Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so markiert. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].

Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.

Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.

Neunter Jahrgang. Band 22.

Das Kind.

Novelle

von

Ernst Eckstein.

Stuttgart.

Verlag von J. Engelhorn.
1893.


Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.


Erstes Kapitel.

Graf Authenried trat, zur Abfahrt gerüstet, ins Speisezimmer, wo sich die übrigen Hausgenossen gerade vom Frühstück erhoben. Er selbst hatte in großer Hast ein paar Tassen Thee hinunter gestürzt, einen Zwieback zerbröckelt und Hals über Kopf Toilette gemacht, um noch rechtzeitig den Personenzug in Hoyersbrück zu erreichen. Der Landauer mit den zwei Edelrappen stand seit zehn Minuten schon vor der Einfahrt.

»Amüsiert euch gut!« sagte der Graf und stülpte den braunen Filz mit den Spielhahnfedern über das volle, etwas ungebändigte Haar. »Gegen halb neun bin ich, so Gott will, zurück! Somsdorff, ich bitte mir aus, daß Sie nicht gar zu viel musizieren und Litteratur schwatzen, wenigstens nicht vor den Bücherregalen! Führen Sie meine Frau hübsch hinaus in den Park; meinetwegen nach Gehlberg oder den Fluß entlang! Von dem ewigen Sitzen wird sie noch melancholisch. Hörst du, Adele? – Adieu! Adieu, lieber Somsdorff! Adieu, Kleine! Adieu, Miß Harriet!«

Das alles ward eilig und wie im Bann einer gewissen Zerstreutheit hervorgestoßen. Die letzten Worte galten der fünfjährigen Tochter des Hauses und ihrer englischen Gouvernante, die sich jetzt ehrerbietig verneigte, nachdem die Thüre längst schon hinter dem Grafen ins Schloß gefallen. Das Kind hatte nur flüchtig genickt und »Gute Reise!« gemurmelt; es mochte wissen, daß sein Papa kein Freund von Umarmungen und ähnlichen Sentimentalitäten war, besonders nicht, wenn er sich so mitten im Strudel seiner »fachmännischen« Interessen befand.

Und diese Interessen nahmen ihn jetzt wieder völlig in Anspruch. Mit Leib und Seele ritt er sein Steckenpferd, über dem er fast alles vernachlässigte, was sonst den Menschen wichtig und teuer ist: die leidige Numismatik.

Gräfin Adele wenigstens hatte der sonst so harmlosen Wissenschaft dieses Epitheton beigelegt: denn die Münzkunde verschlang bei Gerold Graf Authenried mehr und mehr den Gatten, den Vater, den Menschen.

Es war eine Monomanie, gegen die sich mit ruhiger Vernunft ebensowenig ankämpfen ließ, als mit Freundlichkeit oder vollends mit Trotz. Ab und zu ebbte die Monomanie; dann kamen Tage der Ausspannung, die der Geselligkeit und dem Sport, vornehmlich der Jagd, gewidmet, oft auch mit Zechgelagen und sonstigem unerquicklichen Treiben ausgefüllt wurden. Für die Familie aber hatte Graf Gerold nichts übrig; sobald er sich mit Adele und seinem Töchterchen auch nur für Stunden allein sah, ergriff ihn eine seltsame Unrast, ein Drang, diesen Kreis zu erweitern, Elemente hereinzuziehen, die ihn besser und stärker beschäftigten, als die sanfte, in seiner Gegenwart etwas schweigsame Frau und das blonde, plappernde Püppchen. Uebrigens fing auch die kleine Josefa schon an, ihr lebhaftes Plauderbedürfnis einzudämmen, sobald sich der Vater zeigte, und ganz zu verstummen, sobald sie ihn unter dem Bann seiner Numismatik wußte. Die fremde Vokabel war ihrem Ohre geläufig geworden, noch eh' ihre Lippen sie aussprechen konnten.

Graf Authenried wollte über Hoyersbrück nach Groß-Zeschau, der benachbarten Kreisstadt, wo vor kurzem der alte Rektor der berühmten Lateinschule Alma Ruperta, Professor Doktor Justus Spelhagen, Verfasser eines epochemachenden Werkes »De aureo Caracallae«, verstorben war und eine zwar kleine, aber sehr wertvolle Münzsammlung hinterlassen hatte, die heute zur öffentlichen Versteigerung gelangte. Der Pfarrer von Hoyersbrück, der sich gleichfalls für Numismatik interessierte, hatte den Grafen zuerst auf diese schöne Gelegenheit, sein Münzkabinett zu vergrößern, aufmerksam gemacht und sich erboten, ihn nach dem Schauplatze der Auktion zu begleiten, was Authenried mit großer Lebhaftigkeit acceptierte, schon deshalb, weil er so während der mehrstündigen Fahrt im Coupé einen Genossen hatte, mit dem er den Katalog der Sammlung ausführlich besprechen und Ansicht um Ansicht verständnisvoll austauschen konnte.

Auch Leo von Somsdorff, der jetzt mit Gräfin Adele, der kleinen Komteß und der englischen Gouvernante im Speisezimmer zurückblieb, war nur auf dem Wege über die Numismatik in die bevorzugte Stellung aufgerückt, deren er sich bei Graf Authenried unleugbar erfreute. Somsdorff war Diplomat und Historiker. Mehrere Jahre lang der deutschen Botschaft in Sankt-Petersburg attachiert, hatte er dort die geschäftliche Praxis, vor allem aber das flirrende, von schalster Genußsucht durchsetzte Treiben der Petersburger Gesellschaft so gründlich kennen gelernt und mit so großem Erfolg die Rolle des eleganten Eroberers gespielt, daß ihm dies ganze zwar emotionsreiche, aber innerlich öde Leben plötzlich zuwider ward. Er nahm seinen Abschied, fest entschlossen, so bald als möglich zu heiraten und sich dann irgendwo als Privatdozent für neuere und neueste Geschichte zu habilitieren. Carriere im gewöhnlichen Sinne des Wortes brauchte er nicht zu machen; im Besitz eines ansehnlichen Vermögens war er vollständig unabhängig.

Da vertrat ihm das Schicksal in Gestalt der Gräfin Adele unerwartet den Weg, den er sich vorgezeichnet. Bei einem Diner in der Hauptstadt, wo sich die Authenrieds während der hohen Saison aufhielten, hatte er die kaum dreiundzwanzigjährige Frau kennen gelernt, und schon in der ersten Minute all seine trefflichen Vorsätze über Bord geschleudert. Das hübsche, hochblonde Mädchen, das ihm die Dame des Hauses nicht ohne Absicht als Partnerin zugeteilt hatte, fand ihn an diesem Tag von empörender Monotonie; die andere Seite, ein übermütiges junges Geschöpf, das allenthalben Triumphe zu feiern gewohnt war, urteilte noch vernichtender. Selbst der Hausfrau, die doch um zehn oder zwölf Plätze von Somsdorff entfernt saß, entging es nicht, daß der sprühende Kavalier, der sonst mit tändelnder Leichtigkeit ein ganzes Kollegium von Damen zu unterhalten wußte, diesmal völlig verwandelt schien und erst gegen Schluß der Tafel – nachdem er sich insgeheim einen Feldzugsplan zurechtgelegt hatte – wieder ein wenig auftaute.

Dieser Feldzugsplan paßte weit mehr zu dem Geist und der Tonart seiner Sankt-Petersburger Vergangenheit, als in den ernst-idyllischen Traum des deutschen Privatdozenten. Ein dunkles Gefühl, daß sein Rückfall etwas Beschämendes habe, drückte ihm zwar zu Anfang die Brust; als er jedoch, während der Kaffee gereicht wurde, neben dem Sessel Adelens wie zufällig Platz nahm und mit jeder Minute andachtsvoller dem Klang ihrer Stimme lauschte, die so reich und so klar an sein Ohr schlug, und dennoch wieder so mild verschleiert, wie ein süßes Geheimnis: da war es aus mit den letzten Zuckungen seines Gewissens; der Don Juan von einst lebte mit drohender Allgewalt wieder auf; die Leidenschaft schlug ihm in rasender Lohe über dem Haupt zusammen.

Natürlich war er ja Menschenkenner genug, um sich zu sagen, daß diese Frau nicht in eine Kategorie gestellt werden dürfe mit den halbasiatischen Edeldamen, die sich ihm häufig genug an den Hals geschleudert, noch eh' er mit einigem Ernste um sie geworben hatte. Aber die wundersamen Erfahrungen in der russischen Metropole hatten ihn doch zu gründlich verdorben, als daß er die Möglichkeit eines Mißerfolges überhaupt erst in Frage gezogen hätte. Dort gab es nur offene Städte, hier stand er einer wohl verteidigten Festung gegenüber; er mußte die Taktik ändern: das war der Unterschied.

Je länger sein Zwiegespräch mit Gräfin Adele sich ausdehnte – man ließ die beiden geflissentlich ungestört – desto entschiedener kam er zur Ueberzeugung, daß hier die äußerste Vorsicht geboten sei. Jede Leichtfertigkeit des Tons, jede sonst vielleicht zündende Keckheit schien ausgeschlossen. Trotz der lebhaften Teilnahme, die sie bekundete, wenn er ihr, fast wider Willen ernst werdend, seine Ideen über Gesellschaft und Litteratur, über Leben und Kunst, über Menschen und Dinge entwickelte, trotz der Wärme, die manchmal blitzartig ihren herrlichen Augen entstrahlte, war doch die Gräfin ganz offenbar von jener Unnahbarkeit eingehüllt, die sich nicht wehren zu müssen glaubt, weil der Gedanke des Angriffs ihr vollständig fern liegt.

Somsdorff durchschaute das schließlich; doch die Erkenntnis heilte nicht seine Leidenschaft. Im Gegenteil: je mehr er die Schwierigkeit dieser Eroberung einsah, um so glühender sann er auf ihre Verwirklichung. Die Eitelkeit des verwöhnten Frauenlieblings bäumte sich auf; die halbe Stunde, die er mit Gräfin Adele verplaudert hatte, war ausreichend gewesen, um den leidlich vernünftigen Freiersmann in das klägliche Wirrsal einer längst überwundnen Epoche der Frivolität und der Haltlosigkeit zurückzuschleudern.

Den Rest des Tages verbrachte er fast ausschließlich in der Nähe des Grafen Authenried. Mit der Findigkeit des Verliebten hatte er sofort ausgespürt, wo der Herr Graf am schnellsten zu packen sei, was ohnedies nicht schwer hielt, da dieser widerspruchsvolle Sonderling, der sonst so verschlossen war, just in dem einen Punkte das Herz auf der Zunge trug. Somsdorff besaß schon als Historiker immerhin mehr numismatisches Wissen, als die meisten Personen, die Gerold mit irgend einem interessanten oder uninteressanten Problem festzunageln versuchte. Kurz, beim Abschied in der Garderobe war die »Freundschaft« zwischen den beiden Männern so gut wie besiegelt, und Somsdorff hatte dem Grafen versprechen müssen, im Frühjahr nach Schloß Authenried-Poyritz zu kommen, um die gräfliche Sammlung und die nicht minder merkwürdige Bibliothek zu bewundern.

Das hatte sich in den letzten Tagen des März ereignet. Anfang April war die Familie Authenried nach Paris und von da nach Brüssel gereist, wo der Graf allerlei wissenschaftliche Zwecke verfolgte, während die Gräfin mit großem Eifer nach einer französischen Gouvernante suchte, einem Gegenstück zu der vortrefflichen, anspruchslosen und äußerst zuverlässigen Engländerin Miß Harriet. Die Gräfin hegte nämlich die Ansicht, es sei für ihre Josefa zweckmäßig, beide Sprachen frühzeitig nebeneinander zu hören, und ihr Gemahl, obschon er diese Meinung nicht teilte, ließ ihr in allen Erziehungsfragen vollständig freie Hand. – Adele fand nicht, was sie beanspruchte; bei der unendlichen Zärtlichkeit ihres Mutterherzens legte sie an den Charakter und das Wesen der Damen, die ihr in Vorschlag gebracht wurden, einen vielleicht gar zu kritischen Maßstab. Um so befriedigter schien der Herr Graf. Die Herren vom Institut de France, denen er seine Aufwartung machte, waren die Liebenswürdigkeit selbst gewesen, sehr im Gegensatze zu einem berühmten deutschen Professor, der ihn, bei aller äußern Höflichkeit, nicht hinlänglich ernst genommen, sondern sogar das impertinente Wort »Dilettant« gebraucht hatte. Auch in Brüssel war ihm das meiste nach Wunsch gegangen, bis auf die gar zu kostspielige Erwerbung einiger Prachtstücke, die jetzt allerdings zu den Perlen seiner famosen Sammlung gehören und dem Somsdorff kolossal imponieren würden.

