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Ansicht der Einfahrt in die Baÿ von New-York.
Herrliche Lage der Stadt.
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Wahn und Ueberzeugung.
Reise
des
Kupferschmiede-Meisters
Friedrich Höhne in Weimar
über
Bremen nach Nordamerika und Texas
in den Jahren
1839, 1840 und 1841.
Wahrhafte und ergreifende Schilderungen
der
Bremer Seelen-Transportirungen, der Schicksale deutscher Auswanderer, vor, bei und nach der Ueberfahrt; Reisescenen zu Wasser und zu Lande und ausführliche Rathschläge für Ansiedler im Bezug auf den Charakter, die Sitten und konstitutionellen Verhältnisse der Amerikaner, ihren Handel und Gewerbe.
Zum Nutz und Frommen
deutscher Auswanderer von ihm selbst gesammelt und zusammengestellt. Nebst seiner Rückreise über England und Frankreich.
Mit 7 Tafeln Abbildungen.
Weimar 1844
bei Wilhelm Hoffmann.
Dem
treuesten Freunde in der Noth
meinem braven Landsmanne
Karl Aake
welcher in Amerika
die
deutsche Rechtlichkeit und Treue
nicht abgelegt
widmet dieses Werkchen
als Beweis seiner Achtung und Liebe
der Verfasser.
Inhalt.
Vorwort.
Lange nahm ich Anstand, bevor ich mich entschließen konnte, die gesammelten Erfahrungen während meines Aufenthalts in Amerika und das mannichfaltig Erlebte auf der Land- und Seereise zu veröffentlichen, da es mir theils wegen anderer Geschäfte an der nöthigen Zeit fehlte, und ich auch unverhohlen gestehen muß, daß es mir, der ich nicht in literarischen Arbeiten geübt, eine zu schwierige Aufgabe war, um Etwas zu liefern, welches mit den schon vorhandenen Werken über jenes Thema in die Schranken treten könne.
Nur den Aufforderungen von mehreren Seiten und der Bemerkung gab ich nach, daß es zwar Abhandlungen über Amerika genugsam gäbe, diese meistens aber von Leuten herkämen, welche als Gelehrte sich darüber ausgesprochen, oder von solchen, deren finanzielle Verhältnisse es möglich machten, sowohl der Seereise, als dem Aufenthalte in Amerika selbst, die beste Seite abzugewinnen und somit Stoff zu den interessantesten, mitunter höchst verführerischen Beschreibungen geben, von welchen Herrlichkeiten aber den ärmern auswandernden Professionisten oder Bauern nichts zu Gute kömmt, und es deshalb hauptsächlich an einer zusammenhängenden, von aller Gelehrsamkeit befreiten, sich aber bis in die niedrigsten Nüançen des menschlichen Lebens erstreckenden Erzählung fehle.
Dieses bestimmte mich, nun Hand an’s Werk zu legen, und man erwarte daher keine gelehrte Abhandlung, sondern schlichte, der Wahrheit treu ohne Ausschmückung gemachte Darstellungen, welche nicht für das fein gebildete Publikum, sondern mehr für die niedern Stände geschrieben worden, von denen die meisten Leute diese Reise mit wenig Mitteln unternehmen, und deswegen Beschwernissen und Gefahren ausgesetzt sind, wovon begüterte Reisende, welche mit vollen Taschen ein Sibirien zu einem Paradiese umschaffen könnten, nichts erfahren, leider aber, gewöhnlich Erstere, durch ihre süßen Darstellungen zur Auswanderung auffordern und ermuntern.
Noch größeres Unheil, als solche überzuckerte Reisebeschreibungen, verursachen aber auch nicht selten die brieflichen Nachrichten, welche über’s Meer Freunden und Verwandten zugeschickt werden, und wo Alles in vergrößertem Maaßstabe angegeben ist, das aus amerikanischen Zeitungen Gelesene und Gehörte, als wahr und ausgemacht, nacherzählt wird, wo man Dollars verdient wie bei uns die Groschen, keine Steuern und Abgaben zu entrichten hat, wo Freiheit und Gleichheit vorherrschend sind, und wo mit einem Worte der Himmel schon auf Erden angetroffen wird.
