Anmerkungen zur Transkription:
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EMIL FISCHER
GESAMMELTE WERKE
HERAUSGEGEBEN VON M. BERGMANN
AUS MEINEM LEBEN
MIT DREI BILDNISSEN
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1922
AUS MEINEM LEBEN
VON
EMIL FISCHER
BERLIN
VERLAG VON JULIUS SPRINGER
1922
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG
IN FREMDE SPRACHEN, VORBEHALTEN.
COPYRIGHT 1922 BY JULIUS SPRINGER IN BERLIN.
Vorwort des Herausgebers.
Der Unterzeichnete steht im Begriff, die wissenschaftlichen Schriften Emil Fischers zu einer Gesamtausgabe zusammenzufassen. Ihr mögen gleichsam als Einleitung einige persönlich gehaltene Worte des Forschers vorausgeschickt werden, seine Lebenserinnerungen. Das Manuskript verdanke ich der Freundlichkeit seines Sohnes, Dr. Hermann Fischer. Die vorliegende Fassung ist im Jahre 1918 während zweier Genesungsreisen nach Locarno und Karlsbad unmittelbar niedergeschrieben worden mit der Absicht, weitere Arbeitspausen zur Fortsetzung zu benutzen. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen.
So mag das vorliegende Bändchen den Freunden Emil Fischers als letzter Gruß des Scheidenden gelten. Ich bin gewiß, es wird im Verein mit dem Lebensbild, das Professor K. Hoesch's Künstlerhand soeben gezeichnet hat, dem verstorbenen Meister neue Freunde gewinnen.
Berlin, im November 1921.
M. Bergmann.
Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918
Aus meinem Leben
Mußt Du Gram im Herzen tragen
Und des Alters schwere Last,
Rufe Dir aus jüngeren Tagen
Die Erinnerung zu Gast!
(Kußmaul)
In der fruchtbaren Ebene, die nach Süden vom Vorgebirge der Eifel und im Osten von dem Villegebirge begrenzt ist, liegt die kleine Kreisstadt Euskirchen, mein Geburtsort, nur wenig entfernt von dem Erftfluß, der in der Eifel entspringt und zu Neuß in den Rhein mündet.
Die Stadt wird durchflossen von mehreren Bächen, die den dort heimischen Industrien sehr zustatten kommen und uns Knaben reichlich Gelegenheit zur Übung von Wasserkünsten gaben.
Sie zählte vor 60 Jahren etwa 3500 Einwohner, von denen wohl die Hälfte vom Ackerbau lebte, der sich in der fruchtbaren Umgebung lohnte. Außerdem gab es eine alte Tuchindustrie, die vorzugsweise für den Heeresbedarf arbeitete und die in den Kriegsjahren 1864/66 und 1870 durch die zahlreichen »Kommiß«-Lieferungen der Stadt viel Wohlstand brachte. Weniger lohnend war der Betrieb mehrerer Gerbereien, welche die in den benachbarten Wäldern reichlich vorhandene Eichenrinde verarbeiteten. Endlich war die Stadt der Mittelpunkt des Kleinhandels für die ländliche Umgebung und hatte den Vorzug, auf 30 km ohne Konkurrentin zu sein. Diese günstige Lage hat Euskirchen später zum Eisenbahnknotenpunkt gemacht und ihm eine rasche vorzugsweise industrielle Entwicklung gebracht. Der Bau der ersten Eisenbahn, die um das Jahr 1862 eröffnet wurde, war für die ganze Bevölkerung und nicht am wenigsten für die Jugend ein staunenerregendes Ereignis. Dasselbe galt für die Anlage der Gasbeleuchtung, die ungefähr in die gleiche Zeit fiel.
Die Stadt war in früheren Jahrhunderten befestigt und die alten Mauern mit Türmen, Wällen und Wassergräben waren in meiner Jugend noch teilweise erhalten. Sie haben uns viel Kurzweil bei unseren Spielen verschafft. Besonders vertraut war uns der sogen. Judenwall, wo wir uns spielend und auch den Boden durchwühlend öfters herumtrieben und von wo aus wir staunend Einblick in den Betrieb einer tiefer gelegenen Gerberei hatten.
Mein Elternhaus lag einige Minuten vor der alten Stadt, an der nach Cöln führenden Landstraße. Der Gebäudekomplex bestand aus zwei geräumigen Wohnhäusern, wovon das eine von meinem Onkel bewohnt war, einem Geschäftshause, verschiedenen kleinen technischen Betrieben und einigen bescheidenen landwirtschaftlichen Baulichkeiten, die einen großen Hof umschlossen.
Dieses Ganze war umgeben von Gärten, die auf der einen Seite an einen Bach grenzten und von einem kleinen Wassergraben durchzogen waren.
Hier bin ich am 9. Oktober 1852 geboren als letztes und achtes Kind meiner Eltern. Von meinen Geschwistern waren ein Knabe und ein Mädchen vorher gestorben, alle anderen waren Schwestern, von denen die älteste mir um 14 Jahre voraus war.
Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen meine Ankunft den Eltern viel Freude gemacht hat, und daß mir auch später ein gewisser Vorzug gewährt wurde.
Die Schwestern haben ihr Interesse an dem einzigen Bruder, den sie nur den »Jungen« nannten, in der mannigfaltigsten Weise bekundet, und ich habe mich ihrer Erziehungskünste des öfteren erwehren müssen, so daß eine gewisse Abneigung gegen junge Damen bei mir über die Knabenjahre hinaus hängen blieb.
Glücklicherweise waren die Verhältnisse in dem Hause meines Onkels, das nicht allein durch den Hof, sondern auch durch den Speicher und einen besonderen Korridor mit unserm Hause in direkter Verbindung stand, gerade umgekehrt; denn es gab dort fünf Söhne und eine Tochter, die merkwürdigerweise wie ich die Jüngste war.
Wenn mir die allzu weibliche Behandlung im eigenen Hause zu viel wurde, so zog ich mit Erlaubnis der Eltern für einige Tage ins Nachbarhaus, bis ich dort durch reichliche Prügel von seiten der stärkeren Vettern belehrt, wieder in die mildere Atmosphäre des eigenen Heims gerne zurückkehrte.
Mein Vater Laurenz Fischer betrieb zusammen mit seinem Bruder August ein kaufmännisches Geschäft, hauptsächlich in Kolonialwaren, Wein und Spirituosen. Außerdem besaßen sie eine Wollspinnerei, die aber auf einem Dorfe Wißkirchen, etwa eine Stunde von Euskirchen, gelegen war und ursprünglich mit Wasserkraft, später mit Dampf betrieben wurde.
An dem gesamten Geschäft war noch ein anderer Onkel, Friedrich Arnold beteiligt, der in Flamersheim, dem Stammsitz der Familie, wohnte und dort das vom Großvater her stammende Anwesen verwaltete.
In der eben geschilderten Umgebung zu Euskirchen habe ich eine überaus glückliche Jugend verlebt. Der Betrieb des kaufmännischen Geschäfts, das die Krämer der Umgegend bis weit in die Eifel hinein mit Waren versorgte, brachte reges Leben mit sich. Der Verkehr im Kontor, den Lagerräumen und auf dem Hofe hat mich lebhaft erinnert an die Schilderungen, die Gustav Freytag in dem Roman »Soll und Haben« von dem Kaufmannshause zu Breslau entwarf. Allerdings waren die Verhältnisse bei uns trotz des Wohlstandes der Firma bescheidener. Aber dafür war das Ganze in sehr viel heiterere Farben gekleidet. Die lebhafte Art der rheinischen Bevölkerung und die glückliche humoristische Veranlagung der Geschäftsinhaber gaben sich trotz der sehr geordneten, nach den strengen Grundsätzen kaufmännischer Ehrbarkeit geregelten Geschäftsführung in zahlreichen munter und scherzhaft geführten Gesprächen kund.
Ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, der im wesentlichen die Bedürfnisse des eigenen Hauswesens befriedigte, trug dazu bei, das Gesamtbild mannigfaltiger und für uns Kinder interessanter zu gestalten.
Man denke sich dazu zwölf jugendliche Personen, die auf dem Hof und in den Gärten eine einzige Familie bildeten und die später, als meine Schwestern verheiratet waren, noch durch Enkel vermehrt wurden, und man wird sich eine Vorstellung machen können von der vielfachen Kurzweil, die wir alle in diesem Kreise gefunden haben.
In der früheren Jugend waren es Spiele verschiedener Art, vom Ballspiel bis zum Indianerwigwam, vom Fisch- und Vogelfang bis zum Bivouak, dann Kämpfe der verschiedensten Art unter uns Knaben oder in geschlossener Phalanx gegen feindliche Kräfte. Die Schlachten, in denen man sich nicht allein der Fäuste und Stöcke, sondern auch des Steinwurfs und der Schleuder bediente, arteten zuweilen bis zur Lebensgefährlichkeit aus und mußten dann durch den Eingriff von erwachsenen Personen beendet werden.
Mit dem zahlreichen Dienstpersonal, besonders mit den Knechten, standen wir auf vertrautestem Fuße, und die Unterhaltung wurde hier ausschließlich in dem derben niederrheinischen Dialekt geführt. Selbstverständlich hatten wir alle Spitznamen. Ich wurde »Baron« genannt, ob wegen des üppigen Ernährungszustandes oder wegen der besseren Kleidung, ist mir immer ein Geheimnis geblieben.
Von Verzärtelung war weder in körperlicher noch seelischer Beziehung die Rede. In leichtester Kleidung schlugen wir uns tapfer durch den Winter, und die einzigen Schmerzen, deren ich mich aus der frühen Jugend erinnere, kamen von Panarizien an verletzten Fingern oder von erfrorenen Füßen oder von Stiefeln, die durch Schneewasser hart und eng geworden waren.
Beim Eissport bin ich mehrmals eingebrochen, einmal sogar in eine Jauchengrube bis über den Kopf eingetaucht, und als ich in diesem Zustande nach Hause kam, stark beschmutzt und übel duftend, wurde ich trotz der scharfen Kälte außerhalb des Hauses ausgezogen. Alles das ging ohne Schaden vorüber.
Ein anderes Mal fiel ich von einem mit Wollballen beladenen Wagen kopfüber auf das Pflaster des Hofes und kam mit einer ziemlich tiefen, stark blutenden Kopfwunde ins Haus. Dort begrüßte man mich mit den tröstlichen Worten: »Besser ein Loch im Kopf als in der Hose.«
Allerdings gab es auch ernstere Unfälle. Beim Spielen mit Pulver wurde ich durch den Leichtsinn eines Kameraden im Gesicht und am Kopf stark verbrannt. Diesmal gab es einen größeren Schrecken, denn als ich mit geschlossenen Augen, geführt von einer alten Frau vor meiner Mutter erschien, hielt sie mich für erblindet und brach in lautes Schluchzen aus. Glücklicherweise ging aber das Unglück wiederum bei guter ärztlicher Behandlung ohne dauernden Schaden vorüber, und ich hatte noch die Genugtuung, bei hartnäckigem Schweigen keinen Mitschuldigen verraten zu haben. Das Gefühl der Solidarität war bei uns Knaben überhaupt in hohem Maße entwickelt, besonders galt das auch in der Schule, wo jede Lüge in unseren Augen gerechtfertigt war, wenn sie dazu diente, Kameraden vor der Strafe zu schützen.
Es war damals Sitte, die Kinder schon mit fünf Jahren zur Schule zu schicken, und dasselbe Schicksal wurde auch mir zuteil; denn einen Tag nach meinem 5. Geburtstage wurde ich von meinen älteren Schwestern mit zur Schule genommen.
Da die Volksschule meiner Vaterstadt unter dem Einfluß der katholischen Geistlichkeit stand und über den kirchlichen Übungen der eigentliche Unterricht vernachlässigt wurde, so hatte mein Vater eine protestantische Privatschule ins Leben gerufen und dafür glücklicherweise einen ausgezeichneten Lehrer, Herrn Vierkoetter gewonnen. Dieser unterrichtete die Kinder von 5 bis 14 Jahren in einem Raum. Eine strenge Einteilung in Klassen gab es nicht. Trotzdem war der Unterricht in allen Elementarfächern ausgezeichnet, sodaß sowohl meine Schwestern wie ich beim Eintritt in andere Schulen den Altersgenossen im Wissen voraus waren. Der Lehrer ging sogar so weit, die begabteren Schüler und Schülerinnen in euklidischer Mathematik zu unterrichten, und es erregte in späteren Jahren große Heiterkeit, als meine Schwester Fanny ihrem Gatten, einem Holzhändler, in dessen Geschäft die Ausziehung einer Kubikwurzel unerwarteterweise nötig wurde, aus der Verlegenheit half, indem sie diese Aufgabe nach den bei Herrn Vierkoetter erworbenen Kenntnissen löste.
Der gute Unterricht, den wir hier genossen, war allerdings nur möglich bei der geringen Zahl der Schüler, die kaum 20 überstieg; denn die Schule wurde ursprünglich nur von Kindern der wenigen protestantischen Familien und einigen Judenkindern besucht. Erst später baten auch einzelne aufgeklärte Katholiken um die Erlaubnis, Kinder dorthin schicken zu dürfen. Das war zu der damaligen Zeit schon ein kleines Wagnis; denn der Gegensatz zwischen den beiden Konfessionen war recht stark und machte sich namentlich auch für uns Kinder häufig in recht unangenehmer Weise bemerkbar. Als sogen. Blauköpfe, auch kalvinische Kalbsköpfe, wie wir Protestanten genannt wurden, haben wir Fischer-Jungen manche Prügel einstecken müssen, wenn die Überzahl der katholischen Knaben eine erfolgreiche Verteidigung aussichtslos erscheinen ließ.
Bei anderer Gelegenheit, wo wir nicht vereinzelt, sondern als gesammelte Macht auftreten konnten, ist uns aber auch mancher Sieg zuteil geworden. Bei diesen Heldentaten spielte in der Regel die Hauptrolle mein Vetter Lorenz Fischer, der später auch im Kriege 1870 als Soldat und außerdem im Zivilleben als Jäger hervorragende Leistungen aufwies.
Als ich 9 Jahre alt wurde, gab der Lehrer Vierkoetter seine Stellung in Euskirchen auf, weil ihm der viel einträglichere Posten eines Inspektors an der Besserungsanstalt zu Brauweiler übertragen wurde.
Ich trat deshalb in die höhere Bürgerschule meiner Vaterstadt über, welche, wie die damaligen Progymnasien, 4 Jahresklassen mit lateinischem, griechischem und französischem Unterricht umfaßte. Sie war in den Nebenräumen der Klosterkirche untergebracht und stand unter Leitung katholischer Priester. Der Rektor, Kaplan Heine, war eine ausgeprägte Persönlichkeit, tyrannisch, jähzornig, aber trotz alledem ein recht guter Lehrer, der auch auf seine Kollegen anregend wirkte und damit der Schule in bezug auf Leistungen eine ebenbürtige Stellung mit den staatlichen Gymnasien verschaffte.
Die Handhabung der Schuldisziplin war allerdings recht willkürlich, und mir passierte eine Ungerechtigkeit, die mir zum erstenmal den großen Wert väterlichen Schutzes zum Bewußtsein brachte.
Ein Mitschüler, namens Flecken, bekannt durch Gewalttätigkeit, hatte mir ohne jeden Grund ein Spielzeug entrissen und in den Schmutz geworfen. Ich beantwortete diese Herausforderung, indem ich ihm die Mütze vom Kopfe riß und in denselben Schmutz hineinwarf. Er ließ sie trotzig liegen und erstattete dann beim Rektor Heine die Anzeige meiner angeblichen Missetat. Meine Entschuldigung, daß ich der Angegriffene gewesen sei, wurde kaum angehört, und ich erhielt den Befehl, die Mütze in ordnungsmäßigem Zustand wieder herbeizuschaffen. Das war aber nicht möglich, da sie inzwischen von fremder Hand entwendet war. Infolgedessen erhielt ich zunächst eine Arreststrafe, so daß ich nicht zum Mittagessen gehen konnte und den ganzen Tag hungernd in der Schule bleiben mußte. Als am nächsten Tage die Mütze noch immer nicht zur Stelle war, wurde ich von dem Herrn Rektor nach Hause geschickt mit der Bemerkung, ich sei von der Schule entlassen.
Jetzt hielt mein Vater es an der Zeit, einzugreifen, und sandte mich am nächsten Tage mit einem Brief an den Herrn Rektor zur Schule zurück. Ich habe den Inhalt desselben niemals kennen gelernt, aber es mag manches kräftige Wörtlein drin gestanden haben von willkürlicher Behandlung des kindlichen Streites und vom Appell an die Staatsregierung, falls der Rektor seinen ganz ungesetzlichen Ausweisungsbefehl aufrechterhalte.
Die Wirkung dieses Briefes war in der Tat erstaunlich. Ich konnte ruhig meinen Platz in der Schule wieder einnehmen und habe mich seitdem einer guten und gerechten Behandlung erfreut. Ja, ich kann sogar sagen, daß ich mit dem Herrn Rektor später auf recht gutem Fuße stand; denn er liebte wie ich die Mathematik und er freute sich, mir schwierige Probleme klar zu machen. Ich habe ihm ein besseres Gedenken bewahrt als den meisten anderen Lehrern aus der Gymnasialzeit.
Noch nicht 13 Jahre alt wurde ich aus der Tertia der letzten Klasse der Schule mit einem guten Zeugnis entlassen und mußte nun auf ein Gymnasium übertreten.
Bis dahin waren alle Söhne der Familie, die sich höheren Studien zuwenden wollten, in das Gymnasium der früheren Universitätsstadt Duisburg eingetreten, da es unter protestantischer Leitung stand, einen guten Ruf genoß und auch nicht allzu weit von unserer Heimat entfernt war.
Aber unglücklicherweise war es kurz vorher meinem Vetter Ernst Fischer auf der Sekunda dieses Gymnasiums schlecht ergangen; er war bei einem kleinen Verstoß gegen die Schulregeln ertappt und zu einer verhältnismäßig hohen Karzerstrafe verurteilt worden.
Da die Strafe auch von unseren Eltern als zu hart angesehen wurde, so nahm man ihn von der Schule weg und diese kam dann überhaupt für unsere Familie in Verruf. Es wäre nun für uns am einfachsten gewesen, ein Gymnasium in Köln, Bonn oder Aachen zu wählen, aber meine Eltern und ganz besonders meine Mutter legten Wert darauf, daß wir eine protestantische Schule besuchten, und so fiel die Wahl auf Wetzlar, obschon diese Stadt eine volle Tagereise von unserer Heimat entfernt war. Um sicher zu gehen und um unseren starken Drang nach Selbständigkeit zu schonen, rieten uns die Eltern selbst, zuvor Wetzlar anzusehen und ein passendes Quartier auszusuchen.
So reiste ich denn in den Herbstferien 1865 mit meinem Vetter Ernst Fischer, der 4 Jahre älter war, und in Begleitung von Vetter Lorenz über Cöln nach Wetzlar. Die altertümliche Stadt gefiel uns. Wir fanden auch bald ein nach unserem Begriff gutes und vor allen Dingen freiheitliches Quartier bei einem Bürger, der den größeren Teil seines Hauses an Gymnasiasten und einjährigfreiwillige Soldaten, die im dortigen Jägerbataillon standen, vermietete.
Nach der raschen Beendigung der geschäftlichen Angelegenheit setzten wir vergnügt unsere Reise fort über Gießen nach Frankfurt a. M. Diese alte Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten und historischen Erinnerungen hat auf uns einen großen Eindruck gemacht. Aber unser Aufenthalt erfuhr eine jähe Unterbrechung, veranlaßt durch einen Besuch in einem Mädchenpensionat, wo meine jüngste Schwester Mathilde als 17-jähriger Backfisch zur jungen Dame erzogen wurde. Sie war außer sich vor Freude, den Bruder und die Vettern so unerwartet wiederzusehen und bestürmte uns sofort mit der Bitte, sie in einen Zirkus zu führen, der damals in Frankfurt gastierte.
Die Leiterin der Pension gab nach einigem Widerstreben ihre Einwilligung, stellte aber die Bedingung, daß wir außer der Schwester noch eine zweite junge Dame und eine Lehrerin zur Aufsicht mitnehmen und dann den ersten Platz besuchen müßten.
Mit vornehmer Ritterlichkeit gingen wir auf diese Bedingungen ein. Aber die Auslagen waren für unsere bescheidene Reisekasse zu groß, und am nächsten Morgen beeilten wir uns, die schöne aber teure Stadt zu verlassen. Das übrig gebliebene Geld reichte noch gerade aus, um auf den billigsten Plätzen über Mainz, dann mit dem Schiff rheinabwärts über Bonn nachhause zurückzukehren. Es war meine erste größere Reise, hatte 7 Tage gedauert und hinterließ bei mir einen so günstigen Eindruck, daß die Reiselust mir bis ins Alter treu geblieben ist.
Bald darauf kam der Abschied vom Elternhause, in das ich nun viele Jahre hindurch nur noch in den Schulferien zurückkehrte. Der glücklichste Teil der ersten Jugend war vorüber; denn ich habe es draußen niemals so gut gehabt, wie unter dem Schutze und in der fröhlichen Atmosphäre des Vaterhauses.
Trotz des Wohlstandes, der von dem erfolgreichen Betrieb des Geschäftes herstammte, war unser materielles Leben zwar recht behaglich, aber doch einfach. Verwöhnt waren wir nur durch die gute, kräftige und wohlschmeckende Nahrung, auf deren Zubereitung man im Rheinland damals viel größeren Wert legte als in den meisten übrigen Teilen Deutschlands.
Auch der Wein floß reichlich in unserem Hause, in dem häufig Gäste verkehrten. Aber es war strenge Regel, daß wir Kinder unter 14 Jahren von dem Genuß aller geistigen Getränke ausgeschlossen wurden. Vor allen Dingen stand das Familienleben im Zeichen der Fröhlichkeit, die durch das Wesen meiner Eltern und ihre glückliche Ehegemeinschaft bedingt war.
Die Eltern
Mein Vater Laurenz Fischer wurde am 4. November 1807 in Flamersheim geboren, war also fast 45 Jahre älter wie ich. Seine Geburtsurkunde ist in französischer Sprache ausgefertigt; denn damals stand das linke Rheinufer unter französischem Regiment und die Funktionen der heutigen Standesämter waren schon damals dem »Maire« übertragen.
Flamersheim ist ein kleiner Ort am Fuße der Eifelberge, aber noch in der fruchtbaren Ebene gelegen, etwa 7 km von Euskirchen entfernt.
Es besaß eine alte protestantische Gemeinde mit dem Sitz des Pastors, der zu meiner Zeit auch die kleine Gemeinde in Euskirchen mitbesorgte. Die Protestanten waren wie überhaupt in dem katholischen Rheinlande durchgehend gebildeter und betriebsamer als die katholische Volksmasse und erfreuten sich deshalb auch eines verhältnismäßig großen Wohlstandes. Ihre geschäftlichen Unternehmungen hatten auch dem Ort Flamersheim eine über seine Einwohnerzahl weit hinausgehende Bedeutung verschafft. Dazu kam, daß der größte Grundbesitz des Ortes, die sogen. Burg mit dem stattlichen schloßähnlichen Wohnhause, hübschen Park und reichen Ländereien dauernd im Besitz eines protestantischen Herrn blieb.
Der Überlieferung nach war diese Burg aus einer Meierei Karls des Großen hervorgegangen. Sie soll zahlreiche Vorwerke gehabt haben, von deren speziellen Aufgaben Sachverständige die Namen der umliegenden Dörfer, wie Schweinheim (Schweine), Stotzenheim (Stuten), Roitzheim (Rosse), Buellesheim (Bullen), Kuchenheim (Kühe) ableiteten. Ob diese Interpretation historisch berechtigt oder ob sie ein Erzeugnis der lebhaften rheinischen Phantasie ist, vermag ich nicht zu sagen.
Genug, dieses Flamersheim war mehrere Jahrhunderte der Sitz meiner Vorfahren; der älteste in den Kirchenbüchern genannte ist Johann Fischer, der im Jahre 1695 fast gleichzeitig mit seiner Ehefrau geb. Hermany zu Flamersheim starb.
Mit meinem Großvater wäre beinahe der männliche Stamm erloschen. Denn er hat erst mit 49 Jahren geheiratet, und die Familiensage berichtet, daß diese Ehe ein zufälliges Ereignis gewesen sei. Er lebte nämlich mit einer unverheirateten Schwester zusammen, die ihn offenbar tyrannisierte und ihm eines Tages den Schlüssel zum Weinkeller versagte, als er unerwartet einen Gast mitgebracht hatte. Darauf soll er den Entschluß gefaßt haben, sich durch Heirat selbständig zu machen. Seine Wahl fiel auf Fräulein Helene Conrads aus Mülheim am Rhein, ebenfalls einer Kaufmannsfamilie entsprossen. Die Ehe war mit vier Söhnen und einer Tochter gesegnet.