Kaum auf Schloß Authenried-Poyritz angelangt, schrieb er dem jungen Historiker, – und zwei Tage später, am zehnten Mai, langte der ehemalige Attaché, alle Träume seiner Petersburger Vergangenheit in der Seele, mit Sack und Pack an.

»Ein paar Wochen müssen Sie bleiben!« hatte der Graf geschrieben, – und »Nur zu gern!« dachte der fieberglühende Unhold, als bei dem Namen »Graf Authenried« die schlanke, volle Gestalt Adelens mit den tiefschwarzen Augen und dem bezaubernden Lächeln um den süßen, küßlichen Mund lebenswahr vor ihm auftauchte.

Nun war er fast eine Woche schon hier, hatte die Sammlung des Grafen Stück für Stück eifrig studiert und glossiert, einen Enthusiasmus entwickelt, der selbst dem Grafen manchmal zu stark erschien, und sich mit jedem Tag unauflöslicher in das Netz verstrickt, das die Schönheit und mehr noch die undefinierbare weibliche Anmut Adelens über sein thörichtes Herz warf.

Merkwürdigerweise hatte der Graf seinen Gast während der letzten Zeit wenig in Anspruch genommen. Authenried schien sich in seinem Mitteilungsdrange erschöpft zu haben. Vielleicht auch fürchtete er, einen so schätzbaren und verständnisvollen Gesinnungsgenossen durch Uebertreibung sich abspenstig zu machen. Somsdorff hatte doch jedenfalls noch andere Interessen, die Pflege und Nahrung verlangten: er selbst, Graf Authenried, empfand ja zuweilen eine Art Ueberdruß, der ihn veranlaßte, das Bibliothekzimmer und die Sammlungsräume grundsätzlich wochenlang zu meiden, sich Ferien zu gönnen, wie er sich ausdrückte, und diese Ferien in derber Genußfreudigkeit auszunützen. Mochte der junge Mann daher bummeln, während Graf Authenried jetzt nach der Kreisstadt fuhr! Mochte er unter den großen Ulmen des Parks seine türkische Cigarette rauchen, mit Josefa Ball spielen, mit Adele über Händel und Bach schwatzen und sich ein wenig die Flügel bei ihr verbrennen!

Graf Authenried mußte in der Betonung der Worte »Adieu, lieber Somsdorff!« etwas von diesem letzten Gedanken, vielleicht unwissentlich, ausgedrückt haben; denn Somsdorff fühlte sich, wie er sie jetzt in sich nachklingen ließ, unbehaglich, nagte ein wenig die Lippen und warf der Gräfin, die sich just mit Josefa beschäftigte, einen forschenden Blick zu. Hielt ihn dieser unbegreifliche Mensch mit der kalt berechnenden Stirn und dem gutmütig scheinenden Lächeln für so ungefährlich, daß er ihn gleichsam einlud, einen Sturm zu versuchen? Oder war er seiner Gemahlin so absolut sicher? Wie standen die zwei überhaupt? Graf Gerold zählte kaum vierzig Jahre; Adele war im April vierundzwanzig geworden. Bei dem stattlichen, frischen, eigentlich auch ganz sympathischen Aeußern des Grafen konnte daher von einem Mißverhältnis in dieser Beziehung durchaus nicht die Rede sein. Im Verkehr mit Adele war er wohl nicht gerade herzlich, aber doch ebenso wenig schroff oder unfreundlich. Daß Ehemänner nicht recht zu würdigen scheinen, welch einen köstlichen Schatz sie in ihrer Gattin besitzen, das gehörte zu den Alltäglichkeiten. Vielleicht spielte Graf Authenried die Rolle des Gleichgültigen nur der Welt gegenüber? …

Leo von Somsdorff beschloß, bei nächster Gelegenheit über diese gewichtigen Fragen ins klare zu kommen. Adele hatte ihm während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit so viel Vertrauen entgegengebracht, daß er eine diskrete Andeutung wohl riskieren konnte, um so mehr, als er bis jetzt ja mit keiner Miene aus der für zweckentsprechend erkannten Rolle ehrlicher, wunschloser Freundschaft herausgetreten war, ihr nicht einmal bei der ersten Begrüßung die Hand geküßt oder sie sonst mit auffälligen Galanterieen umgeben hatte. Vielleicht that es ihr wohl, nach Jahren des Duldens und Schweigens einmal ihr bekümmertes Herz auszuschütten. Daß dieses Herz heimlich bekümmert war, obschon er die Ursache nicht mit Bestimmtheit enträtseln konnte, das ließ er sich durch alles, was etwa dagegen sprach, nicht wegdemonstrieren. Für die nötige Stimmung zur Beichte wollte er sorgen. Hatte die Stimmung ihr Werk gethan, waren die Worte gefallen, die ihn zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machten, dann wurde aus dem selbstlosen Freund im Handumdrehen der zärtliche Tröster, dem sich die Schluchzende blindlings zu eigen gab.

»Miß Harriet,« klang jetzt die Stimme Adelens, »drücken Sie auf die Klingel! Bitte, zweimal!«

In der Thüre erschien das Kammermädchen.

»Frida, den Gartenhut für die Kleine! Miß Harriet, ich überlasse Sie heut Ihrem Schicksal! Sie werden nicht böse sein, den Vormittag mit Ihrem Homer zu verbringen! Sie liest nämlich seit einigen Tagen die Ilias …«

»In der Ursprache?« fragte Leo von Somsdorff.

»Oh, no!« stammelte Harriet errötend. »In deutsch.«

»Sind Sie bereit?« wandte die Gräfin sich freundlich zu ihrem Gast. »Das Wetter ist herrlich, – ein Frühlingstag. … Ich begreife uns nicht, daß wir nicht gleich den Thee auf der Veranda genommen …«

»Es waren nur dreizehn Grad,« sagte die Engländerin. »Unsre Josefa möchte sich doch wohl erkältet haben. Augenblicklich bei fünfzehn ordne ich an …«

Gräfin Adele trat in die prächtige Vorhalle, die nach dem Park führte. Sie warf einen Blick auf das Thermometer.

»Kaum glaublich, wie schnell die Temperatur jetzt steigt!« sprach sie zu Herrn von Somsdorff. »Der Nachmittag wird sogar heiß werden. Kommen Sie!«

Ihr Kind bei der Hand fassend, schritt sie die aristokratisch breiten Marmorstufen der großen Freitreppe hinunter, langsam und königlich, und dennoch in jeder Linie schwellende, hingebungsvolle Weichheit, mädchenhaft liebliche Unbewußtheit. Es lag wirklich etwas Madonnenhaftes in ihrer Art – nur ohne das Ewig-Ueberirdische, das wir sonst wohl mit diesem Begriff zu verbinden gewohnt sind. Das lichtblaue Sergekleid, der große, bändergeschmückte Strohhut, das glatte, schwer-goldene Armband über dem dänischen Handschuh, der hellrot gefütterte Atlasschirm, den sie von Zeit zu Zeit hin und her drehte, – das alles verlieh ihr einen bestrickenden Hauch von weltlicher Eleganz, von Freude am Schönen, man hätte fast sagen mögen: von lockender, frauenhafter Gefallsucht.

Leo von Somsdorff war vor Entzücken außer sich. Ach, und wie sie sich jetzt zu dem plaudernden Kind neigte und ihm Antwort gab, während die sammetschwarzen, oft so nachdenklich melancholischen Augen vor Mutterglück leuchteten! Wie schön sie war und wie gut, wie hold und begehrenswert!

Fünf Minuten lang ging er so neben ihr her, keines Wortes mächtig. Man schritt an dem großen Teiche vorüber, in dessen Mitte ein armsdicker Strahl haushoch emporsprang. Der Morgenwind trieb einen leisen Sprühregen über die Wasserfläche; die Maisonne warf in die stiebenden Tropfen ihr Licht; ein Regenbogen malte sich traumhaft gegen das Grün der Platanen. Josefa jubelte. Sie zeigte nicht übel Lust, sich von der schützenden Hand der Mama zu lösen und näher zur Balustrade zu treten. Die Gräfin jedoch hielt sie fest, warnte sie vor der Nixe, die allzudreiste Kinder hinabziehe, erinnerte sie an die Geschichte vom Sturmvogel, die Miß Harriet jüngst mit so grausiger Anschaulichkeit erzählt hatte, und erhielt das Versprechen, die Kleine werde sich nie an die Brüstung heranwagen.

Leo von Somsdorff hörte das schweigend mit an, hatte auch keinen Blick für das Blütenmeer, das sich jetzt von beiden Seiten aufthat, für die Pracht der Syringen, die Knospenfülle des Rotdorns, die duftige Anmut der kaum erschlossenen Akazien, sondern lauschte nur immerzu dem Klang dieser wonnigen Frauenstimme, bis ihm die Gräfin, als man das Parkthor erreicht hatte, durch einen scherzhaften Vorwurf seine Wortkargheit zum Bewußtsein brachte.

»Verzeihen Sie,« bat er; »ich hörte eifrig mit zu. Was ist das für eine Geschichte vom Sturmvogel?«

»Eine sehr ernsthafte,« sagte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Josefa. »Nicht wahr, Kleinchen? Erzähl' sie doch mal!«

»Ach, jetzt …!« schmollte das Kind mit einem flehenden Augenaufschlag. »Ich möchte jetzt Blumen pflücken …«

»Nun, wie du willst! Aber such' nur die schönsten, und rauf' mir nicht gleich so die halbe Wiese hinweg! Nein, weiter links! An dem Bach dort holst du dir nasse Füße!«

Josefa sprang eilends davon.

»Es ist nichts mit dem Sturmvogel,« sagte die Gräfin, als nun das Kind außer Hörweite war. »Eine Historie zum Abschrecken, so gut und so schlecht, als hundert andre. Ich glaube, Miß Harriet, die treue Seele, hat sich das Märchen aus eigner Kraft konstruiert, denn es paßt wie angegossen auf unsre lokalen Verhältnisse, – hier auf den Teich mit den steinernen Balustraden, dort auf den Fluß. Merkwürdig, daß Josefa so viel Sympathie fürs Wasser zeigt.«

»Vielleicht nur deshalb, weil man sie gar zu fern davon hält. Ich sah auf dem Teiche, der doch groß genug dazu wäre, keinerlei Fahrzeug. Weshalb läßt man die Kleine nicht gondeln?«

»Um Gottes willen!«

»Frau Gräfin scheinen über Gebühr ängstlich. Was soll passieren, wenn der Bediente rudert, und Sie selbst oder die Gouvernante das Kind neben sich halten?«

»Die Gouvernante schon gar nicht!«

»Mißtrauen Sie ihr?«

»Gewiß nicht. Aber der Zufall, das Schicksal kann wollen … mir schaudert, wenn ich nur daran denke!«

»Sie lieben das Kind sehr?« fragte Somsdorff nach einer Pause.

»Bin ich nicht seine Mutter?«

»Ich habe mich unrichtig ausgedrückt. Ich meine: Ihr Verhältnis zu Ihrem Töchterchen ist ein außergewöhnlich inniges?«

»Das Kind ist mein Alles!« fuhr Adele heraus. »Warum fragen Sie mich?«

»Ich frage, weil … weil es mich lebhaft interessiert. Sie müssen gemerkt haben, daß ich … an Ihrer Familie den regsten Anteil nehme. Insbesondere fühl' ich für Sie, Frau Gräfin, eine … wie soll ich mich ausdrücken? … eine heißbewundernde Sympathie, eine Freundschaft …«

»Die Freundschaft nehme ich dankend an,« versetzte sie ruhig. »Seien wir offen und klar, Herr von Somsdorff. Ich halte Sie für zu ehrlich und zu gescheit, als daß ich Ihnen die Ungereimtheit zutrauen sollte, mir von Freundschaft zu reden, während Sie thatsächlich nur von der Absicht beseelt wären, sogenannte psychologische Studien zu machen, Ihre Erfahrungen zu bereichern oder sich gar über die Gläubigkeit eines schutzlosen Frauengemüts lustig zu machen. Soll ich in dieser Meinung nicht wankend werden, so lassen Sie ein für allemal Artigkeiten, die einer Mißdeutung fähig wären. Auf heißbewundernde Sympathie mach' ich durchaus keinen Anspruch!«

»Verzeihung, Frau Gräfin!« stammelte Somsdorff, mehr noch durch den Ausdruck ihrer ernststrafenden Züge verwirrt, als durch die Worte selbst, die sie mit großer Eintönigkeit vorgebracht hatte. »Nichts lag mir ferner, als Sie verletzen zu wollen. Auch die Freundschaft hat ihre Stunden der Ueberschwenglichkeit …«

»Für Ueberschwenglichkeiten bin ich zu alt.«

Er mußte lachen.

