VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
Ilse und Leo saßen lustig plaudernd auf der Veranda vor dem Macketschen Hause. Der warme Mittagssonnenschein eines heiteren Oktobertages stahl sich durch das dichte Blättergewirr des herbstlich gefärbten Weinlaubes zu ihnen herein.
Leo Gontrau erzählte soeben von seinem Leben in der kleinen Stadt, in welcher er als Assessor angestellt war, und nach der er Ilse im kommenden Frühjahr als seine Frau heimführen wollte. Sie unterhielt sich köstlich über seine ebenso drastischen wie komischen Erzählungen und sah im Geiste die geschilderten Personen leibhaftig vor sich. Natürlich war sie schon jetzt der Gegenstand des lebhaftesten Interesses in dem kleinen Ort und Leo konnte nicht genug berichten, wie neugierig man sich nach ihr erkundigte.
„Und mit all den langweiligen Tanten soll ich verkehren?“ rief sie endlich, „mit ihnen Kaffee trinken, klatschen, womöglich grauwollene Strümpfe dabei stricken?“ Sie warf sich in den Stuhl zurück und brach in ein unbändiges Gelächter aus.
„Na – es wird so schlimm nicht werden, Kind, und [pg 2]mir zuliebe mußt du es eben auch mal über das Herz bringen, mit alten Tanten Kaffee zu trinken.“
Das heitere Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, und sie sah ihn erstaunt an.
„Du meinst doch nicht im Ernst, Leo, daß ich mit allen diesen Damen verkehren muß?“
„Ja, Schatz,“ gab er ihr zur Antwort, „das müssen wir, ich bin Beamter und habe Rücksichten zu nehmen, das ist nun einmal nicht anders und da wird sich denn meine kleine Frau auch fügen müssen.“
„Fügen,“ rief sie sich aufrichtend, „nein, Leo, fügen werde ich mich nicht, besonders nicht, diese Besuche zu machen.“
„Wie kannst du dich nur so ereifern, Ilse,“ sagte er lächelnd und schüttelte den Kopf.
„Übrigens findest du in B.... auch einige sehr nette junge Frauen, welche dir gewiß gefallen werden.“
Sie unterbrach ihn spöttisch. „Du bist ja sehr entzückt von unsrem künftigen Bekanntenkreis; ich muß gestehen, mich verlangt es nicht nach Bekanntschaften, wenn wir erst verheiratet sind. Nur dir will ich leben, weiter niemand; du aber zählst mir jetzt schon vor, mit wem ich verkehren soll – dir liegt also nichts, gar nichts daran, mit mir allein zu sein.“
Sie sah hübsch aus in ihrer Erregung; Leo mochte sie gern so sehen, mit funkelnden Augen und geröteten Wangen.
Zärtlich zog er sie zu sich heran und strich liebkosend über ihr Haar.
„Kleiner Brausekopf,“ sagte er, „kannst du denn nicht ruhig denken, nicht ruhig mit mir über unsre Zukunft sprechen?“
Sein etwas überlegenes Lächeln bei diesen Worten brachte sie noch mehr aus der Fassung.
„Ja, du natürlich fügst dich willig in alles, aber das kann und tue ich nicht! Denke nicht, daß ich eine unterwürfige Frau werde, so eine ‚Magd‘, wie sie Chamisso besingt.“
Trotzig warf sie die Lippen auf und zerzupfte mit solchem Eifer eine schöne dunkle Rose, als wäre die unschuldige Blume die Urheberin ihres Ärgers.
„Nein, nein,“ lachte er, „ich weiß, ich bekomme ein widerspenstiges Käthchen, kein sanftes Gretchen zur Frau. Aber du weißt doch auch, Lieb, wie Petruchio sein Käthchen bezwang, daß sie zuletzt ganz gefügig ward und, wenn er es wünschte, die Sonne für den Mond ansah?“
Sie hörte nicht auf seine scherzenden Worte, ihre lebhafte Phantasie war mit ihr weit fort geeilt. Sie sah sich im Geiste als junge Frau, brav und ehrbar wie die andern Frauen, von denen ihr Leo erzählt hatte; da durfte sie gewiß nicht scherzen, lachen und sagen, was sie wollte, mußte gute Lehren anhören, wurde gefragt und ausgeforscht. Das würde sie aber nicht ertragen, das ging nicht, und sie wollte sich von Leo das feste Versprechen geben lassen, daß er sie nicht zwingen würde, diese schrecklichen Besuche mit ihm zu machen.
Schweigend hatte der junge Mann seine Braut beobachtet und an ihrem wechselnden Mienenspiel bemerkt, wie aufgeregt sie in ihrem Innern war. Jetzt trat sie zu ihm heran und legte ihre Hand an seine Schulter.
„Leo, lieber Leo,“ sagte sie fast flehend, „versprich mir eins, wenn du mich wahrhaft liebst! Laß uns, wenn wir erst verheiratet sind, ganz für uns leben; niemand soll unser Heim sehen, niemand wollen wir besuchen, das denke ich mir reizend; nicht wahr, Schatz, du versprichst mir das? Gib mir die rechte Hand darauf.“
Unwillig wandte er sich ab.
„Nun kommst du wieder auf das alte Thema zurück; ich muß gestehen, du stellst ein unvernünftiges Verlangen an mich, und ich kann dir deine Bitte nicht erfüllen. Du mußt doch einsehen, daß es zu meiner Stellung nicht paßt, wenn ich alle gesellschaftlichen Pflichten unbeachtet lasse! Ich hoffe auch noch immer, du machst nur Scherz.“
„Scherz?“ brauste sie auf. „Du mußt nicht glauben, daß ich noch ein dummes Kind bin, Leo. Ich weiß genau, was ich will, und ich sage dir vorher, ich mache deine langweiligen Besuche nicht mit.“
Ihr alter leidenschaftlicher Trotz sprach bei diesen Worten aus ihren Blicken, und gerade ihn, den sie so innig liebte, mußte sie damit kränken.
„Wenn du erst meine Frau bist, liebe Ilse, so wirst du dich auch nach meinen Wünschen zu richten haben,“ gab er ihr bestimmt zur Antwort, und sein ernster Blick richtete sich fest auf sie. Aber schon gereute ihn seine Entschiedenheit wieder, denn er liebte seine Braut über alles, und gerade ihr oft sprödes Wesen hatte ihn stets entzückt. Sie war ja noch ein halbes Kind, bald wurde sie seine Frau und dann würde alles anders sein; er kannte ja den lieben Trotzkopf.
Sie stand an die Brüstung der Veranda gelehnt und hielt die entblätterte Rose noch immer in ihren Händen. Die braunen Locken waren ihr wirr in die heiße Stirn gefallen, und die langen Wimpern lagen auf den tief geröteten Wangen. Leo konnte den Blick nicht von ihr wenden, er sah nur das liebreizende Bild vor sich, und aller Unmut war verraucht. Er sprang auf und eilte zu ihr, seinen Arm zärtlich um ihren Nacken schlingend.
