DIE WUPPER

SCHAUSPIEL IN 5 AUFZÜGEN
VON ELSE LASKER-SCHÜLER

OESTERHELD & CO · BERLIN 1909

DER LIEBLICHEN PRINZESSIN
HELLE v. L.
SCHENKE ICH DIESES BUCH

DAS AUFFÜHRUNGSRECHT FÜR SÄMTLICHE
BÜHNEN IST DURCH DIE VERLAGSFIRMA
OESTERHELD & CO., BERLIN W. 15 ZU BEZIEHEN

PERSONEN

FRAU CHARLOTTE SONNTAG (Fabrikbesitzerin)
HEINRICH}ihre Kinder
EDUARD
MARTA
DR. JUR. BRUNO VON SIMON
GROSSVATTER WALLBRECKER
AMANDA PIUS, seine Tochter
CARL PIUS, sein Enkel
MUTTER PIUS (Carls Großmutter väterlicherseits)
DER PENDELFREDERECH}Drei Herumtreiber
LANGE ANNA
DER GLÄSERNE AMADEUS
AUGUST PUDERBACH, Färber
LIESCHEN, sein Schwesterchen
GRETE STOMMS, Lieschens Freundin
WILLEM, Zuhälter, ehemaliger Weber
ROSA, die Riesendame
DIE HERREN MIT DEN GRAUEN CYLINDERN
AUGUSTE}Dienstboten im Hause Sonntag
BERTA

Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, Kroatenjungen, Jahrmarktleute, Kinder etc.

Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, der zweite im Garten vor einer Villa, der dritte auf dem Jahrmarkt, der fünfte in einer Art Gartenzimmer derselben Villa. Die Schlußverwandlung des fünften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel.

ERSTER AKT

Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale.

Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fließt ein schmaler Wupperarm nach hinten in einer Biegung auslaufend. Über den Fluß führt eine Brücke zu einem Weg, an dem Pius zerfallenes, einstöckiges Häuschen liegt. Rechts hinten ein Gäßchen mit hohen, alten, schmutzigen Arbeitermietshäuschen. Im ersten, nur noch halb sichtbaren Hause, wohnen im obersten Stockwerk Puderbachs.

Links von der Wupper eine Wiese — in der Ferne sieht man dampfende Schornsteine von Fabriken und andere Häuser etc.

Vor Pius’ Häuschen steht eine Bank, neben dieser ein breiter Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund in den Wald führt, brennt eine alte Laterne, die während des ersten Aufzuges langsam erbleicht.

Großvatter Wallbrecker, Carl Pius, Frau Amanda Pius, Mutter Pius, Lieschen Puderbach, August Puderbach, der Pendelfrederech, Lange Anna, der gläserne Amadeus, zwei Helfershelfer, Kroatenjungen.

Großvatter WALLBRECKER: Hör auf Dein alten Großvatter, Carl, schmeiß den Gelehrtenkrams beis Gerömpel. Du bist man so recht was für’n Meister, Gesellen müßt De unter Dein Kommando hab’n.

CARL: Laß mich man erst Pastor sein, Großvatter, dann werden die Meisters meine Gesellen.

Gr. W.: Und das Liesken drüben sollst Du doch frein.

CARL (Überlegen wie zu einem Kind): Die heirat’ mich um so lieber.

Gr. W.: Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvatter am Webstuhl gesessen, und doch war das Leichentuch zu klein für uns zwei. (Pause). Es nimmt en Pastor schon, aber, zum gelehrten Mann gehört en feines Weib un zum Pastor eine Pastorin — un der alte Großvatter gehört auch nicht rein in’s Treibhaus!

CARL: ’N en bequemen Sorgenstuhl kauf ich Dir, Großvatter, auf einem weichen Polster sitzt Du und tust den ganzen Tag niks andres wie schlafen, spazierengehen und schmöken. Was sagst De dazu, Vatter Wallbrecker?

Gr. W.: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, daß Vatter Wallbreckers Enkelsohn Pastor is, sie haben mich schon das Haus eingelaufen wegen Dein Vater sein lutherschen Glaubens.

CARL: An was Du alles denken tust.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne hat auch Dein Vater immer in die Ohren gelegen. Ein fleißiger Färber wars; (zeigt auf das Wasser der Wupper) da rinnt sein Blut. — Fällt dem mit einmal ein, er taucht für die Arbeit nich mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja man mit die seidene Röck, aber en Hochmut darf sie ja hab’n bei so viel Geld. Am hellen Tag auf dem Marktplatz hat er ihren adeligen Blossen verhauen.

CARL: Das hat Dir wol großen Kummer gemacht, Großvatter, weil Du es nich vergessen kannst.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab’n sie ihm für seine Missetat ins Loch gesteckt.

CARL: (Beileid bezeugend).

Gr. W.: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter gewesen.

CARL: (Nickt).

