Anmerkungen zur Transkription
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INDIANERLEBEN
Tafel 1. Der Verfasser mit Ashluslayfreunden.
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GRÖSSERES BILD
INDIANERLEBEN
EL GRAN CHACO
(SÜDAMERIKA)
VON
ERLAND NORDENSKIÖLD
LEIPZIG 1912 / ALBERT BONNIER
EINZIGE AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG
AUS DEM SCHWEDISCHEN
VON
CARL AUERBACH
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.
Inhaltsverzeichnis.
| Seite | |
| Einleitung | |
| Erstes Kapitel: | |
| Reise nach dem Arbeitsfeld | |
| Der Calilegua | |
| Zweites Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo | |
| Drittes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Gemeinwesen | |
| Das Indianerhaus | |
| Viertes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Der Kampf ums Dasein | |
| Wie man bei den Ashluslays und Chorotis ißt | |
| Fünftes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Indianerkinder | |
| Männer und Frauen | |
| Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen | |
| Sechstes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Trinkgelage | |
| Das Tabakrauchen | |
| Medizinmänner, religiöse Vorstellungen | |
| Vom Matacoindianer Na-yás erzählte Sagen: | |
| Der Raub des Feuers | |
| Die Frau, die sich mit den Hunden verheiratet hat | |
| Die große Feuersbrunst | |
| Der Maisraub | |
| Der Sohn des Chuña | |
| Als die Matacos und die Christen die Welt teilten | |
| Der Fuchs und der Stier | |
| Siebentes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Kunst und Industrie | |
| Die Indianer als Zeichner | |
| Achtes Kapitel: | |
| Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung) | |
| Krieg und Frieden | |
| Handel | |
| Besuch in fremden Dörfern | |
| Das Verhältnis zu den Weißen | |
| Neuntes Kapitel: | |
| Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer | |
| Zehntes Kapitel: | |
| Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer | |
| Indianer als Geographen | |
| Der Indianer als Historiker | |
| Elftes Kapitel: | |
| Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer | |
| Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten | |
| Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern | |
| Tabelle, welche die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bei den Chanés und Chiriguanos ausweist | |
| Nahrungszweige | |
| Zubereitung der Speisen | |
| Spiele | |
| Das Leben der Indianerkinder | |
| Alltagskleidung | |
| Reinlichkeit | |
| Zwölftes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Vom Mutterleib bis zum Grabe | |
| Dreizehntes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a. | |
| Vierzehntes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Häuptlinge und Gesetze | |
| Fünfzehntes Kapitel: | |
| Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos | |
| Sechzehntes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Kunst und Industrie | |
| Siebzehntes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Sage und Religion | |
| 1. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers | |
| 2. Der Weltuntergang und der Raub des Feuers | |
| Besuche in Aguararenta (dem Dorfe der Füchse) | |
| Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte | |
| Geister- und Tiersagen | |
| Die Erschaffung der Welt, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, den Algarrobobaum fand, und wie er den weißen Kondor, Ururuti, fing | |
| Tatutunpas und Aguaratunpas Verheiratung | |
| Die Entstehung der Arbeit | |
| Wie Aguaratunpa seinen Bruder nach dem Himmelsgewölbe schickte | |
| Über den Sohn von Tatutunpa, und wie er seine Mutter gerettet hat | |
| Der Mann, der sich mit der Tochter des Donnergottes, Chiqueritunpa, verheiratet | |
| „Choihuihuis“ Frauenraub | |
| Wie Aguaratunpa Tatutunpa tötete und dann selbst getötet wurde | |
| Der Mann, der Añatunpa verbrannte | |
| Der Mann, der Añatunpa tötete | |
| Wie Bisose Reichtümer aus dem Berge holte | |
| Der Fuchs und der Jaguar | |
| Als die Schildkröte „Carumbe“ den Jaguar tötete | |
| Die Liebessage des Kolibris | |
| Als die Zecke, Yatéu, mit dem Strauß, Yándu, um die Wette lief | |
| Die Indianer und die Naturerscheinungen | |
| Achtzehntes Kapitel: | |
| Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Fortsetzung) | |
| Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos | |
| Die Furcht vor den Gummigegenden | |
| Frondienste für die Weißen | |
| Neunzehntes Kapitel: | |
| Die Tapieteindianer | |
| Zu diesen Indianern | |
| Kultur und Sprache der Tapieteindianer | |
| Tapietesagen: | |
| Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen | |
| Wie die Tapietes das Schaf bekamen | |
| Der Raub des Feuers | |
| Das Entstehen der Zahnschmerzen | |
| Die Taubstummen der Tapietes | |
| Zwanzigstes Kapitel: | |
| Die Tsirakuaindianer | |
| Schlußwort | |
Einleitung.
In diesem Buche beabsichtige ich, einige Indianerstämme, die ich während meiner Reise 1908–1909 näher kennen gelernt habe, zu schildern.
Ich habe das intime Leben dieser Menschen, ihre Gesellschaft, ihre Häuslichkeit, ihren Kampf ums Dasein, ihre Streitigkeiten, ihre Erziehung, ihre Moralbegriffe, ihre Religion und ihre Sagen hier zu schildern versucht.
In erster Reihe habe ich somit einen Beitrag zur Kenntnis der sozialen Verhältnisse im Gemeinwesen der Indianer liefern wollen.
Ich habe versucht, die Indianer kennen zu lernen und habe auch Sympathie für sie empfunden. Ich habe, so gut es ging, das Leben der Indianer zu leben, sie zu verstehen gesucht. Ich habe mit ihnen gefischt, getanzt, gesungen und getrunken. Ich habe zu vergessen gesucht, daß ich ausgezogen bin, um diese Menschen zu studieren, und nicht, um nur mit ihnen zu leben und mich zu amüsieren.
Ich habe diese Indianer als Mitmenschen betrachtet.
Unter vielen trockenen Tatsachen habe ich hier Menschen zeigen wollen, die der Sympathie des Lesers würdig sein dürften.
Meine Reise ist durch die Freigebigkeit meines Freundes Arvid Hernmarck zustande gekommen. Ich bin ihm deshalb zu großem Danke verpflichtet.
Mit seinem bekannten Interesse für die Schweden, die Südamerika kennen lernen wollen, hat mir Herr Generalkonsul Axel Johnson auf den bequemen Dampfern, die den immer blühenderen schwedischen Handel nach Argentinien vermitteln, freie Reise und freie Frachten gewährt.
Großen Dank schulde ich Frau Rosa Hernmarck, dem früheren Ministerresident O. Gyldén, dem Legationsrat H. von Bildt und dem Apotheker H. Enell, welche teils zu meiner Ausrüstung beigetragen, teils meine Sammlungen verwaltet haben.
Bei meinen umfassenden Streifzügen in Bolivia bin ich sowohl in der Hütte des Armen wie von dem reichen Estanciero mit außerordentlicher Gastfreiheit aufgenommen worden. Bei den Indianern wie bei den Weißen habe ich mich als Hausfreund betrachtet.
Am wohlsten habe ich mich bei den Indianern gefühlt!
Erstes Kapitel.
Reise nach dem Arbeitsfeld.
Am 21. Februar 1908 verließ ich zusammen mit einem Schweden, W. Andersson, Schweden, um mit dem Dampfschiffe „Drottning Sofia“ nach Buenos Aires zu fahren. Auf der herrlichen Seereise konnten wir Kräfte für künftige Strapazen sammeln. Mit Salz- und Sonnenbädern härteten wir unsere Körper in dem Gedanken: Auf einer solchen Reise, wie dieser, ist die allerwichtigste Ausrüstung eine gute Gesundheit. Ist man munter und gesund, so arbeitet man gut, ist man infolge Krankheit niedergedrückt, dann geht alles schlecht. Während meiner ganzen Reise war ich auch nicht einen einzigen Tag ordentlich krank.
Auf dem Dampfer schloß ich mit einem jungen Landsmann, Carl Moberg, Bekanntschaft. Es war ein wilder Junge. Eines Tages kletterte er auf den Großmast der „Sofia“, setzte sich auf den runden Knopf der Spitze und genoß bei einer Zigarette die Aussicht. Da er den Eindruck eines kühnen und furchtlosen Menschen machte, stellte ich ihn bei der Expedition an. Und das habe ich nicht zu bereuen brauchen. Moberg erwies sich während der ganzen Reise als ein tüchtiger und zuverlässiger Kamerad. Ich habe ihn hier so schildern wollen, wie ich ihn zum ersten Male kennen gelernt habe, damit der Leser verstehe, daß er ein Mann war, der für die Indianer paßt.
Ich will hier nicht schildern, was so viele andere vorher beschrieben haben, sondern übergehe Buenos Aires und begebe mich von dort direkt nach der Zuckerfabrik Esperanza in Nordargentinien. Wo die Indianer anfangen, dort will ich auch meinen Reisebericht beginnen. Ich bitte nun den geneigten Leser, der besseren Orientierung wegen, diesen Platz auf der Karte aufzusuchen.
Nach den Zuckerfabriken in Nordargentinien kommen die Indianer von weit umher. Hier in den Fabriken treffen wir nicht die Wilden der Urwälder, sondern solche, die, von den Reichtümern des weißen Mannes angelockt, aus ihren Dörfern gekommen sind, um Arbeit und Verdienst zu suchen. In diesem Buche werden wir diese Menschen auch nicht hier, sondern weit hinten in den Urwäldern und Gebüschen ihrer Heimat kennen lernen.
Mit dem größten Wohlwollen wurde ich von den Brüdern Leach, den Besitzern der Fabrik Esperanza, aufgenommen. Sie haben ein echt englisches Heim mit bequemen Stühlen, Polo, Freundschaft ohne Ziererei und Zeremonien und Dienstbereitschaft ohne viele Worte.
In Esperanza hielt ich mich einen Monat auf, um meine Expedition auszurüsten. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit zum Studium der Indianer, die, wie schon erwähnt, von weit her nach den Fabriken kommen, um Arbeit zu suchen. Außerdem machte ich eine Expedition nach dem nahebelegenen Berge Calilegua.[1]
Unter den Indianern in Esperanza hatte ich das Glück, einen alten Freund von meiner Reise 1901 zu treffen, den Matacoindianer „Chetsin“. Dieser, der Dolmetscher seines Stammes, sprach ausgezeichnet spanisch. Beinahe jeden Tag pflegte ich ein Stündchen in seiner Hütte zu verweilen und mit ihm von allem möglichen zu sprechen. Zuweilen erzählte er mir einige Sagen seines Stammes.
Es war ein eigentümliches Gefühl, auf einem Holzblock in der Grashütte bei einem spärlichen Feuer zu sitzen und erzählen zu hören, wie die wilden Schweine dem Gürteltier den Mais stahlen und wie das Meerschweinchen dem Jaguar das Feuer stahl und es den Matacoindianern gab, und einige Augenblicke später in einem bequemen Stuhle in dem englisch komfortablen Leachschen Hause zu sitzen und über Politik, Flugschiffe und Sport zu sprechen. Die Gegensätze im Leben bereiten immer Vergnügen.
Über die Wanderung der Indianer nach den Zuckerfabriken möchte ich hier einige Worte sagen.
„Bapurenda“ nennen die in Bolivia lebenden Indianer das Land Argentinien. Das bedeutet: dort gibt es Arbeit. Nach den Zuckerfabriken kommen jährlich tausende Indianer aus dem argentinischen Chaco und aus Bolivia, um Arbeit zu suchen. Man verwendet sie teils zum Roden und Graben, teils für die Ernte. Diese Wanderung nach Argentinien ist für die friedliche Eröffnung der in Südbolivia von Indianern bewohnten Wildnisse von der größten Bedeutung für die Weißen gewesen, und ist es auch heute noch. Nach „Bapurenda“ kommen die Indianer aus weiter Ferne. Man sieht dort die sauberen und aufgeweckten Chiriguano und Chané, die heimtückischen und zudringlichen Toba, die schmutzigen und unzuverlässigen Mataco, die stets heiteren und faulen Choroti. Einige Tapiete und Ashluslay[2] sind auch dort gewesen, obschon die ersteren als Toba, die letzteren als Choroti und Mataco aufgetreten sind. Eigentümlicherweise sollen auch von solchen Teilen des südbolivianischen Chaco, wo noch nie ein Weißer gewesen ist, Indianer nach Argentinien gekommen sein. Unter ihnen ist der Chiriguanohäuptling Cayuhuari bemerkenswert. Dieser Häuptling wohnt seit 1890, wo er sich gegen die Weißen empört hatte, im Chaco.
Ein sehr großer Teil der Indianer nimmt die lange Reise nach Argentinien zu Fuß vor, da nur wenige Pferde haben. Einzelne haben bis zu ihrer Ankunft über 500 km zu wandern, und das ist ein ganz hübscher Spaziergang.
Der Grund der Wanderung dieser Indianer ist die große Schwierigkeit, alle die Herrlichkeiten des Weißen, wie Messer, Äxte und Kleider, in ihrem eigenen Lande zu erwerben. Wenn sie bei sich zu Hause Arbeit haben, ist sie in der Regel schlecht bezahlt, und innerhalb großer Gebiete ist überhaupt keine Arbeit zu bekommen.
Mehrere Indianer haben mir gesagt, sie würden, wenn sie zu Hause Arbeit fänden, diese Wanderung nicht vornehmen. Eins ist jedoch sicher, daß diese Reisen in ein fremdes Wunderland im höchsten Grade verlockend für sie sind. Ich war gerade in einem Ashluslaydorf, als die ersten dieses Stammes, die in den Fabriken gewesen sind, wieder nach Hause kamen. Sie wurden mit Ovationen empfangen. Das ganze Dorf war ihnen entgegengegangen, und unter dem Gesang der alten Frauen wurden sie zu ihren Hütten gebracht, wo sie von ihren Kindern und Frauen bewillkommnet wurden. Sie hatten so viel Merkwürdiges mitgebracht, alte Gewehre, alte Uniformen, Zucker, Streichhölzer, Pulver, Knallerbsen, betresste Käppis, Anelin u. a. Wie viel ist nicht zu erzählen, wenn man nach Hause kommt. Es muß mindestens ebenso merkwürdig gewesen sein, als wenn ein Erdbewohner von einer Reise nach dem Monde nach Hause gekommen wäre. Wie wunderbar muß es den zu Hause Gebliebenen vorgekommen sein, von den Eisenbahnen, den Fabrikmaschinen, den elektrischen Bogenlampen, den großen Hütten und allem anderen Neuen zu hören. Auch sie werden zu der mühseligen, langen Wanderung verlockt, und immer weitere Gebiete eröffnen sich dem weißen Manne ohne Kampf, ohne Schwierigkeiten.
Infolge dieser Wanderungen nach Argentinien verbreiten sich eine große Masse Werkzeuge, Messer, Waffen u. a. über den ganzen Chaco, und die ursprüngliche Kultur der Indianer verändert sich vollständig. Viele von ihnen lernen auf diesen Reisen etwas Spanisch, denn den Indianern fällt diese Sprache leicht. Sie lernen sogar sehr bald, es grammatikalisch zu sprechen.
