Anmerkungen zur Transkription

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Korrektur:

S. 131 heißeres → heiseres
tiefes, [heiseres] Stöhnen

== Bingo ==
und andere Tiergeschichten

Im Verlag der Franckh’schen Verlagshandlung, Stuttgart, sind erschienen:

E. Thompson Seton

Bingo und andere Tiergeschichten.

Prärietiere und ihre Schicksale.

Tierhelden, die Geschichte einer Katze, zweier Wölfe usw.

Rolf, der Trapper.

Preis jedes Bandes gebd. M 19.50.

Monarch, der Riesenbär.

Jochen Bär und andere Tiergeschichten.

Domino Reinhard, Lebensgeschichte eines Silberfuchses.

Preis jedes Bandes gebd. M 13.—.

Karl Ewald

Mutter Natur erzählt (Naturwissenschaftliche Märchen).

Der Zweifüßler und andere Geschichten.

Vier feine Freunde und andere Geschichten.

Meister Reineke u. andere Geschichten.

Das Sternenkind und andere Geschichten.

A. Th. Sonnleitner

Die Höhlenkinder im heimlichen Grund.

Die Höhlenkinder im Pfahlbau.

Die Höhlenkinder im Steinhaus.

Eine Robinsonade auf kulturgeschichtlicher Grundlage, in der sich der Werdegang der Menschheit abspielt.

A. R. Bond

Bei den Helden der Technik

Ferienerlebnisse zweier Jungen in Neuyorks Wunderwelt der Technik.

Preis jedes Bandes gebd. M 19.50.

Bingo und andere
Tiergeschichten

mit vielen Abbildungen

von

Ernest Thompson Seton

Dieses Buch enthält die Lebensgeschichten von

  • Bingo
  • Silberfleck
  • Zottelohr
  • Lobo
  • Vixen
  • Rotkrause
  • Wully

und dem Paßgänger

Neunundsechzigste Auflage

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
1921

STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & Co., STUTTGART

Verzeichnis der Erzählungen und der Vollbilder.

Seite
Bingo, die Geschichte meines Hundes [5]
[Frank entzieht sich dem Ansprung des wütenden Wolfes]
[Bingo und die Wölfin]
[Bingo hält die Wölfe fern, während sich Curley vollfrißt]
Silberfleck, die Geschichte einer Krähe [34]
[Silberfleck]
[Der Tod Silberflecks]
Zottelohr, die Geschichte eines Hasen [56]
[Das befreite Häschen folgt der weißen Blume]
[Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang]
Lobo, der König von Currumpaw [101]
[Lobo]
[Tannery mit seinen Hunden kommt das Tal herabgesprengt]
[Lobo legt die Fallen bloß]
[Lobo und Blanca]
Vixen, eine Mutter [128]
[Vixen nimmt die Kinder mit auf die Mäusejagd]
[Vixen]
Rotkrause, die Geschichte des Fasanen aus dem Don-Tale [159]
[Rotkrause rettet das Jüngste vor dem Eichhorn]
Wully, ein Schäferhund [202]
[Wully beobachtet Hulda]
Der Paßgänger [221]
[Immer vorwärts im Trab!]

Bingo.

Die Geschichte meines Hundes.

I.

Im Anfang November des Jahres 1882 war es, und ein richtiger Manitoba-Winter setzte gerade mit aller Härte ein. Ich hatte mich nach dem Frühstück auf einige Minuten behaglich in meinen Armstuhl ausgestreckt und vertrieb mir die Zeit damit, durch ein kleines Fenster zu schauen, das die Aussicht auf ein Stück Prärie und das Ende unseres Kuhstalles gefällig einrahmte. Dann fiel mein Blick wieder auf den alten Reim vom »Franzosenhund Bingo«, der auf den Wandbalken neben mir aufgeklebt war. Da wurde das träumerische Anschauen von Reim und Aussicht plötzlich durch den Anblick eines großen grauen Tieres gestört, das über die Prärie herüber und gerade in unseren Kuhstall hineinraste, hitzig verfolgt von einem kleineren schwarzweißen Wesen.

»Ein Wolf,« rief ich, ergriff meine Büchse und sprang hinaus, um dem Hunde beizustehen. Aber ehe ich zum Stall gelangen konnte, waren sie wieder auf und davon. Nach einer kurzen Strecke Laufs über den Schnee beschrieb der Wolf einen Bogen, und der Hund, unseres Nachbars Collie, umkreiste ihn, auf eine günstige Gelegenheit zum Zufahren lauernd.

Ich feuerte einige Schüsse aus beträchtlicher Entfernung ab, die aber nur bezweckten, sie zu erneuter Hetze über die Prärie anzustacheln. Nach kurzer Zeit hatte der Hund den Wolf eingeholt und packte ihn am Schenkel, zog sich aber wieder zurück, um dem Ansprung des wütenden Wolfes zu entgehen. Dann begann von neuem ein kurzes Scharmützel, das in einer wilden Jagd endete, und diese Szene wiederholte sich beinahe alle hundert Meter. Der Hund versuchte, den Wolf bei jedem frischen Ansturm nach der Ansiedlung zu treiben, während dieser sich vergeblich abmühte, nach dem dunklen Streifen des Waldes im fernen Osten zu entweichen. Zuletzt, nach einer Meile hitzigen Laufes, die sie kämpfend und rennend zurücklegten, überholte ich sie, und der Hund, der nun wußte, daß er im Rücken gedeckt war, griff zum Entscheidungskampf an.

Nach einigen Sekunden löste sich das rollende Knäuel der zappelnden Tiere auf, und man konnte einen Wolf erkennen, auf dessen Rücken sich ein blutender Collie fest in den Nacken verbissen hatte. Es war mir nun leicht, heranzutreten und dem Kampf durch einen wohlgezielten Büchsenschuß in den Kopf des Wolfes ein Ende zu machen.

Als dieser Hund mit den beneidenswerten Lungen dann sah, daß sein Gegner nicht mehr zuckte, würdigte er ihn keines Blickes, sondern machte sich auf den Weg nach einer Farm, vier Meilen über der Prärie, wo er wahrscheinlich seinen Gebieter verlassen hatte, als er den Wolf aufspürte. Es war ein wunderbares Tier, das zweifellos dem Wolf auch den Garaus gemacht hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre, denn ich erfuhr später, daß er das bereits vorher noch mit anderen dieses Gesindels getan hatte, obwohl die Wölfe, trotzdem sie der kleineren Prärierasse angehörten, beträchtlich größer waren als er selbst.

Bewunderung für den Heldenmut dieses Hundes erfüllte mich, und ich versuchte sofort, ihn um jeden Preis zu erwerben. Jedoch bei meiner Anfrage erhielt ich von seinem Besitzer nur die spöttische Antwort: »Warum kauft Ihr nicht einen seiner Nachkommen?«

Als ich so erfuhr, daß Frank, dies war der Name des Collies, nicht feil war, mußte ich mich notgedrungen mit dem Nächstbesten, d. h. einem seiner Sprößlinge oder besser einem Sohne seiner Gattin, begnügen. Dieser nachgewiesene Abkomme einer edlen Familie war ein kleiner rundlicher Ball, bedeckt mit schwarzen, weichem Fell, und sah mehr wie ein langschwänziges Bärenjunges aus, als wie ein junger Hund. Dabei trug er aber einige braune Abzeichen wie sein Vater und einen höchst charakteristischen, weißen Ring, der wie ein Maulkorb um die Schnauze lag. Diese einzige Ähnlichkeit mit seinem großen Erzeuger ließ mich von künftigen Heldentaten träumen.

Nachdem ich ihn glücklich hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn nennen sollte. Diese Frage war schnell gelöst, denn der Reim von des »Franzosen Hund Bingo« war so eng mit unserer Bekanntschaft verknüpft, daß wir ihn mit der nötigen Feierlichkeit »Bingo« tauften.

II.

Den Rest des Winters verbrachte Bingo in unserem Schuppen. Er lebte hier wie ein spieliger, fetter, wohlmeinender, aber stets verkannter junger Hund, der sich gewöhnlich überfrißt, dabei aber von Tag zu Tag größer und schwerer wird. Neugierig war er über alle Maßen, und selbst eine höchst traurige Erfahrung vermochte es nicht, ihn zu überzeugen, daß man die Nase nicht in eine Rattenfalle hineinstecken dürfe. Seine Versuche, mit der Katze freundschaftlich anzubändeln, wurden von dieser vollkommen mißverstanden und hatten nach einigen Scharmützeln zwar einen Waffenstillstand zur Folge, der aber gar oft schnell gebrochen wurde. Nach einigen Monaten zeigte Bingo, der schon früh seinen Kopf für sich hatte, Neigung, im Pferdestall zu übernachten und mied schließlich die Scheune ganz und gar.

Frank entzieht sich des wütenden Wolfes Ansprung

Als das Frühjahr kam, befaßte ich mich ernstlich mit seiner Erziehung, und nach mancher traurigen Erfahrung meiner- und seinerseits brachte ich ihn so weit, daß er auf mein Geheiß auf die Suche nach unserer alten gelben Kuh ging, die frei, auf einer uneingezäunten Wiese weidete.

Nachdem er dieses Geschäft einmal verstand, konnte man ihm mit nichts eine größere Freude bereiten, als mit dem Befehl, hinauszulaufen und die Kuh heranzutreiben, dann sauste er davon, bellte vor Vergnügen und machte hohe Sprünge, um die weite Fläche auf der Suche nach seinem Opfer besser übersehen zu können. Kurz darauf kehrte er dann zurück, jagte die Kuh in tollem Galopp vor sich her, und gab ihr keine Ruhe, bis sie pustend und völlig außer Atem in den äußersten Winkel ihres Stalles getrieben war.

Etwas weniger Eifer von seiten Bingos würde gewiß befriedigender gewesen sein, aber wir ließen ihn gewähren, bis die Sache anfing, ihm zu viel Spaß zu machen und er die alte Kuh nach Hause brachte, ohne daß es ihm geheißen war. Schließlich geschah es nicht nur ein- oder zweimal des Tages, sondern wenigstens ein dutzendmal, daß dieser übereifrige Kuhhirt davonlief und auf seine eigene Verantwortung hin das arme Geschöpf heimjagte.

Zum Schluß artete Bingos Liebhaberei derartig aus, daß er, wenn er sich nach etwas Körperbewegung sehnte oder einige Minuten Zeit finden konnte, oder auch nur zufällig daran dachte, in vollster Karriere über die Wiesen davonraste und wenige Minuten später zurückkehrte, dabei die unglückliche gelbe Kuh im Kavalleriegalopp vor sich herjagend.

Zuerst maßen wir dieser Liebhaberei Bingos keinerlei Bedeutung bei, da sie die Kuh hinderte, sich zu weit von der Ansiedelung zu entfernen, aber bald kam es so, daß sie nicht mehr genügend fressen konnte; sie wurde mager und elend und gab von Tag zu Tag weniger Milch. Sogar auf ihr Gemüt schien die Hetze verderblichen Einfluß zu haben; denn fortwährend beobachtete sie nervös und argwöhnisch den gehaßten Hund, und am Morgen hielt sie sich ängstlich in der Nähe des Stalles, als ob sie nicht wagte, sich davon zu machen und damit sofort das Opfer einer hitzigen Jagd zu werden.

Das ging nun doch zu weit! Alle Versuche, Bingos Eifer zu mäßigen, waren umsonst, und da nichts half, wurde er gezwungen, dieses Spiel ganz aufzugeben. Auch dann noch fuhr er fort, sein Interesse an der Kuh zu bezeigen, indem er stets vor der Stalltür lag, wenn sie gemelkt wurde, obschon er nicht mehr wagte, sie heimzubringen.

