Backfischchen's
Leiden und Freuden.

Eine Erzählung für junge Mädchen
von
Clementine Helm.

Zweiundzwanzigste Auflage.

Leipzig,
Georg Wigand's Verlag.
1882.

Inhalt.

Seite
1.Vorwort[1]
2.Am Morgen[7]
3.Visiten[17]
4.Freundschaft[25]
5.Mittagessen[34]
6.Verschiedenes[40]
7.In Gesellschaft[47]
8.Folgen[60]
9.Noch eine Neuigkeit[78]
10.Eugenie[93]
11.Noch einmal Eugenie[105]
12.Allerlei[119]
13.Der Ball[128]
14.Begegnung[139]
15.Allerlei Neues[149]
16.Die Braut[162]
17.Der Mensch denkt – Gott lenkt [174]
18.Ein froher Tag[184]
19.Die Reise[191]
20.Ein Abenteuer[205]
21.Wieder im Vaterhause[212]
22.Nachtrag[220]

Backfischchen's Leiden und Freuden.

1.
Die Abreise.

Der Wagen war vorgefahren, Friedrich knallte mit der Peitsche und die Braunen stampften ungeduldig den Fußboden. Noch einmal lag ich Vater und Mutter weinend in den Armen, küßte noch einmal alle meine lieben Geschwister und reichte dem versammelten Gesinde die Hand zum Abschied; dann drückte ich mich schluchzend in die Ecke des Wagens, beugte mich jedoch sogleich wieder zum Fenster desselben hinaus, um mit dem feuchtgeweinten Taschentuche unzählige Abschiedsgrüße zurück zu winken. Nun fuhr der Wagen durch das Dorf, und aus allen Fenstern, von allen Thüren her tönten freundliche Grüße und Wünsche zu mir herüber, denn ich kannte ja alle Bewohner dieser friedlich kleinen Bauerhäuser, war allen mehr oder weniger nahe getreten während der glücklichen Kindheitstage, die ich hier in der Heimath verlebte. Und nun sollte ich fort von allem, was meinem Herzen bis jetzt das Liebste gewesen, fort von meinem Vaterhause und von dem schönsten Orte der Welt, meinem lieben Heimathsdorfe! Neben mir im Wagen saß eine sanfte, feine Frau von mittleren Jahren, deren mildes Gesicht graue Löckchen umgaben, unter denen zwei kluge dunkle Augen hervorblickten. Sie war es, die mich aus der Heimath hinweg führte nach ihrem stillen Hause in Berlin. Dorthin sollte das junge Backfischchen sie begleiten, um unter ihrem Schutze etwas von Welt und Leben kennen zu lernen. Diese milde Frau hieß Tante Ulrike und war die verwittwete Schwester meines Vaters, verehrt und geliebt von allen, die sie kannten.

Sie streichelte sanft meine Hand, die ich in meinem Schmerz in die ihre legte, und sprach so liebe Trostesworte zu mir, daß ich mich bald etwas beruhigte, denn an der Seite einer so lieben Gefährtin war ich gewiß nicht so verlassen, als es mir bisher erscheinen wollte.

Jetzt fuhr der Wagen einem Gehölz zu, das auf der Höhe sich weit hinzog, und noch einen letzten Blick sandte ich zurück nach meinem lieben Dorfe. Der Kirchthurm und die kleinen Bauerhäuser alle blickten mich so freundlich an, die grünen Fensterladen am Giebel unseres Hauses konnte ich noch ganz deutlich erkennen, mir war, als wehte von dort ein weißes Tuch herüber, und wehmüthig erwiderte ich den Gruß. Dann entzogen mir die Bäume neidisch alle weitere Aussicht, und ich hing still meinen Gedanken nach, in denen mich die Tante auch wenig störte.

Nach einigen Stunden waren wir in Magdeburg, von wo die Eisenbahn uns der Residenz zuführen sollte. Hier trennte sich der letzte Bote aus dem Vaterhause von mir, der alte treue Kutscher Friedrich, mit den lieben beiden Braunen, die ich so oft selbst an der Leine gehabt, wenn wir auf das Feld hinaus fuhren, Getreide oder Heu einzuholen. Tausend, tausend Grüße trug ich ihm noch auf für jeden Einzelnen in Schreibersdorf, immer wieder streichelte ich die Pferde und gab ihnen noch ihre Leckerbissen, Weißbrod und Zucker, strich zärtlich über die blauen Sitzkissen der lieben weichen Chaise und verfolgte dann mit Thränen im Auge lange noch die Staubwolke, die hinter dem fortrollenden Wagen dahinzog.

Ein Spaziergang, den ich mit der Tante durch die Stadt und deren Umgebung machte, zog mich endlich von meinen trüben Gedanken etwas ab, und die Fahrt auf der Eisenbahn durch Gegenden, die mir noch fremd waren, zerstreute mich sehr wohlthätig. Die Tante verstand es gar zu gut, die Aufmerksamkeit rege zu erhalten für alles, was an uns vorüberzog, und auch die Reisegesellschaft beschäftigte meine Gedanken vielfältig. Endlich öffnete die Tante sogar eine Schachtel mit allerlei leckern Früchten und Kuchen, die Mama ihr heimlich für mich mitgegeben, und der reiche Inhalt derselben zeigte mir so ganz das liebe, sorgliche Mutterherz, das ihrem Kinde auch in der Ferne noch Freude machen wollte. Ich war wirklich noch Kind genug, um mit diesen köstlichen Leckerbissen meine letzten Thränen hinab zu schlucken, und so hatte meine beste Mama den Zweck erreicht, den sie damit im Sinne gehabt.

Hellen Auges zog ich endlich der großen Stadt entgegen, die sich jetzt vor uns ausbreitete, und mit neugierigen Blicken schaute ich mich in den Straßen um, durch welche wir dann fuhren. Die schönen Häuser und glänzenden Kaufläden erregten meine volle Bewunderung, hohe Statuen sahen hier und da ernst zwischen grünen Bäumen hervor, breite Brücken führten über den Fluß, der die Stadt durchschnitt, und stattliche Kirchen und Paläste blickten stolz und würdig auf mich armes Landmädchen hernieder. Alles verkündete die Hauptstadt, die Residenz eines großen Fürsten.

Endlich hielt der Wagen in einer der breiten Straßen vor einem freundlich aussehenden Hause, das nicht so hoch in den Himmel hinein ragte als seine Nachbarn, die mir ordentlich das Herz bedrückten durch ihre unzähligen Fenster. Hier in der gewaltig großen Stadt, wo so zahllose Menschen Platz finden wollten, mußte man freilich hoch in die Luft hinein bauen; selbst die Keller der Häuser, in welchen bei uns kein Mensch sich aufhalten möchte, sah ich von unzählig viel Familien bewohnt, und kein Plätzchen schien unbenutzt gelassen. Das hübsche Haus der Tante hatte nur wenig Mitbewohner und sprach durch sein zierliches sauberes Ansehn von Wohlstand und Behaglichkeit. Ein kleiner schattiger Garten umschloß seine Rückseite, und da an denselben keine Straßen, sondern wieder andere Gärten anstießen, so konnte man beim Blick über diese grünen Bäume ganz vergessen, daß man sich in der geräuschvollen Residenz befand.

Hier also sollte ich nun die nächste Zeit verleben, hier in dem fremden Hause, der fremden Stadt, den neuen Verhältnissen! O wie bang klopfte mir mein Herz, als ich die Stufen der Treppe hinauf stieg, hinter Tante Ulrike und der saubern Dienerin her, welche sich mit den unzähligen Packeten und Schachteln bepackt hatte, die mich auf der Reise begleiteten. Schüchtern blieb ich an der Thürschwelle des schönen Zimmers stehen, in das wir eintraten, und wagte nicht, meine Sachen abzulegen. Da aber kam Tante Ulrike freundlich auf mich zu, zog mich liebevoll an ihr Herz und sagte: »Nun sei mir willkommen in meinem Hause, mein liebes Kind! Gott gebe, daß du dich wohl und glücklich hier fühlen mögest, und meine Liebe dir die Heimath ersetze!« Mit welcher Innigkeit schmiegte ich mich an die Brust dieser lieben, lieben Tante! O wie allein, wie schrecklich allein und verlassen hätte ich in dieser großen, fremden Stadt dagestanden ohne diese treue, mütterliche Freundin! Aber an ihrer Seite, unter ihrem Schutz konnte ich getrost all dem Neuen und Fremdartigen entgegen gehen, das mich hier erwartete.

Nun führte mich die Tante in ihrer ganzen Wohnung umher, die für eine einzelne Frau sehr groß und geräumig war. Ueberall herrschte die größte Sauberkeit, sowohl in den Zimmern, als in Küche und Wirthschaftsräumen, alles war reich und gut eingerichtet, überall erkannte man behagliche Fülle, aber nirgends blendende üppige Pracht oder modernen Luxus. Einfach und gediegen, das war der Eindruck, den alles umher auf mich machte, und ebenso war ja auch die ganze Erscheinung der Bewohnerin dieser Räume. Es lag etwas in dem Wesen der Tante, das mir immer wieder geheime Bewunderung erweckte, und doch war durchaus nichts Auffallendes in der Art und Weise dieser stillen, feinen Frau, im Gegentheil, alles erschien so einfach, so natürlich, man hätte meinen sollen, gerade so und nicht anders müsse man auch sprechen, gehen und sich bewegen. Aber das war ja eben das Ausgezeichnete an ihr, nirgends ein Mangel, nirgends etwas, das man anders gewünscht hätte. Damals wußte ich mir nicht Rechenschaft zu geben, worin das Harmonische eigentlich bestand, das sie umgab, jetzt aber weiß ich es, – es war eben die gute Erziehung!

Erst jetzt neben dieser ausgezeichneten Frau fühlte ich mehr und mehr, wie sehr mir armen Landmädchen die feinere Erziehung noch fehlen möchte. Zu Haus auf dem Dorfe, in einfachen Verhältnissen, und mitten unter den vielen kleinen wilden Geschwistern war mir nie dieser Gedanke gekommen. Aber meine liebe Mama, welche durch die vielen Kinder und große Kränklichkeit abgehalten wurde, sich mehr mit meiner Erziehung zu beschäftigen, und die ihre eigene Jugend nur auf dem Dorfe verlebt hatte, fern von den feineren Sitten und Gewohnheiten der Städte, sie wünschte sicher lange schon, daß ihr ältestes Töchterchen in anderen Verhältnissen lernen möchte, was das Vaterhaus ihr nicht bieten konnte. In den stillen, häuslichen Tugenden, mit denen meine geliebte Mutter das Glück ihres Hauses begründete, hatte sie mich mit Sorgfalt und Treue unterwiesen, und nie in meinem Leben kann ich ihr dafür genug danken. Ihre Lehren bildeten die Grundlage alles dessen, was das spätere Leben mir zuführte, und wodurch Herz und Verstand seine fernere Entwicklung erhielt. Daß ich diese weitere Ausbildung aber nirgends besser finden konnte, als an der Hand unsrer lieben Tante Ulrike, das wußte meine Mama recht wohl, da sie selbst die treffliche, feingebildete Schwägerin so aufrichtig verehrte. Wie gern überließen meine Eltern mich ihr deshalb für einige Zeit, als sie sich erbot, für meine weitere Ausbildung Sorge zu tragen. Welchen treuen, liebevollen Händen ich anvertraut worden, das fühlte ich selbst gar bald.

