C. F. Gellerts
sämmtliche
Schriften.
Zweyter Theil.

Mit Königl. Preuß. allergnädigstem Privilegio.

Berlin und Stettin,

bey Joachim Pauli, 1772.

Innhalt des zweyten Theils.

Moralische Gedichte.

[Der Menschenfreund.]

Wie selig lebt ein Mann, der seine Pflichten kennt,
Und, seine Pflicht zu thun, aus Menschenliebe brennt,
Der, wenn ihn auch kein Eid zum Dienst der Welt verbindet,
Beruf, und Eid und Amt schon in sich selber findet!
Ihm wird des andern Wohl sein eignes Himmelreich;
Er fühlet meine Noth, als träf ihn selbst der Streich;
Und das, was ihn beherrscht, ist ein gerecht Bestreben,
So treu, als er sich lebt, der ganzen Welt zu leben.
Das seine milde Hand dir Glück und Ruhe schafft,
Ist kein erzwungner Trieb von deiner Thränen Kraft:
Er sieht, du bist es werth, er sieht, er kann dir nützen,
Und mehr, als du gehofft, wirst du durch ihn besitzen.
Nicht macht er dich beglückt, daß du sein Sklave seyst,
Und aus Erkenntlichkeit ihm dein Gewissen leihst,
Und, weil er dein gedacht, ihm dich auf ewig schenkest,
Und, wie er denkt und glaubt, auch mit ihm glaubst und denkest.
Auch hilft dir nicht sein Herz nur bloß aus Weichlichkeit.
Indem es jede Noth aus innrer Wollust scheut;
Viel minder wird er dich mit seiner Gunst beglücken,
Um, was er einmal that, dir zehnmal vorzurücken.
Nicht darum wird dein Glück von seiner Huld vermehrt,
Von seinem Arm beschützt, damit man öfters hört:
»Ich hob ihn aus dem Staub in den beglückten Orden,
Ich sprach: er werde groß, und er ist groß geworden.«
Nein, wenn der Menschenfreund sich um dein Wohl bemüht:
So glaub, er wartet nicht, bis es der Erdkreis sieht.
Er bittet dich vielmehr die Wohlthat zu verschweigen;
Gott und sein eignes Herz sind ihm die liebsten Zeugen.
Kein Stolz noch Eigennutz wirkt seine Gütigkeit.
Was die Natur befiehlt, was die Vernunft gebeut,
Was dein Bedürfniß heischt, dieß reizet seine Triebe,
Auch ohne Ruhm und Lohn, zu wahrer Menschenliebe.
Nie hält er sich zu schwach, dir hülfreich beyzustehn;
Sein Ansehn und sein Freund, sein Stand, sein Wohlergehn,
Sind Mittel deines Glücks; und kann er nicht durch Thaten,
So wird er durch Verstand, und durch Erfahrung rathen.

O! spricht er bey sich selbst, mir gab der Allmacht Hand,
Bey Gütern und Gewalt, auch Willen und Verstand;
Die letzten wend ich an, damit die ersten Gaben,
Indem sie mir genützt, der Welt genützet haben.
Was soll der reiche Schatz? Wie soll er nur allein
Des Moders halber Raub und meine Marter seyn?
Und soll ich, als ein Thor, mein Herz und mein Gewissen,
Vergnügen und Verstand zugleich mit ihm verschliessen?
Welch Elend ist mein Glück, wenn ich von Unruh voll,
Als meines Schatzes Herr, den Schatz nur hüten soll!
Bekam ich darum nur der Väter reiches Erbe,
Damit ich reicher noch, als meine Väter, sterbe?
Ist dieß des Reichthums Frucht, daß ich, dem Geize treu,
Bey allem Ueberfluß selbst arm und dürftig sey:
So fluch ich auf mein Glück, und nenn es eine Bürde,
Und hielt ein Freudenfest, wenn sie gestohlen würde.
Der, der aus seiner Hand, die ihn mit Müh ernährt,
Und noch vom Fleisse schwitzt, sein schwarzes Brodt verzehrt,
Und sichs zufrieden gönnt, ists gleich das letzte Stücke,
Lebt besser ohne Glück, als ich bey grossem Glücke.

Zwar seh ich, wie Gargil sein reiches Gut gebraucht,
Wenn stets sein Speisesaal von zwanzig Schüsseln raucht;
Nie hebt die Tafel an, so zeigen neue Trachten,
Daß ihm die Väter nicht umsonst ihr Geld vermachten.
Wahr ists, Gargil lebt wohl, komm auch um Mitternacht!
Da kömmt kein Gast zu spät, wo stets der Mundkoch wacht.
Dich wird der liebste Wirth mit Speisen überladen,
Mit Gläsern auf dich gehn, und dich mit Weine baden.
Trink dich um den Verstand, du trinkst ihm nie zu viel.
Du taumelst, taumle recht, denn dieses wünscht Gargil;
Er lacht den andern Tag, wenn du die Stirne streichest,
Und krank durch seine Huld, aus seinem Hause schleichest.
So braucht Gargil sein Gut, und legt der Schwelgerey,
Mit welcher ers verpraßt, der Großmuth Namen bey,
Und meynt, er lebe klug, und lebt, und schwelgt bethöret,
Bis sein Palast für Schuld der ganzen Stadt gehöret.

O! denkt der Menschenfreund, Suffen mag Häuser baun,
Und sich, beym Leben schon, durch Stein verewigt schaun;
Was nützt die stolze Wand, als daß von seinem Segen
Die Enkel einst, in ihr, der Wollust sanfter pflegen?
Haut ganze Wälder um, legt theure Gärten an,
Viel habt ihr für die Pracht, nichts für die Welt gethan;
Schmückt Gärten, Haus und Hof mit Bildern und mit Säulen,
Den Künstlern wird die Welt, nicht euch, den Ruhm ertheilen.
Ich will mit meinem Gut, das mir das Glück verliehn,
Mein reinliches Gemach nicht glänzend überziehn;
Es ist bequem genug, mich und den Freund zu fassen;
Der Freund besucht es gern, und wirds nicht gern verlassen.
Den Fremden, und dem Freund sey stets mein Tisch gedeckt.
Wenn ein gesund Gerücht mir und den Gästen schmeckt;
Was soll der Ueberfluß aus Feldern, Wald und Seen,
Dem Tisch und mir zur Last, vor meinen Augen stehen?
Macht mich ein kluger Freund, durch Reden voller Geist,
Bey wenig Speisen satt: so hab ich wohl gespeist,
Und tausche nicht mit dem, der hundert Schüsseln zählet,
Und doch bey jeder klagt, daß ihm der Hunger fehlet.

Die Welt hat Recht genug zu meinem Wohlergehn.
Was ich nicht selbst bedarf, muß ihr zu Dienste stehn.
Für alle schuf der Herr die Güter dieser Erden,
Für alle, die da sind, und noch gebohren werden.
Daß mancher Fromme darbt, manch redlich Herz verdirbt,
Und der, zum Greis versehn, vor Noth als Jüngling stirbt;
Daß mancher Vater ächzt, weil er bey Fleiß und Wachen
Nicht so viel Brodt erschwitzt, die Kinder satt zu machen,
Thut dieses die Natur? Giebt sie nicht reichlich gnug?
Verschwendung, Hoffart, Geiz, List, Eigennutz, Betrug,
Dieß macht den Erdkreis arm. O steinern Herz des Bösen,
Zum Retten hast du Kraft, und willst doch nicht erlösen!
So lange siecht Philet von Weh und Angst beklemmt.
Warum? weil noch bis itzt kein Samariter kömmt.
Er leidet ohne Schuld, und wäre längst genesen,
Wärst du zum Mitleid nicht zu kalt und karg gewesen.

So denkt der Menschenfreund; er denkt nicht nur, er thut,
Er theilt mit Klugheit aus, und freut sich, daß sein Gut
Die Zahl der Frohen mehrt, die Zahl Entblößter mindert,
Und, wenn er längst verwest, noch manches Elend hindert.
Er hilft der Wissenschaft; weil, wenn er die beschützt,
Er auch der Wahrheit hilft, und auch der Tugend nützt,
Und ihrem größten Feind, der Gott und sie entehret,
Dem Sohn der Finsterniß, dem Aberglauben wehret.
Ein Kopf, dem die Natur mehr Geist, als Glück, verliehn,
Ist seiner Achtung werth; er sucht ihn aufzuziehn,
Durch Beyspiel, durch Verstand, durch Großmuth, Hülf und Wachen,
Klug, edelmüthig, treu, groß, und beglückt zu machen.
Was kann er edlers thun, als daß er für die Welt,
Ein nicht von seinem Blut entsproßnes Kind erhält?
Er schenkt ihm Zucht und Kunst, der Vater gab ihm Leben;
Wer hat für diesen Sohn das Meiste hergegeben?

Er setzt das ganze Jahr gewisse Gelder aus.
Für wen? frißt sie vielleicht der Schmeichler und der Schmaus?
Erkauft er sich damit der Dichter Lorberreiser?
O nein! erröthet nur, er baut den Wittwen Häuser,
Wird zarter Waisen Gott, und schätzt sich dann beglückt,
Wenn sie durch seine Hand zum Dienst der Welt geschickt,
Den Zeiten nützlich sind. O! spricht er, dieser Saame
Sey, wenn ich nicht mehr bin, mein Preis und später Name.

So wie der Wuchrer zählt, wenn itzt ein Jahr verläuft,
Wie hoch sein baares Geld sich durch die Zinsen häuft;
So zählt der Menschenfreund mit jedes Tages Ende
Den Wucher seines Guts, das Wohlthun seiner Hände.
Er lacht des eitlen Staats; für das verschmißne Geld,
Wovon Marull ein Haus unnützer Diener hält,
Die ihm im Wege stehn, und ihm und seinen Pferden
Am Müßiggange gleich, und gleich an Geilheit werden;
Für dieß verpraßte Geld weis unser Menschenfreund
Den, der mit Jammer wacht, und auf dem Lager weint,
Aus Liebe zur Natur, bewegt von selgen Pflichten,
Großmüthig zu erfreun, und göttlich aufzurichten.
Zum Prinzen fehlt ihm nichts, als ein gehorchend Land.
Kommt, Völker, gebet ihm den Zepter in die Hand:
Er wird als Antonin das Ruder weislich führen,
Gelinde, wie Trajan, groß, wie August, regieren.
Er hält nicht Glück und Volk für sich allein gemacht,
Sich hält er für die Welt von Gott hervorgebracht;
Ihm will er, als sein Bild, durch wahre Hoheit gleichen,
Durch Liebe sucht er dieß, und wirds durch Lieb erreichen.
Kein Undank schreckt ihn ab, dir noch sein Herz zu weihn.
Versuch es, sey sein Feind, du wirsts nicht lange seyn:
Durch Wohlthun wird er bald Haß und Verfolgung schwächen,
Und wenn du ihn bedrängst, sich nur durch Großmuth rächen.

Wo aber bleibt die Frucht von allem, was er gab?
O Freund! sprich seiner Huld nicht gleich den Nutzen ab;
Der Landmann pflegt im Herbst den Acker feist zu bauen,
Und sein erspartes Korn den Hufen zu vertrauen,
Itzt sieht er keine Frucht, er sieht nach kurzer Zeit
Sein reich gestreutes Korn vergraben und verschneyt,
Und doch verzagt er nicht; nach wenig Frühlingstagen
Zeigt sich sein Feld bereit, im Sommer reich zu tragen.
Das Grüne sproßt hervor, die Saat fängt an zu blühn,
Der Stengel eines Korns, so klein er erstlich schien,
Wird vielfach schon ein Halm; dann trägt in vollen Aehren
Ein einzig Korn oft Brodt, dich Tage zu ernähren.
So zeigt der Wohlthat Frucht sich nicht im Augenblick;
Itzt leget sie den Grund zu eines Waisen Glück.
Dieß scheint nicht viel gethan; was hilft das Glück des einen,
Wenn tausend gegen ihn ihr Unglück noch beweinen?
Doch warte kurze Zeit, der Waise wird ein Mann,
Der durch Verstand und Kunst und Güter dienen kann.
Er hilft, er dient, er nützt, sorgt, wachet und verbessert,
Und mehrt des andern Wohl, so, wie man seins vergrössert.
So keimt aus einem Glück oft ganzer Häuser Heil.
Und ganzer Häuser Wohl wird ganzer Länder Theil:
So nützt des ersten Hand, die dem das Glück gegeben,
In ihm noch oft der Welt nach eines Mannes Leben.

O! wollte doch der Mensch des Menschen Schutzgott seyn:
So wär das meiste Weh noch unbekannte Pein!
Belebte jedes Herz der Geist der Menschenliebe:
So wären Neid und Haß noch ungezeugte Triebe.
Als Glieder schuf uns Gott, als Bürger einer Welt,
In der des einen Hand die Hand des andern hält.
Wir trennen dieses Band, und bleiben fühllos stehen,
Und bauen unser Glück auf andrer Untergehen.

Ein treu und redlich Herz wohnt bey Vernunft in dir;
Allein du denkst, du sprichst, du glaubst nicht so, wie wir:
So siehst du deine Quaal in blinder Eifrer Händen,
Die redend heilig sind, und Gott durch Thaten schänden.
Aus Eifer für den Gott, der Liebe nur gebeut,
Verfolgt und drängt man dich, und stößt aus Heiligkeit
Dich schäumend von sich aus, und suchet durch Verheeren,
Durch Martern des Barbars dich christlich zu bekehren.
Hält nicht noch manches Land, aus nie befohlner Pflicht,
Rechtgläubig vor dem Herrn, ein heilig Blutgericht,
Zum Bau des Christenthums und Ketzern zum Verderben,
Die oft weit seliger, als ihre Henker, sterben?

So lieblos macht der Mensch den Menschen unglücksvoll,
Statt, daß er ihn als Freund mit Sanftmuth tragen soll.
Komm wieder, glücklich Jahr, du goldne Zeit der Alten,
Da Wahrheit, Treu und Recht, und Menschenliebe galten!

[Reichthum und Ehre.]

Wie? leb ich darum nur, daß ich mich lebend kränke?
So ist mein Leben selbst das schrecklichste Geschenke:
So wünscht ich tausendmal, daß ich, von Einsicht leer,
Unedel, wie das Thier, nicht wüßte, daß ich wär.
Zufrieden will ich seyn, gesichert von den Schmerzen:
Dieß wünscht und sucht mein Herz und mit ihm Aller Herzen.
Allein, wie still ich ihn, den Trieb, der mich besiegt?
O! wär ich reich und groß: so wär ich wohl vergnügt.
Könnt ich ihm Ueberfluß die Güter mir gewähren,
Wovon mich jedes rührt, was würd ich mehr begehren?
Ja, Reichthum wünsch ich mir. Doch hab ich auch bedacht,
Ob das der Reichthum ist, wozu der Schein ihn macht?
Kann nicht, durch Wahn verführt, mein Herz für ihn entbrennen?
Ihr, die ihr ihn besitzt, lehrt seinen Werth mich kennen.

Cleant, der reichste Mann, wird der zufrieden seyn:
So ruh ich eher nicht, bis Schätze mich erfreun.
Ich geh ihm heimlich nach. Er zählt, und lacht im Zählen,
Und eilt, was er gezählt, in Schlössern zu verhelen.
Des Kastens Thüre knarrt, vor dem er schmachtend kniet:
Cleant erschrickt, springt auf und sieht sich um, und sieht
Die Kammer zehnmal durch, greift zitternd auf das Bette,
Ob sich vielleicht der Dieb darinn verborgen hätte.
Er findet nichts und geht; tiefsinnig geht er fort,
Mißtrauisch kehrt er schnell nach dem verlaßnen Ort,
Und greift an jedes Schloß, und reißt, um zu erfahren,
Ob sie verschlossen sind, wie sie verschlossen waren.
Cleant! Dich ruft dein Weib, der Tisch ist schon bereit.
Man bringt ein halbes Brodt, er sieht es an, und schreyt:
Wie? gestern schnitt ichs auf, und halb ists schon verzehret?
Frau! Bettler werden wir, wenn das noch länger währet.
Er ißt und schielt auf das, was er dem Weibe gab;
Es schmeckt der guten Frau: dieß ist genug: Deckt ab!
Ein Mann, der mehr besitzt, als oft kein Prinz besessen,
Ißt sich nicht satt und läßt sein Weib nicht satt sich essen?
Nichtswürdiger Cleant, du solltest glücklich seyn?
Du, deines Schatzes Knecht? Nein, er ist deine Pein.
Bestraf mich nicht, o Gott, mit Schätzen dieser Erden,
Um ein Unseliger, um ein Cleant zu werden!

Ich eile vom Cleant zum glücklichern Lupin.
Er glänzt und alles glänzt in seinem Haus um ihn:
Er führt mich selbst herum. Mehr kann man nicht erblicken,
Mehr Kunst und mehr Geschmack, ersonnen zum Entzücken.
Hier herrscht Bequemlichkeit, vereint mit kluger Pracht.
Was Künstlern witzig glückt, was Maler ewig macht,
Was feine Wollust heischt, dieß lachte mir entgegen,
Und nichts gebrach an dem, was Menschen wünschen mögen.
Wie glücklich, fieng ich an, wie glücklich sind Sie nicht!
Und eine Röthe stieg Lupinen ins Gesicht.
Was kann man, fuhr ich fort, noch mehr, als dieß begehren?
Ich glücklich? sprach Lupin, und schon entwischten Zähren,
Mein Sohn, ein Bösewicht, den ich nicht bessern kann,
Mein Weib, das mich nicht liebt — Ich unglückselger Mann!
Was hilft mir mein Pallast; was helfen Millionen?
Würd ich dieß Elend los, in Hütten wollt ich wohnen.