Der Sommer kam und brachte eine furchtbare Plage mit sich – die Moskitos. Doch beinahe noch unerträglicher als die Quälgeister waren die fortwährenden Pendelbewegungen des Kuhschwanzes beim Melken.

Mein Bruder Fred, der das Melken zu besorgen pflegte, war ebenso unduldsam als erfinderisch und hatte eine höchst originelle und einfache Idee, die Kuh am Peitschen mit dem Schwanze zu hindern. Er befestigte einfach am Ende einen Ziegelstein und begann befriedigt und mit erlöstem Behagen seine Arbeit, während wir anderen der Sache mit zweifelhaften Blicken zusahen.

Plötzlich ertönte aus einer Wolke von Moskitos heraus ein dumpfer Schlag und ein Ausbruch wenig salonfähiger, aber höchst angebrachter Kraftausdrücke. Die Kuh fuhr ruhig fort, wiederzukäuen, bis Fred wieder auf den Beinen war und sie wütend mit dem Melkschemel angriff. Es ist gewiß schon schlimm genug, von einer dummen Kuh mit einem Ziegelstein eine Kopfnuß zu bekommen, aber die schadenfrohe Freude und das Gelächter der Zuschauer machte es einfach unerträglich.

Als Bingo den Aufruhr im Stall vernahm und natürlich glaubte, daß man seiner dabei benötigte, kam er hereingesaust und griff die Kuh von der anderen Seite an. Nachdem zum Schluß alles wieder in Ordnung und jedermann beruhigt war, war die Milch verschüttet, der Eimer und der Schemel zerbrochen und der Hund und die Kuh jämmerlich geprügelt.

Dem armen Bingo war die ganze Sache vollständig unklar. Schon lange hatte er die Kuh verachtet, aber jetzt beschloß er im höchsten Unwillen, auch die Stalltür zu meiden, und hielt sich von diesem Tag an ausschließlich zu den Pferden und deren Behausung.

Die Kühe auf unserer Farm gehörten mir, und die Pferde waren meines Bruders Eigentum. Als nun Bingo seine Zuneigung und seinen Wohnsitz vom Kuh- nach dem Pferdestall verlegte, schien er auch mich aufzugeben, und mit unserer alten Kameradschaft hatte es ein Ende. Aber im Falle der Not hielt er doch stets zu mir und ich zu ihm, und wir beide fühlten, daß eine einmal gefaßte und tief gewurzelte Zuneigung zwischen Mensch und Hund lebenslänglich ist.

Nur einmal noch war Bingo als Kuhhirt tätig, im Herbste des gleichen Jahres auf dem Jahrmarkt von Carberry. Unter den Zugnummern befand sich außer einer Viehschau auch die lockende Aussicht auf eine hohe Ehrenauszeichnung und einen Barpreis von zwei Dollars für den bestgezogenen Collie.

Durch einen falschen Freund überredet, ließ ich Bingo mit auf die Liste setzen, und früh am festgesetzten Tage wurde die Kuh auf eine Wiese außerhalb des Dorfes getrieben. Als der Zeitpunkt kam, an dem Bingo seine Künste zeigen sollte, wurde ihm die in der Ferne friedlich weidende Kuh gezeigt und ihm der Befehl erteilt, sie zu bringen, natürlich in der Meinung, daß er sie nach dem Stande der Preisrichter treiben sollte.

Aber die beiden Tiere wußten es besser, und nicht umsonst hatten sie den ganzen Sommer über geprobt. Als die Kuh Bingo in Karriere auf sich zukommen sah, wußte sie, daß ihre einzige Rettung war, sofort in den Stall zu gelangen, und der Hund war ebenso überzeugt, daß seine einzige Aufgabe darin bestände, ihr Tempo in dieser Richtung möglichst zu beschleunigen. So rasten sie über die Prärie wie der Wolf hinter dem Reh, und entschwanden in der Richtung nach der zwei Meilen entfernten Farm unseren Blicken.

Es war das letztemal, daß Preisgericht und Richter jemals Hund und Kuh zu sehen bekamen, und der Preis wurde gerechtermaßen der einzigen anderen Anmeldung zugesprochen.

III.

Bingo besaß, wie ich schon sagte, eine sehr starke Anhänglichkeit an unsere Pferde. Am Tage trottete er neben ihnen her, und des Nachts schlief er vor der Stalltür. Wo das Gespann hinging, dahin ging auch Bingo, und durch nichts war er von ihm fernzuhalten. Aus diesem Grunde erscheint die folgende Begebenheit höchst rätselhaft.

Ich war gewiß nicht abergläubisch und hatte niemals an Vorzeichen geglaubt, doch machte eines Tages ein eigenartiger Zwischenfall, bei dem Bingo die Hauptrolle spielte, auf mich einen tiefen Eindruck. Wir zwei, d. h. mein Bruder und ich, lebten zu jener Zeit auf der De-Winton-Ansiedelung. Eines Morgens fuhr mein Bruder hinaus nach dem Boggybache, um eine Fuhre Heu einzuholen, und da es hin und zurück eine gute Tagereise war, brach er schon beim Morgengrauen auf. Da geschah das Sonderbare: Bingo war zum erstenmal in seinem Leben nicht zu bewegen, dem Wagen zu folgen. Mein Bruder rief ihn wiederholt, aber er hielt sich in sicherer Entfernung und weigerte sich, ängstlich nach den Pferden hinüberschielend, zu folgen. Dann plötzlich hob er seine Nase in die Luft und begann ein langes, melancholisches Geheul. Er verfolgte den Wagen mit den Augen, bis er außer Sicht war, lief auch noch ein Stückchen hinaus, aber nur um immer und immer wieder sein jammervolles Geheul zu erheben. Den ganzen Tag hielt er sich nahe dem Stalle, zum erstenmal freiwillig getrennt von den Pferden, und heulte mit kurzen Pausen einen wahren Totengesang. Ich war ganz allein, und des Hundes sonderbares Gebaren flößte mir eine schreckliche Vorahnung von nahendem Unglück ein, die schwerer und schwerer auf mir lastete, je weiter der Tag vorrückte.

Ungefähr um sechs Uhr wurde mir Bingos anhaltendes Geheul unerträglich, so daß ich wütend das nächste beste nach ihm warf und ihn hinwegjagte. Aber die furchtbarsten Vorahnungen konnte ich nicht loswerden. Warum hatte ich auch meinen Bruder allein ziehen lassen? Würde ich ihn je lebend wiedersehen? Nach dem Benehmen des Hundes zu urteilen, mußte etwas Entsetzliches passiert sein.

Die Stunde der Rückkehr nahte heran, und da erschien Fred mit seiner Fuhre. Vom lähmenden Banne erlöst, machte ich mir mit den Pferden zu schaffen und fragte ganz nebenbei: »Ist alles in Ordnung?«

»Gewiß,« war die lakonische Antwort.

Wer kann nun noch an Vorbedeutungen glauben?

Viel später erzählte ich einem in geheimer Wissenschaft Erfahrenen die ganze Geschichte; er machte ein ernstes Gesicht und fragte: »Bingo hielt sich in Not und Gefahr immer zu dir?«

»Jawohl.«

»Dann lächle nicht. Denn du warst in Gefahr an jenem Tage; der Hund blieb und rettete dein Leben, obwohl wir nicht wissen konnten, von welcher Gefahr.«

IV.

Im Frühjahr hatte ich Bingos Erziehung begonnen. Kurz darauf begann er die meine.

Mitten auf dem zwei Meilen langen Stück Prärie zwischen unserem Häuschen und Carberry stand der Grenzpfahl der Farm, ein starker Pfosten, eingerammt in einen Erdhügel und weithin sichtbar.

Ich bemerkte, daß Bingo niemals an diesem geheimnisvollen Pfahl vorüberlief, ohne ihn sorgfältig zu untersuchen. Dann sah ich, daß die Präriewölfe ebenso wie auch alle Hunde der Nachbarschaft dieses Merkmal besuchten, und schließlich halfen mir Beobachtungen mit dem Fernrohr, das Dunkel aufzuklären und mir einen Einblick in Bingos Privatleben zu verschaffen.

Der Pfahl war nach Übereinkommen ein Signalpfosten für die Glieder der großen Hundefamilie der Umgegend, und der ausgezeichnete Geruchssinn der Hunde machte es ihnen möglich, zu erkennen, welcher ihrer Genossen zuletzt auf diesem Platze gewesen war. Als der Schnee kam, enthüllte sich noch mehr. Ich entdeckte nämlich, daß dieser Pfahl nur ein Punkt war, der zu einem ganzen System gehörte, das sich weit über das Land verbreitete. Kurzum, die Gegend war nach Bedarf in Signalstationen eingeteilt. Diese waren durch irgendeinen unauffälligen Gegenstand, durch einen Pfahl, einen Stein oder einen Büffelschädel, der zufällig auf dem gewünschten Platz lag, gekennzeichnet, und ausgedehnte Untersuchungen bewiesen, daß es eine sinnreiche Einrichtung war, um Nachrichten zu verbreiten und zu erhalten.

Bingo und die Wölfin

Jeder Hund oder Wolf hält es für seine Pflicht, alle Stationen, die in der Nähe seines Reiseweges liegen, zu besuchen, um zu erfahren, wer kürzlich vorübergekommen ist.

Ich beobachtete, daß Bingo sich dem Pfahle näherte, schnüffelte, den Erdboden rundherum genau untersuchte, dann knurrte und mit zu Berge stehender Mähne und glühenden Augen wütend zu kratzen begann. Zum Schluß ging er steifbeinig davon, sah sich dabei aber von Zeit zu Zeit um. Alles dies bedeutete übertragen:

»Grrh! wuf! das war dieser dreckige Köter von Mc Carthys. Wuf! dem werde ich schon heute abend heimleuchten. Wuf! wuf!«

Ein andermal wieder vertiefte er sich in die Spur eines Präriewolfs, die herüber- und hinüberführte, und murmelte dabei:

»Die Spur eines Präriewolfs, von Norden kommend und nach einer toten Kuh riechend. Das ist höchst interessant! Da muß Pollworths alte Blesse doch verendet sein. Das ist wert, näher untersucht zu werden.«

Bei anderen Gelegenheiten wedelte er mit dem Schwanze, lief in der Nachbarschaft umher und kreuz und quer um den Pfahl herum, um seinen Besuch möglichst deutlich erkennbar zu machen, wahrscheinlich zur Benachrichtigung seines Bruders Bill, der in Brandon lebte. Deshalb war es auch gewiß kein Zufall, daß Bill eines Nachts bei uns auftauchte und von Bingo mit in die Hügel genommen wurde, wo ein höchst wohlschmeckendes, totes Pferd einen feinen Braten zur Verherrlichung des Besuches abgab.

Zuweilen wurde Bingo plötzlich durch die erhaltenen Neuigkeiten so aufgeregt, daß er die Spur aufnahm und im Galopp nach der nächsten Station lief, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Oft rief die Untersuchung auch nur ein würdevolles Kopfschütteln hervor, das sich ungefähr aussprach wie: »O du meine Güte, wer zum Kuckuck war denn das?« Oder: »Ich glaube fast, ich machte die Bekanntschaft dieses Herrn schon im vorigen Sommer.«

Als Bingo sich eines Morgens dem Grenzpfahl näherte, sträubten sich seine Haare, er kniff den Schwanz ein, zitterte am ganzen Leibe, und man konnte erkennen, daß ihm plötzlich übel wurde, alles sichere Zeichen von Angst und Schrecken. Auch schien er keine Lust zu fühlen, der Spur zu folgen, sondern kehrte nach dem Hause zurück, und noch eine halbe Stunde danach standen seine Haare zu Berge, und sein Gesichtsausdruck zeigte Haß und Furcht.

