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Die Karikatur
im Weltkriege

Mit Genehmigung des Polizeiamtes der Stadt Leipzig
Abteilung für Presse-Angelegenheiten


Die
Karikatur im Weltkriege

von

Ernst Schulz-Besser

Mit 115 Abbildungen

Verlag von E. A Seemann / Leipzig


Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig


[Abb. 1.] Johan Braakensiek: Hoheit dürfen nicht ohne Gefolge reisen!

Holländische Karikatur, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges erschienen.

Wenn irgend etwas, so spiegelt die Karikatur die Empfindungen der verschiedenen Völker, ihre Zuneigungen oder Abneigungen, die ganze Stufenleiter ihrer Gefühle wider. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Kultur oder oft besser gesagt — die Unkultur nirgends packender zum Ausdruck kommt als im Spottbilde. An der Hand der Karikaturen können wir nicht nur die Stimmung in den feindlichen Ländern verfolgen, sondern auch die schwankenden Anschauungen in „Neutralien“ kennen lernen, wo Freunde und Feinde der Zentralmächte vereinigt leben. So kommt es, daß sich auch in der Karikatur das Drama „Weltkrieg“ abspielt, das alle ohne Ausnahme in Mitleidenschaft gezogen hat und jedes Land zu irgendeiner Rolle zwingt. Denn immer geringer werden die bloßen Zuschauer. Die bedeutenderen Zeichner aller Völker greifen tätig in die gewaltigste Bewegung ein, die je eine Zeit erfüllt hat.

Schon der letzte große Krieg, den das Deutsche Reich schlagen mußte, der von 1870/71, hatte eine Fülle von Karikaturen im Gefolge. Namentlich das besiegte Frankreich stellte eine große Masse von Spottbildern her, die sich mehr durch Schamlosigkeit und Roheit, als durch künstlerische Werte auszeichneten. Der damals schon 60 Jahre alte Honoré Daumier war mit immer noch recht beachtenswerten Leistungen vertreten. Es ergibt sich eine schier unübersehbare Menge von vielen Zehntausenden von Karikaturen über Personen und Dinge des deutsch-französischen Krieges. Zwar vermögen uns — mit wenigen Ausnahmen — diese satirischen Kleinkünste (auch die deutschen) ästhetisch ebensowenig zu befriedigen wie die deutschen Schlachtengemälde des siebziger Krieges, doch als geschichtliche und kulturgeschichtliche Dokumente sind sie uns wert, als Erinnerung an eine große Zeit. Heute hat es der Künstler der Gegenwart, der mit ins Feld hinauszieht, um Studien zu machen, bedeutend schwerer als seine Kollegen von 1870. Erstens haben sich unsere Kunstanschauungen gewandelt und zwar gründlich, dann aber sieht sich jetzt der Zeichner bei der modernen Gefechtsweise vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt als seine Vorgänger von damals, wenn er dem Erleben sinnlichen Ausdruck geben will.

Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit, mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt.

[Abb. 2.] Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.

(The Fatherland, New York.)

Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der siebziger Jahre — trotz der Fülle des Erschienenen — gegen die unserer Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten.

[Abb. 3.] Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg Winter 1914.)

„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“

Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer 1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914 klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden!

Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen; auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt, wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den „Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist, gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“

Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von Gustav Brandt, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie, rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat ([Abb. 4]). „Wie dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten, versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des Two-Steps übertönte das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen Sümpfen mit unter.

Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen, die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt.

Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann ohne Gewissen.

Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)

Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in einem Fort“ mißverstanden. — Als das (falsche) Gerücht am Anfang des Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten (da war es natürlich kein Wunder, daß die Abführung so rasch erfolgte!).

Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern siebenmal neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und „Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen. Solche Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag, der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen. Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel Millionen!

Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.

„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.

(Nuevo Mundo, Madrid.)

Der Weltkrieg hat mit vielem Morschen und Kranken aufgeräumt und reinigend gewirkt, er hat aber auch einen massenweisen Auftrieb von allerhand Schund zur Folge gehabt, der stets von neuem zeigt, wie gering das Verständnis für ein so gewaltiges Ereignis noch immer in manchen Köpfen ist. Was allein auf kunstgewerblichem Gebiete, wenn man den Ausdruck kunstgewerblich für diese Machwerke überhaupt anwenden kann, an Greueln geschaffen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Es genügt hier, flüchtig an die 42 cm-Mörser-Schirmständer, an schwarz-weiß-rote Kinderbälle mit der Aufschrift „Ich kenne keine Parteien mehr“, an die Krawatten mit „Gott strafe England“, an die Granatsplitter als Vorstecknadeln und die Hindenburg-Schnupftücher zu erinnern (die ja auch in das Gebiet der Karikatur fallen, wenn auch in das der unfreiwilligen), um sich all diesen Unrat ins Gedächtnis zu rufen. Das Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart vereinigt in seiner Sammlung der Geschmacksverirrungen die Erzeugnisse jenes After-Kunstgewerbes, das, auf den Ungeschmack der Menge rechnend, den Patriotismus durch Massenerzeugung allerlei kriegsaktueller Attrappen und Surrogatscherze ausbeutet. Leider haben ja auch, wie die letzte Leipziger Messe zeigte, selbst altehrwürdige und unabhängige Porzellanmanufakturen sich von der Mode hinreißen lassen und dem Geschmack der breiten Masse Rechnung getragen. Hier zeigt sich, daß der Krieg das ästhetische Gefühl oft sehr ungünstig beeinflußt. Auch vor den Millionen von Kriegsgedichten packt weite Kreise allmählich ein wachsender Überdruß. Man hat es schließlich satt, noch weiter akademischen Stilübungen offizieller und inoffizieller Dichter zu lauschen. Reime wie Rote Hosen und Franzosen, Serben und Sterben, Brummer und Kummer, Japs und Klaps sind in Mißkredit gekommen, sodaß man sie kaum noch beachtet. Selbst der Reim French auf Mensch, für den es bisher keinen gab, (schon Grabbe sagt: „Warum sind Mensch und Jungfrau ungereimte Worte?“), hat allmählich an Wert verloren (die Dichter müßten eigentlich French für sein Erscheinen auf den Knien danken). Auch Joffre und Koffer ist nachgerade abgeschmackt geworden und es ist noch ein Glück für den französischen General, daß er nicht Jaffre heißt. Und was von den poetischen Gaben gesagt wird, trifft auch auf die Karikaturen zu. Das Kriegsbild, und nicht zum wenigsten die Kriegskarikatur, beherrscht die Stunde, aber es ist beileibe nicht immer ein angenehmes Herrschertum.

Abb. 6. P. van der Heem: Italiens Lage. Die Versuchung des heiligen Antonius.