Nach den Zuckerfabriken kommen die Mataco und Choroti sowie teilweise auch die Toba mit Frauen, Kind und Kegel, Hunden und Hausgerät, Schmutz und Ungeziefer und bauen dort ihre Dörfer, ganz wie im Chaco. Die höherstehenden Chiriguano und Chané bringen nur wenig Frauen und niemals ihre kleinen Kinder mit, falls sie nicht für immer dort bleiben wollen. Die Chiriguano und Chané wohnen in Zelten oder in den den Fabrikbesitzern gehörigen Baracken.
In den Fabriken habe ich die Indianer, besonders die Mataco und Chiriguano, arbeiten sehen. Die ersteren werden als die Tüchtigsten beim Ernten des Zuckerrohres, die letzteren als die besten Gräber betrachtet. Die Mataco und verschiedene Chiriguano werden auf Akkord bezahlt. Die besten Chiriguano sind Tagelöhner und werden den weißen Arbeitern gleichgestellt. In der Regel verdienen die Chiriguano täglich 1–1½ Pesos, die Matacomänner 40 Centavos und die Matacofrauen 20 Centavos außer der Kost. Die Arbeitszeit ist für die letzteren ungefähr acht, für die ersteren zehn Stunden.
Über den Fleiß der Indianer habe ich einige Notizen machen können. Die Chiriguano arbeiten in der Regel alle Tage außer den Montagen, wo sie den Sonntagsrausch ausschlafen. In San Lorenzo, unweit Esperanza, wo ich Gelegenheit hatte, etwas statistisches Material zu sammeln, arbeiteten die Matacomänner im Durchschnitt 12½ und die Matacofrauen 11½ Tage im Monat. Das beste Resultat hatte eine Matacofrau, die von 127 möglichen Tagen 125, und ein Matacomann, der 110 gearbeitet hatte. Die Häuptlinge und Dolmetscher arbeiten am wenigsten.
Bei der Bezahlung der Indianer hat man darauf zu sehen, daß sie nicht die ganze Löhnung während der Arbeitszeit ausbezahlt erhalten, sondern noch etwas zugute haben, wenn sie heimkehren, sonst halten sie sich für betrogen.
Stirbt ein Indianer, dem die Fabrik etwas schuldig ist, so verlangen die Mataco, Choroti und Toba nichts. Trifft dies bei den Chiriguano ein, so fordert der Häuptling die Bezahlung der Schuld durch ihn an die Hinterlassenen. Der Grund hierfür ist möglicherweise der, daß die Chiriguano infolge ihrer langen Beziehung mit den Weißen die Erbschaftsverhältnisse derselben besser kennen.
Abb. 1. Matacomädchen, Esperanza.
Leider wird für die Zivilisierung der nach den Zuckerfabriken kommenden Indianer nichts getan. Sie werden hier im allerhöchsten Grade demoralisiert. Die Männer verfallen der Trunksucht, d. h. sie lernen Branntwein trinken, im Verhältnis zu welchem alle einheimischen Getränke bedeutend unschuldiger sind. Infolge des Branntweins und der schlechten Beispiele seitens der weißen Arbeiter kommt eine große Anzahl Indianer durch Schlägereien in den Fabriken um. Die Indianerfrauen verkaufen sich den Weißen. Geschlechtskrankheiten herrschen unter den indianischen Arbeitern, die teilweise geradezu Bordelle besuchen, wo sie mit den weißen Frauen Bekanntschaft machen. Der Chiriguanohäuptling Maringay, der niemals in Argentinien war, und von dem ich später noch recht viel zu erzählen haben werde, fragte mich einmal: „Sage mir, ist es wahr, daß es in Argentinien Läden gibt, wo man weiße Frauen, je nach Beschaffenheit, für 2, 3, 5 Pesos bekommt?“ Maringay fand sicher, daß die Weißen merkwürdige Läden hatten.
Abb. 2. Hütte der Mataco-Guisnay. Rio Pilcomayo.
Viele Chiriguanoindianer kommen mit ihren Familien nach den Zuckerfabriken und kehren niemals in ihre Heimat zurück. Das Leben dieser Indianer verläuft ebenso wie das der weißen Arbeiter. Sie leben in einer Art Konservenbüchsenkultur und stellen so gut wie gar keine ihrer alten charakteristischen Sachen her. Ein wie trauriges Leben führen sie doch, viel schlechter als in ihren Dörfern in ihrem eigenen Lande. Anstatt der feinen, bemalten Tongefäße bilden leere Konservenbüchsen, Blechteller usw. ihr Hausgerät. Manchmal sieht man auch unter ihren Habseligkeiten ein europäisches Nachtgeschirr — in dem sie das Essen verwahren.
Eine in den Fabriken in großer Ausdehnung betriebene Unsitte ist die, daß die Indianer Schießwaffen erhalten. Infolge dieser führen die Indianer, die dort gewesen sind, siegreiche Kämpfe mit denen, die nur Pfeile und Bogen besitzen. Diese Schießwaffen werden eines Tages manchem weißen Manne das Leben kosten, denn sicher werden die Indianer im Chaco noch manchen Aufruhr anstiften. Auf argentinischem Gebiete sorgt besonders der Tobahäuptling Taycolique systematisch für eine Bewaffnung seiner Leute mit Feuerwaffen. Er ist schon so weit gekommen, daß er die unmodernen Remingtongewehre kassiert und statt dessen Repetiergewehre eingeführt hat. Taycolique hat seinen Leuten das Schießen beigebracht. Eines Tages zog er mit einigen seiner Männer an einem Platze vorbei, wo einige Weiße Schießübungen abhielten. Taycolique forderte sie zu einem Wettschießen auf, und seine Tobaindianer gewannen den Preis.
Im großen ganzen wird meiner Ansicht nach das Indianererziehungsproblem am besten gelöst auf die Weise, daß man dem Indianer gutbezahlte Arbeit, wie sie sie in den Fabriken haben, gibt. Viel wäre außerdem zur Hebung der Indianer zu tun, sie müßten schreiben, lesen und rechnen lernen, und man müßte sie vor dem Branntwein und der Prostitution bewahren. In diesen Fabriken müßten industrielle Schulen errichtet werden, in welchen die Indianer ein Handwerk erlernten. Eine Arbeit, wie sie sie in gewissen Gegenden haben, mit durchaus unbefriedigender Bezahlung, erzieht sie nicht zu fleißigen und arbeitstüchtigen Menschen, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Erhalten sie eine ordentliche Entschädigung und sehen sie, daß es ihnen durch Arbeit gut ergeht, daß sie leichter ihren Magen füllen, Pferde, Werkzeug und Kleider anschaffen können, dann arbeiten sie gern, und die Arbeit tut ihnen gut und erzieht sie.
Der Calilegua.
Während meines Aufenthaltes in der Zuckerfabrik Esperanza unternahm ich mehrere kleine Ausflüge, darunter einen etwas längeren nach dem wunderschönen Calilegua, dessen nicht selten schneebedeckter Gipfel stolz über die Urwälder blickt, in denen Zuckerfabriken und Sägemühlen und kleine Menschlein sich abarbeiten und abäschern.
Auf mehr als schlechten kleinen Pfaden klettert der Weg diesen Berg hinauf. Er geht durch Bäche, über Gebirgskämme, durch den Urwald mit dessen schweigender, feuchtwarmer Pracht, über die Baumgrenze, nach dem einsamen, großartigen Reiche der Erdgöttin Pachamama, wo man einen weiten Blick über Täler, Hochebenen und Berge hat und sich nicht, wie unten im Tale und im Urwalde, durch Lianen und Baumstämme und zwischen dornigen Büschen hindurchzudrängen braucht.
Die Calileguaindianer sprechen alle Spanisch. Dieses ist stark mit Quichuaworten vermengt, die Namen der Heilmittel sind z. B. in der Regel auf Quichua. Man kann also annehmen, daß die ursprüngliche Sprache dieser Indianer Quichua war. Die Calileguaindianer wohnen oben auf den Bergen in kleinen viereckigen Hütten aus Stein oder getrockneten Ziegelsteinen mit Grasdächern. Auf dem First steht gewöhnlich ein Kreuz. Dasselbe schützt gegen Blitzschlag, d. h. wenn es von einem christlichen Geistlichen gesegnet ist, denn diese Gebirgsindianer sind schon seit langer Zeit Christen. Dies hindert indessen nicht, daß sie gleichzeitig an vieles andere glauben, was gar nichts mit der christlichen Religion zu tun hat. So opfern sie noch der Pachamama Branntwein und Coca. Gehen sie über einen Paß, so legen sie einen Stein auf den Boden, damit sie nicht auf dem Wege müde werden.
Auf dem Calilegua machte ich eine interessante Bekanntschaft, und zwar die eines sehr anständigen Medizinmannes in mittleren Jahren, der mir ganz offenherzig verschiedenes anvertraute. Gegen Knochenschmerzen soll man Fett vom Uturunco, Tapir oder Bären anwenden. Der Uturunco ist ein mystisches Tier; es soll ein Jaguar sein, der ehemals ein Mensch gewesen ist. Das Fett des Uturunco ist gelb. Von Peru bis nach Argentinien kennt man die wunderbaren heilenden Eigenschaften des Fettes dieses Tieres. Hat man an einem gewissen Platze die Erde berührt, so können Hand-, Fuß- oder Kniegelenke anschwellen. Man tut am besten, wenn man auf die geschwollene Stelle Erde von dem Platze, wo man krank geworden ist, legt. Auch Bärenzunge ist gut. Bei einem Erdbeben, wie sie auf dem Calilegua oft vorkommen, geht man am besten nach dem Begräbnisplatz, um zu beten. Hagelt es, so verbrenne man kreuzförmig gelegte Palmblätter, dann bleibt die Ernte unbeschädigt.
Da einer meiner Begleiter, ein argentinischer Gaucho, auf dem Calilegua erkrankte, bekam unser Freund Gelegenheit, seine Kunst zu versuchen. Er gab ihm ein aus Mais bereitetes Bier, in welches er glühende Kohlen legte. Der Gaucho gesundete und mußte dem großen Arzt ein erkleckliches Honorar zahlen.
Tafel 2. Der Calileguaberg.
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GRÖSSERES BILD
Zwischen dem, was man hier auf dem Calilegua zu sehen bekommt, und dem, was man bei den Quichuas weit hinten in Peru, zwölf Breitengrade von dort, findet, herrscht eine große Ähnlichkeit. Ungeheuer gleichförmig verbreitet sich die Quichuakultur längs der Anden. Sie haben dieselbe Kleidertracht, dieselben eigentümlichen Nadeln zur Befestigung der Frauenschale, beinahe dieselbe Keramik, dasselbe Kokakauen, dieselben Arzneien, dieselben Opfer in den Gebirgspässen, dieselben Schleudern u. a. Diese große Gleichförmigkeit fällt um so mehr auf, wenn man an den Gegensatz zwischen den Bewohnern des Gebirges und des Urwaldes denkt. Nach einem Ritte von einigen Tagen von Cuzco, der Hauptstadt des alten Inkareiches, nach den Urwäldern ist man im Gebiete der wilden Indianer, die mit den Bewohnern des Gebirges beinahe nichts Gemeinsames haben. Hier im nördlichsten Argentinien sowie im südlichen Bolivia, ist der Gegensatz nicht ganz so scharf, aber dennoch groß genug. Die Stämme, von denen ich hier sprechen will, die auf den letzten Ausläufern der Anden nach der Ebene zu oder in derselben wohnen, haben mit den Quichua und deren Nachkommen wenig Gemeinsames. Reiten wir vom Calilegua in Argentinien über das Gebirge direkt nach Cuzco, so treffen wir nur zwei Indianersprachen an, das Quichua und das Aymara. Folgen wir den Urwaldwegen und den Flüssen, so lernen wir wenigstens einige zwanzig Sprachen kennen, bis wir über Santa Cruz de la Sierra, über den Rio Mamoré und den Rio Madre de Dios nach der alten Hauptstadt der Inka kommen.
Vom Calilegua nach den Fabriken zurückgekehrt, beendigte ich meine Ausrüstungsarbeiten, und am 5. Mai saßen wir im Sattel, um nordwärts, nach dem Rio Pilcomayo, zu ziehen. Einige Tage darauf gingen wir über den Rio Bermejo und setzten unseren Weg längs der letzten Ausläufer der Anden fort. Das jetzt von uns durchzogene Gebiet war teils von Weißen, teils von den in vollständigem Abhängigkeitsverhältnis von jenen stehenden Mataco-Vejos bewohnt. Alles, was ich von ihnen sammeln konnte, kaufte ich an; des Abends saß ich bei den Alten, die mir dies und jenes erzählten. Diese Mataco haben eine Sage von einem großen, die ganze Welt verheerenden Feuer. Ein Vogel „Miya“ hatte ihnen von einer wilden Katze „Noté“ die Maissamen geraubt, ein kleiner schwarzer und roter Vogel „Sipúp“ hat die Kürbissamen geraubt. Das Meerschweinchen „No-ték“ hat das Feuer von einem bösen Geist, „Tacuash“, der es verborgen hatte und den Matacos nichts davon abgeben wollte, geraubt.
Die Mataco-Vejos sind von der mächtigen Chiriguanokultur, über die ich weiterhin ausführlicher sprechen werde, stark beeinflußt. Sie sind außer den Chiriguanos und Chanés die einzigen Indianer im Chaco, die ihre Toten zuweilen in Tongefäßen begraben.
Dem Toten bauen sie in der Tiefe des Waldes ein besonderes Haus mit Feuerstätte und Bett. Er wird auf das Bett gelegt oder manchmal in ein Tongefäß hineingestopft. Ich selbst habe niemals ein derartiges Grabhaus gesehen, die Indianer haben es mir aber so beschrieben. Als ich danach fragte, erklärten sie mir, augenblicklich gäbe es keins, das nicht vollständig zerstört sei. Sie wollten mir ihre Gräber vielleicht nicht zeigen. Auf meiner Reise 1902 zog ich auch durch das Gebiet der Vejos und grub damals ein Vejograb aus. Vielleicht war dieses nicht typisch. Unter einer Wildschweinhaut lag der Tote in die Erde eingegraben mit seiner Wasserkalebasse. Von Hütte und Bett war keine Spur vorhanden. Die Kalebasse war leer. Das Wasser habe der Tote ausgetrunken, sagten die Indianer.
Nicht selten arbeiteten die Mataco-Vejos als Diener der am Rio Itiyuro wohnenden Chanés. Daß ein Chané dagegen bei einem Mataco dienen sollte, wäre undenkbar. Einen solchen Klassenunterschied zwischen den Stämmen werden wir hier wiederholt zu erwähnen Gelegenheit haben.
