Anmerkungen zur Transkription

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Unschuld

Ein modernes Mädchenbuch

von

Elsa Asenijeff

Leipzig 1901
Verlag von Hermann Seemann Nachfolger

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.

Gedruckt bei
E. Haberland in Leipzig-R.

Inhalt.

[Einleitewort.]
Heimlichkeiten. [1]
Großstadtdunkel. [7]
Mädchenklatsch. [9]
Ehe. [14]
Bei den Volkssängern. [18]
Allein. [24]
Die drei Schwestern. [28]
Tatjana. [34]
Loras Wirtschaftswoche. [43]
Mütterchen erzählt! (Zwei Märchen.)
I. [52]
II. [63]
Tante Jola. [67]
Am Waldweg. [72]
Was Mädchen nicht wissen sollen. [79]
Mädchen und Weib. (Eine Plauderei.) [87]
Kleines Kind. [92]
Ein Märchen. [99]
Schulfreundinnen. [113]
Und so seien wir geweiht. [131]

Einleitewort
an die jungen Mädchen!

Ihr Jugendknospen der Menschheit! Eure Schönheit erfreut alle Herzen. Aber wer dankt Euch und denkt, daß Ihr auch knospende Seelen seid!

Nicht für alle unter Euch kann ich sprechen, denn es giebt niemand auf der Welt, der für alle sprechen könnte. Für Jene, welchen ein Walzer oder ein schönes Kleid oder Reichtum und Glanz alles gelten, sind meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach links blickend, nicht fragend, nicht wollend, und an deren stummer Teilnahmslosigkeit sich das Schicksal vollzieht.

Aber die Einfalt meines Lebens kann Euch Edelsten dienen, hinter deren maienschönen Stirnen die Frage an das Schicksal sich einkrallt.

Euch, die Ihr in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Rohheit des Lebens gehen wollt.

Euch, mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles Beleidigende, was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessern gibt.

Ach! wären meine Gefühle Macht! — ich segnete Euer werdendes Leben!

Elsa Asenijeff

Zur Zeit der
Tuberosenblüte
1901

Heimlichkeiten.

Bertha kam vom Pensionat heim. Ihre Eltern wohnten im ersten Stock. Jedesmal, wenn sie die Stiege nach fünf Uhr hinaufging, kam vom zweiten Max, der Gymnasiast, herunter. Er hatte Locken wie ein Dichter und sah sehr männlich aus.

Zuerst waren sie beide rot geworden. Er hatte sie gegrüßt.

Der Schulbub, dachte sie, ihn böse anblickend.

Aber am anderen Tage hielt er ein Briefchen, welches plötzlich in ihre Hände glitt. Das gefiel ihr. Es war etwas so Heimliches, Verbotenes dabei.

Ein Liebesbrief! Gott, das mußte schön sein!

Vielleicht gar ein Gedicht: Brust — Lust, Herz — Schmerz!

Etwas regte sich in ihr, das Ding da wegzuschleudern. —

Sie schwebte fast die Treppe empor. Es war, als hätte sie neue, kräftigere Muskeln bekommen.

Oben klingelte sie. Das Stubenmädchen öffnete. Die Mama kam zufällig auch heraus.

„Was hast du denn, du siehst ganz sonderbar aus?“

„Ich? o gar nichts,“ sagte sie in halb keckem, halb wegwerfenden Ton. In sich meinte sie, nun sei sie etwas, weil sie einen Brief von einem „Herrn“ bekam.

Die Mutter sah ihr in die Augen, strich ihr über die Scheiteln: „Hast du mir nichts zu sagen, mein Kind?“

Plötzlich wurde der Kleinen weich zu Mute: die Mami belügen! So etwas! Aber dann kam der aufrührerische Kindertrotz in sie: „warum sind sie immer hinterher, mich zu quälen, mich auszuspionieren, als ob ich etwas Schlechtes thun wollte. Justament! da habt ihr’s, nun thue ich’s erst recht.“

„Gut, mein Mädchen: du weißt noch nicht, daß selbst der Dieb Einwände und Entschuldigungen für sich findet.“

Der Mama entgegnete sie: „ich weiß nicht, was du hast, es ist nichts.“

Dann ging sie nach einem gewissen Ort, dem einzigen, wo sie allein gelassen wurde, und las: „Glühende Liebe — Triebe, Sonne — Wonne.“

Es war wunderbar schön! Sie zitterte dabei vor freudiger Aufregung.

Er bat um ein Rendezvous. Gott! wo denn? Man ließ sie ja nie allein.

Aber es ging doch, weil es verboten war. Er sah sie am Schulweg, und in einer Hauseinfahrt drückte er ihr schnell die Hände, umschlang und küßte sie. Das war herrlich! Die ganze Zeit dachte sie nichts als: na, wenn Papa und Mama das wüßten!

Max erzählte ihr auch von schönen Büchern, die er bereits gelesen. Er wollte ihr dieselben auch leihen. Das konnte er, der sie stets heimlich aus seines Vaters Bibliothek entwendete.

Aber da wurde ihr Stolz gekränkt. Sie lehnte dankend ab. Denn sie hatte auch Mut, und auch ihr Papa eine Bibliothek.

Nun wollte sie etwas Verbotenes lesen.

Mittags schlich sie, einen plausiblen Vorwand vorschützend, hinaus und trat in des Vaters Arbeitszimmer. Dort nahm sie ein x-beliebiges, dünnes Buch mit extravagantem Einband. Das mußte „so etwas“ sein.

Dann trug sie es in ihr Bett, legte es unter die Polster, um danach scheinbar gleichgültig ins Speisezimmer zurückzukehren.

Nachts, als alles schlief, zündete sie an, um zu lesen. Richtig! Eine Liebesgeschichte für erwachsene Leute!