»Wirklich?« fragte er in dem Tone des Mannes, der einer harmlosen Koketterie auf der Spur ist.

»Ja, wirklich! Das Alter hängt nicht lediglich von den Jahren ab.«

»Sondern? …«

»Sondern von dem, was man erlebt.«

»Aber Sie haben mir vorgestern Ihre ganze Biographie erzählt …«

»Habe ich das? Vielleicht war's eine Thorheit … Was soll's damit?«

»Diese Biographie – ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn mein Freimut Sie wieder verletzen sollte – diese Biographie enthielt, offen gestanden, so gar nichts Abnormes …«

»Finden Sie?«

»Ja, Frau Gräfin! Selbst der launige Streich, den Sie im Reißnerschen Pensionat Ihrem Präzeptor spielten, kann doch unmöglich die innre Entwicklung Ihres Gemüts so beschleunigt haben … Dann kamen die musikalischen Schwärmereien, das Autographensammeln, die Begeisterung für litterarische Tagesgrößen, die ersten Bälle – und schließlich die Huldigungen, die der Herr Graf Ihnen erwies. Die Herzen fanden sich, Graf Authenried warb um Sie, Ihr Papa fühlte sich ein wenig geschmeichelt – selbst der reichste, unabhängigste Kaufherr, wenn er bürgerlich ist, hat diese begreifliche Schwäche – Sie aber dachten nur an die edle, charaktervolle Persönlichkeit …«

»Herr von Somsdorff, Sie persiflieren mich!«

»Keineswegs! Ich stelle nur fest, daß nichts in Ihrem Leben, so weit Sie es mir enthüllt haben, zu der Meinung berechtigt …«

Ein plötzlicher Aufschrei der kleinen Josefa unterbrach ihn mitten im Satze. Das Kind war, Blumen suchend und Schmetterlinge verfolgend, eine Strecke vorangeeilt und stand jetzt, das Köpfchen mit dem breitkrämpigen Strohhut nach vorn gebeugt, die Händchen, deren linkes den Strauß hielt, weit von sich abgestreckt, starr in der Furche des Waldwegs. Nur wenige Schritte noch vor der Kleinen entfernt stutzte da ein gewaltiger Hirsch, – augenscheinlich eines der zahmen Fahrtiere, die Serenissimus, dessen Gehege ganz in der Nähe lag, ab und zu vor den kleinen Rokoko-Wagen spannte; denn trotz der schon vorgerückten Jahreszeit prangte der Hirsch im vollen Schmuck seines Geweihes. Die fürstlichen Hirsch-Wallache, vier an der Zahl, galten sonst für durchaus ungefährlich. Dieser Flüchtling jedoch, der, Gott weiß von welchem Einfall getrieben, die Umzäunung durchbrochen hatte, befand sich offenbar im Zustand einer bedrohlichen Aufregung. Er blähte die Nüstern und senkte das Haupt mit der furchtbaren Angriffswaffe schnaubend zum Vorstoß.

Gräfin Adele taumelte. Fünf Sekunden noch, und das Kind war verloren. In diesem flüchtigen Zeitraum lebte sie das Entsetzliche, zu einer Ewigkeit ausgesponnen, Scene für Scene durch: von dem Augenblick, da sich das tollgewordene Tier mordend über den wehrlosen Engel herwarf, bis zu dem letzten Abschied an der gähnenden, sonnenlichtüberfluteten Gruft. Trotzdem war die Verzweifelte nicht im stande, einen Finger zu rühren. Die zuckende Schulter an den Stamm einer Buche gelehnt, stierte sie mit der hilflosen Ohnmacht des Vogels, dem sich die Schlange nähert, unter den Wimpern hervor, lautlos, kaum eines Seufzers fähig.

Leo von Somsdorff jedoch, bei aller Erregbarkeit seines Temperamentes ein Mann, dem die Gefahr nie die Besonnenheit raubte, stürzte alsbald vor. Er selbst wußte nicht, was ihn trieb. Vielleicht nur der selbstlose, instinktive Drang, der uns alle beseelt, wo es die Rettung eines bedrohten Lebens gilt; vielleicht auch der Wunsch, Adelen durch die That zu beweisen, daß ihm für sie kein Opfer zu groß sei; vielleicht sogar das weltlich schnöde Bedürfnis, da heroisch und mannhaft zu scheinen, wo er bis jetzt nur in zaghafter Scheu gegirrt und geschmeichelt hatte. Jedenfalls sprang er mit verblüffender Energie auf das Tier los und versetzte ihm, just wie es vordrang, mit dem knorrigen Griffe des Jagdstocks einen furchtbaren Hieb quer über die Augen.

Die Folge war, daß der Hirsch zwar das Kind verfehlte, aber nun dem verwegenen Angreifer, der nicht rasch genug ausweichen konnte, das scharfe Geweih tief in den Arm und die Hüfte stieß. Gleich danach krachte ein Schuß. Mitten aufs Blatt getroffen, brach das wütende Untier zusammen, im Sturz noch die blutüberströmten Wunden Somsdorffs grausam vergrößernd. Die Forstleute erst, die aus dem Gehölz traten, befreiten den halb schon Bewußtlosen von der zerfleischenden Last, die schwer über ihm lag.

Gräfin Adele hatte ihr Kind mit einem wildleidenschaftlichen Jauchzen an sich gedrückt. Nun stand sie, bleich vor Entsetzen, neben dem Retter, dem die beiden fürstlichen Waldhüter den Notverband anlegten. Holzarbeiter, die in der Nähe beschäftigt waren, kamen hinzu. Die Leiter eines noch unbeladenen Wagens wurde mit Hilfe einiger Säcke und rasch aus der Erde gestochener Moosballen zur Tragbahre umgewandelt.

»Herr von Somsdorff, wie fühlen Sie sich?« raunte Adele, als sich der traurige Zug in Bewegung gesetzt hatte.

Er sah matt lächelnd zu ihr empor, ohne etwas zu erwidern.

»O Gott, o Gott!« schluchzte die Gräfin. »Wie soll ich Ihnen das jemals vergelten? Josefa, küsse dem guten, herrlichen Mann da die Hand! Bete für ihn! Er ist dein Schutzgeist gewesen. Er hat sich für dich und deine Mama geopfert!«

»Wenn Euer Gnaden die Freundlichkeit hätten, jede Aufregung zu vermeiden,« sagte der ältere von den Waldhütern, der nämliche, der den erlösenden Schuß gethan. »Ich meine nur so: das thut nicht gut bei dem Blutverlust …«

»Ich danke Ihnen! Gewiß, wir sprechen kein Wort mehr! Komm, Josefa! Halte dich still! So! Herr von Somsdorff muß Ruhe haben.«

Und lautlos schritten die vier Männer mit ihrer seufzenden Last durch den Park, an dem nämlichen Teich und der nämlichen Balustrade vorüber, wo noch vor kurzem die Gräfin so harmlos mit ihrem Kinde geplaudert hatte, die Treppe hinauf nach dem großen Verandasalon, während der Kutscher, den man bereits durch den Gärtner benachrichtigt hatte, den leichten Phaethon, Gräfin Adelens Lieblingswagen, mit zwei Vollblutfüchsen bespannte, um drüben in Hoyersbrück den Landarzt zu holen.


Zweites Kapitel.

Doktor Michalsky, ein stattlicher Mann in den Vierzigern, trat aus dem Krankenzimmer und begab sich schräg über den Korridor in das kleine Gemach, wo Gräfin Adele, ihr Kind fest an sich gepreßt, voll bangender Ungeduld auf ihn wartete.

»Ich denke, er wird's überstehen,« sagte er ruhig, während er neben der Gräfin Platz nahm. »Die Wunden sind schwer, aber nicht lebensgefährlich. Der Hüftknochen ist scharf gestreift, die Knochenhaut etwa zollbreit zerstört. Von Bruch oder Splitterung hab' ich nichts wahrgenommen. Auch die Verletzung des Oberarms beschränkt sich auf eine tüchtige Fleischwunde, während der Unterarm nur gequetscht ist. Wenn nicht Komplikationen eintreten, hoff' ich in drei oder vier Wochen …«

»Komplikationen?« fiel ihm Adele ins Wort. »Wie meinen Sie das? Welcher Art könnten die sein?«

»Ja, mein Gott, bei solchen Verwundungen ist gar mancherlei denkbar. Da kann Rose hinzutreten, Pyämie, Verjauchung, selbst Starrkrampf. Die Hauptsache ist eine sorgsame Ueberwachung der Pflege, und ängstliche Desinfektion. Was in letzterer Beziehung vorläufig geschehen konnte, hab' ich gethan. Heute abend um neun Uhr komm' ich wieder. Frau Gräfin haben wohl die Geneigtheit, mich holen zu lassen; der Weg ist weit, und mein ehrlicher Schimmel braucht noch einmal so lang, als Ihre Prachtfüchse.«

»Selbstverständlich!« sagte die Gräfin erregt. »Punkt acht Uhr hält der Wagen vor Ihrem Hause. Uebrigens fällt mir da ein: sieben Uhr fünfzig kommt ja der Zug von Zeschau, mit dem mein Mann zurückkehrt. Ich schicke den Landauer an die Bahn und bitte den Grafen, Sie mitzubringen. Sie setzen ihm dann wohl gleich auseinander, was sich ereignet hat. So ersparen Sie mir die Notwendigkeit, all diese Einzelheiten noch einmal durchzusprechen. Ich schaudere, wenn ich nur daran denke.«

»Das begreift sich,« versetzte der Arzt. »Frau Gräfin sehen wirklich erschöpft aus. Essen Sie was – eine Kleinigkeit – und trinken Sie ein Glas Portwein! Man muß sich zwingen, Frau Gräfin! Na, und die kleine Komteß? Wie geht's denn, Püppchen? Gib mal die Hand! Wir scheinen uns, Gott sei Dank, rascher zu fassen, als die Mama. Das glückliche Vorrecht der Kindheit!«

Er nahm seinen Hut vom Teppich.

»Also, es bleibt dabei,« sagte er aufstehend, »Ihr Herr Gemahl holt mich ab. Morgen bin ich ohnedies in der Nähe; dann sehen wir weiter. Apropos: wünschen Sie eine Pflegerin?«

»Für die Besorgung der Wunden?«

»Nein. Die Verbände rührt niemand an, als ich selbst. Aber fürs übrige. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich in der Nacht Fieber einstellt. Ich glaube, Herr von Somsdorff wird ein ungeduldiger, schwer zu behandelnder Patient sein. Jedenfalls muß bis auf weiteres bei ihm gewacht werden …«

»O, dann ist die Pflegerin überflüssig,« sagte die Gräfin mit herzentquellender Wärme. »Es versteht sich von selbst, daß ich dies Amt übernehme …«

»Wenn Sie glauben, daß Ihre Kraft ausreicht …«

»Sie wird und sie muß ausreichen! Bitte, sagen Sie nur, was alles zu thun ist! So kann ich doch einen Teil meiner Schuld an den Retter meines geliebten Kindes abtragen!«

»Ich habe den Diener, der ja ein ganz verständiger Mensch ist, gut instruiert, – zum Ueberfluß ihm auch die wichtigsten Punkte aufgeschrieben …«

»Ich danke Ihnen. Karl ist in der That ein sehr anstelliger Kopf, der mich im Notfall schon ablösen wird. Und Frida, mein Kammermädchen! Sie sehen, wir haben hier Personal genug …«

»Und Miß Harriet!« rief die kleine Josefa.

Die Gräfin lächelte.

»Auf die zählen wir nicht!«

»Vielleicht mit Unrecht,« meinte der Arzt.

»Nein, nein! Ich kenne sie besser. Nicht, daß meine vortreffliche Harriet kein Mitgefühl hätte. Aber der Takt, der unerbittliche Takt … Sie verstehen mich!«

Doktor Michalsky zog die mächtige Stirn hoch und zuckte die Schultern.

