Robinson und seine Familie.
Robinson Crusoe's
Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse
Fürs Deutsche bearbeitet nach dem Original
des
Daniel de Foe
Zwanzigste Auflage
Mit 41 Text-Abbildungen
nebst vier Farbendruckbildern nach Zeichnungen von F. H. Nicholson
Leipzig
Verlag von Otto Spamer
1904
Inhalt
| Seite | ||
| Erstes Kapitel. | ||
| Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt | [1] | |
| Robinsons Herkunft. – Hang zum Seeleben. – Unterredung mit seinem Vater. – Besuch in Hull. – Er geht zur See. – Sturm. – Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. – Robinsons Unschlüssigkeit. – Reise nach London. | ||
| Zweites Kapitel. | ||
| Robinsons Gefangenschaft und Flucht | [16] | |
| Robinsons Gefangenschaft in Saleh. – Flucht mit Xury. – Ankunft in Brasilien. | ||
| Drittes Kapitel. | ||
| Robinson als brasilischer Pflanzer | [24] | |
| Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. – Eine neue Reise. – Schiffbruch. | ||
| Viertes Kapitel. | ||
| Rettung nach dem Schiffbruch | [31] | |
| Robinson schwimmt an das Wrack. – Erbauung eines Flosses. – Glückliche Landung mit der Fracht. – Tägliche Fahrten nach dem Wrack. – Errichtung seiner Wohnung. – Erbeutung von Ziegen. – Robinsons Kalender. – Tagebuch. | ||
| Fünftes Kapitel. | ||
| Robinsons Tagebuch | [45] | |
| Neujahr. – Sicherung der Hütte. – Wilde Tauben. – Beleuchtung. – Getreideähren.– Erdbeben. – Ein Schleifstein. – Ein Fäßchen Pulver. – Zertrümmerungdes Wracks. – Fischjagd. – Schildkröten. – Krankheit. – Nächtlicher Traum. –Fieber. – Reuige Betrachtungen. – Wiederherstellung durch Tabak. – Bibelfund. –Pflanzen und Früchte im Innern der Insel. – Bau eines Landhauses. – Die Katzeund ihre Jungen. – Jahrestag der Landung. – Ernteerfolge. | ||
| Sechstes Kapitel. | ||
| Robinson als Handwerker und Ackersmann | [57] | |
| Robinson säet Getreide. – Korbflechterei. – Töpferarbeiten. – Weitere Entdeckungsreisenauf der Insel. – Tierreicher Küstenstrich. – Robinson bringt einen Papagei sowieeine Ziege nach Hause. – Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. – Tageseinteilung.– Verheerung des Getreidefeldes. – Exekution an den Kornplünderern. – Kleine Ernte. | ||
| Siebentes Kapitel. | ||
| Robinson als Bäcker und Schiffbauer | [67] | |
| Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. – Ernte. – Brotbacken. –Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. – Robinson baut ein Boot:vereitelte Hoffnungen. – Rückblicke auf das dreijährige Inselleben. – TraurigerZustand der Kleidung. – Robinson wird Schneider. | ||
| Achtes Kapitel. | ||
| Robinsons unglückliche Bootfahrt | [77] | |
| Gefährliche Seereise. – In die See hinausgetrieben. – Sehnsuchtsvolle Betrachtungen.– Die beiden Strömungen und glückliche Landung. – Des Papageis Ruf.– Robinsons »Familie«. – Ziegenfang und Ziegenpark. – Schneiderkünste. –Neue Beobachtungen. – Rückblicke. | ||
| Neuntes Kapitel. | ||
| Robinson entdeckt Spuren von Menschen | [84] | |
| Neuer Ausflug auf Entdeckungen. – Menschliche Spuren. – Robinsons Bangen.– Untersuchung der Fußspuren. – Allerlei seltsame Gedanken. | ||
| Zehntes Kapitel. | ||
| Stillleben mit Unterbrechungen | [99] | |
| Robinsons Menagerie. – Viehzucht und Bierbrauerei. – Neuer Besuch vonWilden. – Das Wrack. – Ein neuer Freund. – Reiseträume. | ||
| Elftes Kapitel. | ||
| Zusammenstoß mit den Kannibalen | [112] | |
| Landung der Wilden. – Die beiden Schlachtopfer. – Der Flüchtling und seinBeschützer. – Reste des Kannibalenschmauses. – Freitags Dankbarkeit. – SeineAusstattung. – Erste Sprechstudien. – Freitag als Koch und Bäckerlehrling. –Nachrichten über die Nachbarländer. – Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen. | ||
| Zwölftes Kapitel. | ||
| Eine Zeit großer Ereignisse | [131] | |
| Bau eines neuen größeren Bootes. – Probefahrten. – Neuer Kannibalenbesuch. –Der Kampf mit den Wilden. – Der Spanier und Freitags Vater. – Verpflegung derBefreiten. – Bestattung der Gefallenen. – Geschichte des Spaniers. – Zukunftspläne. | ||
| Dreizehntes Kapitel. | ||
| Durch Kampf zum Sieg | [151] | |
| Abreise von Caballos und Freitags Vater. – Ankunft weißer Männer. – Ein englischesSchiff. – Vergebliche Furcht vor Seeräubern. – Die Gefangenen. – Befreiungderselben. – Bestrafung der Meuterer. – Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallenund gefangen. – Wiedergewinnung des Schiffes. – Der englische Gouverneur. | ||
| Vierzehntes Kapitel. | ||
| Robinsons Abreise von seiner Insel | [169] | |
| Robinson als Gouverneur und Richter. – Abschied von der Insel und deren Bevölkerung.– Ankunft in England. – Alles fremd in der Heimat. – Reise nachLissabon. – Stand der brasilischen Besitzungen. – Der brave Portugiese. – GünstigeVermögenslage. – Landreise durch Spanien und Frankreich. – Wölfe in denPyrenäen. – Freitag und der Bär. – Stillleben in London. | ||
| Fünfzehntes Kapitel. | ||
| Aufenthalt in England und neue Reise | [185] | |
| Neue Reiselust. – Abfahrt. – Das Totenschiff. – Im Antillenmeer. – DerBüffeljäger. – Ankunft in der Kolonie. | ||
| Sechzehntes Kapitel. | ||
| Die Schicksale der Kolonie | [195] | |
| Ankunft auf der Insel. – Freitag und sein Vater. – Bericht über die Wirrenwährend der Abwesenheit des Gründers. – Neue Ordnung. – Weitere Reisepläne. | ||
| Siebzehntes Kapitel. | ||
| Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt | [207] | |
| Abschied von der Kolonie. – Kämpfe zur See. – Freitags Tod. – Brasilien. –Sturm am Kaplande. – Verschlagen ins Eismeer. – Das »Venedig des Eismeeres«.– Gefangen im Eise. – Durchbruch. – Der verlassene Matrose. – Ein »Robinson«auf einer schwimmenden Eisscholle. – Irrfahrten. – Das Gespensterschiff. – Zusammenstoßmit den Kochinchinesen. – In China und Sibirien. – Rückkehr nachEngland. – Endliche Ruhe. | ||
| Buntbilder: | ||
| Robinson und seine Familie | Titelbild | |
| Robinson und seine Ziege | Seite | [46] |
| Robinson und Freitag | " | [114] |
| Unter den Wölfen | " | [180] |
Daniel de Foe.
Robinson Crusoe.
Erstes Kapitel.
Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt.
Robinsons Herkunft. – Hang zum Seeleben. – Unterredung mit seinem Vater. – Besuch in Hull. – Er geht zur See. – Sturm. – Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. – Robinsons Unschlüssigkeit. – Reise nach London.
Im Jahre 1632 erblickte ich in der Stadt York das Licht der Welt. Mein Vater, aus der Familie Creutznaer in Bremen stammend, hatte sich als Kaufmann in Hull, in England, niedergelassen. Hier war ihm das Glück hold, so daß es ihm gelang, sich ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. Darauf zog er sich von den Geschäften zurück und siedelte nach York über, um seine ferneren Lebensjahre in Ruhe zu verbringen. Dort führte er meine Mutter heim; sie zählte zu einer alten und angesehenen Familie, Namens Robinson. So kam es, daß ich den Doppelnamen Robinson Creutznaer empfing; letzterer Name wurde indes durch die Leute gewöhnlich in Crusoe umgewandelt, wie man es in England oft findet. Wir behielten auch in der Folge diesen Namen bei.
Ich hatte zwei ältere Brüder; der eine diente als Oberstleutnant in einem englischen Infanterieregiment in Flandern und fand seinen Tod, als die Engländer unter Cromwell Dünkirchen den Spaniern abgewannen. Was aus meinem zweiten Bruder geworden ist, habe ich niemals erfahren, ebensowenig als meine Eltern je darüber Aufschluß erhielten, wie es mir selbst später ergangen ist.
Ich war also der dritte Sohn meiner Eltern und hätte eigentlich daran denken sollen, ihnen einmal eine Stütze zu werden. Ohne ernstlich die Wahl eines Lebensberufs zu erwägen, hing ich indessen abenteuerlichen Gedanken und Plänen nach; ich dachte nur an die Herrlichkeiten fremder Länder und träumte Tag und Nacht von Palmenwäldern, Goldbergen und den fabelhaften Schönheiten fremder Zonen. Nichts ging mir über das Leben eines Schiffers, der in seinem leichten Fahrzeuge sich auf dem blauen Meere wiegen und alle jene von mir erträumten Wunder mit Augen schauen kann.
Zwar ließ es mein Vater an guten Lehren und an Schulunterricht nicht fehlen, zumal er wünschte, daß ich späterhin ein Rechtsgelehrter werden sollte. Allein der Hang zum Seeleben, den weder seine ernstlichen Warnungen noch die schmeichelnden Bitten der Mutter verdrängen konnten, nahm meine Gedanken unwiderstehlich gefangen und ließ mir alles, was die Heimat bot, gleichgültig erscheinen.
Eines Morgens rief mich mein Vater in sein Zimmer, das er infolge der Gicht hüten mußte, und sprach zu mir in warmen und eindringlichen Worten.
»Mein Sohn«, begann er ernst und nachdrucksvoll, »du bist auf dem Wege, mir und deiner Mutter großen Kummer zu bereiten. Mein Sohn, ich meine es gut mit dir; laß ab von deinen abenteuerlichen Plänen! Du willst den heimischen Herd, das Vaterland verlassen; glaubst du, daß du es anderwärts besser findest als hier, wo dir bei Fleiß und Kenntnissen eine sorgenfreie Zukunft erblühen wird? Täusche dich nicht! Nur solche, die arm und hoffnungslos sind, oder die ein ungebändigter Ehrgeiz treibt, mögen durch außergewöhnliche und kühne Unternehmungen Glück und Ruhm erjagen. Für dich sind alle diese Dinge entweder zu hoch oder zu niedrig. Gewöhne dich, den Mittelstand, dem wir angehören, als den glücklichsten Stand anzusehen. Ist er nicht der Wunsch aller? Gar manche Könige, in Glanz und Prunk aufgewachsen, hätten gern den goldenen Thron mit dem bescheidenen Handwerk vertauscht. Selbst der weiseste Herrscher hat einst den Mittelstand als den glücklichsten gepriesen, indem er Gott bat, ihm weder Reichtum noch Armut zu geben! Wer hier die Mittelstraße geht, den stacheln weder Neid noch glühende Wünsche des Ehrgeizes, noch wohnen in ihm Stolz und Mißgunst.«
Robinson Crusoe wird von seinem Vater ermahnt.
So ermahnte mich mein Vater eindringlich, nicht mich selbst ins Elend zu stürzen. Er gab mir seine väterliche Absicht kund, daß er alles aufbieten würde, um mich auf der Laufbahn, die er für mich bestimmt habe, so freigebig zu unterstützen, als es mir in jeder Weise förderlich sein würde.
»Beherzige meine Worte!« fuhr er fort. »Dasselbe sagte ich auch deinen Brüdern, aber sie gingen ihren eignen Weg. Was war ihr Los? Fern vom Heimatshaus fiel dein ältester Bruder auf flandrischer Erde, und wo das Gebein deines zweiten Bruders modert, das weiß Gott allein. Glaube mir, deinem Vater, der nur auf das Glück deiner Zukunft bedacht ist; folgst du meinen Ermahnungen nicht, unternimmst du den unüberlegten Schritt, aufs Geratewohl in die weite Welt hinauszustürmen, so wirst du sicherlich eines Tages, wenn das Unglück bei dir einkehrt und niemand der Deinen um dich ist, bitter bereuen, daß du meine Mahnungen nicht beachtet hast.«
Tief ergriffen hielt er nach diesen Worten inne, während Thränen der Wehmut und Rührung seine Wangen netzten.
In jener Stunde nahm ich mir vor, gehorsam dem Willen meines Vaters mich zu beugen. Doch schon nach wenigen Tagen erwachte die alte Sehnsucht aufs neue, und alle guten Vorsätze waren vergessen. Bei meinem Vater durfte ich nicht hoffen, mit meinen Bitten durchzudringen; deshalb versuchte ich meine Mutter günstig zu stimmen. Ihr stellte ich vor, daß mein Trieb, die Welt zu sehen, unüberwindlich sei, daß ich bereits im achtzehnten Jahre stehe und nun zu alt sei, um die juristische oder die kaufmännische Laufbahn zu betreten. Sie möge den Vater zu der Erlaubnis bewegen, mich wenigstens eine Reise unternehmen zu lassen; gefiele mir das Seemannsleben nicht, so wolle ich dann mit doppeltem Eifer das Versäumte nachholen.
Von diesen wiederholten Herzensoffenbarungen war meine besorgte Mutter durchaus nicht erbaut; sie sagte mir rundweg, daß es ganz zwecklos sei, mit dem Vater noch einmal über diesen leidigen Gegenstand zu sprechen. Trotzdem teilte sie gelegentlich die Unterredung dem Vater mit, und dieser gab ihr seufzend zur Antwort: »Der Junge könnte zu Hause ein ganz gutes Leben haben; geht er aber davon, so wird er der elendeste Mensch auf Erden. Ich gebe meine Einwilligung nicht!«
So verging abermals ein Jahr, währenddessen die wiederholten Ermahnungen meiner Eltern nur tauben Ohren gepredigt wurden. Eines Tages war ich nach Hull gegangen und traf dort zufällig mit einem alten Schulkameraden zusammen, der im Begriff stand, auf einem Schiffe seines Vaters nach London abzufahren. Er überredete mich, ihn zu begleiten, indem er mich nach Seemannsart mit den Worten lockte: »Die Fahrt soll dich nichts kosten, mein Junge.«
Mein Entschluß war gefaßt. Unbekümmert um die Sorgen der Eltern, bestieg ich das Schiff; es war am 1. September 1651.