Gr. W.: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. Mit ihre Quacksalben hat sie eine feine Madame den Brand an de Waden geschmiert. Siehst De, Carl, un nu meint Amanda, Dir steckt man auch mal rein wie Dein überdrüssiger Vatter und Deine studierte Großmutter.

CARL: Die Zeiten hab’n sich geändert, Großvatter.

Gr. W.: Siehst De, da hab’n wir’s, bald denkst De auch an Dein alten Großvatter Taback nich mehr. (Kindlich schlau).

CARL: Laß man gut sein.

Gr. W.: Wie alt bist De nu, Jung! Puderbachs Aujust bringt schon zehn Taler nach Haus. Da läuft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz.

(Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwärts kommen.)

CARL: Und ich werd’ das Dreifache verdienen, laß mich man Zeit, bin ich erst Pastor, tust De alle Tage Dein Leibgericht knappern.

Gr. W.: (bedenklich) Wenn es de alte Truthenne mich nich auffressen tut.

CARL: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus wohnen.

Gr. W.: Und Du willst in de fremde Residenz predigen? Tum Tingelingeling, in die luthersche Lutherkirche hier mußt De von de Kanzel herunter auf all die reichen Muckerköppe brüllen: (kleine Pause) Und ich werd auch auf meine alten Tag en Ketzer werden, wenn es not tut — Dich zu Lieb, Carl. Ich hab das (schlägt ein Kreuz) doch verlernt (weinerlich), wenn man so immer dran hängen tut.

CARL: Es ist schon spät, Großvatter, ich bring Dich in de Klappe.

Gr. W.: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu.

(Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu, im Begriff einzutreten, umhalst hinterrücks den Großvater Lieschen Puderbach, die ihrem Bruder vorangesprungen ist. Arbeiter sieht man in der Ferne und hört ihre rauhen Stimmen.)

Gr. W.: Was willst De vom Großvatter, kleines, leckeres Dier? Seh Se Dich mal an, Carl, die meint es mit dem alten Großvatter gut.

LIESCHEN: (vergnügt) Kriegst morgen zu Dein Geburtstag ’ne neue Piepe von mich, ich hab dem Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggekläut un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich kann mich für sie eine lange aussuchen wie Deine is, eine nagelneue, Großvatter, (ganz hoch zu sprechen) mit en Hirschkopf drauf.

Gr. W.: (freut sich wie ein Kind) Die meint es gut mit dem alten Großvatter, Carl. (Er kitzelt Lieschen am nackten Hälschen) Ich klopf’ ihm auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen tut, was Liesken?

LIESCHEN: (schämt sich).

Gr. W.: (Blinzelt Lieschen vertraulich an) Er fragt mir immer nach es.

LIESCHEN: (altklug zu Carl) Herr Eduard sagt, ich wär seine Königsbraut.

CARL: (sagt, um etwas zu erwidern) Un mich willst De also nich heiraten.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen Herr, was Liesken?

LIESCHEN: Zwei große Bilder aus England hat er gesagt, bringt er mich mit hier — siehst De! siehst De! Ich glaub, er kömmt gleich Dir besuchen, Carl.

CARL: (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite) Dein Bruder sucht Dich, Liesken.

Gr. W.: Ein blaues Maul hat das Luder von’n Beerenfressen.

LIESCHEN: Kuck mal seine Nas an, Großvatter!!

Gr. W.: Die is man wie’n Affe seine gemalen.

LIESCHEN: Aujust, Aujust, wie siehst De aus!!!!

AUGUST: (blickt neidisch auf Carl) Ich bin man blos ein einfacher Färber, ich schäm mir nich, von Gottes Waldes Natur zu fressen; Du, Großvatter Wallbrecker?

Gr. W.: (Schüttelt mit dem Kopf) Nä.

AUGUST: Du Liesken? (Carl stellt sich an einen Seitenbalken des Häuschens, die Arme verschränkt).

LIESCHEN: Wenn De de Mutter fragen tust, August, ob ich die Tante noch ein bischen waschen helfen darf, dann sag ich Dich auch, wo Deine kleine Piepe im blauen Sametetui is.

AUGUST: Sag!!

Gr. W.: (Schüttelt heftig Lieschen mit dem Kopf zu).

LIESCHEN: (Lacht).

AUGUST: Sag es doch, dummes Weib!!

LIESCHEN: Molz! Ich weiß es doch nicht.

Gr. W. und LIESCHEN: (Lachen August aus, der in komischen Wendungen im Begriffe ist, umzukehren, Lieschen verhindert es aber).

LIESCHEN: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, ja? Ich geb Dich auch en Dicken.

AUGUST: Steck den Schmatz man in de Kiste, wenn de heiraten tust.

LIESCHEN: Meine Klümken un de Stange Süßholz kannst De Dich nehmen aus Mutter ihre Kommode, Aujust.

Frau AMANDA PIUS: (tritt ans offene Fenster, sie hat die letzten Worte Lieschens gehört) So en süßen Kater bist De, Aujust? Warum kömmst De eigentlich nich mehr beim Carl herüber?

(Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster).

AUGUST: Bei so’n feinen Herr, — nä, Frau Pius?

Mutter PIUS: Was soll auch unser Carl mit so einen gemeinen Baumwollenfärber anfangen?

AUGUST: (Verzieht sich furchtbar komisch mit einem Katzenbuckel).

Mutter PIUS: (zu Lieschen) Und Du müßt’ schon in de Klappe liegen.

LIESCHEN: (etwas schüchtern auf Frau Amanda blickend) Ich will die Tante noch waschen helfen, daß se morgen dem Großvatter sein Leibgericht kochen kann.

Mutter PIUS: Und hat kein Zahn im Maul.

LIESCHEN: Ich kann doch nich schlafen bei so’n Mond, der guckt so rot wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug.

Frau AMANDA: (geheimnisvoll) Hast De das schon gesehen, Liesken?

LIESCHEN: Einmal hat er es mich und Gretchen Stomms gezeigt.

Mutter PIUS: (zynisch) Un hast De sonst niks andres in sein Keller gesehn, Liesken?

LIESCHEN: Ich hab immer blos in sein runden, roten Mond geguckt.

Mutter PIUS: Aber en wacker Mädchen bist De geworden: Amanda guck mal, Brüst hat es schon, wie junge Salatköppe. (Carl tritt aus seinem Winkel auf den Großvater zu).

Gr. W.: Carl, ich komm jetz.

(Mutter Pius tritt in die Stube zurück; Lieschen klettert durchs Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei behilflich. Dann schließt sie das Fenster. Der Großvater und Carl schlendern langsam ins Haus.)

Gr. W.: Nä, wie mich das alles aufregen tut ....

CARL: Was denn?

Gr. W.: Mit Deine Carliäre, Carl.

CARL: Schlaf man ruhig, Großvatter. (Sie treten beide ins Häuschen. August schleicht aus seiner Gasse, umlauert das kleine Häuschen von Pius und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch und Bank. Unterdessen wird das Dachkämmerchen von einem matten Öllämpchen erleuchtet, das kleine Fenster ist halb geöffnet. Betrunkene Arbeiter passieren den Weg, fluchen, lachen, etc. August gebärdet sich, da er durch den Lärm nicht zu hören glaubt, wie ein wütender Clown. Die Arbeiter biegen rechts in die Gasse ein. Man hört von oben Amandas Stimme).

Frau AMANDA: Vatter ....

Gr. W.: Jjo ....

Frau AMANDA: So eilig hast De’s ja sonst nich, wach auf!!

Gr. W.: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter?

Frau AMANDA: Was hat Carl gesagt?

Gr. W.: Was?

Frau AMANDA: Was er gesagt hat. Du hast doch gesprochen mit ihm.

Gr. W.: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, was fürn schönen Posten der Aujust hat.

Frau AMANDA: Un was sagt er drauf?

Gr. W.: Nä, er will nich; de Pastor spuckt ihm in Kopf herum.

Während
dessen
setzt
oben das
Gespräch
fort.

Drei Männer kommen langsam schweigend über die Brücke, der eine murrt unheimlich, es ist der Pendelfrederech, sein linkes, ausgelaufenes Auge bedeckt eine schwarze Klappe. Der zweite ist lange Anna, der trägt eine Handharmonika in einem verschossenen Band um die Schulter. Der dritte ist der gläserne Amadeus, der nimmt vorsichtig Platz auf der Stufe, die von der Brücke zum Weg führt. Die beiden anderen setzen sich auf das Geländer der Brücke. August bückt sich tiefer unter den Strauch.

Frau AMANDA: Du kannst nich kallen! Ich hab auch keine Lust mehr, den ganz Stall zu füttern.

Gr. W.: Gered’ hab ich, ihr Weiber denkt wol, ihr habt allein en Schnabel, was? (Frau Amanda heult.) Laß das Heulen. (Sie gluckst.) Freuen tu ich mir doch auf Carl in Ornaments (schlau kindlich). Noch ein paar Jährkes, Amanda, meine liebe Tochter, dann kömmt der Lohn. Glaub Dein alten Vatter. (Er kräht noch einmal und schläfert.)

Frau AMANDA: Die Pius hat an alles Schuld, hat se de Finger an mein Mann gehabt, soll se mein Jung zufrieden lassen.

Gr. W.: (Aus dem Schlaf triumphierend) Er wird se auch nich einladen zu sich in sein Filla neben Kaiser Wilhelm Schloßkirche.

Frau AMANDA: Du träumst wohl? (Sie schüttelt ihn ärgerlich, man hört das Bett krachen.)

Gr. W.: Alles präzise Wahrheit, Amanda, diesmal hat de alte Pius gut spekuliert. (Kurze Pause.)

Frau AMANDA: Seitdem Du nich mehr zum Heiland beten tust, is alles so gekommen. (Sie heult wieder.)

