Anmerkungen zur Transkription
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China und Japan.
China und Japan
Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
von
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage.
Mit 61 Vollbildern, 212 in den Text gedruckten Abbildungen und einer Generalkarte von Ostasien.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig. 1900.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort zur ersten Auflage.
Ein Buch, das „China und Japan” betitelt ist, bedarf eigentlich keines Vorwortes. Der Titel allein besagt, daß es sich um eine wenig bekannte, in jeder Hinsicht eigenartige Welt handelt, die erst in neuester Zeit der Allgemeinheit erschlossen werden soll. Je mehr man von ihr erfährt, in desto höherem Maße interessiert man sich für sie, mit desto größerer Aufmerksamkeit wird jedes neue Buch darüber gelesen.
Leider ist die deutsche Litteratur in Bezug auf die beiden großen Reiche Ostasiens keineswegs reich zu nennen. Sie besitzt darüber bedeutende umfangreiche Quellenwerke, aber der Preis derselben oder die Art der Darstellung ist nicht für die Allgemeinheit geschaffen. Auch sind in den letzten Jahrzehnten eine Anzahl Reisewerke erschienen, mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse und Einzelheiten, die nur beschränkte Kreise zu befriedigen vermögen; an leicht faßlichen, charakteristischen Darstellungen der ostasiatischen Monarchien mit ihren Städten und Naturwundern, ihren Bewohnern und deren Kultur fehlt es aber, und doch werden solche Bücher von den Gebildeten aller Stände gerade jetzt gesucht, wo sich die Beziehungen mit Ostasien in jeder Hinsicht immer inniger gestalten. Mehr als je zuvor hegt man den Wunsch, die Wahrheit zu erfahren über das Wesen der ostasiatischen Kultur und über die Gefahren, mit welcher das ostasiatische Gespenst nach der Meinung vieler unsere christliche Welt bedrohen soll.
„Völker Europas, hütet eure heiligsten Güter!” So lautet der Mahnruf, der vor kurzer Zeit von höchster Seite erlassen wurde, und die Völker Europas suchen die Begründung dieses Mahnrufs in dem Erwachen und Erstarken der Völker Ostasiens.
Wird die Erschließung von China und Japan dem europäischen Handel, der Industrie, dem allgemeinen Wohlstand Vorteile bringen, oder wird sie einen schrecklichen Wettbewerb zur Folge haben, verderbenbringend für unsere christliche Welt?
Mit diesen Fragen vor Augen habe ich auf meiner jüngsten Reise um die Welt in den Monarchien Ostasiens länger als beabsichtigt verweilt und zu ihrer Beantwortung nach Material gesucht. Ich gebe in dem vorliegenden Werke nicht nur meine eigenen Erfahrungen und Anschauungen, sondern faßte auch jene zahlreicher anderer Persönlichkeiten zusammen, die seit vielen Jahren in den verschiedensten Berufszweigen in Ostasien thätig sind, aber nicht die Zeit, den Wunsch oder das Vermögen haben, ihre reichen Erfahrungen in einheitlichen, abgerundeten Darstellungen zu Papier zu bringen. Frühere große Weltreisen und ihre Schilderung haben mir vielleicht zu größerer Fertigkeit, geübterem, schärferem Blick für das verholfen, was dem europäischen Leser von besonderem Interesse ist. Nur wer die Kultur anderer Länder und Weltteile kennen und aus sich selbst herauszugehen gelernt hat, kann überall den richtigen Maßstab anlegen. Andere werden gewöhnlich einseitig nach der von ihrer Jugend an gewöhnten Elle messen, vieles minderwertig, verzwickt und verrückt halten, was nicht nach dieser heimatlichen Elle paßt. Und weil die Kultur der Ostasiaten von der unsrigen so sehr abweicht und so selten einsichtige, unabhängige Schilderer fand, ist der Begriff „Chinesisch” bei uns zur landläufigen Bezeichnung für alles Groteske geworden. Daher kommt auch das allgemeine Aufsehen, um nicht zu sagen Erschrecken, als in neuester Zeit solch unabhängige Schilderungen über die wahre Kultur, den wahren Charakter, das wahre Können der Ostasiaten erschienen sind.
Gestützt auf das in Ostasien gesammelte Material habe ich in den letzten zwei Jahren manche der nachstehenden Kapitel in verschiedenen großen Zeitschriften veröffentlicht, und die Thatsache, daß diese Arbeiten von zahlreichen, mitunter von Hunderten anderer Blätter Deutschlands nachgedruckt und in fremde Sprachen übersetzt worden sind, liefert den Beweis, daß sie gerade das enthalten, was man in Europa zu erfahren wünscht. Dieser Erfolg hat mich ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und China und Japan in allgemein faßlichen charakteristischen Darstellungen zu schildern, soweit es dem Einzelnen überhaupt möglich ist. Das Ergebnis ist das vorliegende Buch.
1897.
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Mehr noch als im Jahre des Erscheinens der ersten Auflage hat das in den vorstehenden Zeilen Gesagte seine Richtigkeit. Ostasien tritt immer mehr in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit, immer mehr kommt man in Europa zur Erkenntnis der gegenwärtigen Bedeutung der ostasiatischen Reiche, die sich noch mit jedem Jahre steigern wird. Das große China wird endlich aus seiner mehrtausendjährigen Erstarrung aufgerüttelt und der Erschließung durch Europa entgegengeführt; Japan hat einen weiteren Schritt vorwärts gethan in seiner hochinteressanten Umwandlung zu einem modernen Reich mit abendländischer Kultur und droht ein gefahrvoller Rivale auf den ostasiatischen Märkten zu werden; Rußland tritt durch die Besiedelung Ostsibiriens und den Bau der transsibirischen Eisenbahn als neue gebietende Macht in Ostasien auf; das alte ohnmächtige Korea wird wie ein Spielball zwischen den drei Großmächten umhergeworfen. Durch diese Umwälzungen im fernen Osten werden auch die Beziehungen Europas mit jenen Ländern in andere Bahnen gelenkt, der europäischen Industrie werden neue, trotz des japanischen Wettbewerbs sich immer mehr erweiternde Absatzgebiete erschlossen, dem europäischen Handel wie dem Touristenverkehr winkt ein gewaltiger Aufschwung in naher Zeit.
Ueberzeugt von der Wichtigkeit des chinesischen Marktes und von dem Ringen unter den Industriestaaten des Erdballs, das in Bälde um diesen Markt platzgreifen wird, habe ich seit Jahren getrachtet, die Aufmerksamkeit aller Kreise im Deutschen Reich durch zahlreiche Aufsätze und öffentliche Vorträge auf Ostasien zu lenken und ein kräftiges Eintreten zur Wahrung der großen und berechtigten deutschen Interessen dort herbeizuführen. Dieses Streben ist auch an vielen Stellen der ersten Auflage des vorliegenden Werkes zum Ausdruck gebracht worden, mit gleichzeitiger Betonung der Wichtigkeit eines eigenen deutschen Hafens in China und der Absendung eigener Handelsexpeditionen zum Studium der Märkte.
Früher als allgemein erwartet wurde, sind diese Wünsche zur Erfüllung gekommen. Deutschland hat sich eine Eingangspforte in das chinesische Reich, einen Stützpunkt für die Entwickelung seiner kommerziellen und politischen Interessen in Ostasien geschaffen, mit einem Hafen, auf welchen ich bereits in der ersten Auflage dieses Werkes, lange vor der Besitzergreifung, hingewiesen habe.
Um diesen Hafen und sein Hinterland näher kennen zu lernen und zu schildern, unternahm ich unmittelbar nach der Besetzung Kiautschous eine neue Reise in das deutsche Gebiet und von dort kreuz und quer durch Schantung und die angrenzenden Provinzen nach Peking. Die Ergebnisse dieser Reise, welche ursprünglich in dem 1900 erschienenen Werke „Schantung und Deutsch-China” (Leipzig, J. J. Webers Verlag, Preis 14 Mark) niedergelegt wurden, sind kurz zusammengefaßt mit in die vorliegende Auflage aufgenommen und bis auf die Gegenwart ergänzt worden. Aber auch sonst hat das vorliegende Werk vielfache Aenderungen und Ergänzungen erfahren, wie schon aus der Vermehrung des Inhalts um hundert Textseiten, 17 Vollbilder und 90 in den Text gedruckten Abbildungen hervorgeht.
Während der genannten Reise von 1898, sowie auf einer darauffolgenden, im Jahre 1900 unternommenen Reise war ich überall bedacht, alles Wissenswerte über das hochinteressante Leben, Thun und Treiben der Bevölkerung, über die Regierung, Kaufleute und Industrielle zu erfahren, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft, Bergbau, Landesprodukte, sowie auch die landschaftlichen Schönheiten und kulturellen Merkwürdigkeiten der geschilderten Länder im touristischen Sinne kennen zu lernen, so daß ich hoffe, daß „China und Japan” auch in der vorliegenden Auflage zur allgemeinen Belehrung und Unterhaltung, dem Geschäftsmann zum Nutzen, dem Touristen zur Führung dienen wird.
1900.
Ernst v. Hesse-Wartegg.
Inhaltsverzeichnis.
Erster Teil: China.
Seite
Hongkong
Macao
Auf dem Perlfluß
Canton
Die sibirische Beulenpest
Gerichtspflege
Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln
Wie die chinesischen Jungen das ABC lernen
Meine erste chinesische Mahlzeit
Speisen und Getränke der Chinesen
Shanghai
Europäische Republiken in China
Chinesische Seide und ihre Metropole
Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen
Der Haarzopf der Chinesen
Tschinkiang
Nanking
Wie die Chinesen Theater spielen
Chinesischer Thee und seine Metropole
Hankau als Handelsstadt
Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte
Tsingtau und Deutsch-China
Quer durch Schantung
Der Kaiserkanal
Tientsin
Die Hauptstadt des chinesischen Reiches
Kwang-Su, der Kaiser von China
Hofhaltung beim Kaiser von China
Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe
Die Umgebung von Peking
Die Große chinesische Mauer
Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen
Wie die Chinesen Verdienste ehren
Die Mandarine
Die geheimen Gesellschaften Chinas
Chinesisches Zeitungswesen
Geld- und Bankwesen
Wie die Chinesen ihre Briefe befördern
Chinesisches Militär
Die christlichen Missionsanstalten in China
Verkehrswege im Innern von China
Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel
Zweiter Teil: Japan.
Seite
Nagasaki
Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe
Yokohama
Die Hauptstadt des Mikadoreiches
Der Kaiser von Japan und sein Hof
Die vornehme Gesellschaft
Die Japanerin
Japanische Frauentoilette
Japanische Jugend
Hymens Fesseln bei den Japanern
Eine Erdbebenkatastrophe
Modernes Theaterwesen in Japan
Danjuro, der Salvini von Japan
Litteratur und Zeitungswesen in Japan
Das Heerwesen der Japaner
Straßenleben in Tokio
Spazierfahrten im mittleren Japan
Kioto, die alte Hauptstadt von Japan
Daimondschi, das japanische Totenfest
Japanische Musmis
Die Geishamädchen
Japanische Ringkämpfer
Wie die Japaner in ihrem Lande reisen
Ein Birmingham des fernen Ostens
Auf dem Gipfel des Fudschiyama
Ikao, ein japanisches Karlsbad
Nikko, eine japanische Tempelstadt
Japanische Blumenfeste
Formosa
Japan als Industriestaat
Dschiudschutsu
Erster Teil:
China.
Kartogr. Anst. C. Starke, Leipzig sc.
Hongkong.
Als wir, von dem sonnigen heißen Hinterindien kommend, nach mehrtägiger Seefahrt in den Hafen von Hongkong dampften, war der erste Eindruck dieses vielgerühmten englischen Emporiums von Ostasien keineswegs ein angenehmer. Der Morgen war feucht und kalt, die See unruhig, ein dichter Wolkenschleier verhüllte die Spitzen der zweitausend bis viertausend Fuß hohen Berge, welche die Bucht von Hongkong einschließen, und wir sahen davon nichts weiter als die massigen, mehrere Stockwerke hohen Granitpaläste, die sich amphitheatralisch die steilen Anhöhen emporziehen, und die weite windgepeitschte Wasserfläche, auf welcher sich unzählige Ozeandampfer, Dschunken und Sampans schaukelten. Etwa einen halben Kilometer von den Ufern gingen wir vor Anker, und sofort war unser Schiff von einer Menge von kleinen chinesischen Booten umschwärmt, deren halbnackte Insassen uns laut schreiend und lärmend ihre Dienste anboten. Wären sie nicht gewesen, wir hätten uns ebensogut in Portsmouth oder Plymouth glauben können, so durchaus englisch erschien uns Hongkong an diesem nebeligen Morgen. Während wir noch unschlüssig waren, uns bei so bewegter See den kleinen Chinesenbooten anzuvertrauen, und uns über den recht fühlbaren Mangel von Anlegebrücken in einem so großen Welthafen wunderten, kam glücklicherweise für uns wenige Passagiere eine kleine Dampfbarkasse angefahren, die uns nach viertelstündiger Fahrt ans Land brachte.
Hier, rings um Peddar Street Wharf, erschien uns Hongkong noch viel englischer, als vom Wasser gesehen. Vor uns eine gerade Straße, zu beiden Seiten von hohen englischen Geschäftshäusern eingefaßt, links an der Ecke ein riesiges englisches Hotel, das uns aufnehmen sollte, rechts eine englische Postoffice, in der Mitte, am Kreuzungspunkt einer zweiten, natürlich Queens Street genannten Straße, ein plumper, englischer Glockenturm; über den Kaufläden nur englische Aufschriften: English Pharmacy, English Book Store, Public House, Drinking Bar, Gin, Brandy, England for ever!
Brr! Welche Enttäuschung! Wir hatten auf den Sundainseln, in Malakka, Siam, Kambodscha, in der malerischen fremdartigen Pracht der Malayenwelt geschwelgt, wir hatten uns schon so sehr auf China gefreut und von Pagoden und Buddhatempeln geträumt. Statt dessen wurden wir durch diese englische Provinzstadt in die nüchterne, schmutzige Alltagswelt zurückversetzt. Im Hongkonghotel gab es schlechte englische Küche, in den weiten Korridoren liefen die Ratten umher, und die Mehrzahl der Zimmer war unbewohnt. Nicht viel besser war der Eindruck, den wir auf unsern ersten Gängen zu jenen Geschäftshäusern erhielten, an welche wir Empfehlungsbriefe abzugeben hatten, englische und deutsche. Im Gegensatz zu dem herzlichen, gastfreien Empfang in Singapore, Colombo, Bangkok, Batavia etc. war die Aufnahme durch die deutschen Kaufherren von Hongkong frostig, von Einladungen, Einführung im Klub u. dergl. gar nicht zu sprechen. Aber die Briefe mußten doch abgegeben werden. Wir waren nun frei und konnten uns nach Herzenslust das, was Hongkong an Interessantem bietet, ansehen.
