Anmerkungen zur Transkription
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Christian Garve’s
Vertraute Briefe
an
eine Freundin.
Leipzig,
bey P. Phil. Wolf und Compagnie.
1801.
Inhalt.
| Seite | |
| Vorrede des Herausgebers. | [iii] |
| Erster Brief. | [3] |
| Zweyter Brief. | [10] |
| Dritter Brief. | [13] |
| Vierter Brief. | [18] |
| Fünfter Brief. | [28] |
| Sechster Brief. | [41] |
| Siebenter Brief. | [51] |
| Achter Brief. | [58] |
| Neunter Brief. | [60] |
| Zehnter Brief. | [68] |
| Eilfter Brief. | [77] |
| Zwölfter Brief. | [81] |
| Dreyzehnter Brief. | [88] |
| Vierzehnter Brief. | [95] |
| Funfzehnter Brief. | [105] |
| Sechzehnter Brief. | [111] |
| Siebenzehnter Brief. | [123] |
| Achtzehnter Brief. | [130] |
| Neunzehnter Brief. | [141] |
| Zwanzigster Brief. | [145] |
| Ein und zwanzigster Brief. | [155] |
| Zwei und zwanzigster Brief. | [165] |
| Drey und zwanzigster Brief. | [172] |
| Vier und zwanzigster Brief. | [178] |
| Fünf und zwanzigster Brief. | [187] |
| Sechs und zwanzigster Brief. | [194] |
| Sieben und zwanzigster Brief. | [202] |
| Acht und zwanzigster Brief. | [205] |
| Neun und zwanzigster Brief. | [215] |
| Dreyssigster Brief. | [221] |
| Ein und dreyssigster Brief. | [227] |
| Zwey und dreyssigster Brief. | [231] |
| Drey und dreyssigster Brief. | [237] |
| Vier und dreyssigster Brief. | [244] |
| Fünf und dreyssigster Brief. | [246] |
| Sechs und dreyssigster Brief. | [250] |
| Sieben und dreyssigster Brief. | [254] |
| Acht und dreyssigster Brief. | [263] |
Vorrede des Herausgebers.
Die Freundin Garve’s hat bey der Herausgabe dieser Briefe keine andere Absicht, als mit allen Freunden und Verehrern des guten Mannes ein kleines, ihr sehr theures Erbtheil von ihm zu theilen. Daß dieser Gedanke ihrem eignen Herzen und ihrer Gesinnung gegen ihren verstorbenen Freund wohlthun, ist sie gern geständig. — So wenig auch Garve’s gelehrter Nachlaß dadurch um ein Bedeutendes vermehrt werden mag, so kann doch auch der Gelehrte sich wohl dieser Briefe freuen; er sieht in ihnen den Geist blühen, von dem er die Früchte kennt und schätzt. Was man von Schriftstellern nicht heraus geben muß, sind taube Blüthen und unreife Früchte; von einem philosophischen Geiste ist die Blüthe so angenehm, als die Frucht stärkend; und wenn ein Mann etwas geworden ist — dann wird der Welt die Frage interessant: wie wurde er es? — Diese Briefe enthalten vielleicht manche interessante Data zur Beantwortung der Fragen: Wie war Garve, der Jüngling? — Wie früh war sein Geist gereift, gefaßt, in sich gegründet? — Wie wurde Garve, der Mann? — Wie entwickelte sich der Plan seines Lebens? — Wie wurde Garve, der Schriftsteller? — — Diese Briefe sind unmittelbar vor seiner Bearbeitung des Cicero geschrieben, und man kann sie in mehr als einer Hinsicht als einen Eingang in sein öffentliches schriftstellerisches Leben ansehen.
So viel für diejenigen, die in diesen Briefen Garven, den Gelehrten, suchen. Diese und alle gute Menschen, denen dieselben in die Hände kommen, mögen sich freuen — dieß ist der lebhafteste, ja ich kann wohl sagen, der einzige Wunsch der Herausgeberin, ihren Freund hier in den ersten, reinsten, natürlichsten Verhältnissen des Lebens zu sehen, Garven, den Sohn, — den Freund — und den Menschen. — Hier kann ihn der Gute lieben, der den Gelehrten nicht kennt; und gern wird vielleicht der Gelehrte sein philosophisches Werk einen Augenblick hinlegen, um mit dem menschlichen Verfasser desselben einige Zeit im Zirkel seiner Familie, seines Jugendlehrers, und seiner Freunde, zuzubringen.
Dieß sind die Gedanken der Freundin Garve’s bey der Herausgabe dieser Briefe, nach welchen sie wegen derselben von dem Publikum beurtheilt zu werden wünschen muß.
Vertraute Briefe
an
eine Freundin.
Erster Brief.
Dienstags Nachmittags um 3 Uhr,
den 11. May, 1767.
Endlich bin ich wieder bey Ihnen, und vergesse in diesem Augenblicke alle die Schwermuth, den Verdruß, und die Langeweile, die ich seit unserer Trennung ausgestanden habe. Wir haben es uns hundert Mal gesagt, daß die empfindlichen Herzen mehr zum Leiden als zur Freude gemacht sind. Und wenn ich der Sympathie, die alle unsere Neigungen einander so gleich gemacht hat, trauen darf, wenn meine Empfindungen den Ihrigen ähnlich waren, so sind Sie diese drey Tage über nicht glücklich gewesen. Zuerst eine mehr süße als unangenehme Schwermuth, aber bald darauf eine finstere und traurige Melancholie, die alle Ideen der Seele in ihre Farbe kleidete, und selbst der Hoffnung nicht zuließ, sie zu trösten.
Ich finde, daß ich gemeiniglich in dem Augenblicke, wenn mir ein Unglück widerfährt — und unsere Trennung halte ich für eins — mehr bestürzt als traurig bin. Die Geschwindigkeit, mit welcher es mich überrascht, benimmt mir die Fähigkeit darüber nachzudenken. Ich werde einiger Maßen fühllos, ich erstarre. Aber wenn mein Gemüth wieder ruhig genug ist, die Größe und die Folgen des Uebels zu überlegen; wenn es sich die Scenen des Vergnügens wieder vorstellt, deren es jetzt beraubt ist; wenn es von da sich zu den künftigen Aussichten wendet; dann wird erst sein ganzes Gefühl rege, und alle seine Kräfte vereinigen sich bloß dazu, es in der Traurigkeit zu unterhalten.
Ich bin Ihnen noch so nahe, und es scheint mir eine unermeßliche Entfernung zu seyn. Und doch werde ich Ihnen in einem halben Jahre nicht näher kommen, — vielleicht niemals. Aber lassen Sie mich diese unglückliche Furcht unterdrücken. Ich sehe Sie wieder.... Mein Herz ist mir dafür Bürge, das der Himmel nicht umsonst mit dem Ihrigen so sympathetisch gemacht hat. Selbst unter einem entfernten Himmelsstriche würde ich Sie geliebt haben, ohne Sie zu kennen, — eine Person, die Ihnen ähnlich wäre, eine zweyte Wilhelmine. Und nun, da uns die Vorsicht zusammen gebracht hat, da wir uns haben kennen lernen müssen, da wir diesen geheimen Zug der Aehnlichkeit in uns entwickelt, unsere Seelen gegen einander gehalten, und sie so ähnlich gefunden haben, als zwey freundschaftliche Seelen seyn müssen; da wir überzeugt worden sind, daß dieses höchste Geschenk der Gottheit, die Freundschaft, für unsere Herzen gemacht ist: nun sollten wir einander auf immer verlassen? um wieder in der Welt nach einer uns verwandten Seele zu suchen und zu seufzen, und sie vielleicht nicht zu finden.
Sie sehen, ich schreibe stolz. Ich nenne mich keck Ihren Freund; und zwar in der hohen Bedeutung, in welcher dieses Wort nur selten gebraucht wird. Aber wen sollte auch Ihre Gütigkeit nicht stolz machen. Mein Herz ist noch von derjenigen gerührt, die Sie mir den letzten Tag erwiesen haben. Wie oft habe ich mir nicht die Auftritte dieses Tages von meiner Einbildungskraft wieder vorspielen lassen! Und immer verweilte ich mich bey dem Augenblicke, wo ich in einer Bestürzung, die mich von meinen Bewegungen nicht mehr Herr seyn ließ, meinen Huth suchte, und Sie mir das unerwartete Vergnügen ankündigten, daß ich noch einen halben Tag länger bey Ihnen seyn könnte. Niemals hat man eine freundschaftlichere Gefälligkeit zu einer gelegenern Zeit gethan, zu einer so gelegenen Zeit, daß ich Ihnen die Grausamkeit vergebe, daß Sie mich die Angst des Abschieds haben zwey Mal empfinden lassen.
Ich sollte Ihnen nun meine Reise beschreiben. Ich wollte sie Ihnen beschreiben. Ich habe jede Kleinigkeit bemerkt, von der ich hoffte, daß sie entweder einer kleinen Satyre fähig wäre, oder, durch Ihre freundschaftliche Theilnehmung an allem was mich betrifft, Ihnen wichtig seyn könnte. Ich hatte in meinen Gedanken eine ganz kleine Sammlung von solchen Zügen, und schon dachte ich mit Eitelkeit an die Reisebeschreibung, die ich daraus zusammensetzen wollte. Aber dieses war noch in der ersten Zeit, wo der Einfluß Ihrer noch nicht längst verlornen Gegenwart meiner Seele noch Muth und eine gewisse Munterkeit erlaubte. Aber seit diesem Zeitpunkte sind alle jene Ideen weggewischt worden. Der Schmerz hat sie alle so einförmig gemacht, daß ich sie nicht ohne Mühe, und gewiß ohne Anmuth aus ihrer Dunkelheit hervorziehen würde. Also will ich Ihnen nur kurz sagen, daß ich meine Reisegesellschaft nicht genauer kennen gelernt habe, als wir sie im Wirthshause schon kannten, ausgenommen, daß der Macedonier ein großer Schläfer war, den ich herzlich beneidete, durch die ärgsten Stöße niemals in seiner Ruhe gestört zu werden; daß der Herr Magister sehr wenig sprach, und daß dieses Wenige alle Mal etwas kraftloses und langweiliges war; daß mein Nachbar ein Kaufdiener, und noch ein vierter ein Dreßdner war.
Ich selbst habe den Postwagen in W*** verlassen. In der That war es beynahe eine Unbesonnenheit, die ich beging. Die Sache war so. Der Postwagen war auf das erschrecklichste befrachtet. Eine Menge Geldfässer und anderer schwerer Waren! Vier elende und abgetriebene Pferde würden ihn mit Mühe und Noth bey dem besten Wege gezogen haben. Aber dieser war entsetzlich. Aus einem Loch ins andere! Ich stieg drey bis vier Mal ab. Ich ging zu Fuß. Aber so oft ich wieder aufstieg, verschlechterte sich alle Mal der Weg. Das Gewicht des Wagens machte, daß er bey jedem Abhange sehr stark schwankte; wir waren zwey Mal in der größten Gefahr gewesen, umzuwerfen. Endlich bemächtigte sich die Furcht meiner. Ich dachte an den schrecklichen Fall bey B***werda. Ich fuhr beständig in Angst. Wir erreichten endlich W***. Einer von der Gesellschaft, eben der Dreßdner, der eben so furchtsam wie ich war, nahm hier Extrapost für sich bis H****burg. Ich entschloß mich, ihm Gesellschaft zu leisten. In der That war es unüberlegt: denn ich hatte mit genauer Noth so viel Geld bey mir, als nöthig war; und meinen Koffer hatte ich auf der ordinären zurück gelassen.
Wir kamen um 9 Uhr nach H***burg. Ich fand keinen Menschen aus G****dorf. Man erwartete mich erst Montags. Ich wußte also von neuem nicht, wie ich nach G****dorf hinüber kommen sollte. Ich erwartete erstlich die ordinäre Post, um meinen Koffer zu haben. Ich ganz allein, in der Poststube, wo ein durch die jetzigen Meßexpeditionen abgematteter Postschreiber auf einem Stuhle schlief, bey einem kleinen einsamen Lämpchen, hatte alle mögliche Zeit zur Schwermuth. In der That brachte ich die Stunden höchst traurig zu. Endlich kam mein Koffer. Ich nahm noch einmal Extrapost nach G****dorf. Hier kam ich um 11 Uhr an. Meine Freunde, oder vielmehr mein Freund, der eben zu Bette gehen wollte, empfing mich liebreich.
Hier lebe ich nun nicht mit der düstern Melancholie, die durch die Einsamkeit genährt wird, aber in einem gewissen Tiefsinn, den man mir auch anmerkt. Ich habe kaum diesen Augenblick finden können. Man ruft mich schon etliche Mal, und ich muß nothwendig den Brief endigen, ob ich gleich nicht den hundertsten Theil von dem gesagt habe, was ich Ihnen sagen wollte. Was für eine elende, unvollkommene Art der Unterredung ist doch ein Brief! Gott segne Sie. Von ganzem Herzen
der Ihrige.
Zweyter Brief.
G***dorf, den 28. May, 1767.
Ich reise diesen Augenblick von hier nach H****burg. Dort erwarte ich Hr. M.. und mit ihm — das angenehmste, was ich in meinen gegenwärtigen Umständen erhalten könnte, Ihre eigne Gegenwart ausgenommen.
Ich fange an, das Leben als eine lange und oft beschwerliche Reise anzusehen, auf der wir von einem höhern Führer geleitet werden. Von Zeit zu Zeit kommen einige angenehme Ruheplätze, wo wir uns nur erholen sollen, und wo wir ganz und gar zu wohnen wünschen. Ihr Haus und ihre Gesellschaft war einer von diesen. Ich fing schon an in demselben zu vergessen, daß ich bloß zur Fortsetzung meiner Reise gestärkt werden sollte. Es kommt der fürchterliche Befehl zum Aufbruche. Ich verlasse in einer Art von Betäubung den angenehmen Aufenthalt. Endlich kommt meine Empfindung wieder; aber nur um mich meinen Verlust fühlen zu lassen. Lange, lange sehe ich mit einer zaudernden Sehnsucht nach dem gewünschten Orte zurück, indeß ich mich immer mehr von ihm entferne. Dort, dort, sage ich, ist meine Freundin, und ich reise nach der entgegenstehenden Gegend. Von einem unbefriedigten Verlangen zur Schwermuth ist nur ein einziger Schritt. Endlich verlieren sich alle diese schmerzhaften Ideen in dem Gedanken an meinen großen und gütigen Anführer. Er ist zugleich der Führer meiner Freundin. In ihm, unserm gemeinschaftlichen Vater, vereinigen sich wieder unsere Seelen, wenn sie auch durch noch so weite Entfernungen von einander getrennt sind. So ist der Schmerz oft unser Lehrer; und eine menschliche Seele, die niemals traurig gewesen wäre, müßte gewiß lasterhaft seyn.
Die Pferde sind angespannt, alles ist fertig. Ich schreibe mitten unter dem Geräusch. — Ich bin unaufhörlich
der Ihrige.
Dritter Brief.
B***, den 3. Juni.
Fleuch, Brief, eile, so geschwind wie meine Gedanken, um es meiner besten Freundin zu sagen, daß ich meine Reise überstanden, daß ich meine Mutter wieder gesehen habe, und daß ich mich doch über beydes nur halb so sehr freue, als wenn sie mit daran Theil nähme.
O meine gefühlvolle Freundin, was wäre das für eine Scene für Sie gewesen, da ich meine Mutter wieder sah. Denken Sie nur. Sie wußte nicht ein Wort davon, daß ich Sonntags kommen würde. Der Himmel hatte sogar zu meinem Glück den Brief unrichtig gehen lassen, worin ich es Ihr von G****dorf aus meldete. Sie war den Tag zuvor mit meinem alten Lehrer (den Sie schon kennen und hochschätzen) dem Hrn. Ringeltauben, vom Lande herein gekommen. Die Wiederkunft in die Stadt hatte den Schmerz über den Verlust der liebenswürdigsten Tochter wieder aufgeweckt. Meine Reise war ihr ein neuer Kummer. Eine Menge von andern unangenehmen Umständen hatte ihr Gemüth für das Vergnügen verschlossen. Sie stand am Fenster in einer bekümmerten und traurigen Stellung. Zu eben der Zeit komme ich an. Ich steige bey einem fremden Hause ab. Ich fliege mit einer gewissen Art von ängstlicher Eile über die Straßen. Ich komme an das Haus meiner Mutter, ohne daß mich ein Mensch gewahr wird, die Treppe hinauf, fort, fort, bis an das Zimmer meiner Mutter. Ich eröffne die Thüre mit Zittern. In diesem Augenblicke sehe ich meine Mutter mit ausgebreiteten Armen auf mich zufliegen. — Mein Sohn, mein allerliebster Sohn, du bist es! — Ihre Thränen ersticken das übrige.
Ich war völlig sprachlos. Ich küßte alle, die in der Stube waren, ohne ihnen ein Wort zu sagen. Ich ging, wie ein Mensch in der Irre, von einem zum andern herum, ohne zu wissen, wer um mich war, und was in mir selbst vorging. Endlich fingen die Thränen an zu fließen. Mein Herz wurde leichter. Meiner Mutter ihres auch. Ein sanfter und stiller Schmerz über die Abwesenheit einer Person, die ich bey einem solchen Auftritte am liebsten würde gegenwärtig gesehen haben, vermischte sich mit unserer Freude, und brachte eine gewisse stille, aber nicht verdrießliche Schwermuth hervor, die unter allen Zuständen der Seele vielleicht der angenehmste ist, und den sie am längsten aushalten kann.
O meine gütigste Freundin! Ich habe noch nicht alles gewußt, was ich an meiner Cousine verloren habe. Die liebenswürdigste Gestalt, ein richtiger und durchdringender Verstand, ein sicheres und feines Gefühl, Adel und Hoheit in den Empfindungen, Unschuld und Tugend im Herzen; das waren die Vorzüge, die jeder an ihr kannte, und jeder, der für Vollkommenheiten von dieser Art Augen hat, hochschätzte. Aber sie war für mich noch mehr. Sie war die einzige Freundin, der Trost und die Stütze meiner Mutter, das Band unserer Familie, die Hoffnung und die Belohnung eines Freundes, den ich verehre, und der in ihr sein Glück würde gefunden haben. Denken Sie, was ich dabey fühlen muß, wenn man mir noch die letzten Beweise ihrer Gewogenheit gegen mich erzählt, ihren Wunsch, mich wieder zu sehen, ihre Freude bey der Hoffnung von meiner nahen Zurückkunft. Ist denn alles, was gut und vortrefflich ist, nur bestimmt, zu leiden und zu sterben?
Schon fange ich an, für Sie selbst zu fürchten. Eine so gute, rechtschaffene Frau, eine so zärtliche Freundin, eine so verständige Mutter, ist vielleicht nur ein Darlehn, kein Geschenk, das der Himmel der Erde macht. Werden Sie ja wieder gesund, oder Sie machen mich ganz melancholisch. Ich bin es ohnedieß schon halb; meine Mutter kränklich, von Schmerz und Kummer verzehrt; mein Onkel seiner geliebtesten Tochter beraubt; meine übrigen Freunde theils zerstreut, theils unglücklich: ist das nicht mehr als genug, selbst ein hartes Herz zu beunruhigen? —
Sie sehen, ich habe Ihre Briefe erhalten. Einen durch Hrn. M.., den andern gestern mit der Post. Sie sind die angenehmste unter meinen Ergötzungen gewesen. Was meynen Sie wohl? Herr M.. gab mir ihn erst in Stauchitz. Bis dahin sagte er nicht ein Wort, daß er einen Brief von irgend einem Menschen hätte. Glauben Sie nicht, daß mich diese fehlgeschlagene Hoffnung, einen Brief von Ihnen zu bekommen, den Weg über sehr unruhig machte? Und doch fürchtete ich mich zu fragen, weil ich den Zweifel für besser hielt, als einer unangenehmen Sache gewiß zu seyn. Endlich wagte ich es, ihn ganz leise zu fragen, ob er von Niemand Briefe hätte. Ja, sagte der Mensch ganz gelassen, ich habe einen von ***. Was ist doch der Mann für eine Schlafmütze, dachte ich. Geschwind, geschwind her mit dem Briefe! Aber was ist denn das für eine Dame, die an Sie so zeitig schreibt? — Eine gute Frau, eine recht sehr gute Frau! Aber geben Sie mir den Brief her. Nun denken Sie sich das übrige. —
Den Augenblick kommt man, und sagt, daß die Post abgeht, und ich meine Briefe würde hier behalten müssen. Ums Himmelswillen, mein lieber Post-Sekretär, wenn ich Euch jemals eine solche Freundin, wie ich habe, wünschen soll, so bestellt diesen Brief an die meinige!
