Am Glück vorbei
Roman
von
Clara Sudermann
Peter J. Oestergaard Verlag
Berlin-Schöneberg
Alle Rechte einschließlich Übersetzung, Dramatisierung und Verfilmung vorbehalten
Erschienen in der »Wiener Mode« unter dem Titel »Die Siegerin«
Copyright 1920 by Dr. P. Langenscheidt, Berlin
Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.
Der Oberförster Hagedorn war von einer mehrtägigen Inspektionsfahrt durch Wälder, die er außeramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem gemacht.
Über dem großen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die Hängelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee, den Fräulein Perl, des Hauses getreue Hüterin, zu brühen begonnen hatte, duftete. Die Windstöße, die gegen die Holzläden dröhnten, der Regen, der klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbäume jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberförster, seine Tochter Maggie und Fräulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem Verständnis dieser Wohlgeborgenheit und störten nur hier und da durch ein Wort die gemütliche Stille.
Der Oberförster lag müde und breit in seinem Großvaterstuhl. Sein verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel Behagen, und der Teckel »Max«, der sich auf seinem Schoß zusammengerollt hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde freundschaftlich geknufft und gestreichelt.
Sein Zwillingsbruder »Moritz« hatte es nicht so gut. Maggie, in einem niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Füßen auf, zauste ihn an den Ohren, küßte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.
»Komm mal her, Gretel!« rief dann der Vater hinüber. »Heut' spendier ich mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?«
Maggie sprang auf. Sie war mittelgroß, voll und geschmeidig, hatte ein warmgetöntes, klares Gesicht mit großen, grauen Augen und eine Fülle dunkel aschblonden Haares.
Der Vater sah sie wohlgefällig an und nickte mehrmals in Gedanken.
Maggie lachte hell.
»Wen hast du denn wieder für mich aufgestöbert, Papa?« fragte sie übermütig. »Wie ist er denn? Klug – dumm, hübsch – häßlich? Natürlich reich, – aber wo?«
Der Oberförster machte ein verdrießliches Gesicht und sah nach Fräulein Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.
»Aber Maggie! Wie kannst du nur ...« sagte diese wie auf Stichwort.
Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und rückte mit ihrem Schemel zu dem Vater.
»Du weißt ja schon lange, daß ich dir über den Kopf gewachsen bin, Papachen!« sagte sie. »Also keine Feindschaft, und erzähle ... Warum machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem liebenswürdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere häßliche Zweite, als ob sie die schöne Älteste wäre, – warum?«
»Na, mein Döchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den Seckersdorf.«
»Ah ...« Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt durcheinander: »Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben, wollte er Tromitten selbst übernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen künftigen Reichtum an? Hatte er Gertrud erwähnt?«
»Still! Still! Still ...« rief der Oberförster in das Gefrage. »Er ist ein netter anständiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und brauchen können wir ja so einen Extrazuschuß immer!«
Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still saß, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Härte an, der zu den weichen, rosigen, an das Flämische erinnernden Formen einen auffälligen Gegensatz bildete.
»Er kommt also wohl her?« fragte sie. »Das hätte einer ahnen sollen, damals, als ihr so empört auf ihn und die arme Gertrud wart. Was für ein gräßliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, daß er ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen Mannes wurde.«
»Werden soll, Maggie!« verbesserte Fräulein Perl. »Mit der Trude ging's doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...«
»Ich nicht die Kaution!« fiel der Oberförster kurz ein. »Und der Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schließlich auch der Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben hätte.«
»So?« fragte Maggie aufhorchend. »Ich denke, es hieß damals, der Onkel wäre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschläge machtest.«
»Ach!« Der Oberförster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein Zeichen, daß ihm nicht behaglich war. »Was weißt du! Du warst ja noch ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verständig aufgefaßt und braucht's nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das Kind hat's doch wie eine Fürstin.«
Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.
