Venusmärchen.

Geschichten aus einer andern Welt.

Von
Edna Fern.

Zürich 1899.
Verlags-Magazin J. Schabelitz.

Alle Rechte vorbehalten.
Druck von J. Schabelitz in Zürich.

Was ich als Kind einst von der alten Muhme
In märchengrauer Dämmerstund' erlauscht,
Was sonnenhell mir Wind und Wald gerauscht,
Was mir geduftet hat die stille Blume,
Das wuchs in mir zu einem Heiligtume. –
Da kam das Leben, wichtig aufgebauscht,
Und hätt' vernünftig thuend gern vertauscht
Das Märchen mir – zu ernstem Wissens-Ruhme.
Doch lächelnd ging das Flüchtige vor mir her
Und zeigte mir den Weg aus Tages Enge
Und hob empor mich aus der Welt Gedränge –
Der Märchen-Weisheit ewige Wiederkehr,
Die lehrt' es mich. – Nun nimmt es seinen Lauf
Mild siegend weiter: Nehmt es bei euch auf! –

Inhalt.

Seite
Venus und Madonna [1]
Der kleine Finger der Venus von Medici [5]
Der gefesselte Cupido [18]
Psyche [24]
Unser Frühling [37]
Frostiger Frühling [43]
Das Märchen, das gar nicht kommen wollte [50]
Klein Hildegard [58]
Das Märchen, das verloren gegangen war [70]
In der Gosse [81]
Sonniger Winter [91]
Ein Weihnachtsmärchen [99]
Schneeflocken [108]
Das Märchen von der weißen Stadt [120]
Weltausstellung im Walde [130]
Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden  [141]
Rauch [151]

Venus und Madonna.

Dunkel wölbt sich der Himmel über der Erde, und die Sterne grüßen einander und winken – das ist das Flimmern – fassen einander bei den Händen und tanzen einen feierlichen Reigen über die unermeßlichen Himmelsbahnen, und »Seht, wie klar die Milchstraße heute Abend ist!« sagen sie auf der Erde. –

Da löst sich ein großer, glänzender Stern vom Firmament, der hat funkelnd im kalten Norden gestanden, zieht seine leuchtende Bahn über den dunkeln Nachthimmel hinweg und fällt zur Erde nieder. –

Da löst sich ein anderer, ein flimmernder, unruhiger Stern vom Firmament, der hat blitzend im Süden gestanden, zieht seine schimmernde Bahn über den dunkeln Nachthimmel und fällt zur Erde nieder. –

Und die beiden schönen Sterne fallen auf die große, weite Erde, in einen Wald voll mächtiger Bäume, süß duftender Blumen, singender Vögelein, spielender Tiere. – Und siehe! da stehen die ersten Menschen, ein Mann und ein Weib, sie blicken einander an, reichen sich die Hände und küssen sich. Die beiden vom Himmel gefallenen, Mensch gewordenen Sterne – sie sind der Glaube, der Glaube an das Schöne, und die Sehnsucht. –

Und wieder und wieder flimmern, zittern, funkeln die Sterne am Himmel. Im Walde der Ewigkeit ruht das Weib in den Armen des Mannes; und sie gebiert ihm die Liebe – das Kind der Sehnsucht und des Glaubens.

Da aber das schöne Menschenpaar ganz allein im großen, weiten Walde wohnt, und nichts weiß von dem Gewimmel des Zwergengeschlechtes weit draußen in der Welt, so wissen sie auch nicht, wen sie wohl zu Gevatter bitten sollen, als sie ihr Kind, die holde Liebe, mit Himmelstau zu taufen gedenken. Schon beginnen die Maiglöckchen ein wunderlieblich Geläut, die Vöglein konzertieren und singen und flöten, und einherziehen gravitätisch die Tiere des Waldes.

Das anmutige Reh äugt mit klugen Augen, das Häslein putzt sich, das Eichhörnchen tanzt, der Dachs lugt hervor aus seinem Versteck, die Eidechsen und Käfer huschen und jagen, die Schmetterlinge gaukeln um die Blätterwiege, in der die Liebe ruht – –, aber niemand ist da, der das Kindlein tauft, und keine Gevatterin, die Liebe über die Taufe zu halten. –

»Ich,« spricht der Fuchs und kommt geschlichen und streckt sein spitzes Näschen zur Wiege des Kindes empor, »ich versteh's, das Taufen, bin bei den Jesuiten in die Lehre gegangen, bin gut katholisch und sehr schlau.«

»Krah, krah!« krächzt ein großer, schwarzer Kolkrabe, »hier, nehmt mich! Strengorthodox, schwarz, düster, wie meine Religion.«

»Vielleicht alttestamentarisch?« fragt höflich ein Eidechslein, glitzernd von Gold, und dreht und windet sich immer wieder heran.

»Oder gar freisinnig?« klappert der Storch, spießt nach dem Eidechslein, kröpft sich und schlägt sehr stolz und freisinnig mit den Flügeln.

Vater Glaube und Mutter Sehnsucht schütteln die schönen Häupter und blicken ratlos um sich – doch sieh! Licht, Sonnenschein überall um sie her, flutet über Blumen und Vöglein und Tiere hin, und

»Ich,« spricht der Sonnenstrahl, »will die Liebe taufen. Ich dringe ihr ins Herz hinein, ich wohne in ihren Augen. In jedem Lächeln ihres Mundes zittere Sonnenschein, in jeder Bewegung ihrer Glieder herrsche Anmut, Freude, Wärme.« Und

»Wir,« klingen sanfte und wunderbar eindringliche Stimmen, »wir wollen Paten sein.« Zwei Frauengestalten neigen sich zu jeder Seite der Wiege, in der die Liebe schlummert, so schön, so überirdisch schön, daß Glaube und Sehnsucht demütig niederknieen. Die wissen nicht, ist es ein und dieselbe, die zwei Gestalten angenommen hat, oder sind es zwei hehre Frauen, die da niedergestiegen sind aus den Wolken, die Liebe zu segnen. Wunderbar ähnlich sind sich die Schwestern, nur trägt die eine langwallende Gewänder, und sie hält ein lieblich Kindlein fest an ihr Herz gedrückt, und mild und rein ist das Lächeln ihres Mundes. Unverhüllt glänzen der andern herrliche Glieder, süß berauschend wirkt ihre Nähe, und heiße Glut entströmt den Augen.

Die beugt sich nieder zur Blätterwiege und küßt das schlummernd Kindlein auf die unschuldigen Lippen, und spricht:

»Deinen Körper gib hin, o Liebe, und all deine Sinne und jede Fiber deines Herzens!«

Da legt die Erste segnend die Hand auf des Kindes Haupt:

»Deine Seele gib,« hauchte sie, »und Mutterliebe sei dein Glück!« –

Und siehe! Aus dem Kinde ist plötzlich ein Weib geworden, himmlisch schön, wie das Schwesterpaar – es steht allein in all seiner Pracht auf der weiten, sonnigen Erde. So zieht die Liebe in die Welt hinaus, das Kind der Sehnsucht und des Glaubens, keusch wie Madonna, wonnig wie Venus – und das Zwergengeschlecht wendet sich ab von ihr, denn es kennt sie nicht. – Weiche Lüfte aber wehen und tragen das Elternpaar, das der Welt die Liebe geboren hat, hinan zum Himmel. Dort, zwischen den Sternen, wohnen nun wieder die Sehnsucht nach dem Glück und der Glaube an das Schöne. –

Der kleine Finger der Venus von Medici.

Es war einmal ein Sonntagskind, das wanderte in der Welt umher und suchte – es wußte selber nicht was. Aber es blieb nicht auf dem schönen, trockenen, breiten Wege, den schon so viele andere vor ihm gewandelt waren, sondern mit der, den Kindern eigenen Passion für das Unbequeme, lief es quer über die Straße, kletterte mühsam über einen großen Stein, tappste in eine Pfütze, wie es ja deren so viele in der Welt gibt, und als es erschrocken seine schönen, reinen Füßchen zurückzog, geriet es in den Straßenkot; da eilte es entsetzt weiter, stolperte auf der anderen Seite über einen noch größeren Stein und rannte mit dem Magen gegen eines der eisernen Gitter, die überall in der Welt herumstehen. Nun hatte vorläufig seine Reise ein Ende. Verdutzt sah es ein Weilchen das häßliche Gitter an, dann um sich und nun über sich, und es erblickte eine große, dunkle Wolke, die ballte sich zusammen aus all dem Dampf, der aus den Häusern, den Fabrikschornsteinen, den Lokomotiven aufstieg, und zog wie ein Heer Gespenster über den lieben Abendhimmel. Der schien seltsam bunt drunter hervor – glührot und rosenfarben und lichtgrau und blau und zartes Grün – wie als ob er dem schwarzen Gespensterheer mit seinen Lichtelfen Trotz zu bieten gedächte. Aber die finstere Riesenwolke ballt sich immer drohender und trotziger zusammen, und da wird es dem Sonntagskinde ganz beklommen und bange ums Herz, und es stürzt davon, durch die Straßen, so schnell es seine Füße tragen können, und über ihm zieht die Wolke. Da aber verschwindet sie plötzlich, wie fortgeweht, und das Kind hält inne in seinem tollen Lauf, denn es steht vor einem goldenen Gitter, hinter dem hohe Bäume herüberwinken und ein süßer, feiner Duft emporzieht.

»Ach,« denkt das Sonntagskind, »da drinnen muß es gut sein, ich möchte ausruhen, denn ich bin sehr müde – ob ich wohl hineinschlüpfen dürfte? – Ich will auch ganz leise sein.«

Kaum hat es das gedacht, so öffnet sich die goldene Thür, sanft, wie von Feenhand, und das Sonntagskind schleicht vorsichtig hinein, sich noch einmal bang nach der schwarzen Wolke umschauend. – Richtig, ganz in weiter Ferne hängt sie und blickt drohend herüber.

Nun ist das Sonntagskind drinnen in einem herrlichen Garten. Weg ist seine Müdigkeit; mit weitgeöffneten, glänzenden Augen wandelt es auf weichen Wegen unter hohen, ernsthaften Bäumen; mit zitternden Lippen saugt es süße, berauschende Düfte ein, es lauscht mit Herzklopfen den wonnevollen Tönen, von denen die Luft ringsum erfüllt ist. Wie tausend Nachtigallen Gesang klingt es, aber es sind nicht allein die kleinen Vöglein in den Zweigen, die so liebliche Melodieen erschallen lassen. Nein, jedes Blättlein, jede Blüte ist wie ein Echo und trägt die weichen, sehnsüchtigen Nachtigallentöne vieltausendfach weiter. Und all die Blumen – die Hyacinthen läuten mit ihren Glöckchen »Klingling! Ach, wie wonnig ist's hier!« und »Dingdang, dingdang!« antwortet die blaue Glockenblume, »ich läute zur Abendmette der Natur!« –

Die hohen, schneeigen Lilien senden ihre schweren, süßen Düfte nach oben, der sentimentale Jasmin, die neckische Syringe; und die schwermütige Narcisse wendet ihr weißes Blumengesicht sehnsüchtig dem Monde zu. Denn Nacht ist's geworden: Millionen blitzender Sterne sehen mit funkelnden Augen vom Himmel hernieder, und der Mond gleitet mit ruhigem Schein über den Garten hinweg, so hell und klar, daß das Sonntagskind die vielen zierlichen Gestalten sehen kann, kleine Elfen und Kobolde, die sich im Gras zwischen den Blumen tummeln, und die Nixen und Wasserelfen – auf den großen, grünen Blättern der Wasserrosen im See kauern sie und lassen sich schaukelnd hin und her treiben und greifen jauchzend nach dem glitzernden Sprühregen, den Tritonen im mächtigen Strahl gen Himmel senden und der, leuchtend wie Diamanten im Mondesglanz, zu ihnen niederfällt.

In den lauschigen Ecken und Winkeln der Gebüsche stehen weiße Gestalten – sind's Menschen? Sie sind nackt, kaum mit einem leichten Flor bekleidet. – Sie sind schön, himmlisch schön, und das Sonntagskind tritt näher und faßt Mut, weil sie so gar lieb und gut blicken, und es berührt sie ganz vorsichtig und leise mit der Hand, streichelt die schönen, nackten Füße und – fährt erschrocken zurück, denn eiseskalt sind sie und tot.

Doch sieh – bewegen sie sich nicht? Und horch – hörst Du nicht leises Kichern, Flüstern, neckisches Lachen – ach, und klagendes Schluchzen? – Die Hand des Sonntagskindes hat sie berührt – sie leben, die schönen, marmornen Menschenbilder, das rote, warme Blut rollt durch ihre Adern, sie lächeln, es bebt ihr Fuß zum Weiterschreiten. Da neigen sie sich vor ihrer Königin – die steht in ihrer Mitte, ein wonnevoll Weib, zierlich treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß, die rechte den schneeigen Busen, zur Seite geneigt hält sie das liebliche Haupt, die holde Venus von Medici – und nun fassen sie sich bei den Händen, die herrlichen Göttergestalten und die Elfen und Nixen mit ihrer weichen, eidechsenhaften Schmiegsamkeit und die komischen Kobolde mit ihren langen Bärten und listigen Aeuglein und drolligen Bewegungen; sie tanzen einen zierlichen, wunderlichen Reigen um das Sonntagskind im Kreise, und sie singen:

»Bleib' bei uns – o hier ist's gut sein! Hier ist Schönheit, hier ist Liebe – zu süßer Freude wandelt die Lust sich, zu mildem Frieden Angst und Unruh' – – Ach, und der Schmerz, der wild durchtobt des Menschen Herz – er löst sich auf in sanftes Klagen, die Sorge wird hier zu Grab' getragen, und aller Kummer lind gestillt. –

»Hörst Du der Nachtigall Gesang? – So singt die Sehnsucht in Deinem Herzen.

»Hörst Du der Blumen Geläut? – So läuten sie Deine bange Seele zur Ruh.«

Und horch! Welch wunderlieblich Geklinge und Gesinge, wie Glockentöne in weiter Ferne! Näher kommt's – immer näher – husch! der lustige Kreis stiebt auseinander, blitzschnell, wie er gekommen, und vor dem Sonntagskinde steht eine hehre, schöne Frau, deren zarten Leib umgibt ein Kleid von Rosenblättern, auf dem wonnesamen Haupt strahlt eine Sternenkrone, die Flügel des Königsfalters trägt sie an den Schultern, und ihre Füße wandeln auf Blumen.

Sie lächelt – da zittert die Luft vor Freude – Sie spricht – da lauschen Mond und Sterne. – »Haben sie Dich erschreckt da draußen in der Welt, Du Menschenkind?« sagt sie, »hat die große, schwere Wolke Dir das Herz beklemmt und Dir den Atem genommen? Und bist Du zu mir geflüchtet, in den Garten der Wonne, in mein Königreich, das Reich der Phantasie? – Ich wußte es wohl, Ihr Menschenkinder könnt ohne mich nicht bestehen. Da geht ein lautes Gerede, ein wildes Geschrei durch die Welt: sie brauchen mich nicht, nur Natur wollen sie, und nur im groben Alltagskleid, nicht im glänzenden Schmuck, im schimmernden Geschmeid, womit ich sie überschütte. – Aber siehst Du, Du Sonntagskind, kommst doch geflüchtet zu Deiner Trösterin, ohne die Du die Natur nicht ertragen, ohne die Du nicht leben kannst. – Und wenn Du wieder hinausziehst, dann sag' es ihnen draußen in der Welt, was Du geschaut in meinem Reich. – Ach, gerade jetzt sollten sie es wissen, wo die dunkle Wolke schwer über den Völkern schwebt und sie darnieder drückt.

