Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im Text mehrmals auftreten.
Die Überschrift des 1. Kapitels (‚[Deutsche Auswanderer im Atlantik‘]) fehlt im Original und wurde vom Bearbeiter anhand des Inhaltsverzeichnisses eingefügt. Das Original wurde in einer Frakturschrift gedruckt, in welcher die Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterscheidbar sind; dementsprechend wurden im [Register] Begriffe mit diesen Anfangsbuchstaben gemeinsam aufgeführt. In der vorliegenden Ausgabe wurden, den heutigen Gewohnheiten entsprechend, die Begriffe den Anfangsbuchstaben gemäß getrennt angegeben.
Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätze verschoben und zum Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zu beeinträchtigen.
Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.
Die [Übersichtskarte] am Anfang sowie die [Sonderkarte] am Ende des Buches wurden der Übersichtlichkeit halber in vergrößerten Ausschnitten nochmals wiedergegeben.
Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter auf Grundlage des Original-Einbandes geschaffen und in die Public Domain eingebracht. Ein Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.
La Paz, mit dem Illimani im Hintergrund.
COLIN ROSS
Südamerika
die aufsteigende
Welt
MIT 54 ABBILDUNGEN
UND 2 KARTEN
LEIPZIG, F · A · BROCKHAUS
1922
Copyright 1922 by F. A. Brockhaus, Leipzig.
Vorwort.
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
Goethe, Faust.
Der Wunsch, Pionierdienste zu leisten, Neuland zu finden, mitzuhelfen, Brot und Lebensmöglichkeiten für die Tausende zu erschließen, denen Krieg und Revolution sie genommen, war die Triebfeder zu dieser Reise. Vielleicht auch ein wenig Müdigkeit und Enttäuschung, daß nach furchtbarer seelischer und körperlicher Aufregung und Anstrengung während vier Kriegsjahren auch die Revolution fast alle Blütenträume welken ließ, die reiner Enthusiasmus nach ihrem Aufflammen von ihr erhofft hatte.
Neue Ufer! Zweimaliger Besuch in den Vereinigten Staaten und in Mexiko in der Vorkriegszeit hatte gelehrt, daß die Neue Welt längst im gleichen Pulsschlag mit der Alten Welt lebte und daß die unbegrenzten Möglichkeiten einer Begrenzung entgegengingen, die auch ohne Teilnahme am Weltkrieg schwere soziale Erschütterungen im Gefolge haben mußte. Aber Südamerika, Brasilien, Argentinien, Chile: mußte nicht hier Neuland in unbegrenzter Ausdehnung sein? Lockte nicht an diesen Ufern ein neuer Tag?
Der erste Eindruck überwältigte. Fülle, Reichtum, Gedeihen, unbegrenzte Möglichkeiten und scheinbare Unberührtheit von all den Problemen, die die Alte Welt zerfleischen. Es war ein Irrtum. Je länger man in diesem Kontinent reist, desto mehr wird man durchdrungen von der Einheit der Menschheit von heute. Gewiß, man kann sich auf eine weltferne Estancia setzen, man kann sich in ein unbekanntes Kordillerennest flüchten, aber das Bibelwort bleibt bestehn: „Und flöhe ich an die äußersten Meere....“
Gewiß, es gibt hier noch unbestellten wertvollen Ackerboden, königreichgroß. Es gibt noch unabgeholzte Wälder von unermeßlichem Wert. Es gibt Mineralschätze in unbegrenzter Menge. Es gibt Möglichkeiten, industrieller, kaufmännischer, selbst künstlerischer und literarischer Art, wie sie die Alte Welt nicht bietet. Sicher kann der Gewandte, der Energische, der Skrupellose raschen Reichtum erwerben. Aber neue Ufer, ein neuer Tag?
Fast scheinen sich die Verhältnisse zu verschieben, wie sich im Süden die Sternbilder am Himmel umkehren, und die Alte Welt erscheint als die neue, die Neue die alte. Wer an den politischen und wirtschaftlichen und sozialen Formen hängt, die Krieg und Revolution gewandelt, wird in der Neuen Welt noch alles finden, dem er nachtrauert. In Südamerika gibt es noch herrschende, bevorzugte Klassen, dort gibt es noch den Herrn-im-Hause-Standpunkt und gibt es rücksichtslose Ausbeutung wirtschaftlich Schwacher.
Aber genau wie die politischen Ideen der großen Französischen Revolution einst den Atlantik übersprangen und in Südamerika zum Freiheitskampf und zur Abschüttelung der spanischen Herrschaft führten, genau so dringen jetzt die sozialen Ideen des Abendlands bis in die fernste Pampa und bis in das verborgenste Indianerdorf, trotz aller Absperrungsversuche, trotz aller „leyes de residencia“, trotz aller Bemühungen, „bolschewistische Elemente“ fernzuhalten.
Eine große Gefahr bedroht diesen Kontinent, der so überreich ist an Schätzen, daß jeder einzelne seiner Bewohner ein sorgenloses Leben führen könnte. Wie damals die Abschüttelung des spanischen Jochs unter dem Einfluß der Ideen der Französischen Revolution jahre- und jahrzehntelange Unruhen, Chaos und Anarchie in jenen Ländern zur Folge hatte, die für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ noch in keiner Weise reif waren, genau so liegt heute die Gefahr vor, daß sich die soziale Entwicklung überschlägt. Es handelt sich zu einem großen Teil um Volkselemente, die weder lesen noch schreiben können, um Indianer und Halbindianer, um wirtschaftlich und sozial unterdrückte Klassen, die bisher in einer Art patriarchalischer Abhängigkeit, ja in halber Leibeigenschaft gehalten wurden. Rationale Momente und Rassengefühle wirken mit.
Eine täglich wachsende, in Ländern natürlichen Überflusses doppelt verbitternd wirkende Teuerung kann den Anstoß geben zu einem plötzlichen Ausbruch sozialer Erschütterungen, die sonst unwahrscheinlich erscheinen mögen. Überall dasselbe: Streik in Argentinien, Streik in Chile, Streik in Bolivien. Auch dieses letztere Land, in dem bisher eine kleine, weiße Herrenschicht fast unumschränkt über die indianische Urbevölkerung herrschte, hat sich vor wenigen Monaten genötigt gesehen, Paßzwang einzuführen, und wenige Tage nach meiner Ankunft in seiner Hauptstadt La Paz brach der Streik der staatlichen Telegraphenbeamten aus.
Wetterleuchten! Vielleicht ist das Unwetter, das Europa durchtobt, hier noch fern, jahrzehntefern. Vielleicht helfen hier der natürliche Reichtum, die geringe Bevölkerungsdichte soziale Probleme überwinden, unter denen das Abendland konvulsivisch zuckt. Vielleicht auch bricht hier der Sturm doppelt furchtbar los. Es gibt Beispiele in Südamerika. Der Boden ist blutgetränkt.
Es ist schwer zu prophezeien, schwer zu raten. Schätze liegen brach. Aber wer sie heben will, darf nicht vergessen, daß er in Länder des Hochkapitalismus kommt. Eigenes Kapital ist das A und das O. Soziale Gesetzgebung, soziale Fürsorge gibt es nicht, oder sie stecken in den Kinderschuhen. Jeder steht allein da und ist nur auf sich selbst angewiesen. Aber auf das Heute kann ein ganz anderes Morgen folgen.
Unweit von La Paz liegt in Tiahuanacu eine uralte Stätte menschlicher Kultur, eine Weltstadt, die nach der Sage vor mehr als zehn Jahrtausenden blühte. Kulturen blühen und vergehen. Aus alten Kontinenten wandeln sich neue, und neue werden alt. Vielen mögen die neuen Ufer die neue Heimat werden, den neuen Tag aber wird nur erleben, wer ihn in seinem Herzen bereitet.
Berlin, März 1922.
Colin Roß.
Inhalt.
Seite | ||
| Vorwort | ||
| [Über den Atlantik.] | ||
1. | Deutsche Auswanderer im Atlantik | |
2. | Längs der Küste Brasiliens | |
3. | Das unbekannte gelobte Land | |
| [Argentinien.] | ||
4. | Die Stadt am La Plata | |
5. | Einwanderung nach Argentinien | |
6. | Die Landfrage | |
7. | Die großen Estancien | |
8. | Sigue Vaca! | |
9. | Deutsche Kolonien in Santa Fé | |
10. | Heißes Land | |
11. | Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen Republik | |
12. | Nach Patagonien | |
13. | Die Metropole des Südens | |
14. | Deutsche Seeleute in Südamerika | |
15. | Die Insel im Rio Negro | |
16. | Zwischenspiel | |
17. | Das Land der Kanäle | |
18. | Ritt durch Neuquen | |
19. | Zukunftsland | |
20. | Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis | |
21. | Auf dem Cayuncohochland | |
| [Chile.] | ||
22. | Über die Kordillere | |
23. | Das Paradies am Pazifik | |
24. | Chilenische Präsidentenwahl | |
25. | Chiles deutscher Süden | |
26. | Llanquihue und Magallanes | |
27. | Copihue | |
28. | Längs der Küste nach Nordchile | |
29. | Die Salpeterstadt | |
30. | La Pampa Salitrera | |
31. | Oficina | |
32. | Pampinos | |
33. | Unter Vulkanen | |
| [Bolivien.] | ||
34. | Das Land Bolivars | |
35. | Markt in La Paz | |
36. | Gebirgsreise in Bolivien | |
37. | An einem Tag aus Nordland in die Tropen | |
38. | Was die Yungas erzeugen | |
39. | Eine Yungasfinca | |
40. | Der Gastfreund | |
41. | Auf einer Zuckerrohrplantage | |
42. | Weg im Fluß | |
43. | Die Seele des Indio | |
44. | Indianerwallfahrt | |
45. | Indianeraufstand | |
46. | Der amerikanische Himalaja | |
47. | Mazamorra | |
| [Uruguay.] | ||
48. | Karneval in Montevideo | |
49. | Quer durch Uruguay | |
| [Brasilien.] | ||
50. | Abend in Santa Anna | |
51. | Deutschbrasilianer | |
52. | Kolonisten und Kolonien in Rio Grande | |
53. | Kolonisten im Urwald | |
54. | Schirachs Erfolg | |
55. | Brasilianische Landgesellschaften | |
56. | Fahrt auf dem Iguassu | |
57. | Auf brasilianischer Bundeskolonie | |
58. | Kaffeefazendas | |
59. | Die Großstadt der Tropen | |
60. | Die Blumeninsel | |
| Register | ||
Abbildungen.
| Seite | |
| La Paz, mit dem Illimani im Hintergrund | [Titelbild] |
| Siedlung in Patagonien | [16] |
| Lehmrancho | [16] |
| Patagonische Landschaft | [17] |
| Ansiedlerfrau | [17] |
| Wappen von Argentinien | [33] |
| Das Tal des Rio Cayunco | [64] |
| Inkasee | [65] |
| Plaza de la Independencia in Santiago | [80] |
| Bergarbeiterheim | [81] |
| Salpeteroficina | [81] |
| Am Fuße des Vulkans Ollague | [96] |
| Bergarbeiterhütten in der Kordillere | [97] |
| Arbeit in der Mine | [97] |
| Freundliche Marktweiber | [112] |
| Lamaherde | [112] |
| Ein Säugling zu Pferd | [113] |
| In einer bolivianischen Posada | [113] |
| Hörige Indianerinnen im Cocal | [128] |
| Weg im Fluß | [128] |
| Prähistorische Mumien vom Andenhochland | [129] |
| Bolivianischer Friedhof | [129] |
| Wappen von Chile | [131] |
| Allerseelen auf dem Friedhof | [144] |
| Indianische Wasserträgerin | [144] |
| Musikanten in Copacabana | [145] |
| Indianertanz | [145] |
| Copacabana am Titicacasee | [160] |
| Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu | [161] |
| Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana | [176] |
| Ein frischer Trunk | [177] |
| Bepackter Hochlandsesel | [177] |
| Wappen von Bolivien | [181] |
| Indianerprozession in Copacabana. Nach einer von Jakob v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines Indianers | [192] |
| Eingeborene vom Rio Beni | [193] |
| Indianerin am Webstuhl | [193] |
| Millunisee mit Huaina Potosi | [208] |
| Gipfelgrat des Huaina Potosi | [209] |
| Am Fuße der Eiswand des Huaina Potosi | [209] |
| Westwand des Illampu | [224] |
| Indianerdorf in der Puna | [225] |
| Nordostflanke des Illimani | [225] |
| Bergwerk in der bolivianischen Kordillere | [232] |
| Mazamorra | [232] |
| Der Morro bei Arica | [233] |
| Südbrasilianische Kolonisten | [233] |
| Wappen von Uruguay | [241] |
| Wappen von Brasilien | [251] |
| Deutsche Siedlung in Brasilien | [288] |
| Maispflanzung | [289] |
| Die ersten Anfänge einer Siedlung | [289] |
| Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus | [304] |
| Auf dem Marsch durch den Urwald | [305] |
| Blumeninsel bei Rio de Janeiro | [305] |
| Übersichtskarte von Südamerika | [12] |
| Sonderkarte | [319] |
Umschlag und Einbanddecke sind von Maler Kurt Eduard Beck in Leipzig nach Motiven gezeichnet, die aus dem von Professor Dr. Posnansky geleiteten Museum in La Paz stammen. Die Figur in der Mitte des Umschlags ist Pachaimama, die Mondmutter. Die Figur auf dem Einband ist dem uralten monolithischen Sonnentor von Tiahuanacu entnommen.
*
[Kartenausschnitt, oberer Teil]
[Kartenausschnitt, unterer Teil]
Über den Atlantik.
1. Deutsche Auswanderer im Atlantik
An Bord S. S. Frisia in Höhe von St. Pauls Rock.
Ohne die Flügel zu rühren, einem Kampfeindecker gleich, zog der erste landkündende Albatros seine Kreise über dem Schiff. Dann stachen schwarze Zacken aus dem horizontweiten Blau: St. Pauls Rock. Seit Tagen, seit wir die Kapverdischen Inseln passiert, das erste Land. Land? Ein Fels, eine Felsnadel! Mitten im Ozean steigt sie senkrecht aus kilometertiefer See.
Schnurgerade hält der Dampfer auf die Nadel zu, als wolle er sie rammen. Im letzten Augenblick biegt er fast im rechten Winkel ab. Eine Rakete steigt zischend hoch, gleichzeitig heult die Dampfsirene. Schwärme von Wasservögeln schwirren auf.
An der Reling drängen sich die Fahrgäste. Einer erzählt: „Dutzende von Schiffen stranden jedes Jahr an dem Fels.“ Ein anderer: „Bei den Möwen haust ein alter Mann mit seiner Tochter.“
Wer bereits mehr als vierzehn Tage auf menschenüberladenem Schiff fahren mußte, dem erscheint solch Los fast beneidenswert. Drangvolle Enge in allen Klassen, das letzte Plätzchen besetzt. Gute Konjunktur für den Holländischen Lloyd. Unten im Zwischendeck aber stauen sich Männer, Frauen und Kinder, fast Leib an Leib. Wie in einen Ameisenhaufen sieht man vom Kajütsdeck hinunter. Blonde Köpfe, deutsche Gesichter, deutsche Laute. Das rückwärtige Zwischendeck ist fast ganz von Deutschen besetzt. Mancher ist darunter, der vor dem Krieg erster Klasse fuhr. Heute fahren in der ersten Klasse neben den Ausländern fast nur solche Deutsche, die ein Auslandsguthaben von dem Jammer der deutschen Valuta unabhängig macht. Ja, wir sind arm geworden.
„Ich kann den Blick nicht von euch wenden — — —.“
Immer wieder kommen mir die alten Verse in den Sinn. Das Rad der Weltgeschichte ist zurückgedreht. Wir exportieren wieder Menschen. Man könnte meinen, in die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt zu sein, in denen der breite Strom deutscher Auswanderer über den Ozean zog, um mit seinem Blut und Schweiß fremde Kulturen zu düngen.
Die Möwen bleiben zurück. Langsam verdämmert der einsame Fels. Entschlossene, sehnsüchtige, zukunftsbange Blicke hängen daran. Manch einer wird in der Woge fremden Volkstums, dessen Art und Sprache er nicht kennt, einsam sein, wie der imaginäre Alte auf dem Riff. All die ehemaligen Offiziere und Seeleute, all die wurzellos gewordene Intelligenz, sie sollen jetzt mit ihren körperliche Arbeit ungewohnten Händen die Konkurrenz mit den auf primitiver Kulturstufe stehenden italienischen und spanischen Auswanderern und Saisonarbeitern aufnehmen.
Siedlung in Patagonien.
Lehmrancho.
Patagonische Landschaft.
Ansiedlerfrau.
Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält, mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt, geht zugrunde.“
Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben, lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“
Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.
Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden. Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.
Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze. Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.
Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik. Und unermüdlich fiedelt die ad hoc zusammengestellte Kapelle. Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“
Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen: „Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine Saite reißt und gibt wehen Klang.
Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines portugiesischen Priesters.
Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und florbestrumpften Beine.
Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her. Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren, plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ — „Nun, Äquatorüberschreitung und Jahrestag des Waffenstillstandes.“ — „Den feiern wir nicht.“ Ein Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk wende ich mich ab.
Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen? Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen, von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen sollen.
Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.
Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „Dis donc, quand... Zweihundert Prozent... terenos... I bet you...“ Nur das Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben- und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie alles ertragen. Was wird sich erfüllen?
Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt, ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.
Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!
2. Längs der Küste Brasiliens.
An Bord S. S. Frisia, Bahia.
Ehe noch der Dampfer den ersten amerikanischen Hafen anlief, wurde die Tote, die die Grippe im Zwischendeck gefordert, ins Meer versenkt. Es gab kein großes Aufheben, kaum daß der Dampfer einen Augenblick stoppte. Ein Geistlicher und ein Schiffsoffizier. Nur die alte verkümmerte Frau im blauen Umschlagtuch, die immer neben dem Mädchen in dem billigen Liegestuhl lag, stand noch dabei und starrte aufs Meer. Es war zwei Uhr nachts, als die Leiche auf dem Wasser aufschlug.
„Armes, ausgehungertes Volk!“ meinte am nächsten Morgen der argentinische Reisende auf der Reede von Pernambuco, „auf jeder Reise sterben ein paar.“ Mitleidig zuckte er die Achseln und ging nach dem Heck, wo gerade der dicke Holländer die Haiangel richtete. Ein Haufen Fahrgäste sah neugierig zu, wie er ein mächtiges Stück Fleisch an dem starken Eisenhaken befestigte. Kaum konnte der Steward sich durchwinden, der den Eimer mit den morgendlichen Brot- und Speiseresten über Bord schüttete. Man hat sich mit der Zeit ja daran gewöhnt, allein es gibt einem doch immer wieder einen Stich. Wie viele Menschen könnten in Deutschland davon leben!
Eine Regenböe fegte über Deck und färbte das Wasser schwarz. Weiß gischtete an der Mole die Brandung hoch. Mühsam kämpfte sich das Boot mit Arzt und Hafenkommandant hindurch. Drei Reisende stiegen ein, einer aus; Ladung wurde weder genommen noch gelöscht. Lohnte das Anlegen überhaupt? Der junge Deutsche, der auf seine Baumwollpflanzung in Parahyba fuhr, nannte es einen Wechsel auf die Zukunft. Stadt und Hafen stünde eine rasche Entwicklung bevor.
Wir fuhren weiter, ohne die Haie, die uns der Holländer versprochen. Dafür sahen wir am Nachmittag Wale. Wir mußten in eine ganze Herde hineingeraten sein; denn stundenlang sah man rings um das Schiff die breiten schwarzen Rücken auftauchen und das Wasser in Fontänen hochsprudeln. Wie mit Pastellfarben war dahinter die ferne Küste an den Horizont hingehaucht.
Am nächsten Abend liefen wir Bahia an. Eine flimmernde lichterfunkelnde Wand, baute sich über der tiefschwarzen Bucht die Stadt auf, in deren Gärten die köstlichsten Früchte des früchtereichen Landes wachsen, in deren Straßen aber Fieber und Seuchen nie erlöschen. Einer zähflüssigen Masse von Öl und Teer gleich, schien sich das träge flutende Wasser um den Schiffskörper zu legen. Langsam und immer langsamer fuhren wir, bis die Maschine stoppte und die Ankerketten rasselten.
Wie wir jetzt hielten, streckte die Stadt, die wie im Fieber zu uns herüberglühte, ihre feuchtwarme Hand über die Bai und sandte uns einen Atemzug schwüler, heißer Luft. Wir Nordländer lagen nach Kühlung lechzend an Deck; im Speisesaal aber, dessen dumpfe Luft wie glühender Brodem durch die Deckfenster hochstieg, saßen unangefochten von der Hitze die Brasilianer beisammen. Lachen, Singen, Gläserklingen, dazwischen Reden und immer wieder Reden. Die Brasilianer feierten den Quinze de Novembro, den Gedenktag der Ausrufung ihrer Republik. Durch die Fenster trinken sie uns zu. Gleich den Portugiesen haben sie uns vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie gegen Deutschland und gegen die Deutschen keinerlei Haß fühlten, sondern mit ihnen in der Abneigung gegen Engländer und Yankees durchaus einig waren.
„Aber euere Teilnahme am Krieg?“
„Nun, das war eine Sache, mit der die Völker nichts zu tun hatten, ein Geschäft, das einige unserer Politiker mit England und den Vereinigten Staaten machten.“
Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche Nation, und man wird auf Stimmungen und Meinungen einiger Mitreisender kein allzu großes Gewicht legen dürfen; aber auch die Deutschbrasilianer auf dem Schiff hatten nur günstige Nachrichten.
Die Zahl der Deutschen, die Rio oder Santos zum Ziel haben, ist nicht klein. Einstweilen sind es nur Rückwanderer, die Besitz oder Stellung drüben haben. Aber neue Einwanderer werden folgen. Und der Kaffeepflanzer aus Santos, mit dem ich über die Aussichten sprach, meinte, der fruchtbare Süden biete auch den Kapitallosen gute Möglichkeiten zu raschem Aufstieg.
Ja, fruchtbar muß dieses Land sein. Als am nächsten Morgen die gelbe Quarantäneflagge am Fockmast niederging, wimmelte es rings um das Schiff von Booten, überladen mit Früchten: Bananen, rot und gelb, in dichten Trauben, und dreimal so groß wie jene kümmerlichen Früchte, die jetzt in Deutschland verkauft werden. Orangen, noch grün oder nur mit leichtem gelben Anflug — es ist hier ja erst Frühling —, aber faustgroß und größer Kokosnüsse und Ananas.
Zwischendeck und Kajüte kaufen und kaufen. Korb um Korb wird hochgezogen. Bald sieht es zwischen den Ladebäumen aus wie ein Fruchtladen. Die Hauptmannsfrau sitzt mit ihren drei Kindern inmitten von Bananen und Ananas. Der Wiener Komiker kommt die Arme voll Orangen von der Reling. Ein anderer schleppt Ananas in Büscheln. Hier trinkt einer eine Kokosnuß aus, und dort schiebt in stummem Staunen ein dreijähriger Blondkopf mit heiligem Ernst eine Banane in den Mund.
Allein die reiche, bunte Fülle will nicht recht zu den ärmlichen, blassen und schmalen Gesichtern passen. Wie anders sehen die strotzenden Bronzeleiber der Neger in den Booten aus, deren glänzende Haut über straff gespannten Muskeln Früchten gleich durch die zerrissenen weißen Hemden leuchtet.
Sie haben auch keinen Anteil an der Fülle dieser reichen Welt, mögen die deutschen Zwischendecker in der ersten Freude noch so sehr über ihre Verhältnisse kaufen. Sind die süßen Schätze auch spottbillig, für uns macht die Valuta sie teuer. Solange diese sich nicht ändert, bleiben wir Parias, ausgeschlossen von den Schätzen der Erde.
Die Valuta ist das große Problem, nicht nur der Sorge, sondern auch der Spekulation. Kaum sind die ersten Zeitungen an Bord, so sitzen sämtliche Herren über dem Studium der Kurse. Eine erregte Debatte entspinnt sich und eine komplizierte Rechnerei. Wie stand der Milreis im Frieden? Wie jetzt? Wo und wann kauft man am besten? Wie steht der Dollar, das Pfund Sterling, der Frank und die Lira? Sie haben alle im Verhältnis zur Vorkriegszeit keinen besonderen Stand gegenüber dem Milreis Brasiliens. Die Valuta dieser südamerikanischen Staaten, die man bei uns vor dem Kriege gern nicht für voll nahm, ist gewaltig in die Höhe geschnellt. Wird das bleiben? Stehen wir hier am Anfang einer Entwicklung, wie sie die Vereinigten Staaten durchliefen?
Lustig flattert über unsern Köpfen die Flagge Brasiliens mit der gelben Weltkugel im grünen Feld. Ein wenig phantastisch scheint sie und ein wenig anmaßend, aber vielleicht ist sie nur prophetisch. Wochenlang fahren wir an der Küste dieses Landes entlang, von dem kaum erst der zehnte Teil der Kultur erschlossen ist.
In unser Gespräch tönt das Rasseln des Dampfkranes. Die farbigen Gentlemen der hiesigen Lloydagentur lassen krachend die Kisten in die Leichter hinunterpoltern.
„Donnerwetter, das sind doch meine Kisten“ — der ehemalige Flieger springt plötzlich auf. Er nimmt sein Geld in Form von Bijouteriewaren mit hinüber und ist in Sorge, ob er auch alles richtig hinüberbekommt. Oder er sitzt und rechnet und rechnet, was ihn jedes einzelne Stück kostet und wieviel er dafür verlangen kann.
„Unter zweihundert Prozent Verdienst mache ich überhaupt kein Geschäft,“ meinte der argentinische Kaufmann zu ihm, der nun schon zum zweiten Male zum Einkauf nach Deutschland fuhr. Es liegt ein Hauch von Spekulation über dem ganzen Schiff, wie man ihn früher nicht kannte; denn jeder führt irgendeine Ware bei sich, mit der er phantastische Geschäfte zu machen hofft: Bijouterien oder Stahlwaren, Rasierapparate oder Ferngläser.
Der Bankbeamte, der aus dem Krieg nach Buenos Aires zurückkehrt, zieht eine goldene Uhr an kostbarer Kette. — „Die hätte ich mir sonst auch nicht gekauft.“ — Aber wer weiß, wie die Verhältnisse drüben liegen, was gebraucht wird und woran Überfluß herrscht. Die wenigen, die Bescheid wissen, schweigen oder renommieren.
Das Gespräch schläft ein. Die Hitze lähmt jede Tätigkeit. Unter dem Sonnensegel ballt sich die Glut fast körperlich. Die weißen Häuser Bahias mit ihren stolzen Säulenhallen und Terrassen blenden über dem trägen, unbewegten Wasser.
Endlich heult die Sirene. Aber noch immer kommen Boote. Der Koch nimmt noch Proviant ein. Mächtige Körbe mit Eiern werden hochgehißt, gewaltige Stücke Fleisch und Kisten mit Fischen. Mitten über Deck platzt eine, und eine silberne Flut stürzt herunter. Es sind Exemplare von Haigröße dabei. Ihre lebenden Brüder tummeln sich um das Schiff.
An der Reling steht die alte, abgehärmte Frau im blauen Umschlagtuch und starrt aufs Meer.
Wieder heult die Sirene. Immer noch nehmen wir Früchte ein. Überall Stapel von Ananas. Auf allen Tischen und Bänken steht angeschnitten die süße Frucht. Einen Augenblick ekelt es mich fast vor dem schweren Fruchtduft, der gleich einem fremdartigen, betäubenden Parfum das ganze Schiff durchzieht.
3. Das unbekannte gelobte Land.
Buenos Aires.
Die Fahrt dahin führte an allen Herrlichkeiten der Erde vorbei. Nach der grotesken Schönheit der spanischen Häfen, nach Lissabon und den Kapverdischen Inseln, nach tropischen Nächten unter dem Äquator, in denen Mond und Wolken Bilder von verzehrender Schönheit auf See und Himmel malten, nach sonnendurchglühten Tagen, an denen der Ozean in fast schmerzlicher Bläue leuchtete, nach Nächten, in denen das Meer phosphoreszierend flammte, als fahre das Schiff durch einen See voll brennender Eisberge, und in denen das Kielwasser sich in einen Strom intensivsten grünen Lichtes wandelte, breitete viele Tage lang die brasilianische Küste ihre schwüle, lockende Pracht aus. Nach Bahias Früchteparadies baute Rio mit seinen Felsen, Bergen und Buchten eine Wunderlandschaft auf.
Aber als wir Santos’ liebliche Bucht verlassen hatten und die Brandung von São Vicente verrauscht war, die gegen brennend bunte Gärten spült, verblaßten des Himmels und des Meeres Bläue. Eisengrau rollten in schwerer Dünung die Wellen. Nach lastender Hitze wurde es frisch und abends bald empfindlich kühl, als runde sich die Reise zum Kreislauf und kehrten wir in die rauhe, kalte Nordsee zurück.
Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die sorgenden, ernsten Gesichter.
In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere, wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. — Wer kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.
Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten. Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200 Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt? Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen? Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und fällt die Mark.
Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht? In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.
Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte? Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame, die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah, immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte. Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar, das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!
Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.
Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.
Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend auf und ab.
„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“
„Und der Zoll?“
„Oh, die sind so gut versteckt, da müßte der Beamte schon sehr genau suchen — —.“
Die Offizierswitwe mit den beiden Söhnen hat bereits ein erstaunlich billiges Angebot für Haus und Land in Paraguay. Die Stimmung geht hoch.
Am nächsten Morgen sind wir mitten im La Plata. La Plata, Silberstrom! Der Name klingt wie Hohn; denn in schmutzigem Lehmgelb wälzen sich seine trägen Wogen. Gelbe, einförmige Wüste, soweit das Auge reicht. Fast wirkt der Anblick bereits wieder schön in seiner grandiosen Eintönigkeit. Am Horizont stehen Schiffe, flach auf die Wüstenplatte gestellt. Merkwürdig unwirklich sehen sie aus.
Das Land, das jetzt zur Linken auftaucht, paßt zum Fluß, es ist flach, öde, reizlos. Aber noch öder, noch reizloser könnte es erscheinen, es würde doch mit den gleichen sehnsüchtig erwartungsvollen Blicken verschlungen. Es ist ja das Land der Verheißung, die Erlösung aus all dem Leid, aus all dem Jammer in der Heimat.
Buenos Aires sticht mit Kaminen, Türmen und Kuppeln über den Horizont. Am Bug ballt sich die Masse der Auswanderer. Rasch wächst die Stadt. Eine flüchtige Ähnlichkeit mit New York, ein schüchterner Versuch zu Wolkenkratzern. Der Jachthafen mit Dutzenden der elegantesten Jachten. Dann im Hafen Schiff an Schiff, endlose Kais lang.
Ärztliche Untersuchung und Paßrevision. Dann darf man von Bord. Jetzt noch die zollamtliche Untersuchung. Der Flieger verhandelt aufgeregt mit einem Gepäckträger. Koffer auf Koffer rollt an. Immer wieder greifen die geübten Hände der Zollbeamten tief in Kisten und Koffer. Der ehemalige Fliegeroffizier hat einen Teil seiner Sachen schon durch, aber nun zieht der Beamte ein Bündel Uhrketten aus einem Paar Damenhandschuhe.
„Was ist das?“ — und nun kommt Stück für Stück ans Tageslicht. Er bekommt einen puterroten Kopf. Tapfer hält sich die junge Frau.
Auf Schmuggel steht Beschlagnahme der Ware und hohe Geldstrafe, bei großen Beträgen Gefängnis. Weiß Gott, da wird der Herr vom Tisch vis-à-vis abgeführt. Er hatte Brillanten in der Weste eingenäht. Eine Dame soll ihn angezeigt haben.
Sicher erhoffte Telegramme sind ausgeblieben. Über Paraguay hört man bereits im Zollamt nur Ungünstiges. Luftschlösser stürzen ein. Und die Traumstadt der Verheißung ist, wenn man sie betritt, auch nicht anders wie jede Weltstadt: eine gewaltige Mühle, die die Masse der Menschen zerreibt, um den wenigen Zähen, Auserwählten den Aufstieg zu unerhörter Macht freizugeben.
Argentinien
4. Die Stadt am La Plata.
Buenos Aires.
Draußen im Land blühen jetzt die Kakteen. Wenn man mit einer der zahllosen Elektrischen hinausfährt und wenn nach den eleganten Straßen auch die Zone der Vorstädte mit ihren niedriger und ärmer werdenden Häusern zurückbleibt, bis nur mehr der durch Steppe, Sumpf und Busch führende Damm der Bahn der einzige Bindestrang mit der zurückgelassenen Zivilisation ist, dann ranken Kakteen zu beiden Seiten des Weges, seltsame, fleischig-wulstige Pflanzen. Wie Tiere ihre Jungen auf dem Rücken tragen, so haben sie ihre Triebe angesetzt, und dazwischen treibt der staubgraue Leib eine Blüte von seltsam flammender Schönheit, die auf dem häßlichen Pflanzenkörper so fremd anmutet, als hätte sich ein leuchtender Schmetterling auf ihn gesetzt.
Ist dies das Bild der Stadt, in der ich jetzt lebe? Sicher ist es ein krasser, willkürlicher Vergleich, und doch drängte er sich mir auf, als ich zum ersten Male von dem Turm der Pasaje Guemes über die Stadt blickte. Wie trostlos öde ist der Boden, aus dem diese Stadt erwuchs! Jede, aber auch jede angeborene Schönheit hat ihr die Natur versagt. Der Fluß, dessen unerhörte Breite ein Meer vortäuscht, ist, von hier oben gesehen, nichts als ein braunes ödes Feld. So träge steht die Masse der lehmschweren Flut, daß der Unwissende von hier nicht unterscheiden könnte, ist es Morast oder Wüste oder Wasser. Und nicht anders ist das Land, in das sich die Stadt mählich verliert. Keine blauen Berge am Horizont, keine fernen Wälder, nichts, auf dem das Auge friedlich ruhen, kein Punkt, nach dem die Sehnsucht schweifen könnte.
Unten am Fuß des Gebäudes aber ziehen elegante Straßen, dehnen sich Plätze voll Palmen und blühenden Blumen. Die Plaza und Avenida de Mayo, Plaza San Martin, der Palermo-Park mit seinen Teichen, Rasen und Hainen: alles ist künstlich geschaffen, ist einer Wüste abgerungen. Und alle diese Plätze, Gärten, öffentlichen Gebäude und reichen privaten Villen und Residenzen sind gebaut aus dem Erlös der Produkte dieses so trostlos öde scheinenden Landes. Dieses Land hat die Palmen gepflanzt und die Autos der Männer wie den Schmuck der Frauen bezahlt. Es allein ermöglicht die Einfuhr aller dieser wahnsinnig teueren Luxusartikel aus allen Ländern der Erde, die die Lager und Läden der Stadt füllen. Wie reich und vollsaftig muß dieses Land sein, das eine solche Blüte treiben konnte, aus dem in phantastischer Üppigkeit eine Hauptstadt erwachsen konnte, in der ein Viertel der Bewohner des ganzen Landes lebt, deren überreicher Luxus Zweck und Ziel aller Arbeit auf den fernen Estancias und Chacras, auf den Ranchos und Quintas zu sein scheint!
Eine Kakteenblüte voll fremdartiger Schönheit? — Nein, der Vergleich stimmt doch in keiner Weise! Dazu ist diese Stadt zu nüchtern, zu europäisch, zu amerikanisch. Ja, amerikanisch, das ist der Grundton, und es bedürfte nicht der Ansätze zu Wolkenkratzern, um an New York zu erinnern. Aber da unten die Plaza de Mayo könnte ebensogut in irgendeiner mexikanischen oder brasilianischen Stadt liegen, und die Avenida erinnert durchaus an einen Pariser Boulevard, ihre Läden an Oxford Street in London und die umliegenden Straßen an die Berliner Friedrichsstadt. Selbst in der Vorstadt ähnelt an einer Stelle die Wellblecharchitektur dem Rande von Chicago, während an anderer Stelle die auf Pfählen im Sumpf errichteten Bretterbuden einer polnischen oder wolhynischen Landstadt gleichen. Jede Nation mag hier Anklänge an ihr Heimatland finden.
Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.
Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt, wird den Unterschied finden.
Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.
Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.
Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit bleibt.
Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist: durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem Innenhof steht.
Buenos Aires ist eine Stadt, die ins Maßlose, Unbegrenzte strebt. Im Zentrum, das für zwanzig- oder zweihunderttausend Menschen gedacht und gebaut wurde, muß sich heute der Verkehr einer Menschenmasse von zwei Millionen abspielen. Darum hat man alle neuen Straßen in zehnfacher Breite angelegt. Kilometerweit hinaus führen breite Avenidas, die heute nur ärmliche, ebenerdige Häuser oder Buden und Hütten säumen, die aber vielleicht schon in zehn Jahren elegantes Leben füllt.
Diese Stadt will wachsen. Auch die City will heraus aus ihrer Enge. Und darum hat man im Zentrum ganze Reihen von Häuserblöcken niedergerissen und daraus die Plaza und Avenida de Mayo geschaffen. Darum sollen auch weitere Straßenreihen fallen. Die Ansätze dazu sind schon da. Bis die ganze innere Stadt mit einem Netz breiter Diagonalen durchzogen ist, die Luft, Licht und Raum schenken.
Städte sind Lebewesen, die wachsen, blühen und sterben. Drüben jenseits des lehmigen Wassers des La Plata und des blauen des Atlantik liegen Städte, in deren verwahrlosten Straßen der Menschenstrom kreist wie schweres schwarzes Blut in kranken Adern, deren Häuserfassaden die Spuren durchlebter Fieberschauer tragen oder die Anzeichen kommender. Nirgends empfindet man so stark wie in dieser jungen, so namenlos jungen Stadt, wie krank Europa ist, wie krank und unheilschwanger!
5. Einwanderung nach Argentinien.
Mariano Saavedra.
Die große Halle von Retiro, dem Bahnhof des Central Argentino, liegt im milchigen Licht der Bogenlampen. Gepäckträger umringen das vorfahrende Auto. Der Chauffeur fährt nach Taxe. Im Handumdrehen ist das Gepäck aufgegeben. Die Erlangung der Schlafwagenkarten kostet einen Gang ins Reisebureau, keine Bestechung, kein Schmieren, kein Aufgeld.
Ein leerer Bahnsteig, keine Menschenmenge, die sich vor der Sperre staut. Wagen, in denen jeder bequem Platz hat, sauber, geräumig; auch die zweite Klasse, die unserer dritten und vierten entspricht. In dem sonst so unsozialen Argentinien kennt man nur zwei Wagenklassen.
Mächtige Autobusse fahren vor dem Bahnhof vor. Eine bunte Menschenmenge, Männer, Frauen und Kinder, drängt heraus. Lastwagen, hochbeladen mit Gepäck, folgen. Es sind die Wagen der Einwanderungsbehörde. Die freie Beförderung zu den Bahnhöfen und weiter bis zur gewählten Arbeitsstelle, mag sie auch am äußersten Zipfel der Republik liegen, gehört zu den Vergünstigungen, die die Regierung Einwanderern gewährt.
Diese Vergünstigungen sind nicht unerheblich. Schon der Empfang ist besser als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, trotz aller Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen, die die argentinische Regierung zur Fernhaltung bolschewistischer Elemente immer mehr verschärft. Argentinien kennt kein Ellis Island, keine von aller Welt abgeschlossene Einwandererinsel, wo die Einwanderer jeder Willkür brutaler Beamten wehrlos ausgesetzt sind. Ist die ärztliche Untersuchung vorüber, der im übrigen die Passagiere der ersten Klasse ebenso unterworfen sind wie die Zwischendecker, und sind die Papiere geprüft, so kann jeder Einwanderer gehen, wohin er will, falls er es nicht vorzieht, ins Einwandererhotel zu ziehen. Es liegt unmittelbar am Kai. Ein hoher, heller Bau, luftig und reinlich wie ein Lazarett mit seinen fliesenbedeckten Böden und kachelbekleideten Wänden. Irgendwelchen Luxus gibt es natürlich nicht, und alles ist auf Massenbetrieb eingestellt. Allein gegenüber dem Schmutz, der Enge und Stickluft des Zwischendecks ist es ein Dorado. Was der Einwanderer braucht, ist da: Bäder, Hospital, ein Arbeitsvermittlungsamt, Post, Telegraph und vor allem eine Geldwechselstelle der Nationalbank, in der kostenlos fremde Währung eingewechselt wird; bei dem großen Aufschlag, den die Wechsler in der Stadt nehmen, ein gewaltiger Vorteil. Und vor dem Haus ein herrlicher Garten, mit Palmen und blühenden Blumen, der dem Einwanderer eindringlich vor Augen führt, in welch reiches, fruchtbares Land er gekommen.
Nach dem Gesetz steht den Einwanderern und ihren Familien fünftägige freie Unterkunft und Verpflegung zu. Das Gesetz wird sehr großzügig gehandhabt, und die Fälle sind häufig, daß Einwandererfamilien nicht nur Tage, sondern Wochen über die gesetzliche Frist hinaus kostenlosen Aufenthalt gewährt bekommen. In den Provinzen, in die sich der Einwanderer begibt, wird er gleichfalls zunächst frei untergebracht und verpflegt.
Dieses Anrecht steht jedem Reisenden der zweiten und der dritten Klasse zu, der sich einen entsprechenden Vermerk in seine Papiere eintragen läßt. Es sollte niemand versäumen; denn es ist keinerlei Verpflichtung eingeschlossen. Wer auf das Einwandererhotel verzichtet, wird doch unter Umständen gern die freie Bahnfahrt und Gepäckbeförderung für sich und seine Familie in Anspruch nehmen. Bei den teueren Bahntarifen und den weiten Entfernungen handelt es sich mitunter um sehr erhebliche Beträge.
Weiter aber sorgt der Staat für die Einwanderer nicht, und alle Anpreisungen von Kolonisations- und Landgesellschaften über kostenlose oder billige Zuweisung von Regierungsland usw. sind nur mit größter Vorsicht aufzufassen. Das gilt auch von dem sogenannten Heimstättengesetz, der Ley del Hogar, auf das die Auswanderungsgesellschaften mit Vorliebe hinweisen. Dieses Gesetz, das die Ansiedelung auf Regierungsland vorsieht, ist zwar vom Kongreß genehmigt und auch amtlich veröffentlicht worden, ist aber noch nicht in Kraft getreten, da die dazugehörigen Ausführungsbestimmungen noch nicht erlassen sind. Wann und ob sie überhaupt erlassen werden? — Quien sabe!
Das Einwandererhotel und die Fürsorge für die Einwanderer kostet die argentinische Regierung jährlich je nach der Stärke des Zustroms eine halbe bis etwa zwei Millionen Peso (etwa 900000 bis 3600000 Goldmark). Es hat Zeiten gegeben, in denen Argentinien freie Überfahrt gewährte und ein weitverzweigtes Agentennetz in Europa unterhielt, um Einwanderer zu bekommen. Es hat das jetzt nicht mehr nötig; denn Argentinien ist heute das bevorzugteste Einwanderungsland, und lediglich die hohen Überfahrtspreise und die Valutaverhältnisse begrenzen die Zahl.
Der Zug fährt durch die Nacht. Die hellen Straßenzeilen der Hauptstadt und die dunkle Fläche des La Plata bleiben zurück. Der Zug eilt durch weites, weites, ebenes Feld. Stoppelfelder auf Stoppelfelder, von den hohen Mieten des abgeernteten Getreides wie von Zwingburgen beherrscht. Dann Mais, eine im blassen Mondschein goldig schimmernde Fläche, endlos, unübersehbar.
In der Morgenfrühe passieren wir Rosario und dann wieder endlos weites Land: Mais, Stoppelfeld und unendliche Weide. Zwischen kilometerlangen Drahtzäunen Weideflächen, Stunde auf Stunde. Um die Station ein paar Häuser, und dann nichts als selten und spärlich ein Rancho zwischen Bambusstauden, eine Chacra, eine baumumstandene Estancia.
Vor mir liegt eine Nummer des „Argentinischen Tageblattes“ — nebenbei gesagt die rührigste und bestgeleitete deutsche Zeitung des lateinischen Amerika — mit einer Umfrage über die Möglichkeiten deutscher Einwanderung und Kolonisation. Führende Persönlichkeiten der deutschen Kolonie haben sich darin ausgesprochen. Während ich durch die menschenleere fruchtbare Weite sause, lese ich: „Argentinien ist auf eine große deutsche Einwanderung nicht vorbereitet, und alljährlich können nur ein paar tausend Einwanderer in Betracht kommen.“ Ein anderer, ein Bankdirektor, schreibt: „Selbst wenn jährlich nur 4000 bis 5000 unserer Landsleute einwandern, so ist das schon viel.“ Oder ein dritter, ein Großkaufmann: „Die wichtigste Aufgabe der deutschen Kolonie, so glaube ich, sollte sein, die Auswanderung aus der Heimat nicht zu fördern.“ Nachdem er davon gesprochen, wie die Auswanderungslust einzudämmen sei, schließt er: „Damit könnte auch in wirksamer Weise das Deutschtum in Argentinien und in der Heimat gefördert und geschützt werden.“
Draußen nichts als Mais, Weide und Vieh. Und das sind die menschenreichsten Provinzen: Buenos Aires und Santa Fé, in denen die Bevölkerungszahl noch nach Millionen und Hunderttausenden zählt. Weiterhin, in der Pampa, in Patagonien und im Chaco, da zählt man nach Zehntausenden und Tausenden. Nach Klima und Fruchtbarkeit kann Argentinien 300 Millionen Menschen ernähren, und nun soll es nur knapp für ein paar Tausend Einwanderer Existenzmöglichkeiten bieten!
Ich lese weiter: Ablehnung auf Ablehnung. Aber da schreibt auch einer, der nur als „Selfmademan“ zeichnet: „Alles, was bei dem gegenwärtigen Stand des Weltverkehrs von Deutschland hierher auswandern kann, vermag Argentinien aufzunehmen und mit seinen Erwerbsgelegenheiten dauernd festzuhalten. Keine Auswandererzahl ist zu groß, als daß sie nicht in den Rahmen unserer Volkswirtschaft eingepaßt werden könnte.“
Wer hat nun recht? Im allgemeinen ist die deutsche Kolonie für möglichste Einschränkung der Einwanderung, und es wird mir von allen Seiten nahegelegt, durch möglichst wahrheitsgetreue, d. h. pessimistische, Schilderungen mitzuhelfen, Einwanderer abzuhalten. Nun ist sicher richtig: Je weniger Illusionen der Einwanderer mitbringt, desto besser, und die Arbeit ist im allgemeinen wohl härter und die Anfangsschwierigkeiten sind größer, als man sich in Deutschland vorstellt. Aber mit dem bloßen Abraten ist nichts getan. Man kann ja nicht von Auswanderungslust sprechen, sondern nur von einer Auswanderungsnot. Und es wäre auch nicht wahrheitsgetreu, wollte man nur warnen und abraten. Es gibt hier Möglichkeiten, und zwar sehr erhebliche, zu Wohlstand und Reichtum zu kommen, nur ist der Weg hart, und nur ein zäher Wille kommt durch. Aber seinen Lebensunterhalt, und der ist im Verhältnis zu Deutschland reichlich, kann sich jeder erwerben, der guten Willens ist, wenn er ein heißes Klima und mancherlei Unzuträglichkeiten mit in Kauf nehmen will.
Es handelt sich nicht darum zu warnen, sondern zu helfen. Hier ist der Deutsche Volksbund in Argentinien mit gutem Beispiel vorangegangen, der eine Beratungsstelle und Stellenvermittlung für deutsche Einwanderer geschaffen hat. (Im deutschen Vereinshaus, Buenos Aires, Calle San Martin 439.) Schon Hunderten deutschsprechender Einwanderer ist hier kostenlos Arbeit und Stellung nachgewiesen worden. Da der Bund in allen größeren Plätzen Ortsgruppen unterhält, ist es ihm ein leichtes, sich nicht nur über den Arbeitsmarkt zu orientieren, sondern auch über die Zuverlässigkeit der Arbeitgeber. Nur so kann vermieden werden, daß Einwanderer, wie es bereits geschehen ist, in völlig unhaltbare Verhältnisse nach Misiones oder Chubut geschickt werden, von wo sie nach einigen Monaten elend, abgerissen und verbittert wieder zurückkamen. Über jeden Einwanderer wird genau Buch geführt, so daß mit der Zeit wertvolles Material über die Einwandererbewegung gesammelt wird. In der gleichen Richtung arbeitet auch der Verein zum Schutz germanischer Einwanderung und der deutsch-argentinische Zentralverband.
Wer nach Argentinien auswandern will, muß sich klar machen, daß er in Verhältnisse kommt, die von Grund aus neu sind, und daß er unabhängig von Beruf und Vorbildung zu jeder Arbeit und Unternehmung bereit sein muß. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Aussichten für Kaufleute und geistige Arbeiter jeder Art schlecht, die für Handwerker und Industriearbeiter gut sind. Aber das eine wie das andere ist nebensächlich gegenüber dem Zentralproblem: die Kolonisation und Ansiedlung im größten Maßstabe. Argentinien ist ein Agrarland mit extensiver Wirtschaft. Geht man dazu über, den Betrieb intensiv zu gestalten, so lassen sich unbegrenzte Mengen von Ackerbauern und Farmern unterbringen, und ein wachsender Bedarf für industrielle, kaufmännische und geistige Arbeit wird geschaffen.
Was jetzt von Deutschland herüberkommt, läßt sich noch eine Weile in der bisherigen Weise unterbringen. Wächst jedoch der Einwandererstrom, ohne daß die Kolonisationsfrage gelöst ist, so muß es zur Proletarisierung der deutschen Einwanderer kommen. Den deutschen Einwanderern bieten sich unbegrenzte Möglichkeiten, aber erst dann, wenn die sehr schwierige hauptsächlichste Vorbedingung erfüllt ist: die Beschaffung von Land, Land und nochmals Land!
6. Die Landfrage.
Mariano Saavedra.
Wir reiten über den Kamp. Endlose Weite. Wie weiße, braune und schwarze Tupfen steht das Rindvieh im Grün des Alfalfafeldes. Weiterhin Pferde in Rudeln, dann Schafe gleich Lämmerwölkchen über den grünen Horizont ziehend. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur die Drahtzäune, die den Kamp in einzelne Potreros teilen, laufen unermüdlich neben uns her, und ab und zu passieren wir ein klapperndes Windrad, das Wasser in die Viehtränken pumpt.
Man könnte in menschenleerer Öde sich verlassen glauben, kündete nicht der dunkle Schatten am Horizont die Estancia mit ihren Hainen und Gärten, Landhäusern und Wirtschaftsbauten. Dort die Estancia mit ihrem Schloß, in dem der Besitzer in der Regel kaum ein paar Wochen im Jahr weilt, und hier am Weg ein paar zerfallene Lehmmauern, die Reste eines Pächterhauses: das ist das Landproblem Argentiniens.
Argentinien ist das Land des Großgrundbesitzes. Seit den Zeiten des Diktators Rosas (geb. 1793, gest. 1877) haben die Regierungen ihren Günstlingen, verdienten Parteigängern, Generälen und Staatsmännern gewaltige Landkomplexe überlassen, Ländereien von der Größe eines Fürstentums wurden verschenkt oder zu lächerlich niederen Preisen verkauft. Heute ist die ganze Republik mit Ausnahme der augenblicklich wertlosen oder geringwertigen Regierungsländereien im äußersten Norden und Süden und des wenig zahlreichen mittel- und kleinbäuerlichen Besitzes in den Händen einer geringen Zahl von Großestancieros und Landgesellschaften. Komplexe von 100 und 200 Hektar, also etwa von der Größe eines deutschen Ritterguts, sind hier ein winzig kleiner Besitz. Man zählt nach Quadratleguas, einem Flächenmaß gleich 25 Quadratkilometern, und Estancien von 50, 75 und 100 Quadratleguas sind keine Seltenheit.
Diese gewaltigen Ländereien dienen lediglich der Viehzucht, und zwar einer Viehzucht extensivster Art. Weder der einheimische Landbesitzer, der Estanciero, noch der eingeborene Landarbeiter, der Gaucho, hat irgend Sinn und Neigung für Ackerbau. Da sich der reiche Argentinier nur ungern von seinem Land trennt und er andrerseits die gewaltige Wertsteigerung nicht missen will, die in dem Umreißen des rohen Kamps und seiner zeitweisen Bestellung liegen, verfiel man in diesem Land auf das eigenartige Pachtsystem des Medianero. Der Besitzer stellt Land, Vieh, Gerät und Samen einem Medianero, einem Pächter, zur Verfügung, der dafür so viel Land bestellt, wie er mit seiner Familie bewirtschaften kann. In den Ertrag teilen sich Pächter und Besitzer zu gleichen Teilen. Derartige Pachtverträge werden jedoch nur auf kurze Zeit, auf drei bis fünf Jahre, oft auch nur für ein Jahr abgeschlossen. Ist die Zeit abgelaufen, so muß der Pächter im wahren Sinne des Wortes sein Dach abreißen und dahin ziehen, wo er wieder Pacht findet. Dem Estanciero liegt ja nichts daran, dauernd Korn zu bauen. Er will lediglich den Boden seines Kampf verbessern und bessere Weide für sein Vieh bekommen. Darum legt er in der Regel dem Pächter die Verpflichtung auf, im letzten Jahr des Pachtvertrages Alfalfa zu bauen, eine Luzernekleeart, die das vornehmste Futter für Großvieh hierzulande ist.
Der Pächter hat also seinerseits gar kein Interesse daran, es sich irgendwie gemütlich zu machen. Inmitten der Öde des Kamps steht sein Rancho, eine Lehmhütte mit Wellblechdach, das der Kolonist mit sich führt. Er pflanzt keinen Baum, kaum Gemüse, und ist zu einem elenden Nomadenleben verdammt, falls es ihm nicht gelingt, sich so viel zu ersparen, daß er zum Arendatario, zum Pächter mit eigenem Vieh und Gerät, und schließlich zum Besitzer auf eigener Scholle aufzusteigen vermag.
Es ist ein brutales System, das seinen Zweck, den Wert des Landes zu steigern, zwar erfüllt — ein mit Alfalfa bestandener Kamp kostet 100 Prozent mehr als ein roher —, das aber in keiner Weise für deutsche Einwanderer in Frage kommt. Was der ins Land kommende Deutsche erhofft, ist Seßhaftigkeit auf eigener Scholle, die er mit der Zeit durch seiner Hände Arbeit erwerben kann.
Nichts ist aber schwerer als das. Die Schwierigkeiten liegen in den hohen Landpreisen, in der Wertlosigkeit der deutschen Valuta und in der Unsicherheit des Besitztitels.
Drei Wege führen zum Besitz von Grund und Boden: Kauf von privater Seite, Erwerb von Regierungsland oder von Ländereien einer Kolonisationsgesellschaft. Der erste Weg scheidet für die Besitzer von Markguthaben aus. Selbst für kleine Kampe sind bei dem derzeitigen Stand der deutschen Valuta Guthaben erforderlich, über die selbst der wohlhabende deutsche Einwanderer nicht verfügt.
Nun zum Regierungsland. Das ist die vielumstrittene Frage. Einmal, gibt es überhaupt noch Regierungsland, das für Kolonisation in Frage kommt, zum andern, wie steht es mit der Übertragung der Besitztitel?
Regierungsland gibt es sowohl in den nördlichen Territorien, in Misiones und im Chaco, als auch im Süden, in Rio Negro, Neuquen, Chubut und Santa Cruz. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß beide Gebiete für Kolonisation nicht in Frage kommen. Der Norden sei zu heiß, der Süden nur für Schafzucht geeignet. Nach den Temperaturen, die ich bisher in den Provinzen Buenos Aires und Santa Fé erlebte und die bis an 40 Grad reichen, möchte ich der ersten Ansicht beipflichten. Allein ich habe hier stets gefunden, daß man selbst sehen muß, und die Kenntnis der Porteños, der Bewohner von Buenos Aires, von den äußeren Gebieten des Landes geht in der Regel nicht sehr weit.
Was die Besitztitel betrifft, so wird immer wieder über die Schwierigkeit geklagt, solche zu erlangen. Die Regierung gibt wohl Land zu billigen Preisen ab, allein ohne Besitztitel. Mitunter sitzen Leute zehn, fünfzehn und mehr Jahre auf ihrem Kamp, dessen Wert sich inzwischen durch ihre Arbeit verfünffacht und verzehnfacht hat, und können keine ordentlichen Besitztitel erhalten.
Auf der Fahrt hierher erzählte mir ein Deutscher, der in eine Zuckerfabrik des Nordens auf Arbeit fuhr, seine Geschichte. Ihm war in Paraguay Regierungsland zu günstigen Bedingungen übertragen. Nachdem er sein ganzes Kapital hineingesteckt und ein paar Jahre darauf fleißig gearbeitet hatte, meldete sich eine argentinische Landgesellschaft als Besitzerin und wies rechtskräftige Titel vor. Alle Reklamationen der deutschen diplomatischen Vertretung blieben fruchtlos. Der Mann mußte sein Vieh verkaufen und Grund und Boden verlassen. Ich habe denselben Vorgang nicht einmal, sondern wohl ein dutzendmal gehört, nicht nur aus Paraguay, sondern auch aus Argentinien. Ich kann ihre Wahrheit nicht nachprüfen, allein die Häufigkeit, mit der man sie hört, macht stutzig. Der einzelne, ohne genügend Kapital, ohne Rückhalt und vor allem ohne Verbindungen und „amigos“ kann sich jedenfalls nicht genug vorsehen, ehe er sein Geld in Land anlegt.
Bleibt die Vermittlung der Kolonisationsgesellschaften. Die Mehrzahl arbeitet auf kapitalistischer Grundlage, andere auf genossenschaftlicher oder wie die des Baron Hirsch auf gemeinnütziger Basis. Nicht alle bestehenden Kolonisationsgesellschaften haben sich immer einwandfrei betätigt. Es sind Fälle vorgekommen, daß sie an Kolonisten Land gaben, das so mit Hypotheken überlastet war, daß die Käufer es nicht halten konnten. Von den Gesellschaften, die sich neu in Deutschland gebildet haben, sind ein Teil reine Schwindelunternehmungen, denen es lediglich auf Gimpelfang ankommt. Andere verfügen wohl über guten Willen, aber nicht über die erforderlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Verbindungen. Daß in ihrem Vorstand Männer sitzen, die früher einmal in Argentinien waren, genügt nicht. Vor allem darf man nicht vergessen, daß zwischen Buenos Aires und dem Land ein himmelweiter Unterschied ist. Man kann jahrelang in der Hauptstadt sitzen, ohne vom Kamp etwas zu verstehen. Dabei mag von solch grotesken Fällen ganz abgesehen werden, daß sich hier bei amtlichen Stellen als Vertreter deutscher „Siedelungs- und Kolonisationsunternehmungen“ Herren meldeten, mit der Absicht, Land zu kaufen, die weder von Argentinien, noch von Landwirtschaft, noch von der spanischen Sprache eine Ahnung hatten.
Es ist bedauerlich, daß durch solche Schwindelunternehmungen der Gedanke der Kolonisationsgesellschaft diskreditiert wird und unter Umständen auch gutfundierte und gutgeleitete Gesellschaften zu leiden haben; denn dieser Gedanke stellt den einzigen Weg dar, eine große deutsche Einwanderung gut unterzubringen. Vorbedingung ist jedoch, daß deutsches und argentinisches Kapital zusammenarbeitet, unter enger Fühlungnahme mit den beiden Regierungen und unter Ausschaltung von Spekulationsgewinnen.
Der gegebene Mittler wäre das deutsch-argentinische Kapital, das bei gutem Willen ohne Schwierigkeiten über die erforderlichen Mittel verfügen würde, um selbst sehr großzügige Siedelungsunternehmungen zu finanzieren. Seit Ende 1919 ist auch die Frage einer Siedelungsaktiengesellschaft erörtert worden. Kommissionen haben getagt. Es ist jedoch nichts dabei herausgekommen. Nach den Äußerungen des Direktors der Überseeischen Bank hätten alle Berechnungen ergeben, daß nicht einmal eine bescheidene Verzinsung der aufgewendeten Kapitalien zu erwarten sei. Ich kann diese Behauptung noch nicht nachprüfen. Wenn aber das betreffende Komitee weiter einstimmig zu der Ansicht kam, daß mit einem derartigen Unternehmen den Einwanderern selbst kaum ein Dienst erwiesen würde, so wird man stutzig.
Bei dem großen Mehrwert, den eine großzügige Kolonisation für alle Beteiligten bedeuten würde, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß einigen, und gerade den kapitalkräftigsten, Mitgliedern der deutschen Kolonie die Einwanderung aus der Heimat unsympathisch ist. Man hört mitunter die Meinung, daß sie die sozialistische Gesinnung deutscher Kolonisten fürchten. Vielfach sollen sie auch schlechte Erfahrungen mit deutschen Arbeitern gemacht haben.
Deutsches Kapital, das wohl verfügbar wäre — denn nach menschlichem Ermessen gibt es für mitteleuropäische Gelder kaum eine sicherere Anlage als in argentinischem Grund und Boden —, kann sich nur in Form von Maschinen, Werkzeug und Waren beteiligen. Schon aus diesem Grunde bedarf es der Mitwirkung argentinischer Firmen. Sperrt sich das deutsch-argentinische Kapital noch länger, so wird rein argentinisches Kapital die Sache machen, ja, es wird sogar behauptet, daß Ententekapital darauf lauere, sich der deutschen Einwanderung als eines guten Spekulationsobjekts zu bemächtigen, was nicht so unwahrscheinlich ist.
Ein derartiges Siedelungsunternehmen müßte als Kolonisations- und Handelsunternehmung gegründet werden, um die aus Deutschland gelieferten Waren in eigener Regie veräußern zu können und andrerseits die auf der Kolonie erzeugten Produkte direkt nach Deutschland zu liefern. Es müßte weiterhin versuchen, Einfluß auf die Verschiffung der Einwanderer zu nehmen, wenn es nicht eigene Schiffe erwirbt. Im Anschluß daran ließe sich die Frage der Verpflanzung deutscher Industrien nach Argentinien lösen.
Es muß etwas geschehen, womöglich ehe eine deutsche Masseneinwanderung hier eintrifft. Darum ist es Zeit zu einem lauten, weithin vernehmlichen Caveant Consules! Was die deutschen Einwanderer brauchen, ist nicht Warnung und Rat und bestenfalls Arbeitsvermittlung, sondern die rasche Beschaffung von billigem Land.
Auch der argentinische Staat sollte daran interessiert sein. Eine planmäßig geförderte und systematisch geleitete deutsche Einwanderung würde nicht nur dem Lande eine Fülle wertvollster Kräfte zuführen, sondern eine gerechte und großzügige Lösung der Landfrage würde der argentinischen Republik das schaffen, was ihr noch fehlt: einen gesunden und kräftigen Bauern- und Mittelstand, und damit die beste Sicherung gegen die sozialen Gefahren, die die gegenwärtige Besitzverteilung des Landes und die Latifundienwirtschaft unheilschwanger in sich bergen.
7. Die großen Estancien.
Estancia „La Louisa“.
Kein anderes Land läßt sich auf solch kurze, einfache Formel bringen wie die Republik zwischen dem La Plata und den Kordilleren: Argentinien ist sein Vieh und sein Korn.
Allerdings galt diese Formel nicht immer, wie sie auch für die Zukunft kaum Geltung behalten wird. Man denke, vor ein bis zwei Menschenaltern gab es in dem Viehland Argentinien nichts, was der heutigen Viehzucht gleichkam, und noch vor vierzig Jahren führte der heute größte Getreideexporteur der Welt für den eigenen Bedarf Weizen ein, und so wird auch der fortschreitende Übergang der argentinischen Landwirtschaft zum intensiven Landbau das zukünftige Bild ändern, ganz abgesehen von den industriellen Möglichkeiten, die die Ölquellen von Comodore Rivadavia, die Wasserfälle des Iguassu und die noch unerforschten Mineralschätze der Anden bergen mögen.
Vieh und Korn! Seit etwa anderthalb Jahrzehnten fing das Getreide an, in den Ausfuhrziffern in die Vorhand zu kommen. Allein trotzdem ist Argentinien noch auf lange Zeit in erster Linie ein viehzüchtendes und kein ackerbautreibendes Land, da die gesamte Struktur der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse durchaus auf der Viehzucht beruht und den Ackerbau, wenigstens was die großen Estancien anbetrifft, gleichsam nur als einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb erscheinen läßt.
Die großen Estancien umfassen den weitaus besten und bedeutendsten Teil des anbaufähigen Landes. Von dem Willen ihrer Besitzer, der Estancieros, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen Land zu Kolonisationszwecken verfügbar wird und in welcher Weise sich die argentinische Landwirtschaft entwickelt.
Ihre Grundlage sind eine unbegrenzte und schier unendliche Weidefläche, eine Fläche Land, die Deutschland, England, Frankreich und Italien an Ausdehnung übertrifft, und — die acht Kühe und der eine Stier, die die Spanier im Jahre 1553 hierher brachten. Heute ziehen nicht mehr riesige Herden, von halbwilden Hirten, den Gauchos, getrieben, in wochen- und monatelanger Wanderung auf der Suche nach frischer Weide über die Pampa, die Steppe, das Vieh wird in kleinen Herden in Potreros gehalten und über jedes einzelne Stück genau Buch geführt. Aber dem eingeborenen Volkselement, das von der Viehwirtschaft lebt, Herr und Knecht, haftet noch immer die ritterliche Großzügigkeit des Nomaden an, der ohne schwere körperliche Arbeit von dem natürlichen Überfluß seiner Herde lebt.
Ohne Dung und Pflege erneuert das jungfräuliche Land seine Säfte. Auf ihm wächst und vermischt sich das Vieh, ungehütet Sommer und Winter im Freien. Selbst die Mühe des Melkens und der Butterbereitung ist den meisten der Besitzer zu groß. Sie erübrigt sich auch, da der Gewinn ohnehin überreichlich ist und der Besitzer sich damit begnügen kann, das schlachtreife Vieh, einerlei ob Ochsen oder Kühe, an die Frigorificos, die Schlacht- und Kühlhäuser, zu verkaufen.
Dies ist das Bild der argentinischen Viehwirtschaft von heute. Es wird nicht das von morgen sein; denn schon sind die Anzeichen einer weitgehenden Intensivierung überall zu sehen. Von zwei Seiten geht sie aus: einmal von den Cabañas, jenen Estancien, in denen hochwertige Rassen zu Zuchtzwecken gezogen werden und in denen man das Vieh in modernen Stallanlagen hält, und dann von jenen Estancien, in denen weitsichtigere, energischere oder auch nur ökonomischer denkende Unternehmer (meistens Ausländer) zu Milchwirtschaft, Butter- und Käsebereitung und zu sonstiger landwirtschaftlicher Industrie übergegangen sind.
Aber einstweilen beruht noch die große Mehrzahl der Estancien auf der reinen Zucht von Schlachtvieh. Und auf großen Estancien kann es einem geschehen, daß man weder Butter noch Milch bekommt. —
Die Mittagssonne brennt auf das Land. Vor Hitze flimmert der Horizont, und in eiligem Galopp auf müden Pferden streben Capataze und Peone, die seit frühem Morgen unterwegs sind, der Estancia zu, der Schatteninsel im Sonnenmeer. Der dichte Hain von Eukalyptus und Paraiso wirkt wie ein Schutzdach vor der sengenden Sonne, die die Temperatur bis auf 40 Grad hinauftreibt. In ihm verstreut liegen das Haus des Mayordomo und das Wirtschaftsgebäude. Hier ruhen auch, mit Stricken an den Eukalyptusbäumen angebunden, die wertvollen Zuchtstiere, wahre Musterexemplare potenzierter Männlichkeit, die nur nachts zu den Kühen, die sie decken sollen, gelassen werden. Das Vieh draußen steht müde und apathisch um die Wasserbehälter, in die die klappernden Windräder Tag und Nacht frisches Wasser pumpen, oder es drängt sich, soweit Platz ist, in dichten Haufen im Schatten der wenigen Bäume, die als Alleen die zur Estancia führenden Wege einfassen, oder die an der Stelle einer ehemaligen Kolonistensiedelung blieben, als einziges Zeichen, daß hier einstmals ein Rancho stand.
Einst kannte dieses Land ja nicht einen einzigen Baum. Als die Spanier hierherkamen, gab es nichts als eine einzige unermeßliche Ebene, ein Meer von Steppe.
In all den Jahrhunderten, die seitdem verstrichen, sind keine Wälder gepflanzt worden. Nur um die Wohnhäuser der Estancieros setzte man einige Eukalyptus- und Paraisobäume, und es sind schon sehr moderne, gutgeleitete Estancien, in den systematisch Baumreihen und Buschgruppen als Sonnen- und Windschutz angelegt sind.
Statt Busch und Baum aber hat die fortschreitende Zivilisation der ehemals freien Pampa den Drahtzaun gebracht. Jenes Gesetz — ich weiß nicht mehr, aus welchem Jahre —, das die Einzäunung jedes Besitzes forderte, wurde die Grundlage der heutigen argentinischen Viehwirtschaft. Es machte dem freien Umherschweifen der Herden und ihrer wahllosen Vermischung ein Ende und ermöglichte damit erst eine systematische Aufzucht von Rassevieh.
So segensreich dieses Gesetz auch war, ist es der Anlaß, daß das ganze Land mit Draht durchzogen wurde, und man kann schon von einer Manie des Einzäunens sprechen. So scheiden sich beispielsweise die Provinzen durch Draht voneinander, die Bahngesellschaften sind verpflichtet, ihre Linien durch Draht einzuhegen, und jeder einzelne Besitz ist, wie gesagt, durch Draht geteilt. Millionenwerte stecken in diesen Drahtzäunen; denn das Meter Drahtzaun stellt sich auf einen Peso, und nach Angabe der Zollbehörde sind in dreißig Jahren etwa eineinhalb Millionen Tonnen Stacheldraht eingeführt worden.
Aber die Abgrenzungen durch Draht in sogenannte „Potreros“ ermöglichen erst eine rationelle Weide und Mästung des Viehs und auch eine genaue Kenntnis des Standes der Herden. Eine Anzahl Potreros untersteht dem Capataz, einem Vorarbeiter. Jeden Tag muß er die Umzäunung abreiten, um zu sehen, ob die Drähte fest genug gespannt sind, und er kontrolliert, ob die Windräder laufen und in den Behältern genug Wasser ist, ob die Weiden ausreichen, oder ob man noch ein paar Stück Vieh mehr halten kann, und ob sich kein Unkraut ausbreitet, das frisch gekaufte Herden an ihren Hufen eingeschleppt haben können.
Die Normalweidepflanze ist die Alfalfa. An Stelle des ursprünglichen harten Steppengrases waren mit der Zeit weichere Grasarten getreten. Aber der gewaltige Aufschwung der argentinischen Viehzucht rührt von der Einführung der Alfalfa genannten Kleeart her. Während auf dem rohen Kamp bestenfalls ein Stück Großvieh auf zwei Hektar gerechnet werden kann, zählt man bei Alfalfaweide zwei bis vier Stück Vieh auf einen Hektar. Der ungeheuere Vorteil der Alfalfa liegt darin, daß ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser acht bis zehn Meter tief in den Boden hinabkriechen und dabei wasserundurchlässige Tonschichten durchdringen, so daß dieser Klee auf einem Boden gedeiht, auf dem sonst nichts wächst. Nur wegen der Anpflanzung von Alfalfa verpachtet, wie schon erwähnt, der Estanciero zeitweise Teile seines Kamps an Kolonisten, die nach Ablauf ihres Pachtvertrages den Boden mit Alfalfa bestellt zurückliefern müssen. Im allgemeinen kann man dann für ein Alfalfafeld zehn bis zwanzig Jahre rechnen, bis der Boden neu umbrochen werden muß.
Die Großzügigkeit des Estancieros und nicht minder die Lethargie des Kreolen sind es, die den bisherigen Charakter der argentinischen Landwirtschaft bestimmen. Man hat intensive Arbeit nicht nötig, und bei den geringen Anforderungen, die der Eingeborene sowohl wie der eingewanderte italienische Landarbeiter an Komfort und Lebenshaltung stellen, während der Estanciero den größten Teil des Jahres in der Hauptstadt verbringt, ist das Land, das ein Garten sein könnte, überwiegend noch Weide.
Kaum daß um die Estancia ein Pfirsichhain und ein paar Gemüsebeete angelegt sind. Aber trotzdem drängt die ganze Entwicklung argentinischer Landwirtschaft auf die Einführung intensiver Bewirtschaftung und gibt damit dem europäischen Einwanderer ganz andere Möglichkeiten in die Hand als heute. Waren ehemals die Felle das einzige, was der Estanciero von seiner Herde verwertete — das Fleisch blieb liegen, ein Fraß für Geier und Jaguare —, so ist es heute das Fleisch, und morgen werden es ganz allgemein Milch und Butter sein und eine eingehende Nutzung landwirtschaftlicher Industrie jeder Art.
8. Sigue Vaca!
Estancia „La Louisa“.
Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht. Breit und massig steigt sie gen Himmel.
Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren, Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und Peone, der Viehhirten der Estancia.
Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso. Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach. Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem Lasso gefangen und geworfen werden.
Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.
Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral, ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die auf den Gang münden, leiten.
Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.
Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen, verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.
Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht, brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten. Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie hineingeprescht.
„Sigue vaca!“ „Vamos!“ „Sigue, sigue!“ und dazwischen ein indianerartiges Aufheulen in hohen Fisteltönen. Donnerwetter, trotz der Ensenada ist es harte Arbeit. Die Kehle ist heiser vom Schreien, Gesicht und Arme sind schwarz von Staub. Die braune Haut der Peone sieht sich an wie altes, brüchiges Leder.
Endlich haben wir einen Schub im Trichter. Das Tor wird geschlossen. Drinnen bleiben zwei berittene Peone und treiben die Rinder, die immer wieder umzukehren versuchen, in den Schlauch.
Der nächste Schub und der übernächste! Je weniger Vieh im ersten Corral bleibt, desto ungebärdiger wird es. Es sind ja jene Widerspenstigen, die bisher immer wieder auszubrechen verstanden, die übrigblieben und die nun hineingetrieben werden müssen.
„Sigue, sigue vaca!“ Die Kehle gibt nur mehr ein heiseres Brüllen her. Mund und Lunge sitzen voll Staub. Es ist ein eigentümliches Gefühl, in diese Masse Rinderhäupter hineinzureiten. Langsam schiebt sie sich vor, bis eines ausbricht und die ganze Herde kehrtzumachen droht. Da heißt es, sofort den Widerspenstigen zurückzutreiben.
Ein mächtiger Stier trottet vor mir zwischen den Kühen her. Zornig und tückisch schielt er, als empfinde er das Unwürdige seiner Situation. Plötzlich dreht er und will zurück. Eine Wendung mit dem Pferd, und die Last des angaloppierenden Pferdes prallt dem Stier in die Flanken, während gleichzeitig die schwere Peitsche ihm über den Rücken saust.
Die Brust des Pferdes ist Waffe und Werkzeug. Mit ihr reitet man das Vieh an, wie das Pferd auch gewöhnt ist, mit der Brust die Tore der Umzäunung zu öffnen. Bewundernswert ist die Ruhe der Tiere. Für den Neuling ist es ein unheimliches Gefühl, so mitten zwischen den Hörnerspitzen einer unruhig drängenden Rinderherde zu reiten, aber willig sprengt das Pferd immer wieder von neuem gegen jedes widerspenstige Rind. Es ist ein heißes, hartes, aber auch schönes, ritterliches Arbeiten. In der Luft liegt etwas von der Aufregung, Lust und Gefahr eines siegreichen stürmischen Schlachttages.
Ein anderes Bild: Eine Herde frisch eingetroffener Pferde jagt über den Kamp. Im Galopp geht es zur nächsten Ensenada. Sie müssen gezeichnet werden.
Es ist Sitte und Gesetz von jenen Zeiten her, als das Land noch keine Drahtzäune kannte, daß jedes Stück Vieh die Marke seines Besitzers, die gesetzlich eingetragen ist, führen muß. Diese Marke ist etwas Ähnliches wie bei uns ein Wappen und wird auch auf dem Briefbogen geführt. Wird ein Stück Vieh verkauft, so wird die Marke umgekehrt über die erste Markierung eingebrannt, zum Zeichen, daß der Besitzer das Pferd rechtmäßig verkaufte, und daneben wird das Zeichen des neuen Besitzers aufgeprägt.
Die Pferde stehen jetzt hintereinander im Schlauch, das vorderste zwischen zwei Gattern vorne und hinten eingepreßt. Von einer Plattform aus kann man ihm bequem mittels der Schlaufe der Peitsche eine bändigende Fessel über die Nüstern legen. Inzwischen glüht an dem kleinen Knochenfeuer, das mit Fett zu hellerer Flamme angefacht wird, das Brandeisen.
Das Tal des Rio Cayunco.
Inkasee.
Ruhig steht das gefesselte Pferd. Der Peon setzt ihm das Eisen auf den Schenkel. Jetzt spürt das Tier die Hitze. Wild schlägt es mit den Hufen gegen die Bretterwände und versucht, sich mit gewaltigem Ruck zur Seite zu werfen. Umsonst, schon hat sich der glühende Stahl unerbittlich in sein Fleisch gebissen. Das Gatter öffnet sich. Verzweifelt sich schüttelnd, stürmt es ins Freie. Das nächste!
Für besonders ungebärdige Tiere, vor allem für Stiere, dient eine Art Holzklammer, welche die Tiere so zusammenpreßt, daß sie ganz widerstandslos werden. Eine ähnliche Vorrichtung benutzt man zum Festklemmen des Kopfes, um die Hörnerspitzen kappen zu können.
Eine besondere Einrichtung erfordert das Baden, dem alle aus dem Norden kommenden Tiere unterworfen werden müssen, da sie durchweg mit Zecken behaftet sind. Die Anlage ähnelt der Ensenada. Nur endet der Schlauch in einem engen Kanal, der mit desinfizierender Lösung gefüllt ist. Langsam trotten die Rinder den engen Gang vor. „Vamos! Sigue vaca, sigue!“ Mit den Peitschenstielen treiben die Peone die Unheil witternden Rinder an. Jetzt steht das erste vor dem Kanal und stutzt. Aber schon hat es den Fuß auf die schräge Zementbahn gesetzt. Und damit ist sein Schicksal besiegelt. Es saust die steile Bahn hinunter und schlägt auf dem hochspritzenden Wasser auf. Ängstliches Brüllen, verzweifelt starrende Augen, aber ein mit langer eiserner Gabel bewaffneter Peon faßt die Hörner und taucht unerbittlich den Kopf in die dunkle Flut.
Rind auf Rind passiert. Will eines absolut nicht vor, so genügt ein rascher Griff, der ihm den Schwanz bricht, um es vorzutreiben.
Dazwischen traben die Kälber. Sie sind die Widerspenstigsten. Oft gelingt es ihnen, sich umzudrehen. Dann müssen sie rückwärts schreitend ins Bad getrieben werden. Oder zwei purzeln übereinander, geraten gleichzeitig mit einem ausgewachsenen Rind ins Bad und kommen unter dessen Füße; dann gibt es aufreibende Arbeit, sie vor dem Ertrinken zu bewahren.
Am Ende des Bades führt eine Rampe in zwei zementierte Einzäunungen, aus denen die kostbare Flüssigkeit wieder ins Bad zurückfließen kann. Hier steht zitternd und tropfend das verängstigte Vieh, während von der andern Seite das aufreizende „Sigue vaca!“ klingt und die Peone einen neuen Schub Rinder in den Trichter treiben.
Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.
„Buenas noches, caballeros!“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig manneswürdige erscheinen läßt.
9. Deutsche Kolonien in Santa Fé.
San Geronimo.
Der leichte Fordwagen jagt hüpfend und stoßend über die löchrige Straße, die sich neben den Drahtzäunen hinzieht. Zwischen den kleinen Weiden, auf denen das Vieh enger beisammen steht, Felder mit Korn und Mais. Der Charakter der Landschaft wird fast norddeutsch. Darüber ein blauer Himmel mit getürmten Haufenwolken, wie man ihn oft im bayerischen Hochland sieht. Dabei aber sitzt es auf den Wegen gelb und grünlich und orangerot von Schmetterlingen, wie Blütenfall.
Die erste Kolonie, die wir passieren, ist San Carlos. Es bedürfte nicht der Worte des Begleiters, um zu wissen, daß hier Italiener wohnen. Im nächsten Ort, der Anklänge an die Normandie zeigt, wohnen Franzosen, bis wir in San Geronimo ankommen, das Schweizern und Deutschen gehört. Friedliche, saubere Häuser mit großen Blumengärten, mit Sträuchern und Obstbäumen. Beides kennt der Eingeborene nicht. Es ist ihm zu mühsam. „Obst kommt nicht“, antwortet er, wenn man ihn frägt, oder: „Die Heuschrecken fressen es ja doch.“ Aber die Deutschen und Schweizer pflanzen es, und es gedeiht, trotzdem gerade hier die Heuschreckenplage besonders groß ist, wie die rings um das Dorf gleich Wällen aufgestellten Bleche künden, die vor der anmarschierenden Brut schützen sollen.
An der weiten grünen Plaza die Kirche. Daneben blütenumrankt das Pfarrhaus. Der Pater, der seit dem Kriege keinen Deutschen von drüben sprach und dessen Fragen, wie alles kam, kein Ende nehmen wollten, blätterte in der Chronik: Vor etwa 60 Jahren, im März 1857, kamen die ersten Deutschen herüber, 80 Familien aus der Gegend von Mainz, die das benachbarte Esperanza gründeten, heute eine blühende Stadt. Ein Jahr später kamen Schweizer aus dem Wallis und legten den Grund zu San Geronimo.
Später sitze ich bei alten Kolonisten, die jene Zeit noch als Kinder erlebten, und lasse mir erzählen, wie hart der Anfang war. Wohl hatte die Regierung das Land umsonst gegeben. Aber der erste Weizen mußte mit Hacken und Rechen in den Boden gelegt und mit der Sichel geerntet werden. An Nahrung gab es nur Fleisch von den benachbarten Estancieros. „18 Monate hatten wir kein Brot,“ erzählte der alte Kolonist aus dem Hessischen, „und unmittelbar vor dem Hause konnte man die Rehe schießen.“
Die damals hart und schwer um des Lebens Notdurft ringen mußten, sind heute müde und alt. Aber sie sind alle reich geworden. Nach deutschen Begriffen zum Teil Millionäre.
Noch ist San Geronimo deutsch, aber es gilt einen harten Kampf, es deutsch zu erhalten. Gibt es auch Familien, in denen noch die Enkel deutsch sprechen, so doch auch andere, in denen bereits die zweite Generation nur Spanisch kann. Als Kaufleute sind Argentinier ins Dorf gekommen, die Peone sind Eingeborene, der Schulunterricht ist spanisch. Halten die Eltern nicht streng darauf, daß im Hause deutsch gesprochen wird, so lernen die Kinder nur das ihnen viel leichter fallende Spanisch. Der Pater klagte mir sein Leid. Er kämpft tapfer für das Deutschtum und unterhält eine Privatschule, in der in Deutsch unterrichtet wird. Sie wird immerhin von 140 Knaben besucht, während die Mädchen deutschen Unterricht von — man höre und staune! — französischen Schwestern erhalten. So gibt es also doch noch Inseln, denen der Haß fernblieb.
Die Grundlage des Wohlstandes in San Geronimo wie in allen andern Kolonien ist der Weizenbau. Heute wird jedoch nach und nach die Ackerwirtschaft durch reine Viehwirtschaft ersetzt. Eine ganze Reihe von Gründen sprechen mit: einmal die Erschöpfung des Bodens, die Unsicherheit des Getreidebaues, bei dem einige schlechte Jahre mit Trockenheit und Heuschrecken um jeden Gewinn bringen können, während Viehzucht einen ständigen und sicheren Ertrag gewährt. Je weniger Getreide gebaut wird, desto weniger lohnt es sich für Dreschmaschinenunternehmer zu kommen. Mit ihrem Fernbleiben geht der Körnerbau weiter zurück, und heute baut San Geronimo nicht einmal mehr so viel Getreide, um den eigenen Bedarf zu decken.
So sind heute die Bauern zu dem Betrieb der Estancien, zur Viehhaltung, zurückgekehrt, allerdings einer wesentlich intensiveren, deren Grundlage die Milchwirtschaft ist. Nötig ist dies ja bereits durch die viel geringere Bodenfläche, über die die Chacra, das Bauerngut, verfügt.
Ursprünglich erhielten die Kolonisten von der Regierung nur eine Konzession, kinderreiche Familien zwei. Diese alten Konzessionen messen 33 Hektar, die neuen 25. Fast alle Kolonisten aber konnten ihren Besitz durch Kauf erweitern. Es gibt heute Kolonisten mit 20 Konzessionen. Die Regel aber sind vier bis sieben. Eine Familie kann etwa vier noch ohne Hilfe bewirtschaften. Die Kinder gehen sämtlich wieder in die Landwirtschaft. Der Besitz wird unter sie geteilt. Durch Zukauf sucht man eine allzu weitgehende Verkleinerung der Chacras zu verhindern.
Auf einer alten Konzession lassen sich zirka 60 Stück Rindvieh halten, so daß selbst ein kleiner Kolonist über größere Herden verfügt als ein deutscher Gutsbesitzer. Die Milch wird an Molkereien verkauft, für 6 bis 7 Centavos das Liter. Es gibt eine genossenschaftliche Molkerei am Ort, andere liefern nach Rosario oder Santa Fé oder direkt nach Buenos Aires. Die Magermilch dient der Schweinemast. Mit einer Kaseinfabrik ist der Anfang landwirtschaftlicher Industrie gemacht. Dazu kommen Hühnerzucht und Obstbau.
Infolge dieses intensiven Betriebes sind die Landpreise außerordentlich hoch. Eine alte Konzession von 33 Hektar kostet 12–14000 Peso. So kommt diese Gegend für Einwanderer nicht in Frage, höchstens um zu lernen, oder allenfalls als Pächter.
Einer der Kolonisten zeigt mir eine seiner Chacras, eine halbe Autostunde vom Ort. Die fünf Konzessionen, die sie mißt, sind an einen Italiener, einen ehemaligen Österreicher, verpachtet. Er ist als Medianero auf halben Gewinnanteil gesetzt. Aus der Milch allein zieht er als seinen Anteil im Jahr 3000 Peso. Daneben hat er aber auch von einer halben Konzession 326 Zentner Mais geerntet.
Ein großer Obst- und Blumengarten umprangt das Haus. Kaum eine Fruchtart fehlt da: Pfirsiche, Aprikosen, Äpfel und Birnen, von denen man im allgemeinen behauptet, daß sie hier nicht kämen, Quitten, Orangen, Mandarinen, Pflaumen, Feigen und selbst Dattelpalmen. Die meisten Bäume, die dicht voll Früchte hängen, sind 30 bis 40 Jahre alt, aber in einem Teil des Gartens steht auch eine Hecke dünner, doch immerhin übermannshoher Stämmchen. Sie ist aus Pfirsichkernen entsprossen, die im vorigen Jahr in den Boden gelegt, und an einem und dem andern der ein Jahr alten schmucken Bäumchen hängt bereits seidenweich und rund ein großer Pfirsich. Wäre nicht die Heuschreckenplage, das Land wäre das Paradies!
Auf der andern Seite ist der Corral, in den die Kühe zum Melken getrieben werden. Er ist besser eingerichtet und sauberer als die Tambos der Estancien. Die eine Seite nimmt eine offene Halle ein, in der die Kühe bei schlechtem Wetter gemolken werden. Weiterhin ist eine Einzäunung für Schweine, und gackernd laufen über den Hof Hunderte von Hühnern, bei dem billigen Futter und den hohen Eierpreisen — hier draußen 50 Centavos das Dutzend — sicher kein schlechtes Geschäft.
Es ist ein sonderbares Gefühl, das mich hier beschleicht. Hier ist Heimat und doch Fremde. Wie eine Figur aus dem „Lederstrumpf“ steht der alte Pionier mir dem wallenden weißen Bart auf seinem Grund. Er hat ein Leben hinter sich, wie wir es nur aus Geschichten kennen, aber er hat reiche Ernte eingebracht.
Ist dies heute noch möglich? Gibt es noch Teile in der Republik, in denen es der Fremde zu gleichem Glück und Wohlstand bringen kann wie jene Deutschen vor zwei Menschenaltern in Santa Fé? Der Gedanke beschäftigt mich, während wir im Auto zurücksausen durch die Abendlandschaft, die ganz von Goldstaub flimmert. Die Heuschrecken, die vom Wege aufschwirren, prallen gegen den Wagen. Eine ägyptische Plage, und trotzdem das blühende Land! Galt ihretwegen vielleicht einst Santa Fé für ebenso aussichtslos für Kolonisation, wie man es heute wegen Klima, Trockenheit und Wassermangel von den noch unerschlossenen Teilen der Republik wähnt? Jede Mühe und Fährlichkeit scheint es wert, mitzuhelfen, Raum und Brot für hungernde Menschheit zu schaffen.
10. Heißes Land.
Auf dem Paraná.
In den Straßen von Santa Fé stand die Glut, körperlich, sichtbar. Man schritt durch sie hindurch, wie durch greifbare Masse, und am Fuß der Häuser fehlte auch die kleinste Spur von Schatten.
Die Hitze stand über allem in der Stadt. Über allem, was man tat und sprach; es war, als sei alles gelähmt, belastet, betäubt von diesem schwülen, feuchten Hauch, der bis auf den letzten Tropfen alle Feuchtigkeit aus dem Körper zu pressen suchte. Und diese Schwüle sprach wohl auch aus den Worten des deutschen Lehrers, der davon renommierte, wie anders sie, die Auslandsdeutschen, den Krieg beendet hätten, wenn sie nur drüben gewesen wären, und wieviel mehr sie im Ausland gelitten als jene in der Heimat, denen es im Grunde an nichts gefehlt habe.
Die Nacht brachte keine Kühlung. Die Luft stand im Zimmer wie ein heißes Ölbad. Sobald man sich niederlegte, fiel die feuchtschwere Luft als drückende Hitzelast auf die Brust. Wieder aufgestanden und zu entrinnen versucht. Umsonst. Wie hineingegossen blieb der Körper in der stickigen Schwüle.
Nervenaufreizend summten die Moskitos, die immer wieder ihren Weg durch die Netze fanden. Nur wenn man den schweren starken Ventilator dicht ans Bett rückte, konnte man sich für Augenblicke das Gefühl der Kühlung vortäuschen.
Endlich brach das Unwetter los, das die Luft mit so überreicher Feuchtigkeit gesättigt hatte. Strömend floß, rann, stürzte das Wasser vom Himmel. Draußen rieselte und planschte es. Durch das Badezimmer trat ich aus dem unerträglich heißen Raum ins Freie. Die Hoffnung auf Kühlung trog. Auch hier war es nicht anders wie im Treibhaus. Schlaflos verging die Nacht.
Am frühen Morgen fuhren wir im kleinen Dampfboot über den Strom, über den Paraná. Wie eine Vision, phantastisch schwül, blieb die Stadt zurück. Vorbei an ärmlichen Häusern und Hütten, den Vorstädten Santa Fés, menschlichen Wohnstätten, die nur aus vier Pfählen und einem Schilfdach bestanden. Überdies war der Strom jetzt über seine Ufer getreten und hatte die armen, halbnackten Bewohner aus ihren armseligen Behausungen gejagt. Wie seltsame Fahrzeuge schwammen die Schilfdächer auf der gelben, trüben Flut.
Am jenseitigen Ufer baut sich die Stadt Paraná auf steilem Steinhang mit Türmen und Kuppeln auf. Dahinter ziehen sich die welligen Hügel der Provinz Entre Rios in unabsehbaren Reihen zum Horizont, nach der grenzenlos ebenen Eintönigkeit der Pampa ein überraschendes Bild.
Die steigende Sonne bringt die Glut des vergangenen Tages wieder. Wie eine Erlösung begrüßt man am Horizont, im Zollhaus auf den Koffern sitzend, den wie ein stockhohes Haus mit schaumaufwirbelnden Schaufelrädern rasch näherkommenden Mihanovichdampfer.
Kühle Kabinen, geräumige Salons und der fächelnde Lufthauch der raschen Talfahrt. Die Hitze der vergangenen Tage versinkt wie böser Traum.
Aber über dem ganzen Schiff liegt es wie ein Hauch tropischer Fremdheit. Es kommt den Paraná herunter von Asuncion, und Paraguayaner stellen den größten Teil der Passagiere. Gelbe bis dunkelbraune Gestalten mit tiefschwarzem Haar, und Frauen von seltsam fremdartiger Schönheit. Den Farmer mit der Pergamenthaut im saloppen Leinenanzug mit dem offenen Hemd ohne Kragen begleitet das junge Mädchen in schwarzer Seide, augenscheinlich seine Compañera, die in Paraguay in der Regel an Stelle der Gattin das Leben des Mannes teilt.
Alle, die auf diesem Schiff vom Norden herunterkommen, tragen irgendwie das Merkmal der Hitze. Irgendwie hat sie die blendende, glühende Sonne gezeichnet. Das gilt von dem zarten, träumerischen, berückend schönen Mädchen — fast ist es noch ein Kind — mit der pfirsichweichen mattbraunen Haut ebenso wie von jenen unförmig in die Breite gegangenen Frauen mit dem merkwürdig stechenden, heimtückischen Blick, deren ganzes Wesen Nichtstun, Lässigkeit, Schwelgen in erotischen Träumen kennzeichnet, während der Körper Tag für Tag untätig in Hängematten und auf Pfühlen liegt. Und sie zeichnete auch jene deutsche Frau, die mißmutig, gequält, verärgert mit dem geschwollenen, entzündeten Fuß, in den der Sandfloh seine Eier gelegt hatte, nach jahrelangem Aufenthalt im Norden, enttäuscht und verbittert, verblüht zurückkehrt.
Die Nacht im Liegestuhl auf dem kühl umhauchten Deck ist ein unerwartet geschenkter Ruhepunkt zwischen dem qualvoll heißen Santa Fé und Buenos Aires, das um diese Zeit auch nichts anderes ist als ein Glutofen, von dem die Zeitungen Temperaturen bis zu 40 Grad und täglich Todesfälle infolge Hitzschlag melden.
Ich muß an alle die Kolonisationsprojekte denken, die wir auf der Estancia durchgesprochen, von der Besiedlung des Chaco, von Misiones, Formosa und Paraguay. Kenner meinten, die Temperaturen seien dort auch nicht schlimmer, in gewisser Hinsicht sogar erträglicher als in Santa Fé oder Buenos Aires. Mag sein, wenn es auch wenig wahrscheinlich klingt. In jedem Fall ist diese erste große Hitzewelle, die den frisch aus Europa Kommenden nach so kurzem Aufenthalt überfällt, eine Warnung, ein Menetekel, nicht unvorsichtig, nicht ohne sorgfältige Prüfung jene Zonen aufzusuchen, in denen die Sonne als allmächtige, unumschränkte Herrin mit glühender Peitsche herrscht.