Am 18. Mai waren wir in Yacuiba, einem großen Dorfe an der Grenze zwischen Bolivia und Argentinien. Jetzt ist es ein ganz anständiger Platz, während es früher ein gefährlicher Zufluchtsort für Verbrecher war, die aus Furcht vor der argentinischen Polizei hierher geflohen waren.
Yacuiba war während eines großen Teiles der Reise ein wichtiger Stützpunkt für mich. Ein liebenswürdiger Franzose, C. Holzer, hat mir dort große Dienste geleistet, indem er mir bei vielen schweren Transporten von Ausrüstungen und Sammlungen behilflich war.
Mein erster Ausflug von Yacuiba galt den Chanéindianern am Rio Itiyuro. Diesen werde ich in einem anderen Zusammenhange schildern. Mein zweiter war nach dem Rio Pilcomayo und den an diesem eigentümlichen Flusse wohnenden Indianern.
Hier begann der ernste Teil meiner Reise.
[1] Ortsnamen, Eigennamen, spanische und indianische Wörter sind in der Regel der spanischen Aussprache gemäß geschrieben.
[2] Ashluslay: englisches sh.
Zweites Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo.
Als ich frühzeitig im Jahre 1902 vom Rio Pilcomayo heimkehrte, glaubte ich kaum, daß ich jemals wieder dorthin kommen würde. Die widrigen täglichen Staubstürme machten den Aufenthalt unerträglich. Anfang Juni 1908 ritt ich gleichwohl wieder durch den großen Wald zwischen Yacuiba und Crevaux nach dem Rio Pilcomayo. Man vergißt so leicht die Schwierigkeiten einer Reise. Nach einiger Zeit gedenkt man ausschließlich der angenehmen Stunden. Nach einer Höflichkeitsvisite bei den Matacoindianern ging ich bei Crevaux über den Rio Pilcomayo und reiste durch ein von den Toba bewohntes Gebiet zu den Chorotiindianern, die etwa 50 km unterhalb Crevaux viele Dörfer besitzen. Hier verweilte ich vor allem in dem Dörfchen des Chorotihäuptlings „Waldhuhn“. Dort amüsierte ich mich prächtig; beinahe nackt, nur in Federschmuck und Brille gekleidet, tanzte ich des Nachts mit den Indianern und Indianerinnen an den weißschimmernden Sandufern des Rio Pilcomayo. Fühlten wir uns vom Tanze erhitzt, so tummelten wir uns in dem brausenden Wasser des Flusses. Wir jagten, sangen, spielten, fischten, wir rauchten abwechselnd aus derselben Pfeife und langweilten uns niemals. Einige Besuche machte ich 60–70 km weiter unterhalb des Flusses bei den Ashluslayindianern, die, durch meine Vorräte von Messern, Nadeln, Tabak und prächtigen Tüchern angelockt, mich einluden, sie im Herzen ihres Landes zu besuchen.
Erst ein Jahr später, im Oktober 1909, als meine Wege mich wieder von Yacuiba nach dem Rio Pilcomayo führten, konnte ich ihre Einladung annehmen. Es erscheint mir als das Geeignetste, diese beiden Reisen nach dem Rio Pilcomayo im Zusammenhang zu schildern.
Mit fünf Mann verließ ich am 27. Oktober 1909 den bolivianischen Militärposten bei Guachalla, 100 Kilometer von Crevaux, und folgte dem nordöstlichen Ufer des Rio Pilcomayo. Ein Mestize, Flores, begleitete mich als Dolmetscher. Er sprach ausgezeichnet Choroti und verstand auch etwas Ashluslay. Jahrelang hatte er unter den Indianern gelebt und hatte dort auch eine größere Anzahl Frauen. Von den Weißen am Rio Pilcomayo ist wohl keiner so imstande gewesen, das Indianerleben kennen zu lernen, wie dieser Mann. Er kennt ihre Sitten und Gebräuche, er weiß, wie man sich bei einem Indianerfest zu benehmen hat, er kann ihre Lieder singen, er tanzt wie ein Indianer. Viele Chorotifrauen haben sich dem Weißen hingegeben. Flores ist der einzige Weiße, der mit einer solchen Frau ein Kind hat, und die Chorotiindianer betrachten ihn auch vollständig als zur Familie gehörig. Er ist ihr Freund und Ratgeber und hat manches Mal die Unterhandlungen zwischen Indianern und Kolonisten geleitet. Einen vortrefflicheren Dolmetscher konnte ich kaum erhalten.
Unser erstes Nachtlager nach Guachalla hatten wir in einem Ashluslaydorf. Als ich in das Dorf ritt, waren alle Indianer betrunken. Unter Jubelrufen führten sie meinen Maulesel zum Festplatz. „Elle is.“ „Der kleine Papagei ist gut“, riefen die Indianer. „Ashluslay is! is! is! Toba häes! häes!“ „Ashluslay sind gut, Toba schlecht!“ johlte „der kleine Papagei“, indem er Tabakblätter um sich streute. Man hob mich vom Maulesel, umarmte mich und berauschte mich mit Algarrobobier. Es war wild, aber interessant. In dieser Nacht schlief ich vor meinem Bett, während drei Indianer, in meine Decken eingehüllt, schnarchten. Wir kamen gut überein, aber der Kommunismus ist anstrengend.
Trotz Freude, Freundschaft, Rausch und Geschenken konnte der Dolmetscher die Indianer nicht dazu bringen, uns auf ihren Wegen, die direkt nach dem nördlichen Chaco gehen, in das Herz ihres Landes zu führen. Alle Versprechungen waren vergessen. Dort gibt es keine Menschen, dort gibt es kein Wasser auf drei Tagemärschen, sagte einer, auf zwei, sagte ein anderer, gar keins, sagte ein dritter. Daß Wassermangel herrschte, war möglicherweise wahr, denn wir befanden uns am Ende der Trockenzeit. Ich beschloß deshalb, zu warten, und erst nach den ersten Regentagen, die bald kommen mußten, einen Versuch zu machen, in das unbekannte Land nördlich vom Pilcomayo einzudringen.
Wir gingen deshalb längs des Rio Pilcomayo weiter und folgten immer dem nördlichen, d. h. dem bolivianischen Ufer, wo ich mich leicht orientieren konnte. Zuerst kamen wir durch das Land der Mataco-Guisnays. Man hatte mir erzählt, daß einer dieser auf der argentinischen Seite des Flusses wohnenden Indianer den Skalp eines Ashluslayindianers besitze. Der Dolmetscher und Moberg wurden, mit allerlei Tauschwaren beladen, vorausgesandt. Ich ging nicht selbst mit, weil ich wußte, daß ich, wo es sich um einen so interessanten ethnographischen Gegenstand handelte, nicht gleichgültig und uninteressiert genug auftreten könne. Als sie in das Dorf kamen, war dort ein großes Fest, und die Matacos waren betrunken und johlten. Mitten im Dorfe hing auf einer spiralförmig abgerindeten Stange der mit roten Taschentüchern und anderen Schmuckgegenständen behängte Skalp. Moberg und der Dolmetscher taten, als sähen sie nichts. Dem ersteren wurde Algarrobobier angeboten, dem letzteren zuerst nichts, weil er für einen Chorotifreund, also Matacofeind, gehalten wurde. Nachdem sie eine Weile gesessen und geplaudert hatten, tat der Dolmetscher, als wenn er erst jetzt zufällig den Skalp gesehen hätte und fragte: „Was ist das dort für ein Waschlappen?“ Der Besitzer begann nun seine Taten zu rühmen, und der Skalp wurde heruntergenommen und besichtigt. Sie erzählten ihm, daß seine Heldentaten nun weit und breit unter den weißen Männern bekannt werden würden, was ihm natürlich schmeichelte. Nach vielem Hin und Her tauschten sie denselben ein. Erst sollten jedoch die alten Frauen singen und mit ihnen tanzen.
Wie Friederici[3] nachgewiesen hat, ist das Gebiet in Südamerika, aus dem Skalpe bekannt sind, kein sehr bedeutendes. Außer dem Chaco ist es nur ein kleines Gebiet in Guyana. Kopfjäger sind dagegen ein großer Teil der Indianer Südamerikas. Dies war der erste Skalp aus Südamerika, der in eine Sammlung gekommen ist.
Nachdem wir mehrere große Matacodörfer, ein Ashluslaydorf und einen bolivianischen Militärposten passiert hatten, kamen wir nach einem großen, unbebauten, infolge Streifzüge der Toba-Pilagaindianer unsicheren Gebiet. Diese Tobas zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß sie gleich den Chorotis und Ashluslays große Holzklötze in den durchbohrten Ohrläppchen tragen. Was man auf einem Marsche durch ein von feindlich gesinnten Indianern bewohntes Gebiet am meisten zu fürchten hat, ist, daß einem während der Nacht die Reittiere gestohlen werden. Ungefähr 250 km unterhalb Guachalla kamen wir nach dem äußersten, erst einige Monate vor Antritt meines Ausflugs angelegten Militärposten der bolivianischen Regierung.
Dicht bei und einige Meilen von dem Militärposten lagen große, von Ashlulayindianern bewohnte Dörfer. Wir besuchten den Häuptling Toné in seinem Dorfe. Dieses hat, wenn alle Indianer versammelt sind, etwa 1000 Einwohner. Mitten auf dem großen, offenen Platze des Dorfes schlugen wir unser Lager auf und machten es uns richtig gemütlich. Wir waren zu einer Zeit gekommen, wo die Algarrobofrucht reif war, und Algarrobobier wurde auf dem Festplatz in großen Quantitäten getrunken. Interessant war es, das indianische Leben zu sehen, das zu studieren ich hier reichlich Gelegenheit hatte und späterhin schildern werde. Mehrmals bin ich bei von den Weißen unabhängig lebenden Indianern gewesen, aber niemals bei einem so großen und mächtigen Stamme.
Abb. 3. Ashluslayfischer. Rio Pilcomayo.
Die Ashluslayindianer lagen im Krieg mit den Tobas, und der Krieg verlief sehr ungünstig für sie. Auf alle Weise suchten sie mich zu verlocken, für sie Partei zu ergreifen und mit meinen Feuerwaffen eine gute Hilfstruppe zu bilden. Sie spiegelten mir in beredten Worten vor, wie wir die Männer skalpieren, Frauen und Kinder zu Gefangenen machen und eine Menge Pferde stehlen wollten. Das letzte war ihrer Ansicht nach die beste Lockspeise für den weißen Mann. Ich versprach ihnen, falls sie während unseres Aufenthaltes überfallen würden, bei der Verteidigung ihrer Dörfer behilflich zu sein, auf einen Angriff wollte ich mich aber nicht einlassen. Immer eifriger pochten sie auf eine Allianz, wozu sie von dem Dolmetscher hinter meinem Rücken ermuntert wurden. Zuletzt blieb mir nichts anderes übrig, als entweder den Indianern auf ihrem Anfallskriege zu folgen oder mich davonzumachen. Einen Augenblick war ich zweifelhaft. Ich wußte, daß ich, falls ich die Ashluslays zum Siege führte, Herr dieses Landes sei, fürchtete aber doch die Konsequenzen. Es handelte sich hier darum, sich an die Spitze eines Einfalls in argentinisches Gebiet zu stellen, und es wäre schön gewesen, wenn das bekannt geworden wäre. Aus weiter Ferne kamen mehrere Häuptlinge, unter anderem der alte Mayentén, ein stattlicher Mann, von einigen seiner besten Krieger umgeben, um mich zu überreden.
Ich begab mich zu dem bolivianischen Militärposten und suchte den Kommandanten zu einem Eingreifen zu bewegen. Vergebens versuchte ich ihm zu erklären, daß er, wenn er nicht den Ashluslays gegen die Tobas helfe, eines schönen Tages, oder richtiger Nachts, mit allen seinen Soldaten niedergemetzelt werden würde, daß er aber, wenn er ihnen beistehe, sich und seinem Lande den inneren, noch unerforschten Teil des nördlichen Chaco eröffne. Er dürfe nicht vergessen, daß es bis zum nächsten Orte, wo Weiße seien, 150 km sei, und daß die Anzahl derer, die ihm helfen könnten, nur gering sei. Er trug jedoch Bedenken, einen in einem fremden Lande wohnenden Stamm anzugreifen, obschon dieser Stamm unaufhörlich Raubzüge auf bolivianischem Gebiet vornahm. Ich beschloß deshalb zurückzukehren.
Nach langen Unterhandlungen und sicherlich vielen Lügen gelang es meinem Dolmetscher, die Indianer zu bewegen, uns einen Wegweiser zu geben, der uns auf unbekannten Pfaden durch das Innere des nördlichen Chaco führen sollte.
Die Gegend um das Dorf Tonés besteht aus offenen Ebenen, Sümpfen und parkähnlichen Wäldern aus Algarrobo. Dieselbe wird stark von Jaguaren heimgesucht, die sogar die Reittiere verfolgen. Mehrere Pferde und Maulesel der Soldaten waren zerrissen, trotzdem der Militärposten, wie erwähnt, nur einige Monate alt war.
Wenige Meilen oberhalb des Dorfes Tonés bildet der Pilcomayo einen Wasserfall. Das ist der merkwürdigste Fall, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Nicht ein Felsblock, nicht der geringste Stein hindert das Wasser, sondern es braust zwischen harten Tonbänken dahin. Nicht weit unterhalb dieses Falles löst sich der Rio Pilcomayo in gewaltige Sümpfe, die sog. „Esteros del Padre Patiño“ auf, wo unerhörte Schilfmassen das Weiterkommen jedes Fahrzeugs verhindern. Infolge dieser Sümpfe ist der Fluß, der sonst für den Verkehr so wichtig sein könnte, unfahrbar. Im Rio Pilcomayo gibt es unerhörte Massen Fische, und Tausende Indianer entnehmen dem Flusse einen großen Teil des Jahres ihre wichtigste Nahrung. In den Sümpfen finden sich eigentümliche Lungenfische „Lepidosiren“.
Der Rio Pilcomayo ist ein merkwürdiger Fluß. Wenn er die Berge verläßt, führt er Steine und Kies mit sich, nach dem Inneren des Chaco bringt er aber nur Schlamm. Während der Trockenzeit trägt der Wind diesen Schlamm weit umher, und die Tage, wo die Staubmassen über den Chaco wehen, sind höchst unangenehme. Der Rio Pilcomayo hat, nachdem er die Berge verlassen hat, bis ins Herz des Chaco hinein keinen einzigen Nebenfluß. Er hat oft seinen Lauf verändert und sich neue Wege gebrochen. Entfernt man sich etwas vom Flusse, so trifft man mit Wasser angefüllte Reste alter Flußbetten, Muschelbänke und große, verräterische Erdhöhlen an. Am oberen Pilcomayo verlieren die Kolonisten in diesen Höhlen, die bis zu 10 m tief und zuweilen mit einer dünnen, zerbrechlichen Decke bekleidet sind, jährlich viele Tiere. Diese Höhlen dürften in der Weise gebildet sein, daß die gewaltigen Massen Hölzer, die der Fluß mit sich geführt und aufgehäuft hat, von den Schlammassen bedeckt werden und dann, wenn der Fluß sich einen neuen Lauf gesucht hat, vermodern. In den Trockenzeiten wüten in den Wäldern und Gebüschen des Chaco gewaltige Feuersbrünste. In der Regel zünden die Indianer das Gras und die Büsche an, um die leckeren Erdratten, die zu den Delikatessen ihrer Speisekarte gehören, besser finden zu können. In einer Chorotisage ist von diesen Erdhöhlen und Waldbränden die Rede.