Selten hat die Strafe für den Leichtsinn so schnell begonnen und so lange gedauert wie bei mir. Kaum waren wir aus dem Hafen ausgelaufen, als es zu stürmen begann und die See hohl ging. Ich hatte noch nie eine Seereise mitgemacht, und so ergriff mich denn die unerbittliche Seekrankheit. Jetzt überfiel mich auch schon die Reue über meine unbesonnene Handlungsweise; meine Gedanken kehrten ins Elternhaus zurück, wo gewiß Vater und Mutter unter Thränen vergeblich meiner Wiederkehr harrten.
Der Sturm brauste immer heftiger, das Schiff sank bald in den Abgrund, bald wurde es hoch emporgeschleudert – mich überkam namenlose Angst. In diesen qualenvollen Augenblicken gelobte ich, sofort wieder in das elterliche Haus zurückzukehren, wenn es nur Gott gefallen würde, mich aus der Gefahr zu erlösen. Als sich aber am nächsten Tage Sturm und Wellen gelegt hatten, waren auch alle meine guten Vorsätze dahin. Gegen Abend klärte sich das Wetter auf; die Sonne ging rein und glänzend unter, um am nächsten Morgen in gleicher Herrlichkeit wieder aufzugehen. Ihr heller Schein spiegelte sich auf der weiten Meeresfläche wider; ich konnte mich an diesem ungewohnten, prachtvollen Schauspiel nicht satt sehen.
Während der Nacht hatte ich gut geschlafen und mich auch von meiner Seekrankheit wieder erholt. Mein Blick schweifte über den glatten Spiegel des Meeres, dessen Wellen gestern noch so unheilvolles Verderben drohten. Eben stand ich in tiefes Sinnen versunken, da trat mein Freund, der mich zu dieser Seereise beredet hatte, an mich heran und sagte lachend:
»Nun, Robin, wie ist dir die Bewegung von gestern bekommen? Du hast dich doch wegen des kleinen Windstoßes nicht geängstiget?«
»Was? Windstoß? Ich habe in meinem Leben noch keinen solchen Sturm ausgestanden.«
»Das nennst du einen Sturm? Nichts war es. Hat man nur ein gutes Schiff und ist auf offener See, dann macht uns eine Mütze voll Wind mehr oder weniger nicht bange. Aber davon verstehst du noch nichts; du bist nur ein Süßwassermensch, mein Junge. Komm, wir wollen eine Bowle Punsch machen und alles vergessen. Sieh, was für prächtiges Wetter wir haben!«
Der Punsch wurde gebraut und ich mußte tüchtig trinken, als sei ich schon seit Jahren Matrose. Da ging im Rausche alle Reue über meinen Ungehorsam unter; ich vergaß alle guten Vorsätze. Zwar kamen noch Augenblicke, in denen meine Vernunft widersprach, doch sah ich bald in solcher Regung nur eine Schwäche und bemühte mich, meine Grillen, wie ich es nannte, dadurch zu vertreiben, daß ich lustige Gesellschaft aufsuchte und fleißig den Kameraden zutrank. Nach wenigen Tagen hatte ich mein Gewissen beschwichtigt und die Erinnerung an alle väterlichen Lehren übertäubt.
Am sechsten Tage unsrer Fahrt gelangte unser Schiff auf die Reede von Yarmouth; widrige Winde und Windstille hatten uns seit jenem Sturme nicht erlaubt, eine größere Strecke zurückzulegen, und wir sahen uns genötigt, vor Anker zu gehen. Der Wind, anfangs minder stark, wuchs aber bald bis zum Orkan; alle Hände mußten zugreifen, um die Stengen und Raaen zu streichen. Die Wellen schlugen über unser Schiff, und ein paarmal glaubten wir, unser Ankertau sei zerrissen. Auf Anordnung des Oberbootsmannes wurde nun der Taganker ausgeworfen, so daß wir sicherer vor zwei Ankern liegen konnten.
Der Sturm raste fort; Angst und Entsetzen lagerten sich auf den Gesichtern der Matrosen. Der Kapitän ließ alle Vorsichtsmaßregeln anwenden, sein Schiff zu erhalten; doch schien er schon selbst die Hoffnung aufzugeben, denn als er an meiner Schlafstelle vorüberkam, hörte ich ihn in die Worte ausbrechen: »Der Herr sei uns gnädig! Wir sind alle verloren!« – Da bemächtigte sich meiner eine solche Todesangst, daß ich für den ersten Augenblick wie gelähmt in der Kajütte liegen blieb. Ich vermag es nicht zu schildern, was ich fühlte! Dann aber sprang ich aus der Kajütte auf das Verdeck und schaute umher. Welch entsetzliches Schauspiel bot sich meinen Blicken! Die Wellen gingen bergehoch und brachen sich an unsern Schiffswänden nach je drei oder vier Minuten; wohin ich auch sehen mochte, erblickte ich nichts als Angst und Not. Zwei schwerbeladene Fahrzeuge, die sich in unsrer Nähe befanden, hatten ihre Masten am Fuße gekappt – – eine halbe Stunde von uns entfernt sahen wir ein Schiff untergehen. Zwei andre, von ihren Ankern losgerissen, wurden in die See hinausgeworfen. Die leichteren Fahrzeuge hatten weniger zu leiden; dennoch trieben zwei oder drei, nur mit dem großen Blindsegel versehen, bei uns vor dem Winde vorbei.
Gegen Abend baten der Hochbootsmann und der Steuermann den Kapitän um seine Einwilligung, den Vordermast zu kappen. Er mußte es schon zugeben, da der Hochbootsmann versicherte, das Schiff sei sonst unrettbar verloren. Als nun der Vordermast gefallen war, stand der große Mast ohne Stütze und erschütterte das Schiff so sehr, daß man sich genötigt sah, auch diesen umzuhauen.
Der Zustand, in welchem ich mich damals bei meiner Unerfahrenheit mit den Gefahren des Seelebens befand, ist unbeschreiblich. Deutlich erinnere ich mich, daß mich während dieser qualvollen Stunden mehr die Reue marterte, von meinen guten Vorsätzen abgegangen zu sein, als mich die Furcht vor dem Tode schreckte. Der Gedanke, daß dieses Unglück eine Strafe Gottes für meinen Ungehorsam sei, stürzte mich in tiefe Betrübnis. Aber das Maß unsrer Leiden war noch nicht voll.
Der Sturm tobte mit solcher Wut, daß selbst die Matrosen gestanden, nie einen ähnlichen erlebt zu haben. Obschon unser Fahrzeug tüchtig war, schwankte es doch heftig hin und her, so daß die Matrosen jeden Augenblick ausriefen: »Wir kentern!« d. h. wir schlagen um. Ja, was bei Seeleuten nur selten vorkommt, der Kapitän, der Hochbootsmann und mehrere andre sanken betend auf die Kniee und starrten hoffnungslos dem Untergange entgegen.
Um Mitternacht rief plötzlich einer der Matrosen: »Ein Leck im Schiff!« Ein andrer schrie: »Das Wasser steht schon vier Fuß hoch im Raum!« Alles mußte jetzt an die Pumpen. Ich war wie gelähmt und sank auf mein Lager zurück. Die Matrosen weckten mich unsanft aus meiner Erstarrung auf und meinten, wenn ich auch vorher zu nichts genutzt hätte, so könnte ich doch jetzt an den Pumpen mit helfen gleich den andern.
Mechanisch folgte ich dieser Aufforderung; ich erhob mich und arbeitete tüchtig. Während dieser Zeit erblickte der Kapitän einige leichte Fahrzeuge, die, weil sie wegen des Sturmes vor Anker nicht aushalten konnten, das Tau hatten schlüpfen lassen; sie sahen sich gezwungen, das offene Meer zu gewinnen, und wendeten alle Mittel an, um einen Zusammenstoß mit uns zu vermeiden. Der Kapitän ließ durch einen Kanonenschuß ein Notsignal geben. Da ich nicht wußte, was das zu bedeuten habe, und glaubte, das Schiff ginge krachend in Trümmer, fiel ich vor Schrecken besinnungslos nieder. Niemand achtete jetzt meines Zustandes.
Jeder war nur für sein eignes Leben besorgt; ja ein Matrose, der mich für tot hielt, schob mich mit dem Fuße seitwärts und trat an meine Stelle. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich wieder zu mir selbst kam.
Trotz der angestrengtesten Arbeit stieg das Wasser im Schiffe immer höher. Es war gewiß, daß wir sanken. Obgleich der Sturm ein wenig nachgelassen hatte, konnten wir doch kaum hoffen, einen rettenden Hafen zu erreichen. Fort und fort erdröhnten die Notschüsse; ein leichtes Fahrzeug in einiger Entfernung wagte es, uns ein Boot zu Hilfe zu senden. Nur durch einen glücklichen Zufall kam das Boot in unsre Nähe; aber es war uns lange nicht möglich, an Bord zu kommen, da es nicht anlegen konnte. Die Leute im Boote ruderten unter Lebensgefahr mit allen Kräften. Als sie endlich nahe genug gekommen waren, konnten wir ihnen ein Tau zuwerfen.
Sie fingen es auf und legten an Bord. Im Nu waren wir alle im Boote; doch mußten wir es aufgeben, jenes Schiff zu erreichen, das uns so menschenfreundliche Hilfe gesendet hatte. Daher beschloß man, das Boot treiben zu lassen, indem man vorsichtig nach der Küste zu steuerte. Der Kapitän versprach, es zu ersetzen, wenn es durch Stranden zertrümmert werden sollte. So, teils rudernd, teils mit dem Winde treibend, steuerten wir dem Lande zu, gegen das Vorgebirge von Winterton-Neß.
Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als wir es sinken sahen. Meine Augen umflorten sich, als die Matrosen auf das untergehende Schiff hinzeigten. Schon von dem Augenblicke an, wo ich in das Rettungsboot mehr geworfen worden als gestiegen war, legten sich auch Furcht und Gewissensangst wie Blei auf mein Herz.
Des Schiffes Untergang.
Die Schiffsleute ruderten rastlos, um das Land zu erreichen. Sobald unser Boot sich hoch aus den Wellen emporhob, bemerkten wir eine Menge Menschen längs der Küste, die alle bereit waren, uns Hilfe zu leisten, wenn wir nahe genug gekommen sein würden. Allein unsre Fahrt ging nur sehr langsam von statten. Erst nachdem wir den Leuchtturm von Winterton umschifft hatten, wo das Ufer sich westwärts gegen Cromer umbiegt und die Wogen deshalb nicht mehr so heftig sind, gelangten wir mit unsäglicher Anstrengung glücklich ans Land. Wir gingen dann nach Yarmouth, wo wir Schiffbrüchigen mit aller Menschenfreundlichkeit behandelt wurden. Die Obrigkeit wies uns gute Quartiere an, und die Kaufleute und Reeder der Stadt steuerten eine Summe Geldes zusammen, die jeden von uns in den Stand setzte, entweder nach London zu gehen oder sich nach Hull zurückzubegeben.
Hätte ich meinen Menschenverstand zusammengenommen und wäre nach Hull zurückgekehrt – alle Not würde zu Ende gewesen sein. Mein Vater hätte, um mich der Worte der Heiligen Schrift zu bedienen, in der Freude seines Herzens ein gemästetes Kalb geschlachtet.
Wie mir später mitgeteilt ward, hatte er erfahren, daß das Schiff, auf welchem ich mich befand, auf der Reede von Yarmouth untergegangen sei, und erst lange danach wurde ihm Gewißheit darüber, daß ich aus dem Schiffbruch gerettet worden. Aber es schien, als hätte ein schlimmer Geist meinen Sinn verblendet. Zwar regte sich manchmal die Vernunft in mir und mahnte mich, die Schritte wieder zum väterlichen Hause zu lenken; dennoch hielt mich ein Etwas ab, dieser inneren Stimme zu gehorchen. Zu der Lust an Abenteuern und am Wandern, die mich zu dem ersten Schritte des Ungehorsams gegen meine Eltern verleitet hatte, gesellte sich jetzt die Scham; umkehren wollte ich nicht mehr, und so trieb mich das Schicksal weiterem Unglück entgegen.
Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitung gegeben, mein Gewissen zu beruhigen, war jetzt mutloser als ich. Erst einige Tage nach unsrer Ankunft in Yarmouth kam ich wieder mit ihm zusammen, da unsre Quartiere weit auseinander lagen. Jetzt schlug er einen andern Ton an als vorher; mit trüber Miene fragte er mich, wie es mir gehe. Als sein Vater dazu kam, teilte er diesem mit, wer ich sei, daß diese Reise nur ein Versuch für mich gewesen sei, und daß ich weiterreisen wolle. In dem Kapitän mochten die Erinnerungen an durchlebte gefahrvolle Tage des Seelebens emporsteigen, er wurde ernst, fast streng und sagte zu mir: »Junger Mann, Ihr dürft nicht wieder aufs Meer gehen; die kaum überstandenen Ereignisse müssen Euch die Überzeugung aufdringen, daß Ihr nicht zum Seemann geboren seid.«
»Wie, mein Herr«, erwiderte ich verwundert, »wollen Sie denn auch nicht mehr zur See gehen?«
»Bei mir ist das etwas andres; das ist mein Beruf, meine Pflicht, Ihr aber habt mit dieser Reise nur einen Versuch machen wollen, und ich dächte, Ihr hättet einen hinlänglichen Vorgeschmack dessen bekommen, was Euch bevorsteht. Doch sagt mir, wie kommt es eigentlich, daß Ihr zur See gehen wollt?«
Die Schiffbrüchigen auf dem Boote.
Ich erzählte dem Kapitän den Verlauf meines bisherigen Lebens. Als ich geendigt hatte, fuhr er in unmutigem Tone und tief erregt auf: »Womit habe ich verdient, daß solch ein Unbesonnener zu mir an Bord kommen mußte? Um keinen Preis möchte ich je wieder mit Euch meinen Fuß auf dasselbe Schiff setzen!«
Das Unglück, welches ihn betroffen, hatte den Kapitän ganz außerordentlich heftig gestimmt. Indessen sprach er später liebevoller mit mir und stellte ganz eindringlich mir vor, wie thöricht das Beginnen sei, die Vorsehung tollkühn versuchen zu wollen; ich thäte sicher besser, zu meinem Vater zurückzukehren.
»Seid überzeugt, junger Mann«, schloß er seine wohlgemeinten Ermahnungen, »daß, wenn Ihr nicht zurückkehrt, Eurer überall nichts als Täuschungen und Elend harren, und daß die ernsten Worte Eures Vaters in Erfüllung gehen werden.«
Ich erwiderte nichts, sondern verabschiedete mich von dem wohlmeinenden Manne. – Ich habe ihn leider nicht wiedergesehen.
