Anmerkungen zur Transkription
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Unter Wilden am Amazonas
Eine schauerliche Trophäe.
Ein menschlicher Kopf aus dem oberen Amazonengebiet. Gedörrt und eingeschrumpft mißt er nur zehn Zentimeter vom Hals bis zum Scheitel. Die Lippen sind mit langen Baumwollfäden zugenäht.
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GRÖSSERES BILD
CHARLES W. DOMVILLE-FIFE
Unter Wilden
am Amazonas
Forschungen und Abenteuer bei Kopfjägern und Menschenfressern
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Mit 36 Abbildungen
und 6 Karten
LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1926
Einband und Schutzumschlag nach Entwürfen von Hanns Langenberg
Inhalt.
| Seite | ||
| 1. | Die Entdeckung des Amazonenstroms | [9] |
| 2. | Aufbruch ins Innere | [21] |
| 3. | Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß | [32] |
| 4. | Die Mundurucusindianer des Waldplateaus | [48] |
| 5. | Im Land der Apiacásindianer | [63] |
| 6. | Auf dem sichtbaren Äquator | [75] |
| 7. | Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer | [85] |
| 8. | Ins Herz des tropischen Urwalds | [107] |
| 9. | Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná | [117] |
| 10. | Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden | [136] |
| 11. | Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes | [147] |
| 12. | Der Fluß der Itogapukindianer | [159] |
| 13. | Ein geheimnisvoller Felsentempel | [170] |
| 14. | Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts | [187] |
| 15. | Die Kopfjäger der Huambisa | [200] |
| 16. | Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer | [209] |
| 17. | Die Konibosindianer am Ucayali | [223] |
| 18. | Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento | [232] |
| 19. | Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña | [244] |
| 20. | Im verbotenen Land der Ungoninos | [254] |
| Register | [264] |
Abbildungen.
| Seite | ||
| Eine schauerliche Trophäe | ||
| Eingeborenenboot auf dem unteren Amazonas | ||
| Eingeborenenhausboot | ||
| Ein Gummisammler im Urwald des Amazonas | ||
| Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“ | ||
| Moiré auf dem Amazonas | ||
| Eingeborenenboote an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von Santarem | ||
| Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem Mutum-Paraná | ||
| Krieger mit Bogen | ||
| Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen | ||
| Caripunasindianer beim Bogenspannen | ||
| Wilde Caripunasindianer | ||
| Itogapukmädchen | ||
| Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks | ||
| Itogapukweib und Kind | ||
| Die Frau des Itogapukhäuptlings | ||
| Drei g’schamige Damen | ||
| Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt | ||
| Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus | ||
| Stärlingsnester | ||
| Der geheimnisvolle „Felsen der Inschriften“ am oberen Parimé | ||
| Mandaño-Indianer vom obern Napo | ||
| Ihr „Gesellschaftskleid“ | ||
| Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“ (Textabbildung) | ||
| Schmuckbemalung der Ocainasweiber | ||
| Der Schluß des großen Tanzes | ||
| Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöcken | ||
| Konibosindianer im Kusma | ||
| Landungsstelle am oberen Madeira | ||
| Zwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen Caripunasmädchen | ||
| Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern | ||
| Häuptling der Kampasindianer | ||
| Zwergindianer der Pampas Sacramento | ||
| Chunchosindianer am Perené | ||
| Chunchosmädchen | ||
| Eingeborenenfloß auf dem oberen Amazonenstrom | ||
Karten nach Skizzen des Verfassers.
| 1. | Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira | [149] |
| 2. | Skizze der Steppen des Rio Branco | [171] |
| 3. | Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets | [197] |
| 4. | Skizze des Gebiets des Igara-Paraná | [211] |
| 5. | Skizze der Peruanischen Montaña | [235] |
| 6. | [Übersichtskarte], etwa 1 : 6500000, am Schluß des Bandes. |
1. Die Entdeckung des Amazonenstroms.
Fernab von aller Zivilisation lebt in den Urwäldern am Rio Napo ein wilder Stamm, Yáhuas genannt. Noch heutigestags tragen sie das Haar lang herabfallend; aus Binsen geflochtene Umhänge bedecken ihre Schultern, ebensolche Röckchen ihre Lenden, so daß sie Weibern gleichen. Diesem Stamm verdankt das größte Stromsystem der Welt seinen Namen: „Amazonas“, die Amazonen. Als die kleine Schar Weißer unter dem Befehl des Francisco de Orellana in den Jahren 1539–41 von Ecuador aus ihre berühmte Fahrt auf dem Rio Napo in den Amazonenstrom und auf diesem bis in den Ozean hinab unternahm, hatte sie unter den beständigen Angriffen dieser Wilden viel zu leiden.
Die Geschichten, die dann Orellana und die andern, die nach ihm dort waren, erzählten, gaben den Anlaß, daß Herodots altes Märchen über ein Volk streitbarer Weiber, Amazonen genannt, auf die Bewohner des äquatorialen Amerika und in der Folge auf das ganze Gebiet und das Flußsystem angewandt wurde. Merkwürdigerweise war aber die Mündung des Amazonenstroms schon 39 Jahre vorher von Vincente Yañez Pinzon und Pedro Cabral, dem großen portugiesischen Seefahrer, entdeckt worden; am 26. Januar des Jahres 1500 fuhren ihre Galeeren in die größte Strommündung der Welt ein.
Diese Abenteurer benannten sie „Mar Dulce“ oder „Süßwassermeer“, wahrscheinlich der Marajó-Bai wegen, wo das Wasser außerordentlich rein ist. Es wird noch jetzt von den Schiffen benutzt, die die untern Strecken dieses gewaltigen Stromsystems durchfahren.
So hatte sich also das Dunkel über dem untern Amazonenstrom zum erstenmal aufgehellt, aber noch viele Jahre brannte das Licht der Erkenntnis nur trübe, wenn auch in Europa Flotten ausgerüstet wurden, das neuentdeckte Land zu erforschen, „das von einem gelbfarbigen Meer durchschnitten“ würde. Es wurde bald zum Dorado des Jahrhunderts. Kolumbus, der ein geheimnisvolles Land „jenseits des äthiopischen Meeres“ suchte, entdeckte Südamerika. Andere fuhren mit ihren Galeeren in das große Ästuar ein oder an den anstoßenden Küsten entlang. In den Erzählungen der Zurückkehrenden war die Wahrheit stark mit Dichtung durchsetzt. Der sandige, von gelben Fluten bespülte Strand wurde zum goldenen Uferrand eines Silbermeers, aus den „Maloccas“ zauberkundiger Eingeborener wurden die Paläste von Manoa, wo der Dorado, der „Goldene Mann“, wohnte, dessen Körper mit glitzernden Zechinen bedeckt war, die Sonne, Mond und Sterne überstrahlten.
Blühende Bilder einer erregten Phantasie waren also die Triebkraft, die Körper und Geist der europäischen Abenteurer zu ungeahnter Leistungsfähigkeit anspornte. Auch Gonzalo Pizarro, ein Bruder des Eroberers von Peru, stand ganz im Bann der Mythen und Fabeln seines Zeitalters. Im Jahr 1539 sammelte er im Hoheitsgebiet seines Bruders eine Schar von Abenteurern um sich, machte sich von Peru landeinwärts auf den Weg, überstieg die Anden und durchquerte Ecuador in dem Bestreben, das „Süßwassermeer“ aufzufinden, das man damals jenseits des Festlands vermutete. Er hatte übrigens geschworen, dem Dorado in Manoa die Rüstung von goldenen Zechinen zu entreißen. Wie viele andere, die während der nächsten Jahrhunderte seinen Fußtapfen folgten, scheiterte er an den Millionen Geviertmeilen der äquatorialen Wälder, Flüsse und Sümpfe.
Trotzdem war sein monatelanges Umherwandern in den Bergen von Ecuador nicht ergebnislos, wenn er auch von seiner wichtigsten Entdeckung erst erfuhr, als ein anderer den Erfolg eingeheimst hatte. Im Laufe seiner Forschungen hatte er seine kleine Schar nahe an die Quelle des Napo gebracht, eines mehr oder weniger schiffbaren Nebenflusses des „Süßwassermeers“. Von den Eingeborenen hatte er eine Menge reines Gold eingehandelt, das, zweifellos irrtümlich, auf 45 Tonnen geschätzt wurde. Diesen Schatz vertraute er seinem Leutnant Francisco de Orellana an, der ein rohes Boot baute, das Gold daraufbrachte, die Überreste der abenteuerlichen Schar verließ und sich auf dem Rio Napo einschiffte, mit der Absicht, Lebensmittel für die Mitglieder der Hauptexpedition zu beschaffen, die dem Verhungern nahe waren. Die starke Strömung des Flusses verhinderte ihn jedoch an der Rückkehr, um so mehr, als sich nirgends Gelegenheit bot, Lebensmittel zu bekommen.
Ob Orellana die Möglichkeit gehabt hätte, sich gegen die Strömung zurückzuarbeiten und wieder mit dem Rest der Expedition zu vereinigen, ist fraglich. Prescott und andere behaupten, es sei möglich gewesen. Dieses Urteil wurde offenbar auch von dem Gerichtshof geteilt, vor dem sich Orellana nach seiner Rückkehr nach Spanien wegen Verrats zu verantworten hatte. Außerdem wird diese Meinung vom Pater Carvajal verfochten, der die Geschichte von Pizarros Unternehmung schrieb.
Die verlassenen Konquistadoren schlugen sich unter Pizarros Führung nach Nordosten durch, gelangten auf dem Cassiquare in den Orinoko und kehrten schließlich von der Küste Venezuelas nach Spanien zurück. War es auch diesem Teil der Expedition nicht gelungen, den Amazonenstrom zu entdecken, so hatte er doch, wie ein Blick auf die Karte zeigt, eine der wundervollsten Taten in der Forschungsgeschichte vollbracht.
Über dem Oberlauf des Amazonenstroms lichtete sich nun das Dunkel. Orellana gelang die fast unglaubliche, aber geschichtlich bezeugte Fahrt den 2000 Kilometer langen Napo hinab und 3500 Kilometer auf dem Amazonenstrom bis ins offene Meer! Er brachte den ihm von Pizarro anvertrauten Schatz nach Spanien und berichtete über seine Abenteuer auf der berühmten Reise: während der ganzen Fahrt napoabwärts sei er ständig von kriegerischen Weibern angegriffen worden, sie hätten eine mattbronzene Hautfarbe, lange blonde Haare und seien mit Pfeilen, Schilden und Speeren bewaffnet. Ob er die Yáhua-Indianer des Napogebiets mit ihrem langen Haar und ihren Schulterumhängen und kurzen Röckchen aus Gras wirklich für ein Volk streitbarer Weiber hielt, die die Männerherrschaft abgeschüttelt hatten, muß dahingestellt bleiben. Sicher jedenfalls ist, daß solche und ähnliche Geschichten diesem riesigen Strom und dem noch heute großenteils unbekannten angrenzenden Gebiet den Namen „Amazonas“ verschafft haben. Einer dieser Berichte betrifft einen Indianerstamm, der jetzt die Serra de Parentins, an der Grenze der brasilianischen Staaten Pará und Amazonas, bewohnt, bei dem früher die Weiber mit den Männern in den Kampf zogen, um verschossene Pfeile und Speere zu sammeln.
Von Englands Küsten sind im goldenen Zeitalter der Abenteurerfahrten — unter der Regierung der Königin Elisabeth — zum erstenmal Schiffe nach Westindien abgesegelt. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Dorado, dessen Schätze den abenteuerlustigen Kaufleuten Spaniens zuflossen, fuhren einige in die Mündung des Amazonenstroms ein. Der bedeutendste unter den Anführern jener Tage war Sir Walter Raleigh, der Günstling der Königin. Am 5. Februar 1595 trat er die Fahrt nach der Insel Trinidad an, und es gelang ihm, sie den Spaniern zu entreißen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Festland zu, querte den schmalen Arm des Karibischen Meers und fuhr den Orinoko hinauf. Ehe ihn Krankheiten und Todesfälle unter der Mannschaft zum Rückzug zwangen, glückte es ihm, in freundschaftliche Beziehungen mit einigen der wilden Volksstämme zu treten, die das Waldgebiet des Orinoko und des Amazonenstroms bewohnen. Von ihnen wollte er von einer goldenen Stadt weit im Innern gehört haben. In Raleighs Reiseberichten war Phantasie und Wirklichkeit so verwoben, daß sich nur wenig oder nichts mit ihnen anfangen ließ. Aber sie reizten doch die Begierde der Abenteurer, über das spanische Gebiet hinaus in jenes Dorado einzudringen, das von kriegerischen Weibern verteidigt wurde.
Alle die schwächlichen Versuche anzuführen, die gemacht wurden, um den Schleier des Geheimnisses über der verwirrend ungeheuern Weite des unbekannten Amazonengebiets etwas mehr zu lüften, wäre ein ermüdendes, ja fast aussichtsloses Unternehmen. Nur einige Namen berühmter Erforscher mögen genannt werden, die das ihrige beigetragen haben zu unserer auch heute noch dürftigen Kenntnis von jenen düsteren Dschungeln, ausgebreiteten Graswüsten, Bergketten, verschlungenen tropischen Flüssen, von Reptilien wimmelnden Sümpfen, sonderbaren Menschenrassen und wilden Tieren. Viele, deren Namen und Taten völlig verschollen sind, haben zwischen den schweigenden Mauern jener Millionen von Meilen bedeckenden Urwälder so außerordentliche Taten von Forscherkühnheit, Ausdauer und Opfermut geleistet, daß ihre Berichte — lägen sie der zivilisierten Welt im Druck vor — als Heldengedichte des Abenteuers auch noch in einer abgestumpften und ausschließlich dem Wirtschaftlichen zugewandten Zeit wie der unsern gefeiert würden, die jedes Interesse am Heroismus des Forschens so gut wie verloren hat.
Von den bekannteren Erforschern jenes wilden Gebiets seien angeführt: Orellana, der Entdecker des Oberlaufs des Amazonenstroms; der Jesuitenmissionar Acunas, der die Niederlassungen der Eingeborenen längs dem Hauptstrom 1698 besuchte; Fritz 1717; Bourdonnais 1733 und der große Reisende des 18. Jahrhunderts, Humboldt, 1799. Dann Alamada 1787; Montravel 1843; Selfridge 1882; Rodrigues 1875; Shaw 1883 und Caudeau 1892. Ferner die Vertreter bedeutender gelehrter Gesellschaften wie Martius und von Spix 1819; der Naturforscher Wallace 1848; der Entomologe Bates 1849; der Botaniker Spruce 1860; Agassiz, der sein Augenmerk hauptsächlich auf die Fische richtete, 1866; Chandleß 1880 und Stradelli 1889.
Andere wurden ein Opfer des Fiebers, des Giftes, der verheerenden Beri-Beri-Krankheit, der Malaria, des Bisses giftiger Schlangen oder der Grausamkeit menschenfressender Stämme; so Emile Robuchon, von dem niemals eine Spur gefunden wurde, wenn auch allgemein angenommen wird, daß er von den Carijonas-Indianern umgebracht und aufgefressen wurde; du Murez, der an einer durch einen vergifteten Pfeil verursachten Wunde im Urwald des obern Madeiragebiets starb; Pinzon und Cabral, die am Fieber zugrunde gingen; die Teilnehmer der ersten unglücklichen amerikanischen Madeira-Mamoré-Expedition, die unter dem gemeinsamen Ansturm des Hungers, mordlustiger Indianer und des gelben Fiebers im Zwielicht der Urwälder ein tragisches Ende fanden; die Prospektoren von Iquitos, die von den Huambisastämmen am Santiagofluß getötet wurden, und Kroehle, der an den Wunden starb, die Kaschibosindianer der Pampas Sacramento ihm geschlagen hatten.
Dann sind jene zu nennen, die den ungeheuern Wäldern lebend entrannen, und durch die die Welt all das erfuhr, was sie jetzt über jene geheimnisvollen Gebiete weiß: an erster Stelle Baron Sant’ Anna Nery, der berühmte brasilianische Schriftsteller, der einen großen Teil seines Lebens im unbekannten Amazonengebiet zubrachte; dann Henry Savage-Landor, der 1911 mit Unterstützung der brasilianischen Regierung eine große Strecke des 11. Breitengrades zwischen den Flüssen Araguay und Mamoré durchquerte; J. F. Woodroffe, der zwischen 1905 und 1913, fast acht Jahre lang, die Flüsse des Amazonenstrombeckens durchforschte; Theodore Roosevelt wegen seiner Reise zum Aripuanan und dem „River of Doubt“; Oberst Fawcett, dessen Werk über die Grenze rühmlich bekannt ist; der verstorbene Oberst Saurez, für den die Gebiete von Beni und Acre in Bolivia und Brasilien ein offenes Buch waren; Wickham, der das Tapajóz-Madeira-Plateau durchforschte und Samen des Kautschukbaums mitbrachte, aus denen später die Gummipflanzungen in Asien entstanden; Earle Church, der amerikanische Ingenieur und Erbauer der Mamoré-Eisenbahn; dann für Forschungen im Gebiet des Beni und des Madre de Dios Leutnant Maury und M. d’Orbigney, in Guyana Sir Everard im Thurn, auf dem untern und dem obern Amazonenstrom Algot Lange, im nordöstlichen Peru G. M. Dyott und in jüngster Zeit viele andere, von denen der Verfasser innerhalb und außerhalb der Grenzen der Zivilisation manche traf und deren Namen auf den folgenden Blättern noch erscheinen werden.
Keinesfalls unerwähnt dürfen die tapferen Offiziere und Beamten des brasilianischen Indianeramtes und des Überland-Telegraphendienstes bleiben, wie General Rondon, Bento Lemos und andere, deren Leistungen unter den wilden Indianerstämmen außerhalb Südamerikas viel zu wenig bekannt sind.
Alle, die in den großen tropischen Urwäldern gelebt oder sie durchzogen haben, dürften darin übereinstimmen, daß eine Armee von Forschungsreisenden, zehnmal so groß als die Zahl der Männer, die bisher das Amazonengebiet durchwandert haben, nicht ausgereicht hätte, um alle Geheimnisse dieser düstern, barbarischen, undurchdringlichen und unvorstellbar ausgedehnten äquatorialen Wald-, Fluß- und Sumpfwildnis aufzuhellen. Sobald man die Wasserwege verläßt und in den Dschungel eintritt, ganz gleich unter welchem Breiten- und Längengrad, steht man auf der Schwelle zum Unbekannten, vor dem Fragezeichen des „und weiter?“. Und nach monatelangem Wandern und Sichdurchhacken durch ein jungfräuliches Pflanzengewirr, das den Gesichtskreis auf Mauern und Decke aus Grün einschränkt, dasselbe Bild: immer liegt darüber hinaus das Unbekannte und Unerreichbare.
Dies Wenige aus der Erforschungsgeschichte des Amazonengebiets möge genügen, um darzutun, daß viel seltener und weniger systematisch Anstrengungen gemacht wurden, diese ungeheure Wildnis tropischen Urwalds zu erobern, als etwa in Ost-, West- oder Innerafrika. Auf der Karte Asiens finden sich manche weiße Stellen, aber sie sind verhältnismäßig nicht umfangreich. Die Pole sind erreicht, man hat fast alle Meere aufgenommen und vermessen. Afrika ist nicht länger mehr der dunkle Erdteil; von Kapstadt bis Kairo und vom Kap Guardafui zum Kap Verde ist es durchforscht und unterworfen. Trotzdem ist die oft wiederholte Behauptung, daß es nichts mehr zu erforschen gebe, gänzlich unwahr. Im Herzen Südamerikas, vom 5. Breitengrad nördlich bis zum 25. Breitengrad südlich vom Äquator, erstreckt sich ein unbekanntes oder wenig bekanntes Gebiet von über fünf Millionen Geviertkilometer mit Hunderten von unentdeckten Volksstämmen.
Eingeborenenboot auf dem unteren Amazonas.
Eingeborenenhausboot.
In diesen Booten leben ganze Familien für Monate.
Ein Gummisammler im Urwald des Amazonas.
Das Ende des Stockes, den der Sammler in der Hand hält, ist in Rohgummi getaucht und langsam gedreht worden. Erhitzt man es dann, so wird der Gummi fest.
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GRÖSSERES BILD
Da der Wettstreit der Nationen hier nicht mitsprach, fehlte es an Initiative, so daß dieser gewaltige Teil der Erdoberfläche unbeachtet und unerforscht blieb. Diese Montaña Grande beginnt an der Baumgrenze des Ostabfalls der Anden und erstreckt sich über etwa 5000 Kilometer des weiten nördlichen oder tropischen Teiles des verlorenen Erdteils bis zu dem schmalen, zivilisierten Küstenstreifen Brasiliens und von den Urwäldern Guyanas bis zum Gran Chaco, nach Norden und Süden eine Entfernung von 3500 Kilometer. Hier und da liegt in diesem weiten, einsamen Gebiet eine winzige Insel der Zivilisation mitten im Meer der Barbarei; hier und da trifft man die Spur eines vereinzelten Kulturpioniers, der fiebergeschüttelt, vom Düster des Dickichts verwirrt, aus den Urwäldern auftaucht — und dennoch ist es immer noch Terra incognita und die Wohnstätte unbekannter Menschenrassen.
Die Forscher, Händler und Mischlinge, die vom Labyrinth der schiffbaren Flüsse aus als Kautschuksammler in die Urwälder eindrangen, haben alle irgend etwas für die Welt draußen Wertvolles entdeckt: Gold, Silber, kostbare Steine, Hölzer, neue medizinische Essenzen und Drogen, einzigartige Sammelgegenstände, Überbleibsel ausgestorbener Rassen und Tiere, offene „Campos“ und zur Viehzucht geeignete Grassteppen, Kautschukarten und Harze, Inlandseen, merkwürdige Eingeborene und einen Boden von wunderbarer Fruchtbarkeit, dessen Vegetationsüppigkeit nicht zu überbieten ist. Es ist daher leicht zu verstehen, daß die Länder, innerhalb deren ungefähr festgelegten Grenzen dieses ungeheure Gebiet sich dem Namen nach befindet, von Zeit zu Zeit den Forschern der zivilisierten Welt in weitgehendstem Maß Unterstützung versprachen und alles mögliche taten, sie zur Erforschung und Erschließung zu veranlassen. Von 1843 bis 1910 setzte die Regierung von Bolivia Geldbeträge bis zur Höhe von 500000 Dollars für den aus, der als erster auf einem Dampfboot vom Atlantischen Ozean aus Bolivia auf gewissen unerforschten Nebenflüssen des Amazonenstroms erreichen würde. 1911 gewährte die brasilianische Regierung Henry Savage-Landor eine beträchtliche Unterstützung, um ihm die Ausführung seiner Expedition in das unbekannte Waldgebiet von Matto Grosso zu ermöglichen. In einer oder der andern Form haben sich derartige Anregungen seitdem des öftern und in weitgehendem Maße wiederholt.
Der erfolgreiche Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, der wunderbarsten und gleichzeitig isoliertesten Urwaldbahn der Welt, hat die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit gelenkt, durch Kleinbahnen die ungeheuern Entfernungen und undurchdringlichen Urwälder dieses toten Gebiets zu überwinden. Zur selben Zeit erhob sich die Frage nach der Schiffbarkeit gewisser unerforschter oder nur teilweise erforschter Flüsse, damit sie unter Umständen als Verkehrswege nutzbar gemacht werden könnten. Diese Erwägungen gebaren eine wahre Flut neuer Fragen: nach dem Vorhandensein und der Feindseligkeit indianischer Stämme an den verschiedenen Orten; in welchem Maß das Klima in den verschiedenen Gebieten gesundheitsschädlich sei; nach den Wirkungen von Sümpfen und periodischen Überschwemmungen; nach den Wachstumsbedingungen des Urwalds, dazwischenliegenden Bergketten und Seen; nach der Möglichkeit, Pflanzungen und Auswanderersiedlungen an den Flüssen und Wegen anzulegen. Keine dieser lebenswichtigen Fragen konnte mit der erforderlichen Genauigkeit befriedigend beantwortet werden, da ein großer Teil des Gebiets niemals durchforscht worden war und seine Eigentümlichkeiten wie auch die der dort hausenden Eingeborenen daher unbekannt geblieben waren.
Nachdem ich lange Zeit kreuz und quer durch Süd- und Zentralamerika gereist war, um für die unersättliche angelsächsische Presse zweier Kontinente Lesestoff zu liefern, legte man mir nahe, einen Streifzug in das Amazonengebiet zu unternehmen. Dies war also der Grund meiner ersten Betätigung auf diesem Forschungsfeld. Daraus entwickelte sich ein starkes persönliches Interesse, und während der letzten Jahre habe ich diese noch immer wilden Gebiete, mit den verschiedensten Aufgaben betraut, durchzogen. Darunter fällt auch journalistische Tätigkeit für die Londoner Times, das Sammeln von Material für meine Bücher und die Einrichtung eines Auskunfts- und Nachrichtendienstes für eine bedeutende machtpolitische Gruppe.
Ich möchte hier darauf hinweisen, daß die ungeheuren unerforschten Flächen von Urwald, „Campos“, Flüssen und Sümpfen, die unter dem zusammenfassenden Namen des Amazonengebiets bekannt sind, nur zum, allerdings größten, Teil zu Brasilien gehören; 2½ Millionen Geviertkilometer sind kartographisch noch nicht aufgenommen und so gut wie unbekannt. Darüber hinaus erstreckt sich das Gebiet jedoch weit über die Grenzen Brasiliens in die Staaten Paraguay, Bolivia, Peru, Ecuador, Columbia und Venezuela, abgesehen von den drei Guyanas, die weitere 2½ Millionen Geviertkilometer dem Unbekannten hinzufügen; alles zusammen ist eine Fläche so groß wie ganz Europa. So trägt das Gebiet den Namen des „Verlorenen Erdteils“ nicht mit Unrecht.
Teile dieses Gebiets mußten aus einleuchtenden Gründen außer Betracht bleiben, und so bestanden die Reisevorbereitungen zunächst darin, die Aufgaben auf mögliche Ausmaße zu beschränken. Verschiedene Einbruchslinien zur Erforschung wurden ausgearbeitet; sie werden, nebst gewissen Abweichungen, auf den folgenden Blättern geschildert werden. Technische, geographische und wissenschaftliche Einzelheiten dagegen sollen, als nebensächlich für die Absichten dieses Buches, nicht zur Sprache kommen.
Die Schwierigkeiten, diese abgelegenen Urwaldgebiete zu erreichen, waren oft groß, und vieles von geringerem allgemeinen Interesse kann nur angedeutet oder muß auch bei der Erzählung der Erlebnisse ganz übergangen werden, um Raum zu gewinnen für ausführlichere Schilderungen der wilden, in weltentlegeneren Urwäldern hausenden Stämme, worin in erster Linie die Aufgabe meines Buches besteht.