Gr. W.: Ich bet jeden Abend, meine liebe Tochter, ich lüg lieber, als daß ich mir nich bedanken tu für seine große Gnade. (Leise singt die Türe.)

Frau AMANDA: Kömm man herrein! — Liesken will Dich gute Nacht sagen, Vatter, und denn kannst De schlafen meinetwegen. (Man hört die Tür roh ins Schloß werfen.)

LIESCHEN: Großvatter, ich freu mir so auf Deine neue Piepe (ganz hoch sprechend) en Hirschkopf hat se!!

Gr. W.: (Lacht wie ein Kind.)

LIESCHEN: Klopfst De un pfeifst De mich, wenn er bei Euch kömmt?

Gr. W.: (Pfeift sehr gelungen.)

LIESCHEN: Dein dicken Zeh guckt ja aus de Federn heraus, Großvatter, warte, ich deck Dir zu wie’n Wickelkind.

Gr. W.: Mach auch noch weiter das Fenster offen, ich leid an de Luft.

LIESCHEN: (öffnet das kleine Fensterchen ganz.) Aujust, hier bin ich.

AUGUST: (fährt erschrocken in die Höhe und winkt ab.)

LIESCHEN: Ich komm jetzt runter; gute Nacht, Großvatter Wallbrecker!

Gr. W.: (halb schlafend) Tum Tingelingeling, wenn ich noch se en jung Weib im Bett hab’n könnt.

(Lieschen ist im Nu unten.)

AUGUST: (tritt aus dem Versteck, Lieschen eilt zu ihm. August zu den Herumtreibern): N’Abend zusammen, kömmt ihr schon von de Arbeit?

Lange ANNA: (hohe Weiberstimme) Wo sonst her, alter Duckmäuser?

LIESCHEN: Amadeus, Du blutest ja.

Lange ANNA: Laß es man bluten aus de Nasenrinnen, was fängt er auch an gescheit zu reden aus sein Traumbuch.

AMADEUS: (legt angstvoll die Hand aufs Herz) Un en Sprung hat es abgekriegt, Liesken, es tröppelt immer.

Lange ANNA: Laß ens lutschen ran.

AMADEUS: Seid man still: es gibt noch was hinter de Düsterkeit, wart man, wenn es erst Licht wird.

AUGUST: (steckt ein Streichholz an) Hier hast De Licht, das können wir auch machen. (Zu Lieschen) Versteck de Visage in Dein Schabbesdeckel, Lieschen, Frederech hat wieder sein Pendel raushängen. (Frederech murmelt grausig.)

LIESCHEN: Ich hab’ so ’ne Angst, Aujust, wir wollen bei Mutter gehn.

Lange ANNA: Bange Hippe!

AMADEUS: (mitleidig) Es ist auch Zeit, macht euch nach Haus, so’n kleines Blag gehört nicht mehr auf de Straße. (Oben hüstelt der Großvater. August und Lieschen biegen ins kleine Gäßchen ein und treten in ihr Haus.)

AMADEUS: Ich sag euch, lang mach ich so en Leben nich mehr mit. Pendelfrederech, was hast De von Dein Leben?

PENDELFREDERECH: (grausig murmelnd) Ich hab nicks von’s Leben, aber es hat mir zum Zeitvertreib.

Lange ANNA: (höhnisch) So en verfaultes Zeitvertreib.

PENDELFREDERECH: Nix für seine feinglasierte Fingers, aber wenn es einen en Schabernack spielen will, dann holt es mir aus seine Kiste. (Murmelt böse.)

Lange ANNA: (lacht) Von de Türen rannten de Kochmamsells und die Herzen fielen ihnen in de Buchsen. (Er klopft Pendelfrederech auf die Schulter und lacht noch höher auf.) Mit Dich mach ich oft so’ne Opern.

AMADEUS: Und daß de Polizisten Dich nich kriegen tun, Pendelfrederech.

Lange ANNA: Die lachen selber.

AMADEUS: Wat hast De eigentlich von de Sauereien?

Lange ANNA: Und guckst man immer so mit das eine Aug in Dein Kopf rein?

PENDELFREDERECH: Rot seh ich immer, lauter Rot. (Murmelt grausig.)

AMADEUS: De Mutter Pius, die hat en Mittel dafür. Aus dem Zuchthauskirchhof holt sie die Totenköpfe und reibt sie zu Zucker. (Sie lachen alle drei. Carl tritt, leise vor sich hin pfeifend, aus dem Haus und setzt sich auf die Bank. Amadeus spricht ohne Pause weiter, ohne Carl zu bemerken.) Mich kann se vielleicht auch helfen. (Er legt die Hand zärtlich bange aufs Herz; er bemerkt plötzlich Carl.) Nabend Carl. (Rührselig). Es hat en Sprung gekriegt, es klirrt nur immer so drinn.

Lange ANNA: (höhnisch) Deine Großmutter will er consultieren.

AMADEUS: (auf Frederech zeigend) Dem soll se auch lebendig machen; wie en Spezialdoktor weiß se mit de Kastemännekens Bescheid, was Carl?