»Dagegen ist nichts zu wollen,« sagte er spöttisch. »Gnädige Gräfin, ich habe die Ehre! Adieu, Komteßchen! Ja keinen Lärm machen! Ich glaube, er schläft!«

Der blinkende Hochradwagen mit den zwei goldroten Prachtrennern führte den Arzt pfeilschnell dahin, während Adele, das Töchterchen zärtlich umfangend, noch immer wie halb gelähmt in den Polstern des Sessels lag, wo sie den kurzen Bericht Michalskys entgegengenommen hatte. So verharrte sie wohl eine Stunde lang. In der That, Leo von Somsdorff schlief; Karl, der Diener, saß bei ihm und hatte noch immer nicht auf die Klingel gedrückt, zum größten Verdruß der Zofe, die nach Verwindung des ersten Schrecks geradezu darauf brannte, sich an der Lagerstatt des Verwundeten nützlich zu machen.

Als Leo sich regte, begab sich Adele, von Frida begleitet, ins Krankenzimmer, während Miß Harriet die kleine Josefa nach der Veranda führte. Das heiße Dankgefühl ihres Herzens nicht mehr in Worte kleidend, fragte die Gräfin mit ruhiger Milde, ob der Patient einen Wunsch habe.

Leo verneinte. Er hatte die Augen nur halb geöffnet. Die Lippen bewegten sich kaum; er bot den Anblick traurigster Hinfälligkeit.

Gleich danach verlangte er Wasser.

Der Diener füllte aus der jetzt eben hereingebrachten taubeschlagnen Flasche ein Glas, mischte ein Viertel Fruchtsaft darunter und überließ es der Gräfin, den Dürstenden zu erquicken. Mit der einfachen Sicherheit einer barmherzigen Schwester hob sie dem Todmüden das Haupt und hielt ihm den Trank an die Lippen, den er begierig hinabsog. Dann strich sie ihm sorglich die Kissen zurecht, ohne ihn zu erschüttern, sanft und gewandt, als hätte sie jahrelang diese Obliegenheiten geübt, gab der Zofe die Weisung, im Nebenzimmer ein Fenster zu öffnen, so daß die warme, erquickende Mailuft in köstlichen Wellen durch die portierenverhangene Thür strömte, und ließ sich dann von dem Diener das Blatt mit den Notizen des Arztes zeigen.

»Sie können jetzt gehen, Karl,« sagte sie endlich. »Sehen Sie zu, daß Sie ein paar Stunden vorweg schlafen. Diese Nacht müssen Sie Wache halten. In der folgenden lös' ich Sie ab, ich und Frida. Für heute abend bestellen Sie ein Gedeck mehr. Sie wissen, um neun kommt der Arzt. Miß Harriet lasse ich bitten, weitab in den Garten zu gehen, und dann später ins kleine Eckzimmer; die Veranda muß frei bleiben, man hört hier sonst jedes Wort! Ueberhaupt: allen im Hause empfehlen Sie Ruhe an, peinlichste Ruhe! Der Koch soll die Fenster schließen, der Gärtner den Springbrunnen abstellen …«

Der Diener verneigte sich.

»Gnädige Gräfin sprechen zu keinem Unverständigen. Als ich noch in Stroßhaida bei den Dragonern stand, lag der Herr Rittmeister, mein vortrefflicher Herr, volle sechs Wochen in Lebensgefahr – ein Schuß in die Lunge – und ich allein hab' ihn gepflegt mit dem gnädigen Fräulein, der Schwester nämlich, was aber nur so ganz nebenher war; denn sehr lange hielt sie's nicht aus, und bekam schließlich Migräne und Rückenschmerz. Ich kenn' die Geschichte, und wie's da förmlich an einem Haar hängt. Will's den Leuten schon eintrichtern, besonders dem Koch, der wirklich thut, als wär' er mit seinen Kasserollen und Löffeln allein im Haus.«

»Ich verlass' mich auf Sie.«

»Aber was ich bemerken wollte: die gnädige Gräfin müssen doch auch gewissermaßen an Ihre eigene werte Person denken. Wie Frida sagt, haben Frau Gräfin noch nicht gespeist. Es ist ja wahr, bei solchen Entsetzlichkeiten vergißt man Gott und die Welt, geschweige denn das Diner. Der Koch ist natürlich wütend, der jungen Erbsen wegen, auf die er so protzt, und weil er die Zunge selbst eingepökelt hat; von seinen Hähnchen gar nicht zu reden. Mir kann's ja gleich sein, denn ich stehe nicht sehr mit dem François. Aber wenn die Frau Gräfin befehlen, könnt' ich denn doch eine Kleinigkeit …«

Adele sah nach der Uhr.

»Wahrhaftig, schon beinahe vier! Ich ahnte das nicht. Sie haben recht, Karl! Miß Harriet soll mit der Kleinen zu Tisch gehen. Mir bringen Sie eine Tasse Bouillon. Nichts weiter! Höchstens dann später vielleicht den Kaffee.«

»Und Frida?« murmelte Karl mit einem fürsorglichen Blick auf das Kammermädchen.

»Frida kann ja gleich mit Ihnen gehen. Sobald sie gegessen hat, kommt sie zurück.«

Die beiden entfernten sich. Adele trat leise an die Portiere und sah nach der Bettstatt, wo Leo, die Augen geschlossen, wieder entschlummert schien. Sie seufzte tief, schlich dann bedächtig zum Fenster und sah eine Weile hinaus nach dem Teich, wo noch der armsdicke Wasserstrahl rauschend gen Himmel stieg, bis er dann plötzlich in sich zusammenbrach und verstummte. Die ganze lichtüberströmte Natur da draußen schien dies Verstummen mit zu empfinden. Alles veränderte sich, alles verlor gleichsam die Seele. So mußte es sein, wenn ein teures, leidenschaftlich geliebtes Leben, dessen beglückende Gegenwart man bis dahin als selbstverständlich betrachtet, dessen Verlust man nie für möglich gehalten hat, plötzlich erlosch.

Adele zitterte. Ach, um ein Haar wäre das unermeßliche Weh, das sich ihr jetzt hier nur symbolisch darstellte, ja in Wahrheit ihr Schicksal gewesen! Die kleine, süße, blonde Josefa! Ihr Ein und Alles! Der Angelpunkt ihres Daseins!

Noch nie hatte die Gräfin mit so erschöpfender Klarheit gefühlt, was sie in diesem Kinde besaß.

Die Stirn wider den Fensterrahmen gepreßt, überließ sie sich einer verzweifelten Selbstschau.

Mit dem üblichen Maßstabe einer weiblichen Existenz gemessen, war ihr Dasein von Grund aus verfehlt.

Die Ehe mit Gerold von Authenried glich einer Wüstenei. Das siebzehnjährige Mädchen, von den Verwandten gedrängt, selbst ein wenig bestochen durch allerlei Aeußerlichkeiten und fest überzeugt, daß Gerold sie anbete, hatte sich übereilt.

Zu spät mußte sie die Entdeckung machen, daß die liebenswürdige Art, mit der Graf Authenried sich ihr angepaßt, ihre kleinen Phantastereien genährt, ihren harmlosen Eitelkeiten geschmeichelt hatte, ebenso Maske war, wie der Ausdruck von Bonhomie, der alle Menschen so lange über den wahren Kern dieses Charakters täuschte, bis ein entscheidender Augenblick die sympathische Hülle hinwegschob.

Gerold war überhaupt der Liebe nicht fähig. Kalte Berechnung, herzloser, grausamer Egoismus, starre Gemütlosigkeit – das waren die Grundzüge seines Wesens. Der überschwengliche Bräutigam hatte sich nach der Hochzeit fast ohne Uebergang in den frostigen Mann verwandelt, der sich selber genug ist, der keines mitfühlenden Herzens bedarf, um des Lebens froh zu werden. Durch gehäufte Beobachtung war Adele zu dem gräßlichen Resultat gelangt, daß sie das Opfer einer elenden Spekulation geworden. Der Graf war, zum Teil wohl infolge der übermäßigen Summen, die er blindlings für seine Sammlung vergeudete, seit Jahren verschuldet: die glänzende Mitgift der reichen Patrizierstochter, die überdies als Universalerbin einer entfernten Verwandten viele Millionen eignen Vermögens besaß, zog ihn mit einem Schlag und für immer aus der Verlegenheit. Und gerade der Wahn, daß der Graf, der ganz allgemein für einen der reichsten Aristokraten galt, nur sie selber begehre und nicht ihre äußeren Glücksgüter, hatte bei dem hundertfältig umworbenen Mädchen den Ausschlag gegeben! Er schien so gut, so ehrlich, so vollständig frei von verletzenden Nebengedanken!

Im übrigen war ja an der Behandlung, die der Graf seiner jungen Frau angedeihen ließ, nichts Ernstliches auszusetzen. Er verstieß nie gegen die Form, wenn sein Gebaren auch reichlich den Eindruck machte, als sei die Höflichkeit, ja der mitunter scherzhafte Ton, den er anschlug, nur die Wirkung einer in Fleisch und Blut übergegangenen guten Erziehung, etwas rein Mechanisches ohne Sinn und Gefühl. Niemand im ganzen Schloß ahnte denn auch, wie schmerzlich Adele unter dem Druck dieser inneren Beziehungslosigkeit litt, wie schwer sie mit ihrer eigenen Mißstimmung kämpfte, wie oft sie einen gewaltsamen Anlauf nahm, sich der Lüge zu zeihen, ihren Gemahl vor der Anklage, die doch so zweifellos war, zu entschuldigen und durch Güte und Freundlichkeit das zu erobern, was ihr mit jedem Jahr mehr zu entschwinden drohte: die menschliche Teilnahme Gerolds an ihrem Geschick und an dem ihres Kindes. Alles umsonst. Ihre Sanftmut, ihr stummes, geduldiges Werben glitt an ihm ab, wie das Wasser am Pelze des Eisbären. Er merkte wohl gar nicht, wie sich die Trauernde mühte; vielleicht auch ward ihr Bestreben wirkungslos durch die geheime Verachtung, die immer und immer wieder in ihrem Herzen emporquoll und manches Wort minder versöhnlich färbte, als sie es wünschen mochte.

Den Blick auf die Fläche des Teiches geheftet, der jetzt glatt wie ein Spiegel die ganze Vegetation und den tiefblauen Himmel zurückwarf, forschte Adele gramerfüllt in dem Buch dieser zahlreichen mißglückten Versuche, die sie ja freilich seit vielen Jahren schon eingestellt hatte. Längst war sie an die Unabwendbarkeit ihres Schicksals gewöhnt. Ja, es schien, als hätte sie sich halbwege damit zurechtgefunden. Ihr Kind, ihr süßes, angebetetes Kind ersetzte ihr, was ihr das Leben sonst an Herzensfreude und Glück versagt hatte. Josefa war ihr Gedanke bei Tag und bei Nacht. Dies liebe Geschöpf gegen alle Rauheiten des Daseins zu schirmen, seine Erziehung ängstlich zu überwachen, sein Herz mit allen Banden der Zärtlichkeit an sich zu fesseln: das galt ihr für den alleinigen Zweck ihres Lebens. Ernster und strenger, als dies sonst wohl zu ihrer Jugend gepaßt hätte, arbeitete Gräfin Adele an ihrem eignen Charakter, stets im Hinblick auf dieses geheiligte Ziel. Sie wußte, daß der unmittelbare Eindruck des Beispiels kräftiger wirkt, als die Schattenhaftigkeit noch so häufig gepredigter Lehren; sie ahnte etwas von dem machtvollen Nachahmungstriebe der Kindheit auch im Gebiete des Fühlens und Anschauens.

Und jetzt, wie sie so dastand im Bewußtsein der kaum überwundnen Gefahr, wiederholte sie sich das Gelübde, ihrem Kind eine Mutter zu sein, deren geheimste Gedanken in die schuldlose Seele des Lieblings einströmen dürften, ohne sie zu entweihen. Kein Groll gegen das Schicksal, keine Mißstimmung gegen den Mann, der sie so wenig begriff, sollte in ihrer Brust mehr Raum finden. War sie nicht glücklich trotz alledem? Füllte das Kind sie nicht vollständig aus? Und mußte nicht der Gedanke, daß sie in Demut und Schweigsamkeit ihre Pflicht that, die heitere Klarheit, die sie Josefas halber so manchmal erkünstelt hatte, allgemach in Natur verwandeln? Ja, es gab einen Frieden, der höher und herrlicher war denn alle Vernunft, eine Gleichmäßigkeit des Empfindens, dem selbst die Bitternis langer, trüber Erfahrungen nichts mehr anhaben konnte.

Sie schloß die Hände wie zum Gebet. Tiefträumerisch regten sich ihre Lippen. So völlig war sie versunken, daß sie jählings zusammenschrak, als der Verwundete jetzt leise zu stöhnen begann. Eilig huschte sie über die Schwelle und beugte sich vor, um zu lauschen. Somsdorff beruhigte sich wieder. Er schlief noch. Aber sein Antlitz, das bis vor kurzem noch bleich und blutlos gewesen war, hatte sich merklich gerötet. Ein Zucken ging um die Augen; die Hand des unbeschädigten Armes, der auf der Decke lag, glitt von Zeit zu Zeit knisternd über die schwarzblaue Halbseide.