»Weißt Du, warum gerade jetzt? Willst Du es wissen?«

Sie blickt um sich und klatscht in die Hände. Und siehe – ein wunderlicher Geselle kommt gehüpft, getollt, gesprungen: nackt ist er und zart von Gliedern, mit schelmischem Mund und ernsthaften Augen, einen Bogen trägt er in der Hand und einen Köcher mit Pfeilen an der Hüfte. – Sah ihn das Sonntagskind nicht dort im Syringengebüsch auf einer Säule stehen?

Doch nun – einen Purzelbaum schlägt er auf dem weichen Gras und ist zum eisgrauen Männlein geworden, das lustig mit den Aeuglein zwinkert und allerlei Kapriolen macht, und plötzlich schwebt er in der Luft, so fein und zart, als sei er aus Mondenschein gewebt, als sei er auf Blumen geboren, als sei er mit Tautropfen genährt. Und nun wieder trottelt er daher wie ein kleiner Brummbär und schlägt mit einer Keule um sich, daß die Nixchen und Elflein entsetzt zur Seite weichen.

»O, laß die Possen, Du närrischer Kauz,« lächelt Frau Phantasie, »nimm Deine wahre Gestalt an, mein Gesell« – da klingelt's wie von silbernen Glöckchen, die trägt das wunderliche Kerlchen an seiner Schellenkappe auf dem Haupte, und legt sein Gesicht in ernsthaft-drollige Falten, hängt seinen Bogen über den Rücken, als gebrauche er ihn nicht mehr, und schreitet umher mit gravitätischen Schritten.

»Ist das Deine wahre Gestalt?« Frau Phantasie schüttelt das schöne Haupt ... »nun, sei es drum. Sieh',« sagt sie zum Sonntagskind gewandt, »den Mittler zwischen mir und den Menschen. Nenne ihn Amor, Puck, Geist, wie Du willst; kannst ihn auch Humor heißen, das hört er am liebsten. Geh' mit ihm – die Welt soll er Dir zeigen, wie sie uns Göttern erscheint. An seiner Hand wird es Dich weniger schmerzen.«

Sie gleitet dahin wie der Mondesstrahl, die hehre Königin, und ihr nach durch Busch und Zweig, über Blumen und Moos huscht das lose Volk, Leuchtkäfern gleich, die in Abendluft baden, und in der Ferne tönt neckisch Gelache. –

»Komm',« sagt der närrische Geselle, und schüttelt seine Kappe, daß die Glöckchen klingen, »reich' mir Deine Hand, armes Sonntagskind. Hab Dich schon gesehen draußen in der Welt, wie Du über Steine gestolpert bist und in Pfützen getreten hast. Ja, es ist immer sicherer, auf den hübsch ausgetretenen Pfaden der Alltäglichkeit zu wandeln, als seinen eigenen Weg gehen zu wollen. Hast Dich zur rechten Zeit in meiner Mutter Phantasie Garten gerettet, sonst hättest Du Dir sicher noch einmal an irgend einem Weltgitter Kopf und Herz eingerannt, Du dummes Sonntagskind, Du. – Also ich soll Dir zeigen, wie es in der Welt eigentlich aussieht. Wohl kann ich Dir's erklären, denn ich treibe mich viel draußen herum. Einige in der Welt schwärmen für mich, andere sagen, ich sei ein wahrer Teufel. Wenn ich mit der Schellenkappe klingele, verstehen mich die Wenigsten; da muß ich oft schon mit der Plumpkeule dreinschlagen, und dann schreien sie und sagen, ich hätte ihnen weh gethan. – Komisches Volk, diese Menschen!«

Jetzt sind sie am Ende des Gartens angelangt. Eine hohe Mauer scheidet ihn von der Außenwelt; an der ranken sich wilder Wein und Epheu, und blaue Clematis hängen hernieder und rote Trompetenblumen, so dicht, daß man von den rauhen Steinen nichts gewahr wird, wie nur die runden Glasfensterchen, die hie und da in die Quadern eingefügt sind.

»Sieh,« sagt der närrische Sohn der Phantasie und reicht dem Sonntagskind eine große Trompetenblume als Fernrohr, »die ganze Welt zieht wie die Bilder eines Guckkastens an unsern Fensterchen vorüber. Mußt aber nicht durch dieses hier sehen, das ist die rosenfarbene Brille, durch das schauen nur die Faulen, die ihre Gedanken nicht anstrengen mögen – nota bene, wenn sie welche haben – und jenes Fenster dort ist gelb wie der Neid und dieses rot wie Blut, als ob die Welt in Feuer stünde. Nein, schau hierher – Clematis und Weinranken haben ein schönes, kleines Guckloch gebildet, ein Vöglein, das früh morgens zur Sonne singt, hat sich drüber ein Nestlein gebaut – das Glas ist klar und wahr wie meiner Mutter Augen. Komm, Du Sonntagskind, laß mich über Deine Schulter lehnen und Dir sehen helfen.«

»Nein, wie ist die Welt klein!« ruft das Sonntagskind verwundert.

»Nicht wahr?« antwortet der Geselle, »und Du hast sie immer für so riesengroß und wichtig gehalten.«

»Und die Menschen – wie Zwerge! Sieh' nur das Gewimmel!« lacht das Sonntagskind.

»Ja, das macht Spaß, die Welt übersehen zu können,« nickt der Geselle und die Glöckchen an seiner Schellenkappe klingeln dazu.

Da draußen in der Welt krabbelt's, prustet's, keucht's und läuft und schiebt und stößt – die Großen drängen die Kleinen zur Seite, die Starken schlagen die Schwachen tot, und die Armen wehklagen gen Himmel. –

»Wie eilig sie es alle haben!« wundert sich das Sonntagskind.

»O sieh' nur, sieh' – den alten Mann, einen Kahlkopf hat er und unterm Kinn einen grauen Ziegenbart, und die Augenbrauen stehen wie Borsten in die Höhe und die Augen glitzern gierig darunter hervor. – Sieh', wie er an dem Sack zerrt, wie Gold schimmert es durch die Löcher – er kann ihn kaum regieren und Angst und Zornesthränen rinnen aus seinen Augen.«

»Ja, und er trägt rot und weiß gestreifte Hosen und einen blauen Rock,« sagt Puck, »und er kaut Tabak, und er flucht englisch, wenn die andern seinem Geldsack zu nahe kommen.«

»Ach, und jener dort – mit großen Sprüngen, mit ellenlangen Schritten setzt er dem kleinen Irrlicht nach, das über Berg und Thal, durch Sumpf und Morast vor ihm herhüpft, und sieh' nur, wie seine Frau sich anstrengt, mitzukommen.«

»Sieh, sie hebt ihre schönen, seidenen Kleider auf, daß sie nicht schmutzig werden, und patsch! springt sie mit beiden Füßen in die Wasserlache – nachher läßt sie die Kleider wieder drüber hängen – dann sieht man ihre beschmutzten Füße nicht – und guck! das Irrlicht sieht aus wie ein Ordensbändchen.«

»O, aber hier, wie schrecklich – sie bücken sich tief zur Erde, damit andere auf ihre Rücken treten können und weiter schreiten dort hinauf, wo es so glitzert und gleißt wie von Prunk und Geschmeide. – Und dort läßt sich einer schlagen – ach, geduldig und wehrt sich nicht!«

»Liebes Kind,« sagt der Gesell, »die sind aus dem Land, wo die Bedienten gut geraten.«

»Lieber Gesell – o siehst Du den Mann dort in der Ferne – mit bleichen Lippen, mit rollenden Augen? Siehst Du, wie er mordet und zittert und flucht und betet, wie er angstvoll sich windet –«

»Liebes Kind – der sitzt auf einem Thron, der wackelt hin und her, und er trägt den Wahnsinn als Krone und als Scepter eine blutrote Brandfackel – wenn er die von sich schleudert, dann bebt die Erde von Kanonendonner und Menschengestöhn – und ›Väterchen‹ nennt sich der Mann, liebes Sonntagskind.«

»Ach, mein Geselle, wo wollen die vielen Menschen hin, die dort mit den feinen, kostbaren Kleidern angethan, die ein mit Silber beschlagenes Buch und einen Geldbeutel in den Händen tragen, die, mit den frommen, ergebenen Gesichtern –«

»In die Kirche, Du dummes Sonntagskind, auf daß der Prediger ihnen in tönenden, salbungsvollen Worten die Angst vom Herzen rede. Dann thun sie, als ob sie's glauben, was er sagt, und gehen neugestärkt nach Hause und – leben weiter.«

»Und siehst Du jene Schar dort, mein Geselle, Ballettänzer scheinen sie zu sein. Hei! was sie für Sprünge machen! – Schau, die wunderlichen Gesten, und wie elegant sie zu posieren verstehen – dem Publikum eine rechte Augenweide. Aber doch – ich glaube sie thun nur so, es ist ihnen nicht wohl ums Herz – sie schauen bleich aus, trotz Schminke und Puder. – Sag, mir, was sind's für Leute?«

»Liebes Kind – Litteraten sind's, moderne aus dem neunzehnten Jahrhundert, und die barocken Sprünge und eleganten Posen machen sie aus Angst, um sich und das Publikum d'rüber hinwegzutäuschen.«

»Und, mein Geselle, sieh' den Mann dort hinter dem Ofen, in Schlafrock und Pantoffeln, mit langer Pfeife und dem Bierseidel in der Hand. – Recht unzufrieden scheint er mir zu sein, er rückt unruhig hin und her – horch! er schilt und gebraucht böse Worte.«

»Ja, liebes Kind – das Bier schmeckt nicht, und die Kartoffeln sind mißraten, und die Pfeife qualmt und durch die Schlafrockärmel pfeift der Wind, und die Pantoffeln sind unbequem. Da hadert er mit seinem langmütigen Herrgott im Himmel droben, mit dem Brauersknecht, dem Nigger, dem Schuster und am meisten mit seiner lieben Frau – und es ist doch nur die Angst, die ihn in seiner eigenen Haut sich nicht wohl fühlen läßt. – Ja, und ›Philister‹ nennt man den Mann, liebes Sonntagskind.«

»Ach, und, mein Geselle, dort jene Hungernden, Darbenden, Elenden, jene Neidischen, Unzufriedenen, Hassenden, auf was warten sie finstern Auges, trotziger Stirn, rachsüchtigen Herzens? Und dort jene Ballgeschmückten, die im Reigen sich drehen! Was ziehen sie in ihren Masken und Flittern einher, als wollten sie die Freude zu Grabe tragen?«

Da faßt der Geselle das Sonntagskind bei den Schultern und wendet es ein wenig zur Seite:

»Schau dort hinüber, liebes Kind,« sagt er, »sieh' weithin über die Welt!«

Da steht auf einem Berge, hoch über dem Gewirr, Gewimmel, Gehast, ein großes, starkes Weib, das schwingt mit grimmigem Lächeln, mit finsterem Angesicht eine Peitsche in ihren Händen, deren vielteilige, zackige Enden zischend über die ganze Welt hinsausen – und hohnlachend sieht das Riesenweib, wie die Menschen angstvoll zusammenfahren und bei jedem Schlage noch verwirrter durcheinander rennen.

»Die Wolke, die große Wolke!« ruft das Sonntagskind entsetzt, »siehst Du, wie sie über die Welt hinfährt? Hörst Du sie zischen und brausen? Das ist sie, die mich so erschreckt!«

»Ja,« antwortet der neben ihm und richtet sich auf zu voller Höhe und seine Augen blitzen.

»Das ist die Wolke – das ist die große Angst, die schwer auf der Welt liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem, das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. – Wird es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern – oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und wagen kaum, tief Atem zu holen.«

»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das Sonntagskind schüchtern.

»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur haben sie es vergessen. – – All die große, schwere Angst der Völker würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an – den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.«

»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit großen, verwunderten Augen.

»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch, von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des Mondes Strahl dringt doch hindurch – oder ist es das schöne Weib dort, das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden, weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen – zierlich treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß, die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt hält sie das schöne Haupt – lauscht sie? –

Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände:

»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein Uebermut gestürzt hat – Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen – zeig' ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.«

Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,« sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn ein wenig – dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne.

»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens – himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!«

»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen.

»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind – die Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie, so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.«

Und mit immer länger werdenden Schritten, riesengroß anwachsend, ist er im Mondenlicht verschwunden.

Dem Sonntagskinde aber hat die Venus gelächelt – tiefer Friede deckt seine schweren Augenlider.

Hell scheint die Sonne ihm ins Angesicht, es steht auf, schaut verwundert um sich – dann erhebt es seine rechte Hand und schüttelt mit dem kleinen Finger ein wenig im Ohr – es lauscht – eine Lerche steigt jubelnd gen Himmel – und in ganz weiter, weiter Ferne hängt ein dunkles Wölkchen am Horizont.

Der gefesselte Cupido.

Eines Tages saß Cupido – ich meine nicht den patentierten, konzessionierten Heiratsvermittler und Rechenmeister des neunzehnten Jahrhunderts, sondern das liebe, mutwillige Bübchen, von dem Anacreon erzählt und Goethe in seiner »Brautnacht« –, der saß eines Tages im Olymp und langweilte sich. Er hatte zwar eben erst allerlei Schabernack verübt, hatte sogar dem Vater Zeus einen Brand-Pfeil ins Herz gesandt, so daß er nicht wußte, nach welcher hübschen Erdentochter er zuerst schmachten sollte, hatte versucht, die lange Artemis anzuschießen, aber vergebens, ebenso die Athene; und aus Rache dafür, daß sie ihm ihren kolossalen Minervaschild vorhielt, zupfte er ihre Eulen, die sie just fütterte, am Schwanz, so daß sie entrüstet »Huhu« sagten. Tante Juno hatte ihm sehr energisch auf die Finger geklopft, als er den Nymphen allerlei süße Dummheiten ins Ohr flüsterte und schließlich sogar den Dienerinnen der Vesta nachstellte; da war er zu seiner holdseligen Mutter Aphrodite geflüchtet, und sie breitete ihm sehnsüchtig die Arme entgegen, und schwirr, da flog der Pfeil und stak ihr im Herzen. Der böse, liebe Junge – aber Aphrodite lächelte – sie war's ja gewohnt! – Nun saß Cupido auf einer Wolke und bammelte mit den Beinchen und guckte zur Erde hinab und langweilte sich. Da kam Hermes daher geflogen, der hatte irgend einer Schönen im Auftrage des Vaters Zeus eine Düte Ambrosia gebracht und dafür ein Stelldichein verabredet. Er mochte den Cupido gut leiden und hockte sich ein wenig zum Ausruhen neben ihn.

»Du – weißt Du, was sie da unten mit Dir gemacht haben?« fragte er ihn.