CARL: (hochmütig und abweisend) Sucht euch Arbeit, dann vergehen euch de Schrullen.

PENDELFREDERECH: Ich will nich reicher werden.

Lange ANNA: (zu Carl) Tu man nich so aufgeblasen.

(Kroatenjungen kommen, sie heulen.)

AMADEUS: Was heult ihr so spät in der Nacht, heulen könnt ihr noch morgen.

KROATENJUNGEN: Aben verkauft nich, garnich, Meister schlägt, tut weh ....

Lange ANNA: (zu Carl) Pastor kümmer Dir um Deine Gemeinde. (Carl gibt sich eine abweisende Würde.)

AMADEUS: Laß man (er faßt in seine Tasche. Die Kroaten gehen weiter.)

Lange ANNA: (zu Carl) Was, Du alter Geizkragen, Du Kreuzverdreher, Du Taschendieb. (Er will in Carls Taschen fassen.) Zeig uns ens das fremde Portemonnai! (Carl verrenkt mit wortloser Leidenschaft den Arm des langen Anna. Der schreit furchtbar grell auf, Amadeus fällt zusammen, der Pendelfrederech nimmt ein kleines Metallpfeifchen aus der Tasche und pfeift. Geht dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten, seines Weges und legt sich gegenüber dem Hause Puderbach am Ufer der Wupper nieder. Es nahen alsbald drei Helfershelfer aus der Umgegend, die glauben, da man lange Anna seines kreischenden Heulens und Jammerns wegen nicht verstehen kann, es handele sich um Amadeus und fluchen.)

(Mutter Pius tritt aus dem Häuschen.)

1. HELFERSHELFER: (zeigt auf Amadeus) Wegen den übergeschnappten Pitter?

2. HELFERSHELFER: Pfeift uns der Stinkadores.

(Mutter Pius und Carl bringen Amadeus in ihr Häuschen.)

Lange ANNA: (zeigt vergebens seinen Arm und nach Carl) Ein Mörder is er! (Die drei Helfershelfer verstehen endlich, um was es sich handelt, drohen, zeigen Messer und werden sehr laut. Der Großvater Wallbrecker tritt oben erschreckt ans Fenster.)

Gr. W.: Macht euch zum Teufel, ihr versoffene Nachteulen.

Die drei HELFERSHELFER: Johannes Sohn is ein Mörder, soll sich noch mal sehen lassen. (Lange Anna kreischt wiederholend) Ein Mörder, ein Mörder!

Gr. W.: (krähend) Amanda, ruf den Carl bei mich. (Er geht vom Fenster, man hört sein Bett knacksen; kräht schlaftrunken) Meine Piepe will ich hab’n, (in Lieschens Ton) mit dem Hirschkopf drauf!

(Die Männer verziehen sich drohend, Lange Anna mit ihnen.)

Gr. W.: (Leise) — Tum tingelingeling ....

(Der Vollmond steht grell am Himmel, leise öffnet sich eines der Dachfenster im Arbeiterhause, in dem Puderbachs wohnen. Das kleine Lieschen steigt leise mit geschlossenen Augen im Nachthemdchen aufs Dach, macht einige Schritte zur Wupper hin, wo Frederech liegt und steigt wieder zurück durchs Fenster. Pendelfrederech hebt sich bei dem Vorgang langsam auf Vieren und stiert gläsern nach dem Dach. Sozialdemokraten singen unterdessen, hoch am Wald vorüberziehend, vierstimmig ein sozialdemokratisches Lied, man hört die letzten Worte: Denn unsre Fahn’ ist rot.)

ZWEITER AKT

Ein blühender, gepflegter Garten mit Beeten und Rosensträuchern und im Hintergrund ein Springbrunnen auf einer kleinen, künstlich hergestellten Anhöhe; im Hintergrund ein Pavillon mit bunten Fenstern, den man kaum sehen kann. Rechts ein weinumrankter Treppeneingang, der in die alte Villa Sonntag führt. Links im Vordergrund ein Zelt mit Tisch, Bank und Stühlen. Zwischen Gartenzaun und Nachbarmauer zieht sich eine in die Stadt führende, schmale Gasse. An der Nachbarmauer ist ein Blechschild angebracht mit üblicher Warnung, aber es ist schon alt und ruiniert und seine Aufschrift unleserlich.

Frau Sonntag, Heinrich, Eduard, Martha, Carl Pius, Mutter Pius, Auguste und Berta, die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna, der gläserne Amadeus.

Mutter PIUS: Lassen Se mir ihm zwischen de eurigen sehn, das freut so’n altes Großmutterherz.

BERTA: (gnädig und geziert) Unsere Frau ist auch so freundlich zu ihm und erst (respektvoll) der Herr Eduard.

Mutter PIUS: Was Se sagen — aber, is er das vielleicht nich wert? In de früh um fünf kömmt euer junger Herr und holt ihm aus dem Nest und frägt ihm hie und da wegen dem Examen.