»Das Wundfieber ist im Anzug!« seufzte Adele. »Gott schütze ihn!«

Sie kam sich vor wie eine Frevlerin, daß sie im Ueberschwang ihrer Mutterliebe auch nur minutenlang mehr an sich selbst und Josefa, als an den Mann gedacht, der sich so hochherzig für die Kleine geopfert hatte. Im Geist bat sie ihn fußfällig um Verzeihung. Wie gern hätte sie diese Hand, die den rettenden Schlag geführt, voll Inbrunst geküßt, wie man die Hand eines Beichtvaters küßt, wenn er dem Beichtkind die Last einer quälenden Schuld von der Seele genommen! Aber da stieg eine Erinnerung vor ihr auf, die sich während der letzten Stunden gleichsam versteckt hatte: das Bewußtsein, daß er von Sympathieen geredet, deren Lebhaftigkeit sie in dieser Form nicht zu dulden gewillt war. Das vertrat ihrem Eifer sofort den Weg. Und sie durfte ja auch seinen Schlaf nicht stören, diese unheimlich dumpfe Rast, die ihr manchmal nur wie die Regungslosigkeit eines tödlich Erschöpften vorkam. Jetzt besonders war ihr zu Sinne, als ob der Verwundete sehe und höre, aber zu schlaff sei, um seine Wimpern zu heben.

Ein lautes Aechzen riß sie aus dieser Betrachtung. Somsdorff hatte den Kopf ein wenig zurückgeworfen; die Züge des sonst so regelmäßig geschnittenen Angesichts waren schmerzlich verzerrt. Dann fiel der Kopf wieder nach vorn. Der Atem des Kranken ging schwer und beklommen.

Adele flößte ihm, mit einer Bewegung der Abwehr gegen die Hilfsbereitschaft der Zofe, ein paar kühlende Tropfen ein.

»Danke!« hauchte er fast unhörbar. Ein müder Blick streifte sie, fahl und bleich wie der letzte Schimmer eines verlöschenden Herbsttages. Dann schloß er die Lider, seufzte und ließ die Stimmung, die ihn beseelen mochte, in einem fast unmerklichen Beben der Mundwinkel ausklingen. Dies herzzerreißende Lächeln rührte die junge Frau fast zu Thränen.

Adele genoß an diesem traurigen Nachmittage kaum einen Bissen. Das Kammermädchen, das nach Verlauf einer Stunde heraufkam, setzte sich mit ihrer Näharbeit in das Krankenzimmer, während die Gräfin im Seitengemach unruhig das Sinken der Sonne und das Wachsen der Schatten über dem Teich verfolgte, ab und zu von dem elfenbeingeschnitzten Regal ein Buch herabnahm, ein paar Zeilen durchflog, ohne zu ahnen, was sie gelesen hatte, und dann wieder auf den Standplatz am Fenster zurückkehrte. Sie meinte, dies Harren und Warten mit dem Blick auf den Park daure nun schon seit Wochen: so oft hatte sie die nämlichen Gegenstände mit rein mechanischer Aufmerksamkeit durchmustert, sich voll Ueberdruß abgewandt und dann von neuem begonnen.

Endlich brach so die Dämmerung herein. Josefa kam scheu an die Thür, um ihrer Mama gute Nacht zu sagen.

Adele küßte sie leidenschaftlich.

»Ehe du einschläfst, bete für unsern Freund!« raunte sie ihr ins Ohr. »Bitte den lieben Gott, daß er ihn bald gesund macht!«

Das Kind nickte.

»Miß Harriet will auch beten,« sprach es nach einer Weile und schmiegte sich zärtlich an seine Mutter.

Man klopfte. Karl trug die Lampe herein und setzte sie auf den Ebenholztisch neben dem Diwan. So fiel nur ein handbreiter Lichtstreifen durch die Portiere, der für die längst feiernde Frida ausreichte, den Verwundeten zu beobachten.

Nun rollte der Wagen vor. Adele erhob sich, um ihrem Gemahl und dem Landarzt entgegenzugehen.

»Schöne Geschichten!« sagte der Graf, noch eh' er den Gruß Adeles erwidert hatte. »Das ist ja mehr als infam! Ich werde beim Fürsten Verwahrung einlegen! Solch eine Lotterwirtschaft! Aber ein ganzer Kerl ist der Somsdorff, das muß ihm der Neid lassen. Gehn Sie nur, Doktor! Hoffentlich macht sich die Sache! Es wäre doch zu fatal, wenn er bis Ende Mai nicht wieder flott wäre. Sie wissen, unser Kongreß in Bonn …«

»Daran wird leider wohl nicht zu denken sein,« brummte Michalsky.

»Verwünscht! So muß ich allein fahren! Und Somsdorff – nein, es ist wirklich wie ausgesucht!«

Der Arzt stieg die Treppe hinauf, während die Gräfin ihren Gemahl in den kleinen Salon begleitete, wo er sich keuchend in einen Sessel warf.

»Ein Unglückstag!« stöhnte er, mit dem Taschentuch über die Stirn fahrend. »Erst das Malheur in Zeschau – der größte und beste Teil der Sammlung verkauft – nach England – noch eh' die Auktion beginnt … ich glaube, man braucht sich die augenscheinliche Schwindelei nicht gefallen zu lassen … Dann auf der Rücktour ein Achsenbruch – zwanzig Minuten Verspätung – und nun die Bescherung da mit dem Somsdorff! … Es fehlte jetzt nur, daß dich der Schreck wieder acht Tage rabiat machte, wie damals bei der Erkrankung deiner Mama. Weiß Gott, du siehst aus … fehlt dir etwas? Sprich nur! Ich mach' dir ja keinen Vorwurf!«

»Ich bin etwas angegriffen: aber das geht schon vorüber.«

»Gott sei Dank! An dem einen Patienten hab' ich ja mehr als genug. Nichts regt mich so auf und stört mich so im Verfolg meiner Studien, als der Gedanke: dein Haus ist ein Lazarett. Und für die nächste Zeit hab' ich enorm zu thun. Auf dem Kongreß in Bonn – ich weiß nicht, ob Somsdorff dir schon gesagt hat – na, du interessierst dich zwar nicht dafür …«

»Doch, Gerold. Aber was hast du nur? Du bist so erregt …«

»Das macht der Verdruß über die schändliche Spitzbüberei in Zeschau. Denke dir nur, eine Sammlung mit Prachtstücken ersten Rangs, griechische, römische, altitalienische Seltenheiten vom höchsten Wert – und dieser elende Kniff, der mich einfach beraubt! Denn das alles war mein; ich hätte die Mitbieter unbedingt aus dem Felde geschlagen! Nun, es ist mal geschehen, und da hilft kein Lamento! Ja, du hast recht; ich bin wohl zu ungestüm …«

»Wenn's dich erleichtert, Gerold …«

»Pah, man soll seinen Aerger nicht mit nach Haus schleppen …«

»Was ist das mit dem Kongreß in Bonn?«

»Am sechsten und siebenten Juni tagt dort die Hauptversammlung der Numismatiker, – Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, tutti quanti! Leipold in Breslau – weißt du, der alte Herr mit den Blatternarben, den wir im Schwarzwald kennen gelernt – hat mir den Zutritt vermittelt. Infolge eines sehr liebenswürdigen Briefes von Beaulieu-Sarcenet kam mir nun plötzlich der Einfall, auf dem Kongreß einen Vortrag zu halten. Das Material zu dem, was ich plane, liegt mir seit lange vor; aber ich muß nun ergänzen, Belegstellen aufsuchen, ordnen – kurz, es ist eine riesige Arbeit für die beschränkte Zeit, und da heißt's, den Kopf oben behalten! Ich hatte darauf gerechnet, Somsdorff ein wenig heranzuziehen; er hat die unschätzbare Gabe des Ueberblicks; er findet sich schnell zurecht; er hätte mir mancherlei abnehmen können … Das ist nun alles vorbei! Ein wahrer Jammer! Leipold hat mir auch eine Karte für ihn geschickt … ich wollte Somsdorff damit überraschen … Ja wohl! Der Mensch denkt, und Gott lenkt! Wären die Sechzehnender Seiner Fürstlichen Durchlaucht nicht …«

Adele sah ihn mit ihren großen, herrlichen Augen verständnislos an. War's denn zu glauben? Das Kind dieses Mannes hatte vor wenigen Stunden in Todesgefahr geschwebt; ein Freund des Hauses hatte dies Kind unter Preisgebung seiner eignen gesunden Glieder gerettet und lag jetzt droben vielleicht in den letzten Zügen – und Gerold von Authenried sprach mit wachsender Lebhaftigkeit von Beaulieu-Sarcenet, von Leipold in Breslau, von der Idee eines numismatischen Vortrags auf dem Kongreß zu Bonn! Mit keiner Silbe hatte er nach Josefa gefragt; kein Wort des Dankes für die Gnade der Vorsehung war ihm noch über die Lippen gekommen. Sein ganzer Kummer beschränkte sich, wie es schien, auf den Verlust eines erwünschten Helfers und Reisebegleiters.

Die Gräfin verspürte ein eigentümliches Frösteln. Es war, als lege sich ihr eine starre, eiskalte Hand aufs Herz und drücke es langsam und stetig zusammen.

»Willst du dich umkleiden?« fragte sie endlich, da sie im Speisezimmer das Klirren des Tafelgeschirrs hörte.

»Natürlich. Man ist ja verstaubt wie ein Müllerknecht. Das war ja ein Qualm im Coupé …«

»Doktor Michalsky bleibt doch zu Tisch?«

»Ich hab' ihm gesagt, er solle nur gleich übernachten. Morgen in aller Frühe versorgt er dann unsern Patienten und was er hier sonst in der Nähe hat … So spart er zwei Touren. Er war damit einverstanden.«

»Gut. So will ich das Nötige anordnen.«

»Thu' das! Und nicht wahr, sobald die Geschichte da droben in Ordnung ist … Du verstehst mich? Kein langes Erörtern mehr mit dem Doktor! Ich habe seit zwei nichts genossen, außer dem elenden Kaffee im Görlitzer Hof. Ich verkomme vor Hunger!«


Drittes Kapitel.

Am fünften Juni reiste Graf Gerold nach Bonn, trostlos darüber, daß Leo von Somsdorff ihn nicht begleiten konnte. Die Ausarbeitung des Vortrags hatte den Grafen derart in Anspruch genommen, daß er sogar die abendlichen Spazierritte ins Gehölz unterließ und sich kaum Zeit gönnte, ein paar Worte mit Doktor Michalsky zu reden oder gelegentlich bei dem Patienten selbst Nachfrage zu halten.

Um so treuer und eifriger lag die Gräfin der Pflege ob. Drei Tage lang schwebte der Kranke in Lebensgefahr. Dann schritt die Genesung langsam, aber mit Stetigkeit vorwärts. Just um die nämliche Zeit, da Gerold – wie er an Somsdorff telegraphierte – in Bonn mit Leipold und Beaulieu-Sarcenet eine hochwichtige Privatkonferenz hatte, die ihn bestimmte, den Vortrag über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen bis auf weiteres zurückzuziehen (Leipold nämlich hatte das Manuskript durchgesehen und mehrere Lücken entdeckt, die seiner Meinung zufolge erst ausgefüllt werden mußten, wenn die sonst außerordentlich wirksame Arbeit auf der Höhe der Wissenschaft stehn und bei den leider impertinent kritischen Fachleuten widerspruchslos durchschlagen sollte) – just um die nämliche Zeit also gab der Arzt die Erlaubnis, Herrn von Somsdorff nach der Veranda zu schaffen.

Das war kein leichtes Stück Arbeit. Vier Personen mußten zugleich anfassen, um die Chaiselongue, auf die man den Dulder gebettet hatte, wagerecht und möglichst ohne Erschütterung die Treppe hinab ins Parterre zu tragen.