Vierter Brief.
B***, den 8. Juni.
Ungeachtet ich anfangs über die neue Einrichtung, die es Ihnen mit meinem Posttage vorzunehmen beliebte, ein bischen murrete, so muß ich Ihnen doch jetzt sagen, daß Sie es recht gut gemacht haben. Sie kennen die Theorie des Vergnügens. Sie wissen, wie notwendig es sey, seine Vergnügungen zu sparen, um sie recht zu genießen. Durch Ihre gegenwärtige Einrichtung haben Sie zwischen dem Vergnügen, von Ihnen Briefe zu bekommen, und dem beynahe eben so großen, Briefe an Sie zu schreiben, fast gleiche Zwischenräume gesetzt, da sie sich vorher unmittelbar auf einander drängten. Auf diese Art wird mir die Zeit von einem Freytage zum andern kürzer, und zwischen beyden Unterredungen, die ich mit Ihnen die Woche halte, bey deren einer ich Sprecher, und bey der andern Hörer bin, ist doch auch Raum genug, um das Verlangen nach einer neuen wieder recht lebhaft zu machen.
Wissen Sie, was mir das ärgste bey dieser Art von Umgang zu seyn scheint? Dieses, daß ein Brief, den man (wenn unsere Freunde sehr gütig sind) acht Tage erwartet hat, in eben so viel Minuten zu Ende gelesen ist, und nach Verlauf dieser glücklichen acht Minuten, in denen man den Brief lieset, schon wieder die neuen acht Tage angehen, in denen man auf den folgenden wartet. Bey alle dem bin ich doch noch immer sehr glücklich, daß Sie so gütig sind, und meinem Vergnügen alle Wochen einen Theil Ihrer Zeit schenken. Ihre Briefe geben mir wieder in meinen Augen einen gewissen Werth. Und dieses ist sehr nöthig, da ich mir hier zuweilen in gewissen Gesellschaften recht einfältig vorkomme.
Ich habe mir vorgenommen, Ihnen heute viel von mir selbst vorzuschwatzen. Nicht eben, daß ich mich für einen sehr guten Gegenstand des Gesprächs hielte; aber ich habe heute nun einmal keinen bessern, oder wenn ich ihn hätte, so wäre ich nicht dazu aufgelegt, ihn zu nutzen. Ich muß mich also schon mit mir selbst begnügen. Ueberdieß sind Sie selbst daran schuld, daß Sie mir die Eitelkeit in den Kopf gesetzt haben, als wenn alles, was mich anginge, sehr wichtige Sachen für Sie seyn müßten. Diese Einbildung mache ich mir also zum Vortheile meiner Trägheit zu Nutze, und mache getrost meine Briefe zu einem guten, ehrlichen Zeitungsblatte von mir selbst. Heute sollen Sie also erfahren, wie ich meinen Tag hier gewöhnlicher Weise zubringe; obgleich der Ausnahmen beynahe so viel sind, als der Fälle, die unter die Regel gehören.
So wissen Sie denn, daß ich nicht bloß gewöhnlich, sondern beständig sehr spät aufstehe. Dieses spät aber müssen Sie weder früher noch später annehmen, als acht Uhr des Morgens nach B***scher Uhr. Ich habe schon lange die Ursachen dieser Begebenheit, die mit meinen Entwürfen und Vorsätzen so wenig übereinstimmt, aufgesucht; ich bin aber noch nicht weiter als bis auf die Dunkelheit der Alkove gekommen, in der ich liege, und die der Sonne vor Mittag den Besuch nicht erlaubt. Dieses ist ein sehr gutes Mittel die fernere Untersuchung wenigstens aufzuschieben, die sich vermuthlich damit endigen würde, daß ich ein wenig faul wäre.
Der erste Gedanke, wenn ich erwache, ist, nach einem kurzen Dank für das Geschenk eines neuen Tages, der Gedanke an meine Freunde. Wie glücklich, denke ich alsdann, bin ich, daß ich wieder in einer Welt erwache, in der so manches edle, vortreffliche Herz an meinem Leben und an meiner Wohlfahrt Theil nimmt! Ich überzähle alsdann mit aller der Begierde, mit der ein reicher Geitziger am frühen Morgen seine Summen wieder überzählt, die Anzahl dieser Freunde. Ich bin nicht mißvergnügt, daß ich sie so klein finde. Das Herz liebt desto stärker, je mehr es konzentrirt ist. Dieser stille Genuß der Glückseligkeit, Freunde zu haben, bereitet mich zu einer andern vor; — zu der, ihnen Gutes zu wünschen. Wie rührt und wie erhebt mich in diesem Augenblicke ein Gedanke an den Herrn und den Vater, den ich mit allen meinen Freunden gemein habe. Er ist bey ihnen, so wie bey mir gegenwärtig; er regiert ihr Leben, so wie das meinige; er sorgt für ihre Glückseligkeit mit alle dem Eifer, mit dem ich dafür sorgen würde, wenn ich die Macht dazu hätte. Durch diese Erinnerung scheinen sich mir die weitesten Entfernungen zu verengern. Ich vereinige mich mit meinen Freunden. Bürger einer und derselben großen Republik, in einerley gemeinschaftlichen Plan von allgemeiner Glückseligkeit verflochten, von einerley Gesetzen regiert und von gleichen Hoffnungen belebt, sind unsere Geister unter einem beständigen, gemeinschaftlichen Einfluß eben derselben Güte! —
Ich muß mich mit Gewalt von diesen Betrachtungen losreissen. Das Vergnügen macht geschwätzig. Und doch sind Worte so wenig fähig, Vergnügungen von der Art zu beschreiben, daß man nothwendig entweder einem Herzen, das sie niemals empfunden hat, verdrießlich, oder einem solchen, das sie kennt, matt und kraftlos vorkommen muß. Auf diese geheimen Ergötzungen folgt eine andere, an der meine liebe Mutter, und meine Cousine, die beständig bey ihr ist, Theil nimmt. Wir trinken gemeinschaftlich auf einem kleinen Altan, den wir haben, und der mit Grünem besetzt ist, Thee. Sie wissen schon, was ich Ihnen sonst von dem Vergnügen der Theestunde vorgeschwatzt habe; und in der That bleibt es noch immer eine der schönsten Stunden des ganzen Tages. Sie können es auch daraus schließen, daß wir sie fast niemals vor zehn Uhr endigen. Ich habe mich hier zum Lekteur meiner ganzen Familie aufgeworfen, und man hört mich noch so ziemlich gern. Ich lese also diesem Amte zu Folge auch manchmal beym Thee ein Stück vor. Das gewöhnlichste aber ist, daß wir bloß sprechen; sehr oft von Leipzig, noch weit öfter von Ihnen; das können Sie denken. Um zehn Uhr gehe ich herunter, und diese beyden Stunden bis zu Mittage lasse ich mir ungern rauben. Mein Geist wird ohne eine tägliche Nahrung trocken und leer. Er ist keine immerbrennende Flamme, die durch ihre eigene Kraft in die Höhe steigt. Er ist wie das in Stein eingeschlossene Feuer, das nur von Zeit zu Zeit Funken giebt, und auch diese müssen erst heraus geschlagen werden. Ich lese also in diesen zwey Stunden, oder ich schreibe. Das was ich lese, und was ich davon denke, das sollen Sie alles nach und nach erfahren. —
Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen, eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter, als die Klagen, von denen meine Ohren hier gar nicht ausruhen. Denn alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden, an unserm Tische sitzen sehen! —
Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen, nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten, wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, — um meinen Traum zu vernichten. —
Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der sie beynahe aus ihrem Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. —
Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben, daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen, wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.
Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl. Ich bin —
N. S.
Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn Weisen einen Brief, — einen sehr gütigen, freundschaftlichen Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und empfindliche Geist, dieser mein Freund — ist todt. Peace to his gentle shade!
Fünfter Brief.
B***, den 9. und 10. Juni.
Niemals ist ein Brief mit einem so schmerzhaften Verlangen erwartet worden, als ich gestern den Ihrigen erwartete. Selbst in dem Schoße meiner Familie, und an der Seite der vortrefflichsten Mutter, empfinde ich dem ungeachtet, daß mir noch ein Freund und eine Freundin fehlt, um diesem Glück seine Vollständigkeit zu geben. Ich fühle es, daß mir Ihr Umgang nothwendig geworden ist; und ohne die Gütigkeit, mit welcher Sie mir Ihren Briefwechsel versprachen, und ohne die Beständigkeit, mit welcher Sie dieses Versprechen ausführen, würde ich meine hiesigen Freunde mit dem beständigen Anblick einer gewissen Unruhe beleidigt haben, die sie vielleicht auf die Rechnung eines Mangels von Zärtlichkeit geschrieben hätten. Aber jetzt setzt mich Ihre Gütigkeit in den Stand, zwey der angenehmsten Beschäftigungen mit einander zu verbinden, die Unterhaltung mit meiner Mutter und das Andenken an Sie.
Meine Mutter kannte Sie schon als eine sehr gütige Freundin von ihrem Sohne, ehe ich noch Leipzig verließ. Aber nun kennt sie Sie als eine vortreffliche Frau, als eine zärtliche Freundin, mit einem Worte, als eine Person von einem solchen Geiste und einem solchen Herzen, als die Liebe und die Freundschaft nöthig hat, wenn sie beschlossen hat, einen glücklichen Ehemann und einen kleinen Kreis glücklicher Freunde zu machen.
Was meynen Sie wohl? Ich zeige meiner Mutter alle Ihre Briefe. Sie liest sie beynahe mit eben dem Feuer, mit welchem ich sie lese. Bey gewissen Stellen füllen sich ihre Augen mit Thränen der Zärtlichkeit und der Freude. So stark wirken diese gleichgestimmten Herzen auf einander, selbst in der weitesten Entfernung. Glauben Sie wohl, daß ich es hätte aushalten können, ein ganzes halbes Jahr zuzubringen, ohne Jemand zu haben, mit dem ich mich von Ihnen unterreden könnte, und in dessen Schoß ich zuweilen mein volles Herz ausleerte, wenn Ihre Gütigkeit und die Sehnsucht nach Ihrem Umgange dasselbe mit zu unruhigen und stürmischen Wünschen anfüllte? Und könnte wohl diese Person Jemand anders als meine Mutter seyn? Sie, die an den kleinsten Vergnügen ihres Sohnes Theil nimmt, sollte sie nicht in der Glückseligkeit, die ihm der Himmel geschenkt hat, eine Freundin und einen Freund zu besitzen, einen Theil derjenigen wieder finden, die sie durch den Tod einer Tochter, die zugleich Freundin war, verloren hat?
Ja, gütigste Freundin, schon theilt meine Mutter alle die Empfindungen mit mir, die mir die Bekanntschaft mit einer so edlen und zugleich zärtlichen Seele eingeflößt hat, und die ich, wenn es möglich ist, durch die Abwesenheit noch gestärkt und vermehrt finde. Unsere Unterredungen beleben sich am meisten, wenn sie Sie zum Gegenstand haben; und ohne daß wir es gewahr werden, kommen sie durch die wunderbarsten Irrgänge immer wieder auf diese Lieblingsmaterie zurück. So viel Gewalt hat das Herz über unsere Denkungskraft, daß die leichtesten und schwächsten Verbindungen schon genug sind, Ideen in die Seele wieder zurück zu bringen, die durch ein starkes Interesse an uns gebunden sind. Lassen Sie sich dieses von Home viel besser und gründlicher sagen. Ich mag nicht philosophiren, ich will Ihnen bloß sagen, was ich empfinde. —
Aber gütigste Freundin, wie haben Sie es übers Herz bringen können, mir mit einem so versteckten, aber für mich doch sehr fühlbaren Vorwurf wehe zu thun? — Oder trauten Sie es der Feinheit meines Gefühls nicht zu, daß ich den kleinen Ansatz von Empfindlichkeit gewahr werden würde, der Ihnen die Worte eingab: „Ich suchte in der Folge Ihres Briefes Trost, aber ich fand keinen. Sie, der Sie mit mir einerley Gefühl haben, Sie empfinden den Unterschied wohl, der zwischen der Verstorbenen und mir ist!“ Und noch dazu eine so ceremoniöse Vorsichtigkeit, Ihren Namen nicht zuerst zu schreiben! Ein kleiner, ganz kleiner Rest von Weiblichkeit! würde Onkel Selby sagen. Wie? glauben Sie wohl, daß ich meine Cousine liebte, und die Eigenschaften nicht von ganzem Herzen hochschätzte, die sie liebenswürdig machten? daß ich ihren Verlust beweinen, und mich nicht zugleich über den Besitz von Freunden erfreuen sollte, in denen ich ihren Geist und ihr Herz wieder finde? Oder können Sie so ungerecht gegen sich selbst seyn, diese größten Geschenke des Himmels in sich zu verkennen, und sich unter Ihren eigenen Werth herabzusetzen? Liebste, gütigste Freundin, lassen Sie sich niemals durch einen gewissen Unmuth die Erhabenheit der Seele schwächen, die ohne Stolz, dennoch ihre eigene Vollkommenheit fühlt, und indem sie die Stufe erkennt, auf welche die Güte des Schöpfers sie gesetzt hat, dadurch nur noch mehr Muth bekommt, höhere zu erreichen. —
Aber lieber will ich glauben, daß Sie nur darum diese Stelle in Ihren Brief gesetzt haben, um mir die Gelegenheit, die ich so sehr wünsche, zu geben, es Ihnen noch einmal zu sagen, wie hoch ich meine Freundin schätze, und wie theuer sie meinem Herzen ist. Ich kann dieses, zu meinem eigenen Vergnügen nicht oft genug wiederholen. Denn welche Glückseligkeit ist der gleich, seinem Freunde zu sagen, daß man ihn liebt, wenn es nicht die Glückseligkeit ist, zu hören, daß man von ihm geliebt wird? Wenn ich also von meiner Cousine rede, so glauben Sie nur, daß keine Ideen verwandter sind und einander leichter erwecken, als der Gedanke an ein Gut, das man verloren, und der an ein anderes, das uns der Himmel noch läßt; und daß der Abgang von so theueren Freunden das Herz nur noch zärtlicher gegen diejenigen macht, die uns noch übrig sind.
Ich glaube, ich habe Ihnen schon in Leipzig gesagt, daß ein Freund von mir und von unserm Hause, ein junger angehender Dichter, der jetzt in Halle studirt, ein Gedicht auf meine Muhme gemacht hat. Ich habe es hier erst zu sehen bekommen. Weil viel gute Stellen darin sind, obgleich manche gegen die übrigen matt, andere in der Verbindung, in der sie stehen, nicht richtig und zusammen hängend genug, und noch andere zu überhäuft und nur durch die Rechte der Poesie zu entschuldigen sind, so will ich es Ihnen abschreiben. Aber schöner, als das ganze Gedicht, ist meinem Urtheile nach ein Motto aus dem Petrarch, welches er demselben vorgesetzt hat. Wo ich nicht irre, so ist es eine der schönsten Stellen im ganzen Petrarch. Es ist aber zur Anwendung auf die Person, die der Gegenstand dieses Gedichts ist, nicht schicklich und angemessen genug, und überhaupt kann es nur im Munde eines Liebhabers und eines solchen Liebhabers als Petrarch, sein rechtes Verhältniß bekommen. Ich will es wagen, die Stelle zu übersetzen, ob ich Sie gleich zu eben der Zeit bedauren werde, daß Sie nicht das Original lesen können.
„Wer alles sehen will, was nur die Natur und der Himmel unter den Menschen vermag, der komme, diese zu sehen. Aber er komme bald. Denn der Tod raubt zuerst die besten, und läßt die schlechtern stehen. Dieses in dem Reiche der Götter schon lang erwartete schöne und sterbliche Geschöpf geht nur vorüber, und bleibt nicht. Wenn er noch zu rechter Zeit kommt, so wird er jede Tugend, jede Schönheit, jede erhabene Eigenschaft in einem Körper mit wunderbarer Mischung vereinigt sehen. Aber wenn er zu lange zaudert, so wird er nur kommen, um beständig zu weinen“[A].
Ist diese Apostrophe nicht das rührendste Gemählde eines von Schmerz ganz durchdrungenen Herzens? Aber nun zum Gedicht selbst. Sie sollen nur die besten Strophen davon bekommen.
Also blühte rühmlich Doris Leben —
Rühmlich mußte sie es wieder geben;
Und das grosse Beyspiel im Erblassen
Noch der Erde zum Vermächtniß lassen;
Da ihr lieblich Auge brechen sollte,
Stürmend Feuer durch die Adern rollte,
Freunde sprachlos matte Hände rangen,
Und die Engel froh die Flügel schwangen,
Schaute sie des Todes letzten Schlägen
Voll Geduld und Majestät entgegen,
Ruhig, da die Trennung jetzt begonnte,
Weil sie nur die Hülle wechseln konnte.
Keusche Jungfraun, eilt ihr Grab zu ehren.
Pflanzt Zypressen, oft benetzt mit Zähren,
Und gelobet auf dem Staub der Schönen
Euren Wandel einst wie sie zu krönen.
Aus den Zweigen soll ein Hayn entsprießen,
Junge, leicht verführte Töchter müssen
Ihn besuchen, die Geschichte hören,
Und erröthend sittsam wiederkehren.
Jährlich sollen freundschaftliche Reyhen,
Wo sie schlummert, zarte Lilien streuen,
Und das Opfer mit gedämpften Saiten
Und wehmüthigem Gesang begleiten.
Nie, Geliebte, nie wirst du vergessen!
Deinen Nachruhm wird kein Ruhm ermessen.
Laß noch Einen für die Tugend brennen,
So wird er auch dich mit Ehrfurcht nennen.
Und sollt’ einst auf der undankbar’n Erden
Sie verkannt, gehaßt von allen werden;
Darf sie nur, um alle zu entzücken,
Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.
Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen aufzulegen. —
Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. — Aber meine Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde, die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird, so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu rächen.
Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener zu machen. — Alsdann — Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.
Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.
[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:
Chi vuol veder quantunque può natura,
E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei,
Ch’è sola un Sol, non pur agli occhi miei,
Ma al mondo cieco, che virtù non cura;
E venga tosto, perchè morte fura
Prima i migliori, e lascia stare i rei;
Questa aspettata regno degli Dei
Cosa bella mortal passa, e non dura.
Vedrà s’arriva a tempo, ogni virtute,
Ogni bellezza, ogni real costume
Giunti in un corpo con mirabil tempre.
Allor dirà, che mie rime son mute.
L’ingegno offeso dal soverchio lume;
Ma se più tarda, avrà da pianger sempre.
Sechster Brief.
B***, den — Juli.
1767.
Wissen Sie auch wohl, daß ich Ihre Frage, ob wir noch einerley Empfindungen mit einander hätten, für einen Vorwurf würde angesehen, und daß mich dieser Vorwurf würde gekränkt haben, wenn ich nicht selbst in den Beyspielen, die Sie dafür anführen, eine nette Bestätigung dieser Gleichheit Ihrer Gesinnungen mit den meinigen, auf die ich so stolz bin, gefunden hätte. Ich kann mir also unmöglich helfen. Ich muß erst diese beyden Punkte erörtern, ehe ich ein Wort weiter schreiben kann, gesetzt auch, daß Ihnen indeß der Brief vor Langerweile aus der Hand fallen sollte.
Zuerst also meine Unzufriedenheit bey meiner Ankunft in B****. Sollte ich Ihnen erst nöthig haben, die Quellen davon zu entdecken? Sie sagen, ich hatte Freunde verlassen, die mich liebten, und ich kam zu andern, die ich auch liebte. Haben Sie niemals diese angenehme Mischung von Schmerz und Vergnügen, von Verlangen und von Befriedigung, von Sehnsucht nach abwesenden Gütern, und von Genuß der gegenwärtigen empfunden? Haben sich niemals mit den Thränen, die Sie über den Anblick neuer Freunde vergossen, diejenigen vermischt, die Ihnen das Andenken an die, von denen Sie sich losgerissen hatten, ablockte? Sie, die Sie die menschliche Seele so gut kennen, da Sie Ihre eigene mit so vieler Sorgfalt studirt haben, wissen Sie nicht, wie geschickt eine gewisse Art von Freude ist, die traurigen Empfindungen, die eine Zeit lang in der Seele geschlafen haben, wieder zu erwecken, und mit ihnen vermischt einen gewissen Zustand der Ermattung hervorzubringen, wo die Seele, zu denken und zu handeln unfähig, unter der Menge von dunkeln Ideen, die sich in ihr zusammen drängen, erliegt. So empfand meine gute Mutter den Verlust ihrer Tochter niemals mehr, als da sie ihren Sohn wieder sah, und ich fühlte in den ersten Umarmungen meiner Mutter am meisten, wie viel ich an Freunden verloren hatte, die in diesem Augenblicke mit mir die Glückseligkeit einer wieder vereinigten Familie würden getheilt haben.