Bei näherer Untersuchung der gemiedenen Fährte entdeckte ich, daß das entsetzte, tief gegurgelte »Grrhwuf« »Waldwolf« bedeutete.

Dies ist einiges von dem, was Bingo mich lehrte. Wenn ich ihn dann später sah, wie er sich von seinem kalten, ungemütlichen Lager vor der Stalltür erhob und sich streckte, den Schnee aus seinem zottigen Fell schüttelte und in einem steten Trott in der Dämmerung verschwand, dann pflegte ich zu denken:

»Aha, du alter Schwede, ich weiß schon, wo du hin willst, und warum du den Schutz des Stalles verschmähst. Ich weiß auch, warum deine nächtlichen Streifzüge so genau an bestimmte Zeiten gebunden sind und woher du es weißt, wohin dich zu wenden, um den zu finden, den du suchst.«

V.

Im Herbst des Jahres 1884 verließen wir die De-Winton-Farm, und Bingo war genötigt, sein altes Quartier mit einem neuen, dem Stall unseres Nachbars Gordon Wright, zu vertauschen.

Seit den ersten Tagen seiner Jugend hatte er sich geweigert, ein Haus zu betreten, ausgenommen während eines Gewitters. Vor Donner und Feuerwaffen hatte er eine tiefeingewurzelte Angst, und die Furcht vor dem Grollen der Elemente hatte zweifellos ihren Ursprung in einem unangenehmen Abenteuer mit einem Gewehr. Sein Nachtlager war, selbst während des kältesten Wetters, außerhalb des Stalles. So konnte er sich seiner nächtlichen Freiheit ungehindert erfreuen und sie nach Kräften ausnutzen. Bingos mitternächtliche Wanderungen dehnten sich meilenweit über die Ebene aus. Dafür hatten wir genügende Beweise. Einige Farmer aus weitentfernten Gegenden ließen Gordon sagen, daß sie von ihren Gewehren Gebrauch machen würden, wenn er seinen Hund des Nachts nicht zu Hause hielte, und Bingos Furcht vor Feuerwaffen bewies, daß dies keine leeren Drohungen waren. Ein Mann, der weit, weit entfernt in der Nähe von Petrel lebte, erzählte, er habe an einem Winterabend einen großen schwarzen Wolf gesehen, der einem Präriewolf den Garaus machte. Später aber änderte er seine Ansicht und meinte, es müsse Wrights Hund gewesen sein.

So oft der Körper eines erfrorenen Rindes oder eines Pferdes sich irgendwo fand, war Bingo auf geheimnisvolle Weise sofort benachrichtigt, begab sich stehenden Fußes nach der Stelle und stillte, die Präriewölfe hinwegtreibend, seinen Hunger bis zum Platzen.

Zuweilen war der Grund zu seinen nächtlichen Wanderungen auch die Liebe zu irgendeines Nachbars Hündin, und es war nicht zu befürchten, daß Bingos Geschlecht je aussterben würde. Einer behauptete sogar, er habe eine Wölfin mit drei Jungen gesehen, die der Mutter zwar ähnelten, jedoch größer und schwarz waren und um das Maul einen weißen Ring trugen.

Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht; ich erinnere mich, daß wir spät im März mit Bingo, der hinter uns hertrottete, im Schlitten über Land fuhren und aus einer Höhle einen Präriewolf aufstöberten. Er sauste davon, und Bingo in voller Karriere hinterdrein, aber der Wolf schien sich nicht besonders anzustrengen, um zu entfliehen. Nach einigen Sekunden hatte der Hund ihn eingeholt und, so sonderbar es auch klingen mag, es entspann sich kein hitziger Kampf, keine blutige Balgerei!

Bingo lief liebenswürdig neben dem Wolf her und leckte ihm die Nase.

Wir waren sehr erstaunt und hetzten Bingo gegen den Graurock auf, aber unser Schreien und Rufen hatte nur zur Folge, daß der Wolf davonrannte und der Hund hinterher, bis er ihn wieder überholt hatte. Seine Liebenswürdigkeit war zu auffällig, und es begann in meinem Kopfe zu dämmern: das war eine Wölfin, und Bingo wollte ihr kein Leid tun. Wir riefen unsern ungeratenen Hund und fuhren heim.

Nach diesem Tag wurden wir wochenlang durch die Räubereien einer Wölfin belästigt, die unsere Hühner mordete, Stücke Fleisch aus dem Hause stahl und verschiedene Male die Kinder in Schrecken setzte, indem sie frech zum Fenster hereinschaute, wenn die Männer fort waren.

Schließlich wurde die Wölfin erschossen, und Bingos bittere Feindschaft gegen Oliver, der den glücklichen Schuß getan, bewies seine Zuneigung zu der Dahingeschiedenen zur Genüge.

VI.

Es ist wunderbar, wie Mensch und Hund zusammenhalten und wie sie sich in Not und Gefahr nie verlassen. Butler erzählte von einem alten Indianerstamm im fernen Norden, der sich in blutiger Familienfehde aufrieb, und zwar einzig und allein um eines treuen Hundes willen, der einem Krieger des Stammes gehörte und von einem Nachbarn getötet wurde. Ja selbst unter uns hört man oft genug von Gerichtsverhandlungen, ernsten Streitigkeiten und Fehden, die alle von dem alten Satze ausgingen: »Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!«

Einer unserer Nachbarn besaß eine kostbare Rüde, die er für die beste und wertvollste auf der Welt hielt. Der Mann war mein Freund, und folglich war ich auch seinem Hunde zugetan. Als daher eines Tages der arme Tan furchtbar verstümmelt heimgekrochen kam, vor der Tür liegen blieb und verendete, schwor ich im Verein mit seinem Herrn furchtbare Rache, und ließ nichts unversucht, den Mörder zu entdecken.

Ich setzte Belohnungen aus und suchte eifrig nach Beweismaterial zur Überführung des Verbrechers. Schließlich kam es zutage, daß wohl drei Männer, die südlich von uns wohnten, bei dieser blutigen Affäre ihre Hand im Spiel gehabt haben mußten. Die Beweise häuften sich, und beinahe waren wir so weit, die Angelegenheit der Gerechtigkeit zu übergeben, die das Urteil über die Mörder des armen Tan sprechen sollte.

Da ereignete sich etwas, was meine Ansicht sofort änderte und mich glauben machte, daß die Verstümmelung des alten Köters doch kein so unentschuldbares Verbrechen gewesen sei; jedoch mußte ich mir diese Sinnesänderung ziemlich gewaltsam aufdrängen.

Gordon Wrights Farm lag südlich von der unseren, und als ich jene eines Tages besuchte, nahm mich Gordon jun., der wußte, daß ich Tans Mörder nachspürte, beiseite und wisperte, sich ängstlich dabei umsehend:

»Bingo war der Mörder.«

Von diesem Augenblicke an ließ ich die Angelegenheit fallen, und ich bekenne, daß ich mit dem gleichen Eifer nun die Nachforschungen irrezuleiten suchte, mit dem ich vorher zur Aufdeckung des Verbrechens angestachelt hatte.

Schon lange vor dieser Begebenheit hatte ich Bingo weggeschenkt; aber noch fühlte ich mich im Herzen als sein Besitzer, und diese unlösliche Kameradschaft zwischen Bingo und mir sollte sich bald bei einer anderen Gelegenheit überraschend beweisen.

Gordon und Oliver waren nahe Nachbarn und gute Freunde. Sie hatten zusammen einen Kontrakt übernommen, Holz zu schlagen, und arbeiteten einträchtig miteinander bis spät in den Winter. Da verendete Olivers alte Mähre, und um noch möglichst viel Nutzen aus diesem Verlust herauszuschlagen, schleifte er den Kadaver hinaus in die Prärie und streute vergiftete Köder für die Wölfe daneben aus. Der arme Bingo! Er konnte von seinen wölfischen Gewohnheiten nicht lassen, obwohl sie ihn schon oft ins Unglück gestürzt hatten.

Er war ein großer Freund von Pferdefleisch, wie alle Angehörigen dieser wilden Rasse, und noch in der gleichen Nacht stattete er dem Kadaver in Begleitung von Wrights Hund Curley einen Besuch ab. Es schien, als ob Bingo in der Hauptsache nur die Wölfe ferngehalten und Curley sich vollgefressen hätte. An den Spuren im Schnee konnte man die ganze Geschichte des Festmahles ablesen, von der Störung, als das Gift zu wirken begann, und von dem rasenden Laufe Curleys heimwärts, der, von wütenden Schmerzen gepeinigt, zu Gordons Füßen in Krämpfe verfiel und dann vollkommen gelähmt verendete.

»Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!« Keinerlei Aufklärungen und Entschuldigungen wurden angenommen. Es war nutzlos, zu behaupten, die ganze Sache sei zufällig; die langvergessene Feindschaft zwischen Bingo und Oliver warf ein starkes Licht auf die Begebenheit. Der Holzkontrakt wurde gebrochen, alle freundschaftlichen Verbindungen gelöst, und noch bis heute besteht die bittere Feindschaft, die durch Curleys Todesschrei ins Leben gerufen wurde.

Es währte Monate, bis Bingo sich vom Genuß des Giftes erholte, und wir glaubten sicher, daß er niemals wieder der starke, lustige Bingo von früher werden würde. Doch als der Frühling kam, fing sein Zustand an, sich merklich zu bessern, und als das Gras wuchs, war er wieder bei vollster Gesundheit und Kraft, der Stolz seiner Freunde und der Quälgeist der Nachbarn.

VII.

Pflichten riefen mich weit hinweg von Manitoba, und bei meiner Rückkehr im Jahre 1886 war Bingo noch ein Mitglied von Wrights Haushalt. Ich glaubte, er würde mich nach den zwei Jahren der Abwesenheit vergessen haben, aber dem war nicht so. Eines Tages im Winter, nachdem er achtundvierzig Stunden verloren gewesen war, kam er heimgekrochen mit einer Wolfsfalle und einem Holzklotz am Hinterlauf und den Fuß zu Stein gefroren. Niemand konnte sich ihm nähern, um ihm zu helfen, und als ich, für ihn jetzt ein Fremder, mich niederbeugte, mit einer Hand die Falle erfaßte und mit der andern sein Bein, packte er mich wütend am Gelenk.

Noch waren seine spitzen Zähne nicht durch die Haut gedrungen, und, ohne mich zu bewegen, sagte ich: »Aber, Bingo, kennst du mich denn nicht mehr?« Sofort ließ er meine Hand fahren und leistete keinen weiteren Widerstand, obwohl er während der Entfernung der Falle vor Schmerz heulte und winselte. Trotz des Wechsels seiner Heimat und trotz meiner langen Abwesenheit erkannte er mich als seinen Herrn und Gebieter an, und auch ich fühlte trotz des Aufgebens aller Anrechte auf ihn, daß er immer noch mein Hund war.

Bingo wurde – zwar ganz gegen seinen Willen – ins Haus getragen, um den erfrorenen Fuß aufzutauen. Den ganzen Winter hindurch lief er lahm, und zwei Zehen des verletzten Fußes fielen ab. Jedoch vor dem Wiedereinsetzen der warmen Witterung hatte er seine volle Gesundheit wiedererlangt, und für einen Uneingeweihten trug er keine Merkmale seiner furchtbaren Erfahrung in der Stahlfalle.