„Komm her, Lieb, setze dich wieder zu mir. Wollen wir uns um solche Nichtigkeiten streiten, während uns eine selige, rosige Zukunft winkt? Wenn du erst mein kleines Weib bist, dann sprechen wir wieder über diese Sache und dann – ich weiß es – dann denkst du ganz anders darüber.“
Aus seinen schönen Augen sprach die innigste Liebe, aber Ilse war in diesem Augenblick mit Blindheit geschlagen, sie empfand nur das Eine, – er gab diesmal nicht nach.
Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat zurück.
„Das also ist deine Liebe,“ fuhr sie auf, „nicht den [pg 5]kleinsten Wunsch erfüllst du mir. Aber ich wiederhole noch einmal, ich will mich nicht fügen, jetzt nicht und wenn ich deine Frau bin, erst recht nicht. Nein – ich will dich auch nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht mehr.“ Hier brach sie in Tränen aus, in kindische, zornige Tränen. Wollte sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser Gedanke stieg plötzlich in Leo auf; aber das durfte nicht, das sollte nicht sein. Mit der wärmsten, zärtlichsten Liebe hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer wieder war er auf Trotz und Widerstand gestoßen. Er war ärgerlich, sehr ärgerlich, und sein Stolz bäumte sich in ihm auf.
„Schäme dich, Ilse,“ stieß er hervor, „du beträgst dich wie ein ungezogenes Kind.“
In der Erregung klang seine Stimme vielleicht härter, als er beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurück bei seinen Worten. „Schämen!“ wiederholte sie und sah ihn ganz erstarrt an.
„Leo – Leo,“ rief sie mit zitternder Stimme, „nimm zurück, was du eben sagtest.“
„Ich kann meine Worte nicht zurücknehmen, Ilse,“ gab er ruhig zur Antwort, „denn du beträgst dich wirklich wie ein recht ungezogenes kleines Mädchen.“
Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht fähig, ein Wort zu erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes zu würdigen, lief sie in das Haus und stieß in der Türe fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die Veranda kommen wollte.
„Was hast du denn, Kind?“ fragte er, als sie so hastig an ihm vorbeistürmte und er ihre verweinten Augen sah. Doch sie gab ihm keine Antwort; wie ein gescheuchtes Reh lief sie die Treppen hinauf in ihr Zimmer und riegelte die Türe fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen Stuhl und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wäre ihr das größte Unglück geschehen.
„Schämen“ hatte er gesagt, und sie ein „ungezogenes Kind“ genannt. Wie demütigend klangen diese Worte; glaubte er denn ein Schulkind vor sich zu haben, das er nach Belieben ausschelten konnte? – Sie richtete sich auf und preßte die Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen – fühlte er nicht, wie furchtbar er sie kränkte? Ein neuer Tränenstrom brach aus ihren Augen, sie legte die Hände vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort tönten in ihrem Ohr die Worte: „Schäme dich, du beträgst dich wie ein ungezogenes Kind,“ und „nein, nein, er liebt mich nicht mehr,“ antworteten ihre Gedanken. Daß sie ihn durch fortwährenden Widerspruch erst zu dieser Äußerung gereizt hatte, das kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie sich nicht ein. Er hatte ihr großes Unrecht zugefügt, nur das empfand sie in ihrer aufs höchste gesteigerten Aufregung. – Was sollte sie tun, was beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschüttete? Sie fühlte wohl, daß diese ihr nicht recht geben würde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der würde seinen verzogenen Schützling gewiß in Schutz nehmen, aber lachend und scherzend wie immer – und das ging nicht, dazu war die Sache zu ernst. – Nein, es war auch am besten, wenn kein Mensch von dieser Kränkung erfuhr. Niemand wollte sie ihr Leid klagen. Ja, wäre Nellie hier – ihr würde sie alles anvertrauen, die würde sie verstehen. Aber die geliebte Freundin war in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie sich in diesem Augenblick nach ihr. Sie stützte den brennenden Kopf in ihre Hand und blickte lange sinnend vor sich hin. Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie sah die treuen lieben Augen und hörte ihr kindlich frohes Lachen.
Könnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzählen, was sie so schwer bedrückte! Sie kam sich verlassen und einsam vor. Niemand verstand sie, und sie wollte auch niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos Bild, [pg 7]das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spöttisch anzulächeln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick nicht ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr erdrückend vor, sie konnte kaum Atem holen, und erst als sie beide Fensterflügel geöffnet hatte und die frische Herbstluft hereindrang, wurde ihr leichter.
Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche immer dunkler und schneller herangezogen kamen und auch das letzte helle Blau am Himmel bedeckten. Ein starker Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den alten Bäumen, vor Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Blätter durch die Luft. Wie öde und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur vor, und doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so freundlich gelächelt. So trübselig wie draußen sah es jetzt auch in ihrem Innern aus, sie glaubte nie wieder froh werden zu können.
Ob Leo nicht zu ihr kommen würde? Er mußte doch einsehen, welch schwere Beleidigung er ihr zugefügt hatte. Aber wenn er jetzt käme, wenn er jetzt an ihre Türe klopfte – nein – sie würde ihm nicht öffnen. Noch konnte sie ihn nicht sehen und hören – noch stürmte es zu heftig in ihrer Brust, und so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen, er hatte es nicht verdient.
Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten, und laute Stimmen wurden hörbar. Hatte der Papa Besuch bekommen? Sie bog sich hinaus und sah ihn mit Leo daherschreiten, welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wäre nichts vorgefallen. Jetzt schien er sogar einen guten Witz zu erzählen, denn Herr Macket brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie ein Mißklang tönte dieses Lachen an ihr Ohr. Empört schlug sie das Fenster zu, daß die beiden im Garten verwundert herauf sahen, – aber sie war schnell zurückgetreten, und von neuem [pg 8]wurde sie von leidenschaftlichem Zorn erfaßt. Das war zu viel! Also gleichgültig war ihm alles, er dachte wohl gar nicht mehr daran, wie er sie gekränkt hatte. Er war zum Lachen und Scherzen aufgelegt, während sie so schwer litt. Sie konnte das nicht ertragen, sie wollte ihm beweisen, daß er kein Kind mehr vor sich hatte – sie mußte ihm zeigen, daß sie sich eine solche Demütigung nicht gefallen ließ. Ja – das wollte sie ihm zeigen! – Aber wie? Was konnte sie beginnen? – Wie ein Blitz durchfuhr sie plötzlich ein Gedanke, an dem sie sich zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte fort, fliehen, dann würde er ja wohl einsehen, daß er ihr bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in ihrem törichten Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den Kummer, den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten würde. Der plötzlichen Eingebung folgte sie, ja sie kam sich in diesem Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so kindliches Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, und die Lippen waren trotzig aufeinander gepreßt.
