Briefe aus dem hohen Norden

Eine Fahrt nach Spitzbergen mit dem HAPAG-Dampfer „Auguste Viktoria“ im Juli 1899

Von

Dr. E. Haffter

Mit zahlreichen Abbildungen

Zweite unveränderte Auflage

1900

Verlag von J. Huber in Frauenfeld

Vorwort.

Das kleine Buch enthält in der ersten Hälfte Briefe, welche ich während einer Fahrt längs der norwegischen Küste mit dem Endziel Spitzbergen — auf dem Hamburger Prachtsdampfer „Auguste Viktoria“ im Juli 1899 — an die „Thurgauer Zeitung“ sandte, um mit meinen Freunden und Bekannten in der Heimat in Kontakt zu bleiben. Die zweite Hälfte besteht aus den Reiseerinnerungen, welche ich, nach Hause zurückgekehrt, für das gleiche Blatt zu Papier brachte. Das kleine Buch zeigt, als unveränderter Abdruck jener Feuilleton-Artikel, die Schwächen rasch hingeworfener Reminiscenzen.

Die Clichés sind zum Teil Eigentum der Hamburg-Amerika-Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft und teilweise nach eigenen photographischen Aufnahmen hergestellt. Die Bilder auf pag. 49, 74, 89, 108, 161 und 193 — ebenfalls Originalphotographien — verdanke ich der Liebenswürdigkeit von zwei Mitreisenden, Herrn und Frau Baurat Waltz aus Konstanz.

Ich grüße Norge, das herrliche Land, und alle diejenigen, in deren Gesellschaft wir seine Schönheiten bewundern durften: die Mitpassagiere und Führer der „Auguste Viktoria“ und den lieben gastlichen Landsmann in Yttre-Arne.

Frauenfeld, November 1899.

Dr. E. Haffter.

Inhaltsverzeichnis.

Unterwegs.

Seite
[I.]
Einleitung. — Von Frauenfeld nach Hamburg. — Krankenhausin Eppendorf. — Besuch in Friedrichsruh. —Einschiffung auf der „Auguste Viktoria“3-11
[II.]
Erste Stunden an Bord. — Bau der „Auguste Viktoria“.— Verpflegung. — Toiletten. — Schiffskapelle. —Norwegische Küste in Sicht. — Ankunft12-18
[III.]
Fjorde und Schären. — Hardangerfjord. — Ankunft inOdde. — Buarbrae. — Unglücksfall bei der Abfahrt. —Molde. — Naes. — Romsdal. — Ball an Bord. —Abendstimmung. — Ankunft in Drontheim19-36
[IV.]
Drontheim. — Effekt des Polarstromes. — Lerfos. —Verspätete zur Abfahrt. — Erste Wale. — Polarkreis37-45
[V.]
Lofoten. — Mitternachtssonne. — Sonntag zur See. —Walfischdampfer. — Hammerfest. — Vogelriff. — DasNordkap und seine Besteiger46-57
[VI.]
Bäreninsel. — Eisberge — Fahrt durch das nördlicheEismeer. — Gang durch das Schiff. — Passagiere. —Tageseinteilung58-76
[VII.]
Spitzbergen. — Gletscher- und Eiszeit. — Einfahrt inden Eisfjord. — Ankunft in Adventbay. — ErsterBesuch der Küste77-82

Daheim.

Seite
[VIII.]
Hapag. — Patriotische Feststimmung. — Gräber an derAdventbay. — Im Eise gefangen. — Jagd auf Spitzbergen.— Walfischfang85-98
[IX.]
„Malerische Gruppe“. — Beutezug an der Küste. —Fischerzelt. — Die Yacht des italienischen Kronprinzen.— Hotel Spitzbergen99-112
[X.]
Abfahrt aus der Adventbay. — Polarnebel. — Seekrankheit.— Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe113-120
[XI.]
Ankunft in Tromsoe. — Besuch im Lappenlager. — DieStadt Tromsoe. — Küstenlappen. — Musikabend anBord. — Spaziergang beim Schein der Mitternachtssonne121-137
[XII.]
Nach Süden. — Lofoten. — Digermulen. — Pro patria.— Besteigung des Digermulenkollen. — Boot in Gefahr.— Kranker in einsamer Fischerhütte. — Derschwermütige Schimmel. — Abfahrt von Digermulen.— Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm138-154
[XIII.]
Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. —Die Welt — ein Dorf. — Maraak. — Vorbereitungfür den Kaiserbesuch. — Ankunft in Aalesund bei „S. M.Y. Hohenzollern“. — Der Kaiser an Bord. — Besuchder „Hohenzollern“155-171
[XIV.]
Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. —Durch den Sognefjord. — Genrebilder in Naeröfjord. —Gudwangen. — Naerödal und Stahlheim. — Hungersnot.— Oell und Musöst. — Sprachverwirrung172-184
[XV.]
An der Stätte der Frithjofssage. — Ankunft in Bergen. —Das norwegische Hamburg. — Im Leprahospital. —Fahrt nach Yttre-Arne. — Heimat in fremdem Lande.— Mange tak185-205
[XVI.]
Abfahrt von Bergen. — Abschied der Lotsen. — LetzterTag zur See. — Brahmskultus mit Schwierigkeiten.— Zollrevision in der Elbe. — Abschied von der„Auguste Viktoria“. — Zum letzten Male die norwegischeNationalhymne206-216

Verzeichnis der Abbildungen.

Seite
[Buarbrae] [(Titelseite)]
[Bismarck-Mausoleum] [9]
[Odde (Hardanger)] [22]
[Buarbrae] [25]
[Norwegerinnen] [27]
[Straße in Molde] [29]
[Stolkjärre] [32]
[Oberer Lerfos] [41]
[Dom in Drontheim] [42]
[Mitternachtssonne] [47]
[Walfischdampfer] [49]
[Das Nordkap] [53]
[Deckscenen] [66] u. [74]
[Gletscherpartie (Spitzbergen)] [78]
[Einfahrt in Adventbay] [79]
[Nothütte] [89]
[Gletschereis] [92]
[Yacht des italienischen Kronprinzen] [108]
[Hotel Adventbay] [111]
[Lappen] [126]
[Digermulen] [143]
[Digermulkollen] [147]
[Maraak] [161]
[Stahlheim] [179]
[Bergen] [193]

[Unterwegs.]

I.

Einleitung. — Von Frauenfeld nach Hamburg. — Krankenhaus in Eppendorf. — Besuch in Friedrichsruh. — Einschiffung auf der „Auguste Viktoria“.

An Bord der „Auguste Viktoria“, 4. Juli 1899.

... Soll ich? Oder soll ich nicht? Schreiben nämlich. Ich will’s probieren, obschon es kaum möglich sein wird, in dem Gewirr von plaudernden Damen (es sind ihrer gegen 200 an Bord), herumflanierenden Yankees, schnarrenden Berlinern etc. seine Gedanken zu konzentrieren.

Also nach Spitzbergen geht unsere Fahrt. Ueber dieses Reiseziel werde ich erst sprechen, nachdem wir es gesehen haben. Vorläufig sind wir auf unserm schwimmenden Palaste an der norwegischen Küste eingetroffen und liegen seit gestern abend 10 Uhr in dem tiefsten Punkte des herrlichen Hardangerfjords — bei Odde — vor Anker. — Die Bucht ist so tief ins Land hineingeschnitten, daß unser Schnelldampfer sieben Stunden brauchte, um sie zu durchfahren; hier hat sie noch die halbe Breite des Zürchersees. An den Ufern des tiefgrünen Wassers erheben sich steil bis zu imposanter Höhe, die mit 1500 bis zu 2000 Meter wohl nicht überschätzt ist, Gebirgsstöcke aus grauem Urgestein, teilweise mit Wald bedeckt, oben voll blendend weißen Schnees, überall zu abschüssig, um menschlichen Wohnungen Platz zu bieten. Zwischen den Bergkuppen erscheinen aus dem Hintergrunde mächtige Gletscher, deren Wässer als riesige — von oben bis unten zu verfolgende Fälle — zur See herniederstürzen. Gegen das satte Grün der Wälder sticht ihr Weiß ab wie flüssiger karrarischer Marmor. Im Ganzen erinnert das Landschaftsbild außerordentlich an den Urnersee, und der Lage von Flüelen entspricht das freundliche norwegische Städtchen Odde, hinter welchem sich nach einer sachten Erhebung von zirka 200 Meter — wohl einer alten Gletschermoräne — ein breites Thal öffnet, dessen Hintergrund durch eine Kaskade von der dreifachen Größe des Staubbaches etwas besonders Malerisches erhält. Ueber diesem herrlichen Landschaftsbilde wölbt sich zur Zeit ein tiefblauer Himmel, und ich glaube, weder bei uns noch in südlichen Ländern je so gesättigte Farben gesehen zu haben. Das Grün der See, sowie von Wald und Wiese auf dem hellgrauen Gestein, das Blau des Himmels und das Weiß der Gletscher und Schneefelder und der fallenden Wässer bilden geradezu entzückende Kontraste und in das farbige Landschaftsbild sind — ein freundliches Idyll — eingebettet die schlichten Holzhäuser von Odde.

Den Mittelpunkt dieser Szenerie bildet also zur Zeit die „Auguste Viktoria“, das stolze Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, das — etwa einen Kilometer vom Ufer — mitten im Fjord vor Anker liegt. Drei mitgeführte Benzin-Motorschiffe zu je 40 Plätzen vermitteln ununterbrochen den Verkehr mit dem Festlande, so daß es für unsere zirka 400 Passagiere gar keine Schwierigkeiten hat, jeden Augenblick nach Odde zu fahren, aber auch jederzeit wieder an Bord zu sein.

Doch — eine richtige Reisebeschreibung sollte vorne anfangen — wie kamen wir hieher?

Die Strecke von Frauenfeld nach Hamburg ist bei den jetzigen ausgezeichneten Zugsverbindungen in 20½ Stunden zurückgelegt. In Frankfurt a. M. bestiegen wir nachts 8 Uhr einen direkten Wagen nach Hamburg und richteten uns im bequemen Coupé häuslich ein; auch das Nachtessen wurde nicht vergessen und dem Reiseungewohnten mag es fast wunderbar erscheinen, daß man — während der Zug in rasender Eile dahinsaust, nur auf einen elektrischen Knopf zu drücken braucht, um einen dienstbeflissenen Geist dahereilen zu sehen, welcher aus der mitfahrenden Küche serviert, was das Herz begehrt — das wirkliche „Tischlein deck’ dich“.

Endlich war die reisende Welt satt; um 11 Uhr knallte der Pfropf der letzten Bierflasche im Nachbarcoupé; dann trat Ruhe ein im Lande; wer schlafen konnte, schlief. Stadt um Stadt huschte geisterhaft an uns vorbei; nach Mitternacht brauste, von hundert frischen Kehlen gesungen, die „alte Burschenherrlichkeit“ an mein eben dem Dasein entrücktes Ohr und ließ mich durch geweckte Erinnerungen lange nicht wieder einschlafen: Göttingen hatte den schlaftrunkenen alten Studenten gegrüßt. — Um 4 Uhr erhob sich die Sonne über der Lüneburger Haide und Punkt 6 Uhr 30 Minuten — wie vorgeschrieben — fuhr der lange Zug über die Elbbrücke in Hamburg. Ebenso programmgemäß stellte sich auf die Minute ein lieber Neffe ein, den ich zur Ueberraschung für meine Reisegefährtinnen von Berlin her zitiert hatte, und so machten wir denn — vier Köpfe stark — einige Tage lang die alte Hansastadt unsicher.

Ueber Hamburg ließe sich vieles sagen; zu den größten Sehenswürdigkeiten gehört der mit Hunderten von Millionen erstellte Hafen, in dem alle Schiffe der Welt verkehren. Ein bewunderungswürdiges Monument des Hamburger Kunstgewerbes, aber auch des Hamburger Bürgerfleißes und — Reichtums bildet das dortige Rathaus, das an Geschmack und Gediegenheit seiner innern Ausstattung alle ähnlichen mir bekannten Gebäude übertrifft, so namentlich auch das prunkvolle neue Reichstagsgebäude in Berlin. Der Hamburger ist aber auch stolz auf seine Vaterstadt und trägt bei jeder Gelegenheit seine republikanische Unabhängigkeit zur Schau. Dem politischen Oberhaupte, dem deutschen Kaiser, scheint von Arm und Reich so ziemlich das erlaubte Mindestmaß von Majestätsfurcht entgegengebracht zu werden; unter anderm zitierte unser Bootführer seine kaiserliche Majestät, wenn er bei Erklärung verschiedener öffentlicher Bauten darauf zu sprechen kam, stets einfach als „Wilhelm zwei“.

Großartig hat die Stadt Hamburg für ihre Kranken gesorgt. Das neue Krankenhaus in Eppendorf, das wir besuchten, besteht aus 90 Gebäuden, die in einen herrlichen Park eingelagert sind. 2000 Kranke finden dort Unterkunft und werden durch 220 Schwestern, 80 Laienwärterinnen und 32 Aerzte verpflegt. Die Anlage der zentralen Institute — Küche, Wäsche (pro Tag müssen 8000 Stück Linge gewaschen werden!), Desinfektionsanstalt, Sektionsgebäude (1300 Sektionen pro Jahr; während der Cholerazeit 1336 in 4 Wochen!), Operationsgebäude, Badehaus, Schwesternhaus etc. — ist erstaunlich!

Einen Vormittag widmeten wir dem „Alten im Sachsenwalde“. Nach halbstündiger Fahrt auf der Linie Hamburg-Berlin erreicht man die Station Friedrichsruh. Wer aber dort etwas zu sehen erwartet, ist geleimt. Der Park des Bismarckschen Schlosses stößt zwar direkt an die Eisenbahnlinie; Mauern und dichte Baumschläge verbieten aber dem Auge jeden Einblick, und wo dem suchenden Wanderer sich ein Eingang zu öffnen scheint, hemmt eine mächtige Verbottafel den Eintritt.

Wir umkreisten im Dunkel eines Eichwaldes das große Gut, klommen längs der Einfriedigung in die Höhe; aber nirgends bot sich eine Möglichkeit, etwas zu sehen. Endlich aber erreichten wir eine unverschlossene Pforte im Waldesdickicht, an welcher eine Verbotstafel fehlte. Unter meiner Führung drang die kleine unverschämte Schweizerkarawane ein und nach etwa 5 Minuten stehen wir plötzlich auf freiem Rasenplatze, direkt dem Bismarckschen Schlosse gegenüber und nur durch einen schmutzigen Teich von ihm getrennt. Das Gebäude sieht sehr anspruchslos aus, mit verschiedenen häßlichen Kaminen eigentlich eher wie ein Fabrikgebäude, denn ein fürstliches Palais.

Nun aber kam die Strafe: „n’No, n’No, n’No, n’No, n’No! Was soll denn do wer’n?“ erschallte eine Stimme aus der Nähe, und es erschien ein wütender Gärtner, der mit erhobenen Armen und einer Sense unserm Vordringen wehrte, unterstützt durch eine keifende Frau, welche die Hände über dem Kopf zusammenschlug. „„Ja, wo sind wir denn? Wem gehört das Haus?““ „Das ist den Fürst’n sein Palä; da darf kein Mensch hin!“ „„Aber wir sind doch durch eine offene Thüre ohne Verbottafel eingetreten.““ „Da haben natürlich diese ekligen Hamburger wieder die Tafel weggerissen.“

Wir wurden per Schub — unsrerseits in sehr vergnügter Stimmung — durch das nächste Thor „entleert“ und setzten unsern Rundgang weiter fort.

Auf der andern Seite der Eisenbahnlinie, auf waldiger Anhöhe dem Schloßgarten gegenüber, liegt das Mausoleum, in welchem die irdischen Ueberreste des Gewaltigen ruhen. Eine steile Böschung verhindert den Zutritt. Trotz überall angebrachter Verbote finden sich aber doch ausgetretene Wege, denen wir folgten, so daß uns auch die von einer kleinen romanischen Kirche überbaute Gruft zu Gesichte kam und sogar photographisch von uns fixiert werden konnte.

Ein halbstündiger Spaziergang durch herrlichen Eichwald — ein Stück des berühmten Sachsenwaldes — führte uns nach Station Aumühle, wo wir der heimatlichen Reminiscenz[1] und einer schönen Naturszenerie zuliebe in schattiger Veranda uns erfrischten, um dann mit dem nächsten Zuge nach Hamburg zurückzukehren.

Bismarck-Mausoleum.

Sonntag, den 2. Juli, mittags 1½ Uhr hatten wir uns, so lautete die Ordre, an Bord des Dampfers „Blankenese“ einzufinden, welcher uns auf die einige Stunden elbabwärts, bei Brunshausen verankerte „Auguste Viktoria“ führen sollte. Wir waren frühzeitig da und sahen sie nun in Scharen anrücken, welche für drei Wochen unsere Gesellschaft zur See sein sollten: Damen schienen vorherrschend, übrigens alle Altersstufen vertreten, vom „Säugling“ (zehnjährige Jungen) bis zum „Meergreise“ und vom Backfisch bis zur Urgroßmutter; laut ausgeteilter Passagierliste waren wir 360 Personen, in der Mehrzahl Amerikaner und Deutsche, wenig Franzosen, Engländer, an Eidgenossen außer uns noch drei Baslerherren. Auch das „Volk Gottes“ zeigte sich zahlreich und in ausgeprägtesten Formen, hauptsächlich Berliner Ursprungs. Immerhin soll auf der vorjährigen Fahrt das jüdische Element weit mehr vorgeherrscht haben, was folgende Anekdote illustriert: Ein deutscher Familienvater durchsucht die Weinkarte, ruft den Kellner und bestellt „für sich eine Flasche Laubenheimer, für seine Frau eine halbe Flasche Ingelheimer und für seinen Sohn eine halbe Flasche Hochheimer.“ „„Entschuldigen Sie, mein Herr; Sie haben da die Passagierliste erwischt,““ war die Antwort des Stewards.

Punkt 1½ Uhr setzte sich der dichtgefüllte und buntbewimpelte Dampfer in Bewegung und führte uns vorbei an Hunderten von Seglern und Dampf-Seefahrzeugen aller Größen in die freie Elbe. Etwa zwei Kilometer von Hamburg entfernt war die Route gesperrt durch einen stolzen schwedischen Dreimaster, den ein Wörmannscher Frachtdampfer Abends zuvor angerannt und zum Sinken gebracht hatte. Masten und Steuerteil des schwer befrachteten Schiffes überragten noch die gelbliche Wasserfläche, während der Vorderteil auf dem Grunde ruhte.

Nach zweistündiger Fahrt erschien vor unsern Augen die majestätische „Auguste Viktoria“, mit Flaggen und Wimpeln reich und malerisch geschmückt; 200 Stewards und sonntäglich gekleidete Matrosen stunden in Reih und Glied; eine Kanonensalve erschütterte die Luft und unter dem Begrüßungsmarsche einer Blechmusikkapelle hielten wir unsern Einzug auf dem mächtigen Schiffe, das nun für drei Wochen unsere Wohnung sein sollte. Jedermann suchte seine Kabine, wo die Tags zuvor abgelieferten Koffer schon ihren Platz gefunden hatten, und nach weniger als einer halben Stunde hatte sich aus dem Wirrwarr eines aufgestörten Ameisenhaufens ein geordnetes Dasein entwickelt und man konnte dem schwimmenden Kolosse kaum mehr ansehen, daß ein Heer von fast 400 Menschen mit Kisten und Koffern und Plaids und Apparaten sich hinein ergossen hatte.

Die Falltreppe wurde aufgezogen; das Kommando des Kapitäns ertönte; das eiserne Herz des Riesen fing zu schlagen an und unter den Klängen einer flotten Blechmusik setzte er sich in Bewegung, nordwärts, nordwärts dem Meere zu.

II.

Erste Stunden an Bord. — Bau der „Auguste Viktoria“. — Verpflegung. — Toiletten. — Schiffskapelle. — Norwegische Küste in Sicht. — Ankunft.

An Bord der „Auguste Viktoria“ im Fjord von Romsdal vor Naes, 6. Juli Abends.

Bei herrlichstem Wetter liegen wir hier vor Anker, um in zwei Stunden nach Trondhjem, der Wiege und Krönungsstadt des norwegischen Reiches, abzudampfen. Zurück nach der Elbemündung, wo mein erster Brief stehen geblieben ist!