Alcest ist reich und jung, genießt, was er besitzt,
Und sorgt, man rühmts ihm nach, daß es auch Freunden nützt.
Kein Geiz, kein Weib, kein Sohn stört ihn in seinen Freuden,
Kein Neid; wie könnte man den, der gern giebt, beneiden?
Sein Haus ist eine Stadt und jeder Tag ein Fest.
Wenn niemand glücklich ist: so ists vielleicht Alcest.
Itzt zeigt mir ihn, mein Freund. O welch ein blaß Gesichte!
Wie kraftlos geht der Mann! Sind dieß des Fiebers Früchte?
Ja, siech zu seyn, dieß ist sein Unglück auf der Welt.
Noch siecher machen ihn die Aerzte für sein Geld;
Ich kenn ihn, spricht mein Freund, die Nacht ist seine Plage,
Und für die Quaal der Nacht rächt sich Alcest bey Tage.
Er suchet Freund und Welt, Zerstreuung, Spiel und Scherz;
Doch weder Freund noch Lust dringt in sein mattes Herz.
Sein Tisch ist reich besetzt, sein Wein ist stets der beste;
Doch beides, Tisch und Wein, vergnügt nur seine Gäste.
Alcest ist mißvergnügt und will es doch nicht seyn.
Er ißt, ihm ekelt schon, er trinkt, ihm schmeckt kein Wein.
Doch setzt er denen zu, die bey der Tafel essen,
Und trinkt den Wein mit Zwang, nur um sich zu vergessen.
Ach! sprach er einst zu mir, ich bin mir selbst verhaßt;
Mein Reichthum heißt mein Glück, und ist doch meine Last;
Was mich am Tag erfreut, quält schlaflos mich im Bette.
Siech bin ich; würd ichs seyn, wofern ich minder hätte?

Cleant, Lupin, Alcest, so fehlt, so reich ihr seyd,
Euch bey dem Ueberfluß doch die Zufriedenheit?
Und Tausend, die der Thor bey Schätzen glücklich preiset,
Beweisen tausendfach mir das, was ihr beweiset.
So brauch ich, um beglückt, nicht eben reich zu seyn?
Und zur Zufriedenheit nicht Pracht und Fülle? Nein.
Vernunft! so wehre doch den ungerechten Trieben,
Und nöthige mein Herz, die Schätze nicht zu lieben,
Die man mit Müh gewinnt, bald prassend sie verzehrt,
Bald geizig sie bewacht und bald mit Fluch vermehrt.
Wie schwer, wie mühsam ists, sich Schätze zu erwerben!
Soll ich sie dumm erfreyn und hinterlistig erben?
Soll ich durch Sklaverey vor Grossen sie erstehn,
Und niederträchtig seyn, um mich bald reich zu sehn?
Soll ich sie, wie Serpil, durch Meineid mir erlügen,
Staat, Mündel und Altar und Gott darum betrügen?
Verwünscht sey so ein Schatz! Verflucht sey der Gewinn,
Durch den ich reich, als Thor, reich, als ein Räuber, bin!

Dieß, sprichst du, such ich nicht. Ich kenne beßre Güter.
Ist nicht der Ruhm das Ziel der feurigsten Gemüther?
Die Achtung vor der Welt, die sucht mein Herz allein.
Welch Glück, im Leben groß, im Tod unsterblich seyn!
Das thun, mit Beyfall thun, was wenig sich erkühnen!
Ruhm will ich nicht allein, ich will ihn auch verdienen;
Entweder etwas thun, das schreibenswürdig ist;
Wo nicht, selbst dieser seyn, den Welt und Nachwelt liest.
Wär ich die Lust des Volks, der Weisheit erste Zierde:
So würd ich glücklich seyn, beglückt durch Ruhmbegierde.
Mein ganzes Herz entbrennt, o Ruhm, allein für dich!
Dir weih ich meinen Fleiß, des Lebenslust und mich.
Mein Nächster liegt und ruht, der träge Thor, er ruhe!
Ich wache diese Nacht, daß ich was Grosses thue.
Mir winkt ein lieber Freund. Wie gern wär ich um ihn!
Doch nein, mein rühmlich Werk — Geht, sagts, er soll mich fliehn.
Wie heiter lacht der Tag! Ich will — doch nein, er lache!
Was heißt ein schöner Tag, wenn ich mich ewig mache!
Wie matt bin ich durch Fleiß! — Geht, langt mir ein Glas Wein —
Doch er erzeugt den Schlaf. Gut, Wasser gebt herein.
Wie lange hab ich mich lebendig schon begraben!
Könnt ich dich, Doris, nicht zum edlern Umgang haben?
In deinem treuen Arm schmeckt ich des Lebens Ruh:
Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm, wie du?
Doch kann man, wenn man liebt, auch frey nach Ehre streben?
O nein, die Liebe stört. Gut, ich will einsam leben. —

Viel Jahre sind vorbey. Wen rühmt man itzo? Mich.
Wer denkt am gründlichsten? Wer schreibt am feinsten? Ich.
So warst du, seltnes Glück, denn mir allein beschieden?
Dir, Ehre, seys gedankt, ich bin nunmehr zufrieden.
Ich bin des Volkes Lust, der Klugen Augenmerk. —

Allein, mein Ruhm wird alt. Er braucht ein neues Werk.
Auf, auf, Glückseliger! dein Feuer möcht erkalten,
Den Ruhm, den du ersiegt, den mußt du auch erhalten.
Auf! wag es noch einmal! Vergiß den Zeitvertreib,
Schlaf, Freunde, Lieb und Wein; verläugne dich, und schreib.
Wahr ists, dein Körper siecht, dein Fleiß ist sein Verderben;
Doch besser, jung mit Ruhm, als alt unrühmlich sterben. —

Nun liest die Welt von mir ein neues Meisterstück:
Sie liest, liests noch einmal, erstaunt, und wünscht mir Glück.
Nun ist mein Wunsch gestillt. Was könnt ich mehr begehren?
Mit dem ersiegten Ruhm soll still mein Herz sich nähren.
Wie viel empfind ich itzt! Wie viel — doch wie mich deucht:
So seh ich einen noch, der mir Berühmten gleicht.
Nur einen? nein, noch viel. Dieß kann ich nicht vertragen,
Nein, neben mir zu stehn, dieß muß sich keiner wagen.
Ich will ein Urbild seyn. Eh bin ich nicht vergnügt,
Bis jeden, der mir gleicht, mein größrer Geist besiegt.

Wie lange läßt du dich, o Thor, vom Ruhm beseelen!
Du siehsts, er quälet dich, und wird dich ewig quälen.
Wie bey des Fiebers Glut den Durst, der dich verzehrt,
Der oft genoßne Trank nie stillt und stets vermehrt:
So wird durch allen Ruhm, den man für dich empfindet,
Dein Ehrgeiz nicht gestillt, nur immer mehr entzündet.

Betrachte doch den Ruhm, vielleicht verlöscht die Glut.
Ist nicht der größte Ruhm ein klein und flüchtig Gut?
Ein kleines Gut, sprichst du, wenn eine Welt mich ehret,
Und, was sie von mir denkt, mich durch Bewundrung lehret?
O Freund! dieselbe Welt, die deinen Namen preist,
Hat oft in einem Tag ein Wandrer durchgereist.
Was pralst du mit der Welt? Der kleinste Theil der Erden
War noch nicht klein genug, von dir erfüllt zu werden.
Der Mann, von dem du denkst, daß er dich schätzt und liest,
Weis warlich vielmal kaum, daß du gebohren bist;
Und der, auf dessen Gunst du zehnmal stolz geschworen,
Lacht heimlich über dich und zählt dich zu den Thoren.
Doch der Bewundrer Zahl, die dich mit Ruhm erfreun,
Sey Millionen stark, wirst du drum glücklich seyn?
Wer sind die Willigen, die dich zum Wunder machten?
Ists meistens nicht ein Volk, das ich und du verachten?
Hat einer oder zween, wenn hundert dich genannt,
Zum Lobspruch gnug Geschmack, zum Richten gnug Verstand?
Sey stolz! Zehn lobten dich; allein von eben diesen
Ward, sey nicht länger stolz, bald drauf ein Geck gepriesen.
»Sind denn nicht Kenner da? Was sagen die von mir?«
Sie loben dich: noch mehr, sie sind entzückt von dir.
An dir hat unsre Zeit den feinsten Geist bekommen,
Du bist der klügste Kopf; sie selber ausgenommen.
Fast jeder, der dich lobt, belohnt sich für den Dienst,
Und ist sich ingeheim, was du zu seyn ihm schienst.
Dein Kenner ist, wie du, hat göttlich schöne Gaben;
Doch auch, wie du, den Stolz, sie nur allein zu haben.

Viel rühmen dich. Warum? Aus Ueberzeugung? Nein.
Man lehrt durch Höflichkeit dich wieder höflich seyn.
Warum hat dich Crispin so vielmal schon erhoben?
Er wird dein Lob, um sich der Welt selbst einzuloben.
Der Redner rühmet dich; nicht, weil dus würdig bist,
Nein, um uns darzuthun, daß er ein Redner ist.
Hier spricht ein Tisch von dir. Wie? schätzen dich die Blöden?
O nein, sie wollten itzt nicht mehr von Wetter reden.
Sarkast lobt heute dich; warum? dächtst du das wohl?
Damit sein künftger Spott mehr Eindruck machen soll.

Gesetzt, daß Tausend sich im Ernst für dich erklären,
Gesetzt, dein Ruhm ist groß, wie lange wird er währen?
Ein Herz, das diesen Tag bey deinem Namen wallt,
Bleibt oft den folgenden bey deinem Namen kalt.
Man wird es heimlich satt, dich immer hoch zu achten,
Und hört schon denen zu, die dich zu stürzen trachten.
Entgeht ein Sterblicher wohl je der Tadelsucht?
Ist nicht des Andern Neid selbst deines Ruhmes Frucht?
Der Kluge wird an dir bald wahre Fehler merken,
Und mit erdichteten wird sie der Neid verstärken.
Man hört den Spötter an und liebt ihn noch dazu;
Denn daß du Fehler hast, gehört zu unsrer Ruh.

So sicher ist der Ruhm der Helden und der Weisen.
Und um ein solches Gut willst du dich glücklich preisen?
Du sammelst, was dich flieht, mit Müh und Zittern ein,
Und wenn dus endlich hast: so ist es noch nicht dein.
Soll man für so ein Gut, noch eh man es besessen,
Dann auch, wenn mans besitzt, des Lebens Ruh vergessen?

Erfahrung und Vernunft, o steht uns beide bey!
Macht von der Ehrfurcht uns, wie von dem Geldgeiz, frey.
Nicht Ruhm noch Ueberfluß kann unsre Wünsche stillen;
Von beiden steht auch keins allein in unserm Willen.
Was beides unserm Geist gab und zu geben schien,
Rührt seine Fläche nur und dringt nicht selbst in ihn.
Ein Gut, das glücklich macht, muß, solls mich wahr entzücken,
Nicht unbeständig seyn und für den Geist sich schicken.
Habt Wollust, Ruhm und Macht; ihr habts und wünscht noch mehr;
Noch immer bleibt ein Theil in eurer Seele leer.
Und dieser leere Theil, für wen ist er beschieden?
O Tugend! giebst denn du vielleicht dem Herzen Frieden?

Ja, Mensch, erwirb dir sie: so wirst du ruhig seyn.
Sey weise, lieber Freund, schränk die Begierden ein.
Wahr ists, die Kunst ist schwer, sich selber zu besiegen:
Allein in dieser Kunst wohnt göttliches Vergnügen.
Dein Wunsch ist Ueberfluß; doch eh du ihn noch stillst,
Verfliegt ein Leben schon, das du geniessen willst.
Was suchst du viel? O lern, was du nicht brauchest, meiden!
Und was du hast, genieß! Die Welt ist reich an Freuden;
Du aber bist zu schwach, die Freuden auszuspähn,
Und glaubst, wo tausend sind, kaum eine nur zu sehn.
Gönn jedem gern sein Glück; lern vortheilhaft empfinden
Und in der andern Glück ein Theil von deinem finden!
Dem warf die Schickung viel, dir aber wenig zu.
Ist jener glücklicher, der reicher ist, als du?
Du denksts und lügest dir. Steig glücklich auf die Thronen,
Du wirst des Thrones Glück doch fühllos bald gewohnen,
Und sehn, daß jener dort, den eine Hütt umschließt,
Der wenig hat und braucht, drum noch nicht elend ist,
Und oft, wenn ihn ein Quell nach strenger Arbeit kühlet,
Mehr Wohllust bey dem Quell, als du beym Weine, fühlet.
Entbehrt er eine Lust, die dir der Reichthum schenkt:
So kränkt ihn das auch nicht, was dich als Reichen kränkt.

Such solche Freuden auf, die still dein Herz beseelen,
Und, wenn du sie gefühlt, dich nicht mit Reue quälen.
Was sorgst du, ob dein Ruhm die halbe Welt durchstrich?
Dein Freund, dein Weib, dein Haus sind Welt genug für dich.
Such sie durch Sorgfalt dir, durch Liebe zu verbinden,
Und du wirst Ehr und Ruh in ihrer Liebe finden.
Ein jeder Freundschaftsdienst, ein jeder treuer Rath,
So klein die Welt ihn schätzt, ist eine große That.
Auch in der Dunkelheit giebts göttlich schöne Pflichten,
Und unbemerkt sie thun, heißt mehr, als Held, verrichten.

Ein Richter sieht in dir stets deiner Absicht zu,
Lohnt, wenn du edel willst, dir mit geheimer Ruh.
Du streitest wider dich; kaum ist der Sieg gelungen:
So krönt sein Beyfall schon das Herz, das sich bezwungen.
Willst du dich an der Welt, an Lieb und Freundschaft freun,
Gern öffnet er dein Herz und läßt die Freuden ein;
Er schärfet dein Gefühl; da lacht mit reichem Segen
Die prächtige Natur dem heitern Aug entgegen.
Wohin du gehst, geht auch sein stiller Beyfall mit,
Und jeder Ort wird schön, den nur dein Fuß betritt.
Du schleichst durchs bunte Thal, streifst durch die grüne Heyde!
Und was du siehst, ist Lust, und was du fühlst, ist Freude.
Dein Aug erweitert sich und mit ihm selbst dein Geist;
Siehst, wie der stolze Baum Gott, seinen Schöpfer, preist,
Siehst, wie durch Fruchtbarkeit die Saaten ihn verehren,
Und des Berufs sich freun, die Menschen zu ernähren;
Siehst, wie das kleinste Gras, das dort in Demuth steht,
Den mit verborgner Kunst, der es gemacht, erhöht;
Du siehsts und wirst entzückt. Dir lacht die ganze Fläche,
Dir weht der sanfte West, dir rauschen frohe Bäche,
Dir singt der Vögel Chor, dir springt zufriednes Wild,
Und alles ist für dich mit Wollust angefüllt;
Und du, an Unschuld reich, und sicher im Gewissen,
Triffst da viel Freuden an, wo Tausend sie vermissen.

Frey von des Neides Pein, frey von des Geizes Last,
Strebst du nach wenigem, und hast mehr, als du hast,
Siehst stets auf deine Pflicht, oft auf dein kurzes Leben,
Nie ohne Freudigkeit auf den, der dirs gegeben.
Du siehst durch dessen Hand, der war, eh du gedacht,
Den Plan zu deinem Glück von Ewigkeit gemacht,
Den Plan zum Glück des Wurms, der itzt vor dir verschwindet,
Und Nahrung und ein Haus im kleinsten Sandkorn findet.

In deines Freundes Arm, an deiner Gattinn Brust,
Wird oft ein kleines Glück für dich die größte Lust.
Und kömmt ein Ungemach, (denn wer hat keins zu tragen?)
So ists doch schon ein Trost, es ihm und ihr zu klagen.
Du hörst, daß dich dein Feind zu lästern sich erkühnt.
Es schmerzt; doch Trost genug, du hast es nicht verdient.
Ein Unfall raubt dein Gut, ein Räuber hats entführet.
Es schmerzt; doch Glück genug, daß Gott die Welt regieret.
Du fühlst ein ander Weh; du fühlst der Krankheit Pein;
Doch Trost genug, nicht krank durch eigne Schuld zu seyn.
Dir raubt der Tod dein Weib, den Freund, den einzgen Erben.
Es schmerzt; doch Trost genug, sie waren werth zu sterben.

So sey dein liebstes Gut ein frommes weises Herz.
Dieß mehre deine Lust, dieß mindre deinen Schmerz;
Dieß sey dein Stolz, dein Schatz, dein höchstes Ziel auf Erden.
Sonst alles, nur nicht dieß, kann dir entrissen werden.
Zu wissen, es sey dein, zu fühlen, daß dus hast,
Dieß Glück erkaufst du nicht um aller Güter Last;
Und ohne dieses Herz schmeck noch so viel Vergnügen,
Es ist ein Rausch, und bald, bald wird der Rausch verfliegen.

[Der Christ.]

Mensch, der du Christen schmähst, was ist in ihrer Lehre,
Das der Vernunft ein Schimpf und Gott nicht rühmlich wäre?
Verdient sie deinen Haß, verdient sie deinen Spott?
Zeig uns ein besser Glück und einen bessern Gott,
Als uns die Schrift gezeigt. Komm, zeig uns schönre Pflichten,
Mehr Antrieb, sie dem Gott der Menschen zu entrichten,
Mehr Tugend für das Herz und für das Glück der Welt,
Mehr Trost, wenn sein Gericht der Richter in uns hält,
Mehr Licht, wenn fürchterlich uns finstre Zweifel quälen,
Mehr Edelmuth im Glück, in Noth mehr Ruh der Seelen.
Bring eine Lehre vor, die besser für uns wacht,
Uns weiser, ruhiger und tugendhafter macht:
Und dann will ich mit dir die Schrift mit Spott betrachten,
Ihr Wort für Menschenwort und deins für Gottes achten.
Bring diese Lehre vor; wo nicht, so sey ein Christ,
Wenn du, wie du dich rühmst, ein Freund der Wahrheit bist.
Sonst fürcht ich, daß dein Herz, sein Laster zu verehren,
Den Gott nicht kennen will, den seine Boten lehren.

Auf, Dichtkunst! ehre den, den stolz der Freygeist schilt,
Und zu des Christen Ruhm entwirf des Christen Bild!
Ist er der Weise nicht, der nach der Wahrheit strebet?
Durch sie erleuchtet, denkt, durch sie gebessert, lebet?
Er ehret die Vernunft, und das, was ihr gebricht,
Ersetzt in seinem Geist ein göttlich heller Licht.
Er ists, der von dem Wahn die Wahrheit unterscheidet,
Und, frey vom Vorurtheil, und von dem Stolz entkleidet,
Die engen Grenzen kennt, die ein Verstand ermißt,
Dem Gott oft Dunkelheit, der Mensch ein Räthsel ist.
Er nimmt die Weisheit auf, mit der Gott unterrichtet;
Und dessen Ausspruch ists, der seine Zweifel schlichtet,
Der ihm das Licht ertheilt, die Nebel zu zerstreun,
Den Muth, Trotz allem Wahn, der Wahrheit treu zu seyn,
Des Irrthums Tyranney und die bewehrten Lügen
Des Lasters, das sie schützt, durch Glauben zu besiegen.
Er kennet sich und Gott; sein Wort wird ihm Verstand.
So hat kein Sokrates, kein Plato, Gott gekannt.