VIII.

Im gleichen Winter fing ich eine große Anzahl Wölfe und Füchse, die nicht so viel Glück hatten wie Bingo und den unbarmherzigen Fallen nicht zu entrinnen vermochten. Ich ließ die Fallen draußen bis spät ins Frühjahr; denn die Fangprämien sind hoch, auch wenn das Pelzwerk minderwertig ist.

Kennedys Wiesen waren stets ein ergiebiger Jagdgrund, weil sie nicht von Menschen besucht wurden und zwischen dem Forst und der Ansiedlung lagen; hier hatte ich das meiste Glück.

Die Wolfsfallen sind von schwerem Stahl und haben zwei Federn, jede mit einer Schlagkraft von hundert Pfund. Vier werden zusammen ausgesetzt rund um einen vergrabenen Köder. Nachdem sie an verborgenen Holzklötzen stark befestigt sind, bedeckt man sie sorgfältig mit Laub und Sand, um sie vollkommen unsichtbar zu machen.

In einer solchen Falle hatte ich einen Präriewolf gefangen. Ich schlug ihn mit einem Knüppel tot und warf ihn beiseite. Dann begann ich die Falle wieder zu spannen, wie ich es hundertmal vorher getan. Alles war schnell geschehen, und da ich ein Häufchen feinen Sand nahebei erblickte, griff ich hinüber, um mit einer Handvoll die Falle gut zu bedecken.

O welch ein unglückseliger Gedanke, welche Unvorsichtigkeit! Der Sand lag auf der nächsten Wolfsfalle, und im Augenblick war ich ein Gefangener. Zwar war ich unverletzt; denn die Fallen hatten keine Zähne, und mein dicker Handschuh schwächte den Schlag, aber ich war oberhalb des Knöchels fest erfaßt. Indem ich trotz des Schreckens möglichst kühl zu bleiben trachtete, versuchte ich den Schlüssel zum Öffnen der Fallen mit meinem rechten Fuße zu erreichen. Mich in voller Länge ausstreckend, arbeitete ich mich, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, langsam darauf zu und machte meinen gefangenen Arm so lang und gerade als möglich. Ich konnte mich nicht zur gleichen Zeit umsehen und nach dem Schlüssel langen; aber ich rechnete auf das Gefühl in meinen Zehen und hoffte, sofort zu bemerken, wenn ich das kleine eiserne Werkzeug berühren würde. Mein erster Versuch mißlang. So stark ich auch an der Kette ziehen mochte, mein Fuß traf auf kein Metall. Dann versuchte ich es zum zweitenmal, indem ich mich immer um meinen gefangenen Arm drehte, doch war alles umsonst. Ich entdeckte, daß ich viel zu weit nach Westen geraten war, und so begann ich von neuem blindlings herumzutappen, in der Hoffnung, mit meinen Zehen auf den Schlüssel zu stoßen. Bei dem wilden Umherfahren mit meinem rechten Fuß vergaß ich vollkommen den linken, bis sich die eisernen Klauen von Falle Nr. 3 mit einem scharfen »Klink« über meinem linken Knöchel schlossen.

Zuerst machte die entsetzliche Lage, in der ich mich befand, keinen sonderlichen Eindruck auf mich; aber bald wurde mir schrecklich klar, daß all mein Arbeiten, loszukommen, vergeblich sein mußte. Ich konnte mich von keiner der Fallen ohne Hilfe befreien, konnte sie auch nicht bewegen, und so lag ich denn ausgestreckt, fest und sicher an den Erdboden gekettet.

Was sollte nun aus mir werden? Es war zwar keine Gefahr, zu erfrieren; denn das kalte Wetter war vorüber, aber Kennedys Plan wurde von keinem Menschen besucht, außer von den Holzfällern im Winter. Zu Haus wußte niemand, wohin ich gegangen war, und wenn ich mich nicht selbst befreien konnte, hatte ich keine andere Aussicht, als von den Wölfen zerrissen zu werden oder vor Kälte und Hunger elend zu sterben.

Als ich so dalag, ging die Sonne blutigrot im Westen hinter dem Buschmoor unter, und eine Heidelerche sang im nahen Busch ihr Abendlied, genau wie am Abend zuvor vor der Tür unseres Häuschens. Obwohl dumpfe Schmerzen in meinem Arm in die Höhe krochen und ein eisiger Schüttelfrost mich erfaßte, bemerkte ich doch noch, wie lang die kleinen Federbüschel über den Ohren der Lerche waren. Dann wanderten meine Gedanken zum behaglichen Abendtische in Wrights Haus, und ich dachte, jetzt wird gebraten und gekocht, und jetzt setzen sie sich nieder. Mein Pferd stand dort, wo ich es verlassen, mit den Zügeln auf dem Erdboden, und wartete geduldig, um mich heimzutragen. Es verstand die lange Verzögerung nicht, und als ich es rief, hörte es auf zu weiden und sah mich hilflos fragend an. Wenn es doch heim liefe! Der leere Sattel würde genug erzählen und sicher Hilfe herbeirufen. Jedoch die große Pflichttreue des Tieres hielt es wartend Stunde für Stunde bei mir zurück, während ich vor Kälte und Hunger beinahe verging.

Dann erinnerte ich mich, wie der alte Trapper Girou sich im Walde verlaufen hatte und wie seine Kameraden im folgenden Frühjahr das Skelett fanden, mit den Knochen des Beines in einer Bärenfalle eingeklemmt. Ich zerbrach mir den Kopf, welcher Teil meiner Kleidung mich wohl erkennbar machen würde. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Das gleiche Gefühl hatte doch auch der Wolf, wenn er sich in einer Falle fing. O für welches Elend war ich schon verantwortlich! Nun mußte ich dafür büßen.

Die Nacht sank langsam hernieder. Ein Präriewolf heulte. Das Pferd spitzte die Ohren und kam näher an mich heran, schnaufend und den Kopf tief am Boden. Dann heulte ein zweiter Wolf und noch einer, und ich konnte vernehmen, wie sie sich in der Nähe zusammenscharten. Da lag ich nun hilflos, mit dem Gesicht am Boden, und wunderte mich nur, daß die gierigen Bestien nicht gleich auf mich losstürzten und mich in Stücke zerrissen. Lange hörte ich sie heulen, bevor ich gewahr wurde, daß undeutliche, schattenhafte Gestalten um mich herumhuschten. Das Pferd bemerkte sie, und sein entsetztes Schnaufen trieb sie erst zurück, aber das nächstemal kamen sie schon näher, saßen um mich herum und gafften mich an. Bald wurden sie frecher, krochen heran und rissen an dem Kadaver ihres toten Genossen. Ich schrie, und die Wölfe zogen sich knurrend zurück, während das Pferd entsetzt davonlief.

Wieder kamen sie heran, und nach zwei oder drei derartigen Rückzügen und Angriffen zerrten sie den Leichnam davon und verschlangen ihn in wenigen Minuten.

Danach kamen sie wieder näher, umringten mich und starrten mich frech an. Der Unverschämteste von ihnen beroch mein Gewehr und bewarf es mit Schmutz. Zwar zog er sich zurück, als ich mit meinem freien Fuße nach ihm stieß und ihn anschrie, aber je schwächer ich wurde, desto frecher wurden die Bestien, und ihr Führer kam ganz nahe und fauchte mir direkt ins Gesicht. Dann heulten auch die übrigen und scharten sich dicht um mich, und ich glaubte schon, daß das verhaßte Pack mich zerreißen und verschlingen würde, als plötzlich aus dem Dunkel mit heiserem Geheul ein großes, schwarzes Tier heraussprang. Die Scheusäler zerstoben wie Spreu vor dem Winde, nur ihr Führer blieb, der von dem Ankömmling gepackt wurde und in einigen Minuten als verstümmelter Leichnam dalag. Und dann – Entsetzen packte mich – das mächtige Ungetüm sprang auf mich los und – Bingo, mein treuer Bingo rieb atemlos seinen zottigen Kopf an meiner Schulter und leckte mein eiskaltes Gesicht.

»Bingo – Bingo, alter Junge, hol mir den Fallenschlüssel!«

Davon sprang er und kam zurück, aber er zerrte mein Gewehr hinter sich her; denn er wußte nur, daß ich irgend etwas haben wollte.

»Nein, Bingo, den Fallenschlüssel!« Diesmal brachte er meine Säge, aber schließlich kam er mit dem Schlüssel und wedelte freudig mit dem Schwanze, als er sah, daß er diesmal das Richtige getroffen. Mit meiner freien Hand öffnete ich mühselig die Schrauben, die Falle fiel auseinander, meine Hand war frei, und eine Minute später war ich ganz erlöst. Bingo brachte das Pferd, und nachdem ich einige Male langsam auf und ab gegangen, um das erstarrte Blut in Umlauf zu bringen, war ich fähig, aufzusteigen. Dann ging es heimwärts, langsam zuerst, schließlich im Galopp, und Bingo sprang wie ein Herold bellend vor ihm her. Als wir die Ansiedelung erreichten, erfuhr ich, daß der treue Hund sich am Abend ganz auffällig benommen hatte; winselnd und heulend war er die Straße auf und ab gelaufen, und als schließlich die Dunkelheit kam, hatte er sich, allen Versuchen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz, davongemacht und war, geleitet von einem Instinkt, den wir nicht erklären können, gerade im rechten Moment bei mir angelangt, um mich zu rächen und zu befreien.

Bingo hält die Wölfe fern, während Curley sich vollfrißt

Treuer, alter Bingo – du warst ein rätselhafter Hund. Obwohl er mich liebte, lief er am nächsten Tage an mir vorüber, ohne mir nur einen Blick zu schenken, folgte aber mit Feuereifer Wrights kleinem Sohn, der ihn zur Jagd mitrief. So blieb er bis ans Ende, und bis ans Ende führte er auch sein geliebtes wölfisches Leben und konnte es nicht lassen, auf die Suche nach gefallenen Pferden zu gehen. So fand er einmal auch eins mit einem vergifteten Köder und verschlang diesen wie ein Wolf. Als er die furchtbare Wirkung fühlte, machte er sich auf, nicht nach Haus, sondern um mich zu suchen, und erreichte die Tür der kleinen Hütte, in der er mich vermutete. Als ich am andern Tag nach Hause kam, fand ich ihn tot im Schnee, mit dem Kopf auf der Schwelle der Tür – der Tür, vor der er seine Jugendtage verlebt. Er war verendet – mein Hund bis zum letzten Atemzug – und es war meine Hilfe, die er gesucht hatte, vergeblich gesucht in der Stunde bitterer Todesschmerzen und tiefer Verzweiflung.

Silberfleck.

Die Geschichte einer Krähe.

I.

Hat irgend jemand unter uns das intime Leben und Treiben eines freien Waldbewohners wirklich kennen gelernt? Ich meine damit nicht ein Tier, das man ein- oder zweimal auf einsamen Spaziergängen trifft oder gar zu Hause im Käfig hält, sondern ich denke an solche Tiere, die man lange Zeit kennt, während sie noch wild und frei sind, und in deren Leben und Entwicklung man einen tiefen Einblick erhalten hat. Für gewöhnlich liegt die Schwierigkeit einer derartig nahen Bekanntschaft darin, daß man ein Tier nicht von dem andern zu unterscheiden vermag; denn ein Fuchs oder eine Krähe sieht ihresgleichen ja so ähnlich, daß wir nicht mit Sicherheit behaupten können, einen alten Bekannten anzutreffen, wenn wir sie wieder einmal zu Gesicht bekommen. Von Zeit zu Zeit jedoch erhebt sich ein Geschöpf, das stärker und klüger ist als seine Gefährten, über diese empor und wird zum gewaltigen Tyrannen; es ist, möchte man sagen, ein Genie, und wenn es sich durch seine Gestalt auszeichnet oder irgendein besonderes Abzeichen trägt, wodurch es sich von den anderen unterscheidet, so wird es leicht berühmt oder berüchtigt im ganzen Lande. Dies beweist, daß das Leben eines Tieres oft bei weitem interessanter sein kann als das eines menschlichen Wesens.