Sie verstand nicht alles, allein es war sehr schön: Da liebte ein Mann ein Mädchen. Und er sagte ihr: Das Leben ist ernst und schwer. Wollen wir miteinander gehen und treu zusammen aushalten? Das Leben ist oft schmutzig, du aber bist rein wie eine weiße Blüte am hohen Aste. Willst du mein Weib und mein Kind und meine Mutter sein? Sie aber sah ihn mit ihren reinen Augen an und legte ihre Hände vertrauend in die seinen.

Bertha las, las — ihre Wangen wurden fiebernd. Dann glitt das Buch aus den Händen, über die Decke — sanft hinab bis auf den Teppich, wo es zuklappte.

Ihre Gedanken aber kamen drohenden Gespenstern gleich, höhnend: Siehst du, siehst du! Nun haben deine Lippen geküßt. Du Schulmädchen mit dem Schulbuben, ihr schriebt euch Liebesbriefe, statt zu lernen.

Nun hast du die zarte Knospe Liebe in deiner Seele aufgerissen, ehe es Frühling ward. Und das Leben ist so lang und so schön! — Wenn es dann einmal Mai in deinem Herzen wird und einer vor dich hintritt (dem du nicht Küsse giebst, weil es die Eltern verboten) — wirst du ihm so selig — rein in die Augen sehen können? So glücklich, wie im ersten Kuß an einen, der deiner wert ist!

Ja, nun ist eines schon vorüber — eins hast du dir selbst für immer schon zerstört. Wen hast du gestraft in deinem Kindertrotz? Deine Eltern oder dich?

Siehe zu, das Leben ist schwer. Da weinte sie um ein Süßes, Ewig-Verlorenes, Niewiederbringliches, das sie verscherzt, wie die ersten Menschen das Paradies.

Großstadtdunkel.

Ja, ja, in einer Großstadt, da sieht man so manches, was man nicht bemerken darf.

Diese Frauen z. B., von denen man nicht spricht.

Die sich nach den Männern umdrehen und so schöne Unterröcke haben.

Marie ging mit ihrer Tante. Lästig! Immer steckte jemand hinterher. Als ob das Leben derart dann lustig wäre!

Frei sein wie ein Bub! Nicht immer wie ein kranker Vogel behütet werden! Das wäre was!

Ihre Tante schritt in Engelsgeduld neben ihrer Nichte, aber solcher Liebenswürdigkeiten wird man eben erst inne, wenn man selbst ins Tantenalter kommt.

Plötzlich tauchte aus einem Hausthore ein widerliches, altes Weib auf, welches ein wunderschönes, halbwüchsiges Mädchen vor sich herstieß: „Nun, wird’s bald? Wenn du nicht bald anfängst, so giebt’s Prügel! Da geht einer — schnell!“

Das junge Mädchen aber machte ein Gesicht, als geschähe ihm das Schrecklichste im Leben. Als wäre es ganz hilflos und allein allem Elend preisgegeben. Völlig verlassen! Aus seinem wehen Blick schrie diese Verlassenheit anklagend zu Marien hinüber. Beider Augen begegneten sich eine Viertelsekunde.

Nie im Leben wird sie diesen Blick vergessen. Diese bodenlos tiefe, einsame Qual.

Die Tante zog Marie schnell auf die andere Straßenseite.

Und nun ahnte sie manches, als würde sie plötzlich hellsehend.

Leise flüsterte sie zur Tante, die geduldig neben ihr einherschritt: „Du Schützende, Gute!“

Mädchenklatsch.

„Wieviel Taillenweite hast du, Grete?“

„Achtundvierzig Centimeter.“

„Und du, Mary?“

„Fünfzig.“

„Und du, Ella?“

„Siebenundvierzig Centimeter.“

„Gott, wie schön! Siebenundvierzig!“

„Du schnürst dich, du! Das ist unschön, Künstler sagen, es sei häßlich.“

„Ja, nur — hm, ich habe mit einem Leutenant getanzt, was versteht ihr?“

„Natürlich, der schnürt sich selber, so darf er es an dir nicht tadeln.“

„Weißt du,“ sagte die bisher schweigsam dasitzende kleine Sophie, „du wirst, wenn du heiratest, keine Kinder bekommen können.“

„Das will ich auch nicht, da würde ich meine Taille verlieren.“

„Ja, also wozu willst denn du auf der Welt sein?“

„Zum Tanzen, Schönanziehen, Rudern, Reiten.“

„Und du willst kein kleines Kind, das dich anschaut mit Augen, die sagen: liebe Mami, ehe es noch sprechen kann.“

„Nein! denn ich kann den Kinderlärm nicht vertragen und dann — die Taille...“

„Ja,“ meint Sophie, „deine Taille wirst du behalten, aber dein Gesicht wird alt werden. Dann wird auch dein Leutnant trotz deiner Taille nicht mehr mit dir tanzen wollen. Du aber wirst allein sein, wie andere.“

„Ihr sprecht Unanständiges,“ sagte Mary. „Wenn ihr noch von euren Courmachern sprechen würdet, aber vom Kinderbekommen, wovon wir noch gar nichts wissen sollen.“

„Ihr wißt es ja doch,“ sagte Sophie. „Na, aber man thut so dergleichen, aus Anstand!“

„Was soll denn da Schlimmes daran sein, Mary? An eine liebe Mutter zu denken, die Tag und Nacht bei ihrem Kindchen wacht und seinen kleinen hilflosen Leib pflegt, während die anderen tanzen und sich freuen.“

„Du regst immer Gespräche an, die nicht sein sollen, Sophie. Sieh, in keinem Roman steht von kleinen Kindern, sondern immer nur von der süßen Liebe. Aus Anstand, weißt du!“

Die kleine Sophie mit den ernsten, verträumten Augen: „Nein, nicht aus Anstand, ich weiß eigentlich nicht warum. Es ist — hm! vielleicht, weil die Männer die Bücher schreiben. Sie wissen nicht, wie süß ein kleines Kind ist.“

Ella: „Aber es schreiben doch auch Frauen.“

Sophie: „Ja, aber die trauen sich nicht. Sie schreiben, wie sie es von den Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leib heraus und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie.