Vor langer Zeit wurde alles von einem großen Feuer verheert, das alle Chorotis, außer zwei, einem Mann und einer Frau, die sich in eine Erdhöhle retteten, tötete. Als alles vorüber und das Feuer gelöscht war, gruben sie sich heraus. Sie hatten kein Feuer. Der schwarze Geier hatte einen Feuerbrand nach seinem Nest gebracht, dieses war in Brand geraten, das Feuer hatte sich längs des Baumes verbreitet und kohlte noch unter dem Stumpfe. Der Geier schenkte nun dem Choroti von diesem Feuer, und seitdem haben diese Feuer. Von diesem Manne und dieser Frau stammen alle Chorotis her.[4]
Die Wälder des Chaco sind reich an wilden, eßbaren Früchten. Es gibt ganze Wälder von Algarrobo[5] und Tusca,[6] ganze Sträucher von Chañar.[7] Die Schlingpflanze, welche die Tasifrucht trägt, ist sehr gemein. In wasserarmen Gegenden erhalten die Indianer Wasser aus einer Wurzel, die von Weißen und Chiriguanos Sipoy genannt wird.
Das Tierleben ist nicht sehr reich. Von größerem Wild sieht man meistens Rehböcke und Strauße. Der Jaguar ist, wie erwähnt, häufiger. Den Spuren nach zu urteilen, sind Tapire und Wildschweine nicht ungewöhnlich. Füchse sieht man ebenfalls zahlreich. Die Gürteltiere sind gemein. Der aus dem Chaco bekannte windhundähnliche Hund[8] ist selten. Das Vogelleben ist besonders im Walde arm. Die Flußufer und Sümpfe sind von einigen Storch- und Entenarten belebt. Eidechsen, auch die großen Iguanaeidechsen, huschen an warmen Sonnentagen überall umher. Meilenweise sind die Ebenen mit den für die Reiter so lästigen Löchern der Erdratten übersät.
Die wilden Tiere im Chaco sind für den mit Feuerwaffen Bewaffneten nicht sehr gefährlich. Der Jaguar ist der Schrecken der Indianer. Kurz bevor ich einmal nach einem Matacolager kam, hatte ein Jaguar einen Indianer von einem Feuer, an dem er mit einigen zwanzig Kameraden lag und schlief, fortgeschleppt und getötet. Giftige Schlangen, auch Klapperschlangen, kommen vor, man sieht sie aber selten. In den Seen darf man nicht baden, und auch in den Flüssen kann dies gefährlich sein. Am Rio Pilcomayo gibt es kaum einen Indianer, der nicht zahlreiche Narben von Palometafischen[9] hat.[10] Mit ihren messerscharfen Zähnen schneiden sie aus dem Körper desjenigen, der so unvorsichtig ist, da zu baden, wo sie sind, große Fleischstücke heraus. Einmal wollte Moberg über den Pilcomayo schwimmen. Es war gegen Ende der Trockenzeit, und das Wasser strömte in einer schmalen, tiefen Rinne dahin. Ganz mit Blut bedeckt stieg er aus dem Flusse. Kleine Siluroidfische hatten ihn in Massen überfallen und ihm mit ihren scharfen, lanzettförmigen Flossen zahlreiche tiefe Wunden zugefügt. Um sich vor dem Biß der Palometafische zu schützen, wenden die Ashluslay, wenn sie in Sümpfen waten, aus Caraguatáschnüren[11] dicht geknüpfte Strümpfe an.
Schön ist es im Chaco nicht. Der Wald entzückt nicht das Auge durch üppiges Grün, die Palmenwälder und Schilfbüsche ermüden durch ihre Einförmigkeit, die Seen sind klein und gering an Zahl. Der Rio Pilcomayo hat hier keine Nebenflüsse. Keine Anhöhe, kein Berg, von wo man eine Aussicht über das Land hat. Im Innern des Chaco gibt es keinen Stein, ja kaum ein Kieselkörnchen. Überall besteht der Boden aus Staub und Schlamm.
Die Regenzeit beginnt im November oder Dezember und endet im April oder Mai. Macht man eine Reise in diese Gegenden und will nur dem Pilcomayo folgen, so ist die Trockenzeit die beste Reisezeit. Zur Vornahme von Ausflügen in den wasserarmen nördlichen Chaco soll man den Anfang der Regenzeit wählen.
Der Chaco ist gesund. Während meines Aufenthaltes am Rio Pilcomayo waren weder ich noch meine Begleiter krank, und die weißen Kolonisten scheinen sich alle einer guten Gesundheit zu erfreuen. Möglicherweise sind die schrecklichen Staubstürme für Schwachbrüstige auf die Dauer ungesund.
Wir nahmen nun von unseren Freunden im Dorfe Tonés Abschied und versprachen ihnen, wiederzukommen. Wer weiß, wann dies geschehen wird? Vielleicht tanze ich noch einmal mit im Reigen auf dem großen Platz, vielleicht erheitert mich noch einmal das Algarrobobier, vielleicht johle ich noch einmal auf den Festen dieser meiner Ashluslayfreunde. Am besten wäre es vielleicht, wenn ich nicht zurückkehre. Warte ich noch einige Zeit, so hat sich wahrscheinlich auch hier viel verändert und verschlechtert und der Besuch bereitet nur eine große Enttäuschung.
Wir verließen mit unserm Wegweiser den Pilcomayo und begaben uns nach dem nördlichen Chaco. Ich hatte erwartet, wenig bebaute Gegenden zu finden, sah aber bald meinen Irrtum ein. Gebahnte Wege führten nach allen Richtungen. Der Wegweiser übergab uns schon nach zwei Tagen, wir hatten aber das Glück, andere Reisegesellschaft zu finden. Zwei Ashluslayindianer, denen die Tobas ihre Frauen geraubt und die Kinder gefangen fortgeführt hatten, waren auf dem Wege zu den Mataco-Guisnay, um mit ihnen als Zwischenhändlern betreffs der Auslösung ihrer Kinder aus der Gefangenschaft zu verhandeln. Wir reisten gemeinsam.
Als wir nach den Dörfern kamen, wurden wir mit Tränen und Wehgeschrei empfangen. Auf diese Weise zeigten die Weiber unsern neuen Freunden ihre Teilnahme an deren Kummer.[12] Überall wurden wir gut aufgenommen und durften in den stürmischen, regnerischen Nächten den spärlichen Raum in den Hütten teilen und uns an den Lagerfeuern erwärmen. Zuweilen wurden wir auch zu den einfachen und unappetitlichen Mahlzeiten eingeladen. Alles ging gut und wir waren auf diesen unbekannten, niedrigen Indianerpfaden, wo man sich in der Regel dicht an den Hals des Reittieres drücken muß, um nicht von den Zweigen gestreift zu werden, einen Grad nach dem Chaco zu geritten. Man hatte mir gesagt, die Gegenden seien aus Mangel an Wasser unbebaut. Dies war keineswegs richtig, obschon es zuweilen weit zwischen den Tränken war. In der Regel ist das gefundene Wasser braun und stinkend.
Alles ging, wie gesagt, gut, bis wir zu einem Häuptling namens Chilán kamen. Als wir durch den dichten Wald, der nach einem Dorfe führte, ritten, raschelte es überall in den Büschen. Chilán hatte seine Krieger auspostiert, um uns, falls wir schlechte Absichten hätten, einen warmen Empfang zu bereiten. Ruhig ritten wir durch den gefährlichen Wald gerade in das Dorf Chiláns. Mit bösen Blicken und unter einigen weniger freundlichen Worten an unsere Reisekameraden empfing uns der Alte. Als Freundschaftsgabe überreichte ich ihm ein Messer, worauf er halb zögernd den Streitkolben, den er in der Hand hatte, weglegte.
Chilán muß unseren Wegweisern bestimmte Weisungen gegeben haben, denn nach dem Besuch bei ihm begannen diese uns in der Richtung nach dem Rio Pilcomayo zu führen und nicht, wie wir gewünscht und sie uns infolge unseres Versprechens von Geschenken gelobt hatten, nach Norden. Da wir die Tränken nicht kannten, fanden wir uns nicht ohne ihre Hilfe zurecht. Wir waren schon nahe an dem Flusse, als wir eines Abends in ein Ashluslaylager kamen. Müde, wie ich war, legte ich mich gleich schlafen. Moberg fand es eigentümlich, daß beinahe nur Männer im Lager waren, ließ aber seinen Verdacht nicht verlauten und kroch ruhig unter das Moskitonetz. Ungefähr gegen zwei Uhr erwachte der Dolmetscher durch ein Signal, das jemand im Walde gab. Einer der Männer im Lager erhob sich leise, ging fort und kam nach einiger Zeit mit einer Schar bewaffneter Leute wieder. Der Dolmetscher lauschte und hörte, wie die Neuangekommenen fragten, warum die Ashluslay uns nicht töteten. In diesem Falle bekämen sie die Karabiner und könnten die Tobas mit Erfolg bekämpfen. Wären wir getötet, würden die Weißen niemals erfahren, was im Innern ihres Landes sei. Sie sagten auch, sie wünschten den Skalp des blonden Mannes, d. h. Mobergs, für ihre Feste. Meine Wegweiser wollten sich indessen an dem Überfall nicht beteiligen. Diese Weißen sind unsere Freunde, sagten sie.
Der Dolmetscher, der meine beiden anderen Begleiter, zwei bolivianische Soldaten, geweckt hatte, redete nun die Neuangekommenen an. Diese machten sich nun eilig davon. Vergebens bat er sie, bis zum Morgen zu bleiben. An der Sprache hatte er jedoch gehört, daß es Matacoindianer waren. Diese von der Zivilisation halbverdorbenen Indianer wollten also einen Mord begehen, an dem „die Wilden“ sich nicht beteiligen wollten.
Vielleicht haben wir es Onásh, so heißt der Mann, der gegen den Überfall sprach, zu verdanken, daß wir nicht das Schicksal Crevaux’, Ibaretas und Boggianis teilten.
Am folgenden Tage waren wir wieder im Lande der Mataco-Guisnay. Wir hatten keinen Bissen zu essen und der Regen goß in Strömen. Wir waren also hungrig und froren. Zelte hatten wir schon lange nicht mehr mit, da wir sie zum Schutz unserer Sammlungen hatten zurücklassen müssen. Wir ritten in ein Dorf und wurden höchst unfreundlich empfangen. Wir bekamen nicht das geringste, und man weigerte sich bestimmt, uns während der Nacht in den Hütten Schutz gegen den Regen zu gewähren. Obschon sich in der Gegend, in der wir jetzt waren, keine Weißen befanden, suchen alle diese Matacoindianer bei den Weißen Arbeit und kennen den „Segen“ der Zivilisation.
Als wir dann des Nachts hungrig und frierend an einem Feuer saßen, das infolge des Gußregens nicht kräftig brennen konnte, dachten und sagten wir böse Sachen über den Einfluß der Weißen auf die Wilden des Urwaldes und verglichen die Ungastlichkeit der Matacos mit der Freundlichkeit, die wir tief in den Wäldern bei den Indianern genossen hatten, die nie vorher von Weißen besucht worden sind.
Nach zwei Tagen waren wir wieder bei einem bolivianischen Militärposten. Ich war der einzige, der beritten ankam. Die Pferde der anderen waren ermüdet oder unterwegs gestürzt.
Die Indianer, besonders die Ashluslays und Chorotis, die ich auf diesen Streifzügen im Chaco kennen gelernt habe, will ich hier in den folgenden Kapiteln zu schildern suchen. Da ihre Kultur ziemlich gleichartig ist, glaube ich, sie zusammen behandeln zu können.
Nicht viele Verfasser haben bisher die Sitten und Gebräuche der Chorotis und Ashluslays geschildert. Beiträge zur Kenntnis der letzteren sind von Herrmann[13] geliefert worden, der sie, gleich den Tobas, Sotegaraik nennt. Eric von Rosen[14] hat ausgezeichnete Photographien von den letzteren veröffentlicht.
Der vortreffliche deutsch-argentinische Anthropologe R. Lehmann-Nitsche[15] hat auf den Zuckerfabriken von Esperanza wichtige Studien über die physische Anthropologie der Chorotis und anderer Chacostämme gemacht. Er hat den richtigen Platz für derartige Forschungen gewählt. Die Fabrik liegt, wie erwähnt, an der Eisenbahn, man kann also allerlei Instrumente mit der größten Leichtigkeit dorthin schaffen. An Ort und Stelle befinden sich ausgezeichnete Dunkelkammern zur Entwicklung der Platten usw. Die sich für die physische Anthropologie der Chacostämme Interessierenden verweise ich auf die Arbeit dieses Verfassers.
Da die den Chacostämmen angehörenden Guaycuru-, Mataco- und Maskoi-Gruppen in vielen Beziehungen eine den Choroti und Ashluslay ähnliche Kultur haben, so ist die Literatur, die hier des Vergleichs wegen von Interesse ist, eine sehr große.
In dieser Arbeit ist indessen nicht der richtige Platz zu solchen vergleichenden Forschungen. Hier will ich vor allem ein Bild des Lebens unter den Indianern geben, wie ich es aufgefaßt habe, und überlasse solche Forschungen Sonderaufsätzen in Fachzeitschriften.
Der einzige ältere Verfasser, der die Chorotis erwähnt, ist Pedro Lozano. Er nennt jedoch nur den Namen. Sehr möglich ist es ja, daß sowohl die Chorotis wie die Ashluslays den älteren Verfassern bekannt waren, aber unter anderen Namen als die, die wir kennen.
Die Ashluslays nennen sich selbst so. Die Chorotis nennen sie Ashli, die Matacos Sówua oder Sówuash, die Tapietes sagen Etéhua, die Tobas Sotegaraik. Die Weißen sagen in der Regel Tapiete und verwechseln sie mit einem hier unten näher geschilderten Stamm. Die Chorotis nennen sich selbst Yóshuahá, welcher Name natürlich angewendet werden sollte. Sie kennen jedoch jetzt alle ihren Chiriguana-Namen Choroti, den die Weißen in Chorote verspanischt haben. Die Matacos nennen die Chorotis Mánuk oder Má-niuk.