Dieses waren die Regungen der ersten Augenblicke. Ihnen folgten andere eben so traurige, aber weniger angenehme. Glauben Sie ja nicht, daß die guten Leute immer glücklich sind. Wenn sie es wären, so bin ich stolz genug zu sagen: unser Haus würde mehr als einen Glücklichen einschließen. Aber wie weit, wie weit ist es davon entfernt, daß dieses ganz wahr seyn sollte? Meine Mutter, durch die natürliche Zärtlichkeit ihres Körpers, und durch die große Empfindlichkeit ihrer Seele, einer Menge von Uebeln bloß gestellt, mit denen die Natur härtere und fühllosere Menschen verschont hat; durch eine beynahe fortgehende Reihe von Unglücksfällen in einer beständigen Uebung dieser Empfindlichkeit unterhalten; durch eine sehr schwere und sorgenvolle Nahrung, die sie seit dem Tode ihres Mannes ohne Gehülfen und Rathgeber besorgt, abgemattet und entkräftet, von Krankheit und der Annäherung des Alters bis zu dem äußersten Grade der Zärtlichkeit in ihren Nerven gebracht; und in diesem Zeitpunkte ihrer besten Stütze beraubt, und fast mitten unter ihrer Familie einsam und verlassen, — sagen Sie mir, geliebte Freundin, was würden Sie in meinen Umständen fühlen, wenn Sie, so wie ich, sich außer Stande sähen, dieser Mutter zu helfen; wenn Sie ihr sogar in der Zukunft keine Aussicht, wenigstens keine nahe Aussicht anweisen könnten, durch die Sie ihre gegenwärtigen Umstände erträglich machten? Sagen Sie mir, liebe Freundin, wo ist die Stelle, die für mich zubereitet ist, und von der ich hoffen könnte, meiner Mutter die ihrem gütigen Herzen so theuere Glückseligkeit zu verschaffen, in der Gesellschaft ihres Sohnes ihre letzten Tage in Ruhe und Zufriedenheit zuzubringen? Ich selbst in die Welt nur noch so hingeworfen, in die Welt, die, dem Himmel sey es gedankt, nicht ganz leer von Freunden für mich, aber vielleicht leer von Beförderern und dem, was man darin Patronen nennt, ist; ich selbst noch von einem Orte zum andern herumirrend, zwar nicht ganz ohne Endzweck, aber doch noch ohne große Mittel, diesen Endzweck auszuführen; was kann ich für meine Mutter thun, da ich für mich selbst nichts zu thun vermag?
Glauben Sie wohl, daß es mir unter diesen Umständen leicht wird, daran zu denken, daß ich meine Mutter verlassen soll; sie so verlassen, ohne ihr vorher zu sagen, nach was für einem Plane ich arbeiten werde, um ihre Glückseligkeit mit der Erreichung meiner Wünsche zu vereinigen? Und doch kann ich nicht anders; ich muß sie verlassen. Alles, sie selbst ausgenommen, macht, daß ich diesen Augenblick beynahe wünsche. Die Beförderung, die mir meine Vaterstadt darbieten kann, ist, wie Sie wissen, nur von einer einzigen Art. Glauben Sie nicht, daß mich der Name und die gewöhnliche Verachtung eines Schulmannes abhalten würde, in einen Stand zu treten, der, wenn er recht verwaltet wird, ehrwürdig ist, und den die Vortheile und die Erleichterung, die ich meiner Mutter dadurch verschaffe, mir auch sogar liebenswürdig machen würden. Aber die Verrichtungen, die hier zuerst denen auferlegt sind, die in diesen Stand treten, die Unwissenheit, und noch mehr der elende Geschmack, der unter den meisten der hiesigen Schullehrer herrscht, und durch sie ohne Zweifel die Studirenden ansteckt; der durchgängige Mangel an guter Lebensart bey dieser ganzen Zunft Leuten, unter denen ich doch genöthigt würde zu leben; der Mangel an Ermunterung und Hülfsmitteln zur Vermehrung der Wissenschaften, die ich mehr schätze als alles; endlich, was darf ich es erst sagen, die Entfernung von Freunden, die mir theuer sind, um so viel theurer, weil ich sie nicht bloß der Natur und Familienverbindungen zu danken habe; — alles dieses, und was weiß ich noch, was für hundert dunkel damit vermischte Vorstellungen mehr, machen mir es ganz unmöglich, daran zu denken.
Nun gut also. Ich gehe von B****. Aber wohin? Nach L***zig? Ja freilich ist dieß der Ort, der mich unter allen am meisten an sich zieht. Aber was hälfe es, wenn ich vor mir selbst es verbärge. Es ist nicht Hoffnung der Beförderung, sondern das Vergnügen, meine Freunde wieder zu sehen, welches mir diese Stadt vor allen andern so angenehm macht. Sie wissen selbst, und wenn Sie es nicht wissen, so lassen Sie sich es den braven und rechtschaffenen Ebert sagen, was für Geduld und Aufopferungen dazu gehören, sein Glück bey der Leipziger Akademie zu erwarten. Und während der Zeit, daß ich diese vielleicht fehl schlagende Probe machte, würde meine arme Mutter von Alter und Sorgen verzehrt, von ihren noch übrigen Freunden vollends entblößt, und stürbe, ehe sie die so lange gehoffte und so theuer errungene Ruhe ihres Alters gekostet hätte. Lassen Sie mich also auf eine andere Universität gehen, wo die Beförderung leichter und geschwinder ist. Setzen Sie den besten möglichen Fall. Machen Sie mich in einigen Jahren zum Professor in Halle, oder in irgend einem andern solchen Winkel der Erde. Jetzt soll ich meine Mutter in ihrem Alter aus ihrem natürlichen Boden in ein ganz fremdes Land verpflanzen, sie aus einer belebten und volkreichen Stadt in einen todten und finstern Flecken führen, sie aus dem Cirkel ihrer Freunde und ihrer Bekanntschaften, die sie von langer Zeit her kennen, die sie alle hochschätzen, unter ganz fremde und für sie noch gar nicht eingenommene Menschen bringen, — oder mir mit einem so groben Stolze schmeicheln, daß ich allein aller deren Stelle würde ersetzen können. — Ist dieses vielleicht nicht ein eben so schwerer und trauriger Schritt für beyde? — Und doch bey dem allen, was bleibt mir übrig?
Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der Meinigen bin. — Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß bey Personen, die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind. Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben. Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....
Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl errathen, was ich da erwarte?) —
Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der Frau ihre Briefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.
Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr, Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.
Siebenter Brief.
B***, den — Juli
1767.
Wahrheiten, die uns sehr am Herzen liegen, können niemals zu oft bewiesen werden. So ein sophistisches Ding ist dieses Herz, daß es sich der Ueberzeugung von eben der Sache am meisten widersetzt, von der es am meisten gewiß zu seyn wünscht. Ich, zum Beyspiel, bedarf keiner neuen Proben mehr, um zu wissen, daß Sie meine Freundin sind. Und doch, mit welchem Vergnügen habe ich diejenigen aufgenommen, die Sie mir in Ihren letzten Briefen gegeben haben, gerade so, als wenn dieß die ersten gewesen wären. Sie wissen, wie schwer sich Empfindungen durch Beschreibungen deutlich machen lassen. Man kann nichts weiter thun, als diejenigen, welche ähnliche gehabt haben, an ihr eigenes Gefühl erinnern.
So stellen Sie sich also Ihren lieben Mann, meinen Freund, an dem Abende eines sehr geschäftigen Tages vor. Er tritt zuerst mit einer etwas tiefsinnigen und zerstreuten Miene in ihr Zimmer. Seine von fremden Bildern ganz angefüllte Seele empfängt schon die geheimen Einflüsse Ihrer Gegenwart, ohne sie noch zu fühlen; selbst die ersten Liebkosungen verschwenden Sie an den Undankbaren vergeblich. Endlich thut Ihr Anblick und Ihre Zärtlichkeit ihre gehörige Wirkung; und jetzt schweben nur noch die Sorgen der Geschäfte auf der Oberfläche der Seele, wie die Nebel an einem heitern Frühlingsmorgen auf dem Gipfel der äußersten Berge. So gewinnt der Ehemann einen Schritt nach dem andern über den Geschäftsmann — bis er zuletzt nur ganz allein übrig bleibt. Was Ihnen in diesem Augenblicke ein stillschweigender Kuß ist, den er Ihnen aus vollem Herzen giebt, ein Druck seiner Hand, bey dem er sie zugleich seine Wilhelmine nennt, sehen Sie, das waren für mich Ihre Briefe. Versicherungen von Sachen, die wir lange wissen, die wir aber gern vergessen, an denen wir sogar zweifeln, aus bloßem Muthwillen, um sie uns noch einmal versichern zu lassen!
Ich glaube, Sie müssen es schon bemerkt haben, daß es eins von meinen Steckenpferden ist, (hieraus können Sie schließen, daß ich den Tristram Shandy lese) über alles, was in und mich herum vorgeht, zu philosophiren, jede Begebenheit, wenn sie auch die natürlichste und gewöhnlichste von der Welt ist, zu erklären und aus Gründen zu zeigen, wie sie möglich gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, so war ich eben im Begriffe, einen guten Ritt darauf zu thun. Denn, anstatt Ihnen mit drey Worten zu sagen, liebe Freundin, Ihre Briefe waren mir herzlich lieb, und dann gleich zur Beantwortung ihres Inhalts fortzugehen; verwende ich eine und eine halbe Seite, um es zu beweisen, daß es möglich gewesen ist, daß ich mich über Ihre Briefe habe freuen können. Und doch, welcher Beweis wäre stärker gewesen, als die Aufmerksamkeit, mit welcher ich alle Ihre gütigen Vorschläge erwogen habe.
Nach dem Wunsche, bey Ihnen zu seyn, ist keiner stärker als der, daß Sie es zuweilen wünschen möchten, daß ich bey Ihnen wäre. Denken Sie also, was es seyn muß, wenn Sie noch mehr thun, und nicht bloß wünschen, sondern schon Anstalten machen, mich bey sich zu behalten. Wenn es mir jemals schwer angekommen ist, Schwierigkeiten gegen den Rath meiner Freunde zu machen, so ist es gegen einen solchen, der die größten Wünsche meines Herzens vereiniget. Der Entwurf, den Sie mir machen, der freylich der natürlichste und ohne Zweifel auch der sicherste ist, ist dem ungeachtet viel zu weit aussehend, als daß ich damit meine Mutter beruhigen könnte, die bey Ihrem Alter und bey Ihrer Schwäche eine Glückseligkeit, auf die sie so viele Jahre warten muß, für gar keine hält. Und wie kann sie hoffen, diesen Zeitpunkt zu erleben, wenn die Zeit, die dazwischen ist, mit Sorgen und Mißvergnügen angefüllt seyn sollte. Gesetzt aber, ich hätte das Ziel erreicht, und meine Mutter wäre noch im Stande, eine so große Veränderung vorzunehmen; was sind es nicht für neue Beschwerden, die die Ausführung unsers Vermögens verursachen würde. — Meine Mutter hat bey allen Beschwerlichkeiten ihrer Nahrung doch auch den Vortheil gehabt, daß sich ihr Vermögen besser verinteressirt hat, als durch bloßes Ausleihen. Lassen Sie nun von einem nicht großen, aber doch für einen ehrlichen Mann hinlänglichen Vermögen das abgehen, was der Abzug kostet; setzen sie dazu die Verschiedenheit des Geldes und der Preise der Dinge in beyden Ländern, und endlich rechnen Sie noch die Schwierigkeiten, die mit der Errichtung einer neuen Haushaltung verbunden sind; und Sie werden sehen, daß meine Mutter nicht die Hälfte der Bequemlichkeiten würde haben können, zu denen sie hier gewohnt ist. Denn daß meine eigene Einnahme einen beträchtlichen Zuschuß zu unserer Oekonomie in wenig Jahren machen sollte, dazu sehe ich keine andere, als sehr unsichere Hoffnungen. Sehen Sie, so partheiisch ich für einen Entschluß bin, der mit meinen Neigungen so sehr übereinstimmt, so kann ich es mir doch nicht verhehlen, daß dieses sehr beträchtliche Schwierigkeiten sind; und was kann ich darauf antworten, wenn meine Mutter sie mir entgegensetzt? — Was anders, als daß die Schwierigkeiten für mich, in B**** zu bleiben, noch größer sind, und wenn sie sich auch alle auf eine einzige zurück bringen ließen, ich meyne diese, daß ich zu dem Stande, der für mich der einzige ist, nicht die geringste Neigung habe?
Sie müssen es diesem Briefe ansehen, daß er unter sehr vielen Zerstreuungen geschrieben ist. Ich bin gar nicht mit ihm zufrieden. Denn bey alle den Schwierigkeiten, die ich mache, wollte ich doch nicht, daß Sie glaubten, ich hätte jetzt mehr Lust hier zu bleiben, als ehemals. Ich komme mit Gottes Hülfe gewiß auf Michaelis nach Leipzig, aber ob um beständig dort zu bleiben, das ist in den Händen der Vorsehung. —
Ich reise morgen mit dem Herrn Oberforstmeister S**** und seiner Gemahlin nach S***witz, wo mein ehmaliger Lehrer und Hofmeister Pfarrer ist. Meine Mutter kommt auf den Freytag mit meinem Onkel und seiner Tochter nach. Dieser geht alsdann mit dem Herrn Oberforstmeister weiter ins Gebirge nach L***, um da die Brunnenkur zu brauchen. Wir übrigen bleiben in S***witz, und werden dort in einer vortrefflichen Gegend vier oder fünf Wochen in dem Hause meines Lehrers zubringen. Dieser Aufenthalt könnte mir durch nichts in der Welt unangenehm gemacht werden, als wenn Ihre Briefe nicht mehr so richtig einliefen, oder die meinigen nicht zu rechter Zeit auf die Post gegeben würden; denn das Dorf ist sechs Meilen von B****. Ich werde aber alles mögliche thun, um beydes zu verhüten.
Diese Reise macht heute meinen Brief so kurz, und nöthigt mich, den an meinen lieben M. Reiz ganz aufzuschieben. Es ist jetzt 12 Uhr in der Nacht und morgen muß ich um 6 Uhr auf seyn. Leben Sie wohl!
Achter Brief.
Mittwochs des Morgens.
Ich wende noch die Augenblicke, die ich vor dem Antritte meiner Reise übrig habe, dazu an, an Sie zu denken, und das, was ich gedacht habe, niederzuschreiben. Ich weiß, daß sich Ihre freundschaftliche Neubegierde nicht bloß damit beruhigen wird, zu wissen wo ich bin. Sie werden auch wissen wollen, was ich da mache. —
Wenn ich mich nicht irre, so müssen Sie schon Herrn Ringeltauben, in dessen Hause ich seyn werde, aus meinen Beschreibungen kennen. Ich verehre ihn als meinen Lehrer; und ich liebe ihn als meinen Freund und meinen Bruder. Hochachtung und Dankbarkeit sind gewiß die festesten Bande, die die Natur hat, zwey nicht ganz unedle Seelen mit einander zu verbinden. Sein Haus soll sehr bequem, und die Gegend vortrefflich seyn. Meine Mutter, die das Land über alles, und den Herrn Ringeltauben als ihren Sohn liebt, wird sich dort wieder erholen, und das wird auf mich zurück wirken. Endlich werde ich Bücher genug haben, um die leeren Stunden auszufüllen. Der Herr Oberforstmeister, mit dem ich reise, ist lange im Kriege mit dem General Wobersnow in Leipzig gewesen. Er ist ein Mann von sehr vielem Verstande, von einer großen Erfahrung, (da er lange Zeit mit den Vornehmsten der Armee und einige Zeit auch mit dem Könige selbst umgegangen ist;) und der Mann einer Frau, die beynahe meine Gespielin gewesen ist. Der Weg heraus geht an der Oder, in einer sehr angenehmen Gegend. Ihre Briefe dürfen Sie nicht anders als bisher addressiren. Ich habe gemessene Ordre gestellt, sie mir gleich nachzuschicken.
Erwarten Sie also ins künftige Briefe, die voll von ländlicher Unschuld und Einfalt, aber auch voll von ländlichem Vergnügen sind.
Neunter Brief.
S***witz den — Juli.
Es giebt gewisse Arten von Vergnügungen, die uns unempfindlich machen, weil sie uns berauschen. Indem alsdann die gegenwärtige Empfindung die ganze Seele ausfüllt, und ihre gesammten Fähigkeiten bloß in dem Genuß erschöpft werden, so werden alle Erinnerungen, alle Reflexionen aus der Seele verdrängt, und mit ihnen zugleich die feinern Vergnügungen, die auf dieselben gegründet sind. In diesem Zustande ist die ganze Seele Maschine, und sie bewegt sich ganz unwillkührlich nach der Richtung des Stoßes, die ihr ein so heftiger äußerer Antrieb giebt.
Eine andere Art hingegen, die nur die Sinnen in so weit rührt, als es nöthig ist, durch sie die Einbildungskraft rege zu machen, eröffnet allen Arten von moralischen Empfindungen den Zugang. Sie macht das Herz weich, und so zu sagen — schmachtend. Die Vernunft ist dabey heiter genug, alle verwandten Ideen herbeyzurufen, jede angenehme Erinnerung mit der augenblicklichen Empfindung zu verbinden, und unter die Ergötzungen des Auges und des Ohres die moralischen Vergnügungen der Freundschaft und der Tugend zu mischen.
Unter diese letztere Gattung gehört diejenige Art von Vergnügen, die ich jetzt genieße. Sie sind so still und so ruhig, wie die Fluren des Abends, durch die ich gehe, und eben so heiter und rein, als das blaue Gewölbe, das mich deckt. Alles das, was ich sehe, und was die Quelle des Vergnügens ist, ist zugleich ein Stoff zu Betrachtungen, die vielleicht noch ergötzender sind, als der sinnliche Eindruck selbst. Wenn ich dann auf einer großen lachenden Wiese, die von alten ehrwürdigen Eichen rings um eingeschlossen, und von dem schwankenden Schatten derselben halb überstreut ist, die mildern Einflüsse der Abendsonne genieße; dann versetze ich in diese Gegend alle meine Freunde. Ich sammle in Gedanken diesen kleinen aber ehrwürdigen Haufen von Leuten, die ich liebe und die mich wieder lieben, um mich herum, alle durch gegenseitige Neigungen an einander gebunden, alle von einerley Geiste beseelt, zu einerley Empfindungen aufgelegt, und mit eben denselben Arbeiten des Wohlthuns und der Mildthätigkeit beschäftigt. Dieses Spiel meiner Einbildungskraft treibe ich so lange fort, bis ich ganz von den Gegenständen, die um mich sind, entfernt in andern Welten und noch glücklichern Gegenden herumschwebe. Von diesem Fluge ermüdet kehre ich wieder zu dem Orte und dem Stande zurück, in welchem ich bin, und, Dank sey es meinem Geschick! ich habe bey dem Ende meines Traumes noch nicht alles verloren. Meine Mutter, meine Cousine, und mein Lehrer und Bruder, die um mich herum sind; Sie, die erste meiner Freundinnen, und die übrige Reihe meiner männlichen Freunde, die von mir entfernt, aber durch ihr Andenken, durch ihre guten Wünsche, und durch ihr Theilnehmen an meinem Wohl, nahe um mich sind, alle diese theuern Personen, die mir die gütige Vorsicht auf dem Wege des Lebens aufstoßen ließ, um durch ihre Begleitung das Rauhe und Unangenehme meiner Reise zu versüßen, alle diese sind wirklich da, sie lieben mich, sie machen mich durch ihre eigenen Verdienste hochachtungswürdig, und geben mir durch ihre Achtung den Werth, den ich mir selbst niemals erwerben würde.
