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Meisterbücher für das deutsche Haus

Was deutsch und echt wüßt' keiner mehr,

lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.


Aus der Jugendzeit
Historie von der schönen Lau

Dichtungen
von
Eduard Mörike

mit Federzeichnungen von
Franz Stassen

Berlin
Verlagsanstalt für Vaterländische Geschichte und Kunst
G. m. b. H.

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Verlagsanstalt für Vaterländische
Geschichte und Kunst, G. m. b. H., in Berlin

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig

[Inhalt.]

Seite
[Aus der Jugendzeit] [3]
[Selbstgeständnis] [5]
[An einem Wintermorgen] [6]
[Erinnerung] [10]
[Lied vom Winde] [14]
[Rat einer Alten] [16]
[Der Knabe und das Immlein] [18]
[Er ist's] [20]
[Zu viel] [22]
[Im Frühling] [23]
[An die Geliebte] [25]
[Der Gärtner] [26]
[Die schöne Buche] [28]
[Nächtliche Fahrt] [31]
[Frage und Antwort] [35]
[Schön-Rotraut] [36]
[Nimmersatte Liebe] [39]
[Der Jäger] [41]
[Jägerlied] [44]
[Scherz] [45]
[Abreise] [48]
[Storchenbotschaft] [50]
[Begegnung] [53]
[In der Frühe] [55]
[Um Mitternacht] [56]
[Gesang zu zweien in der Nacht] [58]
[Josephine] [60]
[Peregrina] [64]
[Das verlassene Mägdlein] [66]
[Agnes] [68]
[An eine Äolsharfe] [70]
[Gesang Weylas] [72]
[Heimweh] [74]
[Auf einer Wanderung] [76]
[Auf eine Christblume] [78]
[An meine Mutter] [82]
[Historie von der schönen Lau] [83]

Aus der Jugendzeit

Selbstgeständnis.

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,

und weil die andern ausblieben sind,

was weiß ich wie viel, die sechs oder sieben,

ist eben alles an mir hängen blieben;

ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte

für ein ganz halb Dutzend allein aufessen,

ich will's mein Lebtag nicht vergessen.

Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,

hätt' ich nur auch Schläg' für sechse bekommen.

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang.

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!

Welch neue Welt bewegest du in mir?

Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir

von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,

den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;

zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,

dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,

die aus dem klaren Gürtel blauer Luft

zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken;

ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.

Seh' ich hinab in lichte Feenreiche?

Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken

zur Pforte meines Herzens hergeladen,

die glänzend sich in diesem Busen baden,

goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,

wie um die Krippe jener Wundernacht,

bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;

wer hat das friedenselige Gedränge

in meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,

indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!

Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt,

fühl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke.

Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,

der Genius jauchzt in mir! Doch sage,

warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?

Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?

— Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:

Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!

Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;

die Purpurlippe, die geschlossen lag,

haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge:

Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag

beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Erinnerung.

Jenes war zum letzten Male,

daß ich mit dir ging, o Klärchen!

Ja, das war das letztemal,

daß wir uns wie Kinder freuten.

Als wir eines Tages eilig

durch die breiten, sonnenhellen,

regnerischen Straßen, unter

einem Schirm geborgen, liefen;

beide heimlich eingeschlossen

wie in einem Feenstübchen,

endlich einmal Arm in Arme!

Wenig wagten wir zu reden,

denn das Herz schlug zu gewaltig;

beide merkten wir es schweigend,

und ein jedes schob im stillen

des Gesichtes glüh'nde Röte

auf den Widerschein des Schirmes.

Ach, ein Engel warst du da!

Wie du auf den Boden immer

blicktest und die blonden Locken

um den hellen Nacken fielen!

„Jetzt ist wohl ein Regenbogen

hinter uns am Himmel,“ sagt' ich,

„und die Wachtel dort im Fenster,

deucht mir, schlägt noch eins so froh!“

Und im Weitergehen dacht' ich

unsrer ersten Jugendspiele,

dachte an dein heimatliches

Dorf und seine tausend Freuden.

— „Weißt du auch noch,“ frug ich dich,

„Nachbar Büttnermeisters Höfchen,

wo die großen Kufen lagen,

drin wir Sonntags nach Mittag uns

immer häuslich niederließen,

plauderten, Geschichten lasen,

während drüben in der Kirche

Kinderlehre war — (ich höre

heute noch den Ton der Orgel

durch die Stille ringsumher):

sage, lesen wir nicht einmal

wieder wie zu jenen Zeiten

— just nicht in der Kufe, mein' ich —

den beliebten Robinson?“

Und du lächeltest und bogest

mit mir um die letzte Ecke.

Und ich bat dich um ein Röschen,

das du an der Brust getragen,

und mit scheuen Augen schnelle

reichtest du mir's hin im Gehen:

zitternd hob ich's an die Lippen,

küßt' es brünstig zwei- und dreimal;

niemand konnte dessen spotten,

keine Seele hat's gesehen,

und du selber sahst es nicht.

An dem fremden Haus, wohin

ich dich zu begleiten hatte,

standen wir nun, weißt, ich drückte

dir die Hand und —

Dieses war zum letzten Male,

daß ich mit dir ging, o Klärchen!

Ja, das war das letztemal,

daß wir uns wie Kinder freuten.

Lied vom Winde.

Sausewind, Brausewind,

dort und hier!

Deine Heimat sage mir!

„Kindlein, wir fahren

seit viel vielen Jahren

durch die weit weite Welt,

und möchten's erfragen,

die Antwort erjagen,

bei den Bergen, den Meeren,

bei des Himmels klingenden Heeren:

die wissen es nie.

Bist du klüger als sie,

magst du es sagen.

— Fort, wohlauf!

Halt' uns nicht auf!

Kommen andre nach, unsre Brüder,

da frag' wieder.“

Halt' an! Gemach,

eine kleine Frist!

Sagt, wo der Liebe Heimat ist,

ihr Anfang, ihr Ende?

„Wer's nennen könnte!

Schelmisches Kind,

Lieb' ist wie Wind,

rasch und lebendig,

ruhet nie,

ewig ist sie,

aber nicht immer beständig.

— Fort! Wohlauf! auf!

Halt' uns nicht auf!

Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen!

Wenn ich dein Schätzchen seh',

will ich es grüßen.

Kindlein, ade!“

Rat einer Alten.

Bin jung gewesen,

kann auch mitreden,

und alt geworden,

drum gilt mein Wort.

Schön reife Beeren

am Bäumchen hangen:

Nachbar, da hilft kein

Zaun um den Garten;

lustige Vögel

wissen den Weg.

Aber, mein Dirnchen,

du laß dir raten:

Halte dein Schätzchen

wohl in der Liebe,

wohl im Respekt!

Mit den zwei Fädlein,

in eins gedrehet,

ziehst du am kleinen

Finger ihn nach.

Aufrichtig Herze,

doch schweigen können,

früh mit der Sonne

mutig zur Arbeit,

gesunde Glieder,

saubere Linnen,

das machet Mädchen

und Weibchen wert.

Bin jung gewesen,

kann auch mitreden,

und alt geworden,

drum gilt mein Wort.

Der Knabe und das Immlein.

Im Weinberg auf der Höhe

ein Häuslein steht so windebang;

hat weder Tür noch Fenster,

die Weile wird ihm lang.

Und ist der Tag so schwüle,

sind all verstummt die Vögelein,

summt an der Sonnenblume

ein Immlein ganz allein.

Mein Lieb hat einen Garten,

da steht ein hübsches Immenhaus:

Kommst du daher geflogen?

Schickt sie dich nach mir aus?

„O nein, du feiner Knabe,

es hieß mich niemand Boten gehn;

dies Kind weiß nichts von Lieben,

hat dich noch kaum gesehn.

„Was wüßten auch die Mädchen,

wenn sie kaum aus der Schule sind!

Dein herzallerliebstes Schätzchen

ist noch ein Mutterkind.

„Ich bring' ihm Wachs und Honig;

ade! — ich hab' ein ganzes Pfund;

wie wird das Schätzchen lachen,

ihm wässert schon der Mund.“

Ach, wolltest du ihr sagen,

ich wüßte, was viel süßer ist:

Nichts Lieblichers auf Erden,

als wenn man herzt und küßt!

Er ist's.

Frühling läßt sein blaues Band

wieder flattern durch die Lüfte;

süße, wohlbekannte Düfte

streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

wollen balde kommen.

— Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab' ich vernommen!

Zu viel.

Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte,

ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,

die starre Welt zerfließt in Liebessegen

und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.

Am Dorfeshang, dort bei der luft'gen Fichte,

ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen —

o Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,

daß all der Wonnestreit in dir sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den süßen Zauber lösen,

womit Natur in meinem Innern wühlet!

Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!

Lisch aus, o Tag! Laß mich in Nacht genesen!

Indes ihr sanften Sterne göttlich kühlet,

will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

Im Frühling.

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel:

Die Wolke wird mein Flügel,

ein Vogel fliegt mir voraus.

ach, sag' mir, alleinzige Liebe,

wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!

Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,

sehnend,

sich dehnend

in Lieben und Hoffen.