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Aristipp
in
Hamburg und Altona.

Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit.

Vom

Freiherrn Eugen v. Hammerstein,

Verfasser des „Eduard,“ der „Memoiren,“ „Frankreich und seine Revolution“ u. s. w.

Motto:

Faust.

„Wohin soll es nun gehn?“

Mephist.

„Wohin es dir gefällt.“

„Wir sehn die kleine, dann die große Welt,

„ Mit welcher Freude, welchem Nutzen,

„Wirst du den Cursum durchschmarutzen.“

Goethe.


Celle.

Verlag von E. H. C. Schulze.

1840.


Inhalt.

1. Erste lustige Fahrt.   [1]
2. Zweite lustige Fahrt. [97]
3. Dritte lustige Fahrt. [194]

1.
Erste lustige Fahrt.

Aristipp und Hippias. Das Hôtel der Madame Grünbein in Ottensen. Altona. Die Königsstraße. Hammerich und Lesser. Fr. Clemens. Die kleine Catharinenstraße. Der Keller des Herrn Ahl. Gespräche zwischen Aristipp und Hippias über Journale, Zeitungen, Literatur und Literaten. Die Buchhandlung des Herrn Georg Blatt. Unterredung zwischen Hippias, Aristipp und Herrn Georg Blatt. Der Keller des Herrn Kerkhoven. Unterredung zwischen Aristipp und Herrn Moses Samson über die Israeliten. Der Baron und Gipsy. Altonaer Klatscherei. Der Baron, Aristipp und Hippias. Geschichte des Barons und des Herrn von Pichmeier. Die Erfrischungshalle. Die Schenkmamsellen. Fräulein Brettomani und Demoiselle Henriette. Gedichte des Barons, Hippias und Aristipps. Das Hôtel Petit und Herr Herrmann Bleicamb. Gespräche über Clemens Gercke. Das Holländische Caféehaus. Mynheer Ianssen. Mlle Jeanneton, Thereson und Linon. Der wunderbare Mann. Der Baron und der Holländische Doctor-Capitän. Die englischen Schiffscapitäne. Promenade. Lieschen. London-Tavern bei Heitmann. Geschichte des armen Lieschen und Hippias. Raisonnements.

Eines Morgens befand ich mich in meinem Zimmer in Altona, als ich die Bothschaft erhielt, sogleich nach Ottensen zu Madame Grünbein zu kommen, weil mein Freund Hippias dort angelangt sei. Ich eilte hin und trat mit folgenden Worten, lachend, in seine Stube:

„Aber sage mir, wie kommst du dazu in diesem Nonnenkloster abzusteigen?“

„Aus dem einfachen Grunde, weil mir dieses Gasthaus durch eine Holsteinsche Klosterdame empfohlen worden. Uebrigens bereue ich es nicht hier abgestiegen zu sein, denn es schläft sich hier vortrefflich; Alles ist ruhig, der Garten hinter dem Hause schön und die Wirthinnen unterrichtet, zuvorkommend und hübsch. Genug hiervon. Und nun, Freund Aristipp, ist es deine Sache die wenigen Tage, welche ich in Altona bleiben werde, mich auf eine angenehme Weise hinbringen zu lassen. Ich bin gekommen um mich hier zu amüsiren.“

„Dich in Altona zu amüsiren? Nun, bei Gott, der Gedanke ist nicht übel! Glaubst du denn, daß irgend ein Menschenkind von Stande sich je in Altona amüsirt hätte? Unter uns Hippias, du bist zu vornehm um dich amüsiren zu dürfen, du hast hier Verwandte und Bekannte die es dir nie vergeben würden, wenn du dich hier amüsirtest. Dein Name wird schon in der Fremden-Liste stehen, und so kannst du gewiß sein, daß jeder deiner Schritte hier bemerkt, bekrittelt und beklatscht werden wird.“

„Gut. Wie beginnst du es denn aber um deine Zeit hier angenehm hinzubringen, da du in gleichen Verhältnissen mit mir stehst?“

„Ich setze mich über alle Nachreden hinweg; frequentire nicht die gute Gesellschaft; mache keine Visiten; lebe auf meine eigene Hand und suche meinen Trost in meiner Freiheit, bei meinen Büchern und meine Erholung in Bachus und in der Freude Armen. Ich bin ein Mann des Volkes. Ich besuche alle öffentliche Oerter, die Hütte des Armen. Ich spreche mit Jedermann; genieße das Leben und studiere bei meinen Orgien und Bachanalien den menschlichen Verstand; das menschliche Herz; Lebensweisheit. Jeder Mensch ist für mich ein Blatt aus dem ungeheuren Lehrbuche der Schöpfung; daher mir interessant, wichtig. Deßhalb mische ich mich unter das Volk und beobachte die Handlungen, den Gemüthszustand, die Ansichten und die Stufe der Bildung des gemeinen Mannes. Es läßt sich nicht läugnen, daß ein kluger Minister viel Verstand und Kenntnisse besitzen muß; daß ein Justizrath, ein Regierungsrath, ein Advocat, ein Professor, ein Polizeiminister Kenntnisse, Einsichten und Verstand besitzen muß. Häufig trifft es sich aber, daß der gemeine Mann, oder das Volk in seiner einfachen Art Gegenstände aufzufassen, eine schärfere Urtheilskraft beweist als alle jene Gelehrte und Studierte. Aus diesem Grunde bin ich ein Mann des Volkes geworden. Nicht aber, weil ich ein Republikaner, oder ein junger Deutscher bin, wie man es glauben könnte. Das war ich nie und werde es nie! Die vornehme Sippschaft, obgleich ich zu ihr gehöre, hasse ich, weil sie nie und nimmer veraltete Vorurtheile ablegen wird, und nimmer dem Menschen oder dem gemeinen Manne oder dem Volke gleiche Rechte mit den privilegirten Ständen zugestehen wird.“ — —

„Verzeihe es mir, Aristipp, wenn ich dich unterbreche. Deine Suade ist mir zu bekannt, als, daß ich nicht befürchten müßte, ließe ich dich zu reden fortfahren, wir würden den ganzen Tag hier in Ottensen versitzen. Das ist nicht meine Meinung. — Du kennst mich überhaupt gut genug um davon überzeugt zu sein, daß deine Gesellschaft mir lieber ist, als jede andere. Dich zu sehen; mit dir zu sein bin ich hieher gekommen. Wo du mich hinführest, da gehe ich hin. Du weißt, daß wir Jugendbekannte, Verwandte, Universitätsfreunde, Militärs und Schriftsteller waren und sind; was dem Einen gefällt, gefällt folglich dem Andern. Und nun entwirf den Plan unseres Taglaufes.“ —

„Wenn du so willst, so ist er schon fertig. Ich werde dich überall hinführen wo guter Wein, gutes Essen zu haben ist, und dir manche hübsche Mädchen und Frauen zeigen. Wir werden Gelegenheit haben einige gleichgesinnte Bekannte zu treffen, und wollen uns bemühen jeder Sache oder jedem Gegenstande, die oder der uns auf unserer Fahrt aufstoßen sollte, die wahre Seite abzugewinnen. Hier in Ottensen wüßte ich dir nichts zu zeigen. Klopstocks Grab wollen wir betrachten, wenn wir zurück kommen und ernster gestimmt sind. Rainvilles Garten kennst du. Das Gebäude, die Anlagen und die Aussicht sind dort wunderschön; aber da ist kein Leben, kein Treiben! Wir wollen den Menschen studieren. Gehen wir.“

Nach diesen Worten ergriffen Hippias und ich Hut und Stock; traten aus dem Grünbeinschen Hôtel; schritten quer über den großen Platz die Allee nach Altona hinunter und befanden uns bald in der Königsstraße der friedlichen Stadt zweiten Ranges des Königreiches Dänemark, oder, um mich besser auszudrücken, in der ersten Stadt des Herzogthums Holstein. Ich erlaube mir dieses hervorzuheben, weil es ein anmaßender Gedanke des Dänen ist, Holstein als eine dänische Provinz zu betrachten, da Holstein mit Dänemark in keiner andern Beziehung und Gemeinschaft steht, als daß der Herzog von Holstein, König von Dänemark ist. Die Holsteiner als Dänen zu betrachten, würde ebenso falsch und lächerlich sein, als wenn man unter der Regierung Wilhelms des Vierten die Hannoveraner Engländer genannt, und Hannover als ein von England abhängiges Königreich hätte betrachten wollen. —

Hippias und ich gingen bei der Buchhandlung von Karl Aue, der Buchdruckerei und Verlagshandlung von Hammerich und Lesser, der Leihbibliothek von Lesser vorüber.