In der ersten Zeit meines Aufenthaltes aber bei der Tante war ich unaussprechlich bedrückt und unglücklich, denn neben dieser fein gebildeten Frau fühlte ich jeden Augenblick, wie hölzern ich mich bewegte, und meine angeborene Schüchternheit vermehrte die Aengstlichkeit meines Benehmens. Wie ein steifer Perückenstock stand ich an Tantes Seite, und so oft sie mit mir sprach, wurde ich bis unter das Haar hinauf feuerroth und wagte nicht zu antworten, denn ich kam mir gar zu albern und kindisch vor. Die sanfte Freundlichkeit der Tante wirkte aber bald ungemein wohlthätig; meine Schüchternheit schmolz davon wie Schnee vor der Sonne, und ich gewann nach und nach meine kindliche Heiterkeit wieder, trotz aller Fehler und Verstöße, die ich immer von Neuem beging. Die Tante sagte mir schon am ersten Tage sehr liebevoll, sie werde mich gleich von vorn herein erbarmungslos auf alles aufmerksam machen, was sie anders wünsche, nur müsse ich dabei nicht ungeduldig werden, böse sei es nie gemeint. Natürlich versprach ich dies aus vollem Herzen, und hielt es tapfer und standhaft, so schwer es mir oft genug wurde.

Was mir nun von diesem meinem Aufenthalte im Hause der Tante noch im Gedächtniß geblieben, das erzähle ich euch, meine lieben Freundinnen, jetzt mit offenem Herzen, es sind gar liebe Erinnerungen für mich. Und da das Geschlecht der Backfischchen noch bis auf den heutigen Tag grünt und blüht, so ist unter ihnen gewiß eins oder das andre, das sich in seiner 15jährigen Haut ebenso unbehaglich fühlt, als es bei mir der Fall war, und ihnen mögen denn diese Zeilen zum Troste und zur Unterhaltung dienen.

2.
Am Morgen.

»Du sollst mit in meinem Zimmer schlafen, Gretchen!« sagte Tante Ulrike, als sie mich in ihrer Wohnung umher führte, und dabei öffnete sie ein nettes, behagliches Stübchen. Mit ängstlicher Scheu blickte ich nach dem zierlichen Himmelbett, unter dessen schneeweißen Gardinen ich von jetzt an träumen sollte. Mein einfaches Bettchen zu Haus entbehrte jeglichen Schmuckes, und doch, wie himmlisch hatte ich darin geschlafen! Das Bett der Tante war auch von langen, weißen Vorhängen umgeben, deren Schnüre von dem Schnabel eines Adlers gehalten wurden. Das Thier sah mich so böse an, als ärgere ihn der neue Ankömmling, mir wurde ganz unheimlich zu Muthe. Zum Glück schien es mir bald, als blicke er von Tag zu Tage freundlicher auf mich armes Kind hernieder, er mochte wohl einsehen, daß ich den besten Willen mitbrachte, es jedem recht zu machen.

Neben meinem Bett stand ein niedliches Waschtischchen, ebenfalls von Gardinen umwallt, und alle möglichen Toilettengegenstände schmückten dasselbe. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, grüne Vorhänge harmonirten mit der grünen Tapete der Wände, und machten das Zimmer ungemein behaglich. Das Beste darin aber war der Platz meines Bettes unmittelbar neben dem Fenster, das nach dem Garten hinaus führte. Von hier aus fielen meine Blicke ja gleich beim Erwachen auf Himmel und Bäume, gerade wie es zu Hause gewesen in der großen Unterstube, in welcher wir Kinder schliefen.

Mit welch' unbeschreiblich schwerem Herzen drückte ich am ersten Abend meinen Kopf in die weichen Kissen meines Himmelbettes! Ach es war die erste Nacht, die ich außer dem Vaterhause zubrachte, die erste Trennung von meinen Lieben in der Heimath! Thräne auf Thräne rollte auf die weißen Kissen, und unnennbares Heimweh bedrückte mein Herz. Endlich aber faltete ich still meine Hände und suchte Trost und Ruhe bei Dem, der ja auch hier über mir wachte, und dessen Hand mich auch hier gütig und väterlich leiten würde, wie sie es bisher gethan. Ein süßer Friede kam während des Gebetes in mein Herz, und ruhig schloß ich endlich die Augen, um im Traume wieder dorthin zu fliegen, wo mein Herz und meine Gedanken weilten, nach dem lieben, theuren Vaterhause!

Wie erstaunt war ich, als ich am andern Morgen erwachte, und halb noch im Geiste unter meinen lärmenden Geschwistern, mich nun hier in dem stillen, grünen Zimmerchen fand. Mit einem leisen Seufzer besann ich mich endlich auf alles und blickte nun spähend nach dem anderen Himmelbett hinüber, ob dessen Bewohnerin schon erwacht sei. Sie nickte mir einen freundlichen Morgengruß zu und fragte, wie ich geschlafen.

»Sehr gut, liebe Tante,« sagte ich fröhlich. »Ich habe die ganze Nacht von Schreibersdorf geträumt und von all meinen Geschwistern. Sie sind heut gewiß rechte Langschläfer, da ich sie nicht aus den Federn treibe.«

»Du scheinst mir auch noch nicht ausgeschlafen zu haben, Kleine!« sagte die Tante lächelnd, als ich jetzt den Mund zu einem lauten Gähnen öffnete, und ohne die Hand vorzuhalten, die Tante anblickte. »Hu, verschling mich nicht, Mädchen!« rief diese, sich die Augen zuhaltend, und beschämt steckte ich meinen Kopf wieder unter die Decke. Es war die erste Unmanier, mit der ich den Tag begann, und sie machte so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mein Gähnen seitdem außerordentlich cultivirte.

Die Tante mahnte jetzt zum Aufstehen, und so fuhr ich denn schleunigst, wie ich all mein Lebtag gethan, mit beiden Beinen unter dem Deckbett hervor und kauerte mich im allerleichtesten Nachtkostüm auf den Fußboden, um mir dort die Strümpfe anzuziehen.

Ein herzliches Gelächter der Tante brachte wieder dunkle Gluth auf mein Gesicht. »O,« rief sie lustig, »wie alt ist denn das liebe kleine Hemdenmätzchen dort an der Erde, das fünf Fuß preußisch in der Länge mißt?«

Wie der Blitz flog ich bei diesen Worten der Tante hinter die Bettgardine, und jetzt lernte ich erst deren Tugenden schätzen, denn bis ich mein gar zu natürliches Nachtkostüm mit andern Kleidern vertauschte, schützte mich diese gar trefflich. Beschämt kam ich hinter derselben wieder zum Vorschein und eilte an das Bett der Tante, um derselben meinen Morgengruß zu bringen.

Den Gruß erwiderte sie freundlich, als ich ihr jedoch meine Lippen zum Kuß darbot, schob sie mich sanft zurück und sagte:

»Erst waschen und den Mund reinigen, ehe man damit küßt, liebes Gretchen!«

Das war schon Dummheit Nummer drei, die ich beging, und ich war kaum aus den Federn; zu welcher Summe würden Tante's Ermahnungen wohl angewachsen sein, wenn ich am Abend mich wieder hinter den weißen Gardinen meines Himmelbettes niederlegte!

Kleinlaut schlich ich zum Waschtisch, meine Morgentoilette zu machen, die bisher zu Hause sehr wenig Zeit gekostet hatte. Ein wenig Wasser, eben genug, um die Hände naß zu machen, genügte mir vollkommen zum Waschen, und ohne mein weißes Nachtjäckchen abzulegen, fuhr ich mit dem nassen Handtuchzipfel ein paar Mal über das Gesicht und den Nacken, ebenso schnell ging es mit den Händen, und fertig war ich.

Die Tante war indessen aufgestanden und trat nun zu mir an den Waschtisch.

»Ist bei Euch auf dem Lande das Wasser so theuer, daß du so sparsam damit bist?« fragte sie, auf die paar Tröpfchen im Waschbecken deutend.

»Ich brauche nicht mehr, Tantchen!« sagte ich verwundert.

»Ich wünschte, daß du diesem Geschäft etwas mehr Sorge zuwendest, es ist gut sowohl für die Reinlichkeit als für die Gesundheit!« sprach die Tante freundlich, und begann nun selbst ihre Toilette, der ich erstaunt zusah.

Zuerst goß sie eine große Menge Wasser in das Waschbecken, entblößte dann Nacken und Arme von ihrer Umhüllung, und badete nun Kopf und Hals immer und immer wieder mit einem großen weichen Schwamme, den sie im Nacken ausdrückte. Dann rieb sie Arme und Hände mit schäumender Seife ab und rief munter: »Wasser und Seife kannst du mir nie zu viel verschwenden! Nach dem Verbrauche der Seife taxirt man die Cultur der Staaten, je mehr Seife derselbe consumirt, je weiter ist er im Fortschritt.« Dabei überreichte sie mir einen ebenso schönen, weichen Schwamm, als der ihrige war, und forderte mich auf, nun ihrem Beispiele zu folgen. Verlegen machte ich mich an das ungewohnte Werk und benahm mich dann auch dabei so geschickt, daß bald alles um mich herum schwamm. Zum Ueberfluß stieß ich auch noch den Wasserkrug um, und nun triefte alles rings umher, sowohl der zierliche Waschtisch, als auch der Fußboden und meine Bettgardine, ja sogar die Kleider auf meinem Stuhle.

»Himmel, wir ertrinken! Das nenne ich Wasser consumiren!« lachte die Tante, nach mir umschauend, und rettete die noch trockne Umgebung vor den strömenden Wogen. »Du bist ja riesenhaft cultivirt, meiner Theorie zu Folge!«

»Ach der dicke Schwamm ist dran Schuld, Tantchen!« rief ich fast weinend und blickte trostlos auf die Sündfluth um mich her.

»Alles will gelernt sein, Kind!« tröstete die Tante freundlich. »Mache jetzt, daß du wieder trocken wirst, sonst bezahlst du meine Lehren mit einem tüchtigen Schnupfen.«

»Wäre dies Anziehen doch nur erst überstanden!« seufzte ich im Herzen, während ich mir das Wasser zur Reinigung des Mundes zurecht machte. »Was wird dabei nun wieder falsch sein!« Aber das ging besser ab, als ich gefürchtet. Die Bürste war köstlich fein, das Pulver von angenehmen Geruch, und das half mir trefflich.

»Ich hoffe, du wiederholst dies Geschäft auch stets nach dem Mittagessen, Kind?« sagte die Tante, als ich fertig war.

»Nach dem Mittagessen, Tantchen? Nein, bis jetzt that ich das nie!«

»So thue es ja von heut an, es ist vortrefflich für die Conservirung der Zähne!«

»Ja wohl, liebe Tante!«

Ach wie oft habe ich in jener Zeit »Ja wohl, liebe Tante!« gesagt! Hätte ich für jedes Mal einen Thaler bekommen, ich wäre als Millionärin nach Haus zurück gekehrt!

»Ich habe es gern, wenn junge Mädchen sich gleich am Morgen das Haar flechten!« sagte die Tante, als ich mir eben meine braunen Zöpfe unter das Morgenmützchen stecken wollte.

»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete ich demüthig und riß mein Häubchen schnell wieder vom Kopfe und die Flechten herunter, daß die Nadeln umher flogen.

»Ich lese dir indeß aus der Zeitung vor, Gretchen, nimm dir Zeit, daß du ordentlich aussiehst, darauf halte ich etwas!« fuhr die Tante fort, indem sie sich in einen Lehnstuhl setzte und mir aus der Zeitung allerlei vorlas, wobei sie aber fortwährend über dieselbe hinaus und zu mir hin blickte, ob ich auch alles regelrecht mache. Da hieß es denn bald: »Löse die Haare aus dem Kamme, ehe du wieder damit kämmst! Lege das Haar nicht auf den Tisch, sondern auf Papier! Nicht so fest flechten, hübsch gleichmäßig! Reinige Kämme und Bürsten, ehe du sie fortlegst!« und was dergleichen kleine Mahnungen mehr waren.

Endlich war das Werk vollbracht, und ich griff nach dem Morgenrock, um mich, wie ich gewöhnt, bequem hinein zu hüllen.

»Nein Kind, ein junges Mädchen zieht sich gleich fertig an, nur keine Verwöhnung!« sagte die Tante mir zusehend, und erstaunt legte ich das verschmähte Kleidungsstück wieder auf die Seite. »Das ist vortrefflich, wenn du krank bist, aber nicht in gesunden Tagen, mein Töchterchen!« fügte sie freundlich hinzu. »Nur immer schmuck und à quatre épeingles! Ein saloppes Mädchen ist etwas Widerwärtiges, und der Schlafrock verleitet nur gar zu gern hierzu. Komm, ich will dir helfen, mein Kind!«

Dabei griff sie nach meinen Kleidern und befestigte mir freundlich alle Bänder und Haken und Knöpfe, die zu meinem Anzuge gehörten.

»Ei ei! da sehe ich allerlei Dinge, die mir nicht gefallen!« tönte es aber während ihrer Hülfsleistungen hinter mir, und dabei schwebte eines meiner Rockbänder, das ich gestern in der Eile zusammen geknotet, als es tückisch aus einander riß, verhängnißvoll in der Luft.

»Dergleichen darf nun und nimmer bei mir vorkommen, Gretchen!« sagte die Tante streng. »Und hier, die Haken deines Kleides sind sämmtlich so lose, daß sie sich von oben bis unten in ihrer ganzen Fülle an das Licht drängen! Das geht nicht, geschwind hole ein andres Kleid, und das Rockband nähe augenblicklich.«

Wie ein begossener Pudel schlich ich zum Kleiderschranke und that, wie mir geheißen.

»Hat deine gute Mutter denn dergleichen Unordnung gelitten?« sagte die Tante, während ich das Band annähte.

»Ach nein, Tantchen, niemals! Sie hält sehr auf Ordnung!« entgegnete ich leise und fast weinend. »Ich bin auch nicht immer so nachlässig, es ging gestern bei der Abreise nur so schnell, daß ich keine Zeit zum Ausbessern hatte.«

»Ich will dir einen guten Rath geben, damit dergleichen nicht öfter vorkommt, mein Kind!« sagte die Tante liebevoll. »Jeden Abend vor Schlafengehen sieh regelmäßig all deine Sachen nach, die du andern Tages anziehen willst, und bringe das Fehlende daran in Ordnung. So viel Zeit hat man da immer, und entbricht man sich dadurch etwas am Schlafe, so hat das nicht viel zu bedeuten. Wie man Herz und Seele vor dem Einschlafen prüfen, und wie man sich vornehmen soll, alles das besser zu machen, was an diesem Tage nicht recht war, ebenso muß man auch den äußeren Menschen in Ordnung halten, und am Schlusse des Tages nachhelfen, wo etwas fehlt. Solche kleine gute Angewöhnungen tragen gute Früchte, das sollte man immer bedenken. Vernachlässigte kleine Schäden wachsen schnell zu großen an, sowohl im Kleid als im Herzen, und dann macht jede Reparatur zehnfache Arbeit.«

Ich küßte der guten Tante still die Hand, mit der sie mir die Wange streichelte. Da bemerkte ich, wie sie plötzlich ein halb ernstes, halb komisches Gesicht machte und auf meine Hände blickend sagte: »Du hast ja Hoftrauer, Gretchen!«

»Hoftrauer, liebe Tante? Was meinst du damit? Ist jemand von der königlichen Familie gestorben?« fragte ich verwundert.

»Wie? den Ausdruck kennst du nicht?« lachte die Tante und hielt meine beiden Hände mir vor das Gesicht. »Das hier nennt man Hoftrauer, Kind, deine zehn schwarzen Fingernägel, denen keine Nagelbürste zu Hülfe gekommen ist! Geschwind, lege die Trauer ab, ich habe auf deinem Waschtische reichlich für die Mittel dazu gesorgt, geh und bürste deine Nägel!«

»Geh und bürste deine Nägel!« Ich ging und versuchte mein Heil, das erste Mal in meinem Leben, zu Haus hatte nie jemand meine Finger dieser Procedur unterworfen. Tantchen kam bald zu meiner Hülfe herbei, und das war gut, nun erfuhr ich doch, wozu die netten kleinen Bürsten und Haken da waren, die meinen Waschtisch schmückten. Es ist wahr, als zum ersten Male in meinem Leben so schöne weiße Nägel an meinen Fingerspitzen prangten, sahen die Hände noch einmal so hübsch aus.

»Gretchen, die Morgenschuh gehören auch in das Bereich der Dinge, welche junge Mädchen außerhalb des Schlafzimmers nicht an den Füßen dulden sollen!« wandte sich die Tante noch einmal zu mir, indem sie meinen Füßen verdächtige Blicke zuwarf. »Auch blitzt es noch gewaltig, mein Herz.«

»Es blitzt?« rief ich erstaunt und blickte nach dem Fenster. Die Tante lachte abermals herzlich über meine Einfalt und sagte: »Bist du denn eben vom Baume herunter gefallen, Mädchen, daß du die Redensart auch noch nicht kennst? Der Schlitz deines Kleides steht offen, das nennt man blitzen, du kleines Närrchen! Gewiß hast du ihn nicht zugesteckt!«

»Nein, das thue ich nie, Tantchen!« erwiderte ich verwundert.

»Ja das gehört aber auch zur Ordnung, Kind!« entgegnete die Tante, das Versäumte nachholend. »Es ist ein häßlicher Anblick, oft bei ganz eleganten Toiletten diese Nachlässigkeit zu bemerken.«

Während ich nun noch die verpönten Morgenschuh von meinen Füßen streifte, um sie mit straffen Schnürstiefeln zu vertauschen, verließ die Tante unsere Schlafstube, und bald folgte auch ich ihr nach dem Wohnzimmer, wo das Frühstück uns erwartete. Als ich dort eintrat, kam Tante Ulrike freundlich auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen beide Hände und drückte einen herzlichen Kuß auf meine Lippen.

»Siehst du, jetzt bekommst du gern, was ich dir vorhin versagte!« sprach sie heiter. »Es ist eine arge Zumuthung, von unsaubern und unappetitlichen Lippen geküßt zu werden, und das vergessen gar viele Menschen, nicht blos meine kleine, liebe Grete! – Aber nun komm zum Kaffee, mein Töchterchen!« fuhr die Tante fort, und brachte die zierliche gemalte Kaffeekanne herbei. »Heut ist er schon fertig, aber von jetzt an übergebe ich dir das Geschäft des Kaffeekochens, sowie Abends auch die Theebereitung. Ich mache all' das gern in meinem Zimmer, das Summen des Theekessels ist gar zu behaglich.«

Geschäftig eilte ich, der Tante die Tasse mit Kaffee zu füllen und ihr denselben mit Sahne und Zucker zu versetzen.

»Erst Zucker, dann Sahne, das ist eine alte Regel, sonst giebt es eine unglückliche Liebe!« scherzte die Tante, indem sie mir zusah. »Und dann gieß die Tasse nicht so voll und schütte nichts über!«

»Ach verzeih!« rief ich erröthend und goß schnell aus der Untertasse wieder in die obere, was beim Hinreichen übergeflossen war. Aber nun kam ich aus dem Regen in die Traufe, wie man zu sagen pflegt, denn das war ja erst recht unschicklich.

Endlich setzte auch ich mich zum Frühstück nieder und machte mir ganz behaglich, wie zu Hause, eine recht schöne »Brockei«, wie wir Kinder es nannten, das heißt, ich stopfte eine Menge Weißbrod in die Tasse, daß es vom Kaffee dick aufgeschwemmt wurde und hoch oben hinaus stand.

»Du bist doch noch ein recht ordentliches Kind!« rief die Tante und sah mir lächelnd zu. »Nun laß es dir gut schmecken! Wenn wir unter uns sind, will ich dir dein Vergnügen nicht stören, aber in Gesellschaft von Andern mußt du solchen Kaffeepudding schon dran geben.«

»Wie schade! das schmeckt so gut, Tantchen!« sagte ich kindisch, und blickte mein süßes Gericht zärtlich an. Die zweite Tasse jedoch versuchte ich, nach Tante Ulrike's Angabe, ganz manierlich hinunter zu schlürfen; da er aber sehr heiß war, goß ich ihn in die Untertasse, damit er schneller abkühlte, und führte dieselbe dann pustend an die Lippen.

»Das schickt sich ja aber wieder nicht, Kind!« lachte die Tante, und erschrocken setzte ich schnell die Tasse nieder.

»Wir Kinder haben zu Haus immer aus der Untertasse getrunken!« sagte ich erröthend.

»Das glaube ich gern, Kindern ist eben alles erlaubt!« entgegnete die Tante. »Aber du bist ja doch bei mir um das zu lernen, was sich für erwachsene Leute schickt, und die Kinderschuh abzustreifen, und drum quäle ich dich so ohne Erbarmen, du armer kleiner Backfisch! Nun wollen wir es aber für heut gut sein lassen, mache jetzt, was du Lust hast, sonst vergißt du am Ende eins mit dem andern. Heut habe ich dich mit den Pflichten und Regeln des Morgens gepeinigt, das war Lection Nummer I. Ich denke, wenn wir alle Tage solch Kapitelchen durchnehmen, so werden wir ja wohl in Jahr und Tag so ziemlich mit dem fertig sein, was ein Backfischchen zu lernen hat.«

In dieser freundlich heitern Weise verstand es Tante Ulrike, mich ungehobeltes Dorfmädel nach und nach etwas abzuschleifen, was gewiß keine leichte Aufgabe war. Die Milde und Geduld, mit welcher sie mich auf alles aufmerksam machte, ließ in mir jede Aufwallung von Aerger oder Unwillen zur Unmöglichkeit werden. Wenn ich auch noch so viel Falsches und Thörichtes that, noch so viel Verweise erhielt, immer war ich nur von Dank erfüllt gegen die, welche meine Erziehung mit so viel Selbstverleugnung und Liebe übernommen hatte, und das größte Bestreben, diese Bemühungen mit Eifer und Aufmerksamkeit zu vergelten, beseelte mich an jedem Morgen von Neuem.

Aber freilich, was hatte ich alles zu merken, was alles anders zu machen, als ich es bisher gethan hatte! Wie eine Fluth brauste es über mich daher, denn nur allein der Morgen, wie reich war der an vielfachen Rügen und Mahnungen gewesen! Welch' langen Herzenserguß sandte ich da gleich am ersten Tage nach meinem lieben Vaterhause! – Ach dort war stets alles recht und gut, was ich that, dort war ich noch ein Kind, für das sich alles schickte, und wie glücklich und seelensfroh war ich dabei gewesen! Aber jetzt! Jetzt war ich kein Kind mehr, jetzt sollte ich ein erwachsenes Mädchen vorstellen, mit neuen Pflichten und neuen Anforderungen! Da kamen mir immer und immer wieder die Schlußworte jenes schönen Liedes in den Sinn, die auch ich aus tiefstem Herzen seufzte: »O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!«

3.
Visiten.

So deutlich, wie mir dieser erste Morgen im Hause meiner lieben »Tante Anstand«, wie ich sie scherzend nannte, im Sinne geblieben, ist es freilich mit alle den darauf folgenden Tagen und Stunden nicht der Fall. Doch stehen mir besonders aus der ersten Zeit meines Aufenthaltes noch viele einzelne Scenen so deutlich in der Erinnerung, als hätten sie sich eben erst zugetragen, und von diesen will ich denn weiter erzählen.

»Hole dir Hut und Tuch, Gretchen, wir wollen einige Visiten machen!« sagte die Tante eines Tages, und ich eilte, ihrer Weisung zu folgen, um schnell fertig zu werden, denn sie liebte es gar nicht, auf mich zu warten. Nun war ich aber an solch' feierliches Ausgehen gar nicht gewöhnt, denn zu Haus stülpte ich schnell meinen Hut über und sprang sonst, wie ich war, hinaus in Garten und Flur; Shawl, Handschuh, Schirme, Aufschürzer und was dergleichen nöthige Gegenstände mehr waren, die zu einer Stadtpromenade gehörten, kannte ich wenig. So kam es denn regelmäßig, daß ich jetzt irgend etwas von diesen Dingen vergaß, was ich erst bemerkte, sobald wir unterwegs waren, und natürlich wurde die Tante hierüber oft recht verdrießlich.

Heute nun hatte es geregnet, und so schürzte ich mit zwei niedlichen Klammern, welche die Tante mir zu diesem Behufe geschenkt, mein Kleid sehr sorgfältig auf, denn oft hatte die Tante mich aufmerksam gemacht, wie häßlich es aussah, wenn nett gekleidete Damen entweder die guten Kleider im Schmutze nachschleppten, oder sich dieselben so ungeschickt aufnahmen, daß man alle Etagen ihrer Unterkleider verfolgen konnte, wobei sich oft nicht eben das Sauberste den Augen darbot. »Oben hui, unten pfui!« wie Tantchen sagte. Mit Shawl und Regenschirm wohl ausgerüstet folgte ich eilig meiner Führerin, welche wie gewöhnlich früher als ich fertig war. Auf der Treppe aber bemerkte ich erst, daß ich meine Handschuh vergessen, und erschrocken sprang ich zurück, dies mir recht unangenehme Kleidungsstück zu suchen. Glücklich holte ich die Tante auch bald ein, bemerkte aber in der Eile nicht, wie naß die Straße war, und daß ich dünne Zeugstiefeln an den Füßen hatte, bis die Tante plötzlich stehen blieb und auf mein Fußwerk zeigte.

»Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mädchen?« rief sie unwillig. »Das geht nicht! Erstens bekommst du nasse Füße, und zweitens verdirbst du deine guten Zeugstiefeln. Kehre schnell um, hole dir Gummischuh und komm mir dann nach, du kannst mich bei Geh. Rath Delius treffen, wohin ich zuerst gehen werde.«

Auf Windesflügeln lief ich nach unsrer Wohnung zurück und holte die vergessenen Schuh aus ihrem Kasten. Aber wie ärgerlich! Sie waren von dem Schmutz des letzten Regenwetters noch völlig überdeckt, und ich mußte nun warten, bis Dore sie mir gereinigt hatte.

»Warum dachte ich auch daran nicht und setzte die dummen Dinger schmutzig in den Kasten!« brummte ich ärgerlich und trippelte vor Ungeduld mit den Füßen. »Mach doch nur rasch, Dore,« schalt ich dann heftig, »ich kann ja sonst Tantchen nicht mehr einholen, und muß dann allein bei Geh. Rath Delius in das Zimmer treten!« Mir wurde ganz heiß vor Angst bei diesem Gedanken, und so schnell ich konnte, rannte ich der Tante nach, so daß ich in tausend Pfützen patschte, alle Menschen umriß, die mir begegneten, oder denselben meinen aufgespannten Regenschirm vor den Magen stieß.

»Gott bewahre, die hat's eilig! Das fahrige, junge Ding!« hörte ich hinter mir drein rufen, aber unaufhaltsam stürzte ich vorwärts, um die Tante noch einzuholen, ehe sie an dem betreffenden Hause angelangt war. Doch vergebens, ich hatte mich zu sehr verspätet und mußte nun allein in das Zimmer treten.

Mit hoch klopfendem Herzen folgte ich dem anmeldenden Diener, und trat dann schüchtern der Dame des Hauses entgegen, welche mich freundlich bewillkommnete. Tante Ulrike saß schon neben ihr auf dem Sopha, stand jedoch bei meiner Ankunft ebenfalls auf, um mich der Geheimräthin vorzustellen. Da kam ein schrecklicher Moment: ich mußte meine Verbeugung machen! Ach das war ein großer Stein des Anstoßes, und täppisch genug mochte ich mich bewegt haben, ich fühlte es ordentlich an meinen zitternden Knieen und der brennenden Gluth, die mein Gesicht bedeckte.

»Kommen Sie näher, liebes Gretchen!« sagte die Geheimräthin herzlich und bot mir einen weichen Lehnstuhl zum Niedersitzen an.

»Erlauben Sie, liebe Freundin, daß Gretchen zuvor Ueberschuhe und Regenschirm in den Corridor trägt!« sagte die Tante jetzt, als ich mich eben ängstlich auf den Lehnstuhl setzen wollte.

Erschrocken fuhr ich schnell wieder von meinem Sitz empor und blickte an mir hernieder. Da sah ich denn, in welch' erbaulicher Verfassung ich in meiner Hast und Verlegenheit in dies elegante Zimmer eingetreten war! Nicht bloß, daß ich vergessen, mein aufgeschürztes Kleid herunter zu lassen, damit es die Röcke bedeckte, welche bei dem schnellen Sturmlauf arg besprützt worden, sondern ich hatte auch meine kothigen Ueberschuh an den Füßen behalten, welche herrliche Spuren auf dem glatten Parquetfußboden, sowie auf dem köstlichen Teppich zurück ließen. Ebenso umklammerte meine Hand noch mit krampfhafter Gewalt den Regenschirm, an dessen Spitze die Gewässer des heutigen Regenhimmels in sanften Strömen herab träufelten und sich zu einem kleinen See auf dem Fußboden vereinigten.

Eine scheue Entschuldigung stammelnd stürzte ich zum Zimmer hinaus und entledigte mich in der Vorstube dieser argen Missethäter. Dabei blickte ich in den Spiegel und sah nun, wie wenig meine Erscheinung für eine feine Morgenvisite geeignet war. Das Haar hing vom Winde gezaust nach allen Himmelsrichtungen um meine Stirn, der Hut saß schief und hatte eine arge Quetschung beim Kampf mit andrer Leute Regenschirmen erhalten, die Schleifen meines Knüpftuches hingen im Nacken, und der Kragen war eben im Begriff, auf und davon zu gehen.

»Daß auch Tantchen gerade bei solch' gräßlichem Wetter Visiten macht!« dachte ich ärgerlich und brachte meine Toilette wieder einigermaßen in Ordnung. Während ich aber hastig noch damit beschäftigt war, fiel mein Blick auf meine Handschuh, und neuer Schrecken durchfuhr mein armes Herz! Ach in der Eile und Hitze hatte ich ein Paar alte ergriffen, und erst jetzt mußte ich das bemerken! Was würde die Tante sagen, wenn sie das sah, denn sehen würde sie es, ihrem Auge entging ja nichts! Und was sollte die vornehme Geheimräthin von mir denken, vor der ich mich schon so schrecklich blamirt hatte! Anbehalten mußte ich die abscheulichen Dinger, denn ohne Handschuh, wie ich auf dem Lande ging, das wäre ja ganz unschicklich! So trat ich denn ängstlich und zaghaft wieder in das Visitenzimmer herein, meine Hände sorgfältig unter den Enden meines Shawles versteckend, was mir aber ein noch steiferes, ungelenkeres Benehmen gab.

Die liebe Dame des Hauses war taktvoll genug, meinen Wiedereintritt wenig zu beachten und sprach eifrig mit der Tante, und so setzte ich mich still auf einen einfachen Rohrstuhl, denn ohne Aufforderung wagte ich den schwellenden Polstersessel nicht wieder einzunehmen.

Da saß ich denn schweigend eine lange Zeit und hatte Muße genug mich zu sammeln. Ich zog und zerrte heimlich an den Fingerspitzen meiner unglückseligen Handschuh, von denen an einer Hand zwei, an der andern gar drei Finger aufgeplatzt waren, so daß die Fingerspitzen wie Rosenknospen aus der Blätterhülle hervorleuchteten. Es half aber nichts, davon wurden sie nicht wieder ganz.

Endlich hatte ich Verlangen, mein Taschentuch zu gebrauchen und griff darnach, aber siehe da, mein Tuch fehlte, ich mußte es in der Eile verloren oder im Vorzimmer liegen gelassen haben. Das war doch gar zu unangenehm! Wie sehnlich wünschte ich, Tantchen möchte aufbrechen, aber diese schien nicht daran zu denken und sprach lebhaft immer weiter. Da endlich stand die Geheimräthin auf, um dem Diener zu klingeln, und diesen Moment benutzte ich schnell. Mit einem flehenden Blicke neigte ich mich zu Tante Ulrike hinüber und zog das feine Taschentuch aus ihrer Hand, was sie zwar ruhig duldete, aber ein mißbilligendes Schütteln ihres Kopfes sagte mir gar wohl, was sie von ihrer ausgezeichneten Nichte dachte.

»Friedrich, sagen Sie meiner Tochter, daß Besuch bei mir ist!« rief die Geheimräthin dem eintretenden Diener entgegen! Bald öffnete sich denn auch die Thür des Nebenzimmers, und eine hohe, schlanke Dame in höchst eleganter Toilette schwebte zu uns herein. Mit ein Paar ruhigen, schmachtenden Augen blickte sie um sich, und begrüßte dann die Tante mit einer leichten Verneigung. Mich schien sie gar nicht zu sehen, obwohl ich in meiner ganzen Länge neben ihr stand, bis endlich ihre Mutter mich vorstellte. Das miserable Compliment, das ich der Dame des Hauses bei meinem Eintritt gemacht hatte, wollte ich jetzt durch ein besseres wieder gut machen, und so verneigte ich mich vor Fräulein Amanda denn höchst schulgerecht fast bis zur Erde, und ich war wirklich ganz zufrieden mit mir. Das Fräulein aber nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe und ließ sich dann langsam in den von mir leer gelassenen Lehnstuhl niedergleiten, in welchem sie sich nachlässig zurücklehnte. Das schien ihr aber noch nicht bequem genug zu sein, denn sie zog sich einen kleinen Fußschemel herbei, auf den sie ihre Füße stützte, und während sie den Kopf leicht auf die eine Hand lehnte, und mit der andern einen zierlichen Fächer auf und zu rollte, sah sie mich mit halb geschlossenen Augen lange schweigend an.

Mir trat bei dieser Prüfung der Angstschweiß auf die Stirn, ich rutschte unruhig auf meinem Sitz hin und her und blieb endlich auf der äußersten Stuhlecke hängen, dunkelroth bis zum Wirbel.

»Sie sind wohl vom Lande?« sagte die junge Dame endlich mit gezierter Stimme.

Neue Gluth färbte mein Gesicht bei dieser einfachen Frage. Bis jetzt war ich noch immer stolz auf meine Heimath gewesen, und mein Auge leuchtete, wenn ich jemand davon erzählen konnte, jetzt aber war mir, als müßte ich mich schämen, daß ich »nur vom Lande« war, denn ich fühlte recht wohl die Geringschätzung, welche für mich in dieser Frage Amanda's lag.

Die Tante, welche zwar während dieser Zeit mit der Geheimräthin gesprochen hatte, erlöste mich von meiner peinlichen Situation, indem sie an meiner Stelle antwortete. Nach einiger Zeit, in welcher ich wieder stumm dagesessen hatte, denn wie hätte ich gewagt, dieses Fräulein meinerseits anzureden, wandte sie sich abermals zu mir.

»Wie alt sind Sie denn, Liebe?« fragte sie herablassend, ungefähr so, wie eine Prinzessin ein armes Mädchen fragen würde, das eine Gnade von ihr erflehen möchte. Auch mein Alter hatte ich bis jetzt Jedermann offen und freudig genannt, Amanda Delius gegenüber aber war ich wie ausgetauscht.

»Eben 16 Jahre geworden!« lispelte ich, abermals vor Schaam erglühend, daß es nicht mehr Jahre waren.

»Also noch ein Backfischchen!« schmachtete Amanda gelangweilt, und wehte sich mit ihrem Fächer langsam frische Luft zu.

Es war durchaus nichts Neues, Unbekanntes, was das Fräulein mir da sagte, ich wußte recht gut, ich war noch ein Backfischchen, die Tante und alle Leute sagten es mir Tag für Tag, und nie war mir der Name unangenehm oder beleidigend gewesen. Aber jetzt aus dem Munde Amanda's kam er mir unerträglich vor, und ich hätte weinen können vor Aerger und Verdruß. Zum Glück stand jetzt die Tante auf und verabschiedete sich von Mutter und Tochter, und so wurde ich aus der unangenehmen Lage erlöst, in der ich mich befand, denn mit diesen wenigen Worten schien mich das Fräulein abgefertigt zu haben und sprach nun entweder gar nicht, oder gab einige Bemerkungen zu dem Gespräch zwischen ihrer Mutter und Tante Ulrike.

Nun Gott sei Dank, endlich waren wir wieder auf der Straße! Ich ging ganz stumm und beschämt neben der Tante her, und diese sprach Anfangs auch kein Wörtchen. Endlich aber sagte sie: »Nun Gretchen, heut' hast du dich mit Ruhm bedeckt, das muß ich sagen!«

»Ach Tantchen, ich bin ganz außer mir über meine Dummheiten!« rief ich nun schluchzend, denn jetzt brach meine ganze Haltung zusammen, und trostlos dachte ich an alles, was so eben vorgegangen war.

»Nun nun, Kind, tröste dich nur, was sollen denn die Leute denken, wenn du großes Mädchen auf offner Straße so weinst und schluchzest!« sagte die Tante beruhigend. »Etwas Unrechtes hast du ja nicht gemacht, nur einige Versehen gegen Anstand und feine Bildung, und das wird schon besser werden!«

»O ich bin ein zu großer Tölpel, Tantchen, schilt mich nur tüchtig, ich verdiene es nicht anders!« rief ich noch immer schluchzend.

»Schelten werde ich dich wegen solcher Dinge niemals, Kind, denn du weißt es noch nicht besser!« entgegnete die Tante liebevoll. »Aber die Erlaubniß, noch länger mein armes Battisttaschentuch mit deinen Thränen zu tränken, die entziehe ich dir jetzt!«

Trotz meiner Thränen mußte ich nun lachen, und bald fand sich denn auch mein Gleichmuth wieder.

»Unsern Besuch bei diesen meinen Freunden betreffend,« fuhr die Tante freundlich fort, »will ich dir nur das noch sagen, was du dir nebst den andern Dingen, die zum Anstand gehören, merken magst: Wenn du dich hinsetzest, es sei auf einen Stuhl oder was sonst, so bleibe nicht auf dem äußersten Rande oder der einen Ecke hängen, sondern nimm ruhig und sicher den vollen Sitz ein, du erscheinst sonst linkisch und ängstlich. Ferner warte, ob man dir die Hand reicht, ehe du die deinige hinhältst, du kannst nicht wissen, ob man auch gesonnen ist, sie dir zu drücken. Endlich aber richte dich mit deinen Verbeugungen, in denen ich dich noch ein wenig zurecht stutzen werde, nach dem Alter und Stande der Personen, vor denen du sie machst. Heut' bekam die würdige Frau Geheimräthin kaum einen kleinen unbedeutenden Knix von dir, während du der prätentiösen Fräulein Tochter ein Compliment setztest, das wenigstens für eine Prinzessin feierlich und tief genug war.«

»Sie war aber auch so unnahbar wie eine Prinzessin!« seufzte ich leise für mich hin.

»Da hast du nun zwar so unrecht nicht!« sagte die Tante lachend, »aber um so weniger huldige ihr nur, die Erlaubniß gebe ich dir. Aber jetzt komm nach Haus, die andern Besuche machen wir ein andres Mal, wenn besser Wetter ist und sich ein Taschentuch in deiner Tasche und anständige Handschuh an deinen Fingern befinden!«

Dachte ich's doch, ihren Augen kann nichts entschlüpfen! Hatte sie doch richtig die Rosenknospen unter ihrer Hülle entdeckt, so sehr ich auch bemüht war, diesen Anblick ihren forschenden Augen zu ersparen. O Tante Anstand!

4.
Freundschaft.

Zum Glück waren nicht alle Besuche, welche die Tante mit mir machte, so tragischer Natur als dieser eben beschriebene, dennoch aber bekam ich jedesmal ein kleines Visitenfieber, wenn wir uns zu dergleichen Unternehmungen rüsteten. So klopfte mir denn das Herz auch gewaltig, als ich die Tante einige Zeit nach jenem Besuche bei Geh. Rath Delius zu Professor Dunker begleiten sollte.

»Es ist ein junges Mädchen dort im Hause, mit der du Freundschaft schließen kannst!« sagte die Tante unterwegs, doch seufzte ich im Stillen bei diesem Gedanken, denn so sehr mein Herz nach befreundetem Verkehr verlangte, so schienen mir die jungen Mädchen der Residenz ein so andres Geschlecht zu sein, als ich und meine Freundinnen auf dem Lande, daß ich starke Zweifel hegte, hier jemals ein gleichgeschaffnes Wesen kennen zu lernen. Diese jungen Damen standen für mich armes, ungelenkes Dorfkind alle auf einer so unerreichbaren Höhe, daß ich mich immer am liebsten wie ein Mäuschen verkrochen hätte, wenn ich einem solch feinen Fräulein vorgestellt wurde. – So trat ich denn auch hier, von Tantchens Flügeln wie ein Küchlein gedeckt, mit schüchternen Schritten in das Zimmer von Frau Professor Dunker. Eine sehr lebendige, freundliche Dame kam uns mit herzlichen Worten entgegen, und kaum hatte sie uns begrüßt, so eilte sie nach der Thür, und rief: »Mariechen, geschwind komm herein, hier ist lieber Besuch!«

Ein junges Mädchen mit schönem, blondem Haar und freundlichen blauen Augen erschien auf diesen Ruf in der Thür und trat leicht erröthend und etwas schüchtern, aber doch frei und anmuthig zu uns herein. Tante Ulrike umarmte sie herzlich und führte sie dann zu mir, uns mit einander bekannt machend. Das schöne blaue Auge Marie's blickte freundlich in das meine, und indem sie meine Hand ergriff, sagte sie lebhaft: »O ich habe von Tante Ulrike schon so oft von Ihnen gehört, liebes Gretchen, wie freue ich mich, Sie nun kennen zu lernen!« Dabei zog sie mich auf ein kleines Sopha am Fenster, während die älteren Damen entfernt von uns Platz genommen hatten, und redete so herzlich und vertraulich, so frisch und natürlich zu mir, daß mir das Herz ganz aufging vor Freude und Entzücken. Das war freilich ein andres Wesen als Fräulein Amanda Delius, die mich kaum dreier Worte gewürdigt und wie ein Gänschen behandelt, und auch anders als die andern jungen Damen, deren ich bis jetzt einige bei der Tante kennen gelernt hatte. Neben diesem lieben, offenherzigen Naturkinde schwand meine Blödigkeit, bald schwatzten und lachten wir so vertraulich mit einander, als hätten wir uns seit Jahren schon gekannt. Als die Tante sich endlich verabschiedete, küßte mich Marie zärtlich und versprach, mich recht bald zu besuchen, denn sie habe mich so herzlich lieb gewonnen.

»Nun, sagte ich's nicht, ihr werdet gewiß gute Freundinnen!« sprach die Tante, als wir wieder unterwegs waren. »Mariechen ist ein liebes, herziges Kind, und es wird mich sehr freuen, wenn ihr Gefallen an einander findet.«

»Ach sie ist einzig lieb und nett, Tantchen!« rief ich begeistert, »und ich würde glücklich sein, wenn ich ihre Freundin werden könnte.«

»Das sollte auch mich sehr freuen,« entgegnete die Tante, »denn bei all ihrer kindlichen Natürlichkeit ist Marie ein durchaus gebildetes, kluges Mädchen, deren Erziehung sehr sorgfältig geleitet wurde, so daß du viel von ihr lernen kannst.«

Diese neue Bekanntschaft erfüllte mein Herz mit unbeschreiblicher Freude, denn was ich so sehnlich wünschte, wurde mir nun wirklich in schönerer Weise, als ich je gedacht und gehofft hatte. Je öfter ich mit der liebenswürdigen Marie Dunker zusammen traf, je enger schlossen sich unsre Herzen an einander und knüpften ein Band der Freundschaft, welches bis auf den heutigen Tag uns innig und fest umschlungen hält.

Meine Freundin war etwas älter als ich und durch ihre gute Erziehung schon über die schwierige Backfischzeit hinaus, doch hielt sie sich noch immer lieber zu jüngeren Mädchen, als zu ganz erwachsenen, denn ihrem kindlichen Sinn widerstand alles Gemachte, Gezierte, Anspruchsvolle, worin sich die jungen Mädchen hier oft sehr gefielen. Sie war eine allerliebste kleine Blondine, mit feinen, schlanken Gliedern und zierlichen Bewegungen, so daß ich hoch aufgeschossenes Ding mit meinen langen Armen und Beinen, mit denen ich höchst täppisch in der Welt umher telegraphirte, sehr wunderlich gegen sie abstach. Sie hatte ein unbeschreiblich gutes, weiches Herz, das aus ihren Vergißmeinnichtaugen so innig heraus schaute, daß man sie lieb gewinnen mußte, man mochte wollen oder nicht.

Unsre Freundschaft wurde denn auch bald feierlichst mit allen dazu gehörigen Attributen abgeschlossen. Das Erste war natürlich, daß wir uns du nannten, das verstand sich schon beim zweiten Male, wo wir uns sahen, von selbst. Dann schrieben wir uns gegenseitig den feurigsten Freundschaftsgruß in unser Album, ich wählte das Gedicht von Geibel: »O kennst du Herz die beiden Schwesterengel«, in dem Freundschaft und Liebe so schwärmerisch besungen sind; Marie wählte für mich Göthe's reizendes Gedicht: »An Lottchen«, das uns beiden wie aus der Seele gedichtet war. Natürlich trugen wir dann auch bald jede ein goldnes Herzchen, in dessen innerem Heiligthume die aufgerollte Haarlocke der Freundin ruhte, an einer Gummischnur um den Hals, und die Tante besiegelte den Bund noch durch allerliebste goldne Ringe mit blauen Steinen, welche sie uns schenkte. Daß über meinem Nähtischchen binnen Kurzem das kleine Bild meiner Freundin zwischen zarten Epheuranken schwebte, wie meines über ihrem Tische, versteht sich ebenso von selbst, wie die tausend zierlichen Billetchen, welche zwischen uns hin und her flogen. Was hatten wir uns alles zu sagen, wenn wir uns einige Tage nicht gesehen hatten, es war, als gäbe es dann kein Ende mit Erzählen und Fragen.

Von jetzt an begann mein Leben sich unendlich viel angenehmer zu gestalten, denn wenn ich mich auch immer sehr gern mit der liebenswürdigen Tante Ulrike unterhielt, und ihr Umgang für mich von unendlichem Nutzen war, so zählte sie doch so viel Jahre mehr als ich, daß unsre Empfindungen und Ansichten unmöglich ganz gleichartig sein konnten. Meine liebe Herzensfreundin aber fühlte und dachte fast ganz wie ich selbst, nur daß sie mehr erfahren und durchgebildet war und mir dadurch mit gutem Rathe zur Seite stand. Jetzt war mir nicht mehr fieberhaft ängstlich zu Muthe, wenn ich die Tante zu ihren Freunden und Bekannten begleiten sollte, wußte ich ja doch, daß ich meine liebe Marie fast überall traf und an ihr Halt und Stütze in meinen Verlegenheiten fand. Mein Auge flog suchend durch die Räume, sobald ich in den Kreis Fremder eintrat, und erst wenn ich Marie's hellblaues Kleid erblickte, wurde mir froh und sicher zu Muthe, fehlte sie, so fühlte ich mich unbeschreiblich verlassen und einsam.

Marie trug fast immer himmelblau, und diese Farbe stand dem zarten blonden Wesen auch so reizend, daß ich sie gar nicht anders gekleidet sehen mochte. Noch jetzt, wenn ich an die liebe Jugendzeit zurück denke, sehe ich meine Freundin stets in hellblauen Farben vor meinen Augen, sie war so recht mein blauer Himmel, und ihr freundliches Gesicht die goldne Sonne an demselben.

Außer unsern Plauder- und Kosestündchen verbrachten wir auch ernstere Zeiten mit einander, denn Tante Ulrike wünschte, daß ich noch einigen Unterricht in Sprachen, Musik und Zeichnen nehmen sollte, und zu meiner unaussprechlichen Freude nahm Marie an einigen dieser Stunden Antheil. So wurde ich denn auch innerlich noch gehobelt und polirt, und Geist und Körper um die Wette in die höhere Schule geschickt. Doch wie sehr man auch ein andres Geschöpfchen aus mir zu machen strebte, so sorgte die gute Tante doch dafür, daß meine gesunde Natur nicht verbildet und verschoben wurde, und so ist mir denn glücklicherweise Ziererei und Prätension bis auf den heutigen Tag ebenso unausstehlich geblieben, als sie es mir damals schon waren. So wenig als ich konnte auch Marie an unnatürlichem Wesen Gefallen finden, und daß die rechte Bildung eben nicht in jenen Dingen besteht, das sah ich ja deutlich an ihr wie an Tante Ulrike, und pries mich doppelt glücklich, im Umgang mit so trefflichen Wesen leben zu können.

Während die Tante in ihrer liebenswürdigen Weise fortfuhr, mich auf meine Fehler und Angewohnheiten aufmerksam zu machen, that es Marie ihrerseits ebenfalls. Eines Tages z. B. sah ich meine liebe Freundin mir auf der Straße entgegen kommen, und meinen Gefühlen freien Lauf lassend, wie ich es nie anders kannte, breitete ich weit die Arme aus und flog ihr jubelnd an den Hals, indem ich sie herzte und küßte. Ihr zartes Gesichtchen bedeckte sich unter meinen Liebkosungen mit dunkler Gluth, und statt wie sonst mich ebenfalls zärtlich an sich zu drücken, machte sie sich schnell und nicht eben sanft aus meinen Armen los und blickte ängstlich rings um sich her.

»Was hast du, Mariechen?« rief ich überrascht, und sah fragend in ihr sonst so ruhig mildes Gesicht. »Bist du mir nicht mehr gut?«

»O freilich Gretchen, sag' doch so etwas nicht!« entgegnete sie halblaut und zog mich schnell mit sich fort. »Aber komm, komm, ich will es dir gleich sagen.«

Abermals blickte sie ängstlich zur Seite, und jetzt erst bemerkte ich, wie ein junger, eleganter Herr dicht neben uns stand, und, das Augenglas fest eingekniffen, uns mit spöttischen Blicken betrachtete. Ich fuhr erschrocken in Marie hinein, starrte aber nichts desto weniger dem jungen Herrn dabei in das Gesicht. Dieser lächelte mich vertraulich an und schnarrte süßlich, indem er uns Kußhändchen zuwarf: »Himmlisch! Göttlich! Welch reizende Kinder!« Marie zog mich so rasch aus der Nähe dieses impertinenten Gecken, daß ich weiter nichts sehen und denken konnte, aber nach einer Weile wollte ich in meiner Angst doch wissen, ob wir verfolgt würden, und blickte mich hastig nach dem abscheulichen Menschen um. Marie's Mahnung: »Um Gottes willen, Gretchen, sieh dich nicht um!« kam zu spät, es war schon geschehen, und ich sah denn auch, daß unser Peiniger uns von Weitem noch zärtlich zunickte, ohne uns zum Glück jedoch zu folgen.

»Wie konntest du mich auch auf offener Straße so stürmisch und laut begrüßen, liebe Grete!« sagte Marie mit zärtlichem Vorwurf. »Das thue ja nicht wieder, du siehst, was es für Folgen hat!«

»Aber wir begrüßen uns doch immer so, Mariechen!« rief ich außer mir. »Was fällt denn diesem Menschen ein, uns so zu beleidigen!«

»Er meinte sich das erlauben zu dürfen, weil du dich gar zu auffallend benahmst, Herzchen!« entgegnete Marie. »Auf der Straße bewillkommnet man sich einmal nicht so wie im Hause. Küssen und umarmen ist hier nicht erlaubt, das mußt du lernen, sonst kannst du noch schlimmere Dinge erleben.«

»Das ist doch aber schrecklich, daß man unter Gottes freiem Himmel nicht einmal zeigen soll, wenn man sich lieb hat!« seufzte ich betreten und ließ den Kopf hängen.

»Ja was das Zeigen der Gefühle betrifft, das ist überhaupt ein ganz besonderes Kapitel!« sagte Marie lachend. »Man muß unter Andern nur gar zu oft seinen Gefühlen Zwang anthun und ein ruhig Gesicht machen, es mag inwendig so fröhlich oder so traurig aussehen, wie es will.«

»Das ist schwer, ich glaube, das werde ich nie lernen!« sagte ich niedergeschlagen. »Aber thu' mir die Liebe, beste Marie, und sag' mir noch einiges, was sich auf der Straße nicht schickt. Es ist alles hier so anders, bei uns brauchte ich mich in keiner Weise zu geniren, denn wenn ich im Dorfe oder auf den Wiesen umher lief, da war alles recht und gut, was ich that, und kein Mensch dachte daran, daß sich allerlei nicht schickte.«

»Nun z. B. sprich nicht so laut auf der Straße, liebes Herz, wie du soeben thust, alle Vorübergehenden sehen uns verwundert und lächelnd nach!« sagte Marie halblaut und drückte meine Hand. »Und dann thu' mir die Liebe und renne und stoße nicht an Jedermann an, der uns begegnet, sondern weiche den Leuten etwas aus!«

»Ja ja, deine chère amie ist ein wundervoller Rüpel!« seufzte ich und ging in weitem Bogen um jeden herum, der mir begegnete. Das war aber wieder nicht recht, denn dieser Circumflex, den ich um die Leute herum beschrieb, fiel ebenso sehr auf, und alles was auffällt, ist nun einmal verboten, das sah ich wohl ein. »Du bist gewiß schrecklich böse auf mich, Marie, denn du mußt dich ja meiner schämen!« erwiderte ich, ärgerlich über mich und alle Welt. »Ich blamire dich zu sehr, wenn ich noch länger mit dir gehe, es ist besser, wir trennen uns. Adieu, auf Wiedersehen, liebes Herz!«

»Aber so sei doch kein Närrchen, Grete!« sagte Marie, mich liebevoll zurück haltend. »Das wäre eine schöne Freundin, die nicht gern die Schwächen der andern ertrüge! Du hast meine Fehler ja auch zu tragen!«

»Ach du hast gar keine Fehler!« rief ich verdrießlich.

»Wie? Ich keine Fehler, Gretchen?« lachte Marie. »Da wäre ich ja ein Wunderkind, und dazu habe ich Gott sei Dank nie große Lust verspürt. Siehst du, da will ich dir gleich einen Fehler deiner allervortrefflichsten Freundin sagen,« fuhr sie lustig fort und hielt ihren Fuß in die Höhe. »Der Anstand erfordert, daß man seine Schuhbänder zu Haus hübsch fest zubindet, damit sie auf der Straße nicht aufgehen und nachschleppen, wie Figura zeigt, und man genöthigt ist in einen Hausflur zu treten, um den Schaden zu repariren.«

Während wir nach Verbesserung dieses kleinen Uebels nach Haus eilten, begegneten uns einige sehr junge fein gekleidete Mädchen, die ihren Schulmappen nach zu urtheilen aus der Stunde kamen. Sie hatten sich gegenseitig untergefaßt und nahmen mehr als die ganze Breite des Trottoirs ein. Als sie nahe zu uns heran kamen, zeigten sie wenig Lust die Kette zu lösen, um uns durchzulassen. Marie schritt jedoch so ruhig und ernst vorwärts, daß die eng Verbündeten es für besser fanden, uns Platz zu machen, wobei sie jedoch kicherten und sich gegenseitig stießen und drängten.

»So ungeschliffen hätte sich die arme dumme Grete nicht einmal benommen, wie diese jungen Kälberchen!« rief ich sehr verwundert, daß junge Residenzdämchen sich so aufführen konnten.

»Ja das ist eine der schönen Schulmädchenmanieren,« entgegnete Marie ärgerlich. »Die jungen Dinger wissen recht gut, daß es nicht passend ist, gassenbreit zu gehen, aber deshalb lassen sie es doch nicht. Wie abscheulich solcher Schulton oft unter den jungen Dämchen ist, davon kannst du dir gar keine Vorstellung machen; man muß gewaltig dagegen ankämpfen, wenn man darunter steckt. Ausnahmen giebt es darunter natürlich wie überall; aber das kann ich dir zum Troste sagen, daß solch echtes Residenzdämchen mit ihrer Ueberbildung und Eitelkeit zehnmal schlimmer dran ist als du, mein liebes Naturkind, selbst wenn du mich alle Tage auf offner Straße umarmtest, und eine ganze Legion junger Gecken herbeikäme, sich das Schauspiel mit anzusehen.«

Ich fiel Marie lachend um den Hals, denn jetzt waren wir zu Haus angekommen, und in Marie's traulichem Stübchen hatte ich keine Rücksichten mehr zu nehmen. Lange saßen wir hier noch plaudernd zusammen, bis die sinkende Sonne mich endlich an den Heimweg mahnte. Da mußte ich fort; denn es war ja auch eine der lästigen Eigenschaften der großen Stadt, daß man Abends nicht allein im Freien umher laufen konnte. Zu Haus wurde es erst recht hübsch, wenn der Abend kam. Wie lustig und harmlos trieb man sich da vor dem Hause und im Dorfe umher, da hatte man keine Anfechtungen zu befürchten, wie hier sogar am hellen Tage, nur weil man seine Gefühle der Welt zeigte. Ja zu Hause!

5.
Mittagessen.

Wie schon beim Frühstück so gab es natürlich auch beim Mittagessen gar viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete; denn zu Haus nahm die lärmende kleine Kindergesellschaft alle Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste und einzige Erforderniß bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem eigenen Gutdünken überlassen.

Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich gleichförmig, dabei aber gemüthlich und heiter, denn die Tante würzte das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur Wohlanständigkeit wie große Ausrufungszeichen die gleichmäßige Rede unterbrachen.

»Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind,« lautete z. B. eins der Gebote in meinem Anstandskatechismus. »Mit der Hand wischt man sich das Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.«

Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig nach dem bis jetzt so arg vernachlässigten Wesen.

»Sieh mal, was du für ein kleiner Gourmand bist!« sagte Tante Ulrike dann wieder neckend. »Schlürfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie ein Feinschmecker seinen Wein. Gewiß willst du heraus schmecken, wie viel Pfund Rindfleisch diese Kraftbrühe hervorbrachten. Auch hast du es dir dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?«

»O der Thorweg ist zu klein für das mächtige Fuder Heu,« lachte sie ein andermal, wenn ich so große Bissen zum Munde führte, daß ich Mühe hatte, derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den Zähnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn: »mit vollem Munde redet man nicht.« Ebenso durfte ich weder die Finger auf den Teller, noch das Messer in den Mund führen, worin ich ebenso regellos handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie merken wollten, daß ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem Tellerrande.

»Du könntest dem armen Phylax wohl auch ein Fäserchen Fleisch gönnen, liebe Grete, und nicht selbst die Knochen so gründlich abnagen,« hieß es dann wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hühnchen oder Tauben verzehrte und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbiß und benagte.

»In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer,« erwiderte ich eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglänzenden Fingern in der Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hühnerkeulchen zum Munde führte, sagte die Tante lächelnd:

»Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weißt. Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber löst man das Fleisch mit Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.«

»Ja wohl, liebe Tante,« erwiderte ich überrascht, denn Geflügel hatte ich bisher immer nur mit Hülfe der Finger verzehrt.

Es war das erste Mal, daß ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling fürchtete überall, mich zu blamiren. Zum Glück setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher Herr, der mir aussah, als bestehe sein größtes Vergnügen in Essen und Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit dem er nun schlürfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen dieselben führte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Eßlust. Ich dachte so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem jungen Mädchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst völlig, wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch Aergerniß zu erregen.

Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch nie gegessen hatte: es war eine schwärzliche Masse, und seiner körnigen Gestalt nach hielt ich es für eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine große Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.

Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des erwarteten süßen meine Zunge berührte! Ich war nicht im Stande, einen zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen Nachbar, der die schwarzen Körner auf geröstete Semmelscheiben strich, sie dann mit Citronensaft beträufelte, und das Ganze alsbald mit größtem Behagen verzehrte.

Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich für ein Produkt der Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich käuend zu mir, und mit den dicken glänzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller zeigte: »Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gnädige?«

Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe wohl, in Person aber hatte sich nie ein Körnchen davon bis zu unserm Dorfe verirrt und war mir deshalb völlig unbekannt.

»O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm,« stotterte ich dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thörichter Weise hinter einer Lüge verbergend.

»O, nicht möglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,« versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch dankend ab und sah mit großem Ergötzen, welche sehnsüchtigen Blicke mein Nachbar der von mir verschmähten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich endlich befreite.

Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorüber, nur als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfaß greifen wollte, fuhr Marie erschrocken zurück und sagte leise: »Mit dem Messer, Gretchen!«

Ich folgte beschämt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fünfzackigen Fingergabel zu diesem Geschäfte bedient.

Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hühner, wie Tante Ulrike gedacht, und ich erinnerte mich zum Glück der ertheilten Ermahnung und versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulösen, statt wie sonst die zarten Knochen mit meinen Zähnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht undankbares Geschäft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten Früchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, täuschten mich jetzt nicht wieder, sie waren süß und lecker, wie ich es liebte, und nicht unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem meines eßlustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese süßen Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genuß der dicken Zuckersauce, in welcher die Früchte auf meinem Glasteller umher schwammen. Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein Löffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon zu schlürfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen, da fühlte ich mich plötzlich am Arme erfaßt, und mit einem schnellen Ruck stand der Teller wieder an seinem Platze.

»Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug?« raunte Marie mir dabei in das Ohr. »Die Sauce läßt man auf dem Teller.«

»Auf dem Teller?« rief ich ungläubig und sah mich nach Marie um, welche noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich könnte die Comödie noch einmal aufführen wollen. »Die schöne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am Eingemachten, die werde ich doch nicht zurück lassen?«

»Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich bitte dich, folge mir, Grete!« flüsterte Marie schnell, denn eben wurde sie von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht mehr bekümmern. Da saß ich denn nun betrübt meiner schönen Fruchtsauce gegenüber, die ich nicht essen durfte, und ärgerte mich recht aus Herzensgrunde über die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.

»Was würde Mama zu dieser Verschwendung sagen,« dachte ich ärgerlich, wurde da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter Nachbar lachte herzlich über meinen Schreck, und bald sah ich, daß nur ein Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so selten gehört, daß mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getränk selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren, nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.

Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz außerordentlich. Dieses Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Süßigkeit, ohne weichlich zu sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhöhen, und jetzt ließ ich sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und trank lieber diesen köstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand es freilich noch besser als ich, aber er ergötzte sich so sehr an dem Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, daß er mir ein Glas nach dem andern einschenkte. Bald glühten meine Backen, und es flimmerte mir vor den Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male so verwirrt umher blickte, daß Marie mich ängstlich ansah und sagte:

»Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?«

»Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles,« rief ich leise und griff nach Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.

»Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht!« sagte Marie.

»Ja, drei oder vier Gläser. Herr von Martini hat mir immerfort eingegossen,« flüsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen, denn mir war wunderlich zu Muthe.

»Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,« schalt Marie und goß mir ein großes Glas Wasser ein, das ich hastig hinunter stürzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und hütete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bösen, verführerisch leckern Weine zu genießen, so sehr mich auch mein Nachbar nöthigte und neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurück. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten Diner debütirte, und die mir unvergeßlich geblieben sind.

6.
Verschiedenes.

An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen, für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche ich erst lernen mußte.

So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn, daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet brachte, um dort einzugießen.

Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen, so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen, bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,« sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«

Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte Hand nicht frei zum Zulangen.

Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.

»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«

Da an diesen Montagen nur ältere Herren und Damen bei der Tante erschienen, so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefällig zu sein, als möglich. Jüngeren Personen, besonders jungen Herren gegenüber, hielt mich die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurück, da dieselbe, wie sie sagte, häufig zu weit ging. Daß man auch übertrieben gefällig sein könnte, kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen alte Damen jedoch ließ sie mich ruhig gewähren, und da mein Herz mich ganz besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fußbänkchen unter die Füße und Kissen in den Rücken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen die Maschen ihres Gestrickes zu zählen, oder herunterstürzenden Maschen zu Hülfe zu kommen, Nadeln einzufädeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu schälen, nach Riechfläschchen oder frischem Wasser zu springen, – alles das waren Dinge, die ich mit Entzücken besorgte, sobald mein spähendes Auge nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank wurde mir dann immer zu Theil.

Gegen die alten Herren war ich natürlich zaghafter, doch beeilte ich mich ebenfalls, wo es wünschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten, alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu buchstabiren, Brillengläser abzuwischen, oder auch ruhig und gefällig zuzuhören, wenn irgend eine langweilige Erzählung keine aufmerksamen Zuhörer finden wollte.

Häufig, wenn diese gemüthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefüllt wurden, griff man zu der Lectüre irgend eines guten Buches, aus welchem ein oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hörte ich Tante Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tönte und mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schöne Sache es um gutes Vorlesen sei.

Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hören, öfter zu Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die Mühe, häufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stümper wagte anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu öffnen; aber in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne müde zu werden, ließ mich oft Zeile für Zeile nachsprechen, Sätze drei bis vier Mal lesen, bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.

Mit diesen Vorlesungen verband die Tante übrigens noch einen andern Zweck, meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewöhnen, auch mit müßigen Händen anständig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, daß ich mich während des Lesens mit einer Handarbeit beschäftigte.

»Junge Mädchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen sollen, wenn sie nicht mit den Händen arbeiten oder mit den Füßen tanzen können,« sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fühlte ich an mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung ließ viel zu wünschen übrig, und mein Rücken suchte sich immer kräftigen Beistand an der Stuhllehne; ich glaube, mein Kreuz bedurfte der Stütze, da ich eine so lang aufgeschossene Hopfenstange war.

»Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mädel!« sagte die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder altmodisch auszusehen, daß ich es mit ihren silbergrauen Löckchen gar nicht vereinen konnte, welche doch die Schwäche des herannahenden Alters verkündeten.

»Das ist alles nur Gewohnheit, Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn ich diese meine Verwunderung gegen sie aussprach. »Wer krumm sitzt, wächst krumm. Das Bäumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen, stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z. B., wie meine liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Füße so weit von sich fort streckt und mit den Händen ungeheuerliche Fechtübungen macht, während der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.«

Dabei schob die Tante eine Fußbank unter meine baumelnden, zappelnden Füße, leider aber gab es für meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und dieselben einfach und ruhig im Schooße liegen zu lassen, wie es schicklich, war eine schwere Aufgabe.