»Man hätte das früher bedenken sollen,« brummte der Arzt beim Anblick des etwas halsbrecherischen Transportes. »Freilich, in so verteufelten Situationen verliert man den Kopf; das ist menschlich. Selbstredend müssen wir jetzt für die Nächte ein Zimmer im Erdgeschoß herrichten.«

»Das ist schon geschehen,« versetzte die Gräfin. »Ich dachte, den kleinen Salon am Ostflügel …«

»Ah, sehr gut! Bequemer kann er's nicht haben! Und nicht wahr, die größte Vorsicht beim Umbetten! Die Wunden sind ja so ziemlich geheilt, dank seiner phänomenalen Konstitution; aber ein einziger Stoß, eine falsche Bewegung kann uns um Tage zurückwerfen.«

Gräfin Adele sorgte dafür, daß nichts geschah, was den glücklichen Fortgang der Rekonvalescenz hätte hindern können. Mit der lächelnden Unerbittlichkeit einer Mutter hielt sie auf strengste Erfüllung aller ärztlichen Vorschriften, oft im Widerspruch mit den Wünschen des jungen Mannes, den zuweilen die Ungeduld heimsuchte, namentlich wenn ihn die Gräfin der Obhut der Dienerschaft überließ. Aber Karl sowohl als die Zofe hatten strikten Befehl, ihm unter keiner Bedingung nachzugeben. Zwanzigmal forderte er Papier und Bleistift, um Briefe oder Notizen zu schreiben, was ihm, da sein linker Arm noch im Verband lag, Schwierigkeiten verursachte, die ihm das Blut nach der Stirn trieben. Einmal hatte er's durchgesetzt, und nicht wieder … Die Schreiberei schien der Gräfin um so vermeidbarer, als die sechs Zeilen, die er mit großer leiblicher und geistiger Mühe niedergekritzelt, einen »Dank an die gütige Fee« enthielten, und zwar in klangvollen, etwas verworrenen Rhythmen, deren zwei letzte Reimworte »Adele« und »Seele« waren. Auch das anhaltende Sprechen verwies sie ihm, und den Eifer, mit dem er zu gestikulieren versuchte, als müsse er die vorübergehende Außerdienststellung des kranken Armes durch verdreifachte Thätigkeit des gesunden wettmachen.

Wenn er so, wohlig und warm zugedeckt, auf der Veranda lag und die köstliche Luft schlürfte, die ihm selbst um die Mittagszeit nicht zu heiß schien, saß Adele oft stundenlang, eine Stickarbeit in der Hand, neben ihm, ohne daß zwischen den beiden ein Wort fiel. Dann wieder that er aus tiefen Gedanken heraus eine plötzliche Frage, erzählte ihr fast ohne Uebergang ein Erlebnis, eine Scene aus seiner Kindheit oder veranlaßte sie zum Plaudern. Manchmal hatte sie auch ein Buch und las ihm zehn Minuten lang vor, den Anfang einer Novelle, etwas von Rosegger, ein paar schwermütig rauschende Klänge aus Geibels »Spätherbstblättern«. Die Augen geschlossen, ein seliges Lächeln auf den geöffneten Lippen, lauschte er, kaum noch atmend; es blieb unentschieden, ob die Poeten mehr Anteil an dieser Verzückung hatten, oder die Vorleserin.

Und dann sprach er wieder, als müßte ihm das Empfangne die Brust zersprengen, wenn er noch stumm bliebe. Es war nicht viel, was er sagte, wohl auch nichts sonderlich Interessantes. Aber die Gräfin lauschte nun eben so andachtsvoll, wie er, wenn sie las, und stellte ihre Betrachtung darüber an, wie seltsam die Stimme des jungen Mannes sich während der Krankheit verändert hatte. Das war nicht mehr die trotzige Fülle stürmischer Leidenschaft, die sie zu Anfang – jetzt ward es ihr klar – beinah' aus jeder Silbe herausgehört hatte. Nein, die Glut war in Milde – sie hätte fast sagen mögen: in kindliche Sanftmut – umgewandelt. Der Klang seines Organs hatte jetzt Modulationen, deren schmeichelnde Art sie fast an Josefa erinnerte. Vielleicht sprach die Dankbarkeit überall in den gleichen herzberauschenden Tönen?

Am neunten Juni wurde Graf Gerold zurückerwartet. Ein Telegramm an Somsdorff, das den Verlauf des Kongresses knapp schilderte und die befremdliche Nachricht enthielt, Gerold habe sich mit Beaulieu-Sarcenet überworfen, bestellte den Wagen auf sieben Uhr fünfzig nach Hoyersbrück.

Somsdorff empfing die Depesche auf seinem gewöhnlichen Ruheplatz zwischen den beiden Verandasäulen. Er hatte jetzt eben mit Hilfe des Dieners gespeist und lag etwas erschöpft in den Kissen, als ihm die Gräfin, bereit, wieder neben ihm Platz zu nehmen, das Telegramm überreichte.

»Ich hab' es auch diesmal geöffnet, der ausdrücklichen Weisung des Arztes gemäß. Sie werden mir Indemnität erteilen.«

»Bitte,« lächelte Somsdorff. »Der Inhalt geht ja eigentlich mehr die Frau Gräfin als mich an.«

»Zum Teil … gewiß. Ich habe auch alles Erforderliche schon angeordnet.«

»Wie immer! Die Liebe, Güte und Fürsorge in Person!«

»Mein Gott,« lachte die Gräfin, »scheint Ihnen das in der That so gütig und fürsorglich, wenn ich dem Kutscher eine Bestellung ausrichte und für den Abend ein Gericht mehr ansetze?«

»Das nicht,« stammelte Somsdorff, die Augen schließend. »Ich weiß nicht, es fiel mir so bei … Wes das Herz voll ist … mir schwebt eben stündlich vor, was Sie an mir thun …«

Die Gräfin errötete.

»Sie wollen mich böse machen oder beschämen,« sagte sie ernsthaft. »Wären Sie mir ein wildfremder, unsympathischer Mensch, ich hätte das gleiche an Ihnen gethan; wenn es denn überhaupt der Rede wert ist. So aber … ein Freund meines Mannes …«

»Nicht Ihr Freund?«

»Auch das … natürlich. Aber ich meine, zunächst … Bitte, lassen wir doch dies Thema, das mich peinvoll daran erinnert, wie sehr ich in Ihrer Schuld bin!«

»Nicht so sehr, als Sie glauben. Was ich that, war völlig naturgemäß – die Eingebung der Minute! Tausend andere hätten dasselbe gethan. Und ferner: im entscheidenden Augenblick dachte ich nur an die Sache. Ich wäre genau so dazwischen gesprungen, wenn es sich um das Kind einer Unbekannten, meinetwegen der ersten besten Landstreicherin, gehandelt hätte. Ich sage das nur, um der Wahrheit die Ehre zu geben; ich will nicht besser, nicht opferwilliger scheinen, als ich es bin! Ach, und ich dächte, Frau Gräfin, Sie wüßten das ohnedies! Nur der blanke Instinkt macht uns Männer gegebenen Falls zum Beschirmer der Schwäche. Die scheinbar mutige That folgt da unmittelbar auf die Wahrnehmung, wie dem Blitze der Donner folgt, ohne daß Pflicht und Moral irgend ins Spiel kämen. Sie aber, teure Freundin, haben mich wochenlang mit der beglückenden Atmosphäre Ihrer Geduld, Ihrer Wachsamkeit, Ihrer Milde umgeben, ohne je zu ermüden, ohne sich je zu sagen: ›Der Mensch da konnte doch eben so gut im Spital genesen!‹«

»Herr von Somsdorff …«

»Sie haben sich die entzückenden Frühlingstage zur Pein gemacht,« fuhr er mit großer Lebhaftigkeit fort, ohne sich durch die Gebärde der Abwehr beirren zu lassen. »Sie haben ausgeharrt wie ein Engel.«

»Ich verbiete Ihnen, kraft meines Amtes als Pflegerin, diesen elegischen Ton mit aller Entschiedenheit,« sagte sie scherzhaft. »Da,« (sie zog ein wenig den Vorhang zurück) »schau'n Sie hinaus ins Grüne! Jetzt blendet's nicht mehr, und ein leiser Wind hat sich aufgemacht! Nicht wahr, das erquickt? So, und nun warten Sie! Wenn Sie vernünftig sind, gibt es auch heut eine Extrabelohnung, wie gestern!«

Sie trat in den kleinen Salon und kam mit einer goldgrauen Schale zurück, auf der eine türkische Cigarette und eine Silberbüchse mit Streichhölzern lag.

Er sah zu ihr auf, wie ein Beter zum Heiligenbild. Ein Leuchten ging über sein Antlitz, so heiß und scheu, daß Gräfin Adele sich mit augenfälligem Eifer der silbernen Büchse zuwandte, hastig ein Zündholz herausnahm und es für Leo in Brand setzte.

Nun stiegen die bläulichen Tabakswolken sacht kräuselnd empor und zerflatterten zwischen den Säulen wie heimliche Wünsche, die sich ins Licht des Tages nicht hinauswagen dürfen.

Adele war seltsam bedrückt. Dieser Moment hatte ihr klar gemacht, was sich im Lauf der letzten drei Wochen unbemerkt, aber stetig wachsend, in ihrer Seele entwickelt hatte.

Sie setzte sich abseits und stickte, während Leo von Somsdorff ruhig und wie in tiefe Gedanken verloren, weiterrauchte.

Er sprach nicht mehr; es war, als habe er mit dem einen flammenden Blick alles gesagt, was er ihr sagen wollte; ja, als besorge er, durch den Klang eines überflüssigen Wortes die Stimmung dieser Minute rauh zu verwischen. Und da er nicht sprach, und Adele mit ihrer Nadel ein sanft monotones Geräusch machte, das sich vom Rauschen der Baumwipfel abhob wie ein milder Diskant von den Accorden des Basses, so überließ sich Leo einem Gefühle wohliger Rast und hoffnungsfroher Geborgenheit, das ihn schneller als sonst entschlummern ließ.

Nun legte die Gräfin, starr auf den Schlafenden hinblickend, die Rechte mit der kaum angefangenen Stickerei in den Schoß, während sie mit der Linken den Kopf stützte.

Sie wußte jetzt, daß sie für Leo etwas empfand, was sie zuvor niemals empfunden hatte, selbst nicht in den Tagen der Illusion, da sie von Gerolds uneigennütziger Liebe fest überzeugt war. Und sie gestand sich blutenden Herzens, dieses Etwas müsse das Glück sein, das vollkommene, göttliche, das sie bis jetzt nur im Traume gesehen! Leo von Somsdorff hatte sich eigentümlich umgestaltet; sie meinte: veredelt. Die Blässe, die noch immer nicht weichen wollte, verlieh seinen Zügen etwas Rührendes, Herzbewegendes. Früher hatte zuweilen ein Hauch von Schroffheit und Egoismus um seine Lippen gespielt. Als er ihr damals mit so bedenklichem Ausdruck von der Glut seiner »bewundernden Sympathie« gesprochen, blitzte in seinen Augen sogar etwas Teuflisches, was sie tödlich erschreckt hatte. Jetzt aber schien das alles wie von Schleiern umhüllt, im Glanz einer bläulichen Mondnacht dahinschmelzend, ohne Härte und Starrheit. Adele bangte nicht mehr vor dem eigentümlichen Dämon hinter der Stirne des jungen Mannes: sie bangte jetzt nur vor sich selbst.

Das Verhalten ihres Gemahls seit der Verwundung Leos steigerte ihre Furcht. Graf Gerold bot ihr so gar keine Handhabe, um sie von dem gähnenden Abgrund, an dessen Rand sie sich fühlte, zurückzuziehen!

Daß Leo sie liebte, hatte sie nie so deutlich empfunden als jetzt. Die Liebe trug nur einstweilen noch die Vermummung der Dankbarkeit. Aber wie lange würde das dauern?

Ein paar Sekunden lang zuckten ihr schauerlich süße Gedanken durchs Hirn, die sich durch keine Kraft der Selbstbeherrschung bannen und bändigen ließen.

Wär' ich noch frei! Hätt' ich den andern niemals kennen gelernt! Zu spät!

Sie malte sich dieses Glück, das sie verfehlt und versäumt hatte, mit den brennendsten Farben und erstarrte dann plötzlich in dem Gefühl: Du sündigst!

Ja, schon der Gedanke war Frevel! Je mehr ihr grauste in dem Bewußtsein der Unwiderruflichkeit, je trostloser die Atmosphäre ihr dünkte, in der sie bis dahin geatmet hatte, um so fester stand ihr Entschluß, auch nicht um Fingersbreite vom Pfad ihrer Pflicht abzuweichen. Mochte Graf Gerold der Unerschütterlichkeit ihrer Treue nicht wert sein: sie hielt diese Treue sich selbst und dem Licht ihres Lebens, dem schuldlosen Kinde, dem sie dereinst frei in das Auge schauen, vor dem sie nicht heimlich erbeben wollte, wie Judas Ischariot unter dem trauernden Blicke des Heilands.