(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)

Der jetzige Krieg ist etwas so Gewaltiges, die militärischen Leistungen auf deutscher Seite sind so über jedes Lob erhaben, daß sie in der Dichtkunst ebensowenig wie in der bildenden Kunst jemals völlig verarbeitet werden können. Was er uns bisher gebracht hat, ist weder eine neue, noch eine besonders eigenartige Kunst. Eher darf man behaupten, daß er durch viele Tausende von flachen und minderwertigen Dingen kunstvernichtend gewirkt hat. Was von den „Mundbarbaren“ gilt, trifft zu einem großen Teile auch auf die „Barbaren des Griffels“ zu. Da sind beispielsweise die sehr unerfreulichen Schützengrabenwitze und -Illustrationen. Wollte man den Zeichnern glauben, so lebte es sich dort wie in einer Laubenkolonie. Unwahrhaftigkeit ist es, was so viele Bilder unverdaulich macht. Vielfach stört auch die allzu häufige Wiederholung des gleichen Vorwurfs, das ständige Wiedererscheinen der gleichen Typen, wie bei dem als Porträtmaler sonst geschätzten Ernst Heilemann. Hin und wieder gelingt ihm aber auch ein originelles Blatt, wie die internationale Völkerschau unserer Gefangenen, die in größerem Formate und mit der Unterschrift „Quelques champions de la civilisation, de la liberté et du progrès“ in Belgien angeschlagen wird, damit die Belgier ihre verbündeten Kulturträger: Neger, Hottentotten, Menschenfresser und andere Gentlemen stets vor Augen haben. Diese farbige Zeichnung ist auch als Postkarte mit französischem Texte vom deutschen Großen Hauptquartier im Westen verschickt worden. Aber auch dieses Thema ist in witzigerer Art in einer Karikatur behandelt worden, die „The Fatherland“ brachte, jenes in englischer Sprache in Nordamerika von Deutsch-Amerikanern herausgegebene Blatt, das die deutschen Interessen in den Vereinigten Staaten durch Aufklärung der englisch denkenden Amerikaner fördern hilft ([Abb. 2]). Auch die Figuren von Heinrich Zille sehen immer gleich aus. Diese französischen Weiber und Kinder scheinen ganz frisch aus Berlin O importiert zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren nicht, wie sonst bei Zille, den man den „Meister der schwangeren Frauen“ nennen könnte, fortgesetzt in anderen Umständen herumlaufen (womit er wohl diskret den Geburtenrückgang in Frankreich andeuten will.)

Abb. 7. A. Johnson: Maßregeln gegen die Deutschen in England.

Koburger im Konzentrationslager. (Kladderadatsch.)

Wir schlagen vor, die noch in Deutschland befindlichen Japaner in den Zoologischen Gärten aufzubewahren.
Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!

Abb. 8. Olaf Gulbransson: Da gehören sie hin!

(Simplicissimus.)

Glücklicherweise gibt es aber auch in Deutschland Karikaturisten, die sich mit den allerbesten anderer Länder messen können. An erster Stelle steht wieder mit Leistungen, die auch künstlerisch voll befriedigen, der „Simplicissimus“, und hier besonders der Skandinavier Olaf Gulbransson, der ja seit langen Jahren ganz zu uns Deutschen gehört. Neben seinem engeren Kollegen Th. Th. Heine und neben G. Brandt und A. Johnson vom „Kladderadatsch“ marschiert er an der Spitze der zeitgenössischen deutschen Karikaturenzeichner. Wollte man ihm gerecht werden, so müßte man schlechtweg seine sämtlichen Arbeiten im „Simplicissimus“ nennen, denn gelungen sind sie alle. Wie glänzend weiß er seine Helden zu charakterisieren, ohne durch gewaltsame Verzerrung Grotesken zu schaffen! In seiner Hand ist die Karikatur nicht nur im etymologischen Sinne des Wortes „Übertreibung“, hier wird sie zu einer großartigen politischen Satire. Man betrachte seine beiden Zeichnungen gegen die Japaner ([Abb. 8] u. [9]). Ist hier nicht restlos die Stimmung wiedergegeben, die alle Kreise unseres Landes gegen das Volk erfaßte, das Kiautschou raubte? Auch andere Zeichner haben (es war ja sehr billig) die Japse als Affen dargestellt, in allen Zeichnungen traten sie als Vierhänder auf, aber niemandem ist das mit solch raffinierter Beschränkung in den künstlerischen Mitteln gelungen wie Gulbransson. Durch den Nachsatz „Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!“ erhält das Bild erst die richtige Wucht: also noch unter die Affen werden die Japaner gestellt! Wie köstlich ist der beleidigte Schimpanse! Der Künstler drückt damit denselben Gedanken aus, den die „Jugend“ in die Worte kleidete: „Die Japaner haben den Augenblick, da Deutschland mit vier Staaten zugleich Krieg führt, dazu benutzt, ihm Kiautschou zu stehlen. Damit sind sie vom Niveau anständiger Makaken auf die Stufe von Engländern herabgesunken!“ Aber nicht bloß als Quadrumanen zeigt uns Gulbransson die Japaner; er ist auch der einzige, der noch eine andere Lösung fand, dem Haß gegen den englischen Helfershelfer bildlichen Ausdruck zu geben: in der Zeichnung „Die Wacht in Kiautschou“, wo die Mongolen den wie ein einsamer Fels stehenden deutschen Ritter als unzählige Wellenköpfe umbranden, um schließlich, allein durch ihre Masse, über ihn zu triumphieren. Reine Freude gewährt auch seine „Alpenwacht“ in der Italiennummer, wo auf gelbem Hintergrunde sich der deutsche Reichsaar und der österreichische Doppeladler mit kraftvollem Schwarz massig und gewaltig abheben, während in der Ferne das Diminutivum eines Italieners erscheint, nur aus einem großen Maule bestehend: „Und der will uns etwas anhaben, der ist ja nur auf Singvögel eingeschossen.“ Mit einfachen Mitteln ist hier eine große Wirkung erreicht. Dieses Blatt ist durch die flächige Behandlung auch dekorativ sehr wirkungsvoll. Ausgezeichnet sind ferner die Beiträge von Ragnvald Blix im „Simplicissimus“. Neben dem Schweden Gulbransson ist dieser Norweger eine der größten Begabungen, die in Deutschland arbeiten. Seine reiche Phantasie weiß die Persönlichkeiten, die er sich vornimmt, außerordentlich witzig zu charakterisieren. Hier braucht nur an seine famose Karikatur „An der Ostfront“ erinnert zu werden: „Ganghofer ist da — der Sturm kann beginnen.“ Nur wenige wissen, daß Blix noch vor einigen Jahren viel für französische Zeitungen, unter anderen auch für „Le Rire“ und „Le Journal“ gezeichnet hat. Er wurde bekannt durch eine Serie Karikaturen auf klassische Gemälde, die zuerst als Sammlung „Le voile tombe“ 1908 herauskam und auch deutsch im gleichen Jahre unter dem Titel „Nach alten Meistern“ erschien.

Abb. 9. Olaf Gulbransson: Deutsche Wacht in Kiautschou.

(Simplicissimus.)

Abb. 10. Die Zentralmächte und Rußland.

Russische Karikatur aus d. Nowoje Wremja, St. Petersburg.

Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.

Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.

(Klods-Hans, Kopenhagen.)

Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert, als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: „Tout comprendre c’est tout pardonner.“ Es wäre ein ganz falsch verstandener Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern regelmäßig Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von „Le Rire“ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese deutsche Satire in einem französischen Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont öffentlich im Royal College of Music zum Vortrag brachten; man denke: Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich [Abb. 12] aus dem „Punch“); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge!