Ich habe ausfindig gemacht, (denn was für Mittel sucht man nicht auf, wenn man gewisse Sachen nicht verändern kann, um wenigstens uns eine andere Seite von ihnen zuzukehren?) daß die Abwesenheit in der Freundschaft zu etwas nützlich ist. Sie ist das Maß ihrer Stärke. Ich habe neulich im Plutarch gelesen, und wenn es nicht Plutarch gesagt hätte, so hätten Sie mir es sagen können, daß der Beweis einer recht heftigen Liebe nicht sowohl die Größe des Vergnügens sey, die einer in des andern Gegenwart empfindet, als vielmehr die Größe des Schmerzes, die ihnen die Trennung verursacht. Mich deucht, man kann eben dieses von der Freundschaft sagen. Das Vergnügen des freundschaftlichen Umganges ist, ruhig, gemäßigt, und beynahe mehr Heiterkeit als Freude; das Verlangen aber, wenn man desselben entbehrt, ist heftig, zuweilen gar stürmisch. Sie können glauben, daß ich diese Erfahrung bloß von den Empfindungen abstrahire, die mir die Erinnerung an unsere ehemaligen Vergnügungen erweckt. Ich weiß also zuverlässig, wie sehr ich Ihr Freund bin, ich weiß, wie sehr Sie meine Freundin sind. Diese Ueberzeugung ist mir sehr viel werth. Soll ich Ihnen erst sagen, daß ich Sie nicht allein meyne, wenn ich von Ihnen rede?
Ich habe Ihnen bisher nur meine Empfindungen erzählt. Jetzt sollen Sie noch etwas von meiner Geschichte wissen. Ich habe Ihre Briefe noch nicht. — Ich meyne die, die Sie vergangene Woche geschrieben haben, und die verwichenen Freytag in B*** angekommen seyn müssen. Sagen Sie mir, ist es nicht mir recht zum Possen, daß die Post nach B***, die die Briefe von B**** hierher bringt, gerade eine Stunde eher des Freytags abgehen muß, als die Ihrigen ankommen? und dann geht keine wieder eher, als auf den Dienstag. Ich bekomme sie also erst Mittwochs. — Diese Sache ist gar nicht zu ändern; ich muß also nur aufhören, daran zu denken.
Meine Reise ist sehr glücklich und bequem gewesen. Der Herr *** ist ein durch seinen Verstand und Erfahrung angenehmer Gesellschafter. Seine Frau ist es etwas weniger; und da ein großer Theil ihres Werths in dem Range und dem Stande ihres Mannes liegt, so schlägt sie denselben auch ein bißchen zu hoch an. Aber das thut nichts. Gegen mich, als einen alten Freund und Verwandten, ist sie immer sehr gütig.
Die zwey Tage, die bis zu meiner Mutter Ankunft verflossen, recognoscirten wir, ich und mein lieber Bruder, die Gegend. Sie können sie nicht leicht schöner jemals gesehen haben. Wir liegen sehr nahe an der Oder, an deren Ufer überhaupt die schönsten Gegenden von Schlesien sind. Dunkle, ehrfurchtsvolle Hayne, angenehme Wiesen, die fruchtbarsten Felder, alle Theile einer bezaubernden Landgegend wechseln mit einander ab. An dem einen Orte gehen wir auf einem erhabenen Damm, (denn deren müssen hier sehr viele der Gewalt des Stroms im Frühjahr entgegengesetzt werden), von dem man auf beyde Seiten die Aussicht auf die angrenzenden Wiesen und den dabey gelegenen Wald hat. Der Damm selbst ist mit Eichen besetzt, die ihre hohen Wipfel einander zuwehen. An einem andern Orte ist ein weitläuftiger Thiergarten, von drey Stunden in der Rundung, wo man den angenehmsten Schatten, die erfrischendste Kühle, und den erfreuenden Anblick von munteren, freyen und glücklichen Geschöpfen zugleich genießt. An einem dritten Orte ist ein dicker beynahe unwegsamer Wald, wo selbst die mittägliche Sonne keinen Zugang findet, und wo die melancholische Stille nur durch das Rauschen der Aeste, oder das entfernte Girren der Turteltaube, oder das Geräusch eines sich mitten im Walde durch die Aeste durcharbeitenden Hirsches unterbrochen wird.
Hier stellen Sie sich also mich, an meiner Seite meine Mutter, meine Schwester (denn so habe ich meines Onkels Töchter immer betrachtet, und so habe ich sie geliebt) und meinen Freund vor. Da der Herr ****, seine Frau, und mein Onkel, in das Bad gegangen sind, so herrschen wir hier ganz allein. Wir stehen nicht eben sogar früh auf. Wir trinken gemeinschaftlich unsern Thee. Wir verdienen unsere Mittagsmahlzeit durch einen recht guten Spaziergang, von dem wir zuweilen unterwegs unter einer hohen Eiche ausruhen. Die heißen Stunden sind zur Lektüre und zur Arbeit bestimmt. Der Abend ist ganz zu ländlichen Vergnügungen. Wir schlafen ruhig und vergnügt, weil keine unsere Ergötzungen etwas anders als das Verlangen zurück läßt, sie zu wiederholen.
Ich lese meiner Mutter zuweilen auf einer Rasenbank, die eine große Haselstaude beschattet, aus den Gedichten des Gisecke vor. O diesen Mann müssen Sie lesen. Er ist der Dichter der Freundschaft und der ehelichen Liebe. Wer kann also ihn besser richten? und wessen Beyfall würde ihn mehr belohnen? Er ist nicht immer stark, aber er ist immer gut. Leben Sie tausend Mal wohl u. s. w.
Zehnter Brief.
S***witz den 27. Juli.
Ob ich gleich befürchten muß, daß meine Briefe Sie nicht in Leipzig treffen, so kann ich es doch nicht über mich erhalten, keine zu schreiben. Einen Brief an Sie schreiben, ist wenigstens halb so viel, als einen von Ihnen bekommen. Ich glaube, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt. Aber das thut nichts. Ich fürchte es nicht, mich in einer Sache zu wiederholen, die auf einerley Art empfunden auch nur auf einerley Art ausgedrückt werden kann. Ich habe überhaupt gemerkt, daß wahre Empfindungen sich zwar richtiger, aber niemals so mannigfaltig ausdrücken lassen, als diejenigen, welche Geschöpfe der Einbildungskraft sind. Der schöne Geist und das empfindliche Herz sind deßwegen nicht immer beysammen, und zu gefallen und zu rühren, sind zwey sehr verschiedene und oft einander entgegenstehende Sachen.
Sie sind also in Dreßden. Denn ich bin so glücklich gewesen, Ihren ersten Brief Mittwochs, und den andern unmittelbar darauf Freytags zu bekommen. Ich weiß nicht, warum mir diese Reise gar nicht recht war. Sie schienen nicht mir näher zu kommen, sondern sich von mir zu entfernen. Endlich bin ich auf die Ursache gekommen; wenigstens das Wahrscheinliche fürs Gewisse zu nehmen. Ich fürchtete, unser Briefwechsel würde gestört werden. Ueberdieß, glaube ich, weiß ich Sie gern zu Hause, weil ich mir den Ort, wo Sie sind, und die Beschäftigungen, die Sie da vornehmen, besser vorzustellen weiß. Das Bild ist lebhafter, weil es mehr bestimmt ist. In Dreßden können Sie da und da und da seyn. Aber wo Sie wirklich sind, und was Sie wirklich machen, das kann ich mir zu keiner einzigen Stunde des Tages mit Gewißheit denken. Ich befinde mich in einem fremden Ort, wo ich meine Freundin bey jedem Schritt, den sie sich von mir entfernt, verliere, und sie kaum mit der größten Mühe des Abends im Gasthofe wieder finde.
Endlich, (denn Sie müssen wissen, ich suche mein Herz zu studiren, besonders wenn ich irgend eine ungewöhnliche Bewegung darin merke, und das nicht mehr bloß um meinet, sondern auch um Ihretwillen;) endlich also überfiel mich die bey einer wirklichen Freundschaft so natürliche Eifersucht. Ich weiß die eigentliche Absicht Ihrer Reise nicht. Aber das konnte ich mir doch vorstellen, daß Sie dort neue Verbindungen errichten würden, oder durch schon gemachte Verbindungen dazu wären veranlasset worden. Könnten eine Menge von neuen Eindrücken nicht die alten verdunkeln, wenn sie auch nicht im Stande wären, sie auszulöschen? Sie werden allenthalben, wo Sie hinkommen, und wo man noch Geist und Herz genug hat, um es an andern gewahr zu werden, Freunde finden. Ich müßte sehr verblendet, und mehr eitel als ehrgeitzig seyn, wenn ich mich überreden sollte, daß mich nicht viele dieser Freunde an allen Arten von Vorzügen übertreffen sollten. Und ist es nicht in der Natur, dachte ich, daß man das bessere dem weniger guten vorzieht?
Dieser Gedanke würde mich niedergeschlagen haben (und doch bin ich sonst großmüthig genug, mich wie Phocion, oder wer es sonst war, zu freuen, daß es so viel bessere Menschen giebt als ich) aber jetzt würde mich dieser Gedanke niedergeschlagen haben, wenn mir nicht noch ein Vorzug von mir eingefallen wäre, den ich willens bin, dem größten Theil Ihrer Freunde, oder lieber (denn was soll ich heucheln?) allen Ihren Freunden streitig zu machen. Ich liebe und schätze Sie so hoch, — als es Ihr Bruder thun könnte. Erlauben Sie mir immer, daß ich mir einen Ehrennamen beylege, zu dem Sie mir selbst das Herz gegeben haben. Ich liebe Ihren Mann, ich liebe Ihre kleine Wilhelmine, ich liebe Ihre Freunde; selbst ehe ich sie noch kenne, empfehlen sie sich mir schon durch diesen Namen mehr als durch alle Lobsprüche. Ich brenne vor Begierde, an dem Glück und an dem Vergnügen einer solchen würdigen Familie zu arbeiten; selbst meiner Freundschaft wünschte ich den Segen, daß sie ein neues Band der ehelichen Liebe zwischen Ihnen beyden wäre, auf die sich Ihre ganze Glückseligkeit gründet. Ich wünschte mir einen größern Verstand, um Sie durch meinen Rath zu der glücklichsten Mutter der vollkommensten Tochter zu machen; und mehr Tugend und mehr Herrschaft über meine Leidenschaften, um Sie auf eben dem Wege, durch welchen ich gegangen wäre, zu der Ruhe und der Heiterkeit der Seele zu führen, die wir uns beyde so sehr wünschen, und die so oft durch geringe Veranlassungen unterbrochen wird. Ich bin jetzt nahe dabey, Ihre Frage zu beantworten, und nicht bloß Ihre, sondern auch meine eigene.
Der heutige Tag, sagte ich manchmal zu mir selbst, ist vollkommen dem gestrigen ähnlich. Alle Umstände sind dieselben. Nicht ein einziges von meinen Gütern ist mir genommen. Nicht ein Wunsch ist heute von seiner Befriedigung weiter zurück gesetzt, als er es gestern war. Und doch war ich gestern vergnügt, und heute bin ich traurig und mißvergnügt. Ich habe diese Betrachtung erst vor wenig Tagen wiederholt, wo mein Zustand des Gemüths dem Ihrigen vollkommen ähnlich war; ob ich Sie gleich warnen muß zu glauben, daß eine gewisse Munterkeit im Ausdrucke ein richtiges Maß für den Grad des Vergnügens sey, den ich zu der Zeit genieße. Man kützelt sich zuweilen um zu lachen, eben indem man Schmerzen empfindet. Ich bin heute recht vergnügt, aber es würde die unnatürlichste Sache von der Welt für mich seyn, Lachen zu erregen. Also zu unsrer Untersuchung zurück! Sie wissen, daß die stärksten Triebfedern unsrer Seele im Dunkeln liegen. Die Wirkung wird um desto schwächer, je sichtbarer die Ursache ist. Das Deutliche reducirt sich immer auf wenige Begriffe, die bald überzählt sind, und deren Summe niemals etwas so großes ausmachen kann, daß man davor erschrecken sollte. Alles das kommt uns nur unermeßlich vor, dessen Grenzen wir nicht kennen. Sehen Sie, eben so entsteht unser Unmuth, wie an dem heitern Himmel sich ein kleiner schwarzer Punkt erst in eine kleine Wolke ausbreitet, dann sich immer mit den benachbarten Dünsten vermischt und endlich den ganzen Horizont ringsum verdüstert. So lassen Sie also in diese fröhliche Seele, deren ganze Saiten von dem Vergnügen ausgespannt sind, jeden Eindruck anzunehmen und zu verdoppeln, lassen Sie in dieselbe ein einziges Wort eines Geliebten fallen, eines Ehegatten, oder eines Freundes, das dem Grade der erwarteten Zärtlichkeit nicht entspricht; eine kleine Ungeschicklichkeit, die wir selbst begehen, und die in uns die Erinnerung unsrer übrigen Schwachheiten wieder erweckt; eine kleine Schwierigkeit bey der Ausführung irgend einer unsrer Absichten, selbst die Empfindung einer kleinen Unordnung im Körper. Auf einmal kommen die Vorstellungen von alle dem Unangenehmen, was in unserm ganzen Zustande ist, zu Hauf. Das Vergnügen hatte sie, so wie die Sonne den Nebel, nicht vernichtet, sondern nur aus einander getrieben. Gegenwärtiges, Vergangenes, Zukünftiges, alles drängt sich in unsere enge Seele zusammen, und macht darin ein solches Chaos, und so eine wilde Vermischung, daß aller unser Verstand, und wenn wir auch der Stoische Weise wären, nicht zureicht, es aus einander zu setzen. Alle Uebel werden in diesem Augenblicke unendlich, unaufhörlich, unvermeidlich. Altes verliert sein Maß und seine Grenze, weil es beständig mit etwas anderm vermischt ist, das wir davon nicht scheiden können oder wollen. Wenn man einmal so glücklich ist, so weit zu kommen, sich sein ganzes Unglück nach einander herzuerzählen; oder wenn man genöthiget wäre, es in diesem Augenblicke einem andern zu sagen, so würde man sich wundern, wie Sachen, die, wenn man sie sagt, so wenig betragen, doch, wenn man sie bloß dunkel fühlt, einen so großen Eindruck machen und so viel Verwüstung anrichten können. Ergänzen Sie diese Gedanken durch Ihre eigene Erfahrung. —
Aber sagen Sie mir auch dazu, was ich nicht thun kann, wie man es anstellen muß, um dieser Unruhe — ich will nicht sagen, ganz los zu werden, denn das möchte ich nicht einmal; wenn man die Empfindlichkeit von seinem eigenen Uebel wegnimmt, so verliert man auch die gegen die Uebel anderer, — aber sie doch zu mäßigen. Bloß moralische Vorschriften sind vergebens. Der Verstand geht seinen Weg, und die Einbildungskraft den ihrigen. Es müssen Uebungen, ordentliche Uebungen seyn. — Aber das ist eine Materie, wozu ich Ihren Verstand brauche. — Ich schriebe gerne mehr, aber Sie möchten alsdann wirklich anfangen, kürzere Briefe zu wünschen, und dann sehe ich schon zum Voraus, würde ich trotz aller meiner Philosophie in eben den Unmuth und die Unzufriedenheit verfallen, die ich beschreibe. Leben Sie wohl u. s. w.
Eilfter Brief.
S***witz den 4. Aug.
Ich wußte wohl, daß ich die Reise nach Dreßden nicht umsonst fürchtete. Ich habe keine Briefe von Ihnen, und das zu einer Zeit, wo ich sie am allermeisten nöthig gehabt hätte, um mir Muth und Entschlossenheit dadurch zu geben. Sie sind also noch nicht aus Dreßden zurück gewesen, oder Sie waren von der Reise zu müde, oder — diese unglückliche Sucht Ursachen zu allem zu finden, macht daß wir jede gewöhnliche Begebenheit durch unsere Auslegung zur Qual für uns machen. Denn daß Sie noch meine Freundin sind, daß Sie es noch eben so sehr sind, als da ich Sie das letzte Mal in Borsdorf Thränen vergießen sah, (ein sehr kostbares Denkmal Ihrer Freundschaft!) das lasse ich mir selbst meine melancholische Einbildungskraft in ihren finstersten Stunden nicht ausreden. Aber warum konnte mein Freund Reitz nicht schreiben, daß Sie noch nicht gekommen wären? Gewiß, ich würde in ähnlichem Falle diese Aufmerksamkeit für ihn gehabt haben. —
Mit mir sind unterdessen manche Veränderungen vorgegangen; — nicht eben mit meinen Umständen, aber mit meinen Aussichten. Ich stehe seit einigen Tagen alles Unangenehme der Unentschlossenheit und des Zweifels aus. — Gellert hat mir seit drey Posttagen drey Mal geschrieben. — Sie wissen, daß, als ich noch in Leipzig war, ein Hofmeister für des Graf F.. ältesten Sohn gesucht wurde. Gellert hielt mich dazu für tüchtig. Ich selbst hatte Lust. Globig aber hatte dazu schon Jemand erwählt, der aus Göttingen angekommen war. Dieser wurde vom Grafen nicht angenommen. Nach ihm wurde M. Kraft, (eben der, dem ich in meiner Abwesenheit meine Stube eingeräumt hatte) vorgeschlagen und angenommen. Dieser geht nach Petersburg als Astronom. Gellert war so aufmerksam, diese Gelegenheit sogleich zu ergreifen, und mich an Globigen mit aller seiner gütigen Partheylichkeit zu empfehlen. Vor acht Tagen erhalte ich einen Brief von Gellert, in welchem einer vom Präsidenten an ihn eingeschlossen ist. Er meldet ihm, daß der von ihm empfohlene Mensch wäre angenommen worden, oder auf Michaelis angenommen werden könnte. Der Graf verlangte dabey einen Plan zu dem Unterrichte seines Sohnes, der 15 Jahr alt, von guten Talenten, und nicht ohne Wissenschaften seyn soll.
Kaum hatte ich diesen Brief beantwortet, ihm für seine Güte gedankt, und ihm meinen Entschluß und die Einwilligung meiner Mutter gemeldet, so kommt von ihm ein zweyter. Ich erwartete nichts Geringeres, als den Tod des Grafen; denn er ist sehr krank gewesen. Aber es war noch ein zweyter Vorschlag. Sie kennen die Frau von I., eine K..sche Tochter, und ihre zwey Söhne, von denen der älteste lahm ist. M. Hahn war bisher ihr Hofmeister. Dieser kommt nach Hamburg, und die Frau Obersten sucht einen neuen. Der junge Herr soll bald in die Collegia gehen, und der jüngste soll bloß der Aufsicht, nicht aber dem Unterricht des Hofmeisters anvertraut werden. Das Gehalt ist 150 Thaler. Wenn diese Stelle außer Leipzig läge, so hätte ich sie geradezu ausgeschlagen. Aber meine Freunde wieder zu sehen, Sie wieder zu sehen, Gellerten — alle, alle wieder zu sehen, bey Ihnen zu leben, — das ist mehr als man braucht, um eine noch seltsamere Frau, als die Frau von J. ist, und einen noch beschränkteren Eleven, als ich mir ihren Sohn vorstelle, ertragen zu lernen.
Sagen Sie mir, was hätten Sie mir gerathen, Sie und Ihr lieber Mann, wenn ich bey Ihnen gewesen wäre? Ich will Ihnen sagen, was ich gethan habe. Ich habe die Entscheidung Gellerten überlassen; ich habe ihm die Bewegungsgründe und die Schwierigkeiten auf beyden Seiten vorgestellt. Wenn alles gleich wäre, so würde ich ohne Streit F..s Haus dem J..schen vorziehen, von dem ich weder mehr Ansehen, noch mehr Umgang mit der großen Welt, noch mehr Glück aufs künftige zu erwarten habe. In beyden Fällen komme ich doch erst nach Leipzig, und sehe Sie wieder. —
Ich schriebe gern noch mehr, aber um mich selbst zu verläugnen, und um Sie von meinen langen Briefen ausruhen zu lassen, sage ich kein Wort mehr, als daß ich u. s. w.
Zwölfter Brief.
Ein treuer, freundschaftlicher Rath kommt niemals zu spät, wenn er auch gleich eine geschehene Wahl nicht mehr ändern kann. Sie wissen, ich schrieb Gellerten, an eben dem Tage, da ich Ihnen die Nachricht davon gab. Es würde mir schwer werden, eine Entscheidung, die ich ihm einmal übergeben habe, wieder zurück zu nehmen. Ich bin in der That vollkommen Ihrer Meynung, daß es immer gefährlich ist, dem Urtheile eines andern (und wäre dieser andere auch der weiseste und rechtschaffenste Mann) eine Entscheidung zu überlassen, bey der er, wenn es möglich wäre, sich in uns verwandeln müßte, wenn er richtig urtheilen sollte. Dem ungeachtet glaube ich, daß ich es nach den Umständen, in welchen ich war, so machen mußte. Diese Erinnerung wird mich trösten, der Ausgang der Sache mag seyn, welcher er will. Um mich aber auch bey Ihnen zu rechtfertigen, so sollen Sie diese Umstände wissen.