Sprachlich gehören die Ashluslays und Chorotis mehr zusammen mit den Matacos. Ich bringe hier einen kurzen Auszug aus dem bei ihnen gesammelten Wörterverzeichnis, damit der Leser etwas von ihrer Sprache sieht.
| Choroti | Ashluslay | |
| Auge | táte | tósse (ss mit Zischlaut) |
| Zahn | (n)kiente | seuté |
| Bart | (n)pótsi | posé |
| Ohr | (n)kioté | (dein) akféi, (mein) ikféi |
| Zunge | pálnat | cháclitj |
| Nase | natóve | anās, inās |
| Sonne | kíle | fincóclay |
| Mond | huéla | huéla |
| Stern | catés | catīs |
| Feuer | húat (éti) | itósh |
| Wasser | inyat | ināt |
| Erde | áshnate | cotjāt |
| Gut | és | is |
| Schlecht | häes | |
| Weit | tóshhue | tójke |
| Nahe | hätóshhue | cháshle |
| Fisch | siúsh | sájetj |
| Hund | aléna | núu |
| Hündin | alénaséshni | núuasésna |
| Salz | chuhóne | sifóni |
| Tabak | shushú | finóc |
| Mais | péāta | láutsitj |
| Mutter | téte, máma | mimé |
| Tochter | yóse | yósi |
| Haus | huéte | huéte |
| Er, du | náca, téla | |
| Ich | yá (m) | |
| Nein | hä | am |
| Gibt’s nicht | náhipa | ámpa |
| Ja (Antwort) | häe, téy | létj, hé |
| Weib | aséshnia | asésna |
| Gattin | tsémbla | chácfä |
| Morgen | káshlomata | slúmasi |
| Weg | náyi | náiss |
| Tabakpfeife | kiti | finkoshi |
| Rio Pilcomayo | téuk, tehuóc | téhuoc |
Für Gegenstände, die diese Indianer von den Weißen erhalten oder die Weißen haben anwenden sehen, bilden sie eigene Worte und lernen gewöhnlich nicht die spanischen Namen, z. B.:
Choroti
Bleistift = bésnike.
Brille = ukíne.
Revolver = sēta.
Notizbuch = ésenik.
Stiefel = sāti.
Uhr (für die Sonne) = kílekíe.
Die Aussprache der Chorotisprache schien mir nicht besonders schwer, die Ashluslay sprechen aber verschiedene Worte so, daß man, um sie nachzuahmen, eine gewisse Zungenakrobatik anwenden muß. Besonders schwer wiederzugeben sind einige Kehl- und Zischlaute.
Zahlwörter. Ashluslay.
1 = huéshla.
2 = näpú.
3 = pú-shana.
4 = it-chat-cúch (schwieriger Halslaut).
5 = hué-shla-no-étj.
6 = hué-shla-yāma.
7 = näpú-
8 = púshana-
9 = it-chat-cúch-yāma.
10 = yāma képäa.
Ich teile auch hier einige gewöhnliche Ausdrücke aus der Chorotisprache mit.
Ich will nicht = hähua.
Dieses ist mein Vater = náca sínia.
Ich will = sikéyi.
Willst du? = makéyi.
Er will = náca kéyi. Auch náca símehe.
Ich bin hier = yámpo.
Er ist hier = nácapo.
Wir sind hier = póyata.
Er will nicht = náca hä símehe.
Ich habe gesehen = íwuin.
Ich habe nicht gesehen = häwuin.
Hast du gesehen = máhuenea.
Warten = hatéma.
Viele Frauen = aséshnialo.
Weicher Mais = peáta-hä-tóc.
Harter Mais = peáta-tóc.
Mit Bart = pótsipu.
Gehen wir = ná.
Ich gehe = yápe.
Gehst du = malápe.
Wirst du gehen = maáki.
Ich bin gegangen = hihóyi.
Ich bin nicht gegangen = hähóyi.
Ich gehe nicht = häeyic.
Er ist gegangen = nácaya.
Tafel 3. Dorf des Chorotihäuptlings „Waldhuhn“.
⇒
GRÖSSERES BILD
[3] G. Friederici: Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche in Südamerika. Braunschweig 1906.
[4] Ehrenreich (30–31) nimmt ebenfalls an, daß große Pampasbrände zur Entstehung solcher „Sintbrandmythen“ beigetragen haben. „Die Mythen und Legenden der südamerikanischen Urvölker“. Berlin 1905. Suppl. Zeitschr. für Ethn. Eine dieser ähnliche Sage ist von den Arowaken in Guyana und von Yuracáre bekannt.
[5] Prosopis alba.
[6] Acacia aroma.
[7] Gourliea decortitans.
[8] Canis jubatus.
[9] Eric v. Rosen hat eine ausgezeichnete Photographie eines Chorotis mit einer Narbe von einem solchen Fisch veröffentlicht. The Chorotes Indians in the Bolivian Chaco. Stockholm 1904. Bild VI.
[10] Serrosalmo sp.
[11] Caraguatá = Bromelia Serra.
[12] Dieser Brauch scheint mir eine gewisse Ähnlichkeit mit den von älteren Verfassern beschriebenen Begrüßungszeremonien zu haben. Vgl. Friederici: Der Tränengruß der Indianer. Globus Bd. LXXXIX. Nr. 2.
[13] Herrmann: Die ethnographischen Ergebnisse der deutschen Pilcomayo-Expedition. Zeitschr. für Ethn. 1908.
[14] Eric von Rosen: The Chorotes Indians in the Bolivian Chaco. Stockholm 1904.
[15] R. Lehmann-Nitsche: Estudios Antropológicos sobre los Chiriguanos, Chorotes, Matacos y Tobas. Anales del Museo de la Plata. Tomo I. Buenos Aires 1908.
Drittes Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung).
Gemeinwesen.
Wir sind alle Brüder, sagte einmal ein Chorotiindianer zu mir. Im großen gesehen bilden auch die Chorotis und Ashluslays zwei Familien. Sie wohnen in einer bedeutenden Anzahl Dörfer von wechselnder Größe verteilt. Es gibt dort Dörfer mit ganz wenig Familien und Dörfer, wie das des Ashluslayhäuptlings Mayentén, das etwa 1000 Bewohner hatte. Die Dörfer, oder richtiger die Stellen, wo die Dörfer angelegt sind, haben Namen. So hieß ein Chorotidorf vuátsina = Erdratte, ein anderes hópla = Grasblume, ein drittes tónoclel = alte Pfütze, ein viertes asnatelémi = weiße Erde usw.
Die Chorotis und Ashluslays sind nicht vollständig seßhaft. Sie ziehen beständig, wenn auch nicht weit. Als ich z. B. 1909 dieses Land besuchte, fand ich sehr wenige Dörfer an demselben Platze wie 1908. Sie ziehen des Fischfangs, der Algarrobo, ihrer Äcker wegen usw. Während der Trockenzeit ziehen viele Indianer nach dem Rio Pilcomayo, um dort zu fischen. In der Regenzeit ziehen sie sich in das Innere des Landes zurück, wo sie in der Regel ihre Äcker haben. Das ganze Menschenmaterial im Gemeinwesen der Chorotis und Ashluslays ist sehr beweglich. Zuweilen teilen sich die Familien, zuweilen vereinigen sie sich zu großen Gruppen. Die Individuen, besonders die Jugend, ziehen beständig von einem Dorf zum andern. Die Choroti- und Ashluslaydörfer, die ich gesehen habe, lagen teils im Walde, teils auf der Ebene. Einige Chorotidörfer lagen während der Trockenzeit unten am Pilcomayofluß an dem niedrigen, jährlich überschwemmten Ufer. In keinem Chorotidorf waren die Hütten nach einem bestimmten Plane geordnet. In mehreren Ashluslaydörfern waren sie dagegen um eine Art Marktplatz gruppiert, auf welchem die Männer unter Ausschluß der Frauen einen gemeinsamen Sammlungsplatz hatten, der entweder ganz einfach im Schatten eines großen Baumes lag oder durch ein zu diesem Zweck gebautes Sonnendach geschützt war.
Es ist höchst interessant zu sehen, daß wir hier eine sehr primitive Form des von vielen Indianerstämmen bekannten „Männerhauses“ finden, in welchem die Männer sich versammeln, zu welchem die Frauen aber keinen Zutritt haben.
Der Platz für die Dörfer war offenbar überall so gewählt, daß man Fische, wilde Früchte, oder, zur Erntezeit, seine Äcker in der Nähe hatte. Im Innern des nördlichen Chaco ist man bei den Dorfanlagen an die wenigen Tränken gebunden, deshalb sind auch die dortigen Indianer viel seßhafter, als die am Rio Pilcomayo. Dort sind auch die Hütten viel besser gebaut, als an diesem Flusse.
Zwischen den Dörfern führen eine Masse Wege, die sich in der Nähe des Dorfes netzförmig auflösen. Aus diesem Grunde ist es oft schwer, den Pfaden der Indianer zu folgen.
Weder die Chorotis noch die Ashluslays haben einen für den ganzen Stamm gemeinsamen Häuptling. Die meisten Dörfer haben ihre Häuptlinge, aber diese sind unabhängig voneinander. Bei den Ashluslays habe ich Häuptlinge gesehen, die über mehrere Dörfer herrschen. Die Häuptlinge haben je nach ihren persönlichen Eigenschaften Einfluß. Sie sowie ihre Frauen arbeiten genau ebenso wie die anderen Indianer. Sie haben keine Diener; solche sind bei diesen Indianern unbekannt. Der Häuptling hat keinen Ehrenplatz bei den Trinkgelagen, seine Hütte nimmt keinen besonders auserwählten Platz im Dorfe ein.
Er ist ein Familienvater, den man respektiert, der aber nicht regiert.
Im Krieg nimmt er vielleicht eine leitende Stellung ein, die anderen gehorchen ihm aber nur soweit, wie es ihnen paßt. Kommt ein weißer Mann nach einem Indianerdorf, so wird er von dem Häuptling empfangen, und die Sitte erfordert es, daß er ein Geschenk erhält. Dies scheint mir indessen eine spätere Erfindung der Weißen selbst zu sein. Der Weiße hat zur Unterhandlung im Dorfe eine bestimmte Person nötig gehabt und hat sich darum der Häuptlingsinstitution bedient und sie weiter entwickelt.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel vom Vater auf den Sohn zu gehen. Ist der Sohn beim Tode seines Vaters minderjährig, d. h. nach indianischen Begriffen kein älterer, verheirateter Mann, wird sie interimistisch von einem älteren Verwandten ausgeübt. Sehr oft, besonders nach Kriegen, wo die Männer ihre Tüchtigkeit zeigen können, entstehen neue Häuptlinge.
Unter den Ashluslayhäuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert Toné, Mayentén, Mocpuké, Aslú, Mentisa und Chilán; unter den Chorotis Attamo aus einer Ashluslayfamilie, Kara-Kara, Éstehua und Tula. Die meisten von ihnen waren Greise, die offenbar in der Hauptsache über Kinder, Enkel, Geschwister und deren Kinder regierten.
Eine große Macht im Dorfe besitzt, wo ein solcher vorhanden ist, der Dolmetscher. Er spricht Spanisch und unterhandelt mit den Weißen. Bei den Chorotis befanden sich mehrere Spanisch sprechende Individuen, bei den Ashluslays keiner.
Einen bedeutenden Einfluß hat auch der Medizinmann. Man bietet ihm viel Essen an, behandelt ihn somit gut. Niemals habe ich gehört, daß ein Medizinmann gleichzeitig Häuptling war.
In den Choroti- und Ashluslaydörfern herrscht kein Klassenunterschied, noch gibt es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reich, ist der Magen leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder, dies ist der Grundgedanke im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in einem beinahe vollständigen Kommunismus. Schenkt man einem Choroti- oder Ashluslayindianer zwei Hemden, so verschenkt er sicher das eine, und vielleicht alle beide. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er es in kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals einen kleinen Ashluslayknaben, dem ich Zucker gab. Er biß ein Stückchen ab und aß es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er ein bißchen an dem Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutter und die Geschwister auch kosten sollten. Bekommt ein Choroti- oder Ashluslayindianer einen Rock, so trägt er ihn vielleicht einen Tag, am folgenden Tage hat ihn ein anderer usw. Niemals raucht einer dieser Indianer seine Pfeife allein. Sie soll von Mund zu Mund gehen. Oftmals hat mir ein Indianer die Pfeife aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder zurückgegeben, denn so will es die Sitte dort. Ein Mann, der viele Fische gefangen hat, teilt mit dem, der weniger Glück gehabt hat.
Es wäre indessen ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß in dem Indianerstaat nicht jedes Individuum das besitzt, was es arbeitet und anwendet. Niemals würde es einem Indianer einfallen, den Besitz eines anderen auszutauschen. Ein Mann würde niemals etwas, was seiner Frau oder seinem kleinen Kinde gehört, weggeben, ohne sie zu fragen. Jede Sache hat ihren Besitzer, da der Besitzer aber mildtätig ist und alle aus seinem Stamme als Brüder betrachtet, so teilt er freigebig mit den anderen. Die Tiere haben Besitzmarken. So sind die Schafe, um den Besitzer zu kennzeichnen, an den Ohren auf verschiedene Weise geschoren. Wird jedoch ein Schaf geschlachtet, so wird das Fleisch an alle verteilt. Bei den Ashluslays haben die gewebten Mäntel Zeichen, die den Besitzer angeben. Einige solche Besitzmarken sind hier abgebildet ([Abb. 4]). Da sie eine Art Namenszeichnung sind, sind sie höchst interessant. Möglicherweise haben indessen die Indianer die Idee hierzu von den Zeichen, mit welchen die Weißen ihr Vieh stempeln, erhalten. Zahlreiche, von den Weißen gestohlene Pferde mit solchen Zeichen habe ich nämlich bei den Ashluslays gesehen.
Die Mäntel sind, wie erwähnt, gezeichnet, trotzdem will derjenige, der einen großen guten Mantel besitzt, nicht allein unter demselben schlafen. In den Ashluslaydörfern pflegten ein paar Indianer oft des Nachts in meinem Bett zu schlafen, offenbar in dem Gedanken: „Du Weißer hast so große Decken, daß sie für mehrere als dich reichen.“
Diese meine Indianerfreunde hätten sehen sollen, wie es bei uns zu Hause zugeht, wie der eine in einem prachtvollen Bett schläft und der andere friert. Die Weißen sind ja auch nicht Brüder. — Gütergemeinschaft herrscht bei diesen Indianern nicht, aber zufolge der großen Mildtätigkeit versucht keiner, sich auf Kosten des anderen einen Vorteil zu verschaffen, sondern teilt freigebig mit allen, was er hat. An dem einen Tage schenkt er, an dem anderen nimmt er Geschenke entgegen.
Abb. 4. Eigentumsmarken auf Mänteln, Ashluslay.