Da fanden wir denn doch, daß in Hongkong geradezu alles interessant ist. Hongkong ist die Eingangspforte in das gewaltige chinesische Reich, die englisch geschriebene Vorrede zu jenem mit sieben Siegeln verschlossenen Buche, China geheißen, und die beste Einführung in dasselbe. Gleichzeitig ist es aber eine der großartigsten Schöpfungen englischen Unternehmungsgeistes, der hier auf dieser kahlen Granitinsel binnen fünf Jahrzehnten einen der wichtigsten Handelshäfen der Welt geschaffen hat. Noch leben hier chinesische Fischer, welche sich des Tages erinnern, als das erste englische Schiff an ihrer einsamen, gottvergessenen Felseninsel anlegte. Das war im Jahre 1845. Heute ist diese Insel ein wahres Paradies, und an ihrer Nordseite zieht sich in einer Länge von etwa sechs Kilometern eine Großstadt von 300000 Einwohnern hin, während das zwanzig Quadratkilometer große Wasserbecken vor ihr in jedem Jahre 20000 Schiffe mit acht bis neun Millionen Tonnen Gehalt beherbergt. Täglich kommen fünfzig Schiffe, täglich verlassen ebensoviele den Hafen, nach allen Ländern der Alten und Neuen Welt bestimmt, und der Handel, der in dieser kleinsten aller englischen Kolonien getrieben wird, erreicht in jedem Jahre beinahe tausend Millionen Mark!
Das Hongkonghotel und der Klub in Hongkong.
Man kommt in Hongkong aus der Verwunderung nicht heraus, teils über die unglaublichen Leistungen der Handvoll Engländer, welche hier ansässig sind, teils über die fremdartige chinesische Kulturwelt, die sie rings umgiebt und durch ihre Masse anscheinend zu erdrücken droht, während sie thatsächlich mit Leichtigkeit durch diese Handvoll Engländer gelenkt und beherrscht wird. Nur auf dem kleinen, eingangs erwähnten Teil von Hongkong, rings um Peddar Street, tritt der englische Provinzialstadtcharakter so unangenehm auf. Die schwere, massige Bauart der Häuser, der Gegensatz zu den luftigen, verandenumgebenen Bungalows von Singapore oder Colombo, hat seine Begründung. Hongkong liegt leider mitten im schlimmsten Taifungebiet, und diese furchtbaren Stürme würden leichtere Häuser, Veranden, Dächer und dergleichen spielend fortreißen. Die Stadt hat das schon mehrfach erfahren. Im Jahre 1874 wurden durch einen Taifun während einer halben Stunde über tausend Häuser vollständig zerstört, und Tausende von Menschen verloren dabei ihr Leben. Deshalb diese steinernen Arkaden an Stelle der luftigen Veranden, deshalb die schweren eisernen oder hölzernen Läden an den Fenstern, die sofort geschlossen werden, wenn von dem Taifunobservatorium auf der gegenüberliegenden Halbinsel Kowloon als Warnungssignal die drei gefürchteten Kanonenschüsse ertönen.
Von meinen Fenstern im fünften Stock des Hongkonghotels zeigte sich am Morgen nach meiner Ankunft Hongkong, seinem Rufe entsprechend, in viel freundlicherer, großartigerer Weise. Die helle, warme Sonne überstrahlte die weite Bucht, die mit Tausenden von Schiffen aller Art, von den winzigen Pantoffelbooten bis zu den größten Ozeandampfern besäet war und sich belebter zeigte als irgend einer der Welthäfen, die ich auf meinen fünfundzwanzigjährigen Reisen durch alle Kontinente gesehen habe. Gegen Norden, jenseit der etwa zwei Seemeilen breiten Bucht, auf dem chinesischen Festlande, leuchteten in einer langen Linie die weißen Warenhäuser, Kasernen und Hongs von Kowloon, umgeben von einem Kranz üppiger Gärten, und über diese erheben sich kahle, steile, zerklüftete Höhen von eigentümlicher roter Färbung, schon zu China gehörig. Zu meinen Füßen lag die Stadt Hongkong oder, wie sie eigentlich heißt, Viktoria. Der 600 Meter hohe, steile Berg, an dessen Fuß sie liegt, hat ihr nicht viel Platz zur Ausbreitung gelassen, und so ziehen sich nur zwei oder drei lange Straßen dem Meeresufer, hier Praya genannt, entlang, zu beiden Seiten mit mehrstöckigen Granithäusern besetzt, die im untersten Stockwerk Arkaden für die Fußgänger besitzen. Zahlreiche Querstraßen führen von der Praya den Berg hinan und verlieren sich dort in dem Grün prachtvoller Gärten mit subtropischer Vegetation. Palmen mit schön geschwungenen Wedeln, Bananen mit ihren mächtigen Blättern, hohe Araukarien, Kakteen und Agaven der verschiedensten Art zeigen sich dort, und inmitten dieser zaubervollen Flora erheben sich stattliche Villen und Paläste, Kirchen mit hohen Türmen. Ganz oben an der Spitze des Peak grüßt von einem hohen Mastbaum die stolze britische Flagge herab. Fürwahr, wenige Häfen der Erde können sich an Schönheit und Großartigkeit mit Hongkong messen, vielleicht Rio de Janeiro, San Francisco, Neapel allein. In seiner Anlage erinnerte mich Hongkong ein wenig an Genua, der Hafen mit seinem stolzen Peak dagegen an Gibraltar; Kowloon ist sein Algeciras. Und ist nicht Hongkong in der That das Gibraltar von China? Wie der Dschebel al Tarik, so ist auch der Peak, der mit seinen Vorbergen und kleinen vorgelagerten Inselchen die Einfahrt nach dem Süden des chinesischen Reiches beherrscht, mit kanonengespickten Festungswerken versehen, und überdies steht eine eigene Flotte im Dienste von Hongkong, während in den drei großen Kasernen einige tausend Mann englischer Linientruppen untergebracht sind. Welch hohen Wert England auf diesen äußersten gegen Osten vorgeschobenen Posten seines Weltreiches legt, geht aus der Thatsache hervor, daß es gegen zwanzig Millionen Mark zu seiner Befestigung verwendet hat; überdies trägt die aus wenigen tausend Europäern bestehende Kolonie jährlich über drei Millionen Mark zu Verteidigungszwecken bei. Unter dem Schutze der Kanonen und Bajonette von Hongkong hat sich nicht nur der englische Handel, sondern auch jener der andern europäischen Staaten, vor allem der deutsche, so mächtig entwickelt, und wir müssen England dafür dankbar sein; denn ohne Hongkong hätte sich dieser deutsche Handel, der hier jenem Englands an Umfang zunächst steht, niemals so ausbreiten können. Die englische Flagge hat auch den deutschen Kaufmann beschützt. Die Engländer haben nicht nur für sich, sondern auch für die andern Nationen die Kastanien aus dem chinesischen Feuer geholt. Ja mehr noch, die Chinesen selbst sind ihnen dankbar; denn nahe an 300000 bezopfte Söhne des Reiches der Mitte haben hier auf dem winzigen Stück englischen Bodens Zuflucht, Sicherheit, Rechtsschutz, Lebensunterhalt, ja Reichtum gefunden. Der großen Mehrzahl nach sind sie loyale Unterthanen der Königin Viktoria geworden, und der Geburtstag dieser Herrscherin wird von den Chinesen in Hongkong ebenso festlich gefeiert wie von den Engländern.
Die Chinesen bilden auch den weitaus größten und merkwürdigsten Teil der Bevölkerung der Kolonie, die sonst auch zahlreiche Angehörige aller Nationen Europas, dann Amerikaner, Malayen, Japaner, Indier, Araber etc. aufweist. Alle die asiatischen Bürger von Hongkong haben dabei ihre eigentümlichen malerischen Trachten beibehalten, so daß man bei einem Spaziergang durch die Hauptstraße, die Queen Street, sozusagen eine lebende Völkerkarte studieren kann. Nur die Peddar Street ist spezifisch englisch; verläßt man aber das Hongkonghotel durch den nach der Queen Street führenden Ausgang, so ist man sofort in dem denkbar internationalsten Verkehr: Parsis mit ihren schwarzen gestickten Cereviskäppchen, Malayen mit ihren schürzenartigen Sarongs, Araber im weißen Burnus, Japaner in ihren Kimonoschlafröcken, Indier mit mächtigen Turbanen. Ein Teil der Polizisten von Hongkong besteht aus baumlangen Indiern, und die europäischen Kolonisten der Stadt unterhalten zu ihrem persönlichen Schutz ein Regiment von Sikhs, die wohl englische Uniform tragen, aber die hohe, brennrote Zuckerhutmütze beibehalten haben; dazwischen englische Soldaten und schottische Hochländer mit nackten Knieen und karrierten Jacken, Matrosen von den Kriegsschiffen aller möglichen Nationen. Man hört die verschiedensten Sprachen sprechen, sieht die verschiedensten Begrüßungsarten, aber der äußere Rahmen, die Straßen, Häuser, städtischen Einrichtungen sind durchaus englisch, was die Seltsamkeit des Eindrucks noch erhöht.
Selbst die Chinesen wohnen in mehrstöckigen Häusern. Man braucht in der Queen Street von dem Glockenturm nur wenige hundert Schritt nach Osten oder nach Westen zu gehen, um mitten in die Chinesenviertel zu kommen. In dem englischen Teil dieser interessanten Völkerstraße sieht man die Chinesen nur als Compradores (Angestellte) in den verschiedenen Geschäftshäusern, hie und da auch einen vornehmen Laden, von Chinesen gehalten, und seine Insassen zeigen durch ihre seidene Kleidung, gute Beschuhung und die unfehlbare Brille auf der Nase, daß sie den wohlhabendern Ständen angehören. Sonst sieht man hier nur Kulis im Dienste der Weißen, Lastträger, Straßenkehrer, Rickshaw Boys und Sänftenträger. Wagenverkehr ist in den steil ansteigenden Straßen Hongkongs unmöglich; ebenso unmöglich wäre er in den wenigen ebenen Straßen wegen des unglaublichen Völkergetümmels, das dort tagsüber herrscht. Er wird durch die japanische Rickshaw, den zweiräderigen, von einem Kuli gezogenen Handwagen ersetzt; an den Straßenecken stehen deren immer eine Anzahl in langen Reihen. Kaum zeigt sich ein Europäer vor seiner Hausthür, so wird er sofort von den wild aussehenden, im Sommer halbnackten Rickshaw-Kulis umringt, die ihre Dienste anbieten, fünf Cents, etwa zwölf Pfennig, für die halbe Stunde. Vertraut man sich wirklich einem dieser menschlichen Zugtiere an und hat ihm die Bestimmung zugerufen, so saust es auch schon pfeilschnell mit dem kleinen Handwagen von dannen. Es fährt seinen Passagier straßenauf straßenab und bleibt endlich vor irgend einem beliebigen Hause stehen, das möglicherweise von dem gewünschten Ziel eine Stunde weit entfernt ist. Die Hongkong besuchenden Fremden wissen eben nicht, daß die meisten dieser Kulis nicht ein Wörtchen Englisch verstehen und daran gewöhnt sind, daß man sie mit dem Spazierstöckchen rechts oder links berührend, in stummer Weise etwa ähnlich zu lenken pflegt wie Pferde durch die Zügel. Man kann sich auch dadurch helfen, daß man in irgend einen Kaufladen tritt und den Inhaber bittet, dem Rickshaw-Kuli auf Chinesisch das Ziel zu nennen. Wird dies unterlassen, so fährt der Kuli seinen Passagier planlos oft stundenlang spazieren.
Der Gouverneurspalast in Hongkong.
Besser sind die Tragstühle, welche von den Europäern Hongkongs mit Vorliebe benutzt werden; jede Familie, jedes Handlungshaus oder Hotel besitzt einen eigenen „Marstall” von Kulis und mehrere Tragstühle, die mitunter sehr kostbar ausgestattet sind. Die Kulis tragen eigene Uniformen; bald sind es blaue Hemden und Beinkleider mit weißen Rändern, bald weiße mit roten Rändern, bald verschiedene Ornamente, Kreise, Quadrate, Monogramme, welche die Tragstuhleigentümer auf Brust und Rücken der Kuli-Uniformen aufnähen lassen. Je wohlhabender oder angesehener die Bürger, desto größer ist die Zahl ihrer Chairkulis; gewöhnlich aber werden die Stühle von zwei bis vier Kulis getragen. Die an den Straßenecken zum beliebigen Vermieten stehenden Stühle werden von zwei Kulis bedient. Die Europäer von Hongkong haben diese Art der Fortbewegung wohl den Chinesen abgesehen. In Canton und allen anderen Städten bedienen sich die Civilmandarine und wohlhabenderen Chinesen, besonders die Frauen, stets eigentümlicher verschlossener Sänften, die auf drei bis vier Meter langen Bambusstangen ruhen. An Stelle der geschlossenen Sänften treten in Hongkong offene Armstühle aus Rattangeflecht, mit einer kleinen an Seilen hängenden Fußbank darunter. Man setzt sich in den Stuhl, die Kulis heben die Tragstangen auf ihre Schultern, und fort geht es in leichtem, raschem Schritt, für 20 Cents (etwa 45 Pfennig) die Stunde. Die Menschen sind hier billiger als die Tiere. Sie erleichtern den Verkehr ungemein, denn in den heißen Sommermonaten ist das Gehen, überhaupt jede Körperbewegung mit großer Anstrengung und Schweißerguß verbunden. Dieser Hitze entsprechend ist auch die Kleidung der Europäer, Herren wie Damen, von Ende Mai bis Mitte September durchweg schneeweiß, und nur im Winter, der zuweilen recht empfindlich kalt sein kann, werden dunkele Kleider getragen. Im Jahre 1892 beispielsweise waren die Abhänge des, wie bemerkt, etwa 600 Meter hohen Peak bis auf die Hälfte herab mit Schnee und Eis bedeckt, dagegen gewährt das breite Plateau auf seinem Gipfel im Sommer stets kühlen, frischen Aufenthalt, und es ist auch dort oben und an den Abhängen eine ganze Stadt prächtiger Villen und Hotels mit Gärten entstanden, welche von dem hier herrschenden Wohlstand und der Leichtigkeit des Erwerbs Zeugnis ablegen. Eine Drahtseilbahn nach schweizerischem Muster verbindet die Geschäftsstadt unten mit diesen Residential Suburbs, in welchen die Familien der Geschäftsleute, hohen Beamten und Offiziere wohnen. Täglich fuhr ich mit dieser durch die schönsten Parkanlagen führenden Bahn hinauf, um der Einladung eines englischen Kaufherrn oder des kommandierenden Generals Folge zu leisten, bis wir schließlich in das reizende Haus des Chefs der größten Handelsfirma von China, Messrs. Butterfield & Swire, übersiedelten. Von dort oben genießt man einen Rundblick über Land und Meer, einzig in seiner Art, und das Bild, welches der mit Tausenden von hellerleuchteten Schiffen und Booten bedeckte Hafen tief unter mir, sowie die Straßen der Stadt mit ihren langen Reihen vielfarbiger riesiger Lampions darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Welche Großstadt von 300000 Einwohnern besäße auch auf der einen Seite einen solchen Hafen, auf der andern einen so gewaltigen Berg?
