Charles-Louis Philippe

Bübü vom
Montparnasse

Ein Roman
mit
zwanzig Holzschnitten
von
Frans Masereel

1920
Kurt Wolff Verlag München

Autorisierte Übersetzung von Camill Hoffmann

Copyright 1920 by Kurt Wolff Verlag in München

I

Der Boulevard Sebastopol war am Tage nach dem vierzehnten Juli noch lebendig. Halb zehn Uhr abends. Die Bogenlampen, schreiend weiß zwischen den Baumreihen, überschneiden die Schatten oder sind im Blattwerk verloren. Die Warenhäuser sind geschlossen: „Pygmalion“, die „Lämmlein“, der „Holländische Hof“, „Zur billigsten Quelle der Welt“, und ihre finstern Fassaden, die soeben den Bürgersteig erhellten, verdunkeln ihn jetzt gleichsam. Die hohen vergoldeten Aufschriften, die an den Balkonen in der Sonne glänzten, im ersten Stock, im zweiten und in den andern, verlieren sich in dem Schwarz mit ihren Buchstaben aus gelbem Holz und scheinen am Abend auszuruhen wie der Großhandel. Blumen und Federn, Ausverkäufe, Lebensmittel, Stoffe haben auf dem Boulevard Sebastopol ihre Rolläden heruntergelassen und sind verstummt.

Zu dieser Stunde betrachten die Fußgänger nicht mehr die Schaufenster. Das Nachtleben beginnt, mit andern Zwecken. Die Wagen haben Laternen: die Fiaker strahlende Lichter wie zwei vergnügte Augen und die Tramways ein rotes oder grünes Feuer, und sie heulen wie eine erregte Menschenmenge. Sie folgen einander, kreuzen sich, stampfen und rollen. Am Horizont gegen die großen Boulevards erhellt die Luft sich stark, erhebt sich zum Himmel und ist wie von leuchtendem Geist belebt. Das Ziel ist nicht hier, auf dem Boulevard Sebastopol, wo die Warenhäuser geschlossen sind. Die Wagen eilen. Die nach den großen Boulevards wollen, fahren in das Licht hinein und hasten dahin wie Menschen, die ein Schauspiel anzieht.

Der Boulevard Sebastopol lebt ganz und gar auf dem Bürgersteig. Auf dem breiten Steig, in der blauen Luft einer Sommernacht, verbringt Paris und verlängert am Tage nach dem vierzehnten Juli einen Überrest des Festes. Die Bogenlampen, das Laub der Bäume, die Wagen, die rollen, und die ganze Erregung der Fußgänger wirken zusammen so scharf und schwer wie Rausch und Ermüdung. Es ist das übliche Schauspiel aller Abende, aber es gibt Straßenecken oder Häuserfronten, die noch die Erinnerung an die gestrigen Tänze bewahren. Es gibt gewisse Geräusche oder gewisse Schreie, die an die Lieder der Betrunkenen denken lassen. Es gibt Laternen oder Fahnen, die in den Fenstern zurückgeblieben sind und eine Fortsetzung der Fröhlichkeit zu fordern scheinen. Man errät, was in den Seelen vorgeht. Die einen, die sich gestern vergnügt haben, blicken noch nach einem Vergnügen aus, dem sie sich hingeben könnten. Denn die Menschen, die einmal die Freude kennen gelernt haben, rufen sie ewig herbei. Die andern, die arm sind, die häßlich sind und die ängstlich sind, ergehen sich zwischen den Überresten des Festes und suchen in den Winkeln nach übriggelassenen Brosamen. Denn die Menschen, die niemals die Freude kennen gelernt haben, sind gequält und suchen sie immerfort, bis sie davon müde geworden sind, leer ausgegangen zu sein.

Die Luft scheint sich um sie zu regen. Gutgekleidete junge Leute kommen zu zweit oder zu dritt und gehen von hinnen. Sie haben neue Kragen, elegante und einfache Krawatten mit glitzernder Nadel und eilen dem Lichte zu, Geld in den Taschen. Handelsangestellte plaudern unter ihnen: „Wir haben bis Mitternacht getanzt. Sie hat allerhand mit sich machen lassen. Ich habe sie in ein Hotel in der Rue Quincampoix gebracht. Wie hat sie darauf Lust gehabt!“ Zwei Freunde heften ihre Schritte an zwei kleine Frauen, die, als sie von ihnen angeredet werden, sich mit ersticktem Lachen anschauen. Junge Leute mit phosphoreszierenden Augen blicken die Frau an, so oft ein Paar vorübergeht. Dicke Männer rauchen eine Zigarre mit Genugtuung und denken: „Ich bin ein mächtiger Beamter mit zwölftausend Francs Jahresgehalt.“ Paare gehen vorüber. Eine elegante junge Frau am Arm eines eleganten jungen Herrn: sie ist glücklich darüber, reich auszusehen; er ist glücklich, beneidet zu werden. Ein weniger elegantes junges Mädchen mit ihrem Geliebten, der zu ihr spricht, indem er an die Liebe denkt. Andre Paare endlich, Ehemann und Frau, blicken jeder auf seine Seite, wechseln nur dann und wann ein Wort: ihr Geist und ihr Leib sind aneinander gewöhnt.

Sie gingen vorüber. Waren die einen entschwunden, sah man wieder andre. Geschäftsleute schritten auf der Straße so weit auf und ab, als die Auslage ihrer Läden breit war. Ein junger Mann preßte den Arm einer Frau und folgte ihr unterwürfig. Man glaubte, er würde ihr bis ans Ende der Welt folgen. Die Eitelkeit, die Heiterkeit, das Wohlleben spazierten im Licht. Die Luft ward davon erhitzt. Ach, was hatte die Müdigkeit von gestern zu sagen! Warme Wellen kamen bei der Erinnerung an die Orgie, und die Herzen zogen sich vor Verlangen zusammen. Paris war wie ein müder Hund, der weiter seiner Hündin nachläuft.

Die öffentlichen Mädchen übten ihr Gewerbe aus. Da ist die kleine Gabrielle, die zwei Jahre mit Robert lebte, dem Mörder der Constance. Ihr Liebhaber ist soeben ins Zuchthaus gekommen. Da ist die kleine Jeanne, die siebzehn Jahre sein soll. Seit einem Monat geht sie auf dem Boulevard Sebastopol. Sie hat auf ihrem Antlitz nur ein wenig Reispuder, und ihre Augen glänzen von den ersten Feuern der Lust. Viele Leute halten sie nicht für eine Prostituierte. Da sind Mädchen mit bloßem Haar und Mädchen mit Hut. Die einen haben den schweren Gang von Kühen und sprechen die Männer schamlos an. Andre zieren sich, zwinkern mit den Augen und bereiten ihr Lächeln vor. An der Ecke der Rue Rambuteau hat sich eine Gruppe gebildet. Sie reden alle zugleich. Man sieht die feuchten Markthallen zur Linken, man denkt an Abfälle von Kohl. Man möchte sagen: Frösche, die an einem Sumpfe quaken.

Die Geheimen der Sittenpolizei gehen zu zweien. Es ist leicht, sie an ihrem Blick, an ihren unsaubern Kleidern und ihrem schweren Gang zu erkennen. Sie sind unsauber wie ihr Beruf. Sie schreiten hölzern wie Leute, die ein Amt ausüben. Sie messen die Frauen vom Kopf bis zu den Zehen mit festem Auge. Der Blick der Vorübergehenden schaut, der der Geheimen überwacht. Geschmückt mit einer Militärmedaille, schreitet ein dicker Brauner, dessen starker Bart den Mund hervorhebt, dahin mit ausladenden Schultern. Die öffentlichen Mädchen gehen steif, ohne den Kopf zu wenden, mit ihrer Seele eines Sklaven, der weiß, daß der Stärkere recht behält.

Die Rufe der Camelots. Sobald ein Schutzmann sich entfernt, taucht ein Camelot auf. Die Mütze auf dem Kopf, das Gesicht erregt, den Bart farblos, schreien sie voll Glut, denn ihre Leidenschaften sind heftig, und sie wollen ihr Essen und Trinken verdienen. Jener dort, vielleicht keine achtzehn Jahre alt, die Mütze bis an die Ohren gezogen, in Röhrenstiefeln, umkreist eine Schar von Neugierigen, indem er seine Stiefel hebt. Er verkauft um zwei Sous ein Heft mit durchscheinenden Bildern und hält sie mit Taschenspielergebärden den Leuten vor die Augen: „Und wenn Sie einen Schutzmann anrücken sehen, meine Herren und Damen, so machen Sie mich aufmerksam, nur damit ich ihm entgegenspazieren kann.“ Die Polizei verfolgt sie wie die öffentlichen Mädchen, deren Herzauserwählte sie sind.

Pierre Hardy, der den ganzen Tag in seiner Kanzlei gearbeitet hatte, erging sich unter den Passanten des Boulevards Sebastopol. Ein junger Mann von zwanzig Jahren, erst seit sechs Monaten in Paris, schreitet unsicher durch das Pariser Schauspiel. Die Wagen, die rollen, die grellen Lichter, die Menge in den Straßen, der Luxus und der Lärm bilden eine babylonische Verwirrung, die bestürzt und einen Wirbel allzuvieler Gedanken auf einmal entfesselt. Alle Provinzler haben dieses Unbehagen gefühlt und sind darüber linkisch und traurig geworden. Ich versichere Ihnen, daß die hübschen Dorfburschen, die zu Hause auf den Tanzböden prächtig aussehen, auf den Boulevards eine trübselige Figur machen.

Ein Mensch, der geht, trägt alle Dinge seines Lebens und bewegt sie in seinem Kopfe. Ein Schauspiel weckt sie, ein andres löscht sie aus. Unser Körper hat alle unsre Erinnerungen bewahrt, wir vermengen sie mit unsern Wünschen. Wir durchlaufen die Gegenwart mit unserm Gepäck, wir gehen und haben es in jedem Augenblick bei uns.

Hier die Gedanken, die Pierre Hardy diesen Abend spazieren führte:

In das Haus eines Städtchens im Osten, wo seine Eltern Holzhandel treiben, kehrt Pierre Hardy gern in Gedanken zurück, denn er ist zwanzig Jahre und lebt erst seit dem Monat Januar in Paris. Es ist ein Haus auf einer Anhöhe, ein wenig abseits von der Stadt und von einem Garten umgeben. Dort ist gut sein an den Sommerabenden, wenn eine Brise die Dämmerung durchweht und man sich im Garten niederläßt, um die Nacht einzuatmen. Die Sterne ziehen die Gedanken an; es wetterleuchtet ein paarmal, „Entladungen der Hitze“, und man lebt, die ersten Zigaretten rauchend, friedlich unter den Seinen. Alle Einzelheiten sind reizend. Wenn es zu heiß ist, trinkt man am Abend, statt Suppe zu essen, Milch; das erfrischt bis ins Herz hinein. Oft kamen seine ältere verheiratete Schwester und seine kleine Nichte auf eine Woche zu Besuch. Man kochte ein wenig mehr, war ein wenig heiterer. Die jüngere Schwester spielte die Mama der kleinen Juliette. Sie ging mit ihr aus und kaufte ihr Näschereien. Nichts fehlte ihnen. Alle Mitglieder dieser Familie fühlten klar, daß sie ein Ganzes in der glücklichen Natur bildeten.

Er dachte noch an seine drei Jahre Fachschule. Er hatte Brücken und Maschinen von verwickeltem Aussehen zeichnen gelernt und säuberliche und bewunderungswürdige Tuschzeichnungen mit Farbe decken. Seine Eltern hatten sich in ihr Zimmer eine schöne Zeichnung einrahmen lassen, die einen Bahnhof zwischen zwei Hügeln darstellte. Er hatte die Schule mit Nummer 2 verlassen, mit einem Diplom und einer vergoldeten Medaille.

Er konnte als Zeichner mit hundertfünfzig Francs monatlich in eine Eisenbahngesellschaft eintreten. Er bedauerte, nicht in die Ingenieur- Fachschule eingetreten zu sein, wie seine Professoren ihm geraten hatten. Seine Eltern hätten sich dies Opfer auferlegt und er hätte rasch den Grad eines Bureauleiters erlangt.

Auf dem Boulevard Sebastopol, dessen elektrische Bogenlampen schnurgerade liefen, erging er sich unter Tausenden von Fußgängern. Die Lichter durchdrangen das Laubwerk der Bäume und fielen mit den Schatten der Zweige auf den Bürgersteig. Es schien ihm, als wären die Lichter glänzender und die Menge noch zahlreicher. Die jungen Leute aus der Provinz glauben sich verloren inmitten der hunderttausend Menschen. Er kannte niemand und ging immerzu, und neue Passanten schritten vorüber, alle einander ähnlich in ihrer Gleichgültigkeit, und sahen ihn nicht einmal an. Ihr Lärm umringte ihn wie das Tosen einer Vielheit, an der er nicht teil hatte. Er sah sich in der Menge, die wirbelte und gestikulierte und heiter war wie manches Lachen, das er im Vorübergehen erschallen hörte, und strahlend wie mancher Frauenblick, den er auffing.

Er versuchte sich an etwas festzuklammern, um nicht zu versinken. Er hatte das Bedürfnis, in sich selbst hinabzusteigen und dort, während all dies ringsum geschah, irgend eine Freude zu finden, um mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit nicht verloren zu sein.

Er wollte einen Damm aufrichten gegen die steigende Flut und schreien: „Ich bin auch da. Mit Stein und Zement stemme ich mich euch entgegen und halte euch auf, wenn ihr auf mich einbrüllt!“

Er bewohnte in einem Hotel der Rue de l’Arbre-Sec ein Zimmer im fünften Stock. Diese Hotelzimmer sind stets unsauber, weil allzu viele Mieter darin gelebt haben. Das Bett, der Spiegelschrank, die beiden Stühle und der Tisch auf Rädchen füllen sie. So klein sind sie, daß diese vier Möbel sie übervoll zu machen scheinen. Hier lebt man für fünfundzwanzig Francs im Monat ein Leben ohne Würde. Die Bettmatratzen sind schmutzig, die Fenstervorhänge sind grau wie ein Armeleutetag. Der Kellner hat einen Hauptschlüssel, der ihm erlaubt, jeden Augenblick in dein Zimmer einzutreten. Deine Nachbarn wechseln alle vierzehn Tage und du hörst sie durch die Scheidewand. Die einen sind Trinkerpaare, die sich streiten, die andern riechen nach Prostitution, und sind manche ordentlich, so flößen sie doch kein Vertrauen ein. Die armen Mieter in den Hotels haben kein Daheim. Pierre Hardy konnte nicht sagen: „Ich habe eine Zuflucht, wo ich unter Dingen bin, die mich anheimeln, wenn ich traurig werde“.

