geneigten Ebnen bergan, eine schöne strecke aufsteigenden Landes, mehre englische Meilen weit spärlich mit Eichen und hier und da mit buschigen, weitspreizigen Tannen nebst andern Bäumen und Sträuchern bekleidet. Der Boden ist an einigen Orten sandig, überdies aber, wie man mir sagte, in verschiednen Theilen von sehr verschiedner Beschaffenheit und in großen Strecken mit reicher Weide bedeckt, welche den Viehheerden einen Ueberfluß an trefflichem Futter darbietet. Eine Menge vorzüglich schöner Blumen und Sträucher schmücken diese Ebnen, welche sich während der Frühlings- und Sommer-Monate jedem Garten in der Welt an die Seite stellen können. Manche von jenen Gewächsen gehören den Ebnen ausschließlich an und kommen selten in andern Lagen vor. Auch die Bäume, obwohl nicht so groß und gewaltig, wie die in den Forsten, sind malerisch; sie stehen in Gruppen oder einzeln, durch große Zwischenräume von einander abgesondert, und geben dem in Rede stehenden Theil des Landes ein parkartiges Ansehn. Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, daß die Ebnen, zu Schweizereien und Viehzüchtereien angelegt, den Zwecken der Ansiedler vorzüglich entsprechen würden, indem es nicht an Land zur Erbauung von Weizen und Korn fehlt, der Boden mit geringen Kosten veredelt werden kann, und außerdem Ueberfluß an natürlichen Vieh-Triften herrscht.

Ein großer Vortheil scheint zu sein, daß der Pflug unmittelbar eingeführt werden kann, und die Vorbereitung des Bodens nothwendiger Weise weit weniger Arbeit erfordert, als da, wo derselbe über und über mit Wald bedeckt ist.

Man trifft auf diesen Ebnen verschiedne Ansiedler, welche beträchtliche Meiereien besitzen. Die Lage, sollte ich meinen, muß gesund und angenehm sein, Ersteres wegen der Erhabenheit und Trockenheit des Bodens; Letzteres wegen der schönen Aussicht, die sie auf das unter ihnen sich ausbreitende Land, besonders wo der Reis-See mit seinen mannigfaltigen Inseln und malerischen Ufern sichtbar ist, — darbieten. Hügel und Thäler wechseln auf eine angenehme Weise mit einander ab, und der Boden ist bald sanft geneigt, bald schroff, ja fast abschüssig.

Ein amerikanischer Pachter, der an unserm Frühstück am folgenden Morgen Theil nahm, erzählte mir, daß diese Ebnen vormals ein berühmtes Jagdrevier der Indianer gewesen, die, um das Wachsthum der Waldbäume zu verhindern, dieselben von Jahr zu Jahr weggebrannt; hierdurch wurden im Verlauf der Zeit die jungen Bäume vernichtet und konnten sich mithin nicht wieder in derselben Ausdehnung anhäufen wie früher. Es blieb nur so viel stehen, als zur Bildung von Dickichten hinreichte; denn in diesen wählt das Wild heerdenweise seinen Aufenthalt, angelockt durch eine eigenthümliche hohe Grasart, womit die in Rede stehenden Ebnen bedeckt sind, es heißt Reh-Gras (deer-grass), und die davon fressenden Thiere werden zu gewissen Jahreszeiten außerordentlich fett davon.