Die Lieben aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu Hause und heißen Mami und pflegen das liebe Kind, daß es dereinst ein ordentlicher Mensch werde.“

Mary: „Laß es gut sein. Du bist noch zu kindisch. Erzähl, Ella, von deinem Leutnant.“

Sophie leise in ihren Gedanken: Was haben sie von ihrem Rudern, Reiten und ihren Leutnants? Alle Tage dasselbe Einerlei.

Ich aber möchte blühen wie die Erde, die Bäume bringt, kleine, die wachsen und schön werden. Ich möchte ein kleines Kindchen. Lieben wollt ich das Süße, bevor ich es noch sähe. Lieben und schützen. Es soll einmal ein großer Mann werden, ja, so berühmt wie noch niemand...

— — — — — — — — — —

„Sophie, Mary, Ella, schnell, wir haben Erlaubnis, in den Cirkus zu gehen. Kommt, die Gouvernante geht mit.“

Alle ziehen sich an.

Sophie: „Ich danke euch, ich kann jetzt nicht mitgehen.“

„Warum?“

„Ach! laß sie, den launenhaften Spielverderber.“

Sophie, der es warm um die Augen wird, heimlich zu sich: Ich will das Geld lieber der armen, blinden Frau geben, damit ich gut werde, für einst — für mein Kindchen!

Ehe.

Die Mama war immer so bleich. Soweit sich Maria zurückerinnerte, aus ihren Mädchenjahren bis zurück in die Kinderzeit — immer sah sie die Mutter bleich, mit den ernsten, wunden Augen und dem milden Lächeln um die Lippen.

Der Papa liebt die Mama nicht. Entschieden! Maria sagt dies niemandem, niemandem! Dennoch ist es so. Sie hat es schon als Kind gefühlt. Sie wußte nichts damals, dachte nichts — aber sie litt!

Niemals gab es Scenen oder Rohheiten im Hause. Die Eltern blieben immer vornehm und gebildet. Aber es fehlte der Sonnenschein. Das Weiche, Gütige, welches in einem Blick sich offenbart! Und wofür gerade Kinder, denen Worte noch unverständlich sind, ein so feines Empfinden haben.

Aber jetzt war sie schon ein Mädchen. Und es blieb das Gleiche. Nie hörte sie zanken, oder ein rohes Wort. Aber es war da, wie die Gewißheit, saß gleich einem Schiefer in schmerzender Wunde. Sie wußte und schwieg. Niemand erfuhr ihr Geheimnis.

Sie litt.

Aber heute geschah Schreckliches. Sie saß mit Mama. Diese am Sofa, sie selbst ihr vis-à-vis vor dem Spiegel, mit dem Rücken gegen die Thür.

Es begann zu dämmern. Beide schwiegen. Da verstanden sie sich am besten. Sie hätte so gerne ihre Arme um Mutters Hals geschlungen, in heißen Küssen flüsternd: Du arme, arme Mami! Aber es ging nicht. So durfte sie mit der, die ihr das Leben geschenkt, nicht sprechen. Wie hätte sie der Tochter klagen dürfen — — —

Also schwiegen beide, nur ihr Empfinden sickerte in feinen Wellen durch den Raum, vermischte sich, während die Lippen geschlossen blieben.

— — — — — — — — — —

Es läutete.

Der Papa! dachten beide, aber niemand sprach es aus.

Und plötzlich fühlten sie eine schwere Müde in den Gliedern. Sie wollten ihm entgegen, ohne es zu können. Es war etwas in ihnen, wie im Kinde, dem vor Schlaf die Lider zufallen — schwer — müd — — —

Der Papa lachte, er ging durch die Zimmer. Endlich kam er ins Nebengemach. Er schäckerte mit dem Stubenmädchen, das Licht anzünden wollte.

Maria sah es genau durch den Spiegel. Da — schrecklich — ganz unmerklich zuckte Mama zusammen. Sie konnte es nicht beschreiben. Es war, als ob ihre Seele innen einen Ruck bekommen hätte. Dabei spreizten sich ihre Augen auseinander, als sähe sie in einer Vision den Tod vor sich. Die arme Mama! Es dauerte alles nur eine Tausendstelsekunde. Papa hatte das Mädchen in die Wangen gekniffen.

Nun fühlte sie Mamas gefolterten Blick: Hat meine Tochter gesehen?

Da blickte sie in schamhaftem Mitleid auf die Tischdecke: ich denke schon die ganze Zeit, wie diese Gobelins heutzutage eigentlich ganz schön imitiert werden können.

„Ja, nicht wahr,“ sagte die Mama. „Siehst du, alles ist möglich, wenn man nur ernstlich will.

Dann stand sie auf, laut rufend: „Guten Abend, Papa.“ Und ging dem Gatten entgegen.

Darauf saßen alle drei unter der Lampe. Papa, sie und Mama, mit den wunden, traurigen Augen und dem gütig-verzeihenden Lächeln — die Gute — Edle — —

Bei den Volkssängern.

Taratahi taho! Tschin! tschin!

Volkssänger, Auflauf.

Es ist Feierabend. Sie geht mit Vatern und Muttern zu den Volkssängern. Sie ist ein sehr braves Mädchen, eigentlich ganz altmodisch erzogen.