»Nee – was denn?«

»Erst 'mal haben sie Dich riesig elegant angezogen, im schwarzen Frack und Cylinder, und sie sagen, Du hießest gar nicht Amor, sondern Puck; und außerdem wäre es unanständig, wenn man nackt ginge. Und dann haben sie Dir eine große Brille aufgesetzt, weil Du blind wärest, sagten sie und haben Dir Deinen Köcher mit Goldstücken statt mit Pfeilen gefüllt, das zöge besser, sagten sie, und haben Dir statt eines Bogens ein Tintenfaß in die Hand gegeben und Dir eine Feder hinters Ohr gesteckt, damit Du gleich die Ehekontrakte ausschreiben könntest, sagten sie, und wenn Du doch 'mal ganz splitterfadennackt, ganz natürlich, ohne alle Zuthaten zu ihnen kommen wolltest – sie möchten Dich eigentlich ganz gern so, sagten sie – dann müßtest Du aber durchs Hinterthürchen schlüpfen, damit dich ja auch keiner sähe, denn sonst genierten sie sich, sagten sie.«

»Beim heiligen Kriegsungewitter!« fluchte Cupido – »das ist ja eine ganz urweltliche Bande!«

»Hör' nur weiter – es kommt noch besser. Da hat sich einer – so'n ganz vertrocknetes Kerlchen mit einer Brille auf der Nase, auf einen hohen Stuhl gesetzt, und hat mit dem Finger – weißt Du, mit so einem langen knöcherigen – auf den Tisch geklopft und hat gesagt: Es gäbe Dich gar nicht, Du wärest eine Mythe, und die Liebe, das wäre eine Nervenaufregung, die leicht in Irrsinn übergehen könnte, und deshalb hätten die weisen Männer Gesetze gemacht, nach denen die Gefühle geregelt würden.«

Da sprang aber Cupido in die Höhe:

»Heilige Mutter Aphrodite! Gesetze? Für mich? – Na – das möchte ich mal sehen. – Liebster, bester Hermes, geh' – sattle mir schnell den blanken Stern da, ich will hinunterreiten, das muß ich mir aus nächster Nähe betrachten!«

Und da saß er schon auf seinem glänzenden Stern und fuhr hinab, und auf der Erde sagten sie: Da fällt eine Sternschnuppe.

Es kam aber dem Cupido furchtbar kalt vor im neunzehnten Jahrhundert, obwohl es im August war, wo die meisten Sternschnuppen fallen, und bei Sonnenaufgang fror es ihn ganz erbärmlich, trotz des Umschlagetuches, das ihm das alte Hökerweib geschenkt hatte. Die saß schon am ganz frühen Morgen mit ihren Körben auf dem Markte, und wie sie den nackten, kleinen Gesellen daherkommen sah, da wurde es ihr so weich und sehnsüchtig ums Herz, sie meinte, es wäre Mitleid – es war aber die Erinnerung: sie sah sich wieder jung und hübsch, sie war beim Tanz unter der Linde, der schönste Bursche schwang sie im Reigen – heißa! – hoch in die Luft, daß die Röcke flogen, und dann küßte er sie. Und da machte sie die Augen auf, und vor ihr stand wieder der drollige kleine Junge. Der nahm das Höckerweib frischweg beim Kopf und gab ihr einen Kuß für das Umschlagetüchelchen, das sie ihm gegen die Kälte geschenkt, und die Alte faltete die Hände und träumte von ihrer Jugend. – – Den Cupido fror es aber doch an den nackten Beinchen, und er dachte: »Ich will doch sehen, ob ich nicht irgendwo hineinschlüpfen kann und mich wärmen.«

Doch da kam er schön an.

»Was willst Du hier?« fuhren sie ihn im ersten Hause an – »Du bist so unbequem – mach', daß Du fortkommst!« Im zweiten öffneten ihm zwei alte Jungfern die Thür, liefen kreischend davon und schrieen:

»Hülfe – ein Sansculotte – er hat nichts an!« Und der dicke Mops saß auf dem Sofa und bellte ihm nach. Im dritten Hause fragten sie höflich verwundert: »Was wollen Sie hier? Wir sind ja verheiratet.«

Im vierten hielten sie ihm einen Ehekontrakt unter die Nase, und im fünften sprachen sie von Gesetzen und – da wurde Cupido böse und sagte:

»Wartet, ich will Euch! Ihr wollt mich hier verleugnen? Bei unserer lieben Frau von Milo – Ihr sollt es büßen!« Er schwang sich in die Lüfte, spannte den Bogen, und – huidi! – da schwirrten die Pfeile! Er schoß blindlings drauf los, ganz einerlei, ob nach Grundsatz oder Gesetz – aber sie trafen. Und nun gab es eine heillose Verwirrung unter den Menschen; sie hatten geglaubt, den Liebesgott hinwegspotten und -klügeln zu können, und da war er plötzlich mitten unter ihnen und sie duckten sich, bange, wehklagend und nach Hülfe wimmernd. – Da ist ein Mägdlein gekommen. Wie Cupido das erblickte, verschwand der Zorn aus seinem Angesicht, lächelnd sah er es an – und wählte seinen allerschönsten Pfeil, mit dem er schon einmal seine holde Mutter geritzt hatte. – Es war aber ein trotzig Mägdelein. Keck schauten die Augen in die Welt hinein und sein roter Mund sagte:

   »Was frag' ich nach Liebe?
   Mir liegt's nicht im Sinn!
   Wohl hab' ich ein Herzel –
   Doch pocht es nicht drinn!
Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!
   Zwar hab' ich ein Mündlein
   Und seht nur – wie rot!
   Und ach – wie kann's lachen –
   Das macht Euch viel Not!
Doch daß Ihr's nur wißt, doch daß Ihr's nur wißt:
Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!«

Horch! – da schwirrt es und singt und klingt! Und sieh' – da steckt der Pfeil in der schönen, weißen Mädchenbrust –

Das trotzige Mägdelein hat mit der Hand ans Herze gegriffen, ist glührot geworden, ist scheu davon geschlichen. Aus der Ferne tönt es:

»Nun frag' ich nach Liebe –  
Nun trag' ich's im Sinn!
Nun fühl' ich mein Herze! –
Es pocht so darin!«

Und Cupido lauscht, biegt sich vor und lächelt, blinkt mit den Schelmenaugen, hebt deutend das weiße Fingerchen, und spitzbübisch singt er ihr nach:

»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Just hat sie der Liebste, der Liebste geküßt!« –

Gerade da kam ein Mann des Weges gegangen, der war ein Sonntagskind, der konnte schauen, was andern verborgen war – der hat den kleinen, herzigen Schlingel stehen sehen, wie er dem trotzigen Mägdelein nachgehöhnt hat. »So sollst du ewig sein!« sagte er.

Cupido aber ist ihm entgegengehüpft, denn der Mann war ein Künstler, und die Künstler stehen auf gar vertrautem Fuße mit all dem lustigen, alten Göttergesindel – er ist geduldig mit ihm gegangen und hat sich in marmorne Fesseln schlagen lassen. Und so steht er da in der ganzen Pracht seiner Schönheit, ein wenig nach vorn geneigt, das süße Schelmengesicht voll Sonnenschein, das Fingerchen erhoben und deutet auf euch, die er euch eben mitten ins Herz getroffen hat – und lachend klingt's von seinen Schelmenlippen:

»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Nun wird die Liebste vom Liebsten geküßt!«

Psyche.

»Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine:
dar ûf sazt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange,«

sagt Walter von der Vogelweide. So sitze ich im Gips-Museum und träume vor mich hin und lasse mir von Antinous verliebte Blicke zuwerfen.

O, Du Abbild erster, toller, süßer Liebe!

Erste Liebe – wo man liebt, ich möchte sagen, um zu lieben, um sein eigen Herz einmal pochen zu hören, um voll Seligkeit zu verzweifeln, und weinend zu jubeln – wo ein liebes Auge, eine schöne Gestalt, ein lustig-gutes Lachen, einem vollauf Grund genug zum Lieben scheint.

Später freilich, dann, meine ich, wenn die wahre, einzige, ewige Liebe über einen kommt, wenn man mit vollem Verstande, mit ganzer Ueberlegung, mit festem Willen liebt, dann – ja, dann verlangt man freilich mehr, wie Du, schöner Antinous, bieten kannst.

Sieh', der letzte, warme Sonnenstrahl hängt aufleuchtend, zögernd an seinem holden Antlitze.

Er lächelt. – –

Der Faun da hinter ihm guckt schelmisch um die Ecke: »Reizender Bengel! Nicht wahr?« grinst er vergnügt, und die zwölf Apostel am Sarge des heiligen Sebald schüttelten vorwurfsvoll ihre bärtigen Häupter. Warum, o meine hochverehrten Herren, begaben Sie sich auch in diese heidnisch-vergnügte Gesellschaft? Wird es Ihnen nicht ganz sonderbar zu Mute?

Es geht ein wunderlich Flüstern durch den Saal und ein Beben durch die nackten, weißen Götter-Menschenleiber. Mir schwimmt es vor den Augen und mein Herz klopft. Soll ich fliehen? Schnell zur Türe!

Ah, die ist geschlossen! Sie haben mich vergessen in meiner Ecke hinter den zwölf Aposteln, und ich bin allein im ganzen Haus – allein, und doch in der allerbesten Gesellschaft. Mir ahnt, jetzt wird sich etwas begeben, etwas wunderlich Liebliches, himmlisch Schönes. Ein seltsames Leben und Weben zittert in der ganzen Luft, und ich verstecke mich still und neugierig und warte – worauf? Ich weiß es selber nicht.

Doch – was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb Seufzer, halb Jubel. – Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten? – Sieh' – sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich – das Blut rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen, geisterhaft, geheimnisvoll – das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. – Ach, und demütig beuge ich mein Knie.

Lautlose Stille. – Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und unsere Götterleiber zu kritisieren? – Sind wir allein? – Gebt Antwort!«

Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät, und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu:

»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh', frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.«

Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums herunterblicken kann.

»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige, kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter, stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu.

»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!«

»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme, »hetzt die Hunde auf die Unberufene.«

»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge, aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben – Lieben und Geliebtwerden – erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der Freude!«

Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes Schweigen.

»Geh', Amorchen,« schmeichelt die tanzende Bacchantin – war sie nicht eben noch kopflos? Jetzt trägt sie ein lieblich-übermütiges Haupt auf dem zierlichen Hälschen. –

»Frag' sie einmal: Hast Du Jemanden lieb? Recht von Herzen, recht freudig? Und wenn sie ›Ja‹ sagt, dann laßt sie nur immer hier. Denkt wohl, ich sei ein dummes, kleines Ding, aber Amorchen, Du weißt, ich verstehe mich auf solche Sachen!«

Und sie dreht sich im Tanz und schüttelt die anmutigen Glieder, daß der musikalische Faun neben ihr schnell ein lustiges »Klingkling« hören läßt. – Da erhebt sich eine Stimme, sanft, wie Windessäuseln, stark, wie Sturmeswehen und ernst, wie das Grab: Hermes spricht. Majestätisch ragt sein wunderbares Haupt über die andern hinweg, und seine armen zertrümmerten Glieder umgibt Würde und Hoheit.

Götterbote! Glück und Freude, Schmerz und Tod trugst Du hin über alle Welt! Ich möchte niederknieen vor Dir und Deine ewige Schönheit anbeten und über Deine verstümmelten Glieder meine armseligen Thränen weinen!

»Laßt sie gewähren, Ihr Götter,« sprichst Du, und Deine Augen sehen mich an, milde, verheißend – »denn ich kenne sie. An ihrer Wiege stand ich und brachte ihr das Geschenk des himmlischen Vaters, beugte mich über sie, hauchte es in ihre Stirn, legte die Hand ihr auf's Herz, und da zog es ein – und küßte ihren Mund, und da lernte sie lächeln und – lieben.« Leise nickt er, und ich möchte weinen. –

Horch! Das seltsame Geräusch! Rollend, rasselnd, im Takt sich wiederholend – dazwischen ein melodisches Pfeifen, ein kunstvoller Schnörkel am Ausgang des tiefen, rollenden Tones, behaglich einschläfernd klingt's in seinem rhythmischen Taktfall, seiner ruhigen Gleichmäßigkeit.

Alle stehen und lauschen – –

Da balanciert der alte, bärtige Silen das Bacchuskindlein geschickt auf dem einen Arm und deutet mit dem andern lächelnd über die Schulter auf den Faun hinter ihm, welcher, trunken von Wein und Freude, seine kolossalen Glieder im tiefen Schlafe dehnt. – Die kleine Bacchantin bricht in ein schallendes Gelächter aus: »Der Faun schnarcht! Denkt Euch, er schnarcht! Zuviel des feurigen Griechenweines hast Du getrunken, Du liederlicher, großer Gesell Du!« schilt sie und kitzelt ihm neckisch die Fußsohlen. Der Faun murmelt unverständliche Worte und bewegt die mächtigen Glieder und versucht den Arm zu erheben. Aber schwer sinkt die Hand auf den Felsen zurück, auf dem er ruht, und bald tönt wieder sein musikalisches Schnarchen mit dem lustigen Endschnörkel durch den Saal. –

»Heraus aus den Schluchten, aus Klüften und Thälern, kommt hervor aus den Quellen, huscht flink aus den Bäumen, ihr Nymphen, Dryaden, ihr schelmischen Mädchen, ihr lustiges Volk! Tanzt, lacht und singt, und hüpfet und springt! Weckt den faulen Schläfer dort und bittet Bacchos, den süßen Wein Euch zu reichen!«

Eine klangvolle, frische Stimme schallt von der Thür her. Diana ist es, aber nicht die lange Versaillerin: eine liebliche, mädchenhafte Diana, mit kurzem Röckchen, noch nicht ganz fertig mit der Toilette – und sie klatscht in die schlanken Hände, und unsere liebe Frau von Milo lächelt ihr holdselig zu.

Nun wird es lebendig um mich her; allüberall aus den Winkeln und Ecken, die Treppen hinauf, hinunter kommt's gehuscht, geflogen, gekichert. Nackte, liebliche Mädchengestalten, üppige Weiber, bockshörnige Faune, tapfere Krieger, die vor Troja gefochten, ernstblickende Römer – alles wirbelt lustig durcheinander und sie umtanzen den schlafenden Faun, sie kitzeln ihm die Seiten und zausen ihm die Haare, sie halten ihm den würzigen Griechenwein unter die Nase und lachen ihm ein lustig Lachen in die Ohren, bis er die sehnigen Glieder reckt und streckt – da steht er mitten unter ihnen und dreht sich im wilden Reigen. Wie der Jubel sie alle begeistert, wie die tolle Lust sie hinzieht in ihr Freudenreich! Sieh' den alten Sokrates – mühsam kriecht er aus der Verzierung des römischen Sarkophags heraus, umgeben von den lieblichen Musen; Terpsichore tanzt Ballett, und da stehen Seneca und Demosthenes und Pindar und Cäsar und viele alte Kahlköpfe und sehen zu. Mit mächtigem Satz springt der borghesische Fechter in die Tanzenden hinein, eine weichhäutige Nymphe hoch in die Lüfte schwingend, die Ringkämpfer lassen ihren Zorn und stimmen in das fröhliche Gelächter ein; die beiden schlanken Discus-Werfer schleudern ihre Metallscheibe geschickt über die Köpfe der neun Musen hinweg, daß die alten Herren entsetzt von ihnen zurückweichen, und mein schwermütiger, holder Antinous küßt die schwellenden Lippen der liebetrunkenen, kleinen Bacchantin.

Majestätisch ernst sehen die drei Parzen vom Parthenon in das Getümmel und Helios lächelt siegreich von seinem Sonnenwagen hernieder. Frau Venus steht als Sonnenkönigin mitten unter den Jubelnden in aller Pracht und lächelt ihrem Volke voll Huld.