Solche Briefe gehen gewöhnlich von Haus zu Haus, und wahr ist Alles was darinnen steht, wenn sich auch die Sätze nicht zusammenräumen lassen. — Denn der Vetter hat ja bei seinem Abgange versprochen, Alles genau zu schreiben, und wie sollte es auch im Lande der Wunder anders seyn?
Hört man aber auch mitunter von Einem, dem es nicht so recht glücken will, der um Geld oder sonstige Unterstützung schreibt, und das Elend, in welchem er und tausend Andere schmachten, schildert, und die verwünscht, welche durch lügenhafte Berichte ihn vermocht, sein theures Vaterland zu verlassen und in’s Unglück gestürzt haben, der wird statt bedauert, ausgelacht und ihm wenigstens theilweis die Schuld für das Mißlingen seiner gemachten Pläne beigemessen, wenn man ihn nicht gar unter die zählt, welche durch ein ungeregeltes, lüderliches Leben nur sich selbst alles zu erleidende Ungemach zuzuschreiben haben.
Dieses ist die Ursache, warum so Viele gar nicht schreiben, da sie nicht lügen wollen, die Wahrheit aber aus falscher Schaam und um nicht mißverstanden zu werden, zu verheimlichen suchen und ihr Loos im Stillen tragen. Demnach werden noch Viele ihr Vaterland verlassen, und zu spät einsehen lernen, was sie bei dem Tausche gewonnen oder verloren haben.
Es wird daher nicht ganz ohne Interesse und Nutzen seyn, die meiner Familie geschriebenen Briefe dem Drucke zu übergeben, woraus man sehen wird, wie mannichfaltig das Geschick in der neuen Welt mit dem Menschen spielt, was der unbemittelte Reisende auf einer solchen Tour mehr oder weniger abzuhalten hat, und was des armen Deutschen Loos gewöhnlich in seinem adoptirten Vaterlande ist.
Schließlich erlaube ich mir noch die Bemerkung: daß von Allem, was ich über Amerika gelesen, die Gall’schen Notizen am Uebereinstimmendsten mit meinen selbst gemachten Erfahrungen sind, und es ist demnach Jedem, welcher nicht lockende Berichte über Amerika, wie es die von Duden sind, lesen will, die Gall’sche Reisebeschreibung zu empfehlen.
Ich lebe nun in der Hoffnung und dem Vertrauen, daß dem Niedergeschriebenen eine gerechte und billige Beurtheilung nicht fehlen werde, da solches die Arbeit eines Laien und mithin aus einer nicht zum Druck geeigneten Feder fließt, wie auch, daß die gute Absicht nicht zu verkennen sey, welche mich zur Herausgabe dieses Werkchens bewog, nämlich mit dazu beizutragen, daß man immer richtiger und unbefangener einsehen lerne, was der wenig bemittelte und der Landessprache unkundige Auswanderer in Amerika zu suchen und zu finden hat.
Der Verfasser.
Ohne dem Eigenthümlichen und Einfachen der Schreibart des Herrn Verfassers zu nahe zu treten, habe ich mir, bei der Durchsicht des Manuskripts nur hie und da Aenderungen erlaubt, der Rechtschreibung der Namen von Personen, Städten, Ländern, Flüssen etc. nachgeholfen und selbst mehrere deutsche, wahrscheinlich von Deutschen in Amerika gebildete Provinzialismen stehen lassen und so mag denn dieses Büchlein in seiner schmucklosen Sprache in die Welt gehen und den Nutzen stiften, welchen sein Verfasser mit Recht erwarten kann.
Taf. I. der Abbildungen, von welcher [pag. 29] die Rede ist, fällt weg, weil man vorzog, anstatt der Abbildung eines Schiffes, besser die Ansicht von New-York beizugeben.
Weimar den 12. Juli 1843.
Wilh. Hoffmann.
Erster Brief.
Bremen im Juni 1839.
Landreise von Weimar nach Bremen.
Gott zum Gruß an Euch alle meine Lieben!
Das Ziel der Landreise ist glücklich erreicht und unsere Karavane nach manchen überstandenem Ungemach am 12. d. M. früh 9 Uhr hier angekommen.