In der Atmosphäre von Bier, Schweiß und Cigarrendampf lassen sie sich an einem Tische nieder. Die Kellner schreien, die Frauen machen dumme, possierliche Affengesichtchen auf die Männer, die wie Faune dreinschauen.

Vorne auf der Bühne steht einer, der sich zu lange Arme und Beine gemacht. Darüber lachen die Leute. Er singt, wie niemand singt; springt, wie niemand springt — darüber lachen die Leute.

Sie sieht alle diese Gesichter an. Schrecklich! Es liegt etwas Gemeines, Rohes in dieser Freude. Alle werden häßlich. Plötzlich fällt ihr ein, wie süß es wäre, wenn alle Menschen schön sein würden. Und wie komisch es sei, daß die Menschen sich extra bemühen, häßlich und gemein zu werden.

Wären doch alle schön! denkt sie. Dann erinnert sie sich der kleinen, bleichen Martha, die immer den blinden Peter zur Kirche führt, während die Gassenbuben sie auslachen. Die ist so schön. Nein! Sie hat ein Stumpfnäschen und kleine, grüne Augen. Sie ist häßlich. Aber doch schön. Ihre Seele leuchtet aus ihr heraus.

Die kleine Martha, die schöne Martha — taratahi, taho! Tschin-tschin.

Alles applaudiert!

Endlich eine neue Nummer!

Wie die Frauen würdelos sind! Wie sie sich mit Blicken anbieten. Ihr kommen die Thränen in die Augen: wären doch alle schön! Die Frauen wenigstens — so schön wie die kleine Martha.

— — — — — — — — — —

Ein Weib tritt auf das Podium heraus. Sie hat kurze Röcke und ein tiefdekolletiertes Kleid. Wie sie wunderschön ist! Das Kleid ist aus glänzender Seide und Brillanten funkeln darin. Sie ist schön wie die Märchenprinzessin. Sie tanzt und hebt die Röcke wie Flügel empor, so daß sie einem wunderschönen, fliegenden Schmetterlinge gleicht.

Sie singt dazu etwas, was Geny nicht ganz verstehen kann und jedesmal am Ende einer Strophe macht sie plötzlich ein häßliches, gemeines Gesicht. Ihre Augen zwinkern. Die Männer aber klatschen, Beifall schreiend, in die Hände. Geny weiß nicht warum, aber sie kann es sich so ungefähr denken.

Und dann tanzt jene wieder so entzückend, die Märchenprinzessin.

Die Männer sitzen da mit Augen wie Feuerräder. Die Märchenprinzessin aber lächelt und tanzt in funkelnder Seide.

Ihr Gesicht ist schön. Allein es ist ganz verklebt von einer dicken, weißen Schicht Schminke, und die Lippen sind unnatürlich rot gefärbt. Auch hat sie breite, schwarze Striche unter den Augen.

Warum machst du das? es ist häßlich, sagen Genys Blicke.

Weil sie es so wollen. Taratahi-taho! tanzt die Märchenprinzessin.

Dann zwinkert sie wieder mit den Augen. Ihr Gesicht wird gemein — die Männer applaudieren.

Die Augen Genys sind feucht. Du schöne Märchenprinzessin, warum machst Du dich häßlich?

Genys Eltern stehen auf. Die Nummer ist aus. Sie gehen fort. Die Eltern voran. Sie zappelt hinterdrein.

Im Korridore steht die Märchenprinzessin mit ein paar Herren plaudernd. Geny guckt sie verwundert an. Die Märchenprinzessin macht plötzlich ein böses, herausforderndes Gesicht, als wollte sie sagen: was willst du kleine Alberne von mir?

Warum hat sie die häßliche Schminke? Darunter ist sie gewiß schön.

Und weshalb macht sie so gemeine Blicke? Darunter — darunter — ist die Seele darunter schön?

Auf einmal wird ihr so weich und wehleidig zu Mute, sie weiß nicht warum. Ihr thut so leid um die Märchenprinzessin. Es ist alles nur die häßliche Schminke, darunter —

Im Nu geht sie, ganz impulsiv, auf die Märchenprinzessin zu, umarmt sie und flüstert: „Schwester!“

Diese hat sie zuerst wild und abweisend angesehen, mit einem Blick voll Rohheit, aber dann brechen zwei dicke Thränen aus ihren Augen, auf ihrem Wege das Weiß-schwarz-rot der Schminke wegschwemmend.

Die Seele jener fühlt: ich danke dir, du bist der erste Mensch, der nichts von mir verlangte und mir dennoch Gutes that.

Sie sehen einander gütig und heilig an. Ihr Weg liegt weit auseinander. Die eine wird einst eine brave, kleine Frau, die andere muß verkommen.

Aber einmal kamen ihre Seelen doch zueinander.

— — — — — — — — — —

Die Eltern rufen: „Geny!“ Und sie zappelt schnell nach. Ihre Seele fühlt: es ist doch nur die Schminke, die häßlich war — nichts als die Schminke — — —

Allein.

Sie versteht sich mit Papa besser, als mit Mama. Die Mama hat sie nicht lieb. Nicht, daß sie es je gesagt hätte, aber es ist so. Die Mama hat niemand vom Hause lieb, auch den Papa nicht.

Sie sitzt nur immer da und träumt und seufzt. Wenn sie durch die Zimmer geht, sieht sie niemand an, als wäre ihre Seele immer wo anders. Nur, wenn dann die Gäste kommen, leuchten ihre Augen. Alle sehen dann auf ihr schönes Kleid und ihre nackten Schultern. Sie aber lacht, daß man ihre schönen Zähne sieht.