Und die Dichterin Sappho öffnet ihren liederreichen, holdseligen Mund und flüstert schmachtend:

»Die Du thronst auf Blumen, o Schaumgeborene,
Tochter Zeus, listsinnende, höre mich rufen!«

Und da, ach, siehe da – die kokett verhüllte Göttin der Schamhaftigkeit sinkt sehnsuchtsvoll in die geöffneten Arme eines kräftigen, schöngestalteten Fauns. – Dacht' ich's doch! –

Ja, sogar die Tiere stimmen ein in die allgemeine Fröhlichkeit: die Schlangen des Laokoon lassen ab von ihren Opfern – des Vaters Stirn blickt heiter nun, und die sanften Knaben fürchten sich nicht mehr – und unterhalten sich mit der Eidechse des schönen Appollo, des Eidechsentöters, dessen Körper etwas von der Geschmeidigkeit der Lacerte an sich hat – und der Panter des Bacchos (der Riesenkater) lauscht grimmig-herablassend dem Gespräch.

Doch, was ist das? Fürwahr, eine seltsame Prozession: langsam ziehen sie einher, im ehrbaren Reigen sich schwingend, gravitätisch-lüstern die Blicke um sich werfend, und jeder am Arme ein sittsam Dämchen mit unendlich vielen Kleidern – zimperlich geschürzt mit geübter Rechten.

Wahrhaftig, die zwölf Apostel sind's an der St. Sebalds-Kirche und irgend welche heilige Damen, die hoch oben im Christenhimmel thronen, haben sie sich zum Heidentanz engagiert.

So ist's recht! Hebt die Füße, streckt die Arme, hierhin, dorthin, auf und ab!

Tanzt lustig den Reigen und dreht Euch im Kreise. –

Mitten im zierlichen Tanz stehen die heiligen Weiblein bewundernd vor dem schönen, nackten Leib des Antinous, dem offenbarenden Mund des heiligen Johannes entströmen Worte der Begeisterung über die Wunder der Weibesschönheit, der heilige Paulus seufzt: »Hieße ich doch noch Saulus!«, und der heilige Petrus rasselt mit den Himmelsschlüssel-Castagnetten dazu. Und sie schwingen sich im Kreise, daß die heiligen Gewänder fliegen, die heiligen Bärte wehen und der heilige Schweiß von den heiligen Stirnen rieselt. –

Bim, bim – bim, bim! Horch! Ein Glöcklein! Das Vesperglöcklein der St. Sebalds-Kirche.

Schlaff sinkt der heiligen Schar der Arm, es stockt der Fuß – starren Auges schauen sie zur Thür. Da steht eine hagere Mönchsgestalt in brauner Kutte und winkt mit langem, dürrem Finger und bim, bim, – bim, bim, tönt's Glöcklein wieder. Stark wie Riesenarme ist die Macht der Gewohnheit! Dahin stürzen sie, die lieben Heiligen alle, in atemloser Hast sich überstürzend, überkugelnd. –

»Zur Vesper, zur Vesper!«

Und der heilige Paulus-Saulus wendet sein bärtig Antlitz:

»Ueber ein Weilchen werdet Ihr uns nicht mehr sehen, und über ein Weilchen werdet Ihr uns wiedersehen, wenn – wir die Vesper gesungen!«

Ein lustig schallendes »Evoe!« antwortet ihm und – bim, bim – bim, bim tönt's Glöcklein von der St. Sebalds-Kirche. – –

Banges Stöhnen, sanftes Klagen, todesmüde Laute dringen an mein Ohr:

»Tod, was eilest Du? Nimmer begehr' ich Dein!« dringt's über die bleichen Lippen des sterbenden Sklaven Michel Angelos, und bang sinken seine schönen Glieder ineinander.

»Wohl brannte die heiße Sonne Italiens erbarmungslos auf mich nieder, wohl sengte sie mir mein Hirn, meine Seele; wohl fühlte ich die scharfe Peitsche auf meinen nackten Schultern, wohl schnitten mir rauhe Flüche ins Herz – aber ich lebte doch, und mit mir die Hoffnung! Bei den mitleidsvollen Strahlen der Sonne dachte ich an kühle Eichenhaine, beim Brausen des Sirocco an das Rauschen meines Nordlandmeeres, unter Blüten und Früchten und ewig blauem Himmel an Eis und Schnee, an Sturm und Regen. Und wenn die Peitsche des Vogts klatschend auf mich fiel, da – in meinen Gedanken – kühlte lieb Mütterleins Hand ihr Brennen und meines süßen Liebs Mund küßte mein Herz gesund. –

»Tod, zögere noch! Laß mir die Hoffnung, laß mir das Leben! Tod, warum kommst Du!« –

»Stirb doch! Dann bist Du frei!« antwortet ihm eine rauhe Stimme, und es rasselt wie von Ketten, dumpfes Stöhnen entringt sich der Brust seines gefesselten Kameraden neben ihm. –

»Freiheit, Freiheit! Gib mir Freiheit! Sie haben mich an diesen Felsen geschmiedet, meine Hände, meine Füße, meinen Leib – und ohnmächtig schüttle ich meine Ketten. Und weißt Du, warum sie mich fesselten? Warum sie mich des höchsten Gutes, der Freiheit, beraubten? Weil sie mich fürchteten, weil die Angst, die wahnwitzige Todesangst sie dazu trieb. Weil sie wußten, ich würde den Brand des Aufruhrs in die Welt hinaus schleudern, würde nicht eher rasten und ruhen, bis ich die alte Erde vernichtet, zertrümmert, daß eine neue aus ihr entsteht – gut, rein, stolz, wie sie sie nicht schaffen können. –

»Und darum nehmen sie mir meine Freiheit und werfen mich in Ketten, schmieden mich an und hohnlachen in mein Gesicht. –

»Du allmächtiges Wesen, das Du da oben über den Wolken thronen sollst, wenn Du mich verstehen kannst, so höre meinen Ruf:

»Gib mir Freiheit – oder laß mich sterben! – – Keine Antwort – ohnmächtig oder grausam bist Du – denn sieh', stark bin ich noch, und mein Herz schlägt, mein Kopf denkt noch, rastlos, unermüdlich, und – hörst Du's? – meine Ketten klirren höhnisch, immer weiter, immerzu! – O Tod, warum kommst Du nicht!«

– – – – Lustig Rufen übertönt seine grollende Stimme, Beifallklatschen, Jauchzen, und dazwischen der Ruf: »Bacchos, Bacchos!« Und hierher wälzt sich der fröhliche Strom jubelnder Götter und Menschen und »Dich wollen wir, Bacchos, Gott der Freude, wo weilst Du so lange!« Sie knieen vor der schönen Jünglingsgestalt mit der berauschend lieblichen Traube neben ihm, und sie nehmen ihn in ihre starken Arme, und Nymphen und Göttinnen umschmeicheln, umkosen ihn. Da lassen sie ihn nieder, auf die Kniee des egyptischen Götzenbildes – denn das ist leblos und von Stein geblieben – und neigen sich huldigend vor ihm. Doch er erhebt den Arm und deutet mit der Götterhand auf die Marmorgebilde neuester Zeit, in der Mitte des Saales:

»Was wollen die unter uns?« fragte er mit zorniger Stimme, »schafft sie fort – sie stören mich!« Athene steht neben ihm, die blauäugige, siegende Göttin; sie hört ihn, sie winkt ihrem Liebling, dem starken, schnellfüßigen Achill, und der –

»Naus da, 'naus da aus dem Haus da! Fort mit dir, Gesindel!«

Und jubelnd sehen alle, wie Zenobia in voller Kleiderpracht, eine falsche Oenone, ein paar weichliche Marmorkinder, eine vollbusige, schamlose Schönheit, zertrümmert die Steintreppe hinunterfliegen. – Dann aber neigt sich Achilles voll Anstand vor der Statue des Lincoln mit dem Sklaven und spricht mit Höflichkeit:

»Mein Herr, gern mögen Sie unter Heroen weilen, aber Sie werden begreifen, daß Sie dann auch in voller Heroen-Uniform zu erscheinen haben, und die möchte Ihnen vielleicht nicht gut stehen. Entschieden aber können wir in unserm Reich der Schönheit das Untier von Häßlichkeit da zu ihren Füßen unmöglich dulden.« Und Lincoln verbeugt sich verständnisvoll und verläßt den Saal.

Da wankt eine müde Gestalt die Treppe herauf – einst der Stolz der Götter, immer die Freude der Menschen – und läßt sich schwer auf die Stufen nieder; die starken Schultern beugen sich, der Leib zieht sich schmerzlich zusammen, ein mächtiges Haupt sitzt plötzlich auf dem starren Nacken des Herkules-Torso und senkt sich matt, todesmatt; und klagend, grollend erfüllt eine Stimme den Saal: »Müde bin ich – endlich! Müde, der Welt zu dienen, müde, Undank zu ernten, müde, zu lieben, müde, zu leben – –

Einst lag die Welt schön und gut vor mir, einst hatte ich Lebensmut, Lebenslust, einst habe ich gekämpft, gestritten, gerungen – und nun? Nun bin ich müde und möchte schlafen!« – –

Die starken, trotzigen Glieder sinken zusammen, und das starke Haupt stützt sich schwer auf den kraftvollen Arm.

Es nahen sich zwei schlanke, schöne Jünglingsgestalten, eng aneinander geschmiegt, die Arme verschlungen, und ein mildes Licht strahlt von ihnen aus. Da legt der eine ernst und leise die Hand auf die müde Stirn des Herkules –

»Schlaf',« sagte er sanft.

Da senkt der andere still die brennende Fackel zur Erde, daß sie erlischt –

»Ewig,« lächelt er.

Und voller Ehrfurcht beugt das lustige Göttervolk das Knie und huldigt dem Toten. –

Liebliches Klingen, Singen, Getöne – ein wunderbar Leuchten, hell, sanft und mild –

Da schwebt etwas die Treppe hernieder, zartduftig, schimmernd in weißer Pracht – himmlisch lieblich, lebensvoll schön – Ach, ich sinke in die Kniee und blicke zagend zu der göttlichen Gestalt der Medicäerin empor, denn sie ist es – Sie kommt zu mir, sie tritt vor mich hin, und ein wundersames Schauern durchbebt mir Kopf und Herz. Sie neigt ihr holdseliges Antlitz zu mir, und sie küßt mich auf den Mund, es rinnt wie Feuer durch meine Glieder. Neben ihr steht ein schöner Jüngling, dem strahlen viele kostbare Gedanken von der weißen Stirn. Er sieht mich an, ernst und voll kindlicher Weisheit, und spannt seinen Bogen und zielt gut – denn der Pfeil dringt mir mitten ins Herz hinein. Und dann – bin ich es noch? Lebe ich? Mir ist's so groß ums Herz – Sieh', meine Hände! Durchsichtig klar sind sie, und mein Körper schimmert, wie die der Marmorgestalten – Ach, meine Glieder zittern – –

Da faßt Aphrodite mich an der Hand und führt mich den Uebrigen entgegen – Und Hermes lächelt zu mir: »Psyche, bist Du erstanden?«

Jubelnd begrüßen mich alle, alle – und sie heben mich empor zu Nike, der Göttin des Sieges, und ich schmiege mich an ihren schönen Körper, der kein Haupt mehr auf ihren Schultern trägt.

Du schwebst zwischen Himmel und Erde, o hehre Göttin! Thörichte Menschen schlugen Dir Dein stolzes Haupt ab, engherzige, fromme, nicht denkende Menschen. Sie sagten: Du dürftest Dein Haupt nicht erheben, mit Deiner freudigen Stimme die Menschen nicht begeistern, auf daß sie stumpfsinnig würden, wie jene selber. Ach, Du Göttin, Deine ganze Gestalt, Deine verstümmelten Arme, Deine stolzen Füße, die leisesten Falten Deines Gewandes – Alles spricht Sieg! Sieg über die Finsternis, die Kleinheit, über freche Gewalt, und fromme Erbärmlichkeit.

Und sieh', in Deinen Armen hältst Du Psyche, die Seele, die Ewigkeit – und weit hinaus ragt Ihr, über alles herrscht Ihr, über Götter und Menschen!« – –

Da, Licht! Es fällt durch die Fenster – es wird Tag – –

Tiefe Stille – – Und ich fahre mit eisiger Hand über meine heiße Stirn – – und da stehe ich – ein armes, sterbliches Kind des nüchternen, kühlen, praktischen neunzehnten Jahrhunderts.

Unser Frühling.

»Ich bin da – siehst Du mich?« sagte die Ranunkel zur Sonne, »sieh', ich glänze – bin ebenso golden wie Du!«

Und sie richtete sich in die Höhe, spreizte ihre eigelben Blütenblättchen auseinander und sah unglaublich frech in die Welt hinein.

Der Sonnenstrahl aber glitt über sie hinweg, über die Anemonen hin.

»Ihr seid schöner als die gelbe Blume,« flüsterte er ihnen zu, und sie erröteten wie junge, bleichsüchtige Mädchen und wurden sehr stolz.

»Was wollt Ihr hier?« riefen sie den Veilchen entgegen, die frisch und munter im grünen Röckchen und blauer Blouse anmarschiert kamen.

»Ihr habt hier nichts zu suchen – das ist unser Boden.« Aber das kümmerte das Veilchen gar wenig. Ueberall, wo es Wurzeln fassen konnte, zwischen Ranunkeln und Anemonen und Kuhblumen, zwischen Moos und Gras, unter Blättern und Reisig, sogar zwischen den vornehmen, sonderbaren Frühlingsblumen, die erst vorsichtig einen Blätterregenschirm aufspannen, damit ihre kleinen weißen Blüten, die sie unten am Stengel tragen, nicht naß werden – überall öffnete das Veilchen seine Blauaugen und lächelte sanft dem Frühling entgegen.