Durch dich, so spricht der Christ, bin ich, o Gott! vorhanden.
Die Himmel und ihr Heer sind durch dein Wort entstanden;
Denn, wenn du sprichst, geschiehts, wenn du gebeutst, stehts da.
Mit Allmacht bist du mir und auch mit Güte nah!
Du bist der Gott der Kraft; dich preisen Erd und Meere,
Und Himmel predigen die Wunder deiner Ehre.
Dich bet ich dankend an. Mein Heil kömmt von dem Herrn.
Du hörst der Menschen Flehn und du errettest gern.
Und wenn ich deiner Hülf, o Gott! gewürdigt werde,
Was frag ich ausser dir nach Himmel und nach Erde?
Im Himmel donnerst du, und Schrecken füllt das Land;
Noch fürcht ich nichts, denn du hältst mich bey deiner Hand.
Wenn ich die Himmel seh, die du, Herr, ausgebreitet,
Der Sonne Majestät, den Mond, den du bereitet,
Was ist der Mensch, o Gott! daß seiner du gedenkst?
Unzählich ist das Gut, das du ihm täglich schenkst.
Als Schafe läßt du uns auf grünen Auen weiden,
Stärkst uns mit Speis und Trank, füllst unser Herz mit Freuden.
Du sahst mich, eh der Grund der Welt geleget war;
Zogst mich aus Mutterleib, und eh sie mich gebar,
Wogst du mein Glück mir ab, und Leiden, die mich üben;
Und meiner Tage Zahl war auf dein Buch geschrieben.
Du bist der Frommen Schutz und bist der Müden Ruh,
Ein Gott, der gern verzeiht; wo ist ein Gott, wie du?
Wem soll ich sonst vertraun, als dir, du Gott der Götter?
Wen ehren, als nur dich, mein Schutz und mein Erretter?
Wie süß ist dein Befehl! gieb mir dein Herz, mein Sohn,
Und liebe mich; ich bin dein Schild und grosser Lohn!
Herr! dein Gebot ist Heil und deine Wahrheit Leben.
Wie könnt ich einem Gott der Liebe widerstreben?
Umsonst lockt mich das Glück, in dem das Laster blüht;
Könnt ich ein Sünder seyn, da mich dein Auge sieht?
Auch im Verborgnen nicht soll ihm der Sieg gelingen;
Denn du wirst aller Werk einst vor Gerichte bringen.
Umsonst reizt mich die Lust, von Fleisch und Blut versüßt;
Ich weis es, daß mein Leib ein Tempel Gottes ist.
Sollt ich der Menschen Ruhm stolz zu erringen trachten?
Nein, Herr! wenn du mich ehrst, mag mich der Mensch verachten.
Ist es des Reichthums Glück, dem ich die Seele weih?
Um Reichthum ließ ich Gott? Geiz ist Abgötterey!
Sollt ich durch Schmähungen des Nächsten Ruhm verderben?
Wer seinen Bruder haßt, kann Gottes Reich nicht erben.
Verläugnen sollt ich dich, wenn die Tyrannen drohn?
Du bist der Fürsten Herr, sprich! und sie fallen schon.
Verläugnen sollt ich dich, wenn Spötter deiner spotten?
Dich, Heiland! bet ich an; du eilst, sie auszurotten.
Dein Kreuz ist Thorheit nur dem, der verloren geht;
Uns, die der Glaube stärkt, ists Heil und Majestät.
Darf sich ein Mensch vor Gott, gerecht zu seyn, erkühnen?
Und wer, als Gottes Sohn, konnt uns mit Gott versühnen?
Ist beides nicht gleich groß, der Welt ein Schöpfer seyn,
Und eine Welt, die fiel, vom Falle zu befreyn?
Wer kann die Majestät der Lieb und Großmuth fassen?
Als Sohn des Ewigen der Gottheit Thron verlassen,
Sich selbst erniedrigen, einher in Demuth gehn,
Der Wahrheit Herold seyn und sich verspottet sehn,
Die Wunder Gottes thun, und, an das Kreuz geschlagen,
Mit himmlischer Geduld des Menschen Schulden tragen,
Um der zu seyn, der ihm ein ewigs Heil erwirbt?
Deß Herz ist göttlich groß, der selbst für Feinde stirbt!
Erschrickt nicht die Vernunft? Ja! denn sie soll erschrecken.
Zu schwach, der Gottheit Rath vom Menschen zu entdecken,
Bet ich der Liebe Macht, die ich nicht fassen kann,
Gott ist kein Mensch, wie ich, in tiefster Demuth an.
Der Tag der Ewigkeit wird mehr Licht mir gewähren,
Des Gottmeßias Lieb im Schauen mir erklären.
Unendlich ist mein Heil. O Glaube, der erfreut!
Gelobet sey der Herr, gelobt in Ewigkeit!

So spricht, und glaubt der Christ. Lern mehr sein Herz noch kennen,
Du wirst, sein Feind zu seyn, dir länger nicht vergönnen.
Ist seine Lehr ein Werk, das den Verstand nur übt?
Ihm Licht, doch auch zugleich mehr Stolz dem Herzen giebt?
Nein, edler wird sein Herz. Die Lüste zu besiegen,
Die, wider die Vernunft, sein Glück und deins bekriegen,
Dieß ist sein göttlich Amt. Nicht siegt er durch die Kraft,
Die bald der Eigennutz und bald der Stolz erschafft.
Nicht, als vor Menschen nur, die nach den Augen richten,
Nein, selber als vor Gott, erfüllt er seine Pflichten.
Die Strenge seiner Pflicht, die dir so traurig scheint,
Macht ihn zum Freudigsten. Er weis, Gott ist sein Freund.
Ja, streng ist seine Pflicht und schwer sind seine Werke;
Doch ein unendlich Glück, wie viel ertheilt dieß Stärke?
Der Christ fühlt dieses Glück. Heil und Unsterblichkeit
Glaubt er, von Gott belebt, und überwindet weit.
Ist dieß kein edles Herz, das brüderlich dich liebet?
Mit dir sich gern erfreut, sich gern mit dir betrübet?
Der Christ erblickt dein Gut; kein Neid empöret ihn;
Ihn heißt sein eignes Glück für dein Glück sich bemühn.
Und wenn du elend bist, wie gütig wird er eilen,
Von dem, was Gott ihm gab, dir hülfreich mitzutheilen!
Nicht dienet dir der Christ, groß vor der Welt zu seyn,
Und sich verehrt zu sehn. Nein, Menschen zu erfreun,
Dieß ist sein Gottesdienst; und unbemerkt von ihnen
Wird er mit Hülfe hier und dort mit Rathe dienen.
Nicht treibt ihn erst dein Dank zu reicher Wohlthat an;
Nein, was er Brüdern thut, das hat er Gott gethan.
Ein Trunk, mit dem sein Dienst dem Durstigen begegnet;
Ein Blick voll Trost, mit dem sein Herz den Müden segnet;
Ein Rath, mit dem er dich in deinem Kummer stärkt,
Nichts, weis er, ist so klein, das nicht der Herr bemerkt.
Eilt dort ein boshaft Herz, Unfrieden anzurichten:
So eilt sein sanfter Muth, der Brüder Zwist zu schlichten.
Er wird der Unschuld Schutz; ihr Leiden ist sein Schmerz;
Und ist sein Schutz zu schwach: arbeitet doch sein Herz.
Er hilft den Dürftigen die Mittel gern ersinnen,
Durch Fleiß ihr eigen Brodt in Ruhe zu gewinnen;
Er legt durch Sparsamkeit, zu zarter Waisen Glück,
Die seine Hand erzieht, den Ueberfluß zurück;
Und er erspart das Gut, das Stolz und Pracht verzehren,
Den Kranken zu erfreun, die Wittwe zu ernähren.
Noch stärker nimmt sein Herz an deiner Tugend Theil.
Sein Beyspiel lehret dich; und einer Seele Heil
Ist ihm das größte Glück. Dir mangeln gute Sitten;
Er giebt dir Unterricht und stärket ihn durch Bitten.
Er sieht ein redlich Herz, das durch des Freygeists Spott
Im Glauben wanken will; er siehts, und wird sein Gott.
Er sieht, des Jünglings Fuß verläßt den Weg der Tugend;
Er eilt, als wärs sein Sohn, und rettet seine Jugend.
Oft sagt er, wenn du fehlst, es dir aus Demuth nicht;
Doch ein lehrreicher Blick ruft dich zu deiner Pflicht.
Sey groß, nicht aber fromm! er wird dein Herz verachten.
Sey klein und fromm! er wird nach deiner Liebe trachten.
Wenn kränkt sein reiner Mund aus Schmähsucht deine Ruh?
Er rühmet dein Verdienst, deckt deine Fehler zu,
Und wagt, wenn deinen Ruhm und wenn den Ruf der Deinen
Ein Lästrer schänden will, für deinen Ruhm den seinen.
Er ist der wahre Freund. Sein Herz, in sich erfreut,
Verbreitet gern in deins den Tag der Heiterkeit.
Von Lüsten nicht beherrscht, fühlt er mit offnem Triebe
Der Freundschaft heiligs Glück; und seine Seel ist Liebe.
Er ehrt mich, wie sich selbst, und liebt mich treu wie sich:
Sein Umgang giebt mir Muth, und ihm vertrau ich mich,
Mein Weib, mein Kind, den Rath, mein künftigs Glück zu bauen.
Wer Gott vor Augen hat, wie sollt ich dem nicht trauen?

Nur ists allein der Christ der keine Rache sucht,
Den liebt, der ihn verfolgt, den segnet, der ihm flucht.
Er bleibt sich gleich, denkt groß: Laß meinen Feind mich schelten,
Die Rach ist mein, spricht Gott, und ich, ich will vergelten.
Beleidigt handelt er noch als ein Menschenfreund:
Sein Feind ist ohne Brodt; er speiset seinen Feind.
Sein Feind geht bloß einher; der Christ erblickt sein Leiden,
Großmüthig läßt er den, der ihn verfolgte, kleiden.
Doch, wer den Schimpf erträgt, hat der wohl Edelmuth?
Räch ich nicht rühmlicher die Ehre durch mein Blut,
Wenn ich des Unrechts dich durch Waffen überführe?
Mein Muth sucht deinen Fall — Dieß ist der Muth der Thiere!
Thor, ruft mir die Vernunft, ist denn das Leben dein?
Kämpf sieghaft, fäll den Feind; wirst du kein Mörder seyn?
Kein Feind des Vaterlands, den seine Rächer suchen,
Und kein Rebell vor Gott, dem alle Himmel fluchen?
Doch rächt mein Arm sich nicht: so wird mein Nam ein Spott;
Die Welt — Ist denn die Welt mehr, als ein starker Gott?
Und ist der Christ kein Held, der dir den Kampf versaget,
Und doch fürs Vaterland sein Blut mit Freuden waget?
Wer wird zur Zeit der Pflicht den Tod wohl minder scheun,
Als der, der herzhaft glaubt, ich werd unsterblich seyn?
Wird, in der Hand des Herrn, ihn die Gefahr erschüttern?
Nein; doch wer Gott nicht scheut, der muß vor allem zittern.

Geh itzt dem Christen nach, und folg ihm in sein Haus.
Verehret und geliebt, theilt er hier Freuden aus,
Sucht durch belebten Fleiß die Seinen wohl zu nähren,
Durch kluge Sparsamkeit des Fleisses Frucht zu mehren.
Sein Weib, sein würdigs Weib, erleichtert ihm die Müh,
Lohnt ihm mit Zärtlichkeit, und er empfindet sie.
Als Vater eilt er fromm, der Kinder Glück zu gründen,
Und in dem ihrigen seins noch einmal zu finden.
Er bildet gern ihr Herz; und an des Vaters Hand,
Regiert durch Gottesfurcht, geleitet durch Verstand,
Wächst sein gesittet Kind; und er schmeckt Heil und Leben,
Dem Himmel und der Welt ein würdigs Glied zu geben.

Klug, ohne Hinterlist, streng, ohne Bitterkeit,
Noch liebreich, wenn er straft, noch sanft, wenn er gebeut,
Regiert der Christ sein Haus; und göttliche Gesetze
Sind seines Wandels Licht und seines Hauses Schätze.
Dem Niedern, der ihm dient, begegnet er gerecht.
Giebt gern ihm seinen Lohn, und ehrt in seinem Knecht
Ein göttliches Geschöpf, das, gleich den Herrn der Erden,
Hier lebt, um tugendhaft und glücklich einst zu werden.
Er ist des Knechtes Fürst; doch niemals sein Tyrann.
Er straft und zeigt ihm auch, daß er vergeben kann;
Hält ihn von Lastern ab, vermindert ihm das Leiden,
Belohnet seine Treu, und sorgt für seine Freuden.

Wie treu gehorcht er dir, du, seines Landes Fürst?
Gebeut! und er vollzieht, was du gebieten wirst.
Der Gott, den er verehrt, hat dir den Thron gegeben,
Den stützt er durch sein Gut und schützt ihn durch sein Leben.
Mißbrauche die Gewalt; er trotzt ihr nicht; er fleht,
Und blickt mit Ehrfurcht noch auf deine Majestät.
Gebeut ihm, was du willst, nur nichts, was Gott verboten;
Dann widersetzt er sich, wenn alle Fürsten drohten.

Der Christ, ist der ein Freund der blöden Schüchternheit,
Die vor den Menschen flieht und die Gesellschaft scheut?
Nein, Freund, er wird mit Lust und ruhigem Gewissen
Das Glück, ein Mensch zu seyn, des Umgangs Glück, geniessen.
Gott schuf ihn nicht zur Quaal. Lad ihn zu Freuden ein;
Er scherzt mit seinem Witz, lacht heitrer bey dem Wein,
Freut sich des Saitenspiels; und Lieb in deinen Blicken,
Und Freud auf deiner Stirn, wird seine Seel entzücken.
Dieß, daß er Freude schmeckt und mäßig sie genießt,
Ist selbst der Wohlthat Dank, den er Gott schuldig ist;
Und heut erquickt er sich, um morgen seine Pflichten,
Als Bürger und als Christ, gestärkter zu entrichten.
In dem Vergnügen selbst wird er sich ein Gesetz.
Doch ist dein Umgang nichts, als ein beredt Geschwätz,
Nichts, als ein leer Gewerb vornehmer Eitelkeiten,
Nichts, als der Witz, den Ruhm der andern zu bestreiten;
Ists nichts, als Schmeicheley, nichts, als der Geist der Pracht,
Des Balles und des Spiels, der so beredt dich macht:
So wird er seine Zeit ungern bey dir verschwenden.
Er ist zu klug, um sie nicht edler anzuwenden.
Nennst du dieß Lebensart, sich, aus Geselligkeit,
Den Taumel wilder Lust, das Glück der Trunkenheit,
Den Kützel frechen Spotts im Umgang zu vergönnen:
So ist der Christ kein Mann von Lebensart zu nennen.

Wie ruhig ist der Christ, wenn sich der Unchrist quält!
Ihm gnügt bey wenigem, wenn diesem alles fehlt.
Erringt er sich in Müh ein elend Glück durch Ränke?
Ists Niederträchtigkeit, sinds fesselnde Geschenke,
Wodurch er sich die Gunst des Mächtigern erschleicht?
Zufrieden mit dem Glück, das man durch Fleiß erreicht,
Und durch Verstand beschützt; nicht durstig nach den Ehren,
Die deinen Rang, mit ihm die Knechtschafft auch vermehren;
Dem Amte, das er ziert, und seiner Pflicht getreu,
Lebt er von mancher Quaal, die dich verfolget, frey.
Die Last des Uebermuths, in der sich Stolze quälen,
Die Müh, mit der sich selbst die Geizigen bestehlen,
Die Pein, die sich zum Lohn der Schwelger wild erpraßt,
Der Fluch, den vor der Welt der Hasser sich erhaßt,
Der Schmerz, mit dem der Neid sein feindlich Herz verzehret,
Das Gift, das früh den Lenz des Wollüstlings verheeret,
Der Schimpf, mit dem, bestraft, dort ein Verschwender irrt,
Der Haß, der endlich noch des Lästrers Rächer wird;
Dieß alles, und was sonst die Laster büssend tragen,
Sind, tugendhafter Christ! dir unbekannte Plagen,
Und hier kannst du dich schon des Lohns der Tugend freun.

Doch drückt kein Elend ihn? Ja, laß ihn elend seyn,
Und dann wirst du sein Herz in seiner Größ erblicken;
Groß durch Religion, wenn ihn die Leiden drücken.
Das Feuer frißt sein Gut, der Hagel seine Saat;
Kränkt dieß den Christen nicht? Es kränkt ihn; doch der Rath
Der Vorsicht wird sein Trost. Wenn hier der Unchrist tobet,
So spricht der Christ: Gott gabs; Gott nahms; Er sey gelobet!
Ihn drückt der Armuth Last, sein Leben ist nur Müh.
Er fühlt die Dürftigkeit, und still erträgt er sie.
Der, der die Lilien so majestätisch kleidet,
Den Hirsch zur Quelle führt, das Schaf in Auen weidet,
Den jungen Raben speist, sorgt der für Menschen nicht?
Er sorgt; ich hoff auf ihn. Geduld ist meine Pflicht.
Verleumder schmähen ihn. Es schmerzt; doch ein Gewissen,
Das uns mit Beyfall lohnt, hilft diesen Schmerz versüssen.
Der Feind, den er genährt, raubt ihm sein Eigenthum;
Doch, wer das Unrecht trägt um Gutes, das ist Ruhm.
Der Tod der Seinigen schlägt seine Ruhe nieder;
Er weint, und tröstet sich: Bald seh ich dort sie wieder.
Sein Glaube wird verfolgt; doch, flüchtig und entblößt,
Bekennt er treu den Herrn, der theuer ihn erlöst,
Und spricht, vom schwersten Schlag des Arms des Herrn getroffen:
Wenn du mich tödten wolltst, werd ich auf dich doch hoffen!