Zu dieser Klasse von Tieren gehört z. B. Courtrand, der kurzgeschwänzte Wolf, der die Stadt Paris im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zehn Jahre lang in Schrecken und Entsetzen hielt; Clubfoot, der lahme Grislybär, dessen man sich noch jetzt mit Grauen im San-Joaquin-Tal in Kalifornien erinnert; Lobo, der König aller Wölfe von Neu-Mexiko, der fünf Jahre lang jeden Tag ein Rind mordete, und der Soehnee-Panther, dem in weniger als zwei Jahren nahezu dreihundert Menschen zum Opfer fielen. Zu diesen Tieren zählt auch Silberfleck, dessen Geschichte ich kurz erzählen will.

Silberfleck war ein alter, weiser Krähenvater. Er trug seinen Beinamen wegen eines silberweißen Flecks von der Größe eines Groschens, der auf der rechten Seite gerade zwischen Auge und Schnabel saß. Nur diesem Fleck verdanke ich es, daß ich Silberfleck aus den übrigen Krähen mit Leichtigkeit herausfinden konnte und daß mir seine Lebensschicksale bekannt wurden.

Krähen sind bekanntlich hochintelligente Vögel. »Weise, wie eine alte Krähe«, wurde nicht ohne Grund zur landläufigen Redensart. Sie wissen den Wert einer systematischen Organisation zu schätzen und sind ebenso gedrillt wie Soldaten, ja weit besser als gewisse Söldnerscharen; denn sie sind immer auf der Wacht, leben immer auf Kriegsfuß und hängen um ihrer Sicherheit und ihres Lebens willen stets voneinander ab. Ihre Führer sind gewöhnlich nicht nur die ältesten und klügsten der Bande, sondern auch die stärksten und tapfersten; denn sie müssen jederzeit bereit und fähig sein, mit unwiderstehlicher Gewalt einen Aufruhr oder eine Meuterei niederzudrücken. Die gemeinen Soldaten eines Krähenheeres setzen sich aus den jüngsten und aus den Krähen zusammen, die mit keinen besonders hervorragenden Gaben von der Natur beschenkt sind.

Der alte Silberfleck war kommandierender General einer Armee, deren Hauptquartier in der Nähe von Toronto, in Kanada bei Castle Frank, auf einem fichtenbewachsenen Hügel an der Nordostseite der Stadt lag. Die Bande bestand aus ungefähr hundert Vögeln und schien sich aus Gründen, die ich niemals erfuhr, nicht zu vermehren. War der Winter mild, so hausten sie am Niagaraflusse, während sie in kalten Wintern bedeutend weiter südlich zogen. Jedes Jahr in der letzten Woche des Februar musterte Silberfleck seine Truppe und kreuzte kühn die vierzig Meilen offenen Wassers zwischen Toronto und Niagara, und zwar flog er nicht in einer geraden Linie, sondern hielt regelmäßig eine Kurve in der Richtung nach Westen ein, wobei er in Sicht des ihm bekannten Dunda-Berges blieb, bis das Reiseziel, der fichtenbewachsene Hügel von Castle Frank, in der Ferne auftauchte. Jedes Jahr kam er mit seiner Armee und hielt sich ungefähr sechs Wochen lang dort auf. Am Morgen machten sich die Krähen in drei Abteilungen auf zum Furagieren, die eine Bande südöstlich nach der Ashbridge-Bai, die zweite nördlich den Don hinauf und die dritte und stärkste nordwestlich das Tal entlang; diese letztere leitete Silberfleck persönlich; wer die anderen führte, habe ich niemals erfahren.

Am windstillen Morgen flogen sie stets hoch oben in den Lüften in gerader Richtung davon; wenn es windig war, hielt sich die Bande dagegen niedrig und folgte dem schützenden Taleinschnitt. Von meinem Fenster aus konnte ich die ganze Schlucht übersehen, und so kam es, daß ich im Jahre 1885 die alte Krähe zum erstenmal bemerkte. Ich war noch unbekannt in der Nachbarschaft, aber ein alter Bewohner erzählte mir, der gewaltige Krähendespot triebe sich schon länger als zwanzig Jahre im Tale umher. Die günstigste Gelegenheit, ihn zu beobachten, bot sich in der Bergschlucht, und da Silberfleck seine alte Wegrichtung gewohnheitsmäßig innehielt, obwohl die Hügel jetzt mit Häusern bebaut waren und Brücken den Taleinschnitt überspannten, konnte ich ihn bald zu meinen näheren Bekannten zählen. Zweimal am Tage, im März und April und dann wieder im Spätsommer und Herbst, passierte er auf dem Hin- und Herwege meinen Beobachtungsposten, ließ mich seine Bewegungen genau wahrnehmen, seine Kommandos vernehmen und öffnete mir auf diese Weise nach und nach die Augen. Ich kam zu der Überzeugung, daß die Krähen, obschon ein kleines, unbeachtetes Völklein, große Klugheit besitzen und einen Stamm bilden, mit einer Sprache und sozialen Einrichtungen, die denen der Menschen in den Hauptpunkten ähneln und auf jeden Fall in vielen Einzelheiten gewissenhafter gehandhabt werden.

Nr. 1.

An einem windigen Tage stand ich auf der hohen Brücke, als Silberfleck an der Spitze seiner langgestreckt und zerstreut fliegenden Truppe eben heimwärts zog. Eine halbe Meile weit von mir konnte ich das zufriedene »Alles sicher, nur immer vorwärts«, wie wir es ausdrücken würden, oder, wie er es ausdrückte, hören, und wie es sein Leutnant im Nachtrab wiederholte. Sie flogen beträchtlich tiefer als sonst, um nicht in den Wind zu kommen, und mußten sich etwas erheben, um über die Brücke hinwegzustreichen, auf der ich stand. Silberfleck entdeckte mich dort, beobachtete mich einige Sekunden scharf, parierte im Fluge, da ich ihm nicht ganz geheuer schien, und rief nach rückwärts:

Nr. 2.

»Seid auf der Hut!« und erhob sich, gehorsam von den Seinen begleitet, hoch in die Luft. Dann, als er sah, daß ich unbewaffnet war, flog er etwa siebzig Fuß über meinem Kopf hinweg, und auch die anderen ließen sich wieder in die alte Fluglinie herabsinken, als sie die Brücke passiert hatten.

Am darauffolgenden Tage befand ich mich am gleichen Platze, und als sich die Krähen näherten, erhob ich meinen Spazierstock und drohte zu ihnen hinauf. Der alte Schlaukopf bemerkte das sofort, krähte:

Nr. 3.

»Gefahr« und erhob sich fünfzig Fuß höher als am Tage zuvor. Da er jedoch sah, daß ich keine Feuerwaffe trug, flog er keck über mich hinweg. Am dritten Tage nahm ich ein Gewehr mit, und diesmal rief er:

Nr. 4.

»Höchste Gefahr, ein Gewehr!« Sein Leutnant gab den Ruf zurück, und das ganze Regiment hob sich hoch empor und zerstreute sich, bis es weit außer Schußweite war. Dann flog es in Sicherheit über mich hinweg und ließ sich wieder in das schützende Tal herab, sobald es in gebührender Entfernung war. Ein andermal, als die Vögel in wippendem Fluge die Schlucht herabkamen, ließ sich ein rotschwänziger Habicht dicht an ihrem gewohnten Wege nieder. Der Führer rief:

Nr. 5.

»Habicht« und hielt im Fluge inne. Jede folgende Krähe tat das gleiche, wenn sie an ihren Vordermann herankam, bis sie alle zu einer dichten Masse vereinigt waren. Dann flogen sie ohne Furcht vor dem Habicht vorwärts. Eine Viertelmeile weiter unten erschien jedoch ein Mann mit einem Gewehr, und der Ruf:

Nr. 6.

Nr. 7.

»Höchste Gefahr, ein Gewehr, ein Gewehr, zerstreut euch, es gilt euer Leben!« ließ sie hoch auf- und weit auseinander fliegen, bis sie außer Schußweite waren. Bei längerer Bekanntschaft lernte ich nach und nach viele andere dieser Kommandorufe kennen und verstehen und fand, daß zuweilen eine ganz unbedeutende Veränderung der Laute eine ungemein wichtige Änderung der Bedeutung zur Folge hatte. So z. B. bedeutet Nr. 5 Habicht, Häher oder irgendeinen großen gefährlichen Raubvogel, während Nr. 7 »Kehrt« bedeutet, augenscheinlich eine Verbindung von Nr. 5, dessen Grundidee Gefahr, und Nr. 4, dessen Sinn Rückzug ist. Das nächste wieder ist ein einfaches

Nr. 8.

»Guten Tag«, während

Nr. 9.

gewöhnlich an die gemeinen Soldaten gerichtet wird und »Achtung« bedeutet.

Frühzeitig im April schien etwas Großes unter den Krähen vorzugehen. Irgend etwas höchst Aufregendes und Wichtiges mußte sie betroffen haben. Den halben Tag trieben sie sich zwischen den Fichten umher, anstatt wie sonst von Sonnenaufgang bis -niedergang auf die Nahrungssuche auszugehen. Zu zweien und dreien konnte man sie herumjagen und -huschen und von Zeit zu Zeit die verwegensten Flugkunststückchen ausführen sehen. Es war ein besonderer Lieblingssport einiger, aus der blauen Höhe plötzlich auf irgendeine friedlich ruhende Krähe herabzuschießen und gerade, ehe sie sich berührten, zu wenden und den Flug zurück in die Luft zu nehmen, wobei die Flügel des Künstlers ein Geräusch verursachten, das wie entfernter Donner klang. Oft neigte auch eine Krähe den Kopf, blies die Federn auf, daß sie wie ein Igel aussah, näherte sich einer anderen und gurgelte ihr einen langgezogenen Ton entgegen, der klang wie

Nr. 10.

Was dies alles zu bedeuten hatte, sollte ich bald erfahren. Die Krähen machten sich Liebeserklärungen und begannen sich zu paaren. Die Männchen bewiesen den Damen ihrer Wahl ihre Flügelkräfte und ihre Geschicklichkeit und ließen ihre Stimmen gar lieblich und berückend erschallen. Und der Erfolg dieser Bemühungen konnte nicht ausgeblieben sein; denn Mitte April zogen sie alle auf die Hochzeitsreise, zerstreuten sich über die ganze Gegend, und die düsteren, alten Fichten von Castle Frank standen verlassen und einsam.

II.

Der Zuckerhut-Hügel steht allein im Dontal, bedeckt mit Waldungen, die sich mit denen von Castle Frank vereinigen. Mitten in diesen Forsten steht ein Fichtenbaum, in dessen Gipfel ein verlassener Habichtshorst hängt. Jeder Schuljunge von Toronto kennt dieses Nest; aber weder ich noch irgend jemand sonst hatte je ein lebendes Wesen darin gesehen, ausgenommen das einemal, als ich ein schwarzes Eichhorn vom Rande herunterschoß. Hoch oben hing das Nest, jahraus, jahrein, alt und struppig, und schien nur auf einen tüchtigen Sturm zu warten, der es vollkommen herunterreißen sollte. Jedoch, so wunderbar es auch klingen mag, es zerfiel nicht ganz in Stücke.