[Abb. 12.] Geo. Morrow: Der Haßgesang.

(Punch, London, Dezember 1914.)

„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine!“

(„Faust“, 1.)

[Abb. 13.] Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.

(Die Muskete, Wien.)

Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!

(Punch, London.)

Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.

Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein Herr?“ — „Ja — — das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“ (Punch, London.)

Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten. Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden, aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter „Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben und — abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender Anmerkung: Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins, depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont ruisselantes de gaieté — d’une gaieté insolente, comme il convient, et lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques laideurs. Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen. Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und Heerführer hinausliefen“. — Wie traurig muß es aber im Hirn jener Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder, die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“ Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen, wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den „Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung, wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden nicht lustig macht. — Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche „De moribus Ruthenorum“ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major, der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei. Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich, die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. —

K is the Kaiser. (Let nobody fail
to notice Napoleon drawn to scale.)

K ist der Kaiser. (Hier sieht man es klar,
Wie klein gegen ihn doch Napoleon war.)

R’s for the Russians. I ask you to glance
At the swarms on the gangway, alighting in France

(R sind die Russen. Den Blick laßt verweilen
Auf den Schwärmen, die Frankreich zur Hilfe hier eilen.)

Z is a Zeppelin, right overhead —
Isn’t it a luck to have something for Z?

(Z ist Zeppelin in den Wolken droben —
Doch ein Wort für Z, darum muß man ihn loben.)

Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.

(Punch Almanack for 1915.)

An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß seine eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der Brite“); ihm gilt „The Kaiser“ als der Urheber des Krieges. Wir können uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den „Punch“, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich fast durchweg mit Wilhelm II. Er ist immer der Herrscher von Gottes Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.

ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.

The Anti-Zeppelin bath-chair.

Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.

Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch, London.)

Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute ziehen es vor, darauf zu verzichten. Raven Hill, Bernard Partridge und vor allem der bekannteste Zeichner des „Punch“, F. H. Townsend, zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen, als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb: „Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und Schaufenstern!“

Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard VII. „L’Oncle de l’Europe“ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin) schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:

„Zeigt sich Wilhelm II. in diesem Ringen als der Vorkämpfer der immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß, ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel — soll man ihn nun den guten oder bösen Onkel nennen? — gezwungen sähe, die japanischen Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen Alliierten, den Türken, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“

So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard VII. gesät hat, aufgegangen.

In den englischen Kartons gegen Wilhelm II. steckt kein wirklicher Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den „Punch“ etwa dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung Dropping the Pilot (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden haben. In der „Fine Art Society“ waren im Herbst 1914 solche Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des „Punch“ gegen Wilhelm I. reden eine deutliche Sprache. Der „Punch“ hat jetzt eine Serie davon unter dem Titel „Punch and the Prussian Bully“ veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“ (Bully bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von Townsend „Bravo, Belgium!“, das in England rasch volkstümlich wurde ([Abb. 14]). — Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt (nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch deutscher Seeleute gegen England „The Day“!)

„No one can be stout with more charm than a German“

Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als ein Deutscher“.

Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.

Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.

(Meggendorfer Blätter. München.)

Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas Versöhnendes an sich. Harrisons „Badestuhl“ ([Abb. 19]) ist ein Scherz auf die Zeppelinfurcht, Townsends Szene im Barbierladen ein solcher auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen ([Abb. 15]). Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. „Evening Standard“ veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges Individuum. — „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ — „Dann entschuldigen Sie bitte!“ — — Und nachdem man in England erkannte, daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der Verbündeten. Auch George Morrows Geschichte von dem Kubisten ist gut, der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“, „Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“, „Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel des Interessanten enthält der „Punch-Almanack“ auf 1915. In Anlehnung an die jedem englischen Kinde geläufigen „Mother Goose’s Nursery Rhymes“ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse vorgeführt. Da ist eine Serie „When William comes to London“. Dann erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz, Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht ([Abb. 16], [17], [18]); R eine Verspottung der Russen, die nicht in Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte „Mary had a little lamb“ ist da, nur heißt sie „Willie had a little Wolff“ (das offizielle Telegraphenbureau). Dieser „Punch-Almanack“ hält sich von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.

Einen Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt: das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich erscheinende „Bookseller“ nur noch monatlich herauskommt und das monatliche „Book Monthly“ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen.

Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen, mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson, von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des Struwwelpeter „Swollen Headed William“, von der drei starke Auflagen in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier also die Anlehnung an ein berühmtes Original. ([Abb. 24].)

Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.

Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)

The Allies’ Alphabet von Fay und Morrow ist eines jener, besonders in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich, beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute, wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen von der Erde vertreibt:

R stands for Russia: she’s proving her worth
By telling the Germans to get off the earth

(R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert
Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’)

Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift „To Berlin“ voller jubelnder Tommies erblicken:

O is an omnibus, full out and in:
It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘

(O ist ein Omnibus, voll draußen und drin,
Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.)

Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen:

P is the part little Willie would play:
He thinks it’s a Bona-part. What do you say?

(P ist der Part, den klein Willie erkor;
Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es euch vor?)

Wicked Willie von Margaret A. Rawlins mit Illustrationen von Gwen Forwood und Florence Holmes geht nicht nur unter der Marke einer Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der Verfasserin schwebte das 1871 erschienene „Dame Europa’s School“ vor, an das sie sich nach dem Grundsatze Imitation is the sincerest flattery anlehnt; auch die „Dame Europa“ war eine Geschichte des deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden). Der Wicked Willie soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die Nationen treten hier als Kinder (Wicked Willie, Poor Joseph, Fezzie [Türkei], Little Albert, Little Helvetia usw.) handelnd auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist, nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit, der jetzt noch anhält ...“ — Für Erwachsene bestimmt sind trotz des Titels die Nursery Rhymes for Fighting Times von Elphinstone Thorpe, illustriert von Stevens. An der Hand altberühmter englischer Reime, wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die politischen Ereignisse satirisch behandelt:

Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard,
To collar a Paris bone:
At Mons and Cambrai, British troops barred the way,
And so the poor dog had none.

(Kaiser Hubbard, alt und krank
Stürmt einen welschen Speiseschrank,
Einen Pariser Knochen zu erhaschen.
Bei Mons und Cambrai
Hindern ihn Briten, o weh,
Und so kann der arme Dackel nicht naschen.)

Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. — Ähnliche Absichten verfolgt The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery Rhymes for the Times von George H. Powell mit Randleisten in kräftiger Holzschnittmanier von Scott Calder.

[Abb. 23.] Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

4 THE STORY OF THE INKY BOYS.

As he had often done before,
For happy centuries and more,
The wealthy English colonist
(That stranger to the Maily Fist),
Beneath whose skilful, kindly sway
Our vast dominions smile each day,
One summer morning sallied out
To see his lands and walk about.
And as the sun was hot, good fellow,
He took with him his green umbrella.
Then William, little noisy wag,
Ran out and jeered and waved his flag;
And Bethmann-Hollweg, smug and trim,
Bringing his treaty shears with him;
Bernhardi, too, snatched up his toys
And joined the other envious boys;
For all disliked the English race,
And loathed this fellow's prosperous face.
“We also want to feel the sun”;
They said, “come, show us how it's done!
We want a place within it, too;
We're more deserving far than you—
We want your place! Yah Yah! Boo Boo”!

