Das Weiberdorf
Einundzwanzigste Auflage
Von C. Viebig sind folgende Werke im Verlage von Egon Fleischel & Co. / Berlin W / erschienen:
Romane: Rheinlandstöchter / Dilettanten des Lebens / Es lebe die Kunst / Das tägliche Brot / Das Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom Müller-Hannes / Das schlafende Heer / Einer Mutter Sohn / Novellen: Kinder der Eifel / Vor Tau und Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten / Theater: Barbara Holzer. Schauspiel / Pharisäer. Komödie / Der Kampf um den Mann. Dramenzyklus.
Das Weiberdorf
Roman aus der Eifel
von
C. Viebig
Mit Umschlagzeichnung von
Professor Max Liebermann
Egon Fleischel & Co.
Berlin
1907
Alle Rechte
vorbehalten
[I.]
Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße. Männer, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp und etwas weiter zurück kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den Stirnen, mit Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frühen Sommers und des hastigen Wanderns auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein Bündel am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein Köfferchen; alle haben sie die Taschen der städtischen Sonntagsröcke vollgestopft zum Platzen.
Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn und verschnaufen.
Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün und lieblich. Die klare Salm schlängelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem Steinwurf zu erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!
Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, ein tiefer Atemzug hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden rasch die Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. „Hurrah! Helao! Derhäm!“
Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumensträußchen am Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskräften, sein starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen über die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm Vergnügen; er hielt den einen Ton an, gleich stark, endlos, die Bänder am Halse schwollen ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen ihm vor — immer noch!
Die anderen bewunderten ihn: „Dän kann et!“
Immer noch — da knacks, der Ton brach ab! In gekränkter Eitelkeit versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr.
„En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen. Haha, en Krümmel in der Tröt.“ Die Männer lachten.
Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich gewaltsam.
„Looß sin,“ sagte begütigend einer der älteren und klatschte ihn freundschaftlich auf die Schulter. „Hal dei Maul, Jong! Sei net e su bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien on ken Framensch.“ Und dann augenzwinkernd. „Wat maanste, Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?“
„Dat Bäbbchen?!“ Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen Zahnreihen. „Et gitt gäckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht morjen.“ Er patschte sich auf die Lenden. „Helao, dat gitt ebbes! Seit Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich.“
„Nä, nä, dat es et aach net!“ Eine gewisse Rührung bemächtigte sich ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die Mädchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer — die hatten lange fasten müssen!
„Dat gitt en Freid!“ Man warf sich in die Brust, man brachte ja das Glück. Schnell noch einen Blick hinunter in’s dämmernde Thal. Da warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, und die Büsche am Waldsaum lockten mit verschwiegenem Dunkel.
Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte im Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten verlangende Arme aus. Jetzt — hier — da — dort glomm ein Lichtchen auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer Kammer.
Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. Alles still, wie begraben.
„Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah — — — oa — — oah — —!“ Einer da oben hielt die hohlen Hände vor den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in die Höh. „Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es dän erschten unnen? Hopp! Bonz unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!“
Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmähten die vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwegen schnitten sie die Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr träge in den Adern, es kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf.
Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Süße Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch’s Brombeergestrüpp! Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie streichelnden Hände. Aber weiter — die warteten!
Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang — nun lag das Dorf ganz nah, melodisch tönte das „Muh“ einer Kuh, ein sehnsüchtig langgezogener Liebesschrei.
Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit einstimmte:
„Kommen wir in dieser Nacht,
Fein Liebchen, fein!
Seid ihr tot oder lebt ihr noch,
Fein Liebchen, fein?“ — — —
Da war schon das erste Haus.
„Will das Mädchen net obstohn,
Fein Liebchen, fein!
So wollen wir’s in die Blotz drohn[3]
Fein Liebchen, fein!“ — — —
Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte:
„Will das Mädchen sich net tummeln,
Wollen wir die Thür auftrummeln“ — — —
Horch! Ein heller Schrei: „Jesses, die Mannsleit!“
Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und halb geöffneter Taille stürzte heraus, mit einem Satz stand sie mitten unter den Männern, wild sah sie sich um — wieder ein Aufkreischen — da, sie stürzte dem einen an den Hals.
„Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, komm erein. Ech haon uf dech gelauert! Dag on Naacht, onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de Jongfra Maria!“ Sie bekreuzte sich und ihn. „Könner, Könner“ — schon sprang sie wieder zur Thür — „Könner, dän Vadder es elao!“ Sie zog ihren Mann hinter sich drein, kaum daß sie ihm Zeit ließ, den Kameraden zuzunicken; sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.