Die ersten Stunden an Bord entbehrten der Komik nicht. Allerdings waren zuvorkommende Stewards in Menge da, um den Passagieren die Kabinen anzuweisen; aber sobald man seinen Schlupfwinkel verlassen, sah man sich in einem wahren Labyrinth von Kreuz- und Quergängen, in welchen eine Orientierung vorläufig nicht möglich schien. Die Kabinen sind in drei Etagen über einander angebracht; steile Treppen stellen die Verbindung her und wer in den engen Korridoren umherirrt, täuscht sich anfänglich nach allen Richtungen der Windrose, ist rat- und thatlos. Letzteres eigentlich nicht, denn bald pufft er energisch mit einer daherstürmenden Lady zusammen oder fällt einem um die Ecke fliegenden Steward in die Arme — oder aber er sieht sich plötzlich in einer Sackgasse und muß ärgerlich den Rückzug antreten. Ich kenne Menschen, die im erhebenden Bewußtsein, ihre Sache trefflich zu machen und ausgezeichnete Pfadfinder zu sein, im Vorderteil des Schiffsrumpfes herumsuchten, während ihr Daheim doch 100 Meter davon entfernt gegen das Steuer zu lag.

Einige Angaben über die Dimensionen unseres Schiffskolosses werden dies begreiflich erscheinen lassen. Die „Auguste Viktoria“ wurde seiner Zeit mit einem Aufwand von sieben Millionen Mark erbaut und hat in den letzten Jahren eine vollständige Umgestaltung erfahren, indem das gewaltige Schiff in der Mitte geteilt und durch Einfügung eines 15 Meter langen Mittelbaues vergrößert wurde — eine Ausgabe von weiteren 2 Millionen Mark. Sie ist ein sogenannter Doppelschraubendampfer, d. h. die bewegende Kraft ist auf zwei getrennte Maschinen und zwei Schrauben verteilt, sodaß bei etwaigem Schaden an einer Maschine die Bewegungs- und Manövrierfähigkeit des Schiffes nicht aufhört. Maschinen- und Kesselräume sind durch einen starken Längsschott unter der Wasserlinie in zwei Hälften geschieden, so zwar, daß wenn auch der eine Maschinenraum bei einer Kollision oder Explosion sich mit Wasser füllt, das Schiff deshalb weder sinken, noch unlenksam werden kann. Wasserdichte Querschotten, welche im Momente der Gefahr geschlossen werden, so daß dann das ganze Schiff aus 11 wasserdichten Abteilungen besteht, erhöhen die Sicherheit — auch für den Fall einer Kollision — außerordentlich. Aber auch die Steuerfähigkeit des Schiffes wird durch dieses Doppelschraubensystem in wunderbarer Weise vermehrt; arbeitet die eine Schraube vorwärts, die andere rückwärts, so dreht sich der Koloß auf der Stelle, ohne einen Meter sich vorwärts zu bewegen. Dieses Manöver sehen wir in den engen nordischen Fjords täglich ausführen; aber auch bei schnellster Fahrt soll es möglich sein, ganz rasch zu wenden und dann einer drohenden Kollisionsgefahr zu entgehen. Die Länge unseres Schiffes beträgt 530 Fuß, die Breite 60 Fuß, die Tiefe 35 Fuß; 125 Heizer schleudern Tag um Tag 6000 Zentner Kohlen in die 56 Feuerstellen. Die übrige Bemannung besteht aus 35 Bootsleuten und Matrosen, 24 Maschinisten, 3 Offizieren, 30 Köchen und Handwerkern und 96 Stewards und Stewardessen und — extra für diese Nordlandsfahrt — aus den 20 Berufsmusikern, welche unsere Schiffskapelle bilden. Drei mächtige Kamine von 10 Meter Umfang senden ihre dunkeln Rauchwolken zum Himmel; 18 Sicherheitsboote für je 40 bis 50 Menschen werden mitgeführt; alles Vorhandene geht in riesige Dimensionen, und dabei ist die innere Ausstattung des Schiffes von einer Pracht und einem Komfort, wie ich sie zur See noch nirgends angetroffen habe. Die Kabinen sind mit polierter Ahorn- und Mahagoniarbeit versehen; überall — in jedes Waschbecken — läuft ein Hahn mit fließendem Wasser; jeder Winkel ist elektrisch beleuchtet und neben den Schlafstellen sind sogar Kontakte für elektrische — Haarkräuselungsapparate angebracht, von welchen ich allerdings bis jetzt noch keinen Gebrauch gemacht habe. Außer den zwei gewaltigen Hauptmaschinen funktionieren Tag und Nacht — auch bei Ruhe des Schiffes — noch Extramaschinen für elektrisches Licht, für Eisbereitung und für Herstellung von Süßwasser. Die luxuriöse Wasserversorgung in den Kabinen, Badezimmern und Aborten ist ein Hauptfortschritt der neuesten Passagierdampfer. Die Speise-, Konversations-, Musik- und Rauchsalons sind mit übertriebenem Luxus ausgestattet; an allen Ecken sorgen elektromotorische Fächer geräuschlos für Lufterneuerung. Ist man im Verlaufe einiger Tage einmal in den labyrinthischen Gängen und Abteilungen des Schiffsinnern orientiert, so kann man nur staunen über die vortreffliche, auf alles bedachte, jeden Raum ausnützende und doch einheitliche und durchsichtige Einteilung des schwimmenden Gebäudes.

Der Qualität der Dampfer entsprechend ist auch die Verpflegung. Man glaubt, in einer Mastkuranstalt zu leben. Von 6 Uhr morgens bis nachts 12 Uhr ist ununterbrochen Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme, und sind wir einmal im Gebiete der Mitternachtssonne, so wird das Tafeln auch während der bisher beobachteten Schonzeit kein Ende nehmen. Morgens 6 bis 8 Uhr wird Thee, Chokolade, Kaffee mit Zuthaten serviert; 8 Uhr ist erstes Frühstück, 1 Uhr zweites Frühstück, 7 Uhr Diner, alle Mahlzeiten von der Reichhaltigkeit eines Festessens erster Güte. Zwischenhinein aber zirkulieren überall Stewards mit Thee, Kaffee, Limonade, Kakao, Sandwiches aller Art, Früchten etc. — alles gratis; nur die alkoholischen Getränke (Pschorr, Zacherl, Münchner Bürgerbräu und Pilsner Hofbräu vom Faß etc. etc.) müssen extra vergütet und — getrunken werden.

Man verzeihe diesen materiellen Exkurs; er gehörte zur Schilderung des Schlaraffenlebens auf dem Nordlandfahrer „Auguste Viktoria“; übrigens erhält das so stark betonte und prosaische Verdauungsgeschäft einen künstlerischen, fast poetischen Anstrich dadurch, daß durch das bekannte Trompetensignal aus dem Beethoven’schen „Fidelio“ jeweils dazu eingeladen wird. Den zu diesem Eß-Signal beorderten Stabstrompeter bezeichnete der Witz der letztjährigen Nordlandsfahrer als „Trompeter von Eß-lingen“. Er wird von den herumliegenden Passagieren — wenigstens denjenigen der Rauchkabine — meist mit einem Geheul begrüßt, das an die Töne einer Menagerie in der Nähe der Fütterungszeit erinnert.

Schon nach einer Stunde, welche durch Vorträge der Kapelle auf Deck gekürzt wurde, ließen wir Cuxhaven links liegen, grüßten die „Alte Liebe“ — jene so benannte altehrwürdige Landungsbrücke, welche die Auswanderer auf ihr Schiff leitet, und als das Diner vorüber war, sahen wir uns dicht an der Ostküste von Helgoland, dessen Häuser hell beleuchtet erschienen.

Ein Spaziergang auf Deck zeigte uns ein wunderbares Völkergemisch und eine wahre Ausstellung von schönen und absurden Toiletten. Speziell durfte die Kopfbedeckung der Damen auf Vielseitigkeit und Originalität Anspruch machen; von der deutschen Infanterie- und Artillerie-Offiziersmütze auf den Köpfen einiger koketten Amerikanerinnen bis zur Lootsen-Kappe fehlte keine Variation. Ich bin glücklich zu sagen, daß auch ich, dem die eigene Toilette sonst leider zu sehr „wurst ist“, etwas Aufsehen erregte durch einen Lodenmantel, den ich mir in Hamburg gekauft, um gegen die Unbill der arktischen Witterung und gegen die Eisbärentatzen geschützt zu sein. Die beim Kaufe im Dunkel der Nacht mir als grau erschienene Farbe entpuppte sich nämlich bei dem Glanze der Tagessonne als spinat- oder bohnengrün, so daß ich von meinen zwei Lebens-, Leidens- und Reisegefährtinnen bei meinem ersten gloriosen Auftreten mit diesem Kunstwerk der Schneider- und Färbekunst als „Grüner Heinrich“ begrüßt wurde.

Das Meer blieb die ganze Nacht ziemlich ruhig; Seekranke gab es kaum. Abends war flottes Konzert von unseren zu komplettem Orchester umgewandelten Blechmusikkünstlern, die wirklich vortrefflich spielten — Heiteres und Ernstes, zum Schlusse natürlich den Meyer-Polka, den die zahlreichen anwesenden „Meyers“ mit stürmischem Applaus lohnten.

Am Morgen des 3. Juli kam bei 58° Breite die inselreiche norwegische Küste zu Gesicht; einige Segler belebten das Meer in malerischer Weise; mittags näherte sich bei Kopervik der Lootse unserm Schiff, das er durch die vielgestaltigen Fjorde lenken soll. Immer näher und deutlicher traten die Ufer — graue Klippen mit eingestreutem Busch- und Grasgrün und einzelnen freundlichen Häusergruppen, im Hintergrund Berg an Berg, wunderbar geformte Linien, und als Abschluß des Horizontes blendend weiße Schneegipfel, hie und da auch ein mächtiger Gletscher.

Böllerschüsse ertönen; unsere Kapelle spielt die norwegische Nationalhymne; der Lootse steigt an Bord, salutiert, besteigt die Kommandobrücke; die Falltreppe wird unter dem bekannten rhythmischen Gesang des leitenden Matrosen aufgezogen; das Schiff dreht nach Osten ab; eben bricht die Sonne durch die Wolken und vorwärts geht’s in die zauberhaften Schönheiten der nordischen Schärenlandschaften.

III.

Fjorde und Schären. — Hardangerfjord. — Ankunft in Odde. — Buarbrae. — Unglücksfall bei der Abfahrt. — Molde. — Naes. — Romsdal. — Ball an Bord. — Abendstimmung. — Ankunft in Drontheim.

Nördliches Eismeer 76° nördl. Breite, 11. Juli 1899.

Vor 30 Stunden haben wir dem alten Europa an seinem nördlichen Markstein, dem Nordkap, Valet gesagt und steuern dem Endziele unserer Fahrt, Spitzbergen, zu. Die Temperatur ist auf 2° C. gesunken; Himmel und Meer sind unheimlich grau und düster; undurchdringliches Gewölk verbirgt die Sonne und mit stark verminderter Geschwindigkeit sucht unser Schiff seinen Weg durch Nebel und spärliches Treibeis, geführt von zwei im Dienst ergrauten norwegischen Lootsen. Ein gelegentlich zu Gesicht kommender schwimmender Eisberg zeigt uns, wie wohlbegründet die reduzierte Fahrgeschwindigkeit und die vermehrte Vorsicht sind. Bei einem Zusammenstoß mit einem derartigen nordischen Riesen könnten alle technischen Vollkommenheiten unseres Schiffes zu Schanden werden.

Ueber das mit heute eingetretene schlechte Wetter dürfen wir nicht ungehalten sein; denn bis jetzt ging alles nach Wunsch und wir konnten die Schönheiten der norwegischen Küstenlandschaften bei herrlichstem Sonnenlichte genießen, das nordische Meer und die Mitternachtssonne in einer Pracht, wie sie wohl wenigen Reisenden zu Teil wird.

Es war vom Süden Norwegens bis zum nördlichen Ende eine Lustreise durch herrlichen sonnenwarmen Frühling. Den glänzenden Anfang bildete die Fahrt durch den vielbesungenen Hardanger Fjord. Fjorde heißt man bekanntlich die Meeresbuchten, in welche die norwegische Westküste gegliedert ist. Sie zeichnen sich vor andern Golfen dadurch aus, daß sie außerordentlich tief — bis über 200 Kilometer weit — und vielfach verzweigt in das Land eindringen. Im Verhältnis zu ihrer Länge sind sie schmal, überall von mächtigen, steilen Bergwänden eingefaßt; ihre innersten und engsten Endpunkte, bei welchen dieser Charakter am meisten ausgeprägt erscheint, gleichen auffallend unsern Alpenseen. Sie schneiden in die höchsten Teile des Landes ein; Felswände bis zu 1500 Meter fallen senkrecht und unnahbar in den dunkeln, ruhigen Golfspiegel ab; sie sind von den Gletschern der Eiszeit glatt gescheuert und wo an ihren Leisten und Absätzen die Verwitterung etwas lockere Erde geschaffen, sproßt üppiges, strotzendes Rasengrün. Blendend weiße Wasserfälle stürzen über diese von lebendig grünen Bändern durchzogenen, dunkeln Urgesteinswände und gekrönt sind sie durch flache Firnfelder; dazwischen in schwindelnder Höhe zeigt sich ab und zu ein blauer Gletscherabbruch.

Nirgends öffnet sich der Fjord direkt ins Meer; nirgends bespült der atlantische Ozean direkt das norwegische Festland, sondern die ganze über 3000 Kilometer lange Küste ist von zahllosen Inseln und Klippen — den sogenannten Schären — eingehüllt, die — groß und klein, niedrig und gebirgig, die meisten aber trostlos kahl — zu Tausenden in Gruppen beisammen liegen und die brandenden Wogen des Ozeans brechen, so daß die Dampfer in ruhiger Fahrt zwischen ihnen und der Küste nordwärts gelangen können.

Die Fahrt durch den Hardanger Fjord zeigte uns die Steigerung der Schönheiten dieser norwegischen Buchten vom Meere gegen das Landesinnere in auffälligster Weise. Erst graue, kahle Inseln und Klippen, in welche nur die weiße Brandung etwas lebendigere Farbentöne bringt und zwischen welchen sich nirgends ein Weg für unser Schiff zu öffnen scheint. Bald aber gleiten wir in das ruhige Wasser des Golfes. Die Küsten werden höher und steiler: als hellgraue, kahle Gneisfelsen entsteigen sie der dunkeln Flut, nur unten — soweit in periodischer Wiederkehr die Flut sie berührt — schiefergrauschwarz gefärbt. Auf der Höhe liegt noch Schnee; wo er haften kann auch auf dem Gefälle, und aus der Ferne strahlen glänzende Firnflächen und blaue Gletscher.

Immer mächtiger werden die begrenzenden Berge, und je weiter wir landeinwärts fahren, desto mehr Vegetation stellt sich ein; Wälder und Wiesen unterbrechen das einförmige Gesteinsgrau; am Fuße der steilen Felswände sind fruchtbare Gelände, spärlich bewohnt zwar, aber doch sieht man hie und da in freundliche Baumgruppen gebettet eine Ansiedlung, schmucklose, aber saubere Holzhäuser, einzeln oder als kleines Dorf um eine Kirche gelagert. Auch weidendes Vieh belebt die steinigen und grüngefleckten Abhänge und im Hintergrunde fehlt nie das Bild eines hoch herabstürzenden Staubbaches.

Odde (Hardanger)

Nach sechsstündiger Fahrt nordostwärts biegt der Fjord plötzlich steil nach Süden und nach weitern zwei Stunden liegt an seinem Ende Odde vor unsern Augen. Die Aehnlichkeit der Szenerie mit dem Urnersee ist hier eine ganz auffällige; sogar die Axenstraße fehlt nicht; der Hauptunterschied besteht in der enormen Ausdehnung der hiesigen Landschaft und dem Reichtum der prächtigen Wasserfälle, welche aus höchster Höhe der firngekrönten Felswände herniederstürzen, oft sich vielfach teilen, wieder vereinigen, in Staub aufwirbeln und schließlich als klarer grüner Bergstrom im Spiegel des Fjord aufgehen.

Böllerschüsse ertönen, widerhallen mächtig an den Gebirgswänden und kehren nach einer halben Minute noch als kräftiges Echo zurück. Die Flagge wird aufgezogen; die Ankerkette rasselt; alles ist auf Deck, um die schöne Welt zu sehen. — Die Kapelle grüßt das nordische Land mit seiner Nationalhymne.

Drei Stunden später — 10 Uhr abends, aber bei noch hellstem Tageslichte — lief ein mit englischen Touristen gefüllter Dampfer ein, die von Cook gecharterte „Midnightsun“, eine Schnecke im Vergleich zu unserm stolzen Schnellfahrer. Wir hatten sie nachmittags 4 Uhr beim Maurangerfjord — einem der vielen malerischen Nebenarme des Hardangerfjords — überholt und sie dann rasch aus den Augen verloren. Es ist dasselbe mehr als mittelmäßige Schiff, auf welchem Cook im Frühjahr seine Touristen zum Kaiserbesuch in Jerusalem geführt hat und an dessen Bord Buchhändler Kober aus Basel im Hafen von Alexandrien gestorben ist.

Die verschiedenen kleinen Landausflüge, welche in der knapp zubemessenen Zeit möglich waren, hatte die Reisefirma Beyer in Bergen sorgfältig vorbereitet; ein Vertreter befand sich schon von Hamburg her an Bord, und die Mehrzahl der Passagiere — wohl über 300 — hatte sich durch Bezahlung einer Pauschalsumme von 60 Mark das Recht gesichert, ohne eigene Mühe an die sehenswerten Punkte befördert zu werden. Wir zogen vor, auf eigene Faust zu schwärmen, zu laufen oder zu fahren, wie und wann es uns beliebte, und haben es nicht bereut.

So begaben wir uns dann andern Morgens im herrlichsten Sonnenschein ans Land und besahen uns das kleine freundliche Städtchen, dessen Kirche und Häuser wie überall in Norwegen aus Holzriegeln aufgebaut und mit einer Art Krallengetäfer eingekleidet und hübsch bemalt sind. Kaum ein Fenster ohne saubere Vorhänge und freundlichen Blumenschmuck. Deutsch wird nirgends gesprochen, wohl aber englisch, namentlich auch von Kutschern und Blumen offerierenden Kindern, und jeder Fremdling wird von vorneherein als Sohn Albions betrachtet.

Das Ziel unseres Ausfluges bildet Buarbrae, der östliche Abfall eines 36 Kilometer langen und 6-15 Kilometer breiten Firngletschers von seltener Schönheit und Reinheit, weil keine überragenden Gebirge durch Verwitterung seine Oberfläche verunreinigen. Eine gute Straße führt von Odde zirka 25 Minuten weit in sanfter Steigung in die Höhe; nebenan stürzt ein Bergstrom in malerischen Fällen zu Thal; auch wo er kleine Strecken ruhiger läuft, ist sein Wasser ein weißer Gischt, und man begreift sehr gut, daß Lieutenant Hahnke, der Begleiter des deutschen Kaisers auf seiner letzten Nordlandsfahrt, absolut verloren war, als er auf seinem Velo in diesen wilden Strom stürzte.

Der Rückblick auf Odde und den zu Füßen liegenden Fjord ist entzückend. Die Vegetation zeigt lauter alte Bekannte; wo der Boden bebaut ist, trägt er Kartoffeln und Gerste, auch Gemüse mancher Art. Die Straße führt aber großenteils durch Weiden; das Gras wird mit einer sichelartigen, nur mit der rechten Hand geführten Sense geschnitten und dann an zu diesem Zwecke erstellten Holzhecken aufgehängt und gedörrt. Das Heu duftete auffallend aromatisch. Von Blumen erfreuten uns am meisten zahllose wilde Rosen, die in großen Büschen am Wege stunden, sowie besonders farbenschöne und zahlreiche Exemplare von purpurrotem Fingerhut. Auch Stein- und Kernobstbäume sind vorhanden. Birken und Buchen und massenhafte Wachholderbüsche bringen Abwechslung in das Naturgemälde.

Buarbrae.