[Abb. 24.] Eine Seite (stark verkleinert) aus „The swollen-headed William“, der englischen politischen Struwwelpeter-Parodie.

Auf Sven Hedins berühmtes Buch „Ein Volk in Waffen“ ist ähnlich ausgestattet wie die deutsche Volksausgabe eine Parodie erschienen: In Gentlest Germany by Hun Svedend. Translated from the Svengalese by E. V. Lucas with 45 illustrations a. 1 map by George Morrow. Bei dem „Svengalesischen“ hat der Verfasser wohl auch an die bekannte Figur des Svengali aus „Trilby“ gedacht. Die kleinen Schwächen des Hedinschen Originals (sie kommen dem großen Werte des Werkes gegenüber ja gar nicht in Betracht) sind geschickt ausgenutzt. Die Anlage des Buches ist ganz neuartig: der Text der Satire hält sich meist wörtlich an das Vorbild, und der Verfasser Lucas wirft nur ein paar Brocken (die er natürlich Hedin in den Mund legt) dazwischen, um den Originaltext ins Lächerliche zu ziehen. Vielleicht wird es am besten durch ein Stück aus dem Text gezeigt, das hier folgt; die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Sätze entsprechen wörtlich dem Texte Sven Hedins (in der billigen Ausgabe Seite 32), die gesperrt gedruckten Stellen sind Zusätze von Lucas:

(Hedin schildert, wie einfach die Speisenfolge im Hauptquartier des Kaisers ist und dann die Unterhaltung bei Tisch): „Der Kaiser sprach fast die ganze Zeit mit mir, nannte mich stets ‚mein lieber Hun Svedend‘, er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er beigewohnt hatte: Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe; das mache ihn stolz und glücklich. Mich freute besonders zu hören, mit welcher Achtung und Sympathie der Kaiser sich über Frankreich aussprach. Er beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen. Er hoffte, daß die Zeit kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten können, wie Löwe und Lamm, wenn das Lamm bequem eingebettet im Magen des Löwen liegt. Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen als jetzt. Warum sie diese Ahnung nicht haben, könne Er nicht begreifen. Sicherlich wären sie doch nicht so kindisch, um sich durch die feindlichen Bewegungen Seiner Heere beeinflussen zu lassen.“

Die Engländer sind wütend auf Hedin, weil er der Freund eines Landes geworden ist, gegen welches England kämpft. England, das ihn (Hedin) zum Ehrendoktor von Cambridge und Oxford gemacht hat! „In Gentlest Germany“ soll die Rache dafür sein.

Abb. 25. „Bethmann Hollweg, nervously tearing his menu card into little bits.“ (Bethmann Hollweg zerreißt die Tischkarte in kleine Fetzen.) Anspielung auf die Bezeichnung des belgischen Unabhängigkeits-Vertrags als eines Fetzens Papier. Aus der Parodie „In Gentlest Germany“ by Hun Svedend, ill. von Geo. Morrow.

In Holland sind eine große Reihe tüchtiger Karikaturisten an der Arbeit, den Krieg im Bilde festzuhalten. Für den „Amsterdammer“ zeichnet seit 1887 der 1858 geborene Johan Braakensiek wöchentlich etwa zwei Satiren über aktuelle politische Ereignisse, in nicht gerade übermäßig witziger, oft eher hausbackener Art. Im Bestreben, nirgends anzustoßen, bleibt er meist sehr korrekt. Das Beste, was er geschaffen hat, ist der Totenkopf-Schmetterling ([Abb. 23]) mit der Unterschrift „Geht fort, wir wollen gegen Unbewaffnete nicht kämpfen“. Von ihm rührt auch die in [Abb. 1] wiedergegebene Lithographie her, die kurz nach Ausbruch des Krieges erschien; der Tod redet den ermordeten Erzherzog an: „Königliche Hoheit, ich habe geglaubt, eine Fürstlichkeit wie Sie darf nicht ohne Gefolge reisen“ (nämlich nicht ohne Gefolge ins Jenseits, daher im Hintergrunde die Schemen der Gefallenen). Nur einmal hat Braakensiek sein Phlegma verloren, das war nach dem Untergang der Lusitania, auf den [später] noch besonders eingegangen werden soll.

Der Wochenschrift „De Amsterdammer“ ist in dem „Nieuwe Amsterdammer“, der Anfang 1915 gegründet wurde, eine schwer ins Gewicht fallende Mitbewerberin erwachsen. Das neue Blatt hat es verstanden, sich einen der allerbedeutendsten Karikaturisten Hollands, Piet van der Hem, als dauernden Mitarbeiter zu sichern. Die Reihe der großen farbigen Blätter, die er für die genannte Zeitschrift geliefert hat, gehören zum Besten und Stimmungsvollsten des ganzen Krieges, so zum Beispiel die „Versuchung des heiligen Antonius“ ([Abb. 6]), dann das Blatt, das nach dem Untergang der Lusitania entstand und in das Redaktionsbureau einer deutschen Zeitung versetzt ([Abb. 66]), vor allem aber auch ein Blatt „De nieuwe Dood“ ([Abb. 73]). Viele dieser Zeichnungen sind von tiefem sittlichen Ernst erfüllt.

Abb. 26. „Mr. (or Herr) Bernard Shaw“.

Aus „In Gentlest Germany“ ill. von George Morrow.

Für das Wochenblatt „De Notenkraker“, einer Beilage der bekannten sozialdemokratischen Zeitung „Het Volk“, arbeitet der an die deutschen Simplicissimuszeichner erinnernde Albert Hahn; in knapper Form und ohne viel Beiwerk gibt er seinen Gedanken bildlichen Ausdruck. Ihm erscheint der Krieg nicht als das Werk eines einzelnen, er sieht die Dinge von einer höheren Warte. In [Abb. 22] polemisiert er gegen die Verwendung der Reimser Kathedrale als militärischen Stützpunkt durch die Franzosen. Die gleiche Absicht leitet E. Nunes in den „Meggendorfer Blättern“ ([Abbildung 21]).

Abb. 27. Jordaan: Der Suezkanal.

Deutschland zur Türkei: „Packe ihn an der Gurgel!“

(De Notenkraker, Amsterdam.)

Für den „Notenkraker“ zeichnet auch Jordaan; die Karikatur „Der Suezkanal“ ([Abb. 27]) ist sein Werk. Der deutschfeindliche „De Telegraaf“ bringt Beiträge von Louis Raemaekers. Es sind ihm eine ganze Reihe ergreifender Darstellungen des Kriegselends gelungen; viele sind ganz objektiv gehalten, ohne einzelne Völker treffen zu wollen. Aber das Schicksal Belgiens, des stammverwandten Landes, hat ihm den Griffel in die Hand gedrückt, um seinem Haß gegen die „Eroberer“ Luft zu machen. Wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, dann werden für ihn die Deutschen zu „Barbaren“, dann zeigt er belgische Bürger, die den deutschen Truppen vorausmarschieren müssen, um im feindlichen Kugelregen zusammenzubrechen, dann führt man Krieg mit den toten Meistern der Kunst van Eyck, Massys und Rubens, die auf einem Scheiterhaufen stehen, vor dem deutsche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wacht halten. Eine Reihe seiner Darstellungen des Kriegselends und seiner Spottbilder hat er im Verlage „Elsevier“ auch als Alben herausgegeben.