„Ich will fort und gleich – gleich jetzt!“ Sie sagte diese Worte laut vor sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst in dem Entschluß befestigen, ihr abenteuerliches Vorhaben auszuführen. Hastig durchschritt sie das Zimmer. Die kleine Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu schlagen; „drei – vier“ zählte Ilse. Um fünf Uhr ging ein Zug nach F., wo Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer am Gymnasium war. Eine Reise zu ihr war schon längst geplant, und Ilse hatte von den Eltern die Erlaubnis erhalten, nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen. Der stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau studiert und für sie den Zug nachmittags fünf Uhr als den besten bestimmt. Den Bahnhof erreichte sie von Moosdorf bequem in einer halben Stunde – danach war es aber die höchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie mit frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte [pg 9]ihren Hut auf, holte ihren Mantel und hing ihn über den Arm. So, nun war sie fertig; sie dachte nicht daran, noch etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer fliegenden Hast, als könnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen Streich beschlossen zu haben. Zum Glück fiel ihr im letzten Moment, als sie schon die Türklinke in der Hand hielt, ein, daß sie auch Geld haben müßte. Sie ging zurück und schloß ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem Kästchen nahm sie 30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil sie irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzückte und die er unbedingt belohnen mußte. Sie steckte das Portemonnaie in die Tasche und ging nun schnell zur Türe hinaus und die Treppe hinab. An der Haustür blieb sie zögernd und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr plötzlich deutlich vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: „Kehre um, kehre um!“ Fast war es, als würde sie schwankend in ihrem Entschlusse, denn auf ihrem Antlitz spiegelten sich bange Zweifel, aber Leos Bild drängte sich dazwischen, sie sah sein heiteres Antlitz, hörte sein ausgelassenes Lachen – und „fort! fort!“ rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt mehr über sie, ihr ungestümer Sinn trieb sie zu einer Torheit, welche ihr die bittersten Stunden ihres Lebens bereiten sollte. Hätte sie ihren Bräutigam betrübt und niedergeschlagen gesehen, vielleicht würde sie diesen folgenschweren Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja und war vergnügt, – nichts hätte sie mehr darin bestärken können, ihr Vorhaben auszuführen, als sein harmloses Lachen.
Sie horchte, – nichts regte sich im Hause, die Mama war bei dem Brüderchen im Kinderzimmer; vor einer Begegnung mit ihr war sie also sicher. Durch ein Fenster spähte sie in den Garten – er war leer, die beiden Herren schienen weiter gegangen zu sein. Über den Hof konnte sie unbehindert gehen; die Mägde und Knechte waren draußen beschäftigt, [pg 10]die übrige Dienerschaft war in den Wirtschaftsräumen, welche auf der andern Seite des Hauses lagen.
Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als könnte man es auf ihrer Stirn lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief sie schnell über den Hof durch das Tor auf die Dorfstraße und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein gehetztes Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause zurückzublicken; nur von Zeit zu Zeit sah sie ängstlich zur Seite, ob auch keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen, welche sie gut kannte, und die sie schon von weitem grüßten, denn sie war im Dorfe bei alt und jung beliebt. Heute dankte sie nur flüchtig für die freundlichen Grüße und eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fühlte, daß ihr eine brennende Röte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie eine ertappte Sünderin vor. Der Gedanke an das erlittene Unrecht beflügelte ihre Schritte, sie lief auf Koppelwegen durch die Felder, den aufgeweichten Boden nicht achtend, der sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln flog bei ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krähen in die Höhe, und ängstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich sah sie von weitem das rote Bahnhofgebäude schimmern, und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos erreicht.
Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine Fahrkarte nach F. und setzte sich in das kleine, halbdunkle Damenwartezimmer an das Fenster. Der Zug mußte in wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron nicht eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie könnte noch Bekannte treffen. Richtig, da kam auch schon jemand, den sie kannte. Es war der dicke Oberförster, ein alter Freund ihres Vaters, der mit einem Herrn auf und ab ging; wahrscheinlich hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie drückte sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen. Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorübergehen konnte, dachte sie ängstlich, und wenn er sie fragte, wohin [pg 11]sie reisen wolle, was sollte sie ihm antworten? Dieser peinvollen Ratlosigkeit machte der langgezogene Pfiff des erwarteten Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er vor dem Bahnhofgebäude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging hinaus. Der dicke Oberförster unterhielt sich jetzt eingehend mit dem Bahnhofinspektor und wandte ihr glücklicherweise den Rücken zu. Sie trat schnell an den nächsten Schaffner heran und ließ sich von ihm ein Damencoupé anweisen. Ihr Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu Mute, als sie einstieg; sie war froh, daß das Coupé leer war, denn sie hätte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen können. Die Türen wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen, dann läutete die Glocke zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertönte und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Sie wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn die Stimme [pg 12]des Oberförsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst als der Zug im schnellen gleichmäßigen Tempo dahinfuhr, stand sie auf und trat an das offene Fenster; die frische Luft wehte ihr erquickend um die Schläfen und kühlte ihr den fieberheißen Kopf. Mehr und mehr entschwand die heimatliche Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Dörfer mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim aussah, ob sie ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste sah sie die bestürzten Gesichter ihrer Eltern – der Papa würde außer sich sein. In ihrer Aufregung hatte sie daran noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg dieser Gedanke qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so zu ängstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft bei Nellie einen langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung zu bitten und ihnen zu sagen, daß sie nicht anders habe handeln können. Was würde aber Leo zu ihrer Flucht sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran, wie er nun doch einsehen müßte, daß sie einen festen Willen besaß, und ausführte, was sie wollte. Nun würde er wohl eine andre Meinung von ihr bekommen.
Wie konnte er sie nur so tief kränken, wenn er sie wirklich liebte – sie vermochte es nicht zu fassen. Er war doch sonst nie so hart gegen sie gewesen, und sie hatten sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fügte er sich stets ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen Übermut herausgefordert hatte; warum erfüllte er ihr heute nicht den kleinen Wunsch? Warum betonte er immer wieder, daß er als Beamter Rücksicht zu nehmen habe? Das klang so unterwürfig, so demütig; sie wollte ihn stolz haben, über alles Kleinliche erhaben.
Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an? Sie waren ja so lustig gewesen und hatten von der Zukunft geplaudert; in einem halben Jahre, im Frühling sollte ja die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor [pg 13]angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut und scherzend erzählte er ihr dann von seinen Erlebnissen, von den Bekanntschaften, welche er gemacht hatte. Komisch und naturwahr schilderte er die Fehler und Schwächen von allen, was Ilse den größten Scherz bereitete. Da war die Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre Fittiche nahm und die Ansicht hatte, daß sich die jungen Frauen entschieden dem Rate der älteren „fügen“ müßten. Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche nicht ruhte noch rastete, bis sie die täglichen Neuigkeiten glücklich eingesammelt hatte. – Leo erzählte, wie er ihren Angriffen auf ihn stets geschickt ausgewichen wäre und daß es ihr nicht gelungen sei, auf ihre vielen Fragen über seine Braut, seine künftige Einrichtung und dergleichen eine Antwort zu erhalten. Er ahmte dabei das vor nervöser Ungeduld unruhige und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend nach, daß Ilse gar nicht aus dem Lachen kam. Heute hatte er zum erstenmal erwähnt, daß sie sich bald selbst von der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugen könnte, denn alle diese Familien würden sie besuchen, teilweise auch mit ihnen verkehren.