„Hier wohnt Karl Aue und Hammerich und Lesser,“ bemerkte ich. „Schriftsteller, wie wir, empfinden immer ein gewisses Hochachtungs-Gefühl, wenn wir vor einer großen Buchhandlung vorbeigehen. Es müßte ganz angenehm sein dort verlegt zu werden, nicht wahr? Die Hammerichsche Verlagshandlung hat einen bedeutenden Ruf in Europa. Hammerich ist ein thätiger Mann und weiß die Verlags-Artickel richtig zu beurtheilen. Auch der Freihafen erscheint dort.“

„Eine Empfehlung für beide. Der Name des Verlegers thut oft soviel, als der Name des Schriftstellers. Ein Werk, das bei Hammerich und Lesser, oder bei Hoffmann und Campe verlegt worden, bedarf keiner weitern Empfehlung.“

„Du machst den Herrn ein großes Compliment; jedoch pflichte ich dir bei. Die Lessersche Leihbibliothek ist außerdem im ganzen Lande berühmt, und hat den Vorzug, daß man in ihr fast täglich Fr. Clemens antrifft, welcher dort die neuesten Werke liest.“

„Wer ist das?“

„Fr. Clemens! Clemens Gerke! da fragst du noch? Hast du denn nicht seinen „Spatziergang durch Hamburg;“ sein „Bei Nacht und Nebel;“ seinen „Jacob Stainer“ gelesen!? Du bist weit zurück. Ich rathe dir, auf alle Fälle, diese Bücher zu lesen. Du wirst in ihnen eine starke, männliche, wilde Phantasie finden, richtige Ansichten des Lebens und ein hochherziges Gemüth.“

„Ich werde deine Empfehlungen gewiß beachten, du scheinst sehr von diesem Manne eingenommen zu sein?“

„Du wirst es auch sein, wenn du seine Schriften gelesen, noch mehr aber, wenn du ihn selbst persönlich kennst und seine Ansichten und Grundsätze von ihm selber aussprechen hörst. Sie sind zeitgemäß, richtig und edel. Ueberhaupt, lieber Freund, obgleich ich ein aimable roué bin; so hat sich doch bei mir nie das Gefühl, die Empfänglichkeit für das Große, das Schöne, das Heilige, die Tugend und das Achtbare verloren. Wie hoch muß ich daher einen Mann schätzen, der von dem Grundsatze ausgeht: jeder Schriftsteller muß sich als Lehrer des Volkes betrachten, und wie sein Wort, das er an das Volk richtet, rein und edel sein muß; so muß auch sein bürgerlicher Lebenswandel rein und makellos sein.“

„Dein Clemens hat Recht, Aristipp. Das köstlichste Getränk aus einem schmutzigen, unreinen Gefäße angeboten, widert an. Du erregst meine ganze Neugierde diesen Mann kennen zu lernen, weil es so selten ist, in dem genialen Schriftsteller auch den sittlichen, moralischen Menschen achten und lieben zu können! Wir werden den Clemens wohl in den geselligen Cirkeln antreffen können.“

„Clemens Gerke! Du hast gut sprechen! Er ist nicht hochgeboren; nicht reich; kein graduirter Doctor! Er ist nur ein simpler Musikant, der noch dazu in einem öffentlichen Locale in St. Pauli spielt! Wie könnten die anerkannten Soliditäten, aus denen die hiesige, höhere Gesellschaft besteht, einen Mann in ihren Kreisen sehen, dessen Amati zum Tanze der Mädchen und lustiger Matrosen spielt!!! Guter Freund! Auf die Schaale kommt es hier an, nicht auf den Kern! Der Mann, seine Talente, gelten nicht, nur sein Titel; seine Firma oder sein Reichthum!“

„Was verstehst du unter dem Ausdrucke: anerkannte Soliditäten?“

„Das sind erstens alle Leute, welche Geld genug haben um „insgeheim“ ihre menschlichen Schwächen zu befriedigen; ihre Fehler und Lüste mit silbernem oder goldenen Mantel zu bedecken, und daher vor der Welt als moralische, sittliche Männer auftreten.

Zweitens Alle jene Leute, welche den Schein beobachten; die durch fleißiges Kirchengehen, Armen- und Krankenhäuser Besuchen; dadurch, daß sie Gott, Christum, Tugend, Thätigkeit und Grundsätze stets im Munde führen, ihren Ruf als heilige und christliche Menschen begründet haben.

Drittens die ganze Masse von ältlichen Frauenzimmern, heirathet oder nicht, die, weil sie nicht mehr sündigen können, weil Niemand sie zu verführen strebt, nichts anders thun, als ihre wohlfeile Ehrbarkeit und Tugend hervorzustreichen und über ihre Mitmenschen herzufallen. Zu dieser Classe gehören noch ausgemergelte Junggesellen, und diejenigen Ehemänner, welche in ihrer Jugend die leichtsinnigsten und ausschweifendsten waren, und es den jungen Männern nicht verzeihen, daß sie Fehler begehen, welche sie selbst begingen. Ein ander Mal mehr hiervon.“

„Wir sind grade vor einer Colonial-Waaren-Handlung, wo es gute Cigarren giebt. Laß uns hineingehen.“

Wir traten in das Haus des Kaufmanns, wo ein reinlich gekleidetes, rothbackiges Ladenmädchen uns ein Dutzend Cigarren und für einen Doppelschilling Schnupftaback verabreichte. Während ich bezahlte betrachtete Hippias ein Päckchen Taback, welches auf dem Ladentische lag und zeigte es mir. Das Päckchen war in ein Papier gehüllt, auf welchem vier rauchende Männer abgebildet waren, die um einen Tisch herum saßen und folgende sinnreiche Bemerkungen machten, die über ihren Köpfen zu lesen waren:

Der Eine sagte mit zufriedener Miene: „De Taback“ — Der Andere: „is got von Schmack“ — Der Dritte fragt neugierig: „wo köpt ji de?“ — worauf der Vierte erwiederte: „bi Sauké.“

Wir kauften der Merkwürdigkeit wegen dieses Päckchen; verließen das Haus, nachdem wir einige Blicke auf die schöne Besitzerin desselben geworfen hatten, welche in einem Nebenzimmer, in dessen Thüre ein Glasfenster angebracht war, mit weiblicher Arbeit beschäftigt saß.

„Eine wunderschöne Frau,“ bemerkte Hippias weggehend.

„Was noch mehr zu bewundern ist“ antwortete ich, „ist, daß sie ebenso tugendhaft, als schön ist. Sie hat zwei Schwestern von denen man dasselbe sagen kann. Das schöne Geschlecht in Altona ist überhaupt solide.“

Als wir noch einige Minuten stehen blieben, fragte Hippias: „Wie heißt die Straße, welche hier von der Königsstraße abgeht?“

„Die kleine Catharinenstraße. Eine für mich merkwürdige Straße. Alle jene Häuser, die du an der rechten Seite erblickest, gehören einem Herrn Bettac, der eine englische Grammatik herausgegeben hat. Ferner wohnt in dieser Straße ein ebenso edler, als genialer, gescheuter als unterrichteter, eben so glücklich gewesener, als jetzt unglücklicher Mann; der Tausenden geholfen und dem Niemand mehr hilft; für den ich die ganze Welt um Hülfe anflehen mögte, weil er mir selbst in meinem Unglücke geholfen!“

„Und warum hilft man ihm denn nicht?“

„Weil er nicht zu den anerkannten Soliditäten gehört.“

„Die Catharinenstraße ist mir auch noch dadurch angenehm, daß in dem vierten Hause von hier ein Lehrer der englischen und französischen Sprache wohnte, dessen Frau sehr liebenswürdig war. Ich hatte in diesem Hause Zutritt und habe da manchen genußreichen Abend in der Gesellschaft der feurigen Wally; der niedlichen Sophie und der koquetten Marie verbracht. Außerdem lernte ich in diesem Hause den Herrn von Hammerstein kennen, der damals durch die Herausgabe seiner Memoiren viel Aufsehen erregte und nachher Alles durch seine Liebeshändel und tollen Streiche wieder verdarb. Ich habe dir manches Interessante über ihn und jene Damen mitzutheilen, was zu seiner Zeit geschehen soll.“

„Du kennst also diesen Menschen genauer? Was denkst du über ihn?“

„Es ist nicht leicht, lieber Hippias, über einen Menschen ein entschiedenes Urtheil zu fällen. Um Jemanden, dessen Leben, Thaten und Treiben richtig beurtheilen zu können, muß man die Vergangenheit, den gegenwärtigen Zustand desselben, seine Hoffnungen für die Zukunft genau kennen. Erziehung, Geburt, Temperament des Menschen sind außerdem wohl zu beachten. Ich denke von diesem Manne, wie von allen ungewöhnlichen Männern, das Beste und das Schlimmste. Der Herr von Hammerstein hat zwei große Fehler: Die Liebe zum Wein und zu dem schönen Geschlechte. Was ihm aber noch mehr schadet, das ist, daß er keine Mördergrube aus seinem Herzen macht, und nicht zu den anerkannten Soliditäten gehört.“

Wir gingen weiter.

„Bemerkst du wohl jenes Haus, Hippias,“ sprach ich, „dessen Façade gänzlich mit Weinlaub umzogen ist?“

„Ja wohl.“

„Gut. In diesem wohnt ein braver Mann. Ein Mann, der fähig ist sein Leben tausendmal zur Rettung seines Mitmenschen in die Schanze zu schlagen; dessen Manieren und Sprache aber nicht die des bon ton sind. Ich mache dich auf diesen Mann aufmerksam, weil es mir immer wohlthut in unserm entarteten Zeitalter einem Kraftmenschen, einem Urmenschen zu begegnen, der, wie ein Granitblock unter den ihn umgebenen Sandhügeln, unerschütterlich feststeht.“

„Du bist ein vortrefflicher Cicerone, Aristipp. Du kennst beinahe die Bewohner eines jeden Hauses. Was mich aber am meisten freuet, ist, daß du die guten Seiten der Menschen hervorhebst. Eine seltene Tugend in unsern Zeiten.“

„Von mir wollen wir einandermal sprechen. Betrachte hier die Hutfabrik des Herrn Dubbers, dessen Filze ebenso dauernd, als er selbst betriebsam und wohlthätig ist. Es ist sonderbar, daß in einer Stadt, wie Altona, die die größten Privilegien hat, so wenig Fabriken anzutreffen sind! Die Regierung läßt es nicht an Aufmunterungen fehlen — aber wohl fehlt der Unternehmungs-Geist den Bewohnern. Und nun, mein lieber Hippias, nahen wir einem Orte oder einem Hause, wo ich nicht vorübergehen kann. Ich bringe dich jetzt in einen Keller. Fürchte dich nicht vor diesem Souterrain. Man ist dort gut aufgehoben. Sieh nur hin! Vor dem Keller siehst du schon den hübschen, blondgelockten Küper stehen. Bemerke nur wie die Blicke der vorübereilenden Mädchen auf dem schmucken Burschen verweilen. Wahrlich! nicht Alle holen dort den Wein um des Weines wegen. — Doch wir sind da!“

Noch einige Schritte und wir befanden uns in dem Keller des Herrn Ahl. Ein reinliches Zimmer empfing uns. Vier Tische standen in demselben. An drei Wänden des Zimmers liefen mit Leder beschlagene Bänke einher. An der vierten Wand stand ein Ofen. Kein Körnchen Staub war auf Tischen und Bänken zu bemerken; auf den Tischen keine Spur gestandener Gläser zu sehen. Alles war einfach, reinlich und nett. Auf dem ersten Tische, rechts, wenn man in das Zimmer tritt, lagen eine Menge Zeitungen, Journale geordnet in einer Reihe; der Titel eines jeden derselben war auf dem obern Blatte zu lesen. An diesen Tisch setzten wir uns.