„Se sein hei, se sein hei!“ Nur dieser eine Ruf, und alle Häuser waren plötzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thüren geöffnet. Kinder, in Hemden und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf der Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. Der weiche Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten Haar und den hastig übergeworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den Höfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter Krumscheid stieg eilig in den Keller und stach ein Faß an. Die Straße wimmelte von Menschen, wie mit Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle umringten die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein Geschrei. „Se sein hei, se sein hei!“
Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging’s hinein in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen Stallwänden, dann zwischen Hecken — nichts rührte sich darin, — und da war die Straße, hell vom Lichtschein, der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle, die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend; die Weiber hatten die Männer untergefaßt, die Mädchen begrüßten ihre Schätze.
Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing er leise an zu fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb? Schlief sie schon so fest, daß sie den Lärm nicht hörte? War sie ihm untreu geworden? Da mußte er doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich’s verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte sich; warum kam sie nicht? Ob er nach ihr fragte?
Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mädchen, die heurigen Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch guckten sie zu, wie die älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren Burschen abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich mit den Ellenbogen an und kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah.
Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. Das Gekicher wurde stärker. — „’n Aowend, dir Mädercher!“
„Boschur, Lorenz,“ sagte keck die erste.
„Tina?“ fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwüchsig gewesen, und jetzt trug sie einen langen Rock und sah ihn an mit dreisten, unbewußt begehrlichen Augen. „Es dat Bäbbche net mieh hei, Tina?“ fragte er hastig. „Lenzen Bäbb?“
Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. „Ech waaß net!“ Mutwillig blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er fühlte seine Hand ergriffen, kräftig geschüttelt und dann festgehalten. In einem Augenblick hatten ihn die Mädchen umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um ihn und die Dirne herum.
„Dommhaaten! Laoß los!“ Unwirsch suchte er sich frei zu machen.
„Autsch, autsch!“ Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte sie ihn auf’s neue; wie ein Wall stemmten sich die Mädchenleiber ihm entgegen.
„Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha!“ Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen und Ohren, er wurde hin- und hergerissen, von einer gegen die andere gepufft, Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo konnte er den Kreis durchbrechen.
„Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?“ stieß er mit einer letzten Anstrengung heraus.
„Bäbb hin, Bäbb här,
Bäbb, dat es en Zoddelbär — hahaha —!“
Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender wurde das Lachen, immer wilder das Drehen; er fühlte Tinas Hände an seinem Rock, sie preßte ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht kam dem seinen ganz nah. Da, ehe sie sich’s versah, hatte er die Arme frei; er schlug sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr auf dem Mund.
Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch stoben sämtliche Mädchen davon, er hinterdrein. Hier suchte er noch eine zu fassen und da eine — die Röcke flatterten — jetzt waren sie, um das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.
„Verflixte Rotznaosen,“ schimpfte der Bursche, und doch schmunzelte er dabei. Die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht — wo blieb die Bäbbi?
Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in verdrossenen Gedanken blieb er dort stehen. Da — er schreckte auf, jemand zupfte ihn von hinten am Ärmel. Am Eingang des Heckengangs stand eine weibliche Gestalt.
„Bäbbchen?“ fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor, Lenzen Bäbb war lang nicht so völlig gewesen. „Bäbbi?“
„Heihin!“ Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gäßchen; es schien ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn, daß ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich wie närrisch, lachte und schluchzte und drückte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust bebte an der seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder preßten sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten sich förmlich daran fest.
Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte den Burschen — so küßt doch nur der Schatz in der Heimat! Sein Blut, durch das eilige Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun war er es, der sie immer mehr hinein in’s Dunkel drängte und gegen die Stallwand preßte. Er erstickte sie fast.
„Lorenz,“ ächzte sie endlich, „laoß!“ Ein schmerzlich zitternder Seufzer folgte.
„Bäbb,“ flüsterte er zärtlich, „mei Mädche! Eweil sein ech widder hei, eweil wolle mer ons verlustieren. Dat gitt en Pläsier! Komm!“ Er zog sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. „Komm ehs zom Krumscheid, ech traktieren dech!“
„Jao, jao.“ Sie schmiegte sich fester an ihn und drängte ihn doch immer wieder tiefer hinein in’s Dunkel.