Auf der Höhe — offenbar einer großen alten Moräne — öffnet sich plötzlich die Aussicht auf einen prächtigen See; die Straße führt auf einer eisernen Brücke über seinen ausmündenden, zu Thal stürzenden Strom und dann nach wenigen Minuten zur Landungsstelle eines kleinen Dampfers, wo schon eine Anzahl unserer Mitreisenden der Abfahrt harrten. Freundliche blauäugige Landeskinder boten Erdbeeren und Blumen zum Verkauf, höflich und nicht zudringlich; für kleine Geschenke dankten sie mit Händedruck. Bei Kindern wie bei Erwachsenen fiel uns auf, wie viel ungeschickter und schwerfälliger sie im Erraten der durch Zeichensprache ausgedrückten Absicht der Fremdlinge sich erweisen als die südlichen Nationen, z. B. die leichtbeweglichen Italiener.

In kleinem Dampfer dicht zusammengepfercht fuhren wir auf die andere Seite des Sees, wo zwischen mächtigen Bergen ein Thal sich öffnet, das berühmte Jordal. An seinem Ende liegt, schon vom See her sichtbar und vom grünen Vordergrund prachtvoll abgehoben, der östliche Gletscher des Buarbrae. Der Weg dorthin steigt zirka 1½ Stunden lang und ist ziemlich beschwerlich; aber die reiche Vegetation — Birken, Ulmen, Ahorne — neben dem schäumenden Gletscherbach, eingerahmt von schroffen Felswänden und hie und da wie ein Gemälde auf dem blaugrünen Grunde des den Horizont abschließenden Gletschers, bot so viel schöne und überraschende Bilder, daß wir im Schweiße unseres Angesichtes vorwärts pilgerten, über Stock und Stein und Bergwässer; die Sonne brannte wie bei uns im Sommer — ein Hohn auf unsere Winterkleider.

Das kleine, auf felsigem Hügel unmittelbar am Gletscher liegende Restaurant war von Erquickungsbedürftigen bereits angefüllt und umlagert, als wir ankamen. Auf blumigem Rasen ausgestreckt labten auch wir uns und sahen dem ungewohnten Getriebe in diesem stillen Bergthale zu. Die guten Wirtsleute konnten den an sie gestellten Anforderungen kaum gerecht werden und schossen planlos hin und her; nur die Tochter des Hauses, in der malerischen Hardangertracht — weißes Hemd, rotes Mieder mit perlengesticktem Bruststück, gefaltete, gesteifte weiße Linnenhaube, weiße Schürze — verlor den Kopf nicht und hielt den ungestüm andrängenden hungrigen und durstigen Fremdenstrom im Zaume.

Norwegerinnen.

Die Hardangertracht ist außerordentlich kleidsam, es scheint aber, daß die Volkstrachten wie bei uns so auch in Norwegen, wenigstens an den Haupttouristenplätzen, im Rückgang begriffen sind.

Ein liebliches und auch farbenschönes Genrebild, das ich bei der Rückkehr aus dem Jordal sah, bleibt mir unvergeßlich: Eine stolzgewachsene junge Frau, nach der Landessitte gekleidet, hielt von einem kleinen grünen Hügel herab Auslug — wohl nach ihrem Mann — die Augen mit der rechten Hand beschattend, während die linke ein Kind schützte, das zu ihren Füßen mit einem anderen spielte.

Gegen Abend war alles wieder an Bord; punkt 6 sollte die Abfahrt erfolgen. Leider ereignete sich dabei ein Unglücksfall, der unsere Stimmung lange trübte. Bei den üblichen Salutschüssen wurde ein 24jähriger Matrose verletzt und ins Meer geschleudert. Er hatte, wie sich herausstellte, versäumt, den Lauf der Kanone nach dem ersten Schusse feucht auszuwischen, und als er die zweite Patrone einführte, entzündete sie sich an den noch vorhandenen Funken und fegte den unvorsichtigen Lader rücklings ins Meer. Hätte nicht ein norwegischer Schifferjunge von seinem kleinen Kahn aus das Unglück beobachtet und sofort Meldung gemacht, so wäre es unbemerkt geblieben. Aber alles Suchen an der blutgeröteten Stelle war erfolglos; der Bursche, der seine erste Fahrt auf der „Auguste Viktoria“ gemacht, kam auf die Verlustliste, und mit einer Stunde Verspätung, deren Grund den meisten Passagieren lange Zeit unbekannt blieb, fuhren wir ab, während die Musikkapelle die Wissenden über die traurige Situation hinwegzutäuschen suchte. Eine Sammlung unter den Schiffspassagieren, angeregt durch die Amerikaner bei der Feier ihres Unabhängigkeitsfestes, zu Gunsten der Eltern des Verunglückten ergab über 2000 Mark.

In der Nacht glitten wir in die offene, etwas unruhige See; die Ahnungslosen in den Kabinen der Steuerbordseite, welche aus Luftbedürfnis die Lucke offen gelassen — so auch meine beiden Gefährtinnen — konnten ihre Tücke erfahren; sie wurden in ihren Betten bald gehörig mit Salzwasser begossen. Trotzdem gab es wenig sichtbare Seekranke und im Verlauf des folgenden Tages, des 5. Juli, lenkten wir bei Aalesund bereits wieder in die ruhige Wasserfläche des Moldefjords ein, an dessen Nordwestufer das nordische Nizza, das Städtchen Molde, reizend im Grünen liegt. Unsere Ankunft daselbst erregte Sensation; vieles Volk strömte zum Landungsplatz und vier im Hafen verankerte englische Kriegsschulschiffe salutierten, während von unserem Deck herab die englische Nationalhymne ertönte.

Straße in Molde.

Wir ließen uns sofort auf einer der unterdessen flott gemachten „Dampfsparkassen“, wie die Barkassen in unserem Kreise scherzhaft benannt werden, ausbooten und besahen uns Land und Leute. In Molde herrscht ziemlicher Fremdenverkehr, und verschiedene große Hotels, nebenbei auch ein in prächtigem Park gelagertes Sanatorium für Lungenkranke, geben der kleinen Stadt das Gepräge eines Kurortes. Beherrscher der Situation sind wie überall die Engländer; alles Volk spricht ein bißchen englisch; Plakate und Affichen sind in englischer Sprache abgefaßt, und auf den Straßen begegnet man radelnden Ladies.

Klima und Vegetation sind überraschend südlich; inmitten eines herrlichen Frühlings voll blühenden Flieders mit duftenden Gaisblatt- und Rosenlauben konnte man kaum glauben, sich bereits drei Breitegrade nördlicher als St. Petersburg, d. h. schon auf der Höhe des eisigen Grönland zu befinden. Zwischen freundlichen Holzhäusern mit zum Teil gut gehaltenen und üppigen Gärtchen führte uns der Weg auf die Anhöhe, wo die stattliche, ebenfalls aus Holz erbaute lutherische Kirche steht. Auch ihr Inneres ist sehenswert; der dreischiffige Bau enthält außer einer schönen Orgel als Hauptschmuck ein farbenreiches Altargemälde des norwegischen Künstlers Alex Ender, eine rührende Darstellung der Frauen am Grabe des Auferstandenen.

Eine Ahornallee führte uns westlich zu einem Friedhofe; die Gräber sind alle mit Liebe gepflegt und bilden blumenbesäete Hügel. Auffallend ist die Nüchternheit der Inschriften auf den Grabmonumenten, die außer Namen, Geburts- und Todesdatum gar nichts enthalten. Eine benachbarte Privatbesitzung zeichnet sich durch einen ungewöhnlich üppigen Garten aus; das Gaisblatt rankte üppig bis zum Dache der hölzernen Villa; Rosen, Flieder und Rotdorn blühten in baumstarken Exemplaren und auf grünem Rasenplatze sahen wir sogar eine mindestens 5 Meter hohe Araucaria. Ueberall in Molde finden sich Kastanien, Linden, Rotbuchen, Bergahorn und auch Kirschbäume in großer Menge. Den Hauptreiz der Gegend bildet aber wohl die unvergleichliche Aussicht von einem mit Anlagen versehenen kaum 80 Meter hohen Hügel auf die ins Grün gebettete Stadt hinab, den weiten tiefblauen Fjord mit seiner Inselwelt und den schneebedeckten Gipfeln der den Horizont abschließenden Bergketten.

An Bord zurückgekehrt wanderten wir noch lange deckauf und deckab; die Nacht war taghell; ununterbrochen flogen unsere Barkassen hin und her, brachten und holten — wer Lust hatte, zwischen Land und Deck hin und herzuwandern. Um 10 Uhr fuhr mit klingendem Spiel unsere Kapelle ans Land und konzertierte auf freiem Platze, wo Alt und Jung aus der Stadt zusammenlief. Erst nach Mitternacht schloß das improvisierte Volksfest mit der Nationalhymne, Umzug von Fremden und Einheimischen — Männlein und Weiblein — die Musik an der Spitze, durch die Straßen der Stadt; war auch die Sonne nach halb 11 Uhr noch unter den Horizont gestiegen, so blieb doch bis zum Wiederaufgang morgens halb 3 Uhr eine helle Dämmerung, welche jedes künstliche Licht überflüssig machte.

Donnerstag, 7. Juli, 6 Uhr morgens lichteten wir die Anker; vom Strande her wehten weiße Tücher zum Abschied; auch die vier englischen Schiffe waren zur Abfahrt bereit und in dem Takelwerk der Dreimaster stand, des Kommandos harrend, die Mannschaft — ein überaus malerischer Anblick.

Stolkjaerre.

In mehrstündiger Fahrt, auf welcher das Auge von einem Entzücken ins andere geriet, erreichten wir das südöstlich von Molde in verstecktem Fjord gelegene Naes, den Ausgangspunkt für den Besuch des Romsdals (d. h. Thal der Rauma), eines von hohen Bergen überragten und durch schönen Baumwuchs ausgezeichneten Wiesenthales, das uns außerordentlich an das Engelbergerthal von Stans bis Wolfenschießen erinnerte. Was Naes und weitere Umgebung an Fuhrwerken auftreiben konnten, stund — von Beyer aufgeboten — am Strande bereit, außer einigen Landauern hauptsächlich das charakteristische Vehikel Norwegens, die von den Bauern gestellte Stolkjaerre (Stuhlkarre), welche Platz für zwei Reisende und einen hinterhalb angebrachten Kutschersitz hat, sowie das zweirädrige einplätzige Kariol, auf welchem der Reisende in einer Art Sessel mit ausgestreckten Beinen sitzt, wobei die Füße in festen Steigbügeln ruhen; dabei kutschiert er selbst oder aber ein hinten aufsitzender Kutscher. Auch hier konnte man sich nur in englischer Sprache verständlich machen.

Wir mieteten einen Zweispänner und fort ging’s, bergauf und bergab, leider auf schrecklich staubiger Landstraße durch die malerische Gebirgslandschaft, welche durch die 5000 bis 6000 Fuß über der Thalsohle sich erhebende schneebedeckte Hexenzinne und das Romsdalshorn beherrscht wird. Die wenigen am Wege liegenden und oft in wilden Rosenbüschen verborgenen Bauernhäuser zeigen als Eigentümlichkeit mit Erde bedeckte flache Giebeldächer, auf welchen üppiges Buschwerk und Gras gedeiht — allerdings eine bessere Garantie gegen Feuersgefahr als die sonst hier auch üblichen Strohdächer.

Leider sind die blauäugigen wegelagernden Kinder hier — dank dem englischen Fremdenstrome — schon weiter in der Kultur als anderswo in Norwegen; man glaubt im Berner Oberland zu sein; kleine Sträußchen werden in die Wagen geworfen, sofern man sie nicht freiwillig kauft, und der blumenschleudernde Knirps bleibt mit großer Beharrlichkeit an der Seite des Dahinrollenden, bis sein Geschoß oder ein Geldstück wieder zurückfliegt. Auch strecken die kleinen Hände fremdes Geld her mit dem Imperativ: „Change!“ und kennen ganz genau den entsprechenden Münzwert.

Vierzehn Kilometer von Naes entfernt öffnet sich das Thal plötzlich zu einer weiten grünen Mulde, an deren nördlichem Abhang ein freundliches Wirtshaus liegt — Horgheim. Hier hatte sich bereits ein buntes Leben entfaltet. Dutzende von Amateurphotographen unseres Schiffes stunden mit ihren Apparaten wie Jäger auf dem Anstand und fingen und fixierten, was irgend möglich war, und mancher wird ahnungslos — nicht immer in der gerade gewünschten vorteilhaftesten Situation — auf dem lichtempfindlichen Papier eines Mitpassagiers mit diesem nach Hause wandern und dort das Licht der Welt wieder erblicken.

Staubbedeckt kehrten wir Mittags an Bord unseres Schiffes zurück, das uns nun schon als unsere zweite vertraute Heimat erschien, auf deren reinen, seefrischen Gründen wir uns mit Behagen herumtrieben. Nachmittags gab’s allerlei zu sehen, u. a. die Vorbereitungen zu einem Ball, der abends auf Promenadendeck stattfinden sollte. Der Hauptraum des Decks wurde mit Segeln gegen Wind und See abgeschlossen, mit bunten Flaggen und Tüchern recht geschmackvoll und seemäßig dekoriert und durch mächtige transportable elektrische Lichtreflektoren erhellt.

Die Schiffsbemannung wurde zur Ausfüllung der Muße dazu kommandiert, die Rettungsboote ins Wasser zu lassen und unter der Führung je eines Schiffsoffiziers Ruderübungen zu machen. Die fielen bei den Ungewohnten komisch genug aus. Die achtrudrigen Boote bewegten sich wie Maikäfer, die abwechslungsweise mit der Hälfte ihrer Beine an klebriger Unterlage stecken bleiben. Es war nicht gerade sehr ermutigend, daß von zum Teil offenbar ganz ungeübten Händen uns im Ernstfall die Hilfe kommen sollte.

Die Abfahrt von Naes, aus dem herrlichen Bergsee Romsdalfjord, erfolgte abends gegen 9 Uhr mit dem gewohnten, aber immer wieder packenden Abschiedsradau. Die Welt war in einer Farbenpracht, wie ich sie nie zuvor gesehen. Dieses Grün der Wiesen und Wälder, dieses glänzende Grau und Schwarz der mit Schnee bedeckten und teilweise auch noch schwarz gefleckten Felswände und dieses Marmorweiß der zu Thal stürzenden Bäche! Es muß in physikalischen Eigenschaften der hiesigen Luft liegen, daß alle die Farben so überaus viel intensiver ins Auge fallen als bei uns oder im Süden, sogar im Orient; dieselben Eigenschaften bedingen wohl auch die Thatsache, daß alle Distanzschätzungen hier viel zu knapp gemacht werden. Gletscherabbrüche, die 15 Kilometer zurückliegen, scheinen in einer halben Stunde erreichbar.

Bald nach der Abfahrt bewölkte sich der Himmel dicht und ganz bis auf eine lichte Zone über dem westlichen Horizont, an welcher das Wolkengewölbe wie ein steiler Wall abschloß. Die Sonne stund noch hinter dem Gewölk, vergoldete aber deren Saum und warf einen nordlichtartigen, gewaltigen Fächerschein auf die leichtgekräuselte See. Jetzt senkt sie sich als mächtige Scheibe in die lichte Zone des Horizonts; es sieht aus — nicht wie Abendrot, sondern als ob ein glänzender Tag anbrechen wollte.

Wir saßen auf Vorderdeck, in diesen herrlichen Anblick versunken. Was kümmerten uns die im Tanz sich drehenden reichen Toiletten, Frack und Seide, mit welchen, wie wir zu unserm Erstaunen gesehen, ein großer Teil unserer „Polarreisenden“ plötzlich zuvor bei Tisch erschienen war! Was kümmerte uns Tanzmusik und Champagner-Pfropfenknallen!

Die Beleuchtung wurde immer magischer. Auf die nun pechschwarz dräuenden Gebirgspyramiden fiel durch Wolkenlücken das Licht in goldenen Streifen, und diese wunderbar mit Schnee gekrönten Bilder spiegelten sich in der dunkeln, tintigglänzenden Flut wie auf poliertem Metalle.

Nochmals sahen wir auf der Rückfahrt durch den Moldefjord das liebliche Molde; dann ging’s zwischen der Insel Otterö und dem Festlande hinaus in die offene See und morgens 7. Juli früh in den Trondhjemfjord, wo wir angesichts der alten norwegischen Königs- und Krönungsstadt uns vor Anker legten. Vom Lande her tönte als freudig applaudierter Gruß der seit Hamburg vermißte Pfiff einer Lokomotive. Ich hätte nie geglaubt, daß dieses so prosaische und unmusikalische Geräusch — natürlich nur bei Landratten — so heimatliche Gefühle wecken könnte. Die in Drontheim (norwegisch: Trondhjem) endende Eisenbahnlinie beginnt bei Kristiania und ist, fast 600 Kilometer lang, die bisher einzig in Betracht kommende Bahnstrecke Norwegens.

IV.

Drontheim. — Effekt des Polarstromes. — Lerfos. — Verspätete zur Abfahrt. — Erste Wale. — Polarkreis.

Drontheim ist unter 63° 25′ nördlicher Breite weitaus die nördlichste der größern Städte Europas; sie liegt auf einer vom Flusse Nid gebildeten Halbinsel am Fjord gleichen Namens. Bedenkt man, daß die genannte geographische Breite dem eisbegrabenen Grönland entspricht und jenen Inseln des nordamerikanischen Archipels, in welcher seiner Zeit die Franklin-Expedition zu Grunde ging — Gegenden, in welchen im Winter das Quecksilber gefriert —, so ist man erstaunt über die reiche Vegetation dieser nordischen Stadt, wie der norwegischen Westküste überhaupt. Der Sommer Drontheims entspricht dem des südlichen Irland, der Winter dem milden von Dresden; der Fjord bleibt immer eisfrei und auch der einmündende Süßwasserfluß gefriert äußerst selten.

Diese geographische Abnormität verdankt Norwegen einer Warmwasserheizung (System und Qualität Gebrüder Sulzer, Winterthur), deren Heizkessel sich im mexikanischen Meerbusen befindet und deren Hauptröhre eine Breite von 400 Meilen, eine Tiefe von 1000 Fuß und eine Länge von vielen hundert Stunden hat und durch welche sie in der Sekunde 18 Millionen Kubikmeter warmen Wassers nach dem Norden wälzt. Zur Zeit Karls des Großen und bis fast vor 500 Jahren noch wälzte sich dieser tropische Warmwasserstrom auch noch nach Grönland, welches dazumal, wie auch der Name deutet, ein grünes Weidenland war. Noch vor einem halben Jahrtausend wohnte dort in 40 Dörfern eine Bevölkerung, welcher ein eigener Bischof vorstand, und nun ist das gewaltige Land völlig vereist und, wie der kühne Durchquerer Nansen zeigte, bedecken 300 Meter dicke Eisschichten die einst blumigen Triften. Die Ursache dieser unerhörten Veränderung soll darin zu suchen sein, daß die im Laufe der Jahrhunderte ins Meer vorgeschobene Korallenbank von Florida den Golfstrom von seiner ursprünglichen nördlicheren Richtung abgelenkt und Grönland vollständig entzogen hat. Für Norwegen aber bildet er den Träger alles Lebens und Keimens und seine Wirkungen erstrecken sich bis weit hinauf nach Spitzbergen und Nowaja Semlja — wie lange noch, wird man kaum mit Sicherheit sagen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen können. Die hohe Temperatur des Golfstromes in nördlichen Breiten war den Schiffahrern lange vor Entdeckung des Seethermometers aus dem Umstande bekannt, daß die Getränke im Kielraume der Schiffe warm wurden.

Ueber die Richtung des Stromes bekehrten anfänglich zufällige Befunde: Treibholz aus dem tropischen Amerika an der grönländischen Küste, Mahagoni- und Campechebäume in Spitzbergen etc. etc. Daß auch eine Strömung in entgegengesetzter Richtung stattfindet, beweisen die alljährlich zu Tausenden dem sibirischen Stromsystem entstammenden, an der Nord- und Ostküste Spitzbergens und anderer baumlosen Polarländer angeschwemmten Baumstämme.