Da ich etwas Geld besaß, begab ich mich zu Lande nach London, unentschlossen, was ich eigentlich thun sollte. Nach Hause zu gehen verbot mir, wie gesagt, die Scham; auch fürchtete ich das höhnische Gerede der Nachbarn. Wie thöricht ist doch die Jugend! Sie schämt sich oft mehr der Reue als der Sünde und stemmt sich mit Gewalt gegen die Weisungen des Verstandes. Sowie die Erinnerung an die ausgestandenen Gefahren schwand, trat auch der Gedanke an die Heimkehr in den Hintergrund; zuletzt gab ich ihn ganz auf und entschloß mich kurz, an Bord eines überseeischen Schiffes zu gehen.
Mein größtes Unglück auf allen meinen Reisen war die Hartnäckigkeit, mit der ich mich weigerte, als Matrose zu dienen. Zwar hätte ich dann gleich den andern tüchtig die Hände rühren müssen, aber ich hätte auch Aussicht gehabt, im Laufe der Zeit zum Steuermann, Hochbootsmann, Leutnant, ja vielleicht gar zum Kapitän emporzusteigen. Allein ich hatte ein besonderes Geschick, überall das Ungünstige zu wählen, und da mein Geld noch ausreichte und meine Kleider sich in leidlich guter Beschaffenheit befanden, so begab ich mich als Passagier an Bord, wobei ich freilich nichts zu thun hatte, aber auch nichts lernen konnte.
Ich kam also nach London. Dort hatte ich das Glück, in gute Gesellschaft zu geraten, was bei einem lockeren, leichtsinnigen Burschen, wie ich war, sicherlich selten genug ist. Meine erste Bekanntschaft war der Kapitän eines Schiffes, welches von der Küste von Guinea zurückgekehrt und im Begriff stand, wieder dorthin abzusegeln. Dieser treffliche Mann fand Wohlgefallen an mir und schlug mir vor, auf seinem Schiffe die Reise nach Guinea zu unternehmen. Er meinte, es solle mich nichts kosten, und wenn ich einige Waren einkaufen wollte, um sie in Afrika mit Vorteil loszuschlagen, so würde ich dadurch vielleicht einen erklecklichen Gewinn machen.
Wer war froher als ich? Ich nahm des Kapitäns Anerbieten ohne Bedenken an. Auf seinen Rat hatte ich für etwa 40 Pfund Sterling (800 Mark) Glaswaren und andre kleine Gegenstände eingekauft. Diese Geldmittel hatte ich durch Hilfe einiger Verwandten aufgebracht, mit denen ich in Briefwechsel geblieben, und letztere hatten auch meinen Eltern mein Schicksal und mein Vorhaben mitgeteilt, ja dieselben wohl vermocht, etwas zu meinem ersten Unternehmen beizusteuern.
Dies war die einzige Reise, von der ich sagen kann, daß sie glücklich ablief. Allerdings hatte mich das Mißgeschick nicht gänzlich unberührt gelassen; infolge der allzugroßen Hitze in den Tropen verfiel ich in ein heftiges Fieber, so daß ich längere Zeit in Afrika krank daniederlag; aber die Reise war doch nicht erfolglos für mich gewesen. Dies hatte ich lediglich der Rechtschaffenheit meines Freundes, des Kapitäns, zu danken, unter dessen Anleitung ich nicht unbedeutende Kenntnisse in der Mathematik und der Seemannskunde erlangte. Ich lernte ein Schiffstagebuch führen, nautische Beobachtungen anstellen, kurz Dinge, die ein Seemann wissen muß. Er fand ein gleiches Vergnügen daran, mich zu unterrichten, wie ich, von ihm zu lernen, und so bildete mich die Reise zum Kaufmann und Seemann. Mein Tauschhandel ging gut; ich brachte über fünf Pfund Goldstaub zurück, gegen die ich in London 300 Guineen (6000 Mark) erhielt. Dieser Erfolg erfüllte mich mit hochfliegenden Gedanken; aber Hochmut kommt stets vor dem Falle, und dieser Hochmut war die Ursache, daß ich eine dornenvolle Bahn durchwandern mußte!
Da ergriff ich die zweite Flinte und traf den Löwen so sicher durch den Kopf ... (Zu S. 19.)
Zweites Kapitel.
Robinsons Gefangenschaft und Flucht.
Gefangenschaft in Saleh. – Flucht mit Xury.
So war ich also ein Guineakaufmann geworden. Zu meinem größten Leidwesen starb mein Freund bald nach unsrer Rückkehr, und ich entschloß mich, auf eigne Faust dieselbe Reise noch einmal zu unternehmen, und zwar auf demselben Fahrzeuge, welches jetzt der frühere Oberbootsmann führte. Es ward eine der unglücklichsten Fahrten.
Ich nahm für 100 Pfund Sterling (über 2000 Mark) Waren auf die Reise mit und ließ 200 Pfund in den Händen der Witwe meines Freundes zurück, die denn auch das Übergebene treulich bewahrte und mein Vertrauen in ihre Redlichkeit nicht getäuscht hat.
Reich an Hoffnungen steuerten wir zwischen den Kanarischen Inseln und der afrikanischen Küste hin. Da wurden wir plötzlich eines Morgens, noch in der Dämmerung, von einem maurischen Seeräuber überrascht, der bald, alle Segel aufhissend, auf uns Jagd machte.
Gegen 3 Uhr nachmittags kam er uns nahe und warf auf unser Deck 60 Mann, die sofort unser Tau- und Takelwerk zusammenhieben. Es kam zum Kampfe. Nachdem aber von unsern Leuten drei getötet und acht verwundet waren, mußten wir andern uns der feindlichen Übermacht ergeben. Wir wurden nach Saleh gebracht, einem unbedeutenden Hafen an der Küste der Barbareskenstaaten. Man führte mich jedoch nicht, wie meine übrigen Schicksalsgenossen, in das Innere des Landes, nach der Residenz des Kaisers, sondern der Kapitän behielt mich bei sich selbst zurück, weil ich ihm dienstbar sein sollte. So waren denn alle hochfliegenden Pläne des jungen »Guineakaufmanns« mit einem Schlage vernichtet. Ich war jetzt nichts als ein unglücklicher Sklave, und meines Vaters mahnende Stimme trat oft vor meine Seele; niemand war da, der mir rettenden Beistand geleistet hätte.
Indessen stieg die Hoffnung in mir auf, daß mich mein neuer Herr an seinen Seeunternehmungen werde teilnehmen lassen. Ich malte mir schon im Geiste meine Errettung durch ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff aus. Eine derartige Gelegenheit sollte indes noch lange auf sich warten lassen. Inzwischen mußte ich meinen Herrn häufig auf seinen Spazierfahrten begleiten, die er in einem kleinen Fahrzeuge auf dem Meere unternahm, um nahe der Küste zu fischen. Einst hatte er zu einer gleichen Fahrt als Gäste mehrere vornehme Mauren eingeladen und traf hierzu außerordentliche Vorbereitungen.
Schon am Tage vorher mußte ich in die Schaluppe mehr Lebensmittel als gewöhnlich bringen, ebenso drei Flinten mit Pulver, Kugeln und Schrot für die Jagd auf Seevögel. Als ich am nächsten Morgen mit dem blankgeputzten Boote auf das Erscheinen meines Herrn wartete, kam letzterer allein und erklärte, daß seine Gäste wegen unerwarteter Geschäfte behindert seien; ich möchte nur mit dem Maurenknaben auf den Fischfang fahren, da seine Gäste des Abends bei ihm speisen würden. Dann ging mein Herr und ließ mich mit dem Boote und dem Knaben allein.
Welche günstige Gelegenheit zur endlichen Ausführung meiner Fluchtpläne! Wir fuhren hinaus, und ich fischte anscheinend eine Zeitlang, sprach dann aber zum Knaben: »Wir fangen heute nichts, wir müssen weiter hinausfahren.« Als wir fern genug von der Küste uns befanden, sagte ich plötzlich zu dem Knaben: »Xury, wenn du mir treu sein willst, so werde ich dich zu einem großen Manne machen; schlage dich ins Gesicht und schwöre mir bei Mohammed und dem Barte deines Vaters Treue, sonst werfe ich dich in die See.« Der Knabe lächelte mich in voller Unschuld an und versprach, mit mir zu gehen bis an das Ende der Welt.
Bei dem frischen Winde ging unsre stille Wasserfahrt so schnell vor sich, daß wir am nächsten Tage, nachmittags 3 Uhr, als wir uns dem Lande näherten, längst über das Gebiet des Kaisers von Marokko hinaus sein mußten, denn wir sahen keine Spur von Menschen an der Küste.
Die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, hielt mich indes ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. Vielmehr segelte ich fünf Tage lang ununterbrochen fort und warf erst dann, als ich mich außer aller Verfolgung glauben durfte, den Anker nicht weit von der Mündung eines kleinen Flusses, ohne zu wissen, wo ich mich eigentlich befand. Es kam mir niemand zu Gesicht, und ich wollte auch niemand sehen; alles, was ich bedurfte, war frisches Wasser. Wir liefen am Abend in die Bucht ein und beschlossen, mit einbrechender Nacht zu landen, um die Küstengegend zu untersuchen.
Von meiner ersten Reise her wußte ich, daß die Kanarischen Inseln und die Inseln des Grünen Vorgebirges nicht weit entfernt sein konnten. Da ich aber die Lage nicht genau kannte, so hatte ich nur die Hoffnung, vielleicht einem englischen Schiffe zu begegnen, das uns aufnehmen könnte. Nach meinem Vermuten lag das Land, welches ich gesehen hatte, zwischen dem Kaisertum Marokko und Nigritien, dessen weite Einöden nur von wilden Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier aus südwärts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von Tausenden große Jagden abzuhalten. Löwen und Leoparden, Schakale und Hyänen fanden wir auf der ganzen Strecke, die wir an der Küste hinfuhren, äußerst zahlreich, und während der Nacht musizierten diese wilden Bestien in allen Tonarten.
Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, an einer kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg höher und höher, und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwärts zu treiben, als Xury, der ein schärferes Auge hatte als ich, mir zuflüsterte: »Herr, wir müssen fort, dort an dem Felsen ist ein fürchterliches Tier.«
Ich blickte hin und erkannte in der That einen großen Löwen, welcher sorglos schlief.
Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud ich unser größtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, hierauf machte ich auch meine zweite Flinte schußfertig und lud die dritte mit fünf Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schuß genau nach dem Kopfe des Löwen; aber da er die Tatzen über die Schnauze hielt, so traf der Schuß eine derselben über dem Gelenke und zerschmetterte sie. Er fuhr auf, sank aber wieder nieder und erhob sich von neuem auf drei Pfoten, indem er ein entsetzliches Gebrüll ausstieß. Da ergriff ich die zweite Flinte und traf ihn so sicher durch den Kopf, daß er sich in Todeszuckungen wälzte. Jetzt faßte Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er sprang ins Wasser und schwamm, während er mit der einen Hand die Flinte über seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er in der nächsten Nähe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr an das Ohr und tötete es vollends.
Da fiel mir ein, daß uns vielleicht das Fell des Löwen von Nutzen sein könnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl Xury recht geschickt damit umzugehen wußte, plagten wir uns dennoch einen ganzen Tag lang, ehe wir die Haut vollständig abgestreift hatten; darauf ließen wir sie zwei Tage auf dem Dache der Kajütte ausgebreitet trocknen, und ich bediente mich dann ihrer zum Lager.
Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage südwärts. Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu Ende gehen mußte, und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht ging dahin, den Fluß Senegal oder den Gambia zu erreichen, d. h. die Höhe des Grünen Vorgebirges, um vielleicht ein europäisches Fahrzeug zu treffen; denn ich wußte, daß alle nach der Küste von Guinea, nach Brasilien oder Ostindien bestimmten Schiffe das Grüne Vorgebirge umsegeln mußten.
An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den Strand, um uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land gehen, aber der kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren ohne Waffen, nur ein einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte mich, es sei eine Lanze, welche diese Neger auf weite Entfernungen mit wunderbarer Sicherheit schleudern können. Ich hielt mich daher in angemessener Entfernung und suchte nur durch Zeichen ihnen zu verstehen zu geben, daß wir Lebensmittel wünschten. Sie winkten mir darauf, mit dem Boote still zu halten, ich legte bei und näherte mich dem Ufer, während zwei der Männer landeinwärts liefen und nach einer halben Stunde zwei Stücke getrocknetes Fleisch nebst etwas Korn zurückbrachten. Gern hätten wir zugegriffen, wir wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein diese hegten ebenso große Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel am Strande nieder, zogen sich dann zurück und warteten, bis wir das Niedergelegte geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer näherten.
Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres nicht zu bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, durch die wir ihnen einen großen Dienst erweisen konnten. Zwei furchtbare Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten von den Bergen gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem Laufe davon, nur der Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien dachten indes nicht daran, die Schwarzen anzufallen, sondern stürzten in das Wasser, als seien sie nur gekommen, um sich an einem frischen Bade zu erquicken. Ich lud unsre drei Gewehre, und da eines der Tiere nahe genug gekommen war, schoß ich dasselbe gerade durch den Kopf, so daß es untersank. Bald aber kam es wieder in die Höhe, tauchte bald auf, bald unter und schien mit dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und Knall des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der Wildnis zurück.
Unmöglich läßt sich das Staunen der Neger beschreiben, das sie bei dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie aber das Tier tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen winkte, ans Ufer zu kommen, faßten sie wieder Mut. Ich schlang dem Tier einen Strick um eine Pfote und warf dessen Ende den Negern zu, welche dann den Leichnam ans Land zogen. Jetzt erst bemerkte ich, daß es ein kräftiger, schön gefleckter Leopard war. Die Neger gaben mir zu verstehen, daß sie nicht übel Lust hätten, das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich ihnen durch Zeichen ausdrückte, daß ich ihnen diese Beute zum Geschenk machen wolle, schienen sie außerordentlich dankbar zu sein und gingen sogleich daran, dem Tiere die Haut abzuziehen.
Von dem Fleische, das sie mir anboten, nahm ich nichts an, sondern verlangte nur das Fell, das sie mir gern überließen. Noch begehrte ich von ihnen Wasser, indem ich einen Krug mit der Hand umkehrte, um anzudeuten, daß er leer sei. Sofort riefen sie einige Weiber herzu, die dann ein großes irdenes Gefäß herbeibrachten. Sie stellten es an das Ufer, wie früher die Lebensmittel, und ich schickte Xury ab, um unsre drei Krüge aus diesem Gefäße mit Wasser zu füllen.
So war ich denn mit Fleisch, Korn und Trinkwasser versehen, nahm daher von den freundlichen Negern Abschied und segelte wiederum in der bisherigen Richtung zehn Tage lang, ohne zu landen, bis ich endlich vier oder fünf Stunden entfernt das Land weit in das Meer vorspringen sah. Die See war still; ich umsegelte diese Landspitze in einer Entfernung von ungefähr zwei Stunden. Bei dieser Fahrt sah ich ganz deutlich das andere Ufer des Kaps und vermutete – wie ich erfuhr, mit Recht – daß es das Grüne Vorgebirge sei und die Kapverdischen Inseln. Ich machte keinen Versuch, nach den letzteren zu steuern, da ich fürchtete, ein widriger Wind könnte mich in den offenen Ozean treiben.