Der Weltkrieg 1914–1918 unterbrach zeitweise meine Forschungsreisen in das unbekannte Südamerika. Plötzlich und dramatisch, sei es unter dem Einfluß des Gesetzes der Gegensätze oder bloß als Ergebnis eines Kriegszufalls, verschob sich das Feld meiner Tätigkeit, und ich mußte Jagd auf Unterseeboote in subarktischen Gewässern machen. Sehr zum Schaden meiner Gesundheit. Über diese Phase eines ruhelosen Daseins habe ich jedoch an anderer Stelle berichtet, und es genüge zu sagen, daß ich 1920 wieder jene besonders einsame Strecke des tropischen Meeres querte, die zwischen der Insel Madeira und den Felsen von St. Paul liegt.
Man sagt im Amazonengebiet, wer vom Saft der Assaipalme mit Genuß gekostet habe, werde unwiderstehlich zu den großen Urwäldern und Flüssen dieses geheimnisvollen Landes zurückgezogen. Wie dem auch sein mag — der Zauber des Unbekannten ist jedenfalls nicht zu leugnen, und kaum zwei Jahre waren vergangen, als 1922 mit neuen Forderungen erschien. Nun schreibe ich diese Zeilen, die Einführung zu einem Buch über alle meine Reisen im Amazonengebiet, auf dem Schutzverdeck des Dampfers „Hildebrand“, eines höchst behaglichen Schiffes der Boothlinie. Sein Ziel ist der Amazonenstrom, aber diesmal geht es nicht zu den Sümpfen und dämmerigen Urwäldern zwischen entlegenen Flüssen, sondern mit einer neuen und ausnehmend interessanten Aufgabe in das „dunkelste Afrika“ unseres Jahrhunderts.
2. Aufbruch ins Innere.
Das Reisen abseits der gebahnten Pfade — sei es nun in arktischen oder in tropischen Gebieten — erfordert weit mehr sorgsame Überlegung, Erfahrung und Vorbereitung, als dem Uneingeweihten vielleicht nötig erscheinen möchte. Keine zuverlässigen topographischen Karten sind für wenige Mark in der nächsten geographischen Buchhandlung erhältlich; man kann sich keinen Führer mieten, der schon früher „da war“. Besondere und sorgfältig verpackte Nahrungsmittel müssen für die Gesamtdauer der jenseits aller Zivilisation verlaufenden Reise mitgeführt werden, wobei allen nicht vorauszusehenden Zufällen Rechnung zu tragen ist. Dann kommt das, was am meisten zu fürchten ist: die Möglichkeit einer Erkrankung. In Hinsicht darauf möchte ich ein genaues Studium der amerikanischen Methoden homöopathischer Heilweise und unblutiger Wundbehandlung empfehlen. Sie haben sich in Verbindung mit einigen wenigen chemischen Präparaten und Heilmitteln in Tabloidform als das bei weitem Praktischste und Wirksamste bewährt.
Solche Schwierigkeiten zu verschweigen und ohne weiteres mitten in die Urwälder des Amazonas hineinzuspringen würde eine völlige Irreführung bedeuten. Es wäre, als schilderte man den schließlichen Sieg oder die Niederlage, ohne den voraufgegangenen Feldzug zu erwähnen. Pionierarbeit in unerforschte oder selbst halberforschte Gegenden stellt wirklich einen Feldzug gegen alle Mächte der Natur dar, ob man sie allein oder als Mitglied einer größeren Expedition ausführt. Früher oder später wird jeder Pionier, dem jenseits der Zivilisation die Wochen und Monate in mühevoller Arbeit verstreichen, jede Kraft und List der Natur gegen sich gerichtet sehen. Ob der Feind stark oder schwach ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, die sorgfältige Überlegung und Entschlußfähigkeit erheischen. Die Entfernung von der Verpflegungsbasis, Verbindungslinien, Klima, feindselige Eingeborene und tausend andere Umstände wollen in Betracht gezogen sein.
Wer eine gewöhnliche Landkarte betrachtet und weiß, daß es nur einer fünfzehntägigen Seereise über den südatlantischen Ozean auf einem Schiff der Booth-Linie bedarf, um von Liverpool nach Pará zu gelangen, der Stadt und dem Hafen an der Einfahrt in das Flußlabyrinth, das unter dem verallgemeinernden Namen „Amazonas“ bekannt ist, möchte glauben, daß nun er und sein Gepäck sich im Ausflugsbereich wilder tropischer Dschungeln und kannibalischer Indianerstämme befinden. Das ist aber keineswegs der Fall. Die eigentliche Reise gegen das Unbekannte zu beginnt erst in Pará und mag irgendwo in 5000 Kilometer Entfernung ihr Ende finden. Allerdings kann man den tropischen Urwald stellenweise in wenigen Stunden von Pará aus leicht erreichen, aber als einzige Wilde wird man wahrscheinlich nur die in dem schönen Indianermuseum abgemalten zu Gesicht bekommen. Einige Stämme wilder Indianer hausen jedoch in den Wäldern am obern Tocantinsfluß, wohin man in etwa sechs Tagen von Pará aus gelangen kann.
Hier dürfte ein allgemeiner Überblick über das Land am Platze sein, das wir nun betreten sollen. Zur Belehrung der Geographiebeflissenen. Es gibt drei Zonen im Amazonengebiet: die bekannte, die wenig bekannte und die unbekannte. Die erste umschließt das Gebiet — abgesehen von den Tropenwäldern —, das das Delta und den untern Amazonenstrom einsäumt, mit zahlreichen Inseln und Pará als Hauptstadt; ferner die überaus zahlreichen Pflanzungen und kleinen Niederlassungen an beiden Ufern des Hauptstroms und an gewissen Punkten der hauptsächlichen Nebenflüsse. Zu der wenig bekannten Zone gehören die mehr oder weniger zugänglichen Urwälder, die von den Seringueros oder Sammlern wildwachsenden Kautschuks aufgesucht werden. Es sind im allgemeinen die Dschungelstreifen an den für Barkassen und Niederwasserdampfer schiffbaren Flüssen. Um die Zone des Unerforschten zu erreichen, hat der Reisende die ersten beiden Gürtelzonen zu durchwandern, oft in einer Breite von vielen hundert Kilometern. Dann erst betritt er die ungeheuern Waldflächen, die die Quellgebiete fast jedes Nebenflusses des Amazonenstroms umgeben oder sich zwischen diesen fadenähnlichen Flußstraßen ausdehnen.
Eine Linie zu ziehen, um die Grenzen der Vorposten der Zivilisation zu bezeichnen, dürfte unmöglich sein. Denn nur selten geht ihr Einfluß über einige Kilometer der unmittelbaren Nachbarschaft der zahlreichen kleinen Niederlassungen hinaus. Das bezieht sich zwar auf den jungfräulichen Urwald mit seinen Fiebern, Tieren, Vögeln, Reptilien, Insekten und Sümpfen, aber nicht immer auf die Stämme der Eingeborenen. Um richtige Wilde anzutreffen, von denen manche noch kaum in der Steinzeit leben, hat man weit abseits in diesem Riesenland herumzusuchen. Die Indianer, die an den Ufern der von Barkassen befahrenen Flüsse wohnen, zeigen meist gewisse Zeichen der Zivilisation. Vielleicht nur ein schmutziges Hemd oder einen eingebeulten Hut. Aber nichtsdestoweniger wird schon in ihrem Äußern sichtbar, daß die Tage uneingeschränkter Wildheit, der Kriegszüge, der Kopfjägerei, unheimlicher Zeremonien und des Hasses gegen den weißen Mann für sie vorüber sind. Die Bitte um Geschenke ertönt da, wo früher das Schwirren des vergifteten Speers zu hören war.
Im entlegenen Hinterland des weiten Amazonengebiets jedoch und im Herzen der halbdunklen Urwälder leben noch viele wilde Stämme in gänzlicher Unkenntnis einer Welt, die sich außerhalb des anscheinend endlosen Meers tropischer Wildnis befindet. Diese abgelegenen Dschungeln von Zentralpunkten wie Pará am Unterlauf, Manáos am Oberlauf des Amazonenstroms und Iquitos am Marañon (peruanischer Amazonenstrom) zu erreichen, erfordert gewöhnlich eine Reise von 300 bis 3000 Kilometer auf Flußdampfern mit geringem Tiefgang, dann im Kanu und schließlich zu Fuß in den dunklen Urwald hinein.
Infolge der Schwierigkeit, eingeborene Kanuleute und Träger zu bekommen, sowie die Vorräte an Produkten der Zivilisation auf dem Wege zu ergänzen, muß das Gepäck jeder Art viel mehr beschnitten werden, als etwa in Innerafrika mit Sicherheit und Zweckmäßigkeit für verträglich gehalten würde, wo eingeborene Arbeitskräfte leicht zu beschaffen sind. Die weitere Erzählung wird dem Leser die Schwierigkeiten und Entbehrungen deutlich machen, von den Gefahren ganz zu schweigen, die diese unvermeidliche Verringerung des Nötigsten weit unter das für tropische Forschungen sonst Unentbehrliche mit sich bringt. Mehr als einmal mußte die Gesundheit drangegeben und selbst das Leben aufs Spiel gesetzt werden.
Nach angenehmer Überfahrt von Liverpool aus erreichte ich Pará, wo ich jede mögliche Unterstützung fand, nicht nur von seiten der englischen Kolonie, sondern auch der Beamten des brasilianischen Staates. Sie waren buchstäblich unermüdlich in ihrem Bestreben, mir die letzten und zuverlässigsten Informationen zu verschaffen. Aber da diese meine erste Reise im Amazonenland mich vom obern Tapajózflußgebiet aus in die unbekannten Wälder von Matto Grosso führen sollte, war nur wenig Sicheres zu erfahren. Ich möchte wissen, ob ein Reisender Forschungen in eine übelberüchtigte Gegend jemals angetreten hat, ohne feierliche Warnungen vor den drohenden Gefahren zu empfangen? Wann hätte er jemals die Verantwortung für etwa eintretende Widerwärtigkeiten auf die eigene Kappe nehmen dürfen? Jedenfalls wurde meine Stimmung nicht gerade verbessert, wenn ich während einer Woche eines schwelgerischen, an Unterhaltungen und neuartigen Anregungen reichen Lebens in Pará eine feierliche Warnung zum tausendstenmal über mich ergehen lassen mußte. In einer schwachen Stunde ließ ich mich aber dennoch überreden, die Ausrüstung und Vorbereitungen auf der Isla des Onças oder Jaguarinsel einer Art von Prüfung zu unterziehen. Nach diesem erfreulichen Fleck Erde sollte ich, mein Gepäck und meine beiden Halbblut-Indianer durch einen Freund gebracht werden, der eine der vielen kleinen Dampfbarkassen sein eigen nannte.
Wie ich später erfuhr, war das nur ein Manöver, um mich zu veranlassen, meine Absichten zu ändern und mich mit Dampferfahrten auf den schiffbaren Flüssen zu begnügen. Die Jaguarinsel ist in malerischer Hinsicht ein Paradies, aber mit Recht verrufen wegen der Größe und Blutdürstigkeit der dort lebenden Insekten. Die beiden Mischlinge, die ich als Führer mitgenommen hatte, willigten nur unter der Bedingung ein, mich auf der langen Reise zu begleiten, daß sie ihrerseits die Erlaubnis bekämen, nach neuen Gummiwäldern zu suchen, die sie dann während der nächsten Saison auszubeuten beabsichtigten. Diese Übereinkunft wurde später die Ursache erheblicher Unannehmlichkeiten für mich, als wir die Zivilisation weit im Rücken hatten.
An den Kauf eines Batalõe oder Eingeborenenkanus mit einem Palmstrohdach über dem Stern zum Schutz vor äquatorialer Sonne und vor Regen sollte erst in Itaituba herangetreten werden, etwa 240 Kilometer den Tapajóz flußaufwärts. Die Reise von Pará bis zu diesem Vorposten der Zivilisation am Rande des Unbekannten konnten wir auf einem der kleinen Niederwasserdampfer des „Amazon-Navigation-Service“ zurücklegen.
Die Vorbereitungen waren nun vollendet, aber noch folgte eine unvermeidliche Verzögerung von zehn Tagen, ehe der Flußdampfer nach Itaituba abgehen sollte. Währenddem hatte ich reichlich Gelegenheit, Pará und seine Bewohner kennenzulernen. Der dreitägige Aufenthalt auf der Jaguarinsel ermöglichte mir, mein wasserdichtes Zelt und die Lagerausrüstung zu erproben. Auch mit den Bewohnern des dortigen Dschungels wurde ich noch besser bekannt — wenigstens soweit sie den fliegenden, summenden, krabbelnden und stechenden Klassen angehörten.
Über Pará möchte ich nur wenig sagen, da ich keinen Führer dieser Tropenstadt des nördlichen Brasilien hier geben will. Ein sehr weitverbreiteter Irrtum muß jedoch aufgeklärt werden. Pará liegt nicht am eigentlichen Amazonenstrom, sondern wurde auf dem niedern, flachen rechten Ufer des Flusses erbaut, von dem es den Namen trägt, etwa 130 Kilometer südlich des Äquator. Der Gesundheitszustand der Stadt hat sich dank sanitärer Maßnahmen in den letzten Jahren wesentlich gehoben, und die einst verheerenden Fieberkrankheiten sind bedeutend zurückgegangen. Malaria ist bei längerem Aufenthalt noch immer häufig, aber es gibt kaum eine Gegend auf der Welt, die sich eines beständigen Sommers erfreut, wo diese Krankheit unbekannt wäre. Das früher so gefürchtete gelbe Fieber wurde gänzlich zum Erlöschen gebracht, und Pará ist jetzt eine recht gesunde und moderne tropische Stadt.
Es ist eine Stadt mit elektrischen Straßenbahnen, einem guten europäischen Hotel und Morgen- und Nachmittagszeitungen. Die Beliebtheit dieser Zeitungen ist in hohem Maße durch die beständige Hitze bedingt, die während der Mittagsstunden am drückendsten ist. In der Mehrzahl der hunderttausend Einwohner bringt sie einen Zustand der Erschlaffung hervor, bis der kühle Seewind ungefähr um 4 Uhr nachmittags einsetzt. Er hält bis zum Einbruch der Nacht an und macht die letzten Tagesstunden zur Arbeit geeignet. Sobald aber die Dunkelheit sich völlig auf die weißen Häuser und schwankenden Palmen herabgesenkt hat, bringt der nächtliche Landwind eine feuchte Kühle von den großen Wäldern über die ausgedörrte Erde und das Grün dieser prächtigen tropischen Stadt. Das Summen und Surren der Käfer und Insekten nimmt mit dem Scheiden des Tageslichts ab. Feuerfliegen schwirren wie winzige schwebende Sterne durch das dunkle Blätterwerk der Praça da Republica und des schönen, etwas weiter entfernten Bosque.
Im hellen Sonnenlicht eines tropischen Morgens wirkt das alte Pará mit seinen engen Gassen und farbigen Häusern unansehnlich und ein wenig verwahrlost, aber die moderneren Stadtteile besitzen mehrere schöne Straßen und Plätze mit palmenreichen Gärten und Denkmälern. An den Ankerplätzen und Kais liegen Schiffe vieler Nationen und seltsam aussehende Fahrzeuge. In der Nähe des Flusses befindet sich der prächtige Frei-Caetano-Brandão-Platz mit seinen Gärten. Breite Wege zwischen tropischen Anpflanzungen umkreisen das Denkmal des würdigen Bischofs, nach dem der Platz benannt ist. Die Praça da Republica bildet das Zentrum des gesellschaftlichen abendlichen Lebens der Stadt. In ihrer Nähe liegen das besuchteste Kaffeehaus und das Theater, schöne Steinbauten von klassischer Architektur. Das Theater ist nicht ständig geöffnet für wechselnde Truppen wie in England oder den Vereinigten Staaten, sondern nur dann, wenn eine reisende Konzertgesellschaft oder eine italienische Operntruppe Pará besuchen. Schauspiele werden nur selten gegeben. Die Brasilianer, Portugiesen, Italiener sowie die Mischlingsbevölkerung sind Liebhaber der Musik. Das merkt man sogar in den entlegenen Niederlassungen und Kautschukplantagen, wo die Töne einer Violine nicht selten nach Sonnenuntergang erklingen. Die beiden Treffplätze der englischen Kolonie sind der Klub und das Straßenrestaurant des Grand Hotel. Während man Eisgetränke oder ein schwelgerisches Diner zu sich nimmt, kann man alle Farbennuancen der einheimischen Gesellschaft im Schatten der riesigen Mangobäume an sich vorüberziehen sehen.
Viele Gebäude Parás sind im modernen Stil erbaut. Der Regierungspalast, die Kathedrale, das Krankenhaus und die Privathäuser mit ihren mächtigen Steinsäulen, alle fast begraben unter Schlingpflanzen und exotischen Blumen, brauchen hier nicht besonders erwähnt zu werden. Die hauptsächlichen Villenvorstädte sind Mosquerio, Chapeo Virado, Nazareth und São Jeronimo. Die beiden letzteren haben Straßenbahnverbindung mit dem Geschäftsviertel der Stadt. Da Pará vom Handel mit Kautschuk abhängig ist, der aus den Wäldern und Pflanzungen am untern Amazonenstrom kommt, hat es in den letzten Jahren, seit dem starken Fallen des Weltmarktspreises für Gummi, schlechte Zeiten durchgemacht. Aber der Anbau von Kakao und andern Rohprodukten wie auch das Aufstapeln und Verschiffen von brasilianischen Nüssen haben Arbeitslosigkeit und Elend wieder etwas ausgeglichen. Pará-Gummi ist auf der ganzen Welt berühmt, obwohl kaum zu sagen ist, warum er so genannt wird, da verhältnismäßig nur wenig im Staate Pará selbst gesammelt wird. Die Haupterzeugungsplätze in Brasilien befinden sich weiter oberhalb am Amazonenstrom und seinen großen Nebenflüssen, in dem weitausgedehnten, nicht sehr entwickelten Staate Amazonas. Gewaltige Massen bringt der Riesenstrom auch aus dem weit entfernten Bolivia und dem nordöstlichen Peru.
Als ich kürzlich in Pará war und an dem ersten Entwurf des vorliegenden Buches arbeitete, erneuerte ich meine Bekanntschaft mit dem Rev. Miles Moß, dem englischen Kaplan für das Amazonengebiet. Einer seiner Kirchensprengel befindet sich in Porto Velho, das etwa 3200 Kilometer entfernt ist! Mr. Moß ist ein leidenschaftlicher Mottenjäger und besitzt eine wunderbare Sammlung. Oft verbringt er die Nacht auf einer Plattform im Dschungel, die zwischen den oberen Ästen eines Baumes errichtet ist, vierzehn Meter über dem Erdboden. Mittels zweier starker Lichtquellen werden die Insekten angelockt. In dunkeln, feuchten Nächten schwirren Tausende von Motten, Nachtwespen, fliegenden Käfern, Gottesanbeterinnen und Fliegen jeder Art um die Plattform, angezogen vom Lichtschein in den Baumkronen. Wenn der strahlende Mondschein der Tropen die dunklen Wälder erhellt, sind die Jagdergebnisse jedoch nicht so glänzend. Zuweilen stellen sich auch unheimliche Besucher ein wie Affen, Baumschlangen und riesige haarige Spinnen, oder der Jäger befindet sich plötzlich in kleinen Wolken lästiger Schnaken. Mr. Moß hat viele Reisen den Amazonenstrom und Madeirafluß hinauf und hinab vollführt, nicht weniger als sechsmal das Innere Perus besucht und kürzlich drei neue Arten der Habichtsmotte (Isognathus) entdeckt, eine in Pará, eine in Manáos und eine in Pernambuco. Zum ersten Male war ich vor Jahren, in Lima, mit diesem gelehrten und leidenschaftlichen Naturforscher zusammengetroffen.
Eine herrliche Tropennacht fand mich im Stern einer kleinen Barkasse sitzen, die mich, die beiden Mischlinge, Fernando und Alberto, Gepäck und Lagerausrüstung zu dem von Mangroven umsäumten Strand der Jaguarinsel über die Bucht hinübertrug. Die breite Fläche des Flusses glitzerte im Schein des Mondes, unser winziges Fahrzeug schnitt wie durch silbernen Schaum, und die laue Wärme der Nacht tauchte das Bild in ihren Zauber. Meine Gedanken wanderten. Während ich zurückgelehnt meine Lieblingsbegleiterin, eine „Comerziale“, liebkoste und die dunklen Wälder auf allen Seiten betrachtete, begann ich über die Zukunft nachzugrübeln: Würde es mir gelingen, tief in jene so abweisend aussehenden Wälder einzudringen, deren Umrisse sich hart von dem gelben Licht abhoben? Ich dachte an die unbekannten Gefahren und Schauspiele, die mich auf fernen Flüssen erwarteten; das Vorhandensein merkwürdiger und vielleicht feindlicher Indianerstämme; die Möglichkeiten, fast allein auf mich angewiesen, die noch Tausende von Meilen entfernten Sumpf- und Urwaldregionen zu erreichen.
Obwohl ich gerade kein Neuling im Reisen abseits der gewöhnlichen Straße war, muß ich gestehen, daß mir in jener Nacht das Herz klopfte, als ich die Lichter der Stadt allmählich immer undeutlicher werden sah. Stärker klopfte es als zu irgendeiner Zeit während der folgenden Monate voll von Mühen und Gefahren. Wie eine Last senkte sich die Größe und Verlassenheit dieser Unendlichkeit von Pflanzenwuchs und Gewässer niederdrückend auf meine Seele. Ich wußte, daß sie sich nach beinahe jeder Richtung mehr als 3000 Kilometer ausbreitete. Die menschlichen Leistungen schienen sich plötzlich in ihrer ganzen Nichtigkeit zu enthüllen, gehalten gegen die eindrucksvolle Ungeheuerlichkeit der Natur. Die Unermeßlichkeit der Wälder und Flüsse des Amazonas erfüllte mich mit Schrecken.
Möglich, daß ein augenblickliches Versagen der menschlichen Fähigkeiten, hervorgerufen durch das plötzliche Bewußtwerden der schrankenlosen Einsamkeit, manche rätselhafte Tragödien verschuldet hat, denen Forschungsreisende und Pioniere in unbewohnten Teilen der Erdoberfläche erlagen. Es ist bekannt, daß Leute auf den winterlichen Schneefeldern der Wildnisse Kanadas und Alaskas wahnsinnig werden, wenn sie zu lange von der Gesellschaft ihrer Mitmenschen getrennt sind. Auf der großen Paciencia-Ebene und in der Wüste von Atacama in Chile gaukelt die menschliche Phantasie Trugbilder und vermeintliche Stimmen in nächster Nähe vor. Unglückliche, die man auffand, nachdem sie über die unendliche trügerische Fläche dieser Saharas des Südens gewandert waren, hatten entweder den Verstand verloren oder waren nackt und tot.
Ich kannte solche Geschichten, und sie fielen mir ein, während wir über die Parábucht fuhren. Es handelt sich dabei nicht um Anfälle körperlicher oder geistiger Schwäche, sondern um ein gemeinsames Erbe der menschlichen Zivilisation, das die Menschen in den Städten sich zusammendrängen läßt, während das offene Land der Freiheit und der Sonne verlassen liegt und nur wenigen zur Heimat wird.
Im Schatten der Mangroven verschwand das Licht des Mondes, als die Barkasse plötzlich in das Dunkel eines schmalen Wasserlaufs einfuhr, der die Mitte der Insel durchzieht. Solche Wasserläufe heißen in der Tupisprache Igarapés; Igara bedeutet Kanu, Pé Pfad. Hohe Bäume strebten auf allen Seiten wie Mauern aus dem phantastisch verschlungenen Pflanzengewirr empor. Die Sterne verloschen und das Licht wurde trübe. In einem Augenblick waren wir von der Außenwelt der lebendigen Menschen in die schweigende, dumpfe Einsamkeit des großen tropischen Waldes versetzt worden. Ein leichter Schauder lief mir über den Rücken, und ich lachte laut, um den Zauber zu brechen. Später, in den Tiefen der unbekannten Dschungeln, erinnerte ich mich dieses Schauders und des alten Aberglaubens, der mit ihm verbunden ist.
3. Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß.
Meine erste Nacht im tropischen Urwald der Jaguarinsel war qualvoll. Sie bildete das Vorspiel zu vielen ähnlichen Erlebnissen von dem, was man nicht unrichtig den „sichtbaren Äquator“ genannt hat. Überall in der tropischen Zone dürfte ohne Instrumente und mathematische Berechnungen die Bestimmung schwierig sein, wann die Nullinie geographischer Breite überschritten wird. Die populären Vorstellungen von Klima und Aussehen von Land und Meer längs des Äquators sind häufig völlig falsch. Eine spiegelglatte Meeresoberfläche, ein blitzblauer Himmel und strahlender Sonnenschein bilden keineswegs immer die atmosphärischen Bedingungen, die auf dem Äquator herrschen.
Die Mündung des Amazonenstroms, 400 Kilometer von Inseln zwischen einer grünlichgelben Flut, trifft auf den Südatlantischen Ozean zwischen dem zehnten Grad südlicher und zehnten Grad nördlicher Breite. Die anstoßenden Meeresteile unterliegen dem Einfluß der nordöstlichen und südöstlichen Passatwinde, die oft einen grauen Himmel und kurze Nachmittagsregen mit sich bringen. Am besten wird man die Atmosphäre mit dumpfig und feuchtheiß bezeichnen. Man kann sich kaum einen Meeresstreifen denken, der den allgemeinen Vorstellungen von den Tropen mehr widerspräche. Erst dann tritt eine Veränderung ein, wenn man sich der Mündung des Amazonenstroms oder des Paráflusses nähert. Schon in einer Entfernung von 1600 Kilometer verliert sich allmählich das Grau des Nordost-Passats, und das wunderbare Blau des glasigen Stilltegürtels tritt an seine Stelle. Dann bringt der Landwind Nachmittagsregen, und die Farbe des Meeres verwandelt sich von Blau in ein gelbliches Grün, denn der Amazonenstrom färbt den Ozean über 160 Kilometer weit.
Eine niedrige, mit Palmen besetzte Küste steigt langsam über den Horizont: Salinas mit seinem Leuchtturm. Die weißen Gebäude von Pará, die grüne Insel Marajó und andere Orte ziehen wie in einem Sommernachtstraum vorüber. Alles ist eingeschlossen von den großen tropischen Wäldern, und dem Reisenden steigt die Ahnung auf, daß hier die Tropen seiner Träume sich befinden, der „sichtbare Äquator“, ohne daß er Instrumente oder geographische Kenntnisse zu Hilfe riefe. Auf etwa 5000 Kilometer folgt der Riesenstrom der Mittellinie der Erdoberfläche.