Mein Vater war das zweite Kind. Die beiden letzten, mein Onkel August und Tante Elisabeth kamen 1812 als Zwillinge zur Welt. Ihre Geburt hat der Mutter das Leben gekostet. Auch der Vater ist verhältnismäßig früh mit 61 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.
Die fünf verwaisten Kinder würden wahrscheinlich ein trauriges Lebenslos gehabt haben, wenn sich nicht die unverheirateten Geschwister der Mutter, zwei Brüder und eine Schwester, ihrer in rührender Weise angenommen hätten.
Der älteste, Onkel Hermann Conrads, gab seine behagliche Tätigkeit in Mülheim auf und zog nach Flamersheim, um den Kindern das väterliche Geschäft zu erhalten. Er behielt die beiden jüngsten Kinder (Zwillinge) bei sich. Die drei anderen Brüder Friedrich Arnold, mein Vater und Otto Fischer kamen nach Mülheim am Rhein und wurden hier vorzugsweise von der Tante erzogen. Diese Frau spielte in den Jugenderinnerungen meines Vaters eine große Rolle. Sie war ungewöhnlich begabt, verkehrte nur mit Männern, am liebsten im Disput mit Studierten, besonders Theologen. Sie hatte sich mit der lateinischen Sprache vertraut gemacht und wollte im Alter sogar noch Hebräisch lernen, um die Bibel im Urtext zu lesen, ob schon sie als geistiges Kind der französischen Revolution ganz atheistisch dachte.
Sie führte hauptsächlich das Geschäft in Mülheim und nicht minder das Regiment im Hause, wo der gute Onkel Heinrich, ein ungewöhnlich starker Mann, nichts zu sagen hatte.
Die drei Knaben, die ihrer Obhut anvertraut waren, wurden in keiner Beziehung verwöhnt, sondern frühzeitig abgehärtet und zur Selbständigkeit angehalten.
Als sie bereits erwachsen und verheiratet waren, pflegte die Tante sie noch immer mit »Burschen« anzureden und jeden Widerspruch gegen solche Titulatur oder ihre scharf ausgeprägten Ansichten auf das lebhafteste zu bekämpfen.
Trotzdem waren die Knaben ihr in Dankbarkeit zugetan, genau so, wie sie die beiden Oheims als ihre Beschützer verehrten. Mein Vater und sein älterer Bruder Friedrich Arnold waren von vornherein zum Kaufmann bestimmt, und das entsprach, besonders bei meinem Vater, durchaus der Veranlagung. In der Schule hatte er keinen großen Erfolg, verließ sie deshalb schon mit 14 Jahren und wurde als Lehrling in einem kaufmännischen Geschäft in Luettringhausen bei einem Herrn Moll untergebracht.
Hier erhielt er frühzeitig Gelegenheit, sich als Verkäufer auf Reisen zu betätigen, was ganz seinen Neigungen und auch der folgenden mehr als 70-jährigen Geschäftstätigkeit entsprach.
In späteren Jahren pflegte er oft scherzhaft zu sagen, er habe mehr im Wirtshaus als in der Schule gelernt. Aber er war doch klug genug, die Lücken der Schulbildung zu empfinden und hat sich deshalb später durch Privatunterricht im Französischen und in der Beherrschung der deutschen Sprache, sowie in rechtlichen und gewerblichen Dingen ansehnliche Kenntnisse erworben.
Im Alter machte er noch den Versuch, Englisch zu lernen, da er öfter zum Ankauf von Wolle nach London fahren mußte. Aber dazu war es doch zu spät; sein Englisch hat niemand verstanden.
Bei der Prüfung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, der damals schon in Preußen eingerichtet war, fiel er durch, aber ein vermeintlicher körperlicher Schaden, der sicherlich nichts weiter als eine falsche ärztliche Diagnose war, bewahrte ihn vor der Notwendigkeit, drei Jahre Soldat zu sein. In Wirklichkeit war er ein Mann von ungewöhnlich kräftiger Konstitution und Gesundheit. Es wird davon später noch die Rede sein.
Als er 18 Jahre alt geworden war, übergab der Onkel Conrads ihm und dem Bruder Friedrich Arnold das väterliche Geschäft zu Flamersheim und zog sich nach Mülheim a. Rh. zurück.
Die beiden jungen Leute waren sich ihrer Verantwortung wohl bewußt und haben mit großem Fleiß und kaufmännischem Geschick die für ihre Jahre doch ziemlich schwierige Aufgabe in Angriff genommen. Es ist ein schönes Zeichen geschwisterlicher Eintracht, daß der Geschäftsgewinn nicht den beiden Brüdern allein, sondern allen fünf Geschwistern gleichmäßig zufiel.
Der dritte Bruder Otto war ein ausgezeichneter Schüler, bekundete frühzeitig die Neigung zum Studieren und wurde nach Absolvierung des Gymnasiums zu Duisburg Mediziner. Nach Erledigung des medizinischen Staatsexamens, das damals in Berlin abgelegt werden mußte, ging er auf 1 Jahr nach Paris und entschloß sich dazu, Chirurge zu werden. Nicht lange nachher wurde er der leitende Arzt in der chirurgischen Abteilung des städtischen Hospitals zu Cöln.
Einen später an ihn ergangenen Ruf als Professor der Chirurgie nach Bonn lehnte er ab, weil ihm die dortigen Hilfsmittel und das Krankenmaterial zu dürftig erschienen.
In seiner Stellung zu Cöln hat er sich während einer mehr als 40jährigen Tätigkeit durch glänzende Operationen und überaus sorgfältige Nachbehandlung der Kranken großen Ruf erworben und war ein paar Jahrzehnte hindurch wohl der gesuchteste Arzt am Niederrhein. Selbst aus Holland, Belgien und Frankreich wurde seine Hilfe in Anspruch genommen.
Als Persönlichkeit war er ein Original, ein Volksmann im besten Sinne des Wortes, um den die geschäftige Phantasie der cölnischen armen Leute eine Reihe von Legenden geflochten hat.
Der vierte Bruder August erhielt auch eine gute Schulbildung. Nachdem er die kaufmännische Lehre durchgemacht und bei dem Pionierbataillon zu Cöln als Einjähriger seiner Dienstpflicht genügt hatte, trat er ebenfalls in das Geschäft zu Flamersheim ein.
Ungefähr um dieselbe Zeit heiratete die Zwillingsschwester Elisabeth einen Herrn Dilthey aus Rheydt. Ursprünglich gewillt, Theologe zu werden, war dieser durch den frühzeitigen Tod seines Vaters genötigt worden, mit seinem Bruder Wilhelm das väterliche Geschäft, Seiden- und Sammet-Fabrikation, zu übernehmen, und aus dieser Ehe stammt die zahlreiche Familie Dilthey in Rheydt und Umgegend. Von seinen sechs Söhnen und drei Töchtern sind nur der Jurist Richard Dilthey und eine Schwester unverheiratet geblieben. Alle übrigen erfreuten sich einer zahlreichen Nachkommenschaft, und als meine Tante im hohen Alter von 87 Jahren starb, waren etwa 40 Enkel vorhanden. Die alte Frau bildete bis zum Ende den Mittelpunkt der Familie und erfreute sich infolge ihrer Klugheit, Tatkraft und Güte allgemeiner Verehrung.
Das Geschäft in Flamersheim war durch die gemeinsame Arbeit der Brüder in Blüte gekommen. Mein Vater sorgte durch vielfache Reisen für Vergrößerung des Absatzes und durch die Aufnahme neuer Artikel für Erweiterung des Betriebes. So erzählte er öfters mit Befriedigung, daß er nur wenige Jahre nach Erfindung der Schnellessigfabrikation einen Betrieb dieser Art in Flamersheim angelegt und damit viel Geld verdient habe. Auch eine kleine Mälzerei wußte er schon damals dem Geschäft anzugliedern. Aber gerade durch diese Erweiterungen und durch die Erfahrungen auf seinen Reisen kam er auch zu der Überzeugung, daß Flamersheim nicht der richtige Ort für ein Großgeschäft sei, und er hat wiederholt den Plan erwogen, dieses nach Cöln zu verlegen. Seine Brüder waren aber durchaus dagegen, aus Abneigung gegen die Großstadt und das vergrößerte Risiko. Dagegen setzte er durch, daß das Hauptgeschäft nach Euskirchen, welches gerade zu der Zeit schon gute Landstraßen nach Cöln, Bonn und der Eifel erhalten hatte, verlegt wurde. So entstand, allerdings erst allmählich, der Gebäudekomplex, den ich früher geschildert habe.
Die beiden Haupthäuser wurden, wenn ich nicht irre, im Jahre 1835/36 errichtet. Von der Zeit an ist Euskirchen der Hauptsitz der Firma »Gebrüder Fischer« gewesen. Nur der Onkel Friedrich Arnold blieb in Flamersheim, aber die alte Kompagnie hat noch etwa 30 Jahre fortgedauert und sich auch auf andere Geschäfte, z. B. den Ankauf eines schönen Waldes bei Flamersheim, erstreckt.
Mein Vater und seine Brüder ergänzten sich auf das glücklichste. Er liebte nicht die Kleinarbeit im Kontor und den Lagerräumen, die aber von den beiden anderen Geschäftsinhabern mit allergrößter Sorgfalt und Sachkenntnis besorgt wurde.
Andererseits ging er gerne auf Reisen, wobei er nicht allein verkaufte, sondern auch in früheren Jahren Geld einkassierte und Gelegenheiten nach neuen Geschäften aufspürte. Er nannte sich deshalb scherzhaft den Minister des Äußern.
Zu seinen Aufgaben gehörte natürlich die Vertretung der Firma bei Gerichten, Verwaltungsbehörden, bei öffentlichen Verkäufen usw.
Seiner Initiative war es auch in der Regel zuzuschreiben, wenn neue Unternehmungen begonnen wurden, unter denen an Bedeutung der schon erwähnte Waldankauf hervorragte.
Die Gemeinde Flamersheim besaß in dem benachbarten Vorgebirge der Eifel einen schönen, meist aus Eichen und Buchen bestehenden Hochwald, aus dem sie bei dem damaligen Betriebe nur geringe Einkünfte bezog. Die Mitglieder der Gemeinde hatten sogen. Gerechtsame, die ihnen Anrecht auf den Bezug von Bau- und Brennholz gaben, das damals nur wenig Wert hatte. Infolgedessen ging der allgemeine Wunsch auf eine Teilung des Gemeindewaldes hinaus, konnte aber erst wegen des Widerstandes der königl. Regierung im Jahre 1848/49 durchgesetzt werden. Der Wald wurde dann öffentlich versteigert und der Erlös in bar an die einzelnen Gerechtsamen verteilt.
Von diesem Walde kaufte mein Vater für die Firma ein ansehnliches Stück, etwa 750 Hektar.
Da einige Jahre später infolge des Baues von Eisenbahnen der Preis des Eichenholzes außerordentlich stieg, so wurde der Wald bald abgeholzt, die schönen Eichenstämme meist zu Eisenbahnschwellen verarbeitet und auf dem Boden Eichenschälwald zur Gewinnung von Lohe gezogen. Durch die Anstellung eines Försters sorgte mein Vater rechtzeitig für forstmäßigen Betrieb des schönen Besitzes.
An diesem Walde haben auch wir jüngeren Mitglieder der Familie viel Freude gehabt. Er war reich an Wild, namentlich an Rehen, Sauen und Waldschnepfen. Zur Bequemlichkeit wurde darin ein kleines Jägerhaus auf dem schön gelegenen Heidberg mit prächtigem Blick in die Eifelberge errichtet. Wir haben dorthin manchen Ausflug, meist zu Jagdzwecken, unternommen, konnten auch über Nacht bleiben. Ein gut ausgestatteter Weinkeller sorgte für fröhlichen Trunk, und unser Förster war ein vortrefflicher Koch, der die meist von Euskirchen mitgebrachten Fleischspeisen zusammen mit Bratkartoffeln, Butterbrot und Kaffee zu einem köstlichen Mahle zu vereinigen wußte. Den Höhepunkt des Jagdbetriebes bildeten die Treibjagden, die im November und Dezember stattfanden, zu denen mein Vater zahlreiche Einladungen ergehen ließ, und die mit einem höchst lustigen Mahl in einem Gasthause zu Flamersheim zu schließen pflegten.
Nach mehr als 50jährigem Besitz hat mein Vater den Wald mit gutem Nutzen wieder verkauft, und zwar an die Familie Haniel, weil niemand von unserer Familie sich um den Besitz mehr kümmern konnte.
Ein anderes Unternehmen, das für die Wahl meines Berufes mitbestimmend geworden ist, war der Erwerb einer kleinen Wollspinnerei, die in Wisskirchen, einem etwa 4 km von Euskirchen entfernten Dorfe, lag. Meinem Vater, der von dieser Industrie nichts verstand, gelang es, in Aachen einen ausgezeichneten Spinnmeister, Herrn Allmacher, zu gewinnen, und da die Firma auch keine Mittel scheute, um die Fabrik mit den besten Maschinen auszustatten, und anstelle der Wasserkraft Dampfbetrieb einzuführen, so gehörten die Erzeugnisse der Firma an Garn bald zu den besten des Bezirks. Ihr Verbrauch blieb nicht auf die Tuchindustrie in Euskirchen beschränkt, sondern die Garne gingen auch nach dem Bezirk München-Gladbach-Rheydt, wo sie zu halbwollenen Waren verarbeitet wurden.
Den Einkauf der Rohmaterialien, vor allen Dingen der Wolle besorgte natürlich mein Vater, ursprünglich bei den Schafzüchtern der Umgegend und besonders der Eifel. Ich habe in jungen Jahren solche Wollfahrten hier und da mitgemacht. In den armen Dörfern der Eifel wurde das Geschäft zuerst mit dem Pastor abgeschlossen. Sobald das geschehen war, kamen die Bauern von selbst mit ihrer Ware. Diese wurde sofort taxiert, abgewogen, in bar bezahlt und auf den mitgenommenen Wagen geladen. Aber bald reichten die heimischen Quellen für die vergrößerte Fabrik nicht mehr aus, auch waren sie für feinere Tuche zu grob. Damals begann der Import der überseeischen Wolle, besonders aus der Kapkolonie und aus Brasilien. Deutsche Händler besorgten dieses Geschäft, natürlich mit einem entsprechenden Preisaufschlag. Der Markt für diese Wolle war London, wo sie auf grossen Auktionen verkauft wurde.
Sobald dies meinem Vater bekannt geworden war, reiste er nach London, wo er mit Hilfe eines Agenten seinen Wollbedarf deckte. Er gehörte mit zu den ersten Fabrikanten in Euskirchen, die den direkten Bezug des Rohmaterials ausnutzten. Für eine weitere Verbilligung der Garne war die Anlage einer Färberei erforderlich. Auch das hat mein Vater in die Hand genommen, ist dabei aber auf recht erhebliche Schwierigkeiten gestoßen.
Die Teerfarben kannte man damals noch wenig und das Färben mit den natürlichen Farbstoffen wie Indigo, Krapp, Gelbholz, Blauholz war rein empirisch. Es gab zwar einige recht dürftige Bücher der praktischen Färberei und man konnte auch Rezepte von den Färbern kaufen, aber in der Praxis pflegte das alles zu versagen, und die Leitung einer Indigoküpe galt geradezu als eine schwierige Kunst, die nur durch langjährige Übung erworben werden konnte.
Es war darum begreiflich, daß in der neu angelegten Färberei zu Wisskirchen, von der unser sonst so trefflicher Spinnmeister nichts verstand, viele Mißerfolge eintraten und nicht allein zu Verlusten, sondern auch zu ärgerlichen Verhandlungen mit den Kunden führten.
Mein Vater, der von jeher die Selbsthilfe hoch eingeschätzt hatte, fing deshalb eine kleine Versuchsfärberei in Euskirchen an, wo er die von verschiedenen Färbern gekauften Rezepte eigenhändig prüfte und es dabei an Variationen besonders im Beizen nicht fehlen ließ. Aber er spürte doch bei diesen Versuchen bald, wie hinderlich ihm der Mangel an chemischen Kenntnissen war, und er pflegte öfters zu sagen, wenn einer von uns Jungen Chemie studierte, so würden alle Schwierigkeiten spielend überwunden werden. Seine Achtung vor der Chemie steigerte sich noch, je mehr er mit der aufblühenden rheinischen Industrie, besonders der Fabrikation von Eisen und Zement in Berührung kam. Ich erwähne das ausdrücklich, da es die Wahl des Berufes sowohl bei mir, wie bei meinem Vetter Otto beeinflußt hat.
Die bisher besprochenen Geschäfte wurden alle mit den Mitteln und zugunsten der Firma »Gebrüder Fischer« geführt. Als aber die Unternehmungslust meines Vaters mit dem wachsenden Wohlstande sich steigerte, während die konservativer gestimmten beiden Onkel mit zunehmendem Alter jedes größere Risiko vermeiden wollten, blieb er zwar Mitglied der Firma, beteiligte sich aber an anderen Geschäften auf eigene Rechnung. So hat er zusammen mit Cölner Kaufleuten größere Landgüter, die wegen nachlässiger Wirtschaft der in Konkurs geratenen Besitzer öffentlich versteigert wurden, angekauft und in kleinen Teilen an die umliegenden Bauern wieder verkauft.
Die Zeit war damals für die Landwirtschaft am Rhein recht günstig, und die meisten Ankäufer konnten aus dem Verdienst in 9jährigen Terminen die Ankaufsumme für den neuerworbenen Acker bezahlen. Das geschah fast durchweg in barem Silbergeld, welches die Bauern persönlich brachten und das ganze Geschäft vollzog sich nicht in dem Kontor der Firma, sondern in unserm Wohnhause. Da mein Vater vielfach verreist war, so wurde es von meiner Mutter besorgt mit einer Pünktlichkeit in der Buchführung, die jedem Kontoristen Ehre gemacht haben würde.
In der Abschätzung von Grundstücken sowie im An- und Verkauf hatte mein Vater solche Übung erlangt, daß man mit vollem Vertrauen seinem Urteil glauben konnte. Er erkannte auch rechtzeitig die allgemeine wirtschaftliche Gefahr, die im Rheinland in den 70er Jahren der Landwirtschaft durch den Wettbewerb des überseeischen Getreides erwuchs. Er pflegte mit aufrichtigem Bedauern für die Bauern häufig zu sagen: »Mit der Landwirtschaft ist nichts mehr zu verdienen«, und er hielt schon damals einen staatlichen Schutz in Form von Getreidezöllen für nötig.
Seine Geschäftsinteressen wandten sich deshalb immer mehr der Industrie zu. An kleinen Unternehmungen in der Eifel, die auf die Gewinnung von Eisenerzen gerichtet waren, erlebte er wenig Freude. Dasselbe galt bezüglich des finanziellen Ergebnisses für eine Beteiligung an einer Zementfabrik in Obercassel bei Bonn. Sie war gegründet von Dr. Bleibtreu, einem ehemaligen Schüler von A. W. Hofmann in London. Er hatte in England die Herstellung von Portlandzement kennen gelernt und die erste derartige Fabrik in Deutschland bei Stettin ins Leben gerufen. Eine zweite Gründung war das Werk in Obercassel. Es würde wahrscheinlich ebenso wie die Stettiner Anlage guten Gewinn gebracht haben, wenn es nicht mit anderen unrentablen Unternehmungen verknüpft worden wäre. Damals war die Rente der Aktiengesellschaft »Bonner Bergwerks- und Hüttenverein« recht bescheiden, aber mein Vater hat selten eine Aufsichtsratssitzung in Bonn versäumt, da er dort immer mit einer Reihe guter Freunde aus Köln und Düsseldorf zusammentraf und man den oft ärgerlichen Geschäftssitzungen ein fröhliches Mahl im Gasthof Stern folgen ließ. Ich durfte daran zu meiner großen Freude öfters teilnehmen, als ich das Gymnasium in Bonn besuchte, und der Chemiker Dr. Bleibtreu, der nicht allein Zement machen konnte, sondern auch ein Meister im Ansetzen von Pfirsichbowlen war, hat mir bei solchen Gelegenheiten immer zugeredet, Chemiker zu werden.
Die markantesten Persönlichkeiten in diesem Aufsichtsrat waren der Freund meines Vaters, Albert Poensgen, Großindustrieller in Düsseldorf, und ein Herr Muehlens aus Cöln, Fabrikant von Eau de Cologne, ein hervorragender Spaßmacher.
An der Tafel, wo der Aufsichtsrat in Gesellschaft von zwei meiner Schwestern eines Tages Platz genommen hatte, speiste auch das studentische Corps Borussia, dem damals die beiden Söhne Bismarcks angehörten. Die Herren schienen keinen großen Hunger zu haben; denn sie begannen das Mahl mit Sekttrinken und zündeten dazu Zigarren an. Das war den alten rheinischen Herren denn doch zu burschikos, und mit weitschallender Stimme gab Herr Muehlens dem Oberkellner den Auftrag, er sollte den jungen Herren sagen, es sei hierzulande nicht Sitte, in Gesellschaft von Damen das Mahl mit Tabakrauchen zu beginnen. Der Kellner entledigte sich seines Auftrages. Das ganze Corps erhob sich sofort und schritt, dicke Tabakwolken verbreitend, aus dem Saal heraus. Herr Muehlens sah ihnen belustigt zu und begleitete den Durchzug mit den Worten »Sehr gut gemacht«. Auch mein Vater war geneigt, solche Verstöße gegen gute Sitten vor aller Öffentlichkeit zu rügen.
Ende der 60er Jahre hatte sich mein Vater mit einer erheblichen Summe an einem Geschäft beteiligt, das ihm zwar viel Sorge und Ärger, aber auch später sehr viel Freude bereitet hat. Es war die Gründung einer Brauerei in Dortmund. Die Anregung dazu ging aus von einem Ingenieur Heinrich Herbertz, der in Dortmund eine große Kokerei besaß und aus dem Aufblühen der anderen dortigen Brauereien den Schluß zog, daß hier noch ein gutes Geschäft zu machen sei. Er war verwandt und befreundet mit meinem Schwager Mauritz und dessen Bruder Heinrich.
Nachdem mein Vater die nötigen Erkundigungen eingezogen hatte, ging er auf den Vorschlag ein, und so entstand die Brauerei Herbertz & Co., an der mein Vater ursprünglich der meist beteiligte war. Sie war von Anfang an ein gutes Geschäft, denn das dort erzeugte Bier erfreute sich bald des besten Rufes und der Absatz stieg mit dem steigenden Wohlstand, besonders nach dem deutsch-französischen Krieg.
Leider wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt und hat dann infolge schlechter Leitung böse Zeiten durchgemacht. Seine Sanierung wurde nötig und mit dem völligen Wechsel der leitenden Persönlichkeiten trat auch bald wieder ein ordnungsmäßiger Betrieb und allmählich eine Rentabilität ein.
Die Aktien sind noch jetzt zum größeren Teil im Besitz der Familien Fischer und Mauritz, und das Unternehmen hat seit etwa 40 Jahren recht gute geschäftliche Erfolge gehabt.
Mein Vater war mehrere Jahrzehnte Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er hat auch lange Zeit den Einkauf von Hopfen für die Brauerei besorgt, und zur Zeit meines Aufenthalts in Erlangen bin ich mehrmals mit ihm auf dem Hopfenmarkt in Nürnberg gewesen. Mit großer Sicherheit wußte er aus rein empirischen Proben, wie Farbe, Geruch, Gefühl die sehr verschiedene Qualität des Hopfens abzuschätzen und jede Übervorteilung von seiten der Händler zu vermeiden.
Auch sonst war er für das Wohl der Brauerei in hohem Maße interessiert und tätig, besonders was den technischen Betrieb anging. Er pflegte immer zu sagen, »Vor allem muß das Erzeugnis gut sein«, und schon bei der Legung des Grundsteins hat er seine Wünsche für die Zukunft in einen hübschen Vers gekleidet, »Brau gutes Bier, das rat ich Dir«. Durch seine Vermittlung habe auch ich einige Gelegenheit gehabt, der Brauerei kleine Dienste zu leisten.
In den ersten Jahren meines Aufenthaltes zu München hatte ich zufällig von neuen Eismaschinen des Professor Linde und ihrer Verwendung in der Brauerei von Sedlmeier gehört. Ich erzählte dies bei einem Ferienbesuch meinem Vater, und er beauftragte mich sofort, genauere Erkundigungen einzuziehen. Diese fielen sehr günstig aus und wurden bestätigt durch die Firma Meister, Lucius & Brüning zu Höchst a. Main, welche die Lindesche Maschine in dem Betrieb für Azofarbstoffe verwendete. Die Folge davon war, daß die Dortmunder Brauerei sofort mit der von Linde gegründeten Gesellschaft in Verbindung trat und meines Wissens als erste norddeutsche Brauerei in den Besitz einer Lindeschen Maschine und später auch einer damit betriebenen sehr zweckmäßigen Kellerkühlung gelangte.