War schon die Erinnerung an den Abschied von Allem was uns lieb und theuer ist, nicht geeignet, den Anfang einer solchen Reise angenehm zu machen, um so mehr mußte die ungünstige Witterung der ersten Tage dazu beitragen, das Gemüth niederzudrücken und den Muth der Reisegesellschaft herabzustimmen.
Auf Wittigs Höhe[1], dem Sammlungsort der Reiselustigen, wohin mir einige Freunde das Geleite gaben, wurde von den jungen Leuten zum Abschied so lange gezecht, gesungen und gesprungen, bis die mit dem Gepäck, Weibern und Kindern beladenen Wagen ankamen und zum Aufbruch mahnten.
Obgleich mir das Herz durch den Abschied von Weib und Kindern zerspringen wollte, war ich doch bis hierher Herr meiner Gefühle, dem Vorsatz treu geblieben, als Mann standhaft das unternommene Werk zu beginnen und mit Gottes Schutz und Beistand auszuführen. Als aber beim Scheiden das Lied: „Nun leb’ denn wohl, du stilles Haus!“ angestimmt wurde, und Viele sich zum letzten Male die Hände drückten und für dieses Leben auf immer Abschied nahmen, da vermochte auch ich die Thränen nicht länger zu unterdrücken, welche dem beengten Herzen Luft zu machen suchten, empfahl nochmals den zurückkehrenden Freunden Frau und Kinder und eilte dem Wagen voraus, der mich, erst langsam nachfolgend, in Linderbach[2] einholte, wo ich, an Leib und Seele ermattet, weilte.
Was ich auf diesem Wege gedacht und empfunden, vermag ich nicht zu beschreiben. Wie ein gehabter Traum nach dem Erwachen nur noch dunkel dem Gedächtniß erinnerlich ist, so stand mein Lebenslauf vor meiner Seele, und jetzt noch frage ich mich oft: wachst du, oder ist Alles nur ein Traum, was du wachend erlebt zu haben glaubst?
Die Sitze auf dem Wagen waren schlecht arrangirt, so daß unmöglich neben dem Gepäck das ganze Personal Platz haben, und daher nur abwechselnd gefahren werden konnte. Ein Familienvater stieg ab und überließ mir seinen Raum mit der Bitte, das schlafende kleine Kind im Schooß zu beherbergen. Bald war ich selbst entschlummert und der Gott des Schlafs suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, als, o Vorgeschmack der Reise! ein übler Geruch mich aus dem süßen Traume weckte und ich nun mit Schrecken bemerkte, daß mein Schützling mich mit einer Gabe beschenkt, welche mich mit einer Schnelligkeit vom Wagen trieb, die ich mir bei meinen zusammengerüttelten Gliedern nicht zugetraut hätte.
Die Zeit des Anhaltens in Erfurt benutzte ich dazu, um noch einige Geschäftsangelegenheiten abzumachen, wurde aber dabei wider Erwarten aufgehalten, so daß ich vermuthen mußte, die Karavane habe bereits schon die Stadt verlassen. Ich schlug daher den kürzesten Weg zum Thore ein, ohne vorher im Gasthofe nachzusehen, ob die Wagen abgegangen oder nicht; die gefragte Schildwacht bestätigte das Erstere, und im Sturmschritt wurde der Berg erstiegen. Da aber auf der Höhe nichts von den Wagen zu bemerken war, entgegenkommenden Fuhrleuten auch keine Auswanderer begegnet seyn wollten, so war guter Rath theuer, da entweder der Soldat oder die Letztern mich zum Besten gehabt. Sollte ich weilen oder meine Schritte verdoppeln. Unschlüssig, was zu thun oder zu lassen sey, nöthigten mich Regentropfen im Gasthof zu Schmiera[3] Obdach zu suchen.
Ein schweres Gewitter hatte sich zusammengezogen und der nahe Donner kündigte dessen Entladung über unsern Häuptern an. Der Sturm wühlte den Chausseestaub dermaßen auf, daß kein Baum mehr zu erkennen war, bis der herabströmende Regen wieder freie Aussicht verschaffte. Mitten unter diesen Naturereignissen kam in vollem Lauf der Pferde eine Chaise an, und vom Hintertheil derselben sprang einer meiner Reisegefährten, welcher, um der Nässe zu entgehen, diese Fahrgelegenheit benutzt hatte, und gab Kunde, daß die Wagen noch zurück, das männliche Personal aber denselben vorausgeeilt und bis aufs Hemde durchnäßt, bald nachkommen würde. So bedauerlich auch ihr Anblick war, so konnte ich mich doch des Lachens nicht enthalten, dankte aber Gott im Stillen, daß er mich durch die falsche Angabe des Soldaten zur Eile angetrieben und dadurch vor Durchnässung so wie vor leicht möglicher Erkältung beschützt hatte.