Genug von dieser Abschweifung! Die Barkasse legte am Ufer der Jaguarinsel an, und die funkelnden Sterne waren nur noch wie durch einen Trichter im Ausschnitt des Baumdickichts zu sehen. Überall schloß sich die schwarze Mauer des Urwalds um uns zusammen. Die bedrückende Stille wurde nur durch das Summen und Schwirren zahlloser Insekten unterbrochen. Das Aufschlagen des Lagers ist immer eine mühselige Angelegenheit, weil es nach den Arbeiten des Tages kommt. In der Arktis wird die Wirkung der Kälte mit dem Sinken der menschlichen Widerstandskraft fühlbarer, und unter den Tropen scheint die Hitze mit der Dunkelheit zuzunehmen, der Blutdurst der Insekten mit ihrer Unsichtbarkeit zu wachsen, die dünnste Kleidung zu ersticken und am Körper zu kleben, weil des Tages Hitze und Bürde voraufgingen. Das erste Lager aufzuschlagen und die neue Ausrüstung in Ordnung zu bringen, dauert natürlich länger als später, denn so sorgfältig und systematisch das Verpacken auch vorgenommen wird, etwas Wesentliches ist stets nicht zu finden. In diesem Fall war es der wasserdichte Bodenbelag meines Zeltes, das ich auf Reisen außerhalb der Zivilisation immer mit mir führe.
Schließlich war alles aus der Barkasse an Land gebracht, die unter mühseligem Schnaufen einen Weg durch den engen Igarapé in die Parábucht hinaus suchte und uns drei zwischen den schwarzen Mauern des Waldes in der geheimnisvollen Stille der tropischen Nacht zurückließ. Ein wenig ermüdet von den Anstrengungen des Lageraufschlagens und Abendessen-Kochens in der heißen und feuchten Luft des dichten Dschungels legte ich mich mit meiner Pfeife in die zwischen Böcken aufgespannte Hängematte, die für die nächsten Monate meine Schlafstätte bilden sollte. Vielleicht interessiert es den Leser zu erfahren, daß die Südamerikaner sich quer in die Hängematte zu legen pflegen mit einem Kissen, um den Kopf zu stützen. Es ist die einzige mir bekannte Methode, um nicht vom Krampf gepackt zu werden, wenn man wochenlang krummgebogen schlafen muß, mit Kopf und Füßen viel höher als der Rest des Körpers. Die Hängematte ist einem Feldbett vorzuziehen, weil sie dem Heer kriechender und krabbelnder Insekten weniger leicht zugänglich ist, wie auch den Ameisen, den Herren der Wälder des Amazonas. Nötig sind auch Moskitostiefel, die ich vorsichtigerweise anzog, nachdem das Lager fertig war und ich meine ein wenig schwere Tourenkleidung gewechselt hatte. Aber dadurch wurden die ersten beiden Stunden der Nacht um nichts friedlicher. Das frische Blut des Neuangekommenen lockte die Moskitos, meinen Nacken und meine Handgelenke in Angriff zu nehmen. Große Motten, die vom Licht im Zelt angezogen wurden, waren nicht minder lästig, bis Fernando den wirklich genialen Einfall hatte, unsere kleine Petroleumlampe an einem Baum aufzuhängen, ein paar Meter vom Lager entfernt. Fast augenblicklich verminderte sich die Zahl und Angriffslustigkeit der verwünschten Insekten, und die kohlpechrabenschwarze Finsternis wirkte so eintönig, daß nichts übrigblieb als einzuschlafen.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren trotz eines Patent-Moskitonetzes, das über die ganze Hängematte gezogen werden konnte, Gesicht und Handgelenke so verschwollen und von Bissen und Stichen entzündet, daß ich mich nicht einmal rasieren konnte. Die Erfahrung bei ähnlichen Gelegenheiten hatte mich aber gelehrt, die roten Stellen mit ein wenig reinem Alkohol zu behandeln, um Schmerz und Entzündung zu mildern. Es eilte uns, mit der vorläufigen Prüfung der Lagerausrüstung so schnell als möglich fertig zu werden. Allen unerfahrenen Reisenden sei eine solche Prüfung aufs wärmste empfohlen, ehe sie den Bereich der Zivilisation verlassen, wenn auch die damit verbundene Verzögerung des eigentlichen Expeditionsbeginns noch so auf die Nerven geht. Wir machten uns also daran, alles am vorhergehenden Abend ans Land Gebrachte auszupacken und setzten die Arbeit eines vollen Tages daran. Unter anderm mußten auch die Wasserflaschen gefüllt und die Filter ausprobiert werden, die das Trinkwasser zwar klären, aber keineswegs reinigen, so daß es nötig ist, ein oder zwei besondere Kessel zum Abkochen mit sich zu führen.
Ein tropischer Regenguß um vier Uhr nachmittags enthüllte bald die verwundbaren Stellen unserer Rüstung gegen Feuchtigkeit. Segeltuchsäcke sind gänzlich nutzlos. Sie lassen Wasser durch und werden furchtbar schwer, selbst wenn sie nur Gegenstände enthalten, die durch abwechselndes Eingeweicht- und Von-der-Sonne-wieder-Geröstetwerden nicht verderben. Ein Bodenbelag im Zelt aus wasserdichtem Segeltuch ist eine Wohltat, nicht nur des Schutzes gegen Ameisen und andere erdbewohnende Insekten wegen, sondern auch, weil er die Feuchtigkeit beim Lagern auf sumpfigem Boden abhält. Die photographische Kamera muß für die Arbeit im Freien aus tropensicherem Mahagoni verfertigt und in wasserdichte Blechbehältnisse verpackt sein. Films werden am besten zu je sechs Rollen in Blechkanistern untergebracht. Die Fugen des Deckels verklebt man mit Heftpflaster, um das Eindringen der feuchten Luft zu verhindern. Das Pflaster kann man abreißen, wenn man die Films braucht, und wieder daraufpressen, nachdem man die fertigen Films in den Kanistern verstaut hat.
Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß der Sonnenstich trotz der großen Hitze im Amazonengebiet unbekannt ist. Ob das von der Feuchtigkeit der Atmosphäre kommt oder durch andere Ursachen bedingt wird, ist schwer zu entscheiden. In diesem Zusammenhang mag bemerkt werden, daß die chemische Wirkung des Lichtes für die Tropen außergewöhnlich gering ist, soweit das Photographieren in Betracht kommt. Eine Augenblicksaufnahme wird nur sehr wenige Einzelheiten bringen. Bei Aufnahmen von unbewegten Gegenständen bringt eine Belichtungsdauer von sechs Sekunden, stark abgeblendet, bei weitem die besten Ergebnisse. Längeres Belichten ist jedoch im dichten Dschungel nötig, auch dort, wo das Licht verhältnismäßig gut zu sein scheint.
Die Entdeckung der geringen chemischen Lichtwirkung war für mich eine große Überraschung und kostete mich nicht wenig verdorbene und unterbelichtete Films. Ein Mediziner, der die Sache studierte und viele Reisen auf dem Amazonenstrom machte, leitete aus dieser merkwürdigen Erscheinung die Abwesenheit des Sonnenstichs ab. Einerseits erspart dieser Umstand dem Forscher die Notwendigkeit, einen Tropenhelm, einen Nackenschützer, grüne Schleier oder Augengläser zu tragen, macht aber andererseits die Amateuraufnahmen vom Leben der Eingeborenen in den Urwäldern, von beweglichen Dingen, wie Vögeln und wilden Tieren, sehr schwierig, wenn auch durchaus nicht unmöglich, sobald man erst einige Erfahrung gewonnen hat.
Während des zweiten Tages unseres Aufenthalts auf der Jaguarinsel hatte ich Gelegenheit, einen Einblick zu tun in den wahren Charakter meiner beiden Halbblut-Begleiter. Ein weiterer Aufenthalt von einem Tag vor der Rückkehr nach Pará würde es mir ermöglicht haben, einige Versuche in Hinsicht auf die Zweckmäßigkeit der in meine beiden Kameras eigens eingepaßten Objektive anzustellen, was durch die Entdeckung von der geringen photographischen Lichtwirkung nötig geworden war. Obwohl es mir eilte, weiterzukommen, schien es doch rätlich, sich erst der vollen Brauchbarkeit jenes Instrumentes zu versichern, das fast jeder ernsthafte Reisende als Hauptbestandteil seiner Ausrüstung mit sich führt. Gegen diese Verzögerung erhoben aber die beiden Mischlinge Einspruch mit der Begründung, sie verlören dadurch zu viel kostbare Zeit. Hätte ich mir damals klargemacht, daß gegenüber Angehörigen von Mischrassen eine entschlossene Haltung von wesentlicher Bedeutung ist, wenn der Erfolg einer Forschungsreise nicht in Frage gestellt werden soll, so würden mir vielleicht nicht geringe persönliche Widerwärtigkeiten in der Zukunft erspart worden sein. Andererseits hätten mir aller Wahrscheinlichkeit nach einige weitere Tage auf der kleinen Insel genügt, Einblicke nicht nur in den wahren Charakter, sondern auch in die persönlichen Gewohnheiten meiner Begleiter zu gewinnen. In diesem Fall würde ich sie wohl unter keinen Umständen als Begleiter an der langen und gefährlichen Reise nach dem Tapajóz-Plateau angenommen haben.
Es ist unnütz, den Leser mit weiteren Einzelheiten der Rückkehr nach Pará und der letzten Vorbereitungen für die Abreise meiner kleinen Expedition zu langweilen. Wir verließen den Kai, am Ende der Central Avenue, in dem kleinen Flußdampfer mit seinen wenigen engen vierschläfrigen Deckkabinen und fuhren um die zahlreichen waldigen Inseln herum in jenen Teil des Paráflusses hinaus, der den Namen der Bucht von Marajó trägt.
Dieser Mündungsteil des großen Amazonenstroms wurde zuerst von den Seefahrern entdeckt und „Süßwassermeer“ getauft. Die Wasserbehälter werden meistens hier aufgefüllt, da das Wasser frisch und, wenn filtriert, zum Genuß geeignet ist. Einige Stunden, nachdem die Nacht sich auf die weite, schweigende Wasserfläche und die fernen Wälder herabgesenkt hatte, kamen wir an der Mündung des Tocantinsflusses vorüber und fuhren in den eigentlichen Amazonenstrom ein.
Was sich während der nächsten vierzehn Stunden ereignete, ist vom Schleier des Geheimnisses bedeckt. War es die verhältnismäßige Behaglichkeit der kleinen Kabine, deren ich mich allein, dank der Güte der Beamten und anderer Freunde in Pará, erfreute, oder war es die kühle Brise vom offenen, hier sehr breiten Strom her nach den qualvollen Nächten auf der Jaguarinsel — das vermag ich nicht genau festzustellen. Aber jedenfalls schlief ich so gut, daß ich das kleine, aus Fisch und Früchten bestehende Frühstück auf dem Hinterdeck versäumte und mich mit schwarzem Kaffee und Biskuits bis zum Lunch begnügen mußte.
Wir befanden uns nun in den berühmten Engen des Amazonenstroms. Die Tausende von bewaldeten Inseln legen sich so zusammen, daß der reißende Strom häufig auf weniger als 180 Meter eingeschnürt wird — ein Gegensatz zu den 50 Kilometer gegenüber Pará! Die gelbe Flut schießt zwischen den grünen Inseln in mannigfachen Richtungen dahin; ein Schauspiel großartiger tropischer Schönheit. Die zierliche Assaipalme mischt ihre federartigen Wedel in das Blättergrün zahlloser anderer Baumarten, Lianen hängen in Schleifen und Girlanden von den luftigen Ästen der Urwaldriesen, gewaltige Wurzeln ragen wie Strebepfeiler aus dem Gewirr des Unterholzes, und auf den Lichtungen und den schmalen Igarapés wandelt sich der strahlende Sonnenschein der Tropen zum Dämmern grünlichen Zwielichts.
Hier und da erheben sich die mit Palmstroh bedeckten Behausungen der Caboclos, der halbblütigen Kautschuksammler, auf dünnen Pfählen über die überfluteten Ufer. Die primitiven Hütten stehen gleichsam im Schatten der gewaltigen äquatorialen Urwälder. Die Armut dieser Flußleute ist oft schrecklich. Die nackten Kinder, die in den roh ausgehöhlten Kanus spielen, dem einzigen Verkehrsmittel, tragen alle Zeichen der Unterernährung an sich. Sich auf dem Lande zu ergehen, ist ihnen des dichten Dschungels wegen verwehrt. Das Hauptnahrungsmittel besteht aus Mandiokamehl, das Magenerweiterungen und Blutarmut verursacht. Neunzig von hundert dieser Kinder sollen an Hakenwürmern, Malaria und Bleichsucht leiden. Flußfische und Waldfrüchte bilden die sonstige Nahrung dieser merkwürdigen Mischrasse aus Indianern und Portugiesen, die an den Ufern der fast überall zugänglichen Flüsse des Amazonenbeckens wohnt. An den Uferrändern der Engen des Amazonenstroms finden sich außerdem viele Indianer, halbzivilisierte Nachkommen der einst mächtigen Tupination. Von den Caboclos unterscheiden sie sich durch ihren kleinen Wuchs, die braune Hautfarbe und eine vierschrötige, muskulöse Gestalt. Sie sprechen die „Lingoa Geral“, die als Verständigungsmittel zwischen den Portugiesen, den Caboclos und den Indianern dient, einen verdorbenen Tupidialekt, leben in Familien und haben seltsam verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse. Geschwisterkinder sind unbekannt, und alle Enkel eines Großvaters werden als Brüder und Schwestern betrachtet!
Die Weiber gehen bei den Caboclos und Indianern halbnackt oder in leuchtend roten Röcken; die Männer tragen selten mehr als schmutzige Unterhosen und einen Strohhut. Ihre mit Palmstroh gedeckten, auf Pfählen über der gelben Flut erbauten Hütten, mit den Kronen der Riesenbäume drüber statt des Himmels, machen einen trübseligen Eindruck. Sie bestehen aus einem Raum, der beinahe keine Einrichtungsgegenstände, nicht einmal Kochgerätschaften enthält. Außer einer Schilfhängematte und einigen irdenen Töpfen ist dort nichts zu sehen. Fast den ganzen Tag bringen sie auf der von Pfählen getragenen Plattform zu, die das einzige Wohngemach umgibt.
Zuweilen kommen sie zu einem Tanz zusammen, der meist abends stattfindet beim flackernden Schein eines angezündeten Holzhaufens. Die älteren Leute singen eine langsame, traurige Melodie, mit vielen Wiederholungen, zu der sie mit Gefäßen voll trockener Erbsen, die geschüttelt werden, eine Art Begleitung spielen. Dazu schleifen die jungen Caboclos mit den Füßen und verdrehen den Körper, was weder graziös noch künstlerisch aussieht. Sieht man solche Tänze im Dickicht der großen Wälder oder am mondbeschienenen Strand mit dem dunkeln, schweigenden Fluß vorn und der schwarzen Wand des Dschungels als Hintergrund, von dem sich die rote Glut des Holzfeuers abhebt, so machen die langsamen, schattenhaften Bewegungen der Gestalten und das rhythmische Gerassel der Erbsenbehälter einen unheimlichen und im höchsten Grad barbarischen Eindruck.
Während der letzten Tage des Juni begehen die Caboclos alljährlich das Fest von St. Juan (Johannes des Täufers). Dabei gibt es Tänze und seltsame Zeremonien, die ihren Höhepunkt in einer Art von Karneval am 24. Juni erreichen. Fast jede der nah und fern über die Ufer der 30000 Kilometer schiffbarer Flüsse verstreuten Familien zündet ein Feuer im Freien an und nimmt um Mitternacht ein wohlriechendes Bad. In den vielen kleinen Niederlassungen längs der verschlungenen Flüsse kommt man maskiert zusammen. Die Leute verkleiden sich als Stiere mit Kopfschmuck und Hörnern oder als wilde Indianer mit Tukanfedern, Bogen und Pfeilen. Wilde Musik und Tänze füllen die Stunden aus zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht, dann kommt das wohlriechende Bad.
Fast vor jeder Caboclohütte stehen auf der Plattform über dem Fluß oder Sumpf irdene Töpfe, in denen gewisse Pflanzen wachsen. Sie dienen dazu, um das Bad an jenem großen Festtag der Mischlingsbevölkerung zu parfümieren, die das dünne Band einer Halbzivilisation an den Ufern der vielen schiffbaren und befahrenen Flüsse des Amazonengebiets bildet. Es sind harmlose und freundliche Leute, wenn sich auch das impulsive Temperament der Indianer zuweilen in einer Messerstecherei Luft macht.
Obwohl die Hütten dieses Flußvolks, des Steigens der Flüsse wegen, fast stets auf Pfählen errichtet sind, kommt es nicht selten vor, daß die Leute bei außergewöhnlichem Hochwasser ganze Tage auf den Dächern zubringen müssen. Die an den Stromengen Hausenden sind hauptsächlich Cearaetze oder Eingeborene aus dem Staat Ceara, die zwangsweise aus diesem wüstenartigen Gebiet während einer Trockenperiode deportiert und in den feuchten äquatorialen Wäldern des untern Amazonenstroms angesiedelt wurden. Ihre Haut- und Haarfarbe ist verhältnismäßig hell, während die, die am Oberlauf des Amazonenstroms und an den entlegeneren Flüssen hausen, dunkler sind und mehr den zivilisierten Indianern gleichen. Aber es ist unmöglich, allgemein zutreffende Angaben zu machen, weil auch Neger, d. h. freigelassene Sklaven, und ihre Abkömmlinge sehr zahlreich sind und die Mischung der verschiedenen Rassen allerlei Merkwürdigkeiten in Farbe und Typus hervorgebracht hat.
Nachdem die 200 Kilometer langen Stromengen durchfahren sind, gewahrt man auf den mit dichten Wäldern bestandenen Uferbänken nur wenig Zeichen des Lebens. Im Düster der Riesenbäume wird trockenes Land nur selten sichtbar, und das erklärt bis zu einem gewissen Grad das Fehlen der Fauna. Zuweilen wird die Stille der tropischen Nacht von dem fernen Geheul eines Jaguars unterbrochen oder dem Lärmen einer aus dem Schlaf geschreckten, schreienden Affenkolonie. Ehe in den frühen Morgenstunden der dünne, weiße Nebel von Fluß und Dschungel verschwunden ist, kann man häufig von der Mitte des Flusses aus das Kreischen der Papageien und das Geschnatter der Affen hören.
Dicht am Ufer sieht man oft Papageien, Araras, weiße Reiher, Kormorane und Enten zwischen ihren Nahrungs- und Brutplätzen hin- und herfliegen. Zuweilen scheucht das Geräusch des Dampfers einen Königsfischer oder Reiher auf oder man bekommt einige Schopfhühner zu Gesicht, lebende Verbindungsglieder zwischen Pterodaktilus und Vogel. Riesenfische, mit den Kinnladen einer Bulldogge und vorstehenden Augen, tauchen aus der Tiefe der gelben Flut, um den Abfall der Schiffsküche aufzuschnappen, und hoch über den gewaltigen Wäldern ziehen in schwerfälligem Flug die schwarzen, geierartigen Urubú (Rabengeier) dahin oder kreist langsam der amazonische Adler. Flußdelphine erscheinen gelegentlich an der Oberfläche des Flusses, und zur Zeit des Niederwassers sind in der Mittagshitze sich sonnende Alligatoren kein seltener Anblick.
In den Quellgebieten der abgelegenen Amazonenflüsse sind die Alligatoren so zahlreich, daß sie eine beständige Gefahr bilden. Dort kommt auch der Piranha genannte Kannibalenfisch vor, von dem ich später noch mehr berichten werde.
Auf der Fahrt nach dem Tapajóz-Plateau war ich noch nicht lange genug im Amazonengebiet, um die bittere Wahrheit der Behauptung zu verstehen: „Hinter jedem Blatt ein Insekt und in jeder Blume wenigstens eine Ameise.“ Zwar hatte ich den fast ununterbrochenen Lockruf der Käfer vernommen, das Zirpen einer Art Grille, das unaufhörliche Summen und Surren der zahllosen Insekten, aber noch keine Wespennester so groß wie Kokosnüsse gesehen, Armeen von Sauba-Ameisen, Büsche bedeckt mit „Micuims“, lästigen Zecken, die sich zu Hunderten unter die Haut eingraben, wenn man durch das Dickicht des Urwalds wandert. Auch war ich noch wenig vertraut mit der nächtlichen Tätigkeit der Sandflöhe, Sandfliegen und der ungeheuern Spinnen, von denen manche ein rotes Kreuz als Zeichen der Gefährlichkeit auf ihrem widerlichen Rücken tragen. Einige wenige Schlangen hatte ich in verschiedenen Gegenden Südamerikas zu Gesicht bekommen, aber die waren nichts im Vergleich zu den Stücken, die ich später in den Sümpfen des Madeiragebiets antraf. Als daher der kleine Flußdampfer sich entschloß, einige Stunden in Santarem anzuhalten, der hübschen, kleinen Niederlassung an der Mündung des Tapajózflusses, machte ich mich auf, die Stadt und die sie umgebenden Dschungeln zu besuchen, um meine vernachlässigte Erziehung zu vervollständigen.
Die Vereinigung des dunkelgrünen Tapajózflusses mit der gelben Flut des Amazonenstroms, gegenüber Santarem, bietet einen merkwürdigen Anblick. Die Gewässer vermischen sich nicht, sondern bilden Farbenflecken und Miniaturwirbel weithin über die ungeheure Fläche des wie gescheckten Stromes. Das Land an beiden Mündungsufern des mächtigen Nebenflusses besteht aus imponierenden waldbedeckten Klippen und Hügeln. Zwischen dem Vegetationsgeflecht wird stellenweise der rote Sandstein sichtbar. In den tiefer gelegenen Dschungeln gibt es Palmen der verschiedensten Art, weiter oben aber, auf dem trockenen Grund, erheben sich die Riesen des Urwalds, und das Unterholz nimmt ab.
Hätte ich sonst keine Erfahrungen auf meiner Wanderung um Santarem herum gemacht, so würden mir mehrere qualvolle Stunden erspart geblieben sein. Wenn man aber einmal von den „Micuims“ gebissen wurde, ist das beste Heilmittel „Cacash“, ein billiger, einheimischer, starker Sprit, in dem man sich glücklicherweise auch ein Bad leisten könnte. Er lindert die Stiche der Moskitos und die durch Hunderte von kleinen Parasitenarten verursachten Entzündungen. Neulinge im Reisen in den Wäldern des Amazonas pflegen über die Quälgeister noch kräftiger zu fluchen, als über alle sonstigen Beschwerlichkeiten. Zum Glück ist der kühle Fluß frei davon.
Als die Sonne wie gewöhnlich in einem Strahlenglanz von gelben, roten und purpurfarbenen Wolken unterging und den stillen Strom, die Palmen, Klippen und weißen Landhäuser in ein Meer von Gold und Karmesin tauchte, nahm das Violett des Tapajózflusses die Farbe rötlichen Schaumes an. Aber während die erste Asche der eben angezündeten Zigarre zu Boden fiel, war das Feuer im Westen schon erloschen, und die Lichter Santarems wurden von den dunklen Mauern des tropischen Waldes aufgeschluckt.
Hinter Santarem bildet der Tapajóz eine etwa 15 Kilometer breite, trichterförmige Bucht, die nach Süden, in das Herz des Kontinents, hineinführt. Während der nächsten 80 Kilometer verengert er sich aber wieder allmählich bis auf weniger als drei Kilometer bei der kleinen Niederlassung Aveiros. Bald nach Sonnenaufgang hielt der Dampfer an einer „Barraca“ oder einem Magazin, etwa 100 Kilometer stromauf, um seine Vorräte an Heizmaterial zu ergänzen. Die kleinen Holzklötze waren auf einer wackeligen Plattform aufgeschichtet, die sich dicht am Ufer über das dunkelgrüne Wasser erhob. Abgesehen von den Kanus wird die ganze Flußschiffahrt im Amazonengebiet mit Holzfeuerung aus den umliegenden Wäldern betrieben. Die Bäume werden von den Caboclos, den Sammlern von Kautschuk und brasilianischen Nüssen, gefällt, zerkleinert und den Dampfern an den Barracas verkauft. Auch die zur Ausfuhr bestimmten Produkte des Waldes werden hier aufgestapelt. Diese niedern Schuppen auf ihren Holzpfählen bilden ein charakteristisches Bild an allen stark befahrenen Flüssen des Amazonengebiets. Sie scheiden die bekannten Routen von den unbekannten. Wo es keine Barracas gibt, können nur Kanus zu Erforschungszwecken mit Erfolg benutzt werden.
Vor wenigen Jahren erschienen einige unerfahrene Reisende an der Schwelle eines entlegenen Gebiets des brasilianischen Guyana in einer sorgfältig ausgerüsteten Motorbarkasse, die sie auf dem Deck eines Frachtdampfers mitgeschleppt hatten. Unnötig zu sagen, daß sie über dreihundert Kilometer von der Basis ihrer Benzinversorgung nicht hinausgelangten, und das in einem Gebiet, wo eine Kanureise von 1500 Kilometer für nichts Besonderes gehalten wird!
Vom Verdeck des Dampfers aus scheint das Wasser des Tapajózflusses von flaschengrüner Farbe, aber während Brennholz an der Barraca eingenommen wurde, benützte ich die Gelegenheit, dieses merkwürdige Flußwasser in einem Glas und unter dem Mikroskop zu untersuchen. Es sah nun kristallklar aus mit nur wenigen pflanzlichen Bestandteilen an der Oberfläche; ganz im Gegensatz zu dem schlammartigen, gelbbraunen Wasser des Amazonenstroms. In seinem Unterlauf zieht der Tapajóz breit und stattlich dahin zwischen Uferbänken, die bis zu beträchtlicher Höhe ansteigen und rote Felsen zwischen den Riesen des Urwalds hervortreten lassen. Die Schiffahrt geht aber doch nur von der Mündung bei Santarem ungefähr 240 Kilometer weit bis zu einem Häuflein aus Luftziegeln errichteter Hütten, das sich stolz Itaituba nennt. Über diesen Punkt hinaus ist das Flußbett von einer Reihe gefährlicher Stromschnellen unterbrochen, und das angrenzende Gelände ist nur halb erforscht, obwohl Franco, Wickham und Rondon zu verschiedenen Zeiten des letzten Jahrhunderts viele hundert Kilometer weiter vorgestoßen sind.
Das Fehlen jeglichen andern Beförderungsmittels nötigte mich in Itaituba zum Ankauf eines geräumigen Kanus oder Batalõe. Als der kleine Dampfer im „Hafen“ angelegt hatte, beeilte ich mich, die bräunlichen Beamten aufzusuchen, an die ich Empfehlungsbriefe in Pará erhalten hatte. Eine nähere Bekanntschaft mit den paar verfallenen Vorratshäusern und Ziegelhütten des Ortes verstärkte noch meinen Entschluß, ein Nachtquartier dort wenn möglich zu vermeiden.
Aber wehe den Plänen der Menschen in dieser geheimnisvollen Region der Urwälder und Gewitter! Kaum hatte sich die Sonne hinter die Baumwipfel gesenkt, als der ganze Himmel im Feuer zu stehen schien. Drei Stunden lang hielt das Gewitter an, ohne daß das leiseste Geräusch des Donners oder vom Aufklatschen von Regentropfen zu hören gewesen wäre. Es blitzte nur unaufhörlich, daß die Augen fast geblendet wurden. Lautlose Flächen- und Zackenblitze — auch Fluß und Wald schienen den Atem anzuhalten.