Wohl nicht minder wichtig war eine Belehrung, die ich dem Braumeister in bezug auf den Gärprozeß geben konnte.
Während des Wintersemesters 1876/77 hielt ich mich wieder in Straßburg auf und lernte dort durch Dr. Albert Fitz das Buch von Pasteur »Études sur la bière« kennen, das kurz vorher erschienen war. Der geniale Forscher hatte darin seine Erfahrungen über die Verunreinigung der Bierhefe durch andere Mikroorganismen und deren schädlichen Einfluß auf die Beschaffenheit des Bieres niedergelegt. Als ich davon meinem Vater berichtete, bat er mich dringend, die Materie gründlich zu studieren, und da diese mich auch wissenschaftlich interessierte, so erklärte ich mich gerne dazu bereit. Ein feines Mikroskop wurde sofort angeschafft und mit Hilfe von Dr. Fitz und dem Botaniker Prof. de Bary habe ich dann in Straßburg Studien über Schimmel-, Sproß- und Spaltpilze angestellt, die mir später bei den Zuckerarbeiten sehr zustatten gekommen sind. Zunächst mußte ich aber die neuen Kenntnisse praktisch verwerten. Darum bin ich mit meinem Mikroskop für einige Wochen nach Dortmund gezogen, um den Beamten der Brauerei die neuen Errungenschaften klar zu machen. Wahrscheinlich war ich der erste Chemiker in Deutschland, der diesen Versuch unternahm, und ich muß gestehen, daß ich bei den Männern der Praxis auf großes Mißtrauen stieß. Man bemühte sich auf alle mögliche Weise, mich irre zu führen, besonders mit falschen Angaben über den Ursprung und die Beschaffenheit der zu prüfenden Hefesorten.
Als ich aber mit Hilfe des Mikroskops ohne Mühe die verdorbenen Hefesorten herausfand, wurde man ernster. Es ist mir zwar nicht gelungen, einen der Männer zum richtigen Gebrauch des Mikroskops heranzubilden und dadurch eine dauernde Kontrolle der Hefe einzurichten. Aber meine Belehrung über die Art, wie gute Hefe und damit auch das Bier verdorben werden kann, fiel doch auf guten Boden. Z. B. befanden sich direkt neben dem Kühlschiff, wo die fertige Würze an offener Luft abgekühlt wurde, der Pferdestall und ein stattlicher Dunghaufen. Auf meine Vorstellung hin ist hier bald Wandel geschaffen worden. Auch die von mir als besonders wichtig gepredigte Sauberhaltung aller Gefäße, mit denen die kalte Würze und das Bier in Berührung kommen, hat dem verständigen Braumeister gefallen, weil sie mit seinen Erfahrungen in der Praxis wohl übereinstimmte.
Etwa 30 Jahre später bin ich bei einer Jubelfeier des Instituts für Gärungsgewerbe in Berlin zu dessen Ehrenmitglied ernannt worden, und der Leiter des Instituts, Professor Max Delbrück, hat bei dieser Gelegenheit die Wahl nicht allein durch meine chemischen Arbeiten motiviert, sondern auch scherzhaft auf meine Bemühungen in der Dortmunder Brauerei und das dadurch bekundete Interesse für das praktische Braugewerbe hingewiesen.
Was ich damals als Pasteur'sche Lehre zu verbreiten suchte, war inzwischen durch die Studien von Professor Ch. Hansen in Kopenhagen, der auch dem Jubelfeste beiwohnte und zum Ehrenmitglied des Instituts ernannt wurde, außerordentlich vervollkommnet worden und hatte für das Braugewerbe eine grundlegende Bedeutung erlangt.
Wie schon erwähnt, gehörte mein Vater zum Aufsichtsrat der Aktienbrauerei und hat viele Jahre das Amt des Vorsitzenden geführt. Auch andere Aktiengesellschaften, z. B. der Bonner Bergwerks- und Hüttenverein, das Röhren- und Eisenwalzwerk Poensgen in Düsseldorf, eine Glashütte in Stolberg, eine Röhrenkesselschmiede zu Kalk a. Rh. und die Versicherungsgesellschaft Concordia in Cöln wählten ihn in den Aufsichtsrat. Und wenn er wegen zunehmender Schwerhörigkeit irgendwo seinen Austritt erklären wollte, so pflegte man den verständigen und stets heiteren, originellen alten Herrn zur Beibehaltung des Amtes aufzufordern.
So kam es, daß er nach Überschreitung des 90ten Lebensjahres sich scherzhaft rühmen konnte, das älteste Aufsichtsratsmitglied in Preußen zu sein.
Wie die vorangehende Schilderung seiner geschäftlichen Unternehmungen zeigt, war mein Vater ein vielseitiger, kluger Kaufmann, der die Möglichkeiten des gewerblichen Lebens richtig abschätzte und selten ein schlechtes Geschäft begonnen hat.
Den Mangel der Schulbildung hat er später durch die Erfahrungen der Praxis auszugleichen gewußt. Er war kein rascher Denker, aber wenn er eine Angelegenheit, die seinem Ideenkreis nicht zu fern lag, durchstudiert hatte, so konnte man sicher sein, daß er sie völlig erfaßt und auch in den Konsequenzen durchschaut hatte.
Ich habe es mit erlebt, daß er Notaren Verträge oder Verkaufsbedingungen für öffentliche Auktionen diktierte, weil ihre eigenen Entwürfe nicht klar genug waren. Das letzte Beispiel dieser Art bot sein autographisches Testament, das durch dieselbe Klarheit der Form und der Gedanken ausgezeichnet war, wie alle seine Schriftstücke. Kurz vor seinem Tode war es auf seinen Wunsch durch einen Berliner Notar in ein amtliches Dokument umgewandelt worden. Als ich dann für die Erbteilung dieses Schriftstück meinen Schwägern vorlegte, erklärten sie einstimmig, »das hat Großpapa nicht verfaßt; denn so unklar hat er sich niemals ausgedrückt«. Die Verwirrung war durch die Bearbeitung des Notars und seine juristischen Redewendungen entstanden. Glücklicherweise konnte ich durch Vorlage des autographischen Testaments alle Zweifel über den Sinn des notariellen Schriftstückes beseitigen.
Mit der Klarheit des Geistes war bei ihm eine ungewöhnliche körperliche Rüstigkeit verbunden, die schon dem scharfen Auge seiner Mutter nicht entgangen war; denn wie er selbst gerne erzählte, hatte diese in einem Brief an ihre Schwester Conrads über den kleinen Lor berichtet: »Er scheint etwas dumm zu sein, aber es ist ein wahres Vergnügen, seinen kräftigen Körper anzuschauen«. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß er allen körperlichen Künsten zugetan war. Reiten, Tanzen, Turnen, Schießen waren ihm wohl vertraut und die Jagd hat er bis ins höchste Alter getrieben. Hand und Auge waren so leistungsfähig geblieben, daß er mir noch mit 93 Jahren einen selbstgeschossenen Hasen schicken konnte. Dazu kam eine große Heiterkeit des Gemütes, die auch durch herbe Verluste nur vorübergehend gestört werden konnte. Alltäglich Bewegung in frischer Luft und abends 1 bis 2 Stunden Geselligkeit im Gasthause oder Casino bei einem Glase Wein und einer Cigarre oder einer Pfeife Tabak waren ihm Bedürfnis. Und wenn er dann nach Hause kam, so war seine Fröhlichkeit geradezu ansteckend für den ganzen Familienkreis. Das Gelächter in unserem Hause war häufig so laut und anhaltend, daß Passanten auf der Straße erstaunt Halt machten.
Selbstverständlich übte er mit besonderer Freude eine freie Gastfreundschaft, und meine Mutter hatte manchmal Mühe, die plötzlich in großer Zahl herbeigeführten Gäste zu versorgen. Besonders hoch und lustig ging es her an Familienfesten, z. B. bei den Hochzeiten meiner Schwestern. Es sind ihrer nicht weniger als 7 in unserem Hause gefeiert worden, sechs bei meinen Schwestern, von denen eine zum zweiten Mal heiratete. Und als das einzige Töchterlein meines Onkels im Nachbarhause in die gleiche Lage kam, wurde nach alter Gewohnheit das Fest auch von meinem Vater in unserem Hause veranstaltet; nur mußte der Onkel, wie billig, die Kosten tragen. Bei solcher Gelegenheit ließ mein Vater alle Quellen seiner Fröhlichkeit springen. Obschon er keine besondere Rednergabe besaß, so erweckten doch seine Tischreden, die manchmal mit kleinen lustigen Versen geschmückt waren, stets großen Jubel.
Sein rheinischer Humor und seine Freude an Späßen führten ihn auch ziemlich regelmäßig zur Karnevalsfeier nach Cöln. In hohem Alter hat er einmal zu solcher Gelegenheit eine große Gesellschaft von Verwandten und Freunden in ein Gasthaus zu Cöln eingeladen. Niemand wußte, zu welchem Zwecke, bis der Gastgeber in seiner Tischrede das Rätsel löste. »Alle Welt feiert jetzt Jubiläen«, so begann er, »Drum habe auch ich geglaubt, eine solche Feier veranstalten zu müssen; denn heute ist es das fünfzigste Mal, daß ich an dem Cölner Karneval teilnehme«. Man kann sich denken, welche Stimmung bei diesem Feste geherrscht hat.
Noch charakteristischer und für Nichtrheinländer schwer verständlich war ein karnevalistischer Einfall, den er bald nach dem Tode seines von ihm sehr verehrten Bruders Otto, des Arztes in Köln verwirklichte. Obschon er damals fast 80 Jahre alt war, glaubte er doch dem Fasching nicht ganz entsagen zu dürfen. Er ging deshalb auf den Maskenball, aber zum Zeichen der Trauer in der Maske eines Mohren. Diese beschränkte sich allerdings auf die Schwärzung des Gesichts, die mit einem angebrannten Korken hergestellt war.
Unvermeidliche Dinge, wie den Tod seiner vier Geschwister, mit denen er in treuester und stets hilfsbereiter Freundschaft gelebt hatte, und die alle erst im hohen Alter starben, überwand er sehr leicht. Viel schwerer hat ihn der Tod meiner Mutter getroffen, mit der er 46 Jahre in glücklicher Ehe verbunden war und die er 20 Jahre überlebte. Nach ihrem Tode hat er noch 10 Jahre in Euskirchen verbracht, dann wurde er plötzlich auf eine eigentümliche Art veranlaßt, nach 57-jährigem Aufenthalt diesen Wohnsitz aufzugeben.
Im Jahre 1892 war für die preußische Einkommensteuer die obligatorische Selbstangabe des Einkommens eingeführt worden. Im Kreise Euskirchen stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß mein Vater das höchste Einkommen im Kreise besaß, was man nach seiner einfachen Lebensweise nicht erwartet hatte.
Die erhöhte Einkommensteuer kam bei der in Preußen üblichen Veranlagung auch der Gemeinde zugute und der Prozentsatz, in welchem die Gemeindesteuer bis dahin erhoben wurde, hätte vernünftigerweise ermäßigt werden müssen. Das hatte auch mein Vater angeregt; aber statt dessen wurde nur die Gewerbesteuer herabgesetzt. Als mein Vater das als ungerecht bezeichnete und die Möglichkeit andeutete, daß vermögende Leute, die kein Gewerbe mehr betrieben, bei der nunmehr recht hohen Gemeindesteuer die Stadt verlassen könnten, entgegnete man ihm spöttisch: Ein Mann wie er, der im Alter von 84 Jahren stehe, würde sich nicht mehr zu einem Wechsel des Wohnsitzes entschließen können. Dieser Appell an seine Altersschwäche ärgerte ihn, und um den Leuten das Gegenteil zu beweisen, entschloß er sich sofort, Euskirchen zu verlassen. Ohne einem seiner Kinder ein Wort davon zu sagen, löste er den Haushalt auf und verließ die Stadt und Preußen und zog im Sommer 1892 nach Straßburg i. Els. Kurz vorher machte er bei mir noch einen Besuch in Würzburg, wovon später die Rede sein wird. Es war aber damals schon zu spät, seinen Entschluß zu ändern.
Der endgültige Umzug ist in den einfachsten Formen erfolgt. Ein Verwandter traf den alten Herrn zu Cöln am Bahnhof, im primitivsten Anzug, die Jagdflinte auf dem Rücken, den Hund an der Strippe und in der anderen Hand einen bescheidenen Handkoffer. Auf die Frage: »Nun, Herr Fischer, wo geht's hin?« erfolgte die knappe Antwort: »Domizilveränderung nach Straßburg«. Hier wohnte er zuerst im Gasthaus und später bei meinem Vetter Ernst Fischer, dem außerordentlichen Professor der Chirurgie, der in seinem geräumigen alten Hause in der Küfergasse eine Privatklinik eingerichtet hatte und dessen Frau aus einer elsässischen Bauernfamilie einen einfachen aber guten Haushalt führte.
Mein Vater hat hier rasch einen ihm zusagenden Bekanntenkreis gefunden, besonders unter den Jägern. Nach wenigen Monaten war er an einer Jagd beteiligt und hatte, wie er lachend erzählte, auch schon einen Prozeß, den er richtig gewann. In späteren Zeiten hatte er Fühlung mit den Offizieren der Garnison und wurde zu deren Treibjagden eingeladen. Wegen seines hohen Alters erhielt er dann den Ehrenplatz neben dem Höchstkommandierenden, und es machte ihm großen Spaß, diesem die Hasen fortzuschießen, was die jüngeren Offiziere sich nicht erlauben durften. Den Verkehr mit Offizieren war er übrigens gewohnt, da in der Umgebung von Euskirchen sehr oft im Herbst militärische Übungen stattfanden. Zweimal wurde sogar das Kaisermanöver dort abgehalten und dann waren immer hohe Offiziere in unserem Hause einquartiert. Auch an Hirsch- und Saujagden in den Vogesen hat er sich beteiligt.
Häufige Reisen führten ihn von Straßburg nach dem Niederrhein und auch nach Berlin, um geschäftliche Dinge, besonders die Teilnahme an den Aufsichtsratssitzungen zu erledigen.
Als er 90 Jahre alt wurde, entschloß er sich zur Rückkehr nach Preußen. Aber bezüglich der Steuern hatte er sich inzwischen feste Grundsätze zurechtgelegt, die nicht ganz leicht zu verwirklichen waren. Die Staatssteuer, so hörte man ihn öfters sagen, wolle er gerne bezahlen, weil der Schutz des Staates für jedermann unentbehrlich sei. Dagegen die Gemeinde habe er nicht mehr nötig und er sehe nicht ein, daß er für diese viel bezahlen solle. Er wolle deshalb den Wohnsitz in einer Gemeinde wählen, die durch niedere Steuern ausgezeichnet sei. So kam er zuerst im Sommer 1898 zu mir nach Wannsee bei Berlin, wo damals nur 40% Zuschlag zur Staatssteuer erhoben wurden. Als er aber aus der ersten Steuerrechnung ersah, daß noch 30% Kreissteuer dazukamen, meldete er sofort seinen Wegzug an.
Die nächste Wahl fiel auf einen kleinen Ort im Harz, wo sein ältester Enkel Heinrich Mauritz als königl. Bergbeamter tätig war.
Der Zuzug des wohlhabenden Mitbürgers erschien nun den anderen Gemeindeangehörigen als eine günstige Gelegenheit, alle möglichen neuen Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen, und die Steuern gingen im folgenden Jahre erstaunlich in die Höhe. Sofort war der alte Herr wieder verschwunden und jetzt fand er einen Wohnsitz in Griethausen, einem Dorfe in der Nähe von Cleve, wo man auf die Ausbeutung des Zugvogels verzichtete. Er mietete sich ein Zimmer bei dem Gemeindediener und behielt das Domizil bis zu seinem Tode, obschon er kaum 24 Stunden sich dort aufgehalten hatte.
Statt dessen wohnte er abwechselnd bei seinen Kindern oder Schwiegersöhnen oder Enkeln in Rheydt, Uerdingen, Berlin oder Herdt bezw. Dortmund, durfte aber nirgends länger bleiben als 89 Tage, weil er sonst nach dem Gesetz zur Zahlung von Gemeindesteuern verpflichtet gewesen wäre. Den übrigen Teil des Jahres, namentlich die Sommermonate verbrachte er auf Reisen und machte dabei noch alle möglichen Bekanntschaften. So schrieb er mir eines Tages, daß er in einem Gasthaus zu Heidelberg Robert Bunsen zufällig getroffen und sich ihm als Vater eines Chemikers vorgestellt habe. Dieser sei zwar jünger, aber noch schwerhöriger wie er selbst. Trotzdem habe sich ein langes und interessantes Gespräch zwischen ihnen entwickelt.
Im Winter 1900/01 hat er zum letzten Mal an der Jagd teilgenommen, weil das früher so gute Auge versagte. Das kam von einer leichten Trübung der Linse, während der Sehnerv noch ganz intakt geblieben war. Im übrigen erfreute er sich im Frühjahr 1902 noch voller Gesundheit, wenn man von der Schwerhörigkeit absehen will. Er hat damals noch in Frack und weißer Binde einer Abendgesellschaft in meinem Hause beigewohnt. Als aber die üblichen 89 Tage vorüber waren, zog er mit der gewohnten Pünktlichkeit nach Rheydt zu seinem Schwiegersohn Arthur Dilthey. Hier soll er bei häufigem Verweilen in den Gasthäusern, besonders in jugendlicher Gesellschaft dem Bier- und Weingenuß über das Maß der Zuträglichkeit gehuldigt haben. Dem war das alte Herz nicht mehr gewachsen und das erste Zeichen seiner Insuffizienz gab sich kund in der Schwellung der Beine. Die Mahnung des Arztes, seine Lebensweise zu ändern und den Genuß alkoholischer Getränke zu vermeiden, beantwortete er mit der Frage: »Wieviel Leute in meinem Alter haben Sie schon behandelt?« Er blieb also bei seinen Gewohnheiten. Die Wassersucht wurde im Laufe des Sommers schlimmer, ohne ihn aber stark zu belästigen, und Anfangs Oktober kam er in Begleitung seines Enkels Alfred Dilthey als schwer kranker Mann zu mir nach Berlin. Ohne besonders zu leiden ist er hier am 16. Oktober 1902, 18 Tage vor seinem 95. Geburtstage sanft verschieden.
Einen Tag vor seinem Tode hat er nochmals das Bett verlassen, und 5 bis 6 Stunden auf die Vervollständigung seines Hauptbuches, das er stets auf Reisen mit sich führte, verwendet. Die spätere Prüfung des Buches ergab nur einen einzigen Fehler, der an diesem letzten Tage begangen war.
An seinem Todestage hat er in einem Gespräch mit mir die Bilanz seines Lebens gezogen und sich sehr befriedigt darüber geäußert. Eine Stunde vor seinem Tode trank er noch ein großes Glas Bier, offenbar mit Genuß; denn seine letzten Worte waren: »Es ist ein Glück, daß der gemeine Mann für billig Geld einen so guten Trank haben kann«. Er starb, wie er gelebt hatte, als vollkommener Atheist, aber in treuer Anhänglichkeit an Frau und Kinder, an die weitere Familie und an zahlreiche Freunde. Politisch war er früher rheinischer Fortschrittsmann, später nationalliberal und immer in scharfer Opposition zur ultramontanen Partei.
Obschon ganz im kapitalistischen Zeitalter groß geworden, hatte er doch Sinn und Verständnis für die soziale Bewegung der Neuzeit. Vom sozialistischen Zukunftsstaat wollte er gar nichts wissen, aber von den Bestrebungen der Arbeiter pflegte er zu sagen: »Die Leutchen haben ganz recht, wenn sie versuchen, ihre Lage zu verbessern«. In der großen Öffentlichkeit ist er weder als Redner noch als Schriftsteller hervorgetreten. Dagegen hat er als langjähriger Stadtverordneter und als Mitglied mancher Kommissionen an der Verwaltung von Gemeinde und Kreis teilgenommen, und wenn es sich darum handelte, allgemein wirtschaftliche Zwecke, wie den Bau von Eisenbahnen in der dortigen Gegend zu fördern, so war er gewöhnlich Mitglied der Abordnungen, die nach Cöln oder Berlin zur Verhandlung mit der königl. Regierung geschickt wurden.
Trotz seiner Tatkraft in allen geschäftlichen Dingen war er von Charakter gutmütig und huldigte dem Grundsatz: »Leben und leben lassen«. Gegen Frau und Kinder war er nicht allein sehr gütig, sondern auch rücksichtsvoll und überließ die strenge Seite der Erziehung ganz der Mutter. Meine Schwestern konnten mit einigen Schmeichelworten fast alles von ihm erreichen. Nur in ernsten Dingen, z. B. in der Wahl des Gatten, mahnte er dauernd zur Vorsicht und Vernunft, und phantastischen Heiratsplänen wäre er sicherlich mit großer Entschiedenheit entgegengetreten. Er hat dann auch wirklich das Glück gehabt, mit allen Schwiegersöhnen sehr zufrieden sein zu können.
Ich selbst erinnere mich nicht, von ihm gestraft worden zu sein. Ja, ich habe kaum ein böses Wort von ihm gehört. Zwar hat er öfters sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich kein Interesse an kaufmännischen Dingen und dem Erwerb von materiellen Gütern besitze, aber er ließ mich doch ruhig meinen Weg gehen und sprach nur Anderen gegenüber mit Bedauern darüber, daß der Sohn die Kunst des kaufmännischen Rechnens nicht besitze. Leider hat er es nicht mehr erlebt, daß dieser unpraktische Gelehrte den Nobelpreis für Chemie erhielt, und sich später durch einige kleine Erfindungen Jahreseinkünfte verschaffte, wie er selbst sie niemals gehabt hat.
Wesentlich verschieden von dem Vater war trotz der sehr glücklichen Ehe in Charakter, Anschauungen und Neigungen meine Mutter. Sie stammte aus der zweiten Ehe des Eisenfabrikanten Johann Abraham Poensgen in Schleiden (Eifel) mit Wilhelmine Fomm und war am 19. Februar 1819 geboren. Wie ich einer recht gut geschriebenen und im Druck erschienenen Geschichte der Familie Poensgen entnahm, haben meine Vorfahren mütterlicherseits Jahrhunderte lang als Erzeuger von Eisen und Eisenwaren im Schleidener Tal gewirkt und vielleicht habe ich von ihrer Seite die Freude an chemischen und technischen Prozessen geerbt. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß ich jetzt im Alter durch die Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften mit der Kohlen- und Eisenindustrie wieder in nähere Berührung gekommen und in jüngster Zeit sogar Kuratoriumsmitglied des großartig geplanten Kaiser Wilhelm Instituts für Eisenforschung geworden bin.
Da meine Großmutter nach dem Tode des ersten Mannes den Arzt Dr. Fuß zu Gemuend im Schleidener Tal heiratete, so hat meine Mutter dort den größten Teil ihrer Jugend verlebt. Zur Vollendung ihrer Ausbildung kam sie mit etwa 16 Jahren in die Erziehungsanstalt der Herrnhutergemeinde in Neuwied a. Rhein und daher stammte wohl die tiefe religiöse Überzeugung, der sie während ihres ganzen Lebens treu blieb.
Sie war sehr klug und wissensdurstig und von dem vielen Lesen hatte sie schon in der Jugend eine ziemlich starke Myopie erworben, die ich von allen ihren Kindern allein geerbt habe. Sie wäre heutzutage wahrscheinlich eine gelehrte Frau geworden, aber das Frauenstudium war zu ihrer Zeit noch nicht üblich. Da sie schon mit 18 Jahren heiratete und in den nächsten 15 Jahren 8 Kinder zur Welt brachte, so war ihre Zeit durch andere Pflichten ausgefüllt. Sie wurde eine tüchtige Hausfrau und half meinem Vater auch in geschäftlichen Dingen. Sie wußte sich überall in Respekt zu setzen und niemand von den Kindern oder dem Dienstpersonal hätte es gewagt, ihre Anordnungen zu mißachten. Sie war ernster wie mein Vater, konnte aber doch recht herzlich über seine Späße lachen. Nur wo sie rohen oder gemeinen Äußerungen begegnete, gab sie ihrer Entrüstung so deutlichen Ausdruck, daß jedermann in ihrer Gegenwart gezwungen war, sich anständig zu benehmen. Bei alledem war sie eine liebevolle Mutter, voller Fürsorge für ihre Kinder und später auch für deren Familien.
In ihrer tiefen Religiosität ließ sie sich durch den Unglauben meines Vaters und seinen gelegentlichen Spott über Kirche und Pfaffen nicht irre machen.
Ebenso selbständig waren ihre politischen Anschauungen, und als eifrige Protestantin verehrte sie Preußen als die Vormacht des evangelischen Glaubens in Deutschland.