In dieser Lage ging ich in die Kajütte und hing meinen Gedanken nach. Plötzlich rief Xury, der am Steuer saß: »Herr, ein Schiff mit Segeln!« Er war ganz außer sich vor Schrecken, weil er glaubte, unser maurischer Herr setzte uns mit einem Fahrzeug nach. Ich sprang aus der Kajütte und sah sofort, daß das Schiff ein portugiesisches war. Ich segelte und ruderte, so sehr ich konnte, um es einzuholen; endlich bemerkte man uns und zog die Segel ein, um uns herankommen zu lassen.
Man fragte mich auf portugiesisch, auf spanisch und auf französisch, wer ich sei, allein ich verstand keine dieser Fragen. Zuletzt erkundigte sich ein schottischer Matrose, der sich an Bord befand, auf englisch nach meinen Verhältnissen, und diesem sagte ich, daß ich ein Engländer und aus der Sklaverei der Mauren in Saleh entflohen sei. Man ließ mich nun an Bord kommen und nahm uns beide samt meiner Habe freundlich auf.
Ich empfand über meine Rettung unaussprechliche Freude und bot dem Kapitän als Beweis meiner Dankbarkeit mein ganzes Besitztum an. Allein er erwiderte mir großmütig, daß er nichts annehmen wolle: »Nein, Senhor Inglese (Herr Engländer), ich bringe Euch aus reiner Christenliebe nach Brasilien, und die Gegenstände, die Ihr mir anbietet, werden Euch dort zum Lebensunterhalt und zur Rückreise dienen.«
So edelmütig sein Vorschlag war, so pünktlich erfüllte er ihn auch. Keiner seiner Matrosen durfte etwas von meiner Habe anrühren. Als er mein Boot in gutem Zustande sah, machte er mir den Vorschlag, es ihm zu verkaufen. Ich antwortete ihm, er habe sich so edelmütig gegen mich gezeigt, daß ich es mir zur Ehre schätze, ihm mein Boot umsonst zu überlassen. Der Kapitän nahm jedoch das Anerbieten nicht an, sondern bezahlte das Boot und gab mir 80 Stück Dublonen; ebenso bot er 60 Stück für meinen Jungen Xury. Er wollte sich verpflichten, Xury nach zehn Jahren freizugeben, wenn er zum Christentum überginge; der Maure willigte freudig ein, und ich überließ ihn dem Kapitän.
Nach einer glücklichen Fahrt, die ohne Unfälle von statten ging, liefen wir in die Allerheiligenbai ein. Der edelmütige Kapitän ließ mich nichts für die Überfahrt bezahlen; er gab mir 20 Dukaten für das Fell des Leoparden und 40 für das des Löwen; er lieferte mir alle meine Sachen aus und kaufte mir alles ab, was ich ihm ablassen wollte, so z. B. den Flaschenbehälter, zwei meiner Flinten. Dies brachte mir gegen 220 Stück Dublonen ein; mit diesem Kapital ging ich in Brasilien ans Land.
Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitän dem Hause eines Mannes, der ebenso rechtschaffen war, wie er selbst, und eine Zuckerpflanzung mit Siedewerk betrieb. Ich blieb einige Zeit bei ihm und machte mich bald mit dem Verfahren der Zuckerpflanzung vertraut. Dabei hatte ich Gelegenheit, das bequeme Leben der Pflanzer sowie ihren schnell emporblühenden Reichtum zu beobachten, so daß in mir der Wunsch aufstieg, mich ebenfalls als Pflanzer niederzulassen. Ich dachte nun an Mittel, mein in London gelassenes Geld hierher kommen zu lassen, kaufte so viel Land, als meine Mittel erlaubten, und entwarf einen Plan zur Errichtung meiner Pflanzung.
Robinson als Pflanzer.
Drittes Kapitel.
Robinson als brasilischer Pflanzer.
Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. – Eine neue Reise. – Schiffbruch.
Mein edelgesinnter Kapitän hatte drei Monate auf Ladung gewartet und stand eben im Begriff, die Rückreise anzutreten, als ich das Gespräch auf das Kapital brachte, welches ich noch in London stehen hatte. Er erteilte mir den wohlmeinenden Rat: »Senhor Inglese, gebt mir Vollmacht und legt mir einen Brief bei an diejenige Person in London, bei welcher Euer Geld steht. Laßt Eure Effekten nach Lissabon gehen, die ich als Euer Bevollmächtigter Euch auf meiner nächsten Reise mitbringen werde. Da aber die menschlichen Dinge tausend Zufälligkeiten ausgesetzt sind, so möchte ich Euch raten, mir nur eine Anweisung auf 100 Pfund Sterling, als die Hälfte Eures Vermögens, auszustellen; denn geht diese verloren, so bleibt Euch doch noch die andre Hälfte.«
Ich nahm diesen Rat an und ließ die Vollmacht für den Portugiesen ausfertigen. Der Witwe des englischen Kapitäns schilderte ich meine Abenteuer, meine Sklaverei, mein Entrinnen sowie das Zusammentreffen mit dem portugiesischen Kapitän und dessen menschenfreundlichen Beistand. Als der Mann nach Lissabon kam, fand er Mittel, der Frau meines verstorbenen Freundes meinen Brief zu übersenden, worauf sie ihm nicht nur das bare Geld, sondern auch ein Geschenk für seine liebevolle Teilnahme einschickte. Der Kaufmann in London legte diese 100 Pfund in englischen Waren an, wie ihm der Kapitän aufgetragen hatte, und sandte sie nach Lissabon ein. Diese Waren nebst allerhand nützlichen Werkzeugen überschickte mir der Kapitän; ja sogar einen Diener hatte er für die fünf Pfund Sterling, die er von der Witwe zum Geschenk erhalten, für mich angeworben mit der Verpflichtung, mir sechs Jahre zu dienen. Auch der Erlös aus den englischen Manufakturwaren übertraf meine Erwartungen, so daß ich mit meinen Vermögensverhältnissen vollkommen zufrieden sein konnte. Nun dachte ich daran, noch einen europäischen Diener zu mieten und einen Neger zu kaufen. Die Ernte im nächsten Jahre fiel glänzend aus.
Wäre ich in den Verhältnissen geblieben, in welchen ich mich jetzt befand, so hätte ich bis an mein Lebensende ein ruhiges und beschauliches Glück genießen können. Allein in meinem Kopfe tummelten sich tausend hochfahrende Unternehmungen. Dergleichen Pläne sind ja oft das Verderben selbst erfahrener Männer, und ich sollte das auch empfinden.
Als Pflanzer in Brasilien hatte ich zum Nachbar einen Portugiesen aus Lissabon von englischer Herkunft, Namens Wells, dessen Umstände den meinigen ähnlich waren. Zwei Jahre lang hatten wir alle Hände voll zu thun, um nur unsern Lebensunterhalt zu verdienen, aber schon im dritten Jahre ernteten wir Tabak, und im vierten Jahre gedachten wir Zuckerrohr zu bauen. Ich hatte 50 große Rollen Tabak, von denen jede 100 Pfund wog, auf meinem eignen Grund und Boden erbaut und sie für die Rückkehr der Flotte von Lissabon wohl aufbewahrt. Indes fühlten wir recht drückend den Mangel an mithelfenden Armen, und ich wünschte mehr als je meinen flinken Xury zurück, der mir recht gute Dienste hätte leisten können.
Da wir die sämtlichen Arbeiten nicht selbst ausführen konnten, blieben wir mit vielem im Rückstande. Es währte nicht lange, da fühlte ich mich in meiner Lebensweise unbehaglich. Natürlich! Ich hatte mich einer Beschäftigung hingegeben, die meiner Wanderlust gerade entgegenlief. Jetzt sah ich ein, daß mein Vater recht hatte, als er mir den Mittelstand als den glücklichsten angepriesen. »Und dies alles«, sagte ich häufig zu mir selbst, »hättest du leichter in deinem Vaterlande haben können; manche Leiden hättest du dir erspart, wenn du daheim geblieben wärst! Jetzt mußt du nun hier leben, wo kein Freund an deinem Schicksal teilnimmt.«
Während der vier Jahre meines Aufenthalts in Brasilien hatte ich die Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer Kaufleute in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal über meine Jugendschicksale und besonders über die Reisen an der Guineaküste unterhielt. Dabei ließ ich nicht unerwähnt, mit welcher Leichtigkeit man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, Spiegeln, Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub ein gutes Geschäft machen könne. Besonders aufmerksame Zuhörer hatte ich an jenen Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel sprach, der damals noch ausschließlich von Spanien und Portugal aus getrieben wurde.
Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir einen Vorschlag zu machen; sie teilten mir mit, sie hätten alle drei gleich mir Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an geeigneten Arbeitskräften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff nach Guinea ausrüsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, sondern um Schwarze aus Afrika zu holen und sie gleichmäßig unter sich zu verteilen. Es sei nur noch die Frage, ob ich als Aufseher des Schiffes mitgehen und den Handel an der Guineaküste leiten wolle. Für die Einwilligung würden sie mich durch einen gleichen Anteil an den Negern entschädigen sowie durch den Vorteil, keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu müssen.
Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, war ich doch so thöricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die Bedingung, daß meine Pflanzung bis zu meiner Rückkehr gut überwacht würde und, falls mir ein Unglück widerführe, demjenigen übergeben werden sollte, den ich als Nachfolger bezeichnete. Zu meinem Universalerben setzte ich den portugiesischen Kapitän ein, unter der Bedingung, daß er die Hälfte meines Vermögens nach England gelangen lassen solle.
Die Ausrüstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September 1659, demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das elterliche Haus verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen wir in See. Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, führte sechs Kanonen und 14 Mann, den Kapitän samt seinem Schiffsjungen und mich eingerechnet. Die Ladung des Schiffes bestand nur aus solchem Tand, der sich am besten zum Handel mit Negern eignet.
Wir steuerten anfangs längs der Küste von Brasilien nordwärts, weil wir beabsichtigten, den 12. Grad nördlicher Breite zu erreichen und dann, wie damals üblich, nach Afrika hinüberzusegeln. Solange wir an der Küste hinfuhren, wurden wir von dem prächtigsten Wetter begünstigt; bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land aus dem Gesicht und steuerten, als wollten wir die Insel Fernando de Naronha erreichen, Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel ließen wir aber östlich liegen und passierten nach einer Fahrt von zwölf Tagen die Linie. Bisher hatten wir uns des schönsten Wetters zu erfreuen gehabt, jetzt aber brach ein heftiger Wirbelwind los.
Zwölf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann ließ der Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, daß wir uns in der Richtung nach der Küste von Guinea oberhalb des Amazonenstromes und nicht weit vom Orinoko befanden. Wir überlegten, was unter diesen Umständen zu thun sei, zumal das Schiff ein Leck bekommen hatte; endlich entschlossen wir uns, nach Barbados zu segeln, indem wir uns weit genug auf offener See hielten, um die Einfahrt in den Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. In vierzehn Tagen konnten wir bei den Karibischen Inseln sein und steuerten deshalb nordwestlich.
Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem 14. Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und trieb uns weit fort, als plötzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: »Land! Land!« ertönte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile der Welt wir entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windstoß unser Fahrzeug auf eine Sandbank trieb.
Die Wogen stürzten schäumend über das Deck, und jeder flüchtete in sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu schützen. Der Wind tobte fortwährend heftig, und das Fahrzeug konnte in wenig Minuten zertrümmert sein, wenn es nicht plötzlich umschlug. Am Hinterteil des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder war zertrümmert und die zerschmetterten Teile tanzten auf den empörten Wellen. Zwar lag noch die Schaluppe an Bord, doch schien es uns unmöglich, dieselbe ins Wasser zu setzen. Die Todesangst zwang uns endlich doch, einen verzweifelten Versuch zu machen, und den vereinten Anstrengungen gelang es, die Schaluppe über Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und ließen uns – im ganzen elf Personen – von Wind und Wogen treiben, wohin es Gott gefiel.
Wir sahen wohl ein, daß unser Boot bei der hochgehenden See nicht lange aushalten würde. Mit allen Kräften ruderten wir dem Lande zu, aber so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; denn wir konnten voraussetzen, daß das Boot, wenn es sich der Küste näherte, von der Macht der Wogen zertrümmert werden würde. So schien es, als ob wir selbst unsern Untergang beschleunigten.
Von welcher Beschaffenheit die Küste vor uns war, ob felsig oder sandig, hoch oder flach – wir wußten es nicht. Der einzige Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Möglichkeit, in die Mündung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, wo wir das Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von alledem, ja, das Land erschien uns, je näher wir kamen, grauenhafter als die See, denn es starrten uns fürchterliche Felsenriffe entgegen. So mochten wir etwa anderthalb Meilen fortgetrieben sein, als eine berghohe Welle hinter unsrer Schaluppe einherrollte, uns mit sicherem Untergang bedrohend; sie stürzte mit solcher Heftigkeit auf unser Boot, daß es augenblicklich umschlug. Wir wurden getrennt und versanken in den Abgrund, Gott um Beistand anflehend.
Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch nicht zur Oberfläche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich die Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurückzog und mich auf dem Trockenen zurückließ, freilich zum Tode ermattet und außer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt hatte. Ich fühlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des Körpers, daß ich mich aufraffte und, da ich die Küste nahe vor mir sah, einen Versuch machte, sie zu erreichen, ehe eine andre Welle mich wieder zurückriß. Meine Widerstandskraft erwies sich jedoch dem Elemente gegenüber als zu schwach. Ich sah die See riesengroß, wie einen erbitterten Feind, von neuem gegen mich heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr zu widerstehen. Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu behalten und schwimmend landeinwärts zu kommen. Doch die Wassermenge begrub mich viele Meter tief, und ich fühlte, wie ich von ihr nach dem Ufer gerissen wurde.
Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und Händen aus dem Wasser emporschoß. Ich faßte neuen Mut, obgleich ich mich nur zwei Sekunden über Wasser hielt, um Atem zu schöpfen. Darauf stürzten wieder die Wellen über mich weg, und dann bemerkte ich, wie sie wieder zurückgingen.
Die letzte Welle hätte mir gefährlich werden können, denn ich wurde mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, daß ich fast das Bewußtsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das Felsenstück (S. 31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser zurückgegangen war. Nun kletterte ich die Klippen empor und warf mich auf das Gras, sicher vor dem Anfluten des Wassers und seinen Gefahren. Ich blickte zum Himmel und dankte inbrünstig dem Herrn, der mich so wunderbar vom Tode errettet hatte.
Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, in weiter Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war ganz durchnäßt, und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger und Durst quälten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung eines Tieres mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur die Aussicht, entweder Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Ich hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas Tabak in einem Beutel; das war mein ganzer Vorrat und – der war naß.
Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwärts und fand frisches Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah ich indes nirgends und begnügte mich daher, nach Seemannsbrauch, Tabak zu kauen. Die Nacht brach allmählich herein. Schwere, finstere Wolken jagten am Himmel dahin und ließen die Nacht nur um so unheimlicher erscheinen. Der Wind schüttelte die Äste der Bäume, und die Wellen brachen sich tosend an den Klippen. Mich überkam die Furcht vor reißenden Tieren, denen ich waffenlos preisgegeben war.
Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur Waffe abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen und darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich in einen tiefen Schlaf, aus welchem ich erst nach vielen Stunden wiedererwachte.
»Gerettet!«
Viertes Kapitel.
Rettung nach dem Schiffbruch.
Robinson schwimmt an das Wrack. – Erbauung eines Floßes. – Er landet glücklich mit seiner Fracht. – Tägliche Fahrten nach dem Wrack. – Errichtung seiner Wohnung. – Erbeutung von Ziegen. – Robinsons Kalender. – Tagebuch.
Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Das Wetter war heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer war ruhig. Am meisten überraschte mich der Umstand, daß das Schiff durch die Flut gehoben und fast bis zu dem Punkte getrieben wurde, an welchem mich tags vorher die Wogen gegen die Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine halbe Stunde vom Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu halten. Ich nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu beschaffenden Bedürfnissen zu versehen.
Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Höhe herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine Stunde entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte dasselbe zu erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; ebensowenig vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen.
Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurückgewichen, daß ich mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nähern konnte. Ich legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe zu. Als ich indes nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das Schiff hatte sich auf die Seite gelegt und ragte hoch über das Wasser empor; daher konnte ich nicht an Bord kommen. Zweimal schwamm ich um das Fahrzeug herum, ohne etwas zu finden, woran ich mich hätte in die Höhe arbeiten können. Endlich gewahrte ich ein Tauende, welches am Vorderteil so weit herabhing, daß ich daran emporklettern konnte. Oben angekommen, sah ich, daß das leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte. Es lag auf einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, während das Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang galt der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorräte in unverdorbenem Zustande fand. Ich füllte meine Taschen mit Schiffszwieback und entdeckte dann in der Kajütte Rum, von dem ich einen tüchtigen Schluck zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur an einem Boote, um die mir nötigen Sachen ans Land zu schaffen. Da beschloß ich, mir selbst ein Floß zu bauen. An Bord fand ich einige Raaen, zwei oder drei hölzerne Balken und ein paar Bramstengen. Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sägen, Beile, Hammer und Nägel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer, nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, damit sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der Seite des Schiffes hinab und verband die Holzstücke zu einer Art Floß; hierauf nagelte ich einige Bretter darüber und konnte mich nun schon darauf wagen. Allein für eine größere Ladung wäre es immerhin noch zu leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der Zimmermannssäge eine der Bramstengen in drei Stücke und verstärkte mit diesen mein Floß. Dann dachte ich daran, wie ich es am vorteilhaftesten befrachten und die Ladung gegen das Wasser sichern könnte. – Zuvörderst brachte ich auf das Floß alle Bretter, deren ich habhaft werden konnte; hierauf füllte ich zwei Matrosenkisten mit Brot, Reis, holländischen Käsen, fünf Stück geräucherten Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste.
Robinsons Rückkehr vom Wrack.
Während ich alle Gegenstände zusammenpackte, begann die Flut zu steigen; ich bemerkte, daß meine Weste und mein Hemd, die ich am Ufer zurückgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb Bedacht, nach Kleidungsstücken zu suchen, deren ich genug fand; auch dachte ich an Munition und Waffen. In der großen Kajütte waren zwei gute Jagdflinten sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte ich einen kleinen Beutel mit Schrot, zwei alte verrostete Degen und etliche Pulverhörner. Ich erinnerte mich, daß drei Pulverfässer auf dem Schiffe waren, aber ich wußte nicht, wo unser Geschützmeister sie hingestellt hatte. Nach vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten sich trocken und gut erhalten, während das dritte durch das Wasser verdorben war; die beiden ersteren samt den Waffen trug ich auf mein Floß. Dann fielen mir noch etliche Ruder in die Hände, die zur Schaluppe gehört hatten, sowie zwei Sägen, eine Axt, ein Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte ich mein Floß in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwärts, woraus ich schließen mußte, daß eine Bucht oder die Mündung eines Flusses diese Strömung herbeiführte. In der That zeigte sich bald vor mir eine kleine Öffnung, in welche die Flut mächtig eindrang.
So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Floß, um es in die Mitte des Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mögliche auf, indem ich meinen Rücken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher Zeit mich bemühte, das Floß richtig zu leiten. Fast eine halbe Stunde mußte ich in dieser anstrengenden Stellung aushalten, bis endlich die steigende Flut mein Floß hob, worauf ich glücklich in die Bucht einlief. Da aber die Ufer steil emporstiegen, so bemühte ich mich, mein Floß durch das Ruder wie durch einen Anker festzuhalten, bis die Flut ihre größte Höhe erreicht haben würde. Später trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete zwei meiner zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese Art lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein Floß samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb.
Ich darf hier nicht vergessen, daß wir an Bord einen Hund und zwei Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Floß mitgenommen, der Hund aber war selbst ins Meer gesprungen und folgte mir schwimmend bis ans Ufer. Dieses anhängliche Tier blieb jahrelang mein treuer Gefährte und leistete mir wesentliche Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir die Gesellschaft eines Menschen zu ersetzen.
Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem Floß gelandet war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer Kette andrer Berge, die sich nach Norden hinzog, am höchsten emporragte. Ich nahm eine Jagdflinte, eine Pistole und ein gefülltes Pulverhorn, und so bewaffnet erklomm ich die Spitze des Berges. Von hier aus sah ich erst, daß ich mich auf einer Insel befand. Nirgends war größeres Land zu sehen, nur in der Ferne hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu, etwa zwei Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden Tieren konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine große Menge Vögel, deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht zur Speise nicht einmal eigneten. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel, der auf einem Baume saß. Es war wohl der erste Schuß, welcher hier seit Erschaffung der Welt gefallen. Denn kaum ertönte der Knall, als sich aus allen Teilen des Gehölzes unzählige Vögel aller Art erhoben und mit wirrem Geschrei durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen war etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungenießbar.
Robinson auf der Vogeljagd.
Ich mußte schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Floß zurück. Jetzt schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages verbrachte. Was in der Nacht aus mir werden sollte, wußte ich noch nicht, denn auf bloßer Erde zu schlafen schien mir bedenklich. Deshalb verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich ans Land gebracht hatte, und baute mir für die Nacht eine Art Hütte.
Am nächsten Morgen überlegte ich, daß ich aus dem gestrandeten Schiffe wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir beschaffen könnte, und ich beschloß, wenn möglich, eine zweite Reise nach dem Fahrzeuge zu unternehmen, ehe ein nächster Seesturm das Wrack vollständig zertrümmern würde.
Zu solchem Zwecke beschloß ich, in gleicher Weise wie das erste Mal zu verfahren. Ich ließ meine Kleider in der Hütte zurück und behielt außer dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die Schuhe an. In diesem Anzuge schwamm ich an das Wrack und baute dort schneller als das erste Mal ein geeigneteres Floß zur Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorräten des Zimmermanns fand ich ein paar Beutel mit Nägeln und Schrauben, einen großen Bohrer, eine Anzahl Beile und Äxte und einen Schleifstein. Von den Gerätschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder drei Hebeeisen, zwei Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen und eine Bergflinte, einen kleinen Vorrat Pulver, einen tüchtigen Beutel mit Schrot und eine große Rolle dünngeschlagenes Blei.
Außerdem eignete ich mir alle Kleidungsstücke an, die ich nur finden konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hängematte mit Bettzeug. Reich beladen brachte ich dann das Floß zu meiner Freude glücklich ans Land.
Nun gab es alle Hände voll zu thun, um mittels der Segel und etlicher Pfähle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa durch die Witterung Schaden leiden könnte, unter Dach und Fach zu bringen. Ich stellte leere Fässer, Kisten und Tonnen um das Zelt und umgab mich mit einem Wall, so daß ich mich vor einem ersten Angriff oder Überfall von Menschen oder Tieren gesichert glauben durfte. Auch verschloß ich den Eingang mit Brettern, breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte zwei Pistolen an das Kopfende, eine geladene Flinte längs der Seite des Lagers und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestört bis zum Morgen.
Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des Wracks. Diesmal nahm ich alle Taue, Stricke und Schnüre mit, die noch aufzufinden waren, ebenso ein großes Stück Zeug zum Ausbessern der beschädigten Segel sowie das Faß mit dem naß gewordenen Pulver. Natürlich ließ ich auch die Segel nicht zurück, die mir später trefflich zu statten kamen. Die größte Freude verursachte es mir jedoch, als ich eine große Tonne mit Brot, drei Fässer voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit feinem Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt ans Land.
So unternahm ich regelmäßig meine täglichen Ausfahrten und hatte in zwölf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, was ich auf meinem kleinen Floß fortbringen konnte. Als ich mich zum letztenmal auf dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der Schublade eines kleinen Tisches einige Rasiermesser, über ein Dutzend Tischmesser, Gabeln und Löffel, sowie europäische und brasilische Gold- und Silbermünzen im Werte von 40 Pfund Sterling (800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde eines spöttischen Lächelns nicht erwehren. »Was soll mir doch«, dachte ich zunächst, »dieses glänzende Metall nützen? Ein einziges Messer ist mir nützlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl der Mühe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag es bleiben!« Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich mich eines andern, wickelte das Geld in ein Stück Leinwand und machte mich dann an die Errichtung des Floßes.
Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, erhob sich ein starker Wind vom Lande her, und den Himmel überzogen schwere, dunkle Wolken. Ich sah wohl ein, daß keine Zeit zu verlieren war, daher sprang ich ins Wasser und erreichte schwimmend glücklich das Ufer. Immer heftiger blies der Wind und immer hohler gingen die Wogen der See; ich aber saß wohlgeborgen in meinem kleinen Zelte – jetzt noch ein Krösus unter meinen Reichtümern. Die ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit solcher Heftigkeit getobt, daß am Morgen von dem gestrandeten Schiffe nichts mehr zu erblicken war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man dürftige Trümmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunächst war ich nicht wenig bestürzt; dann aber schlug ich mir das ganze Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit tröstete, die wertvollste Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues Standquartier gerettet zu haben.
Darüber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, daß meine Wohnung nur den ersten Anforderungen genüge, denn sie befand sich in der Nähe der Küste auf feuchtem Boden. Aber was sollte ich nun zum Aufenthalt wählen? Ein Zelt oder eine Höhle? – Vielleicht beides! Ich begab mich wiederum auf Entdeckungsreisen und gelangte an einen Hügel, dessen eine Seite eine hohe senkrechte Felsenwand bildete. Diese erschien mir geeignet, Schutz vor feindlichen Menschen und Tieren sowie vor glühenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Außerdem bot sich mir von dieser Stelle auch die Aussicht auf das weite Meer, so daß ich jedes vorbeisegelnde Schiff erblicken konnte. Am Fuße der Felswand bemerkte ich eine Vertiefung, die jedoch keine eigentliche Höhle genannt werden konnte. Ihr unmittelbar gegenüber wählte ich meine Wohnstätte auf dem oberen Teile der Fläche. Diese Ebene war ansehnlich breit und dehnte sich noch einmal so lang wie ein grüner Rasenteppich vor meinem Zelte aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hügels lag und den kühlenden Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich auch vor der glühenden Hitze des tropischen Himmels geschützt.
Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Höhlung einen Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In diesen Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei Reihen Pfähle so fest in die Erde ein, daß sie wie Säulen standen; sie ragten anderthalb Meter über den Boden empor und waren oben zugespitzt. Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem Schiffe abgeschnitten hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen auf der Spitze übereinander und stemmte von der Seite andre Pfähle dagegen, so daß weder Menschen noch Tiere diesen Zaun zu durchbrechen vermochten.
Der Eingang bestand nicht in einer Thür, sondern ich mußte mit Hilfe einer Leiter darüber klettern. In diese Zaunfestung nun brachte ich mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtümer und errichtete dann ein geräumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem ich über die untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere bedeckte ich wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem Segelwerk des Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu schlafen, wie in meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich in derselben Hängematte, in welcher sich früher der Kapitän gewiegt hatte.
Meine nächste Arbeit galt nun der Aufgabe, den Felsen weiter auszuhöhlen, um dort alle jene Lebensmittel und sonstigen Gegenstände unterzubringen, die ich gegen Nässe schützen mußte. Diese Beschäftigung nahm mich mehrere Tage in Anspruch; doch ehe noch alles zustande gekommen war, trat ein Ereignis ein, das mich zu großer Vorsicht mahnte.
Eines Tages stand ein schreckliches Gewitter am Himmel, und der Regen ergoß sich in Strömen auf den Erdboden. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitz hernieder und erhellte die Landschaft auf einige Sekunden mit blaurotem Licht. »Mein Pulver, mein Pulver!« dachte ich. Mein Herz pochte mit gewaltigen Schlägen; dann ließ ich alle andern Arbeiten im Stich und beschäftigte mich damit, meinen Pulvervorrat in kleine Pakete zu teilen und in Kistchen und Beuteln wohl zu verwahren. So hatte ich 240 Pfund in etwa hundert verschiedene Päckchen gesondert und jedes derselben vorsichtig so weit von dem andern entfernt gestellt, daß, wenn sich auch unglücklicherweise eines derselben entzündete, doch die übrigen nicht zugleich in die Luft fliegen konnten.
Bei meinem ersten Morgenspaziergange, welchen ich, mit einer Flinte bewaffnet, unternahm, um irgend etwas Eßbares zu schießen, machte ich die erfreuliche Entdeckung, daß die Insel mit zahlreichen Ziegen bevölkert war; doch zeigten sie sich so scheu und schnellfüßig, daß ich mich ihnen nicht auf Schußweite nähern konnte. Ich hatte beobachtet, daß sie stets erschreckt davonliefen, wenn sie vom Berge herab mich im Thale bemerkten; weideten sie jedoch im Thale und ich selbst stand auf dem Felsen, so nahmen sie keine Notiz von mir. Dies brachte mich auf die Vermutung, daß jene Tiere wohl leicht von oben herab, aber schwer von unten nach oben sehen könnten. Um zu erfahren, ob meine Vermutung richtig sei, stieg ich auf einen Berg, während unten die Herde graste. Mit dem ersten Schuß, den ich abfeuerte, erlegte ich eine Ziege, die ein Junges bei sich hatte. Als ich mich dem getöteten Tiere näherte, um es aufzuheben, blieb jenes ganz harmlos stehen, ja es folgte mir freiwillig in mein Zelt. Ich hoffte, das Junge aufziehen zu können; doch da es keinerlei Futter annehmen wollte, so sah ich mich genötigt, es zu schlachten und zu verzehren. Durch diese beiden Tiere war ich auf etliche Tage hinlänglich mit gutem Fleisch versehen und sparte dadurch an meinem Vorrat, welchen ich vom Schiffe gerettet hatte.