„Und nun zwei Gläser feiner Röthe! Eduard!“

„Zwei Durchschnitte oder einen Pohlschen?“ fragte der Küper.

„Zwei Durchschnitte.“

Einige Minuten später und das Geforderte stand vor uns. In den schönen, blanken Gläsern strahlte uns der köstliche Bordeaux purpurroth entgegen.

„Komm, Hippias! koste diesen vortrefflichen Wein. In ganz Hamburg und Altona giebt es keinen bessern! Welch ein Bouquet! Ist es doch grade, als ob Einem ein seidenes Tuch durch die Kehle gezogen würde! — Nun, Eduard, wie geht es?“

„Immer beim Alten, Herr Aristipp. Aber Ihnen? Man hat sie ja in einer Ewigkeit nicht gesehen! Wir glaubten Sie wären krank.“

„Nein, Eduard, ich war auf dem Lande.“

„Sie ruhten sich wohl etwas von den Strapatzen der Stadt aus. Es haben sich mehre Leute nach Ihnen recht angelegentlich hier erkundigt.“

„So? Also die Leute beschäftigen sich noch mit mir? Das ist mir lieb. Was würde auch aus Altona werden, wenn es nichts zu schnacken hätte!“

„Sie sollen in Wandsbeck gewesen sein, beim Wettrennen und dort viel Geld verloren haben, wurde neulich Abend hier erzählt!“

„Vortrefflich! Ich habe nie einen Fuß nach Wandsbeck gesetzt, und kenne von dem ganzen Dinge nur den Wandsbecker Boten. Es ist mir übrigens sehr einerlei, was die Menschen von mir reden. Die Stimme des Publikums, die öffentliche Stimme, geht in unsern Tagen nicht mehr vom Volke aus. Im allgemeinen ist es nur eine gewisse Kaste, die die öffentliche Meinung beherrscht. Neid, Verläumdung, Klatscherei, Bigotterie gehen immer Hand in Hand, und wer kein Betbruder, Mystiker oder Harmsianer ist, der kommt schlecht weg. Sie würden wohl thun, Eduard, uns noch zwei Durchschnitte zu geben.“

Der Küper ging; brachte die Gläser; stellte sie vor uns hin und zog sich alsdann bescheiden zurück.

Hippias hatte unterdessen eine Zeitung genommen und durchblätterte sie.

„Du findest hier alle mögliche Journale und Zeitschriften sprach ich nach einigen Augenblicken. Man könnte diesen Keller ein Lese-Cabinet nennen. Hier hast du die „Hamburger Neue Zeitung.“ Ein vortreffliches Blatt, das täglich älter wird, und doch immer neu bleibt. Wenn ich nicht irre, so werden die französischen und englischen Artikel von dem Doctor Fr. Wille redigirt. Ein gescheuter, kraftvoller, freisinniger Mann, eben so treffend, als richtig in seinem Urtheile. Ferner hast du hier den „Altonaer Mercur,“ der seinen morning-dress abgelegt hat, weil er nicht mehr haltbar war, und nun im evening-dress erscheint, nachdem er sich unter das mächtige Gestirn des freidenkenden Wienbarg begeben, und durch diese literarische Notbalität mehr populär und gelesen wird. Weiter findest du hier die „Hamburger Nachrichten.“ Brav und kurz geschrieben; ihrem gemeinnützigen Zwecke entsprechend. Das „Itzehoer Wochenblatt“ setzt dich von den innern holsteinschen Streitigkeiten und theologischen Fehden au fait. An seiner Vignette erkennst du gleich den populären „Freischütz.“ Die Braunschweigsche National-Zeitung mit ihrem Motto: Nunquam retrorsum, beweist dir, daß das Motto allein nichts hilft, wenn der Inhalt nicht mit demselben harmonieren darf. Schade, daß dem kräftigen Hermes so sehr die mächtigen Schwingen seines Geistes beschnitten werden! Jetzt findest du noch hier den aufmerksamen „Hamburger Beobachter;“ „den Freihafen,“ berühmt durch Beiträge von König und Varnhagen von Ense, und außerdem eine Menge von Modeblättern und Zeitungen für gebildete Stände. Nur zwei Zeitschriften vermisse ich hier ungerne: den Hamburger Unpartheiischen Correspondenten, und die kritischen und literarischen Blätter der Börsenhalle, in welchen Franz v. Florencourts treffliche Feder einem jeden deutschen Recensenten lehrt, wie man recensiren sollte.“

„Meiner Meinung nach, Aristipp, ist Wolfgang Menzel der erste deutsche Kritiker; wenn er auch zuweilen etwas zu persönlich wird. Es ist leider bei den jungen Literaten häufig der Fall, daß sie nicht das Werk, sondern die Person des Schriftstellers kritisiren; in diesen Fehler verfällt auch zuweilen dein Florencourt, wenn gleich ich sonst ganz deiner Meinung über ihn bin. Ich finde nichts Unpassenderes als dem ganzen lesenden Publiko die Schwächen, oder die Fehler eines Schriftstellers herzuzählen und ihn dadurch in den Augen desselben herunter zu setzen. Ich habe mich deßhalb heute sehr über dich gefreut, Aristipp, weil du, bis jetzt nur Gutes von allen Leuten, die du mir nanntest, geredet hast. Um so mehr hat es mich erfreut, weil ich weiß, daß du meistens von allen Menschen heruntergerissen und getadelt wirst. Wie bist du zu dieser Selbstüberwindung, zu dieser weisen Mäßigung gekommen?“

„Gerade, weil ich vielfach angegriffen und getadelt worden bin. Ich fand, daß der meiste Tadel, welcher mich traf, nur auf Hörensagen beruhte; ungerecht war. Ich sah ferner ein, daß es nichts Leichteres gäbe, als Fehler an seinen Mitmenschen zu entdecken; sie tausendfach zu vergrößern und zu entstellen; ich fand ferner, daß nichts kleinlicher sei, als sich zu rächen, und, daß es dem edlen Manne bei weitem eher zieme die guten Seiten seiner Mitbrüder zu erforschen und an das Tageslicht zu fördern, als sich durch beißende Bemerkungen in den Ruf eines klugen Mannes zu setzen. Aus diesem Grunde spreche ich über Niemanden schlecht. Werde ich aber aufgefordert in einer Sache von Wichtigkeit mein Urtheil über Jemanden zu fällen, so thue ich es kurz; der reinen Wahrheit gemäß.“

„Du sprichst wie ein Buch, Aristipp. Bei einem so guten Glase Wein, wie dieses, hört sich gern ein gutes Wort. Du hast Recht. Wenn die Menschen ebensoviel thäten um sich das Leben angenehm zu machen, als sie thun um es sich zur Hölle zu schaffen und sich gegenseitig zu zerfleischen und zu erniedrigen, so würden sie zehntausendmal glücklicher sein. Woher aber kommt es, daß dieser Keller so wenig besucht ist? Wir sitzen hier schon eine geraume Zeit und bisjetzt kam noch Niemand.“

„Die Ursache deiner Befremdung will ich dir erklären. Sie liegt in der Persönlichkeit und in der Stellung des Besitzers unter seinen Mitbürgern. Herr Ahl ist ein äußerst rechtschaffener Mann, sehr klug aber eigen. Er besitzt Kenntnisse; ist Meister seiner Muttersprache und spricht das Französische in seltener Vollendung. Er hört sich daher gern in dieser Zunge reden. Außerdem hat er die gute Eigenschaft, daß er gerne mit gebildeten Männern umgeht, um sich selbst noch mehr auszubilden. Eine Eigenschaft, die man nicht oft bei Männern findet, die eine halbe Million im Vermögen haben. Ein anderer guter Zug dieses feinen Weinhändlers ist, daß er unglückliche Genies unterstützt, wenn sie es verdienen. Bei den Gesinnungen des Herrn Ahl ist es ihm nun durchaus nicht einerlei wer seinen Keller frequentirt. Da er selbst durch sein Vermögen und seine moralischen Eigenschaften eine höchst achtbare Stellung unter seinen Mitbürgern einnimmt, so ist es natürlich, daß sein Keller nur von solchen Männern besucht wird, die ihm conveniren, und, daß unter den Stammgästen seines Kellers, die sich gewöhnlich nur des Abends einfinden, Verstand und Kopf nie fehlen dürfen. Ich selbst bin während einer geraumen Zeit fast täglich hier gewesen; habe manche angenehme Stunde mit Herrn Ahl zugebracht; demselben meine literarischen Producte mitgetheilt, und viele treffende Bemerkungen von ihm entgegen genommen. Nie habe ich in diesem Keller einen Streit gehört; nie einen Betrunkenen gesehen! Man kann daher, mit Recht, denselben einem jeden Fremden empfehlen, denn man findet hier: guten Wein, eine gute Gesellschaft und einen höchst ehrenwerthen Wirth.“

„Es ist gewiß, daß der moralische Werth eines Mannes einen großen Einfluß auf seine Umgebung hat. Der gemeine, rohe, unsittliche Mann wird sich immer durch die Gegenwart eines Ehrenmannes belästigt finden, weil ein innerer Zwang ihm verbietet seine Gemeinplätze, seine Zweideutigkeiten vor einem solchen Manne laut werden zu lassen. Es ist daher sehr natürlich, daß ein gemeiner Mensch es nicht wagen wird einen Keller zu besuchen, wo ein Mann, wie du den Herrn Ahl mir schilderst, den Ton angiebt.“