Ganz verstimmt langten wir Abends spät in Siebeleben[4] an, wo das erste Nachtquartier gehalten wurde. Des Streueschlafens längst entwöhnt und durch das Kindergeschrei beunruhigt, welche durch die Reise aus aller Ordnung gebracht, die ganze Nacht kein Auge schlossen, verließ ich früh das Lager müder, als ich solches am Abend eingenommen[5]. Meine erste Sorge war jetzt, das Gepäck so zu plaçiren, daß bei gutem Wege das ganze Personal aufsitzen und fahren konnte. Ein vom Wirth requirirtes Bret wurde hinten querüber auf einen der Wagen gelegt und diente mir, der im Voraus auf jedes fernere Kindergeschenk Verzicht leistete, so wie noch drei Andern als Platz.
Obgleich schon beim Antritt der Reise von mir in allen Stücken die größte Vorsicht anempfohlen worden war, damit nicht durch etwaiges Unglück eines Einzelnen, durch Aufenthalt das Ganze darunter leiden müsse, so hätte dennoch vor Gotha ein Kind leicht tod gefahren werden können, da es während des Absteigens vom Vorderwagen fiel und die Räder dicht an dessen Kopf vorbeigingen.
In Gotha wurde nicht angehalten und nur während der Durchreise das Nöthige eingekauft. Erst zwei Stunden später, wo gefrühstückt werden sollte, kam die sich daselbst zerstreute Gesellschaft wieder zusammen, nur der Großvater einer Schuhmacherfamilie blieb aus. Länger zu verweilen hielt der Fuhrmann für unräthlich, versprach aber langsam zu fahren, damit der Alte, der übrigens kein schlechter Fußgänger war, uns bis Mittag einholen könne. Doch auch diese Zeit verstrich und es mußte von Neuem angespannt werden, und schon hatten wir Ammern, wo das zweite Nachtquartier gehalten werden sollte, erreicht, ohne daß der alte Mann wieder zu uns gekommen war. Die Angst des Sohnes, so wie auch dessen Frau und Kinder, läßt sich denken, denn jetzt war es ausgemacht, daß er entweder krank liegen geblieben sey, oder von Gotha aus einen falschen Weg verfolgt haben mußte. Ohne Reisepaß und Geld, da beides der Sohn in Verwahrung hatte, hoch an Jahren, wie sollte der Arme, wenn er nicht noch diese Nacht ankam, uns einholen? Alles nahm den größten Antheil an der beängstigten Familie. Kein Auge wurde die Nacht über zugethan, da man bei jedem Geräusch die Ankunft des Verirrten vermuthete. Der Morgen brach an, die Fuhrleute mahnten zum Aufbruch, und noch war der Ersehnte nicht da. Der Sohn, außer sich, wollte zurückkehren, um den Vater zu suchen; doch welchen Weg sollte er einschlagen, wo ihn finden? Mußten wir nicht befürchten, bei etwaiger Ankunft des Gesuchten, den Sohn zurückzulassen? Hier aber noch länger zu verweilen, stimmte nicht mit den Ansichten der Fuhrleute überein, welche vermutheten, daß der Fehlgegangene seinen Weg über Eisenach und Kassel fortgesetzt habe und erst in Hannover zu uns stoßen werde. Diese Ansicht theilten mehre von der Gesellschaft, und so sehr auch ich und die beängstigte Familie um längern Verzug baten, so wurden wir doch überstimmt und demnach unverzüglich aufgebrochen.
Zweiter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Fortsetzung.