So siegt der Christ im Kreuz und findt im Elend Ruh.
Doch du, des Christen Tod, wie feyerlich bist du?
Bestürzt verkündigt ihm der Arzt ein nahes Ende.
Er hörts, fühlt neue Kraft, drückt dankbar ihm die Hände.
So ist, Allmächtiger! denn meine Hülfe nah?
Du rufst, hier bin ich, Herr! Preis und Alleluja
Sey dir, der seine Hand stets über mich gebreitet,
Dir, Gott! der bis ans Grab mich wunderbar geleitet!
Wie oft vergaß mein Herz sein Heil und seine Pflicht!
Doch giengst du, Heiliger! nicht mit mir ins Gericht.
Vernimm des Dankes Lied, das ich dir sterbend bringe.
Ich bin viel zu gering, der Treu viel zu geringe
Und der Barmherzigkeit, die du an mir gethan.
Frohlockend bet ich dich mit allen Himmeln an,
Dich, Heil der ganzen Welt! Erfülle mein Vertrauen,
Und deine Herrlichkeit laß meine Seele schauen.
Du bist die Lieb, o Gott! und Gnade für und für.
Mein Geist wird selig seyn; denn ihn befehl ich dir.
Mit allen Heiligen, von Herrlichkeit umgeben,
Unsterblich, Engeln gleich, werd ich dich schaun und leben.
Und du, mein bester Freund, der sich den Ruhm erwirbt,
Im Tod es mir zu seyn, leb wohl! — Er sprichts, und stirbt!

Ist dieß des Christen Bild, das Herz, die Pflicht des Christen,
Was lästerst du, sein Feind? Ists Thorheit, frey von Lüsten,
Gottselig und gerecht, und treu, und mäßig seyn?
Sich der vollbrachten Pflicht und seines Lebens freun?
Gesundheit, Ehr und Ruh, und Glück, zu schätzen wissen?
Wer soll denn sonst das Glück, dein Freund zu seyn, geniessen?
Der Mann, der keinen Gott und keinen Himmel glaubt,
Kein Recht und Unrecht kennt, sich, was er will, erlaubt,
Dir Ehre, Ruh und Glück, und selbst dein Weib entwendet,
Des Sohnes Herz verführt, und deine Töchter schändet?

Doch, sprichst du, werden auch viel solcher Christen seyn,
Wie sie dein Lied besingt? Wahr ists, die Zahl ist klein;
Doch was beschwerst du dich? Anstatt dich zu beschweren,
Daß ihrer wenig sind: so hilf die Zahl vermehren.
Nein, sprichst du, die Vernunft ist mir ein heller Licht:
Ihr folg ich. Folg ihr nur, sie hintergeht dich nicht.
Sprich sie bedachtsam an, die Wahrheit dir zu zeigen;
Doch laß das Vorurtheil, laß deine Lüste schweigen;
Dann höre, was sie spricht: sie wird dir laut gestehn,
Ein menschlichs Werk zu seyn, sey stets die Schrift zu schön.
Entblößt von deinem Stolz, wag dich in ihre Tiefen.
Prüf alles. Wer verwirft ein Werk, ohn es zu prüfen?
Frag sie: was ist der Mensch? Was soll er auf der Welt?
Er ist der Allmacht Werk, die liebreich ihn erhält.
Unsterblich ist sein Geist, und soll zu Seligkeiten,
In dieser Welt der Müh, durch Tugend sich bereiten.
Antwortet die Vernunft, wenn sie der Weise fragt,
So göttlich, als das Wort, dem dein Verstand entsagt?
Frag sie, woher es kömmt, wenn Gott die Welt regieret,
Daß oft die Tugend seufzt, das Laster triumphiret?
Frag die Vernunft. Sie schweigt. Frag die Religion.
In jener Welt, spricht sie, vertheilt Gott Straf und Lohn.
Du spottest stolz der Schrift, nennst sie den Witz der Blöden,
Doch laß die Sokraten von Gott und Tugend reden;
Spricht einer so gewiß, mit so viel Kraft und Licht,
So zuversichtlich schön, als ein Apostel spricht?
Des Witzes Fürst, Homer, singt seiner Gottheit Rechte.
Wer ist sein Zeus? ein Gott, der ich nicht werden möchte.
Ihn kleide noch so schön die Pracht der Dichtkunst ein,
Ich bin zu stolz, sein Freund, und auch er selbst, zu seyn.
Doch welchen Gott der Macht erheben Davids Chöre?
Warum verkündigen den Gott nicht die Homere?
Das Volk des Heidenthums, verführt vom blinden Wahn,
Ruft hier ein Thier, als Gott, dort Pflanzen betend an;
Giebt erst durch seine Kunst dem Klotze Haupt und Glieder,
Und fällt dann vor dem Gott, den es gezimmert, nieder;
Erhebt das Laster selbst, das es mit Scheu begeht,
Zum Gott, um dessen Schutz das Blut der Opfer fleht;
Warum entrissen die, die sich in Weisheit übten,
Und einen bessern Gott und beßre Sitten liebten,
Warum entrissen sie, Gott und der Tugend treu,
Das Volk dem Laster nicht, nicht der Abgötterey?
Warum gehorcht die Welt der Stimme blöder Jüden?
Sie reden; und ihr Wort sät Weisheit aus und Frieden.
Thut Busse! sprechen sie, dieß ists, was Gott gebeut.
Entblößt von Wissenschaft, fern von Beredsamkeit,
Tritt ein Apostel auf, und kündiget den Lüsten
Den Krieg gottselig an; und Heiden werden Christen.
Man widersetzt sich ihm. Der Weise schmäht das Wort.
Bestrafet und beschimpft stößt man den Lehrer fort.
Er duldet froh die Schmach, mit der man ihm begegnet;
Man droht, er zittert nicht; man fluchet ihm, er segnet,
Redt freudig vor dem Volk, und muthig vor dem Thron,
Und redt in Banden noch das Wort von Gottes Sohn;
Und seine Lehre siegt. Schon stürzen die Altäre,
Von Hoheit, Ehr und Glück, von der Gewalt der Heere,
Dem Arm des Vorurtheils, des Lasters und der List,
Vergebens unterstützt. Der Heide wird ein Christ.
Er glaubt, bezwingt sein Herz, bezwingt des Lasters Mächte;
Und Sklaven wilder Lust sind plötzlich Gottes Knechte.
Schon eilen auf ihr Haupt Verachtung, Schmach und Spott.
Verleugnet euern Herrn; nein! unser Herr ist Gott.
Man wütet, und umsonst! der Christ erträgt die Leiden,
Und in des Henkers Arm des Todes Quaal mit Freuden.
Die Lehre Jesu siegt. Hat Gott sie nicht geschützt,
Sie nicht durch Kraft und Geist, durch Wunder unterstützt:
So mußt du dieß, daß sie hat Beyfall finden können,
Und daß sie sich erhielt, der Wunder Wunder nennen.

Du siehst viel Zweifel. Gut! Siehst du nicht auch viel Licht?
Wenn du Beweise siehst; dann ist der Glaube Pflicht.
Der Wahrheit heimlich feind, sinnreich in eitlen Fragen,
Hängst du dem Zweifel nach, und magst ihm nicht entsagen.
Prüf die Religion; doch denk auch was du bist.
Daß dein Verstand umschränkt und Gott unendlich ist.
Thu ihren Willen treu; dann wirst du inne werden,
Sie sey des Himmels Geist und nicht der Witz der Erden.

[Der Stolz.]

Der du zu deiner Ruh dein Nichts so gern vergißt,
Und desto mehr dich dünkst, je weniger du bist,
Mensch! was erzeugt den Stolz, mit dem dein Herz sich nähret?
Nur dein Verdienst dir rühmt und Beßrer Werth entehret,
An Andern hassest du des Stolzes Eitelkeit,
Und sklavisch machst du ihn zum Herrn, der dir gebeut.

Wie, sprichst du, mir den Stolz, dieß Laster, vorzurücken?
Wenn zeig ich ihn? Sehr oft. Er redt aus deinen Blicken,
Er pralt in deinem Gang, gebeut aus deinem Ton;
Oft ist dein Kleid und oft des Dieners Kleid sein Thron;
Der Titel, der dich bläht, der Name deiner Väter,
Der dich so oft entzückt, wird dein und sein Verräther.
Was ists, wodurch der Stolz dich nicht zu fesseln weis?
Stand, Schönheit, Glück und Ruhm, Witz, Tugend, Kunst und Fleiß,
Das, was wir hoch mit Recht, und oft mit Unrecht, schätzen,
Dieß alles beut er auf, sich fest in dir zu setzen;
Und hast du kein Verdienst: so täuscht er dich durch Schein,
Läßt, was du niemals warst, dich in Gedanken seyn;
Und was du endlich hast, dieß sind vollkommne Gaben.
Und heimlich wirst du sie bloß dir zu danken haben.

So, sprichst du, soll ich blind der Güter Werth verschmähn,
Nicht wissen, was ich bin, was ich vermag, nicht sehn,
Den Vorzug, der mich schmückt, vor vielen schmückt, nicht kennen,
Mir den Genuß des Glücks und meiner selbst, nicht gönnen?
Mein Stolz ist ein Gefühl von meinem eignen Werth.
Wenn hab ich mehr zu seyn, als ich verdient, begehrt?
Kann ich in mir das Amt der Wahrheit wohl verwalten,
Und minder von mir selbst, als sich gebühret, halten?

O Freund! wer bist du denn? Ich seh aus deiner Pracht,
Dich hat der Ueberfluß, der Reichthum stolz gemacht.
Berechtigt dich ein Gut, das aus der Väter Kisten
In deine Hände fiel, dich königlich zu brüsten?
Ist jener, der durch Fleiß der Dürftigkeit entflohn,
Nicht würdiger, als du bey deiner Million?
Ist dieses ein Verdienst, viel Ueberfluß besitzen?
Verstehst du denn die Kunst, den Reichthum schön zu nützen,
Der Andern Glück zu seyn? Wozu gebrauchst du ihn?
Des Volks Bewunderung durch Pracht auf dich zu ziehn,
In Kutschen dich zu blähn, in Schlössern stolz zu wohnen,
Der Schmeichler Knecht zu seyn, und Narren zu belohnen;
Deswegen bist du stolz?
So recht! versetzt Crispin,
Er hat den Schatz ererbt; doch ich erwarb mir ihn.
Mir hat der Fleiß mein Gut, ihm hats das Glück bescheret;
Durch Witz hab ichs erreicht, durch Sparsamkeit vermehret.
Ich treibe keine Pracht, kein Hochmuth nimmt mich ein.
Doch ists nicht ein Verdienst, mit Ehren reich zu seyn?
Und darf ich dieß Verdienst nicht an mir selbst bemerken?
So gründlich weis Crispin sich in dem Stolz zu stärken.
Sein Gut, durch stumme List und tückischen Verstand
Den Armen abgedrückt, und Freunden oft entwandt,
Dem Fürsten und dem Staat durch Gleißnerey entrissen,
Dieß nennt er sein Verdienst, und trotzt auf sein Gewissen.

Doch, sey auch kein Crispin, sey reich durch bessern Fleiß,
Entstund dein Ueberfluß, dein Glück, auf dein Geheiß?
Wer gab zu deiner Kunst dir Fähigkeit und Kräfte?
Wodurch gelungen dir so glückliche Geschäffte?
Warst du der Herr der Zeit, die günstig dir erschien?
Des Zufalls, der mehr Glück, als Andern, dir verliehn?
Sind jene Redlichen, die sich im Mangel grämen,
Nicht diese, die durch Fleiß und Kunst dich oft beschämen?
Allein ich streite dir den größten Fleiß nicht ab.
Was schaffst du mit dem Gut, das Fleiß und Kunst dir gab?
»Ich unterhalte die, die gern sich nähren wollen —
Ich baue —« Baust du bloß, daß Andre leben sollen?
»Ich sorge für mein Haus und laß ihm einst mein Glück.«
Ich ließ ihm, wär ich du, gern weniger zurück,
Und würde, mir das Wohl der Meinen zu verpfänden,
Auf ihre Zucht, ihr Herz, weit mehr, als du, verwenden.
Du glaubst, du thust sehr viel; doch kenntest du die Pflicht
Des Reichthums und dich selbst: so glaubtest du dieß nicht.

Doch jener, dessen Geist dem Staube sich entrissen,
Den, ihrem Throne nah, die Fürsten günstig küssen;
Er, den die Weisheit hob und in der Höhe schützt,
Er, der sich selbst verzehrt, indem er Ländern nützt;
Er winkt, so flieht die Schaar des Hofes ihm entgegen,
Dem dräut sein Blick den Fluch, und jenem lacht er Segen;
Hat er, der Fürsten Freund, den jeder Tag mehr preist,
Und dessen Glanz zu sehn, der Fremde kostbar reist;
Er, dessen Namen schon ins Ohr entfernter Zeiten
Die Sänger des Apolls mit ewgem Laut verbreiten;
Hat er, den alles schätzt und sein Verdienst ihn lehrt,
Nicht Recht zu seinem Stolz, mit dem er sich verehrt?
O hätt er Muth genug, die Schmeichler zu verachten,
Dreist in sein Herz zu gehn und streng es zu betrachten,
Entkleidet von dem Schein, was Schein ist, zu verschmähn,
Wie würd er so beschämt auf seine Grösse sehn!
Was ist die Weisheit denn, durch die sein Geist gestiegen?
Oft nur die Wissenschaft, den Fürsten zu vergnügen,
Durch Scenen stolzer Lust ihn glücklich zu zerstreun,
Und, um sich groß zu sehn, des Fürsten Knecht zu seyn.
Was ist die Wachsamkeit, die seine Hoheit schützet?
Den, welcher mehr Verstand, mehr Witz, als er besitzet,
Dem Weisheit und Natur ein edler Herz verliehn,
Den Augen seines Herrn sorgfältig zu entziehn.
Was ist der Edelmuth, mit dem er Andern dienet?
Ists Tugend, daß er sich, dein Schuz zu seyn, erkühnet?
Bewegt ihn dein Verdienst, wenn er die Bittschrift liest,
Mehr, als die Kunst, mit der ein Narr den Saum ihm küßt?
Er hilft mir, weil mein Flehn sein weichlichs Herz beschweret;
Und meine Demuth ists, die ihn die Großmuth lehret.
Was ist des Grossen Fleiß, von dem er stündlich spricht?
Wem dient er? Meistens sich und selten seiner Pflicht.
Was treibt ihn feurig an, das Schwerste zu vollführen?
Sein Amt? Nein, mehr die Furcht, sein Amt nicht zu verlieren.
O spricht er bey sich selbst: Gesegnet sey mein Rath!
Gesegnet sey mein Fleiß! denn beides hält den Staat;
Und wenn er dieß sich sagt, spricht oft das Land indessen:
Verflucht sey doch die Kunst, den Unterthan zu pressen!
»Geschieht nicht, was geschieht, im ganzen Staat durch mich?
Wer übersieht ihn mehr, wer kennt ihn mehr als ich?«
Stirb, und vor deiner Gruft wird sich der Staat beschweren,
Du habst ihn nur gekannt, um tief ihn zu verheeren.
Hat jener, der sein Haus im Dunkeln treu regiert,
Ihm Fleiß und Tugend läßt, nicht mehr, als du vollführt?
Ihn ehret die Vernunft; und gegen seine Grösse
Ist deine Hoheit Schwulst, und dein Verdienst nur Blösse.

Am Stolz dem Grossen gleich, und stolzer oft, als er,
Tritt, der die Demuth lehrt, der Weise, dort einher,
Zeigt uns auf seiner Stirn, dem menschlichen Geschlechte,
Der künftgen Welt zum Dienst, verwachte finstre Nächte.
Wer, denkt er, trieb die Kunst so hoch, als ich sie trieb?
Wer schrieb am gründlichsten, seitdem man Bücher schrieb?
Ein Licht, aus meinem Geist hellstralend ausgeflossen,
Hat endlich den Verstand der Menschen aufgeschlossen.
Nun irrt kein Sterblicher, wofern er mich versteht,
Er lese, was ich schrieb. Sind so viel Alphabet
Voll Weisheit, hell erklärt, und kettenweis bewiesen,
Jahr aus, Jahr ein, gedruckt, und monatlich gepriesen,
Sind diese nicht geschickt, die Wahrheit zu erhöhn?
Nein, ehe glaubt ich selbst, mein Ruhm könnt untergehn.
O glaub es, stolzer Mann, wer wird dich künftig lesen?
Die Welt verlöre nichts, wärst du gleich nicht gewesen.

Ja, denkt ein Damon hier, der stolze Mann ist klein;
In meiner Wissenschaft, da glückt es, groß zu seyn.
Ist nicht mein kostbar Werk der Schmuck in Büchersälen?
Sagts nicht, wie viel ich weis, wie oft die Andern fehlen?
Führ einen Kenner an, ders nicht für göttlich hält?
Ja, Damon, doch dieß Werk, was nützt es denn der Welt?
Hast du durch deinen Dienst sie dir so sehr verpflichtet,
Als jener, der sein Dorf zur Tugend unterrichtet?

Doch dein Verdienst sey mehr, als ein gelehrter Ruf.
Sey selbst der größte Geist, den die Natur erschuf;
In dir sey Wissenschaft, Geschmack und Witz verbunden;
Hab überdacht, geprüft, und habe selbst erfunden;
Sey mit der Welt genau, die vor dir war, bekannt;
Sprich stets Beredsamkeit, sprich göttlichen Verstand;
Erforsche die Natur auf dem geheimsten Gleise;
Schreib ganze Schulen klug, und Nationen weise,
Und habe denn das Ziel des größten Ruhms erreicht,
Daß itzt dir keiner glich, und künftig keiner gleicht;
Noch hast du wenig Recht, Geringre zu verachten,
Und als den Würdigsten mit Stolz dich zu betrachten.
Der Geist, mit dem du dich so vieles Ruhms erkühnt,
Woher bekamst du ihn; was hat ihn dir verdient?
Sprach, eh du aus dem Nichts, als Mensch gebildet, giengest,
Schon ein Verdienst für dich, daß du so viel empfiengest?
Das jene weise Hand dir mehr, als uns verleiht,
Giebt dir kein Recht zum Stolz, nein, zur Erkenntlichkeit.
Der Fleiß, den du verehrst, ist dieser Fleiß dein eigen?
Wer gab dir Muth und Lust, so glücklich ihn zu zeigen?
Geburt und Unterricht, der Lehrer und der Freund,
Das Beyspiel und das Glück, und was sich sonst vereint,
Den Trieb nach Wissenschaft und deinen Fleiß zu mehren,
Weß sind sie? Wag es nur, und zieh von deinen Ehren
Gerecht den Antheil ab, den jedes fordern kann,
Was hätte, sonder sie, dein grosser Fleiß gethan?
Du hast weit mehr gewirkt, als Tausend nicht verrichten,
Wahr ists; doch hattest du nicht auch weit größre Pflichten?
Gehört zur edlen That Erfolg und Umfang bloß?
Der Quell, aus dem sie fließt, macht unsre Handlung groß.
Verschwende deinen Fleiß in Schaaren grosser Thaten,
Ihr Nutzen greif um sich, und segne ganze Staaten;
Allein, was war der Grund von deiner edlen Müh?
Der Menschen Glück? Sprach dieß in deiner Brust für sie?
Belebte deinen Fleiß, beseelte deine Triebe
Der heilge Ruf der Pflicht, der Geist der Menschenliebe?
Wie oder war dein Ruhm, der Geist der Eitelkeit,
Dein Glück der Gott, dem du den ewgen Fleiß geweiht?
Oft nur für unsern Ruhm erringen wir uns Stärke,
Und auf unedlem Grund erbaun wir edle Werke.
So füllt die Lilie wohlriechend ihr Gebiet,
Die doch den Nahrungssaft aus faulem Staube zieht:
So wird die Fruchtbarkeit, mit der die Saat sich hebet,
Und unsre Scheuren füllt, doch erst vom Schlamm belebet.