Drontheim ist die Wiege des norwegischen Reiches. Hier wurden die Könige gewählt und auf den Schild gehoben. Der Kultus des heiligen Olaf, des Königs, dessen Leiche in silbernem Schrein hier bestattet lag, zog jährlich Tausende von Anbetern herbei, und vor der Reformation, welche diesen Pilgerzügen ein Ende machte, war Drontheim die reichste Stadt Norwegens. 15 mal ist sie — fast ganz aus Holz erbaut — im Laufe der letzten Jahrhunderte niedergebrannt. Jetzt zählt sie noch 35,000 Einwohner.

Wir fuhren sofort ans Land, wo wieder die lange Wagenreihe der Beyerschen Mietfuhrwerke bereit stund. Ein strammer Norwege, der auch yes und no sagen konnte, führte uns in seinem Zweispänner zuerst nach der landschaftlichen Hauptsehenswürdigkeit dieser Gegend, den Fällen des Nid, den sogen. Lerfos. Erst ging’s quer durch die Stadt, deren Straßen alle eine auffällige Breite — 30 bis 36 Meter — haben, zur Verminderung der Feuersgefahr; denn außer einigen öffentlichen Hauptgebäuden sind auch wieder alle Häuser aus Holz erstellt. Dann führte der Weg dem klaren Bergstrome nach, der zwischen dichtbewaldeten steilen Böschungen fließt, landeinwärts. Ab und zu nützt eine Mühle einen Bruchteil dieser mächtigen Wasserkraft; an einer Stelle sind drei riesige Steinpfeiler in Keilform im Flußbette aufgemauert, um die Wucht der Stromschnelle zu mildern. Die Ufer sind nicht durch Faschinen geschützt, sondern durch eine Vorrichtung, welche ich sonst nirgends gesehen: mächtige Balken sind durch eiserne Bindeglieder zu einer fortlaufenden, am obern Ende verankerten Kette verbunden, welche nun als beweglicher schwimmender Wall dem Uferrand, wo dies nötig schien, einen Schutz gewährt.

Die norwegischen Pferde, welche uns zogen, sind leistungsfähige, fettarme, aber sehr muskulöse kleine Tiere mit prachtvollem, unverkürztem Schweife und einer ungewöhnlich dichten Mähne. Tierquälerei wie im Süden haben wir nirgends gesehen und die Fürsorge für die Tiere zeigte sich in wohlthuender Weise vor einer stärkern Steigung der Straße, etwa eine Stunde hinter Drontheim — ungefähr unserm „Aumühlestich“ entsprechend — wo die Fahrenden durch eine Tafel am Wege zum Aussteigen aufgefordert werden. Hier war die Inschrift nicht nur norwegisch und englisch, sondern ausnahmsweise auch deutsch und lautete: „Man bittet das reisende Publikum, selbst den Berg zu spazieren, um die Pferde zu schonen.“ Das thaten wir denn auch gerne und freuten uns über die tierfreundliche Maßregel.

Die beiden Fälle des Stromes, bekränzt von schönem lichtem Laub- und Nadelholzwalde, sind wirklich sehenswert, namentlich der obere, wo die gewaltige Wassermasse, ähnlich wie der Rheinfall, durch einen Felsen in zwei Teile geteilt über 100 Fuß herunterstürzt und zum Teil als weißer Gischt wieder in die Höhe steigt. Wo oben die Fluten sich zum Falle anschicken, lassen sie in kristallklarer Tiefe wunderlich geformte und grell gefärbte Felsen in überraschender Schärfe erkennen, ein Bild, wie es Boecklin zu malen versteht.

Oberer Lerfos.

Nach Drontheim zurückgekehrt, besuchten wir vor allem den Dom, wohl das herrlichste Bauwerk des Nordens, von König Olaf Kyrre im elften Jahrhundert über dem Grabe Olafs des Heiligen gegründet und später bedeutend erweitert. Brand und Blitzschlag haben das Gotteshaus vielfach geschädigt und die 1869 begonnene und mit einem jährlichen Aufwand von 100,000 Kronen (ca. 140,000 Franken), beschlossene Restauration wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was zu sehen ist, ist von überwältigender Schönheit. Durch ein romanisches Kapitelhaus gelangt man in das in reichster Gothik ausgeführte Kuppelachteck, das durchbrochene, schlanke Säulengänge von in diesem gebirgigen nordischen Lande unerwarteter Zierlichkeit zeigt. Daran anschließend ist die in Kreuzform gebaute Hauptkirche. Die Wände sind aus graublauem Saponit, die Säulen — ein sehr wirkungsvoller Kontrast — aus hellem Marmor. Das Hauptschiff ist leider zur Zeit noch abgeschlossen und dient als Werkstätte. Um die Domkirche, die auch von außen einen erhabenen Eindruck macht, liegt ein freundlicher Kirchhof mit blumengeschmückten Gräbern.

Dom in Drontheim.

Bevor wir auf unser Schiff zurückkehrten, kreuzten wir ein bißchen die Straßen der Stadt, freuten uns über eine in flottem Stile aus Stein erbaute höhere technische Schule und über die prächtigen Straßenalleen aus der vollkronigen nordamerikanischen Pappel („Bobbulus balsamifera mid’n hardden B“ erklärte ein liebenswürdiger Botaniker den Mitreisenden, und „Ich bin Se nämlich aus Leibz’g“ fügte er als Entschuldigung für die Orthographie gemütlich bei.)

Punkt 6 Uhr sollten wir abfahren; die Falltreppe war aufgezogen, der Anker los; der Kapitän ließ das Schiff langsam wenden und die Kapelle spielte auf Oberdeck einen Abschiedsmarsch. Da kam aber noch ein verspäteter Nachzügler per Extraboot, dem man warten mußte. „Herr Kapellmeister, lassen Sie doch spielen: ’s kommt a Vogel geflogen!“ rief’s vom Promenadendeck herauf. Endlich war der Spätling geborgen, das Schiff gedreht und die zwei Schrauben arbeiteten vorwärts. Plötzlich wird aber nochmals Halt kommandiert; das Auge des Kapitäns hatte ein weiteres Hindernis erkannt und zehn Minuten später kam es auch uns gewöhnlichen Menschenkindern zu Gesicht: eine mit dem Nastuch winkende Dame, welche von zwei Norwegern mit Aufwand aller Kräfte zum Schiffe gerudert wurde. Von 400 wütenden Augenpaaren fixiert, stieg die Dame an Bord; es war eine wegen ihrer Rücksichtslosigkeit berüchtigte Wienerin, die „Jungfrau mit 16 Koffern und 30 Hüten“, die täglich zweimal in ganz neuer Toilette bei Tisch erschien und alltäglich — zur Qual des Stewards — Tischplatz und Kabine zu wechseln wünschte und gewöhnlich zu nachtschlafender Zeit um Thee und belegte Brötchen klingelte. Was den Passagieren aus Zoologie, Botanik und Meereskunde geläufig war, erhielt die Unglückliche als Titulatur, und man rechnete aus, daß die dreiviertelstündige Verspätung, welche sie dem Schiffe verursachte, genau für 300 Mark Mehrverbrauch an Kohlen bedeute.

Nun aber ging’s vorwärts, unausgesetzt nach Norden. Als ich am andern Morgen um halb 7 das Verdeck betrat, schwammen wir bei herrlichstem Wetter auf offenem Meere, und das Erste, was ich erblickte, waren zwei Wale in unmittelbarer Nähe des Schiffes, deren Rücken und die mächtige Schwanzflosse über Wasser guckten und die nach jeweiligem Tauchen das bekannte Schauspiel des aufspritzenden Wassersprudels in deutlichster Weise gewährten.

Um halb 9 Uhr passierten wir den Polarkreis — mit einem deutlichen Ruck, wie einige Herren den Grünen weißmachen wollten. Einem naiven Schiffsjungen führte man den Polarkreis durch einen dem Objektiv eines Fernrohres vorgespannten Faden in überzeugendster Weise zu Gesichte. Ein Kanonenschuß gab Kunde von dem wichtigen Moment, den einige Amerikaner wieder mit Sekt feiern zu müssen glaubten.

Möven und kräftige schwarzweiße Enten belebten das Meer; die letzteren, sogen. Lummen, tauchen so gewandt, bleiben so lange unter Wasser und bewegen sich nachher durch Schlagen des Wassers mit den Flügeln, wobei sie eine deutliche Bahn zurücklassen, so nach Art der fliegenden Fische vorwärts, daß es einige Zeit dauerte, bis ich sie in ihrer richtigen Eigenschaft erkannte. Sie sind so dick, daß sie nur bei Windströmungen weitere Strecken fliegen können.

Da das Wetter tadellos, ist alles an Bord in bester Laune. Selbstverständlich sieht männiglich nach großen Seetieren aus und der Ruf „Wale, Wale!“ schreckt auch die behaglich Schlummernden aus ihrer Ruhe. Alt und jung rennt zur Brüstung, die meisten, um nachher mit dem erhabenen Bewußtsein sich wieder zu legen, daß irgendwo ein Walfisch in der Tiefe der Salzflut vorbeigerudert sei.

„Sie Unterländer, kommen Sie doch mal ruff; hier oben ist’s viel schöner!“ ruft ein gemütlicher Süddeutscher den ein Stockwerk tiefer Weilenden vom Bootsdeck herab zu. „„Ne, Herr Notarius; kommen Sie sofort ’runter; wir trinken Cognäkker!““ schallt’s aus der Tiefe. „Ne, da finden Sie keine Gegenliebe; ich widme mich der Temperenz!“ Derartige Dialoge sind so die Durchschnittsqualität der Polarkreis-Konversation an Bord der „Auguste Viktoria“.

V.

Lofoten. — Mitternachtssonne. — Sonntag zur See. — Walfischdampfer. — Hammerfest. — Vogelriff. — Das Nordkap und seine Besteiger.

Gegen Mittag kam die südlichste der Lofoten zu Gesicht — die Insel Vaerö. Der Kapitän lenkte von der Kommandobrücke her unsere Aufmerksamkeit auf die den Fischerbooten oft so gefährliche Meeresströmung — Malström — zwischen Vaerö und der großen Insel Moskenaesö; die Strömung machte sich sogar dem Steuer unseres Kolossaldampfers bemerkbar.

Die malerischen, zum Teil noch schneebedeckten Gebirgsinseln der Lofoten und der Westeraalen ließen wir in mehrstündiger Fahrt rechts liegen. Das Küstengebirgspanorama wurde nachher von Stunde zu Stunde interessanter; bald passierten wir in der Nähe vorgelagerte Inselgruppen mit senkrecht abfallenden Felswänden, bald öffneten sich tief einschneidende Fjorde und mächtige schneebedeckte Gebirgszüge im Innern. Von unbeschreiblichem Reize war das Farbenspiel auf Wasser und Land.

Aber das Beste des Tages kam noch. Heute ging sie zum erstenmal nicht unter, die liebe Sonne; um Mitternacht stund sie als goldene Riesenscheibe noch 2° über dem Horizont und spiegelte ihr Bild im Meere, um sofort wieder den Kreislauf des kommenden Tages anzutreten. Der erhabene Moment wurde mit Musik und allgemeinem Umzug auf Deck und von den Amerikanern mit — Champagner gefeiert.

Mitternachtsonn auf den Bergen lag,

Blutrot anzuschauen.

Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,

Es war ein seltsam Grauen.

sagt Esaias Tegner.

Die Beleuchtungseffekte der um Mitternacht über dem Horizonte stehenden Sonne sind allerdings ungewohnte; aber das Entzücken vieler Reisenden über diese Erscheinung beruht, wie mir scheint, doch hauptsächlich auf einem Kontrastbewußtsein; wüßte man nicht an der Hand der Uhr, daß die zwölfte Stunde der Nacht da ist, so wäre das Schauspiel von einem gewöhnlichen Sonnenuntergange in nordischen Landen kaum zu unterscheiden.

Mitternachtssonne.

Für uns Reisende brachte die taghelle Nacht den Uebelstand, daß keine gleichmäßige Trennung von Schlafen und Wachen mehr stattfand. Man konnte lange sich rechtzeitig zu Bette legen; dutzend Andere zogen vor, beim Schein der nächtlichen Sonne fröhlich und munter zu bleiben und tagsüber zu schlafen; die armen Stewards mußten großenteils 24 Stunden per Tag auf den Beinen sein und die „nachtschlafenden“ Passagiere fanden auch keine Ruhe.

Am 9. Juli brach ein herrlicher Sonntag an. Um 6 Uhr ertönte vom Deck der Choral: „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern!“ — Hinauf in die reine, sonnige Meerluft! Die Kapelle hatte sich unterdessen auf Vorderdeck neben der Kapitänskajüte aufgestellt. „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren!“ schallte es vom Meer zum Himmel. Da kein Nebel und keine Wolke den Horizont trübte, ließ der Kapitän unser Schiff seinen Kurs über Hammerfest nehmen, was bei trübem Wetter ein Wagnis gewesen wäre. Auf diese Weise wurde uns der Anblick der nördlichsten Stadt der Erde (70° 40′) zu teil.

Eine Stunde vor erreichtem Ziele holten wir einen Walfischdampfer ein, der vier mächtige tote Wale nachschleppte. Unser Schiff hielt an und ließ das Fahrzeug dicht an uns herankommen. Da konnten wir die interessante Beute nicht nur sehen, sondern auch riechen; denn der eine der Riesen war schon stark in Verwesung übergegangen und durch Fäulnisgase zu einer unförmlichen Masse aufgetrieben. Ein zweiter trug noch die mächtige Harpune im Leib. Auffallend ist die regelmäßige parallele tiefe Längsfaltenbildung am Bauche des Tieres. Der kleine schwarze Dampfer, der wohl seit Wochen mit der Unbill des nördlichen Eismeeres gekämpft hatte, sah sehr mitgenommen aus; die Bemannung — ein halbes Dutzend bärtiger Norweger und zwei Jungens — stak in Ruß und Fett. Aber als unsere Kapelle ihre Nationalhymne spielte, da entblößten alle das Haupt und horchten unbeweglich und ergriffen den geliebten Tönen. Das dreifache Hurrah, das sie mit Schwenken ihrer geschwärzten Mützen zum Dank in die Luft hinaus schmetterten, entstammte — das fühlte man — der Tiefe ihrer Seele. An einem Seile wurden den Leuten, die wohl viele Entbehrungen durchgemacht, Brot, Fleisch und Pomeranzen hinübergeschleudert, und nachdem sämtliche an unserm Bord befindlichen photographischen Apparate sich des seltsamen Bildes bemächtigt, fuhr unser Koloß stolz von dannen und hatte den kleinen tapfern Rivalen bald aus dem Auge verloren.

Walfischdampfer.

Unmittelbar gegenüber Hammerfest wurde dann ein halbstündiger Halt gemacht, so daß man das seltene landschaftliche Bild gehörig in sich aufnehmen konnte. Die Umgebung der Stadt ist trostlos kahl. Kein Baum wächst da. Vom 18. November bis zum 23. Januar herrscht absolute Nacht; die Sonne erscheint während dieser Zeit nie und das Licht wird dann elektrisch produziert. Aber im Sommer ist reges Leben im Hafen, welcher den Hauptplatz für den Handel nach Rußland bildet. Auch die Fischerflotten nach dem Eismeer gehen von hier aus, und seit drei Jahren wird im Juli und August — sofern das Meer offen — alle acht Tage ein Postdampfer nach Nordkap und Spitzbergen geschickt, an welch’ letzterem Platze, in Eisfjord, die betreffende Gesellschaft sogar ein hölzernes Unterkunftshaus für Jäger und Touristen hat aufstellen lassen.

Die Häuser Hammerfests sind alle aus Holz gebaut und heben sich gegen das graue Gestein des Gebirges nicht sehr deutlich ab. Immerhin machen die Kirche und ein auf der Höhe liegendes großes Gasthaus, zu dem ein Zickzackweg führt, einen freundlichen Eindruck. Eine weithin sichtbare Granitsäule im Norden der Stadt trägt eine bronzene Erdkugel und erinnert an die russisch-skandinavische Meridianmessung der Jahre 1818-1852, welche in einer Ausdehnung von 25° 21′ vom Eismeer (Hammerfest) bis zur Donau (Ismail) durch Norwegen, Schweden und Rußland auf Befehl des Königs Oskar I. und der Kaiser Alexander I. und Nikolaus I. in ununterbrochener Arbeit ausgeführt wurde.

Daß Hammerfest auch den Ruf der kinderreichsten Stadt verdient, konnten wir bald sehen; der ganze Quai stund dicht voll kleiner Norweger und Norwegerinnen, welche das ferne Schiff anstaunten und die Weisen unserer Musikkapelle mit Applaus lohnten. Zuerst stieg die norwegische, dann die russische (Rußlands Grenze ist nicht weit entfernt und ein Vertreter der Nation offiziell in Hammerfest), dann die deutsche und endlich die amerikanische Nationalhymne. Lauter als alles aber tönte das markige Sempacherlied in meinem Herzen.

Unter Hurrah der ganzen Bevölkerung — die vielen hohen Kinderstimmen gaben aber entschieden den Ausschlag — schieden wir von der einsamen Stätte und wendeten unsern Kiel noch größerer Einöde zu. Die Landschaft wurde immer dürftiger. Gebirgsstöcke von auffällig regelmäßiger Pyramidenformation begrenzen den Fjord; eine Felswand zeigt die ganz überraschenden Züge eines menschlichen Gesichtes: einer riesigen, fragend und drohend nach dem ungewissen Norden schauenden Sphinx. Ueber die knapp mit Moos bewachsenen Felsabhänge und über steile Schneefelder eilten Herden von Rentieren mit der Gewandtheit von Gemsen und wurden durch das Nebelhorn unseres Schiffes zu raschester Gangart aufgeschreckt. In der steinigen Einöde sah man zur Seltenheit einmal die Hütte einer Lappenfamilie. Dann brachte etwa der Ruf „Wale! Wale!“ Abwechslung in die Einförmigkeit; alles stürzte nach der entsprechenden Schiffsseite, um mit allgemeinem Gelächter der Enttäuschung ein paar harmlose, in elendem Nachen vorbeirudernde Lappen zu begrüßen.

In dieser Situation gedieh der Kalauer und wuchsen die Vermutungen über Andrees Schicksal im Quadrate der Annäherung an den Punkt seines kühnen Aufstieges. „Glauben Sie nicht, daß wir Andree suchen wollen, Herr Doktor?“ meinte ich zu dem gemütlichen, stets von seiner Gattin begleiteten Botaniker aus Leipzig. „„Nee, meine Frau leidet es nischt, daß ich And’re nachlaufe.““

Eine große und interessante Abwechslung brachte die Vorbeifahrt an dem steilen Vogelriff Svaerholt-Klubben. Dort nisten zu Millionen Eiderenten, Alken und Möwen, und durch hingeschleuderte Raketen aufgescheucht schwebten sie als kreischende, mächtige Wolke in die Luft, wo sie im Glanze der Sonnenstrahlen die Erscheinung eines dichten Schneegestöbers vortäuschten, oder stürzten sich lärmend in die mit weißer Brandung aufspritzenden Fluten, um bald wieder zu ihren häuslichen Pflichten zurückzukehren. Die Felswand ist siebartig mit Nestern bedeckt. Angelehnte Leitern ermöglichen den herfahrenden Fischern, einen Teil der Eier wie auch die kostbaren Flaumfedern zu erbeuten.

Abends gegen halb 9 Uhr stund es vor uns, „der Grenzstein der Schöpfung“, wie Tacitus es nannte, das nördliche Ende Europas, der schwarze, unheimliche, zerrissene Koloß des Nordkaps. Wir ankerten in einer Bucht der Ostseite, wo im Sommer ein Fischer in elender Hütte wohnt und ein wackeliger Landungssteg den Zutritt zum Lande ermöglicht. Der von dort ausgehende Weg war schon vom Schiff aus zu erkennen, zuerst als unregelmäßige, steil aufsteigende Linie, dann als Zickzacklinie über Felsen und Schneefelder, als ob der Blitz die Spuren gezeichnet hätte.

Das Nordkap.

