Transatlantische Reiseskizzen
und
Christophorus Bärenhäuter.

Vom Verfasser des Legitimen und der Republikaner.

Erstes Bändchen.

Zürich,
bei Orell, Füßli und Compagnie.

1834.

Statt der Vorrede
Auszug eines Schreibens
(unseres Correspondenten).

Baltimore, den 4. November 1833.

»Sie erhalten hiermit, Ihrem Wunsche gemäß, ein zweites Geistesprodukt, aus derselben Feder geflossen, die einige Ihrer literarischen Freunde bereits im Manuscripte in so hohem Grade angesprochen hat. Es sind Skizzen, die zum Theile schon vor mehreren Jahren geschrieben, und von denen einzelne gelegenheitlich ihren Weg in einige der achtungswerthern belletristischen Blätter dieses Landes gefunden haben, die Mehrzahl jedoch noch nicht im Drucke erschienen ist. Wie Sie ersehen werden, so sind diese Reise- oder vielmehr Stationen-Skizzen zugleich Roman. Ein junger Hagestolz, der bereits seinen sechsten Ausflug aus dem tiefsten Südwesten der Vereinten Staaten nach dem Norden, und zwar in Heirathsspekulationen unternommen, erhält während dieses letzten Ausfluges einen neuen Korb, und kehrt in seine Heimath über Tennessee in Begleitung eines Freundes zurück.

»Es war bekanntlich die Gewohnheit Franklins, jedesmal, so oft er in einem von einem Neu-Engländer (Yankee) gehaltenen Gasthofe einkehrte, folgende Erklärung gleich bei seinem ersten Eintritte von sich zu geben: »Ich heiße Benjamin Franklin, bin von Boston gebürtig, in Philadelphia angesessen, meiner Profession ein Buchdrucker, gegenwärtig ein Mitglied der Assembly, Gouverneur, oder was er gerade war, komme von X, hatte daselbst dieses oder jenes zu thun, gehe nach Y in diesem oder jenem Geschäfte, wünsche sehnlich recht bald ein Frühstück, Mittag- oder Abendessen, und noch sehnlicher, mit allen fernern Fragen verschont zu werden.«

»Von dieser weltbekannten und unter keinerlei Umständen zu beschwichtigenden Yankee-Neugierde kömmt auch in der Nacht an den Ufern des Tennessee ein Beleg vor. Die weitere Reise unseres jungen Hagestolzen geht den Missisippi, auf eine der Pflanzungen unter Natchez, hinab, und von da westlich den Red-River hinauf.

»Die ergreifende Wahrheit, mit der die Objekte von dem Autor aufgefaßt, die außerordentliche Lebendigkeit, mit der sie reflectirt werden, vorzüglich aber die unübertrefflich gentlemannische Laune, die durch das Ganze, und besonders den guten Christophorus Bärenhäuter hindurchweht, lassen auch beinahe mit Gewißheit voraussetzen, daß Ihnen dieses Probestück transatlantischen Humors eben so wohl behagen werde, als die frühere ernstere Arbeit dieses Autors.«

Siebzehn, achtundzwanzig und fünfzig
oder
Scenen in Newyork.

»Sissi! Sissi!«[1] rief ihre Nachtigallkehle, und ihr Engelsköpfchen guckte zur Thüre, und sie selbst tanzte herein, schnitt einen komischen Kniks, lachte eine gehorsamste Dienerin, und begann: »Nein, es ist nicht mehr zum Aushalten! Pa tobt, rennt an mir vorüber in die Straße hinaus, als ob es auf der Change[2] brennte; Ma gähnt, und will von unserm Shopping[3] nichts wissen, und brummt, immer Geld, nur immer Geld. Ach! liebe Sissi, aus der Laden-Exkursion wird nun für heute einmal nichts.«

Sissi, an welche die Jeremiade gerichtet war, lag mit ihrer Linken auf die Sophalehne gestützt, mit der Rechten Paul Clifford haltend. Sie warf einen schmachtend-wehmüthigen Blick auf die liebliche Schwester.

»Ach, der arme Staunton wird Trübsal blasen,« fuhr diese fort. »Sieh, so eben macht er die zehnte Tour gegen die Batterie[4] zu. Gestern war er eine wirkliche Jammergestalt. Ich hätte es nicht über's Herz bringen können, ihm zu versagen. Wie konntest Du nur so grausam sein, Margareth?«

[1]: Sissi, Pa, Ma, Abkürzungen von Sister (Schwester), Papa, Mama; im Familienleben sehr beliebt.

[2]: Change, Abkürzung von Exchange, die Börse.

[3]: Shopping, Ladenbesuchen, eine Lieblingsunterhaltung der jungen Damen von Newyork, besondere nach der Ankunft von Packetschiffen aus Europa.

[4]: Batterie, ein prachtvoller Spaziergang, beinahe an der Mündung des Hudsons in die See, von dem man eine entzückende Fernsicht in die Raritanbay, die gegenüberliegenden Inseln und New-Jersey genießt.

»Ach!« lispelte diese mit einem schmelzenden Blicke, »wie konnte ich anders? war nicht Ma hinter mir, und stieß mich so unsanft mit ihrem Elbogen in den Rücken? Ma ist zuweilen recht gemein.« Ein tiefer Seufzer entquoll ihrer Brust.

»Ja,« bekräftigte die Schwester, »ich weiß gar nicht, was sie gegen den armen Staunton hat; aber aufrichtig gesagt, Margareth, die Gallopade, hat gar nicht durch sein Wegbleiben verloren. Die erste, die er getanzt; war er doch so steif, wie ein Strohmann. Unser Louisiana-Hinterwäldler da nahm sich viel mehr zu seinem Vortheile aus.« Dabei blickte das schelmische Wesen mich mit einem so schalkhaften Lächeln an, daß ich, trotz des zweideutigen Compliments, ihr nicht böse seyn konnte. »Das ist unedel, Arthurine,« versetzte die bitterböse Margareth.

»Sissi, Sissi,« bat das Schwesterchen, und sie flog an Margareth heran, und schlang ihre Alabasterhände um ihren Nacken, und herzte und schmeichelte so lieblich, daß Margareth mit Thränen im Auge sie umschlang. Wer so das Mädchen sah, wie sie ätherisch hinflog, mit ihren Füßchen den glänzenden Teppich kaum berührend, der hätte schwören sollen, sie sei ein Luftgebilde. Sie war zum Malen schön. Schlank wie ein Rohr und nicht viel dicker. Man konnte sie mit seinen zehn Fingern umspannen. Jedes Gliedchen zuckte wie Quecksilber. Händchen und Füßchen im niedlichsten Ebenmaße und ein Gesicht so zart, von Lilien und Rosen angehaucht, und das lichtblonde Köpfchen, und die hellblauen, runden, klaren Schelmenaugen voll reiner Klarheit. Man hätte sie fressen mögen.

»Ach des Jammers,« seufzte die um zwei Jahre gereiftere Margareth. »Nein, dieser gemeine Mensch, so roh und selbstsüchtig sich zwischen mich und den edeln Staunton einzudrängen! Er wird mir das Herz abdrücken.«

»Nun Sissi, das weiß ich eben nicht,« versetzte Arthurine. »Moreland, du weißt, ist volle fünf Mal hunderttausend Dollars schwer, und Staunton ist federleicht, mit ihm verglichen; kaum zweitausend per annum.«

»Liebe verschmäht das schnöde Gold,« lispelte Margareth.

»Ah bah,« meinte Arthurine, »ich nehme Silber, wenn es in hinlänglicher Quantität vorhanden ist. Denke nur der Partien, der Bälle. Jeden Sommer nach Saratoga[5], vielleicht nach London, Paris. Viktorine hat mir den Mund ganz wässerig mit der königlichen Adelaide gemacht.«

[5]: Saratoga, die bekannten Mineralquellen des Staates Newyork.

»Hinweg, hinweg mit seinem Bilde,« rief Margareth.

»Er ist ja noch nicht da, er kömmt erst zum Thee, und bis dahin haben wir noch sechs lange Stunden,« meinte Arthurine mit wahrer christlicher Ergebung.

»Ach, du Grausame!« lispelte Margareth, »uns dieses kleine Vergnügen zu versagen des elenden Geldes wegen!«

»Ja, wenn wir noch ein Paar Dutzend tüchtige, nagelneue Romane hätten,« meinte Arthurine. »Ich kann nur nicht begreifen, warum Cooper so faul ist. Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich könnte, mein' ich, alle Tage einen spielen. Wie wär's Sissi, wenn du zu schreiben anfingest? Ich glaube, so gut wie Mistreß Mitchell triffst du es auch. Bulwer ist ein unausstehlicher Fantast, und Walter Scott wird so alt, und abgedroschen, als wenn er für Tagelohn schriebe.«

»Ach Howard!« seufzte Margareth.

»Geduld, liebe Margareth!« erwiederte ich. »Wenn es möglich ist, so helfe ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigstens versuchen.«

Klapp, klapp, klapp erschallte es an der Hausthüre. Arthurine horchte. Noch zwei Schläge. Ihre Augen leuchteten vor Freude. »Ein Besuch,« rief sie triumphirend, und tanzte zur Thüre und horchte. »Ach, das sind Damenfußtritte!« Die Thüre öffnete sich, und herein schwebten in's glänzende Drawing-room[6] die Misses[7] Pearce, so rauschend, so duftend in den violettfarbigen, offenen Ueberröcken und gestickten Roben und in Prunellschuhen! Sie sahen aus, als ob sie auf den Ball gingen.