Das Land hat keinen Besitzer, die Äcker gehören dem, der sie bebaut. Land ist genug vorhanden, und es ist Raum da für alle. Sollte die Bevölkerung so groß werden, daß Mangel an anbaubarem Land eintritt, so würde es wohl auch mit dem gemeinsamen Besitzrecht aus sein.
Man sollte meinen, daß in einem Gemeinwesen, wie dem dieser Indianer, eine gewisse Gesetzlosigkeit herrscht. Diebstahl ist unbekannt, d. h. Diebstahl von den eigenen Mitgliedern des Stammes, denn es herrscht dort ein so großes Gemeingefühl, daß niemand zu stehlen braucht. Ich glaube auch nicht, daß die Indianer sich gegenseitig belügen. Dem Weißen lügt man etwas vor, man sagt ihm ganz einfach, was man für nützlich für den Stamm hält. Man betrügt ihn, wenn es paßt, man sagt ihm die Wahrheit, wenn es nicht schaden kann. Ertappt man einen Indianer auf einer Unwahrheit, so betrachtet er es ungefähr so, wie ein Weißer die Entdeckung eines Aprilscherzes. Er lacht und findet es amüsant. Wird man ärgerlich, so hält er den Betreffenden offenbar für dumm.
Abb. 5. Ashluslaypapa mit seinem kleinen Jungen. Rio Pilcomayo.
Der Mord beschränkt sich auf den Kinder- und Elternmord, dies ist aber vom indianischen Standpunkt kein Verbrechen. Das klingt ja schrecklich. Die Indianerin betrachtet es als ihr Recht, die Leibesfrucht abzutreiben und ihr Neugeborenes zu töten, wenn sie will. Sie glaubt offenbar ein Recht an dem Leben zu haben, das sie gegeben. Die Abtreibung der Leibesfrucht geschieht durch mechanische Behandlung in weit vorgeschrittenem Stadium[16] und kommt somit, wenigstens bei den Chorotis, immer in den Fällen vor, wo unverheiratete Frauen schwanger werden. Die neugeborenen Kinder werden getötet, wenn die Mutter von dem Vater verlassen wird, und immer, wenn sie mißgestaltet sind. Ich kenne mehrere solche Kindesmörderinnen, die liebe und gutherzige Mädchen sind. Ein solches ist z. B. Ashlisi, ein Mädchen, das einige lustige Zeichnungen, von denen zwei weiterhin wiedergegeben sind, für mich gemacht hat. Unserer Ansicht nach sollte ein solches Verbrechen eine Frau verrohen. Das ist ein vollständiger Irrtum, denn das Verbrechen verroht erst, wenn es Verachtung seitens der Umgebung verursacht.
Wenn ein Indianer seine alte blinde Mutter oder seinen verkrüppelten Vater tötet, so befreit er sie selbst von einem Leben, das ihnen eine Last ist, und sich selbst von einer Extramühe im Kampfe ums Dasein. Daß sie dieselben zuweilen lebend verbrennen, wie mein Dolmetscher Flores es einmal bei einer alten Frau seitens der Chorotis gesehen hat, erscheint uns natürlich grausam. Möglicherweise haben sie indessen die Alten im Verdacht der Hexerei gehabt. Die sittliche Freiheit ist, wie ich hier unten schildern werde, sehr groß. Untreue und Eifersucht werden durch Schlägereien zwischen den Frauen geordnet. Ein grobes Verbrechen ist auch das Verhexen. Leider weiß ich nicht, wie es bestraft wird.
Im Verhältnis zu anderen besser organisierten Stämmen sind solche Gemeinwesen, wie es die Choroti- und Ashluslayindianer bilden, äußerst schwach. Die beste Gelegenheit, dies zu beobachten, hatte ich während meines Aufenthaltes bei den letzteren. Diese waren, wie erwähnt, in einen Krieg mit den Tobas verwickelt, welche unter Leitung des energischen Häuptlings Taycolique mehrere Überfälle in deren Gebiet machten. Infolge der Machtlosigkeit der Häuptlinge und der geringen Eintracht vermochten sie nicht, sich zu einer gemeinsamen Verteidigung gegen den Feind zu organisieren. Die verschiedenen Dörfer vereinigten sich nicht, sondern jedes tat, was es für gut hielt. Das anarchistische Gemeinwesen hat keine Abwehrkraft. Erwartete man einen Tobaanfall, so eilten viele Männer von verschiedenen Seiten herbei, um den Kampf aufzunehmen, da es aber an jeder Organisation fehlte, fanden sich immer nur ein Teil der Krieger ein. Die meisten blieben, um ihre eigene Person besorgt, aus.
Es fehlte ein Mann, der zu befehlen und sich Gehorsam zu schaffen verstand.
Das Indianerhaus.
Sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays finden wir die von Photographien und Reiseschilderungen bekannte runde oder ovale Chacohütte. Sie ist, je nach der Jahreszeit, mehr oder weniger sorgfältig gebaut und etwa zwei bis vier Meter im Durchschnitt. Zum Schutz gegen die kalten, südlichen Winterwinde sind die in der Ebene liegenden Hütten besser gebaut als die im Walde. Oft sind mehrere Hütten so zusammengebaut, daß sie aus mehreren Räumen mit mindestens einem für jede Familie bestehen. Die Hütten sind aus Zweigen verfertigt, die in die Erde gesteckt, in der Mitte zusammengebogen und mit Gras bedeckt sind. Ein Bindematerial fehlt vollständig. Keine Hütte ist mit Erde oder Lehm bedeckt. Der Eingang, der, falls die Hütte in der Ebene liegt, aus einem kleinen schiefen Gang besteht ([Abb. 2]), ist nicht nach einer gewissen Himmelsrichtung, sondern meistens nach dem Dorfe zu gerichtet. Viele Hütten haben mehrere Eingänge. Einige sind so schlecht gebaut, daß man ungefähr überall hineinkommen kann. Bei den Ashluslays habe ich über drei Meter hohe wohlgebaute Hütten gesehen. Gewöhnlich ist die Hütte jedoch inwendig nicht ganz zwei Meter und der Eingang ungefähr ein Meter hoch.
Bei diesen Indianern findet sich auch ein viereckiger Hüttentypus, und zwar die Kochhütten ([Abb. 6]). Diese haben platte, mit Gras bedeckte Dächer und dienen zum Kochen und Wohnen am Tage und in warmen Nächten. Auf ihren Dächern pflegt man Fische zu trocknen. In einigen Ashluslaydörfern sah ich mehrere solche unregelmäßig zusammengebaute Kochhütten mitten auf dem offenen Platze des Dorfes. Diese Gebäude, die hier eine ungewöhnliche Größe haben, werden während der Trinkfeste als Sonnenzelte angewendet.
Abb. 6. Kochhütte der Chorotis. Rio Pilcomayo.
Die Frauen suchen das Material zum Hausbau zusammen und bauen auch die Hütten.
Es ist wirklich merkwürdig, daß Volksstämme, die z. B. in der Webetechnik so weit wie diese Indianer gekommen sind, die Ackerbau und Viehzucht haben, sich mit so elenden Hütten begnügen. In regnerischen Nächten habe ich in ihnen Schutz gesucht und genau gesehen, wie die Indianer dort leben. Gießt es ordentlich, so regnet es überall hinein und Menschen und Sachen werden naß. In diesen kleinen Hütten, wo oft mehrere Familien zusammenwohnen, ist der Raum sehr beschränkt, und wenn in einer solchen Regennacht alle zu Hause sind, kann nicht jeder ausgestreckt liegen. Ich selbst habe geringe Bequemlichkeitsbedürfnisse, ich bin aber doch kein Freund davon, daß eine Person quer über meinen Beinen liegt oder daß ein mit Läusen behafteter Kopf auf meinem Kopfkissen Platz zu bekommen sucht.
Das Bett dieser Indianer ist während ihres ganzen Lebens ein Fell, oder bei den Ashluslays zuweilen eine Schilfmatte als Matratze, ein Holzklotz als Kopfkissen und, wenn es kalt ist, ein Fell- oder Schafwollmantel als Decke.
Ist es warm, so liegen sowohl Männer als Frauen vollständig nackt, und man sieht manches, was wir zivilisierten Menschen für unanständig halten. In der Regel liegen mehrere unter derselben Decke, und zwar nicht allein Männer, Frauen und Kinder, sondern auch mehrere Männer. Diese Sitte ist bei den Indianern so eingewurzelt, daß nur solche Decken unter meinen Tauschwaren gebilligt wurden, die zu einem zweischläfrigen Bett reichten.
Außer für die Menschen soll in jeder Hütte auch für eine Menge Hunde, Katzen, junge Strauße usw. Platz sein. Sie gehören zur Familie.
Ist es kalt und regnerisch, so ist die Feuerstätte in der Hütte, sonst kocht man in der Regel am liebsten außerhalb des Hauses. Das Feuer wird stets in Brand erhalten. Macht man eine kleine Reise, so nimmt man Feuer (einen Feuerbrand) mit. Nur auf längeren Wanderungen benutzt man das bekannte Feuerzeug, hölzerne Reibstäbchen.[17] Man bohrt in einem Stab von etwas weicherem Holz mit einer stärkeren Holzart so lange, bis durch die Reibung glühender Holzstaub entsteht. Dieses Feuerzeug ist jetzt im Verschwinden und wird durch Feuerstein, Stahl und Zunder (hier Caraguatábast) sowie durch Streichhölzer, leider nicht schwedischen, sondern italienischen Fabrikats, ersetzt.
Jeder Indianer besitzt nicht mehr, als die ganze Familie forttragen kann. Das meiste davon hängt in den Hütten unter dem Dache oder ist in die Wände hineingestochen. Hängebretter oder Klammern sieht man hier nicht. Jedes Individuum bewahrt seine Habseligkeiten allein, meistens in großen Taschen aus Caraguatá oder Fell, auf. Meine Lieblingsbeschäftigung war, in diesen Beuteln herumzuwühlen. In ihnen befinden sich wild durcheinander Geräte, Schmucksachen, Heilmittel, Samen, Schmutz und Insekten.
Jedes Individuum hat, wie gesagt, seine eigenen Beutel. Eine Frau verwahrt ihre Sachen getrennt von denen ihres Mannes. Ein Kind hat ebenfalls sein kleines Beutelchen.
Die für die Saat aufgehobenen Samen werden in mit Wachs verklebten Töpfen aufbewahrt. Am Dache hängen oft Tabak und getrocknete Früchte. In besonderen Schuppen werden größere Mengen dieser Konserven verwahrt.
Die Dörfer werden durch bissige, aber feige Hunde bewacht, die anschlagen, wenn ein Fremder sich dem Dorfe nähert. Sie teilen die Abneigung des Indianers gegen den weißen Mann.
Besucht man eine Chorotihütte, so wird einem in der Regel ein Holzklotz zum Sitzen angeboten. Bei den Ashluslays erhält man dagegen ein Fell oder eine Schilfmatte.
Die Arbeit beginnt in diesen Indianerdörfern in den allerfrühesten Morgenstunden. Die Frauen beginnen mit ihrer Wirtschaft, gehen aus, um Früchte zu sammeln oder nehmen sich eine andere Arbeit vor, die Männer schneiden ihre Werkzeuge, gehen auf die Jagd oder schlafen ganz einfach. Erst wenn es warm ist, begeben sie sich zum Fischfang. Ist es sehr kalt, so bleibt man am liebsten in der warmen Hütte, bis die Sonne richtig aufgegangen ist. Am Vormittag sind die meisten Indianer und Indianerinnen aus, um Nahrungsmittel für die Küche zu sammeln. Gegen Mittag kommt man mit dem Gesammelten oder Gefischten nach Hause. Hat man Glück gehabt, kommen z. B. die Fischer mit reicher Beute nach Hause, so herrscht in den Dörfern Freude. Die Kinder versammeln sich am Tage auf den Spielplätzen und vergnügen sich nach Herzenslust oder begleiten die Eltern zu ihrer Arbeit. Gegen Abend versammelt man sich wieder um das schöne, wärmende Lagerfeuer, die Tagesereignisse werden erzählt, die Pläne für den nächsten Tag entworfen. Am meisten spricht man vom Essen. Am Abend begibt sich die Jugend nach den Tanzplätzen. Während der Nacht ist es in diesen Choroti- und Ashluslaydörfern beinahe niemals richtig still. Dort wird gesungen, in Freude und Leid, dort wird gekocht, dort wird geschwatzt, dort hat die Jugend Rendezvous und dort wird gekichert und gelacht.
Diese Indianer schlafen des Nachts keine sieben bis acht Stunden ununterbrochen. Sie schlafen ein paar Stunden, essen und plaudern ein Weilchen, schlafen wieder, essen noch einmal usw. In der Regel schlafen sie viel mehr am Tage als wir. Der weiße Mann, der in einem solchen Indianerdorf lebt, lernt bald das System, zu schlafen, wenn es ihm am besten paßt.
Im Indianerhause ist der Raum beschränkt, aber es herrscht dort große Eintracht. Niemals hört man jemand schimpfen, niemals versucht der eine, sich auf Kosten des anderen Vorteile zu verschaffen. Schlagen zwei Weiße ein Lager auf, und es ist nur ein guter Liegeplatz da, so zanken sie sich, wer den Platz haben soll. Liegt ein Haufe Indianer in einer engen Hütte, so teilen sie mit Gleichmut den knappen Raum. Sie sind ja alle Brüder und Schwestern. Diese „Wilden“ verstehen, daß man sich selbst in Kleinigkeiten nicht auf Kosten des anderen bereichern darf.
[16] Nach Corrado, S. 539, treiben auch die den Chorotis nahestehenden Matacos die Leibesfrucht durch mechanische Behandlung, Schläge auf den Bauch, ab. El Colegio Franciscano de Tarija. Quaracchi 1884.
[17] Vergl. v. Rosen l. c. Taf. XIII.
Viertes Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung).
Der Kampf ums Dasein.
Die Lebensbedingungen, unter denen die Indianer am Rio Pilcomayo leben, sind, wenn wir von den Chiriguanos absehen, im großen ganzen für alle dortwohnenden Stämme dieselben. Einige Unterschiede sind indessen vorhanden.
Die Chorotis und Ashluslays leben vom Fischfang, Sammeln wilder Früchte und Honig, Ackerbau sowie von der Jagd und der Viehzucht.
Abb. 7. Algarrobofrüchte kauende Ashluslayfrauen
Abb. 8. Ashluslayindianer mit Sperrnetzen, Rio Pilcomayo.