Robinson erlegt die erste Ziege.
Einige Zeit nach meiner Landung dachte ich daran, eine Zeitrechnung aufzustellen, um in der Tag- und Monatsfolge nicht ganz irre zu werden und ebenso den Sonntag nicht mit den Werktagen zu verwechseln. Da ich weder Papier, noch Tinte, noch Federn besaß, verfiel ich auf die Abfassung einer Art Kalender.
Ich rammte einen viereckigen Pfahl in die Erde und befestigte an dessen oberen Teil in Gestalt eines Kreuzes eine länglich viereckige Tafel; nach den Berechnungen, die ich anstellte, war ich am 30. September 1659 an dieser Insel angelangt, die etwa 9° 22' nördlich vom Äquator gelegen sein mußte: deshalb schnitt ich auf die Tafel mit großen Buchstaben ein:
»Hier landete Robinson Crusoe am 30. September 1659.«
An jedem neuen Tage machte ich an der Kante des Pfahles einen Messereinschnitt, deren siebenter, länger als die übrigen, den Sonntag bezeichnete. Der erste Tag eines Monats wurde durch einen stärkeren größeren Schnitt angemerkt. So ging es eine längere Zeit fort, während welcher ich emsig an der Vergrößerung meiner Höhle arbeitete, auch einen Tisch und einen Stuhl fertigte. Dabei kamen mir noch allerhand Dinge zu statten, die ich nicht einzeln, sondern in Kästen und Säcken verpackt vom Wrack abgeholt hatte. So fand ich mehrere Kompasse, mathematische Instrumente, Ferngläser, Seekarten, deren Nützlichkeit mir in meiner damaligen Lage nur wenig einleuchtete. Was mich aber in eine freudige Aufregung versetzte, war der Fund eines vollständigen Schreibzeuges. Nun fühlte ich mich in meiner Einöde nicht mehr so verlassen wie vorher, konnte ich doch dem Papiere alle meine Gedanken und Eindrücke anvertrauen. Also begann ich ein Tagebuch anzulegen und schrieb meine Lebensgeschichte seit dem 30. September nieder. Leider hatte ich in meinem Tagebuche gar bald ein Ereignis zu verzeichnen, das leicht unglücklich für mich hätte ablaufen können. Ich schrieb darüber die nachstehenden Zeilen nieder:
Am 10. Dezember. – Ich hatte an der Vergrößerung meiner Höhle gearbeitet, die Erdarbeiten waren glücklich von statten gegangen, meine Arbeit schien beinahe vollendet; da stürzte plötzlich unter furchtbarem Gekrach eine gewaltige Erdmasse von der Decke und von einer Seite nieder. Jedenfalls hatte ich meine Minierarbeit zu weit ausgedehnt und dadurch den Einsturz selbst veranlaßt. Ein Glück war's, daß ich mich in demselben Augenblicke nicht in der Höhle befand, sonst wäre ich unzweifelhaft mein eigner Totengräber geworden.
Die Wiederherstellungsarbeiten – die Reinigung des Ganges, die Unterstützung der Decke – nahmen eine geraume Zeit in Anspruch.
Am 27. Dezember. – Die Tage des Weihnachtsfestes verliefen sehr traurig; es regnete unaufhörlich, und so blieb ich in das Innere meiner Hütte gebannt. Da tauchten die trauten Bilder der Heimat und der fröhlichen Jugendzeit mit schmerzlicher Sehnsucht in mir auf, und ich überließ mich willenlos gaukelnden Träumen, die mich hinübertrugen weit übers Meer an Englands Küste und in das Vaterhaus, in welchem die Eltern gewiß weinend des verschollenen Sohnes gedachten. Meine Wehmut löste sich in ein inbrünstiges Gebet auf zu dem, der alles herrlich hinausführt; allmählich zog Trost ein in mein banges Herz.
Am zweiten Tage nach Weihnachten klärte sich das Wetter, und eine erfrischende Brise kräuselte die Wogen des Meeres. Ich streifte in mein Revier hinaus und schoß eine junge Ziege; eine andre verwundete ich nur, fing sie deshalb und führte sie in meine Hütte. Dort verband ich ihr den verwundeten Fuß, legte ihr Schienen an und pflegte sie auf das sorgsamste. Unter meiner ärztlichen Behandlung gedieh das Tier ganz vortrefflich und wurde mit der Zeit so zahm, daß es bei meiner Wohnung behaglich graste, ohne davonzulaufen.
Robinson im Gebet.
Fünftes Kapitel.
Robinsons Tagebuch.
Neujahr. – Sicherung der Hütte. – Wilde Tauben. – Beleuchtung. – Getreideähren. – Erdbeben. – Schleifstein. – Ein Fäßchen Pulver. – Zertrümmerung des Wracks. – Fischjagd. – Schildkröten. – Krankheit. – Nächtlicher Traum. – Fieber. – Reuige Betrachtungen. – Wiederherstellung durch Tabak. – Bibelfund. – Pflanzen und Früchte im Innern der Insel. – Bau eines Landhauses. – Die Katze und ihre Jungen. – Jahrestag der Landung. – Ernteerfolge.
Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglückwünschte ich mich selbst. Es ist freilich ein Neujahr auf einer öden Insel, und ich verlassen von allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, Robinson! Mutig in die Zukunft geblickt!
Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach dem Innern der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so sah ich mich genötigt, wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bäume auszuruhen. Den ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich nahte der Abend heran, nachdem ich mehrere liebliche Thäler durchschritten hatte, die sich nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, immer wußten sie mit schlauer List zu entrinnen. Deshalb beschloß ich am andern Tage, meinen Hund mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu gewöhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als ich am nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten sich die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte keine absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so ließ ich die Sache einstweilen ruhen.
Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die Arbeiten für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser Zeit hatte mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir die Herrichtung jedes einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, kann man sich wohl denken, zumal die Pfähle weit aus dem Innern der Insel zu holen waren und die Einrammung meine Kräfte stark in Anspruch nahm.
Einst traf ich eine Art wilder Tauben, welche nicht wie die andern Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach Art der Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später mit den wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten Heimatssitzen zu.
Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den Mangel an Beleuchtung. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gefäß und verfertigte mittels eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen.
Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwölf Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken, daß die Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen ausgeschüttet hatte, in welchem sich noch einige kümmerliche Reste der durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden. Jenes Säckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.
Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei mir erst recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes Zeichen seiner Güte anzusehen.
Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, und ich glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. Aber schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären fast alle meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mühen, zerstört worden.
Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, als plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Höhle fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten und stürzten mit fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trümmern begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang über die Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich, wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mächtiger Felsblock sich von einem der Berge ablöste und mit donnerähnlichem Getöse in die wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume niedergesunken und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich meiner!«
Zwar faßte ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer schwerer, der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es erhob sich ein Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. Die See kochte, der Schaum kräuselte sich in wildem Tanze auf ihrer Oberfläche, und die Fluten stürzten brausend an die Ufer. Nach drei Stunden ließ das Toben nach, und ein heftiger Regen strömte hernieder. Jetzt erst fiel mir ein, daß Wind und Regen die Folgen des Erdbebens seien und daß sie das Ende desselben anzeigen könnten. Durch diesen Gedanken ermutigt, kehrte ich nach meinem Zelte zurück und flüchtete ganz durchnäßt in die Höhle, obwohl ich noch immer befürchtete, es möchte die Decke über mir zusammenbrechen.
Der Regen währte die ganze Nacht und den größten Teil des folgenden Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drängte sich mir der Gedanke auf, daß ich mich durchaus nach einer andern Wohnung umsehen müßte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung eines Erdbebens lebendig unter den Trümmern meiner Höhle begraben! Da ich aber sah, wie alles um mich her sich in schönster Ordnung befand, wie ich eigentlich sicher und bequem wohnte, und als ich an die unsägliche Mühe dachte, welche mir die Einrichtung meines kleinen Festungswerkes verursacht hatte, so konnte ich mich nur schwer dazu entschließen, meinen jetzigen Aufenthalt zu ändern. Ich zog es daher vor, einstweilen noch in meiner alten Wohnung zu bleiben, bis ich eine neue errichtet hätte, und begnügte mich damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt herauszuschaffen.
Vor der Ausführung meiner Pläne prüfte ich meine drei starken Äxte sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das Fällen und Behauen des harten Palissadenholzes so schartig und unbrauchbar geworden, daß ich sie in solchem Zustande nicht mehr benutzen konnte. Da blitzte ein Gedanke in mir auf: ich besaß ja einen Schleifsein. Aber wie ihn drehen? Nach langem Sinnen glückte es mir, eine Trittvorrichtung zu vollenden, welche ich mit dem Fuße in Bewegung setzen konnte, während mir beide Hände frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste Schleifer, der nur jemals gefunden werden kann.
Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, bei niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte ich einen Gegenstand, der wie ein Fäßchen aussah und sich als eine kleine Tonne nebst einigen Trümmern unsres Schiffes erwies, dessen Lage sich durch den letzten Sturm verändert hatte, denn sein Rumpf ragte höher aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht mehr im Sande, sondern stand zwei Meter über der Wasserfläche empor. Das Kastell, von dem übrigen Teile losgerissen, lag auf der Seite, und Berge von Sand hatten sich um das Schiff herum aufgehäuft, so daß ich jetzt zur Zeit der Ebbe trockenen Fußes zu dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff sehr bald, daß diese Veränderung durch das Erdbeben veranlaßt war. Die Gewalt desselben hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrümmert, denn täglich spülte die Flut abgelöste Stücke ans Land. Ich wälzte die gefundene Tonne weiter an das Ufer und fand nach Eröffnung derselben, daß sie Pulver enthielt.
Am 3. Mai ging ich mit einer Säge an das Wrack und durchschnitt einen Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks trug. Hierauf räumte ich, so gut es ging, den Sand fort, sah mich aber genötigt, die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen begann. Den nächsten Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte ich keinen Angelhaken, nahm aber ein Stück gekrümmten Eisendraht an einer langen, aus aufgedrehten Tauen gemachten Schnur; ich fing auch eine Menge Fische, unter andern einen jungen Delphin. Später wiederholte ich diese Fischjagden öfters, trocknete meistens die gefangene Beute und aß sie gedörrt.
Fast täglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter los, schlug eiserne Bolzen und andre Stücke von demselben Metall heraus und fand auch neben mancherlei andern verwendbaren Dingen eine Rolle Blei, von welcher ich kleine Stücke abschlug, um diese einzeln in meinen Gewahrsam zu schaffen.
Während der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so heftig, daß die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrümmert wurden. Die Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken an das Ufer, und der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt hatte, war zu einem solch ansehnlichen Haufen angewachsen, daß ich davon eine Barke hätte erbauen können, wenn ich nur einen Begriff von Schiffbaukunst gehabt hätte. Auch ein Faß mit Schweinefleisch kam ans Land geschwommen; ich hätte dasselbe gern gegessen, mußte jedoch auf den Genuß verzichten, weil es durch das eingedrungene Seewasser gänzlich ungenießbar geworden war.
Als ich eines Morgens im Monat Juni früh am Ufer des Meeres entlang ging, sah ich eine große Schildkröte, die erste, welche ich fand. Ich tötete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das ich kochte, schien mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich je gegessen. Hatte ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel auf das Fleisch wilder Ziegen und Vögel beschränken müssen!
Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prüfung über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die Nächte zum Teil schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das Fieber mit abwechselndem Frost und Schweiß hatte mich gepackt, so daß ich leider den ganzen Tag über, ohne Speise und Trank zu genießen, an mein Lager gefesselt war. Mich quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so eingenommen, daß ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig auf meine Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes keinen Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich auf dieses Labsal verzichten und schlief endlich wieder ein.
Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen Traum. Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf dem Boden an der Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus einer großen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende, mich brennende Flammen umgaben. Lange schlängelnde Blitze durchzuckten die Luft, und als seine Füße den Erdboden berührten, erbebte die Erde in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme: »Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!«
Robinson, von Reue erfüllt.
Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, daß alles nur ein Traum gewesen sei.
Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur Wahrheit ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der eigentlich gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren längst während der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht, das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen Fluchtversuch ausführte. Als ich hierauf von dem portugiesischen Kapitän aufgenommen ward, regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf dieses Eiland geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die Verhärtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich zu nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei.
Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in mir, die einem Danke für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie endeten nur als Äußerungen der Freude, Gefühle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran, mich gegen den Hunger zu schützen, und trug lediglich Sorge für meinen Unterhalt und um meine Verteidigung.
Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur war ich durch die Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preßten mir Thränen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«, sagte ich mir, »jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren könnte. O meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!«
So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. Nachher ließ der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch lange einen großen Schreck in mir zurückließ.
Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch röstete ich auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht munden.
Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf einem Felsenstück ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit über den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf: »Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen hat? Und wer erhält und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der alles weiß und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in seine Fügung, der Herr wird es wohl machen!«
Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel mein Blick auf die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche jetzt harte Körner trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig die Frucht aus den Rispen und bewahrte sie für die kommende Säezeit auf.
Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt zu werden. Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit Tabak kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mußte mir diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren. Welch ein kostbarer Fund!
Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht und versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darüber, um den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. Die Pausen, welche zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der Bibel auszufüllen; allein die Betäubung durch meine etwas sonderbare Medizin ließ mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen zuerst gefallen waren: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine gegenwärtige Lage passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange, lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.
Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in einen so tiefen Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mußte sogar glauben, daß ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen fühlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine kräftige Suppe von saftreichem Schildkrötenfleisch und genas von dieser Zeit an täglich mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis Tabak, greifen mußte.
So fand ich denn auf seltsame Weise die erwünschte Besserung – durch ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal stieß ich hierbei auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln, eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte traf, namentlich saftige Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben, welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von Baum zu Baum üppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem Zustande genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren.
Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fühlte ich mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurückkehren zu können. So schlief ich zum erstenmal außerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen begrenzt war.
Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt wurde. Eine reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbäume luden mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer beladen mit köstlichen Früchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner länger als sonst verlassenen Hütte zuzueilen.
Als ich in meinem »Hause« ankam, fand ich die Trauben verdorben und die Beeren zerquetscht, während die Zitronen, deren ich überhaupt nur wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren.
Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so sehr an, daß in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin zu verlegen; allein die Erwägung, daß ich von meinem Hause am Strande die offene Aussicht über das Meer hatte und so ein vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug erspähen könnte, brachte mich von dem schnell gefaßten Plane ab, und ich beschränkte mich darauf, eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und reizvollen Thale zu errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans Werk und umgab meine zweite Wohnstätte mit einer doppelten Pfahlreihe, die ich noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstämmen verstärkte. Diese Arbeiten beschäftigten mich bis Anfang August.