Sie kennen die Schwierigkeit, (oder wenigstens können Sie sich sie vorstellen), die es einen Menschen kostet, dessen Glück oder Unglück nicht ihn allein trifft, sondern sich auf Personen ausbreitet, die ihm theurer als sein eigen Leben sind, was es diesen Menschen, sage ich, kostet, einen Entschluß zu fassen, von welchem diese Personen glauben, daß er für sein künftiges Schicksal so wichtig ist. Wenn man das Unglück hat, Niemand in der Welt anzugehören und eine mit dem übrigen menschlichen Geschlecht nicht zusammenhängende Insel auszumachen, so hat man entweder Muth oder Unbesonnenheit genug, geschwind zu entscheiden. Neigung, und die auf eine gewisse Seite gerichtete Einbildungskraft geben der Wahl bald den Ausschlag. Wenn man aber so wie ich, als Sohn, als Verwandter, als Freund, in Verbindungen steht, die an unser Wohl das Wohl anderer verknüpfen, so wird ein Entschluß schon weit schwerer, für dessen Erfolg man so vielen Personen Rechenschaft zu geben hat.
Setzen Sie nun noch, daß die Sache so sehr ungewiß ist, wie die meinige, und daß so viel andere, von uns ganz unabhängige Begebenheiten zusammen kommen, und uns helfen müssen, wenn sie nicht fehl schlagen soll: wer kann alsdann kühn genug seyn, für den Ausgang zu stehen, besonders wenn man durch unglückliche Beyspiele geschreckt ist. Man glaubt in diesen Fällen sehr leicht, daß das, wozu sich eine besondere Gelegenheit anbietet, mehr als ein Ruf der göttlichen Vorsehung angesehen werden kann, als das, wozu nichts als unser Entschluß etwas beygetragen hat. Vielleicht ist dieses zuweilen Vorurtheil. Aber scheint es uns alsdann nicht Wahrheit, wenn die Unternehmung mißlingt? Nach Leipzig ohne Ruf und Veranlassung zu gehen, und auf gut Glück Vorlesungen anzufangen, wie viel Stimmen glauben Sie wohl, daß ich hier dafür würde gefunden haben? Noch dazu da Leipzig außer unsers Herrn Ländern liegt, wo, wenn gegen die Regeln der Wahrscheinlichkeit alles aufs glücklichste fällt, am Ende doch immer die Schwierigkeit übrig bleibt, die die Versetzung einer ganzen Familie und ihres Vermögens in einen entfernten Ort mit sich führet. Was blieb mir also bey dem Wunsch und beynahe bey dem Bedürfniß, das ich hatte, nach Sachsen zurückzukommen, was blieb mir anders übrig, als eine Art von Beruf zu wünschen, die mir mehr und stärkere Ursachen verschaffte, mein Vaterland wieder zu verlassen, als meine bloße Neigung seyn konnte.
Dieses war die erste Ursache, warum ich eine Hofmeisterstelle wünschte, zu der mich sonst nicht Noth noch eine sehr große Lust, Hofmeister zu seyn, antrieb. Diesen Gesichtspunkt einmal festgesetzt, erschien mir die Sache auch von andern Seiten vortheilhaft, so wie gemeiniglich, wenn unsere Neigung festgesetzt ist, unser Verstand die Mühe über sich nimmt, sie durch Gründe zu rechtfertigen, die doch nichts dazu beygetragen hatten, sie hervorzubringen. Ich fand als Hofmeister eines jungen Herrn von Stande meine Lust, die Welt, und wenn es seyn könnte, die große Welt etwas kennen zu lernen, befriedigt; ich sah in der Ferne die Aussicht zu Reisen. Endlich glaubte ich, daß, wenn sich durch diesen Weg die Schwierigkeiten des akademischen Lebens, besonders in Leipzig, etwas erleichtert hätten, wenn es dadurch für mich wahrscheinlicher geworden wäre glücklich zu seyn, als es für jeden andern ist, der mit eben so viel Zuversicht, wie ich, seine Vorlesungen anschlägt: daß, sage ich, ich alsdann meine Verwandten und Freunde durch stärkere Gründe würde bewegen können, einen beständigen Aufenthalt in Leipzig genehm zu halten. Dieses sind die Ursachen, warum ich es für nothwendig gehalten habe, unter einem von beyden Vorschlägen wählen zu müssen.
Wenn sich keine solche Gelegenheiten angeboten, oder wenn ich sie ausgeschlagen hätte; wissen Sie, was für ein Entwurf an dessen Stelle getreten wäre? Ich würde diesen Winter in B**** geblieben seyn. (Und würde ich wohl diese Bitte meiner Mutter haben abschlagen können, wenn ich ihr weiter nichts, als bloß die Begierde lieber anderswo als bey ihr zu seyn, zum Bewegungsgrunde hätte vorzulegen gewußt?) Man würde während der Zeit Versuche auf mich gethan haben, meinen Aufenthalt in meinem Vaterlande beständig zu machen. Wenn ich gegen alle Vorschläge hartnäckig genug ausgehalten hätte, so würde ich endlich künftige Ostern nach Halle gegangen seyn, und zu lesen angefangen haben. Ich weiß, daß dieß doch vielleicht das Ende der Sache seyn wird. Aber genug, ich bin zufrieden, wenn es nur jetzt nicht geschieht, und wenn ich noch zuvor das Ziel von Geschicklichkeit und Wissenschaft an einem dazu weit bequemern Orte erreiche, ohne welches ich mich selbst für einen unwürdigen Lehrer der Akademie halten würde. —
Was nun die Wahl unter beyden betrifft, so war die Zeit zur Ueberlegung kurz; meine Neigung durch die Vortheile der Nation des Ministers, und durch die Vortheile des Orts bey der andern getheilt; meine Mutter höchst unschlüssig, furchtsam, mich den Schwierigkeiten und Gefahren bloß zu stellen, die sie im Dienste der Großen für mich zu finden glaubte, und doch auch ungewiß, ob die Vortheile diese Gefahren nicht überwiegen; ich selbst nicht vermögend genug, sie von allen Umständen, die die J..sche Condition heruntersetzen, zu unterrichten, und nicht dreist genug, mir alle die Talente zuzuschreiben, die des Grafen seine zu erfordern schien. Was konnte ich thun, um mich und sie zugleich zu beruhigen, als die Entscheidung einem Manne auftragen, der beyde Stellen besser kennen muß, wie ich. —
Noch ist von ihm keine Antwort da. Wenn er für die J..sche entscheidet, so bestehe ich durchaus auf der Bedingung, Collegia lesen zu dürfen. Ohne das wird nichts daraus; das versichere ich Sie heilig. Und nun, l. F., verlassen Sie mich nicht mit Ihrer Liebe, Ihrem Rathe und mit Ihrem Beystande. In unserer Freundschaft finde ich einen Trost, der mir jede Schwierigkeiten leichter überwinden, und jeden Kummer ertragen hilft u. s. w.
Dreyzehnter Brief.
S***witz den 12. Aug.
Wenn Sie noch mehr solche schöne Briefe, und solche angenehme Erzählungen nach S**** schreiben, so werden alle meine Freunde anfangen auf mich neidisch zu werden. Wenn Sie nur sehen sollten, mit was für Begierde hier Jedermann Ihre Briefe erwartet, mit wie viel Ungeduld wir uns nach dem Bothen umsehen, der sie uns bringen soll, und wie wenig einer dem andern Zeit lassen will, sie durchzulesen. Sie können glauben, daß ich mir nicht wenig darauf zu Gute thue, daß an mich die Briefe zuerst kommen, und daß ich nicht nur dieses Vergnügen zuerst genieße, sondern es auch alsdann in meiner Macht habe, Gefälligkeiten damit auszutheilen.
In der That, ich würde meine hiesigen Freunde nicht so hoch schätzen, wenn sie das Glück, eine solche Freundin zu besitzen, nicht für beneidenswerth hielten. Meine Mutter insbesondere, die jeder Beweis von der Rechtschaffenheit ihres Sohnes mehr als alles erfreut — (und welcher Beweis könnte stärker seyn, als der, daß er von solchen Freunden ihrer Gewogenheit werth gefunden wird?) meine Mutter ist so sehr von ihren Briefen eingenommen, daß ein Posttag ohne Briefe ihr beynahe schon eben so viel Unruhe macht, als mir selbst. Darf ich es Ihnen wohl erst sagen, daß uns der letzte diese Unruhe gemacht hat? Denn in der That hatten wir Herz genug, drey Tage nach dem Empfang Ihres letzten Briefes schon wieder einen neuen zu erwarten.
Ich habe immer geglaubt, man müsse den Menschen aus den Gegenständen seines Vergnügens kennen lernen. Ich habe Leute gesehen, die in ihren Geschäften vernünftig genug schienen, und die sich doch nach geendigter Arbeit in der elendesten Gesellschaft und durch die abgeschmacktesten Zeitvertreibe erholen konnten. Diese Leute könnte ich nimmermehr zu meinen Freunden machen. Wenn ich aber Jemand, so wie meine Freundin, sich an dem Anblick einer tugendhaften und glücklichen Familie erfreuen sehe; wer durch den Anblick einer zärtlichen und sorgfältigen Mutter, eines gütigen Herrn, liebreicher und gutgearteter Bedienten, kurz eines solchen Hauses, wie Sie mir das Gärtnersche beschreiben, gerührt wird, für dessen Güte bin ich Bürge, und ohne ihn zu kennen, öffnet sich schon mein Herz gegen ihn zu sympathetischen Empfindungen.
Wie gern möchte ich der Rektor von Königsbrück in dem Augenblick gewesen seyn, da Sie ihn in seinem Hause überraschten. Ich habe mich schon oft darüber gefreuet, daß das Schicksal einige unserer Begebenheiten eben so ähnlich gemacht hat, als es unsere Empfindungen sind. Ich weiß, Sie sagten mir einmal, daß Sie von allen Ihren Lehrern wären außerordentlich geliebt worden. Der Besuch in Königsbrück hat mich wieder an dieses Gespräch erinnert. Mein gütiges Schicksal hat mir eben so nachsehende, oder eben so liebreiche Lehrer gegeben. Alle sind meine Freunde gewesen, und haben mich mit einer vorzüglichen Gewogenheit beschenkt. Sie wissen, daß ich jetzt sogar in dem Hause meines Lehrers wohne, der aber noch weit mehr mein Freund ist. —
Von diesem glücklichen Montage, wo Sie vergnügt waren, weil Sie andere vergnügt machten, habe ich Sie mit Freuden wieder zurück an die Stelle begleitet, wo Sie sonst oft von einem andern mehr ungestümen Freunde überfallen wurden, der bey Ihnen alle Mal seine Ruhe und seine Heiterkeit wieder fand, wenn er beydes durch seine eigene Schwäche, oder durch unglückliche Nachrichten von seinen Freunden, verloren hatte.
Die Beschäftigungen der Ehegattin, der Hausfrau, der Mutter haben mir immer die edelsten geschienen, die ein menschliches Geschöpf einnehmen könnten. Sie sind mir aber jetzt noch viel mehr werth, da ich weiß, daß es die Beschäftigungen meiner Freundin sind. Ich stelle sie mir hundert Mal des Tages in jedem dieser Geschäfte vor, und entwerfe mir von ihrem ganzen Leben den schönsten und vortrefflichsten Plan. Von einer Stufe der weiblichen Vollkommenheit zur andern führe ich Ihre Wilhelmine bis zu dem Augenblicke, wo Sie sie einem glücklichen und tugendhaften Manne zuführen, für den Ihre Sorgfalt sie zubereitet hatte. Indeß, daß Sie in dieser Ihrer Erstgebohrnen schon alle Freuden und Belohnungen einer Mutter fühlen, theilen sich noch andere Kleinere in die Sorge und die Arbeiten einer Mutter. So erblicke ich Sie endlich am Ende Ihrer Laufbahn, unter der Gestalt einer ehrwürdigen Shirley, das Haupt und die Krone einer ganzen sich immer mehr ausbreitenden Familie, die durch Dankbarkeit, durch Hochachtung, durch Liebe, durch alles, was die Natur zärtliches hat, an Sie gebunden ist. Wenn denn von einem Winkel der Erde, wo Ihr Freund die Erfüllung seiner Wünsche nur aus der Ferne, aber doch mit der lebhaftesten Bewegung seines schon matt gewordenen Herzens hört, wenn er sich aus diesem Winkel einmal hervorbegiebt, um noch seinen letzten Tagen die Glückseligkeit zu geben, seine Freundin glücklich zu sehen, und sich unter den Haufen ihrer Kinder mischt — und ihre Hand mit den Thränen der Freude und Zärtlichkeit benetzt; — welchen Monarchen würde ich alsdann beneiden?
Sie werden sagen, ich machte Schimären. Aber lassen Sie mich sie immer machen; sie sind oft viel angenehmer als die Wirklichkeiten. Und glücklich müssen Sie doch seyn mit den Gesinnungen und dem Herzen, welches Sie haben; Sie mögen es nun werden, auf was für eine Art Sie wollen. Und ich muß an Ihrer Glückseligkeit Theil nehmen, als Ihr Freund — oder als Ihr Schutzgeist. Denn auch bis dahin führt mich oft meine Einbildungskraft, wenn sie in der gehörigen Mischung von Melancholie und Vergnügen ist. Ich prophezeihe mir ein kurzes Leben, und ich bin sehr damit zufrieden. Ich wäre es noch mehr, wenn ich nur noch zuvor etwas Gutes gethan, und eine Spur von meinem Daseyn zurück gelassen hätte. In allen Fällen werde ich doch nicht glauben, umsonst gelebt zu haben, wenn ich auch nur einen Menschen zurück lasse, den ich besser oder glücklicher gemacht habe. —
Ich habe von Gellerten noch keine Antwort. Unterdessen habe ich ihm den Aufsatz geschickt. Wie gern hätte ich zuvor unsern gemeinschaftlichen Freund zu Rathe gezogen. Ich verwahre die Kopie für ihn, um sein Urtheil noch hintennach zu erfahren. —
Und nun empfehle ich Sie und Ihren geliebten — auch von mir geliebten guten ** der Vorsicht und der Beschützung des Himmels, und trage es diesem freundschaftlichen gütigen Mond auf, der eben jetzt über meinen Gesichtskreis kommt, Sie mit seinen Strahlen zu begrüßen — und Sie an Ihren Freund zu erinnern, wenn Sie ihn unter bessern Freunden vergessen sollten u. s. w.
Vierzehnter Brief.
Breßlau den 26. Aug.
Wenn der Brief in eben dem Augenblicke zu Ihnen kommen könnte, in welchem ich ihn schreibe, wenn ich tausend Empfindungen mit einem Worte ausdrücken, und die ganze Fülle meiner Seele ohne Zeichen, durch eine Art von Inspiration der Ihrigen mittheilen könnte, dann, glaube ich, würde die Ungeduld gestillt werden, mit welcher ich jetzt diesen Brief anfange. Die Zeit, bis er zu Ihnen gelangt, scheint mir unermeßlich; und ich wollte gern, daß Sie es diesen Augenblick wüßten, daß nur der Zufall, nicht Ihr Freund an Ihrer Unruhe schuld gewesen ist; daß er eben dieselbe Unruhe um der nämlichen Ursache willen ausgestanden hat; und daß, so gern er jeden sorgenvollen Augenblick aus Ihrem Leben austilgen wollte, ihm doch diese Ihre Bekümmerniß, mehr als jedes andere Zeichen Ihrer Freundschaft schätzbar und theuer ist.
Ja in der That, l. F., das Schicksal hat sich recht bemühet, unsere Seelen die letzte Woche mit einerley Gedanken und mit eben denselben Bekümmernissen einzunehmen. Ihr Brief, (der, den ich in S**** schon vor acht Tagen erhalten sollte) blieb aus, und ich fand ihn nicht eher, als des Sonntags bey meiner Zurückkunft in B****. Ich weiß nicht, warum Ihre Briefe gerade da am ehesten ausbleiben müssen, wenn ich sie am meisten wünsche. Denken Sie nur, ich trug schon die ganze Woche vorher, aus Ursachen, die ich mir so wenig erklären, als ihre Wirkung aufheben kann, einen gewissen stillen mehr nagenden, als heftig beunruhigenden Verdacht mit mir herum, Sie wären mir nicht mehr so gut, als vordem. Sie wissen, Gründe richten sehr wenig gegen Empfindungen aus. Ich erwartete also Ihren nächsten Brief, um meine Furcht und mein Mißtrauen zu beschämen. Wir konnten den Tag, an welchem Ihre Briefe ankommen, keinen Boten in die Stadt schicken, und diese Briefe (so dachte ich damals) blieben also auf der Post bis den folgenden Tage liegen. Ein sehr unangenehmer Verzug, der aber die Begierde und die Erwartung noch mehr schärfte. Endlich hatten sich die Stunden bis zur Ankunft des Boten langsam und traurig genug fortgeschlichen — und nun kam er ohne Briefe.
Stellen Sie sich selbst vor, was eine Fehlschlagung in einer solchen Verfassung für Wirkungen auf ein Gemüth haben mußte, das dem Ihrigen ähnlich ist. Sie schienen mir blos deswegen nicht geschrieben zu haben, um mir zu sagen, daß ich Recht gehabt hätte mich zu fürchten. Ich bildete mir ein, als hätten Sie in meiner Seele eine Unruhe lesen können, und hätten deswegen geschwiegen, um ihren Grund zu bestätigen. Ich hörte schon auf, mein eigner Freund zu seyn; denn gewiß, ich würde mich selbst für ein nichtswürdiges Geschöpf ansehen, wenn Ihre Freundschaft mir in meinen Augen keinen Werth mehr gäbe.
Die Seele kann in einem so unangenehmen Zustande nicht lange beharren. Er ist, so wie Sie sagen, und so wie meine Erfahrung mich lehrt, ein Stand der Unthätigkeit, der Philosophie unsers Freundes ungeachtet. Sie wankt also eine Zeit lang zwischen Reflexion und Gefühl, zwischen deutlichen Gründen und dunkeln Einbildungen hin und her; sucht eine Menge Beweise, um das nicht zu glauben, was sie scheut, und stürzt sich doch wieder, trotz aller Beweise, in ihre traurige Ueberzeugung zurück. Dieses Mal siegte ich aber doch endlich! denn das war ich gewiß genug, daß Ihre Freundschaft nicht so, wie der meisten Menschen ihre, ohne besondere Ursache nur erkalten kann, blos deswegen, weil die nähern sie immer umgebenden Gegenstände unaufhörlich einen Theil ihrer Wärme rauben, und sie durch diese allmählige Ausdämpfung zuletzt bis zu der ordentlichen Temperatur der Gleichgültigkeit zurückbringen. Aber das wußte ich nicht, daß Sie mich Ihrer Freundschaft immer auf gleiche Art würdig finden würden. Ich habe immer geglaubt, daß die Freundschaft, so wie die Liebe, eine gewisse Art von Verblendung erfordere; nicht eine solche, die die Gestalten verkehrt, sondern die, welche den guten Eigenschaften allein Licht giebt, und die schlechten in Schatten setzt. Wie wäre es nun, wenn Sie diese Verblendung gewahr geworden wären, — wenn Sie anfingen, mich eben so zu sehn, wie mich alle übrige Menschen sehn? — Aber kurz, Sie hatten mir noch keine Veranlassung gegeben, diese Veränderung zu glauben. Ich konnte selbst den Ursprung dieses Gedankens in meiner Seele nicht ausfindig machen. Er erfüllte die Seele so, wie manches falsche Gerücht die Stadt, ohne daß man sagen kann, wer das Ding zuerst erzählt hat. Und konnten endlich Ihre Briefe nicht aus tausend andern Ursachen zurückgehalten werden?