Glücklicherweise hatten wir Vorräte und Ausrüstung noch nicht ausgeladen und brachten die Nacht an Bord des Dampfers zu. Itaituba hat dem in privaten oder Amtsgeschäften Hierherkommenden keine Bequemlichkeit zu bieten, die über ein Dach und eine Hängematte hinausginge. Seine Einwohnerzahl beträgt etwa 500 Köpfe, und bemerkenswert ist es nur als Aufenthalt von Mr. Wickham, der hier die Samen sammelte, aus denen später die malaiischen Gummipflanzungen hervorgingen. Gegen Mitternacht hörte das Blitzen auf, und der Regen setzte ein. Eine zischende und tobende Sintflut drang durch die überhitzten und gesprungenen Deckplanken, weckte während der zwanzig Minuten ihrer Dauer uns alle an Bord und ersäufte zwei Hühner, die an einem Stützbalken der Schiffstreppe angebunden waren.
Der nächste Morgen war von strahlender Schönheit, aber drückend heiß. Ganz gegen meine Erwartung gelang es mir, sofort ein Batalõe für die nicht übertriebene Summe von 15 Pfund zu erwerben. Der bisherige Besitzer dieses sonderbaren, unangestrichenen Fahrzeugs erzählte mir, daß Regengüsse wie der der gestrigen Nacht in dieser Jahreszeit selten wären, außer zwischen 3 und 4 Uhr jeden Nachmittag! Im Gebiete des untern Amazonenstroms verabredet man sich je „vor“ oder „nach“ dem täglichen Guß. An manchen Plätzen setzt er um Mittag, an andern etwa eine Stunde später ein. Selten hält er länger als einige Minuten an, außer während der stärksten Regenzeit im Januar, Februar und März.
Monate später erfuhr ich am eigenen Leib, was Reisen auf unbekannten Flüssen und durch sumpfige Urwälder während der Regenzeit in Wirklichkeit heißt. Ich hoffe keine Wiederholung zu erleben. Für mein erstes längeres Eindringen in die Wildnis des Amazonas hätte ich mir aber keine günstigere Zeit wünschen können. Es war die zweite Maiwoche und Trockenzeit, mit dem wesentlichen Unterschied, daß es zwar fast jeden Tag, aber doch nicht den ganzen Tag hindurch regnete.
4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus.
Von Itaituba flußaufwärts ist der Tapajóz fast unerforscht. Die Dampfschiffahrt findet hier ihr Ende, und die kartographisch nicht aufgenommenen Gewässer bereiten nun ernstlich auf das weite, unbekannte Innere vor. Nachdem wir unser Gepäck, die Lebensmittelvorräte und die Lagerausrüstung vom Flußdampfer in das Batalõe umgeladen hatten, verließen wir am 14. Mai die kleine, aber saubere Niederlassung, die von der Mündung des Tapajóz 240 Kilometer flußaufwärts abliegt. Noch kamen wir an einem Ort namens Itapeu vorüber, dann hatten wir, wenige Stunden nach der Abfahrt von Itaituba, alle Anzeichen der Zivilisation hinter uns gelassen.
An beiden Ufern zogen sich stellenweise dichte Wälder aus mächtigen Bäumen hin, im Hintergrund aber, besonders gegen Südwest zu, erhoben sich steile Felsen aus rotem Sandstein und dschungelbewachsene Hügel. Sie bildeten den Abfall des wenig erforschten Tapajózplateaus, das sich über eine weite Fläche hin ausdehnt: westlich bis zum Tal des Madeiraflusses, während es gegen Süden in das Plateau von Grosso übergeht, im Innern des Kontinents. Es wird niemals überschwemmt. Spätere Forschungen zeigten, daß das niedere Plateau, dessen Durchschnittserhebung über den Meeresspiegel etwa 250 Meter beträgt, aus einem unermeßlichen Wald riesenhafter Bäume besteht, überall durchflochten von der Cipó oder Mordrebe. Das Unterholz steht aber gegen alle Erwartung viel weniger dicht als in den niedern Flußtälern.
Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“.
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GRÖSSERES BILD
Moiré auf dem Amazonas.
An manchen Stellen sehen die Wasser dieses geheimnisvollen Flusses wie gelbes Moiréband aus.
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GRÖSSERES BILD
Kilometer nach Kilometer glitt das Kanu friedlich auf dem stillen, breiten Fluß dahin oder wurde durch Stromschnellen gezogen und mit Stangen fortgestoßen. Solche Stromschnellen befinden sich in der Nähe von Bella Vista und São Luis, von wo an eine Dampferverbindung vollkommen unmöglich wäre, da unmittelbar hinter dieser kleinen, unbedeutenden Niederlassung der Fluß durch Felsen und Stromschnellen gänzlich gesperrt ist. Das stundenlange Herumsitzen in verkrampfter Stellung, wie sie in einem schwerbeladenen Kanu allein möglich ist, wäre unerträglich geworden, hätten nicht zuweilen zackige Felsen, die schroff aus dem Wasser aufstiegen, Abwechslung in die eintönige Fahrt gebracht. Um die Felsen herum bildeten sich Wirbel von beträchtlicher Stärke. Für etwas aber war ich von ganzem Herzen dankbar, nämlich die Abwesenheit der Insektenschwärme, die auf manchen Flüssen des Amazonengebiets die Tage zu einer einzigen Qual und die Nächte kaum weniger peinigend machen. Dieser Vorteil wurde freilich durch die unbeschreiblich ekelhaften Gewohnheiten meiner beiden Begleiter aufgewogen. Es war zum erstenmal, daß ich allein durch die Wildnis mit Angehörigen einer Mischrasse reiste, deren Vokabular, abgesehen von einem halb brasilianischen, halb indianischen Lokalpatois, aus nicht mehr als 50 wunderlichen englischen Worten bestand, die sie im Dienst der Dampfschiffahrtsgesellschaft auf dem Amazonenstrom aufgeschnappt hatten.
Wir umgingen die Apuéfälle, die eigentlich aus einer Reihe von Stromschnellen bestehen, wo der Fluß sich durch Felsenengen in einer anscheinend wilden und verlassenen Gegend hindurchzwängen muß. Sieben Tage später, am 23. Mai, bekamen wir einige Indianer auf einer kleinen sandigen Strandstelle des Westufers zu Gesicht. Da wir gern einen Führer angeworben hätten, der die Eigentümlichkeiten und Gefahren der folgenden Flußstrecke kannte, wandten wir den Bug des Kanus gegen das Ufer. Fast augenblicklich verschwanden die bronzefarbigen Gestalten im Buschdickicht und erschienen auch nicht wieder, obwohl wir einen glänzenden Fußring und einige Perlenschnüre als Geschenke auf den Strand legten und das Kanu in den Fluß zurückstießen. Zwei Stunden warteten wir, dann legten wir von neuem an, da es uns unklug schien, die Geschenke bei unserm beschränkten Vorrat zu opfern, ohne dafür einen Führer zu bekommen. Kaum hatten wir sie wieder im Kanu geborgen, als ein Pfeil über unsere Köpfe schwirrte, worauf wir keine Zeit verloren, in die Mitte des Flusses zurückzurudern.
Ungefährer Berechnung nach hatten wir nun etwa 220 Kilometer von den ersten Stromschnellen an zurückgelegt, die die Dampfschiffahrt auf dem Oberlauf dieses prächtigen Flusses wirklich unmöglich machen. Der durchschnittliche Fortschritt betrug also stündlich nur ungefähr 3 Kilometer. Die Gründe für die Langsamkeit unseres Weiterkommens lagen einmal darin, daß wir viel Zeit hatten damit zubringen müssen, das schwer beladene Kanu durch die schäumende Flut zu ziehen, oft bis zur Brust im Wasser stehend, oder es um Hindernisse herum über Land zu tragen; zum zweiten in den voraufgegangenen Regengüssen flußaufwärts, so daß wir eine ungewöhnlich starke Strömung beständig gegen uns hatten.
Die Uferbänke waren an mehreren Stellen unterwaschen. Während der Hochwasserzeit, gegen Ende Juni, entstehen hier Überschwemmungsseen von 50 Kilometer Länge und 10 Kilometer Breite, weil das Hochwasser des Amazonenstroms die Gewässer der Nebenflüsse zurückstaut. Bei unserm spätern Rückzug den Tapajóz hinab war die Fahrt auf diesen Riesenseen wegen der herumschwimmenden Baumstämme und anderer Hindernisse weder sicher noch leicht.
Der übliche Regenguß, der seit Antritt der Fahrt uns alltäglich heimgesucht hatte, blieb am 25. Mai aus. Gegen 3 Uhr nachmittags erschien weit oben auf der breiten schimmernden Wasserfläche ein winziger schwarzer Punkt. Zuerst dachten wir, es wäre ein ungewöhnlich großer Baumstamm, bald aber konnten wir Ruder in der Sonne glänzen sehen, und unsere Spannung wurde immer stärker. Schnell kam das Batalõe auf der reißenden Strömung näher, und in weniger als fünfzehn Minuten war es bei uns. Nachdem wir die Boote in die Mitte des Flusses gelenkt hatten, legten wir uns Bord an Bord. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich mich einem andern weißen Reisenden in dieser weltentlegenen Gegend gegenübersah.
Dr. Cabral, ein eifriger Sammler und Forscher im Amazonengebiet, hatte einige Wochen auf dem Oberlauf des Tapajóz zugebracht und einen Punkt etwa 250 Kilometer weiter flußaufwärts erreicht, jenseits der großen Stromschnellen, die den Fluß in zwei Abschnitte teilen. Sein Kanu war schwer beladen mit dem, was er in dieser wundervollen Gegend gesammelt hatte. Nun kehrte er mit den Früchten seines Fleißes zur Zivilisation zurück. Dieser unerschrockene Reisende, der damals schon länger als 10 Jahre im Amazonengebiet zugebracht hatte, starb, wie ich erst kürzlich erfuhr, am Fieber in einer winzigen Niederlassung an der Grenze von Peru. Teile seiner Sammlungen befinden sich in Pará, Rio und São Paulo. Ich verdanke ihm nicht wenig Auskünfte über die Sitten der Mundurucusindianer.
Es war mein erstes Zusammentreffen mit diesem außerordentlichen Mann. Später hatte ich das Glück, in Manáos mehrere Tage in seiner fesselnden Gesellschaft während eines unfreiwilligen Ruheaufenthalts zu verleben. Ausgestattet mit einer wunderbar widerstandsfähigen Konstitution in einem hageren aber zähen Körper und mit weit über das Wissen eines gewöhnlichen Arztes hinausreichenden wissenschaftlichen Kenntnissen hatte er, entweder allein oder mit Eingeborenen, Tausende von Meilen der ungeheuren Wildnis auf Dschungelpfaden längs der schweigenden Flüsse durchwandert, stets gänzlich seiner Aufgabe hingegeben, neue Stücke der Fauna und Flora des Amazonengebiets seiner Riesensammlung einzuverleiben. Da er als Arzt die Schmerzen und Leiden der Indianer lindern konnte, stand er in freundschaftlichen Beziehungen mit vielen wilden Stämmen der entlegenen Fluß- und Waldgebiete; trotzdem wäre auch er beinahe öfter das Opfer ihres angeborenen Mißtrauens gegen den Weißen geworden. Einmal wurde er von einem Stamm von Konibosindianern an den Ufern des Ucayaliflusses vergiftet, ein anderes Mal in den Maloccas eines Nambiquarastammes am Juruenafluß gefangengehalten und mit martervollem Tod bedroht, wenn der Häuptling nicht genesen würde, den er heilen sollte.
Dr. Cabral ließ sich nicht überreden, die Nacht über auf dem Ufer zu lagern, in dessen Nähe wir zusammengetroffen waren. Wäre es später am Tag gewesen, nach vollbrachter Arbeit, so würde ich vielleicht mehr Erfolg gehabt haben. Er gab mir gewisse Auskünfte über das Quellgebiet des Tapajóz, die ich in der beigedruckten Kartenskizze verwendet habe. Unsre eigenen Reiseabsichten gingen lange nicht so weit. Nachdem wir die beiden Kanus ans Ufer gebracht und an einem überhängenden Baum angebunden hatten, unterhielten wir uns eine Stunde in gebrochenem Englisch und schlechtem Portugiesisch. Dann sahen wir das Batalõe des großen Reisenden wieder im Dunst des Tropenflusses verschwinden. Monate später traf ich einen Angehörigen des berühmten Indianeramts von Brasilien unter sehr ähnlichen Umständen gerade zur rechten Zeit — aber das ist eine andere Geschichte.
Ein Reisetag nach dem andern verstrich auf dem Tapajóz, ohne daß unsre Mühen durch entsprechende Fortschritte belohnt worden wären. Meine Befürchtungen wuchsen, da unsere Vorräte an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln beständig abnahmen, die auf den Flüssen des Amazonengebiets nur schwer zu ergänzen sind. Ich wußte, daß meine Begleiter sich oft wochenlang von Früchten und Reptilien zu nähren pflegten. In ihrem Plane lag es, weiterzufahren und nebst neuen Kautschukwäldern eine Durchfahrt durch den kleinen Martinhofluß in den Madeira aufzufinden, ohne Rücksicht auf die Ernährungsweise und eine mögliche Erkrankung an der Geißel dieser Gebiete, der Beri-Beri-Seuche, die durch Unterernährung entsteht. Mir, als Neuling in diesen Gebieten, widerstand nichts so sehr als die Vorstellung, mich von Reptilien nähren zu müssen. Bisher hatte ich niemals Schildkröten, Affen, Eidechsen und Käfer gegessen. Einige Monate später hatte ich von all diesen widerwärtigen Speisen, Käfer ausgenommen, gekostet, aber nie gelang es mir, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ausgenommen hiervon ist Schildkrötenfleisch, das im Amazonengebiet als Leckerbissen gilt.
Etwa 300 Kilometer von den Apuéfällen gelangten wir am 28. Mai zu einem Indianerdorf an einer Biegung eines Igarapé. Durch Verteilung von Geschenken gelang es uns, das Mißtrauen zu beschwichtigen, das, wie es scheint, allen Reisenden von den Amazonenindianern entgegengebracht wird. Diese Flußbewohner erwiesen sich als zum Stamm der Mundurucus gehörig. Sie waren bis auf eine kleine Schürze gänzlich unbekleidet und hatten die Farbe dunkler Bronze. Ihre Maloccas bestanden aus Blättern und Zweigen und sahen wie riesige Bienenkörbe aus. Alle Arbeit scheint von den Weibern verrichtet zu werden, während die Männer entweder auf die Jagd gehen oder, Speer, Bogen und Pfeile schnitzelnd, faul herumliegen. Aus großen Schalen pflegen sie eine sonderbare Mischung zu trinken, die hauptsächlich aus Mandioka bereitet wird. Im übrigen ist mit ihnen ganz gut auszukommen.
Wer einer kunstreichen Tatauierung ermangelt, scheint nicht heiraten zu dürfen. Erreichen die Knaben ein gewisses Alter, das ich auf vierzehn Jahre schätze, so wird diese Verschönerung zwangsweise an ihnen vorgenommen. Während unserer dritten Nacht unter den Eingeborenen, als der Mond geisterhaft über den schwarzen Baumwänden stand und auf dem breiten Fluß wie Silber schimmerte, ertönte plötzlich der Lärm einer Art von Tamtam. Später fand ich, daß er durch Stockschläge auf den hohlen Stamm eines Baumes hervorgebracht wird, der Manguaré heißt. Ich sprang aus dem kleinen Zelt, das auf der Uferbank errichtet war. Auf dem Boden kauerte eine Gruppe von Indianern, während zwei von ihnen einen entsetzt aussehenden Jungen in ihrer Mitte festhielten. Der Medizinmann, der auch das Amt des Oberpriesters zu versehen schien, murmelte mit monotoner Stimme Worte vor sich hin und rührte gleichzeitig mit beiden Händen in einem irdenen Krug herum. Dazu schlugen die Weiber die Hände zusammen, stampften mit den Füßen und sangen. Der nackte Junge wurde auf den Boden gelegt, der Medizinmann näherte sich ihm und begann, seinen Körper mit einem leuchtenden Rot zu tatauieren. Die Farbe wird aus den Samen des Achiote (Bixa Orellana) gewonnen. In den Strahlen des Mondes sah sie wie Blut aus.
Obwohl die Körperverdrehungen des Jungen verrieten, daß er Qualen ausstand, gab er doch keinen Laut von sich, wenn der Büschel aus Palmnadeln, mit dem die Operation ausgeführt wurde, in sein Fleisch eindrang. Länger als eine Stunde ging das so fort, dann verkündete ein lautes Geschrei der Weiber, daß dieser Teil der Zeremonie zu Ende war. Der Junge stand auf und erhielt einen Bogen, Pfeile und einen Speer. Hierauf wurde ein junges Mädchen in den Kreis gebracht, das sich heftig sträuben mußte, was von seiten des neugebackenen Kriegers mit grotesken Kraftäußerungen erwidert wurde. Neben mehreren Strichen und Klecksen trug er nun einen kleinen blutroten Alligator auf seiner Brust. Er ergriff das Mädchen bei den Haaren und zog sie gegen eine neuerrichtete Hütte. In der Nähe des niedern Eingangs ließ er sie los, fing sie aber sogleich wieder, als sie davonrannte. Diesmal führte er sie in den Kreis der kauernden Wilden, nachdem ihr Widerstand offenbar gebrochen und Untertänigkeit erzwungen war.
Wie lange diese Feierlichkeit noch gedauert haben würde, ist schwer zu sagen, weil in diesem Augenblick schwere, schwarze Wolken über den Mond zogen und Wald und Fluß in Finsternis hüllten. Fast gleichzeitig ertönte das Klatschen der Regentropfen auf den Blättern. Ich eilte auf mein Zelt zu, das ich nur undeutlich unterscheiden konnte, obwohl es keine sieben Meter entfernt war. Das Prasseln des Regens wurde bald zu einem lauten Toben. Blendende Blitze erhellten das dunkle Dschungeldickicht, und der Donner rollte über die Wasserfläche. In einer halben Stunde war das Gewitter vorüber, und ein weißer, wallender Nebel stieg aus der üppigen Vegetation auf. Bei solchen Gelegenheiten bedarf der reisende Weiße in den Urwäldern des Amazonas einer starken Dosis Chinin und eines wasserdichten Schlafsacks.
Die Mundurucus bilden einen der volksreichsten und ausgebreitetsten Indianerstämme im Gebiet des Amazonenstroms. Im Jahre 1788 vernichteten sie ihre Erbfeinde, die Muras, in einer großen Schlacht in den Wäldern des Tapajóz-Madeira-Plateaus. Einige Stämme leben seit über hundert Jahren im Frieden mit den Weißen, andere, die in den Urwäldern hausen, sind heute noch unbekannt. Erkrankt einer von den Indianern hoffnungslos, so wird er von weiteren Leiden durch seine Verwandten erlöst. Auch Eltern werden von ihren Kindern oft auf diese wirksame Weise ins Jenseits befördert, wenn sie, infolge von Alter und Kränklichkeit, an den Freuden dieses Lebens nicht mehr teilzunehmen vermögen. Viele der Stämme sind noch recht kriegerisch. Sie bilden Unterfamilien und haben eigene Namen, wie z. B. die Guaribos oder Affenindianer. Ihre Sprache ist der Tupidialekt, und ihre Methoden der Jugenderziehung haben ihnen den Namen der Spartaner des Amazonenstroms eingebracht. Von anderen Stämmen in der Nähe werden sie Paiguize, Kopfjäger, genannt. Das bezieht sich aber heutzutage nur noch auf die Abteilungen, die in den weitentlegenen, unerforschten Wäldern hausen.
Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise nach den Fällen des oberen Tapajóz fort. Ehe ich das Indianerdorf verließ, gelang es mir, einen Alligatoren zu schießen, der sofort von den Mundurucus abgezogen und zerteilt wurde. Sie verwenden das Fleisch zu verschiedenen Zwecken. Ein Teil wird als Leckerbissen verzehrt; das Fett dient als Massagemittel gegen alle möglichen Krankheiten, und die Zähne werden von den Weibern aufgereiht und als Halsketten getragen.
Die Mauern des Waldes schlossen sich um den Fluß zusammen, und mehrere Tage lang war uns kaum ein Blick auf die Gegend darüber hinaus vergönnt. Eines Nachts lagerten wir auf dem Ostufer an einem Punkt, wo der Hauptfluß sich verengt und ein kleines Flüßchen sich mit ihm vereinigt. Ich hätte gerne unsere genaue Lage in dieser weiten und anscheinend verlassenen Gegend festgestellt und suchte unter meinen Notizen nach irgendeiner Erwähnung dieses Punktes durch andere Reisende. Aber ich fand nichts, so weit meine Aufzeichnungen reichten, weder bei Wickham oder Herbert Smith, der 1878 den Tapajózfluß hinaufgefahren war, noch auf den englischen Landkarten. Es handelt sich also wohl um einen der vielen unbenannten kleinen Flüsse dieses wilden Landes.
Dies mag einen Begriff von den Schwierigkeiten geben, einen Fluß in dem Labyrinth der Wasserwege des Amazonas ohne ein charakteristisches Kennzeichen auf dem Land festzustellen. Ebenso schwer ist es, eine auch nur einigermaßen zuverlässige Routenkarte anzulegen, die den Reisenden aus den Arbeiten ihrer Vorgänger Vorteil zu ziehen gestatten würde. Darin liegt vielleicht die größte Schwierigkeit bei Forschungsreisen im entlegenen Amazonengebiet. Eigentlich ist so gut wie nichts vorhanden, was auf systematischen Aufnahmen beruhte, weil es denen, die in diese Gebiete vordrangen, an den nötigen wissenschaftlichen Instrumenten fehlte, die sie auch gar nicht hätten mitführen können, selbst wenn sie sie besessen hätten. Der Mangel an eingeborenen Trägern und die daraus sich ergebende Notwendigkeit, das Gepäck auf ein Mindestmaß zu beschränken, macht vieles, was geleistet worden ist, für geographische Zwecke nutzlos. Was im Amazonengebiet ausgerichtet wurde, ist fast völlig das Ergebnis individueller und meistens vereinzelter Leistungen, unter Bedingungen, gegen die die Forschung in Afrika nur ein Kinderspiel war.
Um ähnliche Erwägungen handelt es sich beim Wiedererkennen der verschiedenen Indianerstämme. Wahrscheinlich wohnen an 400 Eingeborenenstämme auf den zweieinhalb Millionen Geviertkilometer unbekannten Landes, das die Quellgebiete der Flüsse des Amazonas umgibt. Alle diese Stämme leben in kleinen Familiengruppen, die bei den nichtigsten Meinungsverschiedenheiten sich trennen, die sich durch Heiraten vermischen, durch die schlechte Behandlung der Kautschuksammler, besonders jenseits der Grenzen Brasiliens, versprengt und durch mörderische Kriege gegeneinander dezimiert werden. Viele sind Nomaden, und die geringe Bevölkerungsdichte des Gebiets ermöglicht es diesen Familiengruppen, nach Belieben umherzuziehen und zu jagen, ohne durch benachbarte Stämme darin beschränkt zu werden. Dazu kommt noch die Verwirrung durch die Masse der Stamm- und Nebenstammnamen, der portugiesischen, phonetischen und Geschlechtsbezeichnungen, so daß jeder Versuch einer Klassifikation völlig hoffnungslos ist. Alles, was getan werden kann, beschränkt sich auf gewissenhafte und folgerichtige Beobachtung durch die Forscher, die in einen oder mehrere Teile dieses unvorstellbar ausgedehnten Gebiets eindringen, in dieses Land der dichten, düstern Wälder, verschlungenen Flüsse und Stromschnellen und der weiten, offenen „Campos“, der Heimat geheimnisvoller Indianerstämme, von denen viele das Vorhandensein von Weißen nicht einmal ahnen. Davon wird später noch die Rede sein. Im vorliegenden Werke erhalten die einzelnen Stämme die Namen, unter denen sie in ihren jeweiligen Wohngebieten bekannt sind.
Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6 Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar, daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500 Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte, trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch wegen einer niedern Hügelkette, die offensichtlich dem Weiterlauf des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um weiterzukommen.
Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado), einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war, erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.
Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der Fahrt ausruhen.
An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster, und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille. Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu, das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses, die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden gewesen.
Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften Itauba (Acrodiclidium itauba) hatten wir das Lager aufgeschlagen. Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz. Die Luft war schwül und drückend, von einer feuchten Kühle nach der großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern, die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit verloren.
Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen. Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines aufgestörten Alligators geraten.
Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich, während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen, und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders die Simia mycetes oder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche, auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein halbmenschliches Geschrei ausstößt.
Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von flußaufwärts der rhythmische Schlag von Rudern hören, begleitet von gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.
5. Im Land der Apiacásindianer.
Die Überraschung der Indianer war offenbar noch weit größer als unsere, und ihr roh ausgehöhlter Baumstamm, der keinerlei Ansprüche an Form oder Stabilität stellte, kenterte beinahe. Da sie nicht imstande waren, in der schnellen Strömung das Fahrzeug anzuhalten, trieb es flußabwärts und würde an unserm Lagerplatz vorbeigefahren sein, wäre es nicht durch die Hindernisse aufgehalten worden, die unsere Reise am vorhergehenden Tag zu einem Ende gebracht hatten. Die krampfhaften Anstrengungen der Indianer, einem Zusammenstoß und gleichzeitig einer Landung mitten unter uns zu entgehen, entbehrten nicht der Komik, wenn uns auch zunächst die Alligatoren Sorge machten. Wie es kommen mußte, kam es. Das unhandliche Fahrzeug legte sich mit der Seite gegen das Flußhindernis und erst, nachdem wir zum Zeichen der Freundschaft unsere Waffen ostentativ weggeworfen hatten, landete der Indianer mit seinen drei Weibern und seinen Kindern auf dem einzigen trockenen Platz in der ganzen Gegend.
Neugierde auf Seite der Weiber überwand bald die natürliche Scheu der Wilden. In einer halben Stunde hatten sie alles im Lager untersucht und wandten nun unglücklicherweise ihre Aufmerksamkeit mir zu. Es begann, als ich meine Hemdärmel umstülpte. Zuerst blickten sie zweifelnd auf mein Gesicht und deuteten mir durch Zeichen an, es im Fluß zu waschen; dann kniffen sie mich in die Arme und würden, ganz gegen meine Absicht, ihre unheilige Neugier nach der Beschaffenheit meines ganzen Körpers auf verschiedene Weise noch weitergetrieben haben, hätte ich nicht versucht, ihre Aufmerksamkeit durch Geschenke abzulenken. Dadurch versetzte ich sie in einen wahren Freudentaumel. Der Vater der Familie hatte bisher abseits gestanden. Wahrscheinlich hatte er schon öfters Weiße gesehen und nur sein Weibervolk in der Abgeschiedenheit der Urwälder gehalten. Jetzt grinste er begierig. Sie sprangen ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Alligatoren in den schmutzigen Fluß, lachten, schrien und rollten sich im Schlamm. Dann begannen sie, ohne sich zu reinigen, ein Lager aufzuschlagen, während wir ihren Herrn und Gebieter über den Stand unserer Speisekammer unterrichteten.