Die Witterung am dritten Tage unserer Reise war ebenfalls äußerst ungünstig, da es fortwährend näßte und Staupen gab, so daß, als wir das Eisfeld passirten, welches schon dem Namen nach keine warme Gegend verspricht, wir uns mitten in den Winter versetzt glaubten. Das gestrige Gewitter hatte in dieser Gegend großen Schaden verursacht; die Felder verschlämmt, die Straßen zerrissen und in mehren Ställen das Vieh ersäuft. Das größte Unglück hatte aber eine Auswanderer-Familie aus Baiern betroffen, welche bei herannahendem Gewitter den Wagen verlassen, um nicht vereint den Blitz an sich zu ziehen. Nur zwei kleine Kinder, in wollene Decken gewickelt und mit Betten zugedeckt, um sie vor der Nässe zu wahren, wurden auf dem Wagen zurückgelassen. Wer vermag aber den Schrecken der Mutter zu beschreiben, als sie nachsieht und eins derselben erstickt findet.
In Duderstadt, dem Grenzorte vor Hannover, wurde heute etwas früher als gewöhnlich das Nachtquartier bezogen, da hier die Pässe visirt, das nöthige Reisegeld vorgezeigt und auf das Gepäck Durchgangszoll entrichtet werden mußte.
Die Schuhmacherfamilie, durch die Abwesenheit des Großvaters, nach welchem die Kinder beständig fragten, voller Unruhe und äußerst betrübt, hielt den Muth der übrigen Gesellschaft fortwährend niedergedrückt, und ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufzubieten, um den Armen Trost zuzusprechen. Eben saßen wir insgesammt am Tisch, um das Nachtmahl einzunehmen, als der Sohn des Zurückgebliebenen, welcher vor dem Hause auf und abgehend, der Ankunft des Vaters ängstlich geharrt, mit dem Freudenrufe hereinstürzte: „Ach Gott, mein armer Vater kömmt!“ Er war es, doch in welchem Zustande? Ganz erschöpft sank er zu den Füßen seiner Kinder nieder.
Der arme alte Mann war in Gotha beim Einkauf von Schnupftaback von seinem Begleiter getrennt worden und ohne weiter zu fragen, auf dem geraden Wege, welcher nach Eisenach führt, fortmarschirt. In dem Wahne, die Wagen seyen noch zurück, hat er bereits einige Stunden Weges zurückgelegt, bis ihn die Müdigkeit zum Einkehren zwingt, wo er den Irrthum erst gewahrt, und da kein näherer Weg ihn auf den richtigen Pfad leitet, sieht er sich genöthiget, nach Gotha zurück zu wandern. Das Gehen entwöhnt, zum Fahren ohne Geld, muß er mit Angst und Noth, da ihm ein wunder Fuß nur langsam zu gehen erlaubt, den Seinen nachzukommen suchen. So wankt er, nur wenige Stunden der Ruhe gönnend, Tag und Nacht seinem Ziele zu. Nur noch zwei Stunden vom Grenzort entfernt, schwinden ihm die Kräfte ganz; er kann nicht weiter und sucht schon Nachtquartier. Da kommt ein Reisender (sein guter Geist) und zeigt ihm die Möglichkeit, uns heute noch einzuholen, da wir in Duderstadt verweilen müßten, was morgen weniger möglich sey, wenn ihm durch Ruhe die ausgespannten Sennen erschlaffend, den Dienst zur Weiterreise versagen würden. Diese Aufmunterung wirkt, er sucht von Neuem sich fortzuschleppen und kömmt gleich dem Galeerensclaven, den man im Schauspiel sieht, bei seinen Kindern an.
Aufs Neue bat ich jetzt, daß Niemand mehr den Zug verlassen sollte und ahnete nicht, daß ich selbst schon in den nächsten Tagen gleich jenem mich verirren würde.
Die Witterung schien sich am 7. Juni günstiger zu gestalten. Die Sonne brach die trüben Wolken und mit ihren warmen Strahlen drang neues Leben in uns ein. Alle hatten die Wagen verlassen und nur der Irrgänger blieb wie zerschmettert auf demselben liegen.