Interessant ist es auch zuweilen, auf den gut gepflegten Wegen zu Fuß nach Hongkong herabzusteigen, an Palästen vorüber, welche die Europäer mit chinesischem Gelde sich hier errichtet haben, und durch üppige Gärten, von denen jene des Gouverneurs und des Militärbefehlshabers wohl die schönsten sind. In ihrer Mitte erheben sich die durch Pracht und Eleganz gleich ausgezeichneten Residenzen dieser beiden Beamten, das Government House und das Headquarter House. Anschließend an sie breitet sich auf einer Terrasse der entzückende Botanical Garden aus, eine öffentliche Parkanlage, wie geschaffen für den Sammelplatz der vornehmen Welt. An ihrer Statt begegnete ich auf meinen Spaziergängen gewöhnlich nur Fremden, welche sich diesen aus dem nackten Granitboden gezauberten Feengarten ansehen wollten. Sonst bleiben diese von chinesischen Gärtnern mit Liebe und peinlichster Sorgfalt gepflegten Anlagen nur blassen, schwachen Kindern von Weißen oder Mischlingen überlassen, die unter der Obhut chinesischer oder indischer Wärterinnen hier mit Steinchen oder Federball spielten. Höchstens daß zuweilen chinesische Damen der bessern Stände mit ihren verkrüppelten, Ziegenhufen nicht unähnlichen Füßchen hier im Schatten herrlicher Koniferen mühsam einherhumpeln. Die „Fashionables” der Kolonie aber meiden den Botanischen Garten und versammeln sich dafür an bestimmten Tagen auf den neben der City Hall, dem anspruchsvollen Rathause, gelegenen Cricket Grounds, um unter den Klängen einer Militärmusik den Cricketmatch anzusehen. Von den Deutschen behauptet man, daß, wenn ihrer zwei irgendwo in Afrika oder Asien zusammenkommen, sie sofort einen Gesangverein gründen. Dasselbe kann man von den Engländern in Bezug auf Cricket sagen. Auf dem Hongkonger Cricket Ground, dem einzigen ebenen Platz der Stadt, wird von den merkantilen Gentlemen der Kolonie im Verein mit den Offizieren Cricket mit einem Eifer gespielt, als wären sie auf den Grounds von St. John’s Wood oder im Hurlingham Club. Unter großen Feldschirmen sitzen die Damen in den elegantesten Toiletten und sehen stundenlang dem Spiele zu oder nehmen in dem reizenden Pavillon der Grounds Erfrischungen, ein Bild, das man wohl in London zu sehen gewohnt ist, das aber hier in China geradezu befremdet. Beliebte Ausflüge der fashionablen Welt sind auch die mit ungeheuren Kosten aus den Granitfelsen gesprengten und mit Koniferen beschatteten Wege, die nach dem Happy Valley mit seinen Friedhöfen und dem Pferderennplatz führen. Dort hinauf, auf den Kennedy Road oder Bowen Road, lassen sich die Damen nachmittags in ihren eleganten, in der kühleren Jahreszeit mit Pelzen und Teppichen bedeckten Chairs tragen; dort, in den reizenden Parkanlagen, bringen sie Stunden mit Lektüre oder Geplauder zu, während ihre uniformierten Kulis in der Nähe auf dem Rasen lagern. Am Ende dieser beiden Roads liegt das breiteste Thal der Insel, das Happy Valley, wohl in Erinnerung an die geflügelten Worte so benannt, welche Solon an den Krösus richtete: Nemo ante mortem beatus. Fürwahr, die Friedhöfe von Hongkong sind die schönsten Plätzchen der ganzen Insel, die schönsten auch, die ich in China gesehen habe. Bambushecken, mit Stämmen, die bis über fünfundzwanzig Meter emporschießen, umgeben diese Ruhestätten der Toten. Jede Religion besitzt hier ihren eigenen Friedhof. Der erste ist jener der Mohammedaner, dann folgt der mit besonderer Sorgfalt gepflegte der Katholiken, prachtvolle Monumente enthaltend, dann jener der Protestanten, der größte von allen; in einiger Entfernung schließt sich daran der Friedhof der Parsen, dann jener der Hindu, und schließlich der jüdische, während der Friedhof der Chinesen auf der entgegengesetzten Seite sich die Anhöhe hinaufzieht. Mit Ausnahme des letztgenannten zeigen sich diese Ruhestätten eher wie wohlgepflegte, schattige Parks, eine Fortsetzung der Palmenhaine des vor ihnen gelegenen Rennplatzes, auf dem zur Zeit der Wettrennen (mit chinesischen Ponies) ein ähnliches großstädtisches Leben herrscht wie in unseren europäischen Hauptstädten.
Der Peak in Hongkong mit einem Teil der Stadt.
Eine breite Fahrstraße führt von dort längs des Hafens nach Hongkong zurück, auf der Landseite mit Fabriken, Maschinenwerkstätten und Kasernen besetzt. Hier liegt das Militärspital, umgeben von einem Garten, anschließend daran das Marinearsenal, weiter der große, palastartige Bau, welcher die Offizierswohnungen enthält. Jedes irgendwie verfügbare Plätzchen ist von stattlichen Bauten eingenommen, die auch einer europäischen Großstadt Ehre machen würden. Da sich aber Hongkong von Jahr zu Jahr mit Riesenschritten weiter entwickelt, so ist man eben daran, dem Hafen längs des ganzen Ufers von Hongkong einen breiten Landstreifen abzugewinnen. Vor dem Hongkonghotel ist dies bereits geschehen, und dort erhebt sich eine große Statue zu Ehren der Königin Viktoria, für die man sonst gar kein Plätzchen mehr gefunden hätte.
Ja, die guten Europäer, die auf diesem Stück chinesischen Bodens eine neue Heimat gefunden haben, verstehen es zu leben und das, was ihnen durch die große Entfernung von ihrem europäischen Mutterlande abgeht, durch eigene Schöpfungen reichlich zu ersetzen. Ihre Einkünfte sind groß und werden leicht verdient. Die Geschäftsstunden beginnen spät am Tage und sind um fünf Uhr abends wieder vorüber; nur an „Steamer Days”, d. h. an den Tagen der ein- und auslaufenden Postdampfer ist die Arbeit anhaltender. Die Europäer sind die Herren der Insel. Alle körperlichen Verrichtungen werden ihnen durch Kulis, Diener, Aufwärter chinesischer Rasse abgenommen, und selbst dem ärmsten Irländer würde es hier nicht im Traum einfallen, irgend eine Dienerstelle zu bekleiden, wäre es auch beim Gouverneur. Die Europäer haben ihre Klubs, ihre Vereine, Gesellschaften, Konzerthallen und Theater, in welchem zuweilen Wandertruppen ihre Vorstellungen geben, und in den unteren Räumen des Rathauses haben sie sogar ein reichhaltiges Museum von chinesischen Merkwürdigkeiten gegründet.
Auf den Weltreisenden wird das europäische Hongkong weniger Anziehungskraft ausüben als das chinesische. Die ganze chinesische Kultur in allen ihren höchst merkwürdigen Phasen und Einzelheiten zeigt sich ihm hier, ohne daß er zu reisen oder auf seine europäische Bequemlichkeit zu verzichten braucht. In den Kaufläden der Queen Street findet er alle Produkte Chinas in Hülle und Fülle; er kann die schönsten Porzellane, die kostbarsten Silberarbeiten, Holzschnitzereien, Stoffe und Stickereien erwerben, er kann das chinesische Post- und Bankwesen, die Opium- und Spielhöllen, Theater, Vergnügungen kennen lernen; er wird chinesische Hochzeitszüge, Prozessionen, Leichenbegängnisse, Festlichkeiten sehen, ohne daß er sein Hotelfenster zu verlassen braucht. Und wandert er wirklich durch das Gewirr der engsten, schmutzigsten Gäßchen, die Zufluchtsstätten des schlimmsten Gesindels, so kann er es in vollkommener Sicherheit thun; denn überall befinden sich europäische, indische und chinesische Polizisten, die, bei Tag mit Stöcken, zur Nachtzeit mit Gewehren bewaffnet, für seine Sicherheit sorgen. Die Chinesen wissen dies wohl und fügen sich, ja sie werden von den jungen Hongkonger Herrchen in ihrem Uebermut häufig mit Roheit behandelt, ohne sich darüber aufzuhalten. Ich habe mehrfach gesehen, wie diese Europäer, darunter leider auch Deutsche, Chinesen ohne alle Ursache, vielleicht nur weil sie nicht schnell genug aus dem Wege gingen, mit Püffen, Stockschlägen und Fußtritten bearbeiteten. Freilich ist Hongkong auch der Sammelplatz sehr böser Elemente, die Zufluchtsstätte des Gesindels von Canton, Swatau, Futschau und anderer Häfen. Die chinesischen Wohnungen in den hohen europäischen Häusern, welche die mitunter kaum zwei Meter breiten Gäßchen einfassen, starren vor Schmutz; in den Gäßchen selbst ist übelriechender Unrat aufgehäuft, und die gräßlichste Verkommenheit, das größte Elend, treten einem entgegen. Die Kolonialregierung hat dort vieles versäumt und ist viel zu nachsichtig vorgegangen; gerade während meiner Anwesenheit in Hongkong bildete dieses Chinesenviertel einen dankbaren Herd für die furchtbare Beulenpest, die, von Canton ausgehend, sich über das südliche China verbreitete. Aehnlich wie es in der vornehmen, glänzenden Hauptstadt des englischen Weltreiches, in London, Stadtteile giebt, die als eine Schmach europäischer Kultur bezeichnet werden können, ebenso zeigt sich neben dem stolzen, glänzenden europäischen Hongkong das chinesische als eine wahre Brutstätte des Lasters, mit Spelunken, Spielhöllen und Orten der größten Verworfenheit, die leider von den Matrosen der europäischen Schiffe nur zu häufig aufgesucht werden. Im Jahre 1894 konnte die Verwaltung der Kolonie der Beulenpest, die in diesem Stadtviertel wütet, nicht anders Herr werden, als indem sie einen Teil einäschern, einen anderen vollständig neu umbauen ließ. Aber diese Maßregeln hätten vorher, nicht nachher ergriffen werden müssen. Durch die Sorglosigkeit und den Leichtsinn der europäischen Stadtverwaltung hat der Handel Hongkongs zeitweilig sehr gelitten. Ueber 80000 Chinesen flüchteten sich während der Epidemie aus der verpesteten Stadt; viele Tausende wurden dahingerafft. In diesem Chinesenviertel umherwandernd, wunderte ich mich, wie die Söhne des Reiches der Mitte gerade einem solchen Orte den Namen „wohlriechendes Wasser” gegeben haben konnten; denn das ist die Bedeutung des Wortes Hiang Kiang. Der Name Hongkong ist nur der Cantoner Dialekt dafür, und diesen haben die Europäer angenommen.
Chinesische Spielkarten.
Macao.
In Hongkong wurde mir der Besuch von Macao von jedem Menschen, mit dem ich darüber sprach, abgeraten. Macao sei heute ein altes, dem vollständigen Verfalle rasch entgegeneilendes Nest ohne irgendwelches Interesse. Was in Macao zu sehen wäre, würde man viel besser in Hongkong selbst, oder in der berühmten Zweimillionenstadt Canton sehen, und jeder Tag, den man Macao widme, sei ein verlorener Tag. Hongkong hatte eine Zeit lang gute Ursache, auf die alte Portugiesenstadt an der Mündung des Perlflusses eifersüchtig zu sein, damals, als es selbst noch in den Kinderschuhen steckte, während Macao der größte und herrschende fremde Hafen von China war. Aber diese Zeiten sind vorüber, und die guten Hongkonger sollten den von ihrer Größe gefallenen Rivalen ein freundlicheres Andenken bewahren. Es thut besonders den Chinesen gegenüber nicht gut, wenn Europäer verschiedener Nationen so schlimm voneinander sprechen, wie es die Bewohner Hongkongs von jenen Macaos thun. Dieser Zwiespalt und diese kleinlichen Eifersüchteleien waren schon vor dreihundert Jahren die Ursache, daß sich die Chinesen die unangenehme streitsüchtige Gesellschaft verbaten und sich gegen alle Europäer ohne Unterschied der Nation absperrten. Ohne sie wäre China vielleicht schon seit Jahrhunderten geöffnet und dem europäischen Verkehr ergeben.
Ich ließ mich von den Hongkongern nicht abhalten, Macao doch einen Besuch zu machen, denn Macao ist nicht allein eine Stadt von größtem historischen Interesse, sondern hat auch heute noch unableugbare Bedeutung. Wohin mich meine Reisen in Ostasien auch führen mochten, von Singapore und Batavia bis nach dem nördlichen Japan und Korea, überall traf ich Portugiesen aus Macao als Geschäftsleute an. Sie waren nicht immer reine Portugiesen, sondern vielfach vermischt mit chinesischem, arabischem, malayischem, japanischem Blut, eine merkwürdig abenteuerliche, unstäte, leidenschaftliche Mischlingsgesellschaft, aber man nennt sie in Ostasien doch allgemein, wenn auch mit Unrecht, Portugiesen und giebt Macao als ihre Heimat an.
Macao wurde schon im Jahre 1557 von den Portugiesen gegründet, die, damals auf ihrer kommerziellen Höhe stehend, den Handel nicht nur mit China, sondern mit der ganzen ostasiatischen Welt beherrschten. Durch die Schaffung eines festen Stützpunktes in China waren ihnen die Mittel in die Hand gegeben, diese Herrschaft auch in späteren Zeiten aufrecht zu erhalten. Aber sie haben es nicht verstanden. In ihrem Uebermut, in der Leichtigkeit, mit welcher sie damals große Vermögen erwerben konnten, in dem Bewußtsein ihrer militärischen Kraft gegenüber den ostasiatischen Völkern ließen sie sich zu unvernünftigen Bedrückungen, Roheiten und willkürlichen, ungerechten Schritten verleiten. Als die Holländer und Engländer in Ostasien erschienen, wurden mit diesen Händel angefangen, statt einig mit ihnen vorzugehen, wie es heute geschieht, und diese unkluge, abenteuerliche Politik hat dem europäischen Handel einen Schaden zugefügt, der in seinem Umfang ganz unberechenbar ist. Ist Macao die Wiege dieses Handels zwischen Europa und Ostasien, so ist es auch gleichzeitig sein Grab, und die heutige verfallene Portugiesenstadt im Süden Chinas zeigt in ihren verlassenen Warenhäusern und vereinsamten Palästen die Grabsteine ihrer einstigen Größe. Hongkong und Canton haben die Erbschaft angetreten. Die Tausende von Schiffen, welche jährlich in die weite Bucht des Perlflusses einlaufen, dampfen an Macao vorüber, um ihre Schätze in dem englischen Emporium abzuladen, das auf der östlichen Seite dieser Bucht, Macao gegenüber, liegt. Mit Macao wird nur noch spärlicher Verkehr unterhalten. Täglich läuft ein kleiner Dampfer von Hongkong in mehreren Stunden nach der Portugiesenstadt, um am nächsten Tage nach Hongkong zurückzukehren. Leicht könnte der Ausflug in einem Tage gemacht werden, wenn nicht zwischen den Schiffskapitänen und den Hotels von Macao ein zärtliches Einvernehmen bestände, durch welches die Besucher dieser portugiesischen Kolonie veranlaßt werden, dort eine Nacht zuzubringen. Aber diese gewährt ihnen dafür Gelegenheit, eine der interessantesten Eigenheiten Macaos kennen zu lernen, nämlich die zahlreichen Spielhöllen. Sie haben Macao zu dem Namen „das Monte Carlo von Ostasien”, dem berüchtigten Baccaratspiel zu dem Namen „Macao”, den Dampfern zu dem Spitznamen „Gambling Steamers” und, last not least, der Verwaltung von Macao zu der reichsten Einnahme verholfen.