Der Abend brach herein, ehe mir unser nächstes Nachtquartier, die Schenke an den Ufern des Reis-Sees, erreichten, so daß ich etwas von der schönen Scenerei einbüßte, welche diese artige Wasserfläche dem Auge darbietet, wenn man die Ebnen nach ihren Ufern zu hinabsteigt. Die flüchtigen Blicke, die mir dann und wann davon zu Theil wurden, hatte ich dem schwachen aber häufigen Wetterleuchten zu verdanken, welches den Horizont gegen Norden erhellte und gerade genug enthüllte, um mich bedauern zu machen, daß ich wegen der Dunkelheit an diesem Abend nicht mehr davon sehen konnte. Der Reis-See ist auf eine recht anmuthige Weise durch kleine bewaldete Inseln unterbrochen; das nördliche Ufer steigt vom Wasserrande sanft aufwärts. Im Angesicht von Sully, der Schenke, von wo aus das Dampfboot abgeht, welches den Otanabee hinaufsteuert, erblickt man verschiedne hübsche Niederlassungen; und jenseits des Indianer-Dorfes unterhalten die Missionaire eine Schule zur Erziehung und Unterrichtung der Indianer-Kinder. Manche von diesen können geläufig lesen und schreiben und haben in ihrer sittlichen und religiösen Bildung sichtbare Fortschritte gemacht. Sie sind gut und bequem gekleidet und wohnen in besonders für sie erbauten Häusern. Allein sie hängen immer noch zu sehr an ihrer wandernden Lebensweise, um gute und betriebsame Ansiedler abzugeben. Zu gewissen Zeiten im Jahre verlassen sie das Dorf und lagern sich in den Wäldern längs den Ufern jener Seen und Flüsse, wo sie auf Ueberfluß an Wild und Fischen rechnen können[17].

Die Reis-See und Schlamm-See-Indianer gehören, wie man mir sagt, zu den Tschippewas, allein die Züge von Schlauheit und kriegerischem Trotz, die früher dieses merkwürdige Volk charakterisirten, scheinen unter dem milderen Einfluß des Christenthums verschwunden zu sein.

Gewiß ist, daß die Einführung der christlichen Religion der größte Fortschrit zu Civilisirung und Verbesserung ist; ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, die Schranken des Vorurtheils und der Unwissenheit niederzubrechen und die Menschen zu einer allgemeinen Brüderschaft zu verbinden. Man hat mir gesagt, daß eine Zeitlang das Laster der Völlerei diesen neu bekehrten Wilden unbekannt gewesen, ja daß sie sich sogar des mäßigen Gebrauchs geistiger Getränke gewissenhaft enthalten. Diese Enthaltsamkeit wird von einigen Familien noch jetzt beobachtet; aber neuerdings hat sich die Trunkenheit wieder unter ihnen eingeschlichen, die allerdings ihren Glauben in Miscredit bringt. Man darf sich in der That kaum darüber wundern, daß der Indianer, wenn er diejenigen seiner Umgebung, welche sich Christen nennen, welche besser erzogen sind und den Vortheil einer civilisirten Gesellschaft genießen, dem erwähnten Laster bis zum Uebermaß fröhnen sieht, sich von seinem natürlichen Hange besiegen läßt und die Pflichten des Christenthums, das bei einigen wohl eben nicht tiefe Wurzel geschlagen haben mag, entgegenhandelt. Ich habe mich über die, diese lasterhafte Neigung der armen Indianer betreffenden Urtheile von Leuten, welche die ersten an der Tafel und bei Trinkgelagen waren, sowohl gewundert als geärgert; es schien mir, als halte man Leute von Erziehung und Bildung der Völlerei für weniger zurechnungsfähig als den halbcultivirten Wilden.

Man findet einige hübsche Ansiedlungen am Reis-See, indeß sollen seine Ufer der Gesundheit nicht zuträglich sein, und die Colonisten vorzüglich da, wo der Boden niedrig und morastig ist, häufig an Sumpf-Fiebern und Flüssen leiden. Einige schreiben die Ursache der eben genannten Uebel den umfangsreichen Reisbeeten zu, welche das Wasser stocken machen. Die Verdünstung von einer Wasserfläche, die fortwährend auf eine Masse faulender Pflanzen wirkt, muß allerdings die Constitution derjenigen schwächen, welche ihrem verderblichen Einfluß unmittelbar ausgesetzt sind.