Diese Apiacásweiber hatten bald aus Palmwedeln und mit Schlamm bedeckten Zweigen einen rohen Unterschlupf fertig. Küchengerätschaften schienen sie nicht zu besitzen, außer einem irdenen Tiegel. Nachdem der Indianer, der allein bekleidet war, versprochen hatte, durch eine Jagdbeute an Wild und Fischen unsern Vorräten aufzuhelfen, entschlossen wir uns, noch mehrere Tage im Lager zu bleiben, ehe wir uns den Tapajóz hinab auf die Fahrt nach Itaituba und was sonst am Amazonenstrom an Zivilisation zu finden ist, machten.
Eingeborenenboote
an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von Santarem.
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GRÖSSERES BILD
Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem Mutum-Paraná.
Das Fahrzeug besteht lediglich aus einem ausgehöhlten Baumstamm. Die Enden sind offen.
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GRÖSSERES BILD
Es zeigte sich, daß die Weiber nur selten Weiße gesehen hatten, obwohl sie offenbar schon mit Kautschuksammlern zusammengetroffen waren, die aber weder schwarz noch weiß sind, sondern sowohl im Gesicht wie am Körper von einem matten Gelbbraun. Sie versuchten, durch Zeichen zu erfahren, zu welchem Zweck wir in diese abgelegene Gegend gekommen wären, indem sie an die riesigen Kautschukbäume klopften, wie sie in diesen Wäldern in Massen vorkommen. Als ich den Kopf schüttelte, schienen sie beunruhigt. Natürlich war ich nicht imstande, sie durch Zeichen über meine Reiseabsichten aufzuklären und hatte auch nicht den Wunsch, dies in Hinsicht auf meine Begleiter zu tun. So begnügte ich mich mit einigen beruhigenden Gebärden. Wenigstens waren sie so gemeint. Ich wußte, daß die Ängstlichkeit aller Waldbewohner im Amazonengebiet, wo immer Kautschukbäume wachsen, von der barbarischen Behandlung herrührt, die sie früher von gewissenlosen Kautschuksammlern erfahren haben. Man zwang sie nicht nur, bei Strafe der Auspeitschung, den kostbaren Saft zu sammeln, sondern auch unsagbare Schändlichkeiten wurden an ihren Weibern verübt.
Nachdem die Freundschaft hergestellt war, folgte das Austauschen vertraulicher Mitteilungen. Die Indianer gehörten zu einem Dorf, das einige Kilometer vom Flußufer entfernt und noch nie von Sklavenzügen der Kautschukpflanzer berührt worden war. Ehe die brasilianische Regierung das Indianer-Schutzamt einsetzte, von dem noch zu sprechen sein wird, waren solche Raubzüge an der Tagesordnung.
Die Apiacás bewohnen ein Waldgebiet von etwa 350 Geviertkilometer an beiden Ufern des Tapajóz und auch am Unterlauf des Rio Manoel. Sie sprechen die Tupisprache und haben viel Gemeinsames mit Stämmen, die ich später in den Tälern des Madeira und Aripuanan antraf. Ihr Charakter ist nicht ganz zuverlässig, und sie setzen allen Eingriffen der Weißen Widerstand entgegen, haben aber der Regierung lange nicht so viel Verlegenheiten bereitet wie die Parintintinsindianer am Gy-Paraná und Maicy. Keiner dieser Indianer trägt Lippenschmuck, in die Lippen eingesetzte Verzierungen aus Muschelschalen oder Bein. Die Weiber waren bis auf einen dünnen Grasschurz völlig unbekleidet. Sie trugen Fußringe, vermutlich als Zeichen, daß sie entweder verheiratet oder heiratsfähig waren. Eine Witwe, die zu alt ist, um noch einen Mann zu bekommen, schneidet beide Fußringe ab, um anzudeuten, daß sie sich mit ihrem Los abgefunden hat. Legt sie nur einen Fußring ab, so heißt das, daß sie bereit ist, wieder zu heiraten. Trägt aber eine verheiratete Frau gar keinen Fußring, so bedeutet es Untreue oder daß sie gegen die Wünsche ihres Stammes geheiratet hat. Ich glaube wenigstens, das so verstanden zu haben, soweit eben Zeichen, Zeichnungen und nachahmende Gebärden eine vollständige Verständigungsmöglichkeit ersetzen können.
Die Apiacás tragen ihr glänzend schwarzes Haar vorn auf der Stirn in Fransen geschnitten und über den Rücken lang herabhängend, wie viele andere Stämme des Amazonengebiets. Männer, Weiber und Kinder haben die gleiche Haartracht. Die Amulette, die beide Arme zieren, sind aus Bein oder Fasern und dienen als Schutzmittel gegen die Gefahren der Wildnis. Die Kinder gingen völlig nackt und sahen recht gesund und handfest aus. Der Junge, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätzte, trug den dünnen Körperriemen und die Fasernhose, die beim Schlüpfen durch das Dschungeldickicht Verletzungen verhüten sollen. Der Vater dieser Bronzefamilie war mit Rock und Hosen aus grobem, einheimischen Stoff bekleidet und mit einer alten Schrotflinte bewaffnet, die er aber nicht zur Jagd gebrauchte. Er zog einen schöngeschnitzten Speer vor, der schließlich im Tausch gegen ein gutes schwedisches Taschenmesser in meine Sammlung überging. Weiße hatte er bereits auf den Ufern gesehen und schien ihnen viel mehr zu mißtrauen als seine Weiber, die in ihrer Unwissenheit glücklich waren.
Erst am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Lager bemerkte ich, wie eins der Weiber ein Trinkgefäß aus dem Kanu holte, um es mit Wasser aus dem Fluß zu füllen. Nach einigen Minuten gelang es mir, das Gefäß genauer zu betrachten, und ich muß gestehen, daß mich ein leiser Schauder des Ekels beschlich. Es war ein menschlicher Schädel, dessen Augen-, Nasen- und Ohröffnungen mit schmutzigem roten Lehm verstopft waren.
Die Unterhaltung ging nicht sehr rasch vonstatten, da sie durch Zeichen geführt werden mußte. Als ich versuchte, etwas über die Herkunft dieser greulichen Reliquie herauszubekommen, war das Ergebnis ein wenig überraschend. Augenscheinlich handelte es sich um eine hochgehaltene Kriegstrophäe, deren Besitz eine Quelle des Stolzes bildete. Auf meine Fragen begann das Weib, mir mimisch einen Kampf vorzuführen. Schließlich ergriff sie ein nacktes Kind, das uns zusah, und tat, als ob sie seinen Kopf mit einem scharfen Messer aus Fischknochen abschnitte. Das Geschrei des Kindes brachte den Vater herbei. Er erschien mit einem mörderlich aussehenden Speer, der mit Büscheln aus Vogelfedern verziert war. Aber offenbar sind die Apiacás nicht ohne Sinn für Humor, denn er grinste, als ihm die Ursache des Geschreis klargemacht wurde.
Nachts sollte auf einer Reihe von Sandbänken flußaufwärts auf die Schildkrötenjagd gegangen werden. Es war eine merkwürdige Unternehmung, an der auch die Weiber teilnahmen. Fackeln aus harzreichem Holz wurden angezündet und die Kanus an die seichten Schlammstellen hingebracht. Die Flammen warfen ein düsteres Licht auf die Mauern des Waldes und die schweigende, rasch dahinströmende, schwarze Flut. Es war nicht die Zeit des Eierlegens, daher befanden sich die Schildkröten an den Untiefen der Sandbänke, wo sie vor den gefräßigen Alligatoren und den beutegierigen Jaguaren in Sicherheit waren. So geschickt handhabte der Indianer seinen langen, dünnen Speer, daß er in weniger als einer halben Stunde drei Stück der kleineren Art aufgespießt hatte, die Tracajaas genannt wird. Später sah ich in andern Gewässern des Amazonas, wie man diese Geschöpfe harpunierte, mit dem Lasso oder in Fallen fing und ihrer Eier beraubte.
In dieser Nacht schien der Urwald nicht so verlassen wie sonst. Ich saß neben dem Feuer, obwohl die Nacht warm war, und versuchte von einem sehr schläfrigen Apiacásindianer Auskünfte zu erhalten über die Sitten und den Glauben dieses „wilden“ Stammes. Alles, was ich erfuhr, war, daß die Köpfe der im Kampf getöteten Feinde als Kriegstrophäen abgeschnitten würden. Doch war dieser Brauch kürzlich vom Administrator in Bocca S. Manoel verboten worden. Die Apiacás glauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen in Vögeln oder Tieren wiedergeboren werden, und zwar in jenen Arten, die sie selbst während ihres Lebens am charakteristischsten zur Darstellung bringen. Den Mond halten sie für einen bösen Geist, dessen Diener in den dunklen Gewässern der Flüsse hausen. Sie ziehen den waghalsigen Indianer in die Tiefe, der allein in seinem kalten, weißen Licht badet. Merkwürdigerweise spielen die Alligatoren keine Rolle in dieser überirdischen Tragödie. Daß Baden in Gesellschaft sicherer ist, erklärt sich durch das Herumplätschern im Wasser. Ich versuchte das dem Indianer auseinanderzusetzen, aber seine Antwort war verblüffend. Diese niedrigstehenden Menschenwesen glauben, daß der Alligator den Mond ebenso fürchtet und vorzieht, seine Mahlzeiten bei Tageslicht zu verzehren! Die Apiacás sind nicht tatauiert, ungleich den Mundurucus, und scheinen nur sehr wenig seltsame Zeremonien zu haben. Darin unterscheiden sie sich von den Uaupés des brasilianischen Guyana, die den blutigen Juriparidienst ausüben.
Es machte mir viel Verdruß, daß ich das Dorf der Apiacás im dichten Wald nicht besuchen konnte, aber der Mangel an Lebensmitteln ließ die Rückkehr zur Zivilisation gebieterisch erscheinen. In diesem Zusammenhang dürfte die Erfahrung interessieren, daß der Weiße nicht sehr lange von den Naturprodukten des Waldes zu leben vermag, ohne der Beri-Beri-Krankheit zu verfallen. Sogar die Eingeborenen leiden schrecklich unter dieser und andern verheerenden Seuchen. Die Schwindsucht fordert alljährlich zahlreiche Opfer. Die an diesem und andern Leiden Erkrankten werden bei den Halbzivilisierten in eigenen Dörfern untergebracht, wo sie eine Zeitlang von alten Weibern gepflegt werden. Die Unheilbaren begräbt man auf ihren eigenen Wunsch lebendig.
Ich fertigte eine rohe Kartenskizze des Flußlaufs an und erfuhr, daß zwischen dem kleinen Martinho und den Zuflüssen des großen Madeiraflusses keine Verbindung besteht. Nach den Angaben des Indianers dehnten sich die niedrigen Hügel vor uns „drei Sonnen“, drei Tagereisen weit aus. In den Wäldern jenseits der Hügel sollte ein Stamm sehr kleiner Menschen von blasser Farbe leben. Eine Angehörige dieses Stammes traf ich später an einem Nebenflusse des Aripuanan. Es war ein Mädchen andern Stammes, das offenbar in Gefangenschaft geraten war. Sie war ganz wild und maß nur vier Fuß. Dem Anschein nach gehörte sie zu einem Nebenzweig der großen Nambiquarasfamilie von Matto Grosso, obwohl ich mir darüber nicht sicher bin. In einem spätern Kapitel werde ich darauf noch zurückkommen.
Am nächsten Tag beluden wir das Kanu mit Fisch, Schildkrötenfleisch, Früchten, einer Art wilder Pfeilwurz und unsern sehr spärlichen Resten an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln. Dann rüsteten wir uns zur Abfahrt. Ich tauschte einige Handelswaren gegen ein paar rohe Sammelgegenstände, und nachdem wir noch einige Geschenke verteilt hatten, paddelten wir den Fluß hinab und entgingen knapp einem ernstlichen Unfall beim Wegräumen des Hindernisses, das den Einbaum des Indianers zum Anhalten gezwungen hatte.
Auf der Rückfahrt legten wir an einem Regierungsposten nahe Bocca S. Manoel an. In Pará war mir von dem Vorhandensein dieser Station nichts gesagt worden. Auch meine beiden Caboclos wußten nichts von ihr, noch war sie auf irgendeiner meiner Karten eingezeichnet. Der Administrator befand sich irgendwo flußabwärts, aber sein Assistent hatte die Güte, uns nicht nur mit einem kleinen, für ein bis zwei Tage ausreichenden Vorrat an Nahrungsmitteln zu versehen, sondern mir auch den ersten Einblick in die Aufgaben des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien zu verschaffen.
Ein großer Teil der Arbeit an den Zuflüssen des Amazonenstroms wird von den Beamten des Indianeramtes bei Nacht an den weiten Grenzen des Unbekannten ausgeführt. Die ungeheure Fläche der kartographisch nicht aufgenommenen Waldgebiete ist in rohe Abschnitte geteilt, und jedem wird ein Offizier zugewiesen, mehrere bewaffnete Wächter und ein oder zwei Dolmetscher. Während des Tages ist der tropische Dschungel erfüllt von den Lauten des wimmelnden Tier- und Insektenlebens. Nachts aber, wenn nichts zu hören ist, als zuweilen das Gebrüll eines Jaguars, nehmen diese Leute ihren Posten ein auf einer hoch oben in den Baumwipfeln erbauten Plattform. Dann senden sie mittels eines Lautsprechers Botschaften von Freundschaft und Frieden weit über die dunkeln, schweigenden Wälder.
Die Eingeborenen in ihren Maloccas werden durch die seltsamen Töne geweckt und lauschen zitternd den Erzählungen von der Ankunft ihrer blaßgesichtigen Brüder, die allen Geschenke bringen werden. Das Merkwürdigste ist für sie, daß die Stimme aus den Wipfeln der Bäume kommt und in ihrer eigenen Sprache redet.
Auf andern Außenstationen im Innern Brasiliens, unter den wilden Javahés, die geschickt mit dem Blasrohr und vergifteten Pfeilen umzugehen wissen, wurde Musik mit Erfolg zum Zweck einer „friedlichen Durchdringung“ angewendet. Wenn das tausendfältige Lärmen der Affen, Papageien, Jaguare, Pumas und Insekten verklungen ist und der tropische Riesenmond seine Strahlen über den düstern Urwald sendet, schwimmen die Töne einer Violine durch den Säulenwald. Die Wilden in ihren versteckten Dörfern in den Tiefen der dunkeln Wälder werden von dem Gesang eines neuen, wundervollen Vogels geweckt. Ihre Neugier erwacht, und sie folgen den Klängen. Ohne Scheu umstehen sie im hellen Mondlicht den Baum, der den Spieler verbirgt. Dann schweigt der Gesang und an seine Stelle tritt eine Stimme, die in ihrer Sprache zu ihnen redet und von all den schönen Dingen erzählt, die Abgesandte der Weißen ihnen bringen werden. Die erschrockenen Wilden gleiten wie Schlangen in den Schutz des dunkeln Waldes zurück, aber die Friedensbotschaft ist ergangen und gehört worden.
Ein anderer Kunstgriff, „Anlockungsposten“ genannt, dient dazu, das Werk der Versöhnung zu vollenden. Gassen werden durch das Dickicht geschlagen, die von dem Lager in den Urwald hinausführen. Alle Kilometer etwa entlang diesen bezeichneten Pfaden werden Geschenke an die Bäume gehängt zusammen mit kurzen Botschaften in indianischen Schriftzeichen, die die friedliche Gesinnung der Weißen klarmachen und von noch begehrenswerteren Geschenken näher dem Lager erzählen. Oft vergehen Monate, ehe einer der furchtsamen, aber sehr wilden Eingeborenen im Bereich der Station erscheint. In den Stunden der Finsternis werden die Geschenke so und so oft von den Bäumen genommen, aber nichts geschieht dagegen. Nur wird in den Botschaften, die jedem neuen Geschenk beigelegt sind, betont, daß Heimlichkeit bei der Annäherung an die Bäume und das Lager unnötig ist und daß die Weißen die Gegend verlassen werden, wenn die Indianer nicht kommen, um ihnen für die bereits empfangenen Gaben zu danken.
Der Erfolg derartiger Methoden war beträchtlich. Schließlich nähern sich die Indianer der Station, und dann ist fast stets Freundschaft das Ergebnis. Doch wurden auch in mehr als einem Fall Versuche gemacht, die Lager des Indianeramtes zu überfallen, und tapfere Offiziere mit ihren Wächtern und Dolmetschern haben dabei ihr Leben eingebüßt. Wenn erst ein gewisser Grad freundschaftlichen Verkehrs erreicht ist, werden die Indianer entweder umsonst mit Gerätschaften für die Bebauung der kleinen Flecken Erde versehen, die zur Urbarmachung innerhalb der Wälder geeignet sind, oder gegen eine jährliche Entschädigung bei irgendeiner leichten Regierungsarbeit beschäftigt. So wurden z. B. die Paressís, eine höchst kriegerische Nation im Innern Brasiliens, dazu verwandt, die Überland-Telegraphenlinie zu bewachen, die den Staat von Matto Grosso mit dem Madeirafluß verbindet. Ehe mit ihnen durch jene Mittel Frieden geschlossen worden war, hätte die Telegraphenlinie unmöglich erbaut und über Hunderte von Kilometern dichten tropischen Urwalds hin unterhalten werden können. Sie wäre ebenso schnell als errichtet wieder zerstört worden, und selbst die Einrichtung einer Kette militärischer Posten in diesen Fiebergegenden hätte nicht vermocht, sie zu retten.
Wenn das Gebiet eines bestimmten Stammes der Zivilisation zugänglich gemacht worden ist, verlegt man die Posten weiter hinaus in das Riesenmeer der Wälder, das fast das ganze tropische Südamerika an seiner breitesten Stelle auf 5000 Kilometer hin bedeckt. Aus den auf solche Weise friedlich eroberten Gebieten werden große Flächen als „Indianer-Reservationen“ abgeteilt, und es wird Sorge getragen, daß die auf ihnen lebenden befreundeten Stämme von gewissenlosen Händlern nicht ausgebeutet werden.
Die Leistungen der tapferen Schar mußten hier ausführlich erwähnt werden, weil mehrere meiner Reisen in unerforschte Teile des Gebiets und viel von dem, was ich zu erzählen habe, ohne ihre Hilfe und ihren Beistand nicht zustande gekommen wären.
Gegen den 16. Juni begannen die verhältnismäßig kleinen Rationen ihre Wirkung auf mich ausüben. Dazu kamen noch der harte Kampf mit Stromschnellen, Wasserwirbeln und schwimmenden Hindernissen und die Strahlen der glühenden tropischen Sonne. Das getrocknete Schildkrötenfleisch war aufgezehrt, und von „zivilisierten“ Nahrungsmitteln, die wir in Bocca S. Manoel erhalten hatten, waren uns nichts als einige Biskuits und etwas französische Schokolade verblieben. Merkwürdigerweise stieß gerade an diesem Tag dem Kanu ein anscheinend ernstlicher Unfall zu, während wir noch über 80 Kilometer von dem ersten Vorposten der Zivilisation entfernt waren. Als wir uns bemühten, einem daherschwimmenden Baum auszuweichen, wurde der Bug von irgendeinem versunkenen Gegenstand eingedrückt, und das Kanu begann sich so schnell mit Wasser zu füllen, daß wir nur durch kräftiges Paddeln vor dem Untersinken noch eine sandige Landzunge zu erreichen vermochten.
Der tatsächliche Schaden war nicht groß und bald wieder mit Rinde aus dem Wald behoben, aber alles, der Rest der Biskuits und der Schokolade mit eingeschlossen, war tropfnaß und äußerst unschmackhaft geworden. Zu diesen kleinen Unannehmlichkeiten kam die weit schwerer wiegende Verzögerung. Als wir wieder weiterfahren konnten, waren zwei Nächte und ein Tag ungenützt verflossen.
Wenn man sich lange Zeit hindurch gut genährt hat, bedeutet das zeitweise Fehlen ausreichender Nahrung nur eine Unannehmlichkeit. Aber nach sechs Wochen eines verhältnismäßig kärglichen Speisezettels und harter körperlicher Arbeit in tropischer Hitze folgt ein schneller Kräfteverfall dem Mangel an Nahrung. Die Qualen des Hungers, so arg sie auch sind, gehen bald vorüber. Was bleibt, ist das krankhafte Gefühl einer dauernden Abspannung. Glücklicherweise waren meine beiden Begleiter in ihren Nahrungsansprüchen nicht sehr heikel. Nach einem höchst widerlich aussehenden braungrünen Fisch verzehrten sie noch eine große Eidechse in halbrohem Zustand.
Kanureisen auf Flüssen des Amazonas sind so monoton, daß es zuzeiten schwer ist, einen Tag vom andern zu unterscheiden. Die Rückfahrt den Tapajóz hinab glich aufs Haar vielen ähnlichen Fahrten während der folgenden Monate. Die vorbeiziehende Landschaft ist immer wild und prägt dem Reisenden ein, daß noch mehrere Jahrhunderte vergehen müssen, ehe auch nur ein dünner Hauch der Zivilisation die Tausende Geviertkilometer dieser Wildnis durchdringen wird.
6. Auf dem sichtbaren Äquator.
Der Rückzug den Tapajóz hinab brachte unsere kleine Expedition an den Rand des Untergangs. Mangel an richtiger Nahrung in der Dampfhitze begann ernstlich fühlbar zu werden, noch ehe die letzten 130 Kilometer zurückgelegt waren. Manche Stunden wurden mit dem Versuch verloren, Eingeborenenmehl in mehreren Palmstrohhütten an verschiedenen Stellen des breiten Flusses zu bekommen, denn später stellte sich heraus, daß sie alle verlassen waren. Meine beiden Caboclos wurden allmählich widerspenstig. Jeder versuchte, sich vom Paddeln zu drücken und verwünschte die Eltern des andern. Mich selbst machte eine Darmstörung, wie sie unter Weißen auf den Kautschukflüssen gewöhnlich ist, weit weniger widerstandsfähig als sonst gegen die Wirkungen der Hitze, der Anstrengungen und der Unterernährung.
Für einen weißen Forscher ist es abseits der Hauptrouten im Amazonengebiet fast unmöglich, sich aus dem Fluß, den Wäldern oder von den Eingeborenen eine richtige Nahrung zu verschaffen, außer vielleicht gelegentlich einen schlechten Fisch und Früchten, die aber auch nicht ohne Zeitverlust und Anstrengung zu erlangen sind und damit den Vorteil wieder wettmachen. Unvorhergesehene Verzögerungen bei der Abreise oder beim Rückzug führen mit Sicherheit zum Untergang, wenn nicht schon von vornherein für ausreichende Vorräte Vorsorge getroffen ist. Auf solche Art sind in diesem geheimnisvollen Land von unvorstellbarer Ausdehnung schon mehr Leute zugrunde gegangen als durch die Feindseligkeit und Hinterlist der Eingeborenen.
Glücklicherweise trat ein Umstand ein, der schon vielen Reisenden auf diesen Flüssen das Leben gerettet hat und auch meiner kleinen Expedition ermöglichte, Itaituba vor dem Eintritt völliger Erschöpfung zu erreichen. Wir fuhren mit der Strömung, die auf allen Flüssen des Amazonengebiets gegen den Hauptstrom zu gerichtet ist. Ihre Schnelligkeit hängt gänzlich ab von der relativen Wasserhöhe des Amazonenstroms im Verhältnis zu der des betreffenden Nebenflusses. Wenn der große Strom selbst Hochwasser führt, staut er seine Zuflüsse so lange zurück, bis es wieder fällt.
Zu solchen Zeiten werden Tausende von Geviertkilometer Wald überschwemmt, und die tiefliegenden Flächen in den Flußtälern bilden noch wochenlang ungeheure und unzugängliche Sümpfe, nachdem die eigentliche Überflutung sich wieder verlaufen hat. Es gehört eine beträchtliche Erfahrung dazu, alle hydrographischen, topographischen und klimatischen Umstände in Rechnung zu ziehen, um Fehlschläge zu vermeiden. In unserm Fall ersparte uns eine falsche Berechnung der Strömung mehrere Hungertage. Später einmal aber schwang das Pendel nach der andern Richtung, und ich und zwei Begleiter wurden von der Außenwelt durch mehr als 300 Kilometer Sumpf abgeschnitten, den die sich verlaufende Flut zurückließ.
In Santarem, wo mehrere Europäer sich aufhalten, genügte eine Ruhewoche und ein reichhaltigerer Speisezettel, um mich und die beiden Caboclos wieder so weit herzustellen, daß wir ohne Tränenvergießen voneinander Abschied zu nehmen vermochten. Meine Begleiter auf der Tapajóz-Expedition, die mir eine gewaltige Enttäuschung bereitet hatten, kehrten in ihre Heimstätten bei Pará zurück, und ich selbst bestieg einen wirklich prächtigen, nach Manáos bestimmten Dampfer, der kleinen isolierten und typisch amazonischen Stadt, 1675 Kilometer flußaufwärts am Amazonenstrom.
Die Reise den breiten, sonnenhellen Strom hinauf bis zu seiner Vereinigung mit dem Rio Negro, unterhalb jener kleinen, wundervollen Stadt, ist voll Reiz und Interesse. Prächtige Schmetterlinge flattern über das Deck und farbig gefiederte Vögel fliegen, aufgeschreckt von der Bewegung und dem Geräusch des Schiffes, über den Fluß oder die waldbedeckten Ufer entlang. Aus dem Dunkel tauchen ungeheure, schöngefärbte Motten, angezogen von den Lichtern auf Deck. Schwimmende, glänzend grüne Inseln und entwurzelte Bäume bieten den geierartigen Urubú und andern seltsamen Vögeln bequeme Ruheplätze.
Hoch über den Mauern des schweigenden, grünen Waldes zieht der Adler des Amazonas langsam seine Kreise im tiefen Blau des Himmels. Manchmal wird die glänzende Fläche des größten aller Ströme durch das Spiel eines Delphins unterbrochen. Riesige Fische steigen aus der Tiefe empor, um nach den über Bord geworfenen Überresten zu schnappen, und weit in der Ferne fällt hin und wieder der Blick auf unbekannte flachgipfelige Ketten, ungeheure Flächen der wie Rauch erscheinenden tropischen Wälder und offenen Campos. Es ist die Schwelle zum Unbekannten, die auf der Landkarte eingezeichnete Straße durch ein kartographisch nicht aufgenommenes Gebiet so groß wie ganz Europa. Hinter jeder Windung des Stromes, jedem Igarapé, jeder entfernten Waldfläche liegt das Geheimnisvolle. Nur die Ufer sind erforscht, und auch sie nicht eigentlich. Rohe Palmhütten mit halbnackten Bewohnern, die meilenweit voneinander getrennt hausen, sind die einzigen Zeichen der Zivilisation längs dieser Tropenstraße in dem großen toten Herz des Kontinents.