[6]: Drawing-room, Besuchzimmer.

[7]: Misses, Plural von Miß, Fräulein.

Wer unsre Mädchen vom sogenannten haut-ton im Morgenkleide zu sehen das Glück hat, ich sage, zu sehen, das Glück hat — denn wir sind bereits ziemlich exclusiv geworden, — dessen Herz muß von Granit oder Quarz geformt sein, wenn es so vielem Zauber widerstehen kann. Diese zarten, leichten Wesen mit ihren intellectuellen und doch so schmachtenden Gesichterchen, ihren schwimmend-feurigen Augen, ihren zarten Körperchen, die man gerne festhalten möchte, damit der Wind sie nicht wegblase; diese zarten Hände und Füßchen, sie sind unwiderstehlich. Die Bostonerinen sind verstandreicher, ihre Gesichtszüge regelmäßiger, aber sie haben etwas Yankeeartiges, das mir nicht zusagt; zu dem ist ihre Taille ein Artikel, an dem ich immer das Wichtigste vermisse, nämlich den Busen. Es ist bekanntlich in der Yankee-Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei sind sie so verwünschte Bluestockings[8]. Die Philadelphierinnen sind runder, elastischer. Man trifft unter ihnen herrliche Gestalten, die so angenehm plappern; im Small talk[9] sind sie unübertrefflich; aber die Newyorkerinnen, besonders wenn so ein letzter Mohikan oder Redrover erschienen, sind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen natürlich. Cooper, ich wette darauf, würde er sie nur sehen, zerrisse seine Manuscripte, und bildete seine Damen weniger hölzern. Er muß ihre Bekanntschaft bloß auf der Batterie oder im Broad-way gemacht haben, wo sie so entsetzlich im Putze vergraben sind, daß der eigentliche Mensch gar nicht herauszufinden ist. Die zwei eintretenden Misses sind sprechende Beweise. Die vier täglichen Metamorphosen einer fashionablen Engländerin oder Französin haben sie mit Einem Male auf sich geladen. Doch mit meinem tête-à-tête ist es für heute vorbei. Ich bin nun überflüssig, und für die Langeweile der zwei holden Geschöpfe ist gesorgt. Ich empfehle mich daher.

Als ich vor dem Parlour[10] vorbeikam, öffnete sich die Thüre, und Mama Bowsends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen.

[8]: Bluestockings, buchstäblich Blaustrümpflerinnen, so viel als wirkliche Schöngeister, Literatoren.

[9]: Small talk, plaudern, gewöhnlicher Conversationston.

[10]: Parlour, Sprachzimmer, Besuchzimmer, das von Drawing-room dadurch unterschieden ist, daß es zugleich Speisesaal ist, wogegen das Drawing-room Thee- und Damensaal genannt werden könnte.

»So zeitlich verlassen Sie uns heute, lieber Howard?« begann die Erstere.

»Die Misses haben Besuch bekommen.«

»Ach, lieber Howard!« seufzte die Ma.

»Die Workies[11] haben ihren Canvaß durchgesetzt,« brummte der Pa.

»Der fatale Staunton,« unterbrach ihn seine Ehehälfte. »Stellen Sie sich nur vor«...

»Dem pfiffigen Israeliten[12],« fuhr Mister Bowsends fort, »dem hat sein Busenfreund einen herrlichen Streich gespielt. Ha, ha! Alle Tage war er vor der Kirche. Ha, ha! War, zum Todtlachen. Nichts davon gehört, Mister Howard?«

[11]: Workies, Handwerksgesellen, Handwerker, die bekanntlich in Newyork und Philadelphia eine sehr bedeutende Klasse bilden, ihre eigenen, wohl redigirten Journale besitzen, ihre Versammlungen mit Präsidenten, Sekretairen haben, und bei den öffentlichen Wahlen eine sehr einflußreiche Stimme führen.

[12]: Pfiffige Israelite, eine Anspielung auf einen sehr bedeutenden Politiker der Stadt Newyork, der dieses Glaubens ist.

Ich wußte nicht, wo ich die Ohren zuerst hinhalten sollte. Die beiden Eheleute gönnten einander das Wort nicht.

»Ich weiß nicht,« jammerte die Dame, »aber dieser Mister Staunton wird mir jeden Tag mehr zuwider. Denken Sie nur, er hat wirklich die Effronterie, von Margareth nicht lassen zu wollen. Kaum zweitausend per annum.«

»Er soll Anstalt machen, von der Hermitage[13] aufzubrechen; die Bankaktien sind ein halbes Prozent gefallen,« schnarrte der Herr Gemahl darein.

[13]: Hermitage, Einsiedelei, der Landsitz und Pflanzung des gegenwärtigen Präsidenten der vereinigten Staaten, Andrew Jackson.

Erstaunlich! rief ich. — Das paßte auf den armen Staunton und den neuen Präsidenten.

»Er sollte doch denken, wer er ist, und wer wir sind,« rief sie, sich dehnend.

Freilich, freilich! bekräftigte ich.

»Und die Gouverneurs-Wahl geht auch so verzweifelt schlecht,« meinte hinwieder Mister Bowsends.

»Und dann Margareth, — denken Sie sich nur die Blindheit! — freilich ist sie ein sanftes, gutes Wesen — aber fünf Mal hunderttausend Dollars,« fuhr die Dame fort.

Sind gar nicht zu verwerfen, war meine Meinung.

Die fünf Mal hunderttausend Dollars hatten endlich die Saite berührt, die im Innern des lieben Mannes einen Ton von sich gab. »Fünf Mal hunderttausend Dollars! ja freilich,« bekräftigte er. — »Werden da lange fragen. Alles Narrheit; die Mädchen könnten einen Krösus ruiniren.«

»Ja, deine Wahlen und die Workies!« schmollte die Mistreß Bowsends.

»Das verstehst du wieder nicht,« versetzte er hitzig. »Interessen im Congresse — im Lande — müssen aufrecht erhalten werden. Wer würde das thun, wenn wir...«

Nicht wetteten, dachte ich.

»Bald werden wir keinen Fensterrahmen mehr einsetzen lassen können, so wachsen sie uns bereits über die Köpfe. Und diese Miß Fanny Wright[14]...«

[14]: Miß Fanny Wright, eine Schottländische Dame seit vielen Jahren in den vereinigten Staaten angesiedelt, etwas abenteuerlich in ihrem Lebenslaufe, sonst aber achtbar, in ihren Grundsätzen Owenitin und Encyklopädistin; hält Vorlesungen, in denen die Aristokratie, Geistlichkeit etc. scharf hergenommen, und das agrarische System gepredigt wird; hat bedeutenden Anhang in Newyork, aber keinen im Lande, aus dem Grunde, der jede gewaltsame Revolution in den vereinigten Staaten unmöglich macht, nämlich, weil neun Zehntheile der amerikanischen Bürger wirkliche Land- und Grundeigenthum-Besitzer sind. — Uebrigens genießt sie das Privilegium der Freiheit, d. h. sie kann reden und drucken lassen, was sie will. Man hört sie gerne, ohne daß sie übrigens mehr Wirkung hervorbrächte, als jeder andere Prediger.

Die Dame stieß einen Ausdruck des Entsetzens aus; sie faßte sich jedoch wieder, und sprach:

»Nein, Sie sind doch unser alter Hausfreund, und ich hoffe, Sie werden«...

»Apropos,« unterbrach sie ihr liebender Gatte. »Wie ist Ihre Baumwollernte ausgefallen? Sie könnten sie an mich spediren. Wie viele Ballen?«

Hundert und einige Dutzend Fässer Tabak.

»Beiläufig sechstausend per annum,« brummte der Papa. — »Hm, hm.«

Was das betrifft, so habe ich das Capital in Händen, fuhr ich nachlässig fort, die hundert Ballen um noch hundert zu vermehren.

»Zweihundert! zweihundert!« des Mannes Augen funkelten beifällig. »Das ginge, das wäre nicht übel. Ja, Arthurine ist ein liebes Mädchen! Nun, theurer Mister Howard! wollen sehen. Ja, ja! Sie kommen doch jeden Abend — ganz ungenirt — Arthurine, wissen Sie, sieht es gerne.«

Und Mistreß Bowsends und Mister Bowsends? fragte ich.