Nun ging’s ans Ausbooten. Der Erste, der nach oben wanderte, war der vielgeplagte Postmeister, der u. a. 4000 — sage viertausend — Ansichtspostkarten auf die Spitze des Kaps zu schleppen hatte, um sie dort abzustempeln. Der arme Mann zeigte mir nachher seine mit Druckblasen bedeckte rechte Hand. Die Ansichtskartenwut erreicht überhaupt auf der „Auguste Viktoria“ den höchsten Grad. Vor jeder Station werden ihrer zu Tausenden gekauft und beschrieben, und die Gesamtziffer der auf dieser Fahrt versandten Kartengrüße dürfte 20,000 wohl übersteigen. Hinter dem Postmeister kletterten die tapfern Musikanten, die sogar die große Pauke mit in die Höhe schleppten. Als wir ans Land fuhren, war der Weg bis oben schon durch wandernde schwarze Punkte gekennzeichnet, die sich namentlich auf dem Schnee mit geradezu komischer Deutlichtkeit abhoben, unten sehr dicht, nach oben zu aber immer dünner gesäet erschienen.

Ich hatte die Fürsorge über fünf Damen übernommen; drei verzichteten nach einer Viertelstunde, zwei brachten es bis zur Schneegrenze! Dort kämpfte in mir die Lust, den Spaziergang nach oben fortzusetzen, mit dem ritterlichen Gefühle der Verantwortlichkeit für meine Schutzbefohlenen. Das letztere siegte und ich zog — als schützender und stützender Bergführer, welche Eigenschaft nicht hinderte, daß ich einigemal sehr unsanft auf den nassen, steilen Weg zu sitzen kam — den Rückzug an. Der Weg war aber auch unter aller Kanone. Ein Seil, das an den schlimmsten Strecken Stütze gewähren sollte, war so miserabel befestigt, daß es an den meisten Stellen als loses Tau am Boden lag, und oben, wo der kritischste Aufstieg begann, hörte es überhaupt auf.

So lagerten wir uns denn, glücklich unten angelangt, auf moosigem Grunde, freuten uns über die bunte darin wurzelnde Flora und sahen nicht ohne Behagen den alpenklubbistischen Versuchen unserer Mitpassagiere zu. Da gab’s zu lachen! Manch’ Einer, der mit welterobernder Miene an uns vorbeizog und im Sturmschritt die ersten 300 Meter durchschritt, kam eine halbe Stunde später als geknickte Rose mit demütigster Miene oder auch polternd und fluchend zurück. Spezielles Vergnügen machte uns ein Hüne von Gestalt, der im sichern Bewußtsein, den Grenzstein Europas spielend zu ersteigen, wie ein Sieger an uns vorüberschritt. Aber wie kehrte er über ein Kleines zurück! Ich habe schon Menschen auf einem und auf zwei Beinen und in allen möglichen Gangarten marschieren sehen, auch auf allen Vieren; ich sah die Species homo sapiens schon hüpfen, tanzen, kriechen etc. — aber diese hier vor Augen geführte Gangart war mir völlig neu. Im Gesichte den Ausdruck von Angst und Entsetzen, den Körper in Rückenlage, als ob er sich gegen einen aus der Luft anstürmenden Drachen kampfbereit stellen wollte, rutschte der Unglückliche auf drei Extremitäten Zoll um Zoll vorwärts, während die vierte krampfhaft das am morastigen Boden liegende, schlaffe Seil hielt, von dem alles eher als irgend ein Halt zu erwarten war. So kroch die Jammergestalt zu Thal, die Rockschöße im Schlamme nachschleppend, und mag wohl Gott gedankt haben, als sie wieder horizontalen Boden unter den Füßen fühlte. — Wenig bessern Erfolg zeigte ein sehr trinkbarer und korpulenter Weinbaron, der sich die Seitentaschen mit Rheinweinflaschen vollgepfropft hatte. Von fünf zu fünf Minuten schuf er eine Labestation und ehe die Mitte des Aufstiegs erreicht war, ging der Vorrat an „Stärkungsmaterial“ und der Thatendrang zu Ende; schweißtriefend und pustend kehrte Sir Falstaff nach dem sichern Ufer zurück. Als einer der letzten kam der Schiffsdoktor und machte meine Prophezeiung, er werde die obern Stufen des Parnassos nicht erreichen, glänzend zu Schanden. — Von den 360 Passagieren gelangten kaum 100 bis zur Spitze des Kaps. Dort wurde in einer Hütte Champagner ausgeschenkt. Der Wirt soll an dem Abend 2000 Kronen eingenommen haben.

Einen ergreifenden Eindruck auf die oben Versammelten machte es, als die Musikanten im Glanze der zum Horizonte sich senkenden Sonne das Kreutzersche: „Das ist der Tag des Herrn“ intonierten. Ein kleines Intermezzo schuf die übermütige Champagnerlaune eines Amerikaners, der auf der zu Ehren seines Besuches von Kaiser Wilhelm errichteten Steinpyramide eine leere Champagnerflasche mit der amerikanischen Flagge aufpflanzte. Kurz besonnen fegte eine kleine deutsche Dame das taktlose Zeug herunter; der Uebelthäter aber machte seine Unbesonnenheit dadurch gut, daß er — von ältern Herren aufgefordert — der Germanin ordentlich Abbitte leistete.

Um 12 Uhr waren wir an Bord und genossen das Schauspiel der Mitternachtssonne nochmals in glänzendster Weise. Drohend stieg vor uns das grausige schwarze Gestein des Nordkaps in die Höhe, am Fuße in glänzend grüne Vegetation gebettet. Das Meer war wie wogende Tinte und der Reflex der Sonne in der bewegten Flut gewährte ein zauberhaftes Bild. Der lichte Horizont grenzte mit eigentümlicher Schärfe gegen das schwarze Meer ab. Bis gegen 2 Uhr sah man sie — die das Kap besiegt — die Zickzackwege herunterkrabbeln; zwei Matrosen begingen sogar die Tollkühnheit, über die steilen Schneeflächen mit Blitzesschnelle herunterzurutschen.

Noch näherte sich ein kleines Fischerboot unserm Schiffe; zwei frisch gefangene Halibutten, von welchen jeder 100 Kilo wog, wurden für 80 Kronen als Nahrungsmittel für uns erstanden. Um 2 Uhr ertönten die letzten Weisen unserer unermüdlichen Schiffsmusik; dann wurde der Anker gelichtet, vorwärts ging’s — im taghellen Lichte der Nachtsonne — dem Eismeere zu.

VI.

Bäreninsel. — Eisberge. — Fahrt durch das nördliche Eismeer. — Gang durch das Schiff. — Passagiere. — Tageseinteilung.

Offene See zwischen Digermulen und Aalesund, 18. Juli 1899.

Unser Kurs geht wieder nach Süden. Spitzbergen liegt hinter uns. Wir haben allerdings die Tücke des nördlichen Eismeeres erfahren müssen, indem ein plötzlich auftretender dichter Nebel, der die Fahrt in jenen Gewässern zu einer äußerst gefährlichen gestaltet hätte, uns zu früherer Rückkehr zwang, als beabsichtigt war; aber ein hochinteressantes Stück des merkwürdigen Länder- und Meeresstriches haben wir doch gesehen.

Im Sonnenglanze und unter den Klängen unserer Schiffskapelle setzte sich die „Auguste Viktoria“ um 2 Uhr am Morgen des 10. Juli vom Nordkap weg in Bewegung; ihr nächstes Ziel war die Bäreninsel. Erst gegen 4 Uhr gab’s Ruhe an Bord; so lange ließen mich das vom Promenadendeck her schallende frohe Lachen und die auf unsern Köpfen promenierenden Nachtwandler und -Schwärmer nicht einschlafen. Der folgende Tag machte ein düsteres Gesicht: bleigrau der Himmel und grau, ohne Glanz, das Meer; dazu eine Temperatur von 5° C. Fröstelnd und in alle verfügbaren Mäntel und Teppiche gehüllt saß man auf Deck oder in geheizten Gesellschaftsräumen. Nachmittags blies ein eisiger Wind; die Luftwärme sank auf 2°; jetzt erst kam uns die Anwesenheit im nördlichen Eismeere zum Bewußtsein. Seevögel und zur Seltenheit der mächtige Rücken eines Wales brachten etwas Leben in die sonst trostlose Meereinsamkeit; einmal glitt auch eine Gruppe von sechs solcher Kolosse an uns vorüber — es waren wohlgezählt ihrer sechs —, aber als ich nach 10 Minuten auf die andere Bordseite kam, hörte ich schon von zwölfen erzählen und bei der Tafel sprach man manchenorts von der Walfischherde von „mindestens zwanzig Stück“, während ein jugendlicher Nimrod im Rauchzimmer nachher „gegen hundert“ beisammen gesehen haben wollte.

Gegen 5 Uhr kam die Bäreninsel in Sicht, ausnahmsweise einmal nebelfrei, aber von dichtem Gewölk überlagert. Dieses unter 74° 30′ n. Br. liegende Eiland wurde 1596 entdeckt und nach einem daselbst erlegten über 12 Fuß langen Eisbären so benannt. Jetzt paßt dieser Name nicht mehr, da kein einziges jener wilden Tiere dort mehr zu finden ist. Das unbewohnbare, 68 Quadratkilometer große Gebirgsland gehört ausschließlich der Vogel- und Fischwelt und den Walrossen, von welchen Ungeheuern einstens von einer englischen Expedition unter Bennet innert sieben Stunden nahezu 1000 Stück erlegt worden sein sollen. Die Insel besteht aus einem 50-100 Meter hohen felsigen Plateau, über welche sich am südlichen Ende der 400 Meter hohe Elendsberg erhebt, so benannt, weil von seinem Gipfel herab ein Schiffer die Zerstörung des ihn abholenden Bootes mitansehen mußte. Daß auch dieses vergletscherte Land einst bessere Zeiten gesehen, beweisen die Steinkohlenlager, welche in mächtigen Schichten zwischen Thonschiefer, Sand- und Kalkstein zu finden sind und die wohl hauptsächlich Deutschland den Besitz der Insel als wünschenswert erscheinen ließen. Bei der Annäherung entdeckten wir starke Treibeismassen, die auffallend — schon auf große Distanz — gegen die Meeresfläche abstachen, und einen prachtvollen Eisberg von Pyramidenform. Sein Ursprung von einem der grandiosen Gletscher Spitzbergens war schon aus seiner durchsichtig blaugrünen Farbe und seiner absoluten Schneefreiheit ersichtlich. Wenn man sich vergegenwärtigte, daß das, was man über dem Wasser schwimmen sah, nur ⅛ der Größe des Kolosses ausmachte, so erhielt man Respekt vor diesem schwimmenden Riesen und vermied es gerne, in seine unmittelbare Nähe zu kommen. Beim Drehen des Schiffes zeigte der Eisberg die ganz unverkennbare Form eines schwimmenden — Kameles, was von uns als zarte Anspielung aufgefaßt wurde auf uns Passagiere, die wir, wie dieser Wüstenbewohner, den warmen Süden verlassen hatten, um im unbehaglichen Norden zu frieren. Walrosse, welche einige Beobachter am Fuße des Eisberges zu sehen versicherten, konnte ich mit unbewaffnetem Auge nicht als solche qualifizieren; wir wollen hoffen, daß es solche gewesen sind, sonst hätten wir auf der ganzen Reise keine andern als bis auf die glotzäugige Fratze im Wasser verborgene zu Gesichte bekommen. Ein zweiter Eisberg war dicht mit Vögeln besetzt, die beim Ertönen unserer Dampfpfeife mit Gekreisch in die Luft flogen.

Als wir uns dem nordwestlichen Ende der Insel näherten, zerriß plötzlich die Wolkendecke und in voller Schönheit erglänzten die sonnbestrahlten vergletscherten Flächen und Abbrüche des Hochplateaus. Auftauchende Masten erwiesen sich als einem deutschen Schiffe angehörig, dessen Flaggengruß von uns erwidert wurde.

Bald hatten wir die phantastischen Formen der felsigen Insel mit den zahllosen durch das Meer benagten Klippen aus dem Auge verloren und uns empfing wieder die trostlose Einöde des bewölkten Eismeeres. Diese Situation, bei der doch weiter nichts zu sehen ist, benütze ich, um dich, lieber Leser, zu einem Gang durch das Schiff einzuladen, bei welcher Gelegenheit du auch einige der Mitreisenden kennen lernen sollst.

Beginnen wir in der Morgenfrühe in meiner Klause, der Kabine oder Schiffskammer, wie das Ding seit der deutschen Sprachreinigung genannt wird. So früh als möglich, meist aber erst nach 6 Uhr, schwinge ich mich, eine kleine akrobatische Leistung, aus der Apfelhurde, hier Bett genannt, und erfülle die Pflichten eines zivilisierten Menschen zur Erzielung einer gewissen Salonfähigkeit. Der Begriff ist Gottlob dehnbar; ich lebe nach dem landläufigen vaterländischen und kümmere mich wenig um Gehrock und Lackschuhe, wie sie unter den mitreisenden „Touristen“ der „Auguste Viktoria“ allerdings überraschend zahlreich vertreten sind; ja sogar Frack und Cylinder und weiße Weste fehlen nicht, für den Aufenthalt auf Spitzbergen besonders nützliche Gegenstände. Nachdem ich mich durch Poltern an der Wand über den Grad der kulturellen Entwicklung meiner lieben Nachbarinnen informiert, lass’ uns auf Deck steigen. Der Weg führt eine Treppe in die Höhe, dann zwischen den wuchtig arbeitenden Maschinen hindurch in das Gebiet der Oberdeckkabinen; dort liegen auch Bäckerei, Konditorei und Küchenlokalitäten; durch die geöffneten Thüren sehen wir Köche und Bäcker in voller Arbeit; in mächtigen Kesseln wird Fleisch gesotten — die Passagiere wollen ja täglich zweimal frische Bouillon haben —; auch Nase und Ohr bekommen ihr Teil; aus der Konditorei strömt Vanilleduft, und in der Hauptküche keift der Oberkoch mit einer durchdringenden, so phänomenalen Tenorstimme, daß ich Lust hätte, ihn für den O.-G.-V.[2] zu werben, wobei allerdings seine kulinarischen Fähigkeiten Einbuße erleiden müßten.

Eine weitere Treppe führt uns auf den Mittelpunkt des an Bord pulsierenden Lebens, auf das Promenadendeck. Die vornehme Welt schläft noch und unbenützt stehen vorläufig die 400 eleganten, mit Plaids und Büchern belegten Liegestühle in langen Reihen neben einander, um im Laufe des Tages nach allen möglichen Plätzen des Schiffes geschleppt zu werden. Wie schön ist doch die Welt vom Stand- oder vielmehr Liegepunkte einer solchen Lagerstätte aus! Sind Beine, Arme, Kopf und Augen in der zweckmäßigsten Position, um ja nichts Interessantes sich entgehen zu lassen, so ist man nach wenig Minuten eingeschlafen und läßt schnarchend die malerischsten Fjords und die größten Walfische an sich vorüberziehen.

Während Schiffsjungen und Deckstewards das Deck durch Wasserströme und Putzlappen unsicher machen, steigen wir noch eine Treppe höher, auf Bootsdeck. Von dort herab beherrscht der Blick die ganze Umgebung des Schiffes; dort steht auch die elegante Kapitänskajüte und vor ihr das Navigationszimmer, mit Karten und wissenschaftlichen Apparaten, über welchem die Kommandobrücke aufgebaut ist. Unablässig promeniert dort oben, mit bewaffnetem Auge den Horizont musternd, einer der beiden Lotsen; im Mastkorb ist außerdem ein ausschauender Matrose und bei schlechter See oder trübem Wetter noch ein zweiter an der vordersten Spitze des Schiffes.

Hier, auf dem Vorderteile des Bootsdeckes, um Kapitänkabine und Kommandobrücke, ist der Lieblingsplatz derjenigen, welche gern viel sehen und, ungestört vom Menschengetriebe, die Naturwunder genießen möchten und welche es nicht fürchten, wenn ihnen ein bißchen Seewind um die Ohren pfeift. Zu diesen gehört das kleine Trüpplein Schweizer an Bord der „Auguste Viktoria“. Nur Küchendunst und die Donnerwetter des Tenoristen am Bratspieße stören gelegentlich den Frieden dieses Hochplateaus. Dafür kann man sich den Spaß machen, durch die offenen Lücken aus der Vogelperspektive das Leben und Treiben der Köche zu beobachten und vor allem ihre fabelhafte Gewandtheit im Tranchieren von Fleisch und Geflügel bewundern.

Unterdessen fängt das Promenadendeck an sich zu beleben. Ein’s nach dem andern erscheint; man erzählt sich die Erlebnisse der vergangenen Nacht; es gibt Leute, die immer gerade dann etwas ganz besonders Interessantes und Merkwürdiges gesehen haben wollen, wenn andere zu Bett lagen. Darüber allmorgendlich schmerzliches Lamento: „Sieh’ste Aujust, ich sachte ja doch, wir wollten noch en bischen auf Deck bleiben; da haben wir nun wieder die janze schöne Jeschichte verpaßt!“

Allem Ärger und Geplauder macht das um 8 Uhr ertönende Trompetensignal ein Ende. Es ist die deutsche Infanterie-Tagwacht. Der beauftragte Bläser rennt wie besessen im ganzen Schiff herum, bis die Schläfer wach und die Hungrigen am Frühstückstisch versammelt sind. Gespeist wird in drei großen Sälen, von welchen die zwei übereinanderliegenden auf Vorderdeck mit fürstlichem Luxus ausgerüstet sind, während der Speisesaal auf Hinterdeck — bei den Fahrten über den atlantischen Ozean den Passagieren zweiter Kajüte dienend — etwas weniger prunkvoll, aber sehr behaglich aussieht. Uns führte das Los in den sogenannten weißen Saal auf Vorderdeck; dort ist man zu je zehn Personen auf bequemen Drehfauteuils an einem Tische gruppiert, und selbstverständlich waren wir anläßlich der ersten Mahlzeit begierig zu wissen, mit welchen Menschen uns das Schicksal zusammengewürfelt hätte. Unterdessen aber, im Laufe der seither verflossenen Wochen, haben wir uns gegenseitig kennen gelernt und ich habe die Ehre dir vorzustellen: Herrn und Frau Dr. K. aus San Remo, eigentlich aus Leipzig, ein unter seinen Fachgenossen sehr bekannter Botaniker, wohl der meistgereiste Mann an Bord; er hat zweimal die Erde umkreist, war jahrelang in Südamerika, kennt Afrika vom Süden bis zum Norden und ist in Asien unheimlich zu Hause; nur Australien blieb ihm bis heute fremd; aber „das machen wir in zwei Jahren“ versichert der reiselustige Pflanzenkundige, der nebenbei die fabelhafte Kunst versteht, ohne Gepäck zu reisen und doch alles, dessen man etwa bedürftig sein könnte, vom Thermometer bis zur Konvexlinse, aus seinen Rocktaschen hervorzuzaubern. Ein unverwüstlicher Humor und ein köstlicher Appetit machen dieses lebendige botanische Konversationslexikon zu einem sehr angenehmen Tischgesellschafter; wir sind Konkurrenten im Vertilgen von Butterbrötchen und verachten manches Feine, was die Speisekarte bringt, so vor allem die ewigen gebratenen Puter oder Gebrüder Puter, wie wir die Firma nennen, weil sie stets als „Gebr. Puter“ auf dem Menu stehen. Unsere weiteren Tischgenossen sind zwei feine und liebenswürdige Familien aus Tönning (Schleswig-Holstein): ein königlicher Landrat mit seiner Frau, „aus Magdeburg an die Waterkant versetzt“, und ein holstein’scher Gutsbesitzer, Nimrod in allen Fibern, dem es gehörig in den Fingern juckte, als er auf Spitzbergen den Fürsten Metternich und Gefolge zur Jagd ausziehen sah und der, Besucher und Kenner unseres lieben Vaterlandes, mit seiner feingebildeten, vortrefflichen Frau uns Schweizern gleich zu Anfang mit kräftigen Sympathien begegnete. Vergessen darf ich nicht eine ihrer Obhut unterstellte junge Dame, welche, stets Sonnenschein auf dem Gesichte, durch ihr frohes Lachen und ihre natürliche Fröhlichkeit wesentlich zur Erhöhung der richtigen Tafelstimmung beiträgt.

Deckszene.