Aber dabey schmeichelte ich mir doch nicht, daß Sie wirklich geschrieben hätten, und es blos Unrichtigkeit der Post wäre, die mir Ihren Brief vorenthielte. Ich verließ S**** des Sonntags, nicht mit so viel Widerstreben, als ich sonst gethan haben würde, wenn ich nicht Ihre Briefe in der Stadt zu erwarten gehabt hätte. Ich fand sie, und in denselben die zärtlichste, gütigste Freundin, die Sie immer waren, dazu gemacht, das Leben nicht bloß Eines Mannes glücklich zu machen.
In der That bedurfte ich dieses Trostes, um nicht allen meinen Muth unter der Menge unangenehmer Zufälle zu verlieren, die auf uns in der Stadt warteten. Meine Mutter kam halb krank nach Hause. Ihr Bruder, der, wie Sie wissen, im Bade gewesen ist, war kurz zuvor durch den Banquerout eines der ansehnlichsten hiesigen Häuser, dem er einen beträchtlichen Theil seines Vermögens anvertraut hatte, zurückgerufen worden. Ein andrer unsrer Freunde, der brave T****, sah durch eben diese Begebenheit eine Summe von 10000 Rthlr. auf vielleicht weit weniger als die Hälfte heruntergesetzt; eine andre Freundin, die Mad. P*** (eine von den wenigen Frauen, die Ihrer Bekanntschaft werth wären), war gefährlich krank, und der Arzt hatte ihr erst vor kurzem die Hoffnung zum Leben wiedergegeben. Meines Onkels jüngste Tochter war es auch. Die allgemeinen Klagen vermischten sich mit der besondern Noth unsrer Familie. Endlich bekam ich Gellerts Brief, und die Nachricht von des Grafen Tode. Mit diesem verschwand alle Aussicht auf künftigen Winter. Die nächsten Monate sogar hüllten sich wieder in Dunkel und Finsterniß ein; — und nirgends, nirgends sahe ich irgend einen Schimmer eines Lichtes, der mich zu meiner Freundin wieder zurückführte.
An die Stelle dieser verschwundenen Hoffnung trat eine Furcht, die ich schon überwunden zu haben glaubte. Während meines Aufenthalts in B*** ist der Prorektor des hiesigen ersten Gymnasiums wegberufen worden. Meine Freunde dachten ganz natürlicher Weise an mich. Ich verzeihe Ihnen den Wunsch, mich hier zu behalten; er entspringt aus einem so gütigen Herzen, daß ich ihn gern mit meinem Wunsche bestätigen wollte, wenn es auf weiter nichts als Vergnügen dabei ankäme. Man redete also viel davon, man erforschte meine Gesinnungen, man ersann sich allerhand Möglichkeiten. Alles das war gut, so lange die Sache noch in einer gewissen Ferne blieb. Ich gestand, so oft die Rede davon war, meine vollkommene Abneigung; und ich gab, wie ich denke, Gründe davon, um ihr nicht den Schein des Eigensinns und des Vorurtheils zu geben. Man hörte endlich, da die Wahl ins Lange gezogen wurde, auf davon zu reden. Heftige Bestrebungen verzehren sich selbst, wenn sie nicht sogleich thätig werden können. Ich erklärte mich ein Mal für alle Mal, daß ich keinen Schritt der Sache entgegen thun würde. Eine ganz freywillige, unveranlaßte Anbietung dieses Amtes würde alsdenn von mir nicht ohne Ueberlegung verworfen werden.
Ich glaubte, daß ich gewiß sehen könnte, daß dies niemals geschehen würde, da der hiesige Magistrat die Maxime hat, den ungestümsten Bittern die Aemter am ersten zu geben, und da die Jahrbücher von B*** noch kein Beyspiel von einem jungen Menschen haben, der, ohne die niedern Stufen des Schuldienstes durchkrochen zu seyn, zu dieser Würde erhoben worden wäre. Mitten unter diesen Sachen reiseten wir aufs Land, mein Onkel ins Bad. Die Briefe Gellerts brachten uns alle diese Gedanken aus dem Sinne, und Leipzig und Dreßden nahmen unsre Aufmerksamkeit so sehr ein, daß wir nicht mehr wußten, ob es einen Prorektor in B*** giebt. Ich kam wieder zurück mit der vollkommensten Sicherheit, daß diese Stelle längst würde besetzt seyn, und daß alles entschieden sey. Kein Mensch dachte wieder daran, bis Gellerts Brief dem Laufe unsrer Vorhersehungen eine neue Richtung gab. Gestern war ich mit meiner Mutter in einer großen und zu meinem Unglück sehr vermischten Gesellschaft. Einer davon, ein Herr von P***, ein Mann, dem große Reichthümer und viele Verbindungen eine Art von Ansehn geben, dem es übrigens weder an Verstande, noch einem gewissen Grade von Empfindung mangelt, zog mich gleich bei seinem Eintritte auf die Seite. — Hören Sie, sagte er, wollen Sie Prorektor seyn? — Die Frage war sehr kurz, und die Antwort schien entscheidend seyn zu müssen. — Ich wiederholte ihm kurz das, was ich allen meinen Freunden schon längst gesagt hatte. — Ich war von Herzen froh, als ich endlich erfuhr, seine Frage bedeutete nichts mehr, als jede andre Frage von der Art; als ein Freund meines Onkels und meiner Mutter hatte er ihre Wünsche vorhergesehn, und wollte es bloß erfahren, ob es auch die meinigen wären.
Unser Gespräch war noch nicht zu Ende, da es von einem Schwarme andrer Leute unterbrochen wurde. Ich hatte bey einem sehr vollen Tische den langweiligsten elendesten Abend von der Welt. Ich dachte fast an nichts, als an den Kontrast dieser Gesellschaft, und der kleinen an Ihrem Tische, in der ich so viele Stunden unter dem heitersten Vergnügen verlor. — Nur einen einzigen solchen Abend, l. F., und ich wäre auf einen Monat zufrieden u. s. w.
Funfzehnter Brief.
B***, den 9. Septbr.
Unerachtet mich meine Reise gehindert hat, an der besondern Lustbarkeit dieses Tages Theil zu nehmen, so bin ich nichts desto weniger bey Ihnen gewesen, so wie ich es alle Tage bin. Und vielleicht war es ein gewisser geheimer Einfluß, den Ihre Seelen auf die meinige hatten, der mich diesen Tag (es war der letzte, den ich in M*** zubrachte), beynahe vergnügter machte, als ich die ganze übrige Zeit gewesen war. —
Eine Grille, die mir Schwedenborg, und sein Kommentator, M. Kant, in den Kopf gesetzt hat, kann ich mir noch nicht ausreden. — So geht es; Sätze, die uns lieb sind, nimmt man gar zu leicht für Wahrheiten an, und das Sicherste, was ein Philosoph thun kann, um uns von seinen Hypothesen zu überzeugen, ist, daß er den Wunsch in uns erregt, daß sie wahr wären. — Aber zur Sache selbst.
Schwedenborg sagt, das Verhältniß, das die Geister gegen einander haben, und welches ihren Ort ausmacht, ist von dem Orte, den ihre Körper einnehmen, durchaus unterschieden. Die Geister machen zusammen eine Welt für sich aus, und die Körper, die ihren Stand bestimmen, in so fern sie durch Empfindungen denken, und ihre Begriffe aus dem sinnlichen Gebiete herholen, schränken sie doch nicht im mindesten ein, in so fern sie Geister sind. — So ist es also möglich, daß zwey Geister ganz dicht aneinander stoßen, deren Körper hundert Meilen weit von einander entfernt sind. Zwischen beyden kann der vertrauteste Umgang seyn, der aber niemals zum Bewußtseyn kommt, — als bey gewissen auserwählten Seelen, denen, wie Schwedenborg sehr deutlich sich ausdrückt, das Innere geöffnet ist; — oder bey außerordentlichen Gelegenheiten, wo der hellere Glanz der Empfindungen, der sonst alle andere Ideen auslöscht, so sehr verdunkelt wird mit sammt dem ganzen Gefolge von Erinnerungen und Phantasien, daß jene geistigen Eindrücke sich aus dem Grunde der Seele herausheben. Durch dieses Mittel will Schwedenborg alle die wunderbaren Dinge gewußt haben, durch die er in den Ruf des größten Narren und des größten Wahrsagers unsrer Zeit gekommen ist. —
Aber kurz und gut, die Theorie gefällt mir, und ich dächte also, daß sie wahr wäre. Meine Seele würde nichts so sehr wünschen, als um alle die von ihr geliebten und mit ihr verwandten Seelen so nahe zu seyn, daß sie die Einflüsse derselben empfangen, und auf sie wieder Eindrücke machen könnte. Der Körper ist bisher zu der Erreichung dieses Wunsches ein beschwerliches Hinderniß gewesen, jede Vereinigung forderte immer eine vorhergegangene Trennung, und Freunde wiederzusehen und von Freunden geschieden zu seyn, waren immer zwey unzertrennliche Sachen. Aber nun, die Theorie Schwedenborgs einmal festgesetzt, wer hindert mich, meine Seele an den Ort hinzubringen, wo es ihr am besten gefällt, und um sie herum alle die Geister zu pflanzen, deren Gemeinschaft so oft ihren Wunsch und ihre Sehnsucht erregt hat? Lassen Sie mich also 50 Meilen, und — was sind diese? lassen Sie mich um halbe Erddiameter von Ihnen entfernt seyn, — und doch soll meine Seele von der Ihrigen nicht um ein Haar breit weiter kommen. Denken Sie, wenn unsre sterblichen Augen den himmlischen Anblick ertragen könnten, was es wäre, diese Gesellschaft von Geistern bey einander zu sehn; erst die unsrigen, wie sie unsichtbare Begriffe von einander annehmen und sich mittheilen, Begriffe, die erst in künftigen Epoquen unsers Daseyns uns selbst bekannt werden sollen; wie sie sich vielleicht einander aufklären, reinigen, bessern, und ohne unser Wissen schon die Glückseligkeit künftiger Zeitalter verbreiten; — alsdann die Seelen unsrer liebsten Freunde, Ihres Gemahls, meiner Mutter, unsers Reizes, — und dann, wenn irgendwo in der Welt eine Julie oder eine Schirley lebt, — ein reizendes Mädchen, deren Schönheit die Ankündigung von Verstand und Unschuld ist, — eine zärtliche Ehegattin, deren geschäftiger Fleiß, — so wie der Ihrige, — den Abend eines mühsamen Tages ihrem Manne und ihrem Freunde mit stiller und unschuldiger Fröhlichkeit krönt, — eine ehrwürdige Mutter, der ein neues Geschlecht seine Tugend und seine Glückseligkeit dankt, — diese alle bey uns, unsre Vertrauten, schon vorbereitet, uns künftig, wenn wir einander erkennen werden, zu lieben, und das Vergnügen einer Gemeinschaft zu fühlen, die hier nur bloß unsre Reflexion beschäftigte.
Sie sehen, ich bin in Gefahr, vielleicht ein eben so großer Schwärmer zu werden, als Schwedenborg selbst. Und in der That ist ein Traum, der uns vergnügt macht, hundert Mal besser, als eine Wahrheit, die uns Kummer verursacht.
Ueber ihr Gedicht und noch mehr über dessen Mittheilung bin ich von Herzen vergnügt gewesen. Die zwey letzten Strophen haben mir am meisten gefallen, vielleicht weil Sie darin an mich denken. —
Ich hätte Ihnen noch so viel zu sagen, als auf diesem Blatte und auf zehn andern nicht Raum hätte. Aber ich bin einmal schon des Mißvergnügens gewohnt, meine Briefe da schließen zu müssen, wo sich meine Unterredung mit Ihnen erst recht anfangen sollte. Die Ideen drängen sich so in meinem Kopfe zusammen, sobald ich die Feder ansetze, an Sie zu schreiben, daß sich endlich eine aus dem Haufen hervordrängt, — nicht die die vornehmste und wichtigste gewesen wäre, sondern die sich am schnellsten der Seele und meiner Feder bemächtigen konnte. — Aber das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß ich von Gellerten, seit dem letzten, der mir des Grafen Tod ankündigte, keine Briefe habe, und daß ich ohne Vorschläge von ihm, — wenig Mittel sehe, diesen Winter mit Ihnen zuzubringen u. s. w.
Sechzehnter Brief.
Lassen Sie mich Sie immer heute zu einer ungewöhnlichen Zeit überfallen. Ungelegen kann es Ihnen doch nicht seyn (so zuversichtlich hat mich schon Ihre Freundschaft gemacht). Mein Herz ist zu voll; und ich weiß schon, eher wird es nicht ruhig, bis es sich ganz in das Ihrige ausgegossen hat. Wie sehr empfinde ich heute das Glück, eine Freundin zu haben, die meinen Schmerz gern mit mir theilt, und lieber mit mir trauert, als allein fröhlich ist. Aber erschrecken Sie nur nicht über diesen Anfang. Es ist nur Mitleiden, nicht eignes Unglück, das diese unruhige Bewegung in mir hervorbringt — aber Mitleiden, das auf seinen höchsten Grad gestiegen ist, und beynahe zu eignem Gefühl wird. —
Ich war gestern von meiner Reise den Augenblick angekommen, als man mir sagte, meine Mutter wäre in dem Krankenzimmer einer Freundin, und sie würde den Abend dort zubringen. — Ich habe Ihnen schon mehrmals das P***sche Haus genannt, als eine von den Familien, die mit der unsrigen am genauesten verbunden ist und von mir am meisten hochgeschätzt wird. In der That besteht sie beynahe aus lauter hochachtungswürdigen Personen. Das Haupt der Familie, der alte Herr P***, ehemals ein sehr angesehener Kaufmann, war noch außerdem, — was selten Kaufleute sind — ein empfindlicher und zärtlicher Ehemann, ein dienstfertiger Freund, ein gütiger Vater, und ein durch Erfahrung und vielfache Kenntnisse angenehmer Gesellschafter. Seine Frau, unsre Anverwandte, — die Krone ihres Hauses, und beynahe auch des unsrigen, ist von der Natur und durch ihren Fleiß recht dazu ausgerüstet, Glückliche zu erfreuen, und die Unglücklichen zu trösten. Ein starker und beynahe männlicher Verstand, der nur durch eine beständige Uebung, nicht durch Unterricht ausgebildet ist; eine Gegenwart des Geistes, die selbst durch ihre zarte Empfindsamkeit niemals geschwächt wird; ein gewisses Feuer und eine Thätigkeit andern Dienste zu leisten, die die Schwierigkeiten überwindet, wovor die andern nur erschrecken; ein freundschaftliches Herz, das seine Befriedigung im Gutes thun findet, und eine gewisse Art von Mangel fühlt, so bald es sich zu Niemandes Besten beschäftigen soll; und dieses alles war zu ihrer glücklichen Zeit mit einer beständigen Heiterkeit der Seele, und mit so viel Lebhaftigkeit verbunden, daß sie gemeiniglich die Seele der Gesellschaft wurde, in der sie sich befand.
Herr P**** hatte von seiner erstern Ehe eine Tochter, die schon ziemlich erwachsen war, als er sich mit unsrer Freundin vermählte, und die einige Jahre darauf den Halbbruder ihrer Stiefmutter heyrathete. Die Frau ***, so heißt diese würdige Frau, hatte von der Natur nicht so viel vorzügliche Gaben, aber dafür eine gewisse Sanftmuth und Stille in ihrem Charakter, eine tiefe und mehr durchdringende als lebhafte Empfindlichkeit, und ein so kindliches, gutes, freundschaftliches Herz bekommen, daß sie die vertrauteste Freundin und die ehrerbietigste Tochter ihrer Eltern zugleich war. Ihre Seele war der Seele ihrer neuen Mutter, oder vielmehr ihrer Schwester (denn so liebten sie sich, und so ist ihr Betragen gegen einander noch bis auf den heutigen Tag) nicht ähnlich, aber sie war dazu gemacht, dieselbe auszufüllen, und mit ihr ein Ganzes auszumachen. Ihr Gemahl, der Frau P**** Bruder, den sie schon vor drey Jahren durch eine grausame Krankheit verlor, hatte vielleicht unter allen die wenigsten Talente, aber er besaß ein so durchaus gutes Herz, er liebte seine Frau und seine Schwester so innigst, und er räumte ihre Vorzüge über ihn so gern ein, daß man ihm bloß um seiner Ehrlichkeit willen gut wurde. Und so wie er war, wurde er auch wieder von seiner Frau, die sonst vielleicht zu einem scheinbarern Glück Hoffnung gehabt hätte, so geliebt, als wenn er der vollkommenste aller Männer gewesen wäre. Von diesem ihrem Manne hatte sie zwey Kinder, einen Sohn und eine Tochter, deren Geburt nun erst alle Hoffnungen des Großvaters und alle Wünsche der gesammten Familie erfüllte.
Beyde Familien wohnten in Einem Hause, aßen an demselben Tische, liebten sich alle unter einander mit einer Zärtlichkeit ohne Beyspiel, und machten das Bild einer einträchtigen und glücklichen Familie aus. Wenn die Geschäfte des Tages sie von einander entfernt hatten, so kamen sie doch gewiß am Abend alle zusammen, ihre lieben Kleinen mit; und dann genossen sie in einer beneidenswerthen Ruhe alle Freuden des häuslichen Lebens, die einzige Glückseligkeit des Menschen, wenn anders Menschen glücklich seyn können. Ihre äußern Umstände störten diesen Genuß eben so wenig. Ihr Vermögen war weit mehr als hinlänglich, ihrer Freunde waren viel; — und wenn es, um ein Gut zu genießen, nothwendig ist, daß andre wissen, daß wir es haben; so war die allgemeine Hochachtung für sie eine Bestätigung ihrer Glückseligkeit und ihrer Verdienste.
Und diese ganze Familie, dieser ganze kleine Kreis von tugendhaften und glücklichen Freunden, liebe Freundin, ist jetzo nur noch fähig, Mitleiden zu erregen; — das ganze Gebäude ihrer häuslichen Glückseligkeit ist durch eine Reihe auf einander folgender Unglücksfälle zerstört; jede Wurzel des Vergnügens ausgerottet, und fast hat selbst die Zukunft für sie nichts mehr als Schrecken. Der Tod des Herrn B***, der vor drey Jahren zu eben der Zeit erfolgte, als ich hier meine Mutter besuchte, war der Anfang und gleichsam die Ankündigung davon. Dieser Tod war so schmerzhaft, und mit so traurigen Umständen begleitet, daß er auf das Gemüth aller einen sehr tiefen Eindruck machte — auf das Gemüth seiner Gattin aber einen immerwährenden. Diese schon von Natur furchtsame und schüchterne Frau wurde durch den Verlust ihres Mannes beynahe zu Boden gedrückt. Nur die Gesellschaft und die Zärtlichkeit ihrer Mutter, der Frau P****, und die Sorgfalt für die Erziehung der beyden liebenswürdigen Kinder, in denen sie die Liebe der Mutter und der Gattin vereinigte, nur diese hatten sie bisher erhalten, und ihr nach und nach den Muth und die Freudigkeit wiedergegeben, ohne die das Leben eine Last ist.
Eine andere glückliche Begebenheit schien die Freude wieder in dieses Haus zurückführen zu wollen. Eine Tochter der Frau P****, von einer erstern Ehe, ihrer Mutter bey weitem nicht gleich, aber doch auch ihrer nicht ganz unwürdig, heyrathete den Hrn. Z****, der lange Zeit im Felde Dienste geleistet hatte, ein Liebling der Vornehmsten der Armee und selbst des Königs gewesen war, und die glücklichsten Aussichten vor sich hatte. Ein Mann von vielem Verstande, von einer wahrhaft guten Lebensart, und der, wenn er noch nicht die richtigsten Grundsätze hatte, doch fähig war, sie anzunehmen. Er war damals ***, und wurde bald darauf ****, welches eines der ansehnlichsten Aemter in unserm Lande ist, und unmittelbar auf den geheimen Rath folgt. Dieser Mann liebte seine Frau, ob sie gleich weder ihm an Gaben gleich, noch seinen Erwartungen und Wünschen gemäß war. Aber vielleicht liebte er sie noch mehr um ihrer Mutter als um ihrer selbst willen; und beynahe glaube ich, daß noch bis auf diese Stunde die Hochachtung, die er für seine Schwiegermutter hat, die Liebe gegen seine Frau erhält.
