Briefe eines Soldaten
Deutsche Ausgabe der
Lettres d'un soldat
1918
München bei Georg Müller
1. bis 5. Tausend
Nachdruck verboten
Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich
Deutsche Übertragung
von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel
1918
Buchdruckerei Züricher Post
[Anmerkungen zur Transkription] finden sich am Ende des Buches.
Vorwort.
Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem er verschwinden sollte, — welche quälende Stille für diese Frauen, die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?
In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen
und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.
Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten:
„Und sterben sollte nun die Welt
Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.“
Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. „O herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!“ schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, — bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie
hängt. Durch soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser fernen Hügel, — wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des Weltalls.
Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken
scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?
Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam erweitert: „Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen lassen.“ Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten, deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still, mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des „Ewigen“. Er blieb freilich empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, — und man wird sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber „in gleichem Maße leidend“, flüchtete er „zu einem höheren Troste“. „Man muß,“ sagte er zu denen, die ihn lieben und die er — mit welcher beständigen Fürsorge! — sich bemüht auf das Schlimmste vorzubereiten, „dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus unserem Leben etwas Trümmerhaftes,
Abgebrochenes, Unharmonisches mache . . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können“. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein Nein entgegenstellt und sich an das hält, was „wirklich ist“. „Unsere Leiden kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.“ (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos, weil auch er ein eitler Schein ist und „Nichts vollständig verloren ist.“ So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark Aurels wieder, jene Tugend, „die weder Geduld noch allzu großes Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge, ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, daß es so
recht ist.“ Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend, ihn lehrt, daß er von der einen sage: „Das bin ich nicht“, von der andern: „Das bin ich.“ Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad Gîta[1)] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die „weder Geburt noch Tod kennen“, in das was „nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht getötet wird, wenn der Leib getötet wird“. Das ist das ewige Leben, dessen Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens, die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen
und endlichen Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens fallen: „Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert . . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es aber.“ Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen wollen. „Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,“ die er als Kind vergötterte, die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! „Es genüge ihm zu wissen, daß die Fahne wird getragen werden!“
Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung
des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich zuwenden solle. „Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!“ Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke „auf das Ewige“ stets zu richten wußte.
Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der
großen mütterlichen Seele der Natur und allen ihren Erscheinungen.
„Liebe“, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, — einem gewissen, unter seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, „der einem Soldaten gleicht,“ — Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, — Liebe zu allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren „Scherze oder Lieder“ kein Elend entmutigt, „braven Leuten, denen mein schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun“, — zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch
von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten, deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge offenbart.
Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als ein Dichter, — ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt — den „die schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung“ berauschen. Innere Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle wieder fließt?
Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: „Dort erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns.“ Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes sich hier ausspricht?
Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer
Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes Bemühen ist sich „anzupassen“, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es
im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben, — jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens des Weltalls entsprach — nur noch einen Traum zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.
Das nennt er „sich anpassen“, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. „In voller Schaffenskraft, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn
eine Zeit fortwährender Blüte wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.“ Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn „sich anpassen“ bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu blühen, teilzunehmen an
dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe, der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts beklagen, nichts erhoffen, nur noch im „gegenwärtigen Augenblick“ leben, der an diesen Segnungen reich ist. „Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines jeden Augenblickes an Glück birgt.“ In diesem Zustand der Einfalt, der fast der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser Welt in Berührung. „Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist“.
Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die
Begeisterung der Soldaten, ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, „ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen“ (25. August 1914). Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert „soviel er vermag“, mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt („vierzig Mann in jedem Wagen“). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein angeborener Trieb „Schönheit zu gewinnen“, und vor den Schatten, in die die Zukunft sich versenkt, sie „soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen“. „Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich auf,“ schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar). Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz
nicht aufkommen läßt, sie am häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann „seine Seele frei mitschwingen lassen“, und gleich empfindet man den eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter, voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet. Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm, sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine militärische
Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen. In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: „Nun, es war interessant!“ Und er fügt hinzu: „Was ich Persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer Weise“ zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die Absicht aufgegeben zu sehen „wie es gemacht ist“ (14. März). Dann offenbart sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum. Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu der er immer wieder gelangt.
Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann
handelt es sich immer um die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im ärgsten „Wirrwarr“ schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat, sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön, ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden: „Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem
geheimnisvoll der Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.“ (3. Februar.) Aus Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley: „Vergehen“.[2)] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: „Ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser Betrachtung das ganze Leben ist.“ Und andauernder, stärker schwingend ist manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die
Spitze auf einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt: „Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.“ (2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der Front waren, bewahren werden, — einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden Schützenlinien zu singen begannen: „Hymnen, Hymnen überall“
Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des
Dienstes, plötzliche und seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch, oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage, beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: „Wie lang ist dieser Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . . Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen, geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .“ Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich hervorbricht, — die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt sich hier, am Vorabend einer Passion — wie bei dem göttlichen Vorbilde. Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres
Gottes sicher war, weil sie nur ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer, wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer Täuschung wäre? „Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte.“ (2. Februar.) Und er stellt sich die qualvolle Frage: „Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung ihre Früchte trägt?“ Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: „Ich möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.“ (13. Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem „mit menschlichen
Körperteilen“ und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen auf die erstarrte Erde nieder: „Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.“ (28. Februar.) An einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum („wir haben keine Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen“) und steht plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. „Weißer herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.“ (22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.
Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum
gefaßt war, als er die unberührte Stille seines Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt,
unsere Söhne und Brüder von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen, besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen bringt, ist eine bis dahin unbekannte „Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken“, „die heitere Ruhe des Gewissens“ und die Frische einer Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele und die Erleuchtung der Kindheit wieder. „Wir verleben kindliche Tage, wir sind Kinder geworden“. (24. Dezember.)
Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?
André Chevrillon.
Briefe eines Soldaten
Den 6. August 1914.
Teuerste Mutter!
Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr bekommt.
Den 13. August.
Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn die Zensur ist außerordentlich streng.
Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen,
und dieser Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der Reservisten ist vortrefflich.
Sonntag, den 16. August.
Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut, übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt das mit Ruhe auf.
Den 19. August (aus einem Tagebuch).
Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich nicht.
Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt, gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen. Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen. Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat spielen kann in dem Bewußtsein,
seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt, daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und aller Hingabe, die der Grenze zustreben.
Den 25. August.
Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet, was mir als meine Pflicht erscheinen wird.
Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist vortrefflich.
. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man
sagen, daß unser vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen, Du und ich, wie lange es auch dauern mag.
Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und ich habe den Willen auszuharren.
Den 25. August (zweiter Brief).
Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß wir uns wieder sehen würden.
Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen sein konnten.
Es ist schön von André,[3)] daß er seinen Kameraden
vom Ertrinken gerettet hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.
Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen vermögen.
Den 26. August.
Teuerste Mutter!
Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, „Der Adler und die Nachtigall,“ der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was ich empfinde.[4)] Die Ersatzmannschaften enthalten
viel Abfall, aber auch kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu trainieren, und halte es gut aus.
Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen Kunst dann vernichtet wäre.
Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.
Den 30. August.
Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind, sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .
Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle Schlaffheit. Bei dem gestrigen
sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen Lage herauskommen.
Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest, welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte leisten können.
Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.
Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).
Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das „malerische“ den äußersten Mangel jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.
Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die englischen Truppen. Die Artillerie.
Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung umgehen. Herrliches Wetter.
Samstag, den 5. September
(nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:
40 Mann in jedem Wagen.)
Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!
Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.
Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften Zügen vorbeigefahren.
Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle
Euch nichts von den herrlichen Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren sein.
Den. 5. September 1914,
1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich ausstrecken zu können.
Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung — aber auf die gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle Müdigkeit verschwindet!
Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun . . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche auf Erden ruht, welch’ Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit allein eine Herausforderung war . . .
Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.— Es brauchte dieses Entsetzen, um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande verknüpfen, fühlen zu lassen . . .
Den 7. September (aus einem Tagebuch).
. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte
angetreten, ohne irgend ein vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen, die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd, so hülflos, so verloren . . .
Den 10. September (aus einem Tagebuch).
Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs
gesichert ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.
Den 13. September (aus einem Tagebuch).
Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren Opfer des Krieges.
Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon gekommen sind.
Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft. Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt gestorben. Was soll man
von denen sagen, die weiter vorn liegen und verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit!
. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid, Brüderlichkeit und Güte verbleiben.
Mittwoch, den 16. September 1914.
In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße erbleichen; plötzlich, in einem Graben, — die Toten! Sie haben sich vom Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da — jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie. Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung — und ausgeplündert: überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem, was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt, französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.
Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die
Hände fallen, mögen sie in einem ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.
Den 21. September 1914.
Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten, welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre. Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen durchdringen.
Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf Vorposten ziehen nach einem Kampfe.
Den 25. September.
Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!
Den 27. September.
Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird, greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .
Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!
O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .
Den 1. Oktober.
Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen neuen Geist weggefegt wurde.
Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen waren.
1. Oktober (aus einem Tagebuch).
. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .
Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets wachsame Feinfühligkeit stellen.
Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben sollte.
Den 9. Oktober.
. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben . . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, — und doch sind soeben die schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .
Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir Gelegenheit geben, daß ich
alles was ich heute sammle, später seine Früchte tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.
Den 12. Oktober.
Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe, mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
Den 14. Oktober.
Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß wir uns endlich schreiben konnten? Hier
gibt es viele arme Menschen, die nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.
Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt; sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht, darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre, sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen alles ertragen: zwei
Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab’ Vertrauen in unsere ewige Freude.
Den 15. Oktober, 7 Uhr.
Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen, daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des Augenblickes.
Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter, Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist eine schädliche Kraftvergeudung.
Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin vorzubereiten, so gut ich es kann.
Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige Schönheit und Ordnung durchschauen.
Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung, und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
Den 16. Oktober.
Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den
Oktober voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .
Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld. Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu entdecken, sie andere entdecken zu lassen.
Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir uns wiedersehen, sie wird uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M . . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme. Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .
Den 17. Oktober, um 15 Uhr.
Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird. Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen, so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.
Den 22. Oktober.
. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen, die ich nicht ahne; aber ich spanne
alle Kräfte meiner Seele dem Ziele entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .
Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.
Den 23. Oktober.
Liebste Mutter!
Ich habe den Artikel von Barrès, „Der Adler und die Nachtigall“ noch einmal gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere Hände lege als die unsrigen.
Den 27. Oktober.
Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen, sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
Den 28. Oktober.
Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost, wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe vollendet ist.
Den 28. Oktober
(zweiter Brief, fast zur selben Stunde).
Teure geliebte Mutter!
Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen Ausdruck dafür finden könnte.
Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .
Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als gewisse Zeiten rastloser,
fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben. Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt, offen lassen.
. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen Blick in das herrliche Buch „Krieg und Frieden“ einwerfen kannst, wirst Du darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten gelassen ist, der sie erstrebt.
Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.
Den 30. Oktober.
Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich möchte sogar behaupten,
daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich, nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.
Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.
Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete, unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt, um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.
Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit zu haben.
Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer die
gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.
Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.
Den 31. Oktober, 10 Uhr.
. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln hingerichtet ist. Was tut’s, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger, der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?
Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.
Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.—25. Während Du den für uns verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht, ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!
In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.
Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte. Wir sind aber an der Stelle,
wo die Landschaft Charakter annimmt, sich erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist Allerheiligen!
Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des Landschaftsbildes.
Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal. Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.
Mittag. — Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.
Herrliche Pracht des Tages.
Den 2. November, Allerseelen.
Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt auf dem Wege der Trauer ist.
Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer und Hoffen: heute
auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.
Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.
O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.
Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.
Den 4. November, 1 Uhr.
Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen Morgen haben
unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang in der Landschaft, die ich so innig liebe.
Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen, der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.
Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren Einzelheiten tief bewegen!
Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die Beschwerden, die wir auf uns nehmen.
Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns darbietet!
Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer
andern Weisheit verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an (und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die Zukunft vorbereiten.
Den 5. November, 8 Uhr.
Liebe Mutter!
Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.
Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht; aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich jetzt nicht mehr entbehren kann.
Den 6. November.
Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die Soldaten „cafard“
nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich, hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese Aufzeichnungen zuschicke.
. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein so edles Empfinden hatte.
So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .
Den 7. November, 8 Uhr morgens.
Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden gebührend gewürdigt.
Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!
Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden, grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser Stille für mich war! — Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon, wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.
Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse, Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen
dieser Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.
Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu’s für uns beide. Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.
Den 9. November, Montag 7 Uhr.
. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun, es ist wenigstens so viel! . . . .
. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört. Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr daran gewöhnt.
Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag aufging, war das liebliche im Tal versteckte
Dorf nur noch eine Rauchwolke. All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.
Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung enden.
Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch, wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel. Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem vorgeschobenen
Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge, davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können, gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl, geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und des Schicksals.
Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.
Den 10. November, 11 Uhr.
Teuerste Mutter!
Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel. Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes
zurück. Gestern schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.
Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen. Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt, daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.
Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den Schützengraben zurückzukehren.
Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe. Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche betrachtest! . . . .
Vom 12. November, 15 Uhr.
. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während man die andern mehr ahnte als sah.
Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen
so aussieht: drei Tage bleiben wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens schwer geprüften Zivilbevölkerung. — Die Wollkleider sind unschätzbar und unübertrefflich. . . .
. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin, plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist nichts, was zählt. Deine Liebe ist’s, die ich so nahe fühle. . . .
Den 14. November.
Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor, voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich fein abheben! — Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und ein Stück von Liszt, die lauten:
„Segnung Gottes in der Einsamkeit“.[5)] Wir haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert Samain[6)] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l’Isle-Adam finden: „Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen, die ihrer würdig sind.“ Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .
Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit schenkt.
Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber, abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe Deine Briefe mir bringen.
Den 14. November, zweiter Brief.
Treue, geliebte Mutter!
Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles
sagen, woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.
Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen, der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.
Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18. August bis zum 20. Oktober.[7)] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ. Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.
Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose, rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.
Den 15. November, 7 Uhr.
Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel, den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!
Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß man Feuer und Obdach findet. — Die Kälte bedeutet nichts — gegen die sind wir gewappnet.
. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild
dieser weiten Ebene bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. — Ein Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau — dann skelettartige Bäume! Welch ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe ich die Umgebung, die ich brauche.
. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten Staaten Europas.
Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der Zukunft zuwenden. — Sie werden mit angespannter Energie dahin streben müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe zu diesem neuen Horizont geöffnet.
Den 16. November an Frau C . . .
Sehr verehrte gnädige Frau
und beste Freundin!
Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre warme Freundschaft meinen Mut!
Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben. Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.
. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen, welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören. Freilich gibt es Augenblicke,
wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht; Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere Zerrissenheit ertragen.
Den 17. November, morgens.
Liebe Mutter!
. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares, strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin verweilen kann im
Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe, trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten zu offenbaren beginnt.
Den 17. November, 11 Uhr.
Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13. Oktober.
Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn gewaltsamer Mittel.
Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und wo ich die Pracht der Natur genieße.