Wenn man sich nach zuweilen recht stürmischer Fahrt zwischen zahlreichen Dampfern, chinesischen Dschunken und Fischerbooten hindurch Macao nähert, so gewährt diese Stadt einen ungemein malerischen, um nicht zu sagen großartigen Anblick. Amphitheatralisch ziehen sich die Häuser, überhöht von zahlreichen Kirchen und Türmen, eine sanfte Anhöhe empor, gegen die Küste zu von einer Palastreihe begrenzt, wie sie wohl keine andere Stadt Chinas aufzuweisen hat. An beiden Enden von alten Festungswerken beschützt, zieht sich diese Praya grande anderthalb Kilometer dem Meeresstrand entlang, das Regierungsgebäude, das Rathaus und andere öffentliche Gebäude enthaltend. Leider können die Passagiere größerer Dampfer das herrliche Panorama der Stadt mit ihrem Kranz grüner Berge dahinter nur aus der Ferne bewundern, denn der Hafen versandet immer mehr und ist nur kleinen Dampfern, sowie Dschunken zugänglich. Die großen Ostasiendampfer müssen sechs bis acht Kilometer weit draußen in der Bucht vor Anker gehen, und mit der schlechten Verwaltung und der Konkurrenz von Hongkong hat wohl auch dieser Umstand am meisten zu dem Verfall von Macao beigetragen.
Dieser Verfall zeigt sich dem Besucher der Stadt nicht so sehr in den Gebäuden, als in der Stille und Geschäftslosigkeit, die in den engen, durchaus südeuropäischen Gäßchen herrscht. „La Cidade do Santo Nome de Deos en China” heißt die Stadt im Portugiesischen, und sie trägt auch ganz den portugiesischen Charakter mit ihren vielen Klöstern und Kirchen, von denen die schönste, im Jahre 1835 durch eine Feuersbrunst eingeäschert, leider heute nur noch eine traurige Ruine ist. Der Name „die Stadt des heiligen Namens Gottes in China” hat leider auf die Bevölkerung keinen besonders günstigen Einfluß gehabt. Ihrem Leben und Treiben nach zu urteilen, scheint sie vielmehr dem Chinesengötzen Ama zu huldigen, dessen Standbild früher auf dem Platze stand; aus diesem Namen Ama, im Verein mit dem chinesischen Kao (Hafen) entstand Ama-Kao, später verkürzt zu „Macao”. Und doch kann sich dieses verkommene Nest, der letzte Rest der früheren portugiesischen Weltherrschaft, rühmen, einen der größten Gotteskämpfer, den kühnsten und eifrigsten Missionar Asiens, den heiligen Franz Xaver, in seinen Mauern beherbergt zu haben. Er starb auch hier, auf einer kleinen Insel nahebei, im Jahre 1552, ein Zeitgenosse des berühmten Dichters der Lusiade, Camoens, der hier in den Jahren 1550 und 1560 zusammen achtzehn Monate zugebracht hat. Mit Andacht stand ich vor dem bescheidenen Denkmal, das die Portugiesen ihrem größten Dichter hier errichtet haben, bei der Grotte, in die er sich zurückzuziehen pflegte, um seinen Träumen, seinen Dichtungen nachzuhängen. Was würde er, der in der Machtperiode seines Vaterlandes gelebt, heute zu Macao sagen, in welchem zu seiner Zeit der Keim zur Beherrschung von China geschlummert hat! Und wie Portugal China verloren hat, so hat es auch mit diesem größten Reiche der Erde das zweitgrößte der Erde, nämlich Indien, verloren. Was Macao in China, das ist Goa in Indien, auch nur ein Denkmal der Unfähigkeit und Habsucht der früheren portugiesischen Machthaber.
Villenviertel von Hongkong auf dem Rücken des Peak.
Die malerischen Anhöhen hinter der Stadt emporsteigend, konnte ich die eigentümliche Lage dieser winzigen Kolonie wahrnehmen. Sie erinnerte mich lebhaft an Gibraltar, das den Spaniern gerade so auf der Nase sitzt wie Macao den Chinesen, nur daß die Anhöhen des letzteren sich nicht entfernt mit dem Felsen des Dschebel al Tarik vergleichen lassen. Auch Macao liegt auf einer langen, nach Süden laufenden Halbinsel, die nur durch einen flachen, sandigen Landstreifen von fünfundsiebzig Meter Breite mit dem chinesischen Hinterlande zusammenhängt. Jenseits davon gewahrte ich die Mauern der chinesischen Stadt Tschingan, das die Portugiesen in Casabranca umgetauft haben. Wie groß aber der portugiesische Landbesitz in Wirklichkeit ist, können sie selbst nicht sagen. Sie haben wohl vor lauter Sklavenverkäufen und Spielen in den chinesischen Spielhöllen während der dreiundeinhalb Jahrhunderte ihres Hierseins noch keine Zeit dazu gefunden. Sie behaupten, ihre Kolonie sei einunddreißig Quadratkilometer groß, ein Zehntel von Schaumburg-Lippe, aber die Chinesen geben ihnen nicht einmal das, ja bis zum Jahre 1887 ließen die bezopften Söhne des Himmels überhaupt keine Ansprüche der Portugiesen zu. Ich erkundigte mich über die eigentlichen Besitzverhältnisse in dem monumentalen Regierungsgebäude auf der Praya. Der überaus höfliche Secretario geral do Governo e Secretario de Legaçao (die Portugiesen lieben lange Titel) widersprach den Angaben der meisten Reisewerke, daß Macao gar keine portugiesische Kolonie sei. Bis 1887 hätten die Portugiesen allerdings dem Kaiser von China eine jährliche Miete von 500 Taëls für die Halbinsel gezahlt. In dem Vertrage des genannten Jahres aber wurde der wirkliche Besitz den Portugiesen zuerkannt. Sie haben, um das zu erreichen, dreihundertfünfzig Jahre gebraucht. Kann man sich da über den Rückgang ihres einstigen Weltreiches wundern?
Die heute noch in Macao lebenden Portugiesen, etwa 5000, sind, wie bemerkt, mit wenigen Ausnahmen Mischlinge, denen man die chinesische oder malayische Mutter an den Schlitzaugen und der dunkeln Hautfarbe sofort ansieht. Keine andere Nation Europas hat ein so erstaunliches Anpassungsvermögen, was mit anderen Worten heißt, keine hat sich für die weibliche Hälfte der dunkelhäutigen Menschenrassen so empfänglich gezeigt, so wenig kaukasischen Rassenstolz entwickelt. Ich habe diese Wahrnehmung in Afrika, in Indien, auf den Sundainseln, in Malakka etc. gemacht und sah sie nun auch in China bestätigt.
Wovon die Portugiesen in Macao leben, ist schwer zu sagen. Während in Hongkong und Canton der denkbar regste Handel und Verkehr herrscht, ist es in Macao still, und das ganze noch vorhandene Geschäftsleben liegt in den Händen der 60000 Chinesen, welche das weitaus bedeutendste, lebenskräftigste und wohlhabendste Element in dieser europäischen Kolonie bilden. Das Streben jedes Portugiesen in Macao scheint es zu sein, in irgend einem andern Hafen Ostasiens Unterkunft und Beschäftigung zu finden, oder in Macao selbst irgend eine Regierungsstelle zu ergattern. Es ist gar nicht zu glauben, welches Beamtenheer hier erforderlich ist, um die einunddreißig Quadratkilometer Landes zu verwalten. Das Sprichwort „Viele Köche versalzen die Suppe” hat sich hier glänzend bewährt.
An die europäische Stadt schließt sich jene der Chinesen an, eben so schmutzig, lärmend, belebt wie das Chinesenviertel in Hongkong, aber die Elemente, die sich hier zusammengefunden haben, sind zum Teil noch verlotterter als dort. In früheren Jahrzehnten steckten die chinesischen Kaufleute hier unter einer Decke mit den portugiesischen in Bezug auf den schmachvollen Menschenhandel, der hier getrieben wurde. Harmlose Chinesen wurden unter allerhand falschen Vorspiegelungen angeworben, auch durch Piraten gewaltsam abgefaßt und als Sklaven nach Peru, Kalifornien oder Mexiko verkauft. Eine halbe Million Seelen fielen den Portugiesen so zum Opfer, bevor die chinesische Regierung die Einstellung dieses Kulihandels erwirken konnte. Damit ging die leichteste und ergiebigste Einnahmequelle den Portugiesen verloren, und so warfen sie sich denn im Verein mit ihren chinesischen Freunden auf das Lotteriewesen, das bei einem so spiellustigen Volke, wie die Chinesen, günstigen Boden finden mußte. Wie früher durch den Kulihandel, so wurden nun durch die Lotterie im wahren Sinne des Wortes spielend ungeheure Vermögen erworben, und auch die portugiesische Regierung gewann durch die Abgaben jährlich Millionen. Um das Geld im Lande zu erhalten, hob die chinesische Regierung das Lotterieverbot in China auf, die in Macao befindlichen Lotteriegesellschaften fanden in neugegründeten Anstalten dieser Art in Canton gewaltige Konkurrenten, und damit versiegte auch diese unlautere Einnahmequelle. Statt der früheren Millionen giebt sie heute der Regierung nur etwa 200000 Mark jährlich. Nun warfen sich die guten Bewohner von Macao, dieser Freistätte des Lasters, auf den Opiumschmuggel. Die Chinesen konnten demselben nicht anders beikommen als durch die Gründung einer neuen Zollstation auf der benachbarten Insel Lappa, und so blieben den Portugiesen nur jene Geschäftchen, welche in Macao selbst betrieben werden können, wo sie die Hand der chinesischen Regierung nicht erreichen kann: die Spielhöllen mit Baccarat und dem chinesischen Fan-Tanspiel, das der portugiesischen Regierung immer noch eine jährliche Einnahme von etwa 600000 Mark abwirft. Während die Kaufleute anderer europäischer Nationen in China ihr Augenmerk auf die kommerziellen Bedürfnisse der Chinesen richten, spekulieren die Portugiesen, wie man sieht, hauptsächlich auf deren Laster und Leidenschaften; kein Wunder, daß sie sich unter Chinesen wie Europäern in Asien keiner besonderen Achtung erfreuen.
In den beiden vorzüglichen Hotels von Macao, dem „Boa vista” und dem auf der Praya Grande (der Strandpromenade) gelegenen Hingkeehotel findet der Besucher immer Führer, welche ihn auf seinen Spaziergängen durch die Chinesenstadt begleiten und die hauptsächlichsten Spielhöllen zeigen. So elegant und einladend, wie jene des europäischen Macao, Monte Carlo, sind sie keineswegs, aber dennoch trifft man in ihnen neben Chinesen auch viele Europäer, Portugiesen wie junge englische Clerks, welche auf den „Gambling Steamers” von Hongkong herüberkommen, um ihr Glück zu versuchen. Aus Neugierde setzte ich selbst auch einigemale auf Fan-Tan und — gewann. Die Einrichtung des Fan-Tantisches ist sehr einfach. Die Spieler setzen sich an die mit 1, 2, 3, 4 bezeichneten Seiten des Tisches und legen ihren Einsatz auf eine derselben. In der Mitte wird ein Haufe von kleinen Münzen oder auch Bohnen, Steinchen etc. zusammengeworfen und mit einer Metallschüssel bedeckt. Sind die Einsätze gemacht, so hebt der Bankhalter die Schüssel ab und zählt den Münzen- (oder Bohnen-)haufen, indem er immer vier und vier davon abstreift. Bleiben eine, zwei oder drei Münzen übrig, so haben jene Einsätze gewonnen, welche auf die mit 1, 2 oder 3 bezeichnete Tischseite gelegt wurden. Bleibt kein Stück übrig, war also die Münzenmenge durch vier teilbar, so streicht der Bankhalter alle Einsätze ein. Es kann aber auch auf alle vier Seiten gesetzt werden, und der Bankhalter zieht einen Teil des Gewinstes für sich ein.
Ein anderes Spiel, das die portugiesische Regierung als Monopol einer Gesellschaft abgetreten hat und aus dem sie eine Einnahme von etwa zweihunderttausend Mark jährlich bezieht, ist das Pak-kap-piu. Die ersten achtzig Schriftzeichen, welche in dem Schulbuche der Chinesen „Die tausend Schriftzeichen Klassiker” enthalten sind, befinden sich auf Papierstreifen aufgedruckt, welche unter die Spieler verteilt werden. Der Bankhalter verkauft nun Karten, welche, auf die Papierstreifen aufgelegt, gerade zehn der achtzig verschiedenen Schriftzeichen bedecken. Bei dem Spiele, an welchem ich in einer der Spielhöllen teilnahm, kostete jede Karte hundert Reis (Macao besitzt die portugiesische Goldwährung). Ich legte meine Karte auf die ersten zehn Schriftzeichen. Der Bankhalter zog nun aus einer verdeckten Schüssel zwanzig Täfelchen und legte sie vor sich auf den Tisch, so daß alle Mitspielenden sie sehen konnten. Jedes Täfelchen enthielt ein Zeichen. Mein Führer hob nun meine Karte auf und sah nach, welche dieser zwanzig gewinnenden Zeichen unter meiner Karte waren. Er zählte deren drei. Ich hatte meinen Einsatz verloren. Hätte meine Karte deren sechs bedeckt, so wäre mir ein Gewinst von hundert Reis zugefallen; bei sieben Schriftzeichen zweihundert, bei allen zehn etwa zehntausend.
Diese beiden Spiele waren in den Spielhöllen, die ich besuchte, die beliebtesten. Aber es wurden deren noch Dutzende andere gespielt, mit Würfeln, Dominos, Bambusstäbchen und den fingerlangen kleinen chinesischen Spielkarten, deren es zwei verschiedene Arten giebt. Ein Spiel mit Dominopunkten auf den Karten zählt deren 32, ein anderes, Ngau-pai genannt und schon seit Jahrtausenden bekannt, besitzt in jedem Päckchen 36 Karten und dürfte wohl das älteste Kartenspiel der Welt sein.
Indessen, weder in Macao noch sonst irgendwo in dem großen Reiche der Mitte beschränken die Chinesen ihre außerordentliche Spielwut auf die Spielhöllen allein. Alt und jung, Männer wie Frauen, reich und arm bis zu dem elendesten Kuli, alles ist von frühester Jugend an dem Spiel ergeben. Man sieht die Chinesen in den Häusern, in den Kaufläden, in Theehäusern, ja selbst in den Vorhöfen ihrer Götzentempel, auf Schiffen und in den Straßen spielen. Jede Gelegenheit wird dazu benützt. Bei meiner Wanderung durch den ungemein reichhaltigen Fruchtmarkt von Macao bemerkte ich ein halbes Dutzend langbezopfter Söhne des Himmels um einen Fruchthändler versammelt, der unter spannender Aufmerksamkeit seiner Zuseher eine Apfelsine schälte. Sorgfältig zerteilte er sie und zählte dann die in ihr befindlichen Samenkörner. Als er das Resultat laut ausrief, wechselten die sechs zusehenden Chinesen Geldmünzen untereinander. Ich konnte mir den Grund nicht erklären. Mein Führer erzählte nun, die sechs Chinesen hätten untereinander auf die Zahl der Samenkörner in der ersten besten Orange gewettet.
Blumenboot.
Auf dem Perlfluß.