Die hellsten Tugenden, sind diese Tugend nur?
Wie oft erzwinget sie der Hochmuth der Natur!
Er macht sie scheinbar nach, und weis, durch Kunst bescheiden,
In Demuth, Höflichkeit und Güte sich zu kleiden.
Sieh jenen Gütigen! Stolz ists, der ihn erweicht;
Ich seh es aus der Hand, die mir die Gutthat reicht.
Nimm, sagt er durch die Art, mit der er sie beweget,
Das, was ein Niedriger, wie du, zu schätzen pfleget.
Du hast dich itzt mit Recht, mich anzuflehn, erkühnt;
Nützt nicht mein Ueberfluß auch dem, ders nicht verdient?
Was ist der fromme Wunsch, womit Alcest uns segnet?
Stolz, den der Gruß beseelt, mit dem wir ihm begegnet.
Sieh jenen Höflichen; mit welcher Freundlichkeit
Bemerkt er unsern Wunsch! Er schenkt uns seine Zeit,
Schleicht sich in unser Herz, und sucht, und lernt in allen,
Der Künste schwerste Kunst, jedwedem zu gefallen.
Sich selber ist er nichts, und alles sind wir ihm;
Doch seine Höflichkeit ist stolzer Ungestüm
Und ein Befehl für uns, ihn doppelt hoch zu achten,
Weil er so gütig war, nicht laut uns zu verachten.
Sieh die Bescheidne dort. Ihr Gang, ihr Blick, ihr Ton
Ist Demuth; lobe sie, und sie erröthet schon.
Sie giebt der Schönheit Ruhm erschrocken dir zurücke,
Und widerlegt ihn noch durch lobenswerthre Blicke,
Verringert ihren Werth, der sich dein Lob gewann,
Damit sie dir beweist, wie schön sie denken kann,
Und wird zuletzt vor dir der Demuth Thränen weinen,
Aus Stolz, was Göttlichers, als Andre sind, zu scheinen.

Man eifert auf den Stolz, nennt seinen Eifer Pflicht,
Und unser Eifer selbst ist Stolz, der aus uns spricht.
Man schreibt ein sinnreich Werk, dieß Laster zu vertreiben,
Und wird aus Stolz geschickt, schön wider ihn zu schreiben.

Man rühmt des Weisen Ruh, rühmt die Gelassenheit,
Mit der er sich beschützt, wenn ihm der Unfall dräut;
Und oft ist diese Ruh geheimer Trotz der Seelen,
Der spricht: Giengs nach Verdienst, so würde nichts mir fehlen.

Man rühmt des Helden Muth, der, wenn das Schwerdt der Schlacht
Itzt Legionen frißt, ihn unerschüttert macht;
Oft ist sein Muth nur Stolz. Er denkt, für meine Waffen,
Mich zu vertheidigen, sind diese nur geschaffen.

Doch herrscht der Uebermuth in Hohen nur allein?
Nein, selber das Gebiet der Niedrigsten ist sein.
Der arme Landmann sieht des Aermern reichre Garben;
Er sollte, denkt sein Stolz, er wohl, doch ich nicht, darben.
So sieht des Bettlers Noth ein Bettler ungerührt;
Mir Würdigern, denkt er, mir hätte viel gebührt.
So schließt des Künstlers Stolz aus seiner Tracht von Seide,
Wie viel er besser ist, als der im wollnen Kleide.

O Mensch! vertreibe doch den Glanz des falschen Lichts!
Warum verbirgst du dir mit so viel Kunst dein Nichts?
Was ist des Menschen Ruhm, des Klugen wahre Grösse?
Die Kenntniß seiner selbst, die Kenntniß seiner Blösse;
Ein redendes Gefühl, das laut im Herzen spricht:
So viel ich hab und bin, hab ichs von mir doch nicht;
So wenig ich empfieng, will ichs mit Dank besitzen,
Mich seiner täglich freun, und unverdient es nützen.
Und ist dein Ohr, o Freund! vor dieser Stimme taub:
So schleiche tiefgebückt und krümme dich im Staub,
Und predige das Nichts der äusserlichen Ehren,
Du wirst den gröbsten Stolz auch noch im Staub ernähren.

[Die Freundschaft.]

Sey ohne Freund; wie viel verliert dein Leben!
Wer wird dir Trost und Muth im Unglück geben,
Und dich vertraut im Glück erfreun?
Wer wird mit dir dein Glück und Unglück theilen,
Dir, wenn du rufst, mit Rath entgegen eilen,
Und wenn du fehlst, dein Warner seyn?

Sprich nicht: Wo sind der Freundschaft seltne Früchte?
Wer hält den Bund, den ich mit ihm errichte?
Wer fühlt den Trieb, den ich empfand?
O klage nicht! Es giebt noch edle Seelen.
Doch sehn wir auch, wenn wir uns Freunde wählen,
Genug auf Tugend und Verstand?

Aus Eitelkeit für jenen sich erklären,
Weil er vielleicht begehrt, wie wir begehren,
Und weil sein Umgang uns gefällt;
Das Herz ihm weihn, noch eh wir seines kennen,
Aus Eigennutz ihm unsre Zeit vergönnen;
Dieß ist nicht Freundschaft, dieß ist Welt.

Um einen Freund von edler Art zu finden,
Mußt du zuerst das Edle selbst empfinden,
Das dich der Liebe würdig macht.
Hast du Verdienst, ein Herz voll wahrer Güte:
So sorge nichts: ein ähnliches Gemüthe
Läßt deinen Werth nicht aus der Acht.

Du mußt für dich und die empfangnen Gaben
Erst Sorgfalt gnug, gnug Ehrerbietung haben;
Und deinem Herzen nichts verzeihn.
Du mußt dich oft, ohn Eigennutz zu dienen,
Du mußt dich stets, gerecht zu seyn, erkühnen.
Und daß es Andre sind, dich freun.

Ein Herz, das nie sich selbst mit Ernst bekämpfet,
Nie Stolz und Neid und Eigensinn gedämpfet;
Liebt dieses Herz wohl dauerhaft.
Wie bald wirds nicht durch kleine Fäll ermüden!
Es fühlet sich, und stört der Freundschaft Frieden
Durch ungezähmte Leidenschaft.

Hast du das Herz, mit dem du dich verbunden,
Dem deinen gleich, der Liebe werth gefunden:
So thue, was die Weisheit spricht.
Sie heißt in ihm dich jede Tugend ehren,
Wie sehr du liebst, durch Thaten ihn belehren,
Und macht sein Glück zu deiner Pflicht.

Sie legt dir auf, sein Gutes nachzuahmen.
Du ahmst es nach, und du belebst den Saamen
Der Eintracht und der Zärtlichkeit.
Du sorgst mit Lust für deines Freundes Ruhe,
Er, ob er gnug, dich zu verdienen, thue;
Und eure Treu wächst durch die Zeit.

Dein Freund, ein Mensch, wird seine Fehler haben;
Du duldest sie bey seinen grössern Gaben,
Und milderst sie mit sanfter Hand.
Sein gutes Herz bedient sich gleicher Rechte,
Begeistert deins, wenns minder rühmlich dächte,
Und sein Verstand wird dein Verstand.

Wenn, ungewiß bey meiner Pflicht, ich wanke,
Wie stärkt mich oft der selige Gedanke:
Was thät Arist bey dieser Pflicht?
Verfahre so, als wär er selbst zugegen.
So giebt ein Blick auf ihn mir ein Vermögen;
Und der erst wankte, wankt itzt nicht.

Ein gleicher Zweck, des Geistes höchste Freude,
Der Weisheit Glück, vereint und führt uns beide;
Denn ich und er, sind beid ihr Freund.
Ein gleiches Gut, das höchste Gut der Erden,
Der Tugend Glück, läßt uns zufriedner werden;
Denn nur für sie sind wir vereint.

Ich eile froh, sein Glück ihm zu versüssen;
Doch daß ichs that, soll er nicht immer wissen;
Mein Herz belohnt mich schon dafür.
Und wenn ich ihm vor seinen Augen diene,
Entzieh ich doch dem Dienst des Dienstes Miene,
Als nützt ich minder ihm, denn mir.

Theilt er mit mir die Last der grössern Sorgen;
So bleibt von mir die kleinst ihm nicht verborgen,
Und schwindet in Vertraulichkeit.
Kaum klag ichs ihm, was mich im Stillen drücket:
So hat sein Blick oft schon mein Herz erquicket,
Eh mich sein Mund mit Trost erfreut.

Entfernt von ihm wird mir ein Glück zu Theile;
Und wenn im Geist ichs ihm zu sagen eile,
Wird mir dieß Glück gedoppelt süß.
Entfernt von ihm drohn mir des Unglücks Pfeile;
Und wenn im Geist ichs ihm zu klagen eile,
So fühl ich minder Kümmerniß.

Wenn wir vertraut, mit aufgewecktem Herzen,
Nach reifem Ernst, die Stund uns froh verscherzen:
So bildet der Geschmack den Scherz.
Den Witz, den Geist, die uns itzt scherzen lehren,
Beseelt die Lieb; und daß wir uns verehren,
Vergißt auch nie das muntre Herz.

Sollt je ein Zwist der Freundschaft Ruhe kränken,
Sollt übereilt ich ihr zum Nachtheil denken,
Und meinem Freund ein Anstoß seyn:
So eil ich schon, den Fehler zu gestehen.
Wars klein von mir, ihn hitzig zu begehen:
So ist es groß, ihn zu bereun.

Mensch, lerne doch dein Leben dir versüssen,
Und laß dein Herz von Freundschaft überfliessen,
Der süssen Quelle für den Geist!
Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten;
Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten
Erquickend durch die Seel ergeußt.

Dort werd ich erst die reinste Freundschaft schätzen,
Und bey dem Glück, sie ewig fortzusetzen,
Ihr heilig Recht verklärt verstehn.
Dort werd ich erst ihr ganzes Heil erfahren,
Mich ewig freun, daß wir so glücklich waren,
Fromm mit einander umzugehn.

[Der Ruhm.]

Was ist das Gut, nach dem du strebst,
Der Ruhm, für den du denkst und lebst?
Wags, du sein Freund, ihn zu betrachten!
Gewährt er, was er dir verspricht,
So bleib ihm treu. Gewährt ers nicht,
So lern ihn dreist verachten.

Welch Glück, wenn mich ein Grosser schätzt,
Der Fürst an seine Seite setzt,
Und laut mir seinen Beyfall schenket!
Alsdann wird mein Verdienst bekannt;
Dann denkt von mir das ganze Land
Groß, wie mein Ehrgeitz denket.

Wer ist der Grosse, der dich ehrt?
Sprich, kennt er der Verdienste Werth?
Setz ihn im Geist aus seinem Stande!
Vielleicht wird dir sein Beyfall klein;
Vielleicht hältst dus, ihm werth zu seyn,
Nunmehr für eine Schande.

Wenn itzt des Dichters Lobgedicht,
Der Redner göttlich von dir spricht,
Und laut dich die Geschichte preisen;
Wenn, auf ihr Wort, die halbe Welt
Dich für den größten Weisen hält;
Wirst du darum zum Weisen?

Wächst deiner Tugend etwas zu,
Gewinnet deines Geistes Ruh;
Wenn viele deinen Namen hören?
Bist du beglückt, in dir beglückt?
Wenn Thor und Thörinn auf dich blickt,
Und Länder dich verehren?

Suchst du den Ruhm nicht in der Pflicht,
Giebt dir dein Herz den Beyfall nicht;
Was wird dir andrer Beyfall nützen?
Und hast du deinen Ruhm in dir;
Was sorgst du kummervoll dafür,
Den äussern zu besitzen?

Wenn jener deinen Namen liest,
Gleichgültig nennt, und dann vergißt;
Ist dieß ein schätzbar Glück zu nennen?
Ist dieß die Welt, die von dir hört;
Wenn gegen einen, der dich ehrt,
Dich tausend noch nicht kennen?

Ist dieß des Nachruhms Ewigkeit;
Wenn ein Scribent der Trockenheit
Sich künftig an dein Leben waget?
Und wenn dem Wandrer einst noch spät
Der Stein, vor dem er müßig steht,
Daß du zu früh starbst, saget?

Und ist das Glück so ungemein,
Von einer Welt gerühmt zu seyn,
Die oft den wahren Ruhm verkennet;
Das Laster rühmet, wenn es gleißt,
Die Wildheit Muth, den Unsinn Geist,
Und Ehrsucht Grösse nennet?

Du strebst mit Eifersucht und Angst,
Damit du ihren Ruhm erlangst,
Wohlan, du sollst ihn schnell erstreben!
Doch welch unsichres Eigenthum!
Vielleicht reut bald die Welt der Ruhm,
Den sie dir schnell gegeben.

Die Zahl der Klugen ist nicht groß.
Verlangst du ihren Beyfall bloß,
So such ihn still in ihrer Sphäre.
Der Kluge sieht auf dein Verdienst;
Und bist du das nicht, was du schienst,
So bist du sonder Ehre.

Erwirb dir Tugend und Verstand;
Nicht, um sie, von der Welt genannt,
Mit eitlem Stolze zu besitzen.
Erwirb sie dir mit edler Müh,
Und halte dieß für Ruhm, durch sie
Der Welt und dir zu nützen.

Nicht deines Namens leerer Schall,
Nicht deiner Tugend Wiederhall
Muß dich zu grossen Thaten stärken.
Die Zeit, die Kräfte, grosser Geist!
Die du so laut dem Ruhme weihst,
Die weihe still den Werken.

Erfüllst du, was die Weisheit spricht,
Und gleicht dein Eifer deiner Pflicht:
So wird der Ruhm ihm folgen müssen.
Und wenn dein Werth ihn nicht erhält:
So giebt dir ihn, Trotz aller Welt,
Doch ewig dein Gewissen.

Vermischte Gedichte.

[An
den Herrn Grafen
Hanns Moritz von Brühl;
bey seinem vierzehnten
Geburtstage.]

O Graf! vom Himmel bestimmt, den Jahren, welche noch kommen,
Ein Beyspiel seltner Verdienste zu seyn!
Am Tage deiner Geburt bitt ich zum Schöpfer der Menschen
Um noch mehr Seelen, der deinigen gleich.

Am Tage deiner Geburt bitt ich mit freudigen Thränen,
Mit Thränen, welche die Liebe mich lehrt:
Erfüll die Hoffnung der Welt, und sey in jeglichem Alter
Durch neue Tugenden nützlich und groß.

Ja, Graf, ich weis es gewiß, du wirst die Hoffnung erfüllen,
Die deine Jugend verehrungswerth macht.
Nie herrscht ein kleinerer Wunsch in deiner rühmlichen Seele,
Als Menschen glücklich und weise zu sehn.

Du wirst, begabet mit Macht, sie nur zum Wohlthun gebrauchen,
Und, unverblendet vom Glanze des Glücks,
Noch gütig, wenn du gebeutst, noch liebreich, wenn du bestrafest,
Noch groß seyn, wenn du die Bitte versagst.

Bey allem Beyfall der Welt, und bey der Liebe der Fürsten,
Wird der Gedanke dir niemals entfliehn,
Daß das vollkommenste Glück in einem reinen Gewissen,
Die wahre Hoheit im Herzen besteht.

Kein Mensch ist edel und frey, der den Begierden gehorchet,
Noch groß, wofern er dem Schöpfer nicht dient;
Er sey das Wunder der Welt, er sey der König der Helden,
Stets ist er ohne die Tugend ein Knecht.

Dich wird in Zukunft, ein Volk, das Volk der Schmeichler belagern,
Die Pest der grossen und glücklichen Welt;
Doch, stolz auf wahres Verdienst, wirst du den Lobspruch verachten,
Den dir der Richter im Herzen versagt.

Von edler Absicht erfüllt, wird dich die Mühe nicht quälen,
Zu scheinen, was man doch wirklich nicht ist.
Von edler Absicht erfüllt, wirst du dir immerfort ähnlich
Und auch im kleinen noch liebenswerth seyn.

Der Ruhm, der Beyfall der Welt, ist der Verdienste Gefährte;
Doch heimlich folget die Eifersucht nach.
Wie wirst du, glücklicher Graf, einst diese Feindinn besiegen?
Durch Güte, wie sie dein Onkel besiegt.

Auf, Graf! bereichre dich itzt, itzt in dem Lenze der Jahre,
Mit allen Schätzen der Weisheit und Kunst.
Dein Rang, dein heller Verstand, dein edelfühlendes Herze,
Wie viel verspricht es der hoffenden Welt,

Dieß, in den Jahren des Kinds schon reifer denkender Jüngling,
Dieß bittet dich dein Verehrer und Freund.
Mein Lob ermuntre dein Herz! denn wenn sie keines verdienen,
So lob ich selber die Könige nicht.

[ An
Herrn
Johann Andreas Cramer;
bey seiner Verbindung.]

O Freund, welch angenehm Gesichte,
Rührt meinen Geist, indem ich dichte;
Dein künftig Schicksal zeigt sich mir.
Ich sehe sich in lange Zeiten
Dein Leben und Verdienst verbreiten,
Und Glück und Tugend folgen dir.
Dich seh ich an Charlottens Seite
Nach vielen Jahren noch, wie heute,
Als Mann und Freund vergnügt mit ihr,
Und immer dich, bey treuen Küssen,
Vertraulich und empfindungsvoll,
Das Glück der Zärtlichkeit geniessen,
Von der nur wenig Herzen wissen,
Die nur ein Cramer singen soll.