Zum Frühstück liefert die Küche — außer Thee, Kaffee und Chokolade mit Zubehör, täglich frischen Brötchen und Hörnchen etc. — noch alles Mögliche an kalten und warmen Fleisch-, Mehl- und Eierspeisen. Der Gewohnheit treu begnügen wir uns mit dem „Ordinäri“: Kaffee und Butterbrot, freuen uns, des Staunens voll, über den riesigen Appetit anderer, speziell der Amerikaner, die des Morgens schon Unglaubliches leisten, und eilen sobald als möglich, vielleicht noch mit einigen Orangen oder andern Früchten der Tafel ausgerüstet, hinaus auf Deck, an die frische Luft. Dort, auf Promenadendeck, ist’s unterdessen lebhafter geworden; viele der Liegestühle sind in Beschlag genommen, und es wäre gute Gelegenheit, physiognomische Charakter- und, wer dazu Lust hat, auch Toilettenstudien zu machen; es ist namentlich die amerikanische Nation, welche die vielgestaltigsten Typen jedes Alters, vom Kinde bis zum Greise, liefert und aus ihren riesigen Koffern das Unglaubliche an Prunkgewändern hervorholt. Der Finanzlöwe an Bord ist der Amerikaner Wanamaker (Wonnemacher heißen wir ihn); er hat für sich und seine Familienangehörigen die besten Luxuskammern gemietet und soll die Kleinigkeit von 175 Millionen besitzen. Jener elegante Herr dort, mit schwarz und graukarierter Reisemütze, das pomadisierte Haar sorgfältig gescheitelt, das tropengebräunte, eigentümlich scharfe Gesicht glatt rasiert wie ein englischer Lord, mit elegant geschnittenem dunkelfarbigem Rock, enganliegender schwarzer Hose und Lackstiefeln, den ich jeden Morgen in aller Frühe bei „Wonnemachers“ heraustreten sah, mußte der unheimliche Millionär sein; ich betrachtete ihn volle acht Tage als solchen und machte ihn im Stillen verantwortlich für einige Prozent des sozialen Mißverhältnisses auf unserm Planeten, bis ich eines Morgens zu meinem Erstaunen den eleganten Erzmillionär — durch eine halbgeöffnete Kabinenthüre beim Stiefelwichsen beschäftigt sah, was meine Achtung vor ihm keineswegs verminderte, aber immerhin bei weiteren Begegnungen meinen Gedanken eine andere Richtung gab. Ich hatte eben den Diener für den Herrn angesehen; aber — beim Zeus! — Hosen- und Gesichtsschnitt waren auch darnach und rechtfertigten den Irrtum.

Dort in jener Ecke wird schweizerdeutsch gesprochen; da lass’ uns hingehen; es sind drei Herren aus Basel: der alte Junggeselle Dr. jur. L., der seit Jahren die Welt nach allen Richtungen der Windrose bereist, kein Schnelläufer zwar, aber ein sehr gewester Mann und gemütlicher Gesellschafter; an seiner Seite der zur Spezies der Rentiere übergetretene ehemalige Kaufmann R. (von uns in naheliegender Verballhornisierung seines Namens Respini genannt), stets tadellos vom Scheitel bis zur Sohle, und endlich — die Gelehrsamkeit zum Schlusse — der wohlbekannte Professor der Theologie, Herr Pfarrer B., ein flotter Läufer, der in nachtschlafender Zeit schon von Bord geht, um Land und Leute zu studieren, nebenbei ein geistreicher und humorvoller Plauderer. Die elegante Römerin, welche sich in unverfälschtem Züridütsch mit ihnen unterhält, ist die Gattin eines bedeutenden italienischen Ingenieurs, eine Frau, welche in der ewigen Stadt als Initiantin und unermüdliche Arbeiterin in allen menschenfreundlichen Bestrebungen eine hervorragende Rolle spielt. Sie, die gleich gewandt in allen modernen Sprachen, doch mit Vorliebe ihre Muttersprache spricht, rechnen wir auch zu den Unsrigen, wie auch ihren liebenswürdigen Mann, den Waldenser und alten Zürcher-Polytechniker, dessen Ohr unsere heimatlichen Laute sehr gut versteht. Es ist eine vornehme Erscheinung, Voll Geist und Gemüt und behaglich prickelndem Witze. „Das Schweizerdeutsch ist doch gewiß eine sehr schwere Sprache,“ wandte sich kürzlich ein Deutscher an ihn. „„Man sollte es kaum glauben; meine Frau spricht es nun seit 1½ Stunden ununterbrochen,““ meinte der mit Ungeduld dem Ende der vaterländischen Konversation seiner Frau mit meiner Schwester entgegensehende Gatte.

Weiter auf Deck! Da liegen sie schon in allen möglichen Positionen auf ihren Rohrstühlen, die Einen lesend, die Andern plaudernd und Ulk treibend, Einige bereits wieder in süßen Schlaf versunken. Du wirst mir zugeben, daß Gott Morpheus nicht immer die Züge verklärt; jedenfalls bin ich überzeugt, daß jener sonst so martialisch aussehende und gewöhnlich wie ein junger Kriegsgott über Deck steuernde Herr mit dem jetzt herabhängenden Unterkiefer und den entsetzlich nichtssagenden Gesichtszügen sich nicht als „schlafender Krieger“ möchte porträtieren lassen.

Von „Hoheiten“ sind an Bord: außer einigen deutschen Baronen ein italienischer Fürst mit seinem Leibarzt; dann der preußische Gesandte und bevollmächtigte Minister in Hamburg, Graf Metternich, dem der Damensalon der zweiten Kajüte als Wohn- und Schlafraum eingerichtet wurde und der immer allein speist, ein vornehm sich abschließender, aber in seiner äußern Erscheinung sehr einfacher Herr! — Von den übrigen Sterblichen stelle ich dir als freundnachbarlich Gesinnte noch vor ein prächtiges junges Ehepaar aus Konstanz, das Bild von Kraft und Gesundheit und frohem Lebensmut, das überall tapfer mitmacht, Nordkap und andere Hindernisse spielend besiegte und photographisch fixiert, was immer zu haben ist.

Der Gewalthaufen der Reisenden gehört Amerika und Deutschland; England ist gar nicht vertreten. Dagegen hört man einigenorts die gemütliche Wiener Sprache; u. a. ist anwesend Baron von Suttner (Onkel der Friedensfürstin) mit einer Tochter, der schon vor 45 Jahren mit seinem Erzieher ganz Norwegen bereist hat und ein damals angefertigtes Skizzenbuch zur Vergleichung mit der Gegenwart bei sich trägt — ein äußerst jovialer alter Herr und köstlicher Erzähler, bei dem allerdings das jetzige Norwegen gegenüber dem der guten alten Zeit bös wegkommt. „Früher verstanden die Leute wenigstens norwegisch; jetzt aber, seit so viel Englisches im Land ist, verstehen sie gar nichts mehr und glotzen Einen nur so an, wenn man in ihrer Muttersprache zu ihnen spricht.“

Vom langen Deckspaziergang ermüdet, und um angesichts des vielen Absurden und Unglaublichen, was die menschliche Kreatur zur Schau trägt, nicht ein loses M—und zu bekommen, lade ich dich zum Besuche der Gesellschaftsräume unseres Schiffes ein. Da thront über den Speisesälen erster Klasse ein Schreibesalon in goldüberladenem Roccocostil, Wände und Plafond künstlerisch bemalt, und in Verbindung damit eine wohlgeordnete Bibliothek, jede Ecke, wie überhaupt das ganze Schiff, vornehm elektrisch beleuchtet. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und es kommt angesaust der Library-Steward und präsentiert dir, was du aus dem aufliegenden Bücherkataloge ausgewählt hast. Auch alle Schreibrequisiten, vor allem hochelegantes Briefpapier und Enveloppen, stehen zu freier Verfügung und werden in unglaublicher Quantität, in tausenden von Bogen, beansprucht, großenteils auch verschleudert.

Da die Tische alle von schreibenden und whistspielenden Ladies besetzt sind, wandern wir weiter gegen die Mitte des Schiffes; dort liegt der Konversations- und Musiksalon, in seiner Ausstattung eine Sehenswürdigkeit für sich; in der Mitte ein herrlicher Flügel von Steinweg, extra für die „Auguste Viktoria“ gebaut und dem Stil des Raumes angepaßt. Zehn Schritte weiter betreten wir das Eldorado des Mannes, den Bier- und Rauchsalon I. Klasse, ein Wunder der Holzarbeit und Malerei, durch vier elektromotorische Ventilatoren gelüftet. Belegte Brötchen aller Art, vom Caviar bis zum geräucherten Lachs, liegen à discrétion bereit, und frisches Münchner, Pilsener und Lagerbier vom Faß ist jederzeit zu haben und wird sowohl zur Bekämpfung der Hitze wie zur Überwindung der Kälte gehörig genossen. Die Frage nach „frischem Anstich“ wird von dem Biersteward als persönliche Beleidigung aufgefaßt: „Was glob’n Sie denn! Wo’s Tag und Nacht so läuft wie bei uns, da soll’s ein lackes Bier geben?“

Von hier aus, in bequemem Rauchstuhl ausgestreckt, oder aber, wenn du es vorziehst, auf offenem Deck genießen wir das von 10-11 Uhr stattfindende Frühkonzert unserer Schiffskapelle. Ob’s windet und bläst, ob’s schwankt und rollt — die Kapelle thut ihre Pflicht; es soll sogar einmal vorgekommen sein, daß die beiden Clarinettisten abwechslungsweise je einige Takte ihre Stimme spielten und — über Bord seekrank waren, ohne je das Instrument aus der Hand zu legen. Allers, der Humorist, hat die Szene illustriert.

Um 11 Uhr ist große Prozession zu den bouillonspendenden Deckstewards; wer zu bequem ist, sich die Kraftbrühe selbst zu holen, dem wird sie auf einen Wink zum Liegesessel gebracht; der Zustand des Schlaraffenlandes, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, ist hier also ziemlich erreicht. Mit Erstaunen sehe ich einzelne Menschen von einer Mahlzeit zur andern laufen, immer hungrig und verdauungsfähig; kein Gericht überspringen sie, und wo allenfalls im Tage eine kleine Eßpause eintritt, füllen sie sie beim Bierglase mit Knuspern aus. Ich persönlich spüre gar nichts von diesem appetiterregenden Effekte der Meerluft, und es gibt kaum eine Gelegenheit, wo ich mich nicht von diesen Fleischtöpfen der „Auguste Viktoria“ zu der heimatlichen einfachen Küche zurücksehne.

Kaum ist der Bouillonspaziergang zu Ende, so tutet wieder der Trompeter von Eß-lingen, diesmal das bekannte Motiv aus Fidelio. „Meine Herren, es hat zum erstenmal geblasen“, ruft der Biersteward mit Stentorstimme in die lärmenden Tafelrunden. Ist das zweite Signal ertönt, so tritt Bewegung in die zu festen Gruppen kristallisierten auf und unter Deck. Jedes strebt seinem Speisesalon zu; der Tischsteward dreht deinen Stuhl, so daß Ew. Hoheit nur eine Sitzbewegung auszuführen brauchen, um ohne irgendwelche Mitbethätigung der Hände ernährungsbereit vor dem Teller zu thronen. Ist die Qual dieses zweiten Frühstücks vorüber, so tragen wir unsere durch den Konversationslärm geschädigten Ohren gerne wieder an die frische Luft, wo schwarzer Kaffee serviert wird und woselbst bei einem Deckspaziergang die erste Tagescigarre vortrefflich schmeckt.

Die Nachmittagsstunden werden verschieden ausgefüllt; Amerika treibt gerne allerhand Kurzweil mit Deckspielen, z. B. Ringwerfen und Plattenschieben; Deutschland spielt Skat, liest und schreibt oder politisiert, kalauert auch gruppenweise; denn bald explodiert’s da, bald dort mit unbändigem Gelächter, das auch Unbeteiligte mit fortreißt. Allerorts aber wird wieder fleißig geschnarcht und geschlafen, und manch Einer liegt, dem Irdischen entrückt, auf der Chaise-longue, die Quelle der Bildung aber, aus welcher er schöpfen wollte, das Buch, nebenan am Boden, oder dem zufrieden und gesättigt lächelnden Munde, der eben versicherte, nachmittags nie zu schlafen, entfällt die noch glimmende Cigarre, so daß der Entseelte erschreckt zusammenfährt und zu allererst sich umsieht, ob er wenigstens von niemanden beobachtet werde. „Jetzt hatten Sie aber ein Auge voll geschlafen, Herr X.!“ „„Was fällt Ihnen ein, Sie Jeheimspitzel! Sehen Sie denn nicht, daß ich mir eben was überlegte? Aber natürlich von so ’ne Jeistesarbeit haben Sie keene blasse Ahnung.““

Wem’s um ungestörte Arbeit oder Lektüre zu thun ist, der findet ganz oben, auf Bootsdeck, wohl ein verborgenes Plätzchen im Schutz und Schatten eines der vielen Rettungsboote; dort hat man den weitesten Ausblick aufs Meer und sieht auch im internen Schiffsleben allerlei ergötzliche Szenen. Zum Malen deutlich bleibt mir u. a. ein kleines Genrebild in Erinnerung. Zwischen zwei Booten geschützt sitzt bequem auf ihrem Rohrsessel zurückgelehnt die kleine Gouvernante von zwei amerikanischen Jungen und liest ihren Schutzbefohlenen vor. Der größere der Jungens liegt, das Kinn auf beide Hände gestützt und durch die vorgelesene Erzählung vollständig gefangen, auf der Segeltuchblahe des einen hochgelagerten Bootes und sieht unverwandt hinunter auf die Leserin; der andere aber, ein kleiner Schlingel, der auch die Pflicht hätte, zuzuhorchen, treibt hinter dem Rücken der ahnungslosen kleinen Erzieherin allerlei Unfug und sucht vor allem durch Grimassen und Gesten und Rupfen die Aufmerksamkeit seines Kameraden auf sich abzulenken.

Deckszene.

Wo man steht und geht hat man Gelegenheit, die freundliche Zuvorkommenheit aller Schiffsangestellten — vom Kapitän bis zum Schiffsjungen — zu erfahren. Nur der Zahlmeister macht gelegentlich eine Ausnahme, je nach dem Goldgehalte der Passagiere; das liegt eben wohl in seinem Berufe.

Um 7 Uhr ist wieder große Fütterung, an welcher wir Eß-kimos (der sächsische Botaniker belohnt diesen Kalauer mit einem Pfennig) unter den Klängen der Tafelmusik nochmals mindestens eine Stunde uns beschäftigen. Die jeden Tag originellen und dem jeweiligen Aufenthaltsorte angepaßten Menus sind künstlerische Leistungen des Farbendrucks, welche in Hamburg extra für diese Fahrt angefertigt wurden. Eine eigene Druckerei an Bord besorgt alltäglich das Weitere, auch die Herstellung der Konzertprogramme etc.

Um halb 9 Uhr ist auch die zweite Tortur des Tages, das Diner, glücklich vorüber, und wir können als freie Bürger uns wieder auf Deck tummeln und die Schönheiten der taghellen nordischen Nacht genießen. 10 bis 12 Uhr ist nochmals Konzert für die Bier- und Musikbedürftigen, 12 Uhr sogenannte Polizeistunde, aber stets ohne Erfolg. Sind wir endlich in unsere Koje gekrochen und haben uns nach Abdrehen der elektrischen Glühflamme schlafgerecht gelagert, so schwinden unter dem einförmigen Pulsschlag der Maschine bald unsere Sinne, und in unlogischer Verwirrung umgaukeln den Träumenden die Bilder des vergangenen Tages — meist auf heimatlichen Boden verpflanzt.

Alles in allem, lieber Leser, ist unser Schiff, wie du siehst, eine kleine abgeschlossene Welt für sich, in welcher die Menschen (abgesehen von dem Zwange der gemeinschaftlichen „frugalen“ Abfütterungen) nach ihrer Individualität leben, arbeiten und genießen, Bier oder Wasser trinken, nachts schlafen oder schwärmen, als Einsiedler oder als „Gesellschaftstier“ die Tage vollbringen, mit vollen Zügen die Naturwunder in sich aufnehmen oder aber sich langweilen. Daß einige Damen beim Passieren der herrlichsten Szenerien, wo aller Andern Auge mit Entzücken auf Gottes schöner Welt ruht, derselben blasiert den Rücken kehren und ihre Aufmerksamkeit auf den Stickrahmen konzentrieren, habe ich mit heimlichem Ärger hier oft gesehen. Zu Hause hat ihr Stickrahmen wohl gute Ruhe.

Nun aber weiter nach Spitzbergen!

VII.

Spitzbergen. — Gletscher- und Eiszeit. — Einfahrt in den Eisfjord. — Ankunft in Adventbay. — Erster Besuch der Küste.

Gegen Mittag des 11. Juli kam Land in Sicht, und um 1 Uhr waren wir der Küste so nahe, daß Einzelheiten deutlich unterschieden werden konnten. Zwischen den mächtigen, zum Teil schneebedeckten, oft aber als dunkle Felswände jäh abstürzenden Pyramiden erschienen großartige Gletscher, als nach unten breiter werdende Eisströme ins Meer sich ergießend. Die bläulich schimmernden Abbruchflächen werden direkt von der dunklen Meeresflut bespült. Unter dem fürchterlichen Drucke, welcher die gletscherbelasteten Felsgebirge zu glatten Mulden ausschleift, drängen diese Eiswelten dem Meere zu und brechen ab, sobald die stützende Unterlage fehlt, um als Eisberge dem Polarstrome folgend Amerika zuzusteuern und allmählich unter der auflösenden Kraft der Sonne zu verschwinden. Es ist etwas Erhabenes, diesen Prozeß, der sich ungezählte Jahrtausende zurück u. a. auch von den Alpen gegen die deutschen Ebenen zu abspielte und dessen Spuren und Wegweiser die mächtigen erratischen Blöcke bilden, hier in natura sich vollziehen zu sehen. Gegenüber diesen Pulsschlägen der Ewigkeit zerstiebt die Sekunde Menschenleben in Nichts. — Die Breite des größten Gletschers von Westspitzbergen, mit welcher derselbe gegen die Meeresfläche abstürzt, beträgt 20 Kilometer. Es wurden Eisberge, d. h. isolierte Abbrüche desselben beobachtet, deren Gesamtvolumen auf 4000 Millionen Kubikmeter berechnet werden konnte. Scoresby sah eine Eismasse von der Größe einer Kathedrale aus einer Höhe von 400 Fuß ins Wasser fallen.

Gletscherpartie (Spitzbergen).

Um 4 Uhr erreichten wir bei aufgehelltem Himmel die Einfahrt in den Eisfjord (78° 11′ nördl. Breite); die so benannte Meeresbucht ist beidseitig mit Gebirgsstöcken von auffallend gleichmäßiger Form begrenzt. Alle zeigen ein Hochplateau, das enorm steil zum Meere abfällt; dazwischen liegen tief eingeschnittene Thäler. Die steilen Abhänge sind merkwürdig regelmäßig parallel gerifft. In den parallelen Schrunden liegt wie auch oben blendend weißer Schnee, in grellem Kontrast zu dem dunkeln Gestein, so daß die Gebirgszüge wie sorgfältig vom Konditor kandierte Kuchen aussehen.

Einfahrt in Adventbay.

Wir biegen ab in eine Seitenbucht, die sogenannte Adventbay. Dort hat sich, teils durch Anschwemmung, wesentlich aber wohl durch Abwitterung, welche durch Ebbe und Flut geglättet wurde, auf der südlichen Seite ein ziemlich ausgedehntes, flaches und nachher sanft bis zu den Hauptgebirgsstöcken ansteigendes Gelände gebildet, das größtenteils schneefrei ist und auf welches die Strahlen der Sonne bereits einen Blumenteppich gezaubert haben. Plötzlich entdeckt das Auge, als einziges Symptom menschlichen Daseins, ein Fischerzelt und 200 Meter davon entfernt ein dunkles Holzgebäude, welches 1896 von der Westeraalen Dampfschiffgesellschaft als Unterkunftshaus für Jäger und Touristen erstellt wurde. Aus der Entfernung machte es den trostlosen Eindruck einer im Torfmoor stehenden einsamen Köhlerhütte. Wir fanden es geschlossen und leer, da der acht Tage zuvor nach Spitzbergen fahrende Dampfer, welcher Proviant und den Wirt bringen sollte, wegen ungünstiger Eisverhältnisse sich dem Inselreiche gar nicht hatte nähern können.