»Sind es ganz zufrieden,« lächelten die Beiden, »machen Sie nur bald.«

Ich verbeugte mich angenehm überrascht, und ging. Zwar waren mir die vorletzten Phrasen des Trilogs nicht ganz angenehm in den Ohren verklungen. Der lieb sein sollende oder wollende Schwiegerpapa, scheint es, will seine Wettenverluste mit meiner Baumwolle wieder ausgleichen. — Es muß ein Bischen hapern. — Ekelhafte Menschen! konnte ich mich nicht enthalten auszurufen, — so ekelhaft-selbstsüchtig, daß sie sich selbst nicht zu Worte kommen lassen. Die stupideste Unverschämtheit, die je in Schneiderseelen gewohnt, die für nichts Sinn haben, als für ihr eigenes saft- und markloses, schwammiges, verdorbenes Ich! Selbst ihre Kinder sind ihnen bloß — Sachen! — Und diese Menschen gehören nun zum haut-ton. Vor fünf und zwanzig Jahren nahm er noch das Maß. Nun ist er Wortführer auf der Börse und Mitglied von zwanzig Comités. Und Arthurine! Sie, siebzehn Jahre alt, und du acht und zwanzig; — das kostspieligste Zierpüppchen der Stadt, und das will wahrhaftig nicht wenig sagen; aber auch das eleganteste, reizendste, eine wirkliche Sylphide. Gesicht und Hände können nicht zarter sein. Ihr ganzes Wesen so bezaubernd. Es war vor eilf Monaten, daß ich sie kennen gelernt, und angezogen und festgehalten wurde, als wäre ich mit Armida's Banden gefesselt. Sie war just aus der französischen Pensions-Anstalt von St. Johns in's väterliche Haus zurückgekehrt. Dieß ist, im Vorbeigehen gesagt, die Art und Weise, wie sich unsre Mushroom-Aristokratie gestaltet[15]. Ein Paar Töchter, in fashionable Pensionen gesandt, ziehen bei ihrem Rücktritt in's väterliche Haus mit ihren Gespielinnen ein Paar Dutzend junge Laffen nach, und die Glorie der Töchter strahlt natürlich auf den lieben Papa und die theure Mama zurück. Und die kleine Hexe weiß anzuziehen. Aller Herzen flogen ihr entgegen; doch keiner konnte sich rühmen, auch nur um einen Blick reicher zu sein denn seine zwanzig Mitwerber. Ich war noch der Einzige, der sich einigermaßen gewisser passiven Gunstbezeugungen rühmen durfte, als da sind: sie zu begleiten, zu Fuß und zu Pferd und im Wagen, ihr den Shawl nachzutragen und umzuhängen, ihr bestimmter Tänzer zu sein, wenn kein besserer da war, und derlei beneidenswerthe Dinge mehr. Sie scherzte, sie tändelte, sie flatterte um mich herum, hing sich an meinen Arm, und trippelte mit mir die Broadway hinauf, oder die Batterie hinab. Auch hatte ich das Geschäfte übernommen, sie mit den neuesten Produkten Walter Scott's, Cooper's, Bulwer's etc. zu versorgen, und sie mit unsern Atlantic-Souvenirs und Tokens, so wie den englischen Keepsakes und Amulets zu überraschen, nicht minder die fashionablen Bravour-Arien der hoch geliebten Madame Vestris herbeizuschaffen. Alles das hatte mich schweres Geld gekostet. Der Gedanke jedoch, es gehe zu Handen des schönsten Mädchens von Newyork, hatte mich noch immer getröstet; einmal mußte sie sich doch ergeben! Wirklich hatte mir auch das Glück schon zwei Mal gelächelt; ein Mal nämlich, als wir auf der Niagara-Brücke[16] standen, und in die tobenden Gewässer hinabstarrten, da durfte ich meinen Arm um ihren Leib schlingen, um sie vor dem Schwindeln zu bewahren, und wäre darüber beinahe selbst in den Strom hinabgestürzt. Ferner gelang mir dasselbe Wagestück bei den Trentonfällen.[17] Das war aber auch Alles seit den eilf Monaten, die ich in Newyork vergeudet, und die wahrlich meinen Beutel nicht schwerer machten. Südländer sind nun schon gewissermaßen hier wie die Gimpel oder Robbins[18] betrachtet, die so eben fett gemästet ankommen, zum Frommen heirathslustiger Nordländerinnen, von denen wir ohne viele Mühe umgarnt und eingefangen werden, versteht sich, wenn wir Dollars haben. Es ist Mode, von einer nordländischen Schönheit an unsern Theetischen bedient zu werden, der einzige Dienst, zu dem sie sich in der Regel im lieben Ehejoche verstehen. Und ich war nun zum sechsten Male bereits in diesem wichtigen Geschäfte heraufgekommen. Es war hohe Zeit abzuschließen; wenn ich nicht als verlegene Waare bald außer Concurrenz gesetzt werden sollte. Als ich so sinnend um die Trinity-Kirche in die Wallstraße hinein bog, da kam mir mein Leidensgefährte Staunton entgegen. Das betrübte Gesicht des Yankee hätte mich beinahe zum Lachen gebracht. Auch so eine Art Augur, dachte ich, als er herankam, um mir zu verkünden, daß das Wetter schön sei, und mir zugleich einen Imbiß von seinem Kautabake anzubieten. Ich konnte nicht umhin, ihm meine Verwunderung zu erkennen zu geben, wie die ästhetische, zartfühlende Margareth so etwas vertragen könne.

[15]: Mushroom-Aristokratie, Pilz-Aristokratie, ein Spottname der pilzartig aufgeschossenen Aristokratie der Seestädte gegeben.

[16]: Niagara-Brücke, eine Brücke, die von der amerikanischen Seite des Flusses zur Insel führt, welche den Fall in zwei ungleiche Hälften theilt.

[17]: Trentonfälle, Romantische Wasserfälle, unweit Balston, einer mineralischen Quelle.

[18]: Robbins, Rothkehlchen.

Ja, versetzte der Gute mit einem seltsamen Gedankensprunge, Moreland kaut ja auch.

Ja, aber der hat fünf Mal hunderttausend Dollars, und die versüßen das Gift.

Ach! seufzte er.

Den Muth nicht verloren! rief ich ihm zu, Bowsends ist reich.

Der Mann schüttelte den Kopf. Zwei Mal hunderttausend sagt die Welt; aber morgen sind es nicht mehr zwanzig. Du kennst unsere Newyorker. Der Aufwand ist groß, und hat er die Töchter los, so fallirt er vielleicht in acht Tagen.

Ersteht aber wieder um desto glorreicher im nächsten Jahre, tröstete ich ihn.

Ja, wenn das noch wäre, meinte der Yankee.

Je nun, mit Hülfe eines so zarten Gewissens, wie das deinige, wird es ihm nicht fehlen, versetzte ich lachend. Unterdessen nimmst du die schmachtende Margareth, und theilst mit deinen Mitbürgern das beneidenswerthe Loos, mit der blechernen Büchse oder dem weiß geflochtenen Korbe dich morgens auf dem Greenwich-Markte zu ergehen, und deiner unterdessen sanft schlummernden Gattin die Kartoffeln und gesalzenen Mackarels vor den Theetisch zu legen, wofür dir dann ihre schöne Hand eine Schale Bohea einzuschenken sich herablassen wird; das ist ein Antidote gegen die Dispepsia.

Du bist boshaft, sprach der arme Staunton.

Und du nicht klug. Einem jungen Advokaten, wie du, stehen hundert Häuser offen.

Und so dir.

Ja, da hast du Recht.

Und dann habe ich den Vortheil, daß mich das Mädchen liebt.

Mich lieben der Pa und die Ma und das Mädchen.

Hast du fünf Mal hunderttausend Dollars?

Nein.

Armer Howard! lachte er.

Hol dich der Teufel! lachte ich dazu.

Wir hatten so ein recht angenehmes Viertelstündchen verplaudert, als von der Greenwichstraße eine Kutsche herauffuhr, in der ein Personnage saß, die ich zu kennen glaubte. So eben war eines der Philadelphia-Dampfboote angekommen. Ich trat vor. Halt! rief es — Halt! rief ich, und stürzte auf den Wagenschlag zu. Es war Richard, mein Jugend-, Schul- und Collegien-Freund und Nachbar obendrein, zwanzig Meilen von mir geboren, hundert und siebenzig von mir wohnend. Ich nahm vom guten Staunton Abschied, setzte mich in den Wagen, und wir rollten durch Broadway hinauf dem American Hotel zu.

Aber um's Himmels willen, George! rief mein Freund, als wir uns in dem ihm so eben angewiesenen Zimmer befanden, was machst du hier? Hast du deine Freunde, dein Haus, deinen Hof so ganz vergessen? Eilf Monate sitzt er da.

Und macht die Cour, und ist keinen Schritt weiter, als am ersten Tage, fiel ich ein.

Also ist es wahr, was das Gerücht sagt, daß du bei Bowsends geangelt bist? Armer Junge! sage mir um aller T....l willen, was du wohl mit dem Püppchen machen willst, die nicht einmal Geduld hat, einen Roman von Cooper durchzulesen, die schon in ihrem zwölften Jahre Tom Moore und Byron, Don Juan, vielleicht ausgenommen, auswendig wußte? Die Geographie und die Globen, Astronomie und Cuvier und die Cartons von Raphael bis über den Hals studirt, und, so wahr ich lebe, nicht weiß, ob ein Hammels-Cotelette vom Rinde oder Schweine herrührt; die den Thee wie Blumenkohl absieden, und die Eier im deutschen Sauerkraut einmachen wird.

Und vor jeder Nadel Zuckungen bekömmt; — das rührt aber vom Geblüte her, setzte ich hinzu. Aber das Kochen und Absieden wird sie bleiben lassen.

Die nicht weiß, fuhr er fort, ob die Wäsche gekocht oder gebraten werden muß.

Und singt, wie ein Engel, wenn sie nämlich nicht den Schnupfen hat, und spielt wie der Teufel, und tanzt wie besessen.

Ja das wird dich fett machen, meinte er. Ich kenne die Familie; Vater und Mutter sind die Erbärmlichsten.