BERTA: (schnippisch) So klug ist der Carl?

Mutter PIUS (überlegen): Wann er mein Enkelsohn ist?

BERTA (lacht vorlaut. Sie will Mutter Pius verlassen, stellt das Tablett mit dem Abendgeschirr auf die Bank — die Servietten vergeßlich unter dem Arm haltend.)

Mutter PIUS: Hab’n Se’s so eilig, Berta, sonst verzählen Se sich doch so gern mit mich?

BERTA: Ich habe keine Zeit.

Mutter PIUS: Sie haben wohl den Kopf vom Schatz voll?

BERTA: Wer sagt Ihnen, daß ich einen Schatz habe? (Berta pflückt sich eine Kamille vom Beet und läßt dabei zwei Servietten fallen.)

Mutter PIUS: Wer das sagt? Raten Sie ens! — Die Karten. (Berta stemmt neugierig die Hände in die Seiten. Mutter Pius hebt die zwei herabgefallenen Servietten auf und liest wohlgefällig den Namen auf dem Serviettenring.)

Mutter PIUS: (zu sich) Wie en Kind im Haus ....

BERTA: Na was sagen denn die Karten all, Mutter Pius? (schmeichlerisch.)

Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bißchen zappeln) Das möchten Sie wohl wissen, Berteken?

BERTA: (Nickt geziert).

Mutter PIUS: Dein Schatz wird Dich untreu, aber eine weite Reise machst De übern Ozean, und ein reichen Millionär lernst De kennen.

BERTA: Donnerstag! (verwundert) Unser Fräulein hat mir zwei Nächte hintereinander im Schiff gesehen.

Mutter PIUS: Siehs De!!

BERTA: Aber zu Auguste haben Sie am Sonntag gesagt, mein Schatz wär ein robuster Mann mit einem Schnauzbart.

Mutter PIUS: Ich hab das gesagt? Laß mir ens besinnen .....

BERTA: (geziert) Aber er ist von kleiner Statur und trägt einen hellen Spitzbart.

Mutter PIUS: (weissagend, komisch) Un adlig is er.

BERTA: Donnerstag. (Verwundert.)

Mutter PIUS: Das dumme Weib, geärgert hat sie sich, daß der Coeurkönig nich bei ihm lag und es zwanzig Jahr auf einen warten muß. Un da hat es Dir vor Neid angeschmiert. Nä, Berteken, daß De so dumm bist!

BERTA: Ich werd’s der besorgen!

Mutter PIUS: Laß man, es is ja en arm Dier mit sein scheeles Aug und seine schiefe Schultern, laß man Berteken.

AUGUSTE: (steht im Seitengang, der aus der Küche in den Garten führt, zu Berta) Wo bleiben Se denn? (Mutter Pius gewahrend, eilt sie zu ihr.)

Mutter PIUS: (zu Berta) Ich hab auch de Madame schon rufen hören. (Berta geht geziert ins Haus. Mutter Pius nähert sich gewandt dem Pavillon, bückt sich, um durch die Ritzen besser sehen zu können.)

Mutter PIUS: (zu Auguste) Ich habe ihm nur durch die Ritzen gesehen, ich muß mir jetzt beeilen, das Liesken von Puderbach hat de Windpocken.

AUGUSTE: Was Se nich alles verstehen (glotzäugig, gläubig.)

Mutter PIUS: (nimmt ihr Körbchen am Arm und reicht Auguste die Hand.)

AUGUSTE: Hab’n Se denn unsere Frau schon gesprochen?

Mutter PIUS: Das sehen Se doch an die schmierige Spitzen. (Aufs Körbchen weisend.)

AUGUSTE: (glotzäugig, gläubig) Was Se nich alles verstehn!

Mutter PIUS: Alles muß man verstehen, das feinste und das gröbste.

AUGUSTE: (schüttelt bewundernd den Kopf. Mutter Pius wendet sich geringschätzend und diabolisch lachend, noch einmal zu Auguste herum.)

Mutter PIUS: Hab’n Se molz en flotten Kerl gefunden, trotz de Karten?

AUGUSTE: Nä, leider nich, Eure Karten sind reine Teufels, Mutter Pius.

Mutter PIUS: Kommen Se de doch ens wieder bei mich, vielleicht kriegen wir Gewalt über den Zauber, Auguste.

AUGUSTE: Wenn ich mich erlauben darf. (Man hört Husten aus dem Pavillon; sie horchen beide erschreckt nach der Richtung.)

AUGUSTE: Das is Herr Eduard nich, das is de Marta, die guckt zu lang in de Nacht aus’ en Fenster.

Mutter PIUS: (lauernd) Euer Fräulein soll ens lieber schlafen.

AUGUSTE: Sie möcht auch von Euch de Karten gelegt haben.

Mutter PIUS: (freudig) Eine Gräfin war bei mich.