Auf einzelne Werke der hier genannten holländischen Zeichner wird an andern Stellen noch näher eingegangen werden.

Abb. 28. Türkische Karikatur: „Zur Schlachtbank“.

Die Verbündeten müssen England Vorspanndienste leisten.

(Hodja, Konstantinopel.)

Unter den Blättern unserer Verbündeten steht die „Muskete“ an der Spitze, eine ähnliche Stellung in Österreich einnehmend wie in Deutschland der „Simplicissimus“, sie zählt eine ganze Reihe tüchtiger Illustratoren zu ihren ständigen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört beispielsweise Rudolf Herrmann. Das Thema, das er in der [Abb. 13] trefflich behandelt, die Vorspanndienste, die die Verbündeten England leisten müssen, kommt auch in einer Zeichnung unseres anderen Bundesgenossen, wenn auch primitiver, zum Ausdruck, in der türkischen Karikatur, die wir hier wiedergeben ([Abb. 28]).

Abb. 29. Jack Walker: Wenn ich nur den anderen Stiefel auch anbekäme!

(Daily Graphic, London.)

Winter 1914-15.

The Rock of Germany

Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.

Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch Bärenköpfe dargestellt) abprallen.

Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.

Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten: Menschen und Dinge, die rasch — und mit vollem Recht — eine unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und erfolgreiche Persönlichkeit wie Hindenburg, die für uns das neue deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer, wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt, einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten, daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene folgender Abschnitt als Probe:

Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch,
Die er nicht kennte durch und durch (!!)
Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack,
Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!)
Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost,
Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!)
Und immer hört er das Gurgeln dumpf:
Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf.
Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf.

Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch, die er nicht kennte durch und durch“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? — Eine Reihe wirklich guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel: „Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ — Hindenburg ist Ehrendoktor aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den Dr. med.; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene — Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet man nach dem Burgfrieden einen Hindenburgfrieden, der Deutschland für alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich verloren!“ — Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. — Hier muß auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers bekanntes Bild „Der Salontiroler“ ([Abb. 31]). Ein nettes Scherzgedicht von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese Besserwisser:

Zu Cannstatt ob dem Stammtisch
Hängt Hindenburg im Bild,
Es blickt der Schlachtenmeister
So freundlich und so mild.
Worüber mag sich freuen
Grad hier der große Mann?
Weil er von diesem Stammtisch
Noch recht viel lernen kann.

Abb. 31. A. Johnson: Der Salonstratege.

(Kladderadatsch, Berlin.)

The Piper Von Hindenburg

Abb. 32. Robert Carter: Der Bärenfänger Hindenburg.

Amerikanische Karikatur aus dem „Evening Sun“, New York.

Abb. 33. Shonk: Hindenburg aus Schwertern, Kanonen und Truppen zusammengesetzt.

(Daily Times, Portsmouth.)

Einem Hindenburg gegenüber verstummten auch deutschfeindliche Blätter des Auslandes mit ihren Anklagen, er wird auch in der amerikanischen Presse als „the man of the hour“ gefeiert ([Abb. 30], [32], [33]). Unter dem Eindrucke der großen deutschen Erfolge können auch die Zeichner, die sonst Deutschland nicht gerade freundlich gesinnt sind, nicht anders; sie bringen zwischendurch germanophile Blätter. Auf [Abb. 34] ruft der englische Löwe Polen an: „Nicht die Preußen, die Reußen will ich sprechen“. Mackensen: „Das tut mir leid, die sind gerade abgezogen.“

[Abb. 34.] Karikatur auf den russischen Rückzug.

England: „Not Prussia, Russia!“
v. Mackensen: „Russia has just stepped out!“

(Robert Carter in „Evening Sun“, New York.)

Einen Hindenburg macht eben niemand nach, obgleich eine Anzeige im „Breslauer Generalanzeiger“ lautet: „Hindenburg sowie sämtliche deutsche Heerführer liefert zu günstigsten Bedingungen Verlag Carl Tinius, Leipzig-Neustadt. Vertreter an allen Plätzen gesucht. Muster franko bei vorheriger Einsendung von einer Mark.“ — Man muß sich wirklich wundern, daß von der französischen, englischen und russischen Regierung nicht schon Bestellungen eingelaufen sind.

Was Hindenburg unter den Lebenden, ist der 42-Zentimeter-Mörser unter den leblosen Dingen. Oder soll man hier nicht auch lieber von einem Lebewesen sprechen? Das Volk hat diese volkstümlichste Waffe rasch personifiziert: männlich als „Großen Brummer“, weiblich als „Fleißige Berta“ oder auch „Dicke Berta“ zu Ehren der Besitzerin der Kruppwerke, die hier das Attribut der Dicke unverschuldet mit in den Kauf nehmen muß. Auch um die „Dicke Berta“ hat sich ein Sagenkreis gesponnen, erstens wegen ihrer rasch erworbenen Popularität, zweitens weil niemand etwas Näheres über sie erfuhr. Ging man doch so weit, ihre Existenz überhaupt leugnen zu wollen! Es ist eine der herrlichsten Erscheinungen in diesem Kriege, daß die wenigen Menschen, die um den 42-Zentimeter-Mörser wußten, das Geheimnis so wunderbar gehütet haben! Als nach Kriegsausbruch bekannt wurde, die Deutschen besäßen ein Riesengeschütz, aus dem wenige Schüsse genügten, die stärkste Festung zu Fall zu bringen (Lüttich hatte es ja gleich bewiesen), da ging ein Staunen durch die ganze Welt, gemischt mit geheimem Grauen. Der Mörser 42 aber wurde, wie später auch U 9, das Symbol deutscher Tüchtigkeit, das Wahrzeichen der militärischen Energie Deutschlands. Die Überlegenheit dieses Riesenmörsers erkannten auch die Neutralen restlos an. Es bildete sich Legende über Legende über den großen Brummer; die Hauptsache war, daß das Geschütz, wie ein Militärschriftsteller bemerkte, einige Armeen wert ist. Die Bezeichnung „Fleißige Berta“ sollte wohl den Gegensatz zur „Faulen Grete“ bringen, ein Name, der zuerst für Geschütze auftauchte, mit denen die Hohenzollernfürsten die aufsässigen Quitzows bekämpften.