Halt ein! rief ich, sie sind um kein Haar besser, noch schlechter, als der Rest.

Ja, da hast du Recht.

Wohl denn! Um sechs Uhr habe ich versprochen, zum Thee zu kommen. Willst du mit? Ich führe dich auf.

Kenne sie — kenne sie. Ich gehe unter der Bedingung, daß du nach drei Tagen mit mir Newyork verläßt.

Wenn ich nicht heirathe, bemerkte ich.

Verdammter Narr! rief er.

Ich muß gestehen, der Spott meines Freundes, selbst mein eigener, hatte mich ein wenig stutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen Newyork, dem lebensfrohen, amerikanischen Paris zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk, zwar nicht wie in dem Transatlantischen, heute Wein aus Springbrünnen und Würste von den Bäumen, und den nächsten Tag Kartätschen aus Feuerschlünden regnet; wo es sich aber eben so heiter und froh lebt, nur mit dem Unterschiede, daß man hier ein bischen mehr auf seinen Beutel hält? Das ist eigentlich unser großes, politisches Arcanum, das zuverlässigste gegen alle Wein- und Kartätschenregen, die es gibt. Probatum est. Ja, es ist ein sanguinisch-durchgreifendes Völkchen das Newyorker, das lebt und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in Büscheln wieder verthut. Zur Besinnung läßt sich's hier nicht kommen. Selbst der kalkulirende Yankeeism von Boston und der Philadelphi-Quakerism arten hier aus, und zwischen der flachen, platten, schweigsamen Bruderstadt, wo die Nachtwächter Schaffellsohlen auf ihren Schuhen tragen müssen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch liebern Bürgerinnen nicht zu stören, und dem lustigen Newyork, sollte man denken, müssen ganze Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors-Ball[19] und Präsidentenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttausend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zusammengesetzt ist, in solche Bewegung versetzt, daß es unmöglich war, einen neuen Rock oder Inexpressibles[20] auf seinen Leib zu bekommen, so waren die ehrsamen Zünfte vom Gemeinbesten in Anspruch genommen. Mein Schuhmacher sah mich so wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünf und zwanzig tausend Dollars[21] im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt; er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkohren. Selbst die so schmählich hintangesetzte Kunst hatte zur Verherrlichung des politischen Drama beitragen müssen, und alle Hauptquartiere der siegenden und besiegten Parteien waren mit klafterlangen Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neworleans mit seinen Streithengsten goliathmäßig, und hinwieder bescheiden als schlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargestellt ist, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrer Seits zu seinem Ruhme nicht versäumt hatten, ein Gegenstück in ächter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Pistole repräsentirend, wie er so eben ein Paar Dutzend freie Bürger in die andere Welt expedirt.

[19]: Bachelors Ball, Junggesellenball. Einer der glänzendsten Bälle, die in Newyork alljährlich von den Junggesellen gegeben werden.

[20]: Inexpressibles, der amerikanische Ausdruck für Beinkleider.

[21]: Fünf und zwanzigtausend Dollars, der Gehalt des Präsidenten der vereinigten Staaten.

Ein kräftiges Hurrah für Jackson, das so eben von der Murraystraße heraufschallt, verkündet etwas Neues. Die Scene ist wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutschen kamen gegen den Park heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichsten Cavalcade flankirt, die je ein menschliches Auge gesehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Cavallerie wird mit einem Hurrah begrüßt, das die Fenster zittern macht. Alle möglichen Trachten sind an den fahr- und reitlustigen Theers zu sehen; mit Pech geschwängerte Hüte und Hütchen und Jacken und Inexpressibles. Der Eine ist mit einem neumodischen Fracke angethan, der Andere prangt in einer Redingotte, die so eben von Chatham-Place ihren Weg auf seinen Leib gefunden; ein Dritter erglänzt in seiner rothflammenden Jacke, der tollste, buntscheckigste Haufe, der je gesehen wurde. Es sind die Matrosen, die Bemannung der Fregatte Constitution, die einberufen und diesen Morgen ausbezahlt worden war, und die nun aus Leibeskräften bemüht ist, die fünf oder sechshundert Dollars so geschwind wie möglich wieder los zu werden, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzuges auf den Hals gewachsen waren. Wer so das lustige Völkchen hinziehen sieht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaschen, jeder eine Schöne neben sich, und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß sich von unserer polizeilichen Ordnung einen saubern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das sind Männer, die zwar nicht den Julius Cäsar und Cornelius Nepos gelesen; die aber für ihr Vaterland so heiß glühen, als die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Brittaniens, und sie werden darauf losstürzen und sie brechen, wie der feste, freie Mann den Uebermuth des stumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über sie hereintoben, und sie werden wie Felsen dastehen, im Gebrülle des Orkans, und hängen draußen am gefrornen Segeltuche, ihre Hände und Füße erstarrend am Taue; oder sie werden sinken unter den krachenden Balken und hereinstürmenden Wogen in den bodenlosen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet sein. Solche Männer verdienen, daß man ihnen ihre Lust nach ihrer eigenen Weise gönne. Sie werden schon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gendarmes und Wachhaus. Ihr rohes Treiben ist nicht den zehnten Theil so verderblich für des Volkes Sitten, als euer raffinirte bon ton. In drei Tagen hat das Drittel dieser Vierhundert und Fünfzig keinen Cent mehr in der Tasche, in sechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen sind sie so ziemlich alle wieder flott, und in der rothen Jacke und auf der Reise nach allen Weltgegenden; die wenigen ausgenommen, die sich einen eigenen Herd suchen, oder sich in gewissen Affairen verspätet haben. Ein Paar Mal treiben sie das Wesen mit, und dann werden sie klüger, nehmen sich Weiber und setzen sich hin, um tüchtige Hauswirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und verschroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmälig lehrt sie gesunder Menschenverstand, sich in die neue Lage fügen. Es ist in diesen Männern ein fröhlich-freier, selbstständiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Muth, der, über die Nation zerstreut, herrlichen Samen getragen, der im letzten Kriege unser Vertrauen in uns selbst erkräftigt, und so unsern Feind bezwungen hat. Diese Männer haben den Neuseeländer und Chinesen, den Türken und Brasilianer und Franzosen kennen, und auf ihn stolz herabblicken gelernt; den See-Bezwinger Aller — den Britten — haben sie bezwungen. Der brittische Matrose kehrt immer dümmer unter seine Zuchtruthe zurück, als er ausgezogen; der amerikanische immer aufgeklärter, weil Knechtschaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts schreitet. Der Eine weiß, daß Lebensweisheit für das Ziel seiner Laufbahn — das Greenwich-Hospital — überflüssig oder gefährlich ist; der Andere muß sie sammeln für's thätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert sich in seiner Dummheit, daß wir ihm mit unsern fünf Fregatten zehn genommen, und ihn in zwei Haupttreffen von unsern Seen verjagten; er, der seine armen Wichte von Matrosen mit fünfzehn Schillingen abfertigt, und wenn sie ein bischen über die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch steckt. — Wir haben so manche Fehler, und Engel sind wir wahrhaftig nicht — aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: sie ist Achtung für Menschenwürde und Bürgerrecht, und diese hat uns vom größten Tyrannen das Größte errungen, wornach der Mensch je gestrebt hat: Freiheit in unserm Lande und auf unsern Meeren.

Es war sechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawingroom meiner künftigen Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erschreckt in ihrem nagelneuen, so eben mit dem Henri IV. angekommenen grauen, Gaze-Turban, der ihr das Ansehen einer unserer Missisippi-Nachteulen gab. Auch Richard schrak sichtlich zurück, und der gute Moreland schaute so starr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Zifferblatt gewesen. Miß Margareth im grün seidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabgekämmt à la Margarethe, — wir haben eine eigene Modenphraseologie — war, wie die Tochter Jephtas, blaß und resignirt; ein leichtes Zittern bebte durch die anziehende Gestalt, und in ihrer Begrüßung war süßer Schmerz und schmachtende Sehnsucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abstand war allerdings grell zwischen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und roth da saß, und dem windigen Staunton, der von Austern und Rosinen lebte, und sich höchstens in Bullwer's Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, so eben beschriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather[22] mitgebracht.

Walter Scott! rief sie mit lieblich verschmelzender Stimme. Ach! der gemeine Mensch weiß auch nicht ein Wort zu sagen, flüsterte sie mir nach einer Weile zu.

Warten Sie nur, tröstete ich sie; Sie wissen ja, daß derlei Affairen zuerst immer Jampartien[23] sind. — Furcht, Bescheidenheit versperren ihm den Mund.

[22]: Tales of my Grandfather, Erzählungen eines Großvaters, von Sir Walter Scott.

[23]: Jampartie, buchstäblich eine Balkenpartie. — Bekanntlich sitzen Gesellschaften im Winter in einem Halbzirkel um den Feuerplatz, dessen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine langweilige Gesellschaft, die daher den Balken ansieht, wird Jam party genannt.

Das Mädchen sah mich an. Sie war bitterböse. Kalter, herzloser Spötter, sagte sie.

Wie konnte ich anders? sie war so empfindsam-albern.