So wie sich deine Jahre mehren,
Mehrt dein Verdienst sich um die Welt.
Stets seh ich dich Geschmack und Tugend lehren,
Und beides, wenn du schreibst, gefällt.
Dein Geist stürzt bald den Aberglauben,
Und bald das Laster von dem Thron,
Und rettet uns, was schlaue Spötter rauben,
Das größte, die Religion.
Dann merkt die Welt auf deine Gaben;
Und wenn sie sie nicht recht erkennt:
So scheut sie doch den Schimpf, den nicht belohnt zu haben,
Den man des Lohnes würdig nennt.
Sie schmücket dich mit neuen Ehren;[1]
Und du, erkenntlich gegen sie,
Entzückst sie, bald mit heilgen Chören,
Bald durch die Pracht der Homilie.

Allein noch eine schönre Scene
Nimmt mich in deinem Leben ein,
Da liebe Töchter, liebe Söhne,
Des edlen Vaters Herz erfreun.
Gesucht und oft umringt von ihnen,
Fühlst du die zärtlichste Gewalt;
Dieß redt mit Küssen, dieß mit Mienen,
Wenn jenes dir entgegen lallt;
Du aber überläßt dich ihnen.
Da seh ich dich recht menschlich schön,
Da seh ich Cramern, wie Racinen,[2]
In einem Kreis mit Kindern spielend gehn.
Charlotte kömmt, und von Charlotten
Läßt du dich gern der Kinderspiele spotten,
Und küssend giebt sie dir den Lohn;
Da streichelt dich, indem sie küßte,
Als ob er auch mit lieben müßte,
Auf ihrem Arm der zarte Sohn.
So ruhst du oft vom Fleisse schwerer Werke,
Und bist nur Vater für dein Haus;
Prüfst liebreich deiner Kinder Stärke
Und bildest ihre Herzen aus,
Und freust dich, wenn der Sohn erscheinet,
Der jung schon dich und deine Freunde liest,
Bey einer schönen Stelle weinet,
Und heimlich eifersüchtig ist,
Daß noch von ihm die Welt nichts liest.

Ja, lieber Cramer, wahre Freuden,
Ich weis es, wahre warten dein.
Und wär es gnug, es wieder zu bereun:
So würd ich gleich um eine dich beneiden.

[1] Der Herr Oberhofprediger Cramer war damals noch Pastor in dem Dorfe Crellwitz.

[2] Der jüngre Racine in dem Leben seines Vaters:

En présence même d'étrangers, il osoit être Pere: il étoit de tous nos jeux: je me souviens de processions dans lesquelles mes sœurs étoient le Clergé, j'étois le Curé, et l'auteur d'Athalie chantant avec nous, portoit la croix. Memoires sur la vie de Jean Racine. p. 6.

[Auf
Herrn Willens
Tod.]

Du, dem ein weiser Gebrauch der Jugend, welche dich schmückte,
Das Ziel der glücklichsten Greise verhieß;
Der, würden Jahre verdient, sie durch sein Herze verdiente,
O Wille! Redliche weinen um dich!

Du stirbst, von Freunden beklagt, die mit unrühmlichen Thränen
Noch nie die Gabe des Mitleids entehrt.
Sie haben niemals geweint, als vor dem Grabe der Edlen,
Und von dem Reize der Tugend bewegt.

Aus allen klaget Ein Herz. So klagen zärtliche Brüder
Des jüngsten rühmlichen Bruders Verlust;
Sie sehn ihn blühend im Sarg, und rufen ängstlich: Ach Bruder!
Und Thränen reden das Uebrige fort.

Du stirbst, von Freunden verehrt, die selbst den Größten nicht ehren,
Wenn ohne Tugend der Purpur ihn schmückt.
O! Wille, seliger Freund! in welcher glücklichen Gegend,
In welchem Himmel frohlocket dein Geist?

Entrücket in das Gebiet der vielen tausendmal tausend,
Die sich in heiliger Wollust erfreun,
Wenn eine Seele noch mehr, gleich ihnen, glücklich geworden,
Wie viel, o Seliger, fühlest du da!

Dein Geist, der Unschuld geweiht, fand schon im sterblichen Leibe,
Schon hier in Freundschaft und Liebe sein Glück;
Und nun, vom Fleische getrennt, sieht er im göttlichen Lichte
Den Reiz der Tugend, und kennet sie ganz.

Er findt die Stimme bewährt, die hier im Herzen ihm sagte:
»Sey weis und gütig! Gott schuf dich dazu.
Du lebst, mit Freyheit begabt, hier in dem Lande der Prüfung,
Und Ewigkeiten erwarten dich dort.«

Er findt die Stimme bewährt, jauchzt himmlisch, daß er ihr folgte,
Da jauchzen Schaaren der Himmel mit ihm;
Er kömmt, geleitet durch sie, zum Thron des göttlichen Mittlers,
Fällt dreymal nieder, und betet ihn an.

Hier, hier verliert sich sein Blick im Glanz der Herrlichkeit Gottes;
Der Liebe Wunder eröffnen sich ihm.
So steht ein Jüngling erstaunt, dem, blind vom Leibe der Mutter,
Der Arzt die Binde vom Angesicht zieht.

Er sieht die Wunder der Welt mit starren Augen, und zittert.
Wo bin ich? ruft er, und zittert noch mehr.
Er sah die Sonne noch nicht; doch nun verläßt sie die Wolke,
Und unbeweglich bewundert er sie.

O Freund! glückseliger Freund! wir segnen deine Gebeine,
Und ehren ewig dein liebendes Herz.
Dich liebe, wer dich gekannt! dein Beyspiel lehre den Jüngling,
Damit er lebe, zu sterben, wie du!

Vor deinem Grabe sitz einst der Freunde künftige Nachwelt,
Und er, der Liebling des guten Geschmacks,
Bestreu mit Rosen dein Grab und sag aus deinen Gedichten
Die schönsten Stellen den Fühlenden vor!

Geistliche Oden und Lieder.

[Vorrede.]

Wenn die Sprache der Poesie vorzüglich geschickt ist, die Einbildungskraft zu beleben, den Verstand auf eine angenehme Weise zu beschäfftigen, und dem Gedächtnisse die Arbeit zu erleichtern; wenn sie geschickt ist, das Herz in Bewegung zu setzen, und die Empfindungen der Freude, der Liebe, der Bewunderung, des Mitleidens, des Schmerzes zu erwecken, oder zu unterhalten: so ist es unstreitig eine grosse Pflicht der Dichter, diese Kraft der Poesie vornehmlich den Wahrheiten und Empfindungen der Religion zu widmen. Da überdieses der Gesang eine grosse Gewalt über unsre Herzen hat, und von gewissen Empfindungen ein eben so natürlicher Ausdruck ist, als es die Mienen und Geberden des Gesichts sind: so sollte man der Religion besonders diejenige Art der Poesie heiligen, die gesungen werden kann. Ich habe in den nachstehenden Oden und Liedern diese Pflicht zu erfüllen gesucht. Habe ich sie mit dem gehörigen Fleisse, und zugleich mit Glücke, ausgeübt; sind diese Gesänge oder doch nur einige derselben, geschickt, die Erbauung der Leser zu befördern, den Geschmack an der Religion zu vermehren und Herzen in fromme Empfindungen zu setzen: so soll mich der glückliche Erfolg meines Unternehmens mehr erfreuen, als wenn ich mir den Ruhm des größten Heldendichters, des beredtesten Weltweisen aller Nationen, ersiegt hätte. Scaliger sagt von einer gewissen Ode des Horaz, das er lieber der Verfasser derselben, als König in Arragonien seyn möchte. Ich weis alte Kirchengesänge, die ich mit ihren Melodien lieber verfertiget haben möchte, als alle Oden des Pindars und Horaz. Man wird es mir nicht zutrauen, daß ich die Meisterstücke des menschlichen Witzes verachte; aber wenn es selbst die heidnischen Dichter für eine Pflicht, oder für eine Ehre gehalten, die Poesie ihrer verderbten Religion zu widmen: sollten sichs christliche Dichter zu keiner Pflicht, zu keiner Ehre machen, für eine göttliche Religion zu dichten?

Vielleicht trägt die Geringschätzung, mit der die Welt auf ein geistliches Lied herabsieht, nicht wenig zur Verabsäumung dieser Pflicht bey. Aber sollen wir nur alsdann arbeiten, wenn der Ruhm und Beyfall der Welt sich zu unsrer Belohnung darbeut? Ist die Erfüllung seiner Pflicht nicht Ruhm genug, wenn auch alle Zungen der Menschen schwiegen? Ist der Beyfall seines Gewissens nicht Ehre genug, wenn uns auch die ganze Welt für einen fanatischen Geist ansähe? Sollte die grosse Absicht, Weisheit und Tugend unter den Menschen auszubreiten, und die Ehre des Stifters unsrer Religion zu verherrlichen, kein Ruhm seyn, da nach demselben auch die Geister des Himmels, die so weit über uns erhaben sind, ringen? Ist der Vorwurf eines kleinen und einfältigen Geistes, eines Abergläubischen, oder Milzsüchtigen, den uns die Spötter machen können, ist er, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, nicht der erhabenste Lobspruch für uns? Wer nicht groß genug ist, sich über diese falsche Schande hinwegzusetzen, der ist des Glückes werth, nur den Beyfall der Thoren und Leichtsinnigen zu haben.

Zu der Verachtung der geistlichen Gesänge überhaupt tragen unstreitig die vielen schlechten Lieder dieser Gattung nicht wenig bey. Viele wackere und fromme Männer haben es gewagt, geistliche Lieder zu dichten, und ihren Eifer für die Geschicklichkeit zur Poesie angesehen. Aber wie die Frömmigkeit demjenigen, dem es an Kenntnissen der Staatskunst fehlet, nicht die Geschicklichkeit erteilen wird, in öffentlichen Geschäfften glücklich zu arbeiten: so wird auch ein frommer Mann, bloß darum, weil er fromm ist, noch nicht mit Glücke in der Poesie arbeiten, wenn er mit ihren Regeln nicht bekannt und mit keinem poetischen Genie begabt ist. Man kann ein sehr gutes Herz, auch Verstand und Wissenschaft, und doch einen übeln Geschmack besitzen. Man kann sich unnatürlich, unrichtig, abentheuerlich ausdrücken, wenn man von den heiligen Wahrheiten in der Sprache der Poesie reden will; und man kann es doch sehr gut meynen. Man kann wenn man, die Fesseln der Dichtkunst zu tragen, und die Menge ihrer Schwierigkeiten zu überwinden, nicht gewohnt ist, gezwungne, elende und frostige Lieder zur Andacht verfertigen, und doch ausserdem ein guter, ja gar ein grosser Redner seyn. Um desto mehr sollten diejenigen, die von der Natur die Gabe der Poesie empfangen haben, dieses Geschenke der Religion heiligen, da es nicht bloß auf unser gutes Herz, nicht bloß auf den Verstand und die Gelehrsamkeit, ja selbst nicht auf die Beredsamkeit allein ankömmt, wenn wir Gesänge der Religion verfertigen wollen.

Noch eine Ursache, warum wir vielleicht in unsern Tagen mehr für die geistliche Poesie arbeiten sollten, ist diese, daß sich der Geschmack der Dichtkunst und Beredsamkeit in unserm Jahrhunderte sehr geändert hat. Vieles ist in der Sprache unsrer Väter, in ihrer Art zu denken, erlaubt, gebräuchlich und unanstößig gewesen, das es in unsern Tagen nicht mehr ist. Alle lebende Sprachen haben das Schicksal, daß sie sich ändern, wenn gleich nicht stets verbessern; daß Wörter veralten und ihren Werth verlieren, neue aufkommen und einen Werth erhalten, wenn er auch nur willkührlich seyn sollte. Endlich, wenn die Sitten feiner werden, so bekommen wir an einer nachläßigen, ungewählten und platten Schreibart einen Ekel. Dieser Ekel erstreckt sich auch auf die Schreibart in den Werken der Religion; und wir fangen an, oft die Uebungen der Andacht geringe zu schätzen, oder zu verachten, weil die Mittel, sie zu erwecken oder zu unterhalten, dem allgemeinen Geschmacke nicht mehr gemäß sind. Ich will diesen Ekel nicht ganz billigen; aber ich billige es auch nicht, daß man nicht eifriger ist, ihm vorzuwehren. Haben wir nicht eine Menge guter alter Predigten, und warum druckt man so viel neue mit Rechte? Der Geschmack in der Beredsamkeit hat sich geändert und gebessert; und viele können die rauhe und unbearbeitete Sprache und den sorglosen Ausdruck unsrer Väter nicht mehr dulden. Aus eben diesem Grunde wird man auch in der geistlichen Poesie, wenigstens wegen des gesittetern Theils unsrer Nation, neue Versuche wagen müssen; ob es gleich gewiß bleibt, daß wir viel schöne Lieder haben, die in hundert Jahren noch eben so verständlich und geistreich seyn werden, als sie vor hundert oder zweyhundert Jahren waren. Wer diese verdrängt, um nur neuere dafür unterzuschieben, der ist gegen unsre Väter undankbar, und gegen die Erbauung, welche sie schaffen, unempfindlich. Viele alte Lieder sind auch nur stellenweise verwerflich; und wäre zu wünschen, daß die Verbesserung derselben weniger Schwierigkeiten ausgesetzet seyn möchte. Ich glaube nicht, um nur ein Beyspiel anzuführen, daß unsre Väter durch die Stelle des Abendliedes:

Oeffne deiner Güte Fenster,
Sende deine Wach herab,
Daß die schwarzen Nachtgespenster &c.

sind beleidiget worden; aber ich glaube, daß sie in unsern Tagen beleidiget. Das Platte in der geistlichen Poesie ist weder die Schuld unsrer Sprache, noch der Andacht. Luther hat in seinen herrlichen Liedern die Sprache meistens glücklich gewählt, so entfernt er auch von unsern Tagen gewesen ist. Es ist auch nicht die Härte der alten Sprache, welche Leser von Geschmacke beleidiget, sondern das gezwungne, frostige, abentheuerliche Harte; nicht die Versetzung der Wörter, sondern die unnöthige und armselige Verwerfung. Man lese folgende Stelle:

Es ist ja, Herr, dein Geschenk und Gab,
Mein Leib, Seel und alls, was ich hab
In diesem armen Leben;
Damit ichs brauch zum Lobe dein,
Zum Nutz und Dienst des Nächsten mein,
Wollst mir deine Gnade geben!

Sie hat viel Hartes nach unsrer itzigen Mundart und uns ungewöhnliche Verssetzungen; und dennoch, wer kann sie ohne Bewegung, ohne daß er fühlt, wie seine Seele von Dank und Demuth durchdrungen wird, singen oder lesen? Sie ist mehr werth, als ganze Bände neuer Lieder, die kein andres Verdienst haben, als daß sie rein sind. Und warum ist diese Stelle, ungeachtet ihrer Härte, so schön? Weil der Ausdruck stark und kräftig, weil der Innhalt des Gedankens groß, und doch der Gedanke nicht ausgedehnt ist; weil die Kürze und der Nachdruck das Harte entschuldigen; weil die Versetzungen der Deutlichkeit nicht schaden, sondern mehr die Aufmerksamkeit befördern.

Aus den guten geistlichen Gesängen, die wir haben, und überhaupt aus der Natur derjenigen Gattung von Gedichten, die dem Gesange gewidmet sind, ist es leicht, sich die Regeln von dieser Art der geistlichen Poesie zu entwerfen. Es muß eine allgemeine Deutlichkeit darinne herrschen, die den Verstand nährt, ohne ihm Ekel zu erwecken; eine Deutlichkeit, die nicht von dem Matten und Leeren, sondern von dem Richtigen entsteht. Es muß eine gewisse Stärke des Ausdrucks in den geistlichen Gesängen herrschen, die nicht so wohl die Pracht und der Schmuck der Poesie, als die Sprache der Empfindung, und die gewöhnliche Sprache des denkenden Verstandes ist. Nicht das Bilderreiche, nicht das Hohe und Prächtige der Figuren ist das, was sich gut singen und leicht in Empfindung verwandeln läßt. Die Einbildungskraft wird oft so sehr davon erfüllt, daß das Herz nichts empfängt. Es muß in geistlichen Liedern zwar die übliche gewählte Sprache der Welt herrschen; aber noch mehr, wo es möglich ist, die Sprache der Schrift; diese unnachahmliche Sprache, voll göttlicher Hoheit und entzückender Einfalt. Oft ist der Ausdruck der Lutherischen Uebersetzung selbst der kräftigste; oft giebt das Alterthum desselben der Stelle des Liedes eine feyerliche und ehrwürdige Gestalt; oft werden die Wahrheiten, Lehren, Verheissungen, Drohungen der Religion dadurch am gewissesten in das Gedächtniß zurück gerufen, oder die Vorstellung davon am lebhaftesten in unserm Verstande erneuert. Ja, oft können auch selbst die Stellen und Ausdrücke der Schrift durch den Zusammenhang, in den sie der Liederdichter bringt, eine Art von Commentario erhalten, der für die Menge vielleicht sehr nöthig ist.

Es giebt eine doppelte Gattung der geistlichen Oden; zu der einen gehören die Lehroden, zu der andern die Oden für das Herz. Wir benennen sie so, nachdem mehr Unterricht, oder mehr Empfindung darinne herrschet. Es wird also auch eine doppelte Schreibart dieser Oden geben. In den Lehroden wird Deutlichkeit und Kürze vornehmlich herrschen müssen; in der andern Gattung die Sprache des Herzens, die lebhafte, gedrungne, feurige und doch stets verständliche Sprache. Das der Verstand in den Liedern unterrichtet und genährt werde, ist eine sehr nothwendige Pflicht, wenn man die unrichtigen Begriffe, die sich die Menge von der Religion macht, den Mangel der Kenntniß in den Wahrheiten derselben, und die täglichen Zerstreuungen bedenkt, unter denen unsre Einsicht in der Religion, oft Sätze, oft Bestimmungen und Beweise, oft wenigstens den Eindruck und die lebhafte Vorstellung davon verliert.

Die Lieder für das Herz, denen der Gesang vorzüglich eigen ist, müssen so beschaffen seyn, daß sie uns alles, was erhaben und rührend in der Religion ist, fühlen lassen; das Heilige des Glaubens, das Göttliche der Liebe, das Heldenmüthige der Selbstverleugnung, das Grosse der Demuth, das Liebenswürdige der Dankbarkeit, das Edle des Gehorsams gegen Gott und unsern Erlöser, das Glück, eine unsterbliche, zur Tugend und zum ewigen Leben erschaffne und erlöste Seele zu haben; daß sie uns die Schändlichkeit des Lasters, das Thierische der Lüste und Sinnlichkeit, das Niederträchtige des Geizes, das Kleine der Eitelkeit, das Schreckliche der Wollust, mit einem Worte, die Reizungen der Tugend und die Häßlichkeit des Lasters empfinden lassen; der Tugend, wie sie von Gott geliebt, befohlen, zu unserm Glücke befohlen wird; des Lasters, wie es vor Gott ein Aufruhr, für uns Schande, zeitliches Elend, ewige Pein ist.

