WOLKENÜBERFLAGGT
GEDICHTE
VON
ERNST WILHELM LOTZ

LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
1917

Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. Herbst 1916
als sechsunddreißigster Band der Bücherei
„Der jüngste Tag“

COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG

ERSTER TEIL.
I.
GLANZGESANG

GLANZGESANG

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,

Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier.

Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen,

Gehören nicht mehr mir.

Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten,

Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt.

Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten,

Und das Leben war wehend blond.

Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale,

Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,

Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,

Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.

So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,

In große Kontore, die staubig rochen herein,

Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen

Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.

Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen,

Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,

Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen,

Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.

Auf Ozeanen zogen die großen Fronten

Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt,

Und breiter Prärien glitzernde Horizonte

Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.

Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen,

Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht,

Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen,

Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!

Amerikas große Städte brausten im Grauen,

Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei

In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen,

Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. — — —

So hab ich nachbarlich alle Zonen gesehen,

Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt,

Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,

Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. — — —

Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!

Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus.

Und saß durch Tage und Nächte mit satten und glatten

Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.

Und einmal sank ich rückwärts in die Kissen,

Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. —

Da sah ich: Daß in vagen Finsternissen

Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.

IN DEINEM ZIMMER

In deinem Zimmer fand ich meine Stätte.

In deinem Zimmer weiß ich wer ich bin.

Ich liege tagelang in deinem Bette

Und schmiege meinen Körper an dich hin.

Ich fühle Tage wechseln und Kalender

Am Laken, das uns frisch bereitet liegt,

Ich staune manchmal still am Bettgeländer,

Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.

Bisweilen steigt aus fernen Straßen unten

Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,

Den schlingen wir verschlafen in die bunten

Gobelins, gewirkt aus Küssen, Liebe, Traum.

DER TÄNZER

Ich weiß, daß ich in lichtem Traume bin,

Der mich bewege und mich himmlisch quäle:

Ich tanze über blanke Treppen hin,

Die auf und nieder gehn durch weite Säle.

Ich gleite ungehüllt auf nackten Füßen,

Viel Lichter breiten mir den Schaukelgang,

Mein Körper biegt sich spielend in dem süßen

Gefühl der Wellen und der Glieder Drang.

Und meine Augen langen in die Runde,

Wo drunten viele Hundert Männer stehn,

Die aufwärts starren mit beschämten Munde

Und lüstern meine rühren Reize sehn.

Vorüber tanze ich den langen Blicken,

Durchpulst von einem eigen-sichern Schwung:

Ich weiß, ich banne hundert von Geschicken

In meines Leibes weißen Wellensprung.

Die Wände dehnen sich. Die Sterne scheinen

Vereist herein. Getilgt sind Raum und Zeit.

Und aller Erde Mannheit, sich um mich zu einen,

Umwogt die runde Fahne meiner Mannbarkeit.

LICHT

Licht umzieht mich, umsingt mich, umfließt mich,

Spielend lasse ich meine Glieder im Fließenden plätschern —

Ein blankes Bassin umspannt mich die Straße,

Weit, weich, wiegend

Ich wasche mich ganz rein.

Aus euren Köpfen, ihr schwimmenden Straßenwanderer,

Die ihr nichts von mir wißt,

Gebrauche ich schimmerndes Augenweiß, meinen Leib zu bedecken,

Hell zu beschäumen,

Meinen jung sich hinbiegenden Schwimmerleib.

O wie ich hinfließe im Licht,

O wie ich zergehe,

Wie ich mich durchsichtig singe im Licht.

FRÜHLINGSATEM

Eine Liebesfrohheit hat meine Wangen rot gepudert.

Mein Atem mischt sich weich dem Tagwind.

Wo ich die Straßen betrete, sind sie zum Festzug bereitet,

Ein blumiges Schauvolk festschreitet und gleitet.

Menschen erwartungs-groß haben sich aufgestellt,

Aus allen Fenstern kommen Blicke zu mir Sonntag-erhellt.

Mit bloßem Kopf und mit vor Jungkraft federnden Zehen

Muß ich immer und immer wieder durch Sonnenstraßen gehen.

Ich habe ein fernblaues Mädchen, am Ende der Straße erschaut,

Das liebruhelos Säulen von Sonnenstaub vor mir baut.

Und während ich gehe, geht in meiner Herzbrust jemand mit viel schnelleren Füßen.

Und ruft: Wir werden heut küssen!

Weichluft-umschlungen verzittert mein Jubelschrei hinab in die Brust.

Und mein Atem strömt ab in den Wind.

Von Dächern weht ein Gelächter.

DIE LUFT STEHT GRÜNVERSCHLEIERT . . .

Die Luft steht grünverschleiert in der Sonnenzeit.