Sie nahm sich vor, bei Herrn von Somsdorff auch nicht den leisesten Schatten von dem zu dulden, was wie der Anfang einer unerlaubten Huldigung aussah; ihn kühler und förmlicher zu behandeln, als sie bisher es im stande gewesen; vor allem jedoch so selten als möglich mit ihm allein zu sein.

Gar zu lang konnte die Zeit bis zu seiner völligen Wiederherstellung nicht mehr dauern; vierzehn Tage vielleicht, höchstens drei oder vier Wochen. War er dann abgereist, so würde sie im Verkehr mit Josefa und im stillen Genuß ihrer Lieblingsautoren, die sie so manchmal getröstet hatten, das Gleichgewicht ihrer Seele schon wiederfinden.

Also die Trennung! So weit war es mit ihr gekommen, daß sie nur in der Trennung noch die Möglichkeit eines Heils erblickte!

Ihr Stolz rebellierte, und gleichzeitig fühlte sie ein unermeßliches Weh …

Gab es denn gar keinen Ausweg? Somsdorff war so klug und so gut … Konnte sie nicht in etwas dieses erhöhten und vergeistigten Lebens teilhaftig werden, das von ihm ausstrahlte? Konnte sie nicht den Sturm seiner Leidenschaft ein für allemal brechen, ihn durch die ruhige Energie ihres Wollens gleichfalls zur Ruhe zwingen? Wie? Sollte im Ernst eine Freundschaft zwischen Leo und ihr, eine echte, selbstlose Herzensgemeinschaft, die nirgends die Pflicht verletzte und keine Sünde bedeutete, ewig unmöglich sein?

In diesem Moment schlug Somsdorff die Augen auf. Adele fuhr heftig zusammen, als ob ein Späher sie bei ihren tiefsten Geheimnissen überrascht habe.

Drunten vom Park her vernahm sie die Stimme Josefas, die, von Miß Harriet geführt, durch die breite Allee rechts von dem Teiche daher kam.

Die Gräfin erhob sich – errötend, erbleichend und so verwirrt, daß sie nicht einmal einen Vorwand suchte, um Herrn von Somsdorff so plötzlich allein zu lassen. Barhäuptig, ohne Schirm, schritt sie die Treppe hinab, durchquerte den freien Platz, auf dem noch in voller Glut die Nachmittagssonne lag, und eilte dem Kind entgegen, das mit den Worten: »Mama, liebe Mama!« auf sie zusprang und sie umhalste.

Leo von Somsdorff sah durch die Säulen hindurch, wie leidenschaftlich die junge Frau ihr Töchterchen herzte und küßte, inbrünstig, als sei es – halb schon verloren geglaubt – ihr eben erst wieder geschenkt.

»Aber Mamachen, du thust mir ja weh!« sagte das Kind verwundert.

Und wieder küßte sie ihm die Stirn und die Wangen und nahm es dann fest und weich in den Arm, wie sie es früher so oft gethan, wenn sie das Baby zur Dämmerzeit in den Schlaf wiegte.

Sie war jetzt schon eine tüchtige Last, die kleine Josefa, bei weitem zu schwer, wie Miß Harriet meinte, um sich so nur zum Vergnügen die Treppe nach der Veranda hinauftragen zu lassen. Aber die Gräfin schien diese Last gar nicht zu fühlen, so flink und elastisch hob sich ihr Fuß über den Marmorstufen. Und sie lachte dabei lustig und glockenhell; denn sie hatte jetzt wieder die Herrschaft über sich selbst gefunden und erkannte nun klar, daß sie die Sache durchaus ins Scherzhafte kehren mußte, wenn Leo von Somsdorff ihr ganzes Gebaren nicht höchst eigentümlich finden und seltsame Schlüsse auf die Verfassung ihres Gemüts daran knüpfen sollte.

Somsdorff indes war hinlänglich Psycholog, um sich durch diese fein improvisierte Wendung, die Gräfin Adele dem Auftritt gab, nicht täuschen zu lassen. Er hatte verstanden, und sein Verständnis weckte ihm all die strafbaren Hoffnungen wieder, denen er schon halb entsagt hatte.


Viertes Kapitel.

Acht Tage später, am herrlichsten Juniabend, saß Leo mit Gräfin Adele auf der Bank des Proserpinahügels, der so benannt war nach einer im Stil des Bernini gehaltenen plastischen Darstellung der allbekannten Entführungsgeschichte.

Die Bank unter dem breiten Geäst einer zweihundertjährigen Eiche, im Halbkreis von blühenden Sträuchern umrahmt, mit dem Blick in die bläulich verdämmernde Ferne, die sich in schmalem Ausschnitt zwischen zwei säulenartig emporstrebenden Birken zeigte, war Adelens ausgesprochener Lieblingspunkt. Während die vordere Hälfte des Parks im Geschmack von Versailles angelegt war, herrschte hier, abgesehen von der etwas schwülstigen Marmorgruppe, ein Hauch von ungekünstelter Freiheit, man konnte fast sagen von Wildnis, der nach den regelrechten Alleen und Balustraden außerordentlich wohlthat. Der Gärtner sogar schien diese Wildnis zu respektieren; denn auf dem Boden rings um den Sockel wucherte Gras, und die Jasminsträucher griffen mit ihren saftstrotzenden Schößlingen hier und da über die Bank hinaus.

Es war kurz vor sieben. Die Sonne warf ihre Strahlen schräg in den Fichtenbestand, der die südliche Böschung umkleidete, und flammte goldhell auf dem lichten Gewand Josefas, die hundert Schritte von dem »Raub der Proserpina« abseits Erdbeeren suchte.

Seit der Rückkehr des Grafen hatte sich manches im Schloß verändert. Gerold mußte auf dem Kongreß zu Bonn allerlei Unannehmlichkeiten erlebt haben, über die er sich selbst gegen Leo von Somsdorff nicht ausließ. Den Vortrag über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen hatte er nicht mehr erwähnt. Ueberhaupt war er, im Gegensatz zu der Ausführlichkeit seiner Depeschen, sehr karg mit den Einzelheiten. Den Gang der Verhandlungen charakterisierte er als »recht interessant«, rühmte die geistvolle Ansprache eines vlamländischen Forschers Namens Boemkneisje und die Mitteilungen des Italiener Lunghi über gewisse Funde bei Rimini und erklärte dann rasch, die Arbeit der letzten drei Wochen habe ihn doch etwas angegriffen. Er bedürfe jetzt sehr der Zerstreuung; Somsdorff möge sich ja beeilen, wieder ganz flott zu werden, um dann in frischester Kraft und Empfänglichkeit mit von der Partie zu sein …

Adele begriff, daß die Marotte der Numismatik nun für einige Zeit Ferien hatte.

Der Graf ritt jetzt allmorgendlich stundenlang in den Forst, konferierte eingehend mit dem Koch, entwarf selbst das Menü und begab sich in Begleitung Karls nach dem Keller, wo er Musterung hielt und Befehle erteilte, die sich der Diener mit großer Gewissenhaftigkeit ins Notizbuch schrieb.

Der Champagner, den Graf Gerold sonst nur in Ausnahmefällen trank, fehlte jetzt weder mittags noch abends; und zwar bevorzugte man die allerkräftigsten Marken. Aehnliches galt vom Rheinwein, obschon hier manchmal ein etwas leichterer Tropfen mit durchschlüpfte, sowie von den reichhaltig vertretenen französischen Rotweinen.

Vier Tage nach der Rückkehr des Grafen hatte der Kutscher am Bahnhof zu Hoyersbrück sehr fidelen Besuch abgeholt: die Freiherren von Steinitz, Vater und Sohn, die allem Anschein nach trefflich in die Zerstreuungsperiode Gerolds hineinpaßten.

Freiherr von Steinitz der Aeltere war ein pensionierter Major, einige fünfzig Jahre alt, seit zwölf Jahren Witwer, Lebemann ohne höhere Interessen, von etwas geräuschvoller Lustigkeit, als Gesellschafter »unbezahlbar«.

Sein Sohn Friedrich, Ende der Zwanziger, hatte ein paar dieser schätzbaren Eigenschaften vom Vater geerbt, nur daß er weit eleganter und dem Ernste des Lebens vielleicht noch abholder war als der Papa. Wenn er lachte oder nur lächelte, zeigte er unter dem blonden, sorglich gepflegten Schnurrbart zwei Reihen tadellos schöner Zähne, und rechts und links von den rotblühenden Lippen zwei reizende Grübchen. Ein liebenswürdiger, aber gefährlicher Leichtsinn strahlte in den lebendigen Augen, die so blau und so treuherzig dreinschauten wie schuldlose Veilchen und beim Genuß alkoholreicher Getränke einen feuchtwarmen Schimmer bekamen. Kurz, er gehörte zu jenen Erscheinungen, die im Ballsaal Dutzende unbewachter weiblicher Herzen zu glühender Sehnsucht aufstacheln, von der Mehrzahl schon bei der zweiten Begegnung ruhiger verlassen werden, hier und da aber doch ein betrübsames Unheil anstiften, da sie – überglücklich in dem Gefühl der eignen Vollkommenheit – selbst der bezauberndsten Anmut und Schönheit gegenüber vollständig kalt bleiben, bis schließlich trotz alledem eine, die weder die Hübscheste noch die Klügste zu sein braucht, dem lockeren Vogel gehörig die Schwingen stutzt.

Mit diesen zwei Kavalieren vergnügte sich Gerold so ausgiebig, daß Gräfin Adele zunächst kaum eine Vermehrung ihrer Repräsentationslast verspürte, zumal der Graf ihr im Beisein der Herren ausdrücklich gesagt hatte: »Pfleg du nur den Jungen, den Somsdorff, daß er sich endlich aus dieser traurigen Lethargie aufrafft! Ich glaube, Doktor Michalsky nimmt ihn zu schwer. Das bißchen Blässe und Hinfälligkeit wird sich schon geben, wenn er nur erst einmal wieder zu Pferde sitzt und einen tüchtigen Trunk thut!«

Dann, zu dem pensionierten Major gewendet, hatte er fortgefahren: »Er ist ein prächtiger Mensch, der Leo von Somsdorff. Jetzt freilich scheint er wie auf den Mund geschlagen. Der Arzt muß ihm nächstens wieder erlauben, mit uns zu Tisch zu gehen. Dies öde Herumliegen auf der Veranda drückt ihm die Nerven.«

Steinitz der Vater nickte, während Steinitz der Sohn ein wenig den blonden Schnurrbart zwirbelte und so ein kleines perfides Lächeln verdeckte, das da besagte: »Herr von Somsdorff wird seine Gründe haben, sich so in der Einsamkeit der Veranda verhätscheln zu lassen!«

Die Herren von Steinitz wohnten in Zeschau, wo Friedrich der Sohn sich angeblich mit der Verwaltung des Zeschauer Grundhofs, eines ihm testamentarisch vermachten Landguts, befaßte, das früher sich im Besitz einer Seitenlinie befunden hatte. Kurz nach der Ankunft der Kavaliere erhielt die Gräfin einen mit »Zeschau« gestempelten Brief, worin eine ihr halb schon entschwundene Jugendfreundin, Gertrud Mettenius, die früher geleisteten Schwüre unwandelbarer Geneigtheit stürmisch erneuerte, brennende Sehnsucht nach einem Wiedersehen verriet und am Schluß in die Worte ausbrach: »Wenn Du mir also nicht abtelegraphierst, komme ich übermorgen!«

Schloß Authenried-Poyritz war auf Meilen in die Runde für mehr als gastfrei bekannt. Gräfin Adele, obwohl sie den Ton dieses Briefes nicht eben sympathisch fand, konnte also nicht Nein sagen. Sie telegraphierte sofort, daß man sich herzlich auf den in Aussicht gestellten Besuch freue, und bat um Antwort, mit welchem Zuge man Fräulein Mettenius erwarten dürfe.

Die Auskunft lautete prompt: »Ich reise noch heute und bin um neun Uhr fünfzehn in Hoyersbrück.«

Fräulein Gertrud Mettenius kam, sah und siegte. Nicht nur, daß sie sich sofort eine sehr günstige Allgemeinposition schuf: auch im besondern schien sie dem leicht zu durchschauenden Ziel, das sie verfolgte, rasch näher zu kommen.

Gertrud Mettenius war bis über die kleinen rosigen Oehrchen verliebt in Friedrich von Steinitz. Die Anwesenheit dieses Edelherrn auf Schloß Authenried-Poyritz hatte auch sie hergelockt; und mit der ganzen kernigen Resolutheit, die ihr zu eigen war, ging sie ans Werk, den unbeständigen, farbenschillernden Schmetterling, der zunächst noch ahnungslos flatterte, in ihr Netz zu bekommen, ohne bei diesem Fang die Grenzen der Weiblichkeit allzusehr zu verletzen.