Außer zahlreichen kleinen Wasserströmen, die hier zu Lande Creeks heißen, ergießen sich zwei beträchtliche Flüsse, der Otanabee und der Trent in den Reis-See. Diese Flüsse sind durch eine Kette kleiner Seen mit einander verbunden, welche man auf einer guten Charte von der in Rede stehenden Provinz finden kann. Ich füge meinem Briefe einen Abriß bei, der zu Cobourg erschienen ist und Sie mit der Geographie dieser Abtheilung des Landes bekannt machen wird. Auf einem der kleinen Seen gedenken wir uns anzukaufen; denn sollten diese Gewässer schiffbar gemacht werden, wie man beabsichtigt, so dürften die Ländereien an ihren Ufern sehr einträglich für die Colonisten ausfallen; gegenwärtig sind sie durch große Granit- und Kalkstein-Blöcke, Stromschnellen und Catarakte unterbrochen, welche kein Fahrzeug außer Nachen und Böten mit flachem Kiel, zulassen und selbst diese sind wegen der vielen angedeuteten Hindernisse auf gewisse Strecken beschränkt. Durch Vertiefung des Fluß-Bettes und des Bodens der Seen, durch Bildung von Wehren in einigen Theilen, und durch Anlegung von Kanälen, würde dieser ganze Wasser-Bereich, bis zur Bay von Quinte, der Schifffahrt geöffnet werden können. Der Kostenbetrag würde natürlicher Weise bedeutend sein, und bevor nicht die Städte dieses Theils des Distriktes vollkommen organisirt sein werden, ist an die Ausführung eines solchen Riesen-Plans nicht zu denken, wie wünschenswerth sie auch sein mag.

Wir verließen nach einer ungewöhnlichen Verzögerung um neun Uhr das Wirthshaus am Reis-See. Der Morgen war feucht und neblich, und ein kalter Wind blies über die Wasserfläche, die sich durch den feinen Sprühregen nicht eben vortheilhaft ausnahm; ich hüllte mein Gesicht zum Schutz dagegen gern in den Ueberschlagkragen meines warmen Mantels ein; denn das kleine Dampfboot hatte außer einer unwirksamen Zelt-Decke weder eine Kajüte noch einen andern Zufluchtsort. Das armselige Schifflein stach leider gegen die trefflich eingerichteten Fahrzeuge, worauf wir erst vor Kurzem den Ontario und St. Laurence durchsegelt, gewaltig ab. Dennoch nahm uns das Vorhandensein eines Dampfboots auf dem Otanabee nicht wenig Wunder, und war für die ersten Ansiedler längs den Ufern dieses Flusses ein Gegenstand großer Freude, da sie sich noch vor wenigen Jahren zum Transport sowohl ihrer selbst als auch ihrer Markt-Erzeugnisse mit schlechten Nachen oder Wagen und Schlitten, auf höchst erbärmlichen Straßen, begnügen mußten.

Der Otanabee ist ein schöner, breiter, heller Strom, welchen bei seinem Eintritt in den Reis-See eine schmale, wegen ihrer morastigen Beschaffenheit des Anbaues unfähige Landzunge in zwei Mündungen scheidet. Dieser schöne Fluß, (denn als solchen betrachte ich ihn) schlängelt sich zwischen dick bewaldeten Ufern hin, die sich, in demselben Verhältniß, als man weiter landeinwärts kommt, mehr und mehr erheben.

Gegen Mittag zertheilte sich der Nebel, und die Sonne kam in ihrem vollen Septemberglanze zum Vorschein. Die Nadelholz-Wälder zu beiden Seiten des Flusses bildeten eine so dichte Schutz-Mauer, daß wir nicht die geringste Unannehmlichkeit von dem rauhen Luftzuge fühlten, der mich am Morgen, als wir durch den See schifften, ganz durchkältet hatte.