Aus der folgenden Tabelle sehen wir, welches die Hauptnahrung der ersteren in den verschiedenen Monaten des Jahres ist.
| Januar | | | | Landwirtschaftliche Erzeugnisse. | |||||
| Februar | |||||||||
| März | |||||||||
| April | |||||||||
| Mai | Fische. | ||||||||
| Juni | Früchte der Tusca und Tasi. | ||||||||
| Juli | |||||||||
| August, September: getrocknete, konservierte Früchte, Ratten. | |||||||||
| Oktober: Früchte des Chañar | | Gelegenheits- | |||||||
| November | | Früchte der Algarrobo | | Früchte der | |||||
| Dezember | | Feldfrüchte. | |||||||
Im Mai, Juni und November leben die Chorotis im Überfluß. Da schwellen die Magen an. Im August und September ist die Zeit der Not.
Die Ashluslays beginnen schon im November zu ernten. Sie leiden wahrscheinlich seltener Mangel als die Chorotis.
Alle Pilcomayoindianer sind eifrige Jäger, und nur die weitab vom Flusse wohnenden Indianer beteiligen sich nicht am Fischfang. Die Fischgeräte bestehen bei den Chorotis ausschließlich aus Netzen. Die Ashluslays wenden auch eine Art Körbe an. Von Netzen haben sie zwei verschiedene Typen, die wir hier beide angewendet sehen.
Das bei den meisten südamerikanischen Indianern so gewöhnliche Schießen der Fische mit Pfeil und Bogen habe ich bei den Chorotis und Ashluslays niemals gesehen.[19] Angelfischerei ist, wo sie nicht von den Weißen eingeführt ist, unbekannt.
Abb. 9. Nadeln zum Aufreihen der Fische, Ashluslay.
Die Ausrüstung der Fischer besteht außer den Netzen aus einer Keule, mit welcher die Fische getötet werden, und einer Holznadel ([Abb. 9]) mit einer Schnur, auf welche die Fische aufgezogen werden. Die Nadel wird durch die Augen der Fische gezogen und die Schnur mit den gefangenen Fischen so um den Leib gebunden, daß sie hinten wie ein Schwanz herabhängen.
Eine Fischfahrt mit den Indianern gehört zu den größten Vergnügungen, die man am Rio Pilcomayo zu bieten hat. Sobald die Sonne zu wärmen beginnt, wandern die Indianer, Männer und Knaben, mit ihren Netzen nach dem Flusse. Die Frauen bleiben zu Hause oder suchen wilde Früchte. Die alten Männer tragen in der Regel die Sperrnetze, die jungen die Tauchnetze. Ist man zu dem Flusse, wo man fischen will, gekommen, so werden Mäntel, Schmucksachen und Caraguatátaschen abgelegt. Man fischt nackt oder nur mit einem Ledergürtel bekleidet.
Eine Anzahl Indianer bildet mit ihren Sperrnetzen eine Kette über den Fluß ([Abb. 8]). Die übrigen Indianer treiben die Fische dann nach dieser Kette, während sie selbst mit ihren Tauchnetzen fischen ([Abb. 3]).
Abb. 10.
Spaten.
Ashluslay. u. ⅒.
Bei der Fischerei geht es lebhaft zu, denn das ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. Dort taucht einer mit dem Netz, um nach einem Augenblick mit einem großen Fisch an die Oberfläche zu kommen; er schlägt ihn mit der Keule tot und bindet ihn dann mit der Holznadel um den Leib fest. Hier sieht man ein paar Füße verschwinden, dort sieht man mehrere, die unter Schreien und Lachen in einer Bucht des Flusses mit stillstehendem Wasser, in welchem die Fische sich sammeln, umeinander tauchen.
Auf diesen Fischfahrten hat man so recht Gelegenheit, zu sehen, wie schön diese Indianer gewachsen sind. Man sieht keinen, der korpulent ist, keinen, der einen übertrieben großen Magen hat. Alle sind wohlgebaut.
Hat der Fischfang müde gemacht, so läßt man sich am Ufer nieder, ruht aus und ißt einen Teil des Fanges auf. Den Rest trägt man zu Frau und Kindern ins Dorf. Fängt man nur wenig Fische, so besitzt man soviel Ehrgefühl, daß man nicht selbst alles aufißt.
Die Chorotis und Ashluslays fischen ohne Kanoes. Sie haben keine Fahrzeuge. Schwimmend und tauchend wie die Ottern verfolgen sie ihre Beute.
Nach dem italienischen Forschungsreisenden Boggiani[20] haben dagegen die den Ashluslays und Chorotis kulturell nahestehenden Lenguas im paraguayischen Chaco viele Kanoes. Gleich den Chorotis und Ashluslays haben weder die Tobas noch die Matacos oder Chiriguanos am oberen Pilcomayo Boote. Mutmaßlich haben aber die Chorotis und Ashluslays früher Kanoes gehabt. Dafür spricht die stark paddelähnliche Form ihrer Spaten ([Abb. 10]). Diese sind vielleicht früher als Paddelblätter wie als Spaten angewendet worden.
Herrscht Mangel an Fischen, so sperren die Indianer den Fluß. Eine solche Sperre ist hier abgebildet ([Abb. 11]). Auf dem Gestell, auf welchem ein alter Choroti mit seinem Netz sitzt, pflegen die Indianer Feuer zu haben, um sich zu wärmen und um Fische zu braten. Damit das Holzgestell nicht brennt, wird es durch Schlamm vom Feuer isoliert.
Eine andere unter diesen Indianern unbekannte, sonst aber von vielen Indianerstämmen bekannte Fischereimethode ist die Vergiftung des Wassers durch gewisse Pflanzen. Dagegen pflegt man große Quaste einer feinblätterigen Schlingpflanze, von den Chorotis „Nécac“ genannt, ins Wasser zu werfen, die von den Fischen gefressen werden und um die sie sich sammeln. Gewöhnlich setzt man in der trockenen Zeit Laubbüschel im Flusse auf, unter denen die Fische Schatten suchen und leicht mit dem Netz gefangen werden können. Aller eben von mir erwähnter Fischfang wird ausschließlich von den Männern betrieben.
Bei den Ashluslays fischen die Frauen mit Körben. Mit diesen in der Hand schleichen sie den im Schlamme der Sümpfe lebenden langsamen Panzersiluroiden nach und stülpen sie schnell über die Fische. Haben sie einen Fisch gefangen, so holen sie ihn mit der Hand durch die obere Öffnung des Korbes heraus.
Tafel 4. Fische essender Ashluslay.
In den Ohren hat er große Holzklötze. Das linke Armgelenk ist zum Schutz gegen Bogensehnen umwickelt.
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GRÖSSERES BILD
Abb. 11 a. Sperrung des Rio Pilcomayo mit fischenden Chorotis. Das angewendete Netz ist ein Tauchnetz.
Abb. 11 b. Grundriß von 11 a.
Abb. 11 c = A 11 b.
Von der größten Bedeutung für die Chacoindianer ist das Einsammeln von wilden Früchten. Der Chaco ist, wie schon erwähnt, außerordentlich reich an solchen, und einige, wie der Tusca, Chañar und Algarrobo, kommen in so großer Menge vor, daß sie tausende Menschen ernähren können.
Jeden Morgen sieht man die Frauen in den Dörfern aufs Feld und in den Wald gehen, um alles Eßbare zu sammeln. Sie haben gewaltige Caraguatátaschen, in denen sie Früchte und Wurzeln sammeln, sowie Stöcke zum Ausgraben von Wurzeln und lange Haken zum Herunterholen von hoch in den Bäumen sitzenden Früchten mit. Den Mann sieht man höchst selten Früchte sammeln. Er tut dies nur, um der Frau ein wenig zu helfen. Außer Früchten werden verschiedene Blätter, Wurzeln, Wurzelstöcke der Caraguatá usw. gegessen. Zum Herausgraben dieser letzteren bedient man sich eigentümlicher Stöcke und Holzsägen.
Abb. 12. Chorotikinder spielen, daß sie den Fluß sperren.
Die wilden Früchte gehören keinem. Ein Indianer unternimmt jedoch keine Streifzüge in das Gebiet eines fremden Stammes, um Früchte zu sammeln.
Staunenerregend ist es, wie genau diese Indianer alle Pflanzen der Wälder und Felder kennen. Ein weißer Mann, der längere Zeit bei den Tobas als Gefangener lebte, hat mir erzählt, daß einmal schreckliche Not herrschte. Man versuchte da, alle möglichen und unmöglichen Zweige, Wurzeln und Blätter zu kochen, um darunter etwas zum Essen Taugliches zu finden.
Sicherlich ist der Mensch in solchen Zeiten der Not auf den Gedanken gekommen, sich durch Kochen und Auspressen des Saftes eine so giftige Pflanze wie die Mandioca nutzbar zu machen. Herrmann[21] berichtet, wie die Ashluslays es verstehen, eine von den Chiriguanos „Ihuahuasu“ genannte giftige Frucht durch Kochen eßbar zu machen.
Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die Botaniker keine der wichtigsten Kulturpflanzen dem Menschen gegeben haben. Alle waren schon von den Naturvölkern gekannt.
Die Ashluslays wie die Chorotis haben viele, wenn auch nicht große Pflanzungen und leben mehrere Monate jährlich von den Erzeugnissen dieser. Man kann gleichwohl mehrere Choroti- und Ashluslaydörfer besuchen, ohne eine einzige Pflanzung zu sehen, da diese weder in der Nähe der Dörfer noch der Flüsse liegen.[22]
Die Pflanzungen sind mangelhaft oder gar nicht umzäunt. Sie sind oft, aber nicht immer, schlecht gejätet. Bei den Ashluslays habe ich gut gejätete Pflanzungen mit Mandioca gesehen.
Besonders charakteristisch für den Feldbau dieser Völker ist, daß sie niemals zusammenhängende Strecken bebauen, sondern einen Fleck hier, einen Fleck da, je nachdem sie ein passendes, leicht zu rodendes Stück finden.
Folgende Pflanzen werden von den Ashluslays und Chorotis angebaut:
Mais (in zahlreichen Varietäten).
Mandioca.
Zapallo (Cucurbita Pepo, Linn.).
Wassermelonen.
Tabak.
Baumwolle (nur Ashluslays).
Bohnen (in verschiedenen Varietäten).
Kalebaßfrucht.
Süße Kartoffeln (nur Chorotis).
Die Chorotis und Ashluslays wenden zum Jäten ihrer Pflanzungen Spaten ([Abb. 10]) aus hartem Holze an. Diese Spaten haben, wie erwähnt, eine eigentümlich paddelähnliche Form. Sie bestehen in der Regel aus einem Stück. Bisweilen ist das Blatt an den Stiel gebunden. Die Männer reinigen die Pflanzungen, beide Geschlechter säen und ernten gemeinsam. Die Feldfrüchte werden aber stets von den Frauen und Kindern nach Hause gebracht, falls sie nicht auf dem Pferde oder Eselsrücken dorthin getragen werden. Die Saatzeit nimmt nach dem Erscheinen der Plejaden ihren Anfang. Die Jahreszeit wird auch nach der Reife der Algarrobofrucht und anderer wilder Früchte berechnet. Kleinere Perioden werden nach dem Mond bestimmt.
Die wichtigste der hier angebauten Pflanzen ist der Mais. Von den bemerkenswertesten hier anbaubaren Kulturpflanzen sind die Bananen unbekannt.
Das umsichtigere schwächere Geschlecht bewahrt die Samen bis zur Neusaat auf. In Zeiten der Not kann es mit ganz großen Schwierigkeiten verbunden sein, die Aussaat vor den hungrigen Mägen zu verbergen.
Die Jagd spielt bei den am Flusse wohnenden Indianern eine unbedeutende Rolle. Die vom Rio Pilcomayo entfernt wohnenden Ashluslays sind dagegen eifrige Jäger, was man aus dem Reichtum an Fellen und Knochen wilder Tiere in den Hütten erkennen kann.
Tafel 5. Mit Mais vom Acker kommende Ashluslaykinder.
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GRÖSSERES BILD
Die zur Jagd angewendeten Waffen sind vor allem Pfeil und Bogen. Was würde wohl ein Indianer aus dem nordöstlichen Bolivia, z. B. ein Yuracáre oder Gúarayú sagen, wenn er die Pfeile und Bogen der Chacoindianer sähe, wenn er sehen würde, wie schlecht sie gearbeitet sind, und daß in der Regel die Steuerfedern fehlen. Er würde sie sicher auslachen. Falls er sie zu einem Preisschießen aufforderte, würde er natürlich sofort über die Chorotis siegen. Er würde sich aber wundern, mit welcher Fertigkeit und Sicherheit die Ashluslays mit diesen häßlichen Pfeilen schießen. Auch im Chaco gibt es Pfeile mit stumpfer Spitze zum Vogelschießen. Diese Spitzen sind nicht, wie einige Verfasser behaupten, rund, damit die Vögel getötet werden, ohne die Federn blutig zu machen, da sie hier niemals für Vögel, deren Federn man anwenden will, benutzt werden. Die Pfeile haben nur deshalb klumpige, stumpfe Spitzen, damit sie nicht in den Zweigen der Bäume sitzen bleiben und somit verloren gehen. Schießt man einen Vogel mit einem spitzen Pfeil, so geht er leicht in einen Zweig und bleibt hängen, und es kann schwer und mühselig sein, ihn herunterzubekommen. Der Indianer sucht nämlich immer, wenn er kann, die Pfeile wiederzufinden, die ihr Ziel verfehlt haben.
Bei der Wildschweinjagd werden die Schweine durch die Hunde gestellt und dann durch Keulen getötet. Die Ashluslays wenden zur Vogeljagd gewöhnlich Tonkugelbogen an. Bei den Chorotis habe ich sie nur als Kinderspielzeug gesehen. Auch Schleudern haben diese Indianer. Ich habe jedoch niemals ihre Anwendung auf der Jagd gesehen.
Die Chacoindianer sind nicht so eifrige Jäger, wie die meisten mir von Nordost-Bolivia bekannten Indianer. Moberg hat sich wenigstens oftmals über das mangelnde Interesse der Chorotis für die Jagd geärgert, da es ihm sehr schwer fiel, Gesellschaft zu finden, wenn er jagen wollte.
Ein richtiger Jäger schmückt sich niemals mit fremden Federn. Trägt ein Indianer, der ein wirklicher Jäger ist, Zähne oder leuchtende Federn, so stolziert er mit seinen eigenen Jagdtrophäen. Ein Choroti schmückt sich ebensogern mit einer gefundenen Feder oder mit den Federn eines Vogels, den ein anderer erlegt hat. Hatten wir beispielsweise einen Storch geschossen, so teilten die Indianer die Federn unter sich, so daß jeder ein paar bekam.
Verschiedene Amulette werden von den Ashluslays auf der Jagd angewendet. Hat man in der stets unentbehrlichen Caraguatátasche den Kopf einer Schildkröte, so kann man die Rehböcke anschleichen, ohne daß sie davonspringen. Bei der Straußenjagd ist es gut, Hautstücke von der Brust von Straußen, die man getötet hat, mitzunehmen. Sehr gewöhnlich ist es, an geeigneten Stellen, wie Tränken, Plätze wo die Strauße weiden usw., Jagdhütten zu bauen. Man versteht auch die Anwendung von Schlingen.