Die einzige Zuflucht war ihm sein Freund Louis Buisson, dem er sich seit dem ersten Tage anschloß. Louis Buisson war fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Zeichner in demselben Büro wie Pierre Hardy. Dieses Männchen von 1 Meter 35 Höhe war wegen seines kleinen Wuchses vom Militärdienst zurückgewiesen worden. Darum genoß er nicht viel Achtung bei seinen Kameraden, die ihn für einen guten Burschen hielten, dessen Bedeutung aber nur 1 Meter 35 maß. Ehemals hatte er beabsichtigt, die polytechnische Hochschule zu besuchen, und Mathematik studiert, was ihn daran gewöhnt hatte, alles zu analysieren, und bis zu zwanzig Jahren war er in einem Provinzgymnasium gewesen, was ihn daran gewöhnt hatte, zu dulden. Der Zusammenbruch seiner schönen Zukunftsträume machte ihn bescheiden. Er dachte: „Ich verdiene hundertachtzig Francs monatlich. Ich bin wie ein Mann aus dem Volke und arbeite, um das Brot zu verdienen, das ich esse.“ Am Abend beschäftigte er sich mit Literatur und Philosophie, nachdem er auf der Straße spazieren gegangen war und die jungen Frauen betrachtet hatte. Er sagte: „Sie laufen allem nach, was glänzt, den reichen jungen Leuten und den schönen jungen Leuten. Die reichen jungen Leute erziehen die Frauen zum Luxus, und die schönen jungen Leute, von denen sie betrogen werden, lehren sie, daß die Liebe nur ein simples Vergnügen sei. Sie kehren später zu uns zurück. Sie richten uns durch Toiletten und Theater zugrunde und haben nicht mehr Glut genug, um unsre Geliebten und unsre Gefährtinnen zu werden. Ich für meine Person korrespondiere mit einer kleinen Bonne. Da sie schlicht und arbeitsam ist, werden wir uns heiraten. Ich will wie ein Mann aus dem Volke leben, mit einem Weibe aus dem Volke. Im übrigen hasse ich die Reichen, die uns unsre Freuden stehlen.“

Er besaß seine Möbel und wohnte am Quai du Louvre in einem Zimmer im fünften Stock. Pierre Hardy erstattete ihm Bericht von allen seinen Stimmungen und allen seinen Abenteuern, und Louis Buisson legte ihm gleiche Geständnisse ab. Solch eine Freundschaft gibt uns Lebensmut, indem sie unsre Freuden verlängert und uns in unserm Kummer tröstet. Man sagt sich: Das werde ich Louis erzählen, der mir sagen wird: „Mein lieber Freund, wir leiden, weil wir arm und schüchtern sind und hauptsächlich, weil wir ein reines Herz haben“. Sie waren durch einen kleinen Unterschied in der Erziehung voneinander getrennt. Pierre Hardy wohnte in der Rue de l’Arbre-Sec, die eine Pariser Straße ist. Louis Buisson wohnte am Quai du Louvre, wo die Luft viel freier ist.

Aber es gibt Abende, an denen die Freundschaft nicht genügt. Die Worte und der gewöhnliche Anblick der Freundschaft beruhigen uns. Wir haben aber auch das Bedürfnis, uns zu ermüden. Pierre Hardy empfand inmitten der Flut ein wenig Freude, die ihm sein Freund bereitete, und er betrachtete die Menge, indem er dachte: „Ihr habt keinen Freund wie Louis Buisson.“ Aber das tröstete ihn nicht, und der ganze Lärm des Boulevards sprach: „Besser ist, eine Frau zu haben.“ Er dachte noch: „Ich bereite mich auf die Prüfung für Brücken- und Straßenbau vor, ich werde gewiß zum Bureauchef ernannt werden. So viele Männer, die da mit Frauen am Arm vorübergehen, werden kleine Angestellte bleiben!“ Aber die ganze Menge schrie ihm im Vorübergehen zu: „Was macht das! Wir haben Frauen und lachen.“ Er antwortete: „Ich habe einen Vater und eine Mutter, die mich mehr lieben, als euch eure Frauen!“ „Was macht das!“ sprach die Menge. „Du bist allein und langweilst dich. Wir haben Frauen und lachen.“

So wurde er gezwungen, zu verstehen, daß die ganze Festfreude wertvoller sei als sein einsames Dasein. Er konnte dem Lichterglanz und der entfesselten Lust nichts entgegensetzen. Louis Buisson, der von zwei oder drei Philosophischen Grundsätzen passioniert war, schöpfte daraus Kraft genug, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Übrigens suchte er darin irgendwelche weitere Grundsätze zu entdecken. Pierre Hardy war zwanzig Jahre alt und fand sich mit tausend Wünschen ganz allein mitten in einem sehr verführerischen Paris.

Und oft hatten seine Wünsche ihn geleitet. An manchen Abenden, wenn er bis elf Uhr gearbeitet, schloß er seine Bücher und fühlte sich traurig mit all ihrer Wissenschaft. Alle Diplome wogen das Glück nicht auf, zu leben. Zwei oder drei Bilder von Frauen, die ihm begegnet waren, tauchten in seiner Phantasie auf, und er hing ihnen zunächst nach, um sich zu entspannen. Dann flammte das ganze Feuer seiner zwanzig Jahre empor, alle seine Sinne empfanden, was eine vorüberschreitende Frau in sich schließt. Da richtete er sich auf, die Kehle trocken und das Herz zusammengepreßt, löschte die Lampe aus und ging auf die Straße hinunter.

Er schritt aus. Prostituierte tänzelten an den Straßenecken in ihren ärmlichen Röcken und mit ihren fragenden Augen: er beachtete sie gar nicht. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet. Irgendeine Frau mit geschnürter Taille ging vor ihm her, da verlangsamte er den Schritt, um sie besser zu sehen. Darauf lächelte sie ihm zu. Da beschleunigte er den Schritt, um ihr rascher zu entfliehen, und weil schon eine andre Frau mit geschnürter Taille . . . Er schritt dahin wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau. Er wollte die einen nicht, weil sie zu leicht zu haben waren. Er wagte nicht, die andern anzusprechen, weil sie nicht den Eindruck machten, als wären sie leicht zu haben. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau, bis ihm keine Hoffnung mehr blieb.

Manchmal überholte ihn eine verspätete junge Arbeiterin, die schnell ging, um nach Hause zu kommen. Sie hatte einen schwarzen Rock, eine schlichte Bluse und einen schmucklosen Hut. Es war ein junges Mädchen, das wie ein junger Mann arbeitet und an die Liebe denkt. Pierre Hardy sagte sich dies naiv und folgte ihr, folgte ihr sehr schnell. Er prüfte sie, schätzte in Gedanken die Menge Glück ab, die sie spenden könnte. Wenn er neben ihr war, sagte er sich: „Ich will sie nicht jetzt ansprechen, denn wir sind in einer zu belebten Straße“. Er folgte ihr Schritt für Schritt, alle seine Gedanken aufrührend, und folgte ihr mit großen Schritten, wie man ein Ideal verfolgt. Er wäre ihr sehr weit in die Nacht gefolgt, denn sie war ihm das Licht. Alle seine Abenteuer nahmen den gleichen Ausgang. Unerwartet läutete das junge Mädchen an einer Haustür. Sie war zu Hause. Er sah sie ein letztesmal an und setzte seinen Weg fort, indem er an morgen dachte und an alle die morgen, an denen er dem Glück nicht begegnen sollte, das er soeben hatte entfliehen lassen.

Und am Ende fühlte er noch, ermüdet von dem Marsch, das alte Verlangen, das ihn vorwärtstrieb. Um Ruhe zu haben, nahm er die erste, die daherkam, und in einem Hotel auf einem Bett um vierzig Sous ergoß er sich in ein Mädchen, das schmutzig war wie ein öffentlicher Ausguß.

Am Abend des fünfzehnten Juli war der Boulevard Sebastopol viel lebendiger. Die einen schlenderten paarweise und schienen ihre Liebe auszuführen. Junge Leute sagten: „Sie hatte feste kleine Brüste. Ich möchte sie doch wiederfinden.“ Paris war unterwegs mit Wagen, die rollen, mit Liedern der Betrunkenen und mit so vielen Straßenmädchen, daß unter ihnen auch ein paar verführerische waren. Die Bogenlampen umgaben sich mit einem Hof und bildeten, eine hinter der andern die Luft zwischen den Häusern erhellend, einen großen leuchtenden Kanal, der die Dächer säumte, bis zum Himmel stieg und ihm sein Feuer zuwarf. Diese Atmosphäre badete einen in zartem Fluidum, in einem elektrischen durchdringenden Bade. Dann verwandelten warme Winde, der Atem einer Sommernacht, Paris gleichsam in ein brüllendes Tier, das, schweißbedeckt und mit wahnsinnigen Augen, solange keucht, bis es ohnmächtig wird. Ein Schrei antwortete dem andern, ein Fußgänger weckte das Verlangen des andern, die Lichter entzündeten ihn wie einen Strohhalm, jedes Leben schwoll auf dem Boulevard an und schrie wie das brünstige Tier bis in die Tiefe der vergehenden Herzen.

Und Pierre Hardy erinnerte sich, wie er den Frauen nachgelaufen war. Er schämte sich der Erinnerung unter den Lichtern zwischen Tausenden von Passanten, aber er zürnte ihnen so, wie ein Mann großen Gedanken zürnt, die ihn locken. Vor seinen Augen schritt das Weib mit seinem Geschlecht, seinem offenen Geschlecht, wie Louis Buisson sagte. Pierre Hardy war nichts mehr. Das entfesselte Paris trug ihn, nahm ihn auf seine großen Fluten und entführte ihn, Pierre Hardy, den Sohn eines Holzhändlers, Freund Louis Buissons, den künftigen Brücken- und Straßenbaumeister, trug ihn zwischen den beiden verlorenen Ufern und entführte ihn bis ans Ende der Welt.

An der Ecke der Rue Greneta gab es eine Ansammlung um vier Sänger herum. Es war noch nicht zehn Uhr, und sie sangen an der letzten Straßenecke vielleicht ihr letztes Lied. Der Vater kratzte eine Geige aus rotem Holz, deren neue und kreischende Stimme nur ein Lärm war, und blickte auf den Kreis von Gaffern mit Augen, in denen man Funken und Blut laufen sah. Die Mutter, mit einem Bauch, geweitet von Geburten, mit den hängenden Brüsten eines abgenutzten Tieres, hatte in ihrem zerstörten Gesicht zwei Augen so blau wie zwei beschmutzte Blumen. Sie sang mit der spitzen Stimme eines keifenden Weibes. Und die beiden kleinen Kinder, die jeden Abend sangen, zitterten auf ihren Beinchen. Das eine von ihnen rollte die Augen wie ein böses Tier; es ähnelte dem Vater; es war so erschöpft, daß es hätte beißen mögen. Aber das kleinere, gelbhäutige, mit blauen Augen, hätte wie die Mutter auf den Rücken fallen und schlafen mögen. Paris hatte sie in seine zermalmende Hand genommen, und alle vier, die guten und die bösen, waren sie zermalmt worden.

„Erinnerst du dich noch, Lison,

In deinem Stübchen

Warf ich die Kleider rasch davon

Wie du, mein Liebchen.“

Mütter mit ihren Töchtern hörten zu. Drei kleine Arbeiterinnen, die das Lied sich gekauft hatten, folgten den Worten. Passanten waren müßig stehen geblieben, andre warfen einen Blick hin und gingen weiter. Es gab nicht viele Leute um die Sänger, weil es zuviele Lieder gab. Pierre Hardy machte Halt. Man schaut es sich an, weil man etwas anschauen muß. Ebenso mehrere öffentliche Mädchen, denn sie wissen, daß die Ansammlungen ausgezeichnete Gelegenheiten bieten. Und die ungelenke Stimme der roten Geige, über den drei andern Stimmen gleichgültig schwebend, mechanisch, ohne Feinheit:

„Du sagtest: ‚Lieb, ich zeige Dir

Sehr lustige Dinge,

Doch leg in meine Büchse hier

Paar Silberlinge‘.“

„Zu kaufen für zwei Sous!“ Pierre Hardy erwarb das Lied. Er las es ohne viel Aufmerksamkeit, als eine kleine Frau neben ihm, die mitgelesen hatte, sagte: „Das ist nicht richtig, das Lied“. Er sah sie an und bemerkte, daß das junge Weib schwarzes gescheiteltes Haar und ein hübsches Gesicht hatte.

Er war davon gerührt: „Und wie ist es richtig?“

Sie antwortete: „Richtig lautet das Lied:

Erinnerst du dich noch, Lison,

Ein Sonntag war es . . .“

Ihm war’s völlig gleichgültig, aber eine junge Frau mit gescheiteltem Haar macht uns vieles interessant. Da hörte Pierre nicht mehr die Sänger. Er sagte zu ihr: „Sie müssen schön singen, Fräulein.“

Sie antwortete: „Nicht jetzt, denn ich bin heiser.“

Es wurde zehn Uhr und die unglückselige Stimme der roten Geige schrie noch, bis ihr zu schreien verwehrt wurde. Sie verließen die Schar der Neugierigen, und da die junge Frau nicht schüchtern schien, bot er ihr ein Glas Bier an. Er hatte große Angst, daß sie nicht annehmen würde.

So begegnete Pierre am Abend des fünfzehnten Juli Berthe. Er lächelte über ihre Hübschheit und ihr gescheiteltes Haar.

II

Um halb eins, als Berthe Méténier in ihr Zimmer in der Rue Malebranche zurückkehrte, lag ihr Liebhaber Maurice schon im Bett. Aus Pflichtbewußtsein öffnete er halb ein Auge und erkannte sie. Sie entkleidete sich. Die Kerze brannte auf dem Nachttisch, sie näherte sich ihr, um einen kleinen Pickel zu sehen, der sie oberhalb des Knies juckte. Dann steckte sie die Hand in den linken Strumpf, wo sie das Geld aufzubewahren gewohnt war, zog die hundert Sous von Pierre heraus und legte sie neben die Kerze. Diesmal öffnete Maurice beide Augen:

„Das ist alles, was du seit acht Uhr verdient hast?“

Sie erwiderte:

„Ach ja, geh doch selbst und schau, ob es leicht ist.“

Er drehte sich zur Wand, indem er die Achseln zuckte. Er dachte: „Zu blöd, ein Weib zu haben, das seine Arbeit nicht versteht.“

Sie legte sich nieder, nachdem sie die Kerze ausgelöscht hatte. Maurice war nicht ganz so unzufrieden, denn er hatte sich eine Kleinigkeit dazu verdient. In der Weinstube hatte ihn sein Freund Paul mit einem jungen Mann erwartet, der auf eine Kartenpartie einging und jeden von ihnen dreißig Sous gewinnen ließ. Noch fehlten drei Tage bis zum Wochenende. Berthe hatte Zeit, die sieben Francs für die Zimmermiete zu verdienen. Sie konnten morgen also sechs Francs fünfzig ausgeben.