Abb. 35. Joh. Braakensiek: Der Zauberer Mars.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

In Form eines Märchens hat Hans Natonek die Wirkung des „Großen Brummers“ besungen:

„In den letzten Julitagen war es, da klang es wie fernes Trompetengeschmetter durch die Luft. Und näher kam der Ton, immer näher, schwoll ungeheuer an, es war das Rasseln von tausend Kanonenrädern, der Tritt von Millionen und das Säbelklirren einer Welt, die zum Kampf aufzog. Die schlummernden Riesen erwachten. Im Dunkel der Nacht, von undurchdringlichem Geheimnis umhüllt, wurden sie verladen. Plötzlich — niemand wußte wie — standen sie vor einer mächtigen Feste mit Panzertürmen und Mauern aus Stahl und Beton. Lüttich. Wie Tiere, die man aus langer Gefangenschaft entlassen hat, nach Beute gierig, spähten die ungeheuren Schlünde in die Ferne. Dann brüllten sie auf, daß der Luftraum zusammenzukrachen schien, ein Feuerball, wie ein Komet mit blutrotem Schweif, sauste durch die Luft, die Panzertürme barsten, und die Mauern aus Stahl und Beton waren überhaupt nicht mehr da... Was sind die blutigen Kometen, die in sagenhaften Zeiten den Krieg verkündeten, gegen die brennenden Gase des Geschosses, das die Luft durchsaust! Die 42-Zentimeter-Granate war der Kriegskomet des Jahres 1914! Nun staunt die Welt. Die Sage spinnt geheimnisvolle Fama um den Riesenmörser, von dem man weiß, daß er da ist, unbestimmt ahnt, was er zu wirken vermag, um den es aber noch immer so märchenhaft dunkel ist, wie zuvor, als man noch gar nicht wußte, daß es so etwas in Wirklichkeit gibt.“

Abb. 36. Nirsoli: Der Gleichmacher.

Italienische Karikatur auf den deutschen 42 cm-Mörser.

(Il Numero, Rom.)

Abb. 37. M. Froehlich: Als Verlobte empfehlen sich der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen.

(Staats-Zeitung, New York.)

[Abb. 38.] George van Raemdonck: Die fleißige Berta.

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

Der „Große Brummer“ oder „Dicke Berta“ hielten nun auch bald ihren Einzug in die Witzblätter; jeder Künstler stellte sie in seiner Art dar, und es ist reizvoll, eine Reihe solcher Darbietungen miteinander zu vergleichen. Das Material würde ausreichend sein für eine Monographie „Der große Brummer in der Karikatur“. M. Claus zeichnete ihn als fleißige, strickende korpulente Dame unter Innehaltung der Geschoßform ([Abb. 44]); Walter Trier als Nachtmahr des Zaren, auf dessen Bett er mit offenem Schlunde hockt, während gleichzeitig Zeppeline den Betthimmel umkreisen (ein Blatt, das besser ist als die meist recht rohen und humorlosen Zeichnungen dieses Künstlers); Peter Pfeffer stellte ihn einem Franzosen, der das Maul aufreißt, gegenüber („Na, nun wollen wir doch mal sehen, wer das letzte Wort behält!“); Gustav Brandt läßt ihn selbst den unverletzlichen indischen Fakir zerschmettern ([Abb. 39]); Thomas Theodor Heine zeigt das englische Gegenstück „Lord Kitcheners neuen Faktor“ ([Abb. 40]); W. A. Wellner zeichnet die „Dicke Berta“ im Wochenbett bei einem „Freudentag im Hause Krupp“, es hat gerade wieder ein Kind von ihr das Licht der Welt erblickt. Ein neu gegründetes Witzblatt, der „Brummer“, ein Ableger der „Lustigen Blätter“, führt seinen Namen nach dem Geschütz. Die Volkstümlichkeit des Riesenmörsers spiegelt sich auch in dem scherzhaften Briefe eines Frankfurter Konfektionärs aus dem Felde an die „Frankfurter Zeitung“ wider:

„Modelle zeigen diesmal wir Deutsche den Franzosen, und zwar hat ein bekanntes Haus in Essen zahlreiche piècen mit 42 Zentimeter Taillenweite herausgebracht, die, wo sie auch erscheinen, Staunen des Fachmanns und Verwunderung des Laien erregen. Die tonangebende Farbe für diese Saison ist feldgrau, sie hat die Versuche französischen Ursprungs, Rot und Blau zur Geltung zu bringen, überall siegreich aus dem Felde geschlagen. Die französischen Cutaways scheinen auch nicht die Sympathie ihrer Träger gefunden zu haben, denn sie wurden zahlreich vorzeitig abgelegt, da sie beim Laufen sehr hinderlich sind. Großen Vorrat haben wir in points. Es gibt zwei Sorten: points tirés à la main und à la machine. Letztere sind allerdings bei unseren Kunden sehr unbeliebt, da sie nolens volens sehr große Quantitäten in kürzester Zeit abnehmen müssen. Der Absatz von diesen Artikeln ist sehr hoch, da große englische Häuser extra auf den Kontinent gekommen sind, um noch davon abbekommen zu können. Der französische Markt scheint auch noch große Quantitäten davon aufnehmen zu wollen; wir sind aber genügend vorgesehen, um ihn vollständig zu befriedigen.“

Dem Fakir bei Altenglands Truppe
Ist jeder Kugelregen Schnuppe.

Auch gegen Waffen, welche länglich,
Ist er immun und unempfänglich!

Und selbst wenn die Granate platzt,
Der Fakir vor Vergnügen schmatzt.

Erst bei dem 42-Brummer
Hört man ein schmerzliches Gewummer!

Bei diesem Mörser, großkalibrig,
Bleibt selbst vom Fakir nichts mehr übrig!

Abb. 39. Gust. Brandt: Der unverletzbare Fakir.

(Kladderadatsch, Berlin.)

Abb. 40. Th. Th. Heine: Lord Kitcheners „furchtbarer neuer Faktor“.

(Simplicissimus, München.)

Abb. 41. P. de Jong: Der Unwiderstehliche.

(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)

Holländ. Karikatur.

Auch die Zeichner des Auslandes zeigten den Riesenmörser im Bilde. Zwar nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen Geschütze marmite, die Engländer Jack Johnson. Aber Holland und Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. Johan Braakensiek schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern ([Abb. 35]); der Holländer P. de Jong zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden festhält ([Abb. 41]); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“ bringt der Flame George van Raemdonck ([Abb. 38]), hier kommt neben dem Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern, die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes, und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. Sidney Greene, der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in seiner Verwandlungsfolge „From Pilsner to Powder“ ([Abb. 43]) die Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. „A 42 centimeter Mistake“ betitelt sich die Zeichnung von Robert Carter, die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien ([Abb. 42]). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser, um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.) Sehr nett ist dann die Zeichnung von A. M. Froehlich in der „New Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ ([Abb. 37]). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der „Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: die Verbindung der beiden möge die Geburt eines größeren Deutschlands in die Wege leiten!

Abb. 42. Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.

(A 42 centimeter Mistake.)

(Evening Sun, New York.)

Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die von William H. Walker. Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation, der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt „My Heart bleeds for Louvain“, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigte Davenport ist ihr Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten). Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten Zeichnungen des „Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift in S. Sullivant besitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (der upper ten) wie Harrison Cady und Foster Lincoln können sich getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannte George Dana Gibson wiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen großen Serien Ebenbürtiges (Education of Mr. Pipps etc.) hat er nicht mehr geschaffen. Otho Cushings von antikem Geiste beeinflußte Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer Schönheit erfüllt. Rea Irvin sprudelt nur so von witzigen Einfällen, er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu den „Letters of a Japanese Schoolboy“ geschaffen, die amerikanische Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten.

Abb. 43. Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.

(From Pilsner to Powder).

(Evening Telegram, New York.)

Amerika ist also reich an geschickten Karikaturenzeichnern, sie kommen mehr noch als in den Wochenschriften in der Tagespresse zur Geltung. Die großen Zeitungen der Vereinigten Staaten, die oft Millionenauflagen erreichen, bringen fast alle Illustrationen; auch vornehme Blätter wie „Sun“ haben sich schließlich diesem Gebrauche fügen müssen. Die Zeichnungen müssen rasch erscheinen. Das eben eingegangene Telegramm muß möglichst gleich mit den nötigen Illustrationen herauskommen. Time is money. Der Amerikaner will nicht lange nachdenken; die Sache muß ihm so bequem wie möglich gemacht werden. Dabei passiert denn in der Eile und aus Unkenntnis mancher nette Schnitzer: als Bernhard von Bülow Reichskanzler wurde, brachte eine der bekanntesten New Yorker Zeitungen zusammen mit der Nachricht ein Bild Bülows; es war auch Bülow, aber — Hans von Bülow, der berühmte Dirigent, der zwar ein Orchester leiten, aber nicht das Deutsche Reich hätte lenken können. Sein scharf geschnittener Kopf mit dem charakteristischen Knebelbart fungierte nun für die New Yorker als Bild des neuen deutschen Kanzlers. Hier handelte es sich um einen Irrtum; aber auch sonst ist der Amerikaner in solchen Fällen nicht verlegen. „Portland News“ brachten kürzlich eine Reproduktion von Anton von Werners Bild „Erstürmung der Spicherer Höhen“ als „Sturm deutscher Infanterie in geschlossener Formation auf einen Hügel“. — Im allgemeinen müssen die Illustrationen der Tageszeitungen humoristisch gehalten sein (so will es das Publikum), und so sind denn in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe tüchtiger Karikaturisten entstanden. Diese satirischen Darstellungen vermögen viel schärfer als lange Auseinandersetzungen die Blößen der darin Karikierten zu zeigen; deshalb kann man ihre Bedeutung zu politischen Propagandazwecken auch gar nicht hoch genug einschätzen, besonders, wenn man die Riesenauflagen der amerikanischen Zeitungen in Betracht zieht.

Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.

(Lustige Blätter, Berlin.)

CAN HE HATCH IT?

Abb. 45. Sidney Greene: Die Kluck-Henne.

(Evening Telegram, New York.)

Es war eine der schmerzlichsten Enttäuschungen für das Deutsche Reich, daß sich die Mehrheit in den Vereinigten Staaten (das Anglo-Amerikanertum und die seinem Einfluß unterworfenen Gruppen) mehr oder weniger offen auf die Seite unserer Feinde stellte und ganz unverhohlen ihre Sympathie für diese zum meist recht deutlichen Ausdruck brachte, obgleich doch auch Japan, Amerikas Todfeind, zu den Verbündeten zählt. Ebenso erfreulich war die angenehme Enttäuschung, welche die Deutsch-Amerikaner durch ihr mutiges Eintreten für ihr Stammland bewiesen; man glaubte sie großenteils dem „Vaterland“ verloren; nun zeigten sie, daß sie ihre alte Heimat nicht vergessen hatten und setzten sich in jeder Hinsicht tatkräftig dafür ein, daß die Wahrheit über die Ursachen und den Verlauf des Krieges durchdringen konnte. An ihre Seite traten aus altem angeborenen und unausrottbarem Hasse gegen England geschlossen die zahlreichen in Amerika lebenden Irländer, die drüben großen politischen Einfluß besitzen. Man glaube nicht, daß ausschließlich die Beherrschung der Kabel durch England und die Verbreitung der Lügendepeschen die antideutsche Stimmung erzeugt haben; hinter diese Täuschungen kam man sehr rasch: von einem Amerikaner rührt das Wortspiel her: allies = all lies (die Alliierten = alles lügt). Es spielen da andere tiefeingewurzelte Vorurteile mit. Der Amerikaner betrachtet England immer noch als eine Art Mutterland, Paris als maßgebend in allen Geschmacksfragen (vor allem auch in der bildenden Kunst). Eine Niederlage dieser Länder würde er wie eine persönlich Schlappe empfinden. Dann glaubt er immer noch an einen „deutschen Militarismus“, von dem das deutsche Volk „erlöst“ werden müßte und fürchtet von einem siegreichen Deutschland später Verletzungen der bis zum Überfluß zitierten Monroe-Doktrin (daher schon im spanisch-amerikanischen Kriege die feindliche Stimmung gegen Deutschland, die erst nach der Reise des Prinzen Heinrich freundschaftlicheren Gefühlen Platz machte).

[Abb. 46.] Robert Carter: „Mehr — und nicht so dünn!“

„More — and not quite so thin!“.

(Evening Sun, New York.)

So erklären sich die gegen Deutschland gerichteten Karikaturen, die den Kaiser „auf dem Rückzuge“ aus Rußland schildern („German Defeat“) mit dem Schatten Napoleons: „Glaubst du siegen zu können, wo ich unterlag?“ oder „die Ereignisse reifen schnell“ (the leaves are falling fast, die deutschen Waffen sinken wie trockene Blätter zu Boden) oder Sidney Greene’s „Cracking a cultured nut“ (der Kaiser in der Nußzange zwischen Heer und Marine der Verbündeten) und so die schon erwähnten giftigen Zeichnungen im „Life“. Denn, was man wünscht, glaubt man gern! Es kommen auch noch andere Momente für die antideutsche Stimmung in Frage, als da sind die rauhe Außenseite des Deutschen, die unvorteilhaft absticht von den gewandteren Formen des Anglo-Amerikaners, und die nicht gerade absolut notwendig ist als Zeichen von Rechtschaffenheit und Wahrheitsliebe, dann die deutsche Vereinsmeierei in Amerika mit ihren oft recht komisch wirkenden Auswüchsen.

Abb. 47. S. Conacher: Der nette, alte Herr.

(Dear me! and to think I came near on one of those myself — in Mexico — not so very long ago!)

(Life, New York.)

Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten der Harvard Universität, Eliot). Das „scrap of paper“, die Bezeichnung des belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens, spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland, dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche Flugschrift, die der bekannte Austauschprofessor Burgeß von der Columbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst 1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. Und Burgeß steht mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus nicht einzeln da.

[Abb. 48.] „Wessen Börse wird zuerst leer?“

Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).

Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“ und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu verspotten, indem es an seinen Kopf setzt: New-York, Great Britain, 14. November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter. „Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern, und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht:

„Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen genommen.“

Abb. 49. George van Raemdonck: Wie Holland seine Neutralität wahren wird.

(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)

(De Amsterdammer, Amsterdam.)

Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist, die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite, hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht.

Abb. 50. Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während des Krieges.

(Life, New York.)

Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte „New York Herald“ (er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein: Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des „Herald“ die Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum, Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit zentimeterhohen Typen in den „headlines“, den Überschriften, für deren sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern vorsetzen. „San Francisco Chronicle“ schrieb: „Kaiser clips Ends of His Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to that change, but the removal of his mustache ends has struck the public imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than anything else to convince the population of Berlin that the war outlook is becoming bad for Germany.“ („Der Kaiser schneidet die Spitzen seines Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt, daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) — Im Chicagoer „Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die Londoner Times haben in der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist, wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte, es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000 Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig weiter, irgendein Reporter griff sie auf — und in zwei Tagen waren die Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer Zeit weichende Hoffnung reicher. — Hier waren also die unschuldigen Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang beschäftigte. Omne vivum ex ovo!

Über französische Lügen hatte sogar „Corriere d’Italia“ eine grotesk wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000 Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige Wogen in den Lech usw. usw.

Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach zitierten „Life“, wie die von Dan Lynch über Fabrikation der Schweizerkäse in der jetzigen Zeit ([Abb. 50]); die Käse werden zwischen der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die Geschosse sorgen für die Durchlöcherung.

Abb. 51. Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.

(N. Y. Times, New York.)

Hand in Hand damit gehen zahlreiche Spottbilder gegen die „hyphenated americans“. So nennt man drüben die Irisch-Amerikaner, Italo-Amerikaner, besonders aber die Deutsch-Amerikaner, also die Leute mit dem Bindestrich (hyphen); sie werden als Bürger zweiter Klasse betrachtet, weil sie nicht als „reine Amerikaner“ gelten, besonders die „Dutchmen“ (Spottwort für die Deutschen). Gegen sie wendet sich die Presse der Kriegshetzer. In New York ist kürzlich sogar ein Theaterstück „The Hyphen“ gegeben worden, das ein ganz blödes Machwerk der Deutschenhetze darstellte. Autor und Direktor, J. Miles Forman und Charles Frohmann, gingen ein paar Wochen später mit der Lusitania unter. Es konnte sich übrigens nicht lange auf dem Spielplan halten, obgleich die Reklame dafür sehr geschickt eingeleitet worden war. — Gegen die hyphenated americans richten sich also zahlreiche Karikaturen. Meist sitzen die Hyphenated auf einer Mauer und wissen nicht, nach welcher von beiden Seiten (Germany oder United States) sie sich wenden sollen, oder sie erscheinen halbiert und singen rechts „Deutschland über alles“, links „The Star Spangled Banner“ ([Abb. 51]). Im Sommer 1915 mehrten sich die Karikaturen auf William Jennings Bryan, dem man allzu große Deutschfreundlichkeit vorwirft ([Abb. 53], [54], [58]). Daß Bernstorff, Dernburg und der in den letzten Monaten oft genannte österreichisch-ungarische Botschafter Dumba im Spottbilde eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst ([Abb. 52]).

Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.

(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)

Abb. 53. Bryan in seiner neuen Uniform.

(„Inquirer“, Philadelphia.)

Abb. 54. Amerikanische Karikatur auf Bryans Deutschfreundlichkeit.

(Constitution, Atlanta.)

Aber auch hier muß der Wahrheit gemäß berichtet werden, daß es unter den „echten“ Amerikanern viele gibt, die mutig für Deutschland eintreten. Gegen die Kriegshetzer schreibt unter anderem witzig das sozialistische „Appeal to Reason“ den Amerikanern ins Stammbuch: „Wenn Sie den Krieg lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schieße, dann haben Sie etwas, das gerade so gut ist und Ihrem Lande eine Menge Geld erspart.“

Eines imponiert den Amerikanern: die deutsche Organisation. Man kann das gerade an den Karikaturen der Tageszeitungen wieder deutlich feststellen. J. M. Allison, einer der Kriegskorrespondenten des nichts weniger als deutschfreundlichen „New York Sun“, der dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ostende als Augenzeuge beigewohnt hat, schildert das, was er gesehen, den Lesern seines Blattes in einem Bericht, der sich über die Ordnung, Manneszucht und Organisation der deutschen Armee mit Worten uneingeschränkten Lobes ausspricht. „Seit ich die Besetzung Ostendes durch die Deutschen erlebte,“ schreibt Allison, „bin ich ein gläubiger Bekenner des Wahrheitssatzes, daß es in der Welt nur drei vollkommene Organisationen gibt: die katholische Kirche, die Standard Oil Company und die deutsche Armee.“ Aus dem „Evening Sun“ stammt auch die in [Abb. 46] wiedergegebene Karikatur aus dem Anfang des Krieges von Robert Carter „More news and not quite so thin“, eine Satire gegen Englands falsche Nachrichten.

Abb. 55. Jack Walker: Die russische Dampfwalze.

(Daily Graphic, London.)

Neben Robert Carter steht der originelle Sidney Greene. In „The Bread Line“ knüpft der Zeichner an den Gebrauch großer New Yorker Bäckereien an, die gegen Mitternacht, besonders im Winter, Brot an die hungrigen Armen verteilen lassen, die sich dabei hintereinander anstellen müssen. Eine solche „Brotlinie“ werden nach seiner Meinung vielleicht auch die europäischen Mächte bilden, wenn ihnen die Nahrungsmittel ausgehen und sie Amerika um Unterstützung angehen müssen. Greene zeichnete auch ein Kinotheater, genannt „Theatre de l’Europe“. „Greatest war scenes in history“, die größten Kriegsereignisse der Welt werden vorgeführt. Ein Plakat zeigt die Hauptdarsteller, die „principals“, und unter ihnen sofort ins Auge fallend den deutschen Kaiser. Italien überlegt sich, ob es teilnehmen soll oder nicht. Der Tod sitzt an der Kasse, und da fällt die Entscheidung schwer. Inzwischen ist Italien doch eingetreten, und der Tod hat reichliche Ernte gehalten. —

THE KNOTTY DACHSHUND

Abb. 56. Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.

(Evening Telegram, New York.)

Den „Dachshund“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“ könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton von Jack Walker aus dem „Daily Graphic“ in London ([Abb. 55]). Das war noch zur Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte Warnung „Beware of steam roller“ („Achtung, Dampfwalze!“) befolgt, wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung von Marcel Bloch in der „Guerre sociale“ ([Abb. 57]). Mit innigem Behagen und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht.

Abb. 57. Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.

(La Guerre sociale, Paris.)

Einen Dackel zeichnet auch Sidney Greene ([Abb. 56]); er hat sich reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel gehaltenen) Dackel als „boches“ töten und ausrotten. Dann erfuhr der „Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch „Daily Mail“, die herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern dargestellt finden.

Abb. 58. Bryans Entwicklung zur Friedenstaube.

Amerikanische Karikatur.

Eine der gelungensten Zeichnungen Greenes ist die Kluckhenne ([Abb. 45]). Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage: „Can he hatch it?“ Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren?

Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“ bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston: „This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause of it!“ („Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber ‚made in Germany‘ ist die Ursache davon“).