Eines Morgens im Mai ging ich früh beim Morgengrauen aus und schlüpfte geräuschlos durch den Wald, dessen welke Blätter noch zu feucht waren, um zu rascheln. Zufällig kam ich an dem alten Nest vorüber und war höchst erstaunt, einen schwarzen Schwanz über den Rand hinausgucken zu sehen. Ich gab dem Baum einen tüchtigen Schlag, und eine Krähe flog auf. Das Rätsel war gelöst. Lange hatte ich schon den Verdacht gehegt, daß ein Krähenpaar jedes Jahr zwischen den Fichten nistet, und nun entdeckte ich, daß es Silberfleck mit seiner Gattin war. Das alte Nest war ihre Hochburg, und sie waren zu klug, ihr durch Frühjahrsreinemachen und unnötige Reparaturen ein freundliches Aussehen zu verleihen. Hier hatten sie schon lange Jahre gehaust, obwohl Jäger und Jungen, die leidenschaftlich der Krähenjagd oblagen, tagtäglich mit gefährlichen Feuerwaffen unter ihrer Wohnung vorüberkamen. Nach dieser Entdeckung störte ich den alten Gesellen nicht zum zweitenmal, aber ich beobachtete ihn oft durch mein Fernrohr.

Eines Tages bekam ich eine Krähe zu Gesicht, die mit etwas Weißem im Schnabel das Tal kreuzte. Sie flog in der Richtung nach dem Rosedale-Bache und landete bei einer hohen Ulme. Dort ließ sie einen blanken Gegenstand fallen, und als sie sich darauf schnell und vorsichtig umsah, erkannte ich sie als meinen alten Freund Silberfleck wieder. Nach einer Weile nahm er das weiße Ding – eine Muschelschale – wieder auf und lief gravitätisch zur Quelle hinüber, die mit Sauerampfer und großblätterigen Sumpfgewächsen überwuchert war. Dort machte er sich eifrig an die Arbeit, einen Haufen von Muscheln und anderen glänzenden Gegenständen aus der Erde hervorzuwühlen. Er breitete sie in der Sonne aus, drehte sie von einer Seite auf die andere, hob sie der Reihe nach auf, ließ sie wieder fallen, behandelte sie aber dabei wie rohe Eier und wühlte mit gierigen Augen darin, wie ein alter Geizhals in seinen Schätzen. Das war sein Steckenpferd, seine einzige Schwäche. Hätte man ihn gefragt, er hätte kaum eine Erklärung geben können, warum er es tat, ebensowenig wie ein Schuljunge weiß, warum er Briefmarken sammelt, oder ein Mädchen erklären kann, warum sie Perlen Rubinen vorzieht. Nach einer halben Stunde harmlosen Spielens mit seinem Schatze bedeckte er alles, auch den neuen Zuwachs der Sammlung, sorgfältig mit Blättern und Erde und flog davon. Sofort ging ich nach dem Fleck und machte Ausgrabungen. Da fand ich denn einen ganzen Haufen weißer Kieselsteine, glänzender Muscheln, Zinkstückchen und mitten darunter den Henkel einer kostbaren Porzellantasse, der gewiß das Glanzstück der Sammlung war. An diesem Tage sah ich den Schatz zum ersten- und letztenmal; Silberfleck wußte, daß jemand seine Kostbarkeiten gefunden hatte, und entfernte sie sofort; wohin er sie brachte, weiß ich bis heute nicht.

In den Monaten, während deren ich ihn so genau beobachten konnte, hatte er viele kleine Abenteuer, und gar oft entschlüpfte er dem Verderben nur mit knapper Not. Einmal wurde er von einem Sperber böse zugerichtet und oft von Königsvögeln geängstigt und verfolgt. Sie konnten ihm zwar nichts zuleide tun, aber sie vollführten einen derartigen Lärm um ihn herum, daß er sie soviel als möglich mied, gerade wie ein erwachsener, verständiger Mann einem Zusammenstoß mit lärmenden, unverschämten Gassenjungen aus dem Wege geht. Aber auch Silberfleck hatte leider einige grausame Liebhabereien. An jedem Morgen pflegte er die Runde durch die Nester der kleinen Vögel in der Nachbarschaft zu machen und den ängstlich flatternden und piepsenden Müttern die frischgelegten Eier vor der Nase wegzufressen. Dieser höchst verwerflichen Gewohnheit lag er mit der Pflichttreue und Regelmäßigkeit eines Doktors ob, der seine Patienten besucht. Aber wir dürfen ihn deshalb nicht richten; denn wir selbst machen es ja mit den Hennen im Hühnerhof nicht anders.

Gar oft bewies er eine geradezu verblüffende Geistesgegenwart und Schlauheit. So beobachtete ich ihn einmal, als er mit einem großen Stück Brot im Schnabel das Tal entlang flog. Der Bach auf der Talsohle wurde damals gerade wie eine Schleuse übermauert, und es waren ungefähr siebenhundert Meter vollendet. Als Silberfleck über das noch offene Wasser vor dem Eingang in den Tunnel hinwegflog, verlor er das Brot aus dem Schnabel, das von der Strömung mitgerissen wurde und sofort in der Höhlung verschwand. Er ließ sich herab und lugte vergebens in das tiefe Dunkel hinein. Dann flog er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, stromabwärts nach dem Ende des Tunnels und erwartete das Auftauchen des treibenden Brotes. Als es die Strömung denn auch richtig ans Tageslicht brachte, packte er es und trug es im Triumph davon.

Silberfleck war eine Krähe von Welt. Sein Leben war an Erfolgen reich, und er lebte in einer Gegend, die, obwohl voll von Gefahren, Nahrungsmittel die Fülle bot. Jedes Jahr wuchs in seinem alten, verwitterten Nest eine junge, kräftige Brut heran, und dort verlebte er glückliche Zeiten mit seiner Gattin, die ich leider von den anderen Krähen nicht zu unterscheiden vermochte. Wenn dann die Krähen sich wieder versammelten, wurde er stets einstimmig zum unbeschränkten Führer und Herrscher erwählt. Die große Versammlung findet ungefähr Ende Juni statt. Die jungen Krähen mit ihren kurzen Schwingen, ihren flaumigen Flügeln und ihren Falsettstimmen werden dann mit Stolz von den Eltern herbeigebracht, denen sie fast an Größe gleichen, und im alten Fichtenholz, ihrer Festung und Bildungsstätte zugleich, der Gesellschaft vorgestellt. Hier finden sie luftige, sichere Schlupfwinkel ohne Zahl, hier beginnt ihre Erziehung, und alle die wichtigen Geheimnisse und Regeln des Krähenlebens werden ihnen beigebracht. Und diese sind von größter Wichtigkeit; denn ein einziger Mißerfolg im Krähenleben bedeutet – Tod.

Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft werden die Jungen sich selbst überlassen, um miteinander bekannt zu werden; denn jede Krähe muß alle anderen, die zum Heere gehören, persönlich kennen. Ihre Eltern ruhen sich inzwischen etwas aus von der Arbeit, die ihnen das Aufziehen und Großfüttern ihrer Kinder gemacht; denn sie können jetzt ihrer Nahrung selbst nachgehen und unbehütet in einer Linie aufgereiht auf einem Aste sitzen wie die Alten.

Silberfleck

Nach einer Woche oder zwei beginnt dann die Zeit der Mauserung. Die Alten sind während dieser Periode meistens recht unberechenbar und nervös, aber das hält sie nicht ab, die Erziehung der Jungen zu beginnen, die natürlich nicht besonders entzückt von den Strafpredigten und Maßregelungen sind, die sie über sich ergehen lassen müssen, da sie bis dahin noch Mamas Lieblinge waren. Aber es geschieht alles nur zu ihrem Besten, wie die alte Dame sagte, als sie einen Aal abzog, und Meister Silberfleck ist ein ausgezeichneter Lehrer. Zuweilen scheint er einen ausführlichen Vortrag an sie zu richten. Was er sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber nach dem durchschlagenden Erfolg und dem Eindruck, den er auf seine Zuhörer macht, zu schließen, muß er äußerst witzig sein. Jeden Morgen ist Kompagnie-Exerzieren, und die Jungen üben in zwei oder drei Abteilungen, die nach Alter und Stärke geordnet sind. Den Rest des Tages tummeln sie sich mit den Eltern auf der Futtersuche herum.

Wenn später der September anbricht, geht eine große Veränderung mit ihnen vor. Der Schwarm der albernen kleinen Krähen fängt an, verständig zu werden, und das zarte Blau der Iris ihrer Kinderaugen macht dem Dunkelbraun des Auges eines alten, gewiegten Praktikers Platz. Sie sind jetzt tadellos einexerziert und können Vorpostendienste tun, sie wissen, was ein Gewehr ist, und haben einen erfolgreichen Spezialkurs in Insektenkunde und Botanik hinter sich. Sie wissen ganz genau, daß eine dicke, alte Bauersfrau, wenn auch massiger und größer, bei weitem harmloser ist, als ihr 15 Jahre alter Tunichtgut von Sohn, und sie können einen Knaben von einem Mädchen unterscheiden. Auch ist es ihnen bekannt, daß ein Regenschirm keine Feuerwaffe ist, und sie können schon bis sechs zählen, gewiß nicht übel für junge Krähen, obwohl Silberfleck die Zahlen fast bis dreißig meistert. Sie kennen den Geruch von Schießpulver und die Tollkirsche und fangen bereits an, sich auf ihre Weltweisheit etwas zugute zu tun. Auch legen sie ihre Flügel nach dem Niedersetzen stets dreimal zusammen, um sicher zu sein, daß es sorgfältig geschehen ist. Sie wissen, wie man einen Fuchs ängstigt, damit er die Hälfte seiner Beute aufgibt, und daß es das beste ist, sich in den nächsten Busch zu stürzen, wenn eine Schar von Königsvögeln oder anderen lärmenden Sängern des Waldes sie angreift; denn es ist ebenso unmöglich für sie, diese kleinen Quälgeister zu bekämpfen, wie für die dicke Äpfelhökerin, die kleinen, unnützen Jungen einzufangen, die ihre Körbe plündern. In allen diesen Dingen sind die jungen Krähen schon bewandert; nur fehlt ihnen noch die Unterweisung im Eiersammeln; denn dafür ist jetzt nicht die Jahreszeit. Auch sind sie noch nicht mit Muscheln bekannt und haben weder Pferdeaugen gegessen, noch das Getreide wachsen sehen, und der bedeutendste Erziehungsfaktor, das Reisen, ist ihnen bis dahin unbekannt geblieben. Vor zwei Monaten haben sie noch gar nicht an die Möglichkeit des Vorhandenseins einer anderen Gegend als der lieben Heimat gedacht, aber seitdem ist ihnen zuweilen der Gedanke daran gekommen. Aber sie haben warten gelernt, bis ihre Führer reisefertig sind.

Auch mit den alten Krähen ist im September eine wichtige Veränderung vorgegangen – sie haben sich gemausert. Doch jetzt prangen sie wieder in voller Federnpracht und sind stolz auf ihre neuen, kleidsamen Röcke. Ihre Gesundheit ist vorzüglich und damit auch ihre Laune gebessert. Selbst Alt-Silberfleck, der eiserne Lehrmeister, wird beinahe lustig, und seine Schüler, die ihn schon seit langem achteten, fangen an, ihn wirklich zu lieben und zu verehren.