Da die geistlichen Gesänge nicht wie die andern Arten der Poesie das Vergnügen zu ihrer Hauptabsicht haben: so soll man für den Wohlklang weniger besorgt seyn, als für das Nachdrückliche und Kräftige. Das Ohr leide bey einer kleinen Härte, bey einem abgerißnen e, bey einem nicht ganz reinen Reime; wenn nur das Herz dabey gewinnt. Ein kleiner Fehler, ohne den eine größre Schönheit nicht wohl erreicht werden kann, hört auf an demselbigen Orte ein Fehler zu seyn. Dadurch will ich aber weder meinen Freyheiten eine Schutzrede halten, noch junge Dichter in der Nachläßigkeit des Wohlklanges und Versbaues bestärken. Genug, daß ich die Pflichten der Ausbesserung bey diesen Gesängen eben so wenig vergessen habe, als bey meinen übrigen Gedichten. Dieß Zeugniß, wenn ich mirs nicht selbst geben darf, können mir doch meine Freunde geben. Kommen in diesen Liedern hin und wieder ähnliche Ausdrücke und einerley biblische Stellen vor: so rechtfertiget entweder der Innhalt diese Freyheit, oder der Gedanke, daß Ein Lied für sich ein Ganzes ist, das man in einer Sammlung, als von den andern abgesondert, betrachten muß. Bey den meisten dieser Lieder habe ich auf Kirchenmelodien zurückgesehen, von denen ich zu Ende des Werkes ein Verzeichniß angehangen; und wie die Declamation des Redners seiner Rede das Leben giebt, so giebt oft die Melodie erst dem Liede seine ganze Kraft. Vieles wird durch den Gesang eindringender und sanfter, als es im Lesen war; und viele Lieder müssen aus diesem Gesichtspunkte am meisten betrachtet werden. Sind endlich die gegenwärtigen nicht alle im eigentlichen Verstande zum Singen geschickt: so wird es doch genug Belohnung für mich seyn, wenn sie sich mit Erbauung lesen lassen.

Leipzig, im Monat März, 1757.

[Bitten.]

Gott, deine Güte reicht so weit,
So weit die Wolken gehen;
Du krönst uns mit Barmherzigkeit,
Und eilst, uns beyzustehen.
Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hort,
Vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort;
Denn ich will vor dir beten!

Ich bitte nicht um Ueberfluß
Und Schätze dieser Erden.
Laß mir, so viel ich haben muß,
Nach deiner Gnade werden.
Gieb mir nur Weisheit und Verstand,
Dich, Gott, und den, den du gesandt,
Und mich selbst zu erkennen.

Ich bitte nicht um Ehr und Ruhm,
So sehr sie Menschen rühren;
Des guten Namens Eigenthum
Laß mich nur nicht verlieren.
Mein wahrer Ruhm sey meine Pflicht,
Der Ruhm vor deinem Angesicht,
Und frommer Freunde Liebe.

So bitt ich dich, Herr Zebaoth,
Auch nicht um langes Leben.
Im Glücke Demuth, Muth in Noth,
Das wollest du mir geben.
In deiner Hand steht meine Zeit;
Laß du mich nur Barmherzigkeit
Vor dir im Tode finden.

[Danklied.]

Du bists, dem Ruhm und Ehre gebühret;
Und Ruhm und Ehre bring ich dir.
Du, Herr, hast stets mein Schicksal regieret,
Und deine Hand war über mir.

Wenn Noth zu meiner Hütte sich nahte:
So hörte Gott, der Herr, mein Flehn,
Und ließ, nach seinem gnädigen Rathe,
Mich nicht in meiner Noth vergehn.

Ich sank in Schmerz und Krankheit danieder,
Und rief: O Herr, errette mich!
Da half mir Gott, der Mächtige, wieder,
Und mein Gebein erfreute sich.

Wenn mich der Haß des Feindes betrübte:
Klagt ich Gott kindlich meinen Schmerz.
Er half, daß ich nicht Rache verübte,
Und stärkte durch Geduld mein Herz.

Wenn ich, verirrt vom richtigen Pfade,
Mit Sünde mich umfangen sah:
Rief ich zu ihm, dem Vater der Gnade;
Und seine Gnade war mir nah.

Um Trost war meiner Seele so bange;
Denn Gott verbarg sein Angesicht.
Ich rief zu ihm: Ach Herr, wie so lange?
Und Gott verließ den Schwachen nicht.

Er half, und wird mich ferner erlösen.
Er hilft; der Herr ist fromm und gut.
Er hilft aus der Versuchung zum Bösen,
Und giebt mir zu der Tugend Muth.

Dir dank ich für die Prüfung der Leiden,
Die du mir liebreich zugeschickt.
Dir dank ich für die häufigern Freuden,
Womit mich deine Hand beglückt.

Dir dank ich für die Güter der Erden,
Für die Geschenke deiner Treu.
Dir dank ich; denn du hiessest sie werden,
Und deine Güt ist täglich neu.

Dir dank ich für das Wunder der Güte;
Selbst deinen Sohn gabst du für mich.
Von ganzer Seel und ganzem Gemüthe,
Von allen Kräften preis ich dich.

Erhebt ihn ewig, göttliche Werke!
Die Erd ist voll der Huld des Herrn.
Sein, sein ist Ruhm und Weisheit und Stärke;
Er hilft und er errettet gern.

Er hilft. Des Abends währet die Klage,
Des Morgens die Zufriedenheit.
Nach einer Prüfung weniger Tage
Erhebt er uns zur Seligkeit.

Vergiß nicht deines Gottes, o Seele!
Vergiß nicht, was er dir gethan.
Verehr und halte seine Befehle,
Und bet ihn durch Gehorsam an!

[Das Gebet.]

Dein Heil, o Christ, nicht zu verscherzen,
Sey wach und nüchtern zum Gebet!
Ein Flehn aus reinem guten Herzen
Hat Gott, dein Vater, nie verschmäht.
Erschein vor seinem Angesichte
Mit Dank, mit Demuth, oft und gern,
Und prüfe dich in seinem Lichte,
Und klage deine Noth dem Herrn.

Welch Glück, so hoch geehrt zu werden,
Und im Gebet vor Gott zu stehn!
Der Herr des Himmels und der Erden,
Bedarf der eines Menschen Flehn?
Sagt Gott nicht: Bittet, daß ihr nehmet?
Ist des Gebetes Frucht nicht dein?
Wer sich der Pflicht zu beten schämet,
Der schämt sich, Gottes Freund zu seyn.

Sein Glück von seinem Gott begehren,
Ist dieß denn eine schwere Pflicht?
Und seine Wünsche Gott erklären,
Erhebt dieß unsre Seele nicht?
Sich in der Furcht des Höchsten stärken,
In dem Vertraun, daß Gott uns liebt,
Im Fleiß zu allen guten Werken,
Ist diese Pflicht für dich betrübt?

Bet oft in Einfalt deiner Seelen;
Gott sieht aufs Herz, Gott ist ein Geist.
Wie können dir die Worte fehlen,
Wofern dein Herz dich beten heißt?
Nicht Töne sinds, die Gott gefallen,
Nicht Worte, die die Kunst gebeut.
Gott ist kein Mensch. Ein gläubig Lallen,
Das ist vor ihm Beredsamkeit.

Wer das, was uns zum Frieden dienet,
Im Glauben sucht, der ehret Gott.
Wer das zu bitten sich erkühnet,
Was er nicht wünscht, entehret Gott.
Wer täglich Gott die Treue schwöret,
Und dann vergißt, was er beschwur;
Und klagt, daß Gott ihn nicht erhöret,
Der spottet seines Schöpfers nur.

Bet oft zu Gott, und schmeck in Freuden,
Wie freundlich er, dein Vater, ist.
Bet oft zu Gott, und fühl in Leiden,
Wie göttlich er das Leid versüßt.
Bet oft, wenn dich Versuchung quälet;
Gott hörts, Gott ists, der Hülfe schafft.
Bet oft, wenn innrer Trost dir fehlet;
Er giebt den Müden Stärk und Kraft.

Bet oft, und heiter im Gemüthe
Schau dich an seinen Wundern satt.
Schau auf den Ernst, schau auf die Güte,
Mit der er dich geleitet hat.
Hier irrtest du in deiner Jugend,
Im Alter dort. Er trug Geduld,
Rief er dich durch Glück und Kreuz zur Tugend;
Erkenn und fühle seine Huld.

Bet oft, und schau mit selgen Blicken
hin in des Ewigen Gezelt,
Und schmeck im gläubigen Entzücken
Die Kräfte der zukünftgen Welt.
Ein Glück von Millionen Jahren,
Welch Glück! Doch ists von jenem Glück,
Das dem der Herr wird offenbaren,
Der ihm hier dient, kein Augenblick.

Bet oft; durchschau mit heilgem Muthe
Die herzliche Barmherzigkeit
Deß, der mit seinem theuren Blute
Die Welt, der Sünder Welt befreyt.
Nie wirst du dieses Werk ergründen;
Nein, es ist eines Gottes That.
Erfreu dich ihrer, rein von Sünden,
Und ehr im Glauben Gottes Rath.

Bet oft; entdeck am stillen Orte
Gott ohne Zagen deinen Schmerz.
Er schließt vom Herzen auf die Worte,
Nicht von den Worten auf das Herz.
Nicht dein gebognes Knie, nicht Thränen,
Nicht Worte, Seufzer, Psalm und Ton,
Nicht dein Gelübd rührt Gott; dein Sehnen,
Dein Glaub an ihn und seinen Sohn.

Bet oft; Gott wohnt an jeder Stäte,
In keiner minder oder mehr.
Denk nicht: Wenn ich mit vielen bete:
So find ich eh bey Gott Gehör.
Gott ist kein Mensch. Ist dein Begehren
Gerecht und gut: so hört ers gern.
Ists nicht gerecht: so gelten Zähren
Der ganzen Welt nichts vor dem Herrn.

Doch säume nicht, in den Gemeinen
Auch öffentlich Gott anzuflehn,
Und seinen Namen mit den Seinen,
Mit deinen Brüdern, zu erhöhn;
Dein Herz voll Andacht zu entdecken,
Wie es dein Mitchrist dir entdeckt,
Und ihn zur Innbrunst zu erwecken,
Wie er zur Innbrunst dich erweckt.

Bist du ein Herr, dem Andre dienen:
So sey ihr Beyspiel, sey es stets,
Und feyre täglich gern mit ihnen
Die selge Stunde des Gebets.
Nie schäme dich des Heils der Seelen,
Die Gottes Hand dir anvertraut.
Kein Knecht des Hauses müsse fehlen;
Er ist ein Christ, und werd erbaut!

Bet oft zu Gott für deine Brüder,
Für alle Menschen, als ihr Freund;
Denn wir sind Eines Leibes Glieder;
Ein Glied davon ist auch dein Feind.
Bet oft; so wirst du Glauben halten,
Dich prüfen, und das Böse scheun,
An Lieb und Eifer nicht erkalten,
Und gern zum Guten weise seyn.

[Die Ehre Gottes aus der Natur.]

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,
Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.
Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere;
Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!

Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?
Wer führt die Sonn aus ihrem Zelt?
Sie kömmt und leuchtet und lacht uns von ferne,
Und läuft den Weg, gleich als ein Held.

Vernimms, und siehe die Wunder der Werke,
Die die Natur dir aufgestellt!
Verkündigt Weisheit und Ordnung und Stärke
Dir nicht den Herrn, den Herrn der Welt?

Kannst du der Wesen unzählbare Heere,
Den kleinsten Staub fühllos beschaun?
Durch wen ist alles? O gieb ihm die Ehre!
Mir, ruft der Herr, sollst du vertraun.

Mein ist die Kraft, mein ist Himmel und Erde;
An meinen Werken kennst du mich.
Ich bins, und werde seyn, der ich seyn werde,
Dein Gott und Vater ewiglich.

Ich bin dein Schöpfer, bin Weisheit und Güte,
Ein Gott der Ordnung und dein Heil;
Ich bins! Mich liebe von ganzem Gemüthe,
Und nimm an meiner Gnade Theil.

[Prüfung am Abend.]

Der Tag ist wieder hin, und diesen Theil des Lebens,
Wie hab ich ihn verbracht? Verstrich er mir vergebens,
Hab ich mit allem Ernst dem Guten nachgestrebt?
Hab ich vielleicht nur mir, nicht meiner Pflicht gelebt?

Wars in der Furcht des Herrn, das ich ihn angefangen?
Mit Dank und mit Gebet, mit eifrigem Verlangen,
Als ein Geschöpf von Gott der Tugend mich zu weihn,
Und züchtig, und gerecht, und Gottes Freund zu seyn?

Hab ich in dem Beruf, den Gott mir angewiesen,
Durch Eifer und durch Fleiß ihn, diesen Gott, gepriesen;
Mir und der Welt genützt, und jeden Dienst gethan,
Weil ihn der Herr gebot, nicht weil mich Menschen sahn?

Wie hab ich diesen Tag mein eigen Herz regieret?
Hat mich im Stillen oft ein Blick auf Gott gerühret?
Erfreut ich mich des Herrn, der unser Flehn bemerkt?
Und hab ich im Vertraun auf ihn mein Herz gestärkt?

Dacht ich bey dem Genuß der Güter dieser Erden
An den Allmächtigen, durch den sie sind und werden?
Verehrt ich ihn im Staub? Empfand ich seine Huld?
Trug ich das Glück mit Dank, den Unfall mit Geduld?

Und wie genoß mein Herz des Umgangs süsse Stunden?
Fühlt ich der Freundschaft Glück, sprach ich, was ich empfunden?
War auch mein Ernst noch sanft, mein Schmerz noch unschuldsvoll?
Und hab ich nichts geredt, das ich bereuen soll?

Hab ich die Meinigen durch Sorgfalt mir verpflichtet,
Sie durch mein Beyspiel still zum Guten unterrichtet?
War zu des Mitleids Pflicht mein Herz nicht zu bequem?
Ein Glück, das Andre traf, war dieß mir angenehm?

War mir der Fehltritt leid, so bald ich ihn begangen?
Bestritt ich auch in mir ein unerlaubt Verlangen?
Und wenn in dieser Nacht Gott über mich gebeut,
Bin ich, vor ihm zu stehn, auch willig und bereit?

Gott, der du alles weißt, was könnt ich dir verhelen?
Ich fühle täglich noch die Schwachheit meiner Seelen.
Vergieb durch Christi Blut mir die verletzte Pflicht;
Vergieb, und gehe du nicht mit mir ins Gericht.

Ja, du verzeihest dem, den seine Sünden kränken;
Du liebst Barmherzigkeit, und wirst auch mir sie schenken.
Auch diese Nacht bist du der Wächter über mir;
Leb ich, so leb ich dir, sterb ich, so sterb ich dir!

[Gelassenheit.]

Was ists, das ich mich quäle?
Harr Seiner, meine Seele,
Harr und sey unverzagt!
Du weist nicht, was dir nützet;
Gott weis es, und Gott schützet,
Er schützet den, der nach ihm fragt.

Er zählte meine Tage,
Mein Glück und meine Plage,
Eh ich die Welt noch sah.
Eh ich mich selbst noch kannte,
Eh ich ihn Vater nannte,
War er mir schon mit Hülfe nah.

Die kleinste meiner Sorgen
Ist dem Gott nicht verborgen,
Der alles sieht und hält;
Und was er mir beschieden,
Das dient zu meinem Frieden,
Wärs auch die größte Last der Welt.

Ich lebe nicht auf Erden,
Um glücklich hier zu werden;
Die Lust der Welt vergeht.
Ich lebe hier, im Segen
Den Grund zum Glück zu legen,
Das ewig, wie mein Geist, besteht.

Was dieses Glück vermehret,
Sey mir von dir gewähret!
Gott, du gewährst es gern.
Was dieses Glück verletzet,
Wenns alle Welt auch schätzet,
Sey, Herr, mein Gott, mir ewig fern!

Sind auch der Krankheit Plagen,
Der Mangel schwer zu tragen,
Noch schwerer Haß und Spott:
So harr ich, und bin stille
Zu Gott; denn nicht mein Wille,
Dein Wille nur, gescheh, o Gott!

Du bist der Müden Stärke,
Und aller deiner Werke
Erbarmst du ewig dich.
Was kann mir widerfahren;
Wenn Gott mich will bewahren;
Und er, mein Gott, bewahret mich.

[Die Wachsamkeit.]

Nicht, daß ichs schon ergriffen hätte;
Die beste Tugend bleibt noch schwach;
Doch, daß ich meine Seele rette,
Jag ich dem Kleinod eifrig nach.
Denn Tugend ohne Wachsamkeit
Verliert sich bald in Sicherheit.

So lang ich hier im Leibe walle,
Bin ich ein Kind, das strauchelnd geht.
Der sehe zu, daß er nicht falle,
Der, wenn sein Nächster fällt, noch steht.
Auch die bekämpfte böse Lust
Stirbt niemals ganz in unsrer Brust.

Nicht jede Besserung ist Tugend;
Oft ist sie nur das Werk der Zeit.
Die wilde Hitze roher Jugend
Wird mit den Jahren Sittsamkeit;
Und was Natur und Zeit gethan,
Sieht unser Stolz für Tugend an.

Oft ist die Aendrung deiner Seelen
Ein Tausch der Triebe der Natur.
Du fühlst, wie Stolz und Ruhmsucht quälen,
Und dämpfst sie; doch du wechselst nur;
Dein Herz fühlt einen andern Reiz,
Dein Stolz wird Wollust, oder Geiz.

Oft ist es Kunst und Eigenliebe,
Was Andern strenge Tugend scheint.
Der Trieb des Neids, der Schmähsucht Triebe
Erweckten dir so manchen Feind;
Du wirst behutsam, schränkst dich ein,
Fliehst nicht die Schmähsucht, nur den Schein.