Nachts steigt das Geheimnis aus dem unermeßlichen Schweigen, den Blitzen, die keinen Donner hervorbringen, dem eigentümlichen Gezirp der Insekten, den Flammen riesiger Waldbrände, denen in unserer Phantasie Jaguare, Tapire, Hirsche, Affen, Vögel, Schlangen und Hunderte anderer Bestien in toller Flucht zu entrinnen suchen. Das Geheimnis lauert in dem unheimlichen Schrei der Brüllaffen, dem Geheul des Jaguars, die weithin durch die Stile der tropischen Nacht vernehmlich sind. Ist die Natur friedlicher gestimmt, so wandelt der große, weiße tropische Mond den dunklen Strom in einen Pfad goldenen Lichts, von dem sich die schlanken Palmen wie Geister abheben. Hier sind die Tropen unsrer Vorstellungen: der sternenerhellte Fluß, der wie aus Silbersand bestehende Strand, die übers Wasser gleitenden ausgehöhlten Kanus und der leise warme Wind, beladen mit allen Wohlgerüchen der großen Wälder ringsumher.
In neuester Zeit ist der Amazonenstrom auch den Touristen zugänglich geworden. Die größte amazonische Organisation hat ihn dem Weltverkehr erschlossen und ihre Dampfer der Führung der erfahrensten Piloten anvertraut. Seine Geheimnisse und seine Pracht liegen offen vor jenen, die abseits der gewöhnlichen Routen im Luxus zu reisen wünschen. Da mein Buch den Berichten über Forschungsreisen zu den entlegenen Stämmen der Wilden gewidmet ist, bleibt mir nur wenig Raum für allgemeinere Schilderungen von Landschaften und Erlebnissen, so ungewöhnlich oder interessant sie auch sonst sein mögen. Die Flußstraßen, die an dem großen Unbekannten vorüberziehen, müssen im allgemeinen außer Betracht bleiben. Sollte sich aber einer meiner Leser entschließen, diese einzig dastehende Reise auszuführen, die jetzt in aller Sicherheit und Bequemlichkeit auf einem Kursdampfer von Liverpool bis Manáos, 1600 Kilometer weit stromaufwärts, unternommen werden kann, so wird er die Erfahrung machen, daß man einen Schuß vom Deck an fast jedem Punkt der Fahrt abfeuern und sicher sein kann, daß selbst auf dem Hauptstrom der Schall in einer Wildnis verhallt, die noch nie vom Fuß eines Weißen betreten wurde.
Die kleine Niederlassung Obidos, an einem Hügel des Nordufers gelegen, ist nur deshalb erwähnenswert, weil der Strom hier verhältnismäßig eng wird und beide Ufer ohne dazwischenliegende Inseln sichtbar sind. Dann verbreitert er sich von neuem und strömt zwischen den wirklich wundervollen Wänden des großen amazonischen Urwalds dahin, der an Höhe und Dichte des Unterholzes die Wälder am Kongo oder andern tropischen Flüssen weit übertrifft.
Am Südufer des Amazonenstroms, zwischen Obidos und Itacoatiara, liegt die kleine Siedlung Parintins, in der Nähe der großen Flußinsel Tupinambaranas, auf der sich eine verlassene Stadt befinden soll. Von der kleinen, typisch amazonischen Niederlassung zieht ein Fluß ins Land, namens Camuma. Eine zehntägige Fahrt flußaufwärts bringt den Reisenden zur Eingeborenenniederlassung Maues, der Heimat jenes merkwürdigen Arzneitranks, der weit und breit im Amazonengebiet unter dem Namen „Guaraná“ bekannt ist.
Er wird von den Mauesindianern aus einer kleinen Kletterpflanze bereitet, die zur Familie der Sapindaceae (Paullinia sorbilis) gehört und nicht nur wild in den Wäldern wächst, sondern auch angebaut wird. Die Samen werden im November gesammelt, in der Sonne getrocknet, leicht geröstet, zu Pulver zermahlen und unter Zusatz von Wasser zu einer Paste verrührt. Manchmal wird diese in eine wurstähnliche Form gebracht und so, über dem Feuer erhärtet, in Matto Grosso, Bolivia und an den Flüssen des Amazonengebiets verkauft. Die Indianer und Caboclos bereiten daraus ein Getränk, indem sie die harten Würste auf der getrockneten, feilenartigen Zunge des Pirarucúfisches zerreiben und dann dem Pulver Wasser zusetzen. Auch zu merkwürdigen Zierstücken verarbeitet man die Paste in der Form von Alligatoren, Jaguaren, Vögeln und Schlangen, die als Sammelgegenstände in Pará und Manáos verkauft werden.
Guaraná ist eines der verhältnismäßig wenigen amazonischen Arzneimittel, das in der britischen Pharmakopöe aufgeführt wird. Es gibt nicht nur ein sehr anregendes Getränk, sondern ist auch von anerkannter Wirkung in Fällen von Dysenterie. Im Amazonengebiet bereitet man daraus durch Zusatz von Kohlensäure ein recht wohlschmeckendes „Mineral“-Wasser, das an Beliebtheit mit dem althergebrachten „Assai“ wetteifert. In Maues, wo der Extrakt von halbzivilisierten Indianern hergestellt wird, befindet sich eine Pflanzung von Guaranábüschen, die einem Italiener gehört. Kleinere Mengen wurden bereits in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgeführt.
In dieser kleinen Niederlassung befindet sich auch eine Station des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien. Jetzt ist sie der Mittelpunkt der Zivilisierung der früher wilden Mauesindianer.
Kehren wir zum Amazonenstrom zurück. Tage vergehen, dann erscheinen auf einer kleinen Lichtung des Nordufers die wenigen rosa und weiß gestrichenen Barracas und Landhäuser von Itacoatiara oder Serpa. Dies ist der Stapelplatz für den großen Madeirafluß, der von seiner Mündung sich nach Süden wendet, einige 130 Kilometer oberhalb Itacoatiara. Auf seinem über 1600 Kilometer langen Lauf aus den unerforschten Wäldern von Matto Grosso nimmt er zahlreiche Nebenflüsse auf.
Krieger mit Bogen.
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GRÖSSERES BILD
Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen.
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GRÖSSERES BILD
Wir verlassen nun den Amazonenstrom, um etwa 15 Kilometer vor Manáos in den Rio Negro einzufahren. Das Zusammenfließen der beiden Gewässer bietet ein eigenartiges Schauspiel. Der Rio Negro führt schwarzes Wasser, wie sein Name besagt, das sich mitten in der gelben Flut des Amazonenstroms in großen schwarzen Flecken und kleinen Wirbeln hält. So deutlich scheiden sich die Wasser ab, daß der Bug des Dampfers ins dunkle Wasser taucht, während der Stern noch vom gelben umspült wird. Hier befinden sich auch zwei nicht mehr benützte Leuchttürme, die von den Eingeborenen die „Steine des Poraqué“ genannt werden.
„Poraqué“ heißt der elektrische Aal, den die Eingeborenen aller amazonischen Flüsse außerordentlich fürchten wegen der schrecklichen, zuweilen tödlichen Schläge, die er dem nackten Körper versetzt. Auf irgendeine Weise wurde das geheimnisvolle Licht, das früher die beiden einsamen Türme verbreiteten, mit der Wirkung jener gefürchteten Flußbewohner in Verbindung gebracht.
Von den im Sonnenschein strahlenden, meergleichen Fluten des Rio Negro aus gewährt Manáos einen hübschen Anblick. Weißschimmernde Häuser, Türme und Dächer aus mattroten kanellierten Ziegeln erscheinen im smaragdgrünen Rahmen des tropischen Dschungels, der stellenweise durch rotbraune Erdklippen oder das blauschwarze Wasser der kleinen Wasserläufe oder Igarapés unterbrochen wird. Beim ersten Blick wird man an ähnliche Bilder im Osten, in Afrika, oder selbst an den Küsten des blauen Mittelländischen Meeres erinnert. Kaum sind wir aber gelandet, so verschwinden diese plötzlich aufgetretenen Eindrücke wieder und wir merken, daß diese einzige amazonische Stadt, die über 1600 Kilometer in jeder Richtung von der Zivilisation abliegt, ihre völlig eigene Atmosphäre besitzt.
Am auffallendsten ist die moderne Aufmachung in ihrer Abgeschiedenheit. Im Hafen erheben sich Elevatoren und Drahtseilbahnanlagen auf ungeheueren, längs der Uferbank schwimmenden Kais, um die Unterschiede in der Wasserhöhe — fast 20 Meter! — zu überwinden. Eine schöne Straßenbahn dient nicht nur dem Verkehr in der Stadt, sondern läuft durch den Dschungel bis zu einem Restaurant in Flores. Ein Kraftwerk für elektrisches Licht liefert auch Strom zum Betrieb der Ventilationsapparate und zum Kochen. Manáos besitzt eine Trinkwasserversorgung, verschiedene Zeitungen, die das Neueste aus der ganzen Welt bringen, ein schönes Theater mit hauptsächlich lokalen Talenten und die fünftgrößte Münzensammlung des Erdballs, aber keine Eisenbahnverbindung. Von jedem Punkt der Stadt aus kann man den wilden Dschungel in zwanzig Minuten Gehzeit erreichen, und auf dem gegenüberliegenden Ufer sind die Alligatoren fast die einzigen Bewohner der Igarapés. Eine Eingeborene, die am Strand des S. Raymundo benannten Stadtteils wusch, sah ihr badendes Kind plötzlich zwischen den Kinnladen eines mächtigen Alligators. Sie sprang ins Wasser und drückte ihre Finger in die Augen der Bestie, die darauf den kleinen braunen Körper wieder losließ. Gleich hinter Flores wurden einsame Fußgänger auf der einzigen Landstraße in weitem Umkreis von Jaguaren angegriffen, in Schußweite von der Straßenbahnlinie. Vom Turm der Kathedrale sieht man weit über dem großen Fluß die wilden, unerforschten, schwarzgrünen Wälder, deren ungebrochene Linien sich im violetten Dunst des Horizonts verlieren.
Die gastfreundliche englische Kolonie besitzt ihren Klub, dessen Beschränkungen mehr in natürlichen Umständen liegen, als einer Absicht entsprechen. Unter diesen Verhältnissen und bei dem schlechten Zustand meiner Gesundheit war es nur natürlich, daß der beabsichtigte Aufenthalt von ein oder zwei Tagen auf die doppelte Zeit ausgedehnt wurde. Bei meinen drei Besuchen von Manáos bestand die größte Schwierigkeit immer darin, wegzukommen, ohne meine vielen Freunde dort zu verletzen. Aber das ist kein Grund, den Leser mit Schilderungen des gesellschaftlichen Lebens in diesem kleinen Vorposten der Zivilisation zu langweilen.
Eine seltsame Naturerscheinung zeigt sich in dieser und andern Gegenden des Amazonengebiets alljährlich um den 24. Juni, der merkwürdigerweise mit dem Festtag Johannes’ des Täufers zusammenfällt. Die Wassertemperatur oberhalb der Stadt fällt plötzlich, und das in solchem Grad, daß kleine Fische oftmals zugrunde gehen. Die Wirkung ist auch in der Luft längs der Ufer fühlbar, besonders am Amazonenstrom selber. Die Ansiedler an so weit auseinanderliegenden Plätzen wie Iquitos, Manáos und Obidos beklagen sich über die plötzliche Kälte. Während dieser wenigen Tage kann man am Äquator beinahe eine europäische Kleidung vertragen. Die Ursache der kalten Luft- und Wasserströmung liegt auf dem Pazifischen Ozean. Der verhältnismäßig warme „Chinook“-Wind streicht über die höchsten Anden, schmilzt den Schnee und pfeift durch die rauhen Pässe. Dort verliert er seine Wärme und zieht mit dem Schneewasser durch die tropischen Wälder und über die Steppen des Amazonengebiets.
Einige Zeit brachte ich damit zu, mir dürftige Auskünfte über den Aufenthalt wilder Indianerstämme in den weitentlegenen Wäldern zu verschaffen und daneben prosaische Geschäfte zu erledigen. Eines Tages hörte ich von einem Offizier des Indianeramtes, daß einige neue Stämme um den achten südlichen Breitengrad vorhanden sein sollten, in den dichten Wäldern und ungesunden Sümpfen zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan.
Etwa acht Monate vorher hatte ein unbekannter Stamm, wie man erzählte, einige halbblütige Kautschuksammler angegriffen und umgebracht, die in jene entfernten Gegenden eingedrungen waren, ungefähr 1500 Kilometer südlich von Manáos, an der Grenze von Matto Grosso. Einem überlebenden Caboclo war es schließlich gelungen, sich durchzuschlagen und den Behörden in Porto Velho am Madeirafluß Kunde zu bringen.
Der Offizier, dem ich diese Auskünfte verdankte, gehörte dem tapferen Korps an, das als Indianerschutzamt von General Rondon im Jahre 1910 eingerichtet wurde. Artikel 219 seiner Vorschrift lautet folgendermaßen: „Keine Mühe, keine Gefahr und kein Opfer ist zu scheuen, wenn es sich bei der Pazifikation der wilden Indianerstämme darum handelt, ihnen zu helfen und sie vor Ausbeutung und Unterdrückung zu schützen.“ Ich sah den tapfern Offizier nicht wieder, hörte aber, daß er später an der Grenze Venezuelas umgebracht worden war. Kürzlich hatte ich noch das Vergnügen, mit Dr. Bento Martins Pereira de Lemos zusammenzutreffen, dem alten Chef des Indianeramtes im Amazonengebiet und mit seinem Assistenten J. Gondim. Beide waren mir in weitgehendem Maße behilflich, endgültig einige der Stämme zu identifizieren, die ich zu verschiedenen Zeiten auf meinen Reisen in entlegenen Gebieten angetroffen hatte. Zuletzt sah ich Dr. Lemos zwischen einem kleinen indianischen Knaben und einem Mädchen. Noch ein Jahr früher waren beide Angehörige eines wilden Kannibalenstammes gewesen, dem ich in den düstern Wäldern am Aripuananflusse begegnet war. Doch davon werde ich in einem der nächsten Kapitel erzählen.
7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer.
Nach der Abfahrt von Manáos ging es flußabwärts bis zur kleinen Niederlassung von Itacoatiara. Dort bestieg ich den Flußdampfer „Francisco Salles“, der den Oberlauf des Madeira befährt. Ich hoffte, in einer der kleinen Ansiedlungen auf dem Weg oder in Porto Velho, dem Ausgangspunkt der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, Genaueres über den Ort zu erfahren, wo die unbekannten Indianerstämme hausen sollten. Denn man wird sich erinnern, daß ich über ihre Jagdgründe nicht viel mehr wußte, als daß sie in den wilden, unerforschten, 500 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Wald- und Sumpfgebieten liegen sollten, die sich zwischen den Flüssen Madeira und Aripuanan um den achten Grad südlicher Breite als Mittellinie erstrecken.
Auch die Hilfsquellen und Forschungsmöglichkeiten in dieser Gegend waren so unbekannt wie ihre Bewohner, und die Wahrscheinlichkeit wichtiger Entdeckungen brachte daher alle Besorgnis vor Fehlschlägen zum Schweigen. Der Dampferverkehr endigt an der abgelegensten Eisenbahn der Welt, der Madeira-Mamoré-Bahn, die 400 Kilometer schäumender Katarakte auf dem Landweg umgeht. So dachte ich, daß eine auf Augenschein beruhende Schilderung dieser Unternehmung, die nach einem amerikanischen Ausspruch von „Dr. Lovelace und Chinin“ ausgeführt worden war, die Zeitungsleser in Europa und den Vereinigten Staaten wohl interessieren müßte.
Ich hatte also einen zweifachen Zweck im Auge, während ich statt der dschungelbedeckten Ufer des Amazonenstroms nun die noch dunkleren und dichteren Wälder des großen Madeiraflusses an mir vorbeiziehen ließ. Kaum waren wir an der großen Insel nächst der Flußmündung vorüber, als sich der erste Unfall ereignete. Der Dampfer saß auf einer überfluteten Sandbank fest, die sich erst kürzlich gebildet hatte, gerade gegenüber den riesigen Imbaubabäumen von Fazendinha. Nach einer Stunde war das kleine Fahrzeug wieder flott und konnte seinen Weg gegen die starke Strömung fortsetzen. Meilenlang strömte nun der Fluß zwischen dichten Uferwäldern dahin. Nur eine Reihe von Inseln unterbrach seinen Lauf, wie Urucurituba, Ypringa und viele andere. An mehreren kleinen, mit Palmstroh gedeckten Hütten ging es vorüber, dann gab es wieder einen, diesmal freiwilligen, Halt, um 120 Kilometer von der Mündung, an einem Lager, Perseverança genannt, Holz einzunehmen. Hier standen zahlreiche wilde Kautschukbäume und Kokasträucher. Wirklich, es gehört eine besondere Art von Beharrlichkeit dazu, daß Menschen die Kraft finden, sich in diesen feuchtheißen Wäldern abzuplacken, um einen kleinen Dampfer mit Feuerung zu versorgen!
Bald nach der Weiterfahrt trafen wir auf eine weite Fläche überschwemmten Waldes und auf offenes Wasser, obwohl die Ufer bisher ziemlich hoch gewesen waren. Wir befanden uns in der Nähe des Furo das Guaribas (Affenloch) am Prepriocassee, der seine niedern Ufer überflutet und sich mit dem Madeira vereinigt hatte. Dann schlossen sich wieder die dichten Wälder um uns zusammen und begleiteten uns bis zur kleinen Ansiedlung von Borba, die wir am Morgen des dritten Tages erreichten. Ihre wenigen verfallenen Lehmhäuser, Barracas und Strohhütten stehen auf einer steilen erdigen Bank, vom dichten, dunkeln Urwald eingefaßt. In der Mitte des Dorfplatzes erhebt sich gegen den Fluß zu eine winzige Kirche. Die Schule war geschlossen, weil kein Lehrer hatte bleiben wollen, und die Blicke der paar halbnackten armseligen Caboclofamilien sprachen von hilfloser Verlassenheit, Beri-Beri und Malaria.
Hinter Borba erschienen einige merkwürdige Felsriffe, die auf dem Ostufer sich auf etwa 300 Meter landeinwärts erstreckten. Die Höhe der Bäume nahm zu, und die Schatten unter ihren Kronen wurden schwärzer. Hier und da leuchteten aus der düstern grünen Wand die gelben Blüten des Pao d’arco, des berühmten amazonischen Baumes. Die Ufer waren niedrig und sumpfig. Dann ging es plötzlich um eine Flußbiegung, und bald darauf wurde die Mauer des Waldes von der Mündung des Autazflusses unterbrochen. Gegenüber kamen wir an einer Barraca vorüber, und an Stelle des Waldes trat niederer, verfilzter Dschungel. Wir mußten nun durch die gefährliche Marapity-Enge, die wir kaum hinter uns hatten, als sich schon die unter dem Namen „Pedras dos Ganchos“ bekannten Felsen vor uns aus dem Fluß erhoben, dessen Oberfläche in eine Reihe von Strudeln und Wirbeln aufgelöst schien. Rundumher nichts als Igarapés, Seen und wilder Wald.
Bald nachdem wir die Alligatorinsel umfahren hatten, an der vor vielen Jahren die Greavesexpedition gescheitert war, erreichten wir Vista Alegre mit seinen Wäldern brasilianischer Nußbäume, seinen zweistöckigen Häusern und einer kleinen Missionsstation. Die Ufer liegen hier höher und sind stärker bevölkert. Die Murasindianer, die einstigen Bewohner dieser Gegend, wurden von kriegerischen Stämmen im Süden beinahe ausgerottet, und vom Fluß aus bekam man ihre Maloccas nicht zu Gesicht. Die Strömung ist hier sehr stark und bildet zahlreiche Strudel. Die Vegetation macht den Eindruck noch größerer Üppigkeit als an den Ufern des Amazonenstroms.
Einige Meilen weiter, hinter der unbedeutenden Niederlassung von Taboçal, kamen wir an einem kleinen Friedhof vorüber. Zahlreiche Holzkreuze bezeichnen die letzten Ruhestätten der Opfer dieser ungesunden Flußgegend. Auch der Forscher Alvez hat hier sein Grab gefunden. Dann tauchten die Aripuananinseln auf an der Vereinigung des gleichnamigen Flusses mit dem Madeira.
Zwischen diesen beiden sich gabelnden Flüssen liegt das große, fast unerforschte Gebiet, in dessen halbdunkeln Wäldern sich irgendwo die Maloccas und Jagdgründe der von mir gesuchten Indianerstämme befanden. Ich glaubte sie jedoch nicht näher als etwa 300 Kilometer südlich der Mündung vermuten zu sollen, und die Frage erhob sich, welcher der beiden Flüsse als zweckmäßigste Zufahrtslinie in Betracht käme. Bis jetzt war es mir nicht möglich gewesen, außer vagen Behauptungen über das Vorhandensein wilder Stämme verläßliche Auskünfte zu erhalten. Da ein Eindringen in die Wälder und das kaum bekannte Flußbecken mit großen Gefahren verknüpft war, schien es nicht geraten, den Dampfer zu verlassen und Vorbereitungen für eine Fahrt den Aripuanan hinauf zu treffen. Ein Schiffsverkehr besteht auf ihm nicht, und so hätte es eine Kanureise von 1200 Kilometer ins Unbekannte hinein bedeutet, um mit Erfolg durchzuführen, was nur einer wohlausgerüsteten Expedition gelingen mochte. Tatsächlich hat eine solche später den Aripuanan von seiner Quelle bis zu seiner Vereinigung mit dem Madeira befahren.
Was mir vorschwebte war, einen bessern Annäherungspunkt zu den unerforschten Wäldern zwischen den beiden Flüssen aufzufinden, und nach mehreren Versuchen hatte ich damit auch Glück. Ich entschloß mich nämlich, den Madeira noch weiter hinaufzufahren und einige seiner kleinen östlichen Nebenflüsse zu untersuchen.
Während der nächsten 120 Kilometer bot die Landschaft nichts Besonderes. Dann ging es zwischen Felsen und unbedeutenden Stromschnellen durch die gefährliche Flußkrümmung bei der Urua-Insel. Wieder schloß sich der Urwald um uns zusammen, und auf weite Strecken war nichts sichtbar als der Saum des niedern Dschungels, hin und wieder eine Strohhütte, eine Barraca oder das einsame Heim einer Caboclofamilie. In dieser trübseligen Gegend erlebte ich den schönsten Sonnenuntergang, der mir bisher beschieden gewesen war. Der ganze Himmel stand in Flammen von Gold und Rot zwischen einem Gewoge von Wolken. Gerade hindurch schnitt das dunkle Band der olivengrünen Wälder, und im Widerschein des Wassers spiegelte sich die feurige Glut des Himmels. Ein wundervolles Schauspiel, das mir mehr Eindruck machte als die Mitternachtssonne des Nordkaps oder die Nordlichter Alaskas. Die folgende Nacht jedoch war finster und stürmisch.
Die hübsche kleine Ansiedlung Manicoré liegt auf einer steilen Uferbank über dem Hochwasserstand des schlammigen Flusses. Langsam geht sie der Zerstörung entgegen, da die Ufer unaufhaltsam von der starken Strömung unterwaschen werden. Obwohl es in Manicoré keine eigentlichen Straßen gibt und die wenigen Häuser und Schuppen auf der bloßen und oft recht schmutzigen Erde stehen, wirkt es doch lange nicht so verwahrlost und trübselig wie Borba. Andererseits bietet es allerdings auch nicht das mindeste an Interesse. Denn rings ist es vom Dschungel umschlossen, und die Bevölkerung setzt sich zumeist aus Caboclos zusammen. Die kleine Kirche ist das einzige Gebäude, das nicht in Trümmer fällt.
Bei der Jaguarinsel macht der Fluß zahlreiche Windungen. Man soll den Knall eines Schusses hören können, der 30 Kilometer weiter flußaufwärts abgefeuert wird, weil die beiden Punkte in der Luftlinie nur 3 Kilometer voneinander entfernt sind. Hier liegt die Mündung des ungesunden Marmellosflusses. Sein Quellgebiet soll bis an den Tapajóz reichen, und das dazwischenliegende Gebiet befindet sich zum größten Teil in den Händen wilder Indianerstämme. An diesem Fluß haben sich nicht wenig Tragödien abgespielt. Auf einer Kautschukpflanzung, nur einige Kilometer von der Mündung, starben in einem einzigen Jahr über 100 Leute am Fieber.
Auf der Jaguarinsel steht ein kleiner Seringal (Faktorei), bei dem wir anhielten, um einige Vorräte zu laden. Man zeigte mir einen ungeheuern Baum, der eine große Menge eines milchartigen Saftes absondert, wenn man ihn mit dem Buschmesser anschneidet. Die Waldindianer trinken den Saft an Stelle von Kuhmilch, und die halbzivilisierten Anwohner der Flüsse gießen ihn in ihren Kaffee. Bei den Eingeborenen heißt der Baum „Solu“; sein wissenschaftlicher Name ist mir nicht bekannt. Diese Pflanzenmilch ist recht wohlschmeckend und anscheinend bekömmlich, wenn auch, soviel ich weiß, eine chemische Analyse von ihr noch nicht gemacht wurde. Es gibt hier buchstäblich Tausende von Heilkräutern, von denen die Zivilisation keinerlei Kenntnis besitzt. Von den Eingeborenen werden sie bei leichteren Erkrankungen mit wunderbarem Erfolg angewandt, und sicher würde auf diesem Feld der Forschung eine reiche Ernte das Studium lohnen.
Noch immer fuhren wir zwischen den Mauern der Wälder dahin. In Jumas-Quadras, einer großen Station auf dem Westufer, gab es kurzen Aufenthalt. Dann ließen wir die alte São-Pedro-Missionsstation hinter uns, die verlassen und vom Dschungel überwachsen im Wald liegt, und bekamen einige Stunden später die kleine Stadt Humaitá zu Gesicht. Sie liegt auf einer hohen Uferbank, von der Steintreppen zum Hoch- und Niederwassermal herabführen. Die kleine Niederlassung besitzt einige Ziegelhäuser neben den üblichen Lehm- und Strohhütten und erfreut sich sowohl einer Licht- wie Trinkwasserversorgung. Erbaut wurde sie auf dem Gebiet des Oberst Monteiro, der das urbar gemachte Land, das Stadtgebiet und die städtischen Bauten der brasilianischen Regierung 1890 schenkte. Die Bevölkerung beläuft sich jetzt auf über tausend Köpfe.