Für den schnell vorübereilenden Reisenden, der sich um die einzelnen Schönheiten der Scenerei wenig bekümmern kann, haben die langen ununterbrochnen Wald-Linien nothwendiger Weise etwas Einförmiges, das ihn allmälig in eine düstere, ja fast traurige Stimmung versetzt. Dessenungeachtet aber giebt es manchen Gegenstand, der einen genauen Beobachter der Natur unterhält und erfreut. Sein Auge wird von den seltsamen Lauben angezogen, welche der canadische Epheu ein scharlachrothes rankendes Gewächs, und die wilde Rebe bilden, indem sie ihre dicht verschlungenen, reich gefärbten Blätter-Guirlanden zwischen den Aesten der Waldbäume hinranken und ihre glühenden Tinten mit den rothspitzigen Zweigen des weichen Ahorns vermischen, dessen herbstliche Farben in Schönheit von keinem unsrer heimathlichen Waldbäume übertroffen werden.

Die purpurnen Trauben der Rebe, in Größe keineswegs so verächtlich, als ich mir vorgestellt, erschienen meinen sehnsüchtigen Augen, indem sie, zwischen dem Laube hängend, ihrer Reife entgegen eilten, äußerst lockend. Wie ich höre, bildet ihr Saft, mit einer hinreichenden Quantität Zucker zusammen gesoten, ein treffliches, äußerst wohlschmeckendes Gelee. Die Samen sind zu groß, um eine andre Zubereitung räthlich oder vortheilhaft zu machen. Ich werde gelegentlich erfahren, welcher Veredelung sie durch Cultur fähig sein dürften. Mann kann sich des Schlusses nicht erwehren, daß, wo die Natur einen so großen Ueberfluß an Früchten hervorbringt, das Klima, unter Mitwirkung von Cultur und Boden, ihrer Vervollkommnung höchst günstig sein müsse.

Das Wasser des Otanabee ist so klar und frei von allem Schmuz, daß man jeden Kiesel, jede Muschelschale auf seinem Boden deutlich unterscheiden kann. Hier und da enthüllt eine Oeffnung im Walde ein Neben-Flüßchen, das sich seinen Weg unter den Laubwölbungen der darüber ragenden Riesen-Bäume nach dem Hauptstrome bahnt. Die ringsum herrschende Stille wird durch nichts unterbrochen, als den plötzlichen Aufflug der von ihrem Zufluchtsorte zwischen den buschigen, hier und da das linke Ufer bekränzenden Weiden aufgeschreckten wilden Ente, oder das gellende rauhe Geschrei des Eisvogels, indem er pfeilschnell über die Wasserfläche schießt.

Das Dampfboot landete zur Einnahme von Brennmaterial an einer gelichteten Stelle, ungefähr auf dem halben Wege von Peterborough, und ich benutzte freudig die Gelegenheit, einige der prächtigen Cardinal-Blumen zu pflücken, welche zwischen den Steinen am Uferrande wuchsen; auch fand ich hier eine Rose, so schön und angenehm duftend, als nur jemals eine unsre englischen Gärten zierte. Ferner bemerkte ich zwischen dem Grase auf dem Wiesenlande Frauenmünze, und näher am Ufer Pfeffermünze. Ein Strauch, mit Früchten, so groß wie Kirschen, von breiartigem Fleisch und angenehm säuerlich, fast wie Tamarindenmark, schmeckend, glich unserm Schlehendorn. Die Dornen dieses Strauches waren furchtbar lang, stark und fest, meiner Ansicht nach dürfte er sich zu Einfriedigungen oder lebendigen Hecken vortrefflich eignen; auch die Frucht könnte, eingemacht, kein zu verachtendes Desert abgeben.