Unterdessen fand ich meine aufgehängten Weintrauben nun genug getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon kündigte sich die in der heißen Zone übliche Regenzeit auf fühlbare Weise an. Zweihundert Päckchen von Rosinen schaffte ich in meine Vorratskammer, und so konnte ich mir nun die folgenden Monate hinreichend versüßen.
Am 14. August erlebte ich die Freude einer Vermehrung meiner Familie. Meine Katze nämlich, die ich vom Wrack mitgenommen hatte, war eine Zeitlang verschwunden, ohne daß ich mir erklären konnte, wohin sie geraten sei. Während ich nun an jenem Tage über die Landschaft schaute, sah ich meine alte Freundin samt drei jungen Sprößlingen wohlgemut auf meine Hütte zukommen und zögerte nicht, die neuen Gäste freundlichst aufzunehmen. Sie hatte die Jungen in einem Versteck so weit groß gezogen, daß sie vor den Angriffen des Katers sicher waren, und führte sie mir jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit, und ich machte mich wieder darauf gefaßt, wochenlang in meinem wohlgeschützten Strandhause zubringen zu müssen. Vom 14. bis 29. August währte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus Rosinen, Ziegenfleisch und gerösteter Schildkröte. Dabei war ich täglich beschäftigt mit der Erweiterung meines Kellers.
Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die ich in meinen hölzernen Kalender gemacht hatte, daß seit meiner Landung auf der Insel ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen Tag mit dankerfülltem Herzen gegen Gott, dessen Güte mich so wunderbar beschirmt hatte.
Robinson vor seinem Kalender.
Sechstes Kapitel.
Robinson als Handwerker und Ackersmann.
Robinson säet Getreide. – Korbflechterei. – Töpferarbeiten. – Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. – Tierreicher Küstenstrich. – Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. – Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. – Tageseinteilung. – Verheerung des Getreidefeldes. – Exekution an den Kornplünderern. – Kleine Ernte.
Mit Anfang November ließ der Regen nach, und es lockte mich an dem ersten schönen Tage nach dem Innern der Insel zu meinem Lusthause. Hier fand ich noch alles so unversehrt, wie ich es wenige Monate vorher verlassen hatte. Die Hecke, welche ich um meine Villa gezogen, war wohl erhalten, nur der »lebendige« Zaun war mit einem Wäldchen grüner frischer Reiser geschmückt, die in wilder Unordnung sich ineinander schlangen. Diese verschnitt ich und suchte in das ganze Gewirr einige Ordnung zu bringen. In der That versprach die Fenz schon nach wenigen Jahren ein dichtes und schattiges Laubdach zu bilden. Eine gleiche grüne Mauer zog ich auch um mein festeres Haus am Strande, und die Folgezeit lehrte, welchen Vorteil mir diese Pflanzung bei Verteidigung meiner Stammburg brachte.
Da mein ohnehin kleiner Vorrat von Tinte durch die tägliche und umständliche Aufzeichnung der gewöhnlichen Begebenheiten und Beschäftigungen sehr auf die Neige ging, so mußte ich ernstlich auf möglichste Beschränkung meiner Schreibseligkeit Bedacht nehmen, und nur die merkwürdigsten Ereignisse wurden fortan noch aufgezeichnet.
Schon früher erwähnte ich der mir unerwartet zugekommenen Getreidehalme. Ich glaubte nun gut zu thun, wenn ich die gewonnenen Körner nach der Regenzeit säete. Deshalb grub ich ein Stück Land, so schwer es mir auch wurde, mit einem hölzernen Spaten um, teilte es in zwei Hälften und übergab die Körner der ernährenden Mutter Erde; den dritten Teil derselben behielt ich indes aus Vorsorge zurück, falls ich die Jahreszeit nicht richtig gewählt haben sollte. Der folgende Monat war ein außerordentlich trockener und ließ meine Saat kaum zum Aufkeimen kommen; ja, ich mußte ganz auf eine Ernte verzichten, da sich die Keime vor der wiederkehrenden Regenzeit nicht bis zur Reife entwickeln konnten. Ich suchte nun einen feuchteren Boden auf, grub ihn um und säete den zurückbehaltenen Rest der Körner im Februar, kurz vor dem Eintritt der nassen Jahreszeit. Die regnerischen Monate März und April waren meiner Pflanzung, auf die ich meine letzten Hoffnungen gegründet hatte, so günstig, daß ich etwa ein Liter von jeder Gattung erntete.
Die Jahreszeiten wechselten unter dem Himmel meiner Insel nicht mit so angenehmen Übergängen wie in der Heimat, sondern sie schieden sich nur in zwei Perioden, in eine trockene und eine nasse: von Mitte Februar bis Mitte April Regen, von Mitte April bis Mitte August trockene Zeit; von Mitte August bis Mitte Oktober Regen, von Mitte Oktober bis Mitte Februar Trockenheit.
Die gezwungene Zurückgezogenheit in den Regenmonaten benutzte ich zu allerhand nützlichen Beschäftigungen. So versuchte ich unter anderm auch, einen Korb zu flechten, und wurde in dieser Arbeit durch Erinnerungen aus frühester Kindheit unterstützt. Wie hätte ich vorher ahnen können, daß die Besuche bei unserm Nachbar Korbflechter, in dessen Werkstatt ich ein täglicher Gast gewesen, mir später nützlich sein würden? Die ersten Zweige, mit denen ich meine Arbeit beginnen wollte, zeigten sich freilich recht spröde. Meine Blicke lenkten sich unwillkürlich auf die jungen Stecklinge um die Hütte; diese versprachen besseres Flechtmaterial. Ich fand sie wirklich so geschmeidig wie Weidenruten, und es ward meinen Künstlerhänden nicht schwer, die verschiedensten Körbe zu mannigfachen Zwecken herzustellen.
Meine häuslichen Verhältnisse hatten sich immer behaglicher gestaltet, nur noch ein einziges Gerät vermißte ich schmerzlich: ein Kochgeschirr. Zwar besaß ich einen Kessel; allein dieser war von so bedeutender Größe, daß ich darin weder ein kleines Stück Fleisch kochen, noch weniger mir Fleischbrühe bereiten konnte. Wie ließ sich diesem Übelstand abhelfen? Ich dachte so: wenn es mir gelänge, Thonerde zu finden, so könnte wohl die Glut der tropischen Sonne meine Töpferarbeiten trocknen. Ach! – meine Töpferarbeiten! Ich will hier nicht erzählen, wie viel ungeschickte Versuche ich machte, welche ungeheuerlichen Formen sich die Mutter Erde unter meinen Händen gefallen lassen mußte, wie oft meine Gefäße in der großen Sonnenhitze zerbröckelten oder beim Fortschaffen zerbrachen. Erst nach zwei Monaten hatte ich endlich zwei Erzeugnisse zusammengebracht, die nicht einmal mit den schlechtesten Schiffskrügen nur annähernd verglichen werden konnten. Weniger mißlangen meine Versuche im Anfertigen kleinerer Gefäße, z. B. der Teller, Töpfe, Krüge, kurz aller Gerätschaften, die sich mit der Hand formen ließen. Dabei kam mir auch die günstige Witterung zu statten; die Sonne meinte es in diesen Tagen überaus gut, so daß mein Töpfergeschirr in erwünschter Weise Härte gewann.
Mittels meiner fortschreitenden Töpferkünste hatte ich mir Gefäße zum Aufbewahren von allerlei Lebensmitteln beschafft, aber noch immer fehlten mir solche, welche auch das Feuer auszuhalten vermochten. Da ich weder einen Begriff von der Einrichtung eines Ofens, noch von der Glasur hatte, mit der die Töpfer ihre Waren überziehen, so beschränkte ich mich darauf, drei Krüge dicht nebeneinander zu stellen; auf diese setzte ich kleinere Geschirre, und um die so aufgetürmte Pyramide zündete ich dann ein tüchtiges Feuer an, welches die Sandbestandteile der Thonerde schmelzen sollte. Die Töpfe nahmen nach Verlauf von fünf bis sechs Stunden eine hochrote Farbe an. So wurde ich schließlich der glückliche Besitzer von drei leidlichen Krügen nebst zwei irdenen Töpfen, die sich auch als feuerfest erwiesen.
Von meiner Insel blieb noch mancher Teil zu durchstreifen übrig. Deshalb nahm ich eines Tages meine Flinte samt der nötigen Munition, ein Beil, zwei Zwiebäcke sowie ein Päckchen Rosinen mit und machte mich in Begleitung meines Hundes auf den Weg. Am Ende des Thales angelangt, in welchem meine Villa lag, sah ich westwärts auf das Meer und, da die Luft äußerst rein und durchsichtig war, fern am Horizont einen nebligen Streifen, der von West nach West-Süd-West verlief und eine Ausdehnung von fünf bis sechs Stunden haben mochte. Zwar wußte ich nicht, ob ich die Küste einer Insel oder die des amerikanischen Festlandes erblickte; vielleicht war ich auf dem rechten Wege, als ich vermutete, daß die spanischen Kolonien nicht allzu entfernt von jenem Küstenstriche lägen, und daß sich doch wohl ein Schiff in diesen Gewässern sehen lassen müsse. Möglicherweise konnten aber auch dort jene wilden, menschenfressenden Völkerschaften hausen, die unter dem Namen »Kannibalen« weithin gefürchtet sind.
Unter solcherlei Gedanken schritt ich über Ebenen und Wiesen, die mit Pflanzen und Blumen prächtig geschmückt und auch mit Sträuchern besetzt waren. Auf den Bäumen hatten sich Scharen von Tauben niedergelassen, deren Gegirr von dem schrillen Geschrei buntgefiederter Papageien übertönt ward. Solch einen schmucken Papagei mußte ich haben, und in der That gelang es mir, einen jungen Vogel dieser Art zu fangen, indem ich ihn durch einen Wurf mit meinem Wanderstab so gut traf, daß er betäubt vom Aste herabfiel. Ich hob ihn auf, er kam allmählich wieder zu sich, und ich nahm ihn mit mir.
In den Niederungen sah ich außerdem Tiere, welche ich für Hasen hielt; wieder andere mochten Füchse sein; aber ich ließ meine Flinte in Ruhe, denn Ziegen, Tauben und Schildkröten lieferten so leckeres Fleisch, und ich besaß an Rosinen eine so schmackhafte Zukost, daß selbst der beste Markt von London nichts Besseres geliefert haben würde.
Auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel rückte ich täglich nur zwei bis drei Meilen vor, doch machte ich nach links und rechts manche Abstecher, bis ich ermüdet an einem solchen Platze anlangte, welcher mir zum Nachtlager geeignet schien. Zum Bett mußten entweder die breiten Äste eines Baumes oder der harte Boden der Erde dienen. Als ich an das Ufer des Meeres kam, sah ich zu meiner Überraschung, daß die Küste meines Königreichs viel angenehmer und von Tieren mehr bevölkert war als der entgegengesetzte Strand. Zahlreiche Schildkröten sonnten sich hier im Sande, und Seevögel marschierten mit stolzer Würde umher.
Schildkröten und Fetttaucher auf der Insel.
Trotz alledem verspürte ich keine Lust, meine Wohnung in diese Gegend zu verlegen. Indessen setzte ich meine Reise noch etwa zwölf Stunden gegen Osten weiter fort. Den äußersten Grenzpunkt meiner Wanderungen bezeichnete ein eingerammter Pfahl, der mir später einmal als Erkennungszeichen dienen sollte. Dann wandte ich mich gegen Westen, um auf einem andern Wege nach Hause zurückzukehren. Nachdem ich etwa drei Meilen zurückgelegt hatte, befand ich mich in einem Thalkessel, der rings von hohen, dicht mit Waldung gekrönten Bergen umsäumt war, so daß ich mich beim weiteren Fortschreiten, um mich zurecht zu finden, nach dem Stande der Sonne richten mußte.
Während der drei Tage, die ich in diesem Thale verweilte, hing aber der Himmel voll trüber Wolken, und ich wußte oft nicht, wohin ich mich wenden sollte, ob nach Ost, West, Süd oder Nord. So sah ich mich denn genötigt, nach meinem Pfahl zurückzukehren und von da aus den Heimweg anzutreten.
Unterwegs fing mein Hund eine junge Ziege ein. Eiligst sprang ich hinzu, um sie seinem scharfen Gebiß zu entreißen, was mir auch glückte. Bald war dem Tiere ein Halsband übergeworfen, ein Strick durchgezogen, und weiter ging nun die Wanderung, bis wir endlich, jedoch erst nach mehreren Tagemärschen, durch die sengende Sonnenglut aufs äußerste ermattet, in meinem Wohnsitze ankamen. Ich empfand wirklich eine große Freude, wieder daheim zu sein! Wie sanft schlief ich nach einer Abwesenheit von mehr als einem Monate zum erstenmal wieder in meiner Hängematte.
Das nächste, wofür ich Sorge zu tragen hatte, war, meinem Papagei, welcher sich an mich bereits etwas gewöhnt hatte, einen Käfig zu bauen, sowie die Ziege, welcher ich einstweilen in meinem Lusthause ihren Aufenthalt angewiesen, nach Hause zu schaffen, um das ausgehungerte Tierchen mit frischem Futter zu versorgen.
Ich fand es angebunden an derselben Stelle, wo ich es verlassen hatte, und es folgte mir wie ein zahmes Haustier Schritt für Schritt, indem es fortwährend aus meiner Hand das Futter fraß, mit dem ich es lockte.
Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte ich unter inbrünstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. Zwei Jahre lebte ich nun schon auf dem Eilande als dessen alleiniger Bewohner, mein eigner König und mein einziger Unterthan; – zwei Jahre reich an Prüfungen und Erfahrungen! Und doch hatte sich mir nicht einmal ein Strahl von Hoffnung gezeigt, diese einsame Insel verlassen zu können. Indessen dankte ich Gott für die unendliche Güte, mit welcher er mein armseliges Dasein fristete und meine Einsamkeit mir erträglich erscheinen ließ.
Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte auf die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der Jagd zu erlegen, oder sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, da begleitete mich der stete Gedanke an mein Unglück und meine oft trostarme Lage. Ich kam mir vor wie ein Gefangener, der, eingeschlossen durch die endlosen Riegel und riesigen Schlösser des Ozeans, in einer Wüstenei, ohne Hoffnung auf Befreiung, ein erbärmliches Dasein fristet, und aufgelöst in Schmerz und Betrübnis rang ich die Hände und weinte bitterlich.
Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschöpft aus der Heiligen Schrift, dem Buche der Bücher, gaben meinem Geiste eine heilsame Richtung, und ich gewann meine ganze Seelenstärke wieder, wenn meine Augen auf die Worte des Trostes fielen. Ich fand Beruhigung in dem Gedanken, daß ich in meinem gegenwärtigen Zustande der Vereinsamung glücklicher sein könnte, als ich es vielleicht in irgend einer andern Lebensstellung geworden wäre. Ich dankte dann Gott dafür, daß er mich auf dieses Eiland geführt hatte. Dann wieder schien mir jener Gedanke zu weitgehend. »Solltest du wirklich so zwiespältig im Gemüte sein«, sagte ich zu mir selbst, »Gott für die Versetzung in eine Lage zu danken, aus welcher erlöst zu werden ein verzeihlicher und natürlicher Wunsch ist?« Jedenfalls dankte ich Gott doch innig dafür, daß ich jetzt endlich zur Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war.
Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In meine täglichen Beschäftigungen hatte ich eine gewisse Regelmäßigkeit gebracht. Zunächst verwandte ich auf die Erfüllung meiner religiösen Pflichten, insbesondere auf das Lesen in der Bibel täglich eine bestimmte Zeit; dann jagte ich, wenn das Wetter schön war, ungefähr drei Stunden des Morgens. Kam ich nach Hause zurück, so hatte ich die mitgebrachten Lebensmittel wohl aufzubewahren oder zuzubereiten. Die Hitze während der mittleren Tageszeit gestattete keinen Ausflug, und ich überließ mich dann gewöhnlich der Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens und ging des Abends auf die Jagd.
Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits meiner Gersten- und Reisernte entgegensehen. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes gewahr wurde, daß die Ziegen alle jungen saftigen Halme abgefressen hatten. Es galt nun, schleunigst weiteren Verwüstungen vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit einer dichten Umzäunung, worüber ich nahe an drei Wochen zubrachte. Ferner schoß ich auf die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und ließ während der Nacht meinen Hund Wache halten, so daß sich endlich die abgeschreckten Eindringlinge fern hielten.
Gleichwie die behaarten Vierfüßler sich zu den kräftig emporsprossenden Halmen hingezogen fühlten, hatten es die gefiederten Zweifüßler auf die Körner abgesehen. Als ich eines Tages nach dem Stande meiner Feldfrüchte sah, wimmelte die ganze Umgebung von zahlreichen verschiedenartigen Vögeln. Ich schoß unter den dicksten Haufen, und sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten aus dem Kornfeld eine wahre Wolke von Vögeln, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte.
Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen trostloser Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den Rest meines Getreides der Vernichtung überlassen.
Während ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte von neuem lud, saßen die durch meinen ersten Schuß aufgescheuchten Vögel auf den nächsten Bäumen und schienen nur auf meine Entfernung zu harren. Als ich mich etwas entfernte, fielen die gefräßigen Tiere von neuem über die Körner her. Ihre für mich so verderbliche Eilfertigkeit versetzte mich derart in einen unverständigen Zorn, daß ich nicht einmal wartete, bis alle herangekommen sein würden, sondern sogleich unter die ersten schoß, wodurch drei der kleinen Räuber getötet wurden. Dann vollführte ich an ihnen eine Art Strafgericht; gleichwie man anderwärts die Diebe aufhängt, so hing ich auch die Vögel auf, damit sie ihren lüsternen Genossen als warnendes Beispiel dienten.
Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr auf mein Feld, ja sie verließen sogar allesamt jenen Teil der Insel, auf dem es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem Säuberungszug hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, zur Zeit der zweiten Reife, mein Korn einernten zu können. Ich sammelte die abgemähten Ähren in einen großen Korb und körnte sie einzeln mit den Händen aus. Das Liter Samen hatte mir nach oberflächlicher Schätzung zwei Scheffel Reis sowie einen halben Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschloß, den ganzen Ertrag an Körnern für die nächste Aussaat aufzubewahren. Inzwischen versuchte ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir einen Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht gelungen, denn er wurde mir vermöge seiner Schwerfälligkeit oft recht unbequem; indes empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung darüber, daß sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt weiter vervollkommnet hatten. Die Getreidekörner wurden auf den geräumigen Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde gebracht, wobei ich für den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, da, wie ich bemerkt hatte, derselbe nur auf nassem Boden eine einträgliche Ernte versprach.
Ich umzäunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte nun hoffen, am Ende des Jahres eine grüne und schattige Hecke zu haben, welche nur hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte.
Während der inzwischen eingetretenen Regenzeit hielt ich mich meist im Innern meiner Hütte auf und beschäftigte mich mit mancherlei häuslichen Verrichtungen. Empfand ich hin und wieder das Bedürfnis, mich von meinen anstrengenden Arbeiten zu erholen, dann unterhielt ich mich mit meinem munteren Hausgenossen, dem Papagei, und lehrte diesen sprechen; bald konnte das gelehrige Tier seinen Namen nachplappern und wiederholte mit deutlicher Stimme: »Poll! Poll!« Das war der erste artikulierte, wie von einer Menschenstimme kommende Laut, den ich auf dem Eilande in meiner Einsamkeit, fern von allen menschlichen Wesen, vernahm.
Wie Robinson die Halme niedermäht.
Siebentes Kapitel.
Robinson als Bäcker und Schiffbauer.
Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. – Ernte. – Brotbacken. – Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. – Robinson baut ein Boot; vereitelte Hoffnungen. – Rückblicke auf das dreijährige Inselleben. – Trauriger Zustand der Kleider. – Robinson wird Schneider.
Von allen bekannten Handwerken war mir bis zu dieser Zeit meines Lebens keines so wildfremd geblieben, wie das eines Steinmetzen, und doch mußte ich darauf sinnen, mir einen Mörser oder ein andres geeignetes Werkzeug zu schaffen, um das Getreide in Mehl zu verwandeln. Lange Zeit suchte ich vergebens nach einem Steinblock, der sich mörserartig aushöhlen ließe; dann entschloß ich mich endlich, einen harten Holzblock aus meinem Forst zu holen.
Mit unsäglicher Anstrengung fällte ich einen dicken Baumstamm, hieb am unteren Ende ein amboßähnliches Stück ab, rundete es ringsum mit meiner Axt und höhlte es durch Feuer aus, wie es die wilden Eingebornen Brasiliens mit ihren kleinen Seefahrzeugen (Kanoes) thun. Als Stampfe diente mir eine wuchtige Keule aus demselben harten Holze.
Aber auch für ein Sieb mußte gesorgt werden, um das durch Stampfen gewonnene Mehl durchzuschütten und es von der Kleie zu sichten. Hier war guter Rat teuer, denn ich hatte weder Kanevas noch Bastgeflechte. Aber unter den Matrosensachen, die ich vom Wrack gerettet hatte, befanden sich etliche Halstücher von Kattun und Musselin; aus diesen verfertigte ich drei kleine Siebe, die ich auch ziemlich brauchbar fand.
Die Zeit der Ernte nahte heran. Mit meinen Körben schritt ich hinaus aufs Feld und überschaute den Früchtereichtum des Bodens. Dann schnitt ich die Ähren, sammelte sie in Garbenbüscheln in die Körbe und trug die segenschwere Last nach Hause. Hier ließ ich alles so stehen, wie ich es eingeheimst hatte, bis ich Zeit und Mittel finden konnte, das Getreide auszukörnen; denn ich hatte weder eine Tenne noch einen Dreschflegel.
Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis in mein Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, das letztere besser einzurichten. Aus Erfahrung wußte ich jetzt, daß ich jährlich zweimal säen und ernten könne; die Entscheidung darüber, was in Zukunft für mich und meinen Hausstand am zweckmäßigsten sein würde, wollte ich von der Größe meines diesmaligen Verbrauchs abhängig sein lassen.
Zunächst nahm ich meine Ähren, rieb sie aus, stampfte die Körner in meinem Mörser und siebte sie durch die Matrosenhalstücher. Zum Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, und die Not macht erfinderisch. Ich baute mir große irdene Gefäße zusammen, die wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann härtete ich diese mehr pfannenartigen Gefäße im Feuer. Wollte ich nun Brot backen, so zündete ich ein tüchtiges Feuer auf meinem Herde an, den ich mit rotgebrannten Steinen eigner Fabrik gepflastert hatte. Sobald das Holz hierauf zu glühender Kohle ausgebrannt war, breitete ich dieselbe derart auf dem Boden aus, daß die Steine gehörig durchhitzt wurden. Dann zog ich die Kohlen zurück, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr flachen Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden irdenen Gefäßen und häufte ringsumher glühende Kohlen und Asche, um die Hitze noch zu verstärken. So bereitete ich meine Brote ebenso gut, als wären sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, ich versuchte mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen und Reispuddings, die in meinen einförmigen Speisezettel eine angenehme Abwechselung brachten.
Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigten sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Küstenlande, welches ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als dunklen Streifen am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, daß jenes Land zum amerikanischen Festlande gehöre, flogen meine Wünsche über die weite Meeresfläche und regten mit aller Gewalt in mir die Sehnsucht an, dorthin zu gelangen.
Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: »Das Wasser hat keine Balken.« Ich wünschte mir lebhaft meinen treuen Xury und das Boot mit den lateinischen Segeln zurück, mit dem ich eine so weite und gefahrvolle Reise längs der afrikanischen Küste zurückgelegt hatte; ohne Bedenken hätte ich mich dann von neuem dem unsicheren Elemente anvertraut.
Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, welche weit auf die Küste geworfen worden war. Flugs machte ich mich auf, um zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befände. Ich traf sie auch noch an der nämlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen hatte, aber in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten und der Stürme hatte sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen und aufs Trockene gesetzt. Es kam zunächst darauf an, die Schaluppe wieder umzukehren und flott zu machen. Nach vielen vergeblichen Mühen und Anstrengungen kam ich auf den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst herabgleiten zu lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen und Stützen zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die Schaluppe vorwärts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen, deshalb gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit während drei bis vier Wochen die ganze Sache auf.
So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden doch meine Begierde und mein Mut nur verstärkt, und ich faßte den Entschluß, selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. Ich hielt dies nicht nur für möglich, sondern sogar für leicht, zumal ich über viel mehr Hilfsmittel verfügte als die Neger oder Indianer. Freilich hätte ich auch überlegen sollen, daß ich Vereinsamter mit ganz andern Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde als die Indianer, die einander beistehen. Was half es mir am Ende, falls ich auch das schönste Kanoe von ganz Amerika zustande brächte, wenn ich es nicht ins Meer zu schaffen vermöchte?
Man sollte denken, daß die Erfahrungen, die ich vordem mit der aufs Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich der Möglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen handgreiflichen Wink gegeben hätten: nichts von alledem! Meine unstäten Gedanken verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, daß ich die Sache möglichst ungeschickt anfing. Aber stets beschwichtigte ich alle Befürchtungen mit der thörichten Tröstung: »Laß nur gut sein, Robinson! Erst das Boot fertig, das übrige wird sich finden!«
Kurz, mein Eigensinn siegte über den Verstand. Ich fand auch einen prächtigen Baum, der mir für meinen Zweck ganz wie geschaffen schien. Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu fällen, und vierzehn Tage mußte ich darauf verwenden, Äste und Krone abzuhauen. Dann kostete es fast einen ganzen Monat Zeit, dem Stamme jene bauchförmige äußere Gestalt des Bootes zu geben, damit er auf dem Wasser schwimmen könne, ohne sich zur Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate, um das Innere auszuhöhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht des Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und des Meißels.
Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine wahrhafte Freude an meiner Schöpfung, denn ich hatte in der That noch nie einen so großen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen Ruderkahn gesehen, groß genug, um mehr als zwanzig Mann zu fassen, und demzufolge auch mich samt meinen Habseligkeiten zu tragen. Das Boot hatte unzählige Axt- und Hammerschläge, manchen Schweißtropfen gekostet, und wäre es mir gelungen, dasselbe flott zu machen, wer weiß, ob ich nicht die unüberlegteste Reise gewagt hätte, wie sie nur je ein wagehalsiger Abenteurer unternehmen konnte.
Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; aber das große Hindernis bestand darin, daß das Ufer zum Meere bergan lief. Ich ließ indes den Mut nicht sinken, sondern versuchte, die Anhöhe wegzuräumen und das Land nach der Küste zu abfällig zu machen. Als der Weg so ziemlich geebnet war, befand ich mich um nichts gefördert, denn das Kanoe rückte äußerst wenig von der Stelle, so wenig wie vordem die Schaluppe. Hierauf maß ich die Entfernung ab, welche zwischen meinem Boote und dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die erforderliche Breite, um einen genügend breiten und tiefen Kanal bis zum Meere zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzuführen. Indem ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte – denn der Kanal hätte sehr viel Tiefe haben müssen – und damit die mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine zwei rüstigen Arme, in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis meines Voranschlags die Überzeugung, daß recht gut zehn bis zwölf Jahre vergehen könnten, ehe ich ans Ziel meiner Wünsche kommen konnte.
Dieses erfüllte mich mit großer Betrübnis; ich sah jetzt, leider zu spät, ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man sich vorher nicht Klarheit darüber verschafft, ob der Größe des Unternehmens gemäß auch die zur Verfügung stehenden Mittel zur Ausführung hinreichen.
Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein viertes Jahr auf dem Eiland zurückgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, wie in früheren Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, die mir reichen Trost einflößten.
An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern entlief, um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeräuber von Saleh gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. An dem nämlichen Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der Reede von Yarmouth gerettet ward, entfloh ich glücklich aus Saleh. Am 30. September 1659 endlich, an meinem 26. Geburtstage, wurde ich wunderbar gerettet und auf diese Insel verschlagen.
Der erste meiner Vorräte, welcher mir nach der Tinte ausging, war der Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben höchst haushälterisch umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein Jahr vor meiner Kornernte gänzlich aufgezehrt, was mich allerdings etwas in Verlegenheit versetzte.
Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn seit längerer Zeit besaß ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden, die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schützten. Bei einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche Kleidungsstücke sowie ein paar große Überröcke. Fast mußte ich über den Fund dieser letzteren lächeln, denn ich hätte es in denselben vor Hitze nicht aushalten können, und doch wußte ich auch hieraus etwas Brauchbares zu schaffen. Da sich nämlich alle meine Jacken in einem Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, so lag es sehr nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderkünstler zu versuchen, und ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange tragen zu können hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen Kleidungsstücke, die meinen Oberkörper bedecken sollten, in einer Weise ausgefallen, die selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, so legten meine Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein noch glänzenderes Zeugnis bejammernswürdiger Unbeholfenheit ab.
Ich muß hier nachträglich erwähnen, daß ich die Häute aller getöteten vierfüßigen Tiere aufbewahrte und auf Stäben an der Sonne trocknen ließ. Einige derselben waren so hart geworden, daß sie zu nichts mehr taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife zusammengedörrt waren, leisteten mir leidlich gute Dienste.
Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue große Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar außerhalb ließ, um mich so besser gegen den Regen zu schützen.