Nirgends ist ein Baum oder Strauch zu erblicken; aber wo der Schnee weg ist, so auf der Küstenniederung und in den Thälern grünt und blüht es um die Wette. Viele der Thäler sind aber noch mit mächtigen Gletschern ausgefüllt und werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang zu thun haben, bis ihr Eisdepot ins Meer gesunken ist. Im Hintergrunde aber, gegen das Innere der Insel, sieht man über den 2000 Fuß hohen Bergen Eisfelder von unermeßlicher Ausdehnung.

Langsam und vorsichtig drang unser braver Dampfer mit einem Tiefgang von zirka 10 Metern in dem fremden Fjorde vorwärts, während von 5 zu 5 Minuten ein alter Matrose Lothungen vornahm und mit lauter Stimme dem Kapitän das Ergebnis auf die Kommandobrücke zuschleuderte. „20 Faden — kein Grund!“ (1 Faden = 6 Fuß). „33 Faden — kein Grund!“ „39 Faden — Grund!“ Jetzt rasselte die Ankerkette nieder und fest saßen wir. Alles, was Beine hatte, stund auf Deck, um den ungewohnten Anblick dieses vergletscherten Polarlandes in sich aufzunehmen. Hunderte von Vögeln umkreisten schreiend unser Schiff; ab und zu tauchte ein neugieriger Seehund auf, um sofort wieder in dem salzigen Elemente zu verschwinden, einmal auch die grauenhafte Fratze eines Walrosses.

In unglaublich kurzer Zeit waren die drei Benzinbarkassen unseres Schiffes flott gemacht und luden durch ihren puffenden Atem zur Fahrt ans Ufer ein, das immerhin noch einen Kilometer entfernt von uns lag. Das Meer war etwas unruhig, so daß nur die weniger zaghafte meiner Reisegefährtinnen sich zu sofortiger Ausbootung entschloß. Am Land besuchten wir zuerst das Fischerzelt, in welchem eine Frau, zwei Männer und ein Kind überwintert hatten. Das Ergebnis ihres Jagdfleißes war vor ihrer Behausung aufgespeichert: getrocknete und eingesalzene Fische in Menge, einige Fässer voll Thran, in Meersalzlauge gebettet auch Kopf und Fell eines riesigen Eisbären, den sie zwei Monate vorher geschossen, als er die Hütte zu beschnuppern kam; von der Menge erlegter Rentiere und Seehunde, deren Geweihe und Felle herumlagen, gar nicht zu reden.

Als wir den flachen Küstenstreifen durchwanderten, wollte unser Erstaunen und Entzücken über die Fülle und den Farbenglanz reizender Blumen kein Ende nehmen. Arktischer Mohn, zahlreiche Steinbrecharten, Löffelkraut entsprießen zu Millionen dem bemoosten Boden. Von besonderer Lieblichkeit ist eine Erica-Art, deren Blüten die Form unserer Maiglöckchen haben. Als einzigen Strauch, der aber die Moosfläche nicht überragt, fanden wir eine arktische Weidenart. Ueberreste von Walen und Walrossen, ungeheure Knochen aller Art, Fisch- und Vogelleichen zu Dutzenden lagen da, in Gestein und Grün gebettet, merkwürdigerweise ohne allen und jeden Fäulnisgeruch; das Organische fault in dieser nördlichen Breite auch unter dem Einfluß der Sonne nicht, da die sie bedingenden Spaltpilze hier nicht fortkommen.

Mit Blumen seltenster Art und allerlei Trophäen (Mineralien, Knochen) beladen, traten wir den Rückzug an, der nicht ohne ein kleines Abenteuer verlaufen sollte. Bei der Abfahrt wurde nämlich unser Boot auf eine seichte Stelle geworfen, saß dort fest und war nun ein Spielball des unruhigen Meeres. Durchnäßt von den überschäumenden Wellen und elend hin- und hergeschaukelt harrten wir der Erlösung. Aber ein Versuch, uns durch eine andere Barkasse flott zu machen, hätte beinahe unser Schiff zum Kentern gebracht und mußte aufgegeben werden. So blieb nichts übrig, als in den auf- und abtanzenden Kahn überzusteigen — eine der Komik und unfreiwilliger Akrobatensprünge und Körperverdrehungen nicht entbehrende Handlung — welcher uns dann naß zwar, aber in bester Stimmung an Bord brachte.

Ueber Spitzbergen ist noch Vieles zu erzählen; ebenso über die herrliche Rückfahrt an der norwegischen Küste, über die Wunder der Mitternachtssonne bei der Einfahrt in Tromsoe und das dortige Lappenlager, über die Pracht der nordischen Welt bei Gudwangen und Marak, über den Besuch von und bei dem deutschen Kaiser in Aalesund und den Aufenthalt in Bergen, der durch die Freundlichkeit unseres dort domizilierten Landsmanns, Herrn Herzog aus dem Pfarrhause Güttingen, besonders genußreich sich gestaltete, und über vieles Andere mehr. Aber unser Schiff eilt dem Endziele, Hamburg zu, und unser Verlangen geht nach der Heimat und nach dem Berufe.

[Daheim.]

VIII.

Hapag. — Patriotische Feststimmung. — Gräber an der Adventbay. — Im Eise gefangen. — Jagd auf Spitzbergen. — Walfischfang.

Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch vor wenig Monaten! — Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an den fünf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen Schärenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die stolze „Auguste Viktoria“, das prunkvolle kleine Universum; auf der Kommandobrücke steht die Hünengestalt des braven Kapitäns Kaempff, dem das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm volles Vertrauen zu schenken, dem schönen Typus eines pflichttreuen, kaltblütig überlegenden Seemannes, der, ein Bär von Postur, mit gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher Grazie den Damenhandkuß zu applizieren weiß.

Vom Promenadendeck her tönt fröhliches Leben; dazwischen die flotten Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne Norwegens. Und an allen Ecken und Enden steht das Zauberwort Hapag, auf jedem großen und kleinen Schiffsteile — vom Rettungsboote bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitänsmütze und jedem Kleidungsstücke, das der Steward und der Matrose am Leibe trägt. Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der Kommandobrücke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle „des Königs“ entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.

Hamburg-Amerika-Packetboot-Aktien-Gesellschaft ist der Sinn des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, daß ein mit Hapag adressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall, der soeben meinen Blick auf die fünf Buchstaben fallen ließ, macht mir plötzlich Mut und Lust, die in der „Thurgauer Zeitung“ begonnene Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu führen.

Also zurück nach Spitzbergen! Auf Flügeln des Gedankens ist der Weg im Nu zurückgelegt, obschon die Distanz ungefähr derjenigen zwischen Rio Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.

Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als vollzähliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschützter Stelle, in das blumige Moos gelagert, die großartige Moos-, Gebirgs- und Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefährtinnen aus: eine veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche — Sonnenberger[3] 1895er, von Paul Bartholdi.[4] Nun wurde ein echt vaterländisches Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und unter Schwenken der Fahne, ergötzlichen Reden und lautem Hoch auf die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78° nördl. Breite. Die Flaschen-Etiquette trägt nun die Aufschrift: „Sonnenberger 1895 von P. Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterländischen Gefühlen geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc.“ In der linken obern Ecke stehen groß und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5] ein für spätere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls unlösbares Rätsel.

Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelände und jeder Schritt führte zu etwas Außergewöhnlichem und Interessantem. Vor allem erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Geröll, den ein starker Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angespült haben mochte, und auf welchem verschiedene auffällige Erhebungen zu erblicken waren. Bei der Annäherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm, Tromsoe; födt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, födt 28. August 1878, letzterer ein während der sommerlichen Jagdzeit hier verunglückter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen Tragödie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nähe zu finden waren und mit der wir uns gleich beschäftigen werden. Wir schmückten die rührenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen Einöde — die schlichten Gräber — mit den schönsten Blumen, welche der Boden spendete.

Was hätte dieser Andrees Holm alles erzählen können! Im Sommer 1895 hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils Olsen, an den Küsten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten, verlegte ihnen das unerwartet früh um die Südspitze herschwimmende Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwärts, und wo immer sie Eingang in einen schützenden Fjord suchten, fanden sie denselben bereits mit Eis gefüllt. Im nördlichen Eisfjord endlich, der unter der Einwirkung des Golfstromes am längsten offen bleibt, und zwar in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die „Ellida“, rasch ein, so daß die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis acht Monate in dieser trostlosen Eiswüste verweilen zu müssen, fern von jeder menschlichen Hülfe.

An Bord zu bleiben war unmöglich. Die vier Männer errichteten daher auf der nächstgelegenen Anhöhe eine Notbehausung, deren Konstruktion und Überreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt; darüber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt, das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von den Insassen mit Rentierhäuten,[6] Rasen- und Moospolstern bedeckt wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajütenthüre. In der jetzt großenteils abgedeckten Hütte, in welche ich hineinkroch, waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden: ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die Schlafstätte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrümmerter Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strümpfe, Handschuhe und Kleidungsstücke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vögeln — die Überreste der winterlichen Mahlzeiten — lagen ringsherum zerstreut.

Nothütte.

Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit Jagd und dem Suchen nach Kohlen in möglichst entfernten Lagern zu, um der Hauptgefahr der Unthätigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem Scorbut, möglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Kälte hatten sie zu ertragen, so daß Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage nachher wohlgemut und fröhlich singend auf die Jagd — um nicht mehr zurückzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbär verzehrt. Das zweite Opfer war Andrees Holm, der am 30. März am Scorbut starb und, da die Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Füchse und Bären einstweilen in zwei Fässer gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords — im Juni 1896 — in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fünf Tage lang wurden sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vögel als Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor sie heimwärts strebten, nochmals nach der Adventbay zurück, um ihren Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das Werk ihrer matten und kranken Hände.

Ähnliche Unglücksfälle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem größten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit, später als Ende August, Spitzbergen aufsucht, daß es sich plötzlich und unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. — Plötzliche dichte Nebel, entsetzliche Stürme und unerwartete Treibeisblockade sind die Gefahren des Polarmeeres für die Schiffahrt.

Einen Versuch, an den schneefreien Abhängen des nächstliegenden Berges in die Höhe zu steigen oder eines der sich öffnenden Thäler zu begehen, mußten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden Schneewassers überall morastig durchweicht war, so daß wir bis über die Knöchel einsanken. Wie’s in dieser Beziehung weiter landeinwärts beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter der Führung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurückkehrten. Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen zurück; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben; nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicheren Rohre der Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen; das Übrige blieb liegen. Daß ein solch grausames Schützenfest die harmlosen Rentierherden für die nächsten paar Wochen verscheuchte und in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die Spuren des Tieres überall so reichlich vorhanden, daß man glauben konnte, sich auf einem ihrer Hauptweideplätze zu befinden. Auch brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schön ausgebildete Geweihe zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar abgestoßen werden.

Gletschereis.

Eingedenk der vortrefflichen Eigenschaften des Rentieres, seiner Anspruchslosigkeit betreffs Ernährung, seiner universellen Nützlichkeit und seiner absoluten Unschädlichkeit und in Erinnerung an die Thatsache, daß es, wie fossile Reste — sogar fossile von Menschenhand bearbeitete Rentiergeweihe — es beweisen, einst über den größern Teil Mitteleuropas verbreitet gewesen sein muß, fragte ich mich oft, warum es wohl noch niemandem eingefallen sei, unsere Alpen mit diesen trefflichen Tieren zu bevölkern. Es ist doch sehr wahrscheinlich, daß sie sich ganz gut akklimatisieren würden.

Die Nimrode unter den Schiffspassagieren, welche zu bequem waren, stundenweit bergauf- und thaleinwärts zu laufen, ließen ihre Mordlust an den arglos herumfliegenden Strandvögeln aus. Piff, paff, puff knallte es allerorten, und Dutzende von zwecklos getöteten oder verwundeten Enten, Möven und Eidergänsen fielen zur Erde oder zuckten im letzten Kampfe auf der glatten Meeresfläche. Ich freute mich stets königlich, wenn ein mit selbstbewußter Sicherheit abgegebener Schuß zum Ärger des Schützen und unter Halloh der Zuschauer den einzigen Effekt hatte, die Flug- oder Schwimmgeschwindigkeit des Zielobjektes um 100 pCt. zu beschleunigen, oder wenn eine Taucherente, welcher der tödliche Schuß galt, blitzschnell unter dem Wasser verschwand, um sehr vergnügt hundert Meter davon entfernt wieder aufzutauchen. Da in Spitzbergen kein Jagdschein notwendig ist, bleibt es vorläufig das Eldorado aller Jäger, bis die dortige Tierwelt so vernichtet sein wird, daß es sich nicht mehr lohnt, Pulver und Blei dorthin zu tragen. Allerdings sind ja nur einige Küstenstriche zugänglich und das mit 1000 Fuß dicker Eisschicht bedeckte Landesinnere wird den Eisbären und Polarfüchsen vorläufig noch ein sicherer Hort bleiben; aber wer weiß, mit welchen Mitteln sich das raffinierteste aller Raubtiere, der Mensch, in Zukunft auch diese unzugänglichen Einöden begehbar machen wird!

Die großartigste Jagdepoche Spitzbergens fällt in das siebenzehnte Jahrhundert. Anno 1607 lenkte der berühmte Seefahrer Hudson die Aufmerksamkeit der Welt auf die ungeheure Menge von Walfischen, Walrossen, Robben und wertvollen Pelztieren, welche jene noch wenig bekannte — zehn Jahre vorher durch den Holländer Barents entdeckte — Inselgruppe bevölkerte. Daraufhin fuhren alle seefahrenden Nationen hin und lagen sich zwanzig Jahre lang tüchtig in den Haaren, bis endlich durch einen Vertrag die Jagdgründe geregelt und verteilt wurden.

Die intensivste Fangthätigkeit entfaltete Holland. In der Smeerenberg (Smeer = Fett; bergen = verwahren) auf der Amsterdaminsel waren oft gleichzeitig gegen 300 holländische Schiffe anwesend; während der kurzen Sommermonate bevölkerten über 12,000 Menschen die öde Landschaft und die Mitternachtssonne war Jahrzehnte lang Zeuge aller nur denkbaren Laster; das spielend leicht verdiente Geld wanderte in Spiel- und Trinkhöllen und schuf ein arktisches Sodom und Gomorrha. Der Walfischfang blieb zweihundert Jahre eine so ergiebige Quelle des Reichtums, daß man in Holland unschlüssig war, ob dem Hafen von Smeerenberg oder demjenigen von Batavia größere Bedeutung beizumessen sei und welcher im Ernstfalle zuerst zu verteidigen wäre. Einige Zahlen mögen diese unglaublichen Thatsachen erhärten:

Der grönländische Wal, der bis 3000 Zentner schwer wird, bildete früher das Hauptwild der Gewässer Spitzbergens, hat sich jetzt aber infolge Jahrhunderte langen rücksichtslosesten Vernichtungskrieges fast ganz weiter nach Norden verzogen. Ein einziges Exemplar konnte 20,000 Mark an Wert abwerfen. Der Hauptwert liegt in der bis zu 40 Centimeter dicken Speckschichte zwischen Oberhaut und Muskelfleisch, welche zu Thran ausgesotten wird, und in den sogenannten Barten, jenen hornigen Kiefergebilden, aus welchen man das Fischbein gewinnt (2500 Kilogramm per Tier und mehr). Die Barten dienen dem Tiere dazu, seine Nahrung zu fangen; mit geöffnetem Maule von sechs Meter Länge und vier Meter Breite durchschwimmt es den Ozean, wobei Millionen kleinster gallertartiger Meertierchen des durchströmenden Wassers an den Bartenhaaren hängen bleiben und verschluckt werden, sobald sie sich in größerer Menge angesammelt haben. Wenn man erwägt, welche Billionen dieser kleinsten Organismen tagtäglich nötig sind, um einen derartigen Riesen zu ernähren, so kann man sich eine Vorstellung machen, in welcher Zahl sie im Ozean enthalten sein müssen. Sie machen das Polarmeer oft auf meilenweite Entfernung mißfarbig, und das sogenannte „schwarze Wasser“ wird aus naheliegenden Gründen von den Walfischfängern besonders gerne aufgesucht.

Die Holländer haben seiner Zeit jeden Sommer zu Hunderten dieser kostbaren Tiere erlegt, also buchstäblich Gold aus dem Meere gehoben. Genaue Zahlen aus jener Zeit sind mir nicht bekannt; dagegen erfuhr ich, daß eine amerikanische Walfischfanggesellschaft noch 1858 eine Jagdbeute von 20 Millionen Mark gemacht hat, und daß in den letzten Jahren von den verschiedenen norwegischen Walfischstationen (die wegen des entsetzlichen Gestankes, den die verwesenden Reste der Riesenleiber ausströmen, alle auf Inseln oder von menschlichen Ansiedelungen entfernten Küsten sich befinden) durchschnittlich 2 bis 3 Millionen Mark per Jahr und per Station umgesetzt wurden.

Auch hier an der Küste der Adventbay trafen wir allerlei Ueberreste von Walfischleibern, unter anderm riesige, von der Sonne gebleichte Rücken-Wirbel, deren einer ein ganz respektables Gewicht repräsentierte.

Der Grönlandwal ist, wie oben erwähnt, in den Gewässern Norwegens und Spitzbergens fast ganz ausgestorben und in die vom Eise verbarrikadierten Zonen des höchsten Polarmeeres vertrieben. Die Arten, die dort noch gejagt werden, sind: der massige und wertvolle Blauwal, der Finnwal, das längste Tier der Erde, bis 100 Fuß lang, aber bedeutend schlanker als der Grönwal, und einige kleinere Walarten, alles sogenannte Furchenwale, weil ihre Bauchhaut im Gegensatz zum grönländischen Wale in Längsfurchen gelegt ist. Der Schrift von Georg Wegener entnehme ich, daß es auch eine Walart mit Zähnen giebt, von den Seeleuten „Speckhugger“ genannt, weil sie, nach berühmten Mustern, zu mehreren vereint ihre größten Vettern angreifen und große Stücke Speck aus ihrem Leibe herausreißen. Es sind Kämpfe beobachtet worden, bei welchen der geängstigte Großkapitalist in seiner Not weit über das Wasser hinaussprang, ohne das er die fest an seinem Bauche hängenden Schmarotzer abschütteln konnte.

Die Jagd auf Wale ist vier Seemeilen von der Küste entfernt für jedermann frei; dagegen darf die Verwertung der Beute nur auf norwegischem Gebiete stattfinden, weshalb ausländische Fänger nur im Dienste einer norwegischen Gesellschaft fischen dürfen oder aber einer Aktiengesellschaft angehören müssen, die auch Norweger zu ihren Mitgliedern zählt.

In frühern Zeiten war der Walfischfang ein Geschäft voll Romantik und Gefahr. Auf ausgesetztem kleinem Ruderboote mußte man sich dem Tiere so weit zu nähern suchen, daß der Harpunier ihm den Widerhaken in den Leib schleudern konnte; da galt es denn, im gleichen Momente das Boot aus dem Bereiche der Schwanzflossenschläge des wütenden Tieres zu bringen, und nachher kamen die kritischen Minuten, wo der davonrasende verwundete Wal durch Abwickeln der Harpunenleine das Boot in Gefahr brachte. Oftmals hat eine Störung des blitzschnellen Ablaufes der Rolle Schiff und Leute in die Tiefe gerissen. Heutzutage bedient man sich zum Walfischfange jener kleinen Dampfboote, deren wir eines vor Hammerfest gekreuzt hatten. Es sind eiserne Dampfer von 70-80 Fuß Länge, die äußerst schnell fahren und am Bug eine drehbare Kanone tragen. Die Harpune, welche dieses Feuerrohr schleudert, ist an langer Leine am Schiff befestigt und enthält in ihrem Kopfe ein Sprenggeschoß, das im Momente des Eindringens in den Walfischkörper explodiert und lange Widerhaken hervorschnellen läßt; das furchtbar verwundete Tier schießt mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges in die Tiefe — gefolgt von der rasch sich abwickelnden Leine, kommt aber bald wieder zum Vorschein, um zu atmen oder aber — bereits verendet. Der Todeskampf ist zuweilen so furchtbar, daß er die ganze See in Aufruhr bringt. Mit Jubel wird es begrüßt, wenn das Tier nach dem Harpunenschuß Blut bläst, „die rote Flagge zeigt“; das bedeutet eine ganz rasch tödliche Verletzung von Herz und Lungen.