„Wenn ich diesen Augenblick darüber nachdenke, lieber Hippias, wie wir hier in diesem Keller zusammen sitzen, und über jeden Gegenstand eine ernste Betrachtung uns gegenseitig mittheilen; so kann ich nicht umhin zu gestehen, daß es wohl wenige Menschen giebt, die unter unsern Keller-Gesprächen eine so tiefe Bedeutung versteckt glauben würden. Ich bin fest davon überzeugt, daß unser heutiger Cursus uns noch manche lehrreiche und unterhaltende Gegenstände vorüber führen wird, und da ich ein sehr gutes Gedächtniß habe, so werde ich mir Alles gehörig notiren, und dann weiter ausarbeiten. Die größte Schwierigkeit würde wohl für uns sein einen Verleger zu finden, da so unendlich viel in Deutschland geschrieben wird. Außerdem stehe ich mit sehr wenigen Literaten in Verbindung, die ich auffordern könnte die Verleger für mich zu bearbeiten oder mein Werk „im Voraus“ lobhudelnd anzupreisen.“

„So müssen wir wohl unser Glück selbst versuchen und dem richtigen Urtheile der Verleger vertrauen.“

„Das ist auch meine Ansicht. Ich finde, daß nichts natürlicher ist, als, daß junge angehende Schriftsteller eine große Achtung vor älteren, berühmten, literarischen Autoritäten haben müssen, aber sie müssen auch Zutrauen zu sich selbst haben. Glaube mir Hippias, wenn ich Etwas geschrieben habe; so sagt mein eigenes Gefühl es mir, ob es gut oder schlecht sei, und ich bedarf des Urtheils eines andern Literaten nicht. Bei den Buchhändlern helfen auch die Empfehlungen literarischer Notabilitäten wenig. Ich mögte auch von keinem Verleger verlegt werden, der durchaus kein eigenes Urtheil über mein Werk hätte. In frühern Zeiten war das etwas Anderes. Jetzt ist aber der Buchhändler selbst eine literarische Person und bedarf nicht eines fremden Urtheils. Wir haben hier gleich eine Buchhandlung in der Nähe, wo wir unser Glück probiren können.“

Nachdem unsere Gläser geleert waren, begaben wir uns auf die Wanderschaft. Einige Schritte von dem Keller des Herrn Ahl entfernt, sahen wir in die Mörkenstraße hinein, aus welcher uns das Aushängeschild der Königlich privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt entgegenstrahlte. — Wir begaben uns in diese Buchhandlung. Ein junger, wohlgewachsener, blondhaariger, sehr elegant gekleideter Mann, die Feder hinter dem Ohre, empfing uns unter vielen Bücklingen und erwiederte auf unsere Frage: „ist Herr Blatt zu Hause?“ mit lispelnder Stimme: „zu dienen, der bin ich selber. Was wäre Ihnen gefällig?“

Wir sahen uns jetzt gegenseitig verlegen an; errötheten, wie alle junge Schriftsteller, wenn sie vor dem Manne stehen, der ihnen die Unsterblichkeit zu sichern im Stande ist, und ihre, meistens leere Börsen wieder anfüllen kann.

Endlich faßte ich Muth und sagte: „Wir sind gekommen, Herr Blatt, um Sie zu fragen, ob Sie nicht Lust hätten ein kleines Werk über Altona und Hamburg in Verlag zu nehmen?“

Die heitere Miene, mit welcher Herr Blatt uns empfangen, wich einer ernstern. Einige Falten zogen sich auf seiner Stirne zusammen. Er trat einige Schritte zurück und bewegte unwillkührlich seinen rechten Arm indem er seinen Oberkörper von einer Seite zur andern balancirte. Darauf sprach er: „Muß recht sehr bedauern, meine Herren, — ich bin nur ein junger Anfänger — habe mit meinen ersten Verlagsartikeln vielen Schaden gelitten — darf mich nicht vom Gelde entblößen. — Ich würde den Herren rathen nach Hoffmann und Campe zu gehen. Die würden wohl die Einzigen seien, welche auf etwas Belletristisches sich einlassen könnten.“

„Aber, Herr Blatt, das Werk würde gewiß in Altona und Hamburg vielen Abgang finden, denn es ist sehr frei, beißend geschrieben und wimmelt von Persönlichkeiten.“ Versetzte Hippias.

„Um so weniger darf ich mich darauf einlassen. — Ich bin ein Altonaer Bürger und darf es nicht mit meinen Mitbürgern, noch mit dem Polizeimeister verderben. Ja wäre es ein statisches Werk, ein Buch über Agricultur, Schaaf- und Viehzucht, dann allerdings, meine Herren. Aber so — eine Satyre vielleicht? — muß recht sehr bedauern.“

Herr Blatt lächelte. Hippias und ich lächelten auch. Wir lächelten alle drei und lächelten uns zur Thüre hinaus.

Auf der Straße sahen wir uns noch einmal unwillig nach dem Schilde der privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt um, dann gingen wir weiter.

„Er hat seinen Vortheil nicht verstanden“ sprach ich. „Mein Name thut Alles.“

„Tröste dich mit Georges Sand, die drei Jahre umherlief ohne ihr Manuscript anbringen zu können.“

„Das ist was Anderes. Hier in Deutschland kommt es nur auf den Namen und den Rang eines Schriftstellers an. Ich bin überzeugt, daß der vorsichtige Blatt die Memoiren des Freiherrn v. Hammerstein nicht verlegt haben würde, wenn er nicht auf den Einfluß des Namens speculirt hätte.“

„Du magst Recht haben. Ein alter, ehrwürdiger, historischer Name ist immer ein gutes Panier; zu diesem kommen die Alliancen und Connaissancen eines Mannes von großer Familie.“

„Das ist es gerade, was mich ärgert, wenn gleich ich dieselben Ansprüche machen könnte! Doch was hilft es sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die wir nicht ändern können. Ein andermal mehr Glück! — Sieh her, Hippias, da ist ein Putzladen! Ich mag nichts lieber als diese eleganten Hütchen und Häubchen besehen, unter jedem denke ich mir ein niedliches Gesicht. Im zweiten Stocke dieses Hauses wohnt ein sehr geschickter Lithograph. Wenn du einst berühmt geworden, kannst du dich von ihm lithographiren lassen. Er ist ein braver Baier und trifft vortrefflich. Seine Frau —“

„Nun, und seine Frau?“

„Ist seine Frau. Die Frauen lasse ich gerne aus meinem Vortrage weg. Sie haben mir zu viel Gutes erwiesen, um sie partheilos behandeln zu können. Ich will es lieber mit der Polizei und dem ganzen Männervolke verderben, als mit einer einzigen Frau, und am wenigsten mit meiner eigenen, wenn ich einmal eine bekommen sollte!“

Unter diesem Gespräche gelangten wir bis zu dem Keller des Herrn Kerkhoven.

„Hier müssen wir wieder einkehren,“ sprach ich. „Hier wohnt einer meiner besten Freunde und Bekannten.“

„Wahrscheinlich noch ein braver Mann! Ein Kraftmensch! ein Urmensch! nicht wahr? Wenn es so fortgeht, so giebt es in Altona nur lauter brave Männer und du lebst, wenn nicht in der guten, jedoch in der besten Gesellschaft!“

„Ganz gewiß, wenn man ohne Vorurtheil mich beurtheilt.“

Wir stiegen in den Keller hinab, und gelangten, nachdem wir eine schmale Flur passirt hatten, in die Weinstube. Hier waren mehre Gäste versammelt. Wir wurden von ihnen mit einem Jubel-Geschrei empfangen. Ich kannte sämmtliche Herren.

„Mein Freund Hippias, meine Herren,“ sprach ich denselben präsentirend; und fuhr mich gegen Hippias wendend fort:

„Dieser Herr,“ ich zeigte auf einen ziemlich starken Mann, mit vollen, rothen Wangen, der in einem braunen Oberrocke gekleidet war; aus einer kurzen, thöneren Pfeife rauchte und einen „Bittern“ vor sich stehen hatte, „ist mein Freund Moses Samson. Ein Biedermann, zwar mosaischer Religion, aber mit einem Herzen des wahren Christen würdig. Mein Freund Moses Samson; mein Freund Hippias.“

„Dieser Herr,“ sprach ich weiter, und reichte einem Manne die Hand, welcher in einem schwarzen, weiten Frack; einer weißen Weste, einer Unaussprechlichen von hellgrüner Farbe gekleidet, in einer Ecke des Zimmers saß, die Hände auf ein Bambusrohr gestützt und gleichfalls „einen Bittern“ vor sich stehen hatte, „ist mein Freund Herrmann Bleicamb. Ein Mann der früher Alles ins Große trieb; sich jetzt in das Hôtel Petit zurückgezogen hat, wo Alles Petit ist, und jetzt ein großer Mann im Kleinen genannt werden kann; weil er nie seinen Kopf verliert, und mit dem zufrieden und heiter ist, was er hat. Herr Herrmann Bleicamb; Herr Hippias.“

„Dieser Herr,“ bemerkte ich darauf Hippias einen Mann vorstellend, dessen hohe Stirne von wenigen blonden Haaren umflattert war, dessen große blaue Augen unruhig in ihren Höhlen umherrollten, und welcher das Itzehoer Wochenblatt in der Hand hielt, „ist Herr Kannegießer. Ein Mann, dem das Wohl des Vaterlandes sehr am Herzen liegt; der sich viel um die Dithmarschen Unruhen bekümmert; gerne über die Unzweckmäßigkeit der Dänischen Zolllinie redet, und überhaupt sehr viel zu raisonniren sucht. Herr Kannegießer; Herr Hippias.“

„Dieser Herr,“ sprach ich auf einen kleinen untersetzten Mann zeigend, dessen Ausdruck ebenso unternehmend, als lebendig war; der mit einigen Goldmünzen spielend vor sich einen Durchschnitt rothen Weines stehen hatte, „ist mein Freund Keball. Herr Keball; Herr Hippias.“

„Und endlich dieser hier,“ fuhr ich fort, einem vierschrötigen Manne mit krausen, schwarzen Haaren, schwarzen Augenbrauen und gelblichem Gesichte, die Hand reichend, „ist mein Freund Timm. Ein Mann, der meine vollkommenste Achtung verdient; der mir und Anderen hundertmal aus der Noth geholfen, und der schweigen kann.“

Nachdem die üblichen Verbeugungen gemacht waren, nahmen wir Platz.