In Einbeck trafen wir mit einer Gesellschaft Baiern zusammen, die ebenfalls ihr Heil in Amerika suchen wollten und logirten mit ihnen im Gasthofe zur Stadt London. Doch bald sollten wir erfahren, daß wir wirklich in London waren, weil alles sehr theuer war. Hatte es daher schon am Abend beim Zahlen der Zeche Verdrießlichkeiten gegeben, so wurde der Unmuth und die Zänkerei um so lauter, als man das zur Streue dienende Stroh nur spärlich herbeischaffte und der Wirth sich beleidigender Ausdrücke bediente, weil nur wenige von uns Betten verlangten. Mir selbst blieben in der überfüllten Stube, dicht an der Thür nur einige Halmen zur Unterlage übrig, weshalb ich mehr und mehr links zur Nachbarin rückte, die freundlich Platz zu machen schien, als ein Marqueur über meine Beine stolperte und meinen Nachbar rechts mit dem gefüllten Waschbecken begoß. Dieser, welcher diese Taufe für beabsichtigten Schabernack hielt und ohnedies auf Jenen, der sich unberufen in Liebeshändel eingemischt, aufgebracht war, faßt schnell des Marqueurs Beine und kühlt seinen Muth an diesem Armen. Der Wirth, gelockt vom Lärm, eilt mit den Seinen herbei, doch eben so schnell verlassen wir das Lager, und da aus Zufall oder List die Lichter schnell verlöschen, erhält mancher in der Dunkelheit einen Schlag, welcher ihm nicht zugedacht war. Ich selbst, der nächste an der Thür, verzichtete auf Ruhm und Ehre, ergreife schnell die Flucht und suche Schutz auf einem unserer Wagen, wo mein Bruderssohn sich schon hinredirirt hatte. — Neuem Zank am Morgen zu entgehen, wurde der Wagen früh von uns verlassen, in der Absicht, im nächsten Dorfe die Reisegefährten zu erwarten.
Die majestätisch aufgehende Sonne versprach heute einen der schönsten Tage unserer Reise, und froh und vergnügt, da uns manche Scene vom gestrigen Abend zum Lachen zwang, waren wir im Gespräch bis zu der Stelle gekommen, wo der Angabe nach ein über den Berg führender Feldweg das Ziel der Reise um eine Stunde abkürzen werde, und uns später wieder auf die Straße leiten sollte. Obgleich mit rüstigen Füßen die ermüdende Straße zum Bergdorf bald zurückgelegt war, so sanken wir doch erschöpft auf das zum Ruhen einladende junge Gras und die reizende Gegend in das weit sich ausbreitende Thal ließ bald die gehabten Beschwernisse vergessen. Im Dorfe selbst war so früh des Tages noch Niemand zu erspähen, wo man die nöthige Erkundigung in Betreff der Richtigkeit des Weges hätte einziehen können. Es wurde daher von uns der hinter demselben angetroffene gebahnte Weg muthig betreten, welcher aber bald rechts bald links in mehre Arme sich ausbreitete, schwer noch die richtige Straße erkennen ließ. Nach einem mehrstündigen Wege war endlich in weiter Ferne die sich um einen Berg windende Chaussee dem Auge sichtbar, welche nach der Gegend führte, wohin unser Fußweg durch Getraidefelder sich schlängelte. Schnell eilten wir vorwärts, um noch vor Ankunft der Wagen unsere leeren Magen zu füllen und auszuruhen.
Eben hatte ich mich, auf den bestellten Kaffee wartend, auf der Schenkbank ausgestreckt, als der Wirth neugierig nach dem Ziel unserer Reise fragte, und als er Willwingen als den Ort unserer heutigen Etappe vernommen, die Schreckenskunde gab, daß dieses nicht der Weg nach jener Stadt sey, indem diese Straße ins Münsterland und nicht nach Hannover führe. Zu früh, setzte er hinzu, hätten wir am Morgen die Chaussee verlassen, da solche in zwei Arme getheilt, der eine links zu ihm, der rechts aber für uns der richtige gewesen sey. Sollte ich fluchen oder beten? Ich, der erst anbefohlen, daß Keiner die Wagen mehr verlassen sollte, mußte selbst Fersengeld entrichten und hatte dabei für Spott der Reisegesellschaft nicht zu sorgen. Um nicht die gekommene Straße zurück machen zu müssen, führte uns ein angenommener Bote einen Holzweg über die steilen Berge, und so erreichten wir nach vierstündigem sauern Marsch die richtige Chaussee.
Zu unserm Glück hatten die Fuhrleute am Morgen etwas später als gewöhnlich eingespannt, und da sie uns vermißten, langsam gefahren, weshalb wir im nächsten Gasthofe noch einige Zeit auf die Gesellschaft warten mußten. Von jetzt an verließ Keiner mehr die Wagen.