Alle die langen Wochen hat er sie in harter Schule gehabt, sie alle gebräuchlichen Signale und Kommandoworte gelehrt, und jetzt ist es geradezu eine Lust, sie am frühen Morgen bei ihren Übungen zu beobachten.

»Erste Kompagnie,« ruft der alte General auf Krähisch, und die Kompagnie antwortet mit lautem Geschrei.

»Fliegt,« und mit dem Führer an der Spitze fliegen sie in gerader Linie davon.

»Steigt,« und im Augenblick wenden sie sich kerzengerade aufwärts.

»Zusammen,« und alle bilden eine undurchdringliche, schwarze Masse.

»Schwärmt,« und sie zerstreuen sich wie welke Blätter vor dem Wind.

»Formiert Linie,« und sie dehnen sich wieder aus zur langen Linie ihrer gewöhnlichen Flugordnung.

»Nieder,« und alle lassen sich herab fast bis zum Erdboden.

»Furagieren,« und sie verteilen sich zum Futtersuchen, während zwei Sicherheitsposten, der eine auf einem Baum zur Rechten, der andere auf einer Vogelscheuche zur äußersten Linken, ausgestellt bleiben.

Ein oder zwei Minuten später ruft Silberfleck: »Ein Mann mit einem Gewehr!« Die Wachtposten wiederholen den Ruf, und die ganze Kompagnie fliegt so schnell wie möglich nach den Bäumen. Einmal dort in Sicherheit, formieren sie sich in Flugordnung und kehren in die heimatlichen Fichten zurück.

Der Vorpostendienst wird nicht der Reihe nach von allen Krähen bezogen, sondern eine gewisse Anzahl, deren Wachsamkeit oft erprobt ist, bilden regelmäßig die Sicherheitsposten, und man sieht es als selbstverständlich an, daß sie zu gleicher Zeit wachen und furagieren. Dies erscheint uns etwas hart, aber es macht sich ganz gut, und die Organisation der Krähen ist die anerkannt beste unter allen Vögeln.

Endlich im November kann man die Krähen südwärts ziehen sehen, um neue Lebenseinrichtungen, unbekannte Gegenden und fremde Sorten von Futter kennenzulernen, und alles dies unter der umsichtigen Leitung des weltweisen Silberflecks.

III.

Nur zu einer Zeit benimmt sich die Krähe dumm und albern, das ist während der Nacht. Und nur ein Vogel vermag sie in lähmende Todesangst zu versetzen, das ist die Eule. Deshalb hat, wenn diese zwei Dinge zusammentreffen, die Eule leichtes Spiel. Ertönt nach Eintreten der Dunkelheit ihr fernes Geschrei, so ziehen die geängstigten Krähen die Köpfe unter den Flügeln hervor und sitzen zitternd und elend bis zum Morgengrauen. Oft hat dies bei sehr kaltem Wetter zur Folge, daß einer Krähe ein oder beide Augen erfrieren, und Blindheit und Tod sind dann das Ende; denn Hospitäler für kranke Krähen gibt es noch nicht.

Doch mit dem dämmernden Morgen kehrt auch ihre Tapferkeit zurück, und sich aufraffend durchstöbern sie die Waldungen wenigstens eine Meile im Umkreis, bis der nächtliche Ruhestörer gefunden ist, und wenn sie ihm nicht den Garaus machen, ängstigen sie ihn halb zu Tode und jagen ihn mindestens zwanzig Meilen davon.

Im Jahre 1893 waren die Krähen wie gewöhnlich in Castle Frank erschienen. Einige Tage nach ihrer Ankunft machte ich einen Spaziergang durch den Wald und stieß zufällig auf die Spur eines Hasen, der in vollem Lauf durch den Schnee gerannt war und dessen verzweifelte Seitensprünge bewiesen, daß er verfolgt worden war. Doch höchst sonderbar, die Spur des Verfolgers war nicht zu finden. Ich ging der Fährte nach und traf bald auf einen Tropfen Blut im Schnee, und einige Schritte weiter fand ich die halbaufgezehrten Überreste eines armen kleinen Häschens. Wer der Mörder war, blieb mir ein Rätsel, bis ich bei sorgfältiger Untersuchung einen großen, doppelzehigen Eindruck im Schnee und eine wunderbar gezeichnete braune Feder fand. Nun war mir alles klar – es war eine Steineule.

Eine halbe Stunde später kam ich wieder am gleichen Fleck vorüber und entdeckte auf einem Baume, kaum zehn Schritte von den Knochen ihres Opfers entfernt, die augenrollende Eule. Die Mörderin konnte sich vom Schauplatz ihres Verbrechens nicht trennen, und die unbedeutenden Beweisstücke, die Feder und der Eindruck im Schnee, hatten nicht gelogen. Bei meiner Annäherung ließ sie ein krächzendes »Grrr – ooh« hören und flog mit langsamen, fauchenden Flügelschlägen den fernen, düsteren Forsten zu.

Zwei Tage später beim Morgengrauen war eine ungewöhnliche Aufregung unter den Krähen bemerkbar, und als ich ausging, um die Ursache zu ergründen, sah ich einige schwarze Federn über den Schnee flattern. Ich ging dem Wind entgegen in der Richtung, aus der die Federn kamen, und stand bald vor den blutigen Überresten einer Krähe. Daneben verriet wieder die große Doppelspur die Mörderin – die Eule. Im Umkreise konnte man alle Anzeichen eines hitzigen Kampfes erkennen, aber die Hasenverfolgerin war die stärkere gewesen, und die arme Krähe war von ihrem sicheren Zweig herabgerissen worden, als das Dunkel der Nacht ihr keine Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung bot.

Ich wendete den Leichnam auf die andere Seite und brachte dabei zufällig den Kopf zum Vorschein – ein Ausruf tiefsten Mitleids entfuhr mir. Es war Silberflecks kluges Köpfchen. Sein langes, arbeitsreiches Dasein, das seinem Volke zu unschätzbarem Nutzen geworden, war beendet – er war dahingemordet von der gleichen Eule, gegen die er seinen Schülern Hunderte von Schutzmaßregeln beigebracht hatte.

Das alte Nest am Zuckerhut-Hügel ist nun vollkommen verlassen und zerfallen. Die Krähen kommen im Frühjahr zwar noch nach Castle Frank, aber ohne ihren berühmten General. Ihre Zahl schwindet, und bald wird man sie zwischen den alten Fichten vergebens suchen, wo sie und ihre Voreltern seit Jahrzehnten gelebt, geliebt und gelernt haben.

Zottelohr.

Die Geschichte eines Hasen.

Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.

Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.

Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen, aber sie haben eine bestimmte Weise, ihre Gedanken durch ein System von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage, wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase wirklich abgelauscht hätte.

I.

Das rauschende Schilf am Teichesrand neigte sich und verbarg das warme, trauliche Nest, wo Zottelohrs Mutter ihren Einzigen versteckt hielt. Sie deckte ihn mit zarten Grashalmen warm zu, und ihr letzter mütterlicher Rat war wie immer: »Bleib stilliegen und halte den Mund, mag kommen, was da will!« Zottelohr, obwohl im warmen Bettchen, dachte natürlich nicht ans schlafen und musterte mit seinen klugen Äuglein das Stück seiner kleinen, grünen Welt, das sich über ihm auftat. Dort oben schimpften sich eine Elster und ein Eichkätzchen, zwei gar berüchtigte Mausehaken, gegenseitig Diebe, und einmal war Zottelohrs Heimatsbusch sogar der Mittelpunkt eines hitzigen Kampfes. Eine Goldammer erwischte einen blauen Schmetterling kaum sechs Zoll vor seiner Nase, und ein purpurrot und schwarz getüpfelter Marienkäfer, der mit seinen kulpigen Fühlern winkte, machte gravitätisch einen langen Spaziergang einen Grashalm hinauf, einen anderen hinab, quer durch das Nest und gerade über Zottels Nase. Jedoch Zottelohr rührte sich nicht und überwand es sogar, zu blinzeln oder zu niesen.

Nach einer Weile hörte er ein fremdartiges Rascheln im Laub des nahen Dickichts, ein eintöniges, ununterbrochenes Rauschen, und obwohl er es bald hier, bald dort vernahm, kam es näher und näher, aber Tritte waren es nicht. Zottel hatte sein ganzes Leben (er war dazumal drei Wochen alt) im Moore zugebracht, und dennoch hatte er niemals etwas Derartiges gehört. Seine Neugierde war natürlich aufs höchste gespannt. Die Mutter hatte ihm zwar befohlen, stilliegen zu bleiben, aber nur im Falle einer Gefahr, und dieses fremdartige Geräusch ohne vernehmbare Tritte konnte gewiß nichts Gefährliches bedeuten.

Das leise Rascheln ging dicht an ihm vorüber, dann zur Rechten, dann wieder zurück und schien sich schließlich zu entfernen. Zottel wußte sofort, was zu tun sei; denn er war ja kein Baby. Es war seine Pflicht als Hase, zu erfahren, was es da gab. Er erhob langsam seinen weichen, rundlichen Körper auf den flaumbedeckten, kurzen Beinchen, schob den dicken Kopf über die schützende Wand des Nestes und lugte neugierig hinaus in den Wald. Da er nichts Besonderes entdecken konnte, machte er einen Schritt vorwärts und – befand sich Auge in Auge mit einer ungeheueren, schwarzen Schlange.

»Mama,« kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß. Mit aller aufwendbaren Kraft seiner schwachen Beinchen versuchte er zu laufen. Aber wie der Blitz hatte ihn die Schlange am Ohr und wickelte sich voll gieriger Lust um das hilflose kleine Häschen, das sie sich zum Mittagsmahl auserkoren.

»Mama, Mama,« keuchte der arme Kleine, als das grausame Ungetüm begann, ihn langsam zu Tode zu würgen. Bald, gar bald würde des Kleinen Schrei verstummt sein, aber da kam Hilfe in der Not; mit langen, atemlosen Sätzen kam durch den Wald – die Mutter. Nicht länger mehr eine scheue, furchtsame Häsin, stets bereit, auch vor einem Schatten davonzulaufen – die Mutterliebe war in ihr erwacht. Der Hilfeschrei ihres Einzigen hatte sie mit der Tapferkeit einer Heldin erfüllt, und – hopp, setzte sie über den ekelhaften Wurm. Beim Sprunge schlug sie mit ihren starken, scharfbewaffneten Hinterläufen kräftig aus und versetzte der Schlange einen solchen Schlag, daß sie sich vor Schmerzen krümmte und vor Wut zischte.

»Mama,« wimmerte ganz schwach ihr Kleinod. Und die Mutter wiederholte ihre Sprünge wieder und wieder und schlug heftiger und ungestümer bei jedem Satz, bis das abscheuliche Gewürm Zottels Ohr fahren ließ und nach Atem schnappte, aber alles, was es erwischen konnte, war ein Flöckchen Wolle. Der Häsin sausende Hiebe fingen an, ihre Wirkung zu zeigen; denn lange, blutige Striemen waren in den Schuppenpanzer des schwarzen Ungetüms gerissen.

Die Sache begann der Schlange ungemütlich zu werden, und indem sie sich für den nächsten Angriff vorbereitete, lockerte sich der eiserne Griff, mit dem sie das kleine Häschen umklammerte, das sofort aus der furchtbaren Umschlingung herauskroch und im Niederholz verschwand, außer Atem und zu Tode entsetzt, aber unversehrt bis auf sein linkes Ohr, das vom scharfen Zahn arg zerfetzt war.