Giebt es auf dem Erdball einen Fluß, auf welchem sich ebenso interessantes, reges, malerisches Leben zeigt wie auf dem Perlfluß? Ich kenne ihn nicht. Man könnte die Themse erwähnen und den Hudson bei Neuyork, aber die breiten Rücken dieser Ströme tragen hauptsächlich gewaltige Ozean- und Flußdampfer, Dampffähren, Schleppschiffe und moderne Segler. Sie sind nur Wasserstraßen, dem Verkehr gewidmet, nicht dem Leben. Leben zeigen wohl der Ganges, Nil, Irawaddi und der Menam, allein lange nicht in dem gleichen Maße wie der Perlfluß, besonders auf der achtzig Seemeilen langen Strecke zwischen dem größten Handelsemporium und der größten Stadt des himmlischen Reiches, zwischen Hongkong und Canton. Dort lebt ein großer Teil der Bevölkerung geradezu auf dem Wasser, und während die modernen Dampfer, welche die Europäer auch auf diesem urchinesischen Fluß verkehren lassen, nur dem Transport von Waren und Passagieren dienen, wohnen auf dem Perlfluß Hunderttausende von Menschen. Auf der breiten Wasserfläche dieses trüben, schlammigen, reißenden Flusses werden sie geboren, verbringen sie ihr Leben und sterben; aus seinen Fluten ziehen sie ihre Nahrung, ihren Lebensunterhalt. Sie sind menschliche Amphibien, denen das Leben auf dem trockenen Festlande kaum erträglich scheint, und die sich nur auf ihren Sampans, Fischerbooten und schwimmenden Häusern wohlbefinden.
Man mag in dem ungeheuren chinesischen Reiche reisen, wohin man will, nirgends wird sich die chinesische Eigenart malerischer zeigen als auf dem Cantonflusse und auf dem Wege dahin. In letzter Zeit wird viel von einer Eisenbahn zwischen Hongkong und Canton gesprochen, vielleicht wird man schon in wenigen Jahren das Dampfroß durch die gesegneten Reisgefilde am Kwantung eilen sehen. Aber wer immer in Zukunft Canton besucht, möge die Flußfahrt dahin unternehmen, wenn er das alte China kennen lernen will. Prächtige große Dampfer von mehreren tausend Tonnen Gehalt vermitteln den Verkehr zwischen den beiden so wichtigen Städten. Als ich eines Morgens nach einer raschen Fahrt in der Jinrickishaw durch das schmutzige Chinesenviertel in Hongkong den Dampfer Hankau bestieg, der mich nach Canton bringen sollte, glaubte ich mich auf einem der schwimmenden Passagierpaläste des Hudson zu befinden, so groß und prächtig sind die Dampfer der Hongkong-Canton- und Macao-Dampfergesellschaft. Auch die Einrichtung dieser blendend weißen Schiffe mit ihren geräumigen, eleganten Salons, ihrem Hurricandeck und ihren schönen Kabinen erinnerte mich an die Hudsondampfer. Nur besitzen sie eine bedenkliche Zuthat, die den amerikanischen Flußdampfern fehlt. In einem an den Salon grenzenden Raume prangte ein kleines Arsenal von Schieß-, Stich- und Hiebwaffen, zum Zugreifen bereit, und als mich ein chinesischer Steward mit lang herabhängendem Zopfe in meine Kabine führte, bemerkte ich in dieser, unmittelbar über meinem Bett, einen haarscharf geschliffenen Säbel und einen geladenen Revolver. Vor den zum Zwischendeck führenden Thüren hielten bewaffnete Matrosen Wache und ließen keinen der tausend oder noch mehr chinesischen Passagiere, welche dort unten zusammengepfercht waren, auf das Oberdeck.
Warum diese Sicherheitsmaßregeln? Sie scheinen heute vielleicht überflüssig, aber in früheren Jahren kam es häufig vor, daß sich chinesische Seeräuber als Passagiere auf die Dampfer einschmuggelten und, sobald diese das Insellabyrinth vor der Mündung des Perlflusses erreicht hatten, den Kapitän, die europäischen Offiziere und Passagiere überfielen, um sie auszurauben. Noch vor einigen Jahren ereignete sich dies auf einem solchen Dampfer, und bald nachdem ich Canton wieder verlassen hatte, berichteten die Tagesblätter aus Hongkong von dem Ueberfall eines chinesischen Schiffes durch Piraten in jenen Gewässern. Sie ermordeten die ganze Schiffsmannschaft und führten das Schiff nach einer unbewohnten Insel, wo sie den Anstrich desselben änderten und es für weitere Piratenzüge benützten. In völliger Sicherheit ist man auch heute noch nicht, trotz der englischen Kriegsfahrzeuge und der kuriosen chinesischen Kanonenboote, welche den Patrouillendienst auf dem Perlfluß versehen. Deshalb wird der Wachtdienst auf den Passagierschiffen sehr streng gehandhabt; eine Anzahl Matrosen mit Revolvern und Säbeln sind stets in Bereitschaft, und neben diesen Waffen giebt es noch andere, nicht minder gefährliche. Der Ingenieur unseres Dampfers zeigte mir gerade gegenüber der Eisenthüre, welche zum Zwischendeck führt, die Mündung eines Schlauches, der mit dem Dampfkessel in Verbindung steht. Im Falle von Meuterei braucht der wachthabende Matrose nur einen Hahn zu öffnen, um die ganze bezopfte Gesellschaft mit heißem Dampf abzubrühen.
Während wir, den herrlichen Hafen von Hongkong verlassend, in das Labyrinth kahler, brauner Felseninseln steuerten, welche der eigentlichen Mündung des Perlflusses, der Boca Tigris, vorgelagert sind, besah ich mir die Einrichtung des Dampfers. In den Räumen der ersten Kajüte gleicht alles, wie gesagt, den Hudsondampfern. Eine Eisenthür führt nach der auf demselben Verdeck befindlichen zweiten Kajüte, welche für die Chinesen der besseren Stände bestimmt ist, und an diese schließt sich eine Kajüte für die chinesischen Damen. In der vornehmen Welt Chinas herrscht in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine ähnliche Abschließung wie bei den Mohammedanern, nur daß sich die Chinesinnen niemals verschleiern.
Das Zwischendeck ist für die Chinesen der untern Stände bestimmt. Der ganze verfügbare Raum war mit Zopfträgern angefüllt, die auf mitgebrachten Decken oder Strohmatten lagen oder auf ihren Kisten und Kasten und Kleiderbündeln hockten, denn das Zwischendeck der chinesischen Dampfer besitzt keine Einrichtungsstücke, und jeder Passagier muß für seine Bequemlichkeit so gut als möglich selbst Sorge tragen. Die meisten hatten ihre Tabaks- oder Opiumpfeife im Munde und gaben sich Karten- oder Dominospiel hin; selbst die bettelarmen, halbnackten Kulis, die vielleicht nichts ihr Eigen nannten als das zerlumpte, bis zu den Knieen reichende Beinkleid, ihr einziges Kleidungsstück, und ein paar Sapeken (Kupfermünzen im Wert von einem viertel Pfennig), kauerten gruppenweise auf den kahlen Dielen und frönten dem Spiel. Verkäufer von allerhand Eßwaren, gekochtem Reis, kleinen getrockneten Fischen, Seegras, übelriechenden Eiern und sonstigen abschreckend aussehenden Dingen zogen von Gruppe zu Gruppe, andere verkauften kochendes Wasser für die Theebereitung; hier ließen sich blinde Musiker mit ihren Gesängen, Pfeifen und Gongschlägen hören, dort lauschten Gruppen von Kulis den Märchen und Räubergeschichten von gewerbsmäßigen Erzählern. Auch zahlreiche Frauen befanden sich unter den Passagieren. Die Chinesen sind ein sehr reiselustiges Volk, und der Prozentsatz jener, welche sich auf der Wanderschaft befinden, ist vielleicht größer als bei manchem europäischen Volke. Mütter mit ihren Kindern, junge Mädchen, arme Bootsfrauen und Kuliweiber lagen rauchend, spielend oder mit allerhand Arbeiten beschäftigt auf ihren Binsenmatten. Viele schliefen. Als Kopfkissen dienten ihnen eigentümliche hohle Porzellankästchen in der Form und Größe unserer Bauziegel. Die Atmosphäre in diesen Räumen war trotz der weitgeöffneten Luken geradezu unerträglich. Die kleinen Papierfächer, welche jeder Chinese mit sich führt, waren unausgesetzt in Bewegung; aber der Gestank der Lebensmittel, alten Kleider und Matten, die Ausdünstung von mehr als tausend Menschen, der eigentümliche odeur de Chine, der jedem Gegenstand in diesem Lande anhaftet, konnten weder von den Fächern noch von der stark durchziehenden Seeluft verscheucht werden.
Trotz des ungemein interessanten Anblicks, den die bunt zusammengewürfelte Menge gewährte, eilte ich deshalb bald auf das Verdeck zurück. Wir waren bei den hohen steilen Felsen der Boca Tigris angekommen und fuhren zwischen den starken Batterien hindurch, welche die Chinesen hier zur Verteidigung von Canton durch deutsche Ingenieure haben anlegen lassen. Auch weiterhin zeigen alle Berge, alle Inseln, alle den Fluß eindämmenden Felsen Befestigungen, aber nur solche nach chinesischem Muster. Hohe, blendend weiße Mauern ziehen sich vom Flusse die Anhöhe hinauf und auf der andern Seite wieder herunter. Im Innern dieser so umschlossenen weiten kahlen Räume ist nichts zu sehen als ein oder zwei gemauerte Häuser, welche die Anhöhen krönen, und Steintreppen, welche vom Flusse zu ihnen emporführen. Kanonen, Erdwerke, Waffen, Mannschaften schienen diesen chinesischen Festungen zu fehlen. Die einzigen Anzeichen, daß sich dort Mannschaften befinden mußten, waren zahllose dreieckige Flaggen, weiß mit roten chinesischen Schriftzeichen in der Mitte, oder rot mit weißen Schriftzeichen; zu Hunderten wehten sie auf den Mauern und Gebäuden. Man sagte mir, es würde heute ein hoher Mandarin zur Untersuchung der Festungswerke erwartet, und deshalb der Fahnenschmuck. Ja, wenn die Chinesen mit Flaggen allein Krieg führen könnten!
Weiter stromaufwärts verflachen sich die Ufer, und jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land wurde durch die fleißige Hand der Zopfträger in Reisfelder verwandelt. Splitternackt, nur mit großen Strohhüten auf den Köpfen, stehen sie in dem Schlamm und versetzen jedes einzelne der Hunderttausende von zarten Reispflänzlein in schnurgerade Reihen. Selbst die Schlammbänke, welche der reißende Strom hie und da mitten in seinem Bett aufgeworfen hat, zeigen solche Paddy-(Reis-)felder. Wohl äußert sich die Meeresflut bis hinauf nach Canton und hat dort noch ein Spiel von über einen Meter, aber das Salzwasser selbst dringt nicht viel weiter als bis zu der Boca Tigris, und es ist nur die Anstauung des schlammigen Süßwassers, welche weiter oben das Flutenspiel mitmacht. Die weiten, sumpfigen Ebenen werden durch Erddämme eingefaßt, welche mit Lichee und Bananen bepflanzt sind. Nur vereinzelt gewahrt man in diesen Gegenden Palmen. Wären diese zahlreicher vorhanden, die Dörfer zu beiden Seiten des Flusses würden mit ihren düstern, dunklen Schlammmauern an die Fellachendörfer des Nilthales erinnern. An Stelle der Minarets treten hier die eigentümlichen vielstöckigen Pagoden, an Stelle der Moscheen nicht etwa Buddhatempel, sondern die festen viereckigen Steintürme der Pfandhäuser, deren es wohl in jedem Dorfe eins oder mehrere giebt. Sie sind nächst den Pagoden die höchsten und solidesten Bauten in China. Auffällig ist es, daß auch in den Dörfern alle Häuser mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt sind, und daß die Dörfer durchweg parallel zu der Flußrichtung stehen; die abergläubischen Chinesen thun dies aus Furcht vor den bösen Geistern, welche, unsichtbar für sie, in der Richtung des Flusses durch die Lüfte jagen und ihrer Meinung nach durch quergestellte Dächer aufgehalten würden. Im Gegensatz zu der Armseligkeit der Dörfer steht die ungemein sorgfältige Bebauung der sie umgebenden Ländereien. Sie verraten die Jahrtausende alte Kultur, der sie durch die arbeitsamen Chinesen unterworfen wurden. Jede irgendwie verwendbare Erdscholle ist bebaut; neben den Reisfeldern gewahrt man Gemüsegärten, Orangen- und Obstpflanzungen, hie und da erheben sich gewaltige Schattenbäume, und zwischen ihnen hindurch sieht man noch in weiter Ferne Segelboote dahinziehen, wie in Holland. Der Fluß ist in viele Seitenarme gespalten, und je nach ihrer Bestimmung stromauf- oder -abwärts benutzen die chinesischen Fahrzeuge die Flutströmungen im Hauptfluß oder in kleinen Nebenarmen. Ja, diese chinesischen Schiffe! Jedes einzelne verdient in Europa in irgend einem Museum aufgestellt zu werden. Gewiß waren es nicht die Phönizier, sondern die Chinesen, welche die Segelschiffahrt erfunden haben, denn schon vor Jahrtausenden war dieselbe sehr entwickelt. Chinesische Fahrzeuge besuchten die verschiedenen Länder der ostasiatischen und australischen Welt, und wenn sie auch im Laufe der Zeit erheblich verbessert worden sind, so heimeln sie den Reisenden, der ihnen hier auf dem Perlfluß begegnet, doch an, wie die kuriosen Fahrzeuge der alten Portugiesen und Holländer aus der Zeit der großen Entdeckungsreisen. Gegen sie erscheinen die Karavellen des Kolumbus noch modern. Und dabei haben sie sich in China vielleicht in demselben Verhältnis vermehrt wie die riesige Bevölkerung, denn die zahlreichen Flüsse, Seen und Kanäle des großen Landes, wo immer man auch hinkommen mag, sind mit ihnen bedeckt, zu Tausenden und Abertausenden drängen sie sich in den Häfen, an den Kanalschleusen, in den Marktstädten zusammen, zu Tausenden schwimmen sie auch hier auf dem Perlfluß.
Dschunken.
Am zahlreichsten sind wohl die Fischerboote, dem ungeheuren Fischreichtum dieses merkwürdigen Flusses entsprechend. Fischerboote überall, in der Mitte des Stromes verankert, in den zahlreichen Buchten oder längs der schlammigen, schilfbedeckten Ufer, mit Netzen, Angeln und Kormoranen, diesen eigentümlichen Vögeln, welche sich die Chinesen ganz unterthan gemacht haben und die mit unendlicher Geduld den lieben Tag lang die Fische aus den Fluten für ihre Herren hervorholen.