Als unter der Ministerpräsidentenschaft Otto von Bismarcks der böse Konflikt zwischen der preußischen Regierung und dem Abgeordnetenhause im Jahre 1863/64 tobte, und fast alle Rheinländer, unter ihnen auch mein Vater, zur Oppositionspartei gehörten, war sie ganz auf Seiten Bismarcks: »Jetzt hat Preußen wieder einen Minister, der seiner würdig ist und ihr seid viel zu dumm, diesen Mann zu begreifen«. So sprach sie wohl zu ihren Kindern und auch meinem Vater machte sie in ihren politischen Urteilen so lebhafte Opposition, daß er sie scherzhaft »Frau Bismarck« nannte.
Dabei war sie eine recht hübsche Frau, besonders ausgezeichnet durch das üppige tiefschwarze Haar und durch die großen klugblickenden Augen. Als einziger Sohn habe ich mich besonders ihrer Liebe und Fürsorge erfreut. Sie hat auch stets meine Neigung zu wissenschaftlichen Studien gefördert, nur von der Wahl der Chemie als Berufsstudium war sie enttäuscht, weil ihr das zu sehr nach Apotheke schmeckte. Sie hätte es viel lieber gesehen, daß ich Jurist oder Mediziner geworden wäre.
Im allgemeinen erfreute sie sich einer guten Gesundheit, und noch mit 59 Jahren reiste sie nach Meran, um meiner dort zur Kur weilenden kranken Schwester Mathilde während des Winters Gesellschaft zu leisten. Von München aus habe ich sie damals während der Weihnachtsfeiertage besucht. Die Fahrt machte ich in Gesellschaft meines Freundes Dr. Tappeiner, dessen Vater in Meran der bekannteste Arzt war.
Als wir von Bozen in einem besonderen Mietwagen abends nach Meran fuhren, war die Kälte so groß, daß wir uns recht unbehaglich fühlten, und bei unserer Ankunft in Meran war die Temperatur unter 12° gesunken. Ich habe damals meine optimistische Ansicht über das warme Klima der südlichen Alpenorte geändert und bei mancher anderen Fahrt nach dem Süden dieses Urteil bestätigt gefunden. In Meran war der Berg hinter der Stadt so mit Eis inkrustiert, daß man mit gewöhnlichen Schuhen kaum auf die Höhe steigen konnte. In dem Gasthause »Erzherzog Johann« fand ich das Wasser in der Waschschüssel am nächsten Morgen gefroren. Für die Kranken wurde allerdings durch fortwährende Ofenheizung besser gesorgt.
Von Meran kehrte meine Mutter Mitte Februar nach Deutschland zurück, um ihren 60. Geburtstag zuhause zu feiern. Sie besuchte mich noch in München und freute sich, einige meiner Freunde als ihre Gäste im Hotel »Bayrischer Hof« kennen zu lernen.
Aber diese lange Reise bei damals noch recht ungenügender Heizung der Eisenbahnen und selbstverständlich ohne Schlafwagen trug ihr einen heftigen Bronchialkatarrh ein. Die dadurch erschwerte Zirkulation in Verbindung mit den seelischen Sorgen um das Schicksal meiner Schwester haben wahrscheinlich bei ihr eine Herzkrankheit ausgelöst, die im Frühjahr 1879 begann und nach 3½jährigem, recht schweren Leiden am 14. September 1882 den Tod herbeiführte. Sie starb in Uerdingen im Hause meines Schwagers Mauritz unter der sorgfältigen Pflege meiner Schwester Bertha. Sie ist ebenso wie mein Vater beerdigt auf dem kleinen protestantischen Friedhof zu Uerdingen in der Familiengruft Mauritz-Fischer. Der Friedhof lag früher ganz hübsch auf freiem Felde, ist aber jetzt leider infolge der raschen industriellen Entwicklung des Ortes von hohen und unschönen Gebäuden umgeben.
Von meinen Schwestern ist schon vorher wiederholt die Rede gewesen. Die kleine Abneigung, die der Bruder bei der Abwehr ihrer Erziehungskünste früher manchmal empfunden hatte, war im Laufe der Zeit ins gerade Gegenteil umgeschlagen, und ein wirklich freundschaftliches Verhältnis hat mich dann sowohl mit meinen Schwestern, wie auch mit ihren Männern verbunden.
Die älteste Schwester Laura habe ich als Mädchen wenig gekannt, da sie bereits im Jahre 1858 einen jungen Kaufmann, Friedrich Mauritz aus Uerdingen a. Rhein heiratete. Infolgedessen wurde mir schon mit 7 Jahren die Würde eines Onkels zuteil, was mir von seiten der Altersgenossen manchen Spott eingetragen hat.
Durch diese Heirat wurde zwischen den Familien Fischer und Mauritz eine Verbindung geschaffen, die sich im Laufe der Zeit erweiterte und vertiefte. Mein Schwager war ein prächtiger, frischer Mann, tüchtig in seinem Geschäft, einem Kohlenhandel, und mein Vater ist zu ihm in ein besonders herzliches Verhältnis getreten. Er liebte es, im Alter monatelang im Hause des Schwiegersohnes zu wohnen, hatte mit ihm mancherlei Geschäfte, z. B. die Brauerei in Dortmund begonnen, ging gerne zusammen mit ihm auf Reisen und hat sich oft dahin geäußert, der Fritz sei ihm so lieb wie sein eigener Sohn.
Ich selbst habe bei dem Schwager als Knabe in den Schulferien mich öfters aufgehalten und in der mir neuen Umgebung des mächtigen Stromes, des eigentümlichen Geschäftsbetriebes und der weit verzweigten und kinderreichen Familie Mauritz viel Unterhaltung und Freude erlebt. Leider starb meine Schwester Laura, eine gesunde und kräftige Frau, bald nach der Geburt des dritten Kindes Alfred, der jetzt als Direktor der Aktienbrauerei, als Stadtverordneter und auch sonst in der Öffentlichkeit vielfach tätiger Mann in Dortmund eine sehr angesehene Stellung hat. Sie scheint das Opfer einer Infektion gewesen zu sein, über deren Natur ich aber keine bestimmte Auskunft erhalten konnte. Fünf Jahre später, mitten im Kriege 1870 heiratete der Witwer meine dritte Schwester Bertha, die dem Gatten auch drei Söhne schenkte. Sie starb leider auch früh an einer Lungenentzündung 1888. Mein Schwager Fritz ist ihr etwa 10 Jahre später im Tode gefolgt, was für meinen Vater im hohen Alter ein besonders schmerzlicher Verlust war.
Von seinen 6 Kindern sind nur noch 2 übrig geblieben, der eben erwähnte Brauereidirektor und aus der zweiten Ehe der Sohn Otto, der in Nürnberg als Ingenieur in einer großen Maschinenfabrik tätig ist.
Meine zweite Schwester Emma hat ebenfalls ziemlich früh geheiratet und zwar einen Arzt Dr. Albert Winnertz in Krefeld, den sie durch meinen Schwager Mauritz kennen lernte.
Der Doktor war ein sehr kluger und liebenswürdiger Mensch, aber leider krank und starb schon nach 3½jähriger Ehe an Tuberkulose. Die junge Witwe kehrte dann mit 2 Kindern, Hedwig und Clara, ins Elternhaus nach Euskirchen zurück, und blieb dort fast 10 Jahre. Das ist der Grund, warum ich sie am besten von allen meinen Schwestern kennen gelernt habe und ihr besonders nahe getreten bin. Sie war hübsch, liebenswürdig und sehr gewandt, sodaß mein Vater sie immer Salondame nannte. Sie spielte recht gut Klavier. Ich erinnere mich manchen Abends, wo ich stundenlang ihrem Spiel zuhörte, weil sie meist klassische Sachen auf einem guten Piano vortrug. Ich glaube, daß ihr Spiel mich hauptsächlich bewogen hat, ebenfalls Musik zu treiben. Im Jahre 1872 entschloß sie sich nach langem Zögern, eine zweite Ehe mit meinem Vetter Carl Fischer einzugehen, der in treuer Geduld um sie geworben hatte. So kam sie nach Rheydt, wo schon zwei andere Schwestern von ihr verheiratet waren. Ich habe sie dort öfter besucht und sie kam wiederholt nach Würzburg und Berlin. Auch sind wir in späteren Jahren häufig zusammen gereist. Sie trieb ihre Freundschaft für den Bruder manchmal so weit, daß ihr Gatte eifersüchtig wurde und sich über Zurücksetzung beklagte. Sie starb im Jahre 1901 am Typhus in Nassau, und mein Schwager Carl überlebte sie um 14 Jahre. Sie hatte den Schmerz, drei Söhne im jugendlichen Alter zu verlieren. Die vier Töchter, zwei Winnertz und zwei Fischer, haben sämtlich geheiratet und sind mir liebe Nichten geblieben.
Meine dritte Schwester Berta war eine recht originelle Person, im Grunde ihres Herzens sehr gutmütig, aber als Mädchen voller Launen, gegen die Männer häufig recht unliebenswürdig, aber sehr tüchtig. Nachdem sie im Alter von 29 Jahren meinen Schwager Mauritz geheiratet hatte, wurde sie in Uerdingen wegen ihrer ungewöhnlichen Kunst im Kochen und der Erziehung von Dienstboten, sowie wegen der Originalität ihres Wesens eine bekannte Frau. Besonders jungen Leuten, z. B. den Söhnen aus erster Ehe und deren Freunden war sie eine richtige Kameradin, mit denen sie Karten spielte, Wein trank und Ausflüge machte, fast wie ein Student. Ihr leider so früher Tod ist schon erwähnt.
Die vierte Schwester Fanny war von kräftigem Körperbau, aber wenig schön von Gesicht. Sie zeichnete sich in der Jugend durch Vorliebe für Turnen, Tanzen und sogar Pistolenschießen aus. Sie zog als Gattin des Holzhändlers Max Friedrichs im Jahre 1865 nach Rheydt, und ist hier im Jahre 1912 im Alter von 70 Jahren gestorben. Sie war klug und als Schülerin ebenso tüchtig, wie später als Hausfrau. Wie schon erwähnt, konnte sie mit den bei Herrn Vierkötter erworbenen mathematischen Kenntnissen noch im Alter eine Kubikwurzel ausziehen. Auch als Dichterin besaß sie in der Verwandtschaft einen gewissen Ruf. Hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele, um die sie von manchen Seiten gebeten wurde, konnte sie in unglaublich kurzer Zeit verfassen. Von ihren Kindern leben noch zwei Söhne, Ernst und Max, die das vom Vater ererbte bedeutende Holzgeschäft weiterführen, und zwei Töchter, Helene und Adele, die auswärts verheiratet sind. Vom Schwager Max Friedrichs wird später noch ausführlich die Rede sein.
Die jüngste Schwester Mathilde war nur 4 Jahre älter wie ich und hat mir deshalb in der frühen Jugend am nächsten gestanden. Sie war ein liebes, sehr gutmütiges, recht hübsches Mädchen, geistig nicht besonders begabt, aber liebenswürdig und deshalb überall gerne gesehen. Ihr Wesen hat ihr manche Huldigung von seiten der Offiziere eingebracht, die während der Manöver oder während des Krieges 70/71 bei uns im Quartier lagen, aber sie zog es doch vor, beim Zivil zu bleiben und heiratete meinen Vetter Arthur Dilthey in Rheydt. Nach der Geburt des dritten Kindes erkrankte sie und starb im Herbst 1879 in Rheydt nach einer vergeblichen Kur in Meran. Es war nicht allein für meinen Schwager, dem sie zwei Söhne und eine Tochter hinterließ, sondern auch für meine Eltern und ganz besonders für meine Mutter ein schwerer Schlag, der sehr ungünstig auf ihren eigenen Gesundheitszustand zurückwirkte.
Ich habe dieser lieben »Tilla« ein dankbares und warmes Gedenken bewahrt. 5 Jahre später ging mein Schwager eine zweite Ehe ein mit Frieda Weuste, und diese hat es verstanden, den drei Kindern eine wirkliche zweite Mutter zu sein. Das Ehepaar Arthur Dilthey lebt jetzt noch in voller Rüstigkeit in Bonn. Von den drei Kindern ist leider der Jüngste Alfred als Opfer des unseligen Krieges 1915 in Rußland gefallen. Von meinem Schwager Arthur, mit dem mich dauernde Freundschaft verbunden hat, wird später die Rede sein.
Fast ebenso nahe wie die Schwestern standen mir in früher Jugend die Vettern und die Kusine im Nebenhause. Der Älteste, Heinrich Fischer, 5 Jahre älter wie ich, der als einziger Vertreter der Familie in Euskirchen zurückgeblieben ist, war als Junge geneigt, sich von dem übrigen Kreise etwas abzusondern. Er ist unverheiratet geblieben und hat mehr und mehr die Gewohnheiten eines Originals angenommen.
Er wohnt jetzt in unserem früheren Hause und betreibt mehr zu seinem Vergnügen das alte Spinnereigeschäft, aber in beschränktem Umfange.
Von den Vettern Ernst und dem Jüngsten Otto Fischer werde ich später noch Manches zu berichten haben.
Vetter Lorenz ist früher schon wegen seiner hervorragenden Eigenschaften als Jäger und Krieger erwähnt worden. In der Schule war er weniger tüchtig, und infolge unvernünftiger Lebensführung ist er im Alter von 35 Jahren an Tuberkulose gestorben. Sein jüngerer Bruder Hermann war ebenfalls für körperliche Leistungen besser veranlagt als für geistige Tätigkeit. Er war ein sehr hübscher Mann, guter Turner und Reiter und übersiedelte bald nach dem Tode seines Vaters nach Cöln. Er wurde der Stammvater einer kriegerischen Familie; denn seine beiden Söhne Kurt und Walter sind Berufsoffiziere geworden und seine durch Schönheit ausgezeichneten Töchter sind beide glücklich verheiratet und wohnen in Groß-Berlin.
Auch die drei Söhne meines Onkels in Flamersheim kamen bei der geringen Entfernung von Euskirchen durch häufige wechselseitige Besuche vielfach mit uns in Berührung. Die beiden ältesten Karl und August wurden Kaufleute und haben später ein Geschäft in Baumwollgarn in Rheydt geführt. Dort sind sie auch beide gestorben. Wie schon erwähnt, wurde Karl der zweite Gatte meiner Schwester Emma. Er war trotz ziemlich dürftiger Schulbildung ein kluger und geschäftsgewandter Mann, den man gern in praktischen Dingen um Rat frug und mit dem ich häufig einen Teil der Osterferien in Territet am Genfer See verbrachte.
Der zweite Sohn August war körperlich ungewöhnlich stark, ein trefflicher Jäger und ein gutmütiger, zur Heiterkeit hinneigender Gesellschafter. In geschäftlichen Dingen folgte er gern der größeren Autorität seines Bruders Karl.
Ganz anders als die Brüder war der jüngste Flamersheimer Vetter Julius, ein sehr gescheidter und kritischer Kopf, der am meisten die geistige Regsamkeit und die Originalität seines Vaters geerbt hatte. Er wurde Jurist, schlug die Richterlaufbahn ein und starb verhältnismäßig früh an vernachläßigtem Diabetes in Cöln, wo er Richter beim Oberlandsgericht war. In seinem früheren Aufenthaltsort Cleve hat er sich verheiratet. Aus der Ehe stammt ein Sohn, der die Tochter eines Großschafzüchters in Australien heiratete und dort eine neue Heimat gefunden hat. Ich hoffe, daß er durch Naturalisation und durch den Schutz des Schwiegervaters den Unbilden entgangen ist, die unsere Landsleute während des Krieges in den englischen Kolonien erdulden müssen. Die einzige Tochter hat einen Hans von Eicken aus Hamburg geheiratet, den Sohn meiner Kusine Helene geb. Fischer aus Köln.
Der Vetter Julius besaß nicht allein Begabung für geistige Arbeit, sondern hatte auch das besondere Talent, Erkundigungen einzuziehen. Schon als Junge wußte er alles, was sich in der näheren und weiteren Umgebung zutrug. Auch geschäftliche Dinge interessierten ihn. Man konnte kaum etwas Komischeres hören, als wie eine Unterhaltung zwischen ihm und seinem Vater, der von den Gaben des Sohnes sehr hoch dachte und im vertraulichen Kreise nicht selten die Äußerung tat, »der »Jul« wird noch Minister«. Im Alter hatte sich der Erwerbs- und Sparsinn des Vaters bis ins Groteske hinein gesteigert, und er würde direkt materiellen Mangel gelitten haben, wenn nicht der Sohn Julius zusammen mit seinen Brüdern im geheimen die Hauptkosten des Haushaltes getragen hätten. Charakteristisch ist folgende Geschichte. Eines Tages vermißte der Vater auf seinem kleinen Kontor die Hälfte eines Hunderttalerscheines, und er kam auf den Verdacht, daß ein kleiner Hund, der Liebling vom Sohn Julius, diese Hälfte gefressen habe. Er entschloß sich sofort, das Tier aufschneiden zu lassen und hatte schon einen Operateur bestellt, als Julius von der Gefahr für seinen Liebling Kenntnis erhielt. Es gelang ihm auch, den Vater zu beruhigen, indem er ihm den Hund für 100 Taler abkaufte. Das Geschäft konnte glücklicherweise bald nachher rückgängig gemacht werden, da sich die zweite Hälfte des unglücklichen Hunderttalerscheines wieder vorfand.
Ich bin dem Vetter Julius in meiner Bonner Studienzeit näher getreten. Er war damals Assessor beim Landgericht, und wir haben hier und da im Rheinischen Hof eine gute Flasche Wein zusammen getrunken. Ich mußte immer sein besonderes Talent bewundern, eine Sache, die an und für sich ganz klar schien, von einer anderen Seite zu betrachten, und Möglichkeiten zu entwickeln, an die ein Laienverstand gar nicht denken konnte. Diese Art, die Welt in einem besonderen Spiegel anzusehen, war für mich sehr anziehend, so daß ich nach dem Doktorexamen im Herbst 1874 den Vetter zu einer Reise nach der Schweiz aufforderte. Obschon zum Reisen wenig aufgelegt, ging er darauf ein, und ich habe selten so viel gelacht, wie auf dieser Tour. Schon bei der Abreise ließen ihn die landschaftlichen Schönheiten des Oberrheintals, die lieblichen Bergzüge des Odenwaldes und Schwarzwaldes ziemlich gleichgültig. Dagegen kontrollierte er aufs Genaueste den fahrplanmäßigen Gang des Zuges und registrierte jede Minute Verspätung. Zu dem Zweck hatte er gleich nach Besteigung des Zuges Krawatte, Hemdenkragen und Rock ausgezogen und dafür einen Regenmantel angelegt. Das sei die beste Methode, um sich gegen den Staub und Schmutz zu schützen, den er für ungesund und unästhetisch hielt. In Basel machten wir zuerst Station. Die Stadt und die Bewohner interessierten ihn lebhaft, aber aus den Sehenswürdigkeiten und der Landschaft machte er sich nicht viel. Er proklamierte damals für Reisen gleich den Grundsatz: Die öffentlichen Gebäude von außen, die Berge von unten und die Gasthäuser von innen anzuschauen. Ich habe später auch von anderen Mitreisenden, z. B. meinem Freunde Wilhelm Königs ähnliche Worte vernommen, aber sie wurden doch niemals so gewissenhaft durchgeführt, wie von Vetter Julius. Gegen die Abendstunde hatte er immer das Bedürfnis, ein Glas Wein zu trinken, und beim Hinschlendern durch die Stadt war sein Augenmerk auf die Entdeckung eines geeigneten Weinhauses gerichtet. Dem Reisehandbuch traute er gar nicht, ebensowenig den Aussagen der Hotelbedientesten, aber plötzlich entdeckte er auf der Straße einen Mann mit einer ungewöhnlichen großen und feuerroten Nase. »Der muß es wissen« sagte er sofort, und die Auskunft, die wir von dem Herrn erhielten, bewies in der Tat, daß wir uns an die richtige Adresse gewandt hatten.
Von Basel ging's nach Luzern, wo wir in einem Gasthause zweiten Ranges, einem echten Schweizer Hause Quartier nahmen. Den Vetter interessierte es besonders, mit der einheimischen Bevölkerung Fühlung zu nehmen, ihre Sitten, Einrichtungen und Anschauungen kennen zu lernen. Es gelang ihm auch rasch, mit einheimischen Stammgästen ins Gespräch zu kommen. Das alles war begleitet von dem Konsum ziemlich ansehnlicher Weinmengen. Der Reiseweg von dort aus war von ihm auf das genaueste festgestellt und ist auch bis in Kleinigkeiten hinein inne gehalten worden. Er ging zunächst über Flüelen, Andermatt und das Wallis zum Genfer See. Als wir morgens das Schiff bestiegen hatten, um über den Vierwaldstätter See in einer Landschaft, die wirklich des Sehens lohnt, nach Flüelen zu fahren, fiel der Vetter, trotz prächtigen Wetters und des sehr schönen Platzes auf dem Deck gleich nach der Abfahrt in tiefen Schlaf und erwachte erst am Ende der Fahrt. Er schaute sich dann ganz befriedigt um und sagte trocken: »Die Leute müssen denken, ich sei oft hier gewesen«. Von Flüelen hatten wir die Wahl, nach Andermatt entweder mit der Post oder auf Schusters Rappen zu kommen. Vetter Julius entschied sich kurz für letzteres. Es war ein schwüler Tag und die Landstraße von der Mittagsonne recht heiß und staubig. Das Gepäck hatten wir der Post übergeben, die später abfuhr und zogen nun los. Der Vetter meinte, der Mantel trage sich am bequemsten, wenn man ihn anziehe. Das geschah, und trug nicht wenig dazu bei, den üppig genährten und an körperliche Anstrengungen durchaus nicht gewöhnten Vetter in Dampf zu versetzen. Unglücklicherweise machte um dieselbe Zeit eine Schwadron schweizerischer Kavallerie Übungen in der Gegend. Kleine Trupps kamen häufig an uns vorbei und entwickelten eine ungeheure Staubwolke, die der Vetter für sehr schädlich hielt und der er zu entgehen suchte, indem er den Straßendamm hinab ins freie Feld flüchtete. Durch all diese Umstände war er nach 2 Stunden so erschöpft, daß ich Sorge bekam und ihn aufforderte, in das nächste Gasthaus einzutreten und dann den staubigen Teil des Weges mit der Post abzumachen. Er ging darauf ein und hat nun die Post nicht mehr verlassen, bis wir an den Genfer See gelangt waren. Ich selbst habe die schöneren Teile des Weges zu Fuß gemacht, besonders die Strecke von Andermatt über die Furka nach dem Rhonegletscher. Ich befand mich dabei in der Gesellschaft eines jungen Amerikaners, dessen praktische Weise, zu reisen, mir besonders gefiel. Er war von Kalifornien herüber gekommen und hatte kein anderes Gepäck, als ein kleines Täschchen für Geld, Zahnbürste und Seife. Sobald er in eine Stadt kam, kaufte er neue Leibwäsche, und verschenkte die schmutzige. So hatte er sich schon 2 Monate in Europa herumgetrieben, viel gesehen, sich trefflich unterhalten und hoffte den Trip noch einige Wochen zu verlängern. Abends traf ich immer wieder mit dem Vetter Julius im Gasthause zusammen und er wußte dann zahlreiche Schnurren über abenteuerliche Postreisen im Gebirge und sonderbare Reisegefährten zu erzählen. An der Teufelsbrücke hatte er sogar ein neues physikalisches Phänomen entdeckt, d. h. einen umgekehrten Regenbogen. Ich wollte es anfangs nicht glauben, habe mich aber später überzeugt, daß bei Wasserfällen durch die Zerstäubung des Wassers in kleine Tropfen bei richtigem Stand der Sonne und des Beobachters diese Erscheinung in der Tat eintreten kann.