Meine Fenster, die auf die Wasser zeigen,

Holen in ihre Rahmen herüber die Häuserbänke,

Die stromüber weiß in den Mittag schweigen.

Meine Zimmer saugen in sich volle Süßigkeit.

Und meine Augen, die in der lauen Luft entschweben

Müssen ihr eigenes Leben im Blauen leben.

DER ZÄRTLING

Es werden Zeiten kommen, ernst, schwere,

Die mich umpacken mit beschwielter Hand,

Sie finden mich in unbereiter Wehre

Und Gliedern, solchen Zwanges unbekannt.

Dann werd’ ich hingewühlt in Betten dämmern,

In Traumflucht hüten meinen müden Sinn

Und an der Adern matt gewohntem Hämmern

Verzärtelt wähnen, daß ich lebend bin.

Und Tage werden nah vorüberschreiten,

Freigütige Hände nach mir ausgestreckt,

Ich aber, in des Blutes Heimlichkeiten

Versponnen, träume weiter ungeweckt.

O ernste Träume werden mich durchhallen,

Und Sonnen werden pendeln durch mein Blut

Und junge Sterne sich zusammenballen

Um mich, gesäugt von meiner Schöpferglut.

Es werden Zeiten kommen, ernste, schwere,

Doch ich entgleite ihrer harten Zucht

Und gründe fern, in selbstgewollter Leere,

Ein Haus, durchdröhnt von meiner Träume Wucht.

BEGREIFT!

Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus,

Das halbe ist getaucht in leichtes Glühen

Und flackert in den Lampentag hinaus,

Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen.

Es wollen ernste Freunde mich bedeuten,

Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre,

Weil ich, statt kampfgenössisch Sturm zu läuten,

Auf blauer Gondel durch den Äther fahre.

Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische

Und warte längst auf Barrikadenschrei,

Daß ich mich heiß in eure Reihen mische,

Besonnt vom Wind des ersten Völkermai!

Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand

Und überträumt die Zeiten mit Besingung.

Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand,

Mein helles Ethos silberner Beschwingung!

DER SCHWEBENDE

Meine Jugend hängt um mich wie Schlaf.

Dickicht, Lichter — berieselt. Garten. Ein blitzender See.

Und drüber geweht die Wolken, die zögernden, leichten.

Irrlichternd spiele ich durch greise Straßen,

Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster

Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.

Da heb ich meine lächelnd schmalen Hände

Und breite einen Schleier von Musik

Sehr süß und müde machend um mich aus.

Und meine Füße treten in den Garten

Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglühend,

Stöhnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.

Da schüttle ich mein weiches Haar im Winde,

Und rote Düfte reifer Sommerträume

Umwiegen meinen silberleichten Gang.

Blaß friert ein Fenster, angelehnt im Winde.

Drauß heiser greller Schrei und Weinen singen

Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.

Ich schließe meine Augen, schwere Wimpern,

Und sehe Ländereien grün vor Süden,

Und Fernen zärtlich weit für Träumereien.

Ein glänzend helles Kaffehaus, voll Stimmen

Und voll Gebärden, lichtet sich, zerteilt.

An blanken Tischen sitzen meine Freunde.

Sie sprechen helle Worte in das Licht.

Und jeder spricht für sich und sagt es deutlich,

Und alle singen schwer im tiefen Chor:

Drei Worte, die ich nie begreifen werde,

Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,

Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.

II.
WOLKENÜBERFLAGGT

WOLKENÜBERFLAGGT

Blei-weiß die Fläche. Wolkenüberflaggt,

Darein zwei Segel schwarze Furchen graben.

Zwei Uferbäume ragen hochgezackt,

Die frühes Traumgrün auf den Zweigen haben.

Zwei Hunde keuchen übers Ufergras

Und wollen eine heiße Stunde jagen.

Zwei Schüler kommen, schlank und Bücher-blaß,

Die scheue Liebe wie zwei Leuchter tragen.

Ein junger Dichter wacht auf einer Bank

Und spricht, die Hände um sein Knie gefaltet:

„Wie sind die Dinge heute Sehnsuchts-krank!“

Und als er aufblickt, hat sich neu gestaltet

Die Welt und ist erschütternd tränenblank, —

„Was,“ ruft er, „hat mein Herz denn so zerspaltet!“

ICH FLAMME DAS GASLICHT AN . . .

Ich flamme das Gaslicht an.

Aufrollendes Staunen umprallt die vier Zimmerwände.

Ich fühle mich dünn in der Mitte stehn,

Verkrampft in Taschen klein meine Hände,

Und muß dies alles sehn:

Die Mauern bauchen aus, von Dröhnen geschwellt:

Die Tafeln von Jahrtausend-Meistern dröhnen in ihren Flanken,

Von Halleluja-Geistern hinziehend musizierende Gedanken!