An verschiedenen Stellen ist der Fluß von den Chinesen zur Verteidigung gegen die Franzosen und Engländer gesperrt worden. Sie trieben in kleinen Abständen starke Pfähle in den Grund quer über den Fluß und ließen nur schmale, leicht zu verteidigende Durchfahrten für die Schiffe frei. Diese schwarzen, über die Wasserfläche hervorlugenden Pfähle sind für den Fischfang wie geschaffen; die Angriffe der weißen Barbaren waren doch für etwas gut. Ungeheure kohlschwarze Netze hängen an diesen Pfählen, und während die letzteren den Schiffen den Durchzug versperren, thun die ersteren dies in Bezug auf die Fische. Stromabwärts schaukeln sich, durch Seite an die Pfähle befestigt, zahllose aneinandergekettete Sampans, plumpe offene Boote, mit den Fischern darin. Diese haben ihren Opfern, den Fischen, die Art der Fortbewegung im Wasser abgelauscht, denn statt Ruder nach unserer Art zu benützen, hängt ein einziges großes Ruder über den Hinterteil des Bootes ins Wasser und wird durch die Bootsleute hin und her bewegt, ähnlich wie der Fisch seine Schwanzflossen braucht. Hunderte anderer Boote liegen in den Buchten verankert, die schwarzen Netze zum Trocknen auf den Masten aufgehängt.
Nächst zahlreich sind auf dem Perlfluß die kuriosen chinesischen schwimmenden Wohnhäuser, die, aus der Ferne gesehen, das Aussehen schwimmender Pantoffel haben und auch Pantoffelboote genannt werden. Zehntausende dieser Boote bedecken den Fluß, andere Zehntausende liegen in Canton an den Ufern verankert, mit einer Bevölkerung, die nach Hunderttausenden zählt. Jedes dieser Boote beherbergt eine, mitunter auch mehrere Familien. Der hintere Teil des Pantoffelbootes ist offen und dient für die Ruderer. Unter ihnen sind die Vorratsräume für Lebensmittel, Getränke, allerhand Hausrat, lebende Schweine, Enten, Gänse und gar häufig auch Kinder. Sind die Eltern an der Arbeit, oder werden Passagiere mit dem Boote befördert, so wird die kleine unangenehme, störende Gesellschaft einfach in diese dunkeln Vorratsräume gesteckt. Das Vorderteil des Bootes ist durch ein tonnenartiges, nach hinten offenes Gewölbe eingedeckt, aus Reifen bestehend, die mit Brettern oder Leinwand überzogen sind. Unter dem Gewölbe befinden sich lange Bänke, welche der Bootsfamilie tagsüber als Sitze, zur Nachtzeit als Betten dienen. Der Fluß ist die Welt, in welcher diese Leute leben. Unaufhörlich kreuzen sie mit ihren Fahrzeugen hin und her, vollständig unbekümmert um die großen Dschunken und europäischen Dampfer, welchen sie häufig den Weg versperren. Die Steuerleute müssen die Dampfpfeife unaufhörlich ertönen lassen, um diese Boote zu warnen, und an den Flußsperren, wo sich Hunderte von Booten an den kaum vierzig Meter breiten Durchlässen zusammendrängen, werden gar häufig einzelne umgerannt. Sie scheinen aber geradezu mit Absicht das Fahrwasser der Dampfer aufzusuchen und fahren auf zwei, drei Schritte Entfernung vor dem scharfen Bug vorbei, in beständiger Lebensgefahr. Wie mir der Kapitän des „Hankau” erzählte, betrachten sie dieses Passieren des Dampferbuges in ihrem Aberglauben als glückbringend. Was mir gelegentlich meiner ersten Fahrt auf dem Perlflusse auffiel, waren die roten Leinwandlappen und roten Papierstreifen, welche jedes einzelne Boot, jede Dschunke auf den Masten, am Bug und an den Seiten zeigte. Vorn auf der Spitze jedes Schiffes brannten außerdem Joß-sticks (Räucherkerzen) in großen Mengen, und wer immer ein Gong besaß, schlug wie besessen unaufhörlich darauf los. Durch diese abergläubischen Mittel wollten die Bootsinsassen die bösen Geister bannen. In Canton und den umliegenden Ortschaften wütete gerade die sibirische Beulenpest. Tausende fielen dieser schrecklichen Plage täglich zum Opfer, und die Chinesen kennen kein anderes Mittel, ihr entgegenzutreten, als daß sie die bösen Pestgeister auf die genannte Art verscheuchen.
Zwischen den Sampans und Fischerbooten schwimmen Hunderte von Dschunken den Fluß auf und ab, große plumpe Kästen mit hohem Bug und noch viel höherem Stern, mit bunten Farben überschmiert und an den Seiten mit grotesken Fratzen bemalt. Die Seitenwände dieser Fahrzeuge laufen gegen das Steuer zu nicht zusammen wie bei unseren Schiffen, sondern verlängern sich geradlinig um etwa einen Meter oder noch mehr über das Steuer hinaus. In diesem so gebildeten Schlitz steckt das Steuerruder mit einer Reihe vertikaler Einschnitte, durch welche beim Steuern das Wasser durchschießt. Auf dem plumpen, bunt bewimpelten Mast sitzt gewöhnlich nur ein großes Segel, nicht aus Stoff, sondern aus einer Binsenmatte bestehend, die mit fächerartigen Rippen versehen ist. Wird das Segel entfaltet, so öffnet es sich mit divergierenden Rippen ähnlich wie ein Fächer, dem der Knopf abgeschnitten wurde. Die zahlreichen Löcher und aufgesetzten Flecke zeugen nicht nur von dem Alter dieser Mattensegel, sondern auch von den Stürmen, welche die Boote in den chinesischen Gewässern, besonders zur Teifunzeit, zu überstehen haben. Der Bug mancher Dschunke zeigt eine grotesk geschnitzte scheußliche Fratze, bei allen Dschunken aber sitzen nahe dem Bug zwei ungeheure runde Fischaugen, welche den Schiffskörpern das Aussehen scheußlicher Seeungetüme verleihen. Als ich einen Chinesen in Canton über den Zweck dieser aufgemalten Augen befragte, meinte er in der merkwürdigen Verkehrssprache zwischen Europäern und Chinesen im fernen Osten, dem Pidgen-English: „No got eye, no can see; no can see, no can go” (hat kein Auge, kann nicht sehen; kann nicht sehen, kann nicht gehen).
Viele von den Dschunken, in chinesischer Sprache Tschuank genannt, sind für den Passagierverkehr zwischen Canton und den Küstenstädten, sowie Formosa, Hainan, ja Singapore und den Sundainseln bestimmt; andere liegen nur dem Frachtenverkehr oder dem hier in großartigem Maßstabe betriebenen Schmuggel ob. Zu seiner Verhinderung besitzt die Zollbehörde eine Anzahl von Kanonenbooten, welche sich durch besondere Schnelligkeit auszeichnen und deren Befehlshaber Europäer sind. Aber auch die Chinesen haben auf dem Perlflusse eine Menge von Kanonenbooten, hauptsächlich gegen die Seeräuber bestimmt, auf die sie nach Thunlichkeit Jagd machen. Diese Kanonenboote sind nichts weiter als gewöhnliche Dschunken mit einer Kanone auf dem Stern und einer Bemannung von etwa einem Dutzend Soldaten. Die großen rotweißen Flaggen auf der Mastspitze künden den Schmugglern schon von weitem die chinesische Hermandad an, so daß sie beizeiten Reißaus nehmen können.
Aus dem Perlfluß verkehren gegen sechzig verschiedene Arten von Dschunken. Viele von ihnen, besonders die Privatfahrzeuge reicher Chinesen, sind mit prachtvollen Schnitzereien und Vergoldungen geschnitzt und sehr rein gehalten. Nichts kann malerischer sein als diese kurios geschwungenen, stets wie zu einer Hochzeit mit Wimpeln und bunten Flaggen geschmückten großen Schiffe, die nirgends als nur in China zu sehen sind und eine der größten Merkwürdigkeiten dieses Landes bilden. Für den Passagierverkehr zwischen Hongkong und Canton, auch weiter stromaufwärts bis Shaoking, dienen unter anderen eigentümliche Fahrzeuge, welche die Europäer spottweise „chinesische Dampfer” nennen. Eben kam uns eines derselben entgegengefahren, und es hätte nicht viel gefehlt, so wären wir mit ihm zusammengestoßen. Der Form nach war dieses Schiff den europäischen Dampfern ähnlich, nur besaß es statt der Schaufelräder an den Seiten ein einziges Schaufelrad auf dem Stern, ähnlich den berüchtigten Stern-wheelers auf dem Ohio und Mississippi, die ich auf meinen amerikanischen Reisen so häufig zu benutzen gezwungen war. Aber statt durch eine Dampfmaschine, wurde dieses Schaufelrad durch Menschenarbeit in Drehung versetzt. Vor dem Schaufelrad befand sich nämlich unter dem Verdeck ein großes Tretrad, und auf diesem steigen unaufhörlich, in Schweiß gebadet, etwa zwei Dutzend halbnackter Kulis einher. In früheren Jahren führten manche dieser „Dampfer”, um die Täuschung für die chinesischen Passagiere noch vollständiger zu machen, mittdecks einen hohen schwarzen Schornstein, unter dem ein Feuer aus feuchtem Holz unterhalten wurde, damit der aus dem Schornstein qualmende Rauch recht weit sichtbar war. In neuerer Zeit sind die Schornsteine verschwunden, aber die Treträder sind geblieben, fürwahr eine billige Triebkraft, denn jeder Passagier, der sich dazu hergiebt, das Rad zu treten, hat freie Fahrt. Dabei melden sich stets doppelt und dreifach so viele Passagiere, als der Schiffseigentümer zur Fortbewegung des Schiffes braucht.
Die einzige Station, bei der wir auf dem Wege nach Canton anhielten, war das alte Whampoa, früher der Handelshafen der Riesenstadt Canton, denn bis hierher konnten die großen Seeschiffe vordringen. Auf den benachbarten Anhöhen erheben sich zwei alte, vierstöckige Pagoden, die sich in der herrlichen Umgebung dieses einstigen Welthafens sehr malerisch ausnehmen und die Wahrzeichen Whampoas bilden. Aber Glanz und Reichtum sind längst dahin, und an Stelle der einstigen reichen Hafenstadt befindet sich ein elendes chinesisches Fischerdorf, von den Zollbeamten spottweise die „Bambusstadt” genannt. Die einstigen Docks und Reparaturwerkstätten der Europäern wurden an die chinesische Regierung verkauft, welche sie zur Ausbesserung und Ausrüstung ihrer Kanonen- und Torpedoboote eingerichtet hat. Auch eine Marineschule befindet sich hier.
Während unser Dampfer in der Mitte des Stromes anhielt und einige Boote den Passagierwechsel bewerkstelligten, wurde mein Augenmerk durch ein höchst malerisches Schauspiel gefesselt. Von Canton her kam auf dem Flusse eine Flottille von etwa einem Dutzend Booten herabgeschwommen; war es denn chinesische Fastnacht? Aus der Ferne betrachtet, erschienen mir diese Boote wie aus einem kölnischen Karnevalsumzug herausgerissen. In phantastischen Farben prangend, über und über mit Fahnen, dreieckigen und viereckigen Bannern, bunten Wimpeln und roten Papierstreifen geschmückt, zeigte jedes Boot eine andere mehr oder minder verzwickte Form. Am glänzendsten und reichsten erschien das erste Boot, auf dessen Mast die gelbe kaiserliche Fahne mit dem blauen Drachen wehte. Unter seltsamen Musikklängen und lärmenden Gongschlägen zog es an uns vorüber. Soldaten mit blauen Kitteln und roten Kreisen auf Brust und Rücken standen auf dem Verdeck, und unter einem bunten Baldachin saß rauchend ein hoher Mandarin. Dieses offizielle Mandarinboot wurde von einer Anzahl Kanonenboote und Dschunken begleitet, die alle ähnlichen Flaggenschmuck zeigten. Wie mir der chinesische Comprador unseres Dampfers mitteilte, war der Mandarin der auf einer Inspektionsreise begriffene Provinzbefehlshaber. Aber selbst diese phantastischen Züge werden zu gewissen Zeiten weitaus übertroffen, wenn in den größern Städten und vor allem in Canton das Fest der Drachenboote abgehalten wird, eine Art Wasserkarneval, der aus dem dritten Jahrhundert vor Christo stammt und sich seit zwei Jahrtausenden alljährlich wiederholt. Gerade während meines Aufenthaltes in Canton wurde zur Verscheuchung der sibirischen Pest von dem Provinzstatthalter ein solches Fest anbefohlen. Die phantastische Ausschmückung dieser zwanzig bis dreißig Meter langen, in Drachenform gebauten Boote spottet jeder Beschreibung. Unter dem furchtbarsten Lärmen, Gongschlagen, Schreien und Singen, mit Feuerwerk und bengalischen Lichtern schießen diese von fünfzig bis sechzig Rudern fortbewegten Boote zwischen den Tausenden von Sampans und Pantoffelbooten, die ebenfalls mit Laternen bedeckt sind, auf und nieder, und häufig kommt es bei den Wettfahrten zu ernsten Unglücksfällen.
Bald nachdem wir Whampoa verlassen hatten, passierten wir die letzte Strombarriere, unter fortwährender Gefahr, einige der immer zahlreicher werdenden Boote umzurennen, und endlich gewahrte ich in der Ferne zwischen den zahllosen Masten dieses belebtesten Flusses der Erde das Häusermeer der Zweimillionenstadt Canton, überragt von dem höchsten Gebäude derselben, von der katholischen Kathedrale mit ihren zwei Türmen. Unwillkürlich wurden meine Blicke von dem aufregenden, malerischen Flußschauspiele abgezogen, und staunend mußte ich immer wieder diese Wahrzeichen des Christentums betrachten, welche inmitten dieser fremden, heidnischen Welt uns so packend an die ferne christliche Kultur gemahnten.
Straße in Canton.
Canton.
Zu den beiden Seiten des ungemein belebten Flusses erhebt sich die Riesenstadt; ihr Häusermeer dehnt sich von den Ufern viele Kilometer in die Ebene aus, zieht sich an den Bergwänden im Westen empor und schwindet endlich zwischen den Bäumen des ungemein fruchtbaren, reich bebauten Landes. Aber vergeblich sucht unser Auge nach hervorragenden architektonischen Werken, nach Tempeln und Palästen und Türmen; chinesische Städte kennen diesen Schmuck nicht. Vereinzelt hebt sich eine mehrstöckige alte Pagode über das Meer der einförmigen, grauen, gleichhohen Hausdächer; hie und da ragen feste viereckige Türme, aus Grauziegeln gebaut, empor, wie die Türme von Ritterburgen, aber sie sind nichts weiter als Pfandhäuser, die in China eine gar wichtige Rolle spielen; das einzige wirklich bemerkenswerte Gebäude dieser urchinesischen Millionenstadt, das wir schon auf viele Meilen Entfernung wahrgenommen hatten, geradezu das Wahrzeichen Cantons bildend, ist die schon erwähnte gotische Kirche mit zwei hohen Türmen, die Kirche des katholischen Bischofs von Canton.