Dann läßt sie ihr Töchterchen rufen, damit es die Gäste begrüße. Das Mädchen kommt in den Saal voll unbekannter Leute, sich selber fremd mit dem gebrannten Haar und dem weißseidenen Kleide. Und eine schöne, fremde Frau ruft sie heran, küßt sie auf den Mund. Diese Dame ist ihre Mutter. Ihr ist so bang, aber doch so gut. Die Mutter jedoch küßt sie, sagend: „Mein liebes Töchterchen!“

Sie weiß nicht, was das alles soll, die Lichter thun ihren Augen weh. Aber die Mutter, die M—u—tt—er hat sie geküßt! Ist das gut! Ist das süß!

Plötzlich weiß sie es ganz sicher in sich, vielsicher: sie hat ja die Mutter so lieb. Es ist ja alles nicht wahr, sie hat die Mama lieb.

Und sie reckt sich zu ihr empor, um ihr ins Ohr zu flüstern: „Mami!“

Sie stockt. Sie wollte sagen: wirst du mich immer so lieb haben wie heute?

Aber sie schämt sich und getraut sich nicht. Unten hat sie aber unglückseligerweise mit den Füßen auf Mamas schönes Kleid getreten, daß es knackt. Da trifft sie ein strafender Blick und sie muß hinaus.

Ihre Seele aber weint. Sie kann es nicht begreifen. Wegen dieses dummen Kleides durfte sie nicht bei ihr bleiben.

Und nun sieht sie immer diesen zürnenden Blick. Ach!

Wo muß nur der Papi sein? Der ist noch im Comptoir und rechnet. Rechnet und zählt den ganzen Tag, daß ihm davon die Haare vom Kopfe fielen. Wenn nur der Papi da wäre, der hat wenigstens kein schönes Kleid an.

Doch der Papi hat zu arbeiten und Mama empfängt Gäste. Sie jedoch muß mit der Gouvernante im kahlen Mädchenzimmer essen.

— — — — — — — — — —

Es ist heute schon so was Warmes, Trauriges in ihr. So, als ob sie ganz verlassen während des Regens im Freien stünde und um Obdach bettelte. Sie geht zu Fräulein Anna, welches in der Ecke sitzend schreibt.

Liebes Fräulein Anna!“

„Betty! siehst du nicht, daß ich schreibe? Laß mich doch einmal in Ruhe. Nicht fünf Minuten kann man für sich haben.“

„Verzeihen Sie, Fräulein Anna.“

„Und wissen Sie, Betty, ich muß heute noch auf eine halbe Stunde fort.“

Betty treten die Thränen in die Augen.

„Aber daß Sie nichts davon erzählen, sonst giebt’s Strafaufgaben.“

„Nein, niemand, Fräulein Anna.“ (Heimlich denkt sie, wen? sie denn nur zum Erzählen gehabt hätte!)

Fräulein Anna geht fort mit einem Federhut, ganz weiß im Gesicht und Brillanten in den Ohren.

Betty ist allein.

Wenn ich nur schon groß wäre! denkt sie. Dann werde ich auch einmal Mama und bekomme einen Papa. Dann will ich zu ihm ins Comptoir gehen und sagen: Komm, lieber Papi, laß die Sorgen! Draußen scheint die Sonne.

Ich will lieber kein schönes Kleid. Komm mit mir ins junge Grün und gieb mir die Hand. Dann weiß ich wenigstens, daß ich nicht allein bin. Denn es giebt so viele, viele Menschen, aber alle sind sie allein.

Die drei Schwestern.

Hollah! der Papa ist zu Hause. Da darf man nicht viel Lärm machen, denn er ist nervös. Aber da ist er doch. Nun sitzen alle drei plaudernd um ihn herum. Nur die schöne Mama geht umher, denn sie hat mit den Blumen zu schaffen. Der Papa spricht und die Mama lächelt nur manchmal vom Fenster zu ihnen herüber.

Der Papa weiß stets so Schönes, Merkwürdiges vom Leben zu erzählen. Zuletzt aber fragt er sie immer: wenn ihr in diesem oder jenem Fall gewesen wäret, was hättet ihr dann gethan? Und alle sagen dann, was sie gethan hätten. Es ist wie in der Rechenstunde, alle lauschen gespannt und denkfiebernd.

Doch einmal fragt der Papa: „Was hält jede von euch für das größte Glück? Oder, ich will es besser so formulieren: was wäre euch heißester Lebenswunsch?“

Alle Gesichter werden ernst. Selbst die Mama kommt herzu und lauscht.

Bertha, die zweite, sagt: „Ich möchte einen Freund, der mich nach meinem Tode beweint.“

Mara, die jüngste, wird sehr rot, indem sie spricht: „Ich möchte ein liebendes Herz, das treu für mich schlägt.“

„Und du, Elsa? Nun?“

Elsa steht da, aufrecht, plötzlich ganz bleich im Gesicht, mit leuchtenden Augen und zerzaust eine Blume in ihren Händen.

„Nun, Elsa?“

„Ich, Papa? ich will nichts als Ruhm.“

Die Schwestern brechen in ein schallendes Gelächter aus. Die Stimmung, welche harmonisch über allen lag, flirrt auseinander.

Der Papa ist plötzlich böse. Seine zürnenden Augen liegen drohend auf den beiden Allzufröhlichen.

„Ihr seid albern,“ sagt er.

Innerlich fühlt er das Unabwendbar-Tragische in diesem Weib-Kind.

Dann wendet er sich zur ältesten, seine sonst herrische Stimme wird förmlich schüchtern und eine Nuance leiser als sonst. Er flüstert fast: „Da wirst du immer unglücklich sein, mein Kind.“

„Ja, das weiß ich,“ sagt Elsa herb und lächelt dazu, als hätte man ihr das Allersüßeste verheißen.

Sie sieht vor sich hinaus, weit, weit in Fernen, wo es keine Eltern, noch Geschwister giebt.

Sie blickt ins Land der stolzesten Verheißung. Alles ist still. Bertha dreht ein Sacktuch um den Daumen, immer und immer wieder.