Er war nicht müde. Er drehte sich daher zu Berthe um und legte den Arm um ihre Schulter. Sie küßte ihn mitten auf den Mund. Es ist zwischen Mann und Frau gesund und gut, sich eine Viertelstunde vor dem Schlaf zu vergnügen. Sie tat alles, die Wonne mit ihm auszukosten. Alles ging gut. Sie wusch sich nie, wenn es mit ihrem Mann war.

Dann sagte sie:

„Du glaubst, es geht, wie man will. Heute abend wird mehr als eine keine hundert Sous nach Hause bringen. Ich hab einen getroffen, der zuerst nur drei Francs geben wollte, und dann war er mit fünf Francs einverstanden, unter der Bedingung, daß ich eine Stunde bei ihm bin. Mir ist es lieber so. Man schafft sich seine Kundschaft, und dann sind es bessere Leute.“

Maurice antwortete nicht. Sie fuhr fort:

„Oh! ja, ich weiß, du denkst an meine Schwester Blanche, weil sie fünfzehn Francs verdient. Und nachher amüsiert sie sich mit kleinen Jungens und arbeitet drei Tage nicht wieder.“

Maurice antwortete nichts.

„Ich könnte auch solche haben, die vierzig Sous zahlen. Die bieten sich mir genug an. Und dann müßte ich die ganze Nacht herumlaufen wie Blanche, um etwas zusammenzubringen. Ich komme dir jetzt schon zu spät nach Hause.“

Sie hatte ein großes Bedürfnis nach Anerkennung. Die Schwache brauchte einen Halt; die Sanfte brauchte gute Worte. Sie hätte lange geplaudert. Er wußte, daß man sich in Geldsachen immer anspruchsvoll zeigen muß. Die Frauen würden nicht mehr arbeiten, wenn die Männer sie anhören wollten. Er antwortete:

„Laß mich in Ruh! Ich will schlafen.“

Maurice Bélu wurde geboren und lebte im Viertel Plaisance, wo seine Mutter ein kleines Geschäft hatte. Bis zum Alter von sechzehn Jahren war er in der Schule geblieben, weil es besser ist, etwas mehr Unterricht zu genießen, und weil es nicht eilt, die Kinder in die Lehre zu schicken, wo sie schlechte Gewohnheiten annehmen. Er empfing eine sorgfältige Erziehung, verließ die Schule mit einfachem Abgangszeugnis und verkehrte mit Jungen seines Alters, die ihm den Beinamen Bübü gaben. Er lernte Kunsttischlerei bei einem Meister des Faubourg Saint-Antoine. Man nannte ihn dort Maurice. Eines Tages, als er die Werkstatt verließ, rief einer seiner früheren Schulkameraden, der ihn sah: „Halt, da ist Bübü!“ Das ging nun nicht verloren, weil nichts verloren geht. Maurice wurde wieder Bübü.

Er war ein kleiner Kerl, dessen Rumpf kräftig auf strammen Beinen ruhte. Er schlug sich auf die Brust mit den Worten: „Klein, aber feste!“ Und sein Kopf war knochig, und seine beiden eigensinnigen und etwas duckmäuserischen Augen verbargen sich hinter Backenknochen. Er hatte vor allem zwei gewölbte Kiefer, die ihre ganze Anatomie zeigten, wenn sie die Nahrung zermalmten, wobei Knochen und Nerven und Muskeln krachten. Das will nicht besagen, daß er riesigen Appetit hatte, sondern einfach, daß er zuzubeißen verstand.

In der Zeit, da ihn die Mutter aus Furcht vor den schlechten Gewohnheiten, die man in der Lehre annimmt, in die Schule geschickt hatte, machte Bübü eine Reihe von Bekanntschaften. Die einen waren Lehrlinge, die jeden Abend in allen Straßen herumstrichen und lachten. Die andern waren etwas, dem man gern auf der Straße begegnet: die kleinen Mädchen von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren. Es sind die Töchter von nicht zu strengen Eltern, die die Jugend in Freiheit erziehen. Sie wünschen sich vielerlei, und die sie erblicken, haben die Kühnheit, ihnen noch mehr anzubieten. Du, Rue de Vanves, und auch ihr, Festungsgräben, ihr habt an schönen mondlosen Abenden Bübü vorüberstreifen sehen. Er lernte die Straße kennen, wie sie für die Herumstreicher ist, mit ihren Schaufenstern, an denen man seine Gewandtheit üben kann, und mit ihren Abenteuern. Er lernte etwas Nützlicheres: er lernte mit Frauen umgehen.

Was eintreffen sollte, traf eines Tages ein, als Bübü, damals neunzehn Jahre alt, die Bekanntschaft eines dicken Mädchens aus der Rue de la Gaîté machte. Da sie nachts arbeitete, mußte Bübü über den Tag frei verfügen, um sich seiner Liebe widmen zu können. Rasch entschlossen, wie Bübü war, teilte er in der Werkstatt mit, daß er die Kunsttischlerei aufgebe, um Möbelpacker zu werden. Er teilte das stolz mit, denn man neckte ihn wegen seines schmächtigen Wuchses, und nun sollte allen bewiesen werden, daß Bübü stark war wie ein Möbelpacker.

Er war mit seinem neuen Beruf, in dem der Tag gut bezahlt wird, man freie Zeit in Überfluß hat und ein anstelliger Mensch sich einen Nebenerwerb schaffen kann, zufrieden. Er kaufte zum Beispiel niemals Schuhe. Seine Kenntnis der Frauen nahm im Verkehr mit der dicken Hortense zu. Seine Mutter billigte nicht immer sein Tun, aber Bübü, dessen Überzeugung stark war, fand feste Worte, die sie abmuckten, und er zeigte ihr zwei- oder dreimal, daß er ein Mann der Tat war und Widerspruch nicht liebte. Er verharrte auf seinem Weg, ließ Hortense im Stich, dann erreichte er seine Volljährigkeit. Wegen eines Fußleidens wurde er vom Militärdienst befreit.

So bereitete sich Maurice Bélu vor. In Wirklichkeit waren seine Zukunftsideen unbestimmt, doch wußte er, daß man Geld und ein Weib braucht. Diese zwei Mächte des gegenwärtigen Lebens bestimmen unser zukünftiges Leben. Er ließ sich eine Summe von fünftausend Francs auszahlen, die ihm vom väterlichen Erbe zukam. Mit dem Weibe versorgte er sich selbst.

Der vierzehnte Juli kam. Hochglücklicher Tag, an dem die Weinstuben voll Fahnen sind, an dem die sozialistisch-revolutionären Komitees ihre Siege feiern. Am Abend sind die Tanzsäle mit Lampions umkränzt, die Trompeten tönen kupfern und die Kaffeehaustische bedecken dank besonderer behördlicher Erlaubnis die Straße. Das Volk läßt am Jahrestag der Befreiung seine Töchter in Freiheit tanzen.

Berthe Méténier, kleine Blumenarbeiterin von siebzehn Jahren, schaute in Begleitung Marthes, ihrer älteren Schwester, und Blanches, ihrer jüngeren Schwester, dem Ball in der Rue de Vanves zu. Das schwarze Haar rings um ihr Gesicht gab ihr ein blasses Aussehen, aber ihre Augen lebten voll Sanftmut. Maurice forderte sie zum erstenmal zum Tanz auf, dann tanzten sie ein zweites Mal und darauf ein drittes Mal.

Sie tanzten bewunderungswürdig alle beide, sie waren fast gleich groß, er war sehr wohlerzogen, sie war sehr sanft. Er lud sie ein, etwas zu sich zu nehmen, aber sie lehnte ab, weil sie mit ihren zwei Schwestern da sei. Er ließ sich die ältere Schwester Marthe zeigen und trat auf sie zu, indem er den Hut lüpfte:

„Verzeihung, Fräulein, aber da Sie Mutterpflichten erfüllen, will ich eine Bitte an Sie richten. Wollen Sie mir erlauben, daß ich Ihrem Fräulein Schwester ein Glas Limonade anbiete, und mir das Vergnügen bereiten, auch etwas zu nehmen?“

Marthe wußte, daß man nicht Gefahr läuft, wenn man die Einladung eines wohlerzogenen Mannes annimmt. Man setzte sich, man plauderte. Er war Kunsttischler und konnte täglich sieben bis acht Francs verdienen.

Marthe war Wäscherin und arbeitete in einer Anstalt, wo Blanche in die Lehre ging.

Wie sie ihm sagte, wollte man, daß Blanche für die andern waschen könne. Sie hatten vier Brüder. Zwei sollten sich hier irgendwo herumtreiben.

Ihr Vater war Witwer. Er malte Neubauten aus, litt oft an Bleikoliken und war nicht immer bequem. Man erzählte viele Einzelheiten. Die ausgelassene Blanche war dabei glücklich und lachte, indem sie ihre Himbeerlimonade trank.

Maurice verabredete ein Stelldichein mit Berthe für morgen. Sie kam, konnte aber nicht lange bleiben, aus Angst vor dem Vater.

Sie spazierten plaudernd und küßten sich zweimal in einer dunklen Straße.

Beim zweiten Stelldichein bot ihr Maurice einen Doubléring mit einem rosa Brillanten an.

Beim dritten Stelldichein spazierten sie Arm in Arm, und sie willigte ein, mit ihm in ein Café in der Avenue du Maine zu gehen. Maurice beeilte sich nicht, denn er wünschte keine flüchtigen Liebschaften mehr.

Berthe war wie die jungen Vorstadtmädchen, die schon oft Gelegenheit hatten, sich aber nicht hineinstürzten, weil sich ihnen morgen eine bessere bieten würde. Sie kam zum vierten Stelldichein nicht. Maurice paßte ihr am nächsten Tage auf und forderte von ihr eine Erklärung, klipp und klar. Ihr Vater hatte sie verhindert, auszugehen. Er antwortete:

„Fräulein, Sie haben es mir versprochen. Bei den Beziehungen, die zwischen uns bestehen, haben Sie nicht das Recht gehabt, Ihr Versprechen nicht zu halten. Mich würde keine menschliche Macht verhindern, zu Ihnen zu gehen, wenn ich es zugesagt habe.“

Sie senkte den Kopf mit der hilflosen Miene der süßen armen Kinder, die nichts zu sagen wissen, weil sie fürchten, Kummer zu bereiten.

Die kleine Lerche war schon gefangen.

Maurice schien ein beredter und beherzter junger Kavalier zu sein, wie ihn junge Mädchen ersehnen, und seine aufrichtigen Erklärungen zeugten für die Tiefe seiner Aufrichtigkeit. An manchen Dingen, die er aussprach, und andern, die er nicht aussprach, merkte man, daß er Geheimnis und Abenteuer barg. Auch das war verführerisch. Die sanfte und sich hingebende Berthe gab sich, als Maurice sie bei der Hand faßte, sanft hin. Sie gewöhnten sich daran, einander täglich zu sehen. Er ging unter den Fenstern auf und ab, indem er auf besondre Weise pfiff: fü-o-fi, fü-o-fi. Sie hörte es im tiefsten Herzen wie eine Stimme, die sie schon lang zu hören erhofft hatte. Sie kam hinunter gelaufen.

Der Vater erfuhr schließlich alles:

„Ich kenne ihn. Ein sauberer Tischler! Den ganzen Tag bummelt er im Viertel herum. Ich möchte gern wissen, wann er arbeitet. Mir scheint, es steckt wenig Gutes in ihm.“

Er regte sich nicht weiter auf, denn als Vater von sieben Kindern hatte er viel Unglück gehabt, und er hatte erfahren, daß das Leben stärker ist als unser Wille.

Er wußte, daß die Pariser Mädchen zwischen all den Versuchungen schwanken, und ihre Väter, ihre armen Väter, ihnen nichts bieten können, sie davor zu bewahren. Er wußte, daß wir Pfuscher und Hunde sind, und daß unser Teil nur das Unglück bleibt, in einer Welt, wo das Unglück verflucht ist. Nach dem Unglück kommt noch ein Unglück, und man kann nur knurrend den Kopf senken.

Er dachte:

„Übrigens ist es ihre Sache. Ich habe sie gewarnt. Wenn es ihre Bestimmung ist, kann ich dagegen nichts tun.“

Die kleine Berthe verließ eines Abende das Vaterhaus, um mit Maurice zusammenzuleben. Ihre Schwester Marthe war gerade in andern Umständen. Die gassenbübische Blanche hatte ihrer Herrin hundert Sous gestohlen.

Maurice und Berthe lebten in einem Hotel in der Rue de l’Ouest. Ein Zimmer für dreißig Francs, im dritten Stockwerk auf die Straße, mit blauen Tapeten und zwei Lehnstühlen dünkte sie schön wie eine Wohnung, in der man alle Bequemlichkeiten hat. Berthe blieb weiter in ihrem Beruf als Kunstblumenarbeiterin tätig. Maurice griff seine fünftausend Francs an. Sie brachte jede Woche fünfundzwanzig Francs und Maurice legte Geld genug dazu, daß sie nichts zu entbehren brauchten. Jeden Abend tranken sie ihren Kaffee in der Bar. Darauf gingen sie ins Cafékonzert oder auf den Ball im Moulin de la Vierge oder ins Montparnassetheater. Die Beziehungen und die Gedanken Berthes erweiterten sich. Sie lernte die Freunde Maurices und ihre Frauen kennen. Die Freunde Maurices arbeiteten nicht viel, denn ihre Frauen arbeiteten für sie, und außerdem kannten sie die Welt hinlänglich, um Arbeit nicht nötig zu haben. Sie sah in ihrem täglichen Leben die Zuhälter und die Spitzbuben und verstand, daß sie nicht die Arbeit liebten, weil es sich mehr lohnt, das Vergnügen zu lieben.