Der Ruf unserer Dampfpfeife hatte Hunderte von Sampans in unsere Fahrbahn gelockt, nur mit schwerer Mühe war es möglich, den Dampfer zwischen ihnen hindurch an die Werft zu führen. Wir hatten mehrere hundert chinesische Reisende an Bord, und die Lenker der Sampans umdrängten in mehrfachen Reihen das Schiff, um Passagiere zu ergattern. Unter diesem Getümmel und Geschrei ans Land gehen zu wollen, wäre eitles Bemühen für uns Europäer gewesen; so sahen wir denn eine Stunde lang dem tollen Treiben zu unseren Füßen zu. Die Mehrzahl der Sampans waren von Frauen und Mädchen gelenkt. In blauen, weiten, bis an die halben Waden reichenden Beinkleidern, ein dunkelblaues Hemd mit weiten Aermeln darübergeworfen, ohne Kopfbedeckung und ohne Schuhe, führten sie mit kräftigem Arm das Ruder der schweren Boote. Diese sind ihre Wohnung und gleichzeitig ihr einziges Erwerbsmittel. Die Boote selbst sind vorne und hinten mit einem Deck versehen, auf welchem die Ruderer stehen und sich zwischen den anderen Booten geschickt hindurchzwängen, indem sie Ruder, Kenterstangen und ihre Hände benutzen. In der Mitte jedes Bootes befinden sich ein Paar Bänke, durch ein rundes Holzdach gegen Sonne und Regen geschützt. Dies ist der Sitz für die Passagiere und zur Nachtzeit die Schlafstätte der Bootsleute. Vorne auf dem Bug wird gewaschen und gearbeitet, hinten gekocht und gegessen. Tagsüber rudern sie auf dem breiten, gelben Perlstrom umher auf der Suche nach Arbeit, am Abend ankern sie irgendwo an den Ufern zwischen Tausenden anderen ähnlichen Booten und pflegen der Ruhe. So geht es Tag für Tag, Jahr für Jahr von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tode. Selten, wenn überhaupt, kommen sie über die Stadtmauern von Canton hinaus.
Die Ankunft der großen Hongkongdampfer giebt ihnen mehr Arbeit, als sie sonst finden würden; deshalb der Zudrang dieser Hunderte von Booten, deshalb dieses Schreien und Stoßen und Drängen und Hasten, daß uns angst und bange wurde. Endlich, nach langem Warten, war der letzte Chinese, das letzte seiner Gepäckstücke, Kopfkissen und Strohmatten (denn auch solche nimmt der Chinese stets mit auf die Reise) in den Sampans untergebracht, und es kam nun die Reihe an uns. Schon längst hatte sich eines der Bootsweiber uns angeschlossen, ein strammes, einäugiges Weib, das gar nicht übel englisch sprach und uns die Karte des Shameenhotels überbrachte. Der Kapitän des Schiffes, ein Mann, der seit dreißig Jahren in China weilt, hatte sie als durchaus zuverlässig empfohlen; Susan, so lautet ihr Spitzname, hat wohl den größten Teil der europäischen Touristen seit vielen Jahren in ihrem Sampan nach dem Hotel gebracht. In ihrem Buche hatten die meisten ihren Namen eingetragen, darunter berühmte Persönlichkeiten; sie kannte jedermann in Canton, und jeder kannte sie. Ihr Mann faulenzte in der Stadt und schmauchte Opium, sie arbeitete Tag und Nacht und hatte sich trotz der Lumperei ihres Gatten ein Vermögen von mehreren tausend Dollars zusammengescharrt. Mit kräftigen Armen hob sie unsere schweren Koffer auf die Schulter und beförderte sie behutsam auf ihren Sampan. Dann führte sie uns über die schmalen schwankenden Bretter in das Boot und ruderte uns zwischen Tausenden von Booten in den Kanal zur Landungstreppe des Shameenhotels. Ueberall sahen wir, daß diese Sampans nur von Weibern gelenkt und bedient wurden; selbst kleine Mädchen, kaum mehr als sechs bis acht Jahre alt, ruderten schon fleißig und machten sich auf den kleinen schwankenden Booten nützlich.
Das Shameenhotel liegt auf der kleinen flachen Insel im Cantonfluß, welche die Chinesen den Engländern und Franzosen als Niederlassung für ihre Kaufleute und Konsulate vor etwa zwei Jahrzehnten abgetreten haben. Tausende von Jahren bis zu dieser Abtretung war die Insel nichts weiter als eine wüste Sandbank im Herzen der chinesischen Millionenstadt. Zwei Jahrzehnte hatten genügt, um darauf eine der schönsten und reinlichsten Europäerstädte Asiens hervorzuzaubern. In ihrer Art ist sie vielleicht ebenso merkwürdig wie Canton selbst. In dem elenden, schmutzigen, aller Beschreibung spottenden Straßengewirr der Chinesenstadt ist es natürlicherweise Europäern geradezu unmöglich, zu wohnen; dafür bauten sie sich auf Shameen schöne einstöckige Häuser, die sich mit jenen unserer modernen europäischen Villenviertel vergleichen lassen. In langen Reihen stehen sie da, umgeben von kleinen wohlgepflegten Gärten, manche von ihnen überhöht von Masten, auf welchen die Flaggen der verschiedenen Konsulate flattern. Unter den mehreren hundert Einwohnern sind die meisten europäischen Nationen vertreten. Am zahlreichsten findet man Engländer und Deutsche, die hier große Ausfuhrgeschäfte besitzen. Die Stadt untersteht weder den Chinesen noch irgend einer europäischen Nation, sie ist eine Republik für sich, und zwar eine der internationalsten Art und im vollsten Sinne des Wortes unabhängig. Sie hat ihr Theater, ihren Klub, ihren philharmonischen Verein, ihre Parks, ihre Gärten, ihren Lawn-Tennis-Ground, aber keinen einzigen Kaufladen nach europäischer Art, sie hat auch keine Straße. Ein Stadtrat, aus Mitgliedern der verschiedenen Nationen gewählt, besorgt die Verwaltung. Shameen hat seine eigene Polizei, Wasserleitung, Feuerwehr, alles in vortrefflicher Verfassung, ein Muster für das benachbarte Canton, das heute noch regiert wird und so aussieht wie vor tausend Jahren. Die Bewohner Shameens, mitten in dem Mongolenreiche lebend, abgeschnitten von der Außenwelt, sind dabei doch ganz vergnügt; ihren Bedarf an Lebensmitteln etc. beziehen sie teils aus Canton, teils aus einem Warenlager, das nach Art der Konsumvereine eingerichtet ist, und Straßen brauchen sie nicht, weil man im ganzen südlichen China keine Wagen kennt. Das einzige Verkehrsmittel in Shameen, ebenso wie in Canton sind Tragstühle.
Kanal in Canton.
Die Insel ist wie eine Festung gegen die Chinesenstadt abgesperrt. Auf der einen Seite bespült sie der breite Cantonstrom, wo gewöhnlich ein paar europäische Dampfer, darunter häufig solche mit deutscher Flagge, vor Anker liegen, auf der anderen Seite trennt sie ein Kanal mit senkrechten Steinufern von Canton. Die beiden darüber führenden Brücken sind durch starke Eisengitter abgesperrt und von dem Shameener Polizeikorps, wie von chinesischen Soldaten bewacht, als würde man jeden Augenblick einen Ueberfall von seiten der Mongolen befürchten.
Diese Ueberfälle waren in früheren Jahren thatsächlich gar nicht selten. Noch in den achtziger Jahren drang der tolle Pöbel Cantons nach Shameen und brannte einen Teil der europäischen Stadt nieder. Die Konsuln schilderten mir die Bevölkerung Cantons als die gefährlichste von China: leicht aufbrausend, fanatisch und von Fremdenhaß erfüllt. Ueberall wurde ich zur Vorsicht gemahnt, selbst in Shameen, obwohl man dort weniger Furcht vor den Cantonesen hat als anderswo. Thatsächlich brachte ich Tage auf der Wanderung durch die entlegensten Viertel Cantons zu, nur begleitet von einem englisch sprechenden Chinesen, Namens Ah-Kham, aber nirgends begegnete ich der geringsten Feindseligkeit. Die Leute, von denen manche vielleicht noch niemals einen Europäer gesehen hatten, betrachteten mich neugierig, aber sie erwiderten freundlich meinen Gruß. Ich trat, ohne irgendwie gehindert zu werden, in Buddhatempel und Gefängnisse, in Kaufläden und Privathäuser, und das Bangen, das ich während der ersten halben Stunde in dem engen Gäßchenlabyrinth der so übel beleumundeten Stadt unwillkürlich empfand, wich allmählich dem Gefühl vollständiger Sicherheit.
Die Chinesen behaupten, die größte Stadt ihres Reiches sei Canton. Es wird wohl auch so sein, obwohl diese abergläubischen Leute nie eine Volkszählung gemacht haben. Sie meinen, das wäre schlechtes Joß, das heißt, es brächte Unglück. Die Angaben, nach einer allgemeinen Schätzung, schwanken zwischen einer Million und zweieinhalb Millionen. Es kommt ja auch gar nicht darauf an. Haben sie doch in ihrem Reiche mehr Einwohner als das ganze große englische Kolonialreich, Rußland, die Vereinigten Staaten und ein paar europäische Königreiche zusammengenommen. Manche ihrer Provinzen zählen zwanzig bis dreißig Millionen, eine ganze Menge von Städten, die man in Europa nicht einmal dem Namen nach kennt, haben eine bis anderthalb Millionen Einwohner, Canton aber ist die größte darunter.
Es ist wohl auch die sehenswerteste, nicht etwa wegen architektonischer Bauten, großstädtischer Anlagen, Schulen, Museen, Fabriken etc. Derlei Dinge besitzen chinesische Städte überhaupt nicht. Im chinesischen Reiche giebt es, nicht einmal den Kaiserpalast in Peking ausgenommen, kein einziges Gebäude, das sich an Größe und Pracht mit irgend einem unserer modernen Miethäuser messen könnte; die Tempel sind größtenteils armselige, schmucklose Bauten, in deren Höfen Unkraut wächst. Die Privathäuser der Reichen sind unscheinbar. Die große Prüfungshalle für staatliche Beamte in Canton gleicht einer Ruine, Museen existieren nicht, außer man betrachtet die Städte selbst als solche, Fabriken kennt man nicht, und in ganz Canton giebt es noch keine Dampfmaschine, keinen Betrieb durch Wasserkraft, kein Gas, keine Elektrizität. Canton ist ebenso wie alle anderen Städte Chinas heute noch so, wie es vor fünfhundert, vor tausend, vor zweitausend und mehr Jahren war, mit derselben Kultur, denselben Gebräuchen und Sitten und Manufakturen, nur ist es größer geworden. Es ist gewachsen, nicht fortgeschritten. Vor viertausend Jahren hatte es schon ähnliche Münzen wie heute, und was es zur Zeit Christi geschaffen und gethan, schafft und thut es heute noch, das ewige Einerlei, kein Fortschritt, kein Rückschritt; China blickt nicht in die Zukunft, es kennt nur seine Gegenwart und besser noch als diese seine Vergangenheit.
Und weil von all den sogenannten Sehenswürdigkeiten in Canton nichts vorhanden ist, wird es von unseren modernen Globe-trotters gemieden, und die Mutigsten unter ihnen widmen ihm höchstens einen Tag. Von den Hunderten Touristen, die es jährlich besuchen, bleiben nicht zehn Prozent länger als einen, nicht zwei Prozent länger als zwei Tage. Und doch ist Canton eine Stadt, die selbst bei monatelangem Aufenthalte immer etwas Neues bietet, denn nirgends ist das Volksleben anregender, interessanter, merkwürdiger, seltsamer. Nirgends kann man einen tieferen Einblick bekommen in das fremdartige Wesen der mongolischen Welt, die heute noch größer als die kaukasische und dabei so total verschieden von dieser ist, daß die beiden nichts miteinander gemein haben als die Geburt, das Leben, das Sterben. China liegt nur in einem anderen Kontinent, es scheint, als läge es auf einem anderen Planeten.
Schon an der Brücke, die von Shameen nach Canton führt, zeigt sich diese fremde Welt. Chinesische Soldaten kauern hier rauchend oder Opium schmauchend auf den Strohmatten in ihrer Wachtstube. Vor dieser sind große, mit bunten Fratzen bemalte Schilder aufgestellt, im Innern stehen dreispitzige Lanzen, lange, nur mit zwei Händen zu gebrauchende Schwerter, Büchsen mit trichterförmiger Mündung, Gewehre mit Feuersteinschlössern, kurze doppelte Säbel in einer Scheide, rote und weiße Fahnen mit fremdartigen chinesischen Schriftzeichen. Die Soldaten tragen keine besondere Uniform, nur ist ihr blaues Hemd mit roten Borten besetzt, und auf einem weißen runden Schilde auf der Brust zeigen sich in schwarzer Schrift Nummer und Gattung ihres Regiments. Auf ihren langbezopften Schädeln tragen sie einen tellerförmigen, spitz auslaufenden Hut, an den Füßen Sandalen. Bei jeder Wachtablösung wird an einer großen alten Kesseltrommel ein Heidenlärm gemacht, und vier Chinesen bringen aus den etwa zwei Meter langen Tuben langgezogene einförmige Klagetöne hervor. Europäer werden durch das Brückengitter eingelassen, Chinesen nicht.
Firmentafel
vor einem
Schuhladen.