Papas Augen sind feucht: wie hatte ihn dies Kind da erraten! In alle seine verborgensten Verschwiegenheiten geschaut. Ein großer, edler Ehrgeiz, der lag auch in seinem Blute!

Hjah! den hatte sie von ihm geerbt. Er sah auf dieses halbwüchsige Mädchen in seiner schlanken Kraft, mit dem trotzigen Zug um den Mund. Ihm ward wehe. Wie hatte er gestrebt, gesehnt, gewollt und viel erreicht, aber dennoch — nicht alles. Er wußte — die Erfüllung war er noch nicht.

Und dort stand die schöne, bleiche Mutter. Ihr Blick glitt schamhaft über die Bilder an den Wänden, die ihre Hand gemalt. Man sagte, sie sei genial — allein es war doch noch nicht das — das — Genie! Ganz nahe daran, wie ein Ansetzen dazu, wie eine große Sehnsucht danach, aber nicht es selbst.

Und dieser beiden Sehnsüchte hatte dies Kind bekommen.

Nun sahen sie einander an und verstanden plötzlich ihre schamhaft heimlichsten Hoffnungen, welche nie die Lippen gestanden.

Es liegt Schmerz und Enttäuschung darin, die Scham der Armut. Noch heißt es warten, ansammeln, aufspeichern durch die sparende Geduld von Generationen.

Segnend und wehmütig fällt beider Blick auf den Scheitel ihrer Tochter.

Wenn sie nur kein Mädchen wäre, denkt der Vater.

Die Mutter aber: wird sie es endlich? Bringt sie die Verheißung unserer Generationen oder ihre Lenden?

Die Schwestern sind verschämt, aber trotzdem kitzelt sie noch ein schlechtverbissenes Lachen. Elsa sieht niemand, sondern träumt: das Leben ist mein, denn ich erzwinge es mir.

— — — — — — — — — —

Aber es kam anders, als die drei erwachsen wurden.

Berthas Gemahl starb, die Wittwe in Thränen lassend. Und Maras Gatte wurde ihr untreu. Elsa aber verstand, was sie damals mit dem Worte Ruhm gemeint hatte. Sie verstand darunter „Größe“. Und die Erhabenheit wich nicht aus ihrer Seele.

Sie dachte: was brauchen Frauen das Buhlen um Erfolg? Seien wir groß! Und dabei wurden ihre Pupillen so schmerzlich weit und traurig.

Dann sah sie mit dem Blick ihrer Eltern auf ihren kleinen Knaben, mit jenem Blick voll flehendem Herzeleid: „bist du es endlich? Bist du die Erlösung? O künde mir es, bevor ich sterbe!“

Tatjana.

Schon als ganz kleines Kind war sie anders als die übrigen. Sie schien gesund und blühend, hatte auch volle, runde Kinderbacken. Aber immer kam ihr junger Organismus bei geringsten, fast unbeachteten Anlässen zu Erschütterungen, die von Verdauungsstörungen und heftigen Krämpfen im Unterleib gefolgt waren. Dann legte man sie zu Bett und sie träumte.

Für sie war Kranksein und im Bette liegen der Inbegriff des Schönsten.

Dann starrte sie vor sich hin, dachte, sie läge in einem gläsernen Sarge, der weit hinausschwämme ins ferne Meer, wo nichts zu erblicken als sie und weite Wolken und unendliche Wässer.

Dieses Lieblingsbild ihrer Kinderphantasie war charakteristisch für ihr Wesen. Selbst bewegungslos aus dem kleinsten Raum in das Unendliche hinauszuträumen. In ihm, der Ausgeburt eines kaum dreijährigen Gehirnes, lag schon der Keim für ihr ganzes künftiges Werden.

Sie blieb bewegungsfaul und träumte gerne. Lachen, springen, lärmen war ihr ein Gräuel. Bis in ihr zwölftes Jahr hatte sie überhaupt niemand lachen gesehen. Noch weniger springen oder laufen. In einer Ecke zusammengekauert oder die gefalteten Hände ums Knie geschlungen, während die weiten Pupillen verloren in die Ferne starrten, war ihr am wohlsten.

Später kam jene Zeit der Unruhe, der Fieber, des Unbehagens ohne Grund, wo aus dem Kind das Weib geboren werden soll.

Da löste sich das erste Lächeln von den geschlossenen Lippen und unter Schmerzen, Zittern und Stolz fühlte sie sich, dem Kinde entwachsen, Mädchen, Weib.

Das war die erste Freude in ihr. Etwas, was sie mit andern einte, gleichmachte.

Denn die Mädchen tuschelten untereinander, ganz rot: „Hast du schon? — hm? — du verstehst —???“

Und die, so noch Kinder waren, wurden wie etwas gar Verächtliches angesehen! Aber in den Augen der andern lag ein Glanz, in ihrer Haltung plötzlich über Nacht ein Stolz, wie in der Pflanze, die eine Blüte angesetzt.

Tatjana kam einst in die Pensionsklasse; sie, die stets zu früh erschien, um sich schweigend, gleich wie in ein Versteck auf ihren Platz zu flüchten, hatte sich verspätet.

Fast alle Kolleginnen waren schon anwesend und sahen mit Erstaunen auf das fast diaphane Antlitz Tatjanas, deren Augen fiebrig glänzten.

Eine Freundin zog sie in die Fensterecke. „Aber Tatjana, was ist’s denn? Ich wette, du — — —“

„Ja,“ sprach Tatjana. Und eine königliche Würde lag in Wort und Geberde.

Damals, als sie ihnen gestehen konnte, daß sie das Schicksal reif zum Leben befunden hatte.

Und allen war heilig und schicksalsbang über das, was kommen mußte und vor ihnen lag, noch in Dunkelheiten verhüllt.