„Und nun, Herr Aristipp,“ unterbrach Herr Moses Samson, mit einer freundlichen Miene die eingetretene Pause, „wo sind Sie so lange gewesen?“

„Auf dem Lande, mein Bester.“

„Waren Sie auch im Dithmarschen?“ fragte Herr Kannegießer. „Mir däucht, es sieht dort schlimm aus. Was glauben Sie sonst von den politischen Begebenheiten? Bekommen wir Krieg oder Frieden?“

„Krieg bekommen wir wohl nicht so leicht,“ bemerkte Herr Moses Samson, seine thönerne Pfeife am Tische ausklopfend. „Krieg kostet Geld, und die großen Herren haben kein Geld.“

„Das ist Recht,“ meinte Herr Kannegießer, „das ist ein großes Impediment. Ohnehin kann jetzt nicht leicht einer von den großen Mächten Krieg anfangen, wenn die anderen nicht consentiren. Die großen Herrn haben zu viel in ihren eigenen Ländern zu thun. Außerdem fürchtet der Engländer den Franzosen, und der Franzos ist selbst nicht sicher in seinem Lande. Rußland und Preußen fürchten die vereinte Macht Frankreichs und Englands, und Oesterreich liebt die Ruhe. Was sagen Sie aber zu Mehemet Ali? Das ist ein braver und kluger Kerl. Sie sollen sehen es geht doch wieder los! Der Ibrahim ist ein tapferer Soldat!“

„Ach was soll das viele Schwatzen!“ rief Herr Keball, einen Doppellouisd’or in die Höhe werfend und wieder fangend. „Was gehen uns Türken und Paschas an, wenn wir nur genug zu leben haben? Der Kannegießer da, will immer mehr wissen, als andere Leute, studirt immer die Zeitungen, und bleibt doch nicht mehr und minder, als ein armseliger Stellmacher. Schuster bleib bei deinem Leisten!“

Durch diese Unterbrechung ließ Herr Kannegießer sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort:

„Haben Sie das Itzehoer Wochenblatt gelesen, Herr Aristipp? Im Dithmarschen geht es los. Sie reißen die Häuser der Polizeibedienten nieder, und prügeln die Controleure. Uebrigens ist es auch eine Ungerechtigkeit den Dithmarschen die Zollfreiheit zu nehmen: sie haben ihre Documente darüber, und mit ihrem Blute sie erobert. Glauben Sie, daß sie sich gutwillig geben werden, Herr Aristipp?“

„Ich denke ja. Sie haben weise und tüchtige Oberbeamte, die sie durch vernünftige Vorstellungen beruhigen werden. Nach meiner Meinung kann überhaupt in einem Staate keine Landschaft, noch irgend eine Classe von Menschen ein Privilegium vor der andern voraus haben. Jeder Bürger eines Staates muß gleiche Rechte haben. Dieselben Gesetze, Verordnungen, dieselbe Verfassung muß in einem Staate Anwendung finden. Und wenn aus alten Zeiten her datirende Vorrechte oder Privilegia dem einen oder dem andern Herzogthume oder Fürstenthume, oder Landschaft, oder irgend einer Kaste von Menschen zugestanden waren, so müssen sie dieselben aufgeben, nachdem sie mit minder bevorrechteten Ländertheilen unter einem Scepter vereint worden sind. Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze müssen in einem Königreiche herrschen, und nur eine allgemeine Verfassung kann für alle Ländertheile, aus welchem eine Monarchie besteht, gültig sein.“

„Sehr gut, mein bester Herr,“ unterbrach mich Herr Samson, „warum schließt man uns von dieser Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze aus? Warum erkennt man uns nicht das Bürgerrecht zu? Sind wir nicht eben so gut Kinder eines Staates, wie Sie? Bürger einer Stadt, wie Sie?“

„Das liegt wohl nicht so sehr an der Staats-Regierung, als in der Staats-Religion, mein guter Moses. Kein Beweis spricht deutlicher für die Göttlichkeit des christlichen Glaubens und seines Stifters, als, daß das jüdische Volk, bis auf den heutigen Tag, unter alle Völker zerstreut ist.“

„Finden Sie das aber gerecht? Ist Ihr Gott nicht unser Gott? Haben Sie nicht Ihren Gott von uns? War Christus nicht ein Jude?“

„Sehr richtig; aber sie kreuzigten ihn. Ich finde übrigens, daß der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit längst Ihrem Volke vergeben haben müßte, und glaube, daß er es hat. Ich nehme nur einen allliebenden Vater, einen vergebenden Gott an. Diese Ansicht theilen aber nicht die orthodoxen Consistorien oder Bischöfe, die mehr das Wort, als den Geist der christlichen Lehre anwenden. Die immer weiter fortschreitende Civilisation oder die wahre Aufklärung wird aber bald, wie ich es hoffe, den Unterschied der Religionen gänzlich verschwinden lassen, und in dem rechtschaffnen Israeliten nicht den Juden sondern nur den rechtlichen Bürger betrachten. Eine Frucht dieser Aufklärung sehen Sie schon an Sich selbst, lieber Samson. Wer, in diesem Keller, dächte jemals daran, daß Sie ein Jude wären, wenn Sie nicht selbst die Rede darauf brächten? Sie sehen: die Aufklärung bahnt sich überall einen Weg und kann sie nicht von Oben durchdringen, so steigt sie aus einem Keller hervor. Die Wege der Vorsehung sind sonderbar!“

„Schön, schön!“ meinte Herr Kannegießer. „Aber mit den Juden, das geht doch nicht. Die sind nur immer auf das Betrügen aus. Geben wir ihnen das Bürgerrecht, dann sind wir Christen ganz unterdurch.“

„Wer ist daran Schuld, als wir? Warum sperren wir ihnen die Wege sich als gute Bürger zu nähren? Warum schließen wir sie von allen bürgerlichen Gerechtsamen aus? Was bleibt den guten Juden anders, als durch Handel und Wandel, wie man es nennt, zu leben, zu gewinnen? Wenn die Juden betrügen, so sind wir allein Schuld daran.“

„Was sind das für Gespräche,“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus, der bisjetzt mit Aufmerksamkeit der Unterredung gefolgt war und mit seinen kleinen listigen Augen bald Beifall, bald Unwillen den Redenden zugeblinzelt hatte; „habt Ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen und wollt uns hier mit diesem einfältigen Geschwätze die Ohren vollbrummen? Ist das ein Keller-Gespräch? Es ist nichts Lächerlichers, als über Politik und Religion zu sprechen! Die eine bringt einen meistens ins Gefängniß und die andere ins Tollhaus. Du da, dicker, alter Säufer! Was geht dich die Religion an? Jud’ ist Jud’ und Christ ist Christ, und nun wieder vorby! Timm! Wein her! Juden und Christen sollen leben!“

Wir riefen Alle: „hoch!“

Während dieses Toastes ließen sich starke, männliche Tritte auf dem Gange vernehmen.

„Das ist der Baron!“ rief der Küper.

„Der kommt zur rechten Zeit;“ meinte Herr Keball.

„Nun wirds gar toll werden;“ sagte Herr Kannegießer.

„Wer ist der Baron?“ fragte Hippias.

„Kennen sie den nicht?“ antwortete Herrmann Bleicamb „das ist ein Genie.“

Die Thür des Zimmers wurde schnell aufgerissen. Ein junger Mann, dem Anscheine nach in den dreißiger Jahren von hohem Wuchse; in einem schwarzen Oberrocke gekleidet; den Hut auf dem Kopfe; eine brennende Cigarre im Munde trat in das Zimmer. Ein brauner Backenbart, welcher à la jeune France rund um das Gesicht des Neuangekommenen lief, wurde durch einen weißen Hemdkragen, der auf ein schwarzes, seidenes Tuch, welches nachlässig um den Hals geschlungen war, niederfiel, noch mehr hervorgehoben. Ein brauner Schnurrbart bedeckte die etwas aufgeworfene Oberlippe desselben; eine feine Röthe seine Wangen; aus seinen kleinen blauen Augen strahlte ein feuriger, durchdringender Blick. Eine gelbe Terrier-Bulldog-Hündin folgte ihm auf dem Fuße, den glühenden Blick ihrer treuen braunen Augen unablässig auf ihren Herrn gerichtet.

„Guten Morgen, meine Herrn!“ rief der Baron eintretend, „hier geht es wohl lustig her? down Gipsy! Timm, ein Glas Portwein! War Niemand hier, der nach mir fragte? Kein Brief für mich? Schnell den Wein her! Ich bin durstig! Nun Timm, war Niemand hier?“

„Hier ist ein Brief, Herr Baron,“ erwiederte der Befragte, „und dann war gestern das kleine Mädchen hier —“

„Welches kleine Mädchen? die im gelben Kleide mit dem grünen Schleier? Schön! schön! — Ich habe keine Zeit mehr — ich komme bald wieder — entschuldigen Sie meine Herren — Bleicamb, komm mit — ich muss mit dir reden!“

Mit diesen Worten stürzte der Baron das Glas Portwein hinunter; ergriff Herrn Herrmann Bleicamb beim Arm, machte der Gesellschaft eine vornehme Verbeugung und eilte mit jenem fort. Die treue Bulldoghündin, wahrscheinlich einen längern Aufenthalt ihres Herrn vermuthend, hatte sich unter einen Tisch gelegt, und den plötzlichen Aufbruch nicht bemerkt. Kaum aber die Entfernung desselben bemerkend, sprang sie wie rasend auf, sprengte die Thür des Zimmers, und schoß wie eine Bombe ihm nach.

„Da stürzt er hin! Fort ist er!“ rief Herr Moses Samson.

„Fort sind sie der Herr und sein Hund“! rief Herr Kannegießer.

„Der hat wieder was im Kieker!“ rief Herr Keball.