Die schönen, wohlgepflegten Wege Shameens hören mit einem Male auf, sobald man das jenseitige Kanalufer erreicht, und binnen wenigen Minuten ist man mitten in dem seltsamen Gewirr schmaler Gäßchen, welche Canton bilden. Unter den tausenden Gäßchen giebt es nur wenige, in welchen man mit ausgestreckten Armen nicht beide Seiten berühren könnte. Stundenlang durchirrte ich dieses Labyrinth, ohne irgend ein System in dasselbe bringen zu können, ohne zu wissen, wo ich mich befand, wohin mich wenden. Die Gassen sind alle geradlinig, manche über ein Kilometer lang, mit unzähligen Seitengassen, gerade so weit, gerade so aussehend wie die andern, ohne irgend welchen Anhaltspunkt, um sich zurechtzufinden. Offene Plätze, Boulevards, Kanäle, Gärten giebt es keine. Ebenso fehlt es an irgendwelchen auffälligen Gebäuden. Die Hunderttausende von Häusern, die hier dicht aneinander gedrängt stehen, sind alle gleich gebaut und annähernd von gleicher Größe. Graue, harte Ziegel sind bei allen das Material; die Ecksteine an den Eingängen sind Granit, die Dächer überall mit gebrannten Hohlziegeln bedeckt, die durch Mörtel fest miteinander verbunden sind. Schornsteine und Kamine sind nirgends zu sehen. Die Mehrzahl der Häuser besitzt nur ein Stockwerk, und dieses ist ganz von einem einzigen Raume erfüllt, der sich nach der Straße hin öffnet und von dieser Luft und Licht empfängt. Fenster giebt es keine. Die Häuser im Innern der Stadt tragen noch ein zweites, viel niedrigeres Stockwerk, durch eine steile Leiter oder ebensolche Holztreppe mit dem unteren verbunden. Nur einige chinesische Speisehäuser, Theater und Gasthöfe sind größer, höher, geräumiger, aber auch sie haben keine Fenster und Thüren. Die Thüröffnung nach der Straße hin hat die ganze Breite des Hauses, und soll sie zur Nachtzeit geschlossen werden, so werden vertikale starke Pfosten, eine Art Gitter bildend, in die Thüröffnung eingesetzt und durch Querbalken festgehalten. Nur Privathäuser besitzen Thüren nach unserer Art. In den Geschäftsstraßen der inneren Stadt giebt es nur wenige solche; je weiter man aber hinauskommt, desto häufiger werden die Privathäuser, desto stiller demgemäß auch die Straßen. Die Thüren, zu denen gewöhnlich einige Stufen emporführen, stehen offen, doch erhebt sich auf etwa ein Meter Entfernung hinter ihnen eine Holzwand, welche das Innere des Hauses den Blicken der Vorübergehenden entzieht. Auf diesen Holzwänden prangen gewöhnlich in bunten Farben die grotesken Bilder zweier Götzen, der Schutzpatrone des Hauses, auf den Steinstufen der Thüre kauern ein paar Weiber, auf der Bank vor der Bretterwand ruhen ein paar chinesische Diener. Trat ich, ungehindert durch diese Pförtner, in den Hofraum, so fand ich in den meisten Häusern neben der Thür eine Anzahl alter dreispitziger Lanzen, Schwerter und alter Feuerstein- oder Luntengewehre aufgestellt. Von dem Hofraum aus öffnen sich die Thüren nach dem Labyrinth der Wohnungen, Pavillons, Ahnenhallen, Tempel, Gärtchen und Bassins, welche die Wohnung der reichen Chinesen und ihrer Familien bilden. Nach außen sind diese großen Räume von einer hohen grauen, fensterlosen Mauer umschlossen, eine Art Stadt und Festung für sich. Unmittelbar daranstoßend sind wieder die labyrinthartigen Gäßchen, in denen jedes Haus ein Kaufladen ist, dessen entlegenste Winkel man von außen sehen könnte, wäre hinreichend Licht vorhanden. Aber hier herrscht ewige Dämmerung. Ueber die Hausdächer sind quer über die Straße Matten und Bretter gelegt, und von diesen hängen Tausende der eigentümlichen chinesischen Firmentafeln und Schilder herab, so tief, daß man sie mit erhobener Hand anfassen könnte. Drei bis fünf Meter lang, prangen sie in den buntesten Farben und sind mit den eigentümlichen malerischen Schriftzeichen in Gold oder Schwarz oder anderen Farben bedeckt. Horizontale Firmenschilder kennt man in China einfach deshalb wenig, weil nicht in horizontaler, sondern in vertikaler Richtung geschrieben wird. Jeder der lose herabbaumelnden Tafeln entspricht nur der eine Kaufladen, der sich in je einem Hause befindet und immer das ganze untere Stockwerk desselben einnimmt. In Canton giebt es Hunderte von Straßen, in welchen jedes Haus einen Kaufladen besitzt, und zwar einer dem andern so dicht sich anschließend, daß nur das Mauerwerk sie voneinander trennt. Gewöhnlich haben sich bestimmte Industrien in bestimmten Gassen angesiedelt, die dann auch entsprechend benannt sind. Die Geldwechsler, Goldarbeiter, Kuriositätenhändler, Schuh-, Kleider-, Schnittwaren- und Papierhändler, die Fächerarbeiter, Holzschnitzer, Möbeltischler, Messingarbeiter etc. haben alle ihre eigenen Gäßchen, in denen sie nicht nur ihre fertigen Waren zur Schau gestellt haben, sondern auch vor den Augen der Passanten an neuen Waren arbeiten. Die elegantesten Kaufläden, in verhältnismäßig etwas weiteren Gassen gelegen, zeigen den einzigen in ganz Canton wahrnehmbaren Luxus, ja diese Kaufläden mit ihrer Ausstattung würden auch in europäischen Städten Aufsehen erregen. Herrliche Holzschnitzereien, geschichtliche Ereignisse darstellend, oder vorzügliche Nachahmungen verschiedener Blumen, Bäume und Schlingpflanzen, reich vergoldet, schmücken den Eingang; sie hängen an den Seiten des inneren Raumes und bilden im Hintergrunde desselben einen altarartigen Aufbau, dessen Mittelstück gewöhnlich ein bunt gemaltes, groteskes Bild des Kriegsgottes in goldenem Rahmen bildet. Vor diesem Götzen brennen Oellampen und sind einige Sträuße von Papierblumen aufgehängt. Unter dem Altar oder an den Seiten des Kaufladens im Hintergrunde sitzt der Eigentümer an einem kleinen, mit Holzschnitzereien gezierten Tischchen, auf dem sich gewöhnlich die Geschäftsbücher, dann eine Wage zum Abwägen des Geldes und ein Rechenbrett befinden. Ohne Wage würde der Händler betrogen werden, denn in Canton herrscht in Bezug auf das Bargeld eine ähnliche Sitte wie in England mit den Banknoten. Dort werden die letzteren von den jeweiligen Eigentümern unterschrieben, in Canton erhält jeder Silberdollar von dem jeweiligen Besitzer seinen Stempel aufgeprägt. Deshalb bekommen die meisten Dollars, die man in Canton erhält, durch das Abstempeln die Form kleiner, halbrunder Schalen, ja vielen fehlt sogar der Boden; ich habe zahlreiche Dollars gesehen, die nur aus dem äußeren Kranz bestanden. Der ganze mittlere Teil war herausgeschlagen und lag in kleinen und größeren Stücken in den Geldschüsseln der Kaufleute. Wird einem Kaufmanne als Bezahlung für die gekaufte Ware ein Dollar dargereicht, so prüft er ihn gewöhnlich zuerst nach dem Metallklange, dann nach seinem Gewicht, und das Fehlende muß von dem Käufer ersetzt werden.
Bettlertypus.
Das Rechenbrett ist jedem chinesischen Kaufmann oder Händler geradezu unentbehrlich, die allereinfachsten Zählungen werden an den schwarzen Kugeln des Rechenbrettes ausgeführt, und beim Durchschreiten der Gäßchen hört man fortwährend ihr Geklapper. Europäische Kaufleute in China gewöhnen sich auch bald an ihren Gebrauch, bis sie ihnen schließlich unentbehrlich werden. Wo immer der Chinese sich ansiedelt, verwendet er auch sein Rechenbrett. Ich fand es in den Chinesenvierteln in San Francisco, Lima, Batavia, Portland, Singapore bei jedem einzelnen chinesischen Kaufmann. Alle Kaufläden stehen nach der Straße zu weit offen; jedermann kann nach Belieben eintreten, kaufen oder nicht kaufen. Der Chinese wird jedem Besucher seine Waren mit großer Geduld vorlegen und ebenso geduldig an dem Preise festhalten, obschon er schließlich doch gerade so nachgiebig wird, wie die Korallenhändler von Neapel. Die Kaufläden scheinen gewissermaßen Teile der Gäßchen selbst zu bilden. Bei dem ungemein regen Verkehr, der sich tagsüber in diesen bewegt, würden sich Menschen, Tragstühle, Lasten aller Art binnen wenigen Minuten ineinander festkeilen, wenn nicht die Kaufläden den Menschen Gelegenheit gäben, einzutreten und auszuweichen; freilich wird dadurch so mancher Laden besudelt; der Inhalt manches Unratgefäßes, manches Tragkorbes, deren zwei gewöhnlich mittels langer Stangen auf den Schultern der Träger befördert werden, ergießt sich in den schönen Juwelier- oder Modeladen, aber die Menschen sind daran gewöhnt. Die Ladenbesitzer haben von den Bettlern viel zu leiden; diese ziehen nicht mit offener Hand bittend von Laden zu Laden, sondern führen allerhand Ohrenmartern mit sich, um dadurch eine Gabe zu erzwingen. Hier läutet eine Frau, ein Kind auf dem Rücken, eine große Glocke mit schrillem, durchdringendem Klange, sie tritt in einen Laden und läutet dem Besitzer so lange die Ohren voll, bis er sich zu einer Gabe entschließt, dann zieht sie zu seinem Nachbar. Ein strammer junger Bursche, der aus weiß Gott welchem Grunde Bettler geworden, geht von Laden zu Laden und schlägt in jedem zwei harte, glatte Hölzer aneinander, wie riesige Castagnetten, ein Dritter klappert mit Eisenstücken, ein Vierter schlägt zwei Porzellanscherben aneinander; denn ohne Lärm scheint es kein Betteln zu geben.
Ohne Lärm giebt es auch keine Straße in Canton. In den dämmerigen engen Gäßchen, so eng, wie man bei uns nicht einmal Hauseingänge macht, herrscht tagsüber ein furchtbares Lärmen, Schreien, Klopfen, Trommeln, kurz alle erdenklichen Geräusche. Nur die vielen Hunde, diese Abfallräumer von Canton, sind stumm. Die Gäßchen sind alle wohlgepflastert, aber mit schrecklichem Schmutz und fürchterlichen Gerüchen erfüllt, zumal man in Canton keine Kloaken und keine Wasserleitung kennt; schmutziges Gesindel, Bettler, Aussätzige durchwandern die Gäßchen; Lasten aller Art, Flüssigkeiten, Warenballen, Düngerkörbe, Möbel, alles Erdenkliche wird auf den Schultern der Kulis durch dieses dämmerige Labyrinth hindurchgezwängt, so daß der Fußgänger kaum jemals ohne Beschmutzung und Besudelung seiner Kleider nach Hause zurückkehrt. Ich trug in Canton stets Leinenanzüge, die ich nach jedesmaligem Gebrauch zweimal waschen ließ. Die Chinesen der besseren Stände, Mandarinen, Offiziere, Frauen, zeigen sich niemals in diesen, dreiviertel von Canton bildenden Stadtteilen. Haben sie dort zu thun, so lassen sie sich in geschlossenen, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen Tragstühlen auf dem Rücken von zwei, drei oder vier Kulis tragen. Nun können sich diese nur durch Geschrei den Weg bahnen; ebenso schreien die ambulanten Gemüse-, Fisch-, Fleisch- und Fruchthändler, die Lastenträger; die Bettler machen mit ihren Bettelwerkzeugen einen furchtbaren Lärm; in den Läden wird geklopft, gesägt, gehämmert, oder als merkwürdiger Zeitvertreib das Gong geschlagen, die Kesseltrommel gerührt, kurz es herrscht der furchtbarste Lärm, das regste Menschengewühl. Alles Erdenkliche geschieht auf offener Straße oder in den Kaufläden vor den Augen der Vorübergehenden. Geheimnisse können in den Geschäftsvierteln Cantons nicht gehütet werden. Jeder Einzelne kann sehen, wie und was der andere ißt, wie er sich an- und auskleidet, wie er schläft und wie er sich wäscht, wenn er dies bei dem häufig höchst empfindlichen Wassermangel überhaupt thut. In den Kaufläden sitzen oder liegen die Menschen gewöhnlich nur mit kurzen dunkelblauen Hosen bekleidet; viele tragen allerdings eine Art dunkelblaues Hemd, bei ebensovielen aber ist der Oberkörper bis zu den Lenden nackt; es war mir überraschend, bei den meisten eine ähnlich weiße Hautfarbe zu finden, wie bei den anglo-sächsischen Rassen in Europa. Die gelbe Hautfarbe der Mongolen scheint hier bloße Mythe zu sein; war sie bei den Kulis überhaupt vorhanden, so war sie nur eine Wirkung der Sonne, denn die Schenkel und andere, gewöhnlich durch Kleidungsstücke bedeckte Körperteile waren weiß. Ihre ganze Sorgfalt verwenden sie nicht auf die Kleidung, sondern auf ihren Haarschmuck. In jedem Gäßchen sah ich gewiß stets zwei oder drei ambulante Barbiere, welche die Schädel bis zu dem Scheitelzopfe kahl rasierten, Nasen und Ohren ausputzten und mit kleinen Zangen die Härchen abklippten. Am Morgen besteht der gewöhnliche Zeitvertreib der Chinesen darin, daß sie sich gegenseitig ihre mitunter bis an die Hüften reichenden langen rabenschwarzen Scheitelhaare kämmen und zu Zöpfen flechten, deren Ende durch bis zum Boden reichende Seidenschnüre verlängert wird. Das in den Bazars verkehrende Volk trägt keine Hüte, nur die Wohlhabenden tragen Schuhe oder Sandalen, alle aber haben ihren Fächer, den sie, wenn sie ihn nicht gerade zum Fächeln oder als Sonnenschirm benutzen, in den Nacken gesteckt tragen.
Vom Frauenleben bekommt man in dem Gassenlabyrinth der inneren Stadt nichts zu sehen. Alle Industrien, der ganze Handel, der ganze Verkehr liegt in den Händen der Männer, nur in den Korbflechtereien fand ich Weiber beschäftigt. Selbst die Fächer und die herrlichen Cantoner Seidenstickereien, vielleicht die schönsten der Erde, werden von Männern hergestellt. Dafür haben die Frauen, wie erwähnt, den ganzen großartigen Bootverkehr in den Händen. Maschinen, mechanische Betriebe etc. sind in Canton gänzlich unbekannt. Die Industrien sind ausschließlich Hausindustrien. Es gewährte mir das größte Interesse, die Chinesen an der Arbeit zu sehen. Mit ungeheurer Geduld, mit staunenswertem Geschick und mit großer Kraft arbeiteten sie unter meinen Augen all die schönen Erzeugnisse, für welche Canton in ganz China und auch im Auslande berühmt ist. Nicht nur Seidenstickereien und Fächer, Juwelen und getriebene Silberarbeiten, auch Bronzen, Porzellan, Kleider, Schuhe, Ziselier- und Emailarbeiten gehen unter ihren Händen ohne Zuhilfenahme unserer Instrumente mit erstaunlicher Präzision hervor.
Oeffentliche Fisch-, Gemüse- und Fleischmärkte, wie sie unsere Markthallen bergen, hat Canton nicht; jede Straße besitzt an ihrer Stelle Kaufläden, und sie sind die Hauptursache der fürchterlichen Gerüche, welche die Stadt verpesten; die Cantonesen nehmen es mit ihrer Küche bekanntlich nicht sehr genau.
Die elenden Gerüche verleiden dem Besucher den Aufenthalt in Canton gar sehr, zumal, wie gesagt, auch nicht ein einziges freies Plätzchen Erholung gewährt. Ganz Canton besteht aus einem einzigen Labyrinth winziger Gäßchen, denen man wie mit Absicht Luft und Licht und Wasser zu entziehen scheint. Selbstverständlich mangelt es abends an Beleuchtung. Deshalb ist jeder Cantonese gehalten, eine brennende Laterne mit sich zu führen, wenn er des Abends ausgeht. Uebrigens verläßt er sein Haus oder seine Straße nur in den dringendsten Fällen, denn nach Sonnenuntergang wird jede einzelne Straße an beiden Enden durch eiserne Gitter oder feste Thore abgesperrt, und Nachtwächter, mit Lanzen versehen, übernehmen den Wachtdienst. Sie tragen Trommeln und Triangel und machen damit zeitweilig Lärm, um zu erkennen zu geben, daß sie nicht schlafen. Die Tatarenstadt, in welcher sich die Residenz des Vizekönigs, des Generals und der Gerichtsbehörden befindet, ist überdies noch mit einer eigenen Mauer umgeben, und um die ganze Stadt ziehen sich feste Ringmauern und Wälle, auf denen Hunderte alter, unbrauchbarer Geschütze stehen. Diese Mauern sind die bedeutendsten Bauten Cantons, denn was die Stadt an Tempeln, Palästen und Pagoden aufzuweisen hat, ist im Verhältnis zu ihrer Größe kaum der Rede wert. Canton ist die größte Stadt Chinas; viel eher könnte sie das größte Dorf des himmlischen Reiches genannt werden.
Siegel des Verfassers
(altchinesische Zeichen).