Von den landschaftlichen Schönheiten der Schweiz war wenig die Rede. Dagegen interessierte ihn Genf als die Stadt Calvins und als der Hauptsitz des schweizerischen Finanzgeschäftes. Auch hier erlebte ich mit ihm eine komische Szene. Er behauptete, das Wasser, das er zuhause niemals trank, sei in der Schweiz besonders heilsam, nur müßte man es direkt aus der Naturquelle entnehmen. So liebte er es denn, bei den vorgefundenen Brunnen direkt vom Wasserstrahl zu trinken. Das machte er auch bei einem Brunnen in Genf, mußte sich aber, um ans Wasser heran zu kommen, auf die gemauerte Brüstung legen und pendelte hier nun hin und her, um den Strahl mit seinem Munde aufzufangen. Das Bild des kleinen, stark genährten Mannes, auf der Brüstung des Brunnens liegend und trinkend, war so überaus komisch, daß sich ein großer Kreis von Zuschauern bildete. Als er fertig war und die versammelte Menge erblickte, sagte er ruhig, da sehe man wieder, daß man mit wenig Mühe den Leuten viel Spaß machen könne. Von Genf sind wir mit dem Omnibus nach Chamonix gefahren und ich habe dort mehrere kleine Bergtouren gemacht. Seinem Grundsatze getreu blieb Vetter Julius im Hotel; durch fleißige Erkundigungen bei Touristen, Führern und sonstigem Volk war er aber nachher über Bergtouren viel besser unterrichtet als die große Zahl der Reisenden. Selbstverständlich kontrollierte er auch alle Gäste des Hotels und berichtete eines Abends, draußen beim Wetterhäuschen sei ein aufgeregter deutscher Professor, der die Instrumente kritisiere und das Publikum über den bevorstehenden Wechsel des Wetters belehre. Ich erfuhr nachher, daß es Rudolf Fittig aus Tübingen sei, der mir als trefflicher Chemiker aus der Literatur schon bekannt war. Ich habe damals nicht gewagt, mich ihm vorzustellen, bin aber einige Jahre später zu ihm in ein näheres Verhältnis getreten. Unter den Fußtouren, die ich von Chamonix unternahm, war auch die damals sehr beliebte Überquerung des mer de glace und der Abstieg über den mauvais pas. Für berggeübte Wanderer ist das ein Spaziergang, aber Leute ohne Erfahrung und ohne das richtige Schuhwerk konnten doch recht leicht ausgleiten und verunglücken. Ich habe deshalb beim Übergang über das Eis mit einem gewissen Schrecken mich daran erinnert, daß mein Vater 5 Jahre vorher denselben Weg mit 5 Damen, d. h. meiner Mutter, zwei Schwestern und den beiden Kusinen Marie und Helene Fischer aus Cöln unternommen hatte. Er erzählte auch hinterher, daß es die angstvollsten Stunden seines Lebens gewesen seien.
Die Damen schienen sich dieser Gefahr weniger bewußt zu sein, sie haben im Gegenteil auf dieser Schweizer Reise eine ganze Anzahl von merkwürdigen und lustigen Erlebnissen gehabt, von denen noch lange in unserem Hause geredet wurde.
Der Eindruck, den Vetter Julius von der Schweiz mit nach Hause nahm, war viel nüchterner; denn als wir wieder im Rheintal waren, meinte er, es sei nicht der Mühe wert, nach der Schweiz zu fahren, denn hier gäbe es auch Berge und Wasser und im Winter Schnee und Eis im Überfluß. Er hat meines Wissens nie mehr die Grenzen des deutschen Reiches überschritten. Dagegen bin ich in späteren Jahren oft und gern in die Schweiz und besonders an den Genfer See zurückgekehrt, habe aber das Chamonixtal nicht mehr gesehen.
Gymnasialzeit.
Begleitet von meinem Vater fuhren Vetter Ernst und ich anfangs Oktober 1865 nach Wetzlar, wo mein Vater uns bei dem Direktor des Gymnasiums anmeldete. Ernst wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses von Duisburg ohne Anstand in die Prima aufgenommen. Ich mußte aber eine Prüfung durchmachen, weil die Schule zu Euskirchen nicht als gleichberechtigt angesehen wurde. Ich habe sie ohne Mühe bestanden und wurde in die Untersekunda, die mit der Obersekunda in einer Klasse vereinigt war, aufgenommen. Noch heute klingt mir das Gelächter in den Ohren, das die Mitschüler erhoben, als ich zum ersten Mal in meiner markanten niederrheinischen Mundart in der Klasse sprechen mußte. Natürlich erschien mir der Wetzlarer Dialekt, der stark an das Frankfurter Deutsch anklingt, ebenso ungewöhnlich und komisch. Ich habe mich aber bald in dem Kreise zurechtgefunden und wurde nach ½ Jahr sogar Primus der Untersekunda.
Die originellste Persönlichkeit unter den Lehrern war der Mathematiker Elstermann. Die stark mit Kreide beschriebene Tafel pflegte er im Eifer mit seinem langen schwarzen Rock zu reinigen, und die dabei beschmutzten Finger steckte er in das lange buschige Haar. Er war ein guter Mensch und ausgezeichneter Lehrer, der die schwierige Aufgabe, mathematisches Denken in so viel jugendliche Köpfe hineinzubringen, geradezu mit Leidenschaft betrieb.
Wenn er beim Abfragen der einzelnen Schüler auf Mangel an Verständnis oder Interesse stieß, so pflegte er zur eigenen Beruhigung einem gerade in Reichweite befindlichen anderen Schüler eine kleine Ohrfeige zu versetzen. Wenn diese mit steigender Erregung heftiger wurden und der Empfänger unwillig den Lehrer anblickte, dann pflegte er zu sagen: »Gib sie später dem, der sie verdient hat, wieder«. Er hat es aber mit seiner Methode erreicht, daß der mathematische Unterricht an dem Wetzlarer Gymnasium ungewöhnlich gute Resultate brachte.
Das gerade Gegenteil von diesem Mann war der Religionslehrer, den wir fürchteten und haßten, weil er boshaft war und in vielen Dingen den Spion machte. Auch unser Ordinarius, ein klassischer Philologe, genoß wenig Sympathie. Ich habe nur seinen Spitznamen »Specht« behalten. Er war mir anfangs gewogen, entzog mir aber schon im zweiten Semester seine Gunst, weil er mit dem Vetter Ernst in der Prima Differenzen gehabt hatte. Der Zorn meines Vetters auf diesen Lehrer war so groß, daß er sich zu einem dummen Streich hinreißen ließ, der ihm schweren Schaden hätte bringen können. In Verbindung mit einem anderen Primaner warf er nämlich in tiefer Nacht mehrere Fenster in der Wohnung des Lehrers ein. Ich erfuhr von dieser Tat erst, als sie begangen war, und ich bin glücklicherweise der einzige Mitwisser geblieben. Der Streich erregte großen Lärm in der Schule und der Lehrer Specht machte in den Klassen verlockende Versprechungen für einen Verräter, aber das Geheimnis blieb gewahrt.
Wir lebten in Wetzlar, abgesehen von der Schulaufsicht, ähnlich wie Studenten, denn der Hauswirt kümmerte sich um unser Tun und Treiben gar nicht. Der Hausschlüssel lag jede Nacht in einer Rinne im Steinsockel unter der Haustüre, und wenn wir für Schulversäumnis Zeugnisse über Unwohlsein und dergl. nötig hatten, so unterschrieb er alle Schriftstücke, die wir ihm vorlegten. Wir nannten ihn das Kaffeehäubchen, wegen eines runden Käppchens, das er gewöhnlich trug. Sein Bruder trug den Spitznamen »Der Eisbär«.
Vetter Ernst und ich hatten zusammen ein Wohn- und Schlafzimmer. Außerdem waren noch zwei andere Gymnasiasten und ein Einjährig-Freiwilliger in dem Hause einquartiert. Der Pensionspreis war recht billig. Er betrug für Wohnung, Heizung und völlige Verpflegung mit Ausnahme alkoholischer Getränke im Jahre nur 110 Taler, also pro Tag und Person etwa 1 Mk. Man kann sich denken, daß es dafür keine lukullischen Mahlzeiten gab. Im Gegenteil, die Kohlrübe und Backpflaumen mit Schweinefleisch spielten dabei eine erhebliche Rolle. Ich sehe noch immer den Eisbär in dem Bache, der an unserem Wohnhause vorüber floß, in einer Bütte die Rüben waschen, die für unsere Ernährung bestimmt waren. Ich habe mir damals nicht träumen lassen, daß die Kohlrübe 50 Jahre später ein so viel gebrauchtes und ebenso viel verwünschtes Nahrungsmittel für das deutsche Volk werden würde.
Die Kontrolle unserer Lebensweise von seiten der Schule war nicht allzu streng. Man besuchte sich gegenseitig auf den sogen. »Buden« und unser Haus bildete von je her einen beliebten Versammlungsort. Leider war die Mehrzahl der Mitschüler, mit denen ich verkehren mußte, erheblich älter als ich; denn es befanden sich darunter viele Bauernsöhne, die erst im reiferen Alter zum Studieren bestimmt worden waren. Einer davon, der noch in unserer Klasse saß, zählte schon 21 Jahre. Die Gewohnheiten dieser jungen Männer waren natürlich anders, als sie für einen Knaben von 13 Jahren paßten. Ihre Gesellschaft war deshalb nicht gerade vorteilhaft für mich. Man bemühte sich, mir möglichst bald das Tabakrauchen, Biertrinken und Skatspielen beizubringen und die übliche Unterhaltung war auch in der Regel auf einen rohen und unanständigen Ton abgestimmt. Das alles ist gewiß nicht ohne Einfluß auf meine von Hause aus recht gute Gesundheit gewesen und ich fürchte, daß der Grund zu meiner späteren Magenkrankheit schon damals durch Unmäßigkeit im Rauchen und Trinken gelegt worden ist.
Glücklicherweise bot die Musik ein Gegengewicht gegen die so ungünstigen Einflüsse. Vetter Ernst war musikalisch ungewöhnlich begabt und hatte eine Zeitlang sogar die Absicht, Musiker von Beruf zu werden. Auf dem Klavier war er für unsere Begriffe schon ein halber Virtuose, aber außerdem spielte er Geige, Violoncell und Flöte. Ich selbst war gegen ihn ein Stümper, hatte es aber durch fleißige Übung auf dem Klavier soweit gebracht, daß ich Sonaten von Haydn, Beethoven und Mozart usw. leidlich spielen konnte. Infolgedessen wurde ich vom Vetter Ernst auch beim Zusammenspiel zugelassen, und da sich noch einige Andere musikalische Mitschüler fanden, so haben wir häufig Trio und Quartett auf unserem Zimmer gespielt. Unsere Musik war so gut, daß manche Leute in der Nachbarschaft freudigen Anteil daran nahmen. Den Ansprüchen der Schule konnten Vetter Ernst und ich ohne große Mühe Genüge leisten. Eine für uns ganz erwünschte Unterbrechung erfuhr der Schulbetrieb im Sommer 1866 durch den Krieg Preußens mit Oesterreich und den Süddeutschen Staaten. Der preußische Kreis Wetzlar war damals ganz umgeben von feindlichen Staaten d. h. von Hessen-Darmstadt und Nassau.
Nachdem die preußischen Truppen ausgerückt waren, blieben wir infolge der Unterbrechung des Eisenbahn- und Postdienstes für mehrere Wochen ganz abgeschnitten, und dann kam noch ein viel wichtigeres Ereignis, die Invasion feindlicher Truppen. Es war, wenn ich nicht irre, eine Badische Division, die aus der Umgegend von Gießen in den Kreis einrückte. Sobald wir davon Kenntnis erhielten, trieb uns die Neugier diesen feindlichen Kriegern entgegen, und ich selbst mit einigen Mitschülern genoß das Vergnügen, von einer Feldwache gefangengenommen zu werden. Wir wurden regelrecht verhört und dann wieder weggeschickt. Zu unserer ungewöhnlichen Freude ging es aber dem unbeliebten Religionslehrer des Gymnasiums viel schlechter. Er hatte sich ebenfalls die fremden Soldaten ansehen wollen, die aber gleich in ihm die Spionnatur, die wir Schüler so fürchteten, erkannten und ihn mehrere Tage festhielten. Einige Tage später rückten die Feinde auch in die Stadt Wetzlar ein und belegten die öffentlichen Gebäude, zu unserer Freude auch das Gymnasium. Wir hatten also etwa 8 Tage unerwartete Schulferien und dadurch Muße genug, uns mit den feindlichen Truppen zu beschäftigen.
Die Kriegführung war damals gemütlicher als heute. Die badischen Soldaten ließen sich zwar gut auf Kosten der Stadt verpflegen, betrugen sich aber sehr anständig, und das Verhältnis zwischen ihnen und den Bürgern der Stadt und namentlich uns Gymnasiasten war recht freundlich. Sie zogen wieder ab, weil inzwischen die preußischen Truppen durch kräftige Schläge bei Kissingen und am Main das Hauptheer der süddeutschen Staaten besiegt hatten. Die nächsten Soldaten, die in die Stadt einzogen, waren leider nur Verwundete, meist Preußen und Bayern, denen wir aufrichtige Teilnahme schenkten; dann kam auch alte preußische Landwehr, die in den benachbarten hessischen und nassauischen Dörfern als sogen. Fresskompagnie zur Beruhigung der etwa rebellischen Bevölkerung verteilt wurde. Durch die siegreichen Schlachten in Böhmen ging der Krieg bald zu Ende und der Schulunterricht wurde nun mit verdoppelter Strenge bis zu den Ferien wieder aufgenommen.
Die Herbstferien dieses Jahres wurden mir völlig verdorben durch die Konfirmation, die in Flamersheim stattfand; denn ich mußte in etwa 4 Wochen den ganzen Heidelberger Katechismus und eine Reihe von Kirchenliedern auswendig lernen, da ich vorher an dem Konfirmandenunterricht nicht teilnehmen konnte. Das gelang mir infolge meines guten Gedächtnisses, aber es trug nicht dazu bei, meinen kirchlichen Glauben, der schon vorher durch den Einfluß meiner älteren Mitschüler in Wetzlar, durch das Lesen des Lebens Jesu von David Strauß größtenteils verloren gegangen war, zu kräftigen. Tatsächlich bin ich als Freigeist, aber doch mit einem gewissen Gefühl der Beschämung an den Tisch des Herrn getreten, und ich habe den positiven Glauben, den ich in der frühen Jugend besaß, niemals wieder gewonnen. Dagegen bin ich in späteren Jahren wieder zu der Überzeugung gekommen, daß die Religion ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur ist und daß der christliche Glaube dem einzelnen Menschen großen sittlichen Wert und inneres Glück geben kann. Meine eigene Mutter und manche der katholischen Mitschüler oder Studiengenossen lieferten den Beweis dafür, und ich habe später in Berlin bei meinen eigenen Söhnen bedauert, daß der Einfluß der Großstadt und leider auch die Atmosphäre der Berliner Schulen der Pflege religiösen Gefühls so wenig günstig sind.
Ein zweites Jahr in Wetzlar verlief ohne politische Störung und brachte schließlich dem Vetter Ernst das Zeugnis der Reife und mir die Versetzung nach Prima. Ich hatte aber inzwischen Wetzlar satt bekommen und verließ deshalb mit dem Vetter die Schule. Als Erinnerungen an den Wetzlarer Aufenthalt sind mir geblieben die landschaftlichen Schönheiten, die altertümliche Bauart der alten, an einem Bergabhang gelegenen Stadt und die zahlreichen, auch von uns mit Ehrfurcht gepflegten Goethe'schen Überlieferungen. Werthers Leiden war selbstverständlich ein viel gelesenes Buch, ohne daß wir aber von der krankhaften Stimmung des Helden beeinflußt worden wären. Mit den Schulkameraden aus dieser Zeit bin ich niemals wieder in Berührung gekommen und auch die Stadt habe ich nicht wieder gesehen.
In den Herbstferien, die ich gewöhnlich zu Hause verbrachte, wurde als Schule für mich zunächst das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Cöln in Aussicht genommen. Mein Vater machte auch die nötige Meldung bei dem Direktor, einem Professor Jäger, der als Verfasser einer Weltgeschichte bekannt geworden ist, und der als ausgezeichneter Schulmann aus Württemberg nach Cöln berufen worden war. Die Schule war wegen der guten Leitung überfüllt. Trotzdem hatte mich der Direktor für die Prima vorgemerkt, weil er meinem Onkel, dem Chirurgen, für die Errettung seiner Frau aus schwerer Lebensgefahr sich zu besonderem Danke verpflichtet fühlte. Aber in der brieflichen Antwort, die er meinem Vater schickte, war meine Aufnahme nicht klar ausgesprochen und die Überfüllung der Schule so stark betont, daß wir das Gefühl der Ablehnung unseres Gesuches hatten.
30 Jahre später habe ich den Direktor auf der zweiten Schulkonferenz im Kultusministerium zu Berlin kennen gelernt. Dabei wurde das Mißverständnis über die vermeintliche Ablehnung meiner Anmeldung aufgeklärt, und der alte joviale Herr knüpfte daran die scherzende Bemerkung: »Was hätte aus Ihnen werden können, wenn Sie unter meinen Bakul gekommen wären«. Durch die Verhandlungen in Cöln war viel Zeit verloren gegangen. Das Schuljahr hatte schon begonnen und ich mußte nun schleunigst sehen, anderswo unterzukommen. Die Wahl fiel auf das Gymnasium zu Bonn, wo ich auch richtig an meinem 15. Geburtstage Aufnahme fand. Mein Einzug in die Schule vollzog sich unter scheinbar wenig erfreulichen Auspizien. Es war gerade die Stunde der Mathematik und als der alte Lehrer, Professor Zirkel, der Vater des bekannten Leipziger Professors der Mineralogie, mich erblickte, frug er mich zornig nach Namen und Herkunft und erklärte dann, meine späte Ankunft wäre eine Rücksichtslosigkeit; denn jetzt sei er genötigt, seine Liste wieder zu ändern. Bald darauf klopfte es an der Klassentür und der Schüler, der zum Nachsehen hinausgeschickt wurde, kam lachend zurück. Draußen sei der Vater des neuen Primaners und lade seinen Sohn ein, heute Mittag um 1 Uhr zum Essen im Gasthof Stern zu erscheinen. Das brachte den Zorn des Lehrers von neuem in Wallung und er wurde zum Jubel der ganzen Klasse in seinen Vorwürfen so heftig, daß ich im Begriff war, die Schule wieder zu verlassen und jede Antwort auf seine weiteren Fragen verweigerte. Da merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er änderte den Ton, und um mich zu versöhnen, frug er nach Euskirchen und dem Flamersheimer Walde, den er wohl kannte. Nun wurde mir erst klar, daß er im Grunde ein gütiger Mann war, und da er bald mein Interesse für Mathematik entdeckte, so sind wir die besten Freunde geworden. Wenn er sich über die anderen Primaner, von denen manche nicht sehr ehrerbietig gegen ihn waren, geärgert hatte, so pflegte er den Rest der Stunde mit mir allein mit Rechnungen an der Tafel zu verbringen.
Das Gymnasium war im allgemeinen, was den Unterricht anbetraf, der Schule in Wetzlar nicht ebenbürtig. Das lag zum Teil an dem Übergewicht, das der Religionslehrer, ein katholischer Geistlicher besaß. Er übte eine wahre Tyrannei aus, worunter allerdings wir Protestanten nicht litten, wodurch aber der wissenschaftliche Unterricht sicherlich geschädigt wurde. Der zweite Grund waren das Alter und die Krankheit des Direktors. Er besaß von früher her als Philologe und besonders als Horaz-Übersetzer einen recht guten Ruf. Aber zu meiner Zeit war er kaum mehr arbeitsfähig, und ist bald nachher gestorben. Auch seinem Nachfolger, einem kleinen Geist, gelang es nicht, die Schule zu neuer Blüte zu bringen. Von den Lehrern war der tüchtigste ein Herr Deiters, der später in das Provinzialschulkollegium zu Coblenz berufen wurde; aber wir haben ihn wegen seines Sarkasmus und seiner Strenge gefürchtet. Nächst dem Mathematiker Zirkel war der Lehrer des Deutschen Professor Remacly die originellste Persönlichkeit. In lebhafter Erinnerung ist mir auch der Ordinarius geblieben, ein klassischer Philologe, der infolge seiner außerordentlichen Kurzsichtigkeit große Mühe hatte, die Schuldisziplin aufrecht zu erhalten. Als Liebhaberei betrieb er das Sammeln von alten Münzen und man konnte ihm durch Lieferung römischer Münzen, die damals im Rheinland vielfach gefunden wurden, die größte Freude bereiten. Seine Neigung, alle Stücke, die man ihm zur Prüfung vorzeigte, als Eigentum zu behalten, gab eines Tages Anlaß zu einem übermütigen Schabernack. Zwei Spaßvögel aus unserer Klasse hatten Hosenknöpfe, die den Namen eines Bonner Schneiders »Hannes« trugen, durch geschickte mechanische und chemische Behandlung in einen Zustand versetzt, der sie stark verwitterten römischen Münzen ähnlich machte. Diese Kunstprodukte wurden dann dem Herrn Ordinarius als merkwürdige Fundstücke überliefert. Er war aber Kenner genug, um nach einigen Studien die Fälschung festzustellen und gab dann seiner berechtigten Entrüstung einen sehr energischen Ausdruck. Auch für römische Inschriften besaß er großes Interesse, und er brachte uns die Kunst bei, Abdrücke davon in Pappe zu machen. Es hat mir Freude bereitet, diesen Mann, dessen wissenschaftliche Bemühungen mir Achtung einflößten, Abdrücke von einigen römischen Inschriften aus der Gegend von Zülpich, dem angeblichen Tolbiacum der Merovinger Zeit, und Weingarten bei Euskirchen, wo sich die Überreste eines römischen Kastells befanden, zu liefern.
Auf der Bonner Prima habe ich zum erstenmal einen Religionsunterricht genossen, der mich wirklich interessierte, denn der Lehrer, der gleichzeitig protestantischer Pastor in Bonn war, ließ uns das neue Testament in griechisch lesen und wußte die handelnden Personen so lebendig und im Zusammenhang mit den großen historischen Ereignissen jener Zeit zu schildern, daß ich einen Begriff bekam nicht allein von der großen sittlichen Kraft der christlichen Lehre, sondern auch von der gewaltigen geistigen, sozialen und politischen Bewegung, die sie ausgelöst hat. Aus den Schilderungen dieses Mannes waren mir die alten christlichen Gebräuche, die Katakomben zu Rom und ähnliche Dinge längst bekannt, ehe ich sie im Original gesehen habe.
Außerhalb der Schule war ich in Bonn sehr gut aufgehoben; denn ich wohnte bei einer Familie Kemp in der Bonngasse, wenige Schritte vom Gymnasium entfernt, wo es eine vortreffliche Verpflegung gab. Außer mir wohnte dort noch ein Oberprimaner Fischenich, der Sohn eines Landwirtes aus der Nähe von Flamersheim, recht musikalisch und ein guter Kamerad. Es hat mich gefreut, daß mein Sohn Hermann mit dem Sohn dieses alten Schulkameraden an der Schlachtfront in Lothringen bekannt wurde und ihn etwa vor einem Jahre als Gast in Berlin mir zuführte. Dann gab es noch zwei viel jüngere Gymnasiasten der unteren Klassen. Wir alle waren bei den Mahlzeiten mit der Familie und den Angestellten des Geschäfts versammelt. Der Wirt betrieb mit seinem Sohn unter der Firma »Paul Kemp & Sohn« ein einträgliches Geschäft in Galanteriewaren, studentischen Artikeln jeder Art, in Pelzwaren und sogar zur Faschingszeit in Maskenanzügen. Das brachte einen großen Verkehr und viele lustige Ereignisse ins Haus, und ich habe dort zwei wirklich heitere Jahre verlebt. Mein Vetter Ernst Fischer studierte zur selben Zeit in Bonn Medizin, und obschon seine Bude in einem anderen Hause lag, so haben wir doch manchmal zusammen musiziert.
Selbstverständlich wurden wir auch in Bonn mit dem studentischen Leben, seinen berechtigten und unberechtigten Eigentümlichkeiten, vertraut und ich habe schon damals mit Eifer Unterricht im Säbelfechten auf dem Universitätsfechtboden genommen. Die Folge davon war, daß ich später als Angehöriger der Universität an diesen Dingen kein Interesse mehr besaß.
Im August 1869 bestand ich in Bonn das Abiturientenexamen, und das Abgangszeugnis beweist, daß ich kein schlechter Schüler gewesen bin. Trotzdem habe ich zu meinem eigenen Bedauern dem Gymnasium kein freundliches Gedenken bewahren können. Ich halte mich für verpflichtet, das hier auszusprechen, weil ich das Gefühl habe, daß das humanistische Gymnasium die Anforderungen nicht erfüllt, die man an es stellt, und nicht, wie meist behauptet wird, seinen Zöglingen die allgemeine geistige Reife gibt, die zum Besuch der Hochschule nötig ist. Ich spreche hier nicht als Naturforscher, der es immer beklagen mußte, auf der Schule einen ungenügenden mathematischen Unterricht genossen zu haben. Mein Urteil bezieht sich auch auf den sprachlichen Unterricht, der in der jetzigen Form mit der unmäßigen Betonung grammatikalischer Kenntnisse sicherlich verkehrt ist. Wieviel kostbare Zeit haben wir auf das unsinnige Auswendiglernen von Regeln verwenden müssen! Die seltensten Ausnahmen von einer Deklination oder Konjugation, die selbst dem Berufsphilologen in der Praxis kaum vorkommen, mußte man wissen, um ein guter Schüler zu sein. Von den Schönheiten der klassischen Literatur, von ihrem engen Zusammenhang mit der bewundernswerten allgemeinen griechischen Kultur war beim Unterricht fast nie die Rede. Ich bin fest überzeugt, hätten unsere Lehrer auf solche Dinge den Hauptnachdruck gelegt, die meisten von uns wären ihnen mit Begeisterung gefolgt, während wir so den Geschmack am klassischen Altertum geradezu verloren haben und froh waren, mit dem Abiturium diese Studien aufgeben zu können.