»Seid Ihr ein exklusives Volk,« sagte der. Er saß mit gekreuzten Beinen auf einem allmächtig großen Schneckenhaus und hatte eine Blütenkrone auf dem Haupt und eine Weidengerte mit lustigen Kätzchen daran in der Hand; er spielte mit einem überjährigen Schneeballen, der irgendwo in einem Waldwinkel, von der Sonne vergessen, liegen geblieben war, und der schmolz jetzt und träufelte der Schnecke, die aus ihrem Fenster guckte und schrecklich große Augen machte, gerade auf die Nase, daß sie entrüstet ihre Fühlhörner einzog und das Fenster zumachte. Die Schmetterlinge, die den Frühlingsknaben umgaukelten und wie Blumen aussahen, die von ihren Stengeln geflogen und auf die Wanderschaft gegangen waren – gerade wie unsere sehnsüchtigen Gedanken mitunter – machten vor Vergnügen die lustigsten Capriolen in der Luft und schlugen übermütig-hastig mit den kleinen, bunten Sammetflügeln. »Ihr seid ein exklusives Volk hier im Walde,« sagte der Frühling, »jede Sippe hockt auf ihrem Fleckchen Erde für sich und macht scheele Gesichter, kommt ihm ein anderes zu nahe. Und erst die Bäume – hier die Eichen, dort die Tannen, drüben die Birken – die Weiden sind in die Wiese geflüchtet, damit sie's Reich für sich allein haben, und die Obstbäume wollen erst recht nichts von den andern wissen. Freilich – seid auch auf verschiedenem Erdreich groß geworden. – 'S wär' auch langweilig in der Welt, wär' alles über einen Kamm geschoren! Und doch – Eine strahlende Sonne scheint über Euch alle, und ein gütiger Regen erquickt Euch!« – Und der Frühling erhob sich vom Schneckenhaus und schlenderte davon. Gern hätte er die Hände in die Hosentaschen gesteckt, aber das ging nicht, denn – er war ganz nackt und bloß wie die Natur selber, und der Sonnenstrahl strich gleitend vor ihm her und leuchtete ihm. Pfeifend und singend mit heller Stimme zog der Frühling durch den Wald; unter seinen Tritten sprossen die Blumen und sein Lachen – das war der Frühlingswind, der warme Südwind, der belebend über die Erde fuhr. Die Vöglein kamen und antworteten mit sehnsüchtigen Lauten. – Ueber den Wald hin schallt der starke Weckruf der Blauvögel. Sieh' – da blitzt es feuerrot auf – das ist ein lieblicher Sänger! Und horch! Hier die rostbraune Drossel – Hörst Du, was sie sagt? »Tüterlü! Der Frühling kommt! Siehst Du ihn – Du, Du, Du, Du!« – Und: »Komm' zu mir, komm' zu mir! Zerr – zeck, zeck, zeck, zeck!« bläst der Zaunkönig sein Kehlchen auf – wupp! schlüpft er durch die Hecke, und dahin geht's, im Lauf, geschwind wie ein Mäuschen. – Siehst Du den Specht? Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf ein tiefrot Käpplein über dem schlauen, spitzen Näschen – ist doch gar ein putzig Weschen! Sieh', wie klug die schwarzen Augen funkeln, sieh' – wie er mit dem Frühling Verstecken spielt! Bald an dieser, bald an jener Seite des Stammes schimmert sein rotes Köpfchen und wirft ihm der Frühling eine Hand voll Blätter ins Gesicht, die sich schnell an die Zweige anklammern – hei! Da sitzt er schon ganz hoch oben im Baum und lugt schelmisch um die Ecke:

»Pick, – pick, – pick, – pick – hier find' ich mein Mücklein!
Pick, – pick, – pick, – pick – hier schlag' ich mein Brücklein,
Von Baum zu Baum über Busch und Strauch –
Ei, Frühling – geschwinde! Nun folge Du auch.«

»Hahaha,« lacht die Spottdrossel wie toll und gleich darauf klingen langgezogene, friedliche Sehnsuchtslaute aus ihrer Nachtigallenkehle, daß alle Vögel inne halten und dem Frühling die Thränen aus den Augen rinnen.

Wo hört' ich jüngst solch ein Spottdrossellied? – Weich und schwül – hohnlachend – – war's nicht in meinem Herzen? Ist's nicht das Menschenherz selber – in all seinem Leid, all seiner Sehnsucht, all seinem Haß? –

»Sputet Euch,« sagt der Frühling zu den Eichen und schlägt sie schmeichelnd mit seiner Weidengerte, »Ihr knorrigen Gesellen! Seid zwar auch so schön mit Euren kuriosen Knorpeln und verdrehten Aesten – gerade so knorpelig und verzwickt, wie ein Menschenhirn – aber wenn Ihr die zackigen Blätter von Euch spreizt, habe ich Euch noch lieber!«

Und da sproßten die roten Keime und Blättchen, und nun hatten sie ein noch wunderlicheres Ansehen, gerade wie ein Schalksnarr, dem die Liebe aus den Augen guckt. –

»Ich,« sagt die Ulme, »ich bin vorgeschritten in der Kultur – seht, mein krauses, grünes Gewand ist schon fix und fertig.« –

Und der Frühling geht weiter:

»Sieh', sieh', wie schön steht das maigrüne Kleidchen zu Deiner weißen Haut, kleine Birke, – bist fast die Schönste von allen! Alte Tanne« – er streicht über der Tanne stattliche Haare – »mußt immer dasselbe dunkle Kleid tragen jahraus, jahrein – bist wohl gar neidisch?«

Aber die Tanne ist unartig, sie streckt dem Frühling und seiner Birke eine lange, hellgrüne Zunge aus den dunkeln Nadeln heraus und antwortet noch nicht einmal vor Trotz.

»Böses, altes Ding Du,« schilt der Frühling, und um sie zu ärgern, gibt er den Lärchen lauter kleine hellgrüne Federbüsche, kleinen Pinseln gleich, die tragen sie stolz, wie ein angehender Maler seine Farbenpinsel in der Brusttasche. – Horch! Was regt sich hinter dem Tannendickicht? Ein hübsches, verstecktes Plätzchen – Taubengegirr, Vogelgesang – ist's Windessäuseln, rauschen die Zweige, geheimnis-ahnungsvoll! Leise schleicht sich der Frühling heran, er verbirgt sich hinter einem Baumstamm – er lauscht – er sieht – –

Menschenkinder sind's, zwei junge, lachende, kosende Menschenkinder, den ewigen Frühling, die Liebe, im Herzen, in den Augen. – Sie ruht im Gras, den Kopf gegen eine Tanne gelehnt, er zu ihren Füßen, den braunen Lockenkopf in ihrem Schoß – leises Lachen, halblautes Singen, abgebrochene, unverständliche Laute – halbgeflüsterte, halbgeküßte Liebesworte. – Glückliche, selige Menschenkinder – was wißt Ihr vom brennenden Sommer, vom welkenden Herbst, vom eisigen Winter? – Der Frühling streichelt Euch Stirn und Wangen. – Blondes Mädchen, Du streichst Dir die Löckchen aus der Stirn und schiltst über den Wind – oder den Geliebten, der Dir die Haare zerzaust hat – und der Sonnenstrahl küßt Euch und dringt Euch bis ins junge Herz hinein! –

Auf leisen, flüchtigen Sohlen eilt der Frühling von dannen:

»Jetzt muß ich aber auch die Obstbäume anlächeln,« sagt er im raschen Lauf, »daß sie treiben und blühen und Früchte tragen.« Aber die waren voreilig gewesen, wie gewöhnlich, hatten nicht auf das Lächeln des Frühlings gewartet, hatten sogar vergessen, sich erst die Blätter anzuziehen. – Da stehen sie in ihren schlohweißen Hemdchen und lächeln verschämt, ach, und Apfelbäume und Pfirsiche werden ganz rot, als sie den Frühling kommen sehen, und nur die Birne ruft triumphierend: »Ein paar grüne Blättchen habe ich schon – aber Du, Frühling, bist ja ganz nackt!« Hei, wie sie sich alle schütteln vor Lachen, daß ihr weicher, duftender Blütenschnee über die grüne Erde hinweht. – Ganz überschüttet wird der Frühling; in seinen Locken hängt die duftige Ueberfülle, um Stirn und Wangen schmeicheln die süßen Boten – da wird es ihm ganz weh ums Herz vor Wonne und Jubel, sehnsüchtig breitet er seine Arme der Geliebten entgegen, der leuchtenden Sonne – und da wird er zum Manne – er vermählt sich mit der Sonnenglut – und siehe, es war Sommer!

Frostiger Frühling.

Um unsere Blüten sind wir betrogen! – Im März, als der warme Sonnenstrahl die erwachende Erde überglänzte, da lag ein rötender Hauch über den Obstbäumen, licht wie ein rosenfarbenes Wölkchen am Frühhimmel – heute haben die Birnbäume und die knorrigen Apfelbäume ein festes grünes Mieder angezogen, aus dem sie stramm und vernünftig herausschauen, und das Mädchenerröten haben sie längst vergessen.

Um unsere Blüten sind wir betrogen! – Hat der Frost sie getötet, der lauernd über die Erde schlich? Hat unsere schönen Hoffnungen der Sturmwind verweht? Ist der Regen gekommen auf seinen grauen Rossen, den Wolken, und hat sie mit seinem gleichförmigen Gedrissel – patsch! patsch! Tropfen auf Tropfen, wie die tägliche Langeweile, – verwaschen, verknittert, zerblättert? –

Nackt stehen die Magnolienbäume im botanischen Garten. Sie, die sonst im Mai zum Frühlingsreigen in prächtigen Balltoiletten der verwunschenen Prinzen harrten; sie, die sonst von der Ueberfülle ihrer Schönheit den neckischen Winden preisgaben, daß die Blütenblätter und ihr Duft die Luft erfüllte. Heute stehen sie kahl und düster und traurig da, kein lächelnder Prinz wird um die südliche Schöne werben und der Frühling hat die Prächtige, Ueppige, Duftende vergessen. – Da gleitet ein Sonnenstrahl über die schwarzen, vom Frost geknickten Spitzen der Magnolien. Es ist, als lächle er. In seinem Flimmer tanzt ein gelber kleiner Schmetterling, er taucht sich in die vergessene weiße Blüte eines jungen Birnbaums, der schon winzige Früchte am andern Zweige trägt. Und da lispeln sie alle heimliche Worte – horch!

Zur Blüte sprach der Schmetterling: »Was nützt mir's, daß ich strahle?
Wenn meinen Schmelz ein Fingerdruck wegwischt mit einemmale?«
  Da lachte der Sonnenschein.
Es sprach die Blüte zum jungen Blatt: »Was nützt mir's, daß ich blühe?
Wenn ich nach einer Regennacht verblätt're in der Frühe?«
  Da lachte der Sonnenschein.
Es sprach die Frucht zum grünen Baum: »Was nützt mir all mein Süßen?
In meinem Herzen nagt ein Wurm: tot fall' ich Dir zu Füßen.«
  Da lachte der Sonnenschein.
Ich rief wohl in die weite Welt: »Was nützt mir all das Klingen?
Die rauhe Hand, die Nacht, der Wurm – Ein Sterbelied muß ich singen!«
  Da lachte der Sonnenschein.

Ich folge dem lachenden Sonnenstrahl. Er huscht über die Stiefmütterchen am Wege, die ihm ihre großen bunten Augen zuwenden, über rote dickköpfige Tulpen, die sich blähen vor lauter Vornehmheit; er klopft an die Fenster des Treibhauses: ich bin da, ich bin da! – Aber was kümmert das nervöse Volk da drinnen in ihrem überheizten Haus der warme Sonnenschein? – Halt! du lockender Strahl! laß mich erst einmal hineinschauen in die Blumen-Menagerie. Sehnsüchtig sehen die armen Eingesperrten durch die Glasfenster, und schauern zusammen, wenn die kühle Frühlingsluft durch die offene Thür sie trifft. Sie fühlen sich wohl in der heißen, feuchten Luft künstlicher Bildung; einmal ihres heimatlichen Bodens beraubt, gedeihen sie prächtig in der erstickenden Atmosphäre der Ueberfeinerung – oh, und diese höchste Kultur zeitigt bizarre Charaktere: da die Kaktus mit ihren Stacheln über und über, an denen ein rauhes Gewebe klebt wie graues Haar; dem bekannten Meergreis gleich, der »in die Wüste ging und ein Wüstling ward«, frühzeitig gealtert wie unsere nervös überfütterten Dandys fin de siècle. Protzige Agaven mit dicken, fleischigen, ausstreckenden Zeigefingern. Cochenille-Kaktus, unansehnliche, häßliche Dinger, nur dazu gut, daß andere sich von ihnen nähren – die kleine, rote Blattlaus, die aus diesem Häßlichen das Schöne bildet: das leuchtende Cochenille-Rot. Hier die Palmen, groß, still, erhaben, die Löwen der Blumen-Menagerie. – Die vielarmigen Dracänen, die üppig wuchernden Schlinggewächse, die seltsamen stillen Blumen mit Blättern und Blüten wie aus Wachs geformt, – gleitet nicht Scheherezade durch diese schwüle Luft und erzählt Märchen aus Tausend und einer Nacht unter lispelnden Palmen und großen duftlosen Blumen? – Aber dort unter dem First des Glasdaches, dem Licht zustrebend – dort liegt es wie glänzend weißer Schnee, besäet mit funkelndem roten Blutstropfen. »Weiß wie Schnee, rot wie Blut!« Schneewittchen aus unserem lieben deutschen Märchen nickt hervor aus diesem lieblichen Blumenmeer und lächelt uns an. Eine Schlingpflanze ist es mit schwarzgrünen Blättern; sie rankt sich hoch und immer höher dem Himmel entgegen, der blau durch die Fenster ihres Gefängnisses schimmert und tausend weiße, stille Blumenherzen wenden sich ihrem Gott, dem Lichte, zu, und rot und glühend entströmt ihnen ihr Gebet. – Da öffnet sich die Thür, der Sonnenstrahl huscht hinein und küßt die roten Blumenlippen, und winkt mir: Komm, komm! Ich zeig' Dir viel Schönes, wenn auch die Blüten Dir genommen sind. –

Draußen im botanischen Garten glänzen die feingeharkten Kieswege. Zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten wandeln wohlgepflegte Städterinnen. Die ordentlichen Blumen auf den ordentlichen Beeten blühen noch nicht; die ordentlichen Städterinnen haben schon geblüht. Deshalb strömen sie einen künstlichen, starken Parfüm aus, der schlecht harmoniert mit der süßen, berauschenden Frühlingsluft.

»Vorüber, ihr Schafe, vorüber!« singt Goethes Schäfer, als ihm »gar so weh« wird – und wir huschen dem Sonnenstrahl nach, aus dem ordentlichen Garten hinaus, hinter die hohe Mauer, wo die Wildnis anfängt. Hier ist auch eine Menagerie, die der Bäume. Aber die Wildlinge aus Nord und Süd haben in dem fremden Boden Wurzel gefaßt, ihn sich angeeignet, und so gedeihen sie und wachsen und wachsen, als habe die neue Heimat ihnen die alte ersetzt. – Was es nicht alles zu sehen gibt unter den fremden Bäumen: dort, wohin die Tannen nicht mehr gelangen können mit ihren langen Armen, kriecht kleines, grünes Moos dicht an das Nadelbett heran, das die Tanne, wie Frau Holle den Schnee, um sich ausgeschüttet; es blüht, das Moos, mit lauter gelbgrünen Zäckchen, und zwischen den feinen krausen Spitzen kriechen winzige Insekten, denen der Mooswald wohl so gewaltig dünkt, wie uns jene blühende Kiefer. O wie blüht die Kiefer! Ueberall, überall auf den starken Aesten, in den Stacheln verborgen, da blüht es wie rotes Gold; sieben kleine Goldkätzchen in einem Nest – und rührst Du daran mit vorwitzigem Finger, dann rieselt ein feiner, gelber Blütenstaub in Deine geöffnete Hand. Weich wie ein zartes Kinderbäckchen berührt dich's, und ein würziger Duft erzählt dir von unendlichen Kieferwäldern, in denen der Wind singt.

»Bilde Dir nur nichts ein,« sagt die Nachbarin der Kiefer, die deutsche Edeltanne, und sie reckt sich kerzengrade, so daß sie noch einen Finger breit über jene hinweg schaut – »Du mit Deinem Blühen! Sieh' mich an: meine Orden, huldvollst verliehen von Sr. rauschenden Majestät dem Frühling.« – Und sie klappt ihre Zweige zusammen, daß ein feines Nadelgeriesel zur Erde fällt. Ueber und über ist sie besäet mit hellgrünen Knöpfchen, frischen Nadelspitzen, die vergnügt aus dem Dunkel ihrer Wintertracht hervorblitzen.

Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete. Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; – ich bin immer die vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los; ob's Mückchen auch zappelt – es wird festgehalten bis an sein unseliges Ende. –

Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren- und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee und das Bier – nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird – ganz umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß, daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft – alles umsonst. –

Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick – pick! hier wetzt es sein Schnäbelein; husch – husch! dort jagt es dem Käferchen nach – und es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden Gekicher ist es davon. – Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst meck nich? – sühst Du meck nich? – Hier bün eck! hier bün eck! lacht das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein.

Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und gleitet vor mir her – und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich über mir – weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit. Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. –

Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in mein Herz. Es ist Frühling.

In den Lüften singt es und klingt es – und –
Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen,
Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« –
  Da lachte der Sonnenschein.

Das Märchen, das gar nicht kommen wollte.

Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich, und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. – Während dessen liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten; außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche, die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs Volk liefern – das viele Zeitungspapier – die werden Euch schon sagen, was man von dem Märchen zu halten hat.

Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen:

»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!«

Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, – da wären sie am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen Stück Papier. –

»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen – und dann guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens):

»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.«

Da gingen die Kinder nach dem andern Gelehrten, der war sehr freundlich, tätschelte ihre blonden Köpfe und sagte: sie sollten nur wieder hingehen – das sei Alles in schönster Ordnung. – Dann nahm er des ersten Zeitung und schnitt da ein Stück heraus, aber so, daß der Anfang fehlte und man nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, und druckte es in seine eigene Litteratursammlung hinein, und dann stand da zu lesen: Dieses ist für die Kinder durchaus schädlich. Es verleitet sie zum Lügen und könnte Veranlassung geben, daß sie sogar Phantasie bekämen. – In unserem heutigen realistischen Zeitalter ist es nicht angebracht, und der Konflikt zwischen Konservativismus und Modernität wird immer wieder aufgefrischt. –

Aber davon verstanden der kleine Junge und das kleine Mädchen gar nichts; ganz traurig gingen sie wieder fort und suchten immer noch nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Sie hauchten ein Guckloch in die Eisblumen am Fenster, ob es vielleicht außen davor säße; wie der Schnee mit geheimnisvollem Sausen vom Dache rutschte, öffneten sie das Fenster und dachten, nun käme es ganz weiß hereingeflogen, und wie die Sonne anfing zu scheinen, liefen sie hinter den Sonnenstrahlen her, um sie zu haschen, denn sie meinten, das sei es nun; und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen ans Fenster, wo die großen, weißen Hyacinthen standen und dufteten, und guckten zu, ob es vielleicht in einer der stillen Blütenglocken zur Ruhe gegangen sei.

Aber das Märchen wollte und wollte nicht kommen. Und unterdessen war es in der Welt immer noch kalt und grau und trostlos. Die Menschen hasteten und jagten und trieben einander und machten lauter dummes Zeug. Es war eine häßliche Welt und häßliche Menschen darin, die sich viel Leides thaten, und die beiden Kinder dachten oft, ob denn das Märchen noch immer nicht kommen wollte und Ordnung schaffen und die Welt wieder gut und schön machen.

Da kam eines Tages der Südwind daher gefahren. Er stieg von den Bergen hernieder, daß die Lawinen donnernd vor ihm niederkrachten; er jagte das Eis auf den Flüssen vor sich her, daß es sich bog und knackte und schrie; er pfiff durch die Tannenwälder, daß die Nadeln den alten Fichten um die Ohren sausten, und knickte die dürren Aeste der Wälder, daß Platz wurde für die jungen, neuen Triebe. Die Wolken trieb er vor sich her – runde, regenschwere Wolken, in wilder Jagd; sie drängten und schoben sich und sprangen einander auf den Rücken, wie die Buben, wenn sie Haschen spielen. Dann stob er in die Stadt mit wildem Jauchzen und Getöse; er blies in die Kamine hinein, wie in ein Sprachrohr, und trieb Schabernack mit des Petrus goldnem Hahn auf der Kirchturmspitze; er deckte die Dächer ab und guckte den Leuten in die Häuser und blies sie an, daß es den dummen Menschen angst und bange wurde. Ja, er fuhr sogar dem König um die Nase, als der just vor seinem Königreiche stand und, die Hände in den Hosentaschen, darüber nachdachte, wie sein Volk ihn wohl wieder einmal beglücken könne; und er warf ihm sein Reichsaushängeschild gerade vor der Nase herunter, so daß der König sich entrüstet umdrehte und in sein Reich hineinging und die Thür zuwarf, daß es krachte.

Aber der Wind lachte nur: »Puh! wenn ich nur wollte, dann brauste ich Dich mit samt Deinem Königreich von der Erde hinweg, wie einen Strohhalm – aber ich will nicht! – Bist mir viel zu klein, du Königlein!« –

Und dann warf er ein paar ehrsamen Bürgern, die des Weges kamen, die blanken Cylinder von den gedankenschweren Häuptern, als wolle er sehen, was in den Köpfen stecke; und wehte ein paar schlanken Jungfräulein die langen Kleider eng um die schönen Glieder und freute sich darüber, der wilde Geselle, wie die kleinen Frauenfüße so tapfer gegen ihn ankämpften.

Mit lustigem Gekicher fuhr er zu den Wolken auf und spielte Fangball mit ihnen; die Wolken fangen an zu weinen und dann fällt ein weicher, warmer, feiner Frühlingsregen auf die Erde nieder, eine zarte, graue Nebeldecke breitet sich über die Welt aus, und unter dieser dampfenden feuchtwarmen Decke da geht der Sturmwind zur Ruhe.

Dort im Wald, in dem Astloch der großen Eiche regt sich etwas, das ist das Märchen; das ist aufgewacht von des Südwinds wildem Gesang und merkt, daß es nun Zeit ist, aufzustehen. Es gähnt noch einmal recht herzhaft und reckt und plustert sich wie ein Vögelein im Nest; dann schiebt es erst das eine rosige Füßchen heraus und dann das andere, dann gähnt es noch einmal, und nun breitet es seine sammetenen Schmetterlingsflügel aus und fliegt zur Erde nieder. Da leuchtet mit einemmal eine große, glänzende Sonne durch den Nebel, und nun kann man erst sehen, was für ein niedliches Märchen es ist. Es ist sehr klein und fein, hat schöne, weiße Gliederchen und große, dunkelblaue Stiefmütterchenaugen und die schönsten goldnen Haare von der Welt, die glänzen in der Sonne wie das rote Gold, das die Schlangenkönigin bewacht; auf dem Köpfchen trägt es eine blaue Glockenblume, die macht ein sanftes Geläute, wo das Märchen geht und steht.

Es mußte wohl von dem Getön und Geklinge sein, daß plötzlich alles lebendig wurde im Wald, daß die Vögelein ein artig Konzertieren begannen und die Blumen – die Krokus und Anemonen und Schneeglöckchen und wie sie alle heißen – aus der Erde sprangen, wie kleine, weißhäutige Kobolde, und ein duftiger Reigen begann in Wald und Flur. Ei! wie es die Bäume da eilig hatten, ihr neues grünes Kleid anzulegen, und wie die alten Tannen die spitzen, gelbgrünen Finger ausstreckten, als wollten sie sich auch so ein grasgrünes Flörchen erhaschen. Am Waldteich der alte Erlenstumpf sagte zu seinen grünen Jungen, die ihn dicht umstanden:

»Reckt Euch in die Höhe, Jungens, damit das Märchen nicht sieht, wie alt und vertrocknet ich bin.«

Aber im Teich erhob sich plötzlich ein lautes Gequake und Gejohle. Das waren die Frösche, die hielten einen Froschvolks-Thing ab und wollten sich eine neue Verfassung gründen; sie sprachen sehr ernsthaft über Kaulquappenerziehung, Schulvorlagen und Militärbudgets, und daß der Storch und der Reiher von jetzt an unter froschlicher Oberhoheit stehen sollten; und ein noch ganz grünes Fröschlein aus dem vornehmen Geschlecht derer von Ochsenfrosch wollte immer alles besser wissen und durchaus einen ganz uralten Kurs als das Neueste einführen im Froschteich.

Es war wirklich sehr interessant, und es war gar nicht recht, daß der Weidenbaum am Ufer plötzlich anfing zu jauchzen und zu lachen und zu spotten, und sich geberdete, als hätte er zu viel Blütenwein getrunken. Die gebildeten Frösche kamen ganz ärgerlich ans Ufer und glotzten ihn an, und der tolle Geselle, dem die buschigen, hellgrünen Weidenkätzchen von seiner Narrenkappe herunterbaumelten, schnitt höhnisch eine Fratze und spreizte seine vielen grauen Finger von sich und hielt eine lange Rede, von der die Frösche kein Wort verstanden; denn er sprach von Blütenwein und Trunkenheit und Auferstehung und Frühlingsduft und Märchenaugen – und schloß mit:

»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und wahrlich, ich sage Euch, so Ihr nicht werdet wie sie, so könnet Ihr nimmer in den Frühling eingehen!«

Hei! Da begann ein Geschelte und Gequake, ein Koaxkoax und Brekekekex, daß die Vöglein in der Luft im Fliegen innehielten und verwundert zum Waldteich herniederschauten. Und der Weidenbusch verbeugte sich lächelnd nach allen Seiten und schüttelte seine Kätzchen lustig durcheinander und sagte:

»Verehrte Anwesende, ich glaube verstanden zu haben, daß Sie mir vollständig beistimmen; und da oben kommt Se. Excellenz, der Generalfeldmarschall Graf Storch, angeflogen, der wird Ihnen –«

Quack! sagten die Frösche und tauchten unter, und lange herrschte Totenstille im Teich, bis sie merkten, daß der tolle Weidenbusch sie genasführt hatte; dann begann zögernd erst die eine Stimme und dann eine zweite, und der grasgrüne Froschjüngling sagte: Kroax! und seine Base, die gelehrte und tiefsinnige Schriftstellerin von Unke, antwortete: P–unkt–um! – und bald war der hochweise Disput mit These und Antithese wieder im schönsten Gange.

Das Märchen aber nickte lächelnd zum Weidenbusch hinüber und warf Kußhändchen nach allen Seiten, dann flog es schnurstracks durch den grünenden, blühenden, duftenden Wald, über Felder und Gärten, in die Stadt, in das Haus, in die Stube hinein, wo der kleine Junge und das kleine Mädchen auf dem Fußschemel saßen und aufmerksam zuhörten, wie die Märchenmuhme ihnen die Geschichte von den Löwen- und den Bärenkindern erzählte, und als sie gerade sagte: »Die Bärenkinder aber waren so schrecklich unartig« – da rief der kleine Junge:

»Sieh', – sieh' doch, da ist das Märchen!«

Und das kleine Mädchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das Märchen! das Märchen!«

Und wirklich, da stand das Märchen auf der Thürschwelle, seine Augen leuchteten, seine Haare glänzten wie die Sonne, und dann nickte und winkte es ihnen; die Kinder faßten sich bei den Händen, sprangen zur Thür hinaus, hinter ihm her und riefen und sangen immerfort:

»Das Märchen! Da ist das Märchen, das gar nicht kommen wollte!«

Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und lachten und sagten:

»Ach, das ist ja ein Schmetterling, der heißt –« und dann nannten sie einen langen, lateinischen Namen. Und andere sprachen:

»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden. Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.«

Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten – sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein – da tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und weiter segelten.

Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues Mütterlein, und dann – ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind.

Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und endlich, endlich doch gekommen war. – –

Klein Hildegard.