Diese Verbindung, die ihrer Familie ein neues so würdiges Glied gab, wurde kurz darauf die Quelle mehr als eines Jahres voll Kummer und Angst. Z**** empfand, nachdem er zur Ruhe kam, die Folgen der Ermüdungen des Krieges. Er fiel in dem ersten Jahre seines Ehestandes in eine gefährliche Gliederkrankheit, die ihn zuerst mit den grausamsten Schmerzen angriff, und alle Augenblicke seinen Tod drohte, bald darauf ihn des völligen Gebrauchs aller seiner Glieder beraubte, und ihn ganz hülflos der unaufhörlichen Pflege und Wartung seiner Freunde selbst in seinen kleinsten Bedürfnissen benöthigt machte. Diese Krankheit ist endlich, nachdem sie sechs Vierteljahre das ganze Haus in einer beständigen Abwechselung von Furcht und von Betrübniß erhalten hat, durch eine sehr beschwerliche Kur, und durch den Gebrauch mannigfaltiger Bäder gehoben worden. Sie wissen, daß er nur erst neulich mit meinem Onkel im Bade gewesen ist. —
Aber dieses war noch nicht der einzige Kummer. — Die unglücklichen Umstände unsers Landes haben die Handlung des Herrn P*** sehr geschwächt; — aber noch würden sie ihnen wenig Schaden gethan haben, wenn sie nicht auch zugleich den Kopf dieses würdigen Alten geschwächt hätten. Dieser sonst so lebhafte und geschäftige Mann, der die Thätigkeit selbst war, sich immer herzhaft entschloß und klug ausführte, dieser versinkt in seinem Alter, von Kummer und Sorgen niedergedrückt, in eine völlige Unempfindlichkeit. Seine Gemüthskräfte erlöschen; seine Seele, die durch so viele und starke Eindrücke zu heftig erschüttert worden, nimmt jetzo gar keine mehr an, oder alle verlöschen augenblicklich auf dem Grunde, der schon völlig von den vergangenen Ideen eingenommen ist. So ist er für seine Familie und seine Freunde schon todt, ob er gleich sich noch unter ihnen bewegt; und seine Gattin, die sonst von ihm Ansehn und Ehre erhielt, ist jetzo kaum mit aller ihrer Klugheit und der zärtlichsten Sorgfalt vermögend, ihn vor der Verachtung der Fremden, und selbst vor der Geringschätzung seiner Freunde zu schützen. Denken Sie sich nun seine Tochter, die noch immer dieselbe kindliche, ehrerbietige Zärtlichkeit für ihn hat, und denken Sie, was es einem Herzen, wie das ihrige, kosten muß, ihn alle seine schätzbaren Eigenschaften verlieren zu sehn. —
Noch war ein einziger Trost für dieses Haus übrig, aber ein sehr großer, und der vielen Leiden das Gegengewicht halten konnte; — der Trost, zwey hoffnungsvolle und liebenswürdige Kinder in ihrem Schooße aufwachsen zu sehen, die die Verdienste, und, wenn es möglich wäre, die ehemalige Glückseligkeit ihrer Eltern erneuerten. — Und nun liegt das jüngste davon, ein Knabe von ungefähr acht Jahren, die unschuldigste, sanftmüthigste, geduldigste Seele, das Bild und der Liebling seiner Mutter — und ringt mit dem Tode.
Bey seinem Bette fand ich meine Mutter. Ich bin niemals von einem Anblicke so gerührt, so durchdrungen worden. Die Krankheit des Kindes ist die allerschmerzhafteste und grausamste, glaube ich, die ich jemals gesehn habe: die allerentsetzlichsten Kopfschmerzen, die, wie der Arzt muthmaßt, aus einer Beschädigung des Gehirns entstehen, und schon vier Tage und Nächte ohne den geringsten Nachlaß fortdauern. Sie pressen dem armen liebenswürdigen Knaben, der alles, alles sonst mit der größesten Gelassenheit erträgt, und selbst jetzo die schmerzhaftesten Operationen ohne Murren mit sich vornehmen läßt, ein Geschrey aus, das mir bis in das Innerste der Seele geht. — O Gott, wer muß der Unmensch seyn, der die Stimme des Schmerzes ertragen kann, wenn er selbst der Urheber davon ist! — Mein Herz wird davon zerrissen! — Und dann in dem Augenblicke einer kleinen Linderung ihn mit einer ängstlichen Zärtlichkeit nach seiner Mutter rufen zu hören, diese vor seinem Bette knien zu sehen, und dann ihn, wie er seine kleinen Arme um sie herumschlingt, sie fest an sich drückt, und dann mit einer gewissen dringenden Heftigkeit sie seiner Liebe versichert, — dann mitten unter diesen Liebkosungen, von dem Schmerz überwunden, auf einmal in das kläglichste Geschrey ausbricht, und das zu ganzen Nächten fortsetzt — Gott, kaum kann ich den Gedanken davon ertragen. — Heute ist der Schmerz schon Herr über sein Bewußtseyn, und er kennt nicht mehr seine Mutter. —
Liebste Freundin, werden Sie mir es wohl vergeben, daß ich Sie mit so traurigen Gegenständen unterhalte? Aber mir wird meine Noth leichter, wenn ich denke, Sie wissen sie und nehmen daran Theil.
N. S. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen erhielt ich auch einen sehr freundschaftlichen Brief von Herrn Weise. Eine kleine Anekdote, die er mir von Meinhardten erzählt, kann ich Ihnen unmöglich verschweigen. Bey seiner Abreise von Leipzig fragte ihn der Post-Commissar Gellert: Ob er nicht einige günstige Aussichten hätte? O ja, sagte er, die glücklichste Aussicht von der Welt — die Aussicht auf mein Grab.
Siebenzehnter Brief.
Den 16. September.
Der Kleine, dessen Leiden ich Ihnen schilderte, hat sich gebessert. Er ist keines menschlichen Leidens mehr fähig. — Für den tugendhaften Mann und für den Christen ist der Tod wenig; aber für den Menschen ist der Schmerz immer etwas sehr Großes. Neulich war mein ganzes Mitleid für das Kind selbst, jetzo ist es nur noch für seine Mutter. Ich will Ihnen nicht ihren Schmerz beschreiben, um nicht den Ihrigen rege zu machen. Sie wissen, was es heißt, Mutter seyn. — Aber einen andern Verlust muß ich Ihnen erzählen, der nicht so schmerzhaft, — aber doch für uns empfindlich ist; noch dazu einen Verlust, der die ganze Begierde, zu Ihnen zu kommen, bey mir wieder rege macht, da er mir die vortrefflichste Gelegenheit dazu verschafft hätte. Denken Sie nur, ich hätte in Gesellschaft eines Tralles zu Ihnen kommen können, ich hätte Sie gesehn, Sie hätten einen unsrer besten Freunde gesehn, die Hochachtung, die ich für meine Freundin habe, hätte sich noch eines rechtschaffenen Herzens bemeistert, und — Aber hören Sie erst die Geschichte.
Tralles als einen Arzt kennen Sie, glaube ich. Aber das müssen Sie noch wissen, daß er beynahe der würdigste Gelehrte und der beste Gesellschafter in B**** ist. Diese Titel werden Sie, denke ich, noch nicht so aufmerksam machen, (welche Eigenliebe!) als wenn ich Ihnen sage, daß er der älteste Freund unsers Hauses, daß er fast der einzige recht vertraute Freund meines Onkels ist, — daß seine erste Frau die beste und die einzige Freundin war, die meiner Mutter ihr ganzes Herz besessen hat. Dieser Mann, der neulich nach Warschau als Leibarzt kommen sollte, und es aus Liebe zu seinen Freunden ausschlug, hat jetzt einen andern Antrag, der just in einer so unglücklichen Epoque kommen muß, da sich B**** bey ihm durch einen ansehnlichen Verlust, den er durch die Betrügerey eines Freundes leidet, verhaßt gemacht hat, daß er fast geneigt ist, ihn anzunehmen. Die Fürstin von Gotha verlangt ihn zu ihrem Beystande bey ihrer jetzigen schwachen Gesundheit, — und wünscht ihn als Leibarzt zu behalten. Er kam eben von einer Reise wieder, als er einen Brief von dem Gothaischen Hofe fand, wo man ihn unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen, die man einem Menschen geben kann, einladet, noch diesen Herbst nach Gotha zu kommen, seine Familie mitzubringen, — und den Winter dort zu bleiben. Es sollte alsdann von seiner Wahl und von dem Grade von Zufriedenheit abhängen, den er mit dem dasigen Aufenthalte, und der Art von Aufnahme, die er erhalten hätte, haben würde, ob er nach Breßlau zurückkehren oder bey ihnen sein Leben beschließen würde. Denn er ist schon sechszig Jahr. — Er ist nun entschlossen, die Reise zu thun, ob er gleich ihren Erfolg noch nicht vorhersieht. Seine jetzige Frau wird ihn mit ihrem kleinen Sohne begleiten. Von zwey Töchtern aus der ersten Ehe ist die eine verheyrathet, und kann also ihrem Vater nicht folgen, die andre will zum Beystand ihrer Schwester zurückbleiben.
Dieser D. Tralles nun reist auf den Sonnabend ab, — und reist über Leipzig. — Was würde ich nicht darum gegeben haben, so einen Gesellschafter zu finden; und wie sehr gütig war nicht seine Anerbietung. — Wenn ich mitführe, sagte er, so wollte er wechselsweise auf dem Kutschersitze fahren, wenn er keinen andern Platz hätte. Demungeachtet bleibe ich hier, — verliere einen Freund, den ich noch hatte, und komme zu denen nicht, die ich entbehrte. —
Ich sinne schon die ganze Zeit, seitdem ich diese Reise weiß, auf Mittel, den D. Tralles Ihnen oder Ihrem lieben Gatten vorzustellen. Ich schmeichle mir, Sie würden einen Mann nicht ungern sehen, der erst vor wenig Tagen aus unserm Hause kommt, der uns alle kennt, der unser Freund ist, — und der es verdient, auch der Ihrige zu seyn. Aber ich gestehe es, ich begreife noch nicht, wie die Sache zu machen ist. Er bleibt nur einen halben Tag und über Nacht in Leipzig. — Er will Gellerten besuchen, an den ich heute schreibe, und bey dem ich ihn anmelde. — Er ist ein Anverwandter von ***. Man erwartet ihn in diesem Hause, und man wird ihn ohne Zweifel dahin ziehn. — Wo mir recht ist, so ist diese ***sche Familie nicht eben im Besitz einer sehr großen Achtung. Ich kenne sie nur vom Parterre aus; aber von da sah mir die Tochter sehr einfältig und eitel — ihre Mutter stolz und ein bischen verbuhlt aus. — Zum Glück hat Tralles eine Gabe, die uns allen beyden fehlt, — sich die Narren ganz gut gefallen zu lassen. Er wird aus der Gesellschaft der vernünftigsten Leute in die Versammlung der Thoren übergehn, ohne von seiner guten Laune etwas einzubüßen.
Im Vorbeygehen, — Sie hätten meine Fehler nicht besser treffen können; — fast eben dieselben, die mir meine Mutter so oft vorwirft. Sie gesteht mir, daß sie noch so ziemlich mit mir zufrieden ist, wenn ich bey ihr oder bey gewissen Personen bin (und das sind noch dazu sehr wenig), die mir gefallen; aber daß ich der unerträglichste Mensch wäre unter einer Gesellschaft, die mir mißfiele. In der That verliere ich unter Leuten von einer gewissen Art nicht bloß meine Lustigkeit, sondern auch meinen gesunden Verstand; ich denke nicht mehr, ich vegetire nur. — Aber wieder zu unserm Tralles zurück!
Nach dem Plane seiner Reise, den er erst gestern Abend in einer Gesellschaft entwarf, bey der ich gegenwärtig war, wird er erst auf den Sonnabend über acht Tage in Leipzig ankommen. Seine Frau und sein Kind nöthigen ihn, langsamer zu gehen. Bis dahin kann ich Ihnen also noch einmal schreiben. — Aber nun meine eigne Rückreise zu Ihnen! —
Meine Mutter mag es Ihnen sagen, ob es mir leicht wird, diese aufzuschieben. In der That sehne ich mich zuweilen nach einer einzigen Viertelstunde, die ich mit Ihnen zubringen könnte, — mit einer solchen Ungeduld, die im Stande wäre, mich zu Ihnen zu führen, wenn unsre Begierden uns Kräfte gäben. — Aber meine Mutter wünscht meine Gegenwart; sie hält sie zu ihrer Gesundheit auf diesen Winter für nothwendig; sie thut alles, was sie kann, und sie würde noch mehr thun, um den Winter hindurch von einer andern Seite meinem Studiren gewisse Beförderungen zu verschaffen, die ich von der einen verliere. — Mein Freund hat seine Gedanken recht aus meiner Seele herausgenommen, — eben dieselben Vorstellungen, fast mit eben den Worten, mit welchen ich sie schon manchmal meiner Mutter gemacht habe. Bücher, Muße, Lehrer, das würde ich hier vielleicht alles haben, — aber Freunde, die mich aufmuntern, die mich in einer beständigen Bewegung erhalten, deren Seele, mit der meinigen gleich gestimmt, jeder von ihren Gedanken entspräche, und ihnen gleichsam zur Geburt hülfe — die fehlen mir durchaus.
Meine Mutter sehnt sich bald so sehr nach Ihnen, als ich selbst. Ihr Brief hatte sie ganz aufgeheitert. O Freundschaft und kindliche Liebe, deinen geheiligten Banden sey meine ganze Seele gewidmet! — — Aber was wäre die Freundschaft ohne Tugend, und was die Tugend ohne Aufopferungen? u. s. w.
Achtzehnter Brief.
Den 23. September.
Ich werde heute einen langen Brief schreiben, das sehe ich voraus. Ich habe wenig Zeit dazu, ich werde ihn also geschwind und schlecht schreiben. Sie werden ihn also nicht lesen können, und ich werde ihn umsonst geschrieben haben. Aber das schadet nichts. Für die Mühe, die es mich kostet, einen Brief an Sie zu schreiben, bin ich schon belohnt, wenn er geschrieben ist. Meine Seele, die sich jeden Tag mit Ihnen, — und mit Niemanden lieber beschäftigt, — heftet sich doch niemals so ganz, so lange, so ununterbrochen auf meine Freundin, als während dem ich an sie schreibe. Allen fremden Gedanken, jedem unwillkommenen Besuche ist in dieser Zeit der Zutritt versagt — und ich bin so völlig mit meiner ganzen Seele bey Ihnen, als ich es war, wenn ich des Abends an Ihrem Fenster (wenn der Mond und die Nachtigall Ihres Nachbars die ruhige Heiterkeit und die harmonischen, aber simpeln Bewegungen unsrer Seele abbildeten) der Freundschaft genoß, — und einen Augenblick lang, in dem ich die Sorge für die Zukunft und selbst den Wunsch nach derselben vergaß, sagen konnte: Nun bin ich glücklich!
Wenn es Ihnen ganz gleichgültig wäre, daß ich nicht nach Leipzig komme, — so wüßte ich nicht, was mir schwerer seyn würde, als der Winter hier in Breßlau. Die Freundschaft ist, wie ich sehe, auch grausam. Sie will das Recht, den Freund vergnügt und glücklich zu machen, so ganz allein, so ausschließungsweise haben, daß er beynahe darüber murrt, wenn er es ohne sie seyn könnte. Ich habe es immer den Dichtern übel genommen, wenn sie ihre Verliebten so eigennützig machen, daß sie ihre Geliebte mit weniger Schmerz sterben, als in den Armen eines Andern leben und glücklich seyn sehen. — Aber ich merke nun schon, daß unsre edelsten Neigungen immer so eigennützig seyn müssen. Die Liebe ist eine Leidenschaft. Die Freundschaft ist nur eine Gesinnung. Ihre Wirkungen sind nur in den Graden unterschieden, — in ihrer Natur eben dieselben. — Wenn es einen Menschen gäbe, der Ihnen meine Stelle so vollkommen ersetzte (verzeihen Sie mir einen Stolz, den Sie mich gelehrt haben), daß Sie, ohne Wunsch nach meiner Zurückkunft, mich an jedem Orte der Welt gleich gern sähen: diesem Menschen würde ich nicht gut seyn können. — Ich vermehre nun in meinen Gedanken diese Empfindung bis zu der Stärke, die der Leidenschaft der Liebe proportionirt ist, und ich sehe es ein, daß der Dichter das menschliche Herz besser versteht, als der Philosoph; — und daß, so göttlich Plato auch seyn mag, Shakspeare doch mehr von der Liebe weiß, als er. Sie haben doch wohl Romeo und Juillet gesehn? Nun wohl! Glauben Sie nicht, daß Juillet ihren Romeo lieber vernichtet, als untreu sehen würde? — Aber davon genug, und vielleicht schon zu viel, wenn ich es mit dem vergleiche, was ich noch zu sagen habe.
Tralles, unser guter Tralles, ist mit seiner Frau und seinem Kinde am Sonnabend fort. — Aber er hat keinen Brief an Sie mit. Zuerst, weil es hier sogar gefährlich ist, einem Reisenden andre als offne Briefe, oder solche, die er öffnen kann, mitzugeben. Ein neues Edikt setzt auf diese Vervortheilung der Posten mehr als 100 Rthlr. Strafe. Zum zweyten, weil ich meine Absicht, Sie und den D. Tralles zusammen zu bringen, doch nicht würde erreicht haben. Er hätte Ihnen den Brief zugeschickt, oder seine Frau hätte Ihnen Visite gemacht, — oder Ihr lieber Gatte wäre zu dem D. Tralles gegangen. — Kurz, ich sehe nicht, wie Sie eigentlich mit ihm in Bekanntschaft gekommen wären. Endlich will er nur über Nacht in Leipzig bleiben. Ich glaube, es wird nichts daraus werden, dem ungeachtet wollte er doch, — und nach diesem Entschlusse nahm er hier seine Maßregeln. Nun hat er Verwandte in Leipzig, wie Sie schon wissen. Gellert, dem er von vielen Seiten empfohlen ist, wird ihn aufhalten. — Ludwig ist sein alter Schulfreund und sein Korrespondent. Die Zeit wird also selbst für seine alten Bekanntschaften zu kurz seyn. — Und doch wollte ich — ich weiß nicht wie viel dafür geben, wenn Sie ihn sähen, oder Ihr lieber Mann, — oder wenn er Sie sähe. — Er wird im blauen Engel wohnen. — Schon dachte ich, ob Sie ihn vielleicht über eine wirkliche oder erdichtete Krankheit von sich oder Ihrem Kinde zu Rathe ziehen wollten; dieses würde immer für ihn schmeichelhaft, aber doch ein bischen seltsam seyn. Dann dachte ich wieder, ob Ihr Mann nicht den Tag zu Gellerten gehn könnte. — Alles das dachte ich, und doch bin ich noch nicht auf das gekommen, was mir gefällt und genug thut. — Der einzige Trost ist, — er will auf dem Rückwege (denn zurückkommen wird er gewiß) länger in Leipzig verweilen, — und alsdenn bin ich entweder schon bey Ihnen, oder ich schreibe durch Sie an Tralles. —
Von Kaufleuten, die nach Leipzig gingen (Kaufleute meine ich, nicht Krämer), weiß ich keinen, als Herrn ****, und der geht noch dazu mit seiner Frau. Sie sind beyde — eben nicht Freunde — aber Bekannte von uns. Und die Frau ist noch dazu, — oder war wenigstens als Jungfer — eines unsrer schönsten Gesichter. Der Mann ist wohlhabend, und hat den besten Garten um B***. Für die Meisten ist dies Verdienst genug, seine Bekanntschaft sehr angelegentlich zu suchen. Für Sie und mich ist es wenig. Ueberdieß geht er schon morgen ab. Mein Brief also, den ich heute abschicke, kommt eher an, als er, — und was brauche ich erst auf Gelegenheiten zu warten, an Sie zu schreiben, so lange die Posten richtig gehen?
Sie verlangen von mir mein Tagebuch? — Nichts in der Welt wünschte ich mehr, als daß Sie alle meine Handlungen wüßten, meine ganze Aufführung unter jeden Umständen, bey jeglicher Veranlassung sähen, — daß Sie die Aufseherin meines Herzens seyn könnten, und durch Ihren gütigen Beyfall das Wahre und das Gute bestätigten, — und durch Ihren liebreichen Tadel meine Vorurtheile und meine Schwachheiten besiegen hülfen. — Aber wie kann eine kurze, unvollständige, trockne, oft Ihnen vielleicht langweilige Erzählung diese Absichten erreichen? — Dem ungeachtet sollen Sie so viel wissen, als ich zu sagen vermag. Keinen treuern Geschichtschreiber sollten Sie je gesehen haben, als ich es von mir selbst seyn wollte. Nur vergeßlicher, mangelhafter....