Ich erblicke mich schwimmend klein da hinein gestellt

Mit winzigem Stöhnen und Krampf

Vor solchem wogenhaft wuchtenden Tönen

Und solchem siegsicher schwingenden Wolkenkampf!

O so Gott zwingende Werke!

Ein spitzer Pinselstrich zerstiebt mich blind

Mit machtheiterm Wind und lässiger Stärke!

Meine Brust empört sich über dies brausende Sein.

Tief ziehe ich die Luft der Wände ein

— Diese Flut, diese Glut! —

Und stoße sie aus mir mit Husten und Speien:

Blut! Blut!

Und versinke in eisdurchwehte Nächte.

Und weiß, der Tod reckt unten seine Arme aus. —

Doch über mich hin fährt ein Gebraus

Springender Hufen und Leiber und sonnhafter Prächte und Mächte!

WEISS ÜBER DEN WEITEN . . .

Weiß über den Weiten

Blendet das Meer.

Und blaue Wolken rauchen,

Steht mit den Gezeiten

Segel-fächert ein stürmend großer Traum daher.

Und hält dumpf schattend. Die See geht schwer.

Aus dürren Masten hörst du graue Stimmen fauchen.

Dann ebbt es weg. Und deine Angst, die dich umschnürte,

Wird Sehnsucht, die Musik mit weichem Strahl berührte. —

Verstört fühlst du die Segel untertauchen.

SCHLAF-WACH

Zum Schlag der Nachtuhr schwingt mein Blut das Pendel.

Ich liege ausgereckt.

Und warte atmend. — Stunden rauschen auf.

Und jede Stunde hält ein kreisendes Licht.

Ein tief bedeckter Gang zeigt in die Ferne,

Vom Stundenlicht bedämmert.

Mein Auge starrt beglänzt.

Nachthelle Stunden!

Ihr könntet schaukelnde Schmetterlinge sein,

Maibunt bemustert und Pfauenaug-gefiedert.

Ihr könntet summen, getragen auf Akkorden,

Dom-Hallend, weit, durch Türen, Läden und Stille,

Herschwingende, versponnene Musik.

Die Nacht ist bunt und glücklich.

Vor meinen Augen baut sich ein taumelndes Kugelspiel aus Glaskugeln.

Mit weichen Glöckchen macht sie ein Ohrengeklingel.

Dann zupft sie hoch von wasserrauschenden Bäumen

— Das wogt und fächert —

Viel erdbeergroße rote Beeren herab.

Sie spielt damit umher und schnellt sie und fängt sie

Und singt verweht einen Kinderreim.

Und nimmt sie zusammen und reiht sie und schwingt sie

Im Kreis bunt und rund

Und wirft sie um meinen Mund. —

Rotglühend brennt ein lutschend-süßer Kuß!

Die Nacht ist bunt und zeitlos glücklich.

ABENDSPIEL

Die kleinen Kinder sitzen auf den Stufen vor dem Haus,

Sind eng gerückt und spielen Große, die sich streng besuchen.

Manchmal fällt einem Mädchen ein Lachen aus dem Halse heraus.

Ich spiele auch. Ich spiele ein herzkindliches Spiel.

Ich spiele eine Kette von Kindern, einen rosinfarbenen Kranz,

Hinauf in die trunkene Luft, in der Sonne Untergangsspiel.

Ich spiele mich eifrig und heiß und rot und werde leuchtend in unnatürlichem Glanz,

Mein Werkstaunen schwillt übergroß und wird mir zuviel: —

Stark in der Wolken hinschwingendes Lichten

Werf ich, jäh frei gekrallt aus meinem Leib, mein Herz, das Flammen facht!

Zerdonnernd dumpf verschwimmt das Höhenspiel zu bleichen Schichten,

Und wo ich hintraf, steht ein großer Stern und leuchtet und ist ein tiefes Auge in die Nacht.

UND SCHÖNE RAUBTIERFLECKEN . . .

Bist du es denn?

Groß aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,

Tönt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.

Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.

Du aber . . .

Du glänzt vielleicht versehnt im weißen Federbett,

Traum liegt dir hart im Schoß. —

Oder ein junger Liebling

Zieht fühlsam mit zeichnendem Finger

Die festen Runden deiner Brüste nach.

Ihr seid sehr heiß.

Und schöne Raubtierflecken zieren eure Rücken.

ICH SCHLEPPE MEINE STUNDEN. . .

Laß mich meine Hände um deine Gelenke spannen