Aber sonst gab es nichts Gemeinsames zwischen ihnen und ihr.

Das Geschehen rollte der Zeit entlang. Die einen heirateten, andere studierten, andere mußten Stellen zu ihrem Lebensunterhalte suchen. Das äußerliche Leben ist so schwer und drängt fast alle in denselben Weg nach Brot.

Aber es giebt noch ein innerliches Leben; dies lebte Tatjana.

Gerade als ihre Eltern für sie einen soliden Herrn gefunden hatten, der pensionsfähig war, weder trank noch Karten spielte, noch sich in schlechter Gesellschaft umhertrieb, erklärte Tatjana, sie wolle ins Kloster.

Man denke den Jammer ihrer Eltern! Sie war mit diesem Herrn so gut als verlobt. Während sie bisher mit den beiden die Abende verplaudern mußte, hatte sie nun diesem Herrn Antworten zu geben, auf all das Verschiedene, was er sie fragte und worin er manchmal die Würze belehrender Wahrheiten einstreute. Aber Tatjana hörte nicht darauf. Wenn sie nun auch wohlerzogen genug war, in anmutsvoller Haltung scheinbar lauschend hinzuhorchen, so blieb ihre Seele doch zusammengekauert und träumte ins Weite.

Man zog über die Geistlichkeit los, die die Seelen verführe und von allem praktischen abwende. Sie solle sagen, wessen Einflüsterungen sie erlegen sei. Wer doch der intrigante Priester wäre, der sie lehre, dem Willen ihrer Eltern entgegen zu sein. Wann? wo? man ließ sie doch nie allein.

Tatjana verstand nicht einmal, was Vater und Mutter meinten. Ihr hatte niemand zugeredet. Ganz zufällig las sie in einem Zeitungsfetzchen, worin eine Anstoßschnur, die sie gekauft hatte, eingewickelt war, von einem Kloster, worin das Sprechen verboten sei. Die ärgsten Demütigungen des Stolzes würden dort den einzelnen auferlegt, obwohl zumeist die Erbinnen alter Adelsgeschlechter darin aufgenommen wären. So mußten sie z. B. im Freien Esel oder Gänse hüten. Tatjanas Seele prägten sich nur die ersten Zellen ein: nicht sprechen, allein sein. Auf einer weiten, weiten Wiese, ohne Meer zwar, aber den Himmel über sich. Und ist das nicht der tiefste, geheimnisvollste Ocean, größer als alle Seen der Erde, mit leuchtenden Welten, die darin herumschwimmen, weit hinaus über die weißen Korallenstöcke der Milchstraßen — — —

Ihr wurde weit und wohl, als wäre ihr ganzer Leib ein Gebet an das All.

Aber die Eltern drangen auf Gehorsam, schalten über ihre Hyperreligiosität in Unerkenntnis des heimlichen Grundes ihrer Seelensehnsucht.

So wurde sie, entgegen ihrem Wunsche, dieses Herrn Gemahlin.

Ihr Herz hatte keine Liebesknospen angesetzt, denn ihrem Leben war niemand erschienen, der der weckende Frühling ihrer Seele hätte sein können. Zu Liebschaften war sie aber zu ernst und tief.

Doch wurde sie ihrem Gemahl eine mustervolle Gattin. Und mehr verlangte man nicht von ihr, als dieses Aeußerliche. Mehr hätte sie auch nicht zu geben gehabt. Im Innern aber blieb sie die Gleiche. Nur war der Ocean nun das Leben, das tiefer und unfaßbarer als alle Himmel ist. Und darin schwamm sie im Netze ihres engen Geschicks, einsam, ganz allein umher zwischen den dräuenden Gefahren böser Erfahrungen, die wie Meeresungeheuer ihren Untergang verlangten. Darin träumte sie — im Ocean des Lebens allein.

Und alles äußere Geschehen wurde ihrem innersten Wesen nach ein träumendes Gefühl, wie bei anderen ein Gedanke, oder noch anderen eine That.

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„Und so soll das Leben aus sein, weil sie ihr’s verpfuscht haben? Das eine Leben!!“ rief die resolute Brigitta, welche der Geschichte zugehört und die immer oppositionslustig war.

„Aus? verpfuscht?“ sagte Agnes, während sie sinnend vor sich hinstarrte. „Aber es geht nicht zu verderben.“

„Wieso denn nicht?“ sprach Brigitta, die Specialistin für Eltern- und Erzieherkritik! „Wenn alles gegen ihren Willen ging!“

„Nicht doch,“ entgegnete Agnes. „Alles blieb, wie es sein mußte, ob sie geheiratet hätte oder nicht, geliebt oder nicht, glücklich oder unglücklich gewesen wäre, immer würde sie dieselbe grübelnde Träumerin gewesen sein. Immer, in allen Lebensmöglichkeiten. Also, was hätte jemand daran ändern können? Ein paar äußerliche Zufälligkeiten. Weiter nichts.

Jedes wird, was in seiner Natur vorbereitet liegt.“

„Ja,“ sprach eine, die den Spitznamen Fräulein Chrysantheme trug. Sie war sorgsam gelockt, parfümiert und herausstaffiert wie die kostbarsten jener Treibhauspflanzen, deren Namen man ihr gab. Sie war schon Braut eines sehr reichen Menschen, der den ihr nötigen Luxus verschaffen konnte und von ihr nichts verlangte, als daß sie die Schönste und Eleganteste sei.