»Oder findet ihr etwa nicht?« rief der Oberförster heftig.
»Ruhig, Papachen!« sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine knochige. »Wenn nicht, wir können's nicht ändern. Aber alles in allem, der Seckersdorf wär' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo er so reich ist.«
Der Oberförster lachte.
»Wenn du nur ein bißchen Grips hast, Mädel, und nicht bloß immer die große Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig ist eine ganz schöne Zahl für ein Mädchen.«
»Recht hast du,« stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. »Wollen uns die Sache mal überlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage Gertrud vor. Was mir an Schönheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und die Geschichte wird sich schon machen.«
Der Oberförster sah sie mißtrauisch und unzufrieden an.
»Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,« sagte er. »Mit der Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. Übrigens ist der Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzählte das so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich bloß besser mit dem Kerl, dem Kurowski stellen könnte! Man ist ja wie abgeschnitten von dem Kind. Jeder Fremde weiß mehr.«
Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.
»Das wird schon alles besser werden, Papa,« tröstete das Mädchen. »Wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzähle lieber, wie war's sonst in Graventhin? Wieder großartiges Diner? Und schlecht serviert?«
Der Oberförster erzählte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte Grüße, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bißchen Klatsch. In Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althöfer hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein großes Sektfrühstück gegeben. Wie war's nur möglich, daß die Leute da noch fröhlich mitzechten? Maggie warf ein, das wäre das Klügste, was sie tun könnten, sie wünschte nur, es käme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem Zusammenbruch, denn so nett wäre es nirgends.
Und so ging das Gespräch weiter. Der Regen strömte heftiger, der Wind heulte. Fräulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und spielten mit den Hunden.
Da knirschte draußen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben die Köpfe. Der Oberförster sprang auf.
»Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt ihr!«
Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mädchen, das die Tür öffnete, drängten sich zwei blondköpfige Jungen herein, stürmten auf ihn los und hängten sich an ihn.
»Großpapa! Großpapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!«
Der Oberförster hob einen nach dem andern verdutzt in die Höhe.
»Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?«
Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel begrüßen, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.
»Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!«
Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ältere preßte ihren Kopf fest gegen den Hals der jüngeren. Dann küßte sie den Vater und Fräulein Perl.
Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen großen Streit gehabt hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.
Sie war sehr schlank, einen halben Kopf größer als die Schwester. Aus einem sehr regelmäßigen schönen Gesichte sahen graue, sanfte Augen schüchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten schimmernden, weißblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die sich in die Formen äußerster Einfachheit zu hüllen liebt, ging von ihr aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schloß knapp an den schlanken, schönen Körper und knisterte, wenn sie sich bewegte.
»Wie blaß du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?«
Sie nickte. »Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen.«
Fräulein Perl führte die Jungen in das Eßzimmer.
Der Oberförster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die Tochter.
»Hoffentlich kommst du mir nicht ...«
Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still, musterte sie aber mit mißtrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre herabhängende Hand und küßte sie.
»Ja, Papa!« sagte Gertrud. »Du mußt mich mit den Kindern schon bei dir behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm bleiben.«
»So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht? Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine ähnliche Untat begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski weiß Gott nicht grün. Aber daß meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof läuft, sagt: Ich kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!«
Er lief hin und her. »Was war denn los?« polterte er endlich und blieb vor ihr stehen.
Sie weinte.
»Heul' nicht ... erzähl'!« sagte er ungeduldig.
Da nahm Maggie sie in die Arme.
»Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann muß was Großes passiert sein. Quäle sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!« Sie streichelte das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. »Sieh sie doch an. Ist das denn menschenmöglich? Bist du krank? Was hat er dir getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmählich heraus, lehne dich an und weine – weine, das wird dir gut tun.«
Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre Schultern.