Da ich sehr begierig war, das Innere eines Log-Hauses zu sehen, so trat ich durch den offnen Thorweg in die Schenke, wie man sie nennt, unter dem Vorwand, einen Trunk Milch zu kaufen. Das Innere dieses rohen Gebäudes hatte eben kein einladendes Ansehn. Die Wände bestanden aus rohen unbehauenen Scheiten oder Baumstämmen, und die Lücken und Ritzen zwischen diesen waren mit Moos und unregelmäßigen Holzkeilen ausgefüllt, um Wind und Regen abzuhalten; die unberappte Decke zeigte das mit Moos und Farrenkraut von allerlei Farben, — Grün, Gelb und Grau — bedeckte Sparrwerk; und darüber konnte man die vom Rauche, der sich durch den weiten, aus Steinen und Lehm erbauten Schornstein aufzusteigen weigerte und in leichten Windungen unter dem Dache hinkräuselte, um seinen Ausgang durch die vielen Ritzen und Oeffnungen in letzterem zu suchen, schön mahagonyroth gefärbten Schindeln wahrnehmen.

Der Fußboden war von Erde, die durch Gebrauch eine ziemliche Härte und Ebenheit erhalten hatte. Die ganze Hütte erinnerte mich an das armselige Gebäude, welches vier russische Matrosen, die sich auf Spitzbergen zu überwintern genöthigt sahen, zu ihren Schutz errichteten. Das Geräthe darin entsprach ihrer rohen Bauart; einige wenige Stühle, roh und ungehobelt; ein Tisch von Tannenholz, der, weil letzteres, bei Verfertigung desselben noch frisch gewesen, an verschiednen Stellen gesprungen war und blos durch seine mißgestalteten Beine zusammengehalten wurde;

zwei oder drei Blöcke von grauem Granit, die neben dem Heerde standen, dienten als Sitze für die Kinder; hierzu kamen zwei Betten, die durch niedrige Gestelle von Cedern-Holz etwas über den Boden erhoben waren. Auf diesen elenden Schlafstellen lagen zwei arme Teufel ausgestreckt, an den verheerenden Wirkungen des Sumpffiebers leidend. Ihre gelben, eine Störung in der Gallen-Absonderung verrathenden Gesichter stachen gegen die zusammengeflickten Pfühle, womit sie bedeckt waren, seltsam ab. Ich fühlte das innigste Mitleiden mit den armen Emigranten, die mir erzählten, daß sie kaum einige Wochen im Lande gewesen, als sie vom Fieber befallen worden wären. Sie hatten Weiber und kleine Kinder, welche sehr elend aussahen. Auch die Weiber hatten am Wechselfieber gelitten und dabei nicht einmal ein eignes Haus oder einen Schuppen zu ihrer Bequemlichkeit gehabt; die Männer waren durch ihr Erkranken in völlige Unthätigkeit versetzt worden; und ein großer Theil von dem wenigen Gelde, das sie mit sich gebracht, war in der elenden Schenke, wo sie lagen, für Kost und Logis aufgegangen. Ich kann eben nicht sagen, daß ich mich sehr zu Gunsten der Wirthin, einer barschen und habsüchtigen Frau eingenommen fühlte. Außer den verschiednen Emigranten, Männern, Weibern und Kindern, welche diesen Schuppen bewohnten, zählte derselbe noch andre Inhaber; ein hübsches feistes Kalb nahm einen Verschluß in einem Winkel ein; einige Ferkel wanderten grunzend in Gesellschaft mit einem halben Dutzend Vögeln umher. Der anziehendste Gegenstand waren drei schneeweiße Tauben, welche friedlich die auf der Erde liegenden Bröckchen aufpickten und das Ansehn hatten, als wären sie zu rein und unschuldig, um Bewohner eines solchen Platzes zu sein.