„Irgend eine schöne Frau,“ sprach Herr Kannegießer, „dazu sind unsere Frauen und Töchter gut genug, daß ein vornehmer Herr mit ihnen carressirt und sie zuletzt verführt. Ich hasse den Adel!“

„Ist doch ein guter Kerl,“ meinte Herr Moses Samson, „das genießt das Leben, weil es noch jung ist. Haben wir es anders gemacht?“

„Ja, ja!“ erwiederte Herr Kannegießer, „aber wat to dull is, dat is to dull!“

„Nun, was ist es denn Großes, was er thut? Die Weibsleute sehen ihn gern. Er ist ein schmucker Bursche! Na, thut er denn da Unrecht, Timm?“

„Das meine ich auch so,“ entgegnete der Befragte, eine neue Cigarre anzündend, „der Baron ist ein guter Mann, er ist leutselig und freundlich gegen Jedermann. Das muß man ihm lassen.“

„Wenn alle die Vornehmen so dächten wie er, dann sähe es besser in der Welt aus;“ bemerkte Herr Samson, sein Auge zum Himmel schlagend.

„Das hilft mir Alles nichts“ sagte Herr Kannegießer. „Ich traue keinem Adeligen. Sie haben immer ihren geheimen Zweck, wenn sie mit uns gemeinen Bürgern freundlich thun. Entweder wollen sie unser Geld, unsere Weiber, oder sich einen Anhang unter uns bilden. Ich kenne das. Dem Baron traue ich am wenigsten. Er ist klug und thut nichts ohne Absicht. Er glaubt uns durch seine Freundlichkeit einzunehmen und zu täuschen, aber mich täuscht er nicht. Ich erkenne in ihm den größten Aristokraten; er will sich unserer versichern, auf den Fall, daß es losginge. Glaubt mir aber gewiß, so gut er redet und schreibt, er hält es nicht mit dem Volke! das thut kein Altadeliger. Uebrigens treibt er es zu arg und macht Schulden.“

„Was geht das dich an“ versetzte Herr Keball. „Sollst du vielleicht für den Baron bezahlen? Laß doch einen jeden thun, was er will, und kehre vor deiner eigenen Thüre. Wenn du ihn nicht leiden kannst, warum bist du denn freundlich gegen ihn ins Gesicht, und sprichst schlecht von ihm, wenn er den Rücken wendet?“

„Ich wollte ihm schon die Meinung sagen, wenn — wenn — er den verdammten Bulldog nicht immer bei sich hätte — außerdem ist er oder seine Familie mit dem Oberpräsidenten verwandt — dat helpt doch to nix.“

„Das ist das Wenigste — aber Sie fürchten den Mann,“ bemerkte Herr Moses Samson. „Sie haben es in den Worten und nicht in der That. Es schmeichelt Ihnen, wenn Sie mit dem Baron über die Straße gehen, und hinterher reißen Sie ihn herunter. Ein populärer Mann ist deßhalb kein gemeiner Mann. Nichts für ungut, aber Sie sind nicht werth, daß ein Mann, wie der, mit Ihnen redet. Adieu!“ Herr Moses Samson legte zwei Schillinge auf den Tisch und entfernte sich.

Herr Kannegießer lief einige Male das Zimmer auf und nieder; rieb sich den Kopf und stürzte dann aus dem Zimmer.

Herr Keball sah ihm lachend nach, besah einige seiner Goldmünzen, drehte sie in der Hand um, und murmelte in sich hinein: „Adel, Verstand und Politiker, was sind sie Alle gegen Dieses? Das sind Moses und die Propheten.“

Darauf ging auch er. Hippias, der Küper und ich blieben alleine.

„Nun, wie findest Du diesen Keller, die Gesellschaft, und wie hat Dir diese Scene gefallen?“ fragte ich nach einer Pause.

„Nun, passabel!“

„Ich finde sie gut, wenn ich bedenke, daß die Gesellschaft nur aus Handwerkern von Profession bestand. Was sagst du aber zu dem Juden? Ich sage Dir einen bessern Kerl giebt es in der Welt nicht.“

„Der Jude sprach ganz vernünftig. Es freute mich, daß er die Partei des Barons nahm. Er steht aber wohl mit ihm oder seiner Familie in Handelsverbindungen?“

„Durchaus nicht. Du glaubst also, daß in unseren Zeiten nur dann ein Mensch den andern in Schutz nähme, wenn er von ihm Vortheil gezogen oder noch zieht? Leider hast Du im Allgemeinen Recht! Wir leben in einem rein speculativen Zeitalter. Der ist ein Narr zu nennen, der seinem Gefühle und nicht seinem Vortheile folgt! Es ist mir leicht geworden diese Wahrheit einzusehen, schwerer sie zu befolgen. Von Jugend aus gewohnt, edlen Gefühlen, großmüthigen Aufwallungen Gehör zu schenken, ist es mir bisjetzt noch nicht möglich gewesen die kleinlichen Berechnungen des Egoismus, des pecuniairen Vortheils zu adoptiren. Man muß dieses aber thun, wenn man in der Welt durchkommen will. Wer auf Unkosten seiner selbst seinem Mitbruder aus der Noth hilft, wird ausgelacht. Unser Zeitalter ist ein rein speculatives, commercielles, financielles. Die großartigen Ansichten des ritterlichen Zeitalters sind gestürzt — an die Stelle der Ritter und ihrer Knappen, sind die Erwerbsmänner mit ihren Fabrikherren und Arbeitern getreten. Da sie Alles durch sich selbst, ihrer Hände Arbeit und ihren Erwerb oder ihr Geld wurden, so ist es natürlich, daß nur der Mann jetzt geachtet wird, der arbeiten läßt, oder arbeiten kann, und daß das Geld die einzige Schwungfeder ist, die Alles in Bewegung setzt.“

„Eine traurige Wahrheit. Die Gefühlswelt ist zernichtet, und das practische, reelle Leben an ihre Stelle getreten!“

In diesem Augenblicke stürmte der Baron in das Zimmer. Sein Auge strahlte Freude, sein Gang war stolz, sein Wesen aufgeregt. Er ließ sich auf einen Sessel nieder. Gipsy legte sich zu seinen Füßen. Er streichelte das schöne Thier, dann wandte er sich um und erblickte mich.

„Siehe da, Herr Aristipp!“ rief er aus. „Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht gleich bemerkte und begrüßte. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, daß ich Alles um mich her vergaß. — Sie führen liebliche Bilder einer angenehmen Vergangenheit mir wieder vor die Seele. Das waren noch schöne Zeiten, als wir uns in der kleinen Catharinenstraße kennen lernten! Das waren noch schöne Abende! Kunst, Literatur, Gesang und schöne Frauen! Nie werde ich den guten St. Pierre und seine Frau vergessen! Auch meine Gipsy wird sie nie vergessen, denn sie war dort ebenso gut aufgehoben, als ich. Wie wurde sie von den weichen Händchen der schwarzäugigen Wally und der lieblichen Sophie gestreichelt. Wie glücklich lebten wir zusammen, bis die verdammte Klatscherei uns trennte! Das Beste, daß kein wahres Wort an der Geschichte war! Indessen verzeihe ich diesesmal der Verleumdung. Wir gaben in unserer Unschuld der Medisance zu vielen Stoff. Wally war zu schön — und ich — ein Mann! Wer kann überhaupt in unseren Tagen an ein rein geistiges Verhältniß zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau glauben? In der Welt kann überhaupt Nichts von langer Dauer sein. Es muß immer eine Veränderung geben, damit der alte Mechanismus nicht stille stehe. Vermuthlich ein Freund von Ihnen?“

„Herr Hippias, der heute erst angekommen ist, um sich in Altona und Hamburg etwas umzusehen, und der das Vergnügen hat, Sie dem Rufe nach zu kennen!“

„Das thut mir sehr leid. Mein Ruf ist verdammt schlecht, und mit Maria Stuart könnte ich sagen: ich bin besser, als mein Ruf. Man macht mich hier zu einer Art von Ungeheuer, da ich den Schein nicht beobachte, mich frei äußere und die Menschen es nicht begreifen können, daß ich wie Diogenes mit der Laterne umher renne um Menschen zu finden. Man sollte mich lieber den Narren des 19ten Jahrhunderts nennen, weil man aus mir machen kann, was man will, sobald man mein Herz in Anspruch nimmt. Die erbärmlichen Menschen! Wenn sie Jemanden nicht begreifen können, so machen sie ihn herunter. Sie machen es ebenso mit ihrer Gottheit. Sie leihen dem höchsten Wesen alle möglichen menschlichen Schwächen, um es fassen zu können. Was zu hoch und erhaben ist, muß heruntergerissen werden, damit die flachen Schädel es begrinsen und verhunzen können!“

„Ich freue mich recht sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Baron,“ sprach Hippias. „Ich habe mehre Ihrer Schriften mit Vergnügen gelesen!“

„Meine Schriften? Da haben Sie was Rechtes gelesen! Dummes Zeug! Weiter nichts. Ich wollte, ich hätte nie Etwas geschrieben; weil es mir unmöglich ist von meinen Schriften erbaut zu sein. Man muß zu viele Rücksichten auf die Leihbibliotheken nehmen, und der Ladendiener und Kammermädchen Geschmack! Wer überhaupt einmal, als Schriftsteller aufgetreten ist, der sitzt auf dem öffentlichen Verwunderungsstuhle und Hans und Peter und Grete und Liese spielen mit ihm moquiren. Wer heißt einem auch Perlen vor die Säue werfen, oder besser gesagt, wie kann man ein solcher Esel sein, sich einzubilden, daß sein eigenes jämmerliches Geschreibsel der ganzen Welt gefallen, von der ganzen Welt gelesen werden soll! Es ist rasend, wohin den Menschen die Eitelkeit, die Einbildung führen können! Noch lächerlicher ist es aber, wenn man wie ich, immer über sich selbst und von sich selbst schreibt; und es nicht lassen kann seine Ansichten über Gott, König, Menschheit und Vaterland zu äußern. Es ist noch ein Glück, daß ich kein Republikaner bin, sonst säße ich gewiß schon irgendwo fest, und gäbe die „Memoiren eines Sträflings“ heraus. Das Schlimmste bei der ganzen Schriftstellerei ist aber die Knickerei der Buchhändler und die leidige Censur! Was man schreiben wollte, darf man nicht schreiben; was man schreiben darf, will man nicht schreiben, weil nur Flaches, Fades, Unbedeutendes geschrieben werden darf — auf diese Weise wird der Ideenflug gehemmt, und man bringt nichts als Unsinn hervor. Denn alles Halbe, ist Stückwerk und alles Stückwerk in der Literatur ist Unsinn! Man muß jedoch gestehen, daß die Dänische Censur noch sehr lieberal ist. Auch ist der König der lieberalste Mann im ganzen Lande, in der Welt. Lassen Sie uns seine Gesundheit trinken, meine Herren! Sie wissen, ich bin Legitimist.“

Wir stießen an.