Richard hatte unterdessen mit Bowsends die Conversation begonnen. Der arme Junge, der nicht wußte, daß der Theegeber Adamsmann war, und fünftausend Dollars in Wetten und Beiträgen zur Umstimmung des souveränen Volkswillens verloren, hatte sich beeilt, ihn wissen zu lassen, daß der alte Hickory[24] nächstens die Hermitage verlassen werde.

Der blutdurstige Backwoodsman[25], halb Pferd, halb Alligator[26], unterbrach ihn Mister Bowsends.

[24]: Hickory, ein zäher Nußbaum. — General Jackson hat den Spitznamen Hickory erhalten.

[25]: Backwoodsman, Hinterwäldler, ein etwas derber Mann. Sonst wurden alle jenseits der Alleghany-Gebirge Wohnenden so genannt; gegenwärtig spottweise die Kentuckier, Alabamaer, überhaupt diejenigen, die in großer Entfernung von den Hauptstädten oder in den neuen Territorien angesiedelt sind.

[26]: Halb Pferd, halb Alligator, Spottname den Kentukiern gegeben.

Kostet Sie schwer Geld, versetzte Moreland lachend.

Und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vulgären Deutschen, fügte Mistreß Bowsends hinzu.

Nun das könnte ich eben nicht so vulgär nennen; der Tabak hat wirklich einen ganz andern Geschmack, sprach der unglückselige Moreland.

Ich stieß ihn mit dem Elbogen in den Rücken.

Sie rauchen aus einer Tabakspfeife, Mister Moreland? flötete Margareth.

Der Mann stutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Concepte gebracht; sein gutes Gewissen ließ jedoch keine Prevarication zu, und er antwortete mit einem:

Es schmeckt so gut!

Ich hatte die Erschütterung der empfindsamen Seele vorhergesehen, und legte meinen Arm über die Sessellehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte einen Augenblick umher; es war jedoch zu spät, sich zurückzuziehen. Sie schien es nicht zu bemerken, grüßte leicht und fröhlich die Gesellschaft, tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach seinen Wetten, seinen Schiffen, seinem alten Tom, plauderte an die zehn Minuten in Einem Athem. Ehe sich's Moreland versah, war seine Hand in den beiden ihrigen. Freilich waren sie alte Bekannte, und er konnte füglich ihr Großvater sein.

Margareth hatte sich inmittelst von ihrem Schrecken erholt. Er raucht aus einer Pfeife, lispelte sie im dumpfen Schmerze Arthurinen zu.

Der alte Hickory ist sehr populär in Pensylvanien, fing Richard wieder an, ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. So eben hat ihm ein Farmer[27] von Bedford-County[28] ein Faß Monongehala[29] zum Geschenke gemacht.

Um das beneide ich ihn, platzte Moreland heraus. Ein Glas alter Monongehala ist nicht mit Geld zu bezahlen.

[27]: Farmer, ursprünglich Pächter; in den vereinigten Staaten heißt jeder Landwirth und Gutsbesitzer Farmer.

[28]: Bedford-County, Bedfordgrafschaft in Pensylvanien.

[29]: Monongehala, ein bedeutender Fluß, der in Virginien entspringt, und bei Pittsburg sich mit dem Alleghany vereinigt, und so den Ohio bildet. Er hat bei seiner Vereinigung beiläufig 1400 Fuß Breite, der Alleghany 1200 Fuß. An seinen Ufern wächst vorzüglicher Roggen und Weizen, aus welchem erstern der beste Kornbranntwein in den vereinigten Staaten gebrannt wird, den man daher schlechtweg Monongehala nennt.

Der Stoß war zu heftig; der zarte Nervenbau Margareths konnte ihn nicht aushalten; sie sank. Glücklicher Weise hatte ich sie erfaßt. So eben war der Thee angekommen. Mit Hülfe der Dienstmädchen und Bedienten wankte sie aus dem Zimmer.

Haben Sie ihr ein Buch gebracht? fragte Arthurine.

Ja, einen neuen Roman Walter Scott's.

Ach dann erholt sie sich schon, meinte das liebe Schwesterchen gleichmüthig.

Mit der nervenschwachen Schönheit war auch unsre Schweigsamkeit gewichen. Capitain Moreland war ein fröhlicher Theer, der zehn Reisen nach China, fünfzehn nach Constantinopel, zwanzig nach St. Petersburg und unzählige nach Liverpool gemacht, und sich ein artiges Vermögen erworben hatte, das er nach Kräften zusammenhielt, und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit gesundem Menschenverstande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber nämlich, die er gerade so gut kannte, wie die Bewohner des Mondes. Die Aufmerksamkeit, mit der ihn Arthurine behandelte, die mädchenhafte Verschämtheit, der liebliche Reiz, mit dem sie sich an ihn anschmiegte, schien dem Gaumen des alten Junggesellen recht wohl zu behagen. Es lag etwas leicht Fröhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im Wesen des süßen, liebreizenden Mädchens; selbst der kalte Richards hing mit unverholener Bewunderung an ihr. Das ist wirklich ein bezauberndes Mädchen, wisperte er mir zu.

Habe ich dir es nicht gesagt? erwiederte ich. Sieh nur, mit welcher Zartheit sie in die Launen des Alten einzugehen weiß.

Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt, und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drückte mir bedeutsam die Hand, und ich war in neun und neunzig Himmeln.

Nun Freunde, sprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Thüre waren, es wäre wirklich schade, an diesem herrlichen Abend uns so bald zu trennen. Was meint ihr, wie wäre es? ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem halben Dutzend die Hälse.

Wohlan! Es ist ohnedem grimmig kalt, und der Sherry und Port[30] des alten Bowsends sind nicht halb so geistig...

Wie seine Mädchen, versetzte der schmunzelnde Moreland, der denn doch ein wenig zu tief in's Glas geguckt zu haben schien.

[30]: Sherry, Port, Xeres und Oporto-Weine, die nebst Madeira, Teneriffe und Lisbon beinahe ausschließlich getrunken werden.

Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und steuerten seiner Kajüte zu, wie er sein wirklich prachtvolles Haus nannte.

Nun ist das nicht eine herrliche liebe Familie, die Bowsends, eröffnete Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und East-India Madeira besetzten Tafel. Und die Mädchen sind prachtvoll. — Ja, ja ich habe auch gedacht, — du kömmst allmälig in die Jahre; — bist aber doch noch frisch, rührig und munter, gesund wie ein Delphin — Damn! — Ich könnte noch ein halbes Dutzend Mädchen...

Begraben; setzte ich hinzu.

Ja, das könnte ich bei Jingo; hoffe aber Margareth wird Stich halten. Sie gefällt mir, und so habe ich denn...

Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr gefallen?

Pah! fünf Mal hunderttausend Dollars. Hör' einmal, Junge, das findet sich nicht alle Tage.

Fünfzig Jahre — setzte ich hinzu.

Ja freilich, aber gesund und rüstig, keiner euerer Spindeljungen, kein Staunton...

Ja, der raucht aber Cigarren, und nicht aus deutschen Pfeifen.

Das lasse ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Miß das Maul und die Nase mit den verdammten Stümpchen verbrennen!

Auch trinkt er nicht Whisky. Er ist Präsident einer Temperanz-Gesellschaft!

Hol' ihn der Henker! brummte Moreland. Den Whisky wollte ich um aller Mädchen willen nicht lassen.

Dann werden sie in Ohnmacht fallen, lachte ich.

Und Margareth! fuhr er heraus. Ah! dem Monongehala galten also die Achs und Ohs, und das Sinken und Verschwinden? Ist es um diese Zeit! Nein, meine Miß, da wird nichts daraus. Darauf können Sie sich gefaßt machen; und zur Bekräftigung leerte er sein Glas, und wir die unsrigen. Wir lachten und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine diplomatische Geschicklichkeit eingebildet. Als wir nach Hause gingen, meinte Richard, daß ich dem alten Junggesellen etwas hart zugesetzt hätte. Habe ich doch die arme Margareth von dem lästigen Menschen befreit, war meine Antwort. Der kalte Richard jedoch schüttelte den Kopf. »Was daraus werden wird, weiß ich nicht,« versetzte er; »doch darfst du für deine unberufene Mediation eben keine sehr glänzende Erkenntlichkeit erwarten.«

Der nächste Morgen verging in Geschäften, deren Besorgung Richards Ankunft nöthig gemacht hatte. Zehn Mal wollte ich Arthurine sehen; aber immer war ich durch etwas, das dazwischen kam, abgehalten worden. Es war nach der Theezeit, als ich in's Haus trat. Im Drawing-room saß Margareth, eine frische Novelle verdauend. Wo ist Arthurine? fragte ich.

Im Theater mit Mama und Mister Moreland, war die Antwort.

»Im Theater mit Mama und Mister Moreland«! Man gab Tom und Jerry[31], ein horribles Lieblingsstück der aufgeklärten Kentukier. Ich hatte die erste Scene in Caldwells Theater zu New-Orleans gesehen, und daran genug gehabt.

[31]: Tom und Jerry, Burlesque oder Posse.

Fürwahr! das heißt sich aufopfern, sprach ich ärgerlich.

Die Edle! versetzte Margareth. Mister Moreland kam zum Thee, und drückte ein so lebhaftes Verlangen aus...

Daß sie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein Paar Stunden sich zu ärgern und zu gähnen.

Ihrem süßen Zauberreize wird es vielleicht gelingen, Mister Moreland beizubringen — lispelte sie.

