Drei Erzählungen
für junge Mädchen

von

Clementine Helm.

(Verfasserin von Backfischchens Leiden und Freuden, Lilli's Jugend &c.)

Leipzig,

Georg Wigand's Verlag

1873.


Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.


[Inhalt.]

Seite
1. [Esther Wieburg] 1
2. [Verwaist] 129
3. [Neue Wege] 199

[Esther Wieburg.]

»Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das ist keine Erziehung für ein Mädchen! Einen Jungen mögen Sie alle diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mädchen kann in ihrem ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heiße!«

Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte, bekräftigte den Schluß ihrer Rede damit, daß sie ihre große, knochige Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen ließ, neben welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber saß derjenige, dem ihre Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage an führte sie die Zügel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg hätte keine bessere Haushälterin finden können und so überließ er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkeläugigen Mädchens. So großen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin, und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen, so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hörte ihre Reden geduldig an, ohne den Fluß derselben durch Widerspruch zu hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmüthig: »Schon recht, Frau Booland; aber jetzt möchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.«

Frau Booland blieb alsdann freilich nichts übrig, als sich mit einem Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmüthiges Gesicht war dann durchaus nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals ihre Vorwürfe anzubringen.

»Er ist und bleibt unverbesserlich!« rief sie auch heute voll Aerger, als sie die Thür der Studirstube etwas kräftiger als gewöhnlich geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurückkehrte. »Es ist, als ob ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und läßt mich reden und reden, und am Ende muß ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten. O diese Männer!«

Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im Untergeschoß des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke in der Nähe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem ein kleines Mädchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene, für deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekämpft hatte.

»Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den ganzen Tag!« rief Frau Booland verdrießlich. »Bist du denn noch nicht bald fertig für heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen Nachmittag schon studirt, der Kopf muß dir ja brummen von all' der grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.«

»Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine Verbum muß ich zu Ende schreiben,« entgegnete das kleine Mädchen aufsehend. »Vater schilt sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleißig genug!«

»Das Gott erbarm! Noch nicht fleißig genug!« rief die Wittwe, ihre Hände zusammenschlagend. »Es ist ein Elend, daß du kein Junge geworden bist, dann hätte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt willst du damit anfangen?«

»Ich wollte auch lieber, ich wär' ein Junge, das weißt du ja, Tante! Und Vater will gewiß einen aus mir machen, daß er mich so viel lernen läßt,« rief Esther lachend und nickte der erzürnten Frau begütigend zu. »Aber bitte, Tante, ich möchte das Bischen Tageslicht noch gern benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich zu dir in den Garten.« Und ohne sich weiter stören zu lassen, schrieb das Kind eifrig weiter, während die letzten Strahlen der Herbstsonne über ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom Abendroth leise geröthet wurden.

Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund, sich über die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein durch und durch braver, rechtschaffener Mann und für seine Gemeinde ein trefflicher Seelsorger; außerdem aber ein ernster, ja strenger und verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Außenwelt mied und nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das einzige Kind seiner früh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um lernen zu können, hatte er sich sehr wenig um sie bekümmert, und sie völlig der Sorge Frau Booland's überlassen. Das schüchterne, kleine Mädchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot, wenn sie in seiner Nähe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nähe seiner Bücher verirrt.

Als Esther jedoch älter ward und ihr Vater bemerkte, daß in dem kleinen Körperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein Interesse für das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, um auf ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu übertragen; nun hatte er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel Eifer und Erfolg, daß ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mädchen mühsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther schon recht geläufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgründen des Lateinischen, dem sich später sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau Booland wenig Zeit übrig zur Erlernung all' der weiblichen Künste und Kenntnisse, welche diese häusliche Frau in der Erziehung eines Mädchens für unerläßlich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe für dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fünf Stricknadeln blieben ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte und nähte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit quälen, und die kleinen Dienste in Küche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie anzuleiten sich abmühte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich überflüssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke hing oder draußen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken mußten, und Kamm und Bürste nicht mit der reinen Wäsche Gemeinschaft halten durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden; für alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr her lief, um wieder aufzuräumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland böse werden und darauf dringen wollte, daß die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann hatte Esther immer Nöthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit für dergleichen.

»Aber Tante, ich muß doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu böse! Bitte bitte, mache du es doch nur, das nächste Mal will ich es gewiß thun!« So hieß es stets, wenn das kleine Fräulein etwas vornehmen sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begründet war, sondern nur immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim Vater fand die arme Frau für derartige Klagen auch kein Gehör; denn dieser hatte jene wunderlichen Ideen über Freiheit in der Erziehung, wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt aufwuchs. »Sie soll mir ein tüchtiges Frauenzimmer werden ohne weibische Faxen und Narrheiten!« pflegte er auf Frau Booland's Klagen zu antworten. »Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug! Jetzt laßt mir das Mädel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser anwenden.«

So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und Beschäftigungen eines Knaben, und kräftig wie ihr Geist entwickelte sich auch ihr Körper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blühende Farben, noch besonders kräftigen Körperbau besaß, so war sie doch ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaßen eine auffallend große Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte, lief und kletterte wie der tollste Junge, und für sie war kein Baum zu hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau Booland erschienen, das kümmerte Esther wenig, ihr thaten nie die Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie hätte sie dazu Zeit gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen Riß, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schützling lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer über den bösen Büchern zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte, nahm Frau Booland des Kindes Strohhütchen vom Nagel, drückte ihr ihn auf die schwarzen Flechten und sagte: »Basta für heute, mein kleiner Fisch! Jetzt lauf' hinüber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder hier, du weißt, dein Vater liebt die Pünktlichkeit!«

Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie ein Pfeil sprang sie empor. Gewöhnlich nahm sie noch einige Bücher unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber jagte sie wie ein Reh durch die Laubgänge ihres Gartens, und weiter hinaus über die Dorfstraße, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.

Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur Pfarre übersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthür, und ein mächtig großer schwarzer Neufundländer sprang laut bellend in langen Sätzen über Hecken und Zäune, der kleinen Esther entgegen, die er fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder Knabe daher, der Esther fröhlich anlachte. Dann faßten die beiden Kinder sich an den Händen, und lustig ging's nun zusammen in die weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nämlich den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause saß dann zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die Hand zum Gruß entgegenstreckte, und dann verließ das kleine Mädchen ihren Spielgefährten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern mit der Kleinen plauderte. Auch ein großer, freundlicher Herr kam dann wohl seitwärts über den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten gesprochen oder in den Ställen nachgesehen hatte, und begrüßte das Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die schöne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glückliches Familienleben herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein täglicher, gern gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, daß stets ein Gedeck mit für sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett für sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther hier, so war auch Bertel täglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg hatte es übernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe neben Esther sein täglicher Schüler. Bertel war zwei Jahr älter als Esther; das kleine Mädchen lernte aber so rasch und war so eifrig und ehrgeizig, daß sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam hatte, und das waren für Esther die herrlichsten Stunden. »Die kleinen Gelehrten,« nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wußten andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.

»Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor,« pflegte Bertel zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie mit Bertel, und der, wo sie ohne ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages, die Zeit mit Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.

Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten. Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines, mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken umgeben wurde. Esther war kaum hübsch zu nennen; denn etwas scharfe, unregelmäßige Züge und die bräunliche Haut hätten sie wenig anziehend gemacht, wenn nicht die großen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze Flechten den kleinen Kopf umkränzt hätten. Und verschieden wie im Aeußeren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament. Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr warmes Herz bestand harte Kämpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem äußerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und einen weichen, fügsamen Sinn, der sich durch fremde Einflüsse sogar allzuleicht bestimmen ließ. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im Charakter des Knaben wurde durch die eigenthümliche Erziehung, welche der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und außer Esther besaß der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken, mädchenhaften Körpers. Doch war er nicht so wild und ungestüm als jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.

Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und besonders, wenn es galt, für Bertel etwas zu thun, da gab es kein Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war für sie schon in den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles bewegte, was sie dachte und that, und für ihn schien ihr kein Opfer zu schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen Dingen legte sie stets für ihn zurück; alles was ihm lästig oder unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem älteren Knaben mit ihren schwachen Kräften Hülfe leisten konnte, that sie es ohne Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethäterin an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz außer sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte. In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich vielmehr über ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als über ihr eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft geschah, für die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft absichtlich in ihre nächste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.

Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause kommen. Esther wollte natürlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland aber ließ sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde das Scharlachfieber bekommen, sie möge Esther's Zusammensein mit dem Kranken verhüten, damit sie nicht angesteckt würde. Esther war außer sich, daß man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hörte, Bertel läge im Fieber, sie dürfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und thränenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dämmerung aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thür von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis sie sah, daß die Wärterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer verlassen hatten; da huschte sie zur Thür hinein. Wirklich war in diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem leisen Jubelrufe stürzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzücken die Arme entgegenstreckte. »Nun bleibe ich bei dir, Bertel!« sagte Esther, ihm das heiße Gesicht streichelnd, »ich halte es nicht aus ohne dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!«

Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels Bett saß. »Kind,« sagte sie, Esther zurückziehend, »wer hat dir erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du auch das Scharlachfieber bekommen?«

»Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein,« rief Esther und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau Booland herein, ganz außer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich fort nehmen. Esther aber weinte und sträubte sich und wollte bei Bertel bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther flog auf ihn zu und bat, er möge erlauben, daß sie hier bleibe.

Frau Booland aber rief angstvoll: »Nein, ich leide es nicht! Wenn du noch länger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und mich trifft dann die Verantwortung für deine Thorheiten. Gleich komm mit mir, ehe es zu spät ist!«

»Es ist schon zu spät, Frau Booland,« sagte der Arzt leise. »Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der Krankheitsstoff bereits in sie übergegangen, wenn sie überhaupt dafür empfänglich ist. Ein längeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zuträglich sein, Esther um sich zu haben.«

Frau Booland war leichenblaß geworden, denn sie sah schon ihren Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber zu ändern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubniß, auf dem Gutshofe zu bleiben und war glückselig. Sie wich nicht von Bertels Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war sie unermüdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mußte auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan. Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend kränker als Bertel, keine Klage kam über ihre Lippen. Sie hatte es ja so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!

Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: »Frau Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Straße; ich höre soeben von unserem Knechte, daß sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe, Jagd auf ihn zu machen.« Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr. Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mußte. Wenn er nun von dem tollen Hunde nichts wußte und ihm vielleicht gerade in den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum, er mußte es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland den Rücken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten hindurch auf die Landstraße, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In athemloser Hast stürzte sie vorwärts, damit sie noch auf dem Gutshofe ankam, ehe Bertel ihn verließ. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit ihm kam, wie gewöhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser würde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nähe war.

Schon war Esther über ein Stück jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdächtiges und rannte dem Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten konnte. Da plötzlich hörte sie es hinter sich schnaufen und röcheln, und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzen, war das Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber stürzte in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufriß und blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rüsten, sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen waren: »Ist Bertel noch zu Haus?« Erst als er ihr selbst entgegentrat gab sie sich zufrieden und sank erschöpft auf eine Bank im Hofe, sich den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und ließ sich von ihr erzählen, daß der tolle Hund ihr ganz in der Nähe des Hauses begegnet sei, und während die Knechte hinauseilten, Jagd auf das unglückliche Geschöpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein, sie mit Vorwürfen überschüttend, daß sie sich um seinetwillen solcher Gefahr ausgesetzt habe.

Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß mich der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in Todesangst nach ihr ausschaute. —

So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt, immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb, denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.

Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise erfolgen sollte.

»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«

Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.

»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig, »denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da paßt kein Mädchen hinein.«

»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.

»Aber deine langen Zöpfe?« sagte Bertel kopfschüttelnd.

»O die schneide ich ab,« rief Esther fröhlich. »Da habe ich doch endlich Ruhe vor Tante Booland, die früh Morgens immer so lange daran kämmt und flicht, daß mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon laufe. Da sieh', das ist bald geschehen!« Rasch ergriff sie eine Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da trat Frau Booland in das Zimmer und riß ihr die Scheere aus der Hand.

»Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder?« rief sie heftig.

»Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen Zöpfe nicht brauchen,« entgegnete Esther, an den Flechten reißend.

»Mit auf's Gymnasium?« sagte Frau Booland lachend. »Nun damit hat es gute Wege, da laß nur deine Zöpfe in Ruhe, mein Kind. Mädchen kommen da nicht hin.«

»Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich!« rief Esther rasch. »Tante Ihlefeld giebt mir gewiß von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit kommen kann.« Frau Booland fing herzlich an zu lachen über Esthers Pläne, die sie für Scherz hielt. Als sie dann aber sah, daß ihr junger Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und sagte leise vor sich hin: »Im Stande wäre sie's, glaub' ich. Das hat ihr Vater von der Erziehung!«

Als sie mit ihrem Schützling dann am Abend allein im Schlafzimmer war, zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und freundlich: »Mein liebes Mädchen, ich muß dir einmal etwas sagen. Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, daß du den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz alledem doch ein Mädchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau; aber das, was sich schickt, besonders für ein junges Mädchen, das du nun bald sein wirst, weiß ich so gut als jede große Dame, da folge mir nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und muß sich für seine zukünftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mädchen hat einen anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er muß in die Welt, das Mädchen gehört in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da paßte sich alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mußt du dir gefallen lassen. Für junge Mädchen schickt sich vieles nicht, was sich für junge Männer schickt; so will es die Sitte, und ihr müssen wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang mußten sich eure Wege doch scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen. Und nun sei verständig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer. Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?«

Esther hatte schweigend zugehört, denn Tante Booland sprach selten so ernst und zusammenhängend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres Gesicht, denn ihr Eigenwille bäumte sich arg in ihr empor; nach und nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr über Stirn und Nacken. Sie biß die Lippen fest auf einander, wie sie immer that, wenn sie von einem neuen Gedanken überrascht wurde, sagte aber kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise über das Haar strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thränen aus und rief jammernd: »Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!«

»Einmal mußt du es lernen, Kind, es geht nicht anders,« sagte Frau Booland sanft. »Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen, und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt uns keine größere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen Bertel die Trennung leicht machen, wozu wärst du sonst seine brave, kleine Esther?«

Das kindliche Mädchen wischte sich entschlossen die Thränen aus den Augen und lächelte zuversichtlich. »Ich will ihm helfen, Tante!« sagte sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen. Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und Kraft für die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schloß der Schlaf ihr die müden Augen.

Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen. Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte, wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«

Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte: »Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne euch alle, — ich kann es nicht ertragen!«

Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht, und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel, sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte leise.

»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«

Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen, und wie viel klüger. Und doch war und blieb er ihr Bertel, ihr Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie allein, ach so trostlos allein sie sein würde!

Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen, unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen standen.

»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen, alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt, Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus, oder Primula veris. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt, die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«

Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich aber nicht bei deinem Vater.«

»So komm, ich will dein Mentor sein, Tussilago heißt das Pflänzchen, mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher, ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, sie durfte Bertel nichts vorklagen!

Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blässer, und ihre Augen blickten immer angstvoller um sich, je näher der Tag der Abreise kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren sollen; aber Frau Booland meinte, für Bertel sei es besser, sie thäte es nicht, und so blieb sie zurück, willig und sanft, wie sonst nie, wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam, daß Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater aber verbarg Esther, daß sie geweint, denn er konnte »weinerliche Frauenzimmer« nicht leiden. Es war gut, daß er viel von der Schule und den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Größe er keine Idee hatte. Die einfache Frau Booland wußte das besser, als der gelehrte Herr Pastor.

Es waren traurige Tage für Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise. Wohl hatte sie sich alles vorgeführt, was sie an Glück vor Bertel voraus habe, da sie zu Hause blieb, während er unter fremde Menschen und Verhältnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fühlte sie erst, was sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie meinte immer, jetzt müsse jemand kommen und sie wecken. War denn die Sonne nicht mehr am Himmel, daß so wenig Glanz über Garten und Wiese lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so fröhlich durch den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bücher, wie langweilig sahen diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu früh, jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war so öde in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundländer sah so traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise sagte: »Ach Hektor, unser Bertel ist fort!«

Hubert war jetzt unter eine ziemlich große Zahl von Pensionairen aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten. Der zarte, scheue Knabe fühlte sich anfangs unsäglich unbehaglich unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren Schülern er einer der jüngsten war, kam er sich wie verloren vor; denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das, als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier waren einige so kluge, eifrige Mitschüler in der Klasse, da galt es fleißig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und mußte er, das war ohne Frage.

So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und vergaß dabei, wie einsam er unter den vielen Mitschülern dastand, denen er sich, wie es seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschließen mochte. Aber dieses Abschließen reizte die andren Knaben zu Neckereien und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdruß. Man gab ihm allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttersöhnchen, Blondel, Mehlweißchen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln. Bertel that, als merke er nichts und kämpfte seinen Aerger tapfer nieder; denn ihm war aller wüste Zank und Lärm in der Seele verhaßt. Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstüberwindung für Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft alles erlauben zu können. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren, sahen, wie freudig er denselben las.

»Von wem ist der Brief?« fragte Franz Reichard.

»Von Esther!« entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.

»Esther? Wer ist Esther?« forschte Franz weiter. »Ist das eine Schwester von dir?«

»Nein doch, laß mich in Ruh'! Esther ist — nun Esther ist Esther!« sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rücken.

»Esther ist Esther! Eine schöne Erklärung!« rief dieser spöttisch. »Du, Walter,« fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden verständnißvoll zu, »weißt du schon, Jungfer Bertel ist mit einer alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Königin Esther heißt seine Coeurdame.«

»I was tausend, Mehlweißchen!« rief Walter. »Du bist ja ein Mordskerl! Und ein Jüdchen hast du zur Freundin? Da heißt's wohl:

Ihrer Augen schwarze Kohlen
Haben mir das Herz gestohlen?

Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur, sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that. Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.

»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch, Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange. Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«

Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«

So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden. Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von selbst. —

Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß sie der Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden. »Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war, so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen. Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.

»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!« sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen. Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.


Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden. »Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er ein Gelehrter werden will.«

Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt, nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte, wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte, dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.

»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!« sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber, als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so ziemlich beim Alten.

Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!« sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.

Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.

»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen kleinen Esther?«

»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.

Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.

Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.

Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten. Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um dergleichen zu empfinden.

Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben, dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der geliebten Esther denken konnte.

Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch. Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig, der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist. Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung. In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.

So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken, in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist, eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt, und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut, unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich mit ihr über diese Sachen sprechen kann.

Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen; denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle, und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.

»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen, meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht vergißt, daß sie kein von vor ihrem Namen hat und also nicht werth ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer, da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm, das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird, hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts mehr schaden.«

Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«

Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut, lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen, das verspreche ich dir.«

Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald, bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte, die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können — es war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.


So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen, schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.

Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten, welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht, das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.

Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über, und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!

Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung, und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten, unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war, und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.

»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen, denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben bei uns?«

Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere Schicksal zu erleichtern.

Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war, die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.

Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest. Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.

»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die Hände besser rühren als bisher.«

Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an, sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd, bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit; denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete, das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen, was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte; denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich, unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!

»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre Pflegemutter sie angeleitet hatte.

»Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Für sich selbst hätte sie nie einen Finger gerührt und lieber nie einen Bissen Kuchen gegessen, wenn sie ihn hätte selbst backen sollen. Aber wen sie lieb hat, für den thut sie alles und ginge durch's Feuer.«

»Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen früh mit dem Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe!« rief Esther fröhlich. »Dem Bertel möchte ich auch davon schicken, er ißt ihn auch so gern, und eine kleine Freude würde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen. Meinst du nicht auch, Tante?«

»Gewiß, mein Goldkind, thue es nur!« entgegnete Frau Booland. »Aber streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist unnütz und Butter ist theuer.«

Esther blickte betroffen auf. »Da ist wohl eigentlich mein ganzer Gedanke unklug gewesen, Tante,« sagte sie nachdenklich. »Kuchenbacken kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir müssen ja sparsam sein.«

»Laß nur, Kind,« beruhigte Frau Booland, »du wolltest der gnädigen Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder ersparen.«

»Tante, was meinst du!« rief Esther, »ich werde mir den Kaffee abgewöhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparniß. Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weißbrodchen können wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt, und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was könnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwöhnt, liebste Tante, daß ich gar nicht weiß, was entbehren heißt. Und doch wäre es mir eine so große Wonne, für Tante Ihlefeld und Bertel mir recht große Entbehrungen aufzuerlegen.«

In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge, welche sie als unnütz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode, bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei überflüssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen: das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am Kragen wurden für festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die seidene Schürze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Riß ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte sie jetzt mit ängstlicher Sorgfalt darüber, ihren Anzug zu schonen, damit er um so länger hielt und die Ausgaben für neue Sachen erspart blieben. Was sie aber Schönes oder Zierliches besaß und geschenkt bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser ein Lächeln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte die blühenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmückten, hinauf in das Stübchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche sie mit dem Frühstück auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und ihren eigenen zierlichen Nähtisch davor. Gestickte Kissen und Fußbänke, ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie herbei, die Wohnung freundlich auszuschmücken, und selbst ihr zahmer Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Plätzchen und zwitscherte der traurigen Frau seine fröhlichen Lieder zu, als wollte er auch helfen ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.

Frau von Ihlefeld dankte Esther für diese liebende Sorge mit wehmüthigem Lächeln und thränendem Auge. In der ersten Zeit, welche ihrem Unglück folgte, war sie wie betäubt von dem entsetzlichen Schlage und unfähig, für sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers Liebe für sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie, selbst zu sorgen und zu überlegen, in welcher Weise sich ihre und ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles fern gehalten, was die Sorge für das tägliche Leben betraf, und hatte der zarten Frau nie Einblick in seine Geschäfte und Unternehmungen gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt hülflos ihrem Schicksale gegenüber. Nahe Verwandte besaß sie selbst nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden. Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hülfe und Rath von ihnen erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, daß auch diese Verwandten durch den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von Ihlefelds Stolz sträubte sich unter diesen Verhältnissen auch dagegen, von denen Hülfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zürnen mußten, und so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz. Von Esther Opfer anzunehmen, kränkte sie nicht; denn sie fühlte nur zu sehr, daß es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu allem antrieb, und so war und blieb das junge Mädchen nach wie vor die einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.

Das Verhältniß zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den früheren Umständen nie der Fall gewesen wäre, und auch die brave Frau Booland hatte jetzt keinen Grund mehr, sich über den Stolz der gnädigen Frau zu beklagen.

Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von Ihlefeld dieselbe jetzt im Französischen, was Esther bei ihrem Vater nicht gelernt hatte. »Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch brauchst, mein Kind,« sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon um ihrer Lehrerin willen.

So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und nach. Bertel war seit dem Unglücksfalle stiller und ernster geworden und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. »Ich habe jetzt keine anderen Hülfsquellen mehr im Leben,« sagte er zu Esther, als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm wegen des zu großen Fleißes Vorwürfe machte. »Aber Gott weiß,« fügte er düster hinzu, »ob ich überhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein Geld dazu!« Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das Gesicht. »Es muß dazu da sein, Bertel,« entgegnete sie fest. Bertel sah gedankenvoll vor sich nieder. »Esther,« sagte er tonlos, »meine Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich weiß, du entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.«

»Es muß aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mußt du,« rief Esther abermals entschieden. »Und was meine sonstigen Ausgaben betrifft, darüber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine Schwester, Bertel? Und würdest du nicht dasselbe für mich thun?«

Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er nach einer Pause, »von niemand anderm würde ich solche Opfer annehmen, von dir thue ich es mit Freuden.«

Esther blickte ihren jungen Freund mit glücklichem Stolze in das feine Gesicht. »Leider bin ich ja kein Junge wie du,« sagte sie nachdenklich, »und kann nicht mit dir studiren; da mußt du es nun für uns Beide thun. Damit ich mein Schärflein aber auch beitrage, arbeite ich nun für dich, dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist, wo du studiren sollst.«

Bertel war von jeher so daran gewöhnt, Esther in allen praktischen Dingen für sich eingreifen zu lassen, daß er auch jetzt sich vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines Mädchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder lästig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rührige Esther griff überall zu. War für die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte zu spitzen, Tinte einzugießen oder Linien zu ziehen, immer war Esther die geschäftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnüssesuchen sich das Haar zerzausten, so wußte Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wüstem Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. »Esther wird schon helfen,« das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner Kindertage, und »Esther wird schon helfen,« so hieß es auch jetzt, das verstand sich ganz von selbst, darüber brauchte Bertel sich keine Sorgen zu machen.


Esther stand nach diesem letzten Gespräch lange am Fenster und war in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu überlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, daß sie es versprochen hatte. Es war Dämmerstunde und die Abendglocke läutete im Dorfe. Esther trat mit Hut und Tuch unter die Hausthüre und sagte zu Frau Booland, welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: »Ich will der Frau Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald wieder.« Und rasch eilte sie die Dorfstraße hinab dem Pfarrhause zu.

Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann, der sich Esthers sowohl, als der unglücklichen Frau von Ihlefeld sehr thätig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft geschlossen. Gern weilte das junge Mädchen denn auch jetzt noch in dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei Knaben und ein Mädchen, hingen mit großer Liebe an Esther und empfingen dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mädchen verschmähte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen anzuschließen.

Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau Pastorin und den Kindern nur flüchtig guten Abend und eilte auf das Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem Zimmer auf und ab.

»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, Herr Pastor,« sagte Esther eintretend, »aber ich möchte Ihnen heute eine große Bitte vortragen, die ich nicht aufschieben darf.«

»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,« entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben sie setzte.

»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir, daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer engagirt?«

»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.

»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!« sagte Esther erröthend.

»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte Jener lächelnd.

»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen, Herr Pastor.«

Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie, ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«

»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend, »mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen. Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den Jungens sicher auskommen.«

Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge, und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte: »Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung unterziehen.«

»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.

»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an, ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie, ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst: »Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres Wissens die Knaben Ihnen überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter davon.«

Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«

So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin, bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten. Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge, die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft war.

Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.

»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig. »Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre! Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung ist sicher vergebens.«

»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«

»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend. »Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war, hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern. Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«

»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne de Villemaud.«

»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.

»Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet, und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen über seine Verhältnisse unmöglich gemacht,« sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. »Herrn Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht vorzeigt. Aber während wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekümmerte. Ich ahnte ja nie, daß mit dem unseligen Gelde so viel Glück und Frieden zu Grunde gehen könne.«

Esther suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken, denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hände übergegangen. Wenn der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war er unwiederbringlich für Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch welcher Besitz wäre für Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wäre der Schein nur irgendwie zu finden gewesen, so hätte Herr von Ihlefeld in seiner Noth und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das Verschwinden des Scheines war eben ein Unglück wie alles andere, was über die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran zu denken. —

Jetzt bezog Hubert die Universität, und Esther übergab ihm mit freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schätze.

»Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther,« sagte Bertel, die Summe freudig annehmend. »Ich kann dir nicht besser danken, als indem ich alle meine Kräfte opfere, um das schöne Ziel zu erreichen, das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich weiß, mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne Zögern an. Gott segne dich für alles, was du an mir thust, Esther!«

Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mühen und Opfern Esthers nicht ganz einverstanden erklärte, war Frau Booland. Sonst fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber die jetzige Thätigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. »Das arme junge Blut quält sich da Tag für Tag mit den wilden Jungens ab, statt ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genießen,« sagte sie eines Tages in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin Krause. »Ihre Söhne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich selbst bin wohl mit daran Schuld, daß der Herr Pastor dem braven Kinde das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn, besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemüht hatte, und er mich über das Kind ausforschte. Aber lügen kann ich einmal nicht und weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Aber jetzt geht er mir auch wieder über, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und Gott weiß, ob ihr all' ihre Mühe und Quälerei einmal ordentlich gedankt wird; denn wenn das Unglück die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich gebeugt hat, die gnädige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine Fußzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und bleibt halt eben Bürgerblut, das aber erkennt die Frau nie für Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr für sie thäte.«

»Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie trösten,« entgegnete die Pastorin.

»Nein, stolz ist der nicht, das muß wahr sein!« sagte Frau Booland den Kopf erhebend. »Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch nicht. Alles was Esther für ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstände sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frägt auch weiter nicht danach, was Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht zu machen. Das Mädchen ginge mit Freuden für ihn durch das Feuer, und er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen hätte, würde er sie auch ruhig gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewiß; aber immer nur, wie man einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen an schon für den hübschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein stilles Feuer das ganze Mädchen durchglüht, davon hat der junge Herr keine Ahnung. Ach ich weiß es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmädchen verdiente ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich hörte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab; es war so recht bezeichnend. »Ich weiß, Esther,« sagte Bertel, »mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.«

»Nun ja, mein Glück ist auch das deine! Da liegt's. Aber ob ihr Glück auch das seine ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die Zukunft kann es lehren.«

»Legen wir alles in Gottes Hände, meine liebe Frau Booland,« sagte die Pastorin tröstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thür sie ihr Goldkind, wie gewöhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.

Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thätigkeit, da rief sie eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. »Meine liebe Tochter,« sagte er freundlich, »Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten während der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tüchtigkeit ausgefüllt, so daß Sie stolz auf Ihre Schüler sein können. Aber jetzt muß ich das Amt leider aus Ihren Händen nehmen, denn die Knaben sollen auf das Gymnasium in der Stadt, für dessen Oberklassen sie jetzt reif sind. Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen, mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten, einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage, ob der Lehrer nicht ein junges Mädchen sein könnte, welches so viel Kenntnisse besitzt, daß sie meine Söhne zum Gymnasium vorbereitet hätte, erhielt ich eine Antwort, welche sich außerordentlich erfreut über solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie, liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen wird: man wünscht, daß Sie auch fertig französisch sprechen. Doch auch das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner Frau hat eine französische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige größere Summen, die Ihnen in England zufließen werden. So denke ich, sind die Wege gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?«

»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor! Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen, das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«

Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.

»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus Wachs oder aus Marzipan gemacht.«

Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete, schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige, was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch einmal das Glück ihres Beisammenseins.


So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden, die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die Schmerzen des Abschiedes.

Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken, und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich, daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude und Wonne.

Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut, als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.

So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und Behagen.

Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte, hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet, als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die Worte: »A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur.«

Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte. Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung — das zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!

Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.

Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.

O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende! Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken, und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt, die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.

»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest. Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher und Seen.«

Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau von Gautier in ihr Zimmer.

»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte, so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein nicht sehr rathsam.«

Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie? Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte? Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten, während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig, um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen, ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.

Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter sehen.

Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther. Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte. Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin, welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen, andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei, und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor, ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »Oh, à la bonheur,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,« sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.

»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht einen Herrn Richard?«

»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«

»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.

»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd. »Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«

»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«

»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein, wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert, daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise ihr darbot.

Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte hinhaltend mit dem Rufe: »Charité, s'il vous plaît, charité!« Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.

Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.

Die Gegend bis Lyon war unendlich schön. Das reizende Thal der Rhone nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige Berge. Schäumend und rauschend schoß das Wasser der Rhone neben der Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und abrollend. Leichte Kettenbrücken schwebten hoch oben darüber, und auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich terrassenförmig unzählige kleine Ortschaften. Es war äußerst malerisch. Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige Straßen. Prachtvolle Läden fesselten ihr Auge, und schöne Quais, aber auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Häuschen, hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft lieblicher: Maulbeerbäume mit ihrem frischen, saftigen Grün deckten die Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstöcke rankten ihre Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben ihre düsteren schlanken Zweige gen Himmel. Große Heerden grauer und schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzählige Maulesel hoben dazwischen ihre großen Köpfe empor, und abenteuerlich aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther hätte wohl gewünscht, hier weitere Ausflüge in die Umgegend machen und sich dies interessante Stück Land näher ansehen zu können; aber ihre Begleiterin drängte zur Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein, bis endlich am Abend Nîmes erreicht war. Wie gern wäre Esther mit dem freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte; ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin verpflichtet, und so mußte sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie die mächtigen Trümmer einer alten römischen Arena in die Luft hinein ragen; die Säulen des berühmten Maisen carée warfen im Mondschein breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgänge umsäumten einen freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht funkeln ließen.

Esther eilte mit ihrer Gefährtin an all' diesem Zauber vorüber, denn ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch brachte sie nach dem kleinen Städtchen le Vigan, das sie am Morgen erreichten. Obwohl es schon spät im November war, zeigte doch die warme Nacht, daß man sich im Süden befand, und Esther athmete mit Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick dieses Städtchens war äußerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes zwar war höchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt selbst hatte graue, düstere, steinerne Häuser, viele davon elend und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straßen umher, und der Haupteindruck des Ganzen war überall Armuth, Koth und Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straßen wenig lebhaft; aber als die Postkutsche hielt, sah Esther, daß eine ganze Schaar junger Mädchen und Kinder den Wagen umringten.

Kaum hatte Madame Bertin den Fuß an die Erde gesetzt, so wurde sie mit lautem Jubel von dieser Schaar begrüßt, und es war gar kein Ende zu finden mit Küssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte; denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch ein Gelumpe unter diesen jungen Mädchen, und das sogar am Sonntage! Ueber großen Reifröcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe an den Füßen, die im Straßenkothe umherhüpften, daß das Wasser hoch aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mützchen von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mäulerchen und blendend weißen Zähnen, und alle graziös und zierlich, vergnügt und glückselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.

Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straßenkoth von all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und geküßt, als wäre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mädchen und diese schmutzigen Hände mit den schwarzen Nägeln nicht von sich zu stoßen, und lächelnd mußte sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein einziger Riß oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so großes Entsetzen erregt hatte. Was würde sie wohl zu dieser jungen Schaar sagen! Aber trotz alledem mußte man diesen lustigen, gutherzigen Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der Wohnung Madame Bertin's.

Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man blickte. Hinter einer zerbröckelten Mauer versteckte sich ein altes steinernes Gebäude, in dessen unteren Räumen die Pensionsanstalt sich befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fußböden in allen Zimmern, finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern, und unbehaglich düstere Möbel überall — das war der Anblick, der sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche aber auch von Staub überzogen waren und sich überhaupt wohl wundern mochten, wie sie in diese Räume gerathen konnten. Esthers eigenes kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete für die ganze Pensionsgesellschaft, und außerdem vollgepfropft war von allem möglichen Hausgeräth, so daß es einen unsäglich unbehaglichen Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schönen Aussichten für Esther, die an ein behagliches Leben gewöhnt war, und das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber war es nicht ihr Bertel, für den sie alles zu ertragen hatte? Wie leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half ihr über die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch entgegenstellten.

Höchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die südfranzösische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen, daß das Frühstück der jungen Mädchen aus nichts bestand, als aus einer Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rösteten, und einigen Zwiebeln, Salatblättern oder Kohlrabistücken. Für Esther hatte man rücksichtsvoll ein unaussprechliches Gebräu aus einer Art Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gerösteten Brodes darin auf, zufrieden, daß sie wenigstens mit dem Genuß jener Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstücken, und Hammelfleisch, das außen verkohlt, innen aber ganz roh war, und mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Süden das Oel statt der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht immer das Beste und darf eben nicht sehr wählerisch sein.

Esther aß stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe an Frau Booland ergötzte sie sich damit, dieser einen südfranzösischen Speisezettel mit einigen für eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur Disposition zu stellen. — »Zuerst also, liebe Tante,« schrieb sie, »erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von Knoblauch, Oel und Brod. Dann als entre-met, den Appetit zu reizen, giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend großer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die jungen Französinnen die Köpfe schütteln, erzähle ich ihnen davon. Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt, und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wäre, denn ich lerne die wunderbarsten Zustände hier kennen. Die kleine Schaar hier ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir nie junge Mädchen gedacht hätte. Freilich sind hier in dieser Pension keine Kinder aus feinen Häusern; in vornehmeren Erziehungsanstalten mag es ganz anders sein, und ich bedauere, daß ich so schlimm ankommen mußte. Bei uns hier sind meist Töchter von Bürgern, Handwerkern und Weinbauern, die alle keine Ansprüche an eine Erziehung machen, wie wir sie gewöhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind Mädchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich weiß oft nicht, über was ich mehr staunen soll: ob über diese verwahrlosten Kinder oder über diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren Bildung und Lebensweise läßt eben auch gar viel zu wünschen übrig. Die ganze Mädchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden, schwarzbraunen und unsauberen Geschöpfchen sehr verschiedenen Alters, hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; über Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen und nach Hause zurückkehren, arrangirt man eine Heirath für sie, und wozu nützen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer solchen kleinen Französin erstaunlich unnützer Ballast für das Leben. Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich recht graziös und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr. Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwüstlichen Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft empört über diese unbeschreiblichen Zustände, immer wieder versöhnt mich die hinreißende Liebenswürdigkeit dieser Kinder des südlichen Frankreichs. Du solltest nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie unsere doch schon ältliche Mademoiselle Bertin bei dem Dîner an der Spitze der Tafel präsidirt. Für Jeden hat sie ein Lächeln, ein verbindliches Wort, eine gefällige Handreichung. Anmuthig erfaßt sie mit ihren höchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger führt sie es an den ewig lächelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde süß lächelnd ein Stück des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des wundervollen Mittagmahles säubert sie voll lächelnder Anmuth mit ihren Lippen Gabel, Messer und Löffel, die sie alsdann in ihre Serviette einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der nächsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Geräthschaften von Neuem, ohne jemals eine andere Säuberung für nothwendig zu halten! — Und wie spaßhaft sehen alle diese jungen Mädchen aus mit ihren großen weißen oder schwarzen Mützen auf dem Kopfe! Sie sind nämlich viel zu träge, sich täglich ihr Haar zu kämmen und zu flechten, das geschieht höchstens ein Mal in der Woche; die übrigen Tage steckt man die wirren schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mütze, die deckt alles. Aber wie sieht die aus! Würdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: »Waschen Sie sich immer so, Mademoiselle?« »Natürlich, Louison,« erwiederte ich, »thun Sie es denn nicht auch?« »O mon dieu non!« rief sie ganz entsetzt aus, »ich würde sicher den Tod davon haben!« Und wirklich sah ich nun, daß sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wäsche. Daß man sich auch Mund und Zähne reinigt, daß Nagel- und Kleiderbürsten existiren und benutzt werden, daß Seife schmutzigen Händen ein Bedürfniß ist, alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntniß dieser jungen Mädchen gehören. Und doch wäre in diesem Lande, wo der Sommer so heiß und lang ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedürfniß. Ich sehne mich ordentlich danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Häuser zu thun; denn unmöglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wünsche, wie köstlich ist dafür die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzückend schönes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Städtchen liegt, kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das üppigste Grün, durchzogen von blühenden Büschen und Bäumen, deckt trotz der Nähe des Winters noch überall Höhen und Tiefen, und von einzelnen nackten Felsspitzen schauen prächtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von ehemaliger Größe und Herrlichkeit erzählend. Pflanzen, von denen wir kleine Zweige zu Hause als kostbare Schätze im Fenster stehen haben, blühen und wuchern hier als riesige Büsche und Sträucher, und was üppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff bekommen. Wie würdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst, Dein Herz erfreuen an all' den köstlichen Gewächsen, welche mich hier umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend verhüllen, daß man beinahe mit derselben ausgesöhnt wird.« —

So verstand es Esther, die Augen für das Schöne zu öffnen, das sie umgab, und für die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie geführt, sich möglichst reiche Entschädigung zu suchen. Ihr heiterer Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswürdigkeit ihrer Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung an der neuen Lehrerin.

Mit sehnsüchtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine Nachricht von Herrn Martin aus Nîmes; aber Woche auf Woche verging und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts übrig bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mußte sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den täglichen Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nîmes ermöglichten. Da aber brachte der Briefträger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich erwarteten Brief, und erwartungsvoll öffnete Esther denselben. Ihr alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um Verzeihung, daß er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfüllen. Nun freue er sich, ihr über den betreffenden Herrn Richard Bescheid sagen zu können. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine überseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurückkommen werde, sei ungewiß, wahrscheinlich im kommenden Frühjahr. Da der Herr unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nîmes habe, bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter über ihn erfahren zu können.

Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne, Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war, und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte. Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt, waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen, Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend, aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der Wind sie aus.

Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses Treiben nicht lange ertragen. — So kam das Weihnachtsfest heran, und Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne besondere Festlichkeit.

Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung. Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt, durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.

Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee! Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle, von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt. Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte und duftete!

Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt, zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.

Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.

Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel herbei wünschte.

Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach Kühlung schmachteten.

Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten, denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren, da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen, ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach ihres guten alten Freundes in Nîmes.

Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen.

Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden, ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend, stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel, wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen, goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen, alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.

Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.

In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst wohl gethan hätte.

An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber. Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.

»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.

»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.

»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes? Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«

»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz, liebe Kleine?«

Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich fort.

»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.

»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein, da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf doch mit Ihnen gehen?«

Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte. Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.

Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«

Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name. Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle. Aber mein Fräulein, wie kommen Sie zu dem Schuldscheine?« Und wieder blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.

»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer erröthend.

»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.

»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.

»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.

»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren; da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«

Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört; jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein Fräulein?«

»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen, »ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«

»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein, über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen, oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«

»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«

»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,« sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen: »Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es.«

Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend, »Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt, daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war, als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen verbergend.

Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht, damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:

»Mein liebes theures Kind!

Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in das Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten

Friederike Booland.«

Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander. Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte? Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie, was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? — Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter, »sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch — ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel meines Lebens!«

Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise. Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.

O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte. Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen, ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend, als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.

Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft. Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!

Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!

Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde. »Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust. »Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue, helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es nur der Wunsch seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu sichern.

Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte. Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.

»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es — und ich will es!«

Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, sein Glück sei auch das Ihre, und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.

Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde? Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen, daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden — nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! — Hier wollte sie nur noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie mit Ungeduld erwartete.

Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame, welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht für eine mögliche Diebin und Betrügerin.


Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen, verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen Waldhause zu Rahmstedt.

Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter, von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte. Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! —

Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen.

Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte, und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte, so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.

Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ, sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie launisch gewesen.

So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so gesprächiger Mund fest verschlossen.

»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein Wort mehr?«

»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich, und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.

Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch' eine Nachricht war das!

Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand, als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!« Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen. Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte ihre Arme um seinen Hals.

»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn, auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!« flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.

»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.

Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war, hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl zurücksank.

»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte, mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht mehr mit der armen Person.«

Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus, und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort wieder finden, wie früher.

Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.

»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust sank.

»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet, wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen; es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können. Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend, denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer gut mit dir.«

»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott, welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn. Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und was erkennst du jetzt erst?«

»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther die Füße zu küssen! O was hat sie gethan, was ertragen für mich und um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr, Esther liebt mich?«

»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre gefurchte Wange.

»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte. Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, — o so lieb, wie ich sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«

»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen in Bertels erregtes Gesicht.

»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst, als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte? O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte. O das muß ja Liebe sein, ja sie muß mich lieben! Und ich Thor habe diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und jetzt, jetzt — habe ich ihre Liebe verrathen!«

Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!

»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst, was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht, thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan! Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe, alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie, nie!«

»Aber mein Gott, Bertel, so sprichst du von deiner schönen Braut!« rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.

»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher, es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es freiwillig. O es ist entsetzlich!«

Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden sollen, — denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau zu sein, — ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll ich mein Heil versuchen?«

»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und theilnahmlos.

»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht — nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben, sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«

»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe, »Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O wenn nur sie nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der mich zu Boden drückt!«

»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern. Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.

Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park, bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.

Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug. Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf, ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie und flatterte.