Damit hatte der Streit angefangen. Er habe Rücksichten zu nehmen, hatte er gesagt, und das wollte sie nicht gelten lassen, ihr künftiger Mann sollte und brauchte das nicht. Die kleine Ilse hatte noch keine Ahnung von der Welt, wie oft und wie viel der Mensch, welcher etwas erreichen will, Rücksichten nehmen muß. Ihre Wege waren bisher stets geebnet gewesen, und deshalb wollte es ihr durchaus nicht in den Sinn, warum sie und Leo künftig nicht ganz nach ihrem Gefallen leben könnten.
Ob sich wohl Nellie in allem ihrem Manne fügte? Gewiß nicht, und Dr. Althoff war kein Tyrann, das wußte sie. Die liebe einzige Nellie! – Ilse konnte sich gar nicht [pg 14]vorstellen, wie sie als junge Frau sein würde. Wie herzlich hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut, und schrecklich war es, daß sie nun als eine Fliehende mit tief betrübtem Herzen zu ihr kam. Sie war so glücklich gewesen – und jetzt? Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen, welche langsam über ihre Wangen rollten. Sie kam sich so bedauernswürdig vor, als wäre sie hinausgestoßen in die weite Welt, und nicht als hätte sie nur ihre eigene unglückselige Laune zu diesem Schritte getrieben.
Die Dämmerung brach jetzt mit aller Macht herein und breitete ihre dunklen Schatten immer tiefer über die herbstliche Natur. Nur nebelhaft noch waren die Gegenstände zu erkennen, die vor Ilsens Augen auftauchten, um schnell wieder zu verschwinden. Einzelne Regentropfen schlugen trübselig gegen das Fenster, und das einförmige Geräusch der Räder wirkte fast betäubend auf sie. Ein unbehagliches Frösteln stellte sich ein, furchtsam blickten ihre Augen in dem halbdunklen Coupé umher; das unheimliche Gefühl des Alleinseins überfiel sie mit einem Male, und ihr Heldenmut sank immer tiefer. Unbeweglich saß sie in ihre Ecke gedrückt, ihre Aufregung steigerte sich von Minute zu Minute. Wie spät mochte es denn sein? Sie zog ihre Uhr hervor und konnte nur mühsam entziffern, welche Zeit es war. – Gott sei Dank, die Hälfte der Fahrt hatte sie hinter sich, schon zwei Stunden war sie unterwegs. Sie waren ihr schnell vergangen, aber nun mußte sie noch eine ebenso lange Zeit ausharren, bis sie in F. eintraf. Gegen neun Uhr sollte der Zug dort sein – es wurde gewiß sehr spät, bis sie bei Nellie war. Ob Althoffs wohl weit vom Bahnhof entfernt wohnten? – Wenn sie dieselben nur zu Hause traf! Oder – ihr Herz pochte stürmisch bei diesem Gedanken – wenn sie vielleicht noch verreist wären? Die Herbstferien waren erst in diesen Tagen zu Ende. Nellie schuldete ihr seit einiger Zeit einen Brief, und sie wußte [pg 15]deshalb nichts Näheres von ihr. O Gott, was sollte sie dann beginnen, allein in der fremden Stadt? Sie konnte doch in kein Gasthaus gehen und ein Zimmer fordern? Das ging nicht, das würde sie nie tun! Aber wo sollte sie in der Nacht bleiben? Dieser Gedanke bereitete ihr entsetzliche Qualen, und zum ersten Male gelangte sie zu dem vollen Bewußtsein, wie abenteuerlich ihr Unternehmen war. Sie fing in ihrer Herzensangst an zu weinen. Fast empfand sie Reue; wie behaglich und sorgenlos könnte sie jetzt zu Hause sein, und mußte nun statt dessen in die dunkle Nacht hinein fahren mit einem Herzen voll Angst und Bangen.
Auf der nächsten Station fragte sie den Schaffner, welcher Licht in dem Coupé anzündete, wie lange sie noch bis F. zu fahren hätte. „Noch vier Haltestellen,“ brummte er unfreundlich, und Ilse wagte keine weiteren Fragen. Die Helle im Coupé machte wenigstens ihrer Furcht ein Ende, sie konnte nun deutlich erkennen, daß auf den Polstern neben ihr und gegenüber niemand weiter saß, wie sie vorhin in ihrer Furchtsamkeit geglaubt hatte. Sie freute sich, wenn wieder eine Station vorüber war, und alle Augenblicke sah sie nach der Uhr, ob der Zeiger noch nicht weiter vorgerückt war. – Jetzt hatte der Zug zum letztenmal gehalten, noch eine kurze Zeit und sie war da. Ungeduldig ging sie auf und ab, krampfhaft den Schirm in der Hand haltend, mit dem Mantel über dem Arm. Unaufhörlich schlug jetzt der Regen gegen das Fenster, stockdunkel war es draußen, und nur hier und da blitzten in der Ferne Lichter auf. Fast wünschte Ilse, es wäre auf der letzten Strecke jemand eingestiegen, der ihr möglicherweise Auskunft über die Althoffsche Wohnung hätte geben können. Und doch wieder war sie ganz froh, allein geblieben zu sein, weil sie fühlte, daß sie ihre Aufregung nicht verbergen könnte.
Endlich ertönte der lang anhaltende Pfiff der Lokomotive, und mit zitternder Ungeduld sah sie ihrer Erlösung [pg 16]entgegen; der Zug war in die Bahnhofhalle eingefahren und hielt jetzt still. Neugierig spähte Ilse durch das Fenster auf den erleuchteten Perron, wo eine Menge Menschen standen. Die Türe wurde geöffnet, und sie stieg aus. Ängstlich sah sie sich um, die vielen lauten Stimmen, das Gedränge und Hinundherstoßen machten sie ganz beklommen. Bunte Studentenmützen konnte man überall aus dem Gewühl hervorleuchten sehen. Scheu wich sie denselben aus, denn sie dachte noch mit Schrecken an ihre Studenten-Begegnung bei ihrer Abreise aus der Pension.