Sowohl wegen der Seichtigkeit des Flusses in dieser Jahreszeit als auch wegen der Stromschnellen kann das Dampfboot nicht den ganzen Weg bis Peterborough hinauf steuern, daher ein Kahn (scow) oder Ruderboot, wie er bisweilen genannt wird, eine plumpe schwerfällige Maschine mit flachem Kiel an einer bestimmten Stelle des Flusses im Angesicht einer eigenthümlich gestalteten Fichte, auf dem rechten Ufer, der Passagiere wartete. Der eben erwähnte Baum heißt die »Yankie-Mütze« (Yankee bonnet), wegen der vermeintlichen Aehnlichkeit der obersten Aeste mit einer Art unter den Yankies üblichen, der blauen schottischen nicht unähnlichen Mütze.

Unglücklicher Weise landete das Dampfboot etwa vier englische Meilen unterhalb des gewöhnlichen Rendezvous-Ortes und wir warteten bis ziemlich vier Uhr darauf. Als es endlich erschien, fanden wir zu unserm nicht geringen Mißvergnügen die Ruder-Knechte (acht an Zahl und sämmtlich Irländer) unter dem Einfluß eines tüchtigen Branntwein-Rausches, den sie sich auf der Herfahrt angetrunken. Uebrigens waren sie über die Verzögerung von Seiten des Dampfbootes aufgebracht, die ihnen eine vierstündige schwere Ruderarbeit mehr auferlegt hatte. Außer einer Anzahl Passagiere fanden wir es mit einer beträchtlichen Ladung Hausgeräth, Koffern, Kisten, Schachteln, Säcken mit Weizen, Salz und geräuchertem Schweinefleisch, nebst noch hundert andern Packeten und Artikeln, großen und kleinen, belastet, die zu einer solchen Höhe aufgeschichtet waren, daß ich sowohl für die Güter selbst als für die Passagiere Gefahr fürchtete.

Mit dem unverstelltesten Unwillen griffen die Leute nach vollendeter Ladung zu ihren Rudern, erklärten aber, daß sie ans Ufer gehen, Feuer machen und ihr Mahl zubereiten wollten, da sie noch gar keine Nahrung zu sich genommen; dafür hatten sie indeß der Branntwein-Flasche tüchtig zugesprochen. Dieser Maßregel widersezten sich einige der männlichen Passagiere, und es erfolgte ein heftiger Zank, der damit endete, daß die Meuterer ihre Ruder niederwarfen und sich ausdrücklich weigerten, ehe sie ihren Hunger befriedigt, einen einzigen Schlag zu thun.

Vielleicht hatte ich ein dem ihrigen verwandtes Gefühl; denn ich begann selbst, äußerst hungrig zu werden, da ich seit früh sechs Uhr gefastet; in der That war ich so schwach, daß ich meinen Gatten bat, er möchte sich ein Stückchen von dem groben, eben nicht appetitlichen Brode für mich geben lassen, das die Irländer aus ihren Schnappsäcken hervorzogen und mit gewaltigen Schnitten rohen Pöckel-Schweinfleisches verzehrten, wobei sie, »nicht laute aber tiefe«[18] Flüche und bittre Spottreden gegen diejenigen ausstießen, welche sie in Kochung ihrer Speisen, »wie es Christen gezieme,« verhindern wollten.

Während ich begierig mein Stückchen Brod hinteraß, sagte ein alter Pächter, der mich eine Zeitlang mit einem Gemisch von Neugierde und Mitleiden betrachtet, »Arme Frau, sie scheinen ja recht hungrig, und sind, irr' ich nicht, eben erst aus dem alten Vaterlande gekommen und folglich an dergleichen harte Kost nicht gewöhnt. Hier sind einige Kuchen, die meine Frau (my woman) als ich von zu Hause aufbrach, mir in die Tasche gesteckt hat; ich mache mir wenig daraus, aber sie sind doch besser als dieses schlechte Brod; bedienen sie sich derselben, und mögen sie Ihnen wohl bekommen.« Mit diesen Worten schüttete er mir einige recht schöne hausbackene Streukuchen in den Schooß, und gewiß konnte mir nie etwas erwünschter kommen als diese wohlschmeckende Erfrischung.