Zur Feier des Schlußexamens konnte ich die ganze Klasse in den Garten meines Wirtes einladen, denn mein Vater hatte zu diesem Zweck ein stattliches Faß Bier aus der Dortmunder Brauerei gestiftet.
Im Alter von 16¾ Jahren stand ich nun vor der Wahl des Berufes. Nach meinem Geschmack wäre ich am liebsten Mathematiker und Physiker geworden, aber mein Vater hielt diese Wissenschaften für zu abstrakt und die Möglichkeit für zu gering, sich mit ihnen eine materiell gesicherte Existenz zu schaffen. Er pflegte deshalb seinen Rat in die Worte zu kleiden: »Wenn du durchaus studieren willst, so wähle die Chemie«, deren praktisch nützliche Seite ihm von seinen geschäftlichen Unternehmungen her bekannt sei. Im geheimen mag er aber wohl immer noch die Hoffnung gehabt haben, daß ich mich zu einer kaufmännischen Tätigkeit entschließen würde, da ich der einzige Sohn war und er mich begreiflicherweise gern als Nachfolger in seinem Geschäft gehabt hätte. Da ich zudem noch recht jung war und der unmittelbare Besuch einer Universität für mich keinen besonderen Reiz mehr bot, so machte er mir den Vorschlag, auf 1 bis 2 Semester in ein kaufmännisches Geschäft einzutreten. Damit war ich einverstanden und kam deshalb im Oktober 1869 in das Holzgeschäft meines Schwagers Max Friedrichs zu Rheydt und gleichzeitig als Pensionär zu meiner Schwester Fanny, seiner Frau.
Nach den strengen Regeln des Geschäfts wurde ich als unterster Lehrling betrachtet und behandelt. Zu meinen Funktionen gehörte das Abholen der Post, das Zukleben der Briefe und dergl. und zur Übung mußte ich ein kleines Geschäftsjournal, aber nur zu meiner Belehrung ohne Gültigkeit für das Ganze führen. Hier und da wurde ich auch mit einem kleinen Auftrage zu den Kunden, die zum großen Teil kleine Tischler waren, geschickt.
Auf dem Holzplatz hatte ich nichts zu sagen, durfte aber den verschiedenen Arbeiten, Sägen, Hobeln, dem Transport der Stämme, dem Verpassen des Bauholzes usw. zuschauen. Dieses Technische, das damals noch sehr unvollkommen war und meistens mit der Hand gemacht wurde, hat mich mehr interessiert, wie die pedantischen Kontorarbeiten. Aber das Ganze war doch für meinen Geschmack so langweilig, daß ich schon nach wenigen Wochen auf Rat eines Lehrers der höheren Schule zu Rheydt mir Stöckhardts Schule der Chemie mit den dazu gehörigen Apparaten anschaffte und in einem leerstehenden Zimmer des Geschäftsgebäudes ein winziges Laboratorium einrichtete. Die Versuche waren natürlich höchst stümperhaft, endigten mit einigem Gestank oder beschmutzten und verbrannten Fingern, und wurden dem Geschäftsinhaber wegen der Feuersgefahr recht unbequem. Die Abende verbrachte ich mit Klavierspielen oder im Gasthaus mit Biertrinken, Tabakrauchen und Billardspielen.
Der Schwager war mit meinen Leistungen sehr unzufrieden, erklärte mich für den schlechtesten Lehrling, den er je gehabt, und ließ sich einmal im ärgerlichen Unwillen anderen Mitgliedern der Familie gegenüber zu der Bemerkung hinreißen: »Aus dem Jungen wird nie etwas«. Er ist später wegen dieses Urteils viel geneckt worden, aber allmählich kam auch mein Vater zu der Überzeugung, daß die kaufmännische Laufbahn für mich nicht das Richtige sei. Er drückte diese Meinung drastisch aus in dem Satze: »Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren«.
Inzwischen hatte ich bei dem erwähnten Lehrer der Chemie einige Privatstunden genommen, und mir dabei eine ganz oberflächliche Kenntnis der Atomtheorie angeeignet. Ich kann aber nicht sagen, daß ich davon besonders ergriffen worden wäre. In der Form, wie sie mir dargestellt und wie ich sie auch aus einem kurzen Lehrbuch der Chemie kennen gelernt hatte, erschien sie mir gegenüber den abgerundeten Lehren der Physik zu dürftig und unsicher.
Im Frühjahr 1870 hatte ich das Unglück, mir, wahrscheinlich durch Erkältung, einen Magenkatarrh zuzuziehen, der infolge von Vernachlässigung und ungenügender ärztlicher Behandlung in einen chronischen Zustand überging. Vorbereitet war vielleicht das Leiden durch das unsinnige Rauchen und Biertrinken, das ich schon in jungen Jahren in Wetzlar begonnen und seitdem dauernd beibehalten hatte. Der akute Ausbruch der Krankheit erleichterte mir den Abschied von Rheydt und ich kehrte nach Euskirchen zurück, um mich auszukurieren. Aber der chronische Magenkatarrh war in der Familie etwas ganz Unbekanntes, und auch die Ärzte verstanden damals von der Behandlung desselben recht wenig. Mit den schönen Methoden der Jetztzeit hätte ich in 4 bis 6 Wochen meine volle Gesundheit wieder erlangen können. So aber habe ich trotz der Ratschläge meines sonst als Arzt so ausgezeichneten Onkels in Cöln fast 2 Jahre mich mit der Krankheit herumgeschlagen, und der Verdauungstraktus ist niemals wieder so kräftig geworden, wie er zuvor gewesen. Den Sommer 1870 verbrachte ich in Euskirchen, beschäftigte mich viel im Garten und soweit es möglich war, auf der Jagd. Auf Anraten der Ärzte ging ich Mitte Juli, am Tage der preußischen Mobilmachung mit meiner Mutter nach Bad Ems, um das dortige alkalische Wasser als Heilmittel für den Magen zu trinken. Es herrschte damals eine begreifliche Unruhe im Rheinland, da man glaubte, daß Frankreich sich für den Krieg längst vorbereitet habe und seine Truppen alsbald in die preußischen Rheinlande schicken würde. Mein Vater hatte sich schon darauf vorbereitet, meine unverheirateten Schwestern, sowie Geld, Wertpapiere und andere leicht transportable Gegenstände auf das rechte Rheinufer zu bringen. Um so merkwürdiger berührte es meine Mutter und mich, daß wir auf der Fahrt nach Ems, wobei wir die Festung Coblenz passierten, gar keine militärischen Vorbereitungen beobachteten. Der einzige Soldat, den wir von der Eisenbahn aus in der Festung sahen, war ein Offiziersbursche, der einen Kinderwagen schob. Aber im Stillen war der preußische Mobilisierungsapparat schon im vollen Gange, und 8 Tage später sah man überhaupt fast nur noch Soldaten. Dann begannen auch die großen Truppentransporte, von denen wir in Ems viel zu sehen bekamen, da es an einer Haupteisenbahnlinie von Ost nach West gelegen ist. Anfangs August fanden die siegreichen Schlachten bei Weißenburg, Woerth, Saarbrücken statt, und in Deutschland hatte man sofort das Gefühl, daß die Gefahr einer feindlichen Invasion beseitigt sei. Zwei Tage vor meiner Ankunft in Ems war König Wilhelm von dort abgefahren und von den Erinnerungen an ihn, sowie an die Verhandlungen mit dem französischen Botschafter war in der Kurgesellschaft noch viel die Rede. Obschon die Zahl der Gäste stark abgenommen hatte, nahm doch das Kurleben seinen ungestörten Fortgang.
Nach 4 Wochen konnten wir ohne das geringste Hindernis nach Hause zurückkehren, da der Eisenbahnverkehr sich wieder in normalem Zustande befand. Für die aktive Teilnahme am Krieg war ich noch zu jung und auch damals nicht gesund genug, da die Kur in Ems ohne Erfolg geblieben war.
Im Nebenhause waren die 3 ältesten Söhne schon dienstpflichtig und deshalb eingezogen. Von ihnen hat aber nur der eine, Vetter Lorenz, kriegerische Lorbeeren gesammelt. Als Einjährigfreiwilliger in einem Jägerbataillon nahm er teil an den Schlachten bei Metz. Bei Belagerung der Festung erkrankte er an Ruhr, kehrte nach Deutschland zurück, ging aber bald — noch nicht ganz wieder hergestellt — freiwillig von neuem ins Feld, wo er an den Kämpfen des Generals Werder gegen die Armee Bourbaki bei Dijon beteiligt war. Er wurde im Felde zum Offizier ernannt. Aber das kriegerische Leben, das ganz seinen Neigungen entsprach, ist ihm später zum Unglück geworden; denn es hat mit dazu beigetragen, seine Neigung, dem Bacchus zu huldigen, ins Übermaß zu steigern, so daß er schon im Alter von etwa 35 Jahren gestorben ist.
Vorsichtiger war der Vetter Heinrich, ein gedienter Artillerist; er kam nicht ins Feld, sondern blieb bei einem Ersatzbataillon in Coblenz.
Vetter Ernst, der bereits das erste medizinische Examen bestanden hatte, trat freiwillig als Unterarzt in das Heer ein und hatte in dieser Eigenschaft, wie er später gern erzählte, besonders in der Umgegend von Orléans ein recht vergnügtes und wenig anstrengendes Feldleben geführt. Kurzum, der Krieg 70 ist nach allen Schilderungen seiner Teilnehmer ein ganz anderer, als der jetzige gewesen. Die Verluste auf deutscher Seite waren verschwindend gering, sind doch nicht mehr als 28000 Mann auf unserer Seite gefallen. Auch die Kriegführung war sehr viel humaner. Ein Teil der Truppen hat sogar mit der französischen Bevölkerung auf ganz gutem, fast freundschaftlichem Fuße gestanden. Dazu kam die rasche Beendigung des Krieges und als schönster Lohn für Deutschland seine politische Einigung im deutschen Reiche.
Den Sieg von Sedan verlebte ich in Euskirchen. Ich erfuhr die Nachricht bei der Rückkehr von der Hühnerjagd. Man meinte damals allgemein, der Krieg sei nun zu Ende. Das war aber ein Irrtum, da die Republik unter Gambetta ihn hartnäckig fortzusetzen suchte. Aber die Widerstandskraft Frankreichs war doch gebrochen, nur dauerte das kriegerische Leben auch bei uns auf dem linken Rheinufer mit Truppenbewegung, Einquartierung fort bis zum Waffenstillstand.
Mein Gesundheitszustand hatte sich inzwischen kaum geändert und mein Onkel in Cöln lud mich deshalb ein, im November zu ihm zu kommen und in seinem Hause einige Zeit zu wohnen, damit er mich dauernd beobachten könne. Seine liebe Frau, die durch besondere Güte ausgezeichnete Tante Mathilde, nahm sich des kranken Neffen in der liebenswürdigsten Weise an. Ich bekam besonders zubereitete Speisen und durfte dazu auf Rat des Onkels so viel guten Bordeaux-Wein trinken, wie ich glaubte vertragen zu können.
Wohltuend wirkte auf mich die gleichmäßige Wärme des Hauses, das schon eine Zentralheizung besaß, was man damals als ungewöhnlichen Luxus ansah. So bin ich den ganzen Winter in Cöln geblieben und nur während des Weihnachtsfestes auf 8 Tage nach Hause zurückgekehrt. Ich habe mich in meinem späteren Leben immer mit großer Dankbarkeit gegen den Onkel und die Tante an diese Zeit erinnert; denn damit trat eine Besserung in meinem Zustande ein.
In Cöln war auch in geistiger Beziehung leichter Anregung zu finden, als in Euskirchen. Ich habe hier Theater und Konzerte besucht. Vor allen Dingen wurde mir aber Gelegenheit geboten, bei einem Engländer Unterricht in der englischen Sprache zu nehmen. Da ich nichts anderes zu tun hatte, so war es mir nicht schwer, in 2½ Monaten so weit zu kommen, daß ich kleine englische Aufsätze schrieb und mich mündlich leidlich ausdrücken konnte. Leider habe ich diese Übungen später nicht fortgesetzt und auch niemals längeren Aufenthalt in England nehmen können, so daß ich die wichtige Sprache nie vollkommen beherrschen lernte.
Selbstverständlich bin ich in Cöln auch den Kindern meines Onkels näher getreten. Die älteste Marie war schon an Herrn Eugen Coupienne in Mülheim a. d. Ruhr verheiratet, kam aber öfter mit Mann und Kind zum Besuch nach Cöln. Herr Coupienne brachte bei dieser Gelegenheit nicht selten gefangene französische Offiziere, die in Cöln sich frei bewegen durften, als Gäste in das Haus meines Onkels. Es machte dann meinem Onkel besonders Freude, die französische Sprache, die er in Paris recht gut gelernt hatte, wieder zu gebrauchen.
Die zweite Kusine Helene, ein schönes wohlgenährtes Mädchen, die den Beinamen »Dick« trug, und mir von verschiedenen Besuchen in Euskirchen her wohl bekannt war, ist bald nachher ihrer Schwester gefolgt und hat einen Tabakfabrikanten, Carl von Eicken, ebenfalls aus Mülheim, geheiratet. Sie lebt noch jetzt zusammen mit ihrem Gemahl in Hamburg, in sehr glücklichen Verhältnissen, und ist die Stammmutter von 4 blühenden Kindern und einer ganzen Anzahl von Enkeln geworden. Ihr Sohn Karl, jetzt ordentlicher Professor der Ohren- und Nasenheilkunde in Gießen, war als Student öfters Gast in meinem Hause zu Berlin, und ich hatte gleich den Eindruck, daß er die Eigenschaften eines guten Arztes vom Großvater Fischer geerbt habe.
Die Tochter Helene lebt mit ihrem Mann Dr. Kroehnke und 4 hoffnungsvollen Söhnen in Zehlendorf und ist eine durch Liebreiz und Güte ausgezeichnete Frau geworden.
Eine zweite Tochter des Ehepaares von Eicken ist in Hamburg verheiratet und der zweite Sohn, ein großer Sportsmann, führt zusammen mit dem Vater das bedeutende Tabakgeschäft. Er ist verheiratet mit der einzigen Tochter meines Vetters Julius Fischer.
Die dritte Cölner Kusine, »Tönn« genannt, war klug und wissbegierig und erhielt in der Schule die besten Zeugnisse. Sie hat später einen Fabrikanten Herrn Vorster aus Mülheim a. d. Ruhr geheiratet und ist Schwiegermutter des bekannten Malers Petersen in Düsseldorf geworden.
Der einzige Sohn Fritz, von den Schwestern nur »der Fischer« genannt, wurde von ihnen viel geneckt, war 4 Jahre jünger wie ich und deshalb noch Gymnasiast. Er war der Liebling des Vaters und pflegte sich sehr viel in dessen Studierstube aufzuhalten. Wie leicht begreiflich, ist er in die Fußstapfen des Vaters getreten, hat Medizin studiert und zwar in Straßburg, wo ich wieder viel mit ihm zusammentraf. Er wurde auch an der dortigen Universität außerordentlicher Professor der Chirurgie, starb aber verhältnismäßig früh im Alter von etwa 50 Jahren. Er war verheiratet mit Anni geb. Stinnes aus Mülheim a. d. Ruhr und hat einen Sohn Otto hinterlassen, der wiederum Medizin studiert und z. Zt. als Unterarzt im Felde steht. Er ist in den letzten Jahren meinem lieben Sohn Alfred näher getreten, der von der Tante in Straßburg viele Freundlichkeiten erfahren hat.
Während meines Aufenthaltes in Cöln hatte der Onkel seinen Kindern den strengen Auftrag gegeben, den kranken Vetter in keiner Weise zu ärgern und ihm womöglich nicht zu widersprechen, selbst wenn er in seiner etwas aufgeblasenen Gelehrsamkeit gewagte Behauptungen aufstelle. So schwer das auch den mundfertigen Kusinen wurde, so haben sie sich doch alle Mühe gegeben, mir den Aufenthalt in Cöln angenehm zu machen. Mit dem Vetter stand ich selbstverständlich als früherer Gymnasiast auch auf gutem Fuße. So steht der Winteraufenthalt in Cöln bei mir in bester Erinnerung und dem trefflichen Onkel, der mir nicht allein in seiner ärztlichen Kunst, sondern auch als vornehmer Charakter und als origineller Mensch stets ein Vorbild geblieben ist, sowie der herzensguten Tante habe ich mich Zeit meines Lebens zu warmem Danke verpflichtet gefühlt.
Im Frühjahr 1871 war meine Gesundheit soweit wieder hergestellt, daß ich die Universität beziehen konnte, um Chemie zu studieren. Das Leben im Gasthause war mir allerdings noch nicht zuträglich, aber ich wurde in freundlicher Weise wieder aufgenommen in meinem alten Gymnasiastenquartier. Dort waren inzwischen einige persönliche Veränderungen vor sich gegangen. Das alte Ehepaar Kemp hatte sich zurückgezogen und das Geschäft dem Sohn übergeben. Der hatte inzwischen die zu meiner Zeit als Verkäuferin im Geschäft tätige Fräulein Marie geheiratet und die junge, liebenswürdige Frau erklärte sich sofort bereit, die Verpflegung für mich ganz nach meinen Wünschen einzurichten. Das ist auch in gewissenhafter Weise geschehen. Ich lebte also so weiter, wie ich es in der Familie meines Onkels gewohnt war, und der Hausherr, der sich bei seinem früheren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika infolge von Malaria und übermäßigem Chiningenuß den Magen verdorben hatte, lernte von mir die für solche Zustände angemessene Diät. Er wurde in der Tat auf diese Weise auch wieder gesund und hat mir später wiederholt für die guten Ratschläge gedankt.
Im Sommersemester 71 habe ich mich in Bonn nicht überanstrengt, sondern in aller Behaglichkeit Vorlesungen über Physik, Botanik und nur wenig Chemie gehört. Das botanische Kolleg von Professor Hanstein fand schon morgens um 7 Uhr im Schloß zu Poppelsdorf statt, war sehr populär und nur auf die Bedürfnisse eines Mediziners zugeschnitten. Systematik und Anatomie standen im Vordergrund und die Physiologie, die mich viel mehr interessiert hätte, spielte nur eine geringe Rolle.
Die Physik wurde von dem berühmten Thermodynamiker Clausius gelesen, war recht langweilig und in experimenteller Beziehung geradezu dürftig. Meine alte Vorliebe für die Physik ist dadurch etwas gedämpft worden und erst als ich später in Straßburg den glänzenden Vortrag und das gute Praktikum von Kundt besuchte, wurde mir erst wieder klar, welch herrliche Wissenschaft sie ist.
Das gerade Gegenteil von Clausius war der Chemiker August Kékulé, ein ausgezeichneter Redner, guter Experimentator und eindrucksvolle Persönlichkeit. In dem Sommersemester las er allerdings nur ein zweistündiges Kolleg über organische Chemie, aber in dem darauf folgenden Winter habe ich auch seine große Vorlesung über anorganische Experimentalchemie besucht.
Nachdem ich in den Herbstferien 71 zusammen mit dem Vetter Lorenz, der inzwischen aus Frankreich zurückgekehrt und noch ganz von den Erlebnissen des Feldzuges erfüllt war, das Seebad Blankenberghe bei Ostende besucht hatte, war mein Gesundheitszustand wieder so gut, daß ich im Winter 71/72 mit voller Kraft an das Studium herantreten konnte. Zu den Vorlesungen kamen jetzt auch die praktischen Übungen im Laboratorium. Das Institut lag in Poppelsdorf, war 1864/65 von Hofmann erbaut und machte äußerlich einen pompösen Eindruck. Viel weniger schön waren die inneren Einrichtungen, z. B. Raumverteilung und Beleuchtung. Besonders die Ventilation ließ sehr zu wünschen übrig. Der Direktor hielt die großen Vorlesungen und leitete die praktischen Arbeiten in der organischen Abteilung. Der analytische Unterricht war dem außerordentlichen Professor Engelbach anvertraut. Ohne irgendwelche Vorbereitung in der Anstellung von Experimenten wurde man sofort vor die Aufgabe gestellt, nach den Tafeln von Will eine qualitative Analyse auszuführen. Dazu war ich nicht imstande und hatte gegenüber den anderen Praktikanten, die meistens Apotheker waren, einen schweren Stand, denn diese pflegten meist auf illegitimen Wege die Aufgaben zu lösen, während ich ohne jede Anleitung viele Fehler beging und dann unbarmherzig zur Wiederholung angehalten wurde. Dazu kam, daß die Vorlesung über analytische Chemie, die ich pflichteifrig besuchte, äußerst trocken und langweilig gehalten wurde. Mein Eintritt in die Wissenschaft vollzog sich also unter ziemlich ungünstigen Verhältnissen, die mich sehr niederdrückten. Und als ich im darauffolgenden Sommer an die quantitative Analyse herankam, wurde die Sache noch schlimmer. Engelbach war inzwischen gestorben und Th. Zinke, der bisherige erste Assistent in der organischen Abteilung und gleichzeitig Privatdozent, wurde sein Nachfolger. Er war gewiß ein geschickter und auch schon verdienter Chemiker, aber der Unterricht in der analytischen Chemie lag ihm nicht besonders nahe, und wenn er sich auch große Mühe gab, und mir manchmal einen guten Rat erteilte, so war es doch auch für ihn schwer, die Hindernisse zu beseitigen, die der Ausführung einer guten quantitativen Analyse im Bonner Institut entgegen standen. Schon allein die Ungenauigkeit der Waagen war groß genug, um das Innehalten der üblichen Fehlergrenzen bei den Analysen unmöglich zu machen. Der Gebrauch der Wasserluftpumpe, die schon längst von Bunsen erfunden war, fand in Bonn eine ungünstige Beurteilung und man begnügte sich noch immer mit der alten primitiven Wäsche der Niederschläge auf einem gewöhnlichen Filter. Das waren harte Geduldsproben. Als ich schließlich einen Niederschlag von Aluminium- und Eisenhydroxyd, der wohl nicht unter den richtigen Vorsichtsmaßregeln gefällt war, 8 Tage lang gewaschen hatte, ohne die Mutterlauge ganz verdrängen zu können, war ich so verzweifelt, daß ich die Chemie aufgeben und mich wieder der Physik zuwenden wollte. Daß ich es nicht getan habe, ist wohl hauptsächlich dem Einfluß meines Vetters Ernst zuzuschreiben, der mir riet, es in einem anderen Institut nochmals zu versuchen.
Inzwischen war auch Vetter Otto mit der Schule fertig geworden, hatte ebenfalls das Studium der Chemie in Berlin begonnen und war dann auch nach Bonn gekommen. Er nahm die Schwierigkeiten keineswegs so tragisch wie ich, trotzdem gefiel auch ihm der Gedanke, die Hochschule zu wechseln, nicht allein der Studien halber, sondern um in der Welt sich umsehen zu können. So kam es, daß wir am Ende des Sommersemesters 1872 Bonn verließen und dann halb durch Zufall nach Straßburg i. E. kamen. Das war für uns beide ein rechtes Glück, denn wir sind so mit Adolf Baeyer in Berührung gekommen, und ich wüßte nicht, was mir Besseres hätte passieren können, um die chemische Experimentierkunst zu lernen. Den Aufenthalt im Straßburger Laboratorium habe ich versucht in einem kleinen Aufsatz zu schildern, den Baeyer seiner Selbstbiographie eingefügt hat. Auf diese Art ist er in der Einleitung zu Baeyers gesammelten Abhandlungen zum Druck gelangt. Ich habe ihm nur wenig zuzufügen, um noch ein Bild von unserer Lebensweise und dem Freundeskreise außerhalb des Laboratoriums zu geben.
Im ersten Semester wohnte ich mit Vetter Otto zusammen bei zwei sehr alten Frauen in einem ebenso alten Hause, wie denn überhaupt die ganze Stadt damals einen recht alten und verkommenen Eindruck machte. Verschärft wurde dieser durch die starken Verwüstungen, die von der Belagerung herstammten. So lag das sogen. Steinviertel noch größtenteils in Trümmern.
Mein Magenkatarrh war inzwischen geheilt, aber er hatte doch eine Empfindlichkeit des Organs hinterlassen, die mir eine gewisse Vorsicht in der Diät auferlegte. Die gute Straßburger Küche und der noch bessere, in großen Vorräten vorhandene französische Wein kamen mir zugute, und ich habe im Wintersemester im badischen Hof nach Verabredung mit dem sehr verständigen Wirt ein stattliches Faß ausgezeichneten Burgunder konsumiert, war dadurch in einen recht guten Ernährungszustand gekommen, so daß ich von den Professoren unter dem Titel »der dicke Fischer« von dem Vetter unterschieden wurde.