Als sie einen Bahnbeamten nach einem Gepäckträger fragte, wies sie der vielbeschäftigte Mann nach dem Ausgang der Halle, und sie drängte sich glücklich bis dahin durch. Sie sah sich suchend um und war froh, als sie ganz in der Nähe noch einen Mann mit blauem Kittel und einer Gepäckträgermütze entdeckte. Sie trat auf ihn zu und fragte, ob er die Wohnung von Dr. Althoff wüßte. Er rührte sich nicht aus seiner Stellung; faul, beide Hände in den Hosentaschen, stand er an die Mauer gelehnt und glotzte sie mit verglasten Augen an; ein widerwärtiger Branntwein-Geruch stieg ihr unter die Nase. Sie mußte ihre Frage wiederholen, und diesmal schien er sie wirklich verstanden zu haben, denn er setzte sich statt aller Antwort langsam in Bewegung; ein Wink mit der Hand machte ihr klar, daß sie ihm folgen solle.
Bedenklich schwankend ging ihr Führer voran, Ilse angstvoll hinterher. Der Mann war ja total betrunken, er taumelte hin und her und konnte nur mühsam das Gleichgewicht halten. Wenn er sie nur nicht den verkehrten Weg führte! Sie wollte ihn aber nicht noch einmal nach der Wohnung fragen, denn sie war sicher, doch keine verständliche Antwort zu bekommen. So waren sie schon eine ganze Strecke zusammen gegangen durch enge, winklige, schlecht erleuchtete und gepflasterte Straßen, in denen der strömende [pg 17]Regen große Pfützen gebildet hatte. Den besten Weg schien der Betrunkene auch nicht gewählt zu haben; unbekümmert um den gräßlichen Schmutz und die großen Wasserlachen, in welche er mitten hinein patschte, so daß Ilse vor den nach allen Seiten spritzenden Tropfen ausweichen mußte, trottete er weiter. Ihre Unruhe wuchs immer mehr. Wohin führte er sie eigentlich? In einer dieser schmalen, übelriechenden Gassen würden Althoffs doch schwerlich wohnen. Sie faßte sich schließlich ein Herz und fragte ihren stummen Begleiter, ob sie nicht bald da wären. Sein aufgedunsenes Gesicht drehte sich zu ihr herum, und seine Augen sahen sie keineswegs liebenswürdig an.
„Können Se nich die Zeit abwarten, dann loofen Se doch allene,“ – bellte er mit unsicherer Stimme.
Erschreckt wich Ilse zurück; wenn das der Papa wüßte, daß dieser betrunkene Mann jetzt ihr einziger Schutz war, er würde außer sich sein. Wie sorgsam wurde sie stets behütet, und hier war sie ganz allein in einer fremden Stadt.
Endlich erreichten sie eine besser beleuchtete breite Straße, und Ilse fiel es wie ein Stein vom Herzen, als sie diese menschenleeren, unheimlichen Gegenden verließen. Die Straße führte auf einen großen Platz, den sie überschritten, worauf sie wieder in eine schmalere Straße einbogen. Hier schienen sie in dem Villenviertel zu sein, denn die Häuser zu beiden Seiten hatten Vorgärten, wie Ilse trotz der Dunkelheit erkennen konnte. Neugierig sah sie in die hellen Fenster, an denen sie vorbeikamen, denn in dieser Straße wohnte gewiß Nellie. Sie dachte sich das bestimmt, wagte aber nicht danach zu fragen. Ihre Sehnsucht nach Nellie und ihre Ungeduld wuchsen immer mehr, seufzend ging sie weiter, es kam ihr vor, als nähme dieser Weg kein Ende. Endlich blieb der Mann vor einer eisernen Gittertür stehen und wies auf ein Haus im Hintergrund – „da“, sagte er lakonisch und streckte ihr zugleich die Hand [pg 18]verlangend entgegen. Ilse griff in die Tasche und nahm ihr Portemonnaie hervor, das er mit geldgierigen Blicken betrachtete. Sie gab ihm in ihrer Angst ein blitzendes Fünfmarkstück, nur um ihn los zu werden. Der über Erwarten reichliche Lohn stimmte ihn doch etwas freundlicher. Er öffnete ihr mit großer Ungeschicklichkeit die Tür, und Ilse ging schnell hinein. Sie bemerkte nicht mehr, welche verzweifelte Anstrengung er machte, sich von ihr zu verabschieden, indem er seine Mütze abnehmen wollte. Einigemale griff er vergebens danach, und als er sie glücklich gepackt hatte, entfiel sie seiner Hand. – Fluchend bückte er sich nach ihr und ließ die Türe mit lautem Krach ins Schloß fallen, daß Ilse heftig zusammenschrak.
Zögernden Fußes hatte sie den kleinen Vorgarten durchschritten, und blieb vor der Haustür stehen – zitternd und zagend! Die Fenster in der Parterrewohnung, welche Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei unbeleuchtet. Vergebens spähte Ilse durch die Vorhänge, ob sie nicht eine Gestalt erblicken oder Stimmen hören könne. Aber nichts regte sich, alles blieb still.
Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wäre sie nur erst bei Nellie, und wäre doch der Augenblick des Wiedersehens erst überstanden! Sie konnte sich nicht entschließen, die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob nicht jemand käme, an der Türe stehen. Einförmig tönte das Regengeplätscher fort; sie fühlte sich bis auf die Haut durchnäßt, denn in ihrer Aufregung hatte sie nicht daran gedacht, sich den Mantel anzuziehen, der nun schwer vom Regen über ihrem Arm hing. – Ihre Füße waren eiskalt, dazu kam ein Gefühl der Nüchternheit, denn sie hatte seit Mittag nichts genossen.
Länger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach Gott, kam denn kein Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlösen? Erschöpft lehnte sie sich an die Mauer. Endlich hörte sie [pg 19]im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor und sah durch das Fenster in der Haustüre, wie Nellie mit ihrem Mann aus einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert Atem, als sie das treue, liebe Gesicht der Freundin wiedersah, und wäre am liebsten sofort zu ihr geeilt, aber Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurück. Er schien fortgehen zu wollen, wie sie zu ihrer größten Beruhigung bemerkte, denn er hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm in Arm ging das junge Ehepaar bis zur Treppe, dann beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und küßte sie. Glückstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zärtlich ihr liebliches Gesicht.
„Adieu, Liebste,“ hörte ihn Ilse deutlich sagen, „ich gehe jetzt. Spät werde ich nicht zurückkehren.“
Nellie nickte ihm herzlich zu.
„Ich schlafe gewiß schon, wenn du heimkommst,“ sagte sie, „ich bin sehr schläfrig diesen Abend.“
Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Türe verschwunden war. – Ilse war bei seinem Kommen schnell zurückgefahren und hatte sich hinter ein dichtes Gebüsch geflüchtet. Jetzt ging er durch die Gartenpforte; zugleich öffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt ward in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem Manne noch zunickte und ihm nachsah, bis er verschwunden war.
Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne verhallt waren. Sie war seelenfroh, Nellie allein zu treffen, denn Dr. Althoff ihre Flucht einzugestehen –, es wurde ihr jetzt erst klar, wie beschämend das für sie gewesen wäre. Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzählen, und diese sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Und nun faßte sie sich ein Herz und zögerte nicht länger mehr, sich Nellie bemerkbar zu machen. Aus ihrem Versteck hervortretend, rief sie schüchtern deren Namen. [pg 20]Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie Ilse erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das helle Fenster in den Garten warf, leibhaftig vor ihr stand, schrie sie laut auf. Sie war leichenblaß geworden, und ihre Augen blickten so starr, als sähe sie einen Geist vor sich.
„Nellie,“ rief Ilse noch einmal leise, und nun kam jene, so schnell sie ihre zitternden Füße trugen, zum Hause heraus gelaufen, vor welchem ihr Ilse in die Arme stürzte.
„Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?“ brachte sie atemlos hervor.
„Meine einzige Nellie,“ das war alles, was Ilse sagen konnte, während die Aufregung und die körperliche Anstrengung der letzten Stunden sich in einem krampfhaften Schluchzen auflösten.
Nellie führte sie in das Zimmer, selbst nicht fähig ein Wort zu sprechen. Sie nahm der heftig Weinenden Hut und Mantel ab und führte sie zum Sofa. Auf keine ihrer eindringlichen Fragen bekam sie eine Antwort, ratlos stand sie neben der Freundin und betrachtete sie voll Entsetzen. Was war denn nur geschehen, wie sah Ilse aus? Ihr nasses Kleid war über und über beschmutzt und die vor Feuchtigkeit tropfenden Haare hingen ihr aufgelöst in die Stirn. Nellie nahm ihr Taschentuch und trocknete damit das wirre Haar, dann setzte sie sich still neben die Freundin und lehnte ihren Kopf an deren Schulter.
So saßen sie eine Weile wortlos nebeneinander.
Endlich fragte Nellie leise: „Ilse, süßer darling, was ist mit dich passiert, wie kommst du hierher?“
Die hellen Tränen schimmerten bei diesen Worten in ihren Augen, ihr weiches Herz wurde von dem Jammer der Freundin so gerührt, daß ihre Stimme bebte. Sie streichelte Ilses Hände und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamen. Alle Versuche sie zu beruhigen, zum Sprechen zu bringen, halfen nichts. Sie wußte nicht mehr, was sie an[pg 21]fangen sollte, die kleine Frau, und hilflos sah sie sich um. Ihr praktischer Sinn gab ihr schließlich das Richtige ein; sie stand auf und schenkte am Büffet ein Glas Wein ein, welches sie Ilse brachte.
„Trink, Kindchen,“ sagte sie, das Glas an Ilses Lippen setzend, „das wird dich gut tun. O, nur ein kleiner Schluck, mehr will ich dich auch nicht quälen,“ bat sie schmeichelnd, als Ilse das Glas zurückschob und ablehnend mit dem Kopf schüttelte.
„Du mußt, darling,“ entschied sie endlich kurz, und jetzt widersetzte sich Ilse auch nicht länger, nahm das dargebotene Glas und trank es in hastigen Zügen leer. Nellie trug es auf das Büffet zurück.
„Fühlst du dich wohler?“ fragte sie teilnehmend und setzte sich wieder neben Ilse, welche sich in die Sofaecke zurückgelehnt hatte und mit dem Taschentuch ihr Gesicht bedeckt hielt. Auf Nellies Frage nickte sie mit dem Kopf. Die junge Frau seufzte leise. Wenn sie doch endlich einmal ein Wort spräche, dachte sie, denn Ilses Schweigen wurde nachgerade unheimlich. Unruhig rückte Nellie hin und her; was mochte denn nur vorgefallen sein, daß sich die Freundin gar nicht fassen konnte?
„Lieb Ilschen,“ sagte sie endlich und griff nach ihrer Hand, „sieh mich doch einmal an, weißt ja noch garnicht, wie ich mir als würdiges Hausfrau ausnehme.“ Sanft zog sie dabei Ilse die Hand vom Gesicht fort. „O sieh doch her,“ bat sie und beugte sich vor, um ihr in die Augen zu sehen, „du wirst in dies brave, ehrbare Gestalt deine Nellie nicht wieder erkennen. Alles Dumme ist aus mein Sinn heraus, ich bin ein vernünftiges, kleines Hausfrau geworden.“
Sie sagte das so drollig, und Ilse sah, als sie aufblickte, in so schelmische Augen, daß sie nicht widerstehen konnte und durch Tränen lachend die Arme um Nellies Hals schlang. Erleichtert atmete diese auf, denn das wort[pg 22]lose Schluchzen war ihr zu schrecklich gewesen. Sie küßte die Freundin innig und streichelte liebkosend ihre heißen Wangen.
„Armes darling, wie erhitzt hast du dir und wie elend siehst du aus. Ich werde dir ein wenig Essen holen, sonst habe ich eine kranke Ilse. Bleib hier nur sitzen, gleich bin ich wieder zurück,“ sagte sie und stand auf.
„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“
„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.
„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von neuem.
„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“
Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.
„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort: „Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst? Darling, schütte dein armes Herz in mich aus.“
Da richtete sich Ilse heftig auf.
„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt! Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.
„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr, armes darling.“
Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die Ursache [pg 24]ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber, möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer Freundin innerlich erregt war.
„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.
„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.
„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.
„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin, sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in ihrer rosigen Wange.
„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“
„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch, und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie [pg 25]bezwang sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?
Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu Ilse.
„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich helfe dich.“
Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.
„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen, bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.
„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.
„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.
„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.
Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen, [pg 26]klein Ilschen, deine Augen haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache, nicht wahr? – Gute Nacht, darling.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um jedes weitere Gespräch abzuschneiden.
„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er ein böses Gesicht.“
„Nellie!“
„Ja, Ilse, was soll ich?“
„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“
„Was soll ich dir versprechen, darling?“
„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“
„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“
Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.
In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.
„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen. [pg 27]Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler Schatten.
Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.
Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.
Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen, [pg 28]sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.
„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm schmeichelnd die Hand auf den Mund.
„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer, hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.
„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert, erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus, hat dir Rieke Ärger bereitet?“
„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder, damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“
„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja, es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er seufzend.
Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.
„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“
Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und Mantel herbei.
„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“
Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.
„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“
„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich. Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armes darling, o, und wie hat sie geweint!“
„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist denn vorgefallen?“
Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.
„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“
Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.
„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte [pg 30]geglaubt, Ilses Trotz wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach Hause.“
„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“
„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich will die Depesche selbst besorgen.“
„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die dunkle Nacht hinaus.“
„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen Überzieher an.
„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr aufgeregt.“
„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen, denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“
Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest. Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie lächelte im Traume.
„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs, und das Haus lag in tiefem Dunkel da.
* * *
In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer, doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“ meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich sogleich dorthin.“
„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel, der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo? Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“
Leo sah auf und schüttelte den Kopf.
„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“
Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine Braut, die man suchte.
Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber unruhig.
„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.
Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“
Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn, daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.
„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.
Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:
„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.
„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können gehen.“
Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.