„Nä, nä,“ flüsterte sie dann hastig und verlegen, „eech kann net ehnder met der giehn, ech moß der erscht ebbes saon.“
„Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?“ Er hielt sie von sich ab, etwas erstaunt; nun fiel ihm auch sein Verdruß von vorhin ein. „Waorom haste mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste mech for en Naor halen? Eweil es et schuns e su spät, ech han Honger on Dorscht!“ Von einem plötzlichen Ärger erfaßt, rüttelte er sie. „Haste geschlaof?“
„Nä, nä!“ Sie drängte sich wieder ganz dicht an ihn. „Ech wollten der nor vorerscht ebbes saon. Saog“ — wie von einer dringenden Notwendigkeit getrieben, faßte sie seine Hand — „wanneh wolle mir onsen Hillig[4] haalen?“
„Waorom?“ fragte er verwundert und beunruhigt zugleich. Und dann nach einer Pause des Bedenken:
„Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann gänn!“
„Nä, ehnder,“ sagte sie rasch und küßte ihn heftig. „E su bal als miëlich[5]! Ech moß der ebbes saon.“ Jetzt flüsterte sie, aber ihr Flüstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus. „Ech sein im sechsten Monat!“
„Kreizdonnerparaplüi!“ Es entfuhr ihm so wider Willen — das kam zu plötzlich! Er stieß sie zurück und erhob die Hand wie zum Schlag. „Maach! Gott verzeih mer de Sünd — dau Onglöcksmensch!“
Sie fing an zu weinen.
Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere.
Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch die Helle war weg, die Thüren hatten sich hinter den Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr draußen, die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der Jubel; bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das Gläserklingen und Juchzen.
Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten sie ihren Glanz. Nachttau fiel, man hörte ihn in den Hecken tropfen; dazwischen klang leises Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mädchens.
Mit einem: „Dunnerkiel!“ fuhr er zurück, aber gleich darauf streichelte er die Weinende.
„Kreisch net, Bäbbchen,“ sagte er gutmütig, er war heute nun einmal in einer so weichen Stimmung. „Kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert es, es passiert, duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr verkünn ons, ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt, annere han aach schuns Malör gehatt. Mir maachen stracks Hochzeid, on dann“ — er kratzte sich hinter’m Ohr — „jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir Bochumer han zehn Dag, de annern von Dortmund on Steele han aach net länger. Äwer uf dän Momang mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!“
Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam wandelten sie den Heckengang weiter.
Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.
Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter’m Blätterdach dahin, von weißlichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund erheben die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; jetzt verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum, und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frühsommernacht, eine warme treibende Sehnsucht.
Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er auf den Gräsern und auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um die heißen Gesichter, um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen.
[II.]
Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt, rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr — im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu Peter und Paul — kamen sie heim in’s enge Salmthal. Sie konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; der Erwerb ist knapp in der Eifel, karg hängen die Äckerchen an den Bergen, lang sind die Winter, kurz die Sommer.
Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege. Das Aufblühen der rheinischen Eisenindustrie machte das Heranziehen vieler Arbeitskräfte notwendig.
So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter hinausgelockt, der kam zu Besuch heim, Geld in der Tasche; nun zogen die anderen hinter ihm drein, wie die Schafe hinter’m Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder, alles wanderte aus nach Westfalen und tief in’s Rheinland, wo auf der meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte sich zusammendrängen und mit ihrem nie stockenden schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, Gerassel, Gekeuch, Geächz, Gestampf, Sausen von Rädern, Schnauben von Maschinen, Pfeifen von Lokomobilen, Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, kein Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den Öfen stehen Männer, nackt bis zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die Höllenfeuer schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen.
Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht von Flammen, eingeengt von Mauern, sehnsüchtig des Heimathimmels gedenkend, der sich rein und kühl über den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die ihnen das Leben gegeben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen, oder die sie schon gefreit haben; wo die Kinder nach den Vätern verlangen.
Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nächte. — —
Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter’m Schenktisch. Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich für zwei Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank aus seinem Glas und ließ sich die glühenden Wangen streicheln.
Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße, Bänke umpolterten, Gläser in Scherben klirrten.
Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten, Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, große Stücke Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die vom ‚Pappa‘ mitgebrachten Puppen.
Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den kleinen Fenstern putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen Kirchgang her über’s Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog’s heute nachmittag an; glücklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren rot.
Die Sonne fiel schon schräg in’s Thal und malte huschende, rasch verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten Hauswände.
Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt.
Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel.
Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am wenigsten stürmisch. Doch jetzt — lautes Halloh!
„Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!“
Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend, näherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche halb gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rückten, ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende der Bank nieder. Er sagte nicht: „Röckt noch ebbes“ — er sagte: „Met Verlöw“ und placierte seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch.