Bei dem nächsten Besuch während der Osterferien erregte mein Aussehen bei der Mutter große Freude, während der erfahrene Vater mich mit den Worten begrüßte: »Du hast einen ziemlich vertrunkenen Kopf gekriegt.« Infolgedessen habe ich das Burgundertrinken aufgegeben und mich dem guten aber viel unschuldigeren Elsasser Landwein zugewandt. Auch die Mehrzahl der Kollegen, die vielfach aus dem Rheinland stammten, besuchten die Weinhäuser. Zwar gab es auch Bier in mannigfaltiger Qualität, sowohl einheimisches, in dem Orte Schiltigheim gebraut, wie auch bayerisches, aber diese Häuser pflegten wir nur im Sommer zu besuchen, der in Straßburg ungewöhnlich heiß ist und deshalb zum Bierverbrauch anregt.
Das studentische Leben, wie es auf anderen deutschen Hochschulen üblich ist, war zu unserer Zeit wenig entwickelt. Es gab zwar einige Corps, aber sie spielten keine große Rolle, weil ihnen der Resonanzboden in der Bevölkerung und der ganzen Tradition der Stadt fehlte. Dagegen war der zwanglose Verkehr der Studenten in den Gasthäusern und auch in den Vorlesungen sehr angenehm. Die vielen fremdländischen Elemente, Russen, Polen und andere Ausländer störten denselben nicht. Die Elsässer hielten sich anfangs zurück, kamen aber doch in den späteren Semestern in die Institute. Es waren darunter manche fein gebildete junge Männer mit sehr angenehmen Umgangsformen. Mit den gebildeten Familien in Straßburg sind wir nicht in Berührung gekommen, wohl aber habe ich das Volk und speziell auf mancherlei Ausflügen in die Vogesen die Landbevölkerung kennen gelernt und einen recht guten Eindruck erhalten. Mit Ausnahme vom Südelsaß, wo die Tuchindustrie sehr entwickelt und in ihren geschäftlichen Interessen auf das übrige Frankreich angewiesen war, verriet sich in der Bevölkerung durchweg die alte deutsche Abstammung. Die Leute sprachen ihr Elsasser Deutsch, vermischt mit französischen Brocken, waren aber zum erheblichen Teil garnicht imstande, französisch zu sprechen. Sie waren zwar nichts weniger als deutsch-freundlich und schimpften gerne auf die »Schwoben«. Aber wenn man die Politik beiseite ließ, so konnte man mit ihnen recht gut auskommen. Es ist mir ein Rätsel, daß die deutsche Verwaltung es nicht fertiggebracht hat, in 40 Jahren bei dieser im Grunde gutmütigen, allerdings demokratisch gesinnten Bevölkerung mehr Sympathie zu erwerben.
In Straßburg selbst waren noch manche Überreste französischer Einrichtungen und Sitten geblieben. In öffentlichen Tanzlokalen belustigte man sich noch am Cancan, und es war drollig anzusehen, wie selbst auf dem Lande beim sonntäglichen Tanz einzelne Bauernburschen die beim Cancan üblichen Sprünge versuchten, aber selten einen durchschlagenden Erfolg erzielten. Auch im sittlichen Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern herrschte für deutsche Begriffe eine zu freie Form.
Der Verkehr zwischen Studenten und Professoren, die fast alle noch im jugendlichen Alter standen, war behaglicher und anziehender als auf irgendeiner anderen Hochschule. Besonders profitierten davon die Naturforscher und die Mediziner. Da auch die Institute von der deutschen Regierung reichlich mit Geld ausgestattet wurden und die Zahl der Studierenden in den ersten Jahren gering blieb, so war der praktische Unterricht ausgezeichnet und gab sich auch bald in den wissenschaftlichen Leistungen kund. Dieser Vorzug von Straßburg übte allmählich seine Anziehungskraft aus, und wenn nicht die Stadt als so teuer verschrieen gewesen wäre, so würde auch bald die Studentenzahl derjenigen der altdeutschen Universitäten gleichgekommen sein.
Unsere Schilderungen von dem akademischen Leben an der jungen Universität in der alten Reichsstadt haben auch in der eigenen Familie ihre Werbekraft ausgeübt. Schon nach einigen Semestern kam der Vetter Ernst Fischer dorthin, nachdem er das medizinische Staatsexamen bestanden und einige Zeit als Assistent in der chirurgischen Abteilung des Cölner Bürgerhospitals tätig gewesen war. Er besuchte in Straßburg nicht allein die chirurgische Klinik, die unter Leitung von Professor Luecke stand, sondern interessierte sich auch für Studien auf der Anatomie bei Waldeyer und auf der pathologischen Anatomie bei von Recklinghausen. Bei dieser Gelegenheit hat er eine kleine Erfindung gemacht, mit der sein Name wohl dauernd verbunden bleiben wird, und die ich erwähnen will, weil ich dazu die Anregung geben durfte. Damals war das Färben von anatomischen Präparaten, das von meinem Schwiegervater Josef von Gerlach mit der Anwendung des Carminrots in die Wissenschaft eingeführt wurde, schon allgemein üblich. Aber die Zahl der benutzten Farbstoffe war gering. Als ich davon durch den Vetter Ernst hörte, riet ich ihm, das Eosin zu versuchen, das kurz zuvor von Baeyer und Caro entdeckt worden war und das ich bei meiner Doktorarbeit über Fluorescein nicht allein als chemisches Präparat, sondern auch an meinen Händen als prächtiges Färbemittel für tierische Gewebe kennen gelernt hatte. Die Versuche vom Vetter fielen dann auch so gut aus, daß er den Farbstoff in die anatomische Praxis einführen konnte, worin er sich bis jetzt erhalten hat.
Nebenher interessierte er sich besonders für die Antisepsis in der chirurgischen Praxis, die durch den Lister'schen Verband schon eine hohe praktische Bedeutung erlangt hatte. Er bemühte sich, diesen zu verbessern und war schon damals der Ansicht, daß der Antisepsis in der Chirurgie die Asepsis folgen würde. Zunächst bemühte er sich aber, anstelle der Carbolsäure unschuldigere Antiseptica zu finden und so kam er auf das Naphtalin, dessen Giftigkeit für Ungeziefer man schon kannte. Er hat für den medizinischen Gebrauch dieses Kohlenwasserstoffes Propaganda gemacht und es auch bei der damals in Frankreich so stark wütenden Phylloxera (Reblaus) empfohlen, ohne aber in der Praxis durchzudringen.
An diese Bemühungen knüpfte sich eine andere Erfindung, deren Zustandekommen wie eine Anekdote anmutet. Infolge der Empfehlung des Naphtalins als Antiseptikum von Ernst Fischer kamen 2 Assistenten der Klinik für innere Medizin zu Straßburg auf den Gedanken, den Kohlenwasserstoff zur Desinfektion des Darms im krankhaften Zustande zu verwenden. Sie bestellten das Mittel bei einer Straßburger Drogenhandlung mit dem Bemerken, daß es ganz rein sein müsse, und sie erhielten dann auch ein Präparat, vom dem das Geschäft behauptete, es sei so rein, daß es keinen Geruch mehr habe. Als sie nun dieses Mittel bei fiebernden Darmkranken anwendeten, beobachteten sie das rasche Sinken der Temperatur. Glücklicherweise war der eine Mediziner, ein Bruder des Chemikers Eduard Hepp, auch chemisch gut gebildet, und er kam bald zu der Überzeugung, daß das von ihnen angewendete Mittel kein Naphtalin sei. Die chemische Untersuchung durch Eduard Hepp ergab dann auch, daß es sich um Acetanilid handelte, welches der Drogist offenbar durch Verwechselung der Flaschen als Naphtalin geliefert hatte. So ist das Acetanilid unter dem Namen Antifebrin ein bekanntes und noch jetzt namentlich in Ostasien viel gebrauchtes Fiebermittel geworden. In Europa wurde es verdrängt durch das Phenazetin, das im wesentlichen ein modifiziertes Antifebrin ist, und die gleiche fieberstillende Atomgruppe besitzt.
Es scheint mir nützlich, solche Zusammenhänge zu schildern, nicht allein aus historischen Gründen, sondern auch als neues Beispiel dafür, daß häufig der Zufall bei Erfindungen mitspielt.
Vetter Ernst hat sich später wieder ausschließlich der Chirurgie zugewandt, ist Privatdozent und außerordentlicher Professor an der Universität geworden und besaß eine chirurgische Privatklinik in der Küfergasse, von der früher schon die Rede war. Er starb während des Krieges an Typhus und Lungenentzündung. Bald nachher ist sein einziger Sohn an der Westfront gefallen. Zwei von seinen Töchtern sind in Frankreich verheiratet. Seiner Frau und seinen Kindern zuliebe ist Ernst zum Katholizismus übergetreten. Daß dabei religiöse Überzeugung mitgewirkt hat, glaube ich nicht; denn ich habe ihn nur als vollkommenen Freigeist gekannt.
Etwas später kam noch ein zweiter Vetter Fritz Fischer, Sohn des Chirurgen in Cöln als Student der Medizin nach Straßburg. Gleich nach Beginn seiner Studien erkrankte er nicht unbedenklich an Scharlachfieber, wahrscheinlich infolge einer Infektion auf der Anatomie. Wie schon erwähnt, ist er ebenfalls dort geblieben und auch als außerordentlicher Professor der Chirurgie gestorben.
Von den sonstigen studentischen Bekannten muß ich noch erwähnen Josef von Mering, mit dem zusammen ich später mehrere chemisch-medizinische Arbeiten ausgeführt habe. Er war schon damals ein Original, als echter Sohn Cölns ein Freund des Humors, mit ungewöhnlicher Körperkraft ausgestattet und als gefährlicher Säbelfechter gefürchtet.
Die Sommermonate waren in Straßburg ungewöhnlich heiß und brachten infolge der durch Ill und Rhein stark versumpften Umgebung eine recht lästige Mückenplage. In diesem Sumpf gediehen auch die Frösche ausgezeichnet und diese waren zweifellos wieder die Vorbedingung für die Existenz der zahlreichen Störche, die auf den hohen Giebeln der alten Häuser ihre Nester angelegt hatten. Es war ein drolliger Anblick, wenn man von der Plattform des Straßburger Münsters auf die Stadt herabschaute und in das Getriebe von Hunderten von Storchnestern Einblick erhielt. Die warmen Sommer und die Lage der Stadt im Rheintal zwischen Schwarzwald und Vogesen brachten auch ungewöhnlich schwere Gewitter mit sich, und ich habe oft von meiner Wohnung in der Kalbsgasse, die ganz nahe beim Münster lag, das elektrische Wechselspiel zwischen dem Blitzableiter am Münsterturm und den Gewitterwolken bewundert. An solchen heißen Tagen fuhren wir gerne nach Kehl, um dort im Rhein zu baden und später in einem guten Gasthaus badischen Landwein zu trinken. Hier haben wir Chemiker auch im Juli 1875 ein kleines Abschiedsfest für Professor Baeyer veranstaltet, bei dem ich meine erste Tischrede hielt und glücklich stecken blieb. Das erregte großen Jubel, war aber für mich eine Mahnung, bei späteren Gelegenheiten mich besser vorzubereiten.
Das Baden im Rhein war übrigens keine ungefährliche Sache; denn die Strömung betrug in der Mitte des Stromes 3 m in der Sekunde und das Geschiebe der schweren Kieselsteine am Boden war so stark, daß man es im Wasser leicht belauschen konnte.
Im Sommer verlockte die schöne Umgebung Straßburgs verführerisch zu Ausflügen. Wir haben sie meistens nach dem Badischen ausgeführt. Schwarzwald und Odenwald sind mir auf diese Weise früh bekannt geworden. Zweimal führte mich der Weg auch nach der Schweiz. Die eine Reise, die ich mit Vetter Julius unternahm, ist früher geschildert. Ein Jahr zuvor hatte ich aber schon zusammen mit Vetter Otto Fischer und einem Studierenden der Pharmazie aus Bayern eine lustige Tour durch das Berner Oberland gemacht. Den Schluß dieser Rundfahrten in der Süd-Westecke Deutschlands machte ein Besuch der südlichen Vogesen in Gesellschaft von Vetter Ernst Fischer. Wir sind dabei auf dem Kamm des Gebirges, der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet, marschiert und kamen schließlich in die Schlucht beim großen Belchen, wo sich ein sehr gutes Gasthaus gleichen Namens befand. Hier war eine große, rein französische Gesellschaft versammelt, die einen Ausflug über die Grenze gemacht hatte. Bei Tisch blieben wir ziemlich isoliert. Die Unterhaltung mit der Nachbarschaft beschränkte sich auf einige höfliche Phrasen. Aber plötzlich erkrankte eine Dame der Gesellschaft an einer Unterleibsblutung und man verlangte dringend nach einem Arzt. Da kein anderer in der Gesellschaft zugegen war, so bot Vetter Ernst seine Hilfe an und hatte rasch die Gefahr beseitigt. Von nun an war die Stimmung der Gesellschaft gegen uns wie umgewandelt. Man lud uns ein, an den Spielen teilzunehmen und überbot sich in Liebenswürdigkeiten gegen uns. Aber bald mußten wir uns verabschieden, um unser Ziel, die Stadt Mülhausen, noch am gleichen Tage zu erreichen.
Am nächsten Tage trennte ich mich von Vetter Ernst, der die Krankenhäuser in Mülhausen kennen lernen wollte, und fuhr allein nach Straßburg zurück. Bei der Gelegenheit habe ich auf komische Art die Bekanntschaft von Otto N. Witt gemacht. Er saß in der Eisenbahn mir gegenüber und richtete nach kurzer Zeit an mich die Frage: »Mein Herr, sie sind gewiß Chemiker?« Ich bejahte das und meinte lachend, er habe das wohl an meinen stark gefärbten Händen gesehen, er selbst scheine aber auch nicht weit vom Handwerk entfernt zu sein. Die Diazokörper, mit denen wir beide vorher gearbeitet hatten, waren die Verräter und brachten uns in kollegiale Verbindung. Wir stellten uns vor und erzählten uns gegenseitig von unseren Arbeiten. Ich war mit dem Phenylhydrazin beschäftigt gewesen und Witt hatte damals gerade das Chrysoidin entdeckt. Er kam von Zürich und fuhr nach England, um dort seine Entdeckung praktisch zu verwerten. Ich lud ihn ein, in Straßburg Station zu machen, worauf er auch einging und wir haben dann einen sehr vergnügten Tag zusammen verlebt. Als ich viele Jahre später nach Berlin kam, war es mir ein Vergnügen, diese alte Bekanntschaft zu erneuern. Am nächsten bin ich ihm getreten, als wir beide Kurgäste in Kissingen im Sanatorium von Dapper waren und genug Muße fanden, uns in zwanglosen Gesprächen nicht allein über wissenschaftliche Dinge gegenseitig zu belehren und zu belustigen. Witt war eine Künstlernatur, sehr gewandt in Schrift und Sprache, humoristisch veranlagt und eine impulsive Natur. Nur mußte man sich sehr in acht nehmen, seine Eigenliebe zu verletzen. Begleitet war er damals von seiner ebenso hübschen wie liebenswürdigen Gattin, einer Engländerin.
Einige Wochen nach der Vogesenfahrt habe ich Straßburg verlassen und mit Vetter Ernst eine Fahrt durch Süddeutschland gemacht, wobei wir zuerst Tübingen, Stuttgart und dann München kennen lernten, und viele lustige Erlebnisse hatten. In Tübingen herrschten damals noch patriarchalische Zustände. Als wir in ein Weinhaus eingekehrt waren, setzte sich sofort das Wirtstöchterlein zu uns, um uns über die Stadt und das städtische Treiben Auskunft zu geben. Ebenso ging es uns im chemischen Institut, dessen Leiter Professor R. Fittig schon als Nachfolger von Baeyer nach Straßburg berufen war. Als wir dort nach einem Assistenten frugen, der uns das Institut zeigen könne, meldete sich eine junge Dame, die im Hause von Fittig tätig war. Sie wußte so gut Bescheid im Institut wie ein Fachchemiker und machte in liebenswürdigster Weise den Führer.
In Stuttgart gab es natürlich sehr viel mehr an Merkwürdigkeiten zu sehen, und in der bayerischen Hauptstadt trafen wir Professor Baeyer, der schon einige Wochen vorher übergesiedelt war. Es machte ihm besonderen Spaß, uns abends in einige originelle Wirtshäuser zu führen, um namentlich mir die Stadt sympathisch zu machen. Ich erinnere mich noch, daß eine der Kneipen den klassischen Namen »Orlando di Lasso« führte und in der Nähe des Hofbräuhauses gelegen war.
Die Kunstschätze Münchens haben wir natürlich gewissenhaft angeschaut, aber ich muß offen gestehen, daß im Gegensatz zu dem großen Eindruck, den ich von den Bildern der Pinakothek hatte, die bemerkenswerten Skulpturen der Glyptothek mich ziemlich kalt ließen. Auch zum Kunstgenuß müssen die meisten Menschen erzogen werden. Die Bedeutung der Antike für Skulptur und Architektur ist mir erst bei späteren Besuchen Italiens klar geworden. Was mich damals am meisten in München interessierte, waren doch das wissenschaftliche und das materielle Leben; denn es handelte sich um die Frage, ob ich meinem Lehrer folgen und mich für längere Zeit dort binden sollte. Meine Eltern und besonders meine Mutter waren entschieden dagegen, weil München damals in gesundheitlicher Beziehung einen recht schlechten Ruf genoß. Der Typhus war so verbreitet, daß junge Leute aus dem Rheinlande, falls sie nicht durch vorherige Erkrankung immunisiert waren, ziemlich sicher darauf rechnen konnten, in München infiziert zu werden. Und zwei Jahre vorher, im Jahre 1873 hatte dort auch die Cholera sehr stark gehaust. Zudem war das Klima der hochgelegenen Stadt mit rasch wechselnden Temperaturen im Rheinland gefürchtet.
Über alle diese Dinge beruhigte mich aber Professor Baeyer und versprach mir den hygienischen Schutz der Pettenkofer'schen Schule. Das ist auch später in ausgiebigem Maße der Fall gewesen. Wir lernten durch Baeyer die Assistenten Pettenkofers kennen, unter ihnen besonders Dr. Forster, einen sehr liebenswürdigen und kenntnisreichen Mann, der später Professor der Hygiene in Amsterdam und zuletzt in Straßburg i. Els. war. Er besaß eine Typhuskarte der Stadt, in der nicht allein die verdächtigen Straßen, sondern die einzelnen Häuser mit Typhuserkrankung bezeichnet waren. Wir haben nach dieser Karte unser Quartier in der gesunden Umgebung des chemischen Instituts gewählt und sind auch sonst immer dem hygienischen Rat von Forster gefolgt.
Als ich damals von München aus weiter reiste, war ich entschlossen, im Spätherbst dorthin zurückzukehren, um im Baeyer'schen Laboratorium meine Studien über Hydrazinverbindungen fortzusetzen.
Zunächst ging ich allein über Salzburg nach Wien, von dessen Vorzügen die österreichischen Studiengenossen in Straßburg so viel erzählt hatten. Meine Erwartungen sind in der Tat nicht enttäuscht worden. Die prächtige Lage in der Nähe des mächtigen Stroms und am Fuße lieblicher, bewaldeter Berge, die an historischen Erinnerungen reiche Altstadt und die prächtigen Neubauten am Ring, die großen Kunstschätze und die ausgezeichneten Theater, dazu das liebenswürdige naive Wesen des Volkes, die vielen schönen Frauen und die gute Natural-Verpflegung waren wohl geeignet, einen jungen Menschen wie mich zu bestechen, und ich würde vielleicht München gegen Wien ausgetauscht haben, wenn nicht der Besuch des chemischen Instituts mich ernüchtert hätte. Es war zwar ein Neubau kostspieliger Art, machte aber in keiner Beziehung den Eindruck der Zweckmäßigkeit. Viel besser gefielen mir die Menschen, die darin auch in den Ferien beschäftigt waren. Zunächst wandte ich mich an einen alten Bekannten, den Straßburger Studiengenossen Dr. O. Zeidler, der mich dann den anderen Assistenten vorstellte. Unter ihnen ragte hervor Dr. Zdenko Skraup, mit dem ich mich sofort befreundete.
Beim Mittagstisch lernte ich noch Professor Weidel kennen, der aber 10 bis 15 Jahre älter war als wir, und im Verkehr mit jungen Leuten sich ziemlich zurückhaltend zeigte. Professor A. Lieben, der die eine Abteilung des Instituts leitete, habe ich nur aus der Ferne gesehen. Erst später bin ich mit diesem fein gebildeten und liebenswürdigen Fachgenossen in nähere Berührung gekommen.
Skraup und Zeidler waren die Führer in denjenigen Teilen des Wiener Lebens, das in die Nachtzeit fällt und nicht in den Reisebüchern beschrieben wird. Wir haben aber auch zwei kleine Ausflüge in die Umgebung Wiens gemacht und mit Skraup zusammen besuchte ich die große Oper. Er war durch seine materielle Lage zu bescheidener Lebensweise gezwungen, und wir gingen deshalb in das billige Stehparkett, was mir auch sehr sympathisch war.
Vernünftigerweise durften auch die Offiziere dorthin gehen, und sie hatten sogar den Vorzug, nur die Hälfte des Eintrittspreises zu bezahlen. Da Skraup Reserveoffizier war, so erklärte er sofort aus Sparsamkeitsgründen die Uniform für diesen Theaterbesuch anlegen zu wollen. Dazu mußte er sich aber rasieren. Da die Zeit sehr knapp war, so erklärte ich mich bereit, ihm diesen Liebesdienst zu erweisen. Zeidler lieh dazu sein Rasiermesser, das, wie er später gestand, von ihm für viel niederere Zwecke benutzt wurde. Als ich nun meine Barbieroperation noch nicht zur Hälfte ausgeführt hatte, erklärte Skraup schimpfend, er wolle sich lieber einen Zahn ausziehen lassen, als solche Tortur länger zu dulden, sprang auf und lief halb rasiert und noch mit Seife beschmiert zum ziemlich weit entfernten nächsten Rasierladen. Seitdem habe ich nie mehr Leibesoperationen an anderen Menschen vollzogen. Nach etwa achttägigem höchst befriedigendem Aufenthalt kam der Abschied von Wien, wohin ich später noch zweimal zum Besuch von Naturforscherversammlungen zurückgekehrt bin. Die Rückreise ging über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt a. M. nach Euskirchen, wo ich noch einige Wochen meinen Vater in der Hühner- und Hasenjagd unterstützen konnte. Gleichzeitig suchte ich meinen Eltern klar zu machen, daß ich mit dem Phenylhydrazin eine hübsche Entdeckung gemacht hätte und daß es mein Wunsch wäre, diese weiter zu verfolgen in dem Münchener Laboratorium als freier Privatgelehrter. Obschon mein Vater behauptete, die Sache nicht zu verstehen, und überhaupt die Nützlichkeit dieser Erfindung, die man nicht praktisch verwerten könne, anzweifelte, so ließ er mir doch vollkommen freie Wahl. Zudem hatte er mich schon selbständig gemacht; denn sobald ich mit Vollendung des 21. Lebensjahres mündig geworden war, übergab er mir dieselbe Summe, die meine Schwestern als Heiratsgut erhalten hatten. Die Zinsen reichten bei meinen nicht übertriebenen Ansprüchen zum Lebensunterhalt vollkommen aus. Das Kapital überließ ich gerne meinem Vater zur Verwaltung, und er hat diese auch noch später weiter geführt, bis ich 40 Jahre alt wurde und nach Berlin übersiedelte. Dann meinte er, ich sei nun alt genug, um solche Dinge selber zu besorgen. Die Bedenken meiner Mutter bezüglich der gesundheitlichen Gefahren ließen sich beschwichtigen und so zog ich Mitte Oktober nach München. Das Laboratorium, in dem Baeyer sich provisorisch eingerichtet hatte, war nach den Plänen von Liebig 20 Jahre früher erbaut worden.
Bei seiner Berufung nach München hatte der große Forscher ausdrücklich die Verpflichtung abgelehnt, praktischen Unterricht an Studierende zu erteilen. Er hielt deshalb nur die großen Vorlesungen über Chemie und im Laboratorium widmete er sich ausschließlich seinen eigenen Forschungen. Die Zeit der großen Experimental-Untersuchungen war übrigens bei ihm schon vorüber und die Münchener Zeit hat er mehr literarischen Arbeiten gewidmet. Infolgedessen war das Laboratorium, in dem sich auch die Wohnung Liebigs befand, recht klein. Mit dem Einzug von Baeyer wurde die Dienstwohnung geopfert und im alten Gebäude ein provisorisches Laboratorium eingerichtet. Gleichzeitig begannen die Vorarbeiten für den Neubau des Instituts.