Der Baron ging einige Male das Zimmer auf und ab; dann wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln an mich: „Wissen Sie wohl, Herr Aristipp, daß ich heute außerordentlich glücklich bin! Ich mögte die ganze Welt umarmen, weil ich einen guten, edlen Mann getroffen habe. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Es thut meinem Herzen so wohl, so recht aus vollem Herzen eine edle Handlung eines Menschen erzählen zu können. Hören Sie.

„Ich befand mich noch vor einigen Tagen in der schrecklichsten Verlegenheit. Ich hatte Schulden gemacht. Meine Gläubiger quälten mich bis aufs Blut. — Sie kennen Altona und Hamburg. — Ich hatte einen Wechsel geschrieben. Die Zeit nahte, wo er fällig war. Ich hatte keine Rettung. Ich suchte allerwärts Geld. Die, welche es nicht hatten, wollten es mir geben, aber konnten nicht. Die, welche es hatten, konnten es nicht, weil sie den edlen Grundsatz angenommen hatten, nie mehr Geld ohne Sicherheit auszuleihen. Um ihren Grundsätzen treu zu bleiben, konnten sie sich nicht überwinden, einem Unglücklichen Leben und Ehre zu retten! Was würde man zu einem Manne sagen, der seinen Grundsätzen ungetreu geworden, um seinen leidenden Mitbruder zu retten! Mein Gott! dachte ich: du hast doch so Vielen in den Zeiten deines Glückes geholfen und dir hilft Niemand!!? Ich will es Ihnen gerne gestehen, lieber Aristipp, nachdem alle Versuche bei Menschen mir fehl geschlagen, wandte ich mich an Gott. Sie lächeln? Nicht wahr? Ich that es und Er half. Durch eine sonderbare Fügung muß ich in das Hôtel de France in Hamburg gerathen. Dort lerne ich einen Mann kennen, einen Herrn von Pichmeier. Wir trinken zusammen; wir spielen zusammen; wir reden zusammen. Offen, wie ich es immer bin, entdecke ich diesem vortrefflichen Manne meine Verlegenheit. Was thut er? Er bezahlt sogleich die Hälfte jener Summe, und heute, was noch mehr sagen will, da er höchst unzufrieden mit mir ist, bezahlte er die andere Hälfte, aus dem einfachen Grunde, einer achtungswerthen Mutter ihren Sohn zu erhalten. Das that ein fremder Mann für mich! Weil er dem Zuge seines Herzens folgte; weil er dem Bedürfnisse eines edlen Herzens folgte, dem es eine Wonne ist, seinem Neben-Menschen wohl zu thun. Er stellte keine Betrachtungen darüber an, ob ich es verdiente, wie die Männer von Grundsätzen es thun, diese hochherzige christliche Sippschaft! Er dachte nur: der Mensch ist verloren, wenn ich ihm nicht helfe; seine Mutter wird dadurch unglücklich — auch ich hatte eine Mutter, und er half. — Daß diese Geschichte wahr ist, kann Timm Ihnen bestätigen. Denn die Summe schuldete ich theilweise dem Besitzer dieses Kellers, und hier hat er das Geld bezahlt. Ein solcher Zug der Herzensgüte verdient der Erwähnung in unserm egoistischen Zeitalter. Daher erzähle ich Ihnen dieses; darum bitte ich Sie, es weiter zu verbreiten und nun mit mir auf das Wohl dieses edlen Menschenfreundes zu trinken. Herr von Pichmeier soll leben!“

„Die Handlung des Herrn von Pichmeier ist brav,“ bemerkte Hippias, „und verdient die Anerkennung eines jeden Ehrenmannes, aber nicht minder verdient Ihre Aufrichtigkeit und Ihre Dankbarkeit Anerkennung, Herr Baron. Die größte Eigenschaft des Don Carlos ist die Anerkennung der Verdienste des Posa.“

„Was hilft ihm meine Dankbarkeit“, erwiederte der Baron, „beweisen kann ich sie ihm nie, und auch er nimmt sie nicht an. Daß ich dankbar bin, ist mir nicht anzurechnen. Die Dankbarkeit ist ein natürliches Gefühl; selbst der Wilde besitzt sie; den Trieb, den die Natur in uns legte, können wir uns nicht berechnen. Daß es jetzt so viele undankbare Menschen giebt, rührt nur daher, weil wir unsere natürlichen Gefühle immer mehr unterdrücken — denn von Natur sind alle Menschen gut, folglich: dankbar. — Gieb mir eine Cigarre, Timm. Auch du gehörst zu den Menschen, auf die man sich verlassen kann. — Na was macht denn das hübsche Mädchen, mit dem Sie neulich im „Englischen Garten“ waren?“

„O, die ist gut zufrieden, Herr Baron,“ antwortete der Küper, die Cigarre reichend und einen Fidibus dabei. —

„Wenn Sie Zeit und Lust hätten, Herr Baron; so dächte ich Sie schenkten uns den heutigen Tag, und gingen mit uns.“ Bemerkte ich.

„Gerne! Aber dann müssen wir aus Altona! Ich kann Altona nicht leiden, und Ihr Freund muß St. Pauli und Hamburg kennen lernen. Geh, Timm, schicke Jemanden hin, uns eine Droschke zu holen vom Rathhausmarkt. Den Kutscher mit dem weißen Schimmel. Boysen heißt er. Den nehme ich immer, weil das Pferd gut, die Droschke reinlich und der Kutscher verschwiegen ist! Wie manchen angenehmen Augenblick habe ich in der Droschke verbracht!“ —

„Ich denke, wir machen die Tour, Herr Baron, die wir schon einmal mit einander machten,“ bemerkte ich. „Zuerst die Erfrischungshalle, dann Hôtel Petit, Janßen, Kittel, Buck, Carl, den Trichter, die Elbhalle, Madame Heitmann,“ etc.

„Einverstanden!“ rief der Baron. „Kommen Sie, meine Herren! der Wagen ist da! Adieu Timm! Behalten Sie Gipsy bei sich! Gipsy! du bleibst bei Timm!“

„Leben Sie gut und delicat, Herr Baron.“ —

„Nach der Erfrischungshalle!“ rief der Baron dem Kutscher zu. Wir stiegen ein. Die Droschke rollte schnell dahin. — Wir hielten vor der Erfrischungshalle. Wir stiegen aus und gingen hinein. — —

Als wir in das Zimmer der Erfrischungshalle traten, war außer einem Knaben, der beim Billard beschäftigt war, zufällig Niemand zugegen. Der Baron benutzte diesen Augenblick indem er sich mit folgenden Worten an Hippias wandte:

„Sie befinden Sich diesen Augenblick, mein lieber Hippias, in einem der anständigsten Locale dieser Gegend. Die Eigenthümer dieser Wirthschaft, sind alte würdige Leute; der Führung der Geschäfte und des ganzen Hauswesens steht aber die Tochter vor. Ein höchst rechtschaffenes Mädchen, mit Sinn für Literatur und Kunst begabt, wie Sie es auch an dem schönen Gemälde bemerken können, das dort an der Wand hängt. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, besitzt Geist, Gefühl und Verstand, und vielleicht ein bischen Schwärmerei, welches wir ihrer deutschen Natur zu Gute halten müssen. Sie wird in ihren Geschäften durch ein junges Mädchen unterstützt, die Henriette genannt wird, und, wie es scheint, gleichfalls anständig und tugendhaft ist. Diese behauptet hier den Posten einer Schenk-Mamsell.“

„Was ist denn das für ein Posten?“ fragte Hippias.

„Eine Schenk-Mamsell, lieber Hippias,“ bemerkte ich, mich in die Unterhaltung mischend, „ist eine Art liebenswürdiger Geschöpfe, die das Amt einer Hebe in den Hallen irdischer Glückseligkeit verrichten. Mit Grazie Wein und Getränke schenkend, und durch Liebenswürdigkeit, Zuvorkommenheit und Unterhaltung einem die Stunden angenehm hinbringen lassen, welche man in den Tempeln des Bachus zubringt. Daß sie hier eine eigene Classe des weiblichen Geschlechts bilden, ist gewiß, wo diese aber anfängt und wo sie begrenzt wird, kann ich nicht mit Gewißheit bestimmen. Sie sind nach meiner Meinung dazu gehalten, alle Reize des weiblichen Geschlechts anmuthig und anständig zu entfalten, gegen Jedermann liebenswürdig und artig zu sein, zu kokettiren, zu lachen, zu scherzen und Guitarre zu spielen, Jedermann die Hoffnung ihres Besitzes vorzuspiegeln, sie aber nie zu erfüllen. Auf diese Weise gleichen sie den schönen Früchten, die reizend, rothbackigt und zum Genusse einladend, über Tantalus Haupte schwebten, und die entschwanden, wollte er sie greifen, sie genießen.“

„Na! das nenne ich eine poetische Definition einer Schenk-Mamsell,“ rief der Baron lachend, „ich will Ihnen eine einfachere geben. Eine Schenk-Mamsell ist ein Mädchen, welches engagirt wird, wie jedes Dienstmädchen, das sich aber fein anziehen muß, einige Bildung besitzen und den Gästen als angenehmes Spielwerk dienen soll. Kurz ein Lockvogel, der, sobald er seine schönen Federn ablegt, Kartoffeln schälen und Krammetsvögel pflücken muß. Daß diese Mädchen nun, so lange sie in einem anständigen Hause sich befinden, sich anständig betragen müssen, versteht sich von selbst. Ausnahmen giebt es überall. — Sie gehören freilich nicht in die Classe der gänzlich Gesunkenen, aber sie sind nicht weit davon entfernt, denn dieses ewige Courmachen, dieses ewige Liebeln um sie her, dieser stete Müssiggang und der Genuß starker Weine, die sie den Gästen zu Gefallen mit trinken müssen, bringt sie natürlich dem Falle näher, als jedes andere Mädchen! Sie sind zu bedauern, zu beklagen! Ihr Leben ist ein glänzendes Elend, eine fortwährende Reizung, Betäubung. Wo soll das junge Mädchen ohne Existenz-Mittel enden, das sich an Champagner gewöhnt und in Sammt und Seide zu gehen? Doch, da kommt unsere angenehme Wirthin, in Begleitung der lieblichen Hebe, wie Aristipp sie titulirt.“

Zwei weibliche Gestalten traten jetzt in das Zimmer. Die Eine, schwarz gekleidet, von schlankem Wuchse, trug ihr glänzend schönes schwarzes Haar gescheitelt, unter schwarzen Augenbrauen glänzten zwei große blaue Mondscheinaugen, ihr Gesicht war interessant, ihre Haltung edel. Sie sah mehr einer Ausländerin als einer Deutschen ähnlich. Das war Fräulein Brettomani.