Du denkst, weil Dinge dich nicht rühren,
Durch die der Andern Tugend fällt:
So werde nichts dein Herz verführen;
Doch jedes Herz hat seine Welt.
Den, welchen Stand und Gold nicht rührt,
Hat oft ein Blick, ein Wort verführt,

Oft schläft der Trieb in deinem Herzen.
Du scheinst von Rachsucht dir befreyt;
Itzt sollst du eine Schmach verschmerzen,
Und sieh, dein Herz wallt auf und dräut,
Und schilt so lieblos und so hart,
Als es zuerst gescholten ward.

Oft denkt, wenn wir der Stille pflegen,
Das Herz im Stillen tugendhaft.
Kaum lachet uns die Welt entgegen:
So regt sich unsre Leidenschaft.
Wir werden im Geräusche schwach,
Und geben endlich strafbar nach.

Du opferst Gott die leichtern Triebe
Durch einen strengen Lebenslauf;
Doch opferst du, wills seine Liebe,
Ihm auch die liebste Neigung auf?
Dieß ist das Auge, dieß der Fuß,
Die sich der Christ entreissen muß.

Du fliehst, geneigt zu Ruh und Stille,
Die Welt, und liebst die Einsamkeit;
Doch bist du, forderts Gottes Wille,
Auch dieser zu entfliehn bereit?
Dein Herz haßt Habsucht, Neid und Zank?
Fliehts Unmuth auch und Müßiggang?

Du bist gerecht; denn auch bescheiden?
Liebst Mäßigkeit; denn auch Geduld?
Du dienest gern, wenn Andre leiden;
Vergiebst du Feinden auch die Schuld?
Von allen Lastern sollst du rein,
Zu aller Tugend willig seyn.

Sey nicht vermessen! Wach und streite;
Denk nicht, daß du schon gnug gethan.
Dein Herz hat seine schwache Seite,
Die greift der Feind der Wohlfahrt an.
Die Sicherheit droht dir den Fall;
Drum wache stets, wach überall!

[Wider den Uebermuth.]

Was ist mein Stand, mein Glück, und jede gute Gabe?
Ein unverdientes Gut.
Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe,
Vor Stolz und Uebermuth.

Wenn ich vielleicht der Welt mehr, als mein Nächster, nütze;
Wer gab mir Kraft dazu?
Und wenn ich mehr Verstand, als er besitzt, besitze;
Wer gab mir ihn, als du?

Wenn mir ein grösser Glück, als ihn erfreut, begegnet;
Bin ich ein beßrer Knecht?
Giebt deine Gütigkeit, die mich vor Andern segnet,
Mir wohl zum Stolz ein Recht?

Wenn ich, geehrt und groß, in Würden mich erblicke;
Gott, wer erhöhte mich?
Ist nicht mein Nächster oft, bey seinem kleinern Glücke,
Viel würdiger, als ich?

Wie könnt ich mich, o Gott! des Guten überheben,
Und meines schwachen Lichts?
Was ich besitz, ist dein. Du sprichst! so bin ich Leben;
Du sprichst! so bin ich Nichts.

Von dir kömmt das Gedeyn, und jede gute Gabe
Von dir, du höchstes Gut!
Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe!
Vor Stolz und Uebermuth.

[Beständige Erinnerung des Todes.]

Was sorgst du ängstlich für dein Leben?
Es Gott gelassen übergeben,
Ist wahre Ruh und deine Pflicht.
Du sollst es lieben, weislich nützen,
Es dankbar, als ein Glück, besitzen,
Verlieren, als verlörst dus nicht.

Der Tod soll dich nicht traurig schrecken;
Doch dich zur Weisheit zu erwecken,
Soll er dir stets vor Augen seyn.
Er soll den Wunsch zu leben mindern,
Doch dich in deiner Pflicht nicht hindern,
Vielmehr dir Kraft dazu verleihn.

Ermattest du in deinen Pflichten:
So laß den Tod dich unterrichten,
Wie wenig deiner Tage sind.
Sprich: Sollt ich Gutes wohl verschieben?
Nein, meine Zeit, es auszuüben,
Ist kurz, und sie verfliegt geschwind.

Denk an den Tod, wenn böse Triebe,
Wenn Lust der Welt und ihre Liebe
Dich reizen; und ersticke sie.
Sprich: Kann ich nicht noch heute sterben?
Und könnt ich auch die Welt erwerben,
Begieng ich doch solch Uebel nie.

Denk an den Tod, wenn Ruhm und Ehren,
Wenn deine Schätze sich vermehren,
Daß du sie nicht zu heftig liebst.
Denk an die Eitelkeit der Erden,
Daß, wenn sie dir entrissen werden,
Du dann dich nicht zu sehr betrübst.

Denk an den Tod, bey frohen Tagen.
Kann deine Lust sein Bild vertragen:
So ist sie gut und unschuldsvoll.
Sprich, dein Vergnügen zu versüssen:
Welch Glück werd ich erst dort geniessen,
Wo ich unendlich leben soll!

Denk an den Tod, wenn deinem Leben
Das fehlt, wornach die Reichen streben;
Sprich: Bin ich hier, um reich zu seyn?
Heil mir, wenn ich in Christo sterbe,
Dann ist ein unbeflecktes Erbe,
Dann ist der Himmel Reichthum mein.

Denk an den Tod, wenn Leiden kommen;
Sprich: alle Trübsal eines Frommen
Ist zeitlich, und im Glauben leicht.
Ich leide; doch von allem Bösen
Wird mich der Tod bald, bald erlösen;
Er ists, der mir die Krone reicht.

Denk an den Tod, wenn freche Rotten
Des Glaubens und der Tugend spotten,
Und Laster stolz ihr Haupt erhöhn.
Sprich bey dir selbst: Gott trägt die Frechen;
Doch endlich kömmt er, sich zu rächen,
Und plötzlich werden sie vergehn.

Denk an den Tod zur Zeit der Schrecken,
Wenn Pfeile Gottes in dir stecken;
Du rufst, und er antwortet nicht.
Sprich: Sollte Gott mich ewig hassen?
Er wird mich sterbend nicht verlassen;
Dann zeigt er mir sein Angesicht.

So suche dir in allen Fällen
Den Tod oft, lebhaft, vorzustellen;
So wirst du ihn nicht zitternd scheun;
So wird er dir ein Trost in Klagen,
Ein weiser Freund in guten Tagen,
Ein Schild in der Versuchung seyn.

[Osterlied.]

Erinnre dich, mein Geist, erfreut
Des hohen Tags der Herrlichkeit;
Halt im Gedächtniß Jesum Christ,
Der von dem Tod erstanden ist!

Fühl alle Dankbarkeit für ihn,
Als ob er heute dir erschien,
Als spräch er: Friede sey mit dir!
So freue dich, mein Geist, in mir!

Schau über dich, und bet ihn an.
Er mißt den Sternen ihre Bahn;
Er lebt und herrscht mit Gott vereint,
Und ist dein König und dein Freund.

Macht, Ruhm und Hoheit immerdar
Dem, der da ist, und der da war!
Sein Name sey gebenedeyt,
Von nun an bis in Ewigkeit;

O Glaube, der das Herz erhöht!
Was ist der Erde Majestät,
Wenn sie mein Geist mit der vergleicht,
Die ich durch Gottes Sohn erreicht?

Vor seinem Thron, in seinem Reich,
Unsterblich, heilig, Engeln gleich,
Und ewig, ewig selig seyn;
Herr, welche Herrlichkeit ist mein!

Mein Herz erliegt froh unter ihr;
Lieb und Verwundrung kämpft in mir,
Und voll von Ehrfurcht, Dank und Pflicht
Fall ich, Gott, auf mein Angesicht.

Du, der du in den Himmeln thronst,
Ich soll da wohnen, wo du wohnst?
Und du erfüllst einst mein Vertraun,
In meinem Fleische dich zu schaun?

Ich soll, wenn du, des Lebens Fürst,
In Wolken göttlich kommen wirst,
Erweckt aus meinem Grabe gehn,
Und rein zu deiner Rechten stehn?

Mit Engeln und mit Seraphim,
Mit Thronen und mit Cherubim,
Mit allen Frommen aller Zeit
Soll ich mich freun in Ewigkeit?

Zu welchem Glück, zu welchem Ruhm
Erhebt uns nicht das Christenthum!
Mit dir gekreuzigt, Gottes Sohn,
Sind wir auch auferstanden schon.

Nie komm es mir aus meinem Sinn,
Was ich, mein Heil, dir schuldig bin;
Damit ich mich, in Liebe treu,
Zu deinem Bilde stets erneu.

Er ists, der alles in uns schafft,
Sein ist das Reich, sein ist die Kraft.
Halt im Gedächtniß Jesum Christ,
Der von dem Tod erstanden ist.

[Der Kampf der Tugend.]

Oft klagt dein Herz, wie schwer es sey,
Den Weg des Herrn zu wandeln,
Und täglich seinem Worte treu,
Zu denken und zu handeln.
Wahr ists, die Tugend kostet Müh,
Sie ist der Sieg der Lüste;
Doch richte selbst, was wäre sie,
Wenn sie nicht kämpfen müßte?

Die, die sich ihrer Laster freun,
Trifft die kein Schmerz hienieden?
Sie sind die Sklaven eigner Pein,
Und haben keinen Frieden.
Der Fromme, der die Lüste dämpft,
Hat oft auch seine Leiden;
Allein der Schmerz, mit dem er kämpft,
Verwandelt sich in Freuden.

Des Lasters Bahn ist Anfangs zwar
Ein breiter Weg durch Auen;
Allein sein Fortgang wird Gefahr,
Sein Ende Nacht und Grauen.
Der Tugend Pfad ist Anfangs steil,
Läßt nichts als Mühe blicken;
Doch weiter fort führt er zum Heil,
Und endlich zum Entzücken.

Nimm an, Gott hätt es uns vergönnt,
Nach unsers Fleisches Willen,
Wenn Wollust, Neid und Zorn entbrennt,
Die Lüste frey zu stillen;
Nimm an, Gott ließ den Undank zu;
Den Frevel, dich zu kränken;
Den Menschenhaß; was würdest du
Von diesem Gotte denken?

Gott will, wir sollen glücklich seyn,
Drum gab er uns Gesetze.
Sie sind es, die das Herz erfreun,
Sie sind des Lebens Schätze.
Er redt in uns durch den Verstand,
Und spricht durch das Gewissen,
Was wir, Geschöpfe seiner Hand,
Fliehn, oder wählen müssen.

Ihn fürchten, das ist Weisheit nur;
Und Freyheit ists, sie wählen.
Ein Thier folgt Fesseln der Natur,
Ein Mensch dem Licht der Seelen.
Was ist des Geistes Eigenthum?
Was sein Beruf auf Erden?
Die Tugend! Was ihr Lohn, ihr Ruhm?
Gott ewig ähnlich werden!

Lern nur Geschmack am Wort des Herrn
Und seiner Gnade finden,
Und übe dich getreu und gern,
Dein Herz zu überwinden.
Wer Kräfte hat, wird durch Gebrauch
Von Gott noch mehr bekommen;
Wer aber nicht hat, dem wird auch
Das, was er hat, genommen.

Du streitest nicht durch eigne Kraft,
Drum muß es dir gelingen.
Gott ist es, welcher beides schafft,
Das Wollen und Vollbringen.
Wenn gab ein Vater einen Stein
Dem Sohn, der Brodt begehrte?
Bet oft; Gott müßte Gott nicht seyn,
Wenn er dich nicht erhörte.

Dich stärket auf der Tugend Pfad
Das Beyspiel selger Geister:
Ihn zeigte dir, und ihn betrat
Dein Gott und Herr und Meister.
Dich müsse nie des Frechen Spott
Auf diesem Pfade hindern;
Der wahre Ruhm ist Ruhm bey Gott,
Und nicht bey Menschenkindern.

Sey stark, sey männlich allezeit,
Tritt oft an deine Bahre;
Vergleiche mit der Ewigkeit
Den Kampf so kurzer Jahre.
Das Kleinod, das dein Glaube hält,
Wird neuen Muth dir geben;
Und Kräfte der zukünftgen Welt,
Die werden ihn beleben.

Und endlich, Christ, sey unverzagt,
Wenn dirs nicht immer glücket;
Wenn dich, so viel dein Herz auch wagt,
Stets neue Schwachheit drücket.
Gott sieht nicht auf die That allein,
Er sieht auf deinen Willen.
Ein göttliches Verdienst ist dein!
Dieß muß dein Herze stillen.

[Die Güte Gottes.]

Wie groß ist des Allmächtgen Güte!
Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt?
Der mit verhärtetem Gemüthe
Den Dank erstickt, der ihm gebührt?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
Sey ewig meine größte Pflicht.
Der Herr hat mein noch nie vergessen;
Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht.

Wer hat mich wunderbar bereitet?
Der Gott, der meiner nicht bedarf.
Wer hat mit Langmuth mich geleitet?
Er, dessen Rath ich oft verwarf.
Wer stärkt den Frieden im Gewissen?
Wer giebt dem Geiste neue Kraft?
Wer läßt mich so viel Glück geniessen?
Ist nicht sein Arm der alles schafft?

Schau, o mein Geist! in jenes Leben,
Zu welchem du erschaffen bist;
Wo du, mit Herrlichkeit umgeben,
Gott ewig sehn wirst, wie er ist.
Du hast ein Recht zu diesen Freuden;
Durch Gottes Güte sind sie dein.
Sieh, darum mußte Christus leiden,
Damit du könntest selig seyn.

Und diesen Gott sollt ich nicht ehren?
Und seine Güte nicht verstehn?
Er sollte rufen; ich nicht hören?
Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?
Sein Will ist mir ins Herz geschrieben;
Sein Wort bestärkt ihn ewiglich.
Gott soll ich über alles lieben,
Und meinen Nächsten gleich als mich.

Dieß ist mein Dank, dieß ist sein Wille.
Ich soll vollkommen seyn, wie er.
So lang ich dieß Gebot erfülle,
Stell ich sein Bildniß in mir her.
Lebt seine Lieb in meiner Seele:
So treibt sie mich zu jeder Pflicht.
Und ob ich schon aus Schwachheit fehle,
Herrscht doch in mir die Sünde nicht.

O Gott! laß deine Güt und Liebe
Mir immerdar vor Augen seyn!
Sie stärk in mir die guten Triebe,
Mein ganzes Leben dir zu weihn.
Sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen;
Sie leite mich zur Zeit des Glücks;
Und sie besieg in meinem Herzen
Die Furcht des letzten Augenblicks.

[Das natürliche Verderben des Menschen.]

Wer bin ich von Natur, wenn ich mein Innres prüfe?
O wie viel Greul läßt mich mein Herze sehn!
Es ist verderbt; darum verbirgt mirs seine Tiefe,
Und weigert sich, die Prüfung auszustehn.

Der Weisheit erster Schritt ist, seine Thorheit kennen;
Und diesen Schritt, wie oft verwehrt mirs ihn!
Voll Eigenlieb und Stolz will sichs nicht strafbar nennen,
Der Reu entgehn, doch nicht den Fehler fliehn.

Wahr ists, ich find in mir noch redendes Gewissen,
In der Vernunft noch Kenntniß meiner Pflicht.
Ich kann mein Auge nie der Tugend ganz verschliessen,
Und oft scheint mir ein Stral von ihrem Licht.

Doch schwaches Licht, das mir den Reiz der Tugend zeiget,
Und vom Verstand nicht bis zum Herzen dringt!
Vergebens lehret er, das Herz bleibt ungebeuget,
Hat sein Gesetz, und folgt ihm unbedingt.

Ein Richter in mir selbst stört oft des Herzens Ruhe;
Er klagt mich an. Ich steh erschrocken still,
Und billige nicht mehr das Böse, das ich thue,
Und thue nicht das Gute, das ich will.

Verstellung, die ich doch an meinem Nächsten hasse,
Erlaub ich mir, und halt es für Gewinn,
Wenn ich im falschen Licht mich Andern sehen lasse,
Und scheinen kann, was ich mir selbst nicht bin.

Ich weis, daß der Besitz der Güter dieser Erden
Der Seele nie das wahre Glück verleiht;
Doch bleiben sie mein Wunsch; und um beglückt zu werden,
Erring ich mir die Last der Eitelkeit.

Ich weis, wie groß es sey, aus Ueberlegung handeln,
Und handle doch aus sinnlichem Gefühl.
Durch falschen Schein getäuscht, eil ich, ihm nachzuwandeln,
Und Leidenschaft und Irrthum steckt mein Ziel.

Ein gegenwärtig Gut versäum ich zu geniessen,
Flieh, was mich sucht, und suche, was mich flieht.
Im Glücke bin ich stolz, verzagt in Kümmernissen,
Und ohne Ruh um Ruhe stets bemüht.

Mein Nächster hat ein Recht auf viele meiner Pflichten;
Doch wird dieß Recht so oft von mir entweiht.
Versagt er mir die Pflicht; so eil ich, hin zu richten;
Und sein Versehn ist Ungerechtigkeit.

Nicht Liebe gegen Gott heißt mich dem Nächsten dienen,
Mehr Eigenlieb und niedrer Eigennutz.
Aus ihnen fließt Betrug, Verstellung; und in ihnen
Findt Neid und Haß, und Stolz und Härte Schutz.

Gott ehren ist mein Ruf. Wenn ich den Ruf betrachte,
Was find ich da für Mängel meiner Pflicht!
Die Wunder der Natur, die Gott zu Lehrern machte,
Stehn vor mir da, und diese hör ich nicht.

Und heißt ihr Anblick mich auf seine Weisheit schliessen,
Auf Güt und Macht: so schließt nur mein Verstand.
Das Herz bleibt ungerührt, betäubt bleibt das Gewissen,
Und Gott, mein Herr und Vater, unbekannt.

Er schenkt mir so viel Guts. Gebrauch ich seine Güte
Zu meinem Glück; und geb ich ihr Gehör?
Nein, durch den Mißbrauch selbst verschließ ich mein Gemüthe
Der Dankbarkeit und Liebe desto mehr.

Oft sagt mir mein Verstand, daß des Allmächtgen Gnade
Das größte Gut, der Trost des Lebens ist,
Und welche Schulden ich auf mein Gewissen lade,
Wenn sie mein Herz für Menschengunst vergißt!

Und doch, o Gott! wie oft geb ich dieß Glück der Seelen,
Dir werth zu seyn, für kindischen Gewinn,
Für einen Ruhm der Welt, für Lüste, die mich quälen,
Für Eitelkeit, und für ein Nichts dahin!

Gott ist der Herr der Welt; auf seine Hülfe bauen,
Ist meine Pflicht. Doch wenn gehorch ich ihr?
Bald bebt mein Herz vor Furcht, und bald ist das Vertrauen,
Das mich beseelt, nur ein Vertraun zu mir.