Längs der Ufer des Madeiraflusses vollzog sich die erste Entwicklung der Kautschukindustrie im Amazonengebiet. Da der Madeira die Hauptverkehrsstraße nach dem nordöstlichen Bolivia bildet, bietet sich hier die beste Gelegenheit, die Bedingungen der wenigen und sehr dünnen Fäden einer Halbzivilisation zu studieren, die einige Teile des toten Herzens Südamerikas durchziehen. Eine Meile vom Flußufer entfernt stehen wir mitten im jungfräulichen Urwald, auf allen Seiten von Barbarei umgeben. Die Dampfschiffahrt endigt in Porto Velho, von wo die wunderbarste und gleichzeitig abgelegenste Eisenbahn der Welt, die Madeira-Mamoré-Bahn, den Reisenden und seine Waren an 400 Kilometer Stromschnellen vorüberträgt, um ihn an den schiffbaren Flüssen des wilden Benigebiets in Bolivia wieder abzusetzen.
Es ist unnötig, hier die letzten 80 Kilometer auf dem Madeira, zwischen Humaitá und Porto Velho, wie auch die Eisenbahn zu schildern, die hier beginnt, sich am Fluß entlang zieht und in Guajara-Merim in Bolivia ihr Ende erreicht. Porto Velho ist eine saubere, schön angelegte, mit Beleuchtung versehene europäische Niederlassung. Hier befindet sich die Eisenbahnverwaltung, deren Gebäude zum größten Teil durch Drahtgaze gegen die Moskitos geschützt sind. Die Linie wurde von Brasilien gebaut und 1913 vollendet, nachdem es durch den Vertrag von Petropolis einige Landkonzessionen als Entschädigung von Bolivia erhalten hatte. Ehe die Bahn bestand, mußten alle vom Atlantischen Ozean nach Bolivia bestimmten Waren den Amazonenstrom und den Madeira hinauf befördert, in São Antonio umgeladen und zusammen mit den Kanus über Land getragen werden, eine Strecke von 400 Kilometer an neunzehn Katarakten vorbei. Will man sich die Aufgabe in ihrer ganzen Riesenhaftigkeit klarmachen, europäische Waren in das nordöstliche Bolivia auf diesem Weg zu schaffen, der auch kaum schlechter ist als ein anderer, so muß man sich vorstellen, daß sie erst über den Atlantischen Ozean nach Pará verschifft werden mußten, dann etwa 1500 Kilometer auf dem Amazonenstrom, hierauf ungefähr 1000 Kilometer auf der schiffbaren Flußstrecke des Madeira nach São Antonio. Dort wurden sie in flache Kanus umgeladen, die bis zur ersten Stromschnelle hinaufzufahren vermochten. Von hier konnten die Waren auf wochenlangem Marsch nur noch auf dem Rücken von Eingeborenen befördert werden, und dann kam erst eine neue Flußfahrt über viele Hunderte von Kilometer durch halb erforschte Gegenden, wo das Fieber wütete und wilde Indianerstämme in den umliegenden Urwäldern hausten. Alles in allem eine gewagte Unternehmung in tropischer Hitze und Witterung, die etwa sechs Monate in Anspruch nahm!
Der Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn wurde schon 1874 begonnen, aber mehrere Expeditionen mußten, durch Fieber, Sümpfe und feindliche Indianerstämme gezwungen, den Plan wieder aufgeben. Schließlich wurde er doch ausgeführt, ebenso wie der Panamakanal mit Hilfe der ärztlichen so gut als der technischen Wissenschaft. Die Amerikaner nennen sie mit vollem Recht die wunderbarste Urwaldbahn der Welt. Es ist aber Tatsache, daß fast jede Schwelle dieser 367 Kilometer langen Bahnstrecke zum Grabstein eines Menschenlebens geworden ist.
Eine romantische Persönlichkeit war es jedoch, ehe auf solche Weise die Fälle des obern Madeira umgangen wurden, und ist es in gewissem Sinne noch heute, die den Handel und alles sonst in diesem wilden Gebiet beherrschte. Ihr Name ist Nicolas Saurez. Würde die Geschichte dieses Mannes jemals geschrieben, sie gäbe eine aufregende Erzählung des Lebens in den großen Wäldern und an den Kautschukflüssen des Amazonengebiets. Nicolas Saurez fing als Händler an und trat in Beziehungen zu den wilden Stämmen an den Flüssen Beni, Mamoré und Madre de Dios, denen sich zu nähern bis dahin noch kein Weißer gewagt hatte. Bald erlangten er und seine Brüder Konzessionen, die sich von landesherrlichen Befugnissen kaum unterschieden. Er herrschte mit fester Hand über die wilden Indianer. Das kleinste Vergehen oder das mindeste Zeichen von Verräterei fand eine schreckliche Sühne. Ein Angehöriger von Saurez’ Familie wurde von den Indianern ermordet, und schauerliche Geschichten von der Bestrafung ganzer Stämme sind in Umlauf.
In dem Acre-Krieg bildeten Saurez’ Irreguläre eine entscheidende Macht. Später vernichtete er die Räuberbanden von Mischlingen, die plötzlich die Kautschukpflanzungen raubend und mordend zu überfallen pflegten, um sich dann über die Grenze in verhältnismäßige Sicherheit zurückzuziehen. Ein von Saurez ausgestellter Passierschein bedeutete für Reisende und Forscher im Benigebiet weit mehr als der Paß einer Regierung. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte ich das Vergnügen, mit einem Neffen dieses „Herrschers der Beni“ zusammenzutreffen, der in Europa erzogen worden war. Unmöglich, einen liebenswürdigeren und kenntnisreicheren Bolivianer zu finden! Aber Unglück und Tod setzten schließlich seinen weitreichenden Plänen für die Entwicklung seiner Heimat ein vorzeitiges Ziel.
In Porto Velho hörte ich von einem Stamm der Caripuna-Indianer, deren Dorf einige Meilen flußaufwärts an dem kleinen Mutum-Paranáfluß liegen sollte. Obwohl Wilde im vollsten Sinn des Wortes, waren diese eigenartigen Eingeborenen doch mehr oder weniger den Eisenbahnpionieren dieser Gegend vertraut und konnten daher nicht zu den wilden und unbekannten Stämmen gehören, deren Spuren ich nachforschte. Trotzdem schien mir der Besuch ihres Dorfes eine Reise von etwa 200 Kilometer wert, da ich dort genauere Auskünfte über unzugänglichere Stämme zu erhalten hoffen durfte. Ich brachte also meinen ganzen Kram und die Vorräte vom „Francisco Salles“ an Land und bestieg die Mamorébahn, die mich an der Mündung des schlammigen Flusses Mutum-Paraná absetzte.
Dank der Hilfsbereitschaft der Eisenbahnbeamten dieser Wunderlinie, die über 3000 Kilometer von jeder Zivilisation beginnt und endigt, war ich bald im Besitz eines Kanus und zweier „gezähmter“ Caripunasindianer, die mich von der kleinen Niederlassung in der Nähe der Mündung am stromschnellenreichen obern Madeira flußaufwärts bringen sollten. Nachdem wir São Antonio passiert hatten, etwa 11 Kilometer von unserm Ausgangspunkt Porto Velho, lichtete sich der Wald, und die Farbe des Bodens wandelte sich von einem satten Rotbraun in ein helles, sandfarbiges Gelb. Auf dem Weiterweg verlor sich der Dschungel in Buschwerk, und die Fahrt ging viele Meilen lang durch Sümpfe.
Der Mutum-Paraná ist ein schmaler und seichter Fluß. Hohe, dunkle Bäume säumen seine Ufer, das Unterholz steht aber nicht so dicht wie wohl sonst im Amazonengebiet. Stellenweise verbirgt die Wölbung der Baumkronen völlig den Anblick des Himmels. Alles Wachstum der Blätter und Zweige drängt sich wipfelwärts zum Licht, so daß die Bäume den Eindruck riesenhafter Schirme machen. Es ist eine ungesunde Gegend, und meine zwei Kanuleute, die sich der Namen „Washington“ und „Cochrane“ erfreuten, litten beide an den Anfangsstadien der Beri-Beri-Krankheit. Sie wurden sonst von der Verwaltung beschäftigt, die Eisenbahnangestellten mit Fischen zu versorgen und waren ganz freundlich und umgänglich. Gekleidet waren sie in eine Art von losen Hemden und Hosen.
Viel Interessantes war auf diesem schlammigen und halbdunkeln Fluß nicht zu sehen, vermutlich, weil die Mauer des Matto Grosso oder Walddickichts jeden weitern Ausblick unmöglich machte. Was über die unmittelbaren Uferbänke hinauslag, konnte man nur beiläufig aus der Abwesenheit von Hügelland erschließen. Die Hitze war arg, und der Blutdurst der Moskitos und „Piums“ noch ärger als gewöhnlich. Dazu kam noch, daß das schwere ausgehöhlte Kanu nur ein langsames Weiterkommen gestattete. Glücklicherweise lag das Indianerdorf näher der Mündung zu, als wir erwartet hatten, und gerade vor Sonnenuntergang bekamen wir die mit Palmstroh gedeckten Maloccas durch den Saum des Urwalds hindurch zu Gesicht.
Als das Kanu am Ufer anlegte, vermochte ich eben noch wild aussehende Gestalten zu unterscheiden, die unter den Bäumen etwa 80 Meter entfernt im Halbkreis umherstanden. Ich griff nach dem Segeltuchsack, der die Geschenke enthielt, und sprang an Land. Obwohl der Stamm als den Weißen nicht offen feindlich gesinnt galt, schien es mir ratsam, die Friedfertigkeit meiner Absichten zu betonen. Daher ließ ich alle Waffen zurück bis auf einen Revolver in der Tasche. Als ich auf die Indianer zukam, wichen sie weder zurück, noch näherten sie sich; sie blieben einfach still stehen und starrten mich unruhig an. Möglich, daß ihnen einige der Eisenbahnbeamten bekannt waren und daß sie mich für einen von ihnen hielten. Vielleicht schien ihnen auch in meiner Begleitung durch zwei Stammesgenossen eine Bürgschaft für meine Harmlosigkeit zu liegen. Wie dem auch sein mag, jedenfalls kamen sie allmählich zögernd näher, als ich nun aus dem Sack Ketten von billigen Perlen hervorzog, Taschenmesser, kleine Spiegel und andere Geschenke. Ich unterschied jetzt Männer, Weiber und Kinder, die alle völlig nackt waren. Man hatte mir in Porto Velho erzählt, daß die Caripunasindianer viel unter der Gewissenlosigkeit der Kautschuksammler zu leiden gehabt hatten, die ihre jungen Mädchen in den Wald verschleppten, um sie nach ein oder zwei Tagen, meilenweit vom Dorf, irgendwo zurückzulassen. Behandelte man sie aber als Menschen, so waren sie, wie es hieß, ein vergnügtes, fügsames, wenn auch aussterbendes Völkchen.
Dem Aussehen nach gehören die Caripunasindianer entschieden zum mongolischen Typus. Ihre Hautfarbe ist bronzen, das Haar glänzend schwarz. Sie tragen es vorn in Fransen geschnitten und lang über den Rücken herabhängend. Ihr Wuchs ist klein, und sie gehen gänzlich nackt bis auf einen dünnen Faserstrick, den die Männer um die Lenden schlingen. Die Weiber tragen an dessen Stelle einen verzierten Gürtel. Aber beides dient dazu, den Eindruck ihrer Nacktheit eher zu erhöhen als abzuschwächen. Säuglinge werden von der Mutter in einer Binde um den Nacken getragen. Kochgerätschaften scheinen sie nicht zu besitzen außer einigen rohen, irdenen Tiegeln.
Haben die Caripunas gerade keine andere Nahrung, so füllen sie sich den Magen, indem sie Erde essen. Man kann die Wirkung dieses Nahrungsmittels und des „Farinha“ genannten Mandiokamehls auf den Bildern beobachten. Es wird aus den giftigen Wurzelknollen des Kassavestrauchs gewonnen und bildet für alle halbzivilisierten und wilden Indianer das Hauptnahrungsmittel. In dem kleinen Eingeborenendorf am Mutum-Paraná sah ich zum erstenmal seine Zubereitung. Kurz nach Tagesanbruch begaben sich die Weiber des Stammes zu den „Farinha“-Öfen aus getrocknetem Lehm, unter denen fast beständig ein Feuer unterhalten wird. Zum Schutz gegen die tropischen Regengüsse tragen die Ofen ein niederes Dach aus Palmstroh. Die Kassavewurzeln werden in eine Art halbkreisförmigen Trogs gelegt, der aus dem gespaltenen Stamm einer Miritypalme ausgehöhlt ist, und dann zu Brei zerquetscht. Das nur roh durchgeknetete Mehl wird durch ein Fasersieb getrieben, zu einem feinen Teig verrührt und in Kuchen geformt, die man zuweilen einige Stunden lang gären läßt.
Caripunasindianer beim Bogenspannen.
Man beachte die Lendenschnur und die Grasbänder an Armen und Beinen.
Die Länge des Bogens beträgt über 2 Meter.
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GRÖSSERES BILD
Wilde Caripunasindianer.
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GRÖSSERES BILD
In diesem Stadium der Zubereitung der Eingeborenenfarinha enthalten die Kuchen etwas Blausäure und sind folglich giftig. Man entfernt das Gift, indem man den Teig unter Zusatz von Wasser in einen eigenartigen Faserbeutel einfüllt, der beim Ziehen an beiden Enden wie eine Presse wirkt und so Wasser und Gift ausscheidet. Dies wird mehrere Male wiederholt, ehe man das halbgetrocknete, gelblich weiße Mehl in einen Tiegel oder offenen irdenen Topf schüttet. Dann wird der Inhalt mit einem Stock über dem Feuer umgerührt, bis er eine gelbbraune Farbe annimmt und nun zur Nahrung tauglich ist. Fast alle Indianer führen diese „Farinha“, in Blätter eingewickelt, auf Jagd- oder Kriegszügen bei sich. Ihr Nahrungswert ist jedoch sehr gering, sie treibt den Magen auf und macht für Bleichsucht und die Beri-Beri-Krankheit empfänglich.
Mein Boy „Washington“ wußte einige englische Worte, und mit seiner Hilfe versuchte ich, nachdem die Geschenke verteilt waren, ein einsilbiges Gespräch zu führen, um herauszubringen, ob noch andere Indianerstämme in dem umliegenden Gebiet hausten. Fürs erste erfuhr ich nur, daß die Wälder fast unbewohnt waren bis auf einige Caripunasfamilien, die über das weite Gebiet verstreut weiter südlich lebten. Dann kam mir der Gedanke, eine rohe Landkarte auf dem Lehmboden der Lichtung zu skizzieren, aber die Indianer zeigten nur mehrere Male auf eine Stelle, wo etwa Porto Velho liegen konnte, weil sie offenbar der Meinung waren, daß ich dahin reisen wollte. So schien auch dieses Mittel zu versagen. Die Schwierigkeit lag darin, daß ich Auskunft über die Wohnsitze von Stämmen wünschte, die nicht zur Caripunasfamilie gehörten.
Schon wollte ich meine Bemühungen verzweifelt einstellen, als eine vom Mutum-Paraná nach Nordosten gezogene Linie plötzlich lebhafte Zeichen der Verneinung hervorrief. Indem ich diese Spur aufgriff, erfuhr ich schließlich, daß viele „Sonnen“ weit weg in jener Richtung mächtige Krieger lebten, die den Weißen ebenso haßten wie die Caripunasindianer. Dadurch wurde die Ansicht erfahrener Forscher in Velho bestätigt, daß die vom Madeira weit abliegenden Wälder gegen Nordosten zu von den Parintintins bewohnt würden. In der Nähe von Ansiedlungen waren sie nie zu sehen, galten aber für den wildesten Stamm in dem großen amazonischen Waldgebiet. Ich sprach den Namen „Parintintin“ aus, begegnete jedoch nur Blicken völliger Verständnislosigkeit. Entweder war meine Aussprache des Wortes unrichtig oder der Stamm trug bei den Indianern einen andern Namen. Auf spätern Reisen erklärte sich die anscheinende Verständnislosigkeit, da die einheimische Bezeichnung für die wilden Parintintins gänzlich verschieden klingt.
Das Indianerdorf am Mutum-Paraná bestand aus sechs Gemeinschafts-Maloccas. In jedem befanden sich die Herdfeuer dreier Familien, die in verhältnismäßiger Eintracht, aber ohne die leiseste Spur einer Absonderung zu leben scheinen. Das halbdunkle Innere war voll Rauch von den Holzfeuern, die auf dem Lehmboden verglommen. Auf der Lichtung war ein wenig Kassave angebaut.
Die Caripunas sind recht geschickte Fischer. Die Jagd auf Großwild, wie Jaguare, Tapire oder Hirsche ist ihnen zu anstrengend, und sie ziehen vor, Affen zu erlegen und zu verspeisen. Viele der Eingeborenen fallen alljährlich den Bissen der zahlreichen Giftschlangen in den Wäldern des obern Madeira zum Opfer oder lassen in den erdrückenden Umschlingungen der Riesenschlangen ihr Leben. Die Kinder sehen für Indianer manchmal ganz gut aus, altern aber sehr schnell. Das übliche Heiratsalter ist zwölf oder dreizehn Jahre.
Tatauieren oder Bemalen des Körpers ist bei den Caripunas nicht gebräuchlich. Dagegen umwinden sie Waden- und Armmuskeln mit schmalen Faserriemen. Ob sie das in dem Glauben tun, dadurch ihre Kraft zu erhöhen, weiß man nicht genau. Doch scheint es unwahrscheinlich, weil der Brauch unter Männern durchaus nicht allgemein ist und auch bei Weibern und jungen Mädchen auftritt. Die Kanus der Caripunas sind ganz roh. Ein Baumstamm wird ausgehöhlt und zusammengebogen, so daß die offenen Enden weit über dem Wasser liegen. Es muß nicht wenig gefährlich sein, in diesen unhandlichen Booten die seichten, von Alligatoren wimmelnden Flüsse und Igarapés zu befahren. Die Bewaffnung der Männer besteht aus vergifteten Speeren und Pfeilen. Die Kriegsbogen sind weit über zwei Meter lang, und auf nahe Entfernung treffen sie damit recht sicher. Blasrohre, Keulen, Tanzstöcke, Macanas (eine Art Holzschwerter) und andere Waffen oder Zeremonialgerätschaften bekam ich bei den Caripunas nicht zu Gesicht, wie ich sie später bei wilden Stämmen fand, die mit den Weißen noch nicht in Berührung gekommen waren. Einer der Indianer war im Candelaria-Krankenhaus bei Porto Velho operiert worden. Er humpelte auf einem Bein umher, ist aber seitdem gestorben. Die Tuberkulose ist von den Weißen eingeschleppt worden, und fast der ganze Stamm hat darunter zu leiden.
Eine der Dorfmerkwürdigkeiten war ein gefleckter Indianer von einem Stamm, der sich in den Wäldern zwischen dem Westufer des Madeira und dem Purúsflusse aufzuhalten pflegt. Sein ganzer Körper war mit weißen und braunen Flecken bedeckt. Sie sind die Folgen einer seltsamen Krankheit, die früher am Rio dos Purús, dem „Flusse der Gefleckten“, weitverbreitet war. Man behauptet, daß diese geheimnisvolle, aber nicht tödliche Krankheit entsteht, wenn man ohne Kleidung auf den Uferbänken schläft. Der einzig bekannte Stamm, der jetzt noch an ihr leidet, ist der der Pammarys oder Purús. Ein Sachverständiger in Porto Velho meinte, daß sie vom Trinken eines Safts gewisser giftiger Kräuter käme.
Zwei Nächte lagerte ich am Ufer in der Nähe des Caripunas-Dorfes. In der letzten brach einer jener heftigen Gewitterstürme aus, wie sie im Amazonengebiet häufig sind. Bald nach Sonnenuntergang setzte er mit Regenschauern und fast unaufhörlichen Blitzen ein, deren Licht die dunkelsten Winkel des Urwalds erhellte. Das Segeltuch meines kleinen Zeltes beulte sich nach innen unter der tropischen Sintflut. Kaum hatte sich der Sturm erhoben, als die Klappe des Zelts zurückgeschlagen wurde und ein kleines menschliches Wesen ohne weitere Förmlichkeiten hereinkam. Ich wollte gerade die Lampe anzünden, aber der Luftzug von der Zeltöffnung löschte das Streichholz aus. Einen Augenblick wußte ich nicht, ob ich ein neues anzünden und mich dadurch einem etwa beabsichtigten Angriff gegenüber hilflos machen sollte, oder ob es geratener wäre, vorsichtig nach der Flinte zu greifen, die irgendwo unter den bei Beginn des Gewitters hastig geborgenen Sachen lag. Dann fiel mir ein, daß der Eindringling wahrscheinlich einer meiner eigenen Boys wäre. Ich suchte einigermaßen Deckung, indem ich mich hinter den Gepäckhaufen kniete, strich ein Zündholz an — und brach in ein lautes Gelächter aus!
Der Eindringling entpuppte sich als ein kleines, etwa elfjähriges Mädchen, dessen Haare und Körper von Wasser trieften. Sie sah furchtbar erschrocken aus, entweder durch die Blitze oder weil sie sich in einer Falle fand, da die Zeltklappe hinter ihr wieder zugefallen war. So beeilte ich mich, die kleine Sturmlampe anzuzünden. Gelähmt vor Furcht, war das Kind außerstande zu sprechen oder sich zu bewegen und zuckte zurück, als ich es zu beruhigen versuchte. Die Lage war nicht gerade gemütlich. Die Kleine konnte jeden Augenblick ihre Sprache wiederfinden, und ihr Geschrei mochte ernste Folgen nach sich ziehen. Denn galten auch die Caripunas für umgänglich, so waren sie doch Wilde und daher dem Impuls des Augenblicks ohne Überlegung hingegeben. Dazu kam noch, daß sie von gewissenlosen Caboclos manche Unbill erlitten hatten.
Trotzdem es gewiß kein Vergnügen war, schlüpfte ich also aus dem Zelt in die Sintflut hinaus, um sofort der Länge nach in den Schmutz über einige Kisten zu fallen, die in der Eile draußen vergessen worden waren. Das Leuchten der Blitze zeigte mir den Weg zu der unbenutzten Malocca, die man meinen beiden Caripunasboys angewiesen hatte. Zufällig waren sie aus einem andern Dorf und nicht wenig erschrocken, als ich plötzlich im Düster des Innern neben ihrer Feuerstelle auftauchte. Ich packte Washington am Arm und zog ihn in den Sturm hinaus und ins Zelt zurück. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, als ich das Kind, die Ursache alles Schreckens, auf meinem Bett sitzend entdeckte, wie es in aller Ruhe Biskuits aus einer Blechdose knapperte!
Ich gab Washington die nötigen Erklärungen, der grinste und mit der Kleinen redete. Wie es schien, war sie von der Neugier verführt worden, durch einen Schlitz in der Klappe hereinzugucken, als der Sturm sie packte. Nicht mein unerwarteter Anblick war es gewesen, der sie erschreckt hatte, sondern das brennende Zündholz, das ich in der Hand hielt! Unnötig zu sagen, daß die keineswegs scheue junge Dame ohne weiteres durch Washington an den Busen ihrer Familie zurückbefördert wurde, nachdem ich ihr Mund und Hände noch mit Keks vollgestopft hatte. Dieser Vorfall bewies mir, daß die Caripunas ihre Kinder im allgemeinen gut behandeln, sonst würde die Kleine Zeichen von Furcht verraten haben, als ich sie beim Verzehren meiner Biskuits überraschte. Am nächsten Morgen erfuhr ich auf meine Fragen, daß das Mädchen „Teite“ hieß, konnte aber nicht herausbekommen, was der Name bedeutete. Das brennende Streichholz hatte sie von meiner Fähigkeit überzeugt, Licht von den Blitzen mit der Hand einzufangen!
Da es unmöglich war, sich nach Nordosten durch die Wälder durchzuschlagen ohne die Begleitung zahlreicher mit Buschmessern versehener Leute und ohne Vorräte für einige Monate, entschied ich mich dafür, sofort nach Porto Velho zurückzukehren und von dort verschiedene Flüsse zu untersuchen, die der Madeira unterhalb seiner neunzehn Katarakte nach Nordosten entsendet. Die Oberläufe mehrerer dieser Flüsse waren noch unerforscht, und ich beschloß einen Vorstoß in die Wälder des Quellgebiets des Gy-Paraná zu versuchen. In Porto Velho hielt man das für äußerst gefährlich, da die Indianerstämme in jener Gegend feindlich gesinnt sein sollten. Aber in den großen tropischen Wäldern des Amazonengebiets ist nur für den Forscher ein Erfolg zu holen, der frisch und unbedenklich dem Unbekannten gegenübertritt. Einer Gefahr allerdings beabsichtigte ich mich nicht auszusetzen, der des langsamen Verhungerns in den düstern Wäldern, ein Schicksal, das dem unerfahrenen Reisenden im Amazonengebiet nur zu leicht beschieden sein mag.
Als meine Absichten und Ziele in Porto Velho bekannt wurden, bekam ich keine Kanuleute, da zwei Deutsche vor wenigen Monaten im Gebiet des Gy-Paraná von unbekannten Indianern ermordet worden waren. Einige Caboclos hatten nur ihre Gebeine aufgefunden. Dadurch aber wollte ich mir meine Pläne nicht vereiteln lassen. Ich bestieg den „Francisco Salles“, der den Madeira hinabfuhr, und verließ ihn wieder bei der kleinen Ansiedlung von Humaitá, wo es mir bald gelang, zwei halbzivilisierte Torasindianer von dem Faktoreibesitzer zu bekommen. Ich „kaufte“ sie mit der Vereinbarung, daß sie auf meinen Wunsch hin als Kundschafter in den Wäldern am Gy-Paraná Dienste leisten sollten.
In den Gebieten, wo Kautschuk- oder Nußbaumwälder vorhanden sind, wird sich der Reisende an den Endpunkten des Dampferverkehrs ohne besondere Empfehlungen der Schwierigkeit gegenübersehen, eingeborene Kanuleute und vor allem Träger zu bekommen. Der Grund liegt darin, daß fast alle halbzivilisierten Indianer ihren Herren, den Seringals oder Faktoreibesitzern, verschuldet sind. Sie dürfen nur dann einen andern Dienst annehmen, wenn der neue Herr ihre Schulden bezahlt. Verläßt ein verschuldeter Indianer seinen Dienst, so wird er zwangsweise zurückgeschafft, und wird er losgekauft, so steht er für die betreffende Summe in der Schuld seines neuen Herrn. In Brasilien wird diese Einrichtung viel gerechter gehandhabt als in Peru, weil sich die Tätigkeit der Beamten des Indianeramtes auch auf die Waldgebiete erstreckt. Aber der europäische Reisende wird über die Höhe jener „Schulden“ doch recht erstaunt sein, wenn er sie nicht wieder auf einen Nachfolger abwälzen kann, den ihm Freunde oder Beamte des Indianeramtes verschaffen.