Die Mutter hatte damit alles erreicht, was sie wollte. Sie fühlte keine Neigung, um Ruhm oder Rache zu kämpfen; so verschwand auch sie im Wald, und das befreite Häschen folgte ihrer weißen Blume wie einem Leuchtturm, bis sie in einer sicheren Ecke des Moores angelangt war.

II.

Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse durchquert. Ein paar alte Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.

Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches Raubschloß nur allzunahe lag.

Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr mit seiner Mutter, deren nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.

Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.

Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen konnte, in der Praxis beigebracht.

»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur leblosen Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist, und vermeidet ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich; denn die Bewohner des Waldes, die von der gleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind, ziehen nur dann das Auge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren. Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden, so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug, durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten Nachahmungstrieb, genau das gleiche.

Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam, war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.

In alten, alten Zeiten blühten die Rosen auf Sträuchern ohne Dornen. Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen, und die Kuh stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln, um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen bezeichnen konnte.

Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.

Der Tod Silberflecks

Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. – Die Hasenmutter war klug genug, ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer- und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten, wilden Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.

Nicht lange ist’s her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und desto ruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des – Stacheldrahtzauns.

III.

Die Häsin hatte nur diesen einzigen Sprößling, und Zottelohr genoß infolgedessen ihre ungeteilte Liebe und Pflege. Er war ein außergewöhnlich flinker, starker und kluger Junge, das Glück lächelte ihm, und so entwickelte er sich zu einem wahren Prachthasen.

Die Mutter hielt ihren Sohn beständig an, die Geheimnisse der Waldeskunde gründlich kennenzulernen, zu unterscheiden, was gut zu essen und zu trinken und was schädlich sei. Tag für Tag mühte sie sich ab, ihn zu belehren und zu einem tüchtigen Hasen heranzubilden, und trichterte in seinen Kopf Hunderte von Plänen, Kniffen und Schlichen, die ihre eigene Erfahrung und ihre gute Erziehung sie gelehrt. So rüstete sie Zottel mit einer Bildung aus, mit der er als Mann ins Leben treten konnte.

Dicht neben der Alten im Kleeacker oder im Dickicht konnte man ihn würdevoll sitzen sehen und beobachtete, wie er ihr nachahmte, wenn sie sich die Nase putzte, oder dann und wann ein paar Hälmchen aus ihrem Maule zupfte und an ihren Lippen leckte, um sicher zu gehen, daß er auch das gleiche Futter bekam wie sie. Dann lernte er, wie man die Ohren mit den Pfoten glatt streichen und den Rock ausbürsten müsse, und wie man die Haarflocken aus Weste und Socken entfernt. Auch wußte er bald, daß die Tautropfen der wilden Rosenblätter das einzig anständige Getränk für Hasen sind; denn Wasser, das einmal die Erde berührt, mußte sicherlich irgendeine schädliche Beimischung haben. Das waren die Vorstudien zur Waldeskunde, der ältesten aller Wissenschaften.

Sobald Zottelohr groß genug war, um ohne Begleitung ausgehen zu können, machte ihn seine Mutter mit dem Geheimnis der Telegraphie bekannt. Die Hasen pflegen sich gegenseitig Signale zu geben, indem sie mit den Hinterläufen auf den Erdboden klopfen, und da der Schall auf der Erde bekanntlich sehr weit trägt, kann man einen Schlag, wenn man das Ohr dem Grunde nähert, wenigstens hundert Meter weit vernehmen. Nun haben die Hasen ein ungemein scharfes Gehör und sind imstande, das Klopfen eines der Ihrigen zweihundert Meter weit zu hören, eine Entfernung von einem Ende von Olifants Moor bis zum anderen. Ein einmaliges Klopfen bedeutet »Paß auf« oder »Erstarre«. Ein langsames Poch-Poch »Komm«. Ein hastiges Klopfen heißt »Gefahr« und ein rasches dreimaliges Pochen »Lauf ums liebe Leben«.

An einem wunderschönen Morgen, als sich die Eichelhäher in den Zweigen zankten, ein sicheres Zeichen, daß keine Gefahr zu befürchten war, begann Zottel dieses neue Studium. Mutter Hase gab durch Anlegen der Löffel das Zeichen zum Niederlegen, dann lief sie weit hinweg in das Dickicht und telegraphierte »Komm«. Zottel setzte sich in Trab, aber konnte sie nicht finden; er klopfte und wartete vergeblich auf eine Antwort. Aufmerksam umherschnüffelnd, fand er ihre Fußspur, und dieser Führerin folgend, die alle Tiere sicher leitet, den Menschen jedoch unbekannt ist, arbeitete er sich vorwärts und fand die Mutter glücklich in dem Versteck. Das war seine erste Übung im Aufspüren, und dieses Wechselspiel von Suchen und Finden wurde zur Schulung für manch ernsthaften Fall in seinem späteren Leben. Schon ehe man den ersten Lehrkurs beendet hatte, war er Meister aller Kniffe und Winkelzüge, die zum Leben eines Hasen Bedingung sind, und in vielen bewies er außergewöhnliches Talent, in manchen sogar wirkliches Genie.

Er war Sachverständiger im Unterscheiden der Bäume und Pflanzen, ein wahrer Künstler in Seitensprüngen und im Erstarren; er konnte jedes Hindernis mit Eleganz nehmen, jeden Wind ausnutzen und sich so natürlich tot stellen, daß er kaum noch neuer Kunstgriffe bedurfte. Ohne alle Vorübung wußte er genau, wie man sich die Stacheldrahtzäune zunutze macht; denn dies war ja ein Kniff neuester Erfindung. Seinen Verfolgern Sand in Augen und Nase zu werfen, war sein Lieblingsspiel; er konnte kunstgerecht ausbiegen, über Zäune setzen und Kreise beschreiben und vor allem sich einlochen, ein Kunststück, das wir noch näher beschreiben müssen. Aber bei alledem vergaß er niemals, daß »Erstarren« und »Zusammenducken« der Anfang aller Weisheit ist, und daß der wilde Rosenstrauch den einzigen sicheren Schutz gewährt.

Früh lehrte ihn die Mutter auch alle Feinde der Hasen kennen und unterscheiden und brachte ihm vor allem die Art bei, sie ordentlich an der Nase herumzuführen, denn sie alle, Bussarde, Eulen, Füchse, Hunde, Marder, Wiesel, Katzen, Skunks, Waschbären und Menschen, haben einen besonderen Verfolgungsplan, und für alle diese Übel wußte die kluge Lehrmeisterin eine Abhilfe.

Um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu entdecken, lernte er, sich vor allem auf sich selbst und seine Mutter, dann aber auf den Eichelhäher zu verlassen. »Niemals überhöre des Hähers Warnungsruf,« war der weise Rat der Mutter; »zwar ist er ein Ränkeschmied, ein Unheilstifter und ein Dieb, aber es entgeht ihm nichts. Er würde sich zwar nichts daraus machen, uns Übles zuzufügen, aber dank dem wilden Rosenstrauch kann er es nicht, und da seine Feinde auch die unsern sind, mußt du ihn immer im Auge behalten. Wenn du den Warnungsruf des Spechtes hörst, kannst du ihm trauen; denn er ist ein braver, ehrlicher Nachbar. Aber er ist rein nichts gegen den Häher, und obwohl dieser oftmals lügt, um Unheil anzustiften, kannst du ihm immer glauben, wenn er böse Kunde bringt.«

Das Springen durch Stacheldrahtzäune erfordert starke Nerven und behende Läufe, und erst in seinen späteren Jahren versuchte sich Zottelohr an diesem Kunststück; aber als er ausgewachsen war, wurde es sein Lieblingssport.

»Es macht denen, die es wirklich verstehen, viel Spaß,« sagte Mutter Hase; »zuerst läufst du vor deinem Hunde her immer gerade aus und läßt ihn ein bißchen warm werden, indem du dich beinahe fangen läßt; dann, in Sprungweite vor ihm, führst du ihn in weitem Bogen im vollsten Galopp in einen brusthohen Stachelzaun. Oft hab ich’s schon mit angesehen, daß ein Hund oder ein Fuchs fürs ganze Leben zum Krüppel wurde, und einmal sah ich einen mächtigen Jagdrüden tot auf dem Platze bleiben, aber noch öfter hat ein braver Hase sein Leben bei diesem Wagestück gelassen.«

Zottelohr wurde beizeiten in das eingeweiht, was mancher Hase niemals lernt, in das »Einlochen«, eine nicht so einfache Sache. Oft ist es eines klugen Hasen letzte Rettung, aber früher oder später eines tölpischen Häschens Tod. Ein junger Hase denkt an diesen Ausweg immer zuerst, ehe er einen anderen versucht, aber ein Ausgelernter wird sich seiner nur im höchsten Notfall bedienen. Es ist ein sicheres Entwischen vor einem Menschen oder einem Hund, vor einem Fuchs oder einem Raubvogel, aber es bringt sicheres Verderben, wenn der Verfolger ein Marder, ein Skunk oder ein Wiesel ist.

Es gab nur zwei Erdlöcher im Moor. Das eine war unter der Sonnenbank, einem trockenen, geschützten Erdhügel auf der Südseite, offen und langsam gegen die Sonnenseite abfallend. Hier war es, wo die Familie Hase an schönen Tagen ihre Sonnenbäder zu nehmen pflegte. Auf einem Bett von Fichtennadeln und Wintergrün streckten und reckten sie sich in katzenartigen Stellungen und drehten sich langsam von einer Seite auf die andere, wie man einen Braten auf dem Roste wendet, damit alle Seiten gut durchbraten. Sie blinzelten, schnauften und krümmten sich wie unter den schrecklichsten Schmerzen und Qualen, aber dabei war es das höchste Wohlbehagen, das sie kannten.

Quer über den Rand des Erdhügels lag ein alter Fichtenstumpf. Seine grotesken Wurzeln schlängelten sich über die gelbe Sandbank wie Drachenarme, und unter ihren schützenden Ausläufern hatte sich vor Zeiten ein altes, bärbeißiges Murmeltier eine Höhle gegraben. Dieser griesgrämige Einsiedler wurde von Tag zu Tag unliebenswürdiger und schlechtgelaunter und ließ sich eines Tages fürwitzig in Handgreiflichkeiten mit Olifants Hund ein, anstatt sich weise zurückzuziehen. Infolgedessen konnte eine Stunde später Mutter Hase von der Höhle Besitz ergreifen.

Einige Zeit darauf ging dieses Erdloch in den Besitz eines selbstgefälligen, jungen Skunks über, der sich gewiß eines langen Lebens erfreut hätte, wäre er weniger tollkühn und eingebildet gewesen; denn er glaubte in seiner Vermessenheit, daß selbst der Mensch mit dem Schießgewehr bewaffnet vor ihm die Flucht ergreifen müsse. Er mußte diese Behausung bald aufgeben; denn seine selbstherrliche Regierung dauerte nur vier Tage.

Die zweite Höhle, das »Farnloch«, lag, wie schon der Name verrät, unter einem Farnstrauch dicht neben dem Kleeacker. Sie war eng, feucht und zu nichts zu gebrauchen, es sei denn im Falle höchster Not als letzter Zufluchtsort. Auch sie war das Werk eines Murmeltiers, eines wohlmeinenden, freundlichen Nachbars, dessen Haut jedoch leider infolge der Feigheit ihres Besitzers in Form einer Peitschenschnur aus Olifants Ackerpferden erhöhte Arbeitskraft heraushieb.