Im ersten Moment hatte sie meisterlich die Verblüffte gespielt.

»Sie hier? Ich ahnte nicht, daß Sie mit Authenrieds so befreundet sind! Die Welt ist wirklich ein bißchen eng: man kommt von Zeschau und trifft hier Zeschau! Aber ich lass' mir die Ueberraschung gefallen! Ihr lieber Papa ist ein so reizender Herr, und Sie, wenn Sie wollen, haben auch das Talent …«

So ging's eine Weile fort, harmlos und äußerlich unbefangen, wie im Verkehr mit guten Bekannten, die man im übrigen ebenso leichtblütig verschmerzt als genießt. Und diesen glücklich gewählten Ton behielt sie auch späterhin bei, so daß Friedrich von Steinitz, aller schweren Indizien ungeachtet, wirklich im Zweifel darüber blieb, was Gertrud im Schild führte. Manchmal hatte der sonst so zuversichtliche junge Mann das Gefühl, als mache sich Fräulein Mettenius über ihn lustig, oder als sei sie bestrebt, ihn bloß zu schnöden Dekorationszwecken an ihren Triumphwagen zu schirren – beides Vermutungen, die ihn heimlich empörten, sein Interesse für das lustige, frische und eigenartige Mädchen jedoch fortwährend steigerten.

An dem Nachmittage, der jetzt seine schräger und schräger fallenden Strahlen durch den Fichtenbestand am Proserpinahügel goß, war Graf Authenried mit Fräulein Gertrud Mettenius und den beiden Baronen im offenen Jagdwagen über Land gefahren. Leo durfte der Vorsicht halber an dieser Partie nicht teilnehmen, und Graf Authenried selbst hatte seine Gemahlin ersucht, ihrem »Schützling« Gesellschaft zu leisten. Gräfin Adele willfahrte diesem Wunsch um so lieber, als ihr die breite, wortreiche Jovialität des Majors wenig erbaulich war, zumal dieser Herr sich neuerdings vorzugsweise zu ihr kehrte, wenn er aus dem unerschöpflichen Schatz seines Wissens eine windschiefe Anekdote zum besten gab oder, plötzlich mit einiger Anstrengung ernst werdend, von dem erhabnen Berufe der deutschen Frau sprach.

Uebrigens war Gräfin Adele ja fest überzeugt, das ungestörte Alleinsein mit Leo, das sich ergab, sobald sie daheim blieb, sei jetzt vollkommen gefahrlos.

Sie glaubte dies nicht nur deshalb, weil sie ihrerseits von der Unerschütterlichkeit ihres Pflichtgefühls heilig durchdrungen war, sondern ebensosehr im Hinblick auf das Verhalten Somsdorffs. Dieses Verhalten nämlich machte durchaus den Eindruck, als sei die anfangs so leidenschaftlich erregte Seele des jungen Mannes endgültig auf eine ruhige, wunschlose Freundschaft gestimmt.

In Wahrheit jedoch hatte sich nichts an der tollen Verliebtheit Somsdorffs geändert. Im Gegenteil: wenn ihn die ersten Stadien der Rekonvalescenz in das Fluidum einer halb mit Dankbarkeit untermischten sanfteren Schwärmerei getaucht hatten, so war in den letzten Tagen wieder die alte dämonische Glut erwacht, die um jeden Preis vorwärts drängt, die kein Hindernis kennt und noch jubelt, wenn sie auf rauchenden Trümmern ihre Standarte aufpflanzt. Nur daß Leo von Somsdorff jetzt gründlicher mit dem Terrain vertraut war, und demgemäß die Kriegslist für zweckentsprechender hielt als den offenen Angriff.

Er wußte jetzt, daß Adele ihn liebte – trotz der machtvollen Energie, mit der sie gegen dies Schicksal angekämpft hatte. Sein Instinkt empfahl ihm, diese Energie nicht durch verfrühte Erneuerung eines Sturmes zu steigern, sondern sich vorläufig in die Rolle zu fügen, die Adele ihm stillschweigend angewiesen hatte: in die des ehrlichen, taktvollen Kameraden, mit dem sich alles besprechen läßt, bis auf den einen verfänglichen Punkt.

Sie saßen jetzt auf der steinernen Bank zwischen den stark duftenden blütenbesäten Jasminsträuchern und führten – Gott mochte wissen, wer das Thema in Fluß gebracht hatte – einen schwermutsvollen Dialog über zerstörte Hoffnungen, innere Vereinsamung und die Mittel, den Regungen einer oft gegenstandslosen Melancholie den Stachel zu nehmen.

Leo betonte den Wert einer regelmäßigen, rein praktischen Arbeit und kam so, die Bedeutung der Wissenschaft, der Kunst und der Geselligkeit streifend, bei seinem Lieblingsproblem, der echten und opferwilligen Freundschaft, an.

Adele, gedankenvoll zwischen den Birkenstämmen hinaus in die Ferne starrend, warf, da er jetzt einen Augenblick schwieg, ein Wort ein, das die kleine Josefa betraf. Auch zwischen Mutter und Kind herrsche ja eine Art Freundschaft, die zur Grundlage die Natur, als Bedingung ihres Gedeihens aber die stete Wechselbeziehung der Herzen, die Gemeinschaft aller Interessen, die Selbstlosigkeit der gegenseitigen Hingebung habe, namentlich wenn erst das Kind ein gewisses Alter erreiche. Glücklich die Tochter, die als erwachsenes Mädchen, als Frau noch in ihrer Mutter die beste Freundin erblicke, und glücklich die Mutter, der eine solche Tochter beschert sei. Dieses Ziel zu erreichen, sei ihr, der Gräfin, heiligstes und höchstes Bestreben.

Somsdorff, der auf die kleine Josefa längst schon eifersüchtig war, wie auf einen begünstigten Nebenbuhler, verzog ein wenig die Brauen, bezwang jedoch seinen Mißmut und fand einen Uebergang, der das Gespräch sofort wieder von diesem Kind ablenkte, ohne daß Gräfin Adele die Absicht herausgefühlt hätte.

Er ward beinahe sentimental. Mit vollen Herzenstönen pries er die unbeschreibliche Wonne, die einem edel veranlagten Menschen daraus erwächst, daß er bei Geistesverwandten echtes Verständnis für seine Interessen findet, für die heimlichen Schwärmereien vielleicht, die von der Masse verkannt oder bespöttelt werden.

Nachgerade trieb er im Fahrwasser einer Romantik, die auf Adele nicht ohne Einfluß blieb.

Immer nur Freundschaft predigend, faßte er wie ein Prophet, der seiner Verzückung nicht Herr ist, die schlaff im Schoße liegende Hand der Gräfin, sanft, ohne Druck, beinahe traumhaft. Diese Hand, die sich ihm nicht entzog, bebte ein wenig. Und jetzt glaubte er wahrzunehmen, wie die standhafte junge Frau, von dem Klang seiner Stimme, dem Zauber der krystallklaren Luft, dem süßbetäubenden Hauch der Jasminblüten unwiderstehlich verlockt, schwach zu werden begann.

Da neigte er sein glühendes Antlitz zu ihrem Ohr und sagte tonlos: »Adele, ich liebe dich!«

Die Gräfin, überwältigt von einem tödlich süßen Gefühl der Glückseligkeit, ließ den Kopf schauernd zurücksinken. Somsdorff, heiß, atemlos, warf einen hastigen Blick in die Runde. Nirgend ein Späher! Das Kind war für Augenblicke hinter dem Kleinholz verschwunden. Noch eine Sekunde – und Somsdorff hätte die Willenlose an sich gerissen und ihren halbgeöffneten Mund, rasend vor Leidenschaft, mit Küssen bedeckt.

Da fuhr sie empor. Mit beiden Händen tastend und abwehrend wie eine Blinde, stand sie neben der Bank und rief aus angstgepreßtem Herzen fast überlaut: »Josefa! Josefa!«

»Gleich, Mama!« tönte es glockenhell von der Böschung herauf.

Ehe noch Somsdorff begriff, wie ihm geschah, knirschte der nadelbesäte Abhang, und die Kleine, hochrot vor Eifer, in jeder Hand einen mächtigen Erdbeerstrauß, erklomm jubelnd den Rundplatz.

»Das hab' ich für dich gepflückt, süße Mama, und das für Sie!«

Leo von Somsdorff nahm die höchst unerwartete Gabe dem Kind aus der Hand, stammelte ein beklommenes »Danke« und sah nicht sonderlich geistreich aus, wie er nun mit erkünstelter Aufmerksamkeit die reifen und halbreifen Beeren betrachtete, die sich vereinzelt von dem zusammengerafften Grün abhoben.

Auch Gräfin Adele dankte, und zwar so herzlich, so übertrieben, daß Josefa erstaunt zu ihr aufschaute.

»Aber Mama, das thu' ich doch gern!«

Adele nahm das Kind auf den Schoß und legte sein Köpfchen wie zur Beschwichtigung auf ihr pochendes Herz.

»Darf ich nun wieder fort, Mama?« fragte Josefa nach einer Pause.

»Nein, bleib! Du bist furchtbar erhitzt! Du darfst nicht gar zu sehr tollen!«

Sie strich der Kleinen, immer noch etwas bebend, über die Wangen.

»Wirklich, Du hast genug! Ueberhaupt – es wird spät. Kommen Sie, Herr von Somsdorff! Die Herrschaften können jeden Augenblick heimkehren!«

Ihr Kind an der Hand schritt sie voraus. Der junge Mann folgte, Scham, Zorn und wilde Verbitterung im Antlitz, den Erdbeerstrauß mit dem ungeordneten Rankenwerk immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger, als sei das Geschenk der unschuldigen kleinen Komteß ein widerwärtiges Tier, ein Insekt, dessen Biß oder Stich er zu fürchten habe.

Er war jetzt geradezu außer sich. Der ruhig gefestete Blick, mit dem sich die Gräfin zum Gehen gewandt, bürgte dafür, daß diese schwache Minute sich nie wiederholen würde. Von ihm und seinen verstörten Zügen war jener Blick, halb unbewußt, zu Josefa geglitten … Ja, diese Mutter würde in der unendlichen Liebe zu ihrem Kinde die Kraft finden, auch in dem qualvollsten Kampf zwischen der Leidenschaft und den Geboten der Pflicht obzusiegen!

Leo fühlte das mit der unmittelbaren Gewißheit der Intuition. »Entsage ihr!« klang es durch sein Gemüt – aber umsonst. Die Erkenntnis, daß er hier ein Unmögliches anstrebe, steigerte nur den unermeßlichen Brand seiner Sehnsucht.


Fünftes Kapitel.

Man erreichte erst eben die Freitreppe, als von der Landstraße her das Rollen des Jagdwagens und das vergnügte Knallen der Peitsche ertönte.

Die kleine Gesellschaft hatte sich wundervoll amüsiert, obgleich die Partie an und für sich keine sehr nennenswerte Ergötzlichkeit bot. Ein Teil der Fahrt ging sogar über ziemlich reizlose Acker- und Wiesenstriche, wo die glühende Prallsonne des Junitages kaum hier und da durch ein paar Obstbäume abgedämpft wurde. Aber die Laune, die gute Laune! Fräulein Gertrud und der alte Major hatten sich so köstlich geneckt, und so urkomische kleine Geschichten waren erzählt worden, daß man just auf diesem sonnüberströmten Plateau aus dem Gelächter gar nicht herauskam.

Und dann die Bowle im Nehrauer Birkenwald. Natürlich hatte man alles Notwendige mitgebracht. Den sauren Landwein des Nehrauer Sternwirts konnte man selbst mit uraltem Cognac, Zucker und frischem Waldmeister nicht zur Genießbarkeit aufkünsteln: aber der bauchige Vorratskasten des Jagdwagens hatte ja Raum genug – sogar für das unumgängliche Eis! Neun Flaschen, sage, neun Flaschen edlen Gewächses waren unter dem luftigen Blätterdach der Nehrauer Birken rite verzecht worden. Selbst Fräulein Gertrud hatte sich eifrig daran beteiligt, wenn auch der Schein ihrer Leistung größer war als die Wirklichkeit. Und sie sorgte dafür, daß dem Herrn Grafen und dem Major, der ihr geflissentlich zutrank, mehr dieser stark imponierende Schein, dem jungen Baron mehr die maßvolle Wirklichkeit in die Augen stach.