»Laßt mich hierbleiben ... laßt mich hierbleiben. Papa, ich bin doch deine Älteste ... du hast mich doch lieb ... laß mich hierbleiben!«
Der Oberförster schlürfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben und kläfften die Hunde.
»Was hat er dir getan?« fragte der Vater und legte seine große Hand auf das kleine weißblonde Köpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und schmiegte sich in seinen Arm.
»Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wäre so schlecht, so häßlich und so untauglich, wie er immer sagt, und da wär' nun nichts mehr zu ändern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen können, aber fortgelaufen wäre ich doch nicht. Ich weiß ja ... die Kinder ... und der Skandal! Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, daß ich ihn schamlos betrogen habe und ihn von neuem betrügen wollte. Da hab' ich mir's über Nacht überlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge gegangen.«
»Drei Stunden! In diesem Wetter!« fluchte der Oberförster.
»Die Jungen sind abgehärtet und gut zu Fuß. Dann, in Friesstein, fand ich Fuhrwerk hierher.«
Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberförster schüttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er schob sie einfach von sich.
»Wir sprechen morgen mehr darüber!« sagte er. »Die Sache werd' ich wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verlaß dich. Vorläufig nehm' ich an, daß du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...«
Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.
»... ein paar Tage, sag' ich,« fuhr der Alte fort, »besuchst, wie sich's gehört. Und dann werden wir weiter sehen. Weiß er, daß du hier bist?«
»Ich habe einen Brief zurückgelassen.«
»Na, da haben wir also zu erwarten, daß er mit Trara hier anrückt und dich und die Jungens zurückholt.«
»Glaub' das nicht,« sagte Gertrud. »Er wird froh sein, daß er allein bleibt ... Vorläufig ... bis ...«
»Donnerwetter!« murrte der Oberförster.
Maggie sprühte vor Empörung über den Widerstand des Vaters.
»Na,« sagte der dann einlenkend, »wir werden sehen. Reg' dich jetzt nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!«
Die Knaben, an die Fräulein Perl großmütterliche Ansprüche machte, lagen in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor Jubel und Aufregung nicht einschlafen.
Gertrud und Maggie, die nach gequältem, unpersönlichem Gespräche sich nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die Mutter küßte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen. Maggie zog sie fort.
»Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tränen fallen. Komm, wir sind ja jetzt für uns, da kannst du dich hübsch ausklagen.«
Sie traten in die geräumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in der es früher gestanden hatte, für sie hergerichtet.
Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hörte auf zu weinen.
»Du, was hast du mit unserer hübschen Stube gemacht?« fragte sie.
»Den Plunder hinausgeworfen,« sagte Maggie vergnügt. »Die Kattungardinen und Mullvorhänge, die Makartsträuße, na alles. Nur die Puffs hier, dein glänzender Einfall, die höchst eigenhändig gepolsterten Bierfäßchen, die sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafür ist dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an deinem Bette der Gobelin. Hübsch, was?«
»Nein,« sagte Gertrud energisch. »Früher war's ein hübsches, luftiges Nestchen mit all dem unschuldigen Mädchenausputz; jetzt kommt es mir wie eine leere Trödelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?«
»Alles weg. Als ich – wann war's doch? – Februar oder März zuletzt bei euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah – sie ist einfach herrlich, wie überhaupt alles in Laukischken, ich weiß gar nicht, wie du es hier aushalten wirst – ja, also, wie ich da nach Hause kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles Billige und Unechte abgerissen.«
Gertrud sah sie aus großen Augen an.
»Neidisch, Maggie?« fragte sie. »Lieber Gott!«
»Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, daß man so was haben kann, und daß ich es nicht habe, das ärgert mich. Und bis ich so weit bin, will ich lieber kahl und einfach hausen.«
Gertrud schüttelte den Kopf.