Von Straßburg waren die Assistenten Dr. E. Hepp und Dr. C. Schraube, ferner der Inspektor Kamps und der Diener Gimmig mit übergesiedelt. Als einzigen früheren Insassen des Instituts trafen wir den außerordentlichen Professor an der Universität Jacob Volhard. Er hatte seit vielen Jahren seinem Onkel Liebig sowohl als Vertreter bei den Vorlesungen, als auch bei der Redaktion der Annalen der Chemie Hilfe geleistet. Er war ein kluger, feingebildeter Mann und eine anziehende Persönlichkeit. Durch ungewöhnliche Größe und körperliche Schönheit ausgezeichnet, formgewandt und humoristisch veranlagt, hatte er sich namentlich im Verkehr mit Künstlern einen flotten, von jeder Pedanterie freien Umgangston angeeignet. Seine offene Art, sich auszusprechen, die im allgemeinen Vertrauen erweckte und namentlich uns jungen Leuten sympathisch war, konnte sich aber auch zu heftiger Grobheit steigern. Das geschah, wenn er in Jähzorn geriet, wovon ich selbst eine Probe erfahren sollte. Eines Tages traf er mich nämlich bei der Ausführung einer Elementaranalyse und begann eine gemütliche Plauderei, bis sein Blick auf eine Pipette fiel, die mir von einem Diener als wertloses Stück übergeben und zu niederen Zwecken benutzt worden war. In Wirklichkeit gehörte sie zu einem Satz von Pipetten, die Volhard sich eigens für analytische Zwecke kalibriert hatte. Und nun erfolgte ein so plötzlicher und furchtbarer Zornesausbruch, daß ich fürchten mußte, es würde zu Tätlichkeiten kommen, und mich deshalb in Verteidigungszustand setzte. Glücklicherweise ging der Anfall bald vorüber. Die Heftigkeit tat ihm dann leid, wir haben uns leicht versöhnt und sind von da an immer gute Freunde geblieben. Ich bin sogar zweimal, in München und auch in Erlangen, sein Nachfolger geworden.
Die Vorlesungen, die Professor Baeyer rechtzeitig in München begann, erfreuten sich von Anfang an eines recht guten Besuches. Auch in der kleinen analytischen Abteilung des Instituts, deren Leitung Professor Volhard übernommen hatte, herrschte ziemlich reges Leben. Bescheiden blieb dagegen im ersten Semester der Besuch der organischen Abteilung. Außer mir gab es vielleicht 6 Praktikanten. An die einzelnen Personen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wenn ich nicht irre, waren Paul Friedländer und Wilhelm Königs darunter. Dieser präsentierte sich gleich als eine originelle Persönlichkeit; denn er erschien im Institut mit einem Schuh und einem Pantoffel bekleidet und blieb auch bei dieser Ausrüstung wochenlang, obschon scheinbar kein zwingender Grund dazu vorhanden war. Leute, die sich so wenig um die Verwunderung anderer Menschen kümmern, haben mir von jeher gefallen und so habe ich denn auch die Bekanntschaft von Königs gerne gesucht, wobei sich noch das erfreuliche Resultat ergab, daß er als Cölner ein Landsmann von mir sei. Die äußere Hülle war bei ihm nicht schön, sie umschloß aber eine um so schönere Seele. Mir sind nicht viele Leute im Leben begegnet, die bei hervorragendem Verstand und ausgesprochener Begabung für Witz eine so vornehme Denkweise und ein so mildes Urteil über die Fehler ihrer Mitmenschen hatten. Dieser Eigenschaft verdankte er auch die allgemeine Beliebtheit und ich selbst habe ihn immer gerne zu meinen Freunden gezählt.
Theodor Curtius hat ihm eine liebenswürdige Biographie gewidmet, aber das kann mich nicht abhalten, auch hier seiner zu gedenken und einige gemeinsame Erlebnisse zu schildern. Königs besaß einen offenen Kopf, hatte für wissenschaftliche Dinge volles Verständnis und war keineswegs arm an guten experimentellen Ideen. Dagegen fehlte ihm die praktische Gewandtheit. Wie er selbst öfter beklagte, war es ihm nicht möglich, verschiedene Versuche zu gleicher Zeit anzustellen oder auch nur zu beaufsichtigen. Dazu kam eine gewisse Langsamkeit in der praktischen Arbeit, an der zum Teil wohl seine frühere chemische Erziehung schuld war. Er kam nämlich von Bonn, wo er auch promoviert hatte und wo das rasche Arbeiten offenbar nicht sehr gepflegt wurde. So erzählte er bei seiner Ankunft, daß er zu einer Elementaranalyse in Bonn gewöhnlich 2 bis 3 Tage gebraucht habe. Als ich ihm darauf lachend erwiderte, daß ich 5 an einem Tage machen könne, wollte er es nicht glauben, bis ich ihm den tatsächlichen Beweis dafür lieferte. Allerdings ist dafür doppelte Apparatur erforderlich. Ohne die Langsamkeit des Experiments hätte Königs bei seiner Begabung und seinem Ideenreichtum der Wissenschaft noch viel größere Dienste leisten können.
In der Geselligkeit junger Leute wurde Königs durch seinen schlagfertigen Witz rasch der Mittelpunkt. Daneben besaß er die Gabe, recht hübsche Gelegenheitsgedichte und kleine Festspiele zu verfassen. Manche davon hätten wohl verdient, im Druck zu erscheinen. Sie würden zweifellos, ähnlich den Werken des Berliner Chemikers Jacobsen eine wertvolle Bereicherung der humoristischen chemischen Literatur bilden.
Dem Inhalt, leider nicht dem Wortlaut nach ist mir ein Gedicht in Erinnerung geblieben, das er zu einem kleinen Feste der chemischen Gesellschaft in München bei meinem Abschied von dort beisteuerte. Es war dem Guanolied von Scheffel nachgebildet und bezog sich auf die von mir aufgefundene Bereitung des Kaffeins aus dem Xanthin und Guanin. Die Kunde davon war durch ein Heft der Berichte zu den Vögeln an der Guanoküste gedrungen. Um nun der deutschen Konkurrenz die Spitze zu bieten, macht ein alter Vogel zur Beruhigung der jungen Kollegen den Vorschlag, »von nun an in homologen Reihen zu scheißen«, und »wenn dann schließlich gelungen, das homologe Produkt, so wird eine besondere Probe Herrn Fischer zu Ehren gedruckt«. Diesem Liedchen fügte der Dichter noch einem Spottvers zu: »So sangen 2 muntere Vögel auf Kosten des Herrn Präsident und tranken dazu von dem Weine, den nie vor Anderen er nennt«. Damit hatte es folgende Bewandnis: Königs und ich wohnten damals bei derselben Wirtin im gleichen Stock und besuchten uns spät abends häufig, um gemeinsam ein Glas Wein zu trinken. Kurz vor dem Feste traf ich Königs bei meiner Heimkehr auf seinem Zimmer in Gesellschaft eines jungen Chemikers, beide offenbar etwas betroffen durch meinen Eintritt. Königs hatte nämlich eben das Guanolied verfaßt und sich dazu aus meinem Weinkeller eine der besten Sorten kommen lassen, die bei meiner Ankunft aber rasch durch Kutscherwein ersetzt worden war. Der junge Fachgenosse war der Conkneipant; denn Königs hatte beim Dichten Wein und Gesellschaft nötig und ließ sich von solchen Assistenten den Versfuß vortreten, um nicht zu entgleisen. Als ich mich dann entfernt hatte, fügte er dem Gedicht noch den oben erwähnten Vers hinzu.
Meine Weinvorräte waren damals nicht ganz gering und es befanden sich darunter einige recht gute Sorten. Beim Umzug nach Erlangen Ostern 1882 hatte ich der Wirtin den Auftrag gegeben, denselben nachzuschicken. Der Wein kam aber nicht und eine Anfrage ergab, daß Königs ihn mit seinen Freunden getrunken hatte. Statt dessen erschien ein großes Faß Münchener Hofbräu als Ersatz für den verschwundenen Wein. Er wußte genau, daß ich über den Spaß ebenso lachen würde, wie er es im gleichen Fall getan haben würde.
Mit Königs bin ich auch wiederholt gereist, das letzte Mal 1902 nach Nervi an der Riviera di Levante. Der dritte in unserem Bunde war S. Gabriel, ebenfalls ein richtiger Witzbold. Wenn wir abends zusammen bei einem Glase Bier saßen, so bemühten die beiden Kollegen sich in Witzen zu überbieten. Es ging wie ein Raketenfeuer und ich hatte stundenlang nichts weiter zu tun, als zu lachen. Fast noch komischer als die Witze war das außerordentliche Vergnügen, das die beiden Herren an ihren gegenseitigen Produkten hatten. Es waren heitere Tage, die wir zu prächtigen Fußwanderungen in dieser herrlichen Landschaft benützten. Auch hierbei passierten komische Dinge. Eines Tages kehrten wir auf einem sehr steilen, gepflasterten Fußweg nach der Stadt zurück und begegneten dabei drei italienischen Knaben im Alter von ungefähr 10 bis 12 Jahren, die sofort ihre Bemerkungen über die Forestiere machten, ohne zu ahnen, daß wir etwas von der Sprache verstanden. »Che banda senile« meinte der erste, »gleich wird er hinfallen« meinte der zweite, und dann schlossen sie sofort eine Wette, wen von den dreien dieses Schicksal treffen würde. Es dauerte auch nur noch wenige Sekunden, da saß Gabriel wirklich auf dem Boden, was der jungen Bande natürlich einen unbändigen Spaß machte. An der Heiterkeit hat sich aber auch die alte Bande gründlich beteiligt.
Eine andere Italienfahrt, die ich mit Königs von München aus machte, führte bis Neapel. Infolge seines roten Haares und seiner doppelten Brille wurde er von Droschkenkutschern, Bettlern und ähnlichem Volk schon aus weiter Ferne als Fremder erkannt und dementsprechend bestürmt. Das führte auch zuweilen zu komischen Auftritten. Die Droschkenkutscher hatten damals in Neapel die üble Angewohnheit, den Fremden nicht allein zur Benutzung ihres Fahrzeuges einzuladen, sondern auf offener Straße zu folgen und überall in den Weg zu fahren, wo man eine Straße kreuzen wollte. Unserem Freund Königs schien das eine Gelegenheit, die Zudringlichkeit mit einer Neckerei zu erwidern. Er stieg also ruhig in das Fahrzeug hinein und auf der anderen Seite ebenso rasch wieder hinaus. Wenn der Kutscher dann los fuhr, war der Wagen leer. Kaum aber hatte er dieses Experiment einige Male ausgeführt, als die Kutscher auch schon eine Gegenlist erfanden. Sobald er nämlich seinen Fuß in den Wagen hineinsetzte, war dieser auch schon in Bewegung, dann gab es ein großes Gelächter und Königs mußte bezahlen.
Über solchen Dummheiten wurde aber doch der Hauptzweck der Reise niemals versäumt, denn Königs war gebildet genug, um für die ungeheuren Kunstschätze Italiens und für die Fundstätten der antiken Kultur Verständnis zu besitzen. Für gute Bilder konnte er sich sogar begeistern. Dazu mag auch wohl das Beispiel seines einen Bruders beigetragen haben, der in Berlin Bankier war und seine stattlichen Einkünfte für den Ankauf von guten Bildern verwendete. Der größte Teil der wertvollen Sammlung ist nach dem frühzeitigen Tode des Bankiers von den Geschwistern der Nationalgalerie geschenkt worden.
In späteren Jahren hat Königs mich in Berlin regelmäßig wenigstens einmal im Jahre besucht und dann manchmal mit seinen Geschwistern, besonders mit seiner klugen und fein gebildeten Schwester Fräulein Elise Königs in Berührung gebracht, die den Berliner Gelehrten als weiblicher Mäcen wohl bekannt ist und von der Akademie der Wissenschaften durch Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille geehrt wurde.
Eine ganz andere Natur als Königs war Paul Friedländer, der Sohn eines Universitätsprofessors in Königsberg, mit dessen Persönlichkeit meine Münchener Erinnerungen auch eng verknüpft sind. Er kam als Student in das Baeyer'sche Laboratorium, wurde aber wegen seiner Begabung auch von uns älteren Chemikern als gleichberechtigt angesehen. Nebenher war er sehr musikalisch und konnte recht schwierige klassische Sachen auf dem Klavier aus dem Gedächtnis vortragen. Durch seine späteren Arbeiten über Thio-Indigo und über den antiken Purpur, den er als Dibromindigo erkannte, hat er sich in der Wissenschaft einen geachteten Namen geschaffen. Auch mit ihm habe ich mehrere Reisen nach Italien gemacht, sogar meine erste, die über Verona, Venedig, Padua, Florenz und Mailand ging und bei der er mir wegen seiner besseren Sprachkenntnisse ein wertvoller Führer war. Er ist 6 Jahre jünger wie ich und noch in voller Rüstigkeit an der technischen Hochschule zu Darmstadt tätig. Ich bin durch die Kriegswirtschaft, woran er sich auf Veranlassung von Professor Haber beteiligte, wieder öfter mit ihm in Berührung gekommen.
Im Frühjahr 1876 kehrte auch der Vetter Otto Fischer in Baeyers Laboratorium zurück, nachdem er das Wintersemester bei Liebermann über Methylanthracen gearbeitet hatte, und wir haben bald nachher die gemeinsame Untersuchung über Rosanilin begonnen, wovon später ausführlich die Rede sein wird.
Ungefähr um dieselbe Zeit gesellte sich zu unserem Kreise als älterer Student der Chemie Hans Andreae aus Dresden, dessen Mutter eine geborene Dilthey aus Rheydt und deshalb meine Kusine war. Der Vater, ein Kunstmaler, stammte aus der rheinischen Familie Andreae, die in Mülheim a. Rh. eine große, sehr bekannte Sammetfabrik hatte. Dieser Hans war ein frischer, lustiger Geselle, aber stark verbummelt und dem Gambrinus ergeben. Gearbeitet hat er in München kaum, aber sehr viel Bier getrunken, Skat gespielt und Späße gemacht. Bei seiner unvernünftigen Lebensweise waren Unfälle nicht selten. Schon in Leipzig hatte er bei einer Rauferei einen Messerstich in die Lunge bekommen. In München zog er sich eine langwierige Verrenkung des Fußknöchels zu und ein Semester später erkrankte er an einem schweren Typhus. Da er auch nach dieser Krankheit die alte Lebensweise beibehielt, so riet ich seinem Vater, der sich an mich gewandt hatte, ihn wieder ins Elternhaus zurückzunehmen und auf der technischen Hochschule zu Dresden seine Studien fortsetzen zu lassen. Das war seine Rettung; er wurde nun vernünftig, machte seine Examinas und ist dann wohlbestallter Fabrikant in Burgbrohl in der vulkanischen Eifel geworden, wo er eine natürliche Kohlensäurequelle ausnutzt und hauptsächlich zur Bereitung von Alkalibicarbonat verwendet. Sogar zum kirchlichen Würdenträger hat er es gebracht, denn bei seinem letzten Besuche in Berlin erzählte er mir, daß er als Vertreter der niederrheinischen Synode an einer kirchlichen Versammlung teilnehme.
In dem provisorischen Laboratorium zu München haben wir es trotz mancherlei Mängel der Einrichtungen recht behaglich gehabt; denn die Arbeiten waren von Erfolg begleitet, wie ich in einem besonderen Kapitel noch ausführen werde, und Professor Baeyer tat alles, uns zu fördern und den Aufenthalt angenehm zu machen. Ebenso wie in Straßburg habe ich mich auch hier seiner besonderen Gunst erfreut. Obschon ich nur einfacher Praktikant ohne jede Verpflichtung gegen das Institut war, so räumte er mir doch mancherlei Rechte ein, die sonst nur den Assistenten zustanden. Auch im persönlichen Verkehr sind wir uns näher getreten. Er lud mich öfters zu Gesellschaften in seiner Familie und im Sommer, wo diese frühzeitig auf das Land ging, sind wir auch manchmal zusammen ins Gasthaus gegangen. Aus den hier geführten Gesprächen habe ich manches gelernt, das außerhalb des wissenschaftlichen Ideenkreises lag. Einer Unterhaltung aus dem Sommer 1876 erinnere ich mich noch deutlich, weil ich Baeyer darin meine Absicht kund gab, bei der wissenschaftlichen Laufbahn zu bleiben. Zu dem Zweck wollte ich im nächsten Winter wieder nach Straßburg gehen, um bei Rose den analytischen Unterricht näher kennen zu lernen. Er hielt das für ganz vernünftig, weil Robert Bunsen doch wohl schon zu alt sei, knüpfte daran aber lachend die Bemerkung, daß ich mit großer Überlegung auf mein Ziel lossteuere.
Zunächst habe ich aber die Herbstferien 76 zu einer Reise nach Berlin, Kopenhagen und Hamburg benutzt, die sehr genußreich und zum Schluß belehrend für mich ausfiel. Der erste Teil der Reise ging über Dresden und Leipzig. Mein Begleiter war Vetter Otto. Die sächsische Hauptstadt hat uns durch die schöne Lage, die prächtigen Bauten und die wunderbaren Kunstsammlungen sehr imponiert. Wir hörten auch manches über die Bewohner durch die dort ansäßige und früher erwähnte Familie Andreae, ein Ehepaar mit 10 Kindern, das uns Vettern sehr freundlich aufnahm.
Leipzig hat uns nicht allein als Universität, sondern auch als Handelsstadt gut gefallen. In Berlin, wo wir uns 8 Tage aufhielten und mit Wilhelm Königs zusammentrafen, der sich dann als Reisegefährte anschloß, konnten wir noch viel mehr Interessantes sehen und erleben, da der Bekanntenkreis von Königs dort groß war und wir durch ihn auch in die nächtlichen Geheimnisse der Großstadt rasch eingeweiht wurden. Trotzdem war der Gesamteindruck, den die Stadt mir hinterließ, nicht besonders freundlich. Infolge der Gründerperiode war sie in einem Umwandlungsprozeß begriffen, der sich durch gewaltiges Wachstum und viele häßliche Bauten auszeichnete. Aber auch von den unschönen Einrichtungen des alten Berlins war manches übrig geblieben, und ich erinnere mich noch jetzt mit Schaudern, nächtlicherweile in einen Rinnstein gefallen zu sein, der wenigstens ⅓ m tief und mit keiner angenehmen Flüssigkeit gefüllt war. Auch der Grundzug der Bevölkerung, ihre schnarrende und schnoddrige Redeweise, mit dem befehlshaberischen, an das Militär erinnernden Ton, waren mir recht ungewohnt.
Die chemischen Institute, die wir ansahen, konnten ebenso wenig unseren Beifall erwecken, und wenn mir jemand damals prophezeiht hätte, daß ich einmal nach Berlin berufen würde, so hätte ich sicherlich in Gedanken ein solches Angebot energisch abgelehnt. Von dort ging die Reise weiter über Stettin, wo wir sofort das Schiff nach Kopenhagen bestiegen. Vetter Otto trennte sich für diese Zeit von uns und fuhr in der zweiten Kajüte, weil er annahm, daß hier die Gesellschaft besser sei. Es war meine erste Meerfahrt, und sie ist mir dauernd im Gedächtnis geblieben, weil sie recht stürmisch verlief. Schon auf dem Haff wurden viele Personen seekrank, und als wir auf das offene Meer kamen, geriet das kleine Schiff in bedenkliche Schwankungen. Königs und ich haben uns tapfer gehalten, bis wir am späten Abend, durch die Kälte gezwungen wurden, in die Kajüte zu gehen. Hier haben wir dann ebenfalls Neptun unser Opfer bringen müssen, und als wir am nächsten Morgen in Kopenhagen ankamen, war die ganze Schiffsgesellschaft in ziemlich trostlosem Zustand.
Der Aufenthalt in der prächtig gelegenen und durch die große Kunst Thorwaldsens geweihten dänischen Hauptstadt hat uns für die erlittene Mühsal reichlich entschädigt.
Die Dänen sind ein sehr höfliches Volk und trotz der politischen Abneigung, die sie damals gegen Deutschland hegten, haben sie uns mit großer Zuvorkommenheit behandelt. Nur einmal stießen wir mit ihrem Vorurteil zusammen. In einem Caféhaus, wo wir die einzigen Gäste waren, zog Königs ein Kartenspiel hervor, das er immer auf Reisen mitführte, und wollte ein kleines unschuldiges Skatspiel beginnen. Dagegen erhob aber der Wirt entschiedenen Widerspruch, weil in den besseren Gasthäusern der Stadt das Kartenspiel Anstoß errege.
Natürlich haben wir auch die schöne Umgebung von Kopenhagen, das Seebad Klampenborg, die kleine Stadt Helsingoer, mit dem alten aus Hamlet bekannten Schlosse, und endlich das im Innern gelegene prächtige Schloß Frederiksborg besucht. Ich bin später nicht mehr nach Dänemark gekommen, habe aber dem schönen Seeland eine dauernde freundliche Erinnerung bewahrt.
Die Überfahrt über Korsoer nach Kiel ging ohne Zwischenfall von statten, da die See ruhig war. Kiel machte damals den Eindruck einer kleinen schmutzigen, ziemlich unbedeutenden Seestadt. Von der großen deutschen Marine mit den gewaltigen Werftanlagen der Neuzeit war noch sehr wenig vorhanden, dagegen hatten wir bei der Einfahrt, die früh morgens erfolgte, das Vergnügen, die prächtige Kieler Bucht zu bewundern.
Ebenso gab uns die Eisenbahnfahrt von Kiel nach Hamburg willkommene Gelegenheit, das hübsche und freundliche Holstein'sche Land mit manchen kleinen Seen und prächtigen Waldungen zu sehen. Hamburg war damals noch nicht die gewaltige Handelsstadt wie heute. Aber als Seeplatz nahm es doch schon den ersten Rang in Deutschland ein, und das Leben im Hafen bot für uns Landratten viele Überraschungen. Auch die Stadt selbst mit den schönen Bauten an der Alster, mit der prächtigen Kunsthalle und den guten Theatern war wohl geeignet, die Aufmerksamkeit des Reisenden zu erwecken. Als junge Leute, die den ganzen Tag auf der Schau sein konnten, haben wir das alles in ein paar Tagen gesehen.
Inzwischen hatte die Tagung der deutschen Naturforscher und Ärzte begonnen, an der wir als Mitglieder teilnahmen. Die chemische Sektion war nicht sehr besucht, aber ich habe doch einige für mich interessante Bekanntschaften gemacht. Zunächst A. Ladenburg, damals Professor der Chemie an der Universität Kiel, dann der außerordentliche Professor Michaelis von Karlsruhe, der gerade aus England kam und sich ebenso durch einen ungeheuren Bart wie durch einen altersschwachen Cylinderhut auszeichnete. Endlich Dr. E. Noelting, ein Freund und späterer Schwager von Witt. Er interessierte sich besonders für Farbstoffe und interpellierte mich sofort über das Rosanilin, über das ich mit dem Vetter Otto eine kleine Publikation gemacht hatte. In einer Sitzung der chemischen Abteilung habe ich meinen ersten wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Er war ziemlich kurz und handelte von dem asymmetrischen Diphenylhydrazin, das ich kurz vorher gefunden hatte, und dessen Isomerie mit dem Hydrazobenzol interessante Vergleiche gestattete. Der Präsident der Sitzung, Professor Ladenburg, hat mir dazu einige freundliche Worte der Anerkennung gewidmet.
Von den allgemeinen Sitzungen, die wir ebenfalls besuchten, ist mir nur ein Vortrag des Zoologen Moebius aus Kiel in Erinnerung geblieben, weil er ein chemisches Kuriosum brachte. Es war die Identität des mysteriösen Urschleims (Bathybius Haeckelii) mit amorphem Gyps, der beim Vermischen von Seewasser mit Alkohol ausfällt.
Die Stimmung der Naturforscher, die im Hamburger Volksmund »die forschen Naturen« hießen, war die denkbar beste, gehoben durch das prächtige Herbstwetter, die vielen Vergnügungsgelegenheiten der Seestadt und die flotte Gastfreundschaft der Hamburger Bürgerschaft. Von den Festlichkeiten ist mir in Erinnerung geblieben eine Dampferfahrt nach Blankenese. Bei der Rückkehr hatten wir Gelegenheit, die Ausgelassenheit und Rohheit der Hafenbevölkerung kennen zu lernen. Es war schon halb dunkel und Scharen von halbwüchsigen Burschen vergnügten sich nun damit, unserer Gesellschaft und besonders den Damen kleine, aber doch scharf explodierende Feuerwerkskörper unter die Füße zu werfen. Anderwärts hätte man sich über diesen Unfug entrüstet, die Hamburger aber waren daran gewöhnt und blieben ganz gelassen.