Dritter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Fortsetzung.
Im Dorfe Limmer bei Alsfeld, woselbst Mittag gemacht wurde, trafen wir Auswanderer, welche von Bremen zurückkehrend, die Kunde brachten, daß bei dem jetzt überhäuften Andrang von Reiselustigen und bei dem Mangel an Transportschiffen, die Kaufleute das Fahrgeld erhöht und ohne Unterschied des Alters 44–45 thlr. in Gold pro Kopf bezahlt werden müsse, wodurch sie, die außer Stande so viel geben zu können, gezwungen wären, in ihre Heimath zurückzukehren. Man denke sich bei dieser Nachricht den Schreck der Familien unserer Karavane, welche viel Kinder bei sich und für solche nur auf wenig Fahrgeld gerechnet hatten. Sollten sie ebenfalls umkehren, oder durch den Verkauf ihrer Habseligkeiten, die Seereise dennoch zu ermöglichen suchen, und dann von Allem entblöst, als Bettler den amerikanischen Boden betreten? Noch unschlüssig, was zu thun oder zu lassen sey, stimmte ich dafür, wenigstens bis Bremen das einmal Unternommene auszuführen, um sich an Ort und Stelle von der Richtigkeit der Angabe selbst zu überzeugen, da leicht Mißverständnisse obwalten könnten.
Während ich langsam vorausging, um das so eben Erfahrene im Tagebuche zu notiren, hatten die jungen Leute meine Abwesenheit benutzt und das von mir verbotene Necken erneuert, wobei ein Steinwurf den Einen, welcher mit hinten auf dem aufgelegten Wagenbret saß, am Kopfe verletzt. Dieser nun, um sich zu rächen, springt ab, ohne jedoch seinem Nebenmann etwas zu sagen, wodurch das Bret das Gleichgewicht verliert und der Andere stürtzt und sich die Hand ausfällt. Der Springer aber ließ einen Theil seiner Beinkleider am Wagen hängen, wodurch er bei einer kurzen Jacke, das Gelächter der ganzen Gesellschaft erregte.
Den 8. Juni trafen wir im Nachtquartier zu Willwingen einen tauben Wirth, der auf alle an ihn gerichteten Fragen mit dem Kopfe schüttelte und zur Geduld verwieß, bis seine Frau zu unserer Bedienung vom Felde kommen werde. Hungrig wie die Wölfe, wurde sogleich selbst Hand angelegt und das letzte Fleisch im Orte zum Abendbrod vorgerichtet, doch bei mangelnder Aufsicht hatten die Haushunde noch vor dem Kochen, solches in Sicherheit gebracht und wir mußten den hungrigen Magen mit saurer Milch und Sallat füllen, dem Einzigen, was wieder aufzutreiben war, wodurch sich Mancher wegen Magenerkältung gezwungen sah, die ganze Nacht über auf den Beinen zuzubringen. War aber auch das Essen schlecht, so erhielten wir eine um so bessere Streue, und der gute Kaffee am Morgen ließ alles Uebrige leicht vergessen.
Da heute Hannover passirt werden sollte, so zeigte Freund M., daß er der Sohn eines Schneiders sey und nähte das halbe Hintertheil der auf dem Wagen hängen gebliebenen Hose so geschickt zusammen, daß der arme Gefallene nur drei Zoll weite Schritte machen konnte und das eine Hosenbein um ein Viertheil kürzer als das andere war. Auch der Glaser R. ließ heute sein Talent als Friseur glänzen und schor dem Zimmermann S. die Haare so glatt wie einem Hammel, wofür des letztern Frau ihm zum Danke die gröbsten Reden anzuhören gab.
Hannover, wo wir Mittag ankamen, schien der Sammelplatz deutscher Auswanderer zu seyn, in allen Straßen waren deren anzutreffen, vorzüglich aber auf dem Paradeplatze, wo die schönste Musik gemacht wurde, weil es Sonntag war. Auch wir vergrößerten die Zahl der Neugierigen und ich hatte bald Gelegenheit, mit einigen Bürgern eine Unterhaltung anzuknüpfen, während welcher ich die Bemerