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Daniel Defoe

Die Pest zu London


Daniel Defoe

Die Pest zu London

1925

München bei Georg Müller


Übersetzt von Heinrich Steinitzer

Copyright 1925 by Georg Müller Verlag
A.-G., München / Printed in Germany


Text

Es war 1664, um den Anfang des September, als ich gesprächsweise von meinen Nachbarn hörte, daß die Pest in Holland von neuem ausgebrochen wäre. Sie war dort im vorhergehenden Jahre sehr heftig aufgetreten, besonders in Amsterdam und Rotterdam, wohin sie nach einigen aus Italien, nach andern aus der Levante mit Waren, die die türkische Flotte heimgebracht hatte, eingeschleppt worden war. Noch andere behaupteten, sie wäre von Kandia oder Zypern gekommen. Nun, woher sie kam, wollte wenig bedeuten, aber darin, daß sie wieder nach Holland gekommen war, stimmten alle überein.

Damals gab es bei uns noch keine gedruckten Zeitungen, um Gerüchte und Neuigkeiten zu verbreiten, die dann durch die Phantasie der Leute weiter ausgeschmückt wurden, wie es nach meiner Erfahrung seither der Brauch geworden ist. Neuigkeiten erfuhr man durch die auswärtigen Korrespondenzen der Kaufleute; sie verbreiteten sich dann auf mündlichem Wege weiter, aber natürlich nicht gleich über das ganze Land, wie es jetzt der Fall ist. Trotzdem scheint die Regierung ganz genau unterrichtet gewesen zu sein. Sie hielt mehrere Sitzungen ab, um über die Mittel zu beraten, das Herüberkommen der Seuche zu verhindern, aber dies alles wurde ganz heimlich betrieben. Daher geriet das Gerücht allmählich wieder in Vergessenheit, und die Leute hielten dafür, daß es sie eigentlich nicht viel anging und hoffentlich gar nicht wahr wäre. Bis gegen Ende November oder Anfang Dezember zwei Männer, angeblich Franzosen, in Longacre oder am obern Ende der Drurylane-Straße an der Pest starben. Die Leute, bei denen sie gewohnt hatten, versuchten es soweit als möglich zu verheimlichen, da aber durch das Geschwätz der Nachbarschaft doch etwas herumgekommen war, erfuhren auch die Staatssekretäre davon. Sie ließen es sich angelegen sein, Nachforschungen anzustellen, und schickten, um die genaue Wahrheit zu erfahren, zwei Ärzte und einen Wundarzt in das betreffende Haus zur Untersuchung. Da durch diese überzeugende Merkmale der Krankheit bei beiden Leichen festgestellt wurden, gaben die Ärzte ihr Urteil öffentlich ab, daß sie an der Pest gestorben waren. Dies ging an den Kirchspielschreiber weiter, der es dem Magistrat behändigte. In dem wöchentlichen Sterblichkeitsregister wurde es dann in der üblichen Weise abgedruckt:

Pest: 2. Verseuchte Kirchspiele: 1.

Die Leute wurden darüber sehr bestürzt und gerieten in der ganzen Stadt in Aufregung, um so mehr, als in der letzten Dezemberwoche noch ein anderer Mann in demselben Hause und an der gleichen Seuche starb. Dann aber hörte man ungefähr sechs Wochen nichts mehr, und als niemand mehr ein Zeichen der Ansteckung zeigte, hielt man dafür, daß die Seuche erloschen wäre. Aber darauf, ich glaube um den 12. Februar herum, starb noch ein Mann in einem andern Hause, aber in dem gleichen Kirchspiel und unter denselben Anzeichen.

Nun richtete sich das Augenmerk aller nach jenem Teile der Stadt, und da die wöchentlichen Register eine stärkere als die gewöhnliche Sterblichkeit in dem Kirchspiel von St. Giles anzeigten, begann sich der Verdacht zu regen, daß die Pest unter der Bevölkerung an diesem Ende der Stadt herrsche, und daß schon viele daran gestorben wären, wenn man auch Sorge getragen hätte, die Öffentlichkeit darüber so viel als möglich im unklaren zu lassen. Dieser Glaube setzte sich in den Köpfen der Leute fest, und nur wenige trauten sich noch, durch Drurylane oder eine der andern verdächtigen Straßen zu gehen, wenn sie nicht durch besondere Geschäfte dazu gezwungen wurden.

Mit der Zunahme in den Sterblichkeitsregistern stand es folgendermaßen: die wöchentliche Durchschnittszahl betrug in den Kirchspielen von St. Giles in the Fields, und St. Andrew, Holborn, von 12 zu 17 oder 19 in jedem, wenig darunter oder darüber. Aber von dem ersten Auftreten der Pest an im Kirchspiel von St. Giles stieg sie ganz erheblich, bis auf 23 und 24, ja 25 im Kirchspiel von St. Andrew.

Eine gleiche Zunahme machte sich in den Kirchspielen von St. Bride bemerkbar, die einerseits an das Kirchspiel von Holborn und das von St. James, andererseits an das weitere Ende von Holborn grenzen. In diesen beiden Kirchspielen betrug die Durchschnittssterblichkeit von 4 zu 6 und 8 in der Woche, während sie nun auf 12 und 13 stieg.

Außerdem geriet das Volk in große Unruhe durch die Beobachtung, daß die wöchentliche Sterblichkeit ganz im allgemeinen stark zunahm, und das zu einer Jahreszeit, da sie gewöhnlich recht mäßig war.

Die wöchentliche Durchschnittssterblichkeit belief sich auf etwa 240 bis zu 300. Letztere Zahl mußte schon als hoch gerechnet werden. Jetzt aber zeigten die Register ständig bei weitem höhere Zahlen, von 291 in der letzten Dezemberwoche bis zu 474 in der Woche vom 17. bis 24. Januar.

Diese Zahl war wirklich erschreckend und höher als irgendeine seit dem letzten Auftreten der Seuche im Jahre 1656.

Doch dies alles ging wieder vorüber. Das Wetter war kalt, und der Frost, der im Dezember begonnen hatte, hielt sich sehr streng bis gegen Ende Februar bei schneidendem, wenn auch nicht heftigem Winde. Die Sterblichkeitsquote ging von neuem herunter, und man hielt die Gefahr für so gut als vorbei. Nur in St. Giles blieb die Sterblichkeit andauernd hoch. Von Anfang April an stand sie auf 25 die Woche, stieg dann aber vom 18. bis 25. auf 30, davon 2 Todesfälle an der Pest und 8 am Fleckfieber, was nach der Ansicht der Leute ein und dasselbe war. So stieg auch die allgemeine Sterblichkeit am Fleckfieber von 8 in der vorigen auf 12 in der eben erwähnten Woche.

Darüber gerieten wir von neuem in Bestürzung, und die Leute wurden von schrecklichen Vorahnungen erfaßt, um so mehr, als das Wetter jetzt umschlug und warm wurde, und der Sommer vor der Türe stand. Aber die nächste Woche brachte neue Hoffnungen: die Sterblichkeitsrate war niedrig und lautete alles in allem nur auf 388, darunter kein Pestfall und nur 4 Fälle von Fleckfieber.

Aber die folgende Woche ging’s wieder aufwärts. Die Seuche verbreitete sich in 2 oder 3 andere Kirchspiele, nämlich nach St. Andrew, Holborn und St. Clement-Danes, und zum außerordentlichen Schrecken der inneren Stadt gab es auch einen Todesfall in der eigentlichen City, im Kirchspiel von St. Mary-Wool-Church, d. h. in der Bearbinder-Straße, nahe am Stocks-Markt. Im ganzen starben 9 an der Pest und 6 am Fleckfieber. Allerdings ergab die Untersuchung, daß der Franzose, der in der Bearbinder-Straße gestorben war, früher in Longacre, in der Nähe der verseuchten Häuser gewohnt hatte und aus Furcht vor der Seuche umgezogen war, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er bereits angesteckt war.

Es war nun schon Anfang Mai, doch das Wetter war veränderlich und ziemlich kühl, und so hatten die Leute noch immer etwas Hoffnung. Was sie besonders ermutigte, war, daß die innere Stadt frei blieb. Von ihren 97 Kirchspielen gab es nur in 54 Todesfälle, und wir trugen uns mit der Hoffnung, daß die Seuche sich hauptsächlich auf die Bevölkerung an jenem Ende der Stadt beschränken möchte und nicht weitergehen würde. Besonders auch, weil die nächste Woche, vom 9. bis 16. Mai, nur 3 Todesfälle brachte, davon keinen innerhalb der inneren Stadtbezirke. Auch in St. Andrew starben nur 15, eine sehr niedrige Zahl. In St. Giles freilich gab es 32 Todesfälle, aber nur einen an der Pest, so daß das Volk sich wieder beruhigte. Auch die Gesamtsterblichkeitsquote war sehr gering, 343 zu 347 in der vorangehenden Woche.

Einige Tage hielten unsere Hoffnungen an, aber nur einige Tage. Denn das Volk ließ sich nun nicht mehr täuschen. Man durchsuchte die Häuser und sah, daß die Pest wirklich überallhin gekommen war, und daß sie täglich eine Menge Opfer forderte. So war’s nun mit allen Beschönigungen zu Ende und konnte nicht mehr verheimlicht werden. Mit einem Schlage zeigte sich, daß die Ansteckung sich nach allen Seiten verbreitet hatte und allen Hoffnungen, sie einzudämmen, spottete. Im Kirchspiel von St. Giles war die Seuche schon in mehrere Straßen gedrungen und ganze Familien lagen an ihr danieder. Demgemäß war denn auch die Sterblichkeitsziffer der nächsten Woche. Zwar wurden nur 16 Todesfälle an der Pest festgestellt, aber das war alles ausgemachter Schwindel. In St. Giles starben alles in allem 40, davon die meisten ohne jeden Zweifel an der Pest, obwohl sie unter andern Krankheiten aufgeführt wurden. Die Gesamtzahl der Sterbefälle erreichte nur 385, darunter jedoch 14 an der Pest und ebenso viele am Fleckfieber, und wir waren davon überzeugt, daß in dieser Woche 50 von der Seuche dahingerafft worden waren.

Das nächste Register vom 23. zum 30. Mai brachte 17 Pestfälle, aber in St. Giles starben 53, eine erschreckende Zahl! Wenn man auch bei nur 9 davon die Pest zugab, zeigte doch eine genauere Nachforschung, die auf Befehl des Lordmayors von den Friedensrichtern vorgenommen wurde, daß in Wirklichkeit 20 mehr in diesem Kirchspiel an der Pest gestorben waren, die man unter Fleckfieber und andere Krankheiten eingereiht oder gar ganz verschwiegen hatte.

Doch dies waren Kleinigkeiten, verglichen mit dem, was gleich darauf folgte. Denn nun setzte die Hitze ein, und von der ersten Juniwoche an verbreitete sich die Seuche in entsetzlicher Weise. Die Zahl der Todesfälle schwoll an, wobei freilich oft Fieber und Fleckfieber als Ursachen angegeben wurden. Denn wer nur die Wahrheit verheimlichen konnte, tat es, um nicht von den Bekannten und Nachbarn geächtet zu werden und auch, um der Absperrung der Häuser durch die Behörden zu entgehen, eine Maßregel, die damals zwar noch nicht in Kraft war, aber angedroht wurde und schon in der bloßen Vorstellung die Leute mit dem äußersten Entsetzen erfüllte.

Während der zweiten Juniwoche begrub man im Kirchspiel von St. Giles, wo der Herd der Verseuchung lag, 120, von denen dem Register nach nur 68 an der Pest gestorben waren. Jeder sprach es aber offen aus, daß es wenigstens 100 gewesen sein müßten, gemessen an der gewöhnlichen Sterblichkeitsziffer.

Bis zu dieser Woche war die City frei geblieben, abgesehen von dem schon erwähnten Franzosen. In all ihren 97 Kirchspielen war außer ihm kein Mensch an der Pest gestorben. Jetzt gab es dort 4 Opfer, eins in der Wood-Straße, eins in der Fenchurch-Straße und zwei in der Krummen Gasse. Southwark war noch ganz unberührt, wie überhaupt auf dem andern Ufer noch niemand der Seuche erlegen war.

Ich selbst wohnte außerhalb Aldgate, etwa mittenwegs zwischen der Aldgate-Kirche und den Whitechapeler Schlagbäumen, auf der linken oder nördlichen Seite der Straße. Da die Seuche diesen Teil der Stadt noch nicht erreicht hatte, waren wir recht beruhigt. Am andern Ende der Stadt war aber die Bestürzung überaus groß, und die wohlhabenderen Leute, besonders der Adel und die Vornehmen aus dem Westen, hasteten, mit ihren Familien und ihrer Dienerschaft aus der Stadt zu kommen. Noch auffälliger war das in Whitechapel. In der breiten Straße, wo ich wohnte, war wirklich nichts zu sehen als Wagen und Karren, beladen mit Hausgeräte, Weibern, Dienstmädchen, Kindern u. a. m., Kutschen voll von Leuten der besseren Klassen, Reiter, die sie begleiteten – alles auf der Flucht. Dann erschienen wieder leere Wagen und Karren, Diener mit Pferden, die anscheinend zurückkamen oder noch weiteren Nachschub holen sollten. Dazwischen zahllose Leute zu Pferde, manche allein, andere mit Bediensteten, alle mit Gepäck beladen und für die Reise ausgerüstet, wie aus ihrem Aussehen hervorging.

Das war wohl ein trauriger und schauerlicher Anblick, den ich von Morgens bis zur Nacht vor Augen hatte (denn sonst war wirklich nichts Merkwürdiges zu sehen), und der mich mit recht trüben Vorahnungen des Elends erfüllte, das über die Stadt kommen würde, und des jämmerlichen Zustandes derjenigen, die zurückblieben.

Diese Flucht hielt einige Wochen hindurch in der gleichen Stärke an. Zur Wohnung des Lordmayors konnte man nur unter äußersten Schwierigkeiten gelangen, so stauten und drängten sich dort die Menschen, um Pässe und Gesundheitsbescheinigungen für die Weiterreise zu erhalten, denn ohne solche gab es keine Erlaubnis, die Städte auf dem Wege zu passieren oder in einem Gasthause zu übernachten. Da nun bisher noch niemand in der City, der eigentlichen inneren Stadt, an der Seuche gestorben war, gab der Lordmayor ohne weiteres Gesundheitsbescheinigungen an alle, die in den 97 Kirchspielen wohnten, und eine Weile auch an die Bevölkerung der angrenzenden Distrikte.

Diese Flucht dauerte, wie gesagt, einige Wochen, d. h. den ganzen Mai und Juni hindurch, besonders auch, weil das Gerücht von einer kommenden Verfügung der Regierung sprach, alles Reisen durch Schlagbäume und Schranken auf den Straßen zu verhindern. Zudem hieß es, daß die Städte an den Hauptstraßen die Leute von London nicht mehr passieren lassen wollten, aus Angst vor der Ansteckung, die sie mit sich brächten. Dabei waren diese beiden Gerüchte gänzlich grundlos, wenigstens vorläufig, und nur in der Phantasie der Menschen entstanden.

Auch ich begann mir ernstlich zu überlegen, was ich selbst tun und mit mir anfangen, ob ich mich zum Bleiben in London entschließen oder gleich den meisten meiner Nachbarn mein Haus zuschließen und fliehen sollte. Ich spreche darüber so ausführlich, weil es für die, die künftig vielleicht einmal in die gleiche schlimme Lage kommen und sich derselben Entscheidung gegenübersehen, von einiger Bedeutung sein mag, und daher soll mein Bericht eher ein Fingerzeig für ihre Handlungsweise, als eine Geschichte meiner eigenen Handlungen sein, angesehen, daß es ihnen auch nicht die Bohne verschlagen dürfte zu wissen, was aus mir wurde.

Zwei wichtige Dinge hatte ich in Betracht zu ziehen: einerseits die Fortführung meines Geschäftes, das nicht unbedeutend war, und in dem mein ganzes Geld steckte, andererseits die Erhaltung meines Lebens in dieser Unglückszeit, die, wie ich wohl vorhersah, über die ganze Stadt kommen würde, und die meine Angst noch ins Ungemessene vergrößerte.

Der erste dieser beiden Gesichtspunkte war für mich von erheblichem Belang. Mein Geschäft war das eines Sattlers, und da es der Hauptsache nach nicht in einem Ladengeschäft bestand, sondern im Handel nach den englischen Kolonien in Amerika, steckte mein Geld zum größten Teile in den Händen der dahin exportierenden Kaufleute. Ich war zwar Junggeselle, hatte aber einen Haufen von Leuten, die ich im Geschäft brauchte, ein Haus, einen Laden, Lager voll von Waren – und dies alles sich selbst zu überlassen, wie es unter den jetzigen Umständen nun einmal nicht anders ging, ohne Aufseher oder eine richtige Vertrauensperson, hieß nicht nur mein Geschäft aufs Spiel setzen, sondern mein ganzes Vermögen und alles, was ich auf der Welt mein eigen nannte.

Damals befand sich ein älterer Bruder von mir in London, der einige Jahre früher von Portugal dahin gezogen war. Mit diesem beriet ich mich, und seine Antwort war in drei Worten dieselbe, die bei einer ganz anderen Gelegenheit gegeben worden war, nämlich: Herr, rette dich! Kurz, er war dafür, daß ich mich aufs Land begeben sollte, was zu tun er auch selbst mit seiner Familie entschlossen war. Er wiederholte, was er im Ausland gehört hatte, daß das beste Mittel gegen die Pest wäre, vor ihr davonzulaufen. Meine Befürchtungen wegen des Verlustes meines Geschäftes, meines Geldes und meiner Außenstände, widerlegte er mit denselben Gründen, die ich selbst für mein Bleiben ins Feld führte, indem er mein Vertrauen auf den Schutz Gottes in Hinsicht auf die Erhaltung meines Lebens meiner Angst vor dem Verlust meiner Habe gegenüberstellte. »Wäre es nicht vernünftiger,« meinte er, »ein ebensolches Vertrauen in Gott zu setzen, wenn es sich um die Erhaltung deines Vermögens handelt, als dich einer so fürchterlichen Gefahr auszusetzen und ihm die Erhaltung deines Lebens anheimzustellen?«

Ich konnte nicht einmal als Gegenargument ins Feld führen, daß ich nicht wüßte, wohin ich mich wenden sollte, da ich mehrere Freunde und Verwandte in Northhamptonshire besaß, woher unsere Familie stammte; außerdem wohnte in Lincolnshire meine einzige Schwester, die mich mit Freuden aufgenommen hätte.

Mein Bruder, der seine Frau und seine zwei Kinder nach Bedfordshire vorausgeschickt hatte und ihnen zu folgen entschlossen war, drang in mich, mich auch davonzumachen. Einmal wollte ich ihm schon nachgeben, konnte mir aber damals kein Pferd verschaffen. Denn obwohl es noch Menschen in London gab, kann man doch sagen, daß die Pferde daraus verschwunden waren. Wochenlang war in der ganzen Stadt kein einziges Pferd zu mieten oder zu kaufen. Dann entschloß ich mich wieder, mit einem Diener zu Fuß auszuziehen, die Gasthäuser zu vermeiden und ein Soldatenzelt mitzuführen, um im Freien zu übernachten, was bei dem warmen Wetter ohne Fährlichkeit geschehen konnte. Wirklich machten’s auch viele so, besonders solche, die während des früheren Krieges gedient hatten, und ich muß sagen: hätten’s alle, die auswanderten, so gemacht, so wäre die Pest nicht in so zahlreiche Provinzstädte hinausgetragen worden, wie es tatsächlich zum großen Schaden und Verderben unzähliger Menschen geschah.

Aber dann ließ mich der Diener, den ich hatte mitnehmen wollen, im Stiche, da ihn die Zunahme der Seuche entsetzte und er im unsichern war, wann ich mich auf den Weg machen würde. So lief er auf eigene Faust davon, und vereitelte, für den Augenblick wenigstens, meine Absichten. Überhaupt kam, so bald ich mich zur Abreise entschlossen hatte, immer irgend etwas dazwischen, daß ich sie wieder aufgeben mußte, und darüber, daß nämlich solche Hindernisse vom Himmel gesandt werden, möchte ich doch etwas sagen, wenn es auch eine Abschweifung bedeutet.

Eines Morgens, als ich über diese Sache nachsann, wurde es mir ganz einleuchtend, daß, da nichts ohne das Eingreifen oder die Zulassung der göttlichen Macht geschieht, auch diese Hindernisse eine besondere Bedeutung haben müßten. Es zwang mich förmlich zu überlegen, ob darin nicht ein augenscheinlicher Hinweis auf den Willen Gottes liege, daß ich nicht abreisen solle. Daran schloß sich der Gedanke, daß, wenn Gott wirklich mein Bleiben wolle, er auch sicherlich die Macht hatte, mich mitten in all der Gefahr und trotz des drohenden Todes am Leben zu erhalten. Und daß andererseits meine Flucht entgegen all dieser Hinweise, an deren göttliche Natur ich glaubte, nichts anderes war als eine Flucht vor Gott, dessen Hand mich erreichen konnte, wo und wann es ihm beliebte.

Solche Gedanken warfen alle meine Entschlüsse wieder um, und als ich wieder zu meinem Bruder kam, sagte ich ihm, daß ich bleiben und mein Los dort erwarten wolle, wohin mich Gott gestellt habe, und daß mir dies in Anbetracht alles dessen, was ich eben ausgeführt habe, auch meine Pflicht scheine.

Obwohl mein Bruder selbst ein sehr frommer Mann war, lachte er doch über das, was ich Fingerzeige des Himmels genannt hatte, und hielt mir mehrere Geschichten von »solchem dummdreisten Volk« vor, wie er sich ausdrückte, das mir ähnlich wäre. Freilich sollte ich es als ein Eingreifen der himmlischen Macht betrachten, wenn ich etwa durch Krankheit verhindert würde, London zu verlassen. Dann könnte ich mich ruhig der Leitung meines Schöpfers überlassen, der nach seinem Gutdünken mit mir verfahren würde, und die Entscheidung, was die Vorsehung über mich verhängt habe und was nicht, wäre nicht schwer zu treffen. Daß ich es aber als einen Fingerzeig Gottes betrachte, daß ich kein Pferd zu mieten kriegen könne oder mein Diener, der mich auf der Reise begleiten sollte, weggelaufen war, wäre lächerlich, angesehen ich zur gleichen Zeit meine Gesundheit und meine Körperkräfte behalten hätte, auch noch andere Diener besäße, und somit leicht ein oder zwei Tage zu Fuß wandern könne. Und da ich außerdem ein Gesundheitszeugnis hätte, könnte ich nach meinem Belieben dann auf der Strecke ein Pferd mieten oder auch die Post nehmen.

Dann fuhr er fort, mir von den heillosen Folgen zu erzählen, die sich aus dem Glauben der Türken und Mohammedaner in Asien und andern Ländern, wo er gewesen war, ergäben (denn mein Bruder war als Kaufmann vor einigen Jahren, wie ich schon berichtet habe, aus dem Ausland zurückgekehrt und hatte sich zuletzt in Lissabon aufgehalten), und wie sie in der Überzeugung, daß das Schicksal jedes Menschen unabänderlich vorherbestimmt und festgelegt wäre, ohne Bedenken in verseuchte Orte zögen und mit angesteckten Leuten verkehrten, was eine wöchentliche Sterblichkeit von 10 oder 15 000 zur Folge hätte, während die Europäer und christlichen Kaufleute, die sich absperrten und abseits hielten, im allgemeinen der Ansteckung entgingen.

Durch solche Gründe machte mein Bruder meine Entschlüsse wieder wankend, ich begann nun doch an die Abreise zu denken und bereitete mich dementsprechend vor, denn die Seuche hatte sich nun in der ganzen Umgegend verbreitet, die Register wiesen eine Sterblichkeit von 700 die Woche aus, und mein Bruder sagte mir, er wage nicht mehr länger zu bleiben. Ich bat ihn noch um einen Tag Bedenkzeit, und da alles so gut als möglich vorbereitet war, auch in Hinsicht auf mein Geschäft, und denjenigen, dem ich die Sorge für meine Angelegenheiten übergeben wollte, hatte ich wenig mehr zu tun als einen letzten Entschluß zu fassen.

An diesem Abend ging ich schwer bedrückt nach Hause, unentschieden und ohne zu wissen, was ich tun sollte. Ich hatte mich für den Abend frei gemacht, um alles noch einmal ernstlich zu überdenken, und war ganz allein. Damals hatten schon die Leute, wie in allgemeiner Übereinstimmung, die Gewohnheit angenommen, nach Sonnenuntergang ihr Heim nicht mehr zu verlassen, worüber ich später noch mehr zu sagen haben werde.

In der Einsamkeit dieses Abends versuchte ich, mir erst darüber klar zu werden, welche Handlungsweise mir die Pflicht vorschrieb. Ich führte mir wieder die Gründe vor Augen, die mein Bruder vorgebracht hatte, um mich zur Abreise zu bewegen, und stellte ihnen mein eigenes lebhaftes Gefühl gegenüber, das fürs Bleiben sprach: die Umstände, die aus der besonderen Art meines Berufes hervorgingen, die Pflicht, mir meine Waren und mein Geld zu erhalten, die gewissermaßen mein Vermögen ausmachten, dann auch die Winke, die mir nach meiner Überzeugung vom Himmel zugekommen waren und für mich eine Art von Leitung bedeuteten. Dabei fiel mir ein, daß ich, wenn ich einen offenbaren Wink zum Bleiben erhalten würde, diesen gleichzeitig als ein Versprechen der Erhaltung meines Lebens betrachten dürfe, als Lohn meines Gehorsams.

Dieser Gedankengang lag mir; meine Gedanken neigten sich mehr als je dazu, zu bleiben, und wurden durch eine heimliche Sicherheit unterstützt, daß ich vor dem Tode bewahrt werden würde. Ich blätterte in der Bibel, die vor mir lag, und während ich meinen Geist mit ungewöhnlichem Ernste auf das richtete, was mir fragwürdig schien, rief ich: »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Herr, leite du mich!« und dabei hörte ich auf, in der Bibel zu blättern, beim 91. Psalm, und indem mein Auge auf den zweiten Vers fiel, las ich bis zum siebenten, den aber nicht, und schob dafür den zehnten ein, folgendermaßen: Der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz. Er wird dich mit seinen Fittigen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen des Nachts, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleichet, vor der Seuche, die im Mittag verderbet. Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen, und schauen, wie es den Gottlosen vergolten wird. Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übels begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. –

Ich brauche dem Leser kaum zu sagen, daß ich mich von diesem Augenblicke an entschloß, in der Stadt zu bleiben und mich ganz der Güte und dem Schutz des Allmächtigen zu überlassen, ohne irgendeine andere Zuflucht zu suchen. Da meine Tage in seinen Händen waren, war er imstande, mich in einer Zeit der Seuche wie in guten Zeiten zu erhalten. Wenn es ihm nicht richtig schien, mich zu bewahren, war ich doch in seinen Händen, und es war seine Sache, mit mir nach seinem Gutdünken zu verfahren.

Mit diesem Entschluß ging ich zu Bett, und der nächste Tag bestärkte mich weiter darin, denn die Frau, der ich mein Haus und alle meine Angelegenheiten hatte übergeben wollen, fiel in Krankheit. Und ich selbst erhielt einen Wink von derselben Seite, denn auch ich befand mich am folgenden Tage recht wenig wohl. Hätte ich also auch fortgehen wollen, so wäre ich dazu nicht imstande gewesen. Mein Unwohlsein dauerte drei oder vier Tage, und damit war mein endgültiger Entschluß zum Bleiben gefaßt. Ich nahm daher Abschied von meinem Bruder, der sich nach Dorking begab, in Surrey, und dann weiterhin nach Buckinghamshire oder Bedfordshire, nach einer Zufluchtsstätte, die er für seine Familie entdeckt hatte.

Es war eine sehr böse Zeit, um krank zu sein, denn von jedem, der klagte, hieß es, er habe die Pest, und obwohl sich bei mir keinerlei Symptome dieser Seuche zeigten, war ich doch nicht ohne Angst, da ich starke Schmerzen im Kopf und Magen verspürte, daß ich wirklich angesteckt worden wäre. Doch nach etwa drei Tagen begann es mir besser zu gehen, in der dritten Nacht schlief ich gut, schwitzte etwas und erwachte recht erfrischt. Die Furcht vor der Ansteckung verließ mich mit der Krankheit, und ich ging wie gewöhnlich meinen Geschäften nach.

Alle Gedanken an Flucht waren mir aber vergangen, und da mein Bruder nun auch fort war, gab es über diesen Gegenstand keine Überlegungen mehr, weder mit ihm noch mit mir selbst.

Es war jetzt Mitte Juli, und die Pest, die hauptsächlich am andern Ende der Stadt gewütet hatte, in den Kirchspielen von St. Giles, St. Andrew, Holborn und gegen Westminster zu, begann sich nun nach Osten auszudehnen, gegen den Stadtteil, wo ich wohnte. Merkwürdigerweise ging sie nicht in gerader Linie vor, denn die City, d. h. die innere Stadt, war noch immer verhältnismäßig unverseucht, und auch über dem Fluß, in Southwark, war noch nicht viel zu spüren. Obwohl in dieser Woche im ganzen 1268 starben, davon wahrscheinlich über 900 an der Pest, trafen auf die innere Stadt nur 28 und nur 19 auf Southwark, das Lambeth-Kirchspiel eingeschlossen, während in den Kirchspielen von St. Giles und St. Martin in the Fields allein 421 starben.

Es war zu beobachten, das sich die Seuche hauptsächlich in den äußeren Kirchspielen hielt, die sehr dicht bevölkert waren, besonders von armen Leuten. Dort fand die Seuche einen besseren Boden als in der City, worüber später mehr. Es war also, wie gesagt, zu beobachten, daß die Seuche auf uns zu kam, durch die Kirchspiele von Clerkenwell, Cripplegate, Shoreditch und Bishopsgate, welch’ letztere beiden an Aldgate, Whitechapel und Stepney grenzen. Dort entfaltete sie später ihre äußerste Wut und Heftigkeit, als sie in den westlichen Kirchspielen, wo sie ausgebrochen war, schon nachgelassen hatte.

Es war sehr seltsam, daß in dieser Woche, vom 4. bis zum 11. Juli im Kirchspiel von Aldgate nur 4, in dem von Whitechapel nur 3 starben und in Stepney nur 1, während die Seuche in den beiden Kirchspielen von St. Martin und St. Giles in the Fields nahe an 400 hinwegraffte.

Auch in der nächsten Woche, vom 11. bis 18. Juli, starben auf der ganzen Seite von Southwark nur 16 bei einer Gesamtsterblichkeit von 1761.

Aber das änderte sich bald, und besonders Cripplegate und Clerkenwell wurden betroffen, so daß in der zweiten Augustwoche in Cripplegate allein 886 beerdigt werden mußten, und in Clerkenwell 155. Davon waren in Cripplegate wohl 850 an der Pest gestorben; in Clerkenwell gab das Register selbst 145 Pestfälle zu.

Während des Monats Juli, als unser Stadtteil im Vergleich zu den Westgegenden noch ziemlich frei schien, ging ich wie gewöhnlich auf die Straße, wie es gerade meine Geschäfte mit sich brachten, und begab mich regelmäßig alle Tage oder jeden zweiten Tag in die City zum Hause meines Bruders, das er meiner Sorge übergeben hatte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Da ich den Schlüssel in der Tasche hatte, schloß ich meistens das Haus auf und ging durch alle Räume. Denn obwohl es unglaublich klingt, daß in solchen Zeiten des Elends jemand das Herz haben sollte zu stehlen und zu rauben, war es doch so, daß alle Arten von Schändlichkeiten, Liederlichkeiten und sogar Ausschweifungen so offen als jemals begangen wurden, wenn auch vielleicht nicht so häufig, weil die Bevölkerung doch aus vielen Gründen abgenommen hatte.

Und nun kam die Seuche auch an die innere Stadt, die eigentliche City. Dort waren die Inwohner arg zusammengeschmolzen, da sie haufenweise die Flucht ergriffen hatten und auch den ganzen Juli hindurch noch flohen, obschon nicht in solcher Anzahl wie zuvor. Im August nahm dann das Flüchten wieder so zu, daß ich fast glaubte, es würden nur noch Beamte und Dienstboten in der City zurückbleiben.

Der Hof war schon früher, im Monat Juni, verlegt worden. Er begab sich nach Oxford, wo er durch die Gnade Gottes bewahrt blieb. Soviel ich hörte, blieb er von der Seuche gänzlich unberührt, wofür er aber keine große Dankbarkeit an den Tag legte oder irgendein Zeichen der Besserung, obwohl es ihm nicht erst gesagt zu werden brauchte, daß seine offenkundigen Laster nicht wenig dazu beigetragen haben mochten, dieses schreckliche Gericht über das ganze Volk zu bringen.

Das Aussehen Londons war jetzt wirklich sehr verändert. Ich meine die ganze Häusermasse, City, Vorstädte, Westminster, Southwark, alles zusammen. Die eigentliche Stadt, innerhalb der Stadtmauern, war noch nicht stark verseucht. Aber doch war, wie gesagt, das allgemeine Aussehen ein anderes geworden. Sorge und Trauer zeigten sich auf allen Gesichtern, und obschon einige Stadtteile noch ziemlich frei waren, sahen doch alle Leute sehr bekümmert aus. Immer näher sahen wir die Seuche kommen, und jeder mußte sich selbst und seine Familie für aufs äußerste gefährdet halten. Wäre es möglich, jenen, die sie nicht erlebt haben, diese Zeit ganz vor Augen zu bringen, und den Lesern eine richtige Vorstellung von dem Grauen zu geben, das überall herrschte, so müßte es ihnen einen unauslöschlichen Eindruck machen und sie mit höchster Bestürzung erfüllen. Man kann wohl sagen, daß ganz London in Tränen schwamm. Zwar gingen die Trauernden nicht auf die Straße, kleideten sich auch nicht in Schwarz, nicht einmal für die nächsten Freunde, aber die Stimme der Trauer hallte doch durch alle Straßen. Das Geschrei der Frauen und Kinder an den Fenstern und Haustüren, hinter denen die nächsten Anverwandten vielleicht im Sterben oder schon als Leichen lagen, war so häufig zu hören, während man durch die Straßen ging, daß es auch dem Mutigsten durch Mark und Bein gehen mußte. Weinen und Klagen fast in jedem Hause, besonders in der ersten Zeit der Seuche. Denn später stumpften sich die Herzen ab. Der Tod war beständig vor unsern Augen, und auch der Verlust der Freunde kümmerte den nicht mehr viel, der vielleicht schon in der nächsten Stunde das eigne Leben zu verlieren erwarten mußte.

Die Geschäfte führten mich zuweilen an das andere Ende der Stadt, als die Seuche dort am stärksten herrschte, und da mir wie übrigens jedem andern die Sache noch neu war, sah ich mit keiner kleinen Überraschung, wie verödet die sonst so belebten Straßen waren, in denen man kaum hier und da einen Menschen antraf. Wäre ich ein Fremder gewesen, hätte ich manchmal ganze Straßen lang, wenigstens was die Nebengassen betrifft, kein lebendes Wesen gefunden, um nach dem Wege zu fragen, außer den Wachleuten, die vor den abgesperrten Häusern aufgestellt waren, welchen Umstand ich gleich näher erklären werde.

Als ich eines Tages in einer besonderen Angelegenheit in jenem Teile der Stadt war, bewog mich die Neugier, alles genauer als sonst zu betrachten. Ich ging daher eine große Strecke weiter, wo ich eigentlich nichts zu tun hatte. In Holborn waren viele Leute auf der Straße, aber sie gingen alle in der Mitte, weder rechts noch links, um, wie ich vermute, ein Zusammentreffen mit jedem zu vermeiden, der etwa aus einem Hause herauskäme, und auch, um den Gerüchen zu entgehen, die aus den verseuchten Häusern drangen.

Die Rechtskollegien waren alle geschlossen, und auch im Temple, in Lincolns Inn oder Grays Inn fand man nur wenige Rechtsanwälte. Es gab keine Prozesse mehr, also hatten sie nichts zu tun, abgesehen von den Gerichtsferien, die die meisten dazu benutzten, aufs Land zu gehen. An einigen Plätzen waren ganze Häuserreihen sorgsam verschlossen. Die Bewohner waren alle geflohen, nur ein oder zwei Wachleute zu sehen.

Wenn ich sage, daß ganze Häuserreihen verschlossen waren, so meine ich nicht, daß das auf Befehl der Behörden geschehen war. Eine Menge Leute waren dem Hofe gefolgt, in dessen Diensten sie standen, und auch andere waren aus Angst vor der Pest geflohen, so daß manche Straßen völlig verödet erschienen. Die Furcht war damals in der eigentlichen City noch lange nicht so groß, denn wenn auch anfangs dort ein unaussprechliches Entsetzen überhandnahm, ging die Seuche zuerst doch oft wieder zurück, so daß die Leute wiederholt aufgeschreckt wurden und sich dann wieder beruhigten, bis sie sich endlich daran gewöhnten. Selbst wenn die Seuche dann von neuem heftiger auftrat, verloren sie nicht mehr den Mut, weil sie sahen, daß sie sich nicht sofort in der City, den östlichen und südlichen Teilen verbreitete. Und außerdem war alles ein wenig abgestumpft. Es ist nicht zu leugnen, daß eine ungeheure Masse Volkes geflohen war, aber hauptsächlich aus den westlichen Stadtteilen und jenen, die man das Herz der City nennt, also vornehmlich reiche Leute oder solche, die weder Beruf noch Geschäft hatten. Die andern waren im allgemeinen geblieben, in Erwartung des Schlimmsten, so in den äußern Bezirken und Vorstädten, in Southwark, Ratcliff, Stepney, Rotherhithe und da herum, bis auf die wenigen Wohlhabenderen, die unabhängig waren.

Man darf nicht vergessen, daß beim Ausbruch der Seuche London mit all seinen Vorstädten richtig überfüllt an Menschen war. Wenn auch seither die Bevölkerung weiter mächtig zugenommen hat, so waren doch damals, nach Beendigung des Krieges, Auflösung der Heere, und Wiederherstellung der Monarchie die Leute haufenweise nach London gekommen, um sich dort geschäftlich niederzulassen oder bei Hofe Anstellung, Belohnung für geleistete Dienste und was dem mehr ist, zu suchen. Man nahm an, daß auf solche Weise die Stadtbevölkerung um mehr als 100 000, ja, wie manche behaupteten, aufs Doppelte gestiegen war. Strömten doch all die zugrunde gerichteten Familien der Königspartei hier zusammen, all die verabschiedeten Soldaten, die sich nun um irgendeinen Handel umsahen, und auch außerdem eine Masse Menschen. Denn der Hof erschien in Pracht und neuem Glanze, das Geld flog nur so hinaus, und die Befriedigung über die Wiederherstellung des Königtums zog nicht wenige Familien nach der Hauptstadt.

Aber nun wieder zurück zum Beginn dieser erstaunlichen Zeit, als die Angst des Volkes erst im Entstehen war. Mehrere seltsame Ereignisse kamen dazu, sie zu verstärken, und wenn man sie nebeneinander hält, muß man sich wirklich wundern, daß nicht das ganze Volk, wie ein Mann, die Heimstätten verließ und sich aus einem Orte flüchtete, den der Fluch des Himmels getroffen hatte, mit allem, was in ihm lebte, vom Erdboden zu verschwinden. Ich will nur einiges davon anführen, von dem vielen, mit dem die Hexenmeister und Schlauköpfe einen solchen Schwindel trieben, daß ich nicht erstaunt gewesen wäre, wenn alle, besonders die Frauen, die Stadt verlassen hätten.

Vor allem war es ein Schweifstern oder Komet, der mehrere Monate vor der Pest am Himmel erschien, gerade wie damals vor der großen Feuersbrunst. Die alten Weiber und jener Teil des stärkeren Geschlechts, den ich auch alte Weiber nennen möchte, beobachteten damals, aber natürlich erst, als beide Heimsuchungen vorüber waren, daß die beiden Kometen unmittelbar über die Stadt hinweggezogen waren, und das so nahe über den Häusern, daß es offensichtlich für die Stadt etwas Besonderes zu bedeuten hatte. Ferner hieß es, daß der Komet, der vor der Seuche erschien, von blasser, matter, flauer Farbe gewesen wäre, sich auch sehr langsam, feierlich und schwerfällig bewegt habe, während der Komet, der die Feuersbrunst anzeigte, hell, glänzend und sprühend ausgesehen hätte und sich schnell und wütend bewegt habe. Woraus hervorgeht, daß der eine eine langsam verlaufende, aber schwere, schreckliche und verderbliche Heimsuchung anzeigte, wie es die Pest ist, der andere aber ein plötzliches, schnell hereinbrechendes Unglück, nämlich die Feuersbrunst. Einige Leute behaupteten sogar, beim raschen Vorüberziehen des Feuerkometen, dessen Bewegung sie mit den Augen folgten, ein gewaltiges, sausendes Getöse vernommen zu haben, wie aus weiter Entfernung, so daß es gerade noch hörbar war.

Ich selbst habe beide Himmelskörper gesehen und muß gestehen, daß auch ich so weit von dem allgemeinen Glauben angesteckt war, um in ihnen die Vorboten und Warnungen des göttlichen Gerichtes zu erkennen, besonders, als auf den ersten die Pest folgte. Als ich dann den zweiten erblickte, konnte ich nicht anders als glauben, daß Gott die Stadt noch nicht genügend gestraft hätte.

Die Furcht des Volkes wurde noch mehr gesteigert durch den Aberglauben jener Zeit, die, ich weiß nicht auf was hin, mehr für Vorhersagungen, astrologisches Gerede, Träume und Altweibergeschwätz empfänglich war, als irgendeine vorher oder nachher. Ob diese unselige Neigung ursprünglich durch die Narreteien jener Leute genährt wurde, die dadurch Geld verdienten, indem sie allerlei Prophezeiungen und Horoskope drucken ließen, weiß ich auch nicht, aber sicher ist es, daß alles Gedruckte auf das Volk einen tiefen Eindruck machte, solches Zeug wie Lilys Almanach, Gadburys Astrologische Prophezeiungen, Poor Robins Kalender und ähnliches mehr, ebenso wie vorgebliche Andachtsbücher. Eins von ihnen trug den Titel: Zieh aus von ihr, mein Volk, damit du nicht zum Mitschuldigen an ihren Seuchen werdest; ein anderes hieß: Guter Rat, ein drittes: Britisches Memento usw. Alle oder fast alle sagten offen oder verschleiert das Verderben der Stadt voraus. Manche Leute stellten sich so begeistert, daß sie, Prophezeiungen ausrufend, durch die Straßen liefen, unter dem Vorgeben, sie wären gesandt, der Stadt Buße zu predigen. Einer besonders schrie in den Straßen wie Jonas in Ninive: Noch 40 Tage, dann wird London zerstört werden! Ganz genau weiß ich allerdings nicht mehr, ob er 40 Tage oder ein paar Tage sagte. Ein anderer trieb sich, bis auf eine Unterhose splitternackt, herum und rief wie jener Mann, von dem Josephus erzählt, der vor der Zerstörung Jerusalems »Wehe Jerusalem« schrie, Tag und Nacht: O des großen und schrecklichen Gottes! Mehr sagte er nicht, sondern wiederholte nur immer wieder dieselben Worte mit einer Stimme und einem Gesicht, in denen sich das Entsetzen malte, während er unaufhörlich weiter rannte, ohne jemals stehen zu bleiben, sich niederzusetzen oder irgendeine Nahrung zu sich zu nehmen, wenigstens nach dem, was ich von ihm gehört habe. Ich sah den armen Teufel mehrmals auf der Straße und würde ihn angeredet haben, aber er wollte weder mit mir noch irgend jemand sonst etwas zu tun haben, sondern fuhr nur fort, sein schauerliches Geschrei von sich zu geben.

Durch derartige Vorfälle wurde das Volk aufs äußerste erregt, besonders, als wie schon berichtet, in den öffentlichen Sterberegistern zwei oder drei Pestfälle in St. Giles erschienen.

Zu all dem kamen noch die Träume der alten Weiber, oder richtiger: die Auslegungen der alten Weiber der Träume anderer Leute. Sie machten Haufen von Menschen geradezu verrückt.

Einige hörten Stimmen, die sie ermahnten fortzugehen, denn es würde eine solche Seuche in London ausbrechen, daß die Lebenden nicht mehr imstande wären, die Toten zu begraben. Andere sahen Erscheinungen in der Luft, und ich glaube, ich darf von beiden, ohne die Gefühle des Mitleids zu verletzen, sagen, daß sie Stimmen hörten, die niemals sprachen und Erscheinungen sahen, die nicht da waren. Aber die Einbildungskraft der Leute war nun einmal wie besessen, und kein Wunder, daß die, die beständig in die Wolken schauten, endlich Umrisse und Gesichter und Erscheinungen sahen, die aus nichts als Dunst und Qualm bestanden. Die einen schrien, sie sähen eine Hand, die ein Flammenschwert mit der Spitze über die Stadt hielte, aus der Wolke hervorkommen; andere erblickten in der Luft Bahren und Särge, die zum Begräbnisplatz zogen. Dann wieder Leichenhaufen, die unbeerdigt herumlagen, – was eben die Phantasie des armen verwirrten Volkes gerade hervorbrachte.

Ganze Bücher könnte ich mit den Erzählungen solcher Leute anfüllen von dem, was sie täglich gesehen hatten. Und dabei glaubte jeder so fest an das, was er erblickt zu haben vorgab, daß man keinem widersprechen durfte, ohne ihn zum Feinde zu machen oder einerseits roh und unmanierlich, oder frivol und oberflächlich gescholten zu werden. Eines Tages, ehe sich die Pest noch über St. Giles hinaus verbreitet hatte, sah ich mitten auf der Straße einen Haufen Menschen. Aus Neugier ging ich hin und sah, daß sie alle in die Luft starrten, um das gewahr zu werden, was ein altes Weib dort erblickte, nämlich nach ihren eigenen Worten, einen weißgekleideten Engel, der ein feuriges Schwert über seinem Haupte schwang. Sie beschrieb die Gestalt bis ins einzelne mit jeder Bewegung, und die Leute waren voll Begier, sie auch zu sehen, bis endlich einer schrie: Ja, ich seh’s ganz deutlich, da ist ein Schwert, wie’s nur eins gibt; einer sah den Engel, ein anderer sein Gesicht und rief: Was für eine wundervolle Gestalt; und so sah der eine dies und der andere das. Ich schaute ebenso eifrig wie die anderen hinauf, wenn auch wahrscheinlich mit weniger Bereitwilligkeit, mir etwas einreden zu lassen, aber ich konnte nichts sehen als eine weiße Wolke, die auf der einen Seite glänzte, weil auf die andere die Sonne schien. Das Weib versuchte, mir’s zu zeigen, konnte mich aber nicht zum Geständnis bringen, daß ich etwas sah. Denn ich hätte lügen müssen, wenn ich behauptet hätte, ich sähe etwas. Worauf das Weib mich anblickte und meinte, ich lache sie aus, was aber wiederum nur in ihrer Phantasie geschah, weil’s mir wirklich nicht ums Lachen war, sondern ich bei mir überdachte, wie sich die armen Leute durch ihre eigene Einbildungskraft ins Bockshorn jagen ließen. Die Frau wandte sich nun mir zu, nannte mich einen unheiligen Burschen und Spötter, und rief, es sei eine Zeit von Gottes Zorn, sein schreckliches Gericht rücke näher und solche, wie ich, die ihn mißachteten, sollten hinausziehen und zugrunde gehen.

Die herumstehenden Leute schienen ebenso aufgebracht als das Weib selber, und da ich sah, ich könnte sie doch nicht überreden, daß ich sie nicht ausgelacht hätte, und eher Mißhandlungen befürchten mußte, ging ich meines Weges und ließ die Engelserscheinung ebenso wirklich sein wie die des Kometen.

Noch eine andere Begegnung hatte ich am hellichten Tage, in einem engen Durchgang von Petty-France in dem Bishopsgate-Kirchhof, an einer Reihe von Armenhäusern vorbei. Dabei muß ich bemerken, daß es zwei Kirchhöfe im Kirchspiele von Bishopsgate gibt, den einen zwischen dem Platz von Petty-France und der Bishopsgate-Straße, der gerade bei der Kirchtüre aufhört, den andern an dem engen Durchgang, wo die Armenhäuser zur Linken bleiben und eine kleine Mauer mit Holzplanken darauf den Weg rechts begrenzt, während die Stadtmauer noch weiter rechts liegt.

In diesem Durchgang nun stand ein Mann, der durch die Holzplanke in den Kirchhof hineinspähte und so viele Leute um ihn herum, daß man sich gerade noch durchzwängen konnte. Der Kerl sprach mit allem Eifer zu ihnen, und während er bald dahin bald dorthin zeigte, behauptete er einen Geist über einen Grabstein schreiten zu sehen und beschrieb ihn in Gang, Haltung und Aussehen so genau, daß er um alles in der Welt nicht begriff, wie nicht jeder sonst ihn ebensogut sehen sollte. Plötzlich rief er aus: Da ist er! Jetzt geht er da! Nun dort! Jetzt hat er sich umgedreht!, bis er die Leute endlich so beschwatzt hatte, daß einer sich einbildete, er sähe nun auch den Geist. Und so kam er jeden Tag und verursachte förmlich einen Auflauf in diesem engen Durchgang, bis es auf der Kirchenuhr elfe schlug und der Geist gerade so, als ob er abgerufen würde, verschwand.

Ich schaute überall herum, und zwar genau in dem Augenblicke, als der Mann hindeutete, konnte aber auch nicht den Schatten einer Erscheinung erblicken. Aber der arme Teufel tat so bestimmt, daß die Leute Nervenzufälle bekamen und schließlich zitternd und voll Schrecken sich fortschlichen, bis bald nur mehr ganz wenige, die von der Geschichte wußten, sich trauten, den Durchgang zu benutzen. Bei Nacht aber hätte sich niemand, und hätte er’s noch so wichtig gehabt, durchgewagt.

Dieser Geist machte, wie der Mann versicherte, Zeichen gegen die Häuser, gegen den Boden und die Leute, offenbar, um anzudeuten, daß sie haufenweise in diesem Kirchhof begraben würden. Wenigstens verstanden sie’s so. Es kam auch, wie’s der Geist vorhergesagt hatte, und vielleicht sah der Mann Dinge, an die ich niemals geglaubt habe. Ich selbst konnte nichts davon entdecken, so sehr ich mich auch anstrengte.

Man versuchte wohl das Drucken solcher Bücher, die die Leute nur in Verwirrung setzten, zu verbieten, und jene, die sie in Umlauf brachten, zu bestrafen, aber zu rechten Maßregeln kam es doch nicht, da die Regierung, soviel ich weiß, das Volk nicht weiter aufbringen wollte, das so schon am Ende seiner Vernunft war.

Auch mit jenen Geistlichen kann ich mich nicht einverstanden erklären, die durch ihre Predigten das Gemüt ihrer Zuhörer noch mehr niederdrückten, statt es zu erheben. Manche taten es zweifellos, um den Mut der Leute zu stärken und sie zur Buße anzuhalten. Aber diesen Zweck erreichten sie doch kaum, jedenfalls nicht verglichen mit dem Schaden, den sie anrichteten.

Ein Unfug hat immer einen anderen im Gefolge. Diese Furcht und Angst der Leute brachte sie auf tausend törichte, abgeschmackte und schlimme Dinge, wozu sie von den wirklich bösen Elementen noch ermutigt wurden. Sie rannten zu Wahrsagern, Hexenmeistern und Astrologen, um ihr Schicksal zu erfahren oder, wie man gewöhnlich es nennt, um sich ihr Schicksal sagen und sich die Nativität stellen zu lassen und zu ähnlichem Unsinn, und diese Narretei brachte in der Stadt im Augenblick einen Schwarm vorgeblicher Magier hervor, die sich der Schwarzen Kunst und weiß Gott, was sonst noch alles, rühmten und behaupteten, mit dem Teufel besser zu stehen, als es wohl wirklich der Fall war. Dieses Geschäft wurde so offen und allgemein betrieben, daß man an den Türen Anzeigen lesen konnte: Hier wohnt ein Wahrsager; hier wohnt ein Astrologe; hier wird die Nativität ausgerechnet. Der Bronzekopf Bruder Bacons, das gewöhnliche Zeichen solcher Art Leute, war fast überall in jeder Straße zu sehen, oder auch das Zeichen der Mutter Shipton oder der Kopf Merlins und mehr dergleichen.

Mit was für sinnlosem und lächerlichem Blödsinn diese Teufelsorakel die Leute zu ihrer Befriedigung vollstopften, weiß ich zwar nicht, aber sicher ist, daß jeden Tag zahllose Menschen vor ihren Türen sich herumdrängten, und sobald sich nur einer dieser Burschen in einer Samtjacke und schwarzem Mantel, der gewöhnlichen Kleidung dieser Beschwörer, auf der Straße zeigte, folgten ihm die Leute in Scharen und stellten während des Gehens allerlei Fragen. –

Die armen Dienstboten hatten eine recht schlechte Zeit, wie ich noch nach und nach berichten werde. Es war vorauszusehen, daß eine ungeheure Anzahl von ihnen entlassen würde, und tatsächlich war es auch so. Eine Menge von ihnen gingen zugrunde, besonders die, denen die falschen Wahrsager Hoffnungen gemacht hatten, daß sie im Dienst bleiben und von ihren Herrschaften aufs Land mitgenommen werden würden. Hätte sich nicht die öffentliche Wohltätigkeit dieser armen Geschöpfe angenommen, wie es sich auch gehört in solchen Fällen, so wären sie von der ganzen Bevölkerung in der allerschlechtesten Lage gewesen. –

Mit solchen Dingen beschäftigte sich das gewöhnliche Volk monatelang, als die Sorgen erst anfingen und die Pest noch nicht richtig ausgebrochen war, aber ich darf auch nicht vergessen, daß der bessere Teil der Bevölkerung sich ganz anders benahm. Die Regierung ermutigte ihre Andachtsübungen, und bestimmte öffentliche Gebets-, Buß- und Fasttage, an denen die Sünden laut bekannt und die Gnade Gottes angerufen wurde, um sein schreckliches Gericht, das über unseren Köpfen hing, abzuwenden. Man kann kaum beschreiben, mit welcher Bereitwilligkeit die Leute aller Berufe diese Gelegenheit begrüßten, wie sie sich in die Kirchen und zu den Versammlungen drängten, daß man nicht bis zu den Türen der allergrößten Kirchen gelangen konnte. In mehreren Kirchen wurden morgens und abends täglich Bittgebete abgehalten, ebenso wie Gebetstage an anderen Orten, und zu allen diesen Veranstaltungen erschienen die Leute mit ungewöhnlicher Andacht. Auch einzelne Familien, selbst wenn sie nicht desselben Glaubens waren, hielten Fasttage, zu welchen nur die nächsten Verwandten zugelassen waren. Mit einem Wort: alle, die wirklich fromm und glaubenseifrig waren, gaben sich in echt christlicher Weise dem Werk der Reue und Bußfertigkeit hin, wie es einem christlichen Volke geziemte.

Auch die Öffentlichkeit zeigte, daß sie sich an diesen Dingen beteiligen wolle, ja sogar der Hof, der in aller Lust und Freude lebte, stellte sich, als ob ihn die allgemeine Gefahr wirklich bekümmerte. Schauspiele und Possen, die, nach der Mode am französischen Hofe, eingeführt worden waren und immer beliebter wurden, durften nicht mehr gespielt werden. Die Spiel- und Tanzhäuser wie die Musikhallen, die sich ständig vermehrt hatten und bereits die Sitten des Volkes zu untergraben drohten, mußten geschlossen werden, und die Kasperl- und Marionettentheater, Seiltänzer und was dergleichen Leute mehr sind, die beim gewöhnlichen Volke beliebt sind, machten selbst zu, da niemand mehr etwas von ihnen wissen wollte. Denn die Leute hatten nun an anderes zu denken, Grausen und Sorge malten sich auf den Gesichtern selbst der Rohesten. Alle hatten den Tod vor Augen, und jedem war nun das Grab näher als Lustbarkeit und Unterhaltung.

Das waren wohl heilsame Betrachtungen, die, wenn man es richtig verstanden hätte, das Volk auf seine Knie gezwungen hätte, um seine Sünden zu bekennen und den barmherzigen Schöpfer um Gnade anzurufen und sein Mitleid in solcher Zeit der Heimsuchung zu erflehen, wie es einst in Ninive geschah. Aber beim niederen Volke schlugen sie nun ins andere Extrem um. Zuvor schon gedankenlos und leichtfertig, griff es nun in seiner Unwissenheit, Torheit und Angst zu den sinnlosesten Mitteln. Es lief, wie schon erwähnt, um die Zukunft zu erfahren, zu Beschwörern, Hexenmeistern und sonstigen Schwindlern, die es in beständiger Furcht und Unruhe erhielten, um Geld aus ihm herauszulocken. Ebenso wild war es hinter Quacksalbern und Marktschreiern her und ließ sich von jedem alten Kräuterweib mit Pillen, Tränken und Schutzmitteln vollstopfen, daß nicht nur das Geld hinausflog, sondern auch statt des Seuchengiftes ein anderes Gift in den Körper hineinkam. So machten die, die sich vor der Pest schützen wollten, sich erst recht für die Ansteckung empfänglich. Anderseits kann man es kaum glauben oder sich vorstellen, wie die Straßenecken und Hauswände über und über mit Anschlagzetteln von Ärzten bedeckt waren, mit Anzeigen von unwissenden, quacksalbernden Burschen, die die Leute einluden, sie aufzusuchen und ihnen Schutzmittel anpriesen. Die Sprache solcher Anpreisungen war echt marktschreierisch. Z. B.: Unfehlbar vorbeugende Pillen gegen die Pest; untrügliche Schutzmittel gegen die Ansteckung; höchst vortreffliche Tränke gegen die Fäulnis der Luft; genaue Anweisung sich im Falle der Ansteckung zu verhalten; Antipestpillen; unvergleichliche noch niemals zusammengestellte Mixtur gegen die Seuche; Universalmittel gegen die Pest; das einzig echte Pestwasser; das königliche Gegenmittel gegen alle Arten der Ansteckung, und noch eine ganze Anzahl mehr, die ich nicht anführen kann, da ich sonst ein eigenes Buch schreiben müßte.

Andere wieder klebten Anzeigen an, um sich den Leuten für Rat und Hilfe im Falle der Ansteckung zu empfehlen. Auch da gab es Titel, die sich gewaschen hatten, wie die folgenden:

Hervorragender hochdeutscher Arzt, eben von Holland gekommen, wo er sich während des ganzen Verlaufs der großen Pest aufhielt, letztes Jahr in Amsterdam, hat Haufen von Leuten geheilt, die wahrhaftig an der Pest erkrankt waren.

Italienerin von Stande, gerade von Neapel angelangt, besitzt ein besonderes Geheimnis, um die Ansteckung zu verhindern, das sie durch ihre tiefe Wissenschaft entdeckte, und womit sie bei der letzten Pest, an der 20 000 in einem Tage starben, wundervolle Kuren vollführte.

Alte Dame, die mit großem Erfolg während der Londoner Seuche von 1636 ihre Kunst ausübte, gibt Rat nur an Frauen. Sprechstunde usw.

Erfahrener Arzt, der lange das Studium der Gegenmittel gegen alle Arten von Giften und Ansteckungen betrieb, hat sich nach vierzigjähriger Praxis eine solche Geschicklichkeit erworben, daß er, mit Gottes Hilfe, jedermann vor der Ansteckung irgend welcher Seuche schützen kann. Arme werden umsonst behandelt.

Ich führe das nur als Beispiele an, von denen ich noch ein paar Dutzend geben könnte, ohne meinen Vorrat zu erschöpfen. Doch mögen diese genügen, um einen Begriff von der Gemütsverfassung dieser Zeit zu geben. Nicht nur, daß ein Haufen von Schwindlern und Geldschneidern den armen betrogenen Leuten das Geld aus der Tasche stahl, wurden sie auch mit gräulichen und gefährlichen Mitteln vergiftet. Einige mit Quecksilber, andere mit ebenso schädlichem Zeug, das weit entfernt war, die versprochenen Wirkungen hervorzubringen und im Falle einer Ansteckung dem Körper eher schadete als nützte.

Doch von einem Schlich eines dieser Quacksalber muß ich doch noch erzählen, mit dem er die armen Teufel an sich heranlockte und sie um ihr Geld brachte. In einem Nachtrag stand auf den Zetteln, die er auf der Straße austeilte, in dickgedruckten Buchstaben: Behandlung der Kranken umsonst.

Natürlich drängten sich die Leute zu ihm, worauf er ihnen die schönsten Reden hielt, sie auch auf ihren Gesundheitszustand hin untersuchte und ihnen manche Ratschläge gab, die freilich nicht viel wert waren. Sie kamen immer darauf hinaus, daß er eine Medizin besitze, die allmorgendlich genommen, jeden, bei Verpfändung von des Doktors Leben, vor der Pest schützen würde, selbst wenn er mit kranken Leuten in einem Hause wohnte. Natürlich brannten nun alle darauf, dieses Mittel zu haben, aber der Preis war sehr hoch, ich glaube, 2½ Schillinge. »Aber Herr,« sagte eine arme Frau, »ich bin eine Armenhäuslerin, und werde vom Kirchspiel erhalten, und Ihr sagt, daß die Armen Eure Hilfe umsonst haben.« – »So ist es, gute Frau,« entgegnete der Doktor, »wie’s hier gedruckt steht: ich gebe meinen Rat, aber nicht meine Medizin!« – »Dann, Herr,« sagt sie, »ist es eine Schlinge für die Armen; Ihr gebt ihnen wohl Euren Rat umsonst, nämlich den Rat, Eure Medizin für ihr Geld zu kaufen, wie es jeder Händler mit seinen Waren macht.« Darauf fing sie zu schimpfen an und blieb den ganzen Tag vor seiner Türe stehen, indem sie allem Volk, das kam, ihre Geschichte erzählte, bis der Doktor, als er sah, daß sie ihm alle Kunden vertrieb, sich genötigt sah, sie nach oben zu rufen und ihr eine Schachtel seiner Medizin für nichts zu geben, die ihr wahrscheinlich auch zu nichts taugte.

Aber die Verwirrung, in der sich das Volk befand, war eben geeignet, es für das Gerede jedes Schwindlers empfänglich zu machen. Zweifellos zogen diese quacksalbernden Burschen einen großen Gewinn aus der Torheit der bejammernswerten Leute, denn das Gedränge vor ihren Türen und das Gelaufe zu ihnen war viel größer als vor den Wohnungen von Dr. Brooks, Dr. Upton, Dr. Hodges, Dr. Berwick oder sonst irgendeinem der damals berühmtesten Ärzte, und ich habe mir sagen lassen, daß einige dieser Marktschreier durch ihre Medizinen nicht weniger als 5 Pfund im Tage verdienten.

Aber noch eine andere Verrücktheit gab es, die über all dies hinausging, und eine gute Vorstellung von dem vertrackten Gemütszustand des Volkes in jener Zeit gibt. Es lief noch hinter einem weit schlimmeren Pack von Betrügern her als alle die schon erwähnten waren, die es doch nur täuschten, um Geld aus ihm herauszuziehen, so daß die Schlechtigkeit ganz auf ihrer Seite war und nicht bei den Betrogenen. Bei dem aber, was ich jetzt erzählen werde, waren beide Teile gleich schuldig. Das war das Tragen von Amuletten, Beschwörungsformeln, Zaubermitteln und, was weiß ich, sonst noch für Zeug, um den Körper gegen die Seuche »fest« zu machen, so als ob die Pest nicht von Gott geschickt worden wäre, sondern gleichsam von einem bösen Geiste hervorgebracht würde, gegen den man sich durch kreuzförmige Striche, astrologische Zeichen, mit so und so vielen Knoten zusammengebundene Papiere, auf die gewisse Worte und Zeichen geschrieben waren, schützen könne. Für besonders wirksam galt das Wort Abracadabra, dreiecks- oder pyramidenförmig geschrieben, so nämlich:

A B R A C A D A B R A
A B R A C A D A B R
A B R A C A D A B
A B R A C A D A
A B R A C A D
A B R A C A
A B R A C
A B R A
A B R
A B
A

Andere trugen das Zeichen der Jesuiten in einem Kreuz:

I H
S

und noch andere machten nichts als ein gleichschenkeliges Kreuz:

+

Ich könnte einen großen Teil meiner Zeit aufwenden, um gegen solche Narrheiten zu eifern, denn sie bedeuten wirklich eine Leichtfertigkeit in einer Zeit derartiger Gefahr und Volksverseuchung, aber meine Aufzeichnungen wollen hauptsächlich die Tatsache als solche festlegen. Wie viele dieser armen Teufel später die Wirkungslosigkeit von all diesem Zeug herausfanden, wie viele in den Leichenkarren fortgeschafft und mitsamt ihren Amuletten und ihrem teuflischen Quark um den Hals in die Massengräber geworfen wurden, das wird im folgenden noch besprochen werden.

Alles dies war die Folge von der Kopflosigkeit, die das Volk ergriffen hatte, nachdem das erste Gerücht von der Pest sich ausbreitete, also ungefähr um Michaeli 1664, dann besonders, als die beiden Männer in St. Giles Anfang Dezember starben, und später noch einmal im Februar. Denn als nun die Seuche offenbar weiter um sich griff, begannen die Leute bald den Unsinn einzusehen, sich solchen unnützen Kerlen anzuvertrauen, die ihnen nur das Geld aus der Tasche zogen. Dann schlug ihre Angst in Stumpfheit und eine Art von Fühllosigkeit um, da sie nicht wußten, was sie tun oder lassen sollten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Sie rannten von einem Nachbarn zum andern, oder auch in den Straßen herum, von einer Tür zur andern und riefen fortwährend: Herr, hab’ Mitleid mit uns, was sollen wir tun?

Ich glaube jetzt selbst, daß gleich nach dem ersten Auftreten der Seuche die Behörden die Lage des Volkes in ernsthafte Erwägung zogen. Ich werde gleich berichten, was geschah, um die Ordnung in Hinsicht auf die Bevölkerung und die verseuchten Familien aufrechtzuerhalten. Aber was den geistigen Gesundheitszustand anbetrifft, muß erwähnt werden, daß ich selbst das verrückte Wesen der Leute beobachtet habe, die wie Wahnsinnige hinter den Quacksalbern, Schwindlern, Wahrsagern und Hexenmeistern her waren. Der Lordmayor, ein sehr gewissenhafter und frommer Mann, bestimmte Ärzte und Bader zur Hilfe für die Armen, wenn sie krank wurden und befahl insbesondere dem Ärztekollegium, Leitsätze für billige Heilmittel bei allen Symptomen der Seuche herauszugeben. Das war auch wirklich eine der besten und richtigsten Maßregeln, die zu jener Zeit getroffen werden konnte; denn dadurch vertrieb man das Volk von den Türen der Quacksalber und bewahrte es davor, jedes Gift wahllos als Medizin hinunterzuschlucken und sich den Tod statt der Genesung zu holen.

Die Anweisung der Ärzte wurde in einer Sitzung des ganzen Kollegiums ausgearbeitet, und da sie hauptsächlich zum Gebrauch der Armen und zur Anwendung billiger Heilmittel berechnet war, wurde sie veröffentlicht und Abzüge an jeden gegeben, der davon haben wollte. Da sie überall im Wortlaut zu lesen ist, brauche ich den Leser damit nicht weiter zu belästigen.

Noch muß ich schildern, welche Maßregeln von den Behörden für die allgemeine Wohlfahrt getroffen wurden, um die Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern, wenn sie einmal ausgebrochen war. Ich werde oft genug Veranlassung haben, von der Umsicht der Behörden zu reden, ihrer Wohltätigkeit und Sorgfalt für die Armen, ihrem Bemühen, die Ordnung aufrechtzuerhalten, Nahrungsmittel herbeizuschaffen und dergleichen mehr, als die Seuche nun wirklich zunahm. Aber zuerst will ich die Maßregeln beschreiben, die für die verseuchten Familien in Kraft traten.

Ich erwähnte schon früher das Absperren der Häuser, und es muß gerade darüber mehr gesagt werden. Wenn auch dieser Teil der Geschichte der Pest vielleicht der allertraurigste ist. Aber auch das Ärgste darf nicht verschwiegen werden.

Anfang Juni etwa begannen der Lordmayor von London und das Ratskollegium ihr besonderes Augenmerk auf die Ordnung in der Stadt zu richten.

Die Friedensrichter von Middlesex hatten im Auftrage des Staatssekretärs die Absperrung der Häuser in den Kirchspielen von St. Giles in the Fields, St. Martin, St. Clement Danes usw. verfügt, und zwar mit gutem Erfolge. Denn in mehreren Straßen, wo die Seuche ausgebrochen war, erlosch sie wieder, als man die verseuchten Häuser streng bewachte und dafür sorgte, daß die Verstorbenen sofort nach ihrem Tode begraben wurden. Es wurde auch beobachtet, daß die Pest früher in jenen Kirchspielen nachließ, wo sie zuerst am heftigsten gewütet hatte, als in Bishopsgate, Shoreditch, Aldgate, Whitechapel, Stepney und anderen, und es zeigte sich, daß die dort frühzeitig ergriffenen Maßregeln ein gutes Mittel waren, der Seuche Einhalt zu tun.

Die Absperrung der Häuser war eine Maßregel, die, soweit ich unterrichtet bin, zum ersten Male während der Pest von 1603, als König Jakob I. auf den Thron kam, angewendet wurde. Damals wurde die Vollmacht, Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren, durch eine Parlamentsakte gewährleistet, deren Titel lautete: Beschluß über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen. Auf diese Parlamentsakte stützte sich die Anordnung des Lordmayors von London und des Ratskollegiums, die am 1. Juli 1665 herauskam, als die Zahl der Verseuchten innerhalb der City noch klein war. Sie betrug damals für die 92 Kirchspiele nur vier. Einige Häuser waren bereits abgesperrt worden, und mehrere Kranke hatte man in das Pesthaus über Bunhill Fields hinaus, auf dem Wege nach Islington, gebracht. Durch derartige Maßregeln hatte man erreicht, daß die Sterblichkeit in der City sich auf nicht mehr als 28 belief, während die Gesamtsterblichkeit innerhalb einer Woche schon an ein Tausend ging. So war die City verhältnismäßig besser dran als irgendein Stadtteil während der ganzen Pestzeit.

Diese Verfügungen des Lordmayors wurden gegen Ende Juni veröffentlicht und traten am 1. Juli in Kraft. Sie lauteten:

Beschluß beraten und herausgegeben vom Lordmayor und Ratskollegium der Stadt London in Betreff der Ansteckung durch die Pest, 1665.

Nachdem während der Regierung des Königs Jakob, glücklichen Gedenkens, eine Parlamentsakte erschien über die mildtätige Unterstützung und Behandlung von an der Pest erkrankten Personen, wodurch den Friedensrichtern, Bürgermeistern, Landvögten und anderen Oberbehörden Gewalt verliehen wurde, innerhalb ihres Amtsbezirkes Leichenbeschauer, Visitatoren, Wachleute, Aufseher und Totengräber zu bestimmen für die verseuchten Personen und Orte und sie auf die Pflichten ihres Ortes zu vereidigen, das gleiche Gesetz sie auch ermächtigte, weitere Verfügungen zu treffen, die ihnen in der gegenwärtigen Notlage als wünschenswert erscheinen möchten, so wird hiermit nach reiflicher Überlegung als besonders wirksam zur Verhinderung und Vermeidung der Ansteckung (so es dem allmächtigen Gott gefällt) verordnet, daß die folgenden Amtspersonen ernannt und die Verfügungen genau beobachtet werden.

In jedem Kirchspiel zu ernennende Visitatoren

Erstlich erscheint es erforderlich und wird hiermit verfügt, daß in jedem Kirchspiel ein, zwei oder mehr Personen von gutem Ruf und Ansehen durch den Ratsherrn, seinen Vertreter und das Pflegschaftsgericht unter dem Namen von Visitatoren verpflichtet werden, um in ihrem Amte für die Mindestdauer von zwei Monaten zu bleiben; daß ferner jede dazu taugliche Person, so sie sich weigern sollte, ihr Amt zu übernehmen, gefangen gesetzt würde, bis sie ihre Zustimmung erklären sollte.

Amtsbefugnisse der Visitatoren

Daß diese Visitatoren durch die Ratsmänner in geschworne Pflicht genommen werden, von Zeit zu Zeit zu untersuchen und auszuforschen, welche Häuser in jedem Kirchspiel verseucht, welche Personen und an welchen Übeln sie erkrankt seien, und zwar nach bestem Wissen und Gewissen, und daß sie in zweifelhaften Fällen sich zwangsweise Eintritt verschaffen, bis die Art der Erkrankung festgestellt ist; daß sie ferner, wenn eine Person an der Seuche erkrankt sollte befunden werden, dem Konstabler befehlen, das Haus abzusperren, und falls solcher als nachlässig befunden werden sollte, dies sofort dem Pflegschaftsrichter zur Anzeige bringen.

Wächter

Daß für jedes verseuchte Haus zwei Wächter bestellt werden, einer für den Tag, der andere für die Nacht, und daß diese Wächter dafür zu sorgen haben, daß kein Mensch ein solches verseuchtes Haus, das sie zu bewachen haben, betrete oder verlasse, bei Androhung schwerer Strafe. Auch haben besagte Wächter solche Hilfe zu leisten, als in dem verseuchten Hause verlangt und gefordert werde und, falls sie zur Ausführung irgendeines Auftrages weggeschickt werden, das Haus abzuschließen und den Schlüssel mit sich zu nehmen. Und hat der Tagwächter seinen Dienst bis 10 Uhr abends zu versehen, der Nachtwächter bis 6 Uhr des Morgens.

Leichenbeschauer

Daß besondere Sorge darauf gerichtet werde, weibliche Leichenbeschauer in jedem Kirchspiel zu ernennen, die als anständig bekannt sind und am besten dazu geeignet, und daß sie eidlich verpflichtet werden, ihr Amt nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen und wahrheitsgemäße Berichte abzustatten, ob die von ihnen untersuchten Personen an der Pest oder an was sonst für Krankheiten gestorben sind, und daß die Ärzte, die zur Behandlung und Verhinderung der Ansteckung ernannt wurden, besagte Leichenbeschauerinnen herbeiholen, die für die unter ihrer Aufsicht stehenden Kirchspiele bestimmt wurden oder werden, um zu entscheiden, ob sie für ihr Amt geeignet seien, und sie von Zeit zu Zeit nach Bedarf ermahnen, falls sie nachlässig in der Ausübung ihrer Pflichten befunden werden.

Daß während der Dauer der Seuche keine Leichenbeschauerin soll befugt sein, irgendeinen öffentlichen Beruf auszuüben, einen Laden oder Stand zu halten, oder als Wäscherin oder in irgendeiner sonstigen Beschäftigung zu arbeiten.

Wundärzte

Zur Unterstützung der Leichenbeschauer und infolge der großen Unzuträglichkeiten bei falschen Angaben über die Seuche, die zur Ausbreitung der Ansteckung führten, wird hiermit verfügt, daß fähige und zuverlässige Wundärzte außer jenen, die bereits dem Pesthaus angegliedert sind, bestimmt werden, und die auf die City und die äußeren Bezirke, je nach Bedarf und Zweckmäßigkeit zu verteilen sein sollen, so daß jeder von ihnen ein Quartier als Amtsbezirk habe, und sollen besagte Wundärzte in ihren Bezirken zusammen mit den Leichenbeschauern die Aufsicht über die Leichen ausüben, um dadurch einen wahrhaftigen Bericht über die Seuche zu gewährleisten.

Und ferner, daß besagte Wundärzte sollen aufsuchen und untersuchen alle Personen, die sie holen lassen, oder von den Visitatoren in jedem Kirchspiel ihnen bezeichnet oder angewiesen werden, um sich über die Krankheit obiger Personen zu unterrichten.

Und desweilen besagte Wundärzte alle sonstigen Behandlungen sollen aufzugeben gehalten sein und ausschließlich für die Seuche verwendet werden, wird verfügt, daß jeder der besagten Wundärzte für eine jede besichtigte Leiche 12 Pence erhalten soll, die aus dem Vermögen der betr. Familie genommen werden sollen, wenn sie zahlungsfähig ist, und sonst dem Kirchspiel zur Last fallen.

Pflegewärterinnen

So eine Pflegewärterin sich aus einem verseuchten Hause entfernt, ehe 28 Tage seit dem Hinscheiden irgendeiner an der Seuche verstorbenen Person vergangen sind, soll das Haus, in das besagte Pflegewärterin verzogen, für 28 Tage abgesperrt werden.

Verfügungen betreffend verseuchte Häuser und die an der Pest Erkrankten

Anzeigepflicht von Krankheiten

Jeder Hausherr ist verpflichtet, sobald ein Inwohner seines Hauses über Beulen, rote Flecken oder Schwellungen an irgendeinem Teile seines Körpers klagt, oder ohne klares Anzeichen eines anderen Leidens in schwere Krankheit verfällt, davon sofort dem Gesundheitsvisitator Anzeige zu erstatten binnen zwei Stunden, nachdem erwähnte Erscheinungen eingetreten sind.

Absonderung der Kranken

Sobald irgend jemand als pestverdächtig von seinem Visitator, Wundarzt oder einem Leichenbeschauer angezeigt wird, soll er noch dieselbe Nacht in dem gleichen Hause abgesondert werden, und nachdem dies geschehen, soll das Haus, auch wenn es sich nicht um einen Todesfall handelt, für einen Monat abgesperrt werden, nach Gebrauch wirksamer Vorbeugungsmittel von seiten der anderen Inwohner.

Ausräucherung des Hausrats

Die Bettsachen, Kleider und Vorhänge der Verseuchten sind zu beschlagnahmen und mit Feuer gut auszuräuchern mit solchem Räucherwerk, als dazu geeignet erscheint, innerhalb des verseuchten Hauses, ehe sie wieder in Gebrauch genommen werden dürfen. Und soll das nach Verfügung des Visitators ausgeführt werden.

Absperrung der Häuser

Wer immer irgend jemand besucht, der an der Pest verseucht ist oder freiwillig sich in ein als verseucht bekanntes Haus begibt, ohne dazu Erlaubnis zu haben, dessen Haus soll für eine gewisse Zeit auf Anordnung des Visitators abgesperrt werden.

Niemand darf aus einem verseuchten Hause entfernt werden usw.

Desgleichen soll niemand aus dem Hause entfernt werden, wo er angesteckt wurde, noch in irgendein anderes Haus in der Stadt gebracht werden (außer in das Pesthaus oder eine Baracke oder ein solches Haus, das dem Besitzer besagten Hauses zugehört und nur von seiner eigenen Dienerschaft bewohnt wird) und soll zur Sicherheit des betr. Kirchspiels, wohin solcher Umzug stattfindet, unter genauer Beobachtung aller bereits erwähnten Verordnungen und gehöriger Aufsicht der Umzug bei Nacht ausgeführt werden, ohne daß daraus dem Kirchspiel irgendwelche Kosten erwachsen dürfen; und soll es jeder Person, die im Besitze von zwei Häusern ist, erlaubt sein, die gesunden oder verseuchten Insassen nach seiner Wahl in das andere Haus zu verlegen, dermaßen, daß, wenn er die Gesunden entfernt, Verseuchte nachzuschicken ihm soll verboten sein und umgekehrt, und daß jene, die er fortschickt, zum mindesten für eine Woche sollen abgesperrt und von jeder Gesellschaft abgesondert werden, aus Vorsicht vor jeder noch nicht sichtbaren Ansteckung.

Begräbnis der Toten

Daß das Begräbnis der Toten während der Zeit dieser Seuche solle stattfinden zu den passendsten Stunden, stets vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang im Beisein des Kirchenvorstehers oder Konstablers und keines andern, und soll es weder Nachbarn noch Freunden erlaubt sein, die Leiche zu der Kirche zu begleiten oder das verseuchte Haus zu betreten bei Gefängnisstrafe oder Absperrung des eigenen Hauses.

Auch daß keine Leiche eines an der Seuche Verstorbenen soll begraben werden oder in einer Kirche bleiben dürfen zur Zeit des Gottesdienstes, der Predigt oder Christenlehre, ebenso, daß keinen Kindern soll erlaubt sein, während eines Begräbnisses in der Kirche, auf dem Kirchhof oder sonstigem Begräbnisplatz in die Nähe der Leiche, des Sarges oder Grabes zu kommen, auch daß alle Gräber sollen zum mindesten sechs Fuß tief sein.

Daß ferner alle Versammlungen bei andern Begräbnissen während der Dauer der Seuche zu verbieten seien.

Verbot der Veräußerung von verseuchten Gegenständen

Daß es nicht erlaubt sein soll, Stoffe, Kleider, Bettzeug oder Anzüge aus irgendeinem verseuchten Hause zu entfernen oder herauszubringen, und daß es den Versteigerern und Hausierern von Bettzeug oder alten Kleidern aufs strengste verboten sein soll, solches zu verkaufen oder auf Versatz zu belehnen, auch es keinen Trödlern von Bettzeug und alten Kleidern gestattet sein soll, solche öffentlich auszuhängen vor ihren Laden, Ständen oder hinter den Fenstern, die auf eine Straße, Gasse, einen Durchgang oder öffentlichen Platz gehen, bei Gefängnisstrafe. Und soll jeder Trödler oder wer sonst immer, der Bettzeug, Kleider oder dergleichen aus einem verseuchten Hause kauft, innerhalb zweier Monate seit der Verseuchung, in seinem Haus gleich als einem verseuchten abgesperrt werden, zum mindesten für die Dauer von 20 Tagen.

Verbot der Wegschaffung aus einem verseuchten Hause

So irgend jemand durch Fahrlässigkeit oder auf andere Weise von einem verseuchten Ort nach einem andern kommt oder gebracht wird, soll das Kirchspiel, von wo er gekommen ist oder gebracht wurde, auf die Anzeige davon, auf seine Kosten, besagten Flüchtling wieder bei Nacht zurückbringen lassen, und sollen die Schuldigen nach Verfügung des Pflegschaftsrichters bestraft, das Haus aber von dem, der den Besuch empfangen, für 20 Tage abgesperrt werden.

Anzeichnung der verseuchten Häuser

Daß jedes verseuchte Haus in der Mitte der Tür mit einem roten Kreuz von einem Fuß Länge soll bezeichnet werden, daß solches überall gesehen werden kann und soll in Druckschrift dicht über besagtes Kreuz der Spruch gesetzt werden: Herr, habe Mitleid mit uns, und soll so lange dort bleiben, bis besagtes Haus wieder rechtmäßig geöffnet wurde.

Über die Bewachung verseuchter Häuser

Daß die Konstabler sich überzeugen sollen, daß jedes verseuchte Haus von Wächtern beobachtet wird, die die Eingeschlossenen mit dem Notwendigsten versorgen, auf ihre Kosten und im Falle des Unvermögens auf Kosten der Allgemeinheit. Und soll das Absperren der Häuser vier Wochen dauern, nach Wiedereintritt der Gesundheit.

Soll genau darauf geachtet werden, daß Leichenbeschauer, Wundärzte, Wärter und Leichenträger sich nicht auf der Straße zeigen, ohne einen roten Stab oder eine rote Gerte von drei Fuß Länge offen und jedermann sichtbar in der Hand zu tragen, und sollen sie gehalten sein, kein anderes Haus als ihr eigenes zu betreten oder wohin sie gerufen und geholt werden; auch sollen sie sich fern von jeder Gesellschaft halten, besonders wenn sie kürzlich in ihrem Berufe tätig waren.

Hausbewohner

Soll, wo mehrere Insassen in ein und demselben Hause sind und einer von ihnen von der Seuche ergriffen wird, es niemand aus diesem Hause erlaubt sein, den Erkrankten oder sich selbst zu entfernen ohne Gesundheitszeugnis von den Visitatoren des Kirchspiels und soll im Verfehlungsfalle das Haus, wohin er oder sie sich begeben, gerade so abgesperrt werden als im Falle der Verseuchung.

Öffentliche Wagen

Sollen die Kutscher der öffentlichen Wagen darauf achten, daß sie ihre Wagen nicht, wie schon manchmal beobachtet wurde, nachdem sie verseuchte Personen zum Pesthaus oder nach andern Plätzen gebracht haben, wieder in den allgemeinen Verkehr stellen, ehe sie ordentlich durchräuchert und für die Dauer von 5 oder 6 Tagen beiseite gestellt worden sind.

Verfügungen über die Straßenreinigung

Die Straßen müssen rein gehalten werden.

Erstlich wird es für nötig erachtet und daher bestimmt, daß jeder Hausbesitzer die Straße vor seiner Tür täglich reinigen lassen soll, und soll sie die ganze Woche lang ordentlich gekehrt werden.

Über die Gassenkehrer

Soll der Kehricht und die Hausabfälle täglich von den Straßenkehrern weggebracht werden, und soll der Straßenkehrer auf seine Ankunft durch das Blasen eines Hornes aufmerksam machen, wie es auch bisher geschah.

Über die Anlage von Abfallgruben

Sollen die Abfallgruben soweit als möglich von der Stadt und allen öffentlichen Straßen entfernt werden, und soll es keinem Abtritträumer erlaubt sein, eine Tonne in eine Grube oder einen Garten in der Nähe der Stadt auszuleeren.

Über verdorbene Lebensmittel

Soll besonders darauf Bedacht genommen werden, daß kein riechender Fisch, verdorbenes Fleisch oder dämpfiges Getreide oder andere verdorbene Lebensmittel, welcher Art immer, in irgendeinem Teile der Stadt verkauft werden.

Sollen die Brauereien und Schenken nach ungereinigten Fässern durchsucht werden.

Soll es verboten sein, Schweine, Hunde, Katzen, zahme Tauben oder Kaninchen in irgendeinem Teile der Stadt zu halten, oder Schweine in den Straßen und Gassen frei laufen zu lassen, und sollen solche Schweine von dem Büttel oder sonst einer Amtsperson eingesperrt, der Besitzer aber bestraft werden nach den Verordnungen des Stadtrats, und sollen die Hunde durch die dafür bestimmten Hundefänger getötet werden.

Verfügungen betreffend liederliche Personen und unnütze Gesellschaften. Bettler

Angesehen, daß über nichts mehr geklagt wird als die Menge der Landstreicher und herumziehenden Vagabunden, die überall um die Stadt ihr Unwesen treiben und viel dazu tun, um die Seuche zu verbreiten und trotz aller Verordnungen nicht weggeschafft werden können, so wird hiermit verfügt, daß Polizeidiener und andere, die es angeht, besonders Bedacht darauf nehmen, daß keinem herumziehenden Vagabunden das Betreten der Straßen in der Stadt erlaubt werde, und zwar unter keinem Vorwand, was immer, und soll die festgesetzte Strafe nach der ganzen Strenge des Gesetzes ihnen gegenüber zur Anwendung kommen.

Belustigungen

Sollen alle Belustigungen wie Bärenhetzen, Kartenspiele, das Singen von Moritaten u. dgl., die einen Auflauf von Menschen verursachen, aufs strengste verboten sein, und sollen die Übertreter von jedem Ratsherrn in seinem Bezirk schwer bestraft werden.

Über Festessen

Sollen alle öffentlichen Festessen, besonders jene der städtischen Innungen, in Gast- und Bierhäusern und allen sonstigen Orten für öffentliche Zusammenkünfte, bis auf weiteres verboten sein, und soll das hierdurch ersparte Geld zum Wohle der von der Seuche betroffenen Armen verwendet werden.

Schenken

Soll das unmäßige Zechen in Gasthäusern, Bierhäusern, Kaffeehäusern und Kellern aufs Ernstlichste getadelt werden, als das allgemeine Laster unserer Zeit und bestes Mittel, die Seuche zu verbreiten. Und soll es keiner Person oder Gesellschaft erlaubt sein, ein Gasthaus, Bierhaus oder Kaffeehaus zu betreten oder darin nach neun Uhr abends zu verweilen, gemäß dem alten Gesetz und Gebrauch dieser Stadt, bei gesetzlicher Strafe.

Zur leichteren Durchführung dieser Verfügungen und weiterer Verordnungen, die nach genauer Erwägung nötig befunden werden sollten, wird hiermit bestimmt, daß die Ratsherrn, ihre Vertreter sowie die Gemeindevertreter wöchentlich zusammenkommen, und zwar einmal, zweimal, dreimal oder öfter, je nach Notwendigkeit, an irgendeinem in ihren Pflegschaftsbezirken üblichen, von jeder Ansteckung oder Verseuchung freien, Orte, um zu beraten, auf welche Weise besagte Verfügungen zur Ausführung zu bringen sind. Und sollen solche, die in oder nahe an verseuchten Plätzen wohnen, ihr Kommen unterlassen. Und sollen besagte Ratsherrn, Stellvertreter und Gemeindevertreter, in ihren verschiedenen Bezirken alle Verfügungen in Wirksamkeit setzen, die von ihnen bei besagter Zusammenkunft beraten und zum Wohle von seiner Majestät Untertanen und zu ihrer Befreiung von der Seuche für richtig gehalten worden sind.

Sir John Lawrence,Lordmayor
Sir George Waterman} Sherifs
Sir Charles Doe

Es ist unnötig zu sagen, daß diese Verfügungen nur jene Plätze betrafen, die unter der Gerichtsbarkeit des Lordmayors standen, aber die Friedensrichter der Kirchspiele, die zu der näheren Umgebung und den Vorstädten gehörten, ergriffen die gleichen Maßregeln. Freilich wurde zur Absperrung der Häuser auf unserer Seite erst später geschritten, weil, wie ich schon erzählt habe, die Pest nicht so bald zu uns kam und erst Anfang August ihre volle Heftigkeit entfaltete.

Anfangs nannte man diese Absperrung der Häuser eine recht grausame und unchristliche Maßregel, und die solchermaßen eingesperrten Leute klagten aufs Bitterste; auch kamen täglich die heftigsten Beschwerden an den Lordmayor über zu Unrecht oder aus Bosheit abgesperrte Häuser. Die Untersuchung ergab die Grundlosigkeit mancher Beschwerden; in andern Fällen zeigte sich, daß die Krankheit nicht zu den ansteckenden gehörte, oder auch, daß die Erkrankten, wennschon ihr Fall nicht sicher war, eingewilligt hatten, nach dem Pesthause gebracht zu werden, worauf die Absperrung aufgehoben wurde.

Eines Tages, als ich etwa um 8 Uhr morgens durch Houndsditch kam, hörte ich einen großen Lärm. Zwar waren nur wenige Leute auf der Straße, da es ihnen verboten war, dort lange herumzustehen oder sich mit andern herumzutreiben, auch hielt ich mich selbst nicht lange auf, aber das laute Geschrei erweckte meine Neugierde, so daß ich einem, der aus dem Fenster schaute, zurief und ihn fragte, was es denn gäbe.

Wie es schien, war der Wächter, der vor dem verseuchten oder angeblich verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, nun schon zwei Nächte hintereinander dagewesen, wie er wenigstens erzählte, und der Tagwächter, der auch schon einen Tag hier sein Amt versehen hatte, war eben gekommen, um ihn abzulösen – und während dieser ganzen Zeit war kein Laut aus dem Hause gedrungen, kein Licht hatte sich gezeigt, die Leute verlangten nichts, schickten den Wächter weder auf irgendeine Besorgung, was doch gemeinhin die Haupttätigkeit der Wächter ausmachte, noch wollten sie sonst etwas von ihm. So war es nach seinem Berichte seit Montagnachmittag. Da hatte er in dem Hause ein arges Schreien und Heulen gehört, wie er meinte, weil dort gerade jemand gestorben war. Wirklich war auch der Leichenkarren in der vorhergehenden Nacht vor der Türe angehalten und die Leiche eines Dienstmädchens herabgebracht worden. Die Leichenträger hatten sie in den Karren geworfen, wie sie war, nur in ein Stück grünes Zeug gewickelt, und waren davongefahren.

Als der Lärm und das Geschrei ertönte, hatte der Wächter an die Türe geklopft, aber eine ganze Weile hatte niemand geantwortet. Endlich hatte jemand zum Fenster herausgesehen und mit einer verärgerten, aber doch weinerlichen Stimme gefragt: »Was wollt Ihr denn, daß Ihr so klopft?« Er hatte geantwortet: »Ich bin der Wächter, wie geht’s Euch? Was ist los?« – Die Person hatte darauf gerufen: »Was geht das dich an? Halt’ den Leichenkarren an.« Das war so um 1 Uhr herum gewesen. Bald nachher hatte er, wie er erzählte, den Leichenkarren angehalten und von neuem geklopft, aber keine Antwort erhalten. Auch als er immer weiter geklopft und der Kerl von dem Karren mit seiner Glocke geläutet und wiederholt gerufen hatte: »Bringt die Leiche heraus!«, war alles still geblieben, bis der Fuhrmann, der irgendwo anders gebraucht wurde, endlich nicht mehr warten wollte und weggefahren war.

Der Wächter hatte nicht gewußt, was er aus all dem machen sollte, so hatte er die Sache auf sich beruhen lassen, bis der Tagwächter zur Ablösung gekommen war. Nachdem er ihm alles aufs genaueste erzählt hatte, klopften die beiden eine Zeitlang an die Türe, aber ohne Erfolg. Doch bemerkten sie, daß das Fenster oder der Fensterflügel im zweiten Stock, aus dem die Person herausgeschaut und gerufen hatte, noch immer offen stand.

Darauf holten die beiden Leute, um ihre Neugier zu befriedigen, eine lange Leiter, und einer von ihnen stieg hinauf und spähte in das Zimmer. Dort sah er die Leiche einer Frau auf dem Boden liegen, die nichts als ein Hemd an hatte. Aber obwohl er laut rief und mit seinem langen Stock auf den Boden stieß, rührte sich nichts, auch war kein Laut in dem ganzen Hause zu hören.

Nun stieg er wieder herunter und sprach mit seinem Kameraden, der auch hinaufstieg und alles gerade so fand wie der andere, worauf sie sich entschlossen, die Sache beim Lordmayor oder einer andern Behörde zur Anzeige zu bringen. Aber durchs Fenster wollte keiner von ihnen steigen. Von seiten der Behörde wurde auf die Anzeige hin befohlen, das Haus aufzubrechen, und zwar in Gegenwart eines Konstablers und anderer dazu bestimmter Personen, damit nichts gestohlen würde. Also geschah es, es wurde aber niemand in dem Hause gefunden als die Leiche jenes jungen Weibes, das man, da doch nichts mehr zu machen war, sich selbst überlassen hatte. Die andern hatten wohl auf irgendeine Weise den Wächter getäuscht und sich durch die Tür oder eine Hintertür oder über die Dächer davongemacht. Er selbst konnte darüber keine Angaben machen, und was das Schreien und Heulen anbetraf, so war es wohl bei dem jämmerlichen Abschied gewesen, der ihnen zu tiefst ans Herz ging, da es sich um die Schwester der Hausfrau handelte. Der Mann selber, seine Frau, mehrere Kinder und Dienstboten waren alle fort und geflohen, ob krank oder gesund, konnte ich niemals erfahren, freilich zog ich auch keine Erkundigungen ein.

In einem andern Hause in einer Straße, ganz nahe bei Aldgate, war, wie man mir erzählte, eine ganze Familie abgesperrt und eingeschlossen worden, weil das Dienstmädchen krank geworden war. Der Vater der Familie hatte durch seine Freunde bei dem nächsten Ratsherrn und beim Lordmayor Beschwerde einlegen lassen und sich bereit erklärt, das Mädchen in das Pesthaus bringen zu lassen, was ihm aber abgeschlagen wurde. Die Türe wurde also mit einem roten Kreuz bezeichnet, ein Schloß vorgelegt und ein Wächter hingestellt, wie die Verordnungen es vorschrieben.

Als der Hausherr sah, daß dagegen nichts zu machen war, und daß er, seine Frau und seine Kinder mit diesem armen verseuchten Dienstboten eingesperrt waren, rief er dem Wächter zu, er solle sogleich eine Pflegerin für die Kranke holen, denn für sie alle würde die Pflege sicheren Tod bedeuten. Er sagte dem Wächter in dürren Worten, wenn er das nicht tue, würde das Mädchen entweder an der Seuche sterben oder an Hunger zugrunde gehen, denn er wäre fest entschlossen, kein Mitglied seiner Familie in ihre Nähe zu lassen. Dazu lag sie in der Dachstube über vier Treppen, wo ihr Schreien oder um Hilfe rufen von niemand gehört werden konnte.

Der Wächter willigte ein, ging weg und holte eine Pflegerin, wie er beauftragt worden war; brachte sie auch noch denselben Abend. Der Hausherr benützte inzwischen die Gelegenheit, ein großes Loch durch seinen Laden in eine Bude oder einen Stand zu brechen, wo früher ein Schuhflicker unter seinem Ladenfenster gesessen hatte. Bei diesen traurigen Zeiten aber war er wahrscheinlich tot oder verzogen, und so hatte der Herr den Schlüssel in Gewahrsam. Solange der Wächter da war, hätte er freilich des Lärms wegen das Loch nicht durch die Wand brechen können. Als er nun drin in der Bude war, hielt er sich ganz still, bis der Wächter mit der Pflegerin zurückkam, und so machte er’s auch am nächsten Tage. In der folgenden Nacht aber schickte er den Wächter mit dem Auftrage weg, aus der Apotheke ein Pflaster für die Kranke zu holen, das erst hergerichtet werden mußte, oder gab ihm einen andern Auftrag, der ihn einige Zeit entfernt hielt, und während dieser Zeit machte er sich mit der ganzen Familie davon, und überließ es dem Wächter und der Pflegerin, das arme Geschöpf zu beerdigen, d. h. in den Leichenkarren zu werfen und für das Haus zu sorgen.

Nicht weit davon schütteten sie angezündetes Schießpulver auf einen Wächter und verbrannten den armen Teufel jämmerlich. Während er fürchterlich brüllte und niemand sich zur Hilfe herbeiwagte, stieg die ganze Familie aus den Fenstern im ersten Stock und ließ zwei Kranke zurück, die laut um Hilfe schrien. Man trug Sorge, ihnen Pflegerinnen zu verschaffen, aber die geflohenen Leute wurden niemals entdeckt, bis sie nach Erlöschen der Seuche zurückkehrten. Da aber kein Beweis gegen sie vorlag, konnte ihnen nichts geschehen.

In andern Fällen gab es Gärten, Mauern oder Zäune zwischen den Häusern und den Nachbargebäuden oder Höfe und Hinterhäuser, und aus Freundschaft oder auf ihre inständigen Bitten hin ließ man die Leute über die Mauern oder Zäune klettern und verschaffte ihnen so einen Ausgang durch die Nachbarhäuser. Oder sie bestachen die Dienstboten, sie bei Nacht durchzulassen, so daß alles in allem die Absperrung der Häuser keineswegs sicher war. Noch erfüllte sie überhaupt ihren Zweck und diente mehr dazu, die Leute in Verzweiflung und bis zum Äußersten zu bringen, um nur unter allen Umständen hinauszukommen.

Und was dabei das Schlimmste war, war, daß diejenigen, die so die Flucht ergriffen, die Ansteckung immer weiter verbreiteten, indem sie sich, schon verseucht, in der schauerlichsten Lage herumtrieben, was sonst nicht der Fall gewesen wäre. Wer sich die Sache in allen Einzelheiten vor Augen führt, muß zugeben, daß die Härte solcher Absperrungen viele Leute toll machte, so daß sie auf jede Gefahr hin aus den Häusern rannten, und das mit der Pest im Leibe und ohne zu wissen, wohin sie sich wenden oder was sie tun sollten, oder auch was sie taten. Manche gerieten in die schrecklichste Not und gingen auf den Straßen oder Feldern an Entkräftigung zugrunde, oder ließen sich in der Fieberhitze der Krankheit einfach zu Boden fallen. Andere wanderten aufs Land hinaus, irgendwohin, wie es ihnen gerade ihr Elend eingab, ohne Ziel und Zweck, bis sie, erschöpft und hinfällig, im Straßengraben verkamen. Denn niemand kam ihnen zu Hilfe, und überall in den Häusern oder Dörfern an der Straße weigerte man sich sie aufzunehmen, ob sie krank waren oder nicht. Manche verkrochen sich in Heuschober und starben dort, denn kein Mensch wagte nur in ihre Nähe zu kommen, oder glaubte ihnen, daß sie nicht angesteckt wären.

Wenn anderseits die Pest in eine Familie einbrach, d. h. wenn ein Familienmitglied ausgegangen war und von irgendwoher die Ansteckung heimbrachte, so erfuhr es die Familie sicherlich früher als die Aufsichtsbeamten, die ernannt worden waren, um die Kranken zu untersuchen. In der Zwischenzeit hatte dann der Hausherr bequem Gelegenheit, mit seiner ganzen Familie fortzuziehen, falls er wußte wohin, und viele taten das auch. Aber das Unglück war, daß eine Menge davon schon angesteckt waren und so die Seuche in die Häuser jener brachten, die sie gastfreundlich aufnahmen, was im höchsten Grade grausam und undankbar war.

Bisher sprach ich von jenen Leuten, die aus Angst, eingesperrt zu werden, jedes Mittel ergriffen, sei es List oder Gewalt, um vor oder nach der Zuschließung der Häuser herauszukommen, und deren Elend dadurch nicht vermindert, sondern eher gesteigert wurde. Aber außerdem gab es viele unter den Flüchtlingen, die Zufluchtsorte und andere Häuser hatten, wohin sie sich zurückzogen und verborgen hielten, bis die Seuche erloschen war. Andere Familien, die das Kommen der Seuche voraussahen, stapelten Haufen von Nahrungsmitteln und Vorräten auf, genug für sie alle, und schlossen sich so gänzlich ab, daß man von ihnen weder etwas sah noch hörte, bis die Seuche vorbei war, worauf sie endlich wieder in voller Gesundheit zum Vorschein kamen. Ich erinnere mich mehrerer solcher Fälle und könnte im einzelnen anführen, wie sie es machten. Zweifellos war das das Sicherste, was man tun konnte für solche, deren Verhältnisse keine Entfernung erlaubten oder die keinen geeigneten Zufluchtsort besaßen, denn wenn sie sich so abgeschlossen hatten, war’s gerade, als ob sie hundert Meilen weit weg gewesen wären. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß irgendeine dieser Familien erkrankt wäre. Unter ihnen waren besonders einige holländische Kaufleute bemerkenswert, die ihre Häuser wie gegen eine Belagerung herrichteten und niemand erlaubten, hinein oder heraus oder nur in die Nähe zu kommen. Eins von diesen Häusern stand in einem Hofe in der Throckmorton-Straße und ging auf Drapers Garten.

Aber nun wieder zurück zu den Verseuchten, die von den Behörden abgesperrt wurden. Ihr Elend ist gar nicht zu beschreiben, und gewöhnlich kam auch aus solchen Häusern das schauerlichste Geschrei und Gejammer der armen verzweifelten Leute, die ihre Liebsten in solch fürchterlicher Lage sahen und dabei eingesperrt wie im Gefängnis waren.

Ich erinnere mich – und während ich’s niederschreibe, ist’s mir, als hörte ich noch jetzt den ganzen Jammer – ich erinnere mich, sage ich, an eine Dame, die eine einzige Tochter hatte, ein junges Mädchen von etwa 19 Jahren. Sie waren recht wohlhabend und wohnten in einem Hause allein für sich. Die beiden waren mit ihrem Dienstmädchen irgendwo fort gewesen, aber ungefähr zwei Stunden nach ihrer Rückkehr klagte das junge Mädchen über Unwohlsein, eine Viertelstunde später begann sie, sich zu erbrechen und fühlte heftige Kopfschmerzen. »Gott verhüte,« sagte die Mutter in entsetzlicher Angst, »daß mein Kind die Pest habe!« Da die Kopfschmerzen zunahmen, ließ die Mutter das Bett wärmen und brachte ihre Tochter zu Bett. Dann gab sie ihr etwas, um sie zum Schwitzen zu bringen, was man gewöhnlich tat, wenn die ersten Anzeichen der Seuche sich einstellten.

Während das Bett noch gelüftet wurde, entkleidete die Mutter das junge Frauenzimmer, und indem sie mit einer Kerze ihren Körper ableuchtete, gewahrte sie sogleich die heillosen Merkmale der Seuche in der Leistengegend. Unfähig sich zu beherrschen, ließ sie die Kerze fallen und stieß ein so schauerliches Geschrei aus, daß das mutigste Herz auf der ganzen Welt dadurch erschüttert worden wäre. Damit nicht genug, fiel sie in Ohnmacht, rannte, als sie wieder zu sich kam, vom Entsetzen gepackt, durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und hinunter, wie eine Wahnsinnige. Und das war sie auch. Sie fuhr fort stundenlang zu schreien und zu kreischen, denn offenbar hatte sie jede Herrschaft über sich verloren und, wie ich hörte, wurde sie auch nie mehr ganz vernünftig. Was ihre Tochter anbetrifft, so war sie schon so gut als tot, denn der kalte Brand, der die Flecken hervorruft, hatte sich bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie starb nach weniger als zwei Stunden. Doch die Mutter schrie noch immer fort, ohne etwas davon zu merken. Das alles ist so lange her, daß ich mich nicht mehr genau erinnere, aber ich glaube, daß die Mutter sich nicht wieder erholte und nach zwei oder drei Wochen starb. –

Vor mir liegt die Geschichte von zwei Brüdern und einem Vetter von ihnen, die alle drei Junggesellen waren. Sie waren zu lange in der Stadt geblieben, um noch weg zu können, und da sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, auch keine Mittel zu einer weiteren Reise besaßen, dachten sie sich zu ihrer Rettung etwas aus, das zuerst hoffnungslos aussah, aber doch eigentlich das Natürlichste war. Man muß sich wundern, daß nicht mehr Leute darauf verfielen. Sie waren zwar von niederem Stande, aber doch nicht so gänzlich mittellos, um sich nicht das Nötigste zu verschaffen, und als sie sahen, daß die Seuche in der schrecklichsten Weise zunahm, entschlossen sie sich, so gut es eben gehen wollte, sich auf und davon zu machen.

Einer von ihnen war in den letzten Kriegsläuften Soldat und noch früher in den Niederlanden gewesen. Er hatte außer dem Gebrauch der Waffen nichts besonderes gelernt, und da er infolge einer Verwundung keine schwere Arbeit ausführen konnte, war er bei einem Bäcker von Schiffszwieback in Wapping in Arbeit getreten.

Sein Bruder war ein Matrose gewesen, hatte aber irgendwie eine Verletzung am Bein davongetragen, die ihn verhinderte, weiterhin zur See zu gehen. Er hatte dann bei einem Segelmacher in Wapping oder da herum in Arbeit gestanden, und da er seine Sachen gut zusammenhielt, hatte er sich eine Kleinigkeit erspart und war von den Dreien der Reichste.

Der dritte war seines Zeichens ein Zimmermann, ein geschickter Bursche. Alles, was er besaß, war zwar nur sein Werkzeugkasten, aber mit dessen Hilfe verstand er, sich überall seinen Lebensunterhalt zu verschaffen. In solchen Zeiten freilich war auch er arbeitslos. Übrigens wohnte er in Shadwell.

Alle ihre Arbeitsplätze gehörten zu dem Kirchspiel von Stepney, das zuletzt von der Seuche erfaßt wurde, und daher waren sie geblieben, bis sie sahen, daß die Pest in den Westteilen der Stadt allmählich erlosch und sich nun nach Osten wandte, wo sie wohnten.

Die Geschichte dieser drei Leute werde ich an ihrem Orte ausführlich erzählen, da sie in künftigen schlimmen Zeiten für manchen von nicht geringem Nutzen sein mag, aber vorläufig habe ich noch anderes zu berichten. –

In der ersten Zeit bewegte ich mich ganz sorglos in der Stadt umher, wenn auch nicht so sorglos, um mich offensichtlicher Gefahr auszusetzen, außer damals, als man das Massengrab im Kirchhof von Aldgate aushob. Das war eine fürchterliche Grube, und in meiner Neugier mußte ich hingehen und sie anschauen. Nach meiner Schätzung maß sie in der Länge ungefähr 40 Fuß und 15 oder 16 der Breite nach. Wie ich das erstemal hineinsah, war sie etwa 9 Fuß tief, aber später sollen sie an einem Ende bis zu 20 Fuß gegraben haben, bis sie auf das Grundwasser kamen. Schon früher waren einige Massengräber ausgehoben worden, denn als endlich die Seuche zu uns kam, wütete sie in den zwei Kirchspielen von Aldgate und Whitechapel ärger als in irgendeinem Teile von London.

Man hatte, wie gesagt, schon mehrere Massengräber hergestellt, als die Seuche zu uns kam und die Leichenkarren ihre Fahrt begannen. Das war etwa um den Anfang August. In jedem von diesen Gräbern lagen vielleicht 50 oder 60 Leichen, aber dann machte man sie größer, um alle, die innerhalb einer Woche starben, darin zu verscharren. Von Mitte bis Ende August waren das an die 2 bis 400 wöchentlich. Größer konnte man die Gruben nicht machen, weil die Behörden ausdrücklich vorgeschrieben hatten, daß jede Leiche 6 Fuß unter der Oberfläche liegen müsse und bei 17 oder 18 Fuß Tiefe schon das Grundwasser kam. Bei Beginn des September aber wurde die Seuche so heftig, daß die Sterblichkeitsziffer in unserm Kirchspiel höher war als irgendwo sonst in London, und da befahl man denn, diesen schauerlichen Schlund auszugraben, denn es war wirklich mehr ein Schlund als ein Grab.

Man hatte angenommen, daß man damit für einen Monat oder länger reichen würde, und einige machten den Kirchenvorstehern Vorwürfe, daß sie etwas Derartiges erlaubt hatten, als ob sie das ganze Kirchspiel mit Mann und Maus eingraben wollten, aber die Folge rechtfertigte die Maßregeln der Kirchenvorsteher und zeigte, daß sie für den Zustand ihres Kirchspiels einen richtigen Blick hatten. Denn am 4. September war die Grube fertig, am 6. begann man mit den Beerdigungen, und am 20., also gerade 14 Tage später, waren 1114 Leichen hineingeworfen worden, und man mußte sie wieder zuwerfen, da die Leichen schon bis 6 Fuß unter die Oberfläche reichten. Sicherlich gibt es noch einige alte Leute in dem Kirchspiel, die all das bestätigen und sogar den Ort auf dem Kirchhof anzeigen können, wo die Grube war. Noch viele Jahre lang war eine Senkung auf dem Boden zu sehen, neben dem Weg, der an der westlichen Mauer des Kirchhofs entlangführt, von Houndsditch heraus, und dann nach Whitechapel umbiegt, bis zum Wirtshaus zu den drei Nonnen.

Es war um den 10. September, als meine Neugierde mich veranlaßte oder trieb, das Grab von neuem anzuschauen, nachdem fast 400 Leute dort beerdigt worden waren. Diesmal begnügte ich mich nicht, wie vorher bei Tage hinzugehen. Denn da war nichts zu sehen als Erde, weil die hineingeworfenen Leichen von den Leichenträgern sofort mit Erde zugeschaufelt wurden. Also beschloß ich, nachts hinzugehen und beim Hineinwerfen zuzuschauen.

Das war zwar strenge verboten, und lediglich der Ansteckung wegen. Aber später wurde das Verbot aus andern Gründen nötig, denn Kranke, die ihr Ende nahen fühlten, liefen in ihren Fieberdelirien an diese Massengräber, mit nichts am Leibe als ein Leintuch oder irgendeinen Fetzen und sprangen hinein, um, wie sie sagten, sich selbst zu begraben. Ich glaube nicht, daß die Leute sie da liegen ließen, aber ich habe sagen hören, daß zu dem großen Grab in Finsbury, das damals gegen die Felder zu noch offen und ohne Mauer lag, viele kamen und hineinsprangen und ihren Geist aufgaben, ehe man noch die Erde auf sie schaufelte, und daß sie, als dann die Leichenträger mit neuen Opfern kamen, zwar schon tot, aber noch warm waren.

Solche Dinge mögen eine Vorstellung von dem Grauen dieser Zeit geben, obwohl wer’s nicht selbst gesehen hat, kaum eine Ahnung davon haben kann. Es war wirklich und wahrhaftig fürchterlicher, als man es sagen kann.

Die Bekanntschaft mit dem Küster ermöglichte mir den Eintritt in den Kirchhof. Er wies mich zwar nicht zurück, bat mich aber aufs ernstlichste, doch wieder fortzugehen. Als frommer und verständiger Mann hielt er mir vor, daß es wohl sein Amt und seine Pflicht wäre, sich allen Gefahren auszusetzen, und daß er darum hoffe, es werde ihm nichts geschehen. Ich aber hätte keinen Grund als meine Neugierde, die solch eine gefährliche Unternehmung doch wirklich nicht rechtfertigen könne. Ich sagte ihm, daß ich nun einmal darauf aus wäre, hineinzukommen, und daß es vielleicht nicht ohne Nutzen wäre, so etwas zu sehen. »Wenn es so ist, dann geht in Gottes Namen,« sagte der gute Mann, »es mag Euch als beste Predigt dienen, die Ihr je in Eurem Leben gehört habt. Es ist ein Anblick, von dem eine laute Stimme kommt, die uns alle zur Buße ruft.« Mit diesen Worten öffnete er das Tor und sagte: »Nun geht, wenn Ihr wollt.«

Seine Worte hatten mich ein wenig schwankend gemacht, und ich zögerte noch eine Zeitlang, aber da sah ich gerade von den Minoriten her zwei Pechfackeln näherkommen, hörte die Glocke des Fuhrmanns, und dann rumpelte auch schon der Leichenkarren heran. So konnte ich mich nicht länger zurückhalten und ging in den Kirchhof. Soviel ich zuerst ausmachen konnte, war niemand dort als die Leichenträger und der Mann, der das Pferd am Karren führte, aber als ich näher an die Grube kam, sah ich dort einen Mann hin und hergehen, der in einen braunen Mantel gewickelt war und darunter allerlei Bewegungen mit den Händen machte, so als ob er in größter Verzweiflung wäre. Die Leute umringten ihn sogleich, wohl weil sie meinten, er wäre einer von den armen, fieberkranken Teufeln, die sich selber begraben wollten. Er sprach kein Wort, ging nur immer auf und ab, und ächzte und seufzte ein paarmal laut, als wolle es ihm das Herz abdrücken.

Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl sein mochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen, wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin, hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.

Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem Karren lagen 16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen, andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der der Seuche Erlegenen nehmen sollen?

Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen, wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen, aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle ich nur und lasse die Sache unentschieden.

Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren, beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen haben.

Der Anblick des Massengrabes überwältigte mich fast, und ich ging mit tief erschüttertem Herzen fort und voll von unaussprechlichen marternden Gedanken. Gerade als ich aus dem Kirchhof kam und in die Straße einbog, die zu meinem Hause führte, kam mir ein neuer Karren entgegen mit Pechfackeln und einem Kerl vor dem Karren, der mit der Glocke läutete. Er war ganz voll mit Leichen, und ich ging über die Straße, um zuzuschauen, aber dann fehlte mir doch der Mut, umzukehren und das gleiche grausige Schauspiel noch einmal anzusehen. So ging ich denn direkt nach Hause, in der Hoffnung, daß ich keinen Schaden genommen hatte, wie es auch in der Tat der Fall war.

Zu Hause fiel mir die unselige Geschichte des armen Mannes auf dem Friedhofe wieder auf die Seele, und wirklich, so oft ich an ihn dachte, mußte ich weinen, vielleicht heftiger, als er selbst es getan hatte. Und da ich sein Schicksal gar nicht mehr aus meinen Gedanken wegbrachte, zwang es mich förmlich, nochmals auszugehen und in das Gasthaus hinüberzuschauen, um zu erfahren, was aus ihm geworden war.

Es war schon 1 Uhr nachts, aber der arme Mann war noch immer dort. Da die Leute vom Hause ihn kannten, hatten sie sich seiner angenommen und ihn die Nacht über dabehalten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihm angesteckt zu werden, wenn schon er einen ganz gesunden Eindruck machte.

Ich kann nicht ohne Beschämung an dieses Gasthaus zurückdenken. Die Hausleute selber waren höflich, freundlich und gesittet genug und hatten bis zur Stunde ihr Haus offengehalten und das Geschäft weitergeführt. Aber die Gesellschaft, die dort jede Nacht zusammenzukommen pflegte, benahm sich in einer lärmenden und schamlosen Weise, wie es eben bei solchen Menschen zu andern Zeiten üblich war, und das in einem solchen Grade, daß der Gastwirt und seine Frau selbst darüber empört und bestürzt waren.

Gewöhnlich hielten sie sich in einem Raum auf, der auf die Straße ging, und da sie meistens bis tief in die Nacht zechten, geschah es, daß sie die Fenster aufmachten, wenn sie das Geklingel des Leichenkarrens hörten, der am Hause vorbei nach Houndsditch fuhr, um sich die traurige Geschichte anzusehen. Wenn dann die Leute auf der Straße oder an den Fenstern beim Vorbeifahren des Karrens klagten und jammerten, machten sie ihre schamlosen Scherze und Spöttereien, besonders, wenn die Leute den lieben Gott anriefen, Mitleid mit ihnen zu haben, wie es viele in dieser Zeit zu tun pflegten.

Diese sauberen Herren, die sich durch die Aufnahme des armen unglücklichen Mannes gestört finden mochten, ärgerten sich und wurden recht hochfahrend gegen den Gastwirt, daß er einen solchen »Kerl«, wie sie sagten, vom Grabe her, in das Haus gebracht habe. Als nun der Wirt entgegnete, daß der Mann ein Nachbar sei, auch gesund, und nur überwältigt vom Jammer wegen seiner Familie, richtete sich ihr Ärger gegen den Mann, und sie fingen an, ihn wegen seines Kummers um Frau und Kinder zu verspotten, indem sie ihm Mangel an Mut vorwarfen, sonst wäre er in die Grube gesprungen, um, wie sie höhnisch bemerkten, sich mit den Seinigen im Himmel zu vereinigen. Dazu machten sie noch einige schnöde, ja geradezu gotteslästerliche Redensarten.

Sie waren gerade dabei, als ich ins Haus trat, und obwohl der Mann in seiner stillen Trostlosigkeit verharrte, konnte ich ihm doch anmerken, daß ihre Redereien ihn bekümmerten und verletzten. Auf das hin machte ich ihnen auf ruhige Weise einige Vorwürfe, denn ich wußte, mit was für Leuten ich’s zu tun hatte. Übrigens war ich zweien unter ihnen wohlbekannt.

Sofort überhäuften sie mich mit Flüchen und Schimpfreden und fragten mich, warum ich nicht, wie so viele weit bessere Menschen, schon begraben sei oder wenigstens zu Hause, um zu beten, daß mich der Leichenkarren nicht hole.

Ich wunderte mich nicht wenig über die Schamlosigkeit der Leute, aber sie brachte mich nicht aus der Fassung, und ich hielt an mich. Aber wegen der Art, wie sie sich gegen den armen Mann benommen hatten, sagte ich ihnen doch meine Meinung. Wie sie es nur übers Herz brachten, sich über diesen bejammernswerten Menschen, dem Gott die ganze Familie genommen hatte, lustig zu machen.

Ich erinnere mich nicht mehr an all die abscheulichen Scherze, die sie auf meine Rede hin gegen mich losließen, da sie besonders darüber aufgebracht waren, daß ich mir kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Ich möchte auch all die gemeinen Flüche, Schimpfworte und ekelhaften Ausdrücke, die kaum der niederste Straßenpöbel in den Mund nimmt, nicht niederschreiben. Nur so ganz verhärtete Halunken konnten sich in einer Zeit des Schreckens, den die Hand des Schicksals jeden Augenblick auch auf sie schleudern mochte, so gehen lassen.

Das Greulichste dabei war, daß sie sich nicht fürchteten, Gott zu lästern und sich darüber lustig zu machen, daß ich die Pest eine Strafe Gottes nannte. Sie lachten über das Wort »Gericht«, als ob Gott keine Absicht dabei gehabt hätte, uns eine solche Heimsuchung aufzuerlegen. Und daß die Leute, wenn sie den Leichenkarren vorbeifahren sahen, Gott anriefen, fanden sie nur blödsinnig, lächerlich und unverschämt.

Ich machte, daß ich wegkam, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie das Gericht, das schwer über der ganzen Stadt lag, rächend auf sie niederbrach und auf alle, die zu ihnen gehörten.

Auf diese Weise trieben sie’s noch drei oder vier Tage, mehr war’s nicht. Dann traf den einen von ihnen die Seuche, und zwar gerade den, der den armen Mann am grausamsten verspottet hatte, und er ging auf die jämmerlichste Weise zugrunde. Kurz, einer nach dem andern wurde in die große Grube geworfen, ehe sie noch ganz voll war. –

Bisher hatten sich die Menschen eifrig in die Kirchen gedrängt, um die Barmherzigkeit Gottes in dieser Zeit des Schreckens anzurufen, aber als die Seuche in unserm Stadtteil nun immer ärger wurde, fing man an, sich zu scheuen, zur Kirche zu kommen, wenigstens war sie nicht mehr so voll wie früher. Das kam auch daher, weil viele der Geistlichen gestorben, andere aufs Land gezogen waren. Und wirklich, es bedurfte schon eines ordentlichen Mutes und eines starken Glaubens, in einer solchen Zeit nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch das Amt auszuüben und die Gemeinde mit christlichem Troste zu versehen, von der aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine Menge angesteckt war, und das täglich oder an manchen Plätzen zweimal täglich durchzuführen. –

Ich erinnere mich an einen Mann, der aus seinem Hause in der Aldergate-Straße oder da herum ausbrach und die Straße nach Islington einschlug. Er versuchte im Wirtshaus zum »Engel« und dann im »Weißen Roß« unterzukommen, die auch jetzt noch so heißen, wurde aber abgewiesen. Dann kam er zu dem »Scheckigen Stier«, der auch noch das gleiche Zeichen trägt, und bat um ein Nachtquartier für nur eine Nacht, indem er vorgab, daß er sich nach Lincolnshire begeben wolle, auch völlig gesund und frei von jeder Ansteckung sei, die auch da draußen noch wenig Schaden getan hatte.

Man sagte ihm, daß kein Zimmer frei wäre, nur eine einbettige Dachstube und auch die nur für eine Nacht, da am nächsten Tage einige Viehtreiber erwartet würden. Da er damit zufrieden war, gab man ihm ein Dienstmädchen mit einer Kerze mit, um ihn hinaufzuführen. Er war sehr gut angezogen und sah nicht aus, wie jemand, der gewohnt war, in einer Dachstube zu schlafen. Als er das Loch sah, stieß er denn auch einen tiefen Seufzer aus und sagte zu dem Mädchen: »So ist es mir noch nie gegangen.« Das Mädchen versicherte ihm, daß sie’s nun einmal nicht besser hätten, worauf er meinte: »Schön, dann werd’ ich mich eben behelfen. Das ist eine schreckliche Zeit. Aber es ist ja nur für eine Nacht.« Er setzte sich auf das Bett und bat das Mädchen, ihm einen Krug Warmbier zu bringen. Das Mädchen ging also hinunter, aber irgendwie kam ihr der Auftrag aus dem Kopf, und sie ging nicht wieder nach oben.

Als am nächsten Morgen der Fremde nicht erschien, fragte irgend jemand das Mädchen, das ihn hinaufgeführt hatte, was denn aus ihm geworden sei? »Donnerwetter,« sagte sie, »ich sollte ihm ein Warmbier bringen, aber ich hab’s ganz vergessen.« Darauf wurde sie oder jemand anders hinaufgeschickt, um nach ihm zu sehen. Da lag er, quer über dem Bett, maustot und schon fast kalt. Die Kleider hatte er ausgezogen, sein Kinn war herabgefallen, die Augen starrten weitgeöffnet, und mit einer Hand krallte er sich in die Bettdecke. Es war ganz klar, daß er gleich, nachdem das Mädchen ihn verlassen hatte, gestorben war, und hätte sie ihm sein Warmbier gebracht, so würde sie ihn wahrscheinlich schon als Leiche gefunden haben. Der Schrecken im Hause war natürlich groß, wie sich jeder vorstellen kann, denn bisher waren sie von der Seuche verschont geblieben. Aber jetzt war die Ansteckung im Hause und verbreitete sich sofort in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr, wie viele im Hause selbst starben, aber ich glaube, daß das Mädchen, auch aus Schrecken, sich gleich hinlegte, und ein paar andere auch. Bisher waren in Islington in der vorigen Woche nur 2 an der Pest gestorben, in der nächsten waren es schon 14. Das war in der Woche von 11. zum 18. Juli. –

Für nicht wenige Familien gab es ein Auskunftsmittel, wenn ihre Häuser verseucht wurden, und das war so. Die Leute, die beim ersten Ausbruch der Pest aufs Land hinaus geflohen waren, um sich dort bei ihren Freunden zu verbergen, übergaben meistens irgend jemand, sei es einem Nachbarn oder einem Verwandten, die Aufsicht über ihr Haus, ihre Waren, oder was es sonst war. Einzelne Häuser wurden tatsächlich vollständig verschlossen, vor die Türen kamen Vorhängeschlösser, Fenster und Eingänge wurden mit Brettern vernagelt, und nur selten vertraute man sie der Aufsicht der gewöhnlichen Wächter oder Kirchspielbeamten an.

Man berechnete, daß nicht weniger als etwa 1000 Häuser von ihren Inwohnern verlassen wurden, Stadt und Vorstädte sowie das andere Ufer in Surrey zusammengenommen. Dabei waren die Einzelmieter natürlich nicht mitgezählt, so daß die Gesamtzahl der Geflüchteten wohl auf rund 200 000 angenommen werden konnte. Darüber später noch mehr, für jetzt möchte ich nur bemerken, daß jene, die über zwei Häuser die Aufsicht hatten, in Krankheitsfällen regelmäßig die gesund Gebliebenen, Kinder, Dienerschaft und alles in das zweite Haus schafften, ehe sie dem Visitator oder einem anderen Beamten von der Verseuchung Anzeige machten. Das taten sie erst dann, besorgten eine Pflegerin für die erkrankte Person und sahen zu, daß sie außerdem noch irgend jemand fanden, was für Geld leicht möglich war, der sich mit einschließen ließ und nach dem Rechten sah, falls jene sterben sollte.

Auf diese Weise wurden in vielen Fällen ganze Familien gerettet, die, wenn sie mit dem Kranken abgesperrt worden wären, unvermeidlich zugrunde gegangen wären. Andererseits war das ein anderer Nachteil der Häuserabsperrung. Denn die Angst, eingeschlossen zu werden, ließ viele mit ihren Familien fliehen, die, wennschon es noch nicht offen zutage trat und sie auch noch leidlich sich wohl fühlten, doch die Ansteckung schon im Leibe trugen. Da sie nun völlig frei waren, herumzugehen wo sie wollten, dabei aber doch genötigt waren, die näheren Umstände zu verbergen, auch wohl selbst gar nicht wußten, wie es um sie stand, so steckten sie wieder andere an und verbreiteten die Seuche in der schrecklichsten Weise.

In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältliche Person, die mir den Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten, hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche, die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein, und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.

Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder auf meine Seele drückten. Oft wünschte ich, ich hätte mich meinem Bruder und seiner Familie angeschlossen.

Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.

Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all diesen Schrecken, sehr viel wert.

Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen Haushalt einzuschließen, kein Fenster zu öffnen, die Laden vorzulegen und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz, Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.

Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß ich sicher, daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.

Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich. So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.

Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht, sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen, um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.

Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendige kalte Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod sie ereilte.

Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.

Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegister eintrug, sie verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.

Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande, die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor, die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre Ansteckungsunfähigkeit beitrug.

Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines Lebens bezahlen zu müssen.

Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine Neugierde doch nicht gänzlich unbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus, zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.

Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch ein oder zweimal wöchentlich.

Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen die Verzweiflung die armen Leute brachte.

Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal hintereinander: »O Tod – Tod – Tod!« Kein Mensch war auf der Straße, auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig, und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.

In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei. Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denn gäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und »Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann, stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder ganz gut geht.

Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter, die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.

Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich. Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie im Bett festzuhalten, so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß, wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Stöhnen und Brüllen der so Gemarterten zu hören, und doch waren sie von allen an der Seuche Erkrankten noch am besten dran. Denn wenn die Geschwülste zum Aufbrechen oder, wie die Ärzte sagten, zur Entleerung des Eiters nach außen, gebracht werden konnten, wurde der Kranke meistens wieder gesund. Diejenigen aber, die, wie jenes junge Mädchen, den Tod schon im Leibe trugen, so daß die Flecken allmählich herauskamen, fühlten sich oft bis zum letzten Augenblick ganz wohl. Sie fielen hin wie die Epileptiker oder als hätte sie der Schlag getroffen. Bei solchen kam das Ende ganz plötzlich. Gerade, daß sie noch irgendwo sich hinkauern konnten, vielleicht daß sie noch ihre Wohnung erreichten, dann wurde es ihnen schwach, und sie starben. Ihr Tod war so wie beim kalten Brand, in Bewußtlosigkeit oder fast wie im Traum. Sie wußten kaum etwas davon, daß sie angesteckt waren, bis sich der Brand durch den ganzen Körper verbreitet hatte. Auch die Ärzte konnten erst dann Sicherheit geben, wie es mit ihnen stand, nachdem sie ihre Brust oder andere Körperteile entblößt und darauf die Merkmale der Pest gesehen hatten.

In dieser Zeit wurden die schauerlichsten Geschichten erzählt von Wächtern und gemieteten Pflegerinnen, die die Kranken in der schändlichsten Weise behandelten, sie verhungern ließen, erstickten oder auf andere Weise ums Leben brachten. Auch von den Wächtern, denen die Aufsicht über die abgesperrten Häuser übertragen war, sagte man, daß sie, wenn nur ein Kranker im Hause war, einbrachen, ihn ermordeten und gleich auf den Totenkarren warfen, ehe der Unglückliche noch ganz erkaltet war.

Ich glaube auch, daß manche solche Schändlichkeiten von ihnen begangen wurden. Zwei wurden festgenommen, starben aber, ehe die Verhandlung gegen sie stattfand. Drei andere sollen wegen Mordes hingerichtet worden sein. Aber häufig waren solche Verbrechen nicht, wie man später behauptet hat. Und was hätte es auch für einen Sinn gehabt, Leute umzubringen, die gänzlich hilflos waren und in den meisten Fällen doch sterben mußten?

Leugnen will ich ja nicht, daß Räubereien und ähnliche schlimme Dinge an der Tagesordnung waren. In gewissen Menschen ist die Habsucht so stark, daß sie auf jede Gefahr hin stehlen und rauben. Besonders in Häuser, von wo alle Inwohner schon als Leichen hinausgetragen worden waren, pflegten sie einzubrechen, ohne an die Ansteckungsgefahr zu denken, und schleppten selbst die Kleider der Gestorbenen und ihr Bettzeug fort.

So war es der Fall bei einer Familie in Houndsditch, wo man einen Mann und seine Tochter, deren Angehörige schon früher dem Leichenkarren verfallen waren, splitternackt in zwei Kammern auffand, tot auf der Erde, während all das Bettzeug verschwunden war. Wahrscheinlich hatten die Diebe die Leichen von den Betten heruntergeworfen und liegen lassen.

Bemerkenswert ist, daß während der ganzen Pestzeit die Weiber sich vor allen durch ihre Verworfenheit auszeichneten. Da eine Menge von ihnen als Pflegerinnen untergekommen war, hatten sie Gelegenheit, zu stehlen, wo es nur anging. Einige wurden öffentlich ausgepeitscht, statt daß man sie zum warnenden Beispiel gehängt hätte. Bis endlich die Kirchspielbeamten beauftragt wurden, die Pflegerinnen für die Kranken auszusuchen und sich erst nach ihrer Tauglichkeit zu erkundigen, so daß sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten, wenn in dem betreffenden Hause etwas Verdächtiges vorkam.

Freilich erstreckten sich diese Diebstähle meist nur auf Kleider, Bettzeug und etwa herumliegendes Geld und Kostbarkeiten; zu einer allgemeinen Ausplünderung des Hauses kam es nicht. Von einer Pflegerin könnte ich erzählen, die später auf ihrem Totenbette mit dem größten Abscheu die Räubereien eingestand, die sie während der Ausübung ihres Berufes begangen hatte, und durch die sie recht wohlhabend geworden war. Was aber Morde anbelangt, so glaube ich nicht, daß außer den schon berichteten, irgendwelche sonst sich ereigneten.

Allerdings wurde mir von einer Pflegerin erzählt, die ein nasses Tuch auf das Gesicht der Kranken drückte, und sie so umbrachte, und von einer andern, die ein junges Frauenzimmer erstickte, als es ohnmächtig dalag, auch von sonstigen Greueltaten durch Verhungernlassen und was dergleichen mehr ist, aber diese Geschichten hatten immer zwei Eigenheiten, die sie verdächtig machten, einmal, daß ihr Schauplatz bei näherer Erkundigung stets an das andere und entfernteste Ende der Stadt verlegt wurde, dann, daß die Einzelheiten unweigerlich dieselben waren, so bei der Geschichte von dem nassen Tuch und der Erwürgung des jungen Frauenzimmers. Ich für meinen Teil wenigstens bin überzeugt, daß mehr vom Märchen als von Wahrheit darin war. –

Ein Bekannter aus meiner Nachbarschaft, der Geld von einem Ladenbesitzer in der Whitecroß-Straße zu fordern hatte, schickte seinen Lehrling, einen Jungen von etwa 18 Jahren, hin, um den Versuch zu machen, zu seinem Gelde zu kommen. Der Junge kam an die Tür, und da er sie verschlossen fand, pumperte er mit Gewalt dagegen. Er glaubte auch, irgend etwas innen zu hören, da er aber nicht sicher war, so wartete er eine Weile und wiederholte den Lärm so lange, bis er jemand die Treppe herabkommen hörte.

Endlich erschien der Hausherr an der Türe. Er hatte nur seine Unterhosen an, eine gelbe Flanellweste, keine Strümpfe, dagegen ein paar Pantoffel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe und, wie der Junge sagte, auf seinem Gesichte den Tod.

»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß, scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete. Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. –

Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße, wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige Kisten mit hohen Deckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube für den Export, gemacht wurden.

Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen; eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand. »Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich. »Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin, wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.« Sie fing dabei zu weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes Geld etwas kauften.

Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los, ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten, sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte. Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern, über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich begnügte mich also, die Namen und Wohnungen von einigen aufzuschreiben und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen würde, wenn er zurückkehrte.

Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht, sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.

Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein. Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren Platz fand und man die Leichen oft eine lange Strecke weit tragen mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann, und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. –

Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen, denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten, daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser, das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste, das Wegführen der Leichen in die Massengräber.

Es war im Beisein jenes John Hayward, daß die Geschichte mit dem Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen, aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die nächste Woche wär’s ihm versprochen.

Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon einer.

Als nun John Hayward mit seinem Karren daherkam und zwei Tote auf dem Dach der Bude liegen sah, zog er sie mit dem Hacken, der dazu gebraucht wurde, herab und warf sie auf den Karren, was den Sackpfeifer in seinem Schlaf nicht störte. Dann ging’s weiter, und sie luden, wie mir John erzählte, so viele Leichen auf, daß sie den guten Sackpfeifer fast lebendig begruben. Er aber schlief immer weiter. Endlich gelangten sie zu dem Ort, wo die Leichen begraben werden sollten, wenn ich mich recht erinnere, bei Mountmill. Als nun der Karren hielt und die Leute sich fertig machten, ihre Ladung in die Grube zu werfen, erwachte der Bursche, machte mit einiger Anstrengung seinen Kopf unter den Leichen frei, stemmte sich auf und rief: »Hoho, wo bin ich denn?« Der eine von den Leuten entsetzte sich darüber nicht schlecht, John aber faßte sich schnell und sagte: »Beim Himmel, da ist einer auf dem Karren, der noch nicht ganz tot ist.« Darauf fragte der andere: »Wer bist du?« – »Ich bin der arme Sackpfeifer,« antwortete der Bursche, »aber wo bin ich denn?« – »Wo du bist!« meinte John Hayward, »nun, du bist auf dem Leichenkarren und sollst jetzt begraben werden.« – »Ja, bin ich denn tot?« fragte er, worauf sie nun doch lachen mußten, obwohl sie zuerst nicht wenig erschrocken waren. Dann halfen sie dem Burschen herab, und er machte sich davon.

Ich weiß, die Geschichte wird so erzählt, daß er auf dem Karren zu spielen anfing, und die Träger dadurch dermaßen in Schrecken setzte, daß sie davon liefen, aber davon wußte John Hayward nichts. Er erzählte die Sache genau so, wie ich sie wiedergegeben habe. –

Von dem Augenblick an, als man sah, daß die Seuche sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und jeder floh, der es nur irgend möglich machen konnte, stockte aller Handel vollständig, bis auf die Geschäfte, die zur unmittelbaren Erhaltung des Lebens notwendig waren.

Das war eine so ernsthafte Sache, die die Lage der Bevölkerung aufs Schwerste in Mitleidenschaft zog, daß ich ins einzelne gehen muß. Ich will in folgendem die verschiedenen Volksklassen zusammenfassen, die dadurch sofort in verzweifelte Umstände gerieten.

Es wurden arbeitslos:

1. Alle Werkmeister in den Fabriken, besonders jenen, die Putz, Modeartikel, Kleider und Möbel herstellten; die Band- und Bortenwirker, die Verfertiger von Gold- und Silberspitzen, die Gold- und Silberdrahtzieher, die Näherinnen, Putzmacherinnen, Schuhmacher, Hut- und Handschuhmacher, dann die Tapezierer, Kunsttischler, Spiegelglaser und zahllose Arbeiter, die von ihnen abhingen. Die Werkmeister hörten auf und entließen alle ihre Arbeiter und Hilfsarbeiter.

2. Da der Handel gänzlich aufgehört hatte (denn nur wenige Schiffe wagten sich noch flußaufwärts, und hinaus ging gar keines), wurden mit einem Male alle überzähligen Zollbeamten, die Bootführer, Fuhrleute, Träger und alle die sonst mit dem Handel zu tun hatten, entlassen und arbeitslos.

3. Alle Bauarbeiter hatten nichts mehr zu tun, denn niemand hatte Lust, sich ein Haus zu bauen, zu einer Zeit, da Tausende leer standen, so daß dadurch alle Maurer, Ziegelträger, Schreiner, Zimmerleute, Stukkateure, Zimmermaler, Glaser, Schlosser und Dachdecker überflüssig wurden.

4. Da es keine Schiffahrt mehr gab, waren alle Seeleute ohne Beschäftigung und mit ihnen alle jene, die mit dem Bau und der Schiffsausrüstung zu tun hatten, die Schiffszimmerleute, Kalfaterer, Tau- und Segelmacher, Ankerschmiede, Figurenschnitzer, Kanonengießer, Lichtzieher u. a. m. Ihre Werkmeister konnten vielleicht von ihren Ersparnissen leben, aber der Handel lag so gänzlich darnieder, daß alle Arbeiter entlassen werden mußten. Dazu kam, daß auch der Bootsverkehr auf dem Flusse aufgehört hatte, und damit auch die Bootführer, Leichterführer, Bootbauer und was sonst noch damit zusammenhängt, arbeitslos geworden waren.