Ja, das ist's, dachte ich. Eine Anwandelung von Eifersucht wäre lächerlich gewesen. Er fünfzig Jahre, sie siebzehn. Ich empfahl mich, und eilte zu Richard.

So zeitlich? frug er lachend.

Sie ist mit Moreland und Mama im Theater.

Richard schüttelte den Kopf. — Du hast dem Alten gestern ein Wespennest in den Kopf gesetzt. — Sieh' zu!

Ich möchte gerne sehen, wie sie sich an seiner Seite ausnimmt, sprach ich.

Wohl! ich begleite dich. Je eher du geheilt bist, desto besser. Aber nicht länger als zehn Minuten.

Wer hätte es auch länger aushalten können in diesen Whiskydünsten und Tabaksqualm! Es war im Bowery-Theater. Die Lichter schwammen, als ob sie im Nebel hingen, und von der Gallerie regnete es Orange- und Aepfelschalen auf uns herab, andere Dinge zu verschweigen. Der liebe Tom war so eben in seiner Forcepartie begriffen. Ich blickte auf, da saß die liebreizende Arthurine, so gemüthlich mit dem alten Moreland plappernd, daß mir Hören und Sehen verging. Eine dreißigjährige Ehefrau hätte nicht anständiger ihren Platz einnehmen können.

Das ist ein gescheidtes Mädchen, versicherte Richard, die sieht auf die Dollars, und würde den alten Hickory nehmen, wenn er Lust und mehr Geld hätte, trotz Tabakspfeife und Whisky.

Ich erwiederte kein Wort.

Wenn du kein solcher Hasenfuß wärest, meinte Richard, so würde ich sagen: Lasse sie fahren, und übermorgen gehen wir ab.

Noch acht Tage, versetzte ich mit schwerem Herzen.

Wieder betrat ich am folgenden Abend, Schlag sieben Uhr, mein Elysium, das mir allmälig zum Tartarus wurde. Wieder saß Margareth einsam über einem Roman.

Und Arthurine? fragte ich mit zitternder Stimme.

Ist mit Mama und Mister Moreland gegangen, Miß Fanny Wright zu hören.

Miß Fanny Wright zu hören, die Atheistin, die Revolutionistin? Das war doch wirklich toll. Wer hätte so etwas auch nur träumen sollen? Diese Miß Fanny Wright war gescheut von unsrer fashionablen Welt, wie eine Pestkranke.

Mister Moreland, lispelte Margareth, sprach mit so vielem Lobe von ihrem entzückenden Vortrage, daß Arthurines Neugierde geweckt wurde.

Ja, ja; versetzte ich.

O, Sie kennen nicht das edle Mädchen. Für ihre Schwester würde sie das Leben aufopfern. Sie ist meine einzige Hoffnung.

Schön, schön! sprach ich, indem ich meinen Hut zerkneipte, und mich nach der Thüre umsah.

Endlich am folgenden Morgen ließ es mich nicht mehr ruhen, und kaum hatte die Glocke eilf geschlagen, so stand ich vor der Thüre. Beide waren denn doch ein Mal zu Hause. Arthurine schwebte mir mit holdem Lächeln entgegen. Auf ihrem Antlitz saß ein gewisses Etwas, das mich stutzen machte. Ich drückte ihr die Hand; sie sah mich zärtlich an.

Es scheint, Sie haben sich gut unterhalten, begann ich nach einer Pause.

Das Neue hat Reiz für mich. Ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß ich noch eine Schülerinn der Miß Fanny Wright werden würde, sprach sie lachend.

Wenigstens kein großer Sprung von Tom und Jerry, sprach ich.

Respect vor Tom und Jerry, die wir patronisiren, Mister Moreland nämlich und meine Wenigkeit, lachte sie.

Wahrlich diese Verschwörung gegen guten Geschmack hätte ich meiner Arthurine nicht zugetraut, erwiederte ich ziemlich ernst.

Meiner Arthurine! meiner Arthurine! schmollte sie. Sieh da, welche Rechte sich der Herr anmaßt. — Wir leben in einem freien Lande.

Es war Scherz und Ernst in dem lieblichen Gesichte. Ich sah sie forschend an.

Wissen Sie, schäckerte sie, daß ich Moreland ganz lieb gewonnen habe. — Er ist ein so gemüthlicher, reeller Charakter, und hat gar nichts von dem Ungestümen.

Und fünf Mal hunderttausend Dollars, fügte ich hinzu.

Eben das ist seine schönste Seite. — Denken Sie nur an die Bälle, lieber Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen. — Und dann Saratoga; nächstes Jahr vielleicht London oder Paris. — O, es wird prächtig sein!

Schon so weit gediehen? fragte ich mit bitterm Spotte.

Und Sissi ist erlöset. Nicht wahr Margareth? Und sie flog an den Hals der Schwester, und die beiden Mädchen herzten und küßten sich. Ich wußte nicht, sollte ich lachen, oder weinen.

Dann muß ich gratuliren, sprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich albern kleiden mußte.

Gratuliren Sie! sprach Arthurine, gegen mich zutanzend. — Heute um zehn Uhr hat Mister Moreland seine Bewerbung von Margareth auf mich feierlichst übergetragen.

Und Sie?

Wir haben natürlich, in Anbetracht seiner vielen Liebenswürdigkeiten, beschlossen, den Antrag für einstweilen ad protocollum zu nehmen. Sie wissen, decorum gebietet, daß man sich wenigstens ein Paar Tage ziere.

Sind Sie in Scherz oder Ernst, liebe Arthurine?

Ganz im Ernste, lieber Howard!

So leben Sie wohl.

Farewell for ever if for ever fare thee well! lachte und seufzte sie. Auf der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnißvoll in's Parlour.

Sie haben Arthurine gesehen? Nicht wahr ein liebes, treffliches Kind? O, das Mädchen ist unsre Freude, unser Trost. Mister Moreland! der scharmante Mister Moreland! — Nun da es sich so gut gefügt hat, wollen wir auch mit Margareth ein Auge zudrücken.

Es ist also wahr!

Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen schon zuflüstern; aber die Welt, natürlich, vor der muß es noch ein Geheimniß bleiben. Mister Moreland hat um sie förmlich angehalten.

Um wen?

Je nun, um Arthurine.

Schön! Schön! erwiederte ich, mich zur Thüre hinausdrängend, und die Gasse hinaufrennend, als wäre ich dem Tollhause entsprungen.

Richard, rief ich meinem Freunde zu, wollen wir abreisen?

Gott sei Dank! so ist's denn vorüber das Newyorker Fieber. Nun gehst du auf ein Paar Monate mit mir nach Virginien.

Ja, versetzte ich.

Als wir am folgenden Morgen dem Dampfschiffe zufuhren, kam Staunton hervorgerannt. Wünsche mir Glück, ich habe nun das Jawort!

Und ich den Korb! versetzte ich lachend. — Werde kein Narr sein, und mir den Hals eines Mädchens wegen abreißen. Aber, trotz meiner spaßhaften Worte, hätte mir das Herz im Leibe zerspringen mögen. Ich hatte sie so lieb, die kleine Hexe.

Eine Nacht
an den
Ufern des Tennessee.

»Könnt Ihr uns wohl sagen, ob wir noch weit von Browns-Fähre sind?« fragte ich einen Mann zu Pferde, der gemächlich in einem engen Karrenpfade auf uns zugetrabt kam.

Es war an den Ufern des Tennessee[32]; die Nacht rückte bereits heran; die Nebel hingen über Wald und Fluß, und verdichteten sich zusehends. Die ganze Landschaft hatte ein verwildertes, chaotisches Aussehen. Es war unmöglich, fünf Schritte weit zu sehen.

[32]: Tennessee, der Hauptfluß des Staates Tennessee, ergießt sich beiläufig dreißig Meilen oberhalb des Ohio in den Missisippi.

Beinahe so lange, wie diese Digression, war die Pause des Reiters. Endlich erwiederte er in einem Tone, der, seiner sonderbaren Modulation nach zu schließen, von einem Kopfschütteln begleitet sein mußte:

Der Weg nach Browns-Fähre? — Vielleicht meint ihr Coxesfähre?

Nun denn, Coxes-Fähre! erwiederte ich ein wenig ungeduldig.

Ja, der alte Brown ist todt, sprach der Mann, und Betsi hat den jungen Coxe geheirathet, einen verdammt wackern Jungen. Nun, ist er's nicht?

Das wissen wir nicht, erwiederte ich; aber was wir gerne wissen möchten, ist, ob wir noch weit von seiner Fähre, und auf dem rechten Wege sind.

Ah! der Weg zu seiner Fähre — da liegt eben der Haken, Mann; ihr seid gute fünf Meilen davon entfernt, und mögt eben sowohl den Ohren euers Gaules eine andere Richtung geben. Ich vermuthe, ihr seid fremd in dieser Gegend?

Alle Teufel, wisperte mein Freund Richard. Gott gnade uns! wir sind in den Händen eines Yankee. — Er vermuthet bereits.[33]

[33]: Vermuthet bereits, guesses already. — Die schnellste Weise, auf welche sich der amerikanische Bürger der verschiedenen Staaten zu erkennen gibt, ist durch den Begriff, ich denke, ich vermuthe. Der Neuengländer vermuthet, guesses; der Virginier und Pensylvanier thinks, denkt; der Kentukier kalkulirt, calculates; der Alabamer rechnet, berechnet, reckons.