Sie blickten auf die vorüberziehenden Menschen und lachten darüber, die Ellbogen auf dem Tisch zu haben, während sie die andern vorüberziehen sahen. Berthe lernte die Geschichte ihrer Freundinnen kennen. Es gab unverhoffte Glücksfälle für die Frauen, wenn sie an einem Abend zwanzig oder fünfundzwanzig Francs verdienten. Am Morgen lachten sie erst recht, zunächst über das Geld, und dann in Gedanken an jene, die für eine Frau zwanzig oder fünfundzwanzig Francs bezahlen. Es gab unverhoffte Glücksfälle für die Männer, wenn ihre Unternehmungen gelangen. Der lange Jules brachte einmal von seiner Expedition einen Ballen schwarzer Seide mit. Die Frauen aller Freunde erhielten ihren Anteil. Berthes Kleid kam ihm schöner vor, weil sie es sich nicht auf dem gewöhnlichen Wege verschafft hatte. Es geschah, daß er darüber auf der Straße lachen mußte, wie zu einem guten Spaß. Der lange Jules mußte acht Monate in der Santé absitzen, wegen Einbruchsdiebstahls. Er kannte die Welt und worauf sie hinausläuft. Er wußte, daß am Ende der Welt sich das Gefängnis befand, und rechnete damit. Er handelte fest nach seinem Willen. Er verstand ein Schloß aufzubrechen und konnte glatt einen Menschen töten. Die Frauen umgaben ihn mit Liebe wie Vögel, die Sonne und Kraft besingen. Er war einer von jenen, die niemand bezwingen kann, denn ihr Leben, außerordentlicher und schöner, schließt die Liebe zur Gefahr in sich.

Berthe sah all dies, als sie vom Vater fortging, alles war von der Liebe für Maurice überglänzt. Der erste Mann der jungen Mädchen von siebzehn Jahren pflegt ihr Schicksal zu sein. Wenn sie den Omnibus bestieg, um zur Arbeit zu fahren, schloß sie die Augen, weil sie ein wenig müde war, und sah im Geiste Maurice mit seinen Freuden. Er sagte zu ihr: „Ich will von der Tischlerei nichts wissen und nicht mehr Möbelpacker sein“, dann empfand sie, daß er über alle Berufe erhaben war. Er sprach von seiner Mutter, deren Gedanken über zwei Sous für Pfeffer und vier Sous für Kaffee nicht hinausgingen; er sprach so, weil er selbst einen offenen Kopf hatte. Er sagte zu Berthe: „Wie du bei deinem Vater warst und dich angeödet und für deine Brüder geschuftet hast“, da war sie ihm dankbar dafür, daß er sie befreit hatte.

Nach einem Monat schlug er sie, aber nicht aus Bösartigkeit. Das war so: Maurice, der von entschlossenem Charakter war, teilte die menschlichen Erfahrungen allzu genau ein. Wie Kaiser Karl der Große legte er die Ideen, die ihm nicht gefielen, auf die eine Seite, und die Ideen, die ihm gefielen, auf die andere. Er dachte: „Hier ist der Irrtum, aber dort ist die Wahrheit.“ Wie Kaiser Karl der Große hatte er kein Gefühl für Abstufungen. Er verstand zum Beispiel niemals, daß man sich das Gesicht wusch, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Er sagte zu Berthe: „Du greifst mit schmutzigen Händen in dein Gesicht, das ist eine komische Art, sich zu waschen.“

Einmal bereitete sie ihm Eier auf der Pfanne zu. Sie tat Salz und Pfeffer sofort hinein, nachdem sie die Eier zerbrochen hatte. Maurice wußte, daß sie hineingehören, wenn die Eier schon gebacken sind. Sie sagte mit scharfer Stimme: „Laß mich doch machen, wie ich’s will.“ Maurice, der ein Mann der Tat war, glaubte an die Notwendigkeit körperlicher Züchtigung. Er haute sie durch, in der Überzeugung, daß Hiebe in ihr das Empfinden für Wahrheit festigen würden.

Er schlug sie ein andermal, weil sie ihn geärgert hatte, weil er in Zorn oder weil sie hartnäckig war. Die arme Berthe empfing, sanft wie sie war, diese Strafen unter Tränen. Sie bedauerte, ihren Vater verlassen zu haben. Etwas später sah sie, daß alle Freunde Maurices ihre Frauen auch schlugen, und verstand, daß es auf dieser Welt ein lenkendes Gesetz gibt, das Gesetz des Stärkern. Sie fühlte, was der Ausdruck bedeutet: „mein Mann“. Ein „Mann“ ist eine Regierung, die uns schlägt, um uns zu zeigen, daß sie der Herr ist, die uns aber im Augenblick der Gefahr zu schützen wüßte.

Maurice glaubte, daß die Intelligenz der Energie entspricht und daß infolgedessen seine Frau nicht intelligent sei, da sie sanft war. Er sagte es niemand. Ganz im Gegenteil, vor den Freunden gefiel er sich darin, Berthe zu manch einem etwas lebhaften Wort zu reizen, um den Anschein zu erwecken, als sei sie schwer zu beherrschen. Man dachte: er ist klein, aber fest. Er liebte sie dennoch sehr. Er liebte sie, weil sie hübsch war. Abends, wenn sie von der Arbeit heimkam, hörte er sie die Treppe hinaufsteigen. Er erkannte ihre eiligen Schrittchen und glaubte zu sehen, wie sie sich ein bißchen hin- und herdrehte, um schneller zu gehen. Er liebte die lächelnden und sanften Augen, die alle seine Wünsche erfüllten. Und die roten, etwas weichen Lippen, die sich fest an die seinen saugten. Und das lange schwarze Haar, und den Scheitel und den Knoten über dem Nacken, der ihr ein Aussehen gab, verschieden von dem anderer. Und ihre besondere Sinnlichkeit, wenn sie ihren Körper gegen den seinen drängte, und wie sie sich schmiegte, damit er sie durchdringen könne. Er liebte an ihr, was sie von all den Frauen unterschied, die er gekannt hatte, weil sie süßer war, weil sie feiner war und weil sie sein Weib war, das er als Jungfrau besessen hatte. Er liebte sie, weil sie wohlerzogen war, weil sie ehrenhaft war und weil man ihr das ansah, und aus all den Gründen, warum die Bürger ihre Frauen lieben. Denn Maurice hatte bürgerliche Begriffe. Nicht ungestraft wird man dreiundzwanzig Jahre, ohne mit dem Strafgesetz in Berührung zu kommen.

Die Zeit verging. Zwei Jahre vergingen, und die fünftausend Francs Maurices vergingen auch. Unser Geschick erfüllt sich nicht in einem Tag, wenn unsre fünftausend Francs nach zwei Jahren gemeinsamen Lebens erschöpft sind; es entscheidet sich bei jeder unsrer Gebärden und bei jeder unsrer Zusammenkünfte. Seit langem wußte Berthe, daß die Straßenmädchen ganz einfach das gleiche taten wie die andern Frauen. Maurice hätte sie anders lieber gehabt. Trotzdem fügte er sich und litt nicht viel. Er hatte Sinn für Besitz, aber in der Art der Besitzer, die ihr Gut vermieten. Berthe sträubte sich nicht, als eines Abends Maurice zu ihr sagte: „Mein Weibchen, wenn dir jemand auf dem Heimweg aus der Werkstatt einen Antrag macht, geh mit, das wird uns immer etwas Geld einbringen.“

Und dann ist der Dämon dabei, der anfangs ein lachendes Gesicht zeigt. In der ersten Zeit verdiente Berthe zehn oder zwanzig Francs nur für „einen Augenblick“, denn Maurice wollte nicht, daß sie nicht ausschlief. Sie fanden ihren alten Geldüberfluß wieder, der Beruf war nicht hart für sie, die immer gegen zehn Uhr zurückkehrte, und nicht mehr für ihn, der nicht zu lang auf sie zu warten brauchte.

Etwas später gab sie die Werkstatt auf, da sie nicht mehr zehn Stunden arbeiten wollte, um vier Francs zu verdienen. Sie ging jeden Abend gegen acht Uhr aus und schritt über den Boulevard Sebastopol und die großen Boulevards.

So wurde Berthe Méténier Straßenmädchen und Maurice wurde ein Individuum ohne Beschäftigung. Er war intelligent, er lebte in Paris, wo die Vergnügungen den Vorübergehenden anbrüllen; er hatte anfangs gearbeitet, dann hatte er begriffen, daß die Arbeiter, die sich abrackern und leiden, die Dummen sind. Er wurde Zuhälter, weil er in einer Gesellschaft voll Reicher lebte, die stark sind und die Berufe bestimmen. Sie wollen mit ihrem Gelde Frauen haben. Da muß es wohl Zuhälter geben, die sie ihnen verschaffen.

III

Pierre Hardy fühlte sich am Tage nach der Begegnung mit Berthe ein wenig beruhigt. Die kleine Frau, die er für fünf Francs eine ganze Stunde gehabt hatte, war schmiegsam und gefällig wie die Frauen sein sollen, die man nicht bezahlt. Seit langem hatte er, da er arm war, ein Verhältnis zwischen der Freude und ihrem Preis hergestellt. Er wußte, daß die Frauen begehrlich sind und daß sie im Handumdrehen den Tagesverdienst eines Mannes verzehren. Als Sohn sparsamer Eltern taten ihm, wenn er nicht immer Willensstärke genug hatte, um sich eines Vergnügens zu berauben, wenigstens die Kosten leid. Aber wenn er an den Körper Berthes dachte und an den elektrisierenden Druck ihrer Arme, als sie ineinander aufgegangen, da war diese Erinnerung so gut wie etwas von jener Wollust, die man mit zwanzig Jahren erhofft. Da wir in einer Welt leben, wo die Freuden bezahlt werden, hielt Pierre diese Freude für fünf Francs wert. Er gab ihr ein Stelldichein für die nächste Woche. Achteinhalb Uhr abends an der Ecke des Pont Neuf und des Quai du Louvre.

Pierre war der Erste beim Stelldichein. Er sah sie bald kommen. Sie hatte eine weiße Matrosenmütze auf dem Kopf, und ihr schwarzes Haar mit dem dicken Knoten ließ ihr Antlitz wie etwas Weißes und unerwartet Zartes hervortreten. Pierre empfand eine Art Stolz darüber. Er hätte mit ihr Arm in Arm spazierengehen wollen, damit ihnen ein Freund begegnete.

„Meine liebe kleine Freundin, ich bin glücklich, daß du gekommen bist.“

Sie hatte das Lächeln eines armen Hürchens, jenes Lächeln, das sie für diejenigen haben, die bezahlen. Sie antwortete:

„Wirklich?“

Der Abend war mild und bewegt. Längs der Seine war ein wenig Wind, der wie Wasser floß und die Blätter zu haschen schien. Die Schatten, leicht gewiegt über den Fußgängern, sprachen zu den Seelen und liehen ihnen das leichte Wiegen. Man gewann alles lieb, weil es beruhigte. Die Seine, der Himmel und die Wagen glänzten schlicht, und die Linie der Quais schien mit ihren Bäumen eine Allee zu sein, in der man sich ergeht und allein ist.

„Wir wollen einen kleinen Spaziergang machen.“

„Wenn du willst, ich habe keine Eile.“

Sie gingen über den Quai de la Megisserie. Pierre sagte:

„Ich habe dich mit deinen kleinen Schritten kommen sehen. Du bewegst deine Beine unter dem Rock, drehst dich ein wenig hin und her, lächelst und siehst sehr süß aus. Man fühlt, daß du einen guten Charakter hast. Ich würde dich deshalb unter allen Frauen wiedererkennen, und es ist doch zum zweitenmal, daß wir uns sehen. Aber mir ist, als würde ich dich lang kennen.“

„Das ist nett, was du mir da sagst“, erwiderte sie. „Wir gehen auch lieber mit Leuten, die wir schon gesehen haben.“

Sie schritten Arm in Arm, redeten einander in die Augen blickend, und Pierre dachte sich daß sie wie zwei Liebende aussahen. Dieses zarte und schmiegsame Frauchen glich den Frauen, denen man auf der Straße mit Männern begegnet, die ihre Taille umfangen. Wenn der Abend sinkt und sie gehen draußen, überkommt ein großes Verlangen die Welt. Herr, sende uns solche kleine Frauen wie Berthe, daß wir sie küssen und daß ihre zwanzig Jahre in unsern Küssen sich lösen. Pierre dachte nicht mehr daran, daß dies Vergnügen ihn fünf Francs kosten sollte.

Kurz hinter dem Rathaus vereinigen sich die beiden Arme der Seine, die die Insel Saint-Louis umgeben, und bilden einen breiten Strom. Diese Wasserfläche floß dahin, glitt über die Reflexe der Lichter und setzte ihren Weg mit dem einschläfernden Gang des Wassers fort. Aber dunstig und grün wiegte die Luft sich darüber bis zum melancholischen Ende des Quai Bourbon. Die Welt war ruhig und flimmernd wie die Luft und wie das Wasser. Die Schiffe, bis auf den Grund der Seele erleuchtet, zerrissen das Kleid des Flusses mit einer sichern großen Gebärde. Schöne Liebende, durchdrungen von den Schönheiten der Welt! Auch Pierre fühlte sich bis auf den Grund seiner selbst erleuchtet.

„Wie schön die Seine ist, o meine kleine Freundin!“

Er sagte noch:

„Sieh den Himmel. Da sind zwei-, dreihundert rote Wölkchen. Ich möchte dir am liebsten ein Kompliment machen. In meinem Herzen sind zwei-, dreihundert Gefühle, die für dich brennen.“

Sie lächelte und fragte:

„Was bedeutet das, wenn der Himmel rot ist wie heute abend?“

Er antwortete:

„In meiner Heimat behauptet man, daß das Krieg bedeutet. Aber ich denke, daß wir beide uns nicht schlagen werden.“

Sie schritten langsam über den Rathausquai und einer fühlte den andern neben sich. Die Tramways fuhren vorüber mit ihrem: Uan! Uan! wie wilde Tiere. Aber Pierre vernahm nicht ihren Lärm, denn Berthe erzeugte in ihm ein ganz andres Tosen. Die Häuser gegenüber erschienen fern, und die Fußgänger auf dem andern Bürgersteig störten nicht. Er schritt neben ihr mit übervoller Seele. Er sagte:

„Das erinnert mich an mein Städtchen.“

Es war nicht wahr, aber neben ihm schritt eine Frau und er wollte sie in seine Neigungen und sein Leben einweihen. Er wollte sie mit seinem Herzen vertraut machen, damit sie dachte: Das ist ein junger Mann mit schönem Herzen, der aus einer Gegend schattiger Bäume und der Liebe kommt. Er wollte sie mit all seinen Vertraulichkeiten anziehen.