AUGUSTE: (sie anstaunend) Wenn Se’s nich wieder sagen, zeig ich Euch ne neumodsche Photographie von de Marte — splitternackt, wie’s erste Weib unterm Baum. (Frau Sonntag und Heinrich treten unbemerkt aus dem Haus.)

Mutter PIUS: Du hältst de Mutter Pius wohl für dumm?

AUGUSTE: Ihre Freundin, das Fräulein Oberbürgermeister, hat se so abgenommen. —

Mutter PIUS: Lauf wacker! (Auguste eilt fort durch die Seitentür, Mutter Pius ruft ihr nach) Ich leg Dich auch fein die Karten, Auguste ...

(Mutter Pius bemerkt die Kommenden, Heinrich nähert sich dem Zaun, und nimmt von einer Frau die Abendzeitung entgegen, drückt ihr flüchtig ein Geldstück in die Hand, indessen Frau Sonntag zum Zelt schreitet.)

Mutter PIUS: (gewandt) Verzeihen Se, Ma’m Sonntag, daß ich noch hier stehn tu, ich wollt mein Enkelsohn Addjüß sagen. (Frau Sonntag nickt freundlich herablassend und geht rechts, die Rosen betrachtend, weiter. Mutter Pius kommt auf Heinrich zu, klopft ihm vertraulich auf die Schulter.)

HEINRICH: Schockschwerenot, Frau Pius, wie geht es Euch bei den schlechten Zeiten?

Mutter PIUS: Davon wissen Sie doch nicks, Herr Heinrich.

HEINRICH: Un immer jünger werden Se. (Berta tritt aus dem Haus, den Tisch zu decken.)

Mutter PIUS: Sie Schmeichler.

HEINRICH: (zynisch, gutmütig) Frau Pius, was meinen Se zu uns zwei?

BERTA: (kichernd.)

HEINRICH: (zu Mutter Pius) Lassen Se den Kickindewelt lachen, er weiß von de Liebe nicks.

(Frau Sonntag nähert sich zerstreut dem Zelte.)

Mutter PIUS: So en jungen reichen Herrn un ich?

HEINRICH: Schockschwerenot, es is mein heiliger Ernst. Eine verständige Frau muß ich haben.

Frau SONNTAG: Frau Pius, lass Sie sich von meinem Sohn nicht zum Besten halten.

Mutter PIUS: Ich uz mir gern mit ihm, Ma’m Sonntag, lassen Se ihm die Freude.

HEINRICH: Wenn Se alles innes Lächerliche träkken, liebe Frau Pius, wir passen doch aufs Haar zusammen.

Mutter PIUS: (weiß nicht, wie sie es auffassen soll) Ein reiches Fräulein muß Herr Heinrich heiraten. Titichens, will de Großmama (zeigt auf Frau Sonntag) wieder in Arm wiegen (sie macht mit dem Arm die Wiegebewegung.)

Frau SONNTAG: Nun lass Frau Pius zufrieden, Heinrich.

Mutter PIUS: Auf de Messe aber dürfen Se mir Johanni mit die Freunde in meine Bude besuchen. Ich servier diesmal (nickt Heinrich heimlich zynisch zu) en extra feine Delikatesse —

BERTA: (bescheiden zu Frau Sonntag und Heinrich) Ein Kind mit zwei Köpfen ....

Mutter PIUS: (bemerkt endlich Auguste, die schon längere Zeit erfolglos aus dem Seiteneingang winkt) Nabend zusammen, ich muß bei meine Leute! (Frau Sonntag setzt sich auf die Bank an den Tisch und Heinrich bleibt neben ihr stehen.)

HEINRICH: Ein Unikum ist die Olle!

(Mutter Pius entreißt Auguste das Bild [Kabinettgröße] und entfernt sich aus der Zauntür. Auguste bleibt verdutzt stehen.)

Frau SONNTAG: Du ziehst sie aber auch beständig auf, Heinrich.

AUGUSTE: Wie’n Wind (geht ins Haus).

HEINRICH: Spaß muß sein, Mama Charlottchen.

Fr. SONNTAG: Macht Dir das solch einen Spaß?

HEINRICH: Du sagst das so melancholisch.

Fr. SONNTAG: So, das weiß ich garnicht.

HEINRICH: (kleine Pause) Dieses Jahr wird die Bilanz gut werden, Mama Charlottchen.

Fr. SONNTAG: (lebhafter) Du belügst mich, Heinrich?

HEINRICH: Bei meinem verrosteten, alten Säbel.

Fr. SONNTAG: Du bist ein Junge!

HEINRICH: Wir wollen ein Pulleken darauf trinken, Mama Charlottchen!

Fr. SONNTAG: (schüttelt lächelnd den Kopf).

HEINRICH: Schad, daß Pius Großmutter nicht mehr da ist; sitzen die noch immer darin? (Er zeigt auf den Pavillon.)

Fr. SONNTAG: Man muß sich nicht gemein machen mit diesen Leuten.

HEINRICH: Mittags promeniert sie vor meinem Büro vorbei, bis ich rauskomm.