Der Reiter hatte sich mittlerweile näher an uns herangemacht, trotz Dornen und nassen Zweigen, die ihm von allen Seiten in's Gesicht schlugen. Er stand nun neben unserm Pferde. Er war, so weit wir ihn in der Dunkelheit beurtheilen konnten, noch ziemlich jung, hager, lang und dünnbeinig, mit einem wahren Leichnamsgesichte auf seinem langen Rumpfe und metallenen Knöpfen auf seinem Rocke.

Und so habt ihr euch denn auf eurem Wege verirrt? sprach der Mann nach einer langen Pause, während welcher der dichte Nebel sich ganz gemächlich in einen eben so dichten Regen verwandelt hatte. Eine sonderbare Verirrung, wo die Fähre nicht fünfzehn Schritte vom Wege abliegt, der breit und ebenen Pfades hinab zum Flusse führt. Ein sonderbarer Irrthum wahrhaftig, aufwärts den Fluß, statt der Nase und dem Wasserlaufe nach zu gehen!

Was meint ihr damit? fragten wir beide zugleich.

Daß ihr den Tennessee auf- statt abwärts, und auf dem Wege nach Bainbridge[34] seid, erwiederte der presumptive Yankee.

[34]: Bainbridge, ein Städtchen unfern des Tennesseeflusses.

Auf dem Wege nach Bainbridge! riefen wir beide mit einer Stimme, in welcher Staunen und Verblüfftheit sich so deutlich aussprachen, daß unser Yankee fragte:

Und ihr hattet nicht im Sinne, nach Bainbridge zu gehen?

Wie weit ist das verfluchte Nest von hier? fragte ich.

Je, wie weit, wie weit? erwiederte der metallbeknöpfte Mann. Es ist nicht sehr weit, doch auch nicht so ganz nahe, als ihr vermuthen möchtet. Vielleicht kennt ihr den Squire Dimple?

Ich wollte, euer Squire Dimple wäre beim —, brummte ich, während mein gelassener Reisegefährte mit einem: Nein, wir kennen ihn nicht, antwortete.

Und wohin mag wohl eure Reise gehen? fing nun unser Peiniger an, der wasserdicht zu sein schien.

Nach Florence[35], war die Antwort, und von da den Missisippi hinab.

Ja, eine hübsche Stadt, wie man sie nur im Lande finden kann. Nun, ist sie's nicht? fragte der Yankee ganz naiv. Und ein guter Markt. Was ist der Mehlpreis im Norden? Ihr kommt doch daher? man sagt, er sei sechs und vier Levies[36], und Wälschkorn fünf und einen Fip[37], Butter drei Fips.

[35]: Florence, die Hauptstadt von Alabama.

[36]: Levies, [37]: Fips, so werden abgekürzt in den westlichen Staaten die 12½ und 6¼ Centstücke genannt. Ein Cent ist der hundertste Theil von einem Dollar.

Seid ihr toll? platzte ich halb wüthend vor Aerger heraus, indem ich unwillkürlich die Peitsche hob, uns da mit eurem Mehl und Butter und Fips und Levies zu unterhalten, während der Regen in Strömen fällt!

Ei, war die Antwort des Mannes, der sich nun erst recht bequem in seinem Sattel postirte: Wenn ihr Lust habt, Fäuste oder die Stiele unserer Peitschen zu messen, so kommt! Wollte den Mann sehen, der Isaak Shifty ledern könnte.

Den Weg, den Weg, Mister Isaak Shifty! unterbrach ihn Freund Richards besänftigend.

Wieder eine lange Pause, — endlich fragte er: Ich vermuthe, ihr seid Krämer?

Nein, Mann.

Und was dürftet ihr wohl sein?

Die Antwort hatte eine neue Examination zur Folge. Seine Augen hingen ein paar Minuten musternd auf uns; endlich fragte er: Und so habt ihr denn im Sinne, den Missisippi hinabzugehen?

Ja, im Jackson, der, wie wir so eben gehört, morgen abgeht.

Ein tüchtiges Dampfboot, das muß wahr sein. Nun, ist es nicht? Aber ihr werdet doch dieß Ding da mit eurem Gaul nicht mit hinab nehmen? fuhr unser Yankee bedächtig fort, unsere Gig und Bespannung musternd.

Ja, das haben wir im Sinne.

Apropos, habt ihr nicht zwei Frauen in einem Dearborn gesehen?

Nein, das haben wir nicht.

Wohl denn, fuhr er in demselben gleichmüthigen Tone fort, es ist nun zu spät, nach Bainbridge umzukehren, und vielleicht dürfte es auch gewagt sein. So wendet denn euern Gaul, und folgt dem Wege, bis ihr zu einem dicken Wallnußbaum kommt; da theilt er sich. Nehmet den rechter Hand für eine halbe Meile, bis ihr zu Dims Zaun kommt, da müßt ihr durch die Gasse, dann rechts durch das Zuckerfeld ein vierzig Ruthen; schlagt dann in den Weg linker Hand ein, bis ihr zum Genickbruchfelsen kommt; dort wendet euch ja wieder rechts, wenn ihr nicht den Hals brechen wollt, wenn ihr überm Bache seid, links, und das wird euch geraden Weges nach Coxes-Fähre bringen. Ihr könnt nicht fehlen, schloß er im zuversichtlichen Tone, seinem Gaule einen Hieb versetzend, der ihn in Trab und uns aus den Augen brachte, so schnell es Koth und Gestrippe zuließen.

Wahrlich, ich mußte während dieser nimmer endenden Directionen dem französischen Rekruten ähnlich gesehen haben, der zum ersten Male in seinem Leben von seinem Exerciermeister der Ehre gewürdigt wird, die Relation von den meilenlangen Schlangen und Crocodillen zu hören, die der graubärtige Kaisergardist in Egypten gesehen, wie sie den Regimentstambour mit Bärenmütze, Backenbart und Commandostab sammt und sonders verschlungen. Ich war so verblüfft über die Rechts und Links, daß ich ganz vergessen hatte, dem metallknöpfernen Manne zu bedeuten, daß es uns schlechtweg unmöglich sei, selbst den großen Wallnußbaum in der Finsterniß auszunehmen, geschweige denn die Karrengeleise oder den Genickbruchfelsen.

Mein Blut ist eben nicht das kühlste, und Geduld ist gerade meine hervorragendste Tugend nicht; aber des Mannes unerschütterliches Phlegma inmitten der Ströme, die es goß, wirkte so erschütternd auf mein Zwerchfell, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach. Kehret euch rechts, dann links! Habt Acht auf den großen Wallnußbaum, doch bewahrt euch vor dem großen Genickbruchfelsen! rief ich in lustiger Verzweiflung.

Ich wollte, der Yankee wäre beim T—l! sprach Richards. Doch ich sehe wirklich nicht ein, was da zu lachen ist.

Und ich nicht, wie du so ernsthaft sein kannst.

Aber wie bei allen T—ln, wie konnten wir nur die Fähre verfehlen, und, was das Schlimmste ist, denselben Weg zurückgehen, den wir kamen?

Je nun, erwiederte ich, diese höllischen Nebenwege und Viehpfade und Karrenpfade und Scheidewege und der Sumpf: es ist ja schlechterdings unmöglich zu sehen, in welcher Richtung der Fluß läuft, und dann schliefst du, wie du weißt, und ich hatte auf Cäsar zu sehen.

Und ganz einzig hast du auf ihn gesehen, versetzte Richards ärgerlich. Denselben Weg zurückzugehen, den wir gekommen sind; nein, es ist zu toll —

Zu schlafen — brummte ich.

Beinahe hätte es verdrießliche Gesichter gegeben; doch da wir uns kannten und herzlich liebten, hatten alle weitern Discussionen und Allusionen ein Ende. Die Wahrheit zu gestehen, war unsere Verirrung eben kein so großes Wunder. Es war in den letzten Tagen Mai's, als wir an den Ufern des Tennessee anlangten. Die Gegend rings umher ist zum Verirren wie eingerichtet. Der Weg schlängelt sich am hügeligen Felsenufer fort; jedoch kein Berg ist zu sehen, außer einem leichten Umriß der Appalachen[38], die aus der blauen Ferne herüberwinken, und des Grange, der riesenartig recht als Wächter hinpostirt erscheint. Der dichte Nebel hatte uns diese Leitsterne entzogen, gerade als wir ihrer am meisten bedurften. Wir befanden uns in einer langen Flußniederung, einem ungeheuren Bottom[39], um in der Landessprache zu reden, das als Zuckerfeld benutzt wurde, und gerade so viele Karrenpfade zählte, als es Eigenthümer hatte. Der Morgen war ungemein heiter gewesen, doch Nachmittags hatten sich die südlichen und südwestlichen Ränder des Horizonts mit grauen Dunstwolken überzogen, die sich allmälig verdichteten und über das Flußbette des Tennessee hinlagerten. Den grauen meilenbreiten Streifen über dem Tennessee auf der einen Seite, einen mit hundert Seitenwegen durchschnittenen Sumpf auf der andern, konnten wir noch eine Meile vorwärts gehen, bis der Nebel, der sich vom Flusse allmälig über die Niederung hinzog, statt uns über die Muscleshoals[40] hinabzubringen, in den Sumpf brachte. So sicher war ich, daß wir uns in ihrer Nähe befanden, daß ich jeden Augenblick auf die Fähre zu stoßen vermeinte, bis der unglückselige Yankee meinen Hoffnungen ein Ende machte.