„Das erinnert mich an mein Städtchen. Dort ist das Haus meiner Eltern, umgeben von einem großen Garten. In Paris kennt man keine Gärten. Am Abend wird das Leben dort angenehm. Man trinkt Milch, man ißt Hühner vom eignen Hof. Da ist ein kleiner Bach und ein großer Wald. Die Bäume des Waldes sind kühl. Ich habe einen Freund, der sagt: Sie sind grün wie die Jugend und so kühl, daß man denken möchte, sie machen den Wind. Meine kleine Berthe, ich würde dich auf den Wegen küssen. Wir würden uns ins Moos setzen und, ohne daß uns jemand stört, alle deine Spiele spielen.“

Sie sagte:

„Ich kenne das Land nicht weiter als bis Clamart. Der Arzt wollte, daß ich auf drei Monate wegen der guten Luft hinausgehe. Die Ärzte bilden sich ein, man kann alle ihre Vorschriften befolgen.“

Er sagte noch:

„Wir spazieren beide auf diesen ruhevollen Quais. Es ist sehr gemütlich, wenn ich bei dir bin, denn du läßt dich führen und legst dir keinen Zwang auf. Du bist nicht wie manche, die Eile haben und nicht einmal plaudern wollen. Es ist tierisch mit ihnen. Man merkt zu deutlich, daß sie arbeiten und daß sie an der Arbeit kein Vergnügen haben.“

Und er wiederholte:

„Es ist sehr gemütlich, wenn ich bei dir bin. Du redest nicht viel heute abend, aber ich rede, denn ich bin zufrieden. Du wirst sehen, daß ich ein guter Kerl bin und daß ich den kleinen Frauen alles Gute machen kann, was möglich ist. Ich küsse sie so, daß sie lachen, und ich könnte sie mein Leben lang lieben, damit sie glücklich werden. Aber du, du hast mir sofort gefallen. Du hast die Gestalt meiner Schwester. Wir gehen beide spazieren und ich erzähle ihr meine Geschichten. Ich möchte sie auch dir erzählen, weil du lieb bist und Vertrauen erweckst. Ich möchte dir alles sagen, was ich weiß. Ich bin ganz allein in Paris, aber ich bin im Grunde nicht unglücklich. Ich arbeite und schreibe nach Hause und man antwortet mir. Mama antwortet mir. Sie kann nicht sehr gut schreiben, aber wenn sie sagt: ‚Ich liebe dich sehr, sehr, mein Pierre‘, so fühle ich, daß die Worte ganze Sätze aufwiegen.“

„Ich“, sagte Berthe, „habe meine Mutter mit sechzehn Jahren verloren. Sie starb, als ich im Krankenhaus war. Man wollte nicht, daß ich sie sehe. Ich hatte die Bleichsucht, und das hat mich nicht gesund gemacht. Ich sagte mir: Jetzt, wo meine Mutter tot ist, werde ich’s schlimm haben. Ich weinte trotzdem nicht, denn ich war zu krank, aber ich spürte ihren Tod in allen Gliedern. Sie liebte uns sehr. Manchmal, am Sonnabend, sagte sie: ‚Gehen wir, Kinder, ich zahle einen Kaffee.‘ Wir gingen in die Bar mit meiner Schwester Marthe und meiner Schwester Blanche. Die Kinder spielten vor der Tür. Ich hatte das sehr gern, weil viele Leute da waren.“

Dann sagte sie:

„Wenn du willst, gehen wir jetzt zurück. Ich muß dich gegen zehn Uhr verlassen, sonst könnte ich gar nicht lang genug bleiben.“

Sie kehrten um. Pierre henkelte sich aus, um ihre Taille zu umfangen, und schloß sie im Gehen an sich. Er näherte sie seinem Körper, weil er sie seinem Herzen genähert hatte. Er berührte dabei alles, was man berühren kann: die schwebenden Hüften, die biegsame Taille, die sich schmiegt und wiegt, die süßen und schon reifen Brüste der Straßenmädchen von zwanzig Jahren. Er berührte alles, was man berühren kann, aber er hätte noch mehr berühren wollen. Er hätte gewollt, daß sie ganz nackt wäre, und sie spüren, und sie ganz abküssen, und sie schmecken. Alle Ströme seines Blutes rollten in schweren roten Wellen und trieben seine Sinne auf wie schwellende Früchte. Soeben hatte er daran gedacht, ihr von Louis Buisson zu erzählen, von seiner Mutter und von seinen Schwestern, um seine Seele völlig in die ihre zu schütten. Nun gab es nichts auf der Welt außer ihr. Antlitz an Antlitz, küßte er sie auf die Lippen, und sein Körper brach schon aus.

Aber Berthe sprach nicht. Sie sprach nicht und konnte nicht von ihrem Leben und ihren Wünschen sprechen. Sie hörte Pierre zu. Die sanfte kleine Prostituierte und Anfängerin dachte noch sanft: „Dieser junge Mann hat ein gutes Herz und redet wie ein Verliebter.“ Es war nicht möglich, sein Herz über die fünf Francs hinaus auszubeuten, denn er verfügte nicht über mehr. Was die Liebe betrifft, so war sie ihr allzu verbraucht. Sie wußte, woraus die Liebe sich zusammensetzt, seitdem sie die Männchen sich nachlaufen ließ, die alle Schwächen ausnützen und alle Bedürfnisse befriedigen. Sie wußte, daß man die Liebe in Münzen umwandeln muß, denn die Liebe ist ermüdend, das Geld aber verleiht neue Kraft. All dies wußte Berthe mit zwanzig Jahren. Wer wovon zu leben hat, sucht die Liebe, weil sie glücklich macht, doch die Straßenmädchen dämpfen die Liebe ihrer Kunden, weil sie Schmerz bereitet. Und Pierre, dieser glühende große Junge, war für Berthe ein Mann mehr, den sie zu erdulden hatte.

Sie dachte an ihren Liebhaber Maurice, an ihr Kleid, an ihre Schuhe. Gestern abend hätte sie ihr Zimmer bezahlen müssen. Die Hotelbesitzer trauen nicht den Mädchen, die von Liebe leben. Sie hätte bezahlen müssen. Aber sie konnte nicht sieben Francs hergeben, da sie nur fünf hatte. Er bewilligte ihr einen Tag Gnadenfrist für die restlichen vierzig Sous, aber es war selbstverständlich, daß sie im Falle der Nichtzahlung in ihr Zimmer nicht zurückkehren würde. Daher aßen sie zu Mittag einige Überreste von gestern, aber abends aß sie nichts. Maurice sagte: „Du bist ein Dummkopf, der sein Geschäft nicht versteht.“ Sie hatte keinen Hunger, denn in den vielköpfigen Familien werden die Magen der Kinder elastisch und können sich zusammenziehen, ohne zu weh zu tun. Sie hätte dennoch gern Fleisch und kräftige Speisen gegessen, um sich von der Erschöpfung durch die Liebe und die schlaflosen Nächte zu erholen. Da bewirtete sie Pierre mit Reden! Sie beklagte sich nicht darüber, denn manche Kunden sind grob. Gewiß, sie hätte ihm die Sache gestehen können, aber sie fürchtete, daß er den Preis der Mahlzeit von den fünf Francs abziehen würde. Sie begnügte sich mit dem Gedanken: „Ich habe heute abend nichts gegessen, und das ist sehr langweilig.“

Und dann hatte sie ein Kleid an, dessen Rock schlampig war und dessen Leibchen verschossen. Man findet im Carreau du Temple Wunder, die zwanzig Francs kosten. Ihre Schwester Blanche hatte ein Seidenkleid gekauft; übrigens stand es ihr schlecht.

Ihre Matrosenmütze war schmutzig und aus der Form gekommen, und nun gar ihre Stiefel! In diesem Beruf, in dem man geht, werden die Absätze schiefgetreten, die Sohlen durchlöchert, das Oberleder platzt . . . Aber man braucht schöne Stiefel! denn die Eleganz des Stiefels hebt die Fußform hervor, wenn man den Rock rafft, um den Mann anzuziehen. Und es ist gewiß, daß Berthes Stiefel ihr in weniger als zwei Tagen vom Fuße fallen werden. Glücklicherweise ist das Wetter schön. Sie berechnete, ob ihr, nachdem sie morgen und übermorgen gegessen haben wird, etwas übrig bleibt, damit sie sich Stiefel kauft.

Sie wird einen Händler in der Rue des Prêtres-Saint-Germain-d’Auxerrois aufsuchen, bei dem man Gelegenheitskäufe für drei Francs findet.

Berthe dachte an all diese Dinge ihres Prostituiertenlebens. Sie dachte, daß sie heute abend nach Pierre noch mit einem andern gehen müsse und daß sie morgen noch mit zwei Männern gehen werde. Übermorgen müsse sie für ihr Kleid arbeiten, darauf für ihren Hut, und dann würden die Stiefel verbraucht sein.

Den Tagen der Ermüdung folgen die Tage der Vernichtung durch all die Zeit, die wir durchschreiten. Der Boulevard Sebastopol und die großen Boulevards mit ihren Linien von Bürgersteigen sind hart wie Stein, wenn man sie lang begangen hat. Nirgends begegnet man ein wenig Barmherzigkeit. Der junge Mann von heute abend wird Berthe wenigstens zweimal benützen. Die andern werden sie für ihr Geld wollen. Die Männer mißbrauchen unsern Körper und schinden ihn dafür, daß sie uns Brot geben. Und diese Gedanken kreisten in ihrem Kopfe wie eine Welt von schwarzen Tierchen, die summen, stechen und den Kindern wehtun.

Sie kamen vor Pierres Tür an. Hinter der Schwelle nahm er sie in seine Arme und sagte:

„Ich liebe dich, o meine kleine Berthe!“

Dann fuhr er ihr in das Leibchen.

IV

In das Hotelzimmer in der Rue Chanoinesses, mit dem Fenster auf den Hof, mit den grauen Vorhängen und den schmutzigen Würfeln, blickte mittags ein schmutziger und grauer Tag. Das Papier auf den gelblichen Wänden, der vernachlässigte Fußboden, die vier Möbel und der Koffer bildeten das Heim eines Straßenmädchens, zu fünf Francs in der Woche. Der Tisch aus weißem Holz, von Feuchtigkeit durchdrungen, die beiden aufgeschlitzten Lehnstühle, der zweite Tisch mit dem Waschbecken schienen nicht alte Sachen zu sein, sondern traurige und verschimmelte Sachen, die das Leben zerfressen hat; und es war ein zerworfenes Bett da, auf dessen verbrauchten Tüchern brauner Schweiß zwei Körper abzeichnete, dieses Bett der Hotelzimmer, wo die Körper schmutzig sind und die Sachen auch.

Berthe stand eben im Hemd auf. Mit schmalen Schultern, das Hemd grau und die Füße unsauber, mager und gelb, sah auch sie lichtlos aus. Mit geschwollenen Augen und zerzaustem Haar war sie inmitten der Unordnung des Zimmers selbst in Unordnung, und die Gedanken hockten zusammengekauert in ihrem Kopfe. Das Erwachen um Mittag ist schwer und pechtrüb wie das Leben des vergangenen Tags mit seiner Liebe, Alkohol und Schlaf. Man hat ein Gefühl von Verfall im Vergleich zu dem Erwachen von einst, als die Gedanken so klar waren, daß man gesagt hätte, der Schlummer habe sie rein gebadet. Wenn du ausgeschlafen sein wirst, mein Bruder, wirst du nichts vergessen. Sie verspürte noch die beengende Last, die sie seit gestern am Atmen hinderte. Sie erinnerte sich an alles, und das kniete auf ihre Brust wie ein wütendes Ungeheuer. Wahrhaftig, ihre eingesunkenen Schläfen, ihre entfärbten Wangen und ihre schlaffen Lippen ließen mitfühlen, daß sie wenig Gedanken und wenig Mut hatte, und man fühlte noch, daß das Leben schlecht ist, weil es mit schweren Schlägen auf die Kinder niederfährt, die Übles tun, ohne dessen Umfang zu ermessen.

„Du weißt, Maurice, es wird das sein, was ich gemeint habe. Ich habe gestern mit meiner Schwester Blanche darüber gesprochen. Sie hat mir alles erklärt, wie sie’s bekommen hat, und es ist dasselbe.“

Er antwortete kein Wort.

Sie stieg von Tag zu Tag bis zum Ursprung des Leidens hinab, aus Bedürfnis, den Urheber zu erforschen. Man müsse vierzig Tage warten, hatte man ihr gesagt. Sie ging daher Mann für Mann durch, bedachte der Reihe nach die Umstände, und Waschbecken für Waschbecken. Der ganze Vorbeimarsch der Liebe mit ihren Worten und Gebärden zog durch die Hotelzimmer, aber sie hätte, in der Vergangenheit sich versenkend, mit beiden Händen einen Mann fassen wollen, ihn erkennen und den Tag austilgen, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Sie glaubte ihn gefunden zu haben, dann sagte sie sich, daß es jetzt vergeblich sei und daß alles vergeblich sei! Da ergab sie sich und ließ sich von ihren traurigen Gefühlen treiben.

Maurice unterbrach die Stille.

„Ich möchte den kennen, der dir das hinterlassen hat, und ich würde ihm den Schädel einschlagen.“

Rasch kleidete sie sich an, dann ging sie einen Liter Wein und Aufschnitt einholen. Sie aßen, sich gegenüber sitzend, an dem feuchten Tisch. Die schmutzige Flasche der Mieter, die das klebrige Wasser der Hotels trinken. Maurice kaute, den Kopf gesenkt, mit Kraft große Bissen, die seine Backen hervorwölbten.

Er nahm zugleich mit seiner Mütze ein Hundert-Sous-Stück vom Nachttisch und ging fort.

