VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH

VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“


Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.


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„Onkel Heinz, Onkel Heinz,“ schallte es von hellen Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen Mädchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam nicht los.

„Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,“ rief er endlich; „wartet, ihr Kröten, ich werde euch kommen!“

Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der Junge aber und das älteste der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel umherkollerten.

„Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!“ gebot Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei zurück. Das war ein Hauptspaß.

„Kinder, so seid doch endlich vernünftig,“ legte sich Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.

„Ja, nun hört endlich auf,“ gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den Worten:

„Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?“

„Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts,“ gab er zur Antwort.

„Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!“ rief es nun schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und Überzieher, die er beide auf einen Stuhl neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, und bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich [pg 3]ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte.

„Nun ist’s genug,“ sagte sie; „kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in mein Zimmer.“

„Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!“ rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er nicht von der Stelle konnte.

Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu warfen sich die Kinder über ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schließlich doch Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen die Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden Kindergesichtern leuchtete die helle Freude über den gut gelungenen Spektakel.

„Ihr seid eine Gesellschaft,“ sagte Ilse kopfschüttelnd, aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien.

„O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,“ meinte Nellie, als sie den Professor ansah.

„Ja, ja, Prügel müssen sie haben,“ rief er ihnen mit scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es [pg 4]gemeint war, sie sahen ja seine lustig zwinkernden Augen und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er ernstlich böse war.

Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hände gerutscht waren, rückte an seiner Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber sie standen nach wie vor gerade in die Höhe, tadellos in Reih und Glied.

„Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?“ fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls.

„Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,“ quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte zu erfüllen.

„Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,“ legte er sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling Ruth etwas abgeschlagen wurde.

„Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig sein,“ gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der Kinderstube bleiben sollten.

Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes holen sollte.

Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn „sanft“ und „dumm“ stellte sie in eine Reihe. „Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und werde es auch nie,“ meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie auch recht.

Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie „sanft“ ohne den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt.

An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.

Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau Superintendentin geworden war.

Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten zusammen.

„Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,“ bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe an ihr.

In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie [pg 7]beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.

„Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,“ entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.

Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er ließ sich gerne zureden.

„Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,“ rief sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch bleiben würde.

„Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,“ wiederholte er mit einigem Nachdruck, „das ist auch recht gut.“

„Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter Bücherkram.“

„Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?“ fragte er, die Worte „alter“ und „Kram“ besonders betonend, während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens, Ilse kannte es genau.

„Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,“ fuhr er fort.

„Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.“

„Ich weiß am besten, was ich tun muß,“ erwiderte er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht einschüchtern, sie kannte seine Art.

In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so [pg 9]hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn einen „wunderlichen alten Junggesellen“, obgleich er nur wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rührende Liebe zu den Kindern. „Sie sind meine beste Erholung,“ pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. –

Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred selbst zu holen.

„Ich kann ja das Mädchen schicken,“ meinte Ilse, aber Nellie ließ das nicht zu.

„Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,“ [pg 10]antwortete sie ausweichend. Doch in Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit, nach Gontraus zu kommen.

Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen an.

„Sie bleiben auf jeden Fall,“ sagte Ilse, ihn zurückhaltend, und wies jeden Einwand, den er machen wollte, zurück.

„Wissen Sie was,“ rief sie plötzlich, „ich habe heute morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz – können Sie da widerstehen?“

Er lachte.

Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genüge. Die Geister, die ihnen entstiegen, waren nicht trübselig, es waren die des Frohsinns und der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugänglich, ja unliebenswürdig, und ließen ihn bald als „komischen Kauz“ ganz links liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft versammelt war.

Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.

„Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als dazubleiben,“ sagte er vergnügt, „aber die Bowle will ich [pg 11]selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht sie regelmäßig zu süß.“

„Natürlich, natürlich,“ sagte Ilse, „doch dann müssen Sie mit in die Küche kommen, Onkel Heinz.“

Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise seine Vorbereitungen. Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, Marianne kletterte auf einen Stuhl und beugte das Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher schon der aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz fehlte natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene führte er nocheinmal ein Glas an den Mund – sie war gut geraten.

„Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?“ fragte er.

„Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!“ riefen sie durcheinander, und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreißen konnten.

„Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar nichts!“ Damit drängte er die verlangenden Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam jedes zu kosten.

Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel Heinz füllte noch einige Male nach.

„Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,“ sagte er schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte.

„Aber, bester Professor, wie können Sie nur den Kindern so viel Bowle zu trinken geben,“ rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kräftigen Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.

„Das schadet ihnen doch nichts,“ entgegnete Onkel Heinz.

„Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen schädlich!“

„Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schädlich sein, wer sagt das?“

„Nun unser Arzt behauptet es,“ gab Ilse zur Antwort.

„Na ja, die Ärzte!“ fiel Onkel Heinz mit höhnischem Lachen ein; „wenn die so etwas behaupten, können Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur Unsinn.“

Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu, ihre Laune war an diesem schönen Abend eine zu gute, und die wollte sie sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden Seiten eine kleine Mißstimmung zurück.

Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu Bett. Dem Quälen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben könnte, setzte sie ein unerschütterliches „Nein“ entgegen.

Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle vergnügt zusammen, und Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen war es noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. Jeder empfand in seiner Weise den Zauber desselben, einer oder der andre saß manchmal stumm und blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor flötete jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich hellglänzend vom Himmel ab.

„Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?“ fragte Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude über das gemütliche Zusammensein blickte ihm so recht lebhaft aus den Augen. „Althoff, Sie trinken ja gar nicht, trinken Sie doch mal aus,“ mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit Argusaugen darüber wachte, daß Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise zu, daß er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke Kopfschmerzen bekäme.

Ilse hatte die leise Warnung gehört.

„Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar nicht erlaubt,“ rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals eigenhändig ein.

„O,“ sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht [pg 14]lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, wo er säße, ein kühler Luftzug herein.

Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, Althoff und der Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spöttischen Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!

„Nein, nein, kein Licht, Marie,“ rief Ilse, als das Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön vermischte.

Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, in die frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine Wonne! So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. Sie hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen Haupte die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht über Pädagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flügel zu verleihen scheint, sich über das alltägliche zu erheben. In solcher Stimmung war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit [pg 15]zwischen dem Direktor und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan.

„Kinder,“ rief sie plötzlich laut und erregt, „ich habe eine Idee!“

Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für die Kinder ein andrer werden müsse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr zuwandte.

„Darling, was hast du für eine Idee?“ fragte Nellie.

„Famos, famos!“ jubelte Ilse. „Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, wollt ihr das?“

„Da könnten wir ja schön reinfallen,“ sagte Onkel Heinz, und Leo lachte: „Ja, Schatz, für so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten.“

„Also hört,“ fuhr Ilse fort, „in vier Tagen haben wir Vollmond –“

„In fünf Tagen,“ verbesserte der Professor ruhig.

„Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; überhaupt, Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur – im Mondenscheine, wie poetisch, wie romantisch!“

Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber doch erregte dieser plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, [pg 16]sie malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.

Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau außerordentlich verständig und ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der nächtliche Weg gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung würde ihm ja auch sehr gut sein.

So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten der Partie über, die am nächsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen würde, er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. Da brach aber ein wahrer Sturm über sein Haupt los!

„Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,“ sagte Leo kategorisch, denn er wußte genau, daß er es schließlich doch tat.

„Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,“ erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, „was soll das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt davon, ob ich mitgehe oder nicht!“

„Natürlich haben wir etwas davon,“ sagte Ilse lustig [pg 17]herausfordernd, „ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern könnte.“

„Ja, da haben Sie recht,“ gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige Färbung.

„Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,“ lachte Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte. „Und nicht wahr, Sie gehen mit?“ Dem liebenswürdigen Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.