„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag das Mädchen nur stecken?“
Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und eilte in beschleunigtem Tempo voraus.
„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg. Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“
Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.
Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.
Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich an.
„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner Frau, „vielleicht ist sie dort.“
Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.
Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen. Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß. „Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne, [pg 34]„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“
Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach; wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab. Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen Ehepaare.
Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht geschickt hatte.
Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.
„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.
„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheid gegeben zu haben, noch nie ausgeblieben.“
„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.
„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“
Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.
Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts, einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.
Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen [pg 36]Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.
„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder zurückfinden.“
Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.
„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“
„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“
„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der Chaussee folgst –“
„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz genau.“
Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen könne.
Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.
„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte [pg 37]ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging, stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.
„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt, und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“
Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem Messerbänkchen.
Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.
„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette brachte.“
„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“
„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.
Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb. [pg 38]Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden Überzieher auf.
Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.
„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und erregt.
„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.
„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“
„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.
„Beim Pastor, in der Mühle –“
„Warst du nicht bei Kathrine?“
„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei seiner Mutter wäre.“
„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein Gesicht wurde leichenblaß.
Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn zugestoßen sein?“
Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in der Absicht, ihm die [pg 39]Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein? Sie hatten ja überall schon nachgefragt.
Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben, gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein? Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!
„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“
Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.
Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.
„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.
„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.
„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß sie noch nicht da ist.“
Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm, das wollte er nicht!
Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo jetzt befand.
Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.
„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.
„Danke, Mama!“
„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser in die Teekanne.
„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die [pg 41]Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.
„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.
Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel, des Regens und Sturmes nicht achtend.
„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“
Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre gealtert zu sein.
„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse suchen.“
„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst [pg 42]du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.
„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.
„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein Blick haftete fest auf dem Boden.
Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.
Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte [pg 43]nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.
Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke gezogen.
„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.
„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.
Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre und Einlaß begehrte.
„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.
„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht trauen.
„Es ist nicht möglich,“ sagte sie laut; dann nahm sie das Blatt, hielt es dicht unter die Flurlampe und las es noch einmal. Nein, sie hatte sich nicht geirrt, da stand es deutlich und klar:
„Ilse ist hier wohlbehalten und gesund eingetroffen, Brief folgt.
Doktor Althoff.“
Sie faltete das Blatt zusammen und ging zurück ins Zimmer. Um Gottes willen, was hatte Ilse getan! Geflohen war das tolle Kind, – dachte sie denn gar nicht daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich ihren Angehörigen bereitete? Frau Annes Empörung war groß, und doch drängte sich der Gedanke: „es ist ihr nichts passiert“ beruhigend und versöhnend hervor. Wenn die Männer nur erst heimkehrten; sie konnte die Zeit nicht abwarten, bis sie ihrem armen, auf das höchste geängstigten Mann die Nachricht mitzuteilen vermöchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe ließen [pg 45]sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschloß Herrn Macket entgegenzugehen. Als sie über den Flur ging, standen dort noch immer die Mägde, flüsternd mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern. Die eine erzählte gerade eine schaurige Geschichte und die andern hörten ihr mit grausigem Wohlbehagen zu. Auch sie waren über das Fortbleiben von Fräulein Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und malten sich nach Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten Weise aus, wie und auf welche Weise das arme, liebe Fräulein wohl umgekommen sein könnte. Während Frau Macket eilig an ihnen vorbei der Türe zu schritt, flogen sie mit den Köpfen auseinander und stießen sich gegenseitig an. Immer unheimlicher wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau fort, allein in die finstere Nacht hinaus. Was hatte das zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da konnte sich die alte Köchin nicht länger beherrschen.
„Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott,“ wimmerte sie, „was ist das für ein Unglück!“ und sie nahm ihre Schürze vor das Gesicht, hinter welcher sie jämmerlich schluchzte. Im Chore stimmten die übrigen mit ein.
„Wie gut ist das Fräulein immer gewesen,“ sagte die eine.
„So freundlich gegen jedermann,“ rief das Hausmädchen, und nun ergingen sie sich derart in Lobeserhebungen über Ilse, als wenn sie über eine bereits Abgeschiedene sprächen.
„Das Unglück, das Unglück,“ krächzte die Köchin von Zeit zu Zeit wie ein Unheil verkündender Unglücksrabe dazwischen.
„Wer hätte das gedacht! Ja, ich sage ja – ich habe es immer gesagt, ich habe es kommen sehen. Ach,“ – sie unterbrach ihre tiefsinnigen Betrachtungen mit einem erneuten Schluchzen. Die andern nickten zustimmend.
„So jung und so reich,“ rief das Stubenmädchen schwärmerisch aus, „ach, es ist schrecklich!“
Das kleine Kindermädchen, als die mutigste von allen, hatte sich bis zum Flurfenster gewagt und schrie plötzlich:
„Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Fräulein!“
Im Nu waren die andern am Fenster, – richtig, da kamen sie. Die Fackeln tanzten im Winde und kamen immer näher. Voran gingen Herr und Frau Macket und der Herr Assessor, hinterher folgten die Männer mit den Laternen und Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.
„Legt euch zu Bett nun,“ hörten die Mädchen Herrn Mackets Stimme den Knechten befehlen, und dann schritt er dem Hause zu. Sie zogen sich schnell in eine dunkle Ecke zurück, als gleich darauf die Haustüre ging, und von dort folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen Herrn, die wortlos an ihnen vorüberschritten, Herr Macket sehr bleich mit finster zusammengezogenen Brauen.
Das kleine Kindermädchen, das ebenso schlau war, als es sich vorhin mutig gezeigt hatte, schlich sich durch die Hintertür zu den heimgekehrten Knechten und ließ sich von allem haarklein berichten. In der Küche erzählte es dann später alles, was es erfahren hatte, und kam sich ungeheuer wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und seinen Worten andächtig lauschten.
Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das Eßzimmer gegangen, wo er sich auf das Sofa warf. Er sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob und senkte sich in schnellen Atemzügen. Leo lehnte am Tisch und drehte die zierlichen Enden seines Schnurrbärtchens mit nervösem Eifer zwischen den Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um seinen Mund, aber die Falte auf seiner Stirn, die sich zwischen den starken Brauen vertiefte, und die zitternden Nasenflügel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Empörung und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich nieder.
Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und [pg 47]sah selbst tief bekümmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren Gatten und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Richard,“ bat sie sanft, als sie sah, daß er die zerknitterte Depesche mit der Hand glatt strich und wieder las, „laß uns über diese Sache nicht so streng richten, Ilse ist noch ein Kind.“
Er warf das Papier fort und sprang auf.
„Ja, ein Kind, ein törichtes, ungezogenes Kind,“ rief er, und seine Augen blitzten zornig auf. „Was fällt ihr ein, was soll es bedeuten, daß sie fortläuft? Wie kann sie so etwas wagen! Aber sie soll zurück, sofort, – ich will es!“
Seine Stimme klang so laut und hart, daß Frau Anne wieder erschreckt an seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute abend nicht wieder, so erzürnt auf seinen Liebling hatte sie ihn noch nie gesehen.
„Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was ist denn geschehen?“ rief er wieder, und diesmal klang ein schmerzlicher Ton aus seinen Worten.
Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine Ahnung dämmerte in ihm auf, daß dieser den Grund zu Ilses Flucht wohl wissen mochte; daß ihre Aufregung, in der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im Zusammenhang stehen mußte. Leo verstand seinen fragenden Blick, und er fühlte, daß er jetzt nicht mehr schweigen durfte.
„Papa,“ sagte er plötzlich und trat auf ihn zu, „ich bin dir und Mama eine Erklärung schuldig. Ilse und ich hatten diesen Mittag einen Streit zusammen, der damit endete, daß Ilse mich in höchster Erregung verließ. Ich habe sie danach nicht wieder gesehen und“ – er stockte – „bin nun auf das tiefste betrübt, daß sie sich zu einer solchen Tat hat hinreißen lassen.“
Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er mühsam Atem holend hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn schweigend, mit den Händen auf dem Rücken, angehört und [pg 48]setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab wieder fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann, der durch Ilses Leichtsinn tief getroffen war.
„Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in ihrer Leidenschaft nicht gehen,“ sagte sie ärgerlich.
Ihre besänftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem Manne die entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber, wo ihre gerechte Empörung deutlich aus ihren Worten sprach und auch Leo Ilse nicht in Schutz nahm, löste sich die Erbitterung von seinem Herzen und verwandelte sich in zärtliche Sorge für den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche sie gewiß betroffen hatten.
„Was mag das arme Kind für eine Angst ausgestanden haben auf der Reise!“ Mit diesen Worten machte er schließlich seinen Gefühlen Luft. „Und in der fremden Stadt, wo sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort angekommen, – sie hat sich gewiß sehr gefürchtet.“
Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wäre am Ende nur die gerechte Strafe für ihre Tollkühnheit gewesen.
„Wenn sie nur keine nassen Füße bekommen und sich erkältet hat,“ fuhr Herr Macket fort. „Nellie wird doch wohl dafür gesorgt haben, daß sie gleich ins Bett kam.“
Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und weicher. Der erste Unmut über Ilses Flucht war erloschen und hatte einer zärtlichen Besorgnis Platz gemacht. Gedankenvoll blieb er eine Weile stehen.
„Leo,“ redete er diesen plötzlich an, „morgen früh um 8½ Uhr geht der erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir, nicht wahr?“
Verblüfft sah ihn Leo an und fragte dann: „Willst du Ilse holen, Papa? Dann werde ich dich morgen früh sehr gerne zum Bahnhof begleiten.“
Jetzt drückten Herrn Mackets Züge eine förmliche [pg 49]Erstarrung aus. „Ja, du reisest doch mit?“ fragte er erstaunt.
„Nein, Papa,“ erwiderte Leo freundlich aber bestimmt, „ich reise nicht mit. Erlaß es mir auch, dir die näheren Einzelheiten unsres Streites zu erzählen, und sei überzeugt, daß es mir sehr, sehr schwer geworden ist, diesen überhaupt berühren zu müssen, doch das ging nun einmal nicht anders. Ich muß nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es mir ist: ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern ich ihr, wie schon so oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu oft geschehen, wieder zuerst die Hand zur Versöhnung bieten würde.“
Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten, so ruhig er sie auch aussprach.
Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, auch jetzt sagte er nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen, die festen Schritte, mit welchen er zur Türe schritt und sie hart ins Schloß fallen ließ, verrieten, daß er Leos Entschluß durchaus nicht billigte.
Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.
„Es tut mir leid, daß Papa ärgerlich auf mich ist, aber ich kann nicht anders handeln,“ sagte er.
Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren Mann nicht, denn sie selbst teilte Leos Ansicht und billigte es vollkommen, wie er in dieser ernsten, für seine und Ilses Zukunft entscheidenden Sache zu handeln gedachte. Ilse jetzt nachzureisen, wäre geradezu Torheit gewesen und würde sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche Kind zu ändern.
„Ich will doch mit dem Papa sprechen, daß er nichts in Übereilung tut,“ sagte sie zu Leo. „Wenn er erst ruhiger geworden ist, wird er dich auch begreifen; du kennst ja seine blinde Liebe zu Ilse.“
Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und ver[pg 50]grub seine Hände in sein dichtes Haar. Wie wehe, wie grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er konnte nicht begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen Schimpf zufügen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so genau zu kennen, das aber, das hätte er ihr nie zugetraut. – Sie war keine sanfte, keine hingebende Braut, seine Ilse, und er mußte immer von neuem um sie ringen und kämpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte er seither wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine kleine Widerspenstige zu zähmen? Ihr Widerspruch reizte ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie erst seine Frau, dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen vor den Augen, daß er ihren Charakter falsch beurteilte, daß es verkehrt war, ihr stets nachzugeben, denn das stachelte sie immer von neuem zum Trotz und Widerspruch auf. Diese Erkenntnis war bitter für ihn. –
In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, daß die Türe geöffnet worden und Frau Anne wieder eingetreten war; erst als sie ihre Hand auf seine Schulter legte, blickte er auf.
„Ach, du bist es, Mama,“ sagte er und erhob sich. Sie drückte ihn sanft auf seinen Platz zurück und setzte sich ihm gegenüber.
„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklärender Brief von Ilse eingetroffen ist.“
„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend in die Finsternis hinaus.
Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kämpfte sie mit einem Entschluß. Mehrmals öffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:
„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegen[pg 51]heiten drängen; darf ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich völlig schuldlos an Ilses Flucht?“
Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte sie dieselbe hervor.
„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“ stieß er erregt heraus. „Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausführen, alle Rücksichten beiseite werfen und fliehen?“
„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau Anne bei, „und doch,“ fuhr sie fort, „ich habe es kommen sehen, daß sie eines Tages etwas tun würde, das uns allen großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen und Fehler nicht, wie der Papa und – verzeihe mir – begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal gezähmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewiß aufrichtig, aber die tiefe ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen, wenn du ihr öfter entschieden entgegengetreten wärst, statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die nur nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag, aber ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem den Willen läßt. Nun, da du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff und wird es als eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß, daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne daß sie es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe, [pg 52]sie wird nach und nach zur Besinnung kommen, daß sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis überstanden hat, für immer geheilt sein.“
Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“ fuhr sie fort, „du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch verstehen. Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt, wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? – Gute Nacht, Leo,“ schloß sie und erhob sich von ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du die Sache schon in einem andern Lichte ansehen.“
„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“
Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die Bestürzung die Gemüter aufgeregt. – Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu unruhig, noch stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mußte es so weit kommen? Hätte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht ausgesprochen haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag an seinem Geist vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden – gewiß –, aber er hatte sich in dem Augenblick wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal hatte ihn ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.