»Du,« sagte Maggie lebhaft, »unterschätze das nicht, was du so leicht aufgeben willst. Es hängt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und weiß Gott, was noch alles.«
»Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,« sagte Gertrud bittend. »Und heute hilfst du mir ja doch ein bißchen, nicht wahr?«
Maggie umarmte sie stürmisch und stand ihr mit zitternden Händen bei. Als sie das prachtvolle Haar löste, das weißschimmernd über die Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.
Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten sie sich auf eines der schmalen Mädchenbetten und hielten sich umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und sagten, nun wäre es wie früher.
Dann fuhr Maggie auf. »Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schönheit hin? Du hast ja Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und doch erst achtundzwanzig Jahre!«
Gertrud lächelte traurig. »Das ist ja sein Ärger auch beständig, daß ich so häßlich werde,« sagte sie. »Mir ist's gleichgültig; das heißt, nein –« Sie weinte wieder bitterlich.
»Ach, du bist ja doch noch immer die Schönste von allen,« tröstete Maggie. »Und dir fehlt ja nichts als ein bißchen Glück, meine arme, arme Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes Herz.«
Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann verklagt hatte, schwächte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck, wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.
Aber in diesen rührend abgebrochenen Sätzen lag ihre ganze Geschichte.
Maggie sah dabei förmlich den Schwager mit seinem spöttischen Lebemannsgesicht, hörte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er heiß und angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud etwas von Gewalt murmelte.
»Geschlagen? ... Dich?«
»Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wäre ...«
»Trude, weshalb bist du nicht längst fortgelaufen?«
Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um die Schultern und sah mit ihren großen, traurigen Augen so hilflos um sich, daß Maggies Herz vor Trauer und Empörung schwoll.
»Komm zu Bett,« sagte sie. »Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und nehme deine Hand, mein armes Kind. Weißt du, wie du früher tatst, wenn ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ... komm.«
Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mütterlicher Sorgfalt zu Bette.
Gertrud ließ sich alles gefallen und sagte, das täte gut. Wenn sie nur bleiben dürfte! Bei Maggie wäre ihr wohl, da hätte sie keine Angst.
Maggie dehnte den prachtvollen, üppig schlanken Leib. »Es sollte auch mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Für dich setze ich alles ein, was ich übrig behalte, wenn ich für mich gesorgt habe.«
Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. »Warum sagst du so was?«
»Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich muß immer zuerst an mich denken, und was für mich am bequemsten und besten wäre. Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So zerbrechlich und so schön und gut.«
»Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,« weinte die junge Frau.
Maggie löschte die Lampe und setzte sich zu ihr.
»Nun wollen wir mal vernünftig reden, Kind!« sagte sie. »Sei still, erzähle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen ist.«
Aus dem Schluchzen und den unverständlichen Worten klang ein Name voll heraus: »Seckersdorf«.
Maggie fuhr zusammen. »Hast du ihn noch immer lieb?« fragte sie leise.
»Gott bewahre! Nein, nein, nein!« sagte Gertrud heftig. »Aber wir trafen neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, daß er hier ist. Und wir saßen bei Tisch zusammen.«
»Und da hat er dir den Hof gemacht?«
»Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und traurig.«
»Und was sagte er?«
»Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich hätte mich lächerlich gemacht, und jeder Mensch hätte sehen können, daß ich mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich möchte lieber tot sein, als das tun.«
»Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?«
»Oh, er war maßlos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.«
»Doch, doch!« sagte Maggie. »Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt würde, oder sehr reich wäre und leben könnte, wie man wollte, ich wäre die Letzte, die ans Heiraten dächte. Übrigens mit deinem liebenswürdigen Manne möcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind. Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?«
»Nein!« sagte Gertrud. »Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut. Weißt du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so gräßliche Angst, weil ich weiß, daß 'er' wieder da ist. Und wie die Quälereien nun fortgingen, da ...«
Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergänzte sich alles, was die Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurück, in der Gertrud hier Nacht für Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen zugegeben hatte, daß sie sich vor ihrem Bräutigam fürchte, daß sie am liebsten vor der Hochzeit sterben möchte.
Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das überaus interessant vorgekommen, aber schließlich selbstverständlich. Die unglückliche Liebe zu dem blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte die schöne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Daß dann nichts daraus wurde, daß der reiche, verwöhnte, vornehme Laukischker Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tränen nahm, das hatte ihrem Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie später dann die Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stück des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schöne, weißhaarige Gertrud und ihr brünetter, kraftvoller Mann allen Wünschen jungmädchenhafter Romantik entsprachen.
Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr über die wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wußte sie, daß Gertrud tief unglücklich, daß ihr Leben ein verfehltes war, daß man eine Sünde begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rüden Kurowski hineingeredet hatte.
Aber wie war dieses Hineinreden möglich gewesen? Sie selbst, das wußte sie, würde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn über alles »Gernhaben« hinaus würde sie immer zu allererst nach einer Stellung streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedürftige Gertrud, die niemals rechnete, wie hatte die sich durch äußeren Glanz bestechen lassen können?
»Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch lieb!« fragte sie nach dem langen Schweigen.
Gertrud legte den Kopf auf ihren Schoß. »Ach liebes Kind, das kam alles so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ... Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.«
Maggie schüttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wußte, sie hätte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.
»Sage mal, Gertrud,« die Frage schoß ihr durch den Kopf, »wußte eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?«
»Natürlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube übrigens, daß alle Welt es wußte. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit, dachte ich, ich wäre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf gesprochen hatte.«
»O weh, o weh!« sagte Maggie. »Das hätt' ich schon nie getan. Was wird der sich daraus zurechtgemacht haben?«
»Ach, nein,« sagte Gertrud. »Er weiß ja, daß ich aufrichtig bin.«
»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie das mit Seckersdorf kam, – wie ihr auseinandergingt.«
Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud als Heldin.
Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte. Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das seinesgleichen in der Welt nicht fand.
Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer, Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt – jung, zum Verwechseln gleich. Was kümmerte sie das jetzt?
Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.
In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben, der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende aller Verhandlungen – das Ende ihres Glückes.
In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte Laukischken gekauft.
»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend. »Überall hat er gesagt, er müsse mich bekommen, und Hans mußte still dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich 'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte: 'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken. Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?«
»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa, erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ... und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!«
»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und, Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich selbst nicht.«
»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu schlafen. Und morgen überlegen wir alles.«
Sie küßte die Schwester und ging zu Bett.
Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie ferne Meeresbrandung.
»Trude!« sagte Maggie plötzlich.
»Ja?«
»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder zusammenkommen.«
»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt.
»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank, etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich werden.«
»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten, auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!«
»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ... Gute Nacht, liebes Kind!«
Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen sich von ihm durch die Luft.
Gertrud sah froh hinunter.
»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt ordentlich, daß man hier gesund werden muß.«
»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.«
Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an. »Mein Gott! Mein Gott!«
In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ... Lies vor, Maggie.«
Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen. »Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch nicht heraus.«
»Lies doch!«
Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen.
Maggie las:
»Mein verehrter Herr Schwiegervater!
Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie – mit Ihrer Erlaubnis natürlich – den Winter in den alten, kleinen und stillen Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese – sagen wir – drei Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres
Ihr sehr ergebener
Kurt von Kurowski.
P. S. Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.«
»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den Tisch werfend.
»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz, und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte dich ein, wie's dir paßt.«
Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.
»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ... höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa. Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?«
Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht, kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden? ... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach Vokellen. Habe zugleich – aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören. Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.«
Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die Hand.
»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung mit ihm kann nun wohl nichts werden?«
»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus braucht er ja nicht zu kommen.«
Gertrud zog die Brauen zusammen.
»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie.
»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und Geschäft ist Geschäft. Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ... na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich der Sache wegen fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen Waldgrenzgeschichten – da hab' ich nur den halben Weg – und hernach machen wir ein Partiechen.«
»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch, mit Kurt ist nicht zu spaßen.«
»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus.
Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon.
Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.
»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung im Tone.
»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ändern können wir doch nichts.«
»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der ganze Brief.«
»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er beabsichtigt. Weißt du das?«
Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie, liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.
Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden, trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen, schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher Zärtlichkeit gehütet und gepflegt, und sich immer bemüht, sie in den Vordergrund zu schieben.
Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.
Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte; freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen, die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug brauchen.
Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig, arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie. Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht und beherrschte durch Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske der Liebenswürdigkeit alles.
Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war.
Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten. Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. – So hatte sie gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das arme, blasse Weib.
»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen will.«
War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie, Maggie, gewesen.
Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken – nun gar in so unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an Seckersdorf kommen können, – den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen wollte.
»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein Geschmack.«
Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um sie herzhaft und zärtlich zu küssen.
»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen hast?«
»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage? ... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.«
»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie schnell das Gespräch. »Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm, Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!«
Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst den großen, ländlichen Haushalt führte.
Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun wieder teilnehmen sollte.
Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes – vielleicht das Glück!« ihr zur Pein wurde.
Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald, der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim. Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden, die andere als Empfangende.
»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und: »Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie.
Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter.
Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er zufrieden.
In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten, hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den »alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff, daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen hatte.
Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab, hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.
Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich von der Schwester verabschiedete.
»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du. Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...«
»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend hinunter.
Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.
»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer sähe!«
»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern sein Herz an mich – oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu sein,« spottete Maggie.
»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den Weg kommt.«
»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend, »daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?«
»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?«
Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn die klagt, muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht geahnt hat.«
»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.«
»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.«
Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte und warf die Stücke erregt fort.
Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf.
»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud verwöhnt er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...«
Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.
Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.
»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon ein ... aber was tun?«
Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.
Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden auf.
»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu Tromitten.«
»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie.
»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein, daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, – Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun eigentlich bei Kurowskis los gewesen?«
Maggie erzählte.
Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte.
»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,« sagte er schließlich, »daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein. Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum ... dann freilich ...«
Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte, um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los, und die Kinder gehörten ihm.
»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm ... Na, und so weiter.«
Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren strahlenden Falkenaugen vorwärts.
Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen konnte.
Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud Bezügliche.
Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, – was wird das nur werden?«
Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie sagte.
Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.
Nun stand ihr doch das Herz still.
Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit lautem Gruß auf ihn zuschritt.
Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und fest blickend, – alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht vorübergehen konnte.
Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen.
»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich recht gefreut.«
Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.
Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, – bittend und forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein? Fast schien es so.
Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.
»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.
In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den Oberförster heran.
»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.«
Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja, hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's, – also vorwärts!
Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte, dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.
Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen.
»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend.
Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme –«
»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist leider die einzige.«
Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an.
»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem Oberförster hinübersehend.
Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von Kurowski?« Sie nickte.
»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.«
»Um Gottes willen – meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als ob er ihren Arm ergreifen wollte.
»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist, unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme Schwester überhaupt nicht wieder.«
»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde behandelt worden?« fragte er zögernd.
Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ... aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...«
»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.
Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.
Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.
»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr verändert in diesen acht Jahren?«
»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung.
»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie und ich, heute hier –« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte Maggie.
»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot und sah nach der Seite.
»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?«
Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster, der eben zurückkam.
»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen.
Er sah sie dankbar an.
»Sie lieben Gertrud« – er erschrak und verbesserte sich – »Ihre Frau Schwester sehr?«
»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück brächte ich jedes Opfer.«
In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.
»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...«
»Was?«
Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt.
»Freundschaft geschlossen?« fragte er.
»Alte erneuert,« antwortete Maggie.
»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer mitgenommen wurde.«
»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.«
»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte er, unruhig ihre Augen suchend.