Die Andere war ein anmuthig lächlendes Geschöpf, ganz blond, Teint von Lilien und Rosen, Wuchs schlank, Ausdruck freundlich. Das war Demoiselle Henriette, die Schenk-Mamsell.

Wir standen natürlich alle drei auf, um diese angenehmen Erscheinungen zu begrüßen. Fräulein Brettomani ließ sich auf einen Sessel nieder; Mlle Henriette trat hinter den Schenktisch.

„Guten Tag, mein Fräulein,“ rief der Baron, und sich dann an Mlle Henriette wendend fuhr er fort: „Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mein schönes Kind. Herr Aristipp und ich sind gerade diesen Augenblick beschäftigt, unserm Freunde, Hippias, die Definition einer Schenk-Mamsell zu geben. Er behauptet, ein solches Wesen müsse eine Hebe sein; ich, sie sei nichts weiter, als ein schöner Lockvogel. Wer von uns Beiden hat Recht?“

„Keiner von Ihnen, meine Herren, sondern ich, wenn ich behaupte, daß Sie ein loser Vogel sind.“

„Warte Schelmin! das sollst du bereuen! Und nun kommen Sie einmal hinter Ihrem Tisch hervor; zeigen Sie Sich dem Herren Hippias, damit er gestehe, daß eine Schenk-Mamsell, wenigstens ein Engel sei.“

„Das ist zu arg, Herr Baron! Lassen Sie mich los!“ versetzte die sich sanft Sträubende, während der Aufwand der Kräfte, beim Widersetzen, die Farbe des schönsten Incarnats auf ihre Wangen trieb.

„Verzeihen Sie, mein schönes Kind,“ sprach der Baron, die Schmollende loslassend, „Sie müssen mir heute schon was zu Gute halten. Prinz Doria ist heute lustig — und folglich unbändig!“

„Wie immer!“ versetzte Hebe.

„Was ist Ihnen denn heute Besonderes arrivirt?“ sprach Fräulein Brettomani, „Haben Sie Nachrichten von Ihrer Geliebten?“

„Sie thun Unrecht mich in einem solchen Augenblicke an meine Geliebte zu erinnern. Jetzt ist meine Lustigkeit vorüber. Ich werde melancholisch. Geschwind geben Sie uns drei Gläser Portwein! Aber Geld habe ich nicht bei mir!“

„Schadet nichts. Henriette!“

Henriette brachte die Gläser.

„Jetzt, Herr Hippias, passen Sie auf! Sehen Sie, nur eine Schenk-Mamsell kann mit einer solchen Grazie die Gläser präsentiren! Bemerken Sie diesen schwebenden Gang — diese Liebe athmenden Bewegungen —“

„Denken Sie doch an Ihre Geliebte, Herr Baron!“ versetzte Mlle Henriette schalkhaft drohend. — „Wenn die das hörte!“

„In Gottes Namen! Wenn sie mich deshalb weniger liebte, wäre sie meiner nicht werth!“

„Haben Sie wirklich einen wahren Begriff von einer reinen Liebe?“ fragte Fräulein Brettomani, den schwärmerischen Blick ernst auf den Baron richtend.

„Wenn ich das nicht hätte,“ erwiederte der Befragte, „würde ich dann so viele Empfänglichkeit des Gefühls für das Schöne, das Liebenswürdige eines weiblichen Wesens besitzen können? Wenn man wirklich liebt, mein Fräulein, wenn man wahrhaft glücklich ist, dann liebt man die ganze Welt, wünscht, die ganze Welt zu beglücken.“

„Das nenne ich eine weitumfassende Liebe,“ entgegnete das Fräulein. „Wenn ich Ihre Braut wäre, würde ich mir eine solche Liebe höflichst verbitten.“

„Liebe und immer wieder Liebe,“ versetzte der Baron. „Was ist denn eigentlich Liebe?“

Liebe,“ erwiederte Fräulein Brettomani ernst, „ist das höchste und das heiligste der Gefühle. Die zarteste Uebereinstimmung zweier schönen Seelen in allen Puncten zu einem Zwecke. Das Durch-sich, Durch-einander-Beglücktsein —“

„Nun, bei Gott! Sie nehmen die Liebe zu hochpoetisch. Ich glaubte, es wäre eine Art von Instinkt, eine Art Trieb, damit das menschliche Geschlecht nicht aussterbe!“ versetzte der Baron. „Was meinen Sie dazu, Herr Hippias?“

„Ich bin in diesen Sachen ziemlich unerfahren,“ erwiederte der Angeredete. „Im Ganzen glaube ich, daß es wohl eine Composition von den beiden Ansichten sei, die Sie und das Fräulein aussprachen. Was meinst Du, Aristipp?“

„Ich enthalte mich meines Urtheils. Da aber gerade von der Liebe die Rede ist, so fallen mir einige Verse ein, die wenigstens beweisen, daß bei der Liebe immer viel Gefahr und Täuschung obwalten. Soll ich sie Ihnen sagen?“ Alle baten. Ich begann: Mein Gedicht ist von — ich habe den Namen vergessen — und ist titulirt: Das Geständniß.

1.

Uns Alle lehrt die Liebe Trug und Tücke,

Wer ihr gehorcht, ergiebt dem Bösen sich.

Der Sündenweg ist, ach! der Weg zum Glücke,

Dir zu gefallen hinterging ich dich.

2.

Die erste Gunst erkämpften jene Zähren,

Die ich zu deinen Füßen einst vergoß;

Und Thränen mocht’ ein Auge leicht gewähren,

Das roth von starken Wassern überfloß.

3.

Du lehrtest mich der Liebe Taumel singen,

Aus deinen Blicken stahl ich jeden Ton.

Wohl mußten diese Verse mir gelingen,

Ich brauchte sie zum sechsten Male schon.

4.

Louisens Briefe konnt’ ich kalt zerreißen,

Ich brachte treu sie deiner Schönheit dar.

Ein würdig Opfer! Würdig, groß zu heißen,

Nur, daß kein Brief an mich gerichtet war.

5.

Beim letzten Tanz wie brannten meine Sinnen!

Wie lebt’ ich nur vor deinem Angesicht!

Das letzte Mittel Idan zu gewinnen,

Der Neid allein, gab mir bei ihr Gewicht.

6.

Verzweiflend wagt’ ich Hand an mich zu legen,

Da fühltest du, Erhörung werde Pflicht.

Ich bot die Stirn dem Terzerol entgegen,

Es war gespannt — geladen war es nicht.

Ich bin zu Ende, meine Herren und Damen.“

„Das Gedicht ist sehr hübsch;“ sprach Fräulein Brettomani. „Es zeigt uns die Gefahren der Liebe und die Schlechtigkeit der Männer. Arme, arme Frauen!“

„Sie sind noch nicht so sehr zu beklagen,“ versetzte der Baron. Um Ihnen einen Beweis von der Treue eines Mannes und einer edlen Liebe von beiden Seiten zu geben, will ich mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen „Des Schotten Abschied“ vor zu declamiren. Ich bemerke übrigens, daß mir der Verfasser unbekannt ist, daß ich nicht weiß, ob das Versmaß richtig sei, denn ich verstehe mich nicht auf Poesie. Bei mir kommt es nur darauf an, daß es sich reimt und klappt. Hören Sie:

1.

Mac-Duncan stand, ein Götterbild,

An nebelgrauer See;

Da nahte Mary, sanft und mild,

Wie eine Hochlands-Fee.

2.

Der Schotte nahm sie in den Arm

Und preßt’ sie an sein Herz;

Das wechselnd nagt der Liebe Harm

Und naher Trennungs-Schmerz.

3.

Da ruft der Trommel-Wirbel-Schlag

Und reißt ihn von ihr fort.

Und immer tönt es, Schlag auf Schlag,

Durch Wald und Thal und Ort. —

4.

Mac-Duncan stand in Reih’ und Glied;

Der Morgen graute kaum.

Es zuckte trüb sein Augenlied,

Wie Nachts, bei schwerem Traum.

5.

Da plötzlich wird’s bekannt gemacht:

Die weißen Segel weh’n.

Von allen Frauen sind’s nur acht,

Die mit nach Frankreich gehn.

6.

Und Mary naht, und Mary zieht

Vertrauend dem Geschick.

Ihr zartes Leben schnell entflieht,

Sie lies’t: Du bleibst zurück.

7.

Es knirscht der rechte Flügelmann

Im übergroßen Schmerz.

Noch einmal sieht er Mary an

Und blickt dann himmelwärts. —

8.

Mac-Duncan zog von Ort zu Ort

Und schlug der Schlachten viel —

Doch lacht’ er nie, und sprach kein Wort,