Klein Hildegard wollte zur Schule gehn,
Da blieb am Walde sie sinnend stehn;
Der sah sie mit winkenden Augen an,
Die Vöglein lockten aus dem Tann:
»Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier,
Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir
Von Elfenkönigs goldenem Thor
Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr;
Wir singen Dir von des Nixen Spiel –
Tief unten im Wasser, da weint er so viel.
Wir streuen Dir duftende Blumen umher,
Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.«
– Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf
Und schickt sich wieder an zum Lauf:
»Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht,
»Im Walde spielen, das darfst Du nicht!«
Da fällt, plumps! von dem Tannenast
Ein Zapfen auf das Näschen fast:
»Au! böse Tanne!« schilt das Kind,
»Bist unartig, wie Kinder sind!
Willst mir wohl gar was sagen, gelt? –
Ei nun, so rede, wenn's gefällt!«
Lieb schmiegt klein Hilde sich heran
Zum rauhen Stamm der alten Tann.
Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot –
Ja, Sonntagskinder machen viel Not. –
Vom Tannenbaum fall'n – tip, tip, tap,
Die würz'gen Nadeln sacht herab.
Und, wie sie rieseln, wie sie fallen,
Hört Hilde Stimmchen draus erschallen,
Die lullen's Kindchen kosend ein
In seltsamliche Träumerein;
»Zur Schule geh', mein liebes Kind,
Doch da nicht, wo die andern sind.
Geh' Du zur Schule in dem Wald;
Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald.
Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn,
Was Bäume rauschen und Blüten verwehn;
Warum am ewigen Himmelszelt
Die Wolken ziehen über die Welt;
Was Blumen duften, Vöglein singen,
Was Bächlein murmeln, Stürme klingen – –
Was unsere ganze schöne Welt,
Die kunterbunte, zusammenhält – – –
Horch nur auf jedes Gezirpe fein,
So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.«
So spricht im Walde die alte Tann',
Und Hilde hält den Atem an,
Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen.
Dann wandert lustig sie von hinnen.
Es grüßen Blumen von allen Seiten,
Und Hilde nickt, als weitergleiten
Im weichen, kühlen Gras und Moos
Die kleinen Füße, nackt und bloß.
»Pflück' mich,« spricht die Königskerze,
»Sieh', wie ich gen Himmel schwanke,
Schlanker Stab aus Sammetblättern,
Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, –
Vor Idealen, hoch und hehr,
Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!«
Da lacht das kecke Heidekraut:
»Ich wurzle in der Erde traut;
Und wie ich dufte, wie ich blühe,
Und wie ich stark und kräftig bin,
Und wie ich feurig rot erglühe –
All das gab mir die Erde hin!« –
Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt
Vom nahen Eichstamm durch den Wald?
Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht
Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'!
Vom Himmel träufelt uns der Regen,
Vom Himmel wärmt die liebe Sonn',
Und Mutter Erde will uns hegen,
Wenn Frost und Eise starren schon.
Ich lieb', was mir der Himmel gab,
Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.«
So flüstert's, lacht es auf und an;
Klein Hilde pflückt so viel sie kann.
Schau! Dieses bunte Blumenmeer! –
Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer.
Im schilfigen Gras glüht rot es auf.
Pechnelken stehen da zu Hauf,
Und schütteln ihre Federköpfe,
Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe.
»Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,«
Die Eine spricht, »bin wunderschön!
Brichst mich in meinem Purpur-Prangen,
So bleibst an meinem Stengel fein
Unwiderstehlich daran hangen
Mit Deinen Kinderhändchen rein;
Wer mich nur einmal hat berührt,
Stets neue Lust nach mir verspürt.«
Doch – »Bim – bam!« klingelt da die Blaue,
Die Glockenblum', »Nur der nicht traue!
Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht –
Kennst Du das alte Sprüchwort nicht?
Wer Pech anfaßt, besudelt sich!
Und das ist richtig, sicherlich!
Hör', rote Nelke, das ist schlimm!
Das Glöcklein läutet stets: Bim – bim!
Und öffnest Du den Lügenmund,
So klingelt es ganz kunterbunt:
»Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum!
Du Federnelke, bist Du dumm!«
Und lachend steht Klein Hildegard
Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart',
Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich,
Dann läutest Du »Bimbim!« für mich,
Und läutest artig mich nach Haus;
Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.«
Es winkt der gelbe Ginsterbusch,
Und wie das graue Häslein – husch! –
Schlüpft unser Kind geschwind hinein
Ins goldne Blütenbettelein,
Und dehnet wohlig sich zur Ruh',
Und schließt die müden Aeuglein zu.
Die Blumen hält im Arm sie fest,
Denn wenn man die gewähren läßt,
So fangen sie zu leben an
Und wandern fort durch Wald und Tann.
Es ist just um die Mittagsstunde.
Wo Waldesgeister ziehn die Runde.
Kennst nicht das Waldesweben Du?
Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh',
Und doch ein seltsamliches Weben
Ein raunend, flüsternd Zauberleben?
Die Bäume stehen still und stumm,
Kein Blättlein reget sich ringsum.
Im Schatten schläft das Vöglein lieb,
Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!«
Und plustert seine Federlein
Und schläft dann sänftlich wieder ein.
Doch die Frau Sonne, die ist wach
Und luget durch das Blätterdach.
Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl
Der blanken Sonnengeister Zahl.
Im hohen Grase zirpt die Grille –
Nun zirpt es Antwort – dann wird's stille.
Der Falter taumelt über Blüten,
Das sind die Schäflein, die muß er hüten;
Doch in dem heißen Sonnenschein
Da schläfert's ihn mitunter ein;
Und ist er wieder aufgewacht,
Dann hat sie sich davon gemacht,
Die Blüten-Herde, und fliegt wie er,
Im hellen Sonnenglanz umher.
Dann hebet an ein Singen, Klingen,
Von Märchen, wunderlichen Dingen;
Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied,
Und Moos und Steinchen singen mit.
Vergißmeinnicht am Rande träumt:
»Hat's Wiederkommen er versäumt?
Ich rief so oft: Vergißmeinnicht!
In weiter Ferne – hört er's nicht?«
Der Ginster winket zu ihr her:
»Klein Blümchen, was verlangst Du mehr?
Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn?
Die Lieb' soll nie von Liebe gehn –
Sonst geht die Treue hinterdrein.
Ich sing' ein Lied Dir – lausche fein:
Ueber die Heide weht der Wind,
Da sitzt das blasse Königskind,
 Singt: Leide, leide, leide –
Bei Sonnenlicht und Sternenschein
Da suche ich den Buhlen mein –
 Wo weilt er auch am Wege?
Ach, wollt', er wäre noch bei mir,
Ich wollt' ihn küssen und herzen schier
 Auf stiller, stiller Heide.
Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm,
Ich wollt' vergessen allen Harm,
 Wollt' lachen nur und kosen.
Ueber die Heide weht der Wind,
Da sitzt das blasse Königskind,
 Singt: Leide, leide, leide.
Und wartet noch gar manches Jahr –
Und kämmet ihr langes, goldnes Haar,
 Das wehet in dem Winde.
Und als der Bub dann kommen ist,
Der sie so oftmals hat geküßt,
 Da sucht er auf der Heide.
War da ein feiner Ginsterstrauch,
Des gelbe Blumen strahlten auch
 Wie lauter lichtes Golde.
Da hat er so viel weinen 'müßt,
Und hat die Ginsterblumen 'küßt – –
 Dann ist er fortgezogen.«
Und als verklungen ist die Weise,
Da reget sich Klein Hilde leise:
In ihrem Arm die Blümelein,
Die fangen an zu reden fein.
Das Löwenzähnchen schilt: »O Ginster,
Wie sind doch Deine Träume finster!«
»Noblesse oblige!« ruft Rittersporn,
»Auch in der Lieb' – bei meinem Zorn!«
Und trotzig mit gar mut'gem Sinn
Grüßt er zur Wickenblüte hin;
Verschämt senkt die das Köpfchen tief,
Ein lieblich Rot sie überlief. –
Da lacht es plötzlich neben ihr:
»Ich halt' die Liebe weg von mir!
Ich wehre mich vor jedermann –
Und fühlt, wie ich doch brennen kann!«
Da jubeln alle auf und sagen:
»Hört – Brennessel will auch was wagen!
Geh', Unkraut, pfeife uns ein Lied,
Im Chorus singen wir dann mit.«
Und neckisch stimmt die Grüne dann
Das Nessellied, und hebet an:
»Ich wollt' einmal spazieren gehn,
Am Rain, wo bunte Blumen stehn.«
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, Nesselbusch am Rain!«
»Da schaut ein weißes Blümlein 'raus,
Und ach – so schämig sah es aus.«
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel sieht so schämig drein!«
»Und als ich bückte mich danach, –
Gar plötzlich mir's den Finger stach.«
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, Nessel, wehr' Dich fein!«
»Ei, böse Blume, halt' doch still
Wie die andern, wenn ich Dich brechen will!«
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Nessel, – hörst – sollst stille sein!«
Da lacht die grüne Blum' und spricht:
»Ja Brennesselblüten, die pflückt man nicht!«
Und jauchzend fällt der Chorus ein:
»Brennt die Nessel – laß sie sein!«
Nun reichen alle sich die Hände,
Und singen's Tanzlied: »Wende, wende
Dich her zu mir, und auf und ab.
Zieh' die Kreise, zart und leise,
Sing' die alte Wunderweise,
Wie die Blumenfee sie gab.
In den Blüten schläft das Kind –
Küsse, küsse es geschwind,
Daß es eins der unsern werde;
Daß es blumenduftig schwebe,
Daß es waldesselig lebe
Auf der hellen, grünen Erde.«
Da ist klein Hilde aufgewacht,
Und hat die Aeuglein aufgemacht:
Und all die Sonnenpracht umher!
Und all das Duften, süß und schwer!
Und sieh' – die Blumen neigen sich,
Umkreisen sie gar seltsamlich –
Sie trägt ein rosenfarben Kleid,
Das strahlet hell von Taugeschmeid'.
Und Rosen trägt sie in dem Haar,
Und Rosen in den Händen gar.
Die Blumen knieen vor ihr hin:
Heil unsrer Rosenkönigin!
Und eh' sie weiß, wie ihr geschah,
So ruhet sie auf Rosen da;
Und allgewärtig ihren Winken
Die Blumen stehn zur Rechten und Linken,
Und Hilde grüßt nach allen Seiten
Huldvoll, wie sie vorüberschreiten.
Aus Blumen trinkt sie den Blütenwein
Und nascht den goldnen Honigseim.
Die Sonne wirkt ihr die goldne Kron'
Und die glänzenden Flitter für den Königsthron.
Die Schmetterlinge tanzen vor ihr,
Die Grillen spielen auf dafür.
So ruhet sie an Baches Rand
Als Königin übers ganze Land.
Da – horch! was rauscht es ihr zu Füßen?
Und welch ein Nicken, Winken, Grüßen
Von Blum' und Moos am Ufer dort?
Das Wasser schwillet fort und fort –
Und aus den grauen Nebelwogen,
Da kommt es zu ihr hergezogen
So wunderselig. Aus dem Fluß
Erhebet sich mit süßem Gruß
Der Nix in silbernem Gewand
Und hält die Harfe in der Hand
Die gibt gar traurig hellen Ton –
Ob's Glück mit Thränen gemischt sei schon.
Er breitet die Arme aus nach ihr:
»O Rosenkönigin, komm' zu mir!
Ich will in meinem Arm Dich hegen,
Ich will Dich schaukeln auf der Flut;
Die zarten Glieder sollst Du legen
Auf Wasserrosen, – da ruht sich's gut.
Mit meinen Fischlein sollst Du spielen,
Ein neckisch Haschen, her und hin –
Die kleinen, weißen Füßchen kühlen
In klaren Silberwellen drin.
Es ist so einsam in der Tiefe,
Im Wasserhaus so kalt für mich –.
Und kämst Du wohl, wenn ich Dich riefe?
O Königin, ich hole Dich!«
Da wird Klein Hilde das Herz so weh –
Es ruft in ihr: O geh', o geh'!
Wie wird es ihr so seltsam kalt?
Was zieht es sie mit solcher Gewalt?
Wie schwillt das Wasser immer mehr –
Da kommt der Nix gar zu ihr her,
Und faßt sie mit feuchten Armen an –
Klein Hilde sich kaum noch regen kann.
Vor Angst, vor Glück? – Sie weiß es nicht,
Es küßt der Nix ihr blasses Gesicht;
Er wieget sie in seinem Arm,
Es wird ihm – ach – so wohlig warm;
Er will sich rauben das junge Blut
In tiefe, rauschende Silberflut.
Klein Hilde schaudert – an seine Brust
Zieht er sie eng mit sehnender Lust –
Schon netzt das Wasser ihr Gewand,
Er zieht sie hin mit zwingender Hand –
Nun sinkt Klein Hilde sacht hinab
In des Nixen stilles Wassergrab. –
Und horch! wie's um sie rauscht und singt!
Wie's brausend durch die Lüfte klingt!
Klein Hilde, wache auf geschwind,
Sonst weht der wilde Brausewind
Dich wirklich in das Bächlein dort –
Zum Schlafen einen bösen Ort
Hast Du Dir eben ausersehn.
Und dann mußt Du nach Hause gehn:
Die Schule ist schon lange aus,
Und alle Kinder schon zu Haus.
Da hat Klein Hilde sich erhoben
Und schaut verwundert hin nach oben,
Wo Wolken ziehen kreuz und quer,
Gar über die liebe Sonne her.
Wie war doch alles das geschehn?
Hat sie den Nixen nicht gesehn?
Ist nicht am Saum ihr Röckchen naß?
Das ist doch nicht vom feuchten Gras?
Wo ist ihr Rosenkleidchen hin?
War sie denn nicht die Königin?
Die Bäume neigen sich um sie her,
Das kommt vom Wind, der wehet sehr,
Der pfeifet ängstlich durch den Tann;
Klein Hilde hält den Atem an –
Es wird ihr plötzlich so beklommen
Da hat sie hurtig aufgenommen
Die Blumen alle nebendran,
Und springt davon so schnell sie kann.
Jetzt ist sie auf der kleinen Brücke,
Da rauscht es unter ihr voll Tücke:
»Da, Wassermann,« ruft sie geschwind,
»Da, nimm das bunte Blumenkind!«
Und wirft ein schönes Blümelein
In Wassermannes Haus hinein.
Mit weißer Hand greift der es an,
Und strudelnd sinkt's zur Tiefe dann.
Und als Klein Hilde kam nach Haus
Und hat gesagt, was sie gesehn,
Und hat erzählt, was ihr geschehn –
Da lachen sie Klein Hilde aus.
Und scheltend streng die Mutter spricht:
»Im Walde spielen sollst Du nicht!«
Und Hilde setzt ins Eckchen sich
Und weinet, weinet bitterlich.
Klein Hilde, werde wieder froh;
Uns Großen geht es ebenso:
Wenn wir im Walde etwas sehen,
Was all die andern nicht verstehen,
So lachen sie uns auch nur aus
In diesem weisen Weltenhaus.
Und Mutter Ordnung ernsthaft spricht:
»Der Phantasie bedarf man nicht!
Die Poesie – die braucht man nicht!
Mehr sehn, wie andre, soll man nicht! –«

Das Märchen, das verloren gegangen war.

Das war, als ich einmal spazieren ging und tiefsinnige Gedanken hatte – worüber? – Sie waren zu tief, um das ergründen zu können. Vielleicht war's, ob die Welt da um mich her mit ihren langen Straßen und engen Häusern eine wirkliche Welt sei oder ob ich sie mir bloß einbilde, und ob die Menschen, die mir begegnen, wirklich so blödgesichtig dreinschauen, oder ob ich bloß Schwingungen in meinem Gehirn und Augen habe, die mir das alles so erscheinen lassen – ja, vielleicht war's das, worüber ich nachdachte. Und neben mir her trippelte ein feines Etwas mit großen Augen, und das kicherte und plapperte mit einem leisen murmelnden Stimmchen wie ein kleiner Bach; und weil mich das in meinem tiefsinnigen Denken störte, sagte ich:

»Ei, so sei doch ruhig und stör' mich nicht!«

Da schwieg das feine Etwas erschrocken still. Aber als das liebliche Gemurmel nicht mehr neben mir einherging, konnte ich erst recht nicht denken, und als ich mich ungeduldig umwandte, da hatte ich das Märchen verloren. Nun war mir's ganz ungemütlich zu Mut. Ich ging gleich wieder zurück, blickte rechts und links, hinter jeden Baum, und unter die trockenen Blätter, die darunter lagen, aber nirgends leuchteten die Zauberaugen meines Märchens.

Da fragte ich die Uhr, die vor mir hoch oben in einem langen, spitzen Kirchturm saß:

»Du wohnst so hoch und hast einen weiten Ausblick – hast du mein Märchen nicht gesehen?«

Aber die Uhr sagte nur: Tick-tack-tick-tack! Und als sie schnarrend zu einer Antwort einsetzte, da sagte sie mit rasselnder Stimme eine ganze Menge Zahlen her – als ob Zahlen etwas mit einem Märchen zu thun hätten! Nun fragte ich die Leute auf der Straße:

»Ihr seid so klein, und guckt immer auf die Erde – habt Ihr mein Märchen nicht gesehen?«

Aber die antworteten: »Eine solche Person kennen wir nicht. Und wenn sie Dir gehört und weggelaufen ist, so zeige es doch bei der Polizei an« – – als ob eine blauröckige Polizei mit einem Knüppel ein Märchen einfangen könnte!

Nun fragte ich die Bäume im Park, an dem ich vorüberging. Aber die standen ganz still und regten sich nicht und ließen nur zwei, drei gelbe Blätter vor mir niedersinken. Da merkte ich, daß es Stadtbäume waren und zu gebildet zum Antworten auf eine Märchenfrage, und weil ich nun durchaus mein Märchen, das ich so leichtsinnig verloren hatte, wieder haben mußte, so ging ich auf Reisen, ihm nach.

Ich kam an ein großes Wasser, das lag friedlich da, wie eine grünsammetene Wiese, auf der kleine Grabhügel sich wölben, über und über bedeckt von weißen Maßliebchen. Mir war es, als ob mein Märchen sein goldenes Haupt lächelnd aus diesen Grabhügeln strecke, und als ob es kichere: »Nicht in Gräbern findest Du mich – ich bin das Leben!« – Aber da kam ein zarter, grauer Nebel und deckte die grüne Sammetwiese und die Maßliebchenhügel zu, und nur ganz in der Ferne sah ich es aufblitzen wie weiße Mövenflügel.

Ich kam an eine Insel, darüber flutete ein warmes Abendrot, und ein Rauschen, ein bedeutsames Raunen zog durch die Wipfel der hohen, stillen Bäume, als spräche mein Märchen zu mir aus tausend Zungen. Bunte Blumen standen auf der Insel, die sie die »Schöne« nannten, und sahen mit stillen Augen zu den Sternen auf, die ganz zart und licht am Abendhimmel aufleuchteten, wie die ersten Liebesgedanken in einer weichen Mädchenseele. Leise glucksten kleine lustige Wellchen gegen das Ufer, als lachten sie über die Wassernixen, die mit ihren weißen Entenfüßchen das Ufer heranklimmen wollten und immer wieder ins laue Wasser plumpsten. Wie nah', wie nah' war mir mein Märchen! Ich fühlte es mich umwehn – aber als ich danach haschte, sah es mich mit tiefen Augen spottend an, und ich griff in die Luft.