Im Gedanken an ihre voraussichtlich glänzende Zukunft wiederholte sie triumphierend mit jenem Stolz ohne Duft ihrer Blumen: „Jedes wird, was in seiner Natur vorbereitet liegt.“

„Ja,“ seufzte es aus der dunkelsten Ecke, wo Violetta saß. Und sie fühlte mit heimlichem Grauen, daß sie ihre Seele verschenken müsse, sei es für ein Leben, einen Tag oder eine Stunde, wie das Schicksal es dann wollen wird, aber verschenken, ohne zu fordern. Verschenken! Verschenken ohne Gegenglück — o! und vergessen sein, wie der, der schenkt, ohne Erwiderung zu erwarten. Vergessen, wie der Sonnenstrahl, der lebengebende.

Loras Wirtschaftswoche.

Wie sie aussah, wollt ihr wissen? Ob sie „schwarze, schwarze“ übergroße Augen hatte und eine „weiße, weiße“ Haut, eine schlanke, schlanke Taille und dazu eine sehr üppige Brust.

Nein, seht ihr, so war’s nicht. Sie ist keine Romanfigur, sondern ein lebender Mensch, und die Farbe ihrer Augen ist rätselhaft graugrün.

Sie hat auch kein klassisches Gesicht. Ihre dunkelbraunen, lockigen Haare lassen die junge, schon durchfurchte Stirne und die mächtig hervorgebogenen Hügel über den Brauen frei. Doch bedecken sie eingefallene Schläfen, die von dem Mangel an Eßlust der Trägerin Zeugnis geben. Die Nase ist oben breit angelegt und verläuft fleischlos und schmal in ein paar stets vibrierende Nasenflügel. Das Kinn springt nicht vor, aber ist wohlwollend, breit und zeigt viele Festigkeit.

Die Kleine heißt Lora. Solche 18 Jahre, das ist Jugend, sag ich euch! Diese Fröhlichkeit. Immer ein Witz, eine Taquinerie auf den Lippen, immer Worte, auf welche die Männer wie Bienen nach dem Honig gehen. Sie ist eigentlich frei in ihren Bemerkungen, macht nicht die schamrote Jungfrau, sondern spricht offen über alles, was sie im Leben mit ihren eigenen Augen gesehen. Denkt Euch!

Dabei ist sie so aalglatt in ihrem Benehmen, daß sich keiner ihrer Verehrer auch das geringste erlaubt. Nicht einmal das bekannte, geraubte Küßchen in einer Ballsaalnische.

Die Eltern können sorglos sein. Jetzt schon sind ein paar Heiratsanträge da. Lora will aber nicht und — na, da darf sie auch noch warten. Es ist auch zu hübsch im Hause mit ihr. Die zwei jüngeren sind einsilbiger; machen als wären sie nur da, um zu Lorens Witzen zu applaudieren. Grete, die jüngste, ist sentimental und weint über alles. Amalie, die zweite in der Schwesternreihe, ist jedoch die Praktische. Immer sitzt sie und überrechnet jeden Pfennig ihres kleinen Monatsgeldes oder ordnet die Wäsche in ihrem Schrank, in dem ohnedies alles so peinlich eingereiht ist. Sie wird einmal sicher ein braves Hausmütterchen.

Das kann man eigentlich von Lora nicht sagen. Es ist, als entzöge sie sich dieser behäbigen Pünktlichkeit, die so segenvoll jedem Haushalt wird.

Kommt ihre Woche der Hausführung daran — denn jede der drei hat abwechselnd nach einander eine Woche die Hausfraupflichten — so ist das ganze Haus wie Geisteshänden übergeben. Nichts von Amaliens Pünktlichkeit. Bei dieser weiß man wenigstens, um so und so viel ist das Frühstück und dann das Mittagsmahl. Dabei stets ausreichend zu essen und Speisen, die der Köchin wenig Mühe machen. Alles ist geregelt. Amaliens Woche ist auch sehr vom hygienischen Standpunkt zu empfehlen. Einmal wöchentlich Hülsenfrüchte (wegen der Zähne); zweimal Schweinebraten, einmal Kalbfleisch und Freitags Fisch. Sonst Beefs. Und nachher dreimal wöchentlich Mehlspeisen. So, da weiß jeder, wie er daran ist. Auch Grete ahmt Amalien nach.

Nur diese arme Lora! Ihre Woche ist so was ganz Merkwürdiges. Die Köchin fürchtet sich davor. Immer lauter komplizierte Gerichte. Immer etwas, woran mindestens eine Stunde gerührt oder mit der Schneerute geschlagen werden soll. Und dabei muß man acht geben, wie auf die Lunte einer Bombe. Dann kommt so wenig auf den Tisch, daß jeder kaum so viel bekommt, als nötig ist, daß er Lust hätte, mehr zu wünschen.

Lora macht dabei auf Anklagen das unschuldigste Gesicht: „Was wollt ihr denn? Was ihr soeben gespeist habt, ist nur allernahrhaftestes; gleichsam die Essenz der Speisen. Viel nahrhafter, als das schwere, schlechtverdauliche Zeug, womit ihr sonst den Magen überladet, und das euer Gehirn dann denkunfähig und faul macht.“

Lora geht, wie ihr staunend hören werdet, selbst in die Küche. Es ist kein „Schwindel“ möglich. So und so viel Eier und so und so viel anderes. Sie weiß es ganz genau. Und dann das schreckliche Rezept erfinden! Lora sagt: „Aus dem Kochbuch? Nein! Wir wollen etwas machen, was noch niemand gegessen hat.“

Dann kommen die sonderbarsten Gerichte. Canapes von Artischockenböden mit Fülle von einem seltsamen Champignonragout, überzogen mit... u. s. w.... oder eine ganz besondere Sauce von Hahnenkämmen, wie sie nirgends angegeben steht. Die Kochkönigin, deren Herrschaft die Küche ist, sinkt zu einer Rührmamsell herab. Ohne Loras Gegenwart kann kein Gericht zu Ende gebracht werden. Und das Fräulein ist so genau.