Ich weiß nun selbst nicht mehr, was ich mir noch alles für Schimpfnamen geben wollte. Man rufte mich ab, — und nun, in den zwey Minuten, die mir noch übrig sind, habe ich was bessers zu thun, als auf mich zu schelten.
Meine Lebensart also zuerst, — wäre noch so ziemlich, wenn ich weniger faul, weniger zu einer anhaltenden Arbeit ungeschickt, weniger unruhig, und wegen meiner künftigen Aussichten ein bischen scharfsichtiger wäre. Ich stehe spät auf, — ob ich mir es gleich am Abende alle Mal vornehme, früh aufzustehn. — Die Theestunde bleibt immer noch die goldne Stunde des Tages. Ich, meine Mutter und meine Muhme, ein jedes durch den Schlaf erfrischt, und durch keine Arbeit noch entkräftet, bringt seine erste noch nicht vernutzte Munterkeit in die Gesellschaft. Während des Thees lese ich vor. Neulich hatten wir den Hausvater und den natürlichen Sohn, — jetzo ist es der Hypochondrist. Der Schriftsteller wird bewundert, — und der Vorleser bekommt auch etwas von dem Dank, oder nimmt sich wenigstens selbst seinen Theil davon, ohne erst daran erinnert zu werden.
Der übrige Morgen wäre nun dazu, etwas zu arbeiten, — wenn ich jetzt oft zum Arbeiten aufgelegt wäre. Wenn ich es bin, so arbeite ich jetzo für Herrn Weisen, in seiner Bibliothek. Essen und Kaffee ist wieder die gesellschaftliche Stunde. Ich spiele auf dem Klaviere, ich liege im Fenster, ich schwatze, ich höre, ich lese vor, eins ums andre, manchmal alles zugleich, zuweilen nichts von allem. Zwey oder drey Stunden sind auf die Art leicht hinweg geschwärmt. Sonntags sind öfter Freunde bey uns, als andre Tage. Den vergangenen machte ich eine neue Bekanntschaft. Der junge Herr v. **** besuchte mich mit seinem Schwager, dem H*** ***. Der erste war von seiner Familie zum Kaufmann bestimmt, von seinen Neigungen zum Studiren; und seine Talente sind wenigstens nicht wider diese Neigung. Er hat großes Geld, — schafft sich also eine prächtige Bibliothek, liest viel, hat prächtige Instrumente und Musikalien, spielt gut auf dem Flügel, und macht seine Person, die von Natur nicht sonderlich einnehmend ist, durch seine Mühe und durch seinen Fleiß wenigstens hochachtungswürdig. —
Ordentlicher Weise gehe ich des Abends von fünf Uhr an spatzieren. — Ganz allein; und welche Gesellschaft könnte mir auch angenehmer seyn, als die, die ich mir alsdann aus allen vier Gegenden der Welt zusammen hole? Shakspeare sagt: Die Welt ist nur eine Werkeltagswelt, wo alle Sachen, gar nicht so, wie wir wünschen, und wie wir es einrichten würden, sondern ihren gewöhnlichen alltäglichen Lauf kommen, sie mögen nun dadurch unsern Wünschen in die Queere kommen, oder nicht. — Um also diesem Mangel abzuhelfen, schaffe ich mir alsdann auf meine Hand eine andre, eine Feyertagswelt. In dieser Welt ist Ihr Mann kein Advokat mehr, seine Arbeiten unterhalten ihn nur, aber sie nehmen ihn nicht ganz ein, — er lebt für den Staat nützlich, aber doch immer für seine Gattin mehr, als für seine Klienten, — in dieser Welt sind Ihre Stunden alle heiter, alle voll Hoffnung, daß die künftige Stunde die gegenwärtige an Glückseligkeit noch übertreffen werde. In dieser Welt schreibt mein guter Reiz keine Register mehr; endlich in dieser bin ich bey Ihnen, — ich bin Ihr Bruder; meine Mutter ist Ihre Mutter, wir machen alle nur eine Familie aus.
Aber nun muß ich Sie nur schon wieder sicher zu unsrer Welt zurückbringen. — Denken Sie nur, ein ganz neuer Auftritt. Heute früh, eben in dem Augenblicke, da ich Ihren Brief schreiben will, schreibt der Kriegsrath von Klöber, der ehemalige Hofmeister des ersten Sohns vom Minister ****, mir einen französischen Brief. — Der jüngste Sohn des Ministers soll jetzo nach Halle gehn. — Er schlägt mir vor, ich sollte die Stelle als Hofmeister bey ihm annehmen. Zweyhundert Thaler Gehalt; ein Engagement auf zwey Jahre; Hoffnung zu Reisen, und die Versicherung befördert zu werden. — Was meinen Sie, daß ich gethan habe? Ich mußte noch denselben Morgen antworten. Die Sache war dringend. Ich schicke Ihnen meine Antwort mit. Leben Sie wohl u. s. w.
Neunzehnter Brief.
Den 30. September.
Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, hatten Sie meinen Brief noch nicht empfangen oder noch nicht gelesen, als Sie den Ihrigen schrieben. In der That habe ich es mir schon vorgeworfen, daß meine Briefe immer so lang und so übel geschrieben sind. Ich würde es Ihnen für übel halten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, sie bis ans Ende zu entziffern. Um es Ihnen also etwas leichter zu machen, und Ihnen doch dabey nicht ganz unbekannt zu werden, werde ich Ihnen von nun an nichts als Geschichte schreiben. Bringt der Himmel uns wieder zusammen, so werden wir Zeit genug haben, Betrachtungen anzustellen. —
Wenn Sie also nun jetzo meinen vorigen Brief gelesen hätten, so wüßten Sie, daß es noch nicht so ganz gewiß ist, ob ich in Breßlau diesen Winter bleibe. Herr v. Klöber, bey dem ich gestern wieder gewesen bin, schreibt heute noch ein Mal an den Minister; und die Antwort, die wir künftigen Sonntag, erwarten, wird die Sache entscheiden. — Klöber hatte, wie er mir sagte, nicht sowohl zur Absicht, mir selbst diese Hofmeisterstelle vorzuschlagen, als durch mich Jemanden kennen zu lernen, der dazu tüchtig wäre. — Er vermuthete, daß ich schon andre gewissere Aussichten hätte, und daß ich das Reisen zu einer nothwendigen Bedingung machen würde, das doch bey dem Sohne des Ministers noch ungewiß wäre. — Ich sagte ihm, daß der Entschluß zu meiner künftigen Lebensart ziemlich fest, aber der Weg, den ich dazu wählen wollte, noch gar nicht so bestimmt wäre; daß meine größte Sorge sey, der Charakter des jungen Herrn oder seine Denkungsart könne vielleicht nicht genug mit der meinigen übereinstimmen, um die Art von Freundschaft und Vertraulichkeit zu errichten, die zu einer glücklichen Ausführung meines Geschäfts unumgänglich wäre; daß endlich mir der Aufenthalt auf einer Akademie noch weit lieber seyn würde, wenn ich während desselben schon Vorbereitungen und Uebungen auf meine künftige Lebensart anstellen könnte. Bey allen diesen meinen Antworten müssen Sie daran denken, daß ich es mit dem Minister von *** zu thun hatte, dessen Gewogenheit mir in jeder Verfassung von Gewicht seyn würde. — Ich will Ihnen nicht erst sagen, was mir Klöber antwortete. Er war außerordentlich gütig in der Beurtheilung meiner Fähigkeit zu einem solchen Posten, — er erzählte mir sein eigen Beispiel, — endlich versprach er, noch ein Mal an den Minister zu schreiben, und das, was ich wünschte, ihm vorzutragen. —
Wenn Sie diesen v. Klöber kennten, so würden sie einen rechtschaffenen Mann, einen Mann von Grundsätzen, von Geschmack und von einer großen Belesenheit an ihm finden. Er ist sehr lange gereiset. Er spricht alle drey moderne Sprachen gut. Er kennt die Litteratur von jeder; aber für die Engländer ist er enthusiastisch. Sie sollten ihn von Shakspeare reden hören!
Aber was machen Sie denn, beste beste Freundin? warum lassen Sie mir denn nichts von diesen Ihren Geschäften, von Ihren häuslichen Unruhen, von Ihren Bekümmernissen, von Ihren Vergnügen wissen? Warum wollen Sie mir denn so ganz fremd werden? — Warum mit mir eine so allgemeine Sprache, die dem Kompliment so ähnlich sieht? Sie sagen mir wohl, daß Sie mir noch gut seyn, — aber bald möchte ich daran zweifeln, da Sie mich so wenig Ihres Vertrauens würdigen. — Wie wohl, ich bin heute ohne dieß unruhig. Vielleicht giebt mein Gesicht den Gegenständen die finstre Farbe, in der sie mir erscheinen. Ich habe endlich eine lange, verdrießliche Arbeit geendigt. Ich schicke heute ein ganzes Packt an Herrn Weisen. Von Gellerten habe ich Briefe, die mich ermahnen, hier zu bleiben. — Haben Sie nichts von Tralles gesehen? — Leben Sie wohl u. s. w.
Zwanzigster Brief.
Recht! liebe Freundin, von den Eindrücken am Morgen hängt das Vergnügen oder der Verdruß des ganzen Tages ab. Ich folge Ihren Regeln und ahme Ihrem Beispiele nach, — und der erste meiner Gedanken ist heute für Sie. Warum kann ich doch den Gang dieses Briefes nicht beschleunigen, oder warum habe ich Ihnen nicht eher geschrieben, um Ihnen geschwind genug zu sagen, wie richtig Sie gemuthmaßt haben. Ja, ja, tausend Mal hat es mich gereuet, daß ich diesen Brief geschrieben hatte. Nicht, als wenn es nicht einerley Empfindungen der Freundschaft wären, die mir ihn damals eingaben, und die jetzt machen, daß er mich reut. Aber diese Empfindungen hatten sich den Tag so wunderlich mit einer Menge verdrießlicher Vorstellungen vermischt, daß Sie selbst diese Gestalt annahmen und unter einer so fremden Miene beynahe unkenntlich wurden. — Ich hasse argwöhnische Freunde; ihre Zärtlichkeit besteht bloß in dem Verdrusse, den sie leiden oder den sie verursachen. Aber dem ungeachtet — eine gewisse Art von Besorgniß begleitet die Zärtlichkeit, und es kann Gelegenheiten geben, wo sie wirklich in Argwohn ausbricht. — So fürchtet Niemand die Verachtung mehr, als der die Hochachtung wünscht, und der beständige Verdacht, gering geschätzt zu werden, ist ein sicheres Zeichen des Stolzes.
„Ja, dachte ich, sie ist wohl noch meine Freundin, aber nicht mehr so zärtlich, so feurig, als ehemals; sie nimmt nicht mehr an meinen Angelegenheiten Theil; sie läßt mich nichts mehr von den ihrigen wissen. — Wer weiß, sind nicht diese gütigen Gesinnungen, von denen sie mich versichert, ein bloßer zurückgebliebener Schimmer von dem Feuer ehemaliger Empfindungen? Und warum, thörichter Mensch, warum sollte sie dich auch mit dem hohen Grade von Freundschaft lieben? Welche Verdienste hast du um sie, was für Dienste hast du ihr geleistet, was für Beweise von deiner Freundschaft ihr gegeben? Nein, nein! sie kann nicht ohne Ursache lieben; die Natur will, daß Empfindungen, die auf einer bloßen Verblendung beruhten, mit ihr zugleich aufhören. Die Einbildung schmückt zuweilen einen Gegenstand weit über seinen Werth aus, und leiht ihm alle die schönen glänzenden Farben, durch die er uns gefällt; — aber dieser Schmuck fällt ab, die Farben verlöschen und der Verstand kommt zuletzt und zerstört die ganze Bezauberung. Ja! Abwesenheit und neue Eindrücke haben ihre Wirkung gethan, — und vielleicht, was ich, was sie selbst noch für Zärtlichkeit hält, ist nichts als die Erinnerung, daß sie ehemals zärtlich gegen mich gewesen ist.“
Stellen Sie sich nun meine Seele vor, die durch finstre Irrgänge von melancholischen Betrachtungen bis auf diesen Punkt gekommen war, und dann bewundern Sie die Gelassenheit, mit der ich meinen letzten Brief schrieb. — Die Seele bleibt nicht lange in einem Zustande des Mißvergnügens, den sie sich selbst verursacht hat. Die Einbildungskraft nimmt bald wieder einen andern Weg; die Vernunft kehrt sich die lichtere Seite des Gegenstandes zu, — und dann wundert man sich über die feste Gewißheit, mit der man vor wenig Augenblicken Sachen glaubte, die man jetzt für unmöglich hält.
„Nein, — so fing meine Seele an, sich wieder zu erheben — nein, die Freundschaft kann in einer edlen Seele niemals ohne Grund entstehen; — und wenn sie einmal die Vernunft gebilligt hat — kann sie alsdann in derselben erlöschen? Diese falsche Demuth, mit der du dich selbst erniedrigst, würde das Urtheil und die Wahl deiner Freundin verunehren. Ja, du hast Verdienste um sie: die Begierde, ihr alle mögliche Dienste zu leisten; ein Herz, welches sich fähig fühlt, um ihretwillen große Schwierigkeiten zu überwinden; ein Gefühl, welches mit dem ihrigen übereinstimmend und darauf gerichtet ist, sie, und wenn es möglich ist, mit ihr gemeinschaftlich alle Menschen glücklich zu machen; — dieß sind die einzigen Verdienste, die die Freundschaft verlangt, und mit denen sie sich beruhigt. — Und nun, dieses festgesetzt, warum sollte dich ein Brief beunruhigen, der an sich voll von Gütigkeit, — nur deswegen dir nicht genug thut, weil er deinen Erwartungen nicht entspricht? Du erwartetest von ihr Rath, Beyfall, Ermunterung; du erhieltest dafür nur Versicherungen ihrer Freundschaft und ihres Wunsches, dich wieder zu sehn. Würden diese dich nicht in einer jeden andern Gemüthsverfassung, nur nicht in der, in welcher du warst, zufrieden gestellt haben? — Und du hast ihr einen Brief schreiben können, der, wenn sie wirklich das wäre, was du argwöhnst, sie unwillig machen; und wenn sie das ist, was du wünschest, sie kränken muß.“ —
Wie hätte ich in diesem Augenblicke den mit Vergnügen empfangen, der mir diesen Brief wieder gebracht hätte! — Sehen Sie, so bin ich gestraft worden, noch ehe Sie es wünschen konnten, daß ich gestraft würde. — Aber da ich nicht das Ganze rechtfertigen kann, so muß ich wenigstens einen Theil entschuldigen, — wenigstens den Theil, wo ich wünschte, mehr von Ihren Umständen zu wissen. — In der That ist das, was ich dabey dachte, was ich mir noch jetzo dabey denke, nur dunkel, und es wird mir schwer, es auszudrücken, — aber doch empfinde ich, daß es etwas Wirkliches ist. — Sehen Sie, mitten unter diesen angenehmen Kreis von Vergnügen und Beschäftigungen, die Ihre unschuldigen Tage ausfüllen, stehlen sich nicht oft kleine Gelegenheiten und Ursachen zur Bekümmerniß, zur Sorge, zur Betrübniß, zur Freude, zur Hoffnung? Kleine vorübergehende Wolken, die unsern Himmel auf eine kurze Zeit verfinstern; unvorhergesehene kleine Stürme, die uns von dem ordentlichen Laufe unsers Lebens auf einige Augenblicke verschlagen; — dann wieder auf einmal ein lächelndes, schönes Ufer, eine unerwartete Aussicht, die die Krümmung des Stroms, auf dem wir fuhren, uns verborgen gehalten hatte. — So sehe ich Sie vielleicht den einen Tag, bey einer kleinen Blässe, die Sie auf dem Gesichte Ihrer Wilhelmine bemerken, oder bey einer kleinen Verminderung ihrer gewöhnlichen Munterkeit, — in eine ganze Reihe von sorgsamen und traurigen Betrachtungen gerathen, die selbst die Vergnügungen dieses Tages mit einem gewissen Nebel überziehn; und dann schweben dunkle Bilder, wie die eines schwermüthigen Traums, auf dem Grunde der Seele. Den andern empfing Sie vielleicht Ihre liebe Tochter mit einem freudigen Lächeln, vielleicht erwiederte sie auf eine mehr als gewöhnliche Art Ihre mütterliche Zärtlichkeit, und zeigte Ihnen von fern die Belohnungen Ihrer Sorgfalt, in den süßen Ergießungen einer kindlichen Dankbarkeit; vielleicht blickten durch ihre Bewegungen oder durch ihre noch unartikulirte Sprache die ersten Strahlen der aufgehenden Vernunft; — und dieser Eindruck stimmte die Seele für diesen Tag zu lauter angenehmen Bewegungen; — dann wieder eine zärtlichere Liebkosung von Ihrem Gemahl; ein unerwartetes Merkmal von der Hochachtung eines Freundes; — eine auffallende und mit Ihren Ideen recht übereinstimmende Betrachtung eines Ihrer Schriftsteller; eine glücklich ausgeführte Arbeit, — ein vollbrachtes Werk des Wohlthuns und der Menschenliebe: — auf der andern Seite eine kaltsinnigere oder eine zerstreutere Miene auf dem Gesichte Ihres Mannes; eine kleine Uneinigkeit in Ihren Meinungen; selbst das Mißvergnügen über eine Handlung, die man wünschte ändern zu können, weil sie unsern Absichten und unserm Plane nicht vollkommen gemäß gewesen ist; — alles das ist es, was ich oft von Ihnen zu wissen wünschte, — und wobey sich mein ganzes Herz bewegen würde, wenn ich es von Ihnen hörte. — O Freundschaft, wenn deine geheiligten Bande zwey tugendhafte Seelen so mit einander verbinden, daß alle Empfindungen und Gedanken der einen in die andre übergehen, — dann verdoppeln sich ihre Kräfte, Gutes zu thun; ihre tugendhaften Regungen werden zu Entschlüssen; ihre Fehler werden ihre Lehrer; und jede fliegt mit der zusammengesetzten Kraft und Geschwindigkeit von beyden ihrem großen Ziele zu. Mein Herz ist zu voll. Ich kann nicht mehr schreiben. —
Ich habe Zeit gehabt, mich von meinem Enthusiasmus wieder zu erholen. Die älteste Tochter des D. Tralles ist den Augenblick bey uns gewesen, und hat einen Brief von ihm aus Leipzig gebracht. Er hat bey O... gewohnt. Professor Gellert hat ihn mit einer ungemeinen Freundschaft aufgenommen; er hat ihm selbst wieder in dem O...schen Hause die Gegenvisite gemacht. D. Ludwig hat seinen alten Freund erkannt, — und alle haben sich um die Wette bestrebt, ihm seinen kurzen Aufenthalt angenehm zu machen. Er ist mit Leipzig und seinen Einwohnern so wohl zufrieden, daß er ihnen beynahe auf unsre Unkosten Lobsprüche macht, und sie ehrt, indem er seine Breßlauischen Freunde herunter setzt. Mir ist bey dieser Begebenheit vorzüglich lieb, daß er mit der Aufnahme Gellerts vergnügt gewesen ist. Ich habe dadurch ein kleines Verdienst um Tralles, und einen Beweis von der Gewogenheit Gellerts.
Aber daß ich von Klöber noch keine Antwort habe, daß ich noch immer in derselben Ungewißheit bin, in der ich meinen letzten Brief schrieb; daß ich gestern, da nach Klöbers Vermuthung die entscheidende Antwort vom Minister (der auf seinen Gütern ist) kommen sollte, gar nichts, weder von ihm noch dem Minister, gehört habe: alles das ist mir höchst verdrießlich, und bringt meine Seele in eine gewisse ungeduldige Bewegung, die sie zu wenig Sachen geschickt läßt. — Ich erhalte aber vielleicht noch diese Woche die Antwort — und dann will ich — nicht zur Strafe — sondern zum Ersatz der unruhigen Stunden, die mich Ihr und mein neulicher Brief gekostet hat, Ihnen auf den Sonnabend schreiben. Alsdann sollen Sie zugleich etwas von meiner jetzigen Lektüre hören. Denken Sie nur, ich lese die Fairy Queen von Spencer, einem Dichter, ohne den Milton vielleicht nicht gewesen seyn würde. — Ich habe nicht geglaubt, ihn in Breßlau zu bekommen; aber es sind einige sehr vollständige Englische Bibliotheken hier. Leben Sie wohl u. s. w.
Ein und zwanzigster Brief.
Den 4. Oktober.