[38]: Appalachen, die Alleghanygebirge werden im Süden so genannt.

[39]: Bottom, Flußanschwemmung, jede fette Niederung oder Thalweite.

[40]: Muscle shoals, Muschelbänke. Breiter Felsenriff oberhalb Florence, der sich in meilenweiter Breite und Länge über den ganzen Fluß hinzieht.

Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; eine Nacht, so stockfinster, so heillos, wie sie in dieser Jahreszeit häufig über diese südwestlichen Hinterwaldssünder zur verdienten Strafe ihrer Missethaten kömmt. Ich wollte eben so gern auf den Newfoundlandsbänken als in diesem Sumpfe gewesen sein, der recht dazu gemacht war, uns mit dem Fieber zu beschenken. Die breitschweifigen Direktionen des Yankee waren, wie es sich von selbst versteht, lange vergessen. Es würde Eulenaugen erfordert haben, auch nur einen Baum zu unterscheiden; ja das Gelächter dieser lieblichen Thiere, der Nachtigallen dieser Gegend, und der Umstand, daß ein paar wüthend auf uns angeflogen kamen, überzeugte uns, daß sie ihren Weg eben so verfehlt hatten wie wir. Wir waren jedoch auf alle Fälle übler daran, und zwar in vieler Hinsicht. Der Karrenpfad schlängelte sich längs dem Wasser, und häufig so nahe an diesem hin, daß ein Fehltritt uns ganz gemächlich in die Tiefe hinabstürzen konnte, was bei dem augenscheinlichen Steigen der Gewässer uns eine gerade nicht sehr angenehme Aussicht auf ein ziemlich wäßriges Nachtlager vor Augen hielt.

Ich glaube es ist am besten, wir steigen aus, hob ich an, oder wir mögen unser Nacht- und vielleicht Sterbelager im Tennessee finden.

Keine Gefahr! erwiederte Richards; er ist ein alter Virginier (hiermit war unser Gaul gemeint). Ein Stoß jedoch, der unsere Rippen und Beine krachen machte, und uns bei einem Haare rücklings aus der Gig geworfen hätte, machte dem lakonischen Lobe Cäsars, der sich auf die Hinterfüße geworfen hatte, ein Ende.

Etwas muß im Wege sein! rief hier Richards; nun ist es Zeit uns umzusehen.

Wir thaten so, stiegen aus der Gig, und fanden einen gewaltigen Wallnußbaum über unserm Wege liegend. Unsere Reise hatte ihr Ende erreicht. Den ungeheuern Stamm zu passiren, oder die Gig darüber zu bringen, war eine absolute Unmöglichkeit; die Aeste, die zwanzig Schritte in jeder Richtung vorragten, hatten unserm Cäsar eine ziemlich ernstliche Warnung ertheilt. Das Wagengeleise war zudem so enge, daß an ein Umwenden der Gig gar nicht zu denken war. Wir mußten wie die Krebse zurück. Richards versuchte es, den Scheideweg zu finden, und ich, die Gig zurückzuschieben.

Wir hatten uns jedoch mehr vorgenommen, als wir leisten konnten. Kaum war ich mit dem rechten Fuße aus dem Geleise, als mein Mantel bereits an einem ellenlangen Dorne hing. Mit heiler Haut durch diese undurchdringliche Wildniß zu kommen, war bloß für einen Geharnischten möglich. Ich entledigte meinen Mantel seiner Haft, und tappte mich schleunig wieder zum Wagentritt. Freund Richards kam nach einer Weile mit den Worten:

Das ist die schändlichste Wildniß im ganzen Westen; kein Weg, kein Steg, Sumpf über die Ohren, und um mein Mißgeschick voll zu machen, so habe ich meinen Monroestiefel[41] im Schlamm verloren.

[41]: Monroestiefel, Halbstiefel; vom Präsidenten Monroe so genannt.

Und ich denke, in meinem Mantel giebt es so viele Löcher, als Dornen an diesem verwünschten Akazienbaume, erwiederte ich trostweise. Dies waren die letzten Worte, die noch halb und halb gute Laune athmeten; denn nun waren wir bis zur Haut durchnäßt, und ich glaube wirklich, daß unter allen möglichen Situationen eine nasse die zum Scherzen am wenigsten geeignete ist. Den Beweis liefern beide, die Franzosen und ihre Antipoden, die Holländer. Die erstern nämlich werden nur immer in heißen Juni- oder Julitagen rappelköpfisch, und die letztern sind bekanntermaßen nichts weniger als scherzhafte oder gutgelaunte Leute, ein Mangel oder, wie man es nehmen will, eine Tugend, die ohne Zweifel ihrem Vegetiren zwischen Dämmen und Morästen und Kanälen zuzuschreiben ist. Was nun mich betrifft, so liebe ich ein mäßiges Abenteuer, vorausgesetzt es komme nicht gar zu hoch, und verabscheue eine monotone langweilige Quäkerreise, wo Alles zahm und kalt und scheu und verschlagen sich hinzieht, wie diese guten Leute selbst; aber in einem Ahornsumpfe von Nacht und Fluthen überfallen zu werden, und auf der einen Seite nicht drei Schritte den bis zum Rande angeschwellten Tennessee, auf der andern undurchdringliche Wildniß, vorne einen Coloß von Wallnußbaum zu haben und nicht rückwärts zu können — wahrlich! mit all meiner Achtung vor Abenteuern, es war kein Scherz.

Wohl, was ist nun zu thun? fragte Richards, der sich in eine echt theatralische Stellung versetzt hatte, den stiefellosen Fuß auf den Wagentritt stämmend, während der andere im Kothe stak.

Wir spannen Cäsar aus und ziehen die Gig zurück, versetzte ich mit meiner gewöhnlichen Kürze.

Wollte der Himmel, unsere Aufgabe wäre eben so kurz gewesen; aber Wünsche gehen selten oder nie in Erfüllung. Wir machten uns jedoch daran, und schoben und hoben und trugen mit unsäglicher Mühe unsern Wagen beiläufig zwanzig Schritte zurück, wo sich ein offenes Plätzchen zeigte. Freund Richards erfreut sich sehr gesunder Lungenflügel, und auch die meinigen sind nicht die schwächsten. Hatten wir es nun diesen zuzuschreiben oder unserm günstigen Gestirne, kurz, unsere Conversation mit Cäsar wurde plötzlich durch ein lautes Hallo unterbrochen, das dicht vor uns erschallte.

Leser! hast du je einer hitzig bestrittenen Wahl beigewohnt, und deine zehn oder hundert Dollars patriotisch auf deinen Schützling gesetzt, und hast du nun plötzlich und auf einmal im Schweiße deines Angesichtes, wo dir bereits alle fünf Sinne im Branntwein und Tabaksdampfe vergingen, den Ausspruch gehört, der dir zu deinen hundert Dollars mit hundert Prozent verhilft; hast du dieses je erfahren, dann, und nur dann, kannst du dir eine Idee von der freudigen Rührung machen, die unsre kalten Busen plötzlich erwärmte. Das Hallo war so echt yankeeisch wiedergegeben, daß die Nebel brachen, und die ganze rothe Generation, die in diesem Sumpfe schlummerte, erwachen konnte.

Und nun, Geduld um's Himmelswillen! sprach Richards, und halte wenigstens eine Viertelstunde das Maul, sonst verdirbst du alles wieder mit diesem heillosen Yankee.

Besorge nichts, erwiederte ich, dessen heißes Blut bereits ziemlich durch das Schauerbad abgekühlt war, nicht zu gedenken der Aussicht, die ganze Nacht in diesem jammervollen Loche zuzubringen. Gerne würde ich dem zähen Tagdiebe Auskunft über alle Butter- und Kartoffeln- und Mehlpreise in diesen unsern Staaten gegeben haben, mit der einzigen Bedingung, daß er uns so bald als gefällig aus diesem Fieberpfuhle erlöse.

Er war es wie er leibt' und lebte. Er hatte in wahrer Conecticutmanier bereits ein paar Minuten vor uns angehalten, ohne eine Sylbe von sich zu geben. Beinahe schien es, als ob er sich an unserer Verlegenheit weide, und gerade nicht in größerer Eile sei, uns aus unserem Drangsale zu erlösen. Was uns betrifft, so hatten wir alle Ursache auf unserer Hut zu sein. Die sauertöpfische Vogelscheuche schien eben nicht Spaß zu verstehen. Freund Richards brach endlich das Stillschweigen mit den Worten: Schlimmes Wetter!

Das könnte ich eben nicht sagen, erwiederte der Yankee.

Ihr habt nicht den zwei Frauen begegnet, denen ihr entgegen geritten?

Nein, ich vermuthe, sie werden in Florenz bei Cousine Kate bleiben.

Ihr habt nicht im Sinne, dahin zu gehen? fragte wieder Richards.

Nein, ich will heim. Doch, ich dachte, ihr wäret bei dieser Zeit an der Fähre.

Das wären wir vielleicht auch, wenn eure Wege besser, und statt Wallnußbäumen Steine in den Löchern wären, versetzte Richards lachend.