Die Männer sammeln Honig und Wachs. Den letzteren wenden die Indianer für ihre Pfeile, zu Pfropfen, in Tongefäßen, zu allerlei Reparaturen usw. an.
Um beim Finden der Bienennester besseres Glück zu haben, stechen sich die Ashluslays mit einem hölzernen Pfriemen über die Augen, bis das Blut fließt. Das Aderlassen ist übrigens sehr gewöhnlich. In der Tasche eines jeden Choroti- und Ashluslayindianers befinden sich eine ganze Menge knöcherner Pfrieme, mit denen er sich sticht, wenn er müde ist. Viele Indianer und auch Indianerinnen sind an Armen und Beinen ganz mit Krusten bedeckt, so viel haben sie sich gestochen. Nach einer anstrengenden Fisch- oder Jagdtour u. dgl. sieht man nicht selten Indianer, die sich wütend in Arme und Beine stechen, so daß das Blut strömt.
Die Leiden eines angeschossenen Tieres versteht ein Indianer nicht zu würdigen. Niemand gibt ihm den Gnadenstoß, soweit dies nicht nötig ist, damit es nicht entspringt.
Wir Weißen brauchen uns darum nicht über die grausamen Indianer zu überheben, wir lassen mißgebildete Kinder leben und sich quälen, wir essen ruhig im Überfluß, während die Mitmenschen in unserem eigenen Staat hungern. Das tun dagegen diese Indianer niemals.
Von Insekten wenden die Chorotis und Ashluslays nur eine große Käferlarve, die sie rösten, als Nahrung an. Erst wenn Not am Mann ist, ißt man wohl alle möglichen Würmer. Sie kennen alle die kleinen Tiere ausgezeichnet und haben für alle Namen. Als ich 1902 den Chaco als Zoologe besuchte, pflegten die Chorotis für mich zu sammeln. Zeigte ich ihnen an dem einen Tage ein Insekt, von dem ich mehrere Exemplare wünschte, so kamen sie sicher am folgenden Tage mit einer großen Menge von diesen wieder. Sie kannten jedes kleine Tierchen sowie jede Pflanze und wußten, wo sie dieselben zu suchen hatten.
Abb. 13. Eine Chorotifrau trägt Wasser nach Hause. Rio Pilcomayo.
Die Viehzucht ist ebenfalls ein für diese Indianer wichtiger Nahrungszweig. Die Chorotis haben recht viele Schafe und Ziegen sowie eine geringe Anzahl Pferde. Viel reicher an Vieh als jene sind die Ashluslays. In einem ihrer Dörfer, dem Dorfe des Häuptlings Toné, das damals ca. 400 Einwohner hatte, zählte ich etwa 200 Kühe, etwa 200 Pferde, Maulesel und Esel, davon viele Stuten und Füllen, sowie über 500 Schafe und Ziegen. Außer diesen Haustieren gibt es Hühner und Katzen und eine unzählige Menge Hunde. Im Dorfe Tonés befanden sich sicher ein paar hundert Hunde. Diese Indianer töten die jungen Hunde nicht, sondern lassen sie sich frei vermehren. Alle diese oft ausgehungerten Hunde sind deshalb eine wirkliche Plage im Dorfe. Sie werden jedoch gut behandelt und nicht geschlagen, obschon die Nahrung nicht für so viele Münder reicht. Ich sah einmal eine Chorotifrau, die an der einen Brust ihr Kind, an der anderen einen Hund säugte. Stirbt ein Hund, so wird er gleich den Pferden der Indianer ordentlich begraben, und ein Pferd mit dem Holzspaten vergraben, ist sicher ein tüchtiges Stück Arbeit. Die Weißen in Bolivia werfen dagegen ihre toten Hunde und Pferde auf den Müllhaufen und lassen, als Dank für die erwiesene Pflichttreue, die Geier ihnen den letzten Dienst erweisen.
Zum Tierbestand in einem Choroti- oder Ashluslaydorf gehört beinahe mit Sicherheit eine Anzahl wilder Tiere. Diese sind aller Lieblinge. Man sieht Störche, Nutrias, Wildschweine, Strauße, Füchse usw. In der Regel sind sie Spielkameraden der Kinder. Diesen bereitet, wie unseren Kindern, das Binden der Strauße, Tränken der Pferde, Füttern der Kühe usw. eine große Freude.
Einmal bot ich in einem Ashluslaydorf ein prächtiges Tuch für eine Henne. Ein kleines, süßes, etwa 10jähriges Mädchen tauschte sich mit Freuden das Tuch ein. Als sie sah, daß die Henne geschlachtet wurde, was sie sicher nicht erwartet hatte, begannen die Tränen über ihre Wangen zu rollen, und plötzlich sprang sie davon, um ihren Freund zu beweinen. Das Tier war ihre Gesellschaft und sicher nicht zum Essen bestimmt.
Die Indianer im Chaco haben seit langer Zeit dieselben Haustiere wie der weiße Mann. Verschiedene Stämme stehen von alters her mit den Weißen in Berührung. Andere, tiefer im Chaco wohnende haben dann durch den Handel zwischen den Stämmen diese Tiere erhalten. Von besonderer Bedeutung sind hier natürlich die Schafe, aus deren Wolle die Indianerinnen Mäntel weben.
Im Innern des Chaco, vom Rio Pilcomayo gerechnet, ist das Land sehr wasserarm, und während der Trockenzeit haben die Indianer häufig kaum Wasser. Sie graben deshalb Brunnen. Solche habe ich bei den Ashluslays bis zu einer Tiefe von 4 m gesehen.[23] Die Forderungen eines Indianers an die Beschaffenheit des Wassers sind sehr gering. So habe ich die Ashluslays aus Sümpfen mit braungrünem, stinkendem Wasser trinken sehen, ohne daß es ihnen irgendwie schlecht zu bekommen schien. Wahrscheinlich gibt es in den abgelegenen Gegenden, wo die Ashluslays wohnen, weder Typhoid- noch Dysenteriebakterien.
Abb. 14. Algarrobomehl seihende Ashluslayfrau.
Ich selbst bin fest überzeugt, daß ich, falls ich z. B. in Schweden all den Schmutz getrunken hätte, den ich im Chaco genossen habe, jetzt nicht mehr unter den Lebenden wäre.
Wie man bei den Ashluslays und Chorotis ißt.
Wäre ich zu einem Ashluslay- oder Chorotimittag eingeladen und könnte selbst die Speisekarte wählen, so würde ich sicher über Kohlen gebratene und auf grünen Blättern servierte Fische begehren. Hätte ich sie selbst etwas salzen dürfen, denn Salz wenden die Ashluslays und Chorotis selten an, so wären sie ganz einfach lecker. Niemand kann so wie ein Indianer Fische rösten. Von den Fischen würde ich dann so viel essen, daß ich nichts anderes zu berühren brauchte, denn schreckliche Sachen können serviert werden. Es gibt Dinge, die selbst der fanatischste Ethnograph nicht zu verzehren vermag. Die Ingredienzien selbst brauchen nicht so schlecht zu sein, der Schmutz bei der Zubereitung ist aber unerhört. Därme werden z. B. niemals vor dem Kochen gewaschen, sondern ganz einfach entleert. Bisweilen muß jedoch der Darminhalt als Gemüse zum Fleisch dienen. So werden die Erdratten mit Eingeweide und Exkrementen verzehrt. Sie werden ganz ins Feuer gelegt, wo sie durch die Hitze anschwellen. Dann werden Löcher in den Magen gestochen, damit die Luft, nur die Luft herauskommt. Auch Eidechsen werden mit Eingeweide und allem gegessen. Frösche, Füchse und in der Regel, aber nicht immer, Geier werden als nicht eßbar betrachtet. Verschiedene Früchte, z. B. Algarrobo, werden gewöhnlich in folgender Weise gegessen: die Frucht wird zerklopft und in einer großen Kalebasse mit Wasser gemengt. Um diese setzen sich mehrere Personen, immer vom gleichen Geschlecht, denn Männer und Frauen essen nicht zusammen. Jeder nimmt sich mit den Fingern ein ordentliches Stück, saugt daran und spuckt es dann wieder in das gemeinschaftliche Gefäß. Daß es unangenehm sein könnte, den Speichel eines anderen in den Mund zu bekommen, ist den Indianern vollständig unbegreiflich. Will man eine längere Zeit bei den Ashluslays und Chorotis hausen und ihr Leben zu leben versuchen, muß man sich über „Vorurteile“, die man in dieser Beziehung haben kann, hinwegsetzen, und man wird wirklich bald unbegreiflich verhärtet.
Die Ashluslayindianer essen Honig mit Bürsten aus Caraguatástämmen, die sie in den Honig tauchen, ablecken, wieder eintauchen, dem Nachbar reichen usw. Wie wenn wir mit Rasierpinseln äßen — denn so sehen diese Werkzeuge aus ([Abb. 15]).
Bestimmte Mahlzeiten habe ich bei den Chorotis und Ashluslays nicht beobachten können. Ist genügend Nahrung vorhanden, so essen diese Indianer auch des Nachts.
Abb. 15. Eßbürste, Ashluslays. ½.
Als Reisezehrung auf den Wanderungen werden getrocknete Fische, Maiskuchen, Klöße aus gekochter Chañarfrucht und solche von Algarrobomehl angewendet. Die letzteren sind wirklich gut. Wie sie zubereitet werden, ist mir unbekannt, denn da ich sie auf meinen Streifzügen mit den Ashluslayindianern stets zu essen pflegte, beschloß ich, dieses Geheimnis, aus Furcht, daß ich, nachdem ich es kennen gelernt habe, auf die guten Klöße verzichten würde, niemals zu erforschen.
Die umsichtigen Frauen bereiten, wenn Überfluß an Speisen vorhanden ist, Konserven. Früchte werden in großen Massen getrocknet. Zuweilen ziehen sie in Begleitung der Männer nach abgelegenen fruchtreichen Gegenden, und lassen sich dort eine Zeitlang unter eifriger Arbeit nieder. Wenn man eine solche „Konservenfabrik“ sieht, muß man unwillkürlich an die Ähnlichkeit mit dem Einmachen unserer nordischen Frauen zur Herbstzeit denken. Überall liegen Haufen von rohen, gekochten, gebratenen und getrockneten Früchten.
Von großem Interesse sind die von den Ashluslays zum Rösten angewendeten Öfen. Ein solcher Ofen ist hierneben beschrieben und abgebildet ([Abb. 16]). Er ist von demselben Typ, wie der von den Tsirákuaindianern im Nordchaco angewendete. Nachdem die Früchte geröstet sind, werden sie getrocknet und können dann monatelang aufbewahrt werden. Die Indianerfrau ist ein umsichtiges Hausmütterchen.
Dies verwundert vielleicht den Leser, der möglicherweise die Naturvölker hat beschreiben hören, als lebten sie nur für den Tag und dächten niemals an die Zeiten der Not.
Abb. 16. In die Erde gegrabener Ofen. Ashluslays.
a = Erdoberfläche; b = Rinde, Gras u. a.; c = Gang, durch welchen man die Glut anbläst; d = Glut.
Abb. 17. Hölzernes Messer. Ashluslays.
Wird zum Abschuppen und Ausnehmen der Fische angewendet.
Das Essen kochen die Indianerinnen in einfachen irdenen Töpfen. Man ißt in der Regel aus Schalen von Kalebassen und mit den Fingern oder mit einem Löffel aus einer Muschel oder Kalebasse. Da die Frauen sich nicht immer eiserne Messer verschaffen können, benutzen sie noch hölzerne Messer ([Abb. 17]), mit denen sie die Fische abschuppen und ausnehmen.
Mörtel aus hartem Holz mit Keulen aus demselben Material sind allgemein. Die Ashluslays wenden auch Mörtel einer ganz anderen, höchst merkwürdigen Art an. Sie bestehen aus inwendig mit in der Sonne getrocknetem Lehm bekleideten Erdgruben. Natürlich werden die in diesen Mörteln zerquetschten Früchte etwas erdig, aber etwas mehr oder weniger Schmutz macht in der indianischen Küche nicht viel.
Abb. 18. Hölzerne Messer zum Essen von Wassermelonen. Ashluslays. ½.
Abb. 19. „Reibeisen“ aus Holz. Ashluslays. ⅛.
Körbe sind bei diesen Indianern unbekannt, ebenso wirkliche Seiher. Will die Indianerin z. B. Algarrobomasse durchseihen ([Abb. 14]), so wendet sie ganz einfach ein Stück einer Caraguatátasche an. Der Grund, warum die Chacoindianer keine Körbe anwenden, kann kaum darin liegen, daß solche ihnen vollständig unbekannt sind, denn sie kennen direkt oder indirekt die Chiriguanos, die solche haben. Das geeignete Material dazu, d. h. Palmblätter, ist auch reichlich vorhanden. Im großen ganzen ersetzen jedoch die Caraguatátaschen vollständig alle Körbe, außerdem sind sie haltbarer und lassen sich bequemer auf den Wanderungen mitnehmen und in den Hütten aufbewahren. Die Körbe sind also für diese Indianer vollständig unnötig und sogar ungeeignet.
Ist Überfluß an Trinkwaren, d. h. Bier aus Algarrobo, Chañar oder Mais, vorhanden, so essen die Männer nicht sehr viel, denn das Bier, das sie trinken, ist stark sättigend und nährend. Das Bier ist in solchen Zeiten für sie Speise und Trank. Oft läßt das Trinken ihnen auch keine Zeit zum Fischen und Jagen.
Die Indianer kämpfen sicher zuweilen einen harten Kampf, um die Forderungen des Magens befriedigen zu können. Ist der Magen voll, so ist der Indianer froh und übermütig, da tummeln sich die Kinder in ausgelassener Freude, da tanzt die Jugend jeden Abend und hat Rendezvous in den Büschen, da sitzen die Alten und trinken Bier in gewaltigen Kalebassen und rauchen und spucken und prahlen mit ihren Taten und amüsieren sich königlich. Ist der Magen leer, dann ist es still auf den Spielplätzen, dann ist kein Tanz, kein Rendezvous, kein Bier und keine Prahlerei.
Als ich 1908 die Chorotidörfer besuchte, waren die Magen von fetten Fischen ausgespannt. Herrliche Fische! Da war Tanz und Fest.
Ein Jahr später kam ich wieder. Ach, wie mager doch alles war, bis die Chañar- und Algarrobofrüchte reif wurden. Dann war wieder Freude in den Dörfern.
Gibt es gebratene Fische und Fischfett oder große Kalebassen mit Algarrobobier, dann lebt sich’s gut für einen Indianer am Rio Pilcomayo.
Tafel. 6. Chorotimama mit ihrem kleinen Jungen und dessen Spielkameraden.
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