Es giebt wohl kein Tier, das für die Erforschung unserer Erde eine solche Rolle gespielt hat, wie der Walfisch. Seinen Spuren folgend drangen Walfischfänger schon in frühen Jahrhunderten bis in die nördlichen Meere, und lange vor Kolumbus haben baskische und normannische Walfischer den Weg nach Amerika zurückgelegt.

IX.

„Malerische Gruppe“. — Beutezug an der Küste. — Fischerzelt. — Die Yacht des italienischen Kronprinzen. — Hotel Spitzbergen.

Unterdessen hatte sich der größte Teil der Schiffspassagiere ans Land gemacht, und wir bemerkten aus der Entfernung, wie sie sich zu einem Zuge ordneten, voraus einige Matrosen mit der deutschen, der amerikanischen und der Hamburger Flagge, dann die Schiffsoffiziere und die Musik; unter klingendem Spiele bewegte sich der Gewalthaufen landeinwärts. Da giebt’s was zu sehen; also im Trab über Stock und Stein und quatschende Pfützen, die Hände voll friedlichen Raubs: Pflanzen, Knochen und Steine, in der rechten die flatternde Schweizerfahne!

Vor einer sachten Erhebung machte der aus allen denkbaren Kostümen und Toiletten zusammengesetzte Zug Halt, und es wurde zu den vorjährigen Gedenkzeichen der Anwesenheit der „Auguste Viktoria“ auf Spitzbergen ein neues gesetzt, eine hübsch ausgestattete eiserne Tafel mit der Inschrift: „S. S. Auguste Viktoria, Hamburg; 12. Juli 1899.“ Ueber der Tafel thronte ein Schild
HA
mit P, getragen von einem Schiffsanker. Das Ganze
AG
wurde auf einem eisernen Stativ in den Boden gestoßen, mit Steinen malerisch blockiert und von den Matrosen mit Moosplatten und Blumen dekoriert. Unter dem Klange der verschiedenen Nationalhymnen (n. b. das „Rufst du mein Vaterland“ der Schweizerkehlen ging in dem „Heil dir im Siegeskranz“ nicht etwa unter; denn die Eidgenossen stunden, wie in der Schlacht bei Sempach, dicht beisammen) und Schwenken der Banner erhielt das Wahrzeichen unserer Nordlandsfahrt seine Weihe. Dann ordnete man sich (es war in der Person des Herrn Dreesen aus Flensburg ein vortrefflicher und weltbekannter Berufs-Photograph anwesend) zu einer „malerischen Gruppe“, um durch die nordische Sonne sich verewigen zu lassen. Ahnungslos stunden wir mit unserm Schweizerfähnlein in vorderer Reihe. „Die Flagge muss wech!“ rief’s aus der Hinterphalanx — nicht etwa aus Animosität gegen das weiße Kreuz im roten Feld, sondern weil der Reklamant mit Recht es sich verbitten konnte, daß seine Gesichtszüge durch ein Stück — wenn auch noch so patriotisch flatternden — Tuches zugedeckt würden. Wir marschierten also unverwundet in die hinterste Reihe; von dort her aber fällt die hochgehaltene Schweizerfahne auf der gelungenen Photographie zu allererst in die Augen: in der Mitte der Fähnrich, vor ihm die beiden getreuen Lebensgefährtinnen, rechts und links als Stützen des Vaterlandes Papa Laroche und Professor Böhringer.

Da wurde dann gleich die patriotische Erregung weiter ausgeschmiedet: Im Glockensund wollten wir am folgenden Tage offiziell das eidgenössische Banner aufpflanzen und von dem Lande für Mutter Helvetia Besitz ergreifen; Professor B. übernahm die Festrede, und Papa L. wurde einstimmig zum Admiral der schweizerischen Marine ernannt. In das schöne Projekt fiel ein bitterer Tropfen: Die Flasche Sonnenberger-Thurgauer war bis auf die Nagelprobe geleert; wir hatten „keine zweite zu versenden“, und für den Festredner und den Admiral blieb als einziger bescheidener Genuß das Riechen an der leeren Flasche, deren Duft aber noch genügte, ihre Züge freundlich zu verklären. Ein tückischer Polarnebel hat aber den Plan vereitelt und damit auch die Gefahr einer politischen Intervention des übrigen Europas abgewendet.

Nachdem die Zehntels-Sekunde Ruhe und freundliches Lächeln, welche der Photograph verlangt hatte, glücklich überstanden war, zerstreute sich das Volk nach allen Richtungen, und bald bot das fremdartige Gelände ein recht malerisches und bewegtes Bild: Ueberall kleinere Gruppen von entzückten Blumensammlern, da und dort ein blutdürstiger Jäger zum Schuß bereit, an allen Ecken Amateurphotographen männlichen, namentlich aber weiblichen und sogar sächlichen Geschlechts. Einzelne, vorab die Schiffsbemannung, stürmten, ohne Rücksicht auf bodenlosen Sumpf, landeinwärts und bergaufwärts, und männiglich kehrte mit zusammengelesenen Rentiergeweihen und andern Raritäten zurück. Einen Bären brachte Keiner; auch die größten Blagueure mußten gestehen, keinen solchen, nicht einmal von weitem, erblickt oder gewittert zu haben. Auch das ersehnte Walroß ließ sich nirgends sehen.

Wir begnügten uns mit dem leicht Erreichbaren, und unser Schatz wuchs zusehends. Abgesehen von reizenden Pflanzen erbeuteten wir seltene Mineralien, Steinkohlen, prächtige Versteinerungen von Kryptogamen und allerlei Blattpflanzen. Dann erregte unser Interesse die Menge und Verschiedenartigkeit des herumliegenden Treibholzes; teilweise zeigte sich dasselbe bearbeitet, entstammte also Fahrzeugen, die vielleicht in Westindien Schiffbruch gelitten hatten und deren Fragmente durch den Golfstrom hieher geführt worden waren. Andere Stücke entpuppten sich als Lerchen- und Erlenholz, und ich ließ mir erzählen, daß an der Ostküste Spitzbergens erstaunliche Mengen dieser Stämme mit Regelmäßigkeit angeschwemmt werden und oft ganze Buchten ausfüllen. Sie wurzelten einst in dem großen sibirischen Stromgebiete, wurden durch die im Sommer hochanschwellenden Gewässer ihrem Stammorte entführt, ins Meer geschwemmt und gelangten mit dem Polarstrom endlich an Spitzbergens eisumgürtete Küste. Es ist ja bekannt, daß diese Treibhölzer den Bewohnern der baumlosen Gegenden Grönlands, Islands — überhaupt der Polarländer — seit Jahrhunderten ihr Nutz- und Brennholz liefern, und die Kenntnis der arktischen Meere und ihrer Strömungen ist nicht zum mindesten durch das großartige Phänomen des Treibholzes erweitert worden.

Eine überaus interessante Thatsache ist es, daß man in Spitzbergen oft stundenweit im Innern und auf beträchtlicher Höhe über dem Meeresspiegel, zu welcher die größte Springflut niemals gelangen kann, Treibholz und Walfischknochen findet. Daraus zieht man den Schluß, daß im Laufe der Jahrhunderte entweder das Land sich gehoben oder das Meer sich gesenkt haben muß. Diese Niveauveränderung wird auch in Skandinavien beobachtet. Eingehauene Klippenzeichen haben sich innert 40 Jahren um nahezu 50 Centimeter gehoben, und eiserne Ringe, die vor vielen Jahren zum Anbinden der Kähne dienten und welche durch einen umgemalten weißen Kreis weithin sichtbar gemacht sind, stehen jetzt so hoch, daß sie nicht mehr gebraucht werden können. Da man die alten Strandlinien weder unter sich, noch mit dem Meeresspiegel parallel findet, wird eher an eine Bodenerhebung, als an ein Sinken der Wasserfläche zu denken sein.

Einige der von mir gesammelten Treibholzstücke mögen seit Jahrhunderten dort gelegen haben, ohne zu faulen; ihr Volumen ist unverändert, und die Holzfaserung ist deutlich zu sehen; aber man glaubt zuerst, ein helles Mineral zu finden, und ist erstaunt über das geringe, jedenfalls noch unter demjenigen des Korkholzes stehende spezifische Gewicht. Auch Ueberreste von Tieren schleppten wir mit, unter anderm einen Rentierschädel, in dessen Höhlungen sich allerlei arktische Moose und Blütenpflänzchen angesiedelt hatten; dann Mövenflügel, Knochen, Geweihe und andere Herrlichkeiten mehr.

Es war sehr unterhaltend, nachher an Bord die vom Lande her Zurückkehrenden zu beobachten; die unglaublichsten Dinge wurden hergebracht, und in mancher Kabine sah es gegen das Ende der Fahrt, namentlich als in Tromsö die Lappen ihre duftenden Gegenstände noch an den Mann und die Frau gebracht hatten, aus wie in einem Naturalienkabinett; auch die Atmosphäre stimmte, und ich will hier verraten, daß verschiedene Passagiere einige von ihren mit Stolz gezeigten und mit Liebe geborgenen Trophäen — des zunehmenden Aromas halber — nächtlicher Weise dem verschwiegenen Ozean anvertrauten. Das Aroma aber blieb, wie das Phlegma beim Spiritus.

Einen besondern Anziehungspunkt bildete die kleine Ansiedlung der norwegischen Fischerfamilie, welche im hölzernen Touristenhaus der Vesteraalen-Dampfschiffgesellschaft überwintert, nun aber ihre Zelte bezogen hatte und eifrig der Jagd oblag. Ihre edelste Beute war ein Eisbär, dessen Pelz samt Kopf sie zur Konservierung der Haare in ein Faß mit Salzlauge gesteckt hatten. 180 Kronen d. h. zirka 250 Franken sollte das Prachtstück kosten (in Bergen wurde für einen ausgearbeiteten Pelz gleicher Größe das 2½fache verlangt), und um 150 Kronen erstand es schließlich ein Herr kurz vor der Abfahrt der „Auguste Viktoria“, von Vielen beneidet um den Kauf, zu dem sie die Courage nicht gehabt hatten. Da wiederholte sich dann die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben; „die Farbe des Pelzes war nicht schön; wahrscheinlich ließen die Haare sehr bald; das Ausmachen würde ein Heidengeld kosten“ etc. etc. „„Aber ein Esel war ich doch, daß ich den Prachtskerl nicht gekauft habe; so ’n Fell! und dazu direkt ab Spitzbergen!““ meinte ein Ehrlicher.

So lange der Eisbär keinen festen Besitzer hatte, wurde er gehörig ausgenützt. Die zartesten Damen ließen sich an der Seite des grausamen Tieres, dessen Kopf allerdings kaum mehr blutdürstig aus der Salzlauge hervorguckte, photographieren. Einige von Photograph Dreesen arrangierte Gruppen vor der Fischerhütte, inmitten der mannigfachen Beute um den mächtigen Kopf des nordischen Eiskönigs gelagert und durch die schlichten Fischersleute verstärkt, verdienten das Attribut malerisch im höchsten Grade.

Als wir wissensdurstige (neugierige?) Schweizer unsere Köpfe ins Innere des Hauptzeltes steckten, lagen die Männer noch schnarchend unter ihren Fellen am Boden, während die Frauen und ein zirka sechsjähriges Kind sehr munter die vielen Fremdlinge musterten. Der Haus- und Familienhund — ein langhaariger Spitz — hatte längst das Weite gesucht; auf zirka 200 Meter Distanz bellte er die „Auguste Viktoria“ und ihre am Land promenierenden Insaßen an und beantwortete jeden Lockruf und jede Annäherung damit, daß er davon und wie verrückt in weiten Kreisen herumrannte.

Das niedrige Zelt enthielt außer den Schlaflagern die unerläßlichsten Haushaltungs- und Küchengegenstände; neben der Kaffeemühle thronte eine Guitarre, die wohl einst die mehrmonatliche Polarnacht kürzen half. Wie melancholisch mögen ihre Saiten in die nordlichtdämmernde Eiswüste hinausgeklungen und was werden sich die lauschenden Bären und Blaufüchse dabei gedacht haben!

Unterdessen erhoben sich auch die Väter des Fischerzeltes und eröffneten sofort einen kleinen Markt; außer der mannigfachen Jagdbeute: kostbaren Fuchsbälgen — bis 100 Kronen pro Stück gewertet — Rentier- und Robbenfellen und Geweihen, getrockneten und frischen Fischen und Vögeln aller Arten wurden namentlich auch sehr schöne Versteinerungen feilgeboten, welche sie bei Jagdstreifzügen in den nächstliegenden Thälern und Gebirgsstöcken gesammelt hatten.

Einige Säcke voll Eiderdaunen stunden verkaufsbereit, jener feinsten Flaumfedern, mit welchen die Eidergänse ihre Brutnester dicht und warm polstern und welche ihnen von den Sammlern unter dem Leibe und den Eiern weggeraubt werden, meist mit samt einem Teil der letztern. Ich beobachtete eben einen originellen Handel, den der eine unserer norwegischen Lotsen abschloß, als Hochzeitsgeschenk für seine drei im kommenden Monat gleichzeitig sich verheiratenden Töchter, wie er mir sagte. Die zwei Fischer offerierten ihm einen mit Eiderdaunen vollgestopften Sack zu 50 Mark. Das Gewicht taxierten sie — da eine Wage fehlte — aus freier Schätzung auf 50 Kilo, „Wägung vorbehalten“. Der Käufer bezweifelte die Richtigkeit der Taxation, und als ich, als Unparteiischer darum ersucht, die Last auf höchstens 40 Kilo schätzte, wurde ohne weiteres von den Fischern dieses Gewicht in Rechnung gesetzt und der Preis auf 40 Mark reduziert. Der Käufer machte ein gutes Geschäft. Beim Reinigen der Daunen gehen allerdings fast zwei Drittel verloren, so daß ihn schließlich — die Reinigungsspesen mitberücksichtigt — das Kilo auf 4 Mark zu stehen kommen wird. Aber schon in Tromsoe bezahlt man 36 Mark pro Kilo, und weiter südwärts sind die Preise noch höher. Alles in allem wird also der Vater seinen Töchtern je ein Geschenk im Werte von 180 Mark machen, für welches er nur 20 Mark zu bezahlen brauchte.

Gegen Abend — als wir schon die Hauptmahlzeit hinter uns hatten — also zirka 9 Uhr, tauchte plötzlich eine Yacht auf, die vom Eisfjord her sich unserer Bay näherte. Wer mochte das sein? Bald erkannte das Auge des Kapitäns die italienische Flagge und signalisierte den Kronprinzen von Italien mit Gemahlin und Gefolge. Rasch wanderte das grüßende Flaggenzeichen auf die Mastspitze; die Kapelle erhielt Ordre, die königlichen Gäste anzublasen und sich zur Empfangshymne bereit zu stellen, und — was Beine hatte — stund auf Promenadendeck, um die Ankömmlinge zu sehen. Jetzt — ein mächtig widerhallender Salutschuß. Die kronprinzliche Yacht ist in unmittelbarer Nähe und beginnt grüßend unsern Schiffskoloß zu umkreisen. In diesem Moment intoniert unsere wackere Schiffskapelle im Bewußtsein, ganz das Richtige getroffen zu haben — den Garibaldimarsch. Potz Wetter, gab das eine Aufregung! Der erste Schiffsoffizier kam im Galopp gerannt und benannte den Kapellmeister mit dem obersten Bestandteil einer nützlichen und sonst harmlosen zoologischen Spezies; die Harmonien brachen bei dem zirka siebenten Takte jäh ab und „es kam umgehend zum Vortrag“ die regelrechte königlich italienische Nationalhymne. Ob der Kronprinz den Lapsus bemerkt, weiß ich nicht; eingedenk der guten Freundschaft zwischen seinem Großvater und dem Manne, der ihm die Krone brachte, Garibaldi, hätte er sich jedenfalls nicht darüber zu ärgern brauchen.

Neben der Junogestalt seiner montenegrinischen Gattin sah der kleinere und schwächliche italienische Thronfolger nicht gerade imponierend aus. In dem gebrechlichen Körper soll aber, wie zuverlässige italienische Berichterstatter uns sagten, ein feingebildeter Geist und trefflicher Charakter wohnen.

Yacht des Kronprinzen von Italien vor Spitzbergen.

Die Yacht war — nachdem sie dem Herzog der Abruzzen das Geleit gegeben — hieher gekommen, um wo möglich Proviant aufzunehmen; da das Adventbayunterkunftshaus aber noch leer stund, mußte sie unverrichteter Sache weiterfahren. Selbstverständlich hatte es sich unser italienische Fürst nicht nehmen lassen, die königlichen Hoheiten rasch an Bord ihres Fahrzeuges zu besuchen. Dreimal umkreiste dasselbe unsere stolze „Auguste Viktoria“; dann richtete es seinen Kurs unter gegenseitigem Winken und Tücherwehen und Abschiedsrufen nach Süden.

Als Nansen am 26. Juli 1896 nach dreijähriger Abwesenheit im Polareise auf Franz Josephsland zum erstenmal wieder mit Menschen zusammentraf, erfüllte ihn keine aus der Heimat eingehende Nachricht mit solchem Staunen, wie die Kunde von dem Touristenhotel, welches die Vesteraalen-Dampfergesellschaft auf Spitzbergen errichtet hatte. Es war auch wirklich eine fin de siècle-That, in dem einsamen nordischen Inselreiche, das bisher nur von Walfischfängern und Nordpolfahrern berührt worden, ein Unterkunftshaus für Touristen zu schaffen, dasselbe während der zwei Sommermonate durch regelmäßigen zehntägigen Dampferverkehr mit dem norwegischen Festlande zu verbinden und sogar — ein Postamt, natürlich mit Ansichtspostkarten, daselbst zu installieren. Kommandant des zwischen Spitzbergen und Hammerfest zirkulierenden Dampfers ist Otto Sverdrup, der berühmte Kapitän der „Fram“ Nansens; als Wirt auf Spitzbergen funktioniert jener Bernt Bentsen, welcher von Nansen seinerzeit noch in letzter Stunde vor Abfahrt der „Fram“ in Tromsoe für die Nordpolexpedition angeworben war. Sportsleute haben nun Gelegenheit, mit Retourbillet nach Spitzbergen zu fahren und nach Belieben einige Wochen in der Adventbay zu verweilen. Alles zur Meer- und Küstenjagd Notwendige steht dort zu ihrer Verfügung, und für 10 Kronen (zirka 14 Franken) per Tag finden sie in dem „Hotel“ reichliche und gute Verpflegung und Unterkunft.

Wie schon gemeldet, war die Bude während unserer Anwesenheit noch geschlossen, da der Dampfer, welcher Wirt und Proviant und die ganze Installation bringen sollte, das blockierende Eis nicht zu durchdringen vermochte. Die Gesellschaft hat allen Grund, dies zu bedauern; denn die 350 Passagiere der „Auguste Viktoria“, von den durstigen Musikanten und Schiffsleuten nicht zu sprechen, hätten ihr eine reiche Einnahme gesichert. Einen Schoppen auf Spitzbergen hätte jeder getrunken und der Rarität halber wohl auch ein bißchen Walfischragout oder Ähnliches gekostet.

Das kleine Hotel macht, aus der Nähe gesehen, einen ganz freundlichen Eindruck; es ist ein einstöckiges Holzhaus im Chaletstil mit geräumiger Veranda. An ein größeres Speisezimmer mit Wiener Sesseln reihen sich beidseitig kleine schmucklose Schlafräume an mit je 4-6 nach Art der Schiffskojen übereinander angebrachten Holzpritschen. Ein Miniatureckzimmerchen war, wie einzelne rudimentäre Utensilien erkennen ließen, Postoffice und „Schreibsalon“. Sogar ein halbvollendeter norwegischer Brief lag auf dem tintenbeklexten Löschpapier.

Wir umstöberten das einsame Haus wie Einbrecher, probierten jede Klinke, suchten jeden Laden, dessen Jalousien dürftigen Einblick gewährte, zu öffnen, und einige junge Amerikaner erstiegen unter Führung des Schiffsposthalters sogar das Dach, von wo sie sich Eingang verschaffen konnten. Ihre Beute waren einige sehr leere Champagner- und Bierflaschen.