»Die du aber lernen mußt,« sagte die Tante, »denn ein junges Mädchen, das während des Gespräches die Finger still hält, und nicht irgend etwas darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene Erscheinung. Wenn ihr nur wüßtet, ihr jungen Mädchen, wie unbehaglich ihr durch diese Unruhe des Körpers für Andere werdet, ihr dächtet mehr daran, es zu vermeiden.«

»Ja, Tantchen, da muß man aber immerfort nur an sich denken, und an alles das, was anständig ist,« klagte ich kleinlaut.

»Das lernt sich schon, und dann kann man später gar nicht anders,« entgegnete die Tante. »Auch du wirst es früher lernen, als du jetzt denkst, mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mühe, und ich bin ganz gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird schon werden, mein Töchterchen!«

Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes ertheilte. Wie glücklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos sinkenden Flügel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte einbilden möchte, stand schon wieder ein kleiner Dämpfer in der Nähe.

So eben nämlich lasen wir in Goethe's Tasso die schönen Worte:

»Willst du genau erfahren, was sich ziemt,

»So frage nur bei edlen Frauen an,

»Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

»Daß Alles wohl sich zieme, was geschieht.«

»O, Tantchen, das klingt gerade, als hätte Goethe dich mit diesen edlen Frauen gemeint!« rief ich mit jugendlicher Wärme.

Die Tante blickte lächelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte plötzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.

»Du bist eine kleine Schmeichelkatze,« sagte sie. »Mir fällt da aber gerade ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich paßt.«

»Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn für einer?« fragte ich verwundert.

»O er ist nur kurz, aber desto treffender,« lachte die Tante, und nun sprach sie in singendem Tone:

»Kätzchen ist gestorben heut,

»Giebt's ein schönes Grabgeläut,

»Unsre liebe Kleine

»Baumelt mit dem Beine,

»Stühlchen setzt sich auch in Trab,

»Wackelt munter auf und ab!«

Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurück gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen Füßen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.

Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.

Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein Menschlichen!

Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe, eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief. O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.

7.
In Gesellschaft.

Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.

Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.

Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers. Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«

Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.

»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an, daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch drängen, um zu ihm zu gelangen.«

»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.

»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«

»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand von zu Haus kennen.«

»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders. Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon angesprochen.«

Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte, und mein blonder Herr Doctor juris rasch auf mich zugeschritten kam.

»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«

Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr. Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat, ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle. Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.

Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen, was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht unangenehm!

Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.

»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar nichts.«

»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«

»Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich für ein junges Mädchen schickt, mein Töchterchen,« sagte die Tante sanft.

»Ich, Tantchen?« rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine Ahnung.

»Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele verwunderte Blicke zu dir hinflogen, während du dich mit dem jungen Mann so laut unterhieltest, daß die ganze Umgebung an eurem Gespräche Antheil haben konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht unschön aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenüber legtest, daß mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, daß du mit dem jungen Herrn sogar leise tuscheltest, als wäret ihr die intimsten Freunde. Was in aller Welt fällt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schüchtern und ängstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.«

»Ach, Tantchen, ich erzählte ihm einige meiner dummen Streiche, und das sollte doch niemand weiter hören; aber ich sah wohl, daß einige Gäste unserm Gespräche lauschten,« sagte ich ganz außer mir vor Schrecken.

»Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, daß du weißt, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?«

»Nein, Tantchen, das würde ich nie von ihm glauben!« rief ich erglühend. »Er hat sich ja so für Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie und meiner Heimath erzählte, und das würde er gewiß nicht gethan haben, wenn er so schlecht wäre.«

»Nun natürlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche Herzensergüsse macht,« sagte die Tante lächelnd.

»Aber Tantchen!« jammerte ich dem Weinen nahe.

»Ich kann dir nicht helfen, du mußt diese kleine Strafpredigt hinnehmen, damit du vorsichtiger wirst,« fuhr die unerbittliche Tante fort. »Wer weiß, ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu erzählen, welch' thörichtes Backfischchen dieses junge Fräulein Geßler ist, und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig machen.«

»Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so!« flehte ich trostlos, indem dicke Thränen der Angst und Verzweiflung über mein Gesicht rollten.

»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante, mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten. Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als ich es im Stande bin.«

Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle Thorheiten, die ich begangen.

»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«

»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«

»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein Zutrauen zu ehren wissen.«

»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante hatte mir gar zu bange gemacht!«

»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte Marie sinnend.

»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte ich weiter.

»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen. Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes, mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«

Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen, angenehmen Fräuleins, dahin schweben.

Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein, indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend abwandte.

Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie mit diesem Einsamen fühlte.

Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte meiner Laune nicht Herr werden.

Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei, das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte, was damit anfangen.

»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.

Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel. Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.

Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um, und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.

Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber, als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr. Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden, und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht des Einsamen darauf ansehen.

Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der mich jetzt gewiß längst ignorirte.

Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar! Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte, geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.

Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung, und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing. Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich ihm auch schon das Verlorene wieder.

Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die Betrachtung der Kupferstiche.

Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt, oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.

Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner erbarmte unter all' den Gästen, – unter Larven die einzig fühlende Brust! – dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst seine Blödigkeit!

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden, deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr anziehenden Weise etwas zu sagen.

Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken, sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«

Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle, den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin Margarethe Geßler.«

Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt – Fräulein – gütig, vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.

Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.

»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!« lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr. Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes tête-à-tête gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«

»So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und höre, wie das alles gekommen ist!« rief ich ärgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mädchens auf mich zu ziehen. Hastig erzählte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft angeknüpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling aufzudrängen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehülflichkeit gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner Schüchternheit aufgethaut habe.

»Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron hätte deine Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen können,« lachte Marie. »Ich bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten für andere Leute auf, junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thür und blickt sehnsuchtsvoll zu uns herüber.«

Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen großen Augen so eigenthümlich an, daß ich wieder dunkelroth wurde und mich ängstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie möge mich nicht mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glück nahte sich die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation erlöst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt hatte. Die lose Marie flüsterte mir als Gruß zur guten Nacht noch schelmisch zu: »Gratulire zu deiner Eroberung, träume süß, liebes Gretchen!«

8.
Folgen.

Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hören, wie meine gestrigen Aventuren mir bekommen wären. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so ausgelassen und schalkhaft, daß ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte, und wir nun alle Beide um die Wette über meine Eroberung lachten. Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante, welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere Fröhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen in unserem traulichen grünen Stübchen noch ehrlich alles gebeichtet, und obwohl sie mich vor ähnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mußte sie dennoch herzlich über die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.

»Hört einmal, Kinder,« sagte sie jetzt, als wir beiden Mädchen in toller Lust neben ihr schwatzten und lachten, »nehmt es mir nicht übel, aber euer Betragen gefällt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die traurige Rolle nämlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wißt ihr denn so genau, ob sein Interesse für Gretchen nur so flüchtig war, und ob er in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerührt worden ist durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.«

»Aber liebe, gute Tante, darüber lachen wir ja doch auch wirklich nicht, sondern über Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing,« sagte Marie ernst werdend. »Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch andere glücklich machen könnte, Reichthum, alten geachteten Namen, unabhängige Lage, gesunden Körper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler, sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschließt, einmal aus seiner Klause hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglücklich aus, daß sich niemand an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde können etwas mit ihm anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist gar zu wunderlich.«

»Bei alledem ist er aber doch zu bedauern,« sagte die Tante sanft, »denn es fehlt ihm trotz seiner irdischen Güter das rechte Glück. Er versteht nicht, das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern nützlich zu werden, und solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.«

»Nun, wir wollen nicht mehr über ihn lachen, Tantchen,« sagte ich, der Tante die Hand küssend. »Es war recht kindisch von mir, und doppelt unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat. Gewiß ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die äußeren Formen abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte über diesen Mangel am wenigsten lachen.«

In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth übergoß mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen von gestern Abend trat in seiner ganzen Größe vor meine Seele. Um so mehr überraschte mich der Tante froher Ausruf: »O, das freut mich ja herzlich!« denn ich hatte geglaubt, es würde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war oft ganz unberechenbar.

In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen, und dieser begrüßte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und liebenswürdig, und doch dabei so ernst und würdig, daß sich meine Scheu sehr minderte, denn so hätte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mißbrauch gemacht hätte. Sehr beruhigt faßte ich denn auch bald den Muth, mich mit in die Unterhaltung zu mischen, um wo möglich wieder auszuwetzen, was ich gestern dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten Tag, denn ich sprach fast so verständig, wie ein erwachsener Mensch. Aber die gute Tante wußte auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, über welche ich gut Bescheid wußte, und der Doctor hatte eine so angenehme Art, auf Alles einzugehen, daß der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz froh und frei zu Muthe ward.

»Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir gestern vorgeredet,« sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.

»Gewiß, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders über ihn, als gestern?«

»Weil er sich sonst gewiß nicht beeilt haben würde, zu uns zu kommen. Gleichgültigkeit oder böses Gewissen hätten ihn sicher zurück gehalten. Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, daß er deine kindliche Vertraulichkeit ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefällt mir sehr wohl von ihm. Er ist ein gebildeter, feinfühlender junger Mann, den ich stets gern bei mir sehen werde.«

Tante's Urtheil, das mir stets maßgebend war, erfreute mich doppelt, denn nun konnte ich mich doch über mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen. Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch lange zu denken und über meine Dummheiten zu spotten.

Marie ihrerseits triumphirte, daß sie sich in meines Freundes Gesichtszügen nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich fröhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rüstete.

An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkäufen, und ich machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, während Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch einiger junger Mädchen zurück gehalten, und so war es schon ziemlich spät geworden, ehe ich meine Aufträge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich meine Geschäfte beendet und rüstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten schon auf den Straßen und in den Kaufläden, und voll Bewunderung ging ich an den hellerleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen beim Glanze so vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches Landkind entzückte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der großen Stadt sah, und neugierig spähend blieb ich gern vor den Fenstern der Kaufläden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.

Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, für welche ich eine große Vorliebe besaß, und stundenlang hätte ich davor stehen mögen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah ich nun jetzt im Vorübergehen einzelne jener Blätter, welche ich Tags zuvor mit Baron Senft betrachtet hatte, und über deren großen Werth ich durch ihn belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe trat und mir höchst zudringlich unter den Hut blickte. – Ich erschrak und wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lästige werde sich entfernen, wußte aber nicht, daß mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Straße hinab, um dem jungen Manne zu entfliehen, aber ich merkte wohl, daß derselbe mir dicht auf den Fersen war, und hörte fortwährend, wie er mich mit den unerträglichsten Worten verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntniß der Straßen verfehlte ich gar die Richtung und wußte bald gar nicht mehr, wohin ich mich wenden sollte. Daß ein Miethswagen mir aus dieser Verlegenheit geholfen hätte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hörte nur immer den lästigen Begleiter neben mir und stürmte vorwärts, denn ich fürchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger an mich heran drängte.

Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn und die Thränen im Auge. Eben war ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hülfe zu suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen – Baron Senft, meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen, und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: »O, Herr Baron, bitte, beschützen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe den Weg verloren!«

Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurückzog: »Mit Vergnügen, gnädiges Fräulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu schützen wissen.«