Der Augustnachmittag breitete sich auf dem blauen Himmel aus und fiel auf die Schultern wie ein schwerer Mantel. Maurice folgte dem Quai aux Fleurs, wo die Blumen dürsteten und die Händler friedlich schwitzten, indem sie die Vorübergehenden betrachteten. Die Wärme drückte auf seinen Kopf und belud ihn mit einer ungestalten Last von Gedanken, die er nicht formen konnte, die er aber alle durcheinander jagen fühlte. Zum erstenmal in seinem Leben lernte er die Unentschlossenheit kennen. Er, der gewöhnlich ohne Bedenken aufs Ziel losging, schritt den wenig bevölkerten Quais entlang ziellos hin und hörte seine Schritte klingen. Er schlug den Weg über den Quai de l’Horloge ein, schritt längs der Mauer des Justizpalastes, die nach Gefängnis riecht, überquerte die Place Dauphine, den Pont Neuf und folgte der Linie der Quais zwischen den Bäumen und den Büchern, mit großen schweren Schritten, als wollte er seine Gedanken niedertreten. Er beachtete nichts, nicht einmal die Erdarbeiter und die Maurer am Orleans-Bahnhof, nicht einmal die fliegenden Fährboote und die Schlepper. Er schritt energisch hin im Gewoge der Gedanken, die so in seine Gliedmaßen übergingen wie bei Menschen der Tat, bei denen Gedanken zu Gebärden werden. Er machte Kehrt an der Concorde-Brücke, ging wieder über die Linie der Quais, dann trat er in die Rue Bonaparte, um seine Schritte nach Plaisance zu lenken.

Das große Wort entschlüpfte ihm, als er mit großen Schritten dahinging, und schlug ein wie der Donner, während er marschierte, und rollte dann, ihm den Marsch trommelnd wie ein schwarzer Tambour. Die Seuche, Berthe und die Seuche! Er fühlte sie an seiner Seite wie einen roten und blutenden Gefährten, wie einen unglaublichen und grausamen Gast. Er wandte sich in die Rue Bonaparte, wie man sich ins Wasser wirft, wenn einen die Flammen verzehren, und stieg nach Plaisance hinauf. Die Seuche, Berthe und die Seuche! Er kannte seine Feinde und blickte ihnen ins Gesicht wie ein Mann, der keine Furcht hat. Er verstand sich zu schlagen, und er ging durchs Leben ohne Bedauern und ohne Schande, und er nahm den Zufall so an, wie man ihn auf den Straßen von Paris mit Diebstahl, Verbrechen und Gefängnis trifft. Aber die Seuche, Berthe und die Seuche! Er hätte sie nehmen und sie rütteln wollen, Auge in Auge, bis in den Tod und bis zum Sieg.

Er dachte an Dramen, an „Roberts Schmach“, an Gebrüll und Niederlagen. Er erinnerte sich des wissenschaftlichen Namens „Syphilis“. Die unerbittliche und schneidende Wissenschaft, die die Krankheiten benennt und kennt, flößte ihm Angst ein, weil sie uns in Spitäler treibt, weil sie uns erblickt und durchschaut, weil sie ihre Worte und ihre Instrumente in unser Leben senkt, als wären wir nichts als Leib, Krankheit und Tod.

Aber dies Wort, die „Seuche“, war noch schrecklicher. Gewiß, Maurice hatte keine Furcht vor Worten. Die Worte sind Ausgeburten kranker Phantasie, über die das Leben erhaben ist, das man leben muß, ohne an Worte zu denken. Er war ein „Zuhälter“, ein „Subjekt ohne Beschäftigung“, und darüber mußte er oft lachen. Über „das öffentliche Mädchen Berthe Méténier“ auch. Was hatten Worte für einen Wert, wenn man nur nach Belieben lebte! Aber die Seuche! Er erinnerte sich an eine Geschichte seiner Kindheit. Er war vierzehn Jahre, als einer der Nachbarn zweiundzwanzigjährig starb. Die Nachbarinnen sagten: „Er ist als ein wahrer Düngerhaufen gestorben. Man sagt, daß er durch und durch verfault war.“ Durch und durch verfault sein . . . Ihm kamen andre Kindheitserinnerungen und Gedanken an Reinheit. Niemals war er krank gewesen. Seine Mutter, die aus der Provinz stammte, hatte gesagt: „Das sind Krankheiten, die man in unsern Familien nie gesehen hat.“ Durch und durch verfault sein . . . Er stellte sich rote und feuchte Wunden vor, Verbände und Watte, und sah sich in einem Spitalsbett ausgestreckt mit einem grünlichen und durch und durch verfaulten Leib. Zur Zeit, da er Kunsttischler war, sagte einer seiner Kameraden: „Wenn mich einmal die Syphilis erwischt, jage ich mir eine Kugel in den Kopf!“

In Plaisance ging er schnurstracks zu seiner Mutter. Sie lebte in einem Krämerladen ein bescheidenes und bedrängtes Leben. Sie verkaufte nur Kleinigkeiten zu zwei Sous, da die „Verpflegungsmagazine“ alles Geld der Viertel verschlingen. Sie stand hinterm Ladentisch, bediente und plauderte mit dem zutraulichen geschwätzigen Gehaben der Kleinhändlerin.

Eine Nachbarin, die da war, sagte: „Da kommt ja Ihr Sohn.“

Er hatte jene betonte Höflichkeit, die in den Leuten eine bessere Meinung erweckt und bewirkt, daß unsre Eltern uns niemals verleugnen. Er ging in den Hinterraum. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und sah die Gegenstände des Zimmers nach den Klängen einer Musik tanzen, die seinen verstörten Kopf erfüllte. Gewöhnlich sah er sie an, wie man ein kärgliches Leben ansieht, dachte an seine Freiheitsideen und kostete ein Gefühl von Überlegenheit aus. Aber diesmal sah er, Maurice, der kein Bedauern kannte, wie friedlich der Raum hinterm Laden und wie gut der Frieden war, obgleich sein gänzlich aufgeregter Kopf tanzte und wie ein Wrack endlos von Strudel zu Strudel wirbelte und tanzte.

Er schüttelte den Alpdruck ab:

„Gib mir ein Glas Wein.“

Sie fürchtete übrigens, daß er gekommen wäre, um ihr Geld abzuverlangen. Sie sagte:

„Du siehst traurig aus.“

Er trank und antwortete:

„Ja, es geht mir dreckig heute abend.“

Dann erhob er sich und ging.

Er flüchtete sich und schritt mitten durch die schwarzen und volkreichen Häuser, vorbei an den Läden und den Schenken seiner Jugend, während die Wagen auf dem Pflaster schmetterten; er sah die Passanten der Vorstadt dahingehen, angefangen bei den Arbeiterfrauen, die auf der Straße keiften, bis zu den Kameraden in blauem Kittel, die ein Straßenmädchen, ihr Weib, lachend begleitet. Das Leben erwachte und lebte in einer Art Fieber, angefangen bei dem Geschrei und Rennen der einen bis zum Alkohol und der Liebe der andern. Die Luft roch wie am Eingang eines Gewürzladens en gros oder am Eingang einer Weinhandlung. Da, im Viertel Plaisance, dachte er an seinen Freund, den langen Jules, und fühlte wieder die Hoffnung wachsen. Man geht eines Nachmittags im August durch die Rue de Vanves, man erinnert sich, daß der lange Jules die Syphilis gehabt hat, es fällt einem ein, daß Charlot, Paul und andre sie noch haben, und man denkt, daß diesen allen die Syphilis nichts angetan hat. Dann sagt man sich: „Aber nichts spricht dafür, daß ich selbst die Krankheit habe.“ Und man versucht, sich zu beweisen, daß man sie nicht haben kann, weil Berthe die ersten Anzeichen bemerkt und man sich sofort enthalten hat.

So kam er in der Avenue du Maine an, in bekannter Gegend. Es gibt hier Bars, wo die Freunde sich aufhalten. Schon wollte Maurice sie aufsuchen, als er auf einer Terrasse den langen Jules bemerkte.

„Ich dachte an dich. Da bist du.“

Der lange Jules trank einen Mokka auf der Barterrasse, ganz allein, und blickte auf die Straße. Die Mütze im Nacken auf seinem festen und geraden Kopf, blickte er auf die Dinge und die Passanten, und seine Gedanken, sicher und ruhig wie er selbst, nahmen jeder seinen richtigen Platz ein, sicher und ruhig, und hoben ihm den Kopf. Maurice setzte sich neben ihn. Der lange Jules hatte ihn gern, obwohl er klein war, seines Willens wegen, der seine Muskeln und seine Kinnbacken straffte. Die Fußgänger zogen an ihnen vorüber, während sie sie betrachteten. Das erinnerte an den Schöpfungstag, als Adam, der König der Welt, am Fuße einer Eiche sitzend, die Tiere an sich vorüberziehen sah, sie prüfte und sie benannte.

Schließlich hielt sich Maurice nicht länger zurück.

„Du hast Syphilis gehabt. Ist es wahr, daß sie einen umschmeißt?“

„Du hast Syphilis?“

„Nein, aber sie ist mir auf den Fersen.“

„Ha, ha, ha! . . .“ machte der lange Jules. „Auf den Fersen ist sie nicht. Bah! Die Syphilis tut nicht weh. Ich hatte sie vor zwei Jahren. Sie haben mich Pillen einnehmen lassen, als ich in der Santé war. Ich hatte nie etwas gehabt. Erst Francine, du kennst sie, hat sie mir eingewirtschaftet. Ich hätte es vermeiden können, man hatte mich voraus gewarnt, aber man läßt eine Frau nicht, weil sie krank ist.“

Er erklärte darauf, daß man Flecke auf der Haut und Belag im Munde hat und daß das ganz von selbst vergeht. Auf seinem Stuhl sitzend, erklärte er die Krankheit mit gleichmütigen Worten, dann, nachdem er gesprochen hatte, dachte er an etwas andres. Weder das Gefängnis noch die Krankheit hatte ihm je Pein bereitet, weil sein Wille stärker war, als alle Übel. Er wanderte geraden Schrittes mitten durch die Gefahren und kämpfte ohne Zorn und ohne Fieber, so bald er sich zum Kampf entschlossen hatte. Ich sagte, daß er stärker war, als die Syphilis.

Er war übrigens erstaunt, daß Maurice sie noch nicht hatte: „Wir haben sie alle“, wiederholte er. Maurice bestellte zwei Glas Mokka und leerte das seine auf einen Zug. Wenn er die Krankheit nicht hatte, war es hohe Zeit, Berthe zu verlassen. Er konnte sie nicht haben, da sie erst vom ersten Anzeichen gesprochen hatte. Die Frauen wechseln, sie folgen einander und sind so zahlreich, daß ein geschickter Mann nicht zu fürchten braucht, keine zu haben. Diese heimlichen Gedanken schlichen sich in sein Gehirn ein und schienen es zu umstricken. Aber die Gedanken, die ihm der lange Jules mit sicherer Geste vorgeführt hatte, lebten vor seinen Augen und er sah sie, wie sie, Seite an Seite, aufrecht marschierten. Er leerte sein Glas auf einen Zug.

Jeder zahlte seine Runde, sie erhoben sich. Es war vier Uhr. Sie gingen die Avenue du Maine hinab, die Hände auf dem Rücken, langsamen Schrittes, mit dem kecken Blick der Mädchenhirten. Auf beiden Seiten der breiten Straße schienen die Häuser niedrig, die Auslagen dürftig und die Fußgänger spärlich zu sein. Um so mehr schienen Jules und Maurice zu wachsen. Mit dem langsamen Schritt des Besitzers, dem kecken Blick des Herrn, fühlten sie sich in ihrem Viertel, das sie kannten, wie man einen Teil seiner selbst kennt, und über das sie Rechte besaßen. Maurice fand ein wenig Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt. In diesem Viertel, wo er seine ersten Schritte getan hatte, fühlte er sich angeregt und frei wie am ersten Tag, betrachtete die Dinge und dachte, daß er sie schon früher gekannt, daß er sie aber heute noch besser kannte, weil er mehr Erfahrung hatte.

Das Selbstbewußtsein! Wer sich selbst prüft und sich alles mögliche Unglück einbildet, findet die alten Kräfte wieder, die ihn belebten, und fühlt, daß sie ewig sind und das Unglück niederzwingen werden. Sie begegneten der Dirne Cecile, die ohne Hut, in der Schürze, ebenso wie sie selbst, gern in den Straßen des Viertels herumstrich. Sie war braun, ein wenig dick, mit scharfen Zügen und ließ an Messerstiche denken. Sie sagte:

„Ich habe Machin versetzt. Er will mir den Hals umdrehen. Ich habe ihm gesagt: Oh! la, la, mein Kleiner! Du hast noch keinem Spatzen eine Feder gebrochen.“

Der lange Jules lächelte, denn sie war eine seiner Frauen. Er wollte keine behalten, hatte sich aber im Bereich seiner Tätigkeit gewisse Rechte auf ihre Liebe gewahrt. Er nahm jeden Abend auf dem Heimweg eine mit und schlief mit ihr ohne Umschweife.

Maurice lächelte, denn er war denen weit überlegen, die man versetzt.

Da kehrte ihm das ganze Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt. Er richtete sich auf, wölbte die Brust, klappte die Hacken zusammen und fühlte vom Kopf bis zu den Zehen, daß er Bübü von Montparnasse war.

Der lange Jules neben ihm ging seines Weges, still und seines Ruhmes sicher wie eine vorwärtsmarschierende Armee. Maurice wußte nun, daß die Syphilis zum männlichen Leben gehört. Schon lange wußte er’s, aber es gibt Kenntnisse, die nicht tief in unser Herz gegraben sind. Wie alle Menschen gelangte Maurice zu vollem Wissen erst nach vielem Leiden. Durch und durch verfault sein . . . Diese Worte belustigten ihn jetzt, wenn er an Jules dachte und an alle, die nicht durch und durch verfault waren. Die Syphilis und die Wissenschaft widersetzen sich unserm Willen wie Ärzte, die man an der Straßenecke angreifen und berauben kann. Und der Kramladen seiner Mutter war ein elendes Gewerbe, bei dem man sich bückte und in Stücke riß, um einen Sou zu erraffen. Das nennt man Pech haben. Das Pech der Syphilis ist ähnlich wie das Gefängnis, das man vermeiden kann oder aus dem man unversöhnlich und gestärkt herauskommt.

Und in seiner neuen Freude bekam er Lust, zu trinken. Trinken ist Freude, und wenn man schon ohnedies voll Freude ist, macht trinken glückselig und berauscht uns. Sie ließen sich gegenüber dem Bahnhof Montparnasse nieder. Zwei Absinth. Rüttelnde große Wagen, Fiaker mit tanzenden Scheiben, Omnibusse und Tramways mit ihrem Gepolter und ihrem Trompeten, Lokomotivpfiffe, schwitzende Passanten, die drückende Sonne von fünf Uhr, der Staub eines Augustnachmittags, das Ankommen und Abreisen, und dies Gehen von tausenden Menschen schufen ein höllisches Leben zusammen mit den Dampfkranen, Waggons, Menschen, Fahrzeugen, Tieren und Kisten, mit der Menge von Werkstätten und Bahnhöfen, mit allem, was fährt, und allem, was vorübertollt, mit der Zeit, die brüllend vergeht.