Zwei Tage mußte ich in dem Moskitonest Humaitá aushalten und mich mit gerissenen Mischlingen herumschlagen, um verschiedene Vorräte recht zweifelhafter Güte einzuhandeln. Dann endlich schafften meine beiden Indianer das Gepäck das steile Ufer hinab ins Kanu, und fort ging es auf dem dunkeln, schnell dahinströmenden Flusse. Es war ein kochend heißer Tag, und die Oberfläche des Wassers strahlte wie geschmolzenes Gold. Auf meinem kleinen Taschenthermometer las ich 37° Celsius im Schatten ab. Ehe die Nacht einbrach, hatten wir das Häuflein Palmhütten von Boa Esperança passiert und die schwierige Durchfahrt zwischen den „Pedras das Gaivotas“ (Möwenfelsen) hinter uns. Dann aber waren wir am Ende unserer Kräfte und schlugen das Lager auf einer kleinen Graslichtung in der Nähe der Mirary-Faktorei auf. Es war eine wundervolle tropische Nacht. Auf dem Fluß lag der Silberglanz des Mondes, von dem sich die schwarzen Umrisse der hochgewachsenen, schirmartigen Bäume des großen Urwalds abhoben.
Während ich auf der schmalen Lichtung auf und ab ging, um die Glieder nach dem stundenlangen Im-Kanu-Sitzen wieder geschmeidig zu machen, fühlte ich feine Spinnenfäden sich um mein Gesicht und meine Hände schlingen. Auf verhältnismäßig trockenen Plätzen im Dickicht kommt das durchaus nicht selten vor, und ich würde es wohl kaum bemerkt haben. Aber in meinem Zelt brannte die Lampe, die ich zum Lesen und Schreiben immer mit mir führe, und auf der erleuchteten Zeltwand erschien ein dunkler Fleck, der meinen Blick auf sich zog. Bei genauerem Zusehen erkannte ich eine mächtige, haarige Spinne, anscheinend von der Vogelspinnenart, und mit Hilfe meiner elektrischen Taschenlampe verfolgte ich das Netz, das sich im Dreieck zwischen zwei etwa sieben Meter voneinander entfernten Bäumen und dem Zelt ausspannte!
Wenn etwas mir einen Schauder einjagt, so sind es Spinnen. Der Anblick dieses Untiers, dessen Scheußlichkeiten auf dem Seidenzeug des Zelts durch das Licht der Lampe in jeder widerlichen Einzelheit sichtbar wurden, jagte mir trotz der erstickenden Schwüle der tropischen Nacht ein Frösteln über den Rücken. Wie sollte ich den Eindringling wieder loswerden? Schlug ich nach der Spinne mit dem Flintenkolben, so gab’s ein Loch oder das Zelt wurde überhaupt niedergerissen und meine unersetzliche Lampe ging in Trümmer. Ein Schuß wäre ebenso unheilvoll gewesen, aber trotzdem konnte ich mich nicht überwinden, im Zelt zu schlafen, solange das Untier sich nur einen oder zwei Fuß von meinem Gesicht befand — wenn auch an der Außenseite des Zeltes.
Zehn Minuten später hatte sich noch nichts an dieser Lage geändert. Hätte ich einen Eimer voll Wasser über die Bestie geschüttet, so wäre sie freilich fortgekrochen, aber vielleicht in das Zelt hinein! Schließlich weckte ich in meiner Verzweiflung einen der im Kanu schlafenden Indianer. Die Spinne wurde in einem Reserve-Moskitonetz gefangen und wanderte in meine Sammlung. Dann endlich konnte ich mich zurückziehen mit einem Gefühl der Erlösung, aber auch der äußersten Unzufriedenheit mit mir selber. Während der folgenden schlaflosen Nacht hatte ich dann genug Zeit, über die Albernheit von „Idiosynkrasien“ im Licht der modernen Psychologie nachzudenken.
Es ist wirklich unnötig, bei einer Schilderung der Schönheit des nächsten Morgens zu verweilen. Denn auf diesen ungesunden tropischen Flüssen des entlegenen Amazonengebiets sind die Morgen beständig frisch, klar und sonnig, außer vielleicht während der dicksten Regenzeit. Kaum hatten wir begonnen, flußaufwärts zu rudern, als auf dem Ostufer sehr hohe, rote Klippen erschienen, die die Eintönigkeit des Waldes unterbrachen. Hinter der grünen Palmeninsel von Pasto Grande wurde das Kanu plötzlich in einen Strudel gezogen, der sich um einen sehr gefährlichen Felsen unter Wasser gebildet hatte. Es drehte sich um sich selbst, und wir mußten all unsere Ruderkünste anwenden, um nicht zu kentern, bis wir wieder in ruhiges Wasser gelangten.
Bald nach Mittag trafen wir auf die Mündung des unerforschten Maicyflusses, der sich später als der beste Weg ins Herz des Landes der Parintintins erwies. In der Nähe der Mündung standen einige ziegelbedeckte Häuser, eine Barraca und eine Windmühle. Sie bildeten, wie ich leider erst später erfuhr, eine Station des Indianeramts. Hätte ich hier angehalten, statt den Gy-Paraná hinaufzufahren, würde ich mir viel Zeit, Mühe und auch manche Gefahr erspart haben. Für den Reisenden liegt die größte Schwierigkeit im Amazonengebiet in seiner Unkenntnis dessen, was schon vorher von andern geleistet worden ist, in dem Fehlen zuverlässiger Karten und einer Stelle, die wirklich Auskünfte zu geben in der Lage ist. Andererseits wären mehrere damals unbekannte Indianerstämme unentdeckt geblieben, wenn wir uns nicht den ungesunden Gy-Paraná hinaufgearbeitet hätten.
Bald hinter der Calamarinsel und den vier Häusern, die den stolzen Namen „Calamar“ tragen, fuhren wir in die von Inseln versperrte Mündung des Gy-Paraná ein. Künftigen Reisenden diene zur Auskunft, daß sich die Einfahrt auf der linken Seite befindet; rechts gelangt man in einen kleinen Fluß, der die Lokalbezeichnung Rio Preto führt. Hat man einmal den breiten Madeira hinter sich gelassen, so scheint der letzte Zusammenhang mit der Zivilisation plötzlich abzureißen. Was auf der weiten Wasserfläche für Gesicht und Gehör unbemerkt blieb, drängt sich nun der Aufmerksamkeit auf, besonders während der eigentümlichen Stille der äquatorialen Abenddämmerung. Fast sofort schlossen sich die Mauern der dunklen Bäume um den still strömenden Fluß zusammen, und die Luft wurde schwer vom schwülen Geruch des tropischen Waldes. Unter einer riesigen Induba schlugen wir unser Lager auf, gerade als das letzte Gold des Himmels die lichteren, aber schweigenden Hallen der unerforschten Wälder um uns durchzitterte.
8. Ins Herz des tropischen Urwalds.
Als wir früh am folgenden Morgen dicht am Ufer dahinfuhren, kam aus dem Gebüsch ein knurrender Laut und man hörte Zweige brechen. Im nächsten Augenblick bekam ich zum erstenmal den amazonischen Tiger, den Jaguar, zu Gesicht. Das Gebüsch und das hohe Schilfgras teilten sich gegenüber dem Kanu, und der König des südamerikanischen Großwilds erschien für einige Sekunden, offenbar geblendet vom Licht. Keine 10 Meter von uns entfernt stand er da. Vom Hellgelb des Fells hoben sich die pechschwarzen Streifen und Flecken prächtig ab. Es war unmöglich, die volle Größe des Tieres zu schätzen, da nur Kopf, Brust und Vorderpranken in dem hohen Gras und verfilzten Ufergebüsch sichtbar wurden. Der Jaguar knurrte und verschwand sofort wieder, als er uns mit erhobenem Kopf gewittert hatte. Meine beiden Indianer hätten ihn gern verfolgt, aber die begrenzte Zeit und unsere beschränkten Vorräte verboten es. Auf späteren Reisen jedoch glückte es mir, eine solche Jagd mitzumachen. Die Turasindianer fangen den Jaguar in einer aus Gras geflochtenen Schlinge, die auf dem Wechsel verborgen wird, den die Tiere betreten, wenn sie, meist bei Sonnenuntergang, sich an den Fluß oder ein Wasserloch zur Tränke begeben. Das Ende des Grasseils, das in die Schlinge ausläuft, ist so an einem heruntergezogenen Ast befestigt, daß das gefangene Tier buchstäblich gehängt wird. Das Fell wird nicht zu Kleidern verwendet, sondern dient als Decke in den Hütten oder als Schutz gegen die tropischen Regengüsse. Gegen Speere auf der Jagd sind die Indianer eingenommen, weil durch die zahlreichen Stiche das Fell beschädigt wird.
Es gibt wohl kaum einen schöneren Anblick als den des amazonischen Waldes aus der Nähe besehen. Von den breiten Flüssen aus, dem Amazonenstrom selbst, dem Tapajóz, Madeira oder Ucayali macht er den Eindruck einer fast ungebrochenen und sehr eintönigen Mauer aus verschwommenem Grün — eines Vegetationschaos. Bei näherer Bekanntschaft jedoch entfaltet er den ganzen Zauber seiner Schönheit. Über den Fluß breiten sich in tausendfältigem Widerspiel der Wasserfläche zahllose Palmenarten: die bis zu 15 Meter hohe Miritypalme mit ihren großen fächerähnlichen Wedeln und rotleuchtenden Fruchtbüscheln; die graziöse Caranápalme mit ihren Dornen am Stamm und an den Blättern; die Jupatipalme mit ihren federartigen Blütenmassen, die über die lichtern Stellen des Flusses ihre Schatten werfen; die Bandpalme Jacitará (Desmoncus), die flechtenartig an den Stamm fast jedes der Baumriesen sich anklammert. Mächtige, silberweiße Stämme heben sich von der dunkeln Blätterwand ab und breiten, wie riesenhafte grüne und rote Schirme, ihre Kronen hoch über das unendliche grüne Meer. Neben der Assaipalme, die wie ein Rohr vom leisesten Luftzug bewegt wird, erhebt sich stark und bejahrt die Tucumápalme. Grüngefaserte Seile hängen in Schlingen von den höchsten Ästen, und Orchideen, Cattleyen und andere Arten heben ihre Blüten aus feuchten und üppigen Höhlungen. Sinkt dann die Sonne im Westen, so wandelt sich das Grün der Wälder in Gold, Rot, Dunkelbraun und Violett, bis es endlich in geisterhafter Schwärze erstirbt.
Träge flossen die Tage in dem leichten Rindenkanu unter dem Palmstrohschutzdach dahin, denn es war die Zeit des Hochwassers und gab keine Strömung. Der mächtige Amazonenstrom, dessen Gewässer selbst den Atlantischen Ozean über 300 Kilometer weit von seiner Mündung färben, zwingt allen Nebenflüssen seinen Willen auf, sogar solchen wie dem Gy-Paraná, der fast 1600 Kilometer vom Hauptstrom abliegt und fast 3000 Kilometer vom Gestade des Meeres! Er zwingt sie, ihre Gewässer zurückzuhalten, bis er selber weit genug gefallen ist, um sie aufnehmen zu können. Dadurch werden unermeßliche Flächen überflutet. Fast zwei Tage lang fuhren wir über ruhige Seen und durch überschwemmte Urwälder. Die eigenartige Stille dieses weiten überschwemmten Dschungelgebiets ist höchst eindrucksvoll. Jedes Anzeichen von Leben scheint sich aus Land und Bäumen zurückgezogen zu haben. Die schnatternden Affen, die lärmenden Papageien und Araras, die Spieß- und Pampashirsche, die sonst durch das brechende Unterholz streifen, der sein Weibchen lockende Tapir, das im Schmutz wühlende Wildschwein, der herumscharrende Ameisenfresser, die in Höhlen wohnenden Gürteltiere — sie alle flüchten vor den steigenden Fluten, und selbst die Vögel streifen über das dunkelgrüne Blätterdach ohne Schrei und Gesang. Nur die sumpfliebenden Schlangen, die Fischottern und Alligatoren, die gefürchteten elektrischen Aale und die Wolken von Insekten scheinen sich im Dunst der Gewässer und des Moders wohlzufühlen.
So schlich Stunde um Stunde dahin in Sonnenhitze und Schweigen. Überall um uns der Wald, aus der Grenzenlosigkeit des stagnierenden Wassers emporsteigend. Dann wieder lange Nächte im Kanu in verkrampfter Haltung, während der gelbe tropische Mond hinter den hohen Bäumen stand und sonderbare Schatten auf das Brackwasser warf. So niedergedrückt fühlte ich mich, daß ich mehr als einmal, in Augenblicken der Schwäche, laut redete, um den Eindruck der schauerlichen Verlassenheit zu vertreiben. Diese überschwemmten Flächen, die zuweilen 50 bis zu 250 Geviertkilometer bedecken, sind so häufig in den niedern Flußtälern, daß die beiden Turas, schweigend und unbewegt wie nordamerikanische Indianer, weiterpaddelten, ihre kärgliche Nahrung zu sich nahmen, schliefen, und gleichmütig nach dem tiefen Wasser Ausschau hielten, das das Bett des Flusses anzeigt.
Gegen Mittag des zweiten Tages in diesem Riesensumpf ereignete sich ein Zwischenfall, der unsere kleine Expedition beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Von einem überhängenden Ast fiel eine Schlange ins Boot, während die Ruderer in der Mittagshitze ausruhten. Tod durch Schlangenbiß ist so häufig unter den nackten und daher ungeschützten Eingeborenen, daß meine beiden Indianer in ihrer Hast, von dem sich krampfhaft ringelnden grünen Ding wegzukommen, beinahe das Kanu zum Kentern brachten. Sie zogen die Gefahren vor, die unsichtbar unter dem brüheartigen Wasser lauerten und sprangen über Bord.
So einfach war es nicht, den gefährlichen Eindringling unschädlich zu machen. Es war eine Louro Machaco oder Papageienschlange, so genannt wegen ihrer wunderschönen grünen Farbe. Ich quetschte sie mit einer schweren Kiste gegen die Bordwand und beförderte sie dann durch einige Schläge mit dem Paddel ins Jenseits. Die Haut wurde ihr als Siegestrophäe abgezogen.
Nach einer solchen Aufregung wird die erschlaffende Hitze des amazonischen Waldes erst recht fühlbar. Meine dünne Kleidung war vom Schweiß buchstäblich wie aus dem Wasser gezogen. Zu der körperlichen Unbehaglichkeit kam noch der seelische Schock bei dem Gedanken, wie nahe wir daran gewesen waren, durch das Kentern des Kanus Ausrüstung und Vorräte einzubüßen. Die verhältnismäßig unbedeutende Anstrengung rief eine krankhafte Abgespanntheit hervor, die einige Stunden anhielt und mich zur Einnahme einer Extradosis Chinin veranlaßte, was zuzeiten im entlegenen Amazonengebiet für Leben und Tod entscheidend ist. Wir befanden uns nun mitten im Sumpf- und Flußgebiet des oberen Madeiratals, dem Lieblingsaufenthalt des Alligators und der Anakonda. Exemplare dieser Riesenschlange von zwölf Meter Länge waren in den dem Madeira benachbarten Seen und Sümpfen oberhalb Porto Velho gefangen worden. Die Eingeborenen behaupten, daß einige dieser überfluteten Dschungelstrecken im Kanu nur unter Todesgefahr zu befahren sind, die von diesen riesigen Reptilien droht. Die Haut der Anakonda ist gewöhnlich bräunlich oder schwarz und gelb gestreift. Sie erdrückt ihre Beute, indem sie sie in ihren Umschlingungen zusammenpreßt, bis die Knochen gebrochen sind. Dann soll sie Affen, Jaguare, Tapire und Ameisenfresser fast im ganzen verschlingen können. Ein Mensch, den sie einmal in solcher Umschlingung gefangen hat, hat kaum noch eine Hoffnung auf Rettung.
Der Vorfall mit der Schlange ist an sich durchaus nichts Ungewöhnliches auf Reisen im Amazonengebiet. Aber den beiden Turas brachte er die Eingeborenensagen von der „Mae de Agua“, der „Mutter des Wassers“, wieder in Erinnerung, die sich zweifellos auf Anakondas oder ähnliche Ungeheuer beziehen. Eine Zeitlang ängstigten sie sich vor allem, was nur einigermaßen diesem Schrecken der Sümpfe glich, ob das Licht des Tages, Dämmerung oder Mondschein herrschte. Was mich selber betrifft, so war ich zu sehr damit beschäftigt, mich gegen die Insektenpest zu verteidigen, als daß ich mich ähnlichen Gedanken hätte hingeben können. Sie machte jede Stunde des Tags und der Nacht zu einer endlosen Qual, aber wenigstens wurde ich dadurch davon abgehalten, an weit größere jedoch weniger unangenehme Bestien zu denken.
Am vierten Tag erschienen höhergelegene Stellen, und wir landeten, um dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen, machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchse aus ihrem behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt. Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.
Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen, durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen hatten.
Itogapukmädchen.
Man beachte die merkwürdigen Bänder um Leib und Arme, die ins Fleisch einschneiden.
Wie sehr dies der Fall ist, ist oberhalb des Handgelenks auf dem linken Bild deutlich sichtbar.
Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks.
Im Hintergrund eine der merkwürdigen Gemeinschaftsmaloccas dieses neuentdeckten Stammes.
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GRÖSSERES BILD
Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war, deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil sie mit ihrem zu einer knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun. Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen betrachtet würden.
Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber, als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte. Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit, daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.
Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen Namen finden konnte, habe ich ihn auf der Kartenskizze (S. 149) als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte. Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen. Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter Indianer nicht zu entdecken gewesen war.
Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt, auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.
Bald war das kleine wasserdichte Zelt aufgeschlagen, ein Feuer von den trockenen Kernspänen umgefallener Bäume angezündet und das schwelgerische Mahl bereitet, bestehend aus gesalzenem Konservenfleisch, Früchten, Biskuits und schwarzem Kaffee. Nachdem ich ihm alle Ehre angetan hatte, legte ich mich auf die wasserdichte Decke, um zu rauchen, auszuruhen und nachzudenken, ehe ich die üblichen Eintragungen über das am letzten Tag Geleistete in mein Notizbuch machte. Die Sonne strahlte in tiefem Rot und Gelb und verlieh der Landschaft etwas vom Geist des tropischen Waldes. Als ich noch ein Knabe war, hatte ich einmal in einem Wanderpanorama ein treues Bild vom ersten Lager Sir H. M. Stanleys am Ufer der innerafrikanischen Seen (mit allerlei Gepäck) gesehen, und das stieg nun ungerufen aus den Tiefen des aufgespeicherten Unterbewußten vor meinem Geist empor. Sah man vom See ab, so fand sich hier in der amazonischen Wildnis eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Vorstellungen des Künstlers von Innerafrika.
In diesem Lager war es, wo meine Pläne einen völligen Schiffbruch erlitten. Als ich die Schulden der beiden Turas zahlte und sie damit in meinen Dienst nahm, hatten sie sich bereit erklärt, in den Wäldern umherzukundschaften, um mit den in der Umgebung lebenden oder jagenden Wilden in Verbindung zu kommen. Nun weigerten sie sich glatt, diesen Teil des Programms auszuführen, indem sie erklärten, sie würden dabei umgebracht und aufgefressen, da die betreffenden Stämme ihrem eigenen Stamm ebenso wie allen Weißen feindlich gesinnt wären. Dies zusammen mit dem Verlust von Lebensmitteln schien die Expedition zu einem plötzlichen und unheilvollen Abschluß zu bringen. Die beiden durch Drohungen oder mit Gewalt in die Wälder zu treiben, wäre natürlich schlimmer als nutzlos gewesen, und das Versprechen einer Belohnung hatte nur Mißtrauen und Widerspenstigkeit zur Folge.
Unter solchen Verhältnissen schien es unangebracht, noch weiter flußaufwärts zu fahren. Das Lager zu verlassen und mich selbst in dem umliegenden Wald auf die Suche zu machen, hätte bedeutet, das Unheil geradezu herauszufordern. Ließ ich die beiden Indianer allein, so mochten sie Verrat planen oder sich, was weit wahrscheinlicher war, in ihrer Furcht flußabwärts davonmachen. Dann hätte ich mich allein, vielleicht ohne Lebensmittel, einer Reise von 250 Kilometer einen schwierig zu befahrenden Fluß hinab gegenübergesehen, mit weit überschwemmten Flächen oder Seen und feindlichen Indianern in den Wäldern auf der ganzen Rückzugslinie. Später stellte sich heraus, daß meine Boys alte Kriegspfade anderer Stämme wiedererkannt hatten.
Es liegt viel Wahrheit in dem Spruch, daß Notwendigkeit die Mutter der Erfindung ist. Während ich auf dem Rand des Kanus saß, um mich zu einem würdelosen Rückzug zu entschließen, kam mir ein Einfall, der das Problem schließlich löste. Ich bewaffnete mich mit der Flinte und der elektrischen Taschenlampe, legte einige Kleinigkeiten, darunter mein letztes Taschenmesser, in das Kanu und wartete die Nacht hindurch auf die Rückkehr der Indianerdiebe. Mehrere Male kamen Geräusche aus dem dichten Busch, der das Lager umgab, und die Versuchung war groß, die Taschenlampe anzuknipsen. Wer einmal eine Nacht unter ähnlichen Umständen durchwacht hat, weiß, wie lang die Stunden scheinen und wie unerträglich die Spannung allmählich wird.
Als der Mond aufstieg und sein Licht über die Landschaft warf, schien die Gelegenheit vorüber, aber ich setzte doch die Wache fort, wenn ich auch Augen und Gehör nicht mehr so anzustrengen brauchte. Stunde um Stunde verrann langsam, und im feuchten Dunst überfiel mich ein unangenehmes und Unheil kündendes Frösteln. Dann zeigten sich die ersten helleren Streifen der Dämmerung; der ungesunde Nebel verschwand von den Uferbänken, hielt sich aber noch in den üppigen Buschdickichten. Der Wald erwachte zum Leben. Durch und durch entmutigt und erschöpft kroch ich auf die wasserdichte Decke und vergaß bald die Suche nach neuen Menschenrassen.
9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná.
Etwa zwei Stunden später erwachte ich durch ein Zerren an der Decke zu vollem Bewußtsein. Der Indianer, der seiner dünnen Glieder wegen „Moskito“ hieß, plapperte und deutete aufgeregt nach der Zeltöffnung. Ich sprang schnell auf die Füße und schüttelte ein Gefühl ab, das dem glich, wenn man es verschlafen hat. Groß war meine Überraschung, als ich den andern Boy „Unani Assu“ (großer Mann) sich hinter einem Baumstumpf verbergen sah. Meine Augen suchten die Ursache und entdeckten sie in weniger als 25 Meter Entfernung. Auf der gegenüberliegenden Uferbank stand ein kleiner, untersetzter, bronzefarbiger und gänzlich nackter Wilder, den Bogen in der Hand. Ich ergriff meinen Rasierspiegel als Friedensgabe, verließ das Zelt, rief laut und hielt die Hände hoch als Zeichen, daß ich unbewaffnet war.
Fast im gleichen Augenblick zischte ein Pfeil von irgendwoher aus dem Dickicht des Ufers gegenüber, war jedoch zu kurz gezielt und fiel vor dem Lager in den Fluß. Da ich die Gefahr unserer Lage erkannte, falls ein Angriff von mehreren Seiten aus erfolgte, beschloß ich, alle Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich ging vielmehr ins Zelt zurück, raffte hastig zusammen, was den Indianern begehrenswert erscheinen mochte, und hielt es in die Höhe, damit sie es sehen konnten. Diesmal antwortete kein Pfeil. So legte ich die Sachen an den Rand des Ufers und zog mich auf das höher gelegene Lager zurück.
Lange Zeit machten die Indianer keinen Versuch, sich in den Besitz der Geschenke zu setzen. Ich benützte die Zwischenzeit, um Flinte und Revolver zu laden und das Gepäck am Ufer des kleinen Igarapés aufzustapeln. Dann erschien plötzlich der gleiche Wilde, den ich auf dem Ufer gegenüber gesehen hatte, auf der Lagerlichtung. Es war ein spannender Augenblick. Irgendwie war ich mir bewußt, daß aus dem dunkeln Dickicht des Waldes unsichtbare Augen jede meiner Bewegungen überwachten. Wieder winkte ich mit erhobener Hand und deutete auf die Geschenke am Uferrand, etwa 12 Meter entfernt.
Offenbar hatte der Indianer den Fluß durchschwommen oder durchwatet, denn sein Haar war naß. Meine beiden Boys hatten sich in ihrem Entsetzen versteckt, und ich selbst sprach unglücklicherweise kein Wort Guarani, das von den Stämmen in diesen Wäldern gewöhnlich verstanden wird. Der Indianer näherte sich vorsichtig den Geschenken, riß sie, in Reichweite angekommen, an sich und zog sich wieder an den Saum des Dschungels zurück. Inzwischen hatte ich „Moskito“ hinter einem Baum in der Nähe entdeckt und zog ihn auf die Lichtung heraus. Ich setzte ihm auseinander, daß wir alle zweifellos umgebracht würden, wenn er nicht versuchte, sich mit dem Indianer freundschaftlich zu stellen, und befahl ihm, auf Guarani zu rufen, daß wir Freunde seien und Lebensmittel brauchten.
Der Indianer hielt plötzlich im Schatten der Bäume still, und mein Herz begann unruhig zu schlagen. Dann versuchte ich, durch Zeichen eine Unterhaltung anzubahnen und brachte den Wilden allmählich näher, indem ich ihm ein Stück wohlriechender Seife anbot. Offenbar plagte ihn die Neugierde mächtig, aber die Vorsicht verbot ihm, die Seife aus meiner Hand zu nehmen, und ich mußte sie erst auf den Boden legen. Nachdem so eine Art Freundschaft hergestellt war, bedurfte es nur kurzer Zeit, um ihn aufzuklären, daß er uns mit Lebensmitteln versorgen solle, was am leichtesten auszudrücken und zu verstehen war. Der Indianer schien einzuwilligen und verschwand wieder im Dickicht.
Einige Sekunden darauf trafen drei Pfeile mit bemerkenswerter Genauigkeit den Boden ein wenig links vom Zelt. Sie waren augenscheinlich in hohem Bogen abgeschossen worden, entweder wegen der Entfernung oder damit sie senkrecht in der Erde steckenblieben. Später brachte ich diese Trophäen in Sicherheit; sie waren schön geschnitzt und mit Federn verziert. Was zuerst wie Feindseligkeit, niedrige Undankbarkeit und Verräterei ausgesehen hatte, gewann plötzlich eine andere Bedeutung. Die Pfeile waren nacheinander abgeschossen worden, und jeder steckte links vom Zelt ein Meter vom nächsten im Boden. Hätten die Indianer mörderische Absichten gehabt, so würden sie entweder auf mich selbst gezielt oder ihre Geschosse über das ganze kleine Lager verteilt haben. Offenbar waren die Pfeile als Gegengeschenke gedacht, und ich fühlte mich nun wesentlich behaglicher als während der letzten halben Stunde.