„Ja, dann kann ich wohl nicht anders,“ sagte er befriedigt.

Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, denn über die bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch aufzufordern.

„Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,“ sagte Onkel Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.

„Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?“ lachte Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch!

* * *

In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen; einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft und wies ihn mit den Worten zurück: „Wir sind so lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch entbehren können.“ Wenn es nach ihr ging, hörte alles Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre.

In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und [pg 19]feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können. Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im [pg 20]Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.

„Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,“ sagte sie ärgerlich; „wie oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!“

Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.

„Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?“

„Ja, Mutter, alles.“

„Wie viele Fehler hast du im Extemporale?“

Kleinlaut flüsterte er: „Sieben.“

Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoß fallen und sah ihn an.

„Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten denkt.“

„Es war so schön bei Tante Ilse,“ warf Fritz ein.

„Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhn[pg 21]lich,“ unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. „Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,“ fuhr sie fort; „es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig bist, immer diese vielen Fehler!“

Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.

„Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.“

Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.

„Guten Tag, Mama,“ sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.

„Bist du auch schon da, Elisabeth?“ fragte sie zärtlich; „zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?“

Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet hatte.

„Du bist ja ganz fleißig gewesen,“ sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick glitt über sie hin. „Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee.“

Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.

„Ach, du bist es, Tante Emilie,“ sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich den dunklen Schatten bemerkte.

„Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?“ fragte sie freundlich.

Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu klappern.

„Du bist aber auch immer fleißig, Tante,“ sagte Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht [pg 23]mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde auf ihn.

„Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?“ bemerkte Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. „Adolf, du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein. Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.“

Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.

„Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?“ fragte der Pastor; „es ist so herrlich draußen.“

„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.

„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn das?“

„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete der Junge offen.

„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie etwas werden.“

„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich ihm beruhigend über das blonde Haar.

Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell hinaus.

„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths Gegen[pg 25]wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.

„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.“

„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.

Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.

„Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit deinem Bruder,“ sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.

„Ich muß arbeiten,“ erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.

„Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,“ rief ihr die Mutter in sanftem Tone nach.

„Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als Fritz,“ sagte Rosi vorwurfsvoll.

„Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das gehört sich nicht.“

„Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; sie kann dreist so etwas mit anhören.“

„Ich will es aber nicht,“ sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.

Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen Brille mit gespanntem Blicke.

„Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen.“

„Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mädchen schwach.“

„Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,“ erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes da[pg 27]hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ, und rief ärgerlich:

„So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.“

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wären.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

„Bitte, nehmt Platz,“ nötigte sie, indem sie auf die Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder stumpf und farblos war.

„Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen Wetter,“ sagte Ilse; „es ist zu schön, man möchte den ganzen Tag draußen sein.“

„Dazu habe ich nun leider keine Zeit.“ Rosi setzte solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.

„Ja, meine Frau hat viel zu tun,“ sagte nun auch der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwährend ein.

„O, wir sind auch keine Faulpelze,“ erwiderte Nellie, „jede Hausfrau hat zu tun.“

„Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,“ rief Ilse übermütig. „Manchmal meine ich, daß ich überhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so wenig Spaß macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu habe.“

Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum für ihre „Pflicht“, eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im [pg 29]Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte Lust zum Mitgehen zu haben.

„Lieber Adolf,“ unterbrach sie das Gespräch, „wir wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.“

Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.

„Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut könnte,“ meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren Grübchen.

„Ich gehe keinesfalls mit,“ entschied die Pastorin. „Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.“

„Aber Rosi!“ rief Adolf ganz erschrocken über eine solche Zumutung.

„Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!“ rief Ilse begeistert.

Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie eben nicht.

„Ach, ihr kommt doch noch mit,“ sagte lächelnd Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.

„Nein!“ gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.

Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn [pg 30]die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe hinter sich ins Schloß.

„Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur schaden kann.“

„Ja, aber wie so denn, Rosi?“

„Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, was euch Männern natürlich das liebste ist und am besten gefällt.“

„Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts Freies.“

„Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf.“

„Im Mondenschein,“ verbesserte er ruhig.

„Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete Menschen!“ fuhr Rosi fort.

„Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.“

„Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht.“

Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.

„Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen.“

Wenn Rosi ihr „Pflichtgefühl“ als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, er blieb stumm.

„Daß du gleich so empfindlich bist,“ versuchte sie doch noch einmal anzufangen.

Keine Antwort!

„Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,“ das Wort betonte sie besonders, „gebe mich zu solchen Dingen nicht her.“

Wiederum Schweigen!

Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der Tischdecke.

Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.

„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat [pg 32]entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“

Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen.

„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“

Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.

Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und last not least, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie.

* * *

Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.

Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten [pg 34]bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.

Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.

„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.

„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.

„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“

„Laß nur, darling, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.

„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“

Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, sie wußte es aber besser.

„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.

Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.

Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.

„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.

Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen [pg 37]einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.

„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.

Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.

Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich auch den von Onkel Heinz.

„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.

„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“ rief Ilse.

„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend.

Ilse wandte sich ab.

„Na, denn nicht,“ meinte sie.

„Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein Wilder,“ rief Onkel Heinz nach einer Weile, „man kann ja gar nicht mitkommen.“

„Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber [pg 38]ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,“ sagte Gontrau liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner Schritte.

„Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?“ fragte Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.

„Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler bestiegen.“

„Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!“ rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen und Stimmungen ließ er durchschimmern, die man ihm nicht zugetraut hätte.

Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und [pg 39]Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.

Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Sänger des Waldes auf den Zweigen.

Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.

Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an [pg 40]Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren auch die andern meistens still.

Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.

„Es wird feucht,“ sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Höhe.

„O, du frierst doch nicht?“ fragte Nellie ängstlich und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten Weise.

„Es geht dir doch gut, Fred?“ fragte sie wieder nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.

„Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewöhnlich.“

„Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!“ fragte Nellie eifrig.

„Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs,“ rief da Onkel Heinz’ Stimme. „Sie vergiften sich ja nur damit.“

„O, es hilft Fred aber so gut,“ meinte Nellie.

„Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,“ erwiderte Onkel Heinz mit Achselzucken, „aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als Gegengift.“

Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die „dummen Kerle“, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lächerlich.

Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters [pg 42]das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor ihm standen.

„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.“

„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.

„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.

„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu genießen,“ rief er hinaus.

Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.

Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, eingehend den Weg besprochen.

Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, silber[pg 44]glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.

Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.

„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben.

„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“

Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.

„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!“ rief er laut.

Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.

„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen wollte.

„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?“

Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.

Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.

Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte. [pg 46]Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.

Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.

„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie.

„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred.

„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“ erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“

Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren [pg 47]beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.

Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl [pg 48]sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.

Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.

Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde.

„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.

„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt.

„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“

Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja [pg 49]nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun geschehen.

Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.

Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.

Lange noch blieb der Professor draußen.

Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden. [pg 50]Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn gestört.

„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.

„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht geschlafen,“ erwiderte er mißmutig.

„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“ fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“

Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Störungen willen lebhaft bedauert wurde.

Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas behauptete.

Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die [pg 51]schönsten Beinamen gegeben, wie „alter Junggeselle“, „Brummbär“ und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.

Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.

„Schneeluft,“ sagte Althoff.

Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl nahm ihn wieder mit fort.

An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die [pg 52]Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie fand diesen „Winter im Frühling“ herrlich und konnte ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.

„Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch finde ich es hier,“ rief Ilse begeistert, Leo herzhaft küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie Diamanten darin funkelten.

„Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?“ rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.

„Kann ich nicht finden,“ versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen waren, wieder trocken.

„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“ sagte er dann zu Leo.

Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die [pg 53]Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.

„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.

„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“

„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“ entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.

Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern [pg 54]zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.

„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.

Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.

Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser [pg 55]zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.

Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.