Man sagt sich: Das sind zwei Zuhälter, die ihren Absinth trinken, und nimmt an, daß der Absinth das Gehirn der Zuhälter nicht beunruhigt. Maurice hatte, während er neben dem langen Jules die Avenue du Maine hinabgeschritten war, seinen Menschenglauben wiedergefunden und kostete in seinem Bewußtsein alles Gute und alles Böse aus. Das Wissen um das Böse ist gut wie eine gute Frucht auf trockener Straße und hilft uns, zwischen Syphilis und Gefängnis ohne Heuchelei und ohne Furcht vorwärts zu kommen wie große Reisende. Der Absinth setzte sein Gehirn in Bewegung, trieb Fieber und Glück hinein. Ich bin Maurice, den man auch Bübü von Montparnasse nennt! Maurice ist ein Mann, der die Frauen packt und sie formt. Er packt Berthe, das Kunstblumenmädchen, wählt sie, weil sie schön und jungfräulich ist, erst zu seinem Vergnügen, dann zu seinem Lebensunterhalt. Er sieht sich um, erfaßt die Dinge auf einen Blick, und für die Fahrräder und für die Schaufenster sind seine Finger rasch wie ein Augenaufschlag. Er kennt die verwickelte Wissenschaft der Umklammerung, die aus Handgriff und Muskeldruck besteht und uns die Menschen preisgibt wie Kinder und die Panzerkassen wie Spielzeug. Er kennt den leisen Schritt, den man Wolfsschritt heißt, und weiß die Nacht zu durchspähen mit glühenden Augen. Er kennt den Hieb, der betäubt, und den, der tötet, den Angriff und die Abwehr, und die Messerklinge, die einen Weg zu bahnen vermag, wenn man in Gefahr schwebt. Er wandelt sorglos durch die Straßen der Städte, während die einen leiden und die andern sich rackern; was ihn umgibt, das kann er sich holen; er schreitet dahin und ist wie ein Mensch, der sein eigenes Haus durchschreitet. Er fühlte sich frei und vollkommen in seinen Ideen, in seinen Organen, in seinem erträumten Leben, in seinem gelebten Leben . . .

Der lange Jules schlug ihm auf die Schulter:

„He, Maurice, schlafe nicht!“

Er antwortete:

„Es macht mir Spaß, an meine Syphilis zu denken.“

Der lange Jules brach in Lachen aus:

„Du denkst an deine Syphilis!“

Er bestellte zwei weitere Absinths.

Der zweite Absinth erfüllte Maurice mit Gemurmel und floß wie eine Welle und umspülte sein Herz. Er spürte im Kopfe tausend erwachte Gedanken summen, die strömten, lachten und sangen. Das Echo des Guten antwortete dem Echo des Bösen wie Stimmen, die sich locken, und wie Schritte, die sich fliehen. Berthe neigte sich, um ihn zu lieben, und lachte über die Krankheit. Die Welt ähnelte einem Menschen, der unschuldig und verseucht Absinth trinkt auf den Terrassen. Große Gefühle wandelten schreiend auf den Straßen, nahe den Bahnhöfen, ähnlich der Liebe, dem Glauben, dem Wissen. Man sah Freude, die Bewegungen glichen Tänzen, die Menschen waren klein neben dem, der träumte, und das Leben lachte wie eine Frau, die man kennt und die man zu lenken versteht.

Plötzlich erinnerte er sich des Liedes. Deiner, das tröstet, o altes Lied von der Seuche, das die Kranken besingt. Du stimmst uns mild und dichterisch wie das Leiden der Verwundeten:

„Alter Kunde vom Spitale . . .“

Du birgst ein Großteil Liebe und Ergebung und du birgst noch mehr als Ergebung. Du schlägst uns ans Kreuz auf unserm Kalvarienberg, du weisest uns unsre Wundmale, du besingst die Arzeneien und verlachst die Schmerzen, du tanzest um unsretwillen und du läßt uns glauben, daß unsre Leiden glorreich sind. Oh, sei gesegnet! Altes Lied von der Seuche! Im Hospital, wo du geboren wardst, sangst du dich von Bett zu Bett in alle Herzen hinein, du verklärtest die Sterbenden und du senktest deine Flügel auf die Stirn der Siechen, altes Lied von der Seuche!

„Wem mehr gegeben ist zu leiden, der ist wert, mehr zu leiden.“ Du erinnerst an dies schöne Wort. Bist du das Wissen vom Guten, bist du das Wissen vom Bösen? Du schmiegst deinen alten Leib an den unsern, du sprichst von Quecksilber und du sprichst von Liebe. Du sagst:

„Nein Bruder, dein Schwesterlein sitzt an des Bettes Rand

Und legt dir aufs heilende Herz die Hand.“

Als Maurice Jules verlassen hatte, wandte er sich in die Rue de Rennes und wollte nach Hause zurückkehren. Die frischere Luft von sieben Uhr wehte zwischen den Häusern, kühlte die Stirne und sänftigte die Gedanken nach der Tagesarbeit. Die Fußgänger, etwas schwer, spürten ihre Schultern von der Arbeit befreit und wanderten nach ihren Häusern und zu ihren Frauen mit dem hellen Gefühle des Sommers. Maurice war in besserer Laune als gewöhnlich. Berauschtes Blut rann in seinen Gliedern, munter bald, bald gütig. Warum ist das Menschenherz so groß?

„Ich bin heute abend drollig“, sagte er sich.

Er kam an einem großen Kolonialwarenladen vorüber und sah, die Auslagen betrachtend, Schachteln mit Mandarinen. Kleine Mandarinen, kleine saftige Nichts, ihr seid nicht für den Mund von Mädchenhirten geschaffen! Er kam vor einen andern Laden und sah nach, ob es auch hier Schachteln mit Mandarinen gab. Man hält es für schwer. Zunächst muß der Blick entschlossen sein. Niemand sieht zu. Darum muß der Griff rasch und unbefangen sein. Maurice schob die Schachtel mit Mandarinen unter seine Weste, ohne sich aufzuhalten. Es war, um Berthe ein Vergnügen zu bereiten, freigebig zu sein mit einem Geschenk, ein wenig Arbeit, ein wenig Liebe, ein paar Mandarinen für einen feinen Mund!

Dann fiel ihm die Syphilis ein. Eh, wenn er nicht die Syphilis hatte! wenn er nicht die Syphilis hatte! Da war es ihm, als würde das seinem Ruhm schaden. Er schritt mit solcher Leidenschaft aus, daß seine Beine zu stiegen schienen. Wenn er nicht die Syphilis hatte, war es hohe Zeit, sie zu haben. Er ging auf sein Ziel los, die Mandarinen unter dem Arm, die Seele geweitet, so stark vorwärts getrieben, daß er nicht daran dachte, sich umzublicken.

Als er in sein Zimmer trat, kochte Berthe eine Kleinigkeit zum Abendessen. Er sagte:

„Da schau her, ich bring dir eine Schachtel Mandarinen.“

Sie lächelte zart:

„Oh! Maurice! das hat aber was zu bedeuten, daß du so lieb bist.“

„Küß mich.“

Sie näherte sich, und wie sie ihm einen herzhaften Kuß auf die Lippen gab, legte er ihr beide Arme um die Schultern und hielt sie fest. Er küßte sie auch auf den Mund. Dann fuhr er fort: einmal sehr kräftig, einmal leicht, dann sehr kräftig, dann weniger leicht . . . Währenddessen zog er sie an sich, drückte sie sich an den Leib. Sie sagte:

„Laß mich los, sonst brennt mir das Fleisch an.“

Er lachte.

„Das ist mir egal.“

Er nahm sie in den Arm, hob sie ein wenig, bog sie rückwärts, schmiegte sie an seine Haut. Gewöhnlich war er nicht so eilig. Er zog sie in den Kleidern ans Bett. Berthe sah ihm mit ihrem traurigen Blick in die Augen:

„Du darfst nicht, Maurice, du weißt . . .“

Er sagte:

„Ich pfeif drauf.“

Als er sie durchdrang, fühlte er sein Herz zergehen, wurde sehr zärtlich und sagte:

„Tu ich dir weh, meine kleine Frau?“

V

Louis Buisson bewohnte im fünften Stock, Quai du Louvre, ein kleines viereckiges Zimmer. Man sah darin ein Eisenbett mit vier Messingkugeln, ein Büchergestell aus weichem Holz, einen Waschtisch, einen Tisch mit roter Decke, einen Stuhl und zwei „armenische Fauteuils“, die im Rathausbazar zwölf Francs gekostet hatten. Linoleum bedeckte den Fußboden, zwei Plakate und mehrere Stiche schmückten die Wände. Das war das wohlgeordnete Leben eines Junggesellen, der sein Zimmer selbst aufräumt und es einfach herrichtet, ein Abbild seines Geistes. Das Fenster ging auf einen großen Flußarm hinaus neben dem Pont Neuf und seiner kleinen Parkanlage, wo die Luft, das Licht und das Wasser ein bewegtes und erfrischendes Schauspiel boten. Sind wir in Paris? Wir sind hoch in den Lüften, in einem Land am Wasser, dessen Luft aber tost wie rollende Wagen.

Diesen Abend kochte sich Louis Buisson einen Kaffee; die einfachen Verrichtungen, das Zimmer machen oder den Kaffee zubereiten, beruhigen unsern Geist und ordnen unsre Gedanken wie Möbel jeden an seinen Platz . . . Übrigens hatte er seine Grundsätze für die Zubereitung des Kaffees. Er benützte nicht den Satz und schüttete das kochende Wasser Tropfen für Tropfen auf den frisch gemahlenen Kaffee. Es dauert ein wenig länger, aber um etwas Gutes zu haben, muß man sich Mühe geben.

Als Pierre Hardy an die Tür klopfte, wartete er nur auf ihn, um den Kaffee einzugießen. Louis Buisson sagte:

„Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich hatte Dir von einer kleinen Bonne gesprochen, mit der ich einen Briefwechsel unterhielt, und ich hoffte, bei ihr meine Wünsche zu stillen. Die Frauen aus dem Volke sind einfach, und alle Frauen lassen sich bilden. Ich lieh ihr ein paar Bücher, um sie nach meinem Geschmack zu erziehen. Sie las gern. Ich sagte mir: ‚Sie wird die delikaten Dinge verstehen lernen, die die Ordnung und das Glück eines Haushaltes ausmachen. Abends werde ich zu Hause arbeiten. Sie wird nähen und sich ausruhen, und ich werde sie an meiner Seite wie eine kleine Flamme spüren, die brennt.‘ Hör, was geschehen ist: vorgestern und gestern sind wir zusammen ausgegangen, da ihre Herrin verreist ist. Meine kleine Bonne liebt alle Vergnügungen und leidet darunter, daß sie sich im Cafékonzert nicht unterhalten, auf Bällen nicht tanzen und die Lichter auf den Straßen nicht sehen kann. Ich mußte sie überall ein wenig herumführen und dann wollte sie nach dem Bal Bullier gehen. Da habe ich eingesehen, ich, der ein Mann des Volkes sein wollte, daß das Volk allzusehr die schlechten Vergnügungen liebt. Ich mag wohl nicht aus demselben Volk sein wie die andern, darum kann mich niemand verstehen und Freude empfinden, wenn er sein Leben dem meinen anpaßt. Ich habe mit ihr gebrochen. Ich habe geglaubt, mein Weib gefunden zu haben, und bin jetzt ganz allein.“

Louis Buisson war ein wenig lehrhaft und redete lang. Man pflegte ihm im Bureau zu sagen: „Oh! Sie, Sie wollen immer recht haben. Sie halten Vorträge.“

Sie tranken ihren Kaffee, rauchten eine schlechte Zigarre, und jeder von ihnen glich, wie er so im „armenischen Fauteuil“ da saß, einem schüchternen und ungeschickten jungen Bureaukraten. Weder den einen noch den andern beglückten die Liebe, die zwanzigjährige Menschen bewegt, und Paris, das gegen Arme hart ist. Pierre Hardy sagte:

„Ich habe angefangen, mich an meine kleine Freundin Berthe und ihre hundert Sous zu gewöhnen. Jetzt liegt sie krank im Spital.“

Louis Buisson sagte:

„Ich habe Straßenmädchen gekannt, als ich im Hotel garni wohnte. Ihre Ausgelassenheit bricht aus wie bei Kindern, die schreien, um sich nicht zu fürchten.“

Pierre Hardy hatte bei seinem Freunde viel zu lernen. Sie lebten ein gemeinsames Leben, zu dem Louis Buisson die Erklärungen lieferte. Er untersuchte mächtig die Ereignisse und oft, wenn er irgend einen alten Irrtum oder eine neue Wahrheit entdeckte, war er in Verlegenheit, wie er seine Lebensführung mit seinen Ideen in Einklang bringen sollte. Die Analyse ist keine kalte Wissenschaft, sie, die durch unser Herz geht und es aufrührt. Die Erregungen Louis lösten Erregungen in Pierre aus, weil ihr Leben gemeinsam und weil ihre Seelen aufrichtig waren. Pierre sagte sich: „Es ist komisch, wie er immer recht hat!“ Er dachte wie sein Freund, aber er dachte viel niedriger.