Fr. SONNTAG: Warum?

HEINRICH: (im Ton der Arbeiter) Sie liebt mir —

Fr. SONNTAG: Schwätz keinen Unsinn, Heinrich.

HEINRICH: (lacht).

Fr. SONNTAG: Laß die arme, alte Person in Frieden, ich möchte die Neckerei um Eduards Willen nicht. Du kennst doch seine Sympathie für Pius.

HEINRICH: Pius kennt die alte Schrulle ganz genau.

(Berta trägt Schüsseln mit kalten Speisen auf.)

Fr. SONNTAG: Taisez donc!

HEINRICH: Ich sag ja nichts. (Er nähert sich dem Pavillon. Marta ist gerade im Begriff aus der Türe zu treten — die Geschwister stoßen sich fast.)

MARTA: Hast Du mich erschreckt!

HEINRICH: (neckisch) Ein unschuldiger Mensch erschrickt nicht, beichte!

MARTA: Esel!

HEINRICH: (plötzlich leise mit Erregtheit, die sich steigert bis zum Jähzorn) Ich will Dir mal was sagen, erfahre ich noch einmal, daß Du in meiner Abwesenheit im Büro gewesen bist, so bekommst Du ein paar Backpfeifen von mir.

MARTA: (ein wenig verblüfft) Ich tu doch garnichts da.

HEINRICH: Du weißt, Simon ist mein Angestellter, ich wünsche, daß er Respekt behält vor uns, verstehst Du! (wieder munter) Schockschwerenot!

MARTA: Herr von Simon ist stets höflich zu mir.

(Eduard und Pius treten in den Pavillon.)

HEINRICH: Das will ich auch hoffen. (Heinrich reicht Carl Pius die Hand.) Hab doch wahrhaftig wieder die Marken vergessen.

EDUARD: (zu Carl; Heinrich umfassend) Er schwitzt den ganzen Tag für uns, Carl, er ist der selbstloseste Mensch auf der Welt.

HEINRICH: (tut beschämt wie ein Backfischchen, bei seinem robusten Äußern sehr ulkig wirkend).

MARTA: (geht dem Tisch des Zeltes zu) Mama, ich habe schreckliche Augenschmerzen (sie öffnet sie graziös affektiert) vom Nachschlagen.

Fr. SONNTAG: Ich bewundere schon lange Deine Ausdauer. (Pius geht ungeschickt auf Frau Sonntag zu und verbeugt sich tief vor ihr. Frau Sonntag reicht ihm die Hand.)

MARTA: Herr Pius will vor dem Abendbrot nach Hause gehen, Mama.

Fr. SONNTAG: Aber warum das, Herr Pius?

CARL: Wenn ich so frei sein darf? (Marta bietet ihm den Stuhl neben sich an; Heinrich setzt sich links von Marta — Eduard nimmt neben seiner Mutter auf der Bank Platz. Berta serviert den Tee und bedient etc.)

MARTA: Findest Du nicht die Hornbrille scheußlich für Herrn Pius, Mama? Er sieht aus wie ein Dorfschullehrer.

Fr. SONNTAG: Marta schwätz nicht soviel Unsinn.

CARL: (verlegen.)

Fr. SONNTAG: Ich habe noch garnicht bemerkt, daß Herr Pius eine Brille trägt.

CARL: Seit kurzem.

EDUARD: Bitte nimm sie mal ab. (Carl zögert.) Ich bin auch kurzsichtig.

Fr. SONNTAG: Deine Rehaugen ....

HEINRICH: (ulkig einen Backfisch imitierend) Das lass ich mir nicht mehr gefallen, mir macht kein Mensch den Hof.

BERTA: (kichert leise auf, Frau Sonntags Blick streift sie rügend.)

HEINRICH: Sie denken an Mutter Pius, Berta, was? Eine Großmutter haben Sie, Pius, prima!

CARL: (verlegen.)

HEINRICH: Ich glaube sogar, sie ist eine ganz kluge Frau?

EDUARD: (zu Carl) Von köstlichem Humor.

MARTA: Eduard sagt, sie versteht lateinisch.

Fr. SONNTAG: Auf welchen Tag fällt Ihr Examen, Herr Pius?

CARL: Am Mittwoch, einige Tage nach Johanni, Madame Sonntag.

EDUARD: Du regst Dich mehr auf, wie wir beide und die ganze Prima zusammen.

Fr. SONNTAG: Mein Sohn sagt mir, Sie machen sich Ihrer Studien wegen Sorge?

CARL: (ist verlegen um Antwort.)

EDUARD: Du wolltest Dich doch für weiteres verwenden, Mutter?

Fr. SONNTAG: (nickt freundlich Eduard zu, ihr Blick fällt plötzlich auf Heinrich, der interessiert in der Zeitung liest.) Was interessiert Dich in der Zeitung — (rügend) während des Tisches.

HEINRICH: Ich bitte um gnädige Verzeihung, Mama Charlottchen.