Danach sah ich mein Märchen wieder in einem Krankenzimmer; da saß es tief verborgen in dem großen weißen Kelch einer Lilie. Aus deren sammetigen, weißen Blütenblättern lagen rote Tropfen, als habe das Märchen blutige Thränen geweint, und es sah mit himmlisch klaren Augen in die Weite. Wie ein Hauch flog es durch das Gemach: »Hier kannst Du mich nicht halten, da würde ich vergehen vor Traurigkeit« – – und husch! wie ein Flügelschlag – da war's aus dem Fenster, und die Menschen um mich sahen sich fragend an: Was war das?

Eines Morgens, ganz, ganz früh, als die Nacht auf ihrem Lager flehend die Arme hob, den leuchtenden, ihr entfliehenden Tag zu halten, da erwachte ich und sah etwas Weißes, Flüchtiges von meiner Seite davonschweben. Und es umgab mich ein leises Klingen, und Worte tönten – war's in mir? war's um mich? – Horch:

Die Nacht, als ich geschlafen hab',
Da lag das Glück bei mir;
Im Morgenschimmer sah ich nur
Entfliehn die weiße Zier.
Es lächelt, nickt und winkt mir zu:
»Du hast es nicht gewußt,
Daß schlummernd ich mein Köpfchen hab'
Gelegt auf Deine Brust;
Wärst Du erwacht, hätt'st mich gefaßt,
So wär's um mich geschehn –
Nur leis, nur heimlich darf das Glück
An Deiner Seite gehn.«

Nun hatten es viele gute Menschen gehört, daß ich mein Märchen nicht wieder finden könnte, und weil sie ein verloren gegangenes Märchen für etwas sehr Trauriges hielten – ganz anders als die in der Philisterstadt, die gar nicht recht wußten, was ein Märchen war – da wollten sie mir alle suchen helfen. Aber sie thaten es mit so viel Bewußtsein und Ueberlegung, daß das Märchen sich immer tiefer versteckte; und selbst der rauschige Weinduft, der ausgesandt wurde, nach ihm zu forschen, kehrte statt mit meinem lieblich plappernden Märchenkinde mit einem wolligen, miauenden Kätzchen zurück, das gar scharfe Krallen zeigte.

Da ging ich in die Einsamkeit. Ich kam an wildes, weites Wasser, das rauscht und brodelt und donnert, als wolle es eine Welt vernichten – oder emporheben. Und eine Brücke führt über die weiße Gischt, die ging ich hinüber. Da war ich auf einer Insel mit hohen, wiegenden Bäumen; die hielten Felsblöcke mit ihren Wurzeln umklammert wie mit riesigen Greifenklauen. Und da war noch eine Insel, und noch eine, und noch eine. Zwischen ihnen drängte sich überall das weiße Wasser hindurch; es war so klar, daß man die kleinen Mooswälder auf dem Gestein unter ihm sehen konnte, und die Höhlen, dunkelblau und tiefgolden, in denen die Wasserkobolde wohnen. Wie ich nun an der äußersten Spitze der letzten kleinen Insel angekommen bin und hinsehe über das weite, schäumende Wasser, da sitzt dicht vor mir, nahe am brausenden Wasserabsturz, mein Märchen auf einem Felsblock. Es hat seine nackten Beinchen hoch heraufgezogen, damit sie nicht naß werden, und umschlingt die Kniee mit den weißen Armen; das Haar rollt silberglänzend um die kleine Gestalt, wie der sonnendurchleuchtete Kamm einer Woge, und die meergrünen Zauberaugen sehen zwingend zu mir hinüber. So sitzen wir beide und lächeln uns an, so froh, daß wir uns wieder haben, und dann erzählt das Märchen:

Weit droben im großen See tief auf dem Grund, da steht das Schloß des alten Wasserkönigs. Von grünem, strahlendem Krystall ist es erbaut, und die Wände sind so klar, daß der Wasserkönig mit seinen seegrünen Augen hindurchschauen kann und alles sieht, was in seinem Reiche vorgeht. Wenn die Fische rebellieren wollen, dann weiß er es schon, noch ehe sie den revolutionären Gedanken gefaßt haben, und der Kopf wird ihnen abgebissen, ehe sie wissen, wo er ihnen eigentlich sitzt. Ja, der König führt ein strenges Regiment, sogar unter den weiblichen Unterthanen, und manch hübschem Nixlein bebt das goldschillernde Schwänzchen, wenn der König musternd die Reihen durchschreitet; denn manch Nixlein hat ein böses Gewissen, und – ach, die königlichen Zwillingssöhne sind gar so herzliebe Gesellen.

Da berief der König eines Tages seinen Hofstaat um sich. Er saß auf einem Thron von goldglänzendem Kiesel, auf dem weißen Haupte trug er die Seekrone von Smaragden, und in den langen silbernen Bartwellen funkelten die Schaumperlen. Ringsum harrte das Gesinde in ehrfürchtigem Schweigen, kaum, daß die beweglichen Schwänzchen hin und her zuckten. Vor ihm aber standen die Zwillinge und warteten des königlichen Vaters Befehle. Schöne, schlanke Burschen sind's, mit festen Gliedern und kühnen Augen. Die des einen mit der gedankenvollen Stirn hingen an den Lippen des Vaters; die des andern, Rastlosen, Trotzigen, flogen lächelnd und kosend über die Schar der Nixlein, durch deren Reihen eine plötzliche schillernde Bewegung ging. Der Wasserkönig aber sprach:

»Prinzen, Ihr habt gelernt, wie man im Wasser lebt, herrscht und richtet. Es ist Zeit, daß Ihr Euch die Wasserfläche draußen anseht. Bahnt Euch eine Straße, zerschmettert, was Euch im Wege ist, und erobert Euch Euer Reich. Ziehet hin in Frieden und beherrschet künftig Eure Unterthanen mit Zucht und Strenge.«

Unwillkürlich ruckten die Fische mit ihren Köpfen bei dieser Rede, ob sie auch noch festsäßen, und die Nixen und Wassermänner zupften sich an den Flossen, ob sie die auch noch hätten. – Die schönen Zwillingsbrüder aber schwammen Hand in Hand in die Welt hinaus. Zuerst waren sie sehr übermütig, schlugen Purzelbäume, daß die Wellen in die Höhe klatschten, und neckten die Fische, die pfeilschnell an ihnen vorüberflohen. Dann wurden sie stiller und träumerisch, wiegten sich Hand in Hand an der spiegelglatten Oberfläche des Wassers und sprachen von den Heldenthaten, die sie verrichten wollten. Der mit der hohen Stirn und den schwärmerischen Augen lispelte von der hohen, der herrlichen Welt, die er sich erträume und die er besitzen müsse, koste es, was es wolle. Der Trotzige aber lachte dazu: »Leben will ich – und lieben und genießen!« rief er und schüttelte übermütig eine ganze Welle voll Flußsand über des Bruders schönem Haupte aus, daß der prustete und sich schüttelte wie ein nasses Menschenkind. – Nun kamen sie an einen hohen, grünen Wald, der lag mitten in ihrem Weg und machte auch keine Miene, ihnen auszuweichen.

»Zerschmettert, was im Wege steht!« wiederholte der mit der hohen Stirn. »Komm, laß uns die Bäume niederreißen, und die Felsen zerbröckeln.«

»Pah,« lachte der Wilde, »wozu die Arbeit, die eine Ewigkeit dauert? – Weiter, weiter will ich, ins Leben hinein! – Hör', laß uns den Bäumen aus dem Wege gehen, Du dort herum, und ich hier, und dann wollen wir sehen, wer zuerst ankommt, zuerst sein Ziel erreicht – Du oder ich!«

Das reizte den Zwillingsbruder; wußte er doch, daß er natürlich der Erste sein würde. Ein flüchtiges Lebewohl nur, und er brauste dahin, ungestüm, hier ein Stück Fels wegreißend, dort einen Baumstamm mit sich zerrend. Er sah nicht die Welt um ihn; er sah nur in die Ferne, wo seine Welt liegen mußte, die er erträumt, die er besitzen, beherrschen wollte. Nur immer weiter, weiter, dahin, wo der zarte Dunst aufsteigt, wo ein erster Sonnenstrahl glitzert wie auf Türmen – die seines neuen Reiches – und in wilden Sprüngen, brausend und jauchzend, setzt er der Traumwelt nach, bis er schwankt und schwankt und ihm schwindelt, und er den Boden unter den Füßen verliert, und er in den Abgrund stürzt, in den Abgrund von erträumter Leidenschaft. Es war ein jäher Sturz. In ihm zerschellen alle seine Träume, alle seine erhabenen Gedanken. Voll Grausen blickt er hinauf zu der schwindelnden Höhe, auf der er einst geweilt hatte: so groß und erhaben hatte er sich das Leben gedacht, nichts hatte er haben wollen, keine Freude, keine Liebe, nur Größe und immer mehr Größe. Nun trieb er dahin in einem breiten, gemächlichen Strombett, immer mehr wiegend, erschlaffend, duselnd – und nur wie weißer, kreisender Schaum trieb die Erinnerung auf seinen langsam sich wälzenden Fluten. Einmal schaute er sich um nach seinem Bruder: eine brausende, dampfende Gischt in der Ferne verhüllte alles hinter ihm.

Der trotzige, lächelnde, genußsüchtige Zwillingsbruder aber war gar gemütlich seines Weges gezogen, hatte die Bäume auf der schwimmenden Insel neckisch an den Zweigen gezupft, wie die unnützen Buben die schmollenden Schulmädchen an den Zöpfen, hatte seine neugierigen, geschwätzigen Fluten durch jeden kleinen Felsengang geschickt, bis er mitten durch die Insel hindurchlugen konnte, und da sah er etwas sehr Liebliches. Nicht eine Insel war es nämlich, sondern neben der großen, die das Königreich einer vornehmen alten Waldnymphe war, wie die Wasserboten berichteten, lagen noch drei kleinere, und jede von ihnen hatte ein Töchterlein der Waldkönigin zur Herrin, und sie lebten da in eitel Freude und Lustbarkeit. Keinen Gebieter wollten sie über sich erkennen und frei wie die Luft leben, so lange die Welt steht. Da kam jetzt der schöne Flußheld geschwommen, ganz nahe an die Insel der ersten Schwester heran, siehe, da steht ein wunderschön Jungfräulein, mit Guirlanden von Blumen umwunden und ein fröhlich Liedchen summend. Und horch! wie die Antwort zu ihr aufsteigt aus den weißen Wassern, die plötzlich aus dem Dunkel der Felsen hervorbrechen und sie erschrecken, daß sie schreiend davonläuft. Er aber schwimmt ihr nach, rund um die Insel, siehe – da sitzt auf einem Felsblock der zweiten kleinen Insel ein noch viel schöneres Jungfräulein, die schüttelt ihr lockiges Haar, als sie die weißen, starken Arme des Flußhelden sieht, die er nach ihr ausstreckt. Und sie lacht höhnisch und nimmt spitzes Gestein und wirft es nach ihm, daß ihn die scharfen Kanten ritzen. Da wird er zornig und will aufwallen – doch ach, drüben auf der letzten, kleinsten Insel, da sitzt am Ufer, mit den Füßen die neuen Wellen patschend, das dritte Prinzeßchen; und sie hat langes, güldenes Haar, und die meerblauen Augen sehen neugierig zu ihm hinüber, und die schönen Glieder wiegen sich mit den Wellen. Da schwimmt er ganz nahe zu ihr, legt seine große Männerhand um ihr weißes, weiches Füßchen, und sie lächelt nur – da zieht er sie hinab in seine schaukelnde, weite Wasserwiege. Wie eine Wehklage braust es durch die Waldwipfel; aber sein Jubelruf übertönt die Klage, und weit enteilt er, seine Beute bergend vor Fels und Abgründen. Regungslos liegt die Schlanke, Weiße in seinen Armen. Sie kann ja nicht sprechen im Wasser, nur die meerblauen Augen sehen ihn an, und tief drin liegt eine stille Klage: Warum hast du mich in ein fremdes Element gezogen? Warum dich zum Herrn gemacht über ein freies Geschöpf?

Nun wußte er eine Grotte, darin sollte die stille, weiße Geliebte wohnen. Tiefgrün war es darin von lauter Smaragden, und das Edelgestein leuchtete und funkelte wie von tausend Lampen. Der trotzige Held aber webt und webt, und webt mit seinen Wasserfäden den schönsten Brautschleier von kostbaren Spitzen, und er hängt das duftige zarte Gewebe, so hoch, so fein, rund im Halbkreis vor das smaragdene Wasserschloß, daß niemand seine Heimlichkeit störe, keiner seine weiße Braut, zu deren Füßen er ruht, ihm rauben könne. Sie aber spielt in seinen langen Haaren, küßt seinen roten Mund, legt ihr Köpfchen an seine breite Brust – aber immer wieder fragt sie: Wo ist die Sonne? die goldene Sonne?

Und eines Tages, als er fern ist, da wird die Sehnsucht nach dem Licht so mächtig in ihr, daß sie der Wasserkobolde und neckischen Nixen vergißt, die draußen ihr Wesen treiben und die Spitzenschleier immer wieder erneuern und verdichten. Ganz nahe tritt sie heran an die zauberischen Vorhänge – wie hell, wie licht es da ist; sie rückt ein wenig daran, sie lüpft ein zartes Eckchen. – Siehe, da über den wogenden Wasserdünsten steht die Sonne, ihre Sonne in strahlender Pracht – und die Arme sehnsüchtig ihr entgegenbreitend, sinkt das Waldkind, eingehüllt in die Brautschleier, zur tosenden, unbarmherzigen Tiefe nieder. Wie ein leuchtender Strahl fliegt es an dem Trotzigen vorbei, der seine starken Glieder im wildesten Flutengetos kühlt, und da vor ihm, da im Strudel treibt der weiße, weiche Leib seiner stillen Waldlilie. – Es überkommt ihn ein großer Zorn. Brüllend vor Schmerz und Wut, daß es wie Donner grollt, wirft er die Wasser gen Himmel, damit ihr Schaum, ihr wilder Gischt die Sonne, die verhaßte, verdecke. So steht er im Strudel und rast und trotzt gen Himmel. Er sendet seine Fluten auf zu der Insel, wo seine Waldlilie wuchs; sie zerren und wühlen an dem Gestein, ein Stück nach dem andern sinkt in die Tiefe und ein höhnender Schrei gellt von Welle zu Welle, wenn ein Baum mit hinabgerissen wird und hülflos in den Fluten treibt. Oben in den Wipfeln der Bäume aber rauscht eine wehmütige Klage um die Waldlilie, die an der Sonnensehnsucht verging.

Doch die wundersamen Spitzenschleier, die das Brautgemach bargen, wallen immer noch nieder vor dem smaragdenen Schloß und verhüllen in zarter Weiße seine erbarmungslose Leere. Die goldene Sonne aber taucht ihre Strahlen tief in das Wassergebrodel, läßt sie niedergleiten an den Schleiern, als suche sie die, die aus Sehnsucht nach dem Lichte gestorben ist; und die Strahlen bauen von Tag zu Tag eine wunderleuchtende Brücke hinauf, hinauf zur Sonne.

Da endete das Märchen und es breitete seine Arme aus nach den fallenden Wassern. Ein leises, wehmütiges Klingen zog herüber von den Inseln der drei Schwestern.

Das Märchen erhob sich, flog mit breiten, weißen Mövenflügeln hin über die Fluten, die wild aufschäumten und es haschen wollten. Aber sie netzten nur seine Füße. Und mit leisem Gekicher kreiste es über meinem Haupte – mein verlorenes und wiedergefundenes Märchen – an den fallenden Wassern des Niagara.

In der Gosse.