Pierre Hardy fügte hinzu:

„Ich liebe sie viel mehr, seit sie krank ist. Sie schreibt mir ungeschickte Briefe, aus denen man aber errät, daß sie leidet und daß sie zartfühlender wird. Sie sagt: ‚Ich küsse dich vom ganzen Herzen eines kranken Kindes.‘ Ich schicke ihr ein wenig Geld. Mir ist, als würden wir uns nähergekommen sein, wenn sie geheilt sein wird.“

Louis Buisson legte mit seinen langen Geschichten los. Er lächelte, indem er dachte: Ich will einen Vortrag halten. Dann sagte er:

„Man muß die Mädchen lieben, die dulden. Ich war immer davon überzeugt, daß wir sie darum nicht retten können, weil wir sie nicht genug zu lieben verstehen. Ich habe einmal eine Anfängerin gekannt. Sie machte mit vierzehn Jahren bei ihrer Mutter, die wiederverheiratet war und deren zweiter Mann einen Weinhandel hatte, die Bekanntschaft eines Burschen mit wilden Augen. Sein Blick beherrschte sie wie eine Gewalt. Eines Tages ging sie in ein Hotel mit ihm, wo sie, gelehrig wie sie war, sein wurde. Sie hat mir erzählt, daß er sie, nachdem sie sich ganz nackt ausgezogen hatte, in seine Arme nahm und mitten auf das Federbett legte. Sie war so klein, daß sie in dem Bett versank; sie rührte sich nicht mehr und schlief, völlig erschöpft, in ihrer verlorenen Jungfrauschaft hier ein. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern sie nicht suchen ließen. Die beiden lebten vier Monate, ohne daß sie arbeitete, doch nach und nach brachte er sie von der Ehrbarkeit ab. Er führte sie selbst auf die großen Boulevards und suchte ihr die Kundschaft aus. Sie verdiente fünfzehn Francs und darüber zeigte sie eine Art naiver Freude. Als ich sie kennen lernte, war sie kaum sechzehn Jahre alt. Ich habe niemals ein gleich mutiges Weib gesehen. Sie hatte schließlich Arbeit gefunden und nähte Flitter. Mein lieber Freund, sie nähte bei Tage, dann nähte sie bei Nacht. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie konnte niemals fünfzig Sous täglich verdienen. Und der andere stand da, hinter ihr, mit seinen zwei Fäusten und mit seinen zwei Kinnladen. Sehr oft geschah es, daß sie auf die Straße hinabsteigen mußte, wenn sie ihr Zimmer bezahlen sollte. Ich lernte sie kennen. Es gab Morgen, an denen sie mich um zwei Sous bitten kam. Die Zeit verstrich für sie, indem sie ihr immer neues Unglück brachte. Ihre Mutter wurde endlich unruhig, entdeckte sie und ließ sie ein Jahr lang im Kloster der Nonnen vom heiligen Michael einsperren, wo man junge Mädchen mit schlechten Anlagen unterbringt. Als sie es verließ, hielt ihr Geliebter um ihre Hand an und ihre Mutter gab die Einwilligung dazu. Der Irrsinn herrscht auf der Welt. Da fing die alte Geschichte von neuem an. Er betrog sie, er belustigte sich damit, sie zu betrügen. Eines Tages im Fasching promenierten sie zusammen in der Menge, als ein Frauenzimmer vorüberkam. Er ging ihr nach und blieb drei Tage fort, ohne zurückzukehren. Später trennten sie sich, doch kam er von Zeit zu Zeit auf Besuch, er brauchte Geld. Damals hatte sie einen jungen Mann von neunzehn Jahren zum Freund. ‚Wenn ich ganz alt werden sollte‘, sagte sie zu mir, ‚diesen Jungen werde ich niemals vergessen. Nicht weil er reich war, sondern weil er soviel für mich getan hat.‘ Er liebte sie mit einem guten Jünglingsherzen. Eines Nachts, als sie erschöpft war, trug er sie in seinen Armen vom Bastilleplatz bis ans Ende der Avenue Daumesnil. Er ging gern in ihre Wohnung, wenn sie abwesend war, um irgend eine hübsche Überraschung auf den Tisch zu legen und ihren freudigen Ausruf hören zu können, wenn sie heimkam. Mein lieber Freund, dieser Junge, der zu Hause von Bedienten umgeben war und dessen Mutter eine Kammerzofe hatte, besuchte seine kleine Freundin, und räumte, wenn sie nicht da war, ihr Zimmer auf und putzte ihre Schuhe. Ihre Geschichte nahm ein trauriges Ende, denn der Gatte verprügelte den jungen Mann, daß er sechs Wochen das Bett hüten mußte. Es ist nicht lang her, daß ich diese Dinge weiß, aber täglich verstehe ich sie besser. Der junge Mann bewies so viel Liebe, daß er in das Herz eines armen Mädchens eindrang. Und auch ich hätte in dieses Herz dringen sollen. Als der junge Mann kam, war es viel zu spät, aber für mich wäre es die richtige Zeit gewesen. Es ist drei Jahre her. Sie war nicht verheiratet, und ich hätte sie aus den Armen eines Zuhälters befreien können. Ich hätte sie nehmen und sie zu mir bringen und mich um sie schlagen sollen. Ich hätte sie retten sollen. Versteh das: Ich hätte sie retten können! Ach, warum habe ich sie nicht genug geliebt? Ich hätte ihr das Zimmer aufräumen sollen und ihre Schuhe putzen, ich hätte damit einverstanden sein sollen, sechs Wochen das Bett zu hüten. In der Welt gibt es eine Frau, die ich hätte retten können!“

Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf zwischen die Hände, und es entstand eine Stille, während der beide bemerkten, daß sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hörte fünf Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gespräch wieder auf:

„Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .“

Pierre antwortete:

„Im Brocaspital.“

Louis Buisson zuckte zusammen.

„Aber, mein lieber Freund, du kennst nicht das Brocaspital. Ich habe das alles gesehen und ich sage dir, daß man im Brocaspital Mädchen sieht, die sehr krank sind. Sie haben Syphilis.“

Da fühlte Pierre Hardy die Geschichte Louis Buissons wie ein Feuer in seinem Herzen. Wahrhaftig, er fühlte die Dinge, tausend Dinge auf einmal auf ihn einstürmen, ihre Stimme sich heben und senken wie eine Flut von Unglück. Dann hatte er die Empfindung stillen Glücks, daß er sich aus Liebe eines Abends auf den armseligen Tanz eingelassen hatte, der jetzt das Aussehen der Syphilis und des Brocaspitals hatte. Er hatte diese Empfindung stillen Glücks, sah die Fassade seines kleinen Provinzhauses wieder und nun die Syphilis auf seiner Schwelle. Er begriff, daß ihm das Leben bisher allzu leicht erschienen war.

Louis Buisson hielt seinen Vortrag:

„Ich pflegte ehemals in das Brocaspital zu gehen, wo einer meiner früheren Gymnasialkameraden als Arzt assistierte. Ich habe gesehen, wie die Mädchen alle auf ihre Krankheiten mit dem Spiegel untersucht wurden. Ich habe die kleinen Frauen des Viertels gesehen, die Schanker hatten und lachten, weil man ihnen sagte: ‚Die Syphilis ist nichts. Man nimmt drei Jahre Pillen ein.‘ Ich habe Frauen gesehen, die anderthalb Jahre Syphilis hatten und die weinten. Sie legten ihren Kopf unter die Arme, weinten und sagten: ‚Ich werde nie gesund werden.‘ Die Ärzte trösteten sie, indem sie in Lachen ausbrachen. Ich sah die Alten. Wie Tiere spreizen sie die Beine. Sie sind ein armes Wild, das man verwundet hat und das mit sich alles geschehen läßt, ohne Klage, da es gewöhnt ist, verwundet zu sein.“

So sprach Louis Buisson, ohne an Pierre zu denken. Dann fiel es ihm ein wie ein Blitz: aber Berthe, Pierre und Berthe! . . . Er blickte auf seinen Freund, der, die beiden Hände auf den Knien, nicht daran dachte, auch Vorträge zu halten. Er sah das arme verseuchte Mädchen in Tränen gebadet, in Tränen der Verseuchten, und das war so traurig, daß er keinen Vorwurf gegen sie erheben konnte. Den Charakter der Männer von zwanzig Jahren bilden ebenso die Worte ihrer Freunde wie die Regungen ihres Herzens. Pierre überdachte all die Gedanken über Liebe, die Louis ausgesprochen hatte, und da noch sein natürlicher Edelmut hinzukam, empfand er Mitleid mit Berthes Krankheit und zugleich Furcht vor der seinen. Er fürchtete sich sehr. Er kannte die Krankheit nicht genug, als daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen, er wußte, daß man von ihr spricht wie von der Schande und vom Unglück.

Da erhob sich Louis Buisson, näherte sich Pierre, ergriff seine beiden Hände und drückte sie. Gewöhnlich war er mit seiner Zärtlichkeit zurückhaltend. Aber ich habe, Herrgott, Unheil angerichtet mit meinen Reden. Er revoltierte gegen sich selbst, gegen seine Worte, gegen die Wahrheit, gegen das Brocaspital. Es kann nicht sein, denn es tut weh und mein Herz ist gut. Er erhob sich, trat auf Pierre zu und sagte:

„Aber nein, Pierre. Aber nein, aber nein . . .“

Er schrie und er hatte Lust, es über die Dächer zu schreien:

„Aber nein, aber nein, aber nein . . .“

Nach Hause zurückgekehrt, schrieb Pierre an Berthe:

„Meine liebe kleine Freundin!

Es schmerzt mich, dir diesen Brief zu schreiben, weil es dich schmerzen wird, ihn zu lesen. Du bist krank, meine kleine Berthe, ich möchte bei dir sein, um dich zu trösten und dir zu beweisen, daß ich um deiner Leiden willen leide. Dennoch gibt es Dinge, die ich dir sagen muß.

Bis heute abend kannte ich das Brocaspital nicht. Ich weiß jetzt, von welcher Krankheit man dich dort kuriert. Du wirst sehr traurig sein, aber glaube nicht, daß ich dich verlasse. Ich verlasse die Meinen nie und du gehörst zu den Meinen, denn es sind schon drei Monate her, daß wir uns kennen. Ich schicke dir eine Postanweisung auf drei Francs.

Das wollte ich dir sagen: unsre Beziehungen müssen sich ändern, denn ich will nicht deine Krankheit bekommen. Ich zögere niemals ein Opfer darzubringen, aber hier würde mir das Opfer ein Übel zuziehen, ohne dir zu nützen. Wir werden uns weiter sehen, nicht wahr? Wir werden zusammen spazierengehen, wenn du wollen wirst, und wir werden zwei Freunde sein, Freund Pierre und Freundin Berthe.

Du verstehst wohl, daß ich deiner Krankheit nicht nachlaufen kann. Ich glaube, ihr entwischt zu sein, denn ich sehe keinerlei Anzeichen, aber ich bin noch nicht außer Gefahr. Einer meiner Freunde, der Mediziner ist, hat es mir gesagt. Man muß vierzehn Tage abwarten.

Berthe, wenn ich krank wäre, würde ich dir verzeihen. Ich bin aus einer Familie, in der man nie solche Krankheiten gehabt hat. Ich möchte sie nicht auf andre übertragen. Übrigens wollen wir uns schreiben wie früher. Ich hoffe, niemals zu bedauern, dich kennengelernt zu haben.

Ich schließe, meine liebe kleine Freundin, in Gedanken an dich. Ich erwarte deine Antwort mit großer Ungeduld, um zu erfahren, ob du nicht zu traurig darüber warst, was ich dir schreibe. Ich liebe dich immer, und liebe dich noch mehr, weil du krank bist!

Dein dich küssender Freund

Pierre.“

Zwei Tage später erhielt er den folgenden Brief:

„Pierre!

Ich habe deinen Brief bekomen, er hat mich krank gemacht dise Keckheit hab ich erwartet daß du das auf mich schübst und du glaubst fielleicht daß das so gehen wird aber du ihrst dich ich hab niemals nicht aufgehört zu glauben daß du es bist, von dem ich dise schrökliche Krankheit habe. Und du hast recht ich hab niemals was gsagt weil du mich unterstüzt hast aber jezt gibst du zu daß ich gnug hab aber ich leide und bin schröklich traurig und dir ist es noch recht, was du angestellt hast und noch andern Mädeln denen du bisl Gelt gibst und für die Mühe, die sie sich mit dir geben ansteckst. Fielleicht haben sich dise Mädeln umgebracht denn ich wenn ich nicht an meine Familli gedacht hät und ich hab gedacht, daß mein Vater genug gelihten hat durch den Tot meiner Mutter, um jezt von meinem Tot zu erfaren. Dann hab ich nicht glaubt daß ich eines Tags meinen Henker begegne am 15. Juli auf dem Boulevard Sebastopol. Was hab ich seit disem Tag geweint aber es ist zu spät ich muß es tragen das alles sage ich dir weil ich sicher bin daß du mich angsteckt hast du wirst mich unglückli gemacht fürs ganze Leben. Dann komen noch schwere Täge für mich und noch für andre die leiden die tun mir leid daß dise Leute deinwegn leiden denn meiner Treu die Leute, die wissen daß du dran schult bist sind noch böser auf dich als ich aber ich hör auf niemant und leide, ohne mich zu beklahgen. Du solst wissen, daß ich kein gmeines Mädel bin denn wenn ich wolte könnte ich auch andre Männer anstecken aber ich laß mich lieber kurihren bis ich gsund bin werde ich mich umsehn ferzeihen aber werde ich dir niemals. Du ferdiehnst es nicht ein Mensch der mir so vüll angetan hat was ich nicht ferdiehnt hab, und ich hofte nicht eines Tags gemordet zu werden. wie du weißt habe ich augenblüklich jezt große Halsschmerzen. Ich weiß ja daß du dich drüber lustik machst aber ich erleichter mich und dann wirst du besser wissen als ich wie es einem get, in diesem Zustand und mit der Watte die ich kürzlich von der Erd aufghoben hab würdest du dir nicht die Füse waschen woln und dann die Salbe, die auf dem Waschtisch unter der Schüssel steht reibst du dich ein für die Krankheit ist es gut sonst weniger . . . aber die Krankheit erfohrdert es oder du bekomst noch mehr Geschichten und dann würde das Weib das mit dir geht es sofort krigen. Ferdrieslich ist daß es sich verschlimmert, wenn man sich aufrehgt und man steckt die andern an, dann versezt man sie und nimt wider eine andre dann bist du neidisch daß die andern es nicht haben wie du. Aber ich bitte dich Pierre kurihr dich wie ich damit du nicht imer mehr anstekst denn einmal könnte es dir schlecht ergöhn und dir nicht gut bekomen das rat ich dir. Dein Freund der Arzt ist ein reiner Schwindel denn du hast mich satt und sonst nix.

Ich hoffe daß du auf mich nicht zu bös bist aber merke dir daß ich nicht so schlim bin ich wünsche mir nur eins daß ich dir niemals nicht begegne denn du bist nicht ein Freund wie du sagst du bist für mich weniger als nix oder das Trotoar wo ich alle Täge geh aber du behalt mich in Erinerrung wie ich dich aber als einen Menschen der nicht wert ist ein Mädel wie ich gehabt zu haben denn ich bin entschihden das beste Mädchen das man in Paris finden kan und das ist doch wahr. Ich beantworte deinen Brief freundlichst und sag dir meine Meinung troz dem Abscheu die ich vor dir hab.

Fräulein Berthe,

das Mädchen und die Unglükliche, die nur Abscheu hat vor dem der sie angstekt hat.“

Vierzehn Tage später erkannte der Arzt, daß Pierre die Syphilis hatte.

VI