„No, Pittchen,“ rief Niklas Densborn, einer der älteren, der obenan saß, „wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech der, dau has jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!“
„Spaor dei Red,“ schrie Thomas Laufeld, ein stämmiger Bursche mit einer Stupsnase. „Dän kann dat Läwen jao bal net mieh mantenören[6]! Kucktelhei dat Pittchen!“ Er brüllte, um sich in dem allgemeinen Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden Miffert bei’m Handgelenk, streifte ihm den Ärmel zurück und hielt gewaltsam den mageren Arm in die Höhe. „Kucktelhei, Haut on Knochen, ke halw Pündche Fleisch!“
Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein hübsches Gesicht lächelte noch immer. „Laoß de Dommhaaten,“ sagte er gelassen.
Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen.
„Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste hei bei de Fraleider?! Kuck“ — er hielt seinen fleischigen Arm neben den dürren des Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust, daß es klatschte — „dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer net alleweil de Menscher am Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher[7] Schmachtlappes, dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl“ —
„Mein Fra aus em Spill,“ sagte Miffert plötzlich und machte eine kurze Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche — da lag auch schon der Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert.
Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften.
„Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,“ brummte anerkennend Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: „Et es en Schand, Peter, dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt, dat kömmt der lao zo paß. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei owen kannste Hongerpoten kötschen!“[8]
Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der nachlässigen Haltung, mit der etwas hängenden Lippe und dem schläfrigen Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er die Zähne von einander brachte:
„Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei“ — er wies auf sein lahmes Bein — „dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9] wie en annern.“ Seine Stimme wurde kläglich: „Ech haon dat Wieh im Enkel; ech haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!“
„Ojeh, Alfanzerei,“ schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch, daß die Gläser sprangen, „wat micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel — haha, wän dat zweifelt![10] Laoß de Comedi, faules Luder! Schlaofen on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu!“[11]
Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgestützt und guckte in sein Glas.
„Hän es faul, faul, dat et stinkt!“
„Jao, jao,“ stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei. „Faul wie de Sünd! Sitzt im Dreck on röhrt sech net!“
„Ehnder gänn Brameln[12] Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,“ schrie irgend einer.
Die ganze Gesellschaft stimmte zu: „Jao, Brameln gänn ehnder Weinbeeren, hahahaha!“
Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber inwendig ordentlich stieß; er kniff die Augen zusammen und schüttelte sich.
„Waorom sollen ech mech e su afrackern,“ sagte er dann gutmütig, „dat Läwen es korz, mir haon nor einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen Hähren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch krieht“ — er lachte verschmitzt und stieß einen leisen Pfiff aus — „dat gilt en Dreck!“
Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen schläfrigen Blick, in dem es zu funkeln begann, reihum gehen.
„Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech muß en Dauer met eich haon, ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!“[13] Er zuckte die Achseln.
Sie nickten betroffen. „Recht haot hän!“ Auf viele Gesichter lagerte sich ein plötzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie im aufgewühlten Acker, die man vorher nicht gesehn.
„Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?“ murmelte der Densborn und ließ die Faust schwer niederfallen.
Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem Seufzer: „Äwer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,“ schrie er plötzlich Pittchen an, „dau schandlusen Kerl.“
Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen Gesichter. „Mer moß wissen, wän mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot!“ sagte er.
Sie verstanden ihn nicht — was wollte er damit sagen? Sie sahen nur sein spöttisches Lächeln, und das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.
Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd über den Tisch. „Wat? Wat? Esel —?! Esel haot hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog dat noch ehs!“
Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. „Esel, Esel!“ Die Füße scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde grollender. Die schönste Prügelei schien in Aussicht.
Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase: „Maach!“
Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen schoß ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: „Wat willste? Wat haon ech dann gedahn?“
„Esel — Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder. Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste ke Glied mieh röhre kanns!“
„Jesses, seid dir gäckig?!“ Peter that sehr verwundert. „Esel — Esel — wän haot ebbes von Esel gesaot?!“ Er drehte den Kopf hin und her, als ob er jemanden suche. „Su ebbes von Ausverschämtheit. Wän kann sech onnerstiehn, ebbes von ‚Esel‘ zo saon?!“
Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefühl. Sein Gesicht trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit offenem Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas. „Zogott,[14] dir sollt läwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes! Thom! Zogott!“
Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden.
Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die Hand. „Jao, et es en dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm Luder!“ Er gähnte. „Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on de Weibsbiller sein mer bis“ — er fuhr mit dem Handrücken unter’m Kinn her — „bis heihin!“
Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke trafen ihn; da war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen wie aus den Augen geschnitten.
„Dau Faxenmaacher,“ schrie Martin. „Glauwt net, wat hän babbelt! Dän de Fraleider saat —?!“ Er lachte zornig. „Dau Filu!“ Er sprang auf und ging drohend auf Miffert zu. „Hinner jeder Diehr sticht hän, an jeder Schörz hängt hän! Waart, ech will dech Conduiten liehren!“ Rot vor Wut wollte er sich auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.
„Gemaach, gemaach, Martin,“ mischte sich der Densborn ein, „laoß hän! Mir wollen ke Streit anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On Dag on Naacht allein! Mer moß en Dauer met ihnen haon. Dän elao“ — er wies auf den Wirt hinter’m Schenktisch — „dän on de paor annern alden Knackstiebel kannste doch net für voll rechnen!“
Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit verstanden; nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die eingesunknen Backen auf. „Dau Lausbub,“ schrie er herüber, „kömmst hei erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst vor Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer kucken. Gäl, Nettche?!“ Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe.
„Laoßt!“ Das Mädchen schlug ihn derb auf die Finger. „Ech haon eweil ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stück Dörrflaasch!“
Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.
Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt zu entfernen. Er war schon an der Thür, da sprang ihm Mathes nach. „Hei gebliewen,“ schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ sich drängen, er widersetzte sich nicht.
„Kucktelhei,“ schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf stieg, „dän Kalmäuser![15] Dat es dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach haon! Frißt de Blumen in anner Leit’s Gaarten! Äwer hol dech in Aacht, dattste net ausgezaohlt giefs — dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im Koap! Ech dähten er net drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän Deiwel Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! — Dat Zeih, dat es en staatsch[16] Luder, en schnipp-schnappig[17] Mensch, dat — —“
Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes jäh verstummen, betäubt taumelte er zurück.
Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr von schläfriger Trägheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da, mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann brüllte er: „Hal dei Maul!“ Seine erhobene Faust sauste nieder. „Dat es für dat ‚Luder‘ — on dat“ — wieder hob und senkte sich die Faust — „dat es für dat ‚schnipp-schnappig Mensch‘ — on dat — on dat — onnerstieh dech noch ehs!“
Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder — hierhin, dorthin — hei, waren das Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in Stücke gehn.
Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung standen sie alle. Aber jetzt brach’s los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt, wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten um, Gläser klirrten zu Boden — Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen, Toben — da — die Thür ging auf!
Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln und Schwirren — die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre üppige Fülle in Schatten stellend.
„Schkandal?“ rief Lucia Miffert fragend.
Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt.
„Wat gitt et hei?“ rief sie hell. „Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes!“ Sie teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus, halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre fünf Finger auf der Wange des Getroffenen ab.
„Dunnerkiel!“ Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht.
„Kuckste,“ lachte sie heiter, „dat kömmt dervon! Laoßt de Dommhaaten, heit wolle mir Pläsier haon, ihr Mannsbiller!“ Aus ihren schönen runden Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. „Jesses, die Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Könner! Hahahaha!“
Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle Brust spannte, krachte in allen Nähten. „Hahahaha!“ Wieder das Lachen. Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thaten sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen.
Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick umher und wiegte sich lachend in den Hüften.
An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, jetzt wagten auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen hingen sich an die Burschen. „Danzen! Danzen!“
Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.
„Muhsik! De Muhsik!“
Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf.
„De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!“ Die Kinder auf der Straße stießen ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und jauchzend zur Wirtshausthür.
Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber rückten die Bänke längs der Wände — nun war der Tanzsaal fertig. Der schwenkende Rheinländer hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die dreißig Paare auf einmal.
Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde auf die Füße getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur tanzten auch noch welche.
Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man fühlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlichen Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange; kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten.
Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Röcke wurden schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in’s Gesicht. Ihr helles Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.
Dem Peter wurde zugetrunken: „Prost, dat Zeih soll läwen!“
Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür und folgte ihr mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonders helles Lachen die Musik überschrillte, hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.
Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, über die Schulter der Tänzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die Blicke — wo war sie? Mit wem tanzte sie?
Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin ihre fünf Finger abgedrückt; es schien dem Peter, als schmiege sie sich besonders fest an den, als flüstre der ihr was Verliebtes in’s Ohr.
Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar; rechts, links im Gewühl Püffe austeilend. Nun hatte er sie erreicht. „Gief Obacht, Zeih,“ sagte er, halb bittend, halb grollend, „danz net e su vill, ons Josefche schreit sons de ganz Naacht!“
„Laoß hän schreien,“ lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner nicht Acht.
Verzweifelt ging er vor’s Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit ansehen.
Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes Weib mit einem fest eingewickelten Kind auf dem Schoß.
„Kömmt se noch net?“ kreischte sie Miffert entgegen. „Dat Könd gitt schuns ganz blao[18] für Schreien!“
Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die Augen hatte das Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mäulchen stand durstig offen, immer jammerndere Laute drangen daraus hervor.
Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; langsam, in Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür zurück. Er schickte einen Knaben hinein. „Saog dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen. Äwer saog net, wän naoch er schickt,“ schärfte er ihm ein. „Saog: et pressiert!“
Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, mit wogender Brust und geöffneten Lippen. Neugierig spähte sie aus.
„Dau —?! Wat willste?“ fragte sie verwundert ihren Mann.
„Ons Josefche,“ sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach der Ecke hinüber. Klägliches Schreien kam von dort her.
„Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß! Mein arm Josefche!“ Frau Lucia riß der alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte ihre Taille auf und legte das Kind an die volle Brust.
Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf hintenüber an die Hauswand. Mit geblähten Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider halb geschlossen, lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im Tanzsaal.
Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die weiße Haut schimmern, die so weich und sammetig war, wie das Fell einer jungen Katze.
Zärtlich murmelte er: „Zeih, danz ehs met mer!“
„Gären, e su gären,“ flüsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn voll an.
„Zeih — dau Framensch — ech — ech sein gäckig naoch der,“ stieß er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten Zähnen. „Saog, datste mech noch liew has — Zeih, saog et!“ Sein mißtrauischer Blick glitt zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her.
Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte. „Ksch — ksch — hahaha!“
„Laach net!“ Er stampfte mit dem Fuß und sah sie von unten herauf unter zusammengezogenen Brauen an.
„Jesses Maria, wat michste für en Visasch,“ sagte sie heiter. „Pittchen, ech sein eweil e su fidel! Dau wirst mer doch net dat Pläsier verfumfeien[19]? Pittchen!“ Sie streckte die Hand aus und zog ihn zu sich heran; ihre Augen baten. „Sei net unkommod, Pittchen, et es jao nor om en klein Verännerung zo maachen. Ech danzen aach met der.“
„Su komm,“ drängte er, „komm!“
Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in die Arme, knöpfte ihre Taille zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich an den Arm ihres Mannes.
Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten in’s Wirtshaus; unter den Spätkommenden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute zum ersten und letzten Mal Aufgebotenen.
Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; der Bursche weniger strahlend, mit einer gewissen gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie hatten heut einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten sie bei den alten Schneidersch um die Kammer neben dem Stall gebettelt; da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle Berge war.
Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz erhobnen Hauptes ging sie an der Hand ihres Lorenz — wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!
In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts zusammen, etwas unsanft prallte Pittchen gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte pfiffig. „Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en Luftballon!“
Lucia kicherte.
Lorenz schnob ihn wütend an: „Kehr vor deiner Diehr! Duh nor net e su, als ob dat Zeih alleweil uf ’m Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau sollst et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker —“
„Still biste!“ Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. „Net e su onmanierlich, mein Jong!“ Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger drückten fest und warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann auf den Lippen.
„Neist for ongud,“ murmelte er. „Laoß los, Zeih!“
„Ech gradelieren der, Lorenz,“ sagte sie freundlich; und dann sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi wendend, schüttelte sie der herzlich die Hand. „Ech gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!“
„Merci!“ Das Mädchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation machte ihr so viel Vergnügen. „Mir maachen kein groß Hochzeid,“ sagte sie dann wichtig, „en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn dir forliew nehme wollt, et soll ons freien!“
„Merci!“ Die Miffert knixte zierlich. „Met Verlöw, mir sein gären von der Pardi!“
Lorenz machte ein böses Gesicht — hatte der Pitter nicht auch einmal um sein Mädchen herumgeschnuppert? Die Bäbb hatte es ihm selber erzählt. Daß ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang war’s her? Traue einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln zwischen den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi mit sich fort: „Komm doch!“
Auch Peter sagte ungeduldig: „Komm!“ Keine war doch wie seine Zeih! Er hätte mit ihr fort mögen, dahin, wo kein ander Mensch war; keiner sollte sie sehen, keiner sie lachen hören!
Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der Atem verging.
Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzweisen, immer wilder schwenkten die Röcke, stampften die Schuh; die glattgeflochtenen Zöpfe lösten sich, hie und da hingen einer schon die losen Haarsträhnen über den Rücken.
Immer fester packten die Männer zu. Die kleine Tina hatte auch einen Schatz gefunden. Der stupsnasige Laufeld hielt sie in den Pausen auf dem Schoß und ließ sie aus seinem Glase trinken.
Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorüber kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie war im hellen Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt; er im Ton eines Eroberers.
Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und mit einem Kratzfuß bitten: „Leih mer dei Mensch!“ — nur er tanzte mit ihr. Er war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör.
Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie nicht mehr, was sie sprach, was sie that, sie saß unbeweglich und starrte mit glasigen Augen vor sich hin. Da führte er sie hinaus.
Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt, kein Drehen mehr, nur ein wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war mitten dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen, Bänke, gegen den Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr auf; man stolperte über sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand mehr fest auf den Füßen.
Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz zur Thür hinaus. Ein Paar nach dem andren schlich um die Regentonne an der Stallwand, hinein in’s dunkle Heckengäßchen. — — — — — — — — — —
Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und ahnungsvoller Dämmerung. Eine unendliche Reinheit ist in der Luft, eine unendliche Reinheit am Himmel; die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe sie erbleichen. Unendliche Reinheit weht über die Berge, unendliche Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem Atem lauscht die Natur und schauert und bebt vor der unendlichen Reinheit des Morgens.
Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie ein Trompetenstoß zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.
[III.]
Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht aufgegangen, nur über den Bergen im Osten rötet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das Thal; von Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem Wasser. Die Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.
Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild früheren Glanzes. Drei Uhr.
So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf den Beinen. Heut klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig bekleidet mit Hemd und Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht es nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben der Fenster sind dick angelaufen.
Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und steigt mühsam durch die schwere Luft zum farblosen Himmel.
Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd und kochen den Kaffee; unter’m hängenden Kessel schwehlt das feuchte Reisig, der Dampf beißt in die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist kalt, das Herz schwer wie Blei.
Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wälzt sich in den Federn; er kann gar nicht herausfinden, der Kopf ist ihm schwer vom letzten durchzechten Abend. Er stöhnt und flucht.
Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, übernächtig, hohläugig; die blühendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund schmerzlich verzogen. Langsam tappen die bei der Kirmes müde getanzten Füße.
Der letzte Morgen!
Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu wandern, und die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast ungeschickten Händen hilft die Frau dem Mann in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr getauscht, die haben sich erschöpft in den paar Tagen — und wozu auch? Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen Thal. So ist’s nun mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt man schon wieder sein Geschick auf sich.
Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren bringen Hut und Stock und stecken dem ‚Pappa‘ noch ein Brot und ein Stück altbacknen Kirmeskuchen in’s Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lärm zu.
Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so schleichen sie; winselnd schnuppert der Hund herum und drückt sich dem Herrn an die Füße. —
In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute brannte noch das Lämpchen; es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft kam durch das schmale Fensterchen.
Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum Schrank, immer vergaß sie noch etwas. Nackt und kahl engten die rotgetünchten Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick darüber hin, ein Grauen kam sie an, — und war’s gestern nicht noch hier wie ein Paradies?!
Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann noch nicht gewöhnt; vor zwei Tagen war erst die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den Schemel am Tisch: „Wanneh kömmste widder?!“
Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt, und stierte in seinen dampfenden Kaffeenapf. „Kreisch net, Bäbbi,“ sagte er endlich; aber es würgte ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.
Sie sagten nichts mehr.
Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell — schon zeigte er beinah vier. Eine fahle Dämmerung schlich durch den düstren Raum; Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend erlosch.
„Eweil giehn ech,“ sprach er und stand auf.
„Noch net!“ Sie hing sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfaßt. „Dau has noch Zeid, bleiw“ — krampfhaft packte sie seine Hand — „bleiw noch ebbes!“ Sie schrie laut auf: „Nor ein Minut!“
„Nä!“ Er machte sich los. „De anneren waarten!“
„Ech siehn dech gewiß net widder — Jesses Mari Juseb — ech graulen, wann ech stärwen moß!“
„Dommhaaten!“ Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. „Haal dech gesond, on schreiw bal, hörste?! Adjes, Bäbb!“ Er setzte sich den Hut auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie an sich. „Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, biste gäckig?! Bäbbche, mei liew Bäbbche!“
Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende Thränen flossen auf seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte er sich endlich los.
Ganz benommen taumelte er zur Thür — noch ein Blick zurück, noch ein Kopfnicken — nun stolperte er über die Schwelle. Nun war er fort.
Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer — da, horch! — noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt eilende Tritte — jetzt nichts mehr!
Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. —
Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten ihn, daß er sich nicht hatte trennen können. Auch viele Frauen und Mädchen waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; mit verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.
Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von Schwarzenborn, stand ein Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze, soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den nackten Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand letzte Umarmungen versteckt.
Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde reichte, und dann: — „Voran gemaach!“
Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr ältester Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; ’s war Zeit, daß der fortkam.
Trapp — trapp — — —. Hart tönen die Schritte auf dem holprigen Dorfpflaster. Trapp — trapp — das klingt wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.
Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle zurück. Leer sind die Gärtchen, thränenschwer nicken die Blumen am Zaun. —
Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter sind grau, alle Blicke trüb, traurig suchen sie den Himmel — oben auf dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast schwarz; scharf hebt er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels.
Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; die wie träumend hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen von rosenfarbnen Bändern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen. Alles Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme loht auf, voll, stark, groß — riesengroß — sie leckt himmelan mit gierigen Zungen, mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges entfacht, schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet sich weiter und weiter.
Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglüht, jeder Dorn, jedes Blatt.
Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt!
Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein Feuervorhang verhüllt den Himmel — da — jetzt — jetzt hebt er sich, er zerteilt sich! Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor hinter’m Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz — die Sonne!
Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter; die der Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der Hand.
„Voran gemaach,“ rief der Densborn und hob mahnend die Hand. „De Sonn’!“
Und Lorenz stimmte den ‚Abschied‘ an; er mußte singen, da saß was auf der Brust und in der Kehle, das mußte weg.
Er schmetterte der Sonne entgegen:
„Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer!
On die, die, die, on die Abreis’ noch viel mehr!
Also fällt mir dieser Trost noch ein,
Ech kann net immer an einem Ort sein,
Mein Glück muß ech probieren,
Marschieren!“
Sie sangen alle mit:
„Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!
Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;
Wir wünschen euch zu guterletzt
Ein andern, der die Stell ersetzt,
Damit sei’n alle Wunden
Verbunden!“
Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein wenig zurückblieb und die Seine auf offener Straße umfing.
Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stück Fels gezogen, da küßte er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn schon losgelassen hatte, stürzte sie sich noch einmal auf ihn.
Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: „Komm ehs, Tina!“
„Frech Dingen!“ Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber diese ließ nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte sie den Mund und lächelte den Burschen an: „Adjes, Thomas!“ Der küßte zuletzt das hübsche Kind auch noch.
Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie das Zeichen des Kreuzes.
„Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kömmst! Zu Weihnacht — vergeß net! — für ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen — äwer, dat de Farf net schanschört![21] On für mech en Gedrucks, elf Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, Nikla!“
„Adjes, Kättche! — Hä, allons,“ schrie der Densborn.
Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute in’s Thal hinunter; er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um’s Herz. „Adjes, Bäbb,“ murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Pläsier gab’s auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause — warum denn grämen?!
Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. „Adjes, bring mer ebbes Schienes met!“ — „Schreiw als bal!“ — „On dau aach!“ — „Bleiw gesond!“ — „Grüß ons Könner!“ —
Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht’s! Trapp, trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind die Männer verschwunden.
Allein. — Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf über’s kahle Plateau; er blähte die Röcke der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der Not gehißt.
„Eweil sein se weg,“ sagte eine und starrte trübselig hinter den Entschwundenen drein.
[IV.]
Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen; behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.
Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.
Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen Thälchen.
Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. — — — — — — — — — —
Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.
Peter hatte sie vor’s Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel sollte gepflügt werden, es pressierte!
„Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,“ sagte Pittchen wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in sich hinein — das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war’s da kühl genug.
„Uf, dat es en Strawatz!“ Er riß das Hemd auf der Brust von einander und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen, und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie ’ne Dam’! Ihr bestes Kleid hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen, die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.
Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem fremden Mannskerl allein fahren ließ?!
Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf — da — es klopfte schon wieder!
Die Thür ging auf; ohne ein ‚Herein‘ abzuwarten, steckte Tina Pötsch den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.
„Es dat Zeih net derhäm?“
„Nä!“ Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so viel nachzudenken.
Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. „Es dat Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?“
Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.
Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte aufgepaßt!
Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine Kirsche.
„Wolltste ebbes vom Zeih?“ fragte er viel freundlicher.
„Nä, von Eich,“ sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.
Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi als winziges Püppchen hing daran.
„Kuckt!“ Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine Schulter.
Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein Stück abgebrochen. „Wat sollen ech dermit?“
„Heil maachen!“
„Dat kann ech net.“
„Ojeh“ — sie lehnte sich von hinten her fest an ihn — „wän dat zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr könnt ales maachen!“
„Laoß mech gewärden[22],“ brummte er.
„Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],“ lachte sie. „Schnauzt mech doch net e su ahf!“ Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen und streifte dabei zart seine Wange. „Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies dran — wupptich, su schnell wie gespauzt[24] — ons Hährgöttche es färdig!“
„Dau Fladdiererin,“ schmunzelte er und strich ihr die Wange. „Saog ehs, Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?“
„Nä, nä.“ Sie that sehr verschämt. „Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil noch vill zo jong!“
„Hm, hm.“ Er betrachtete sie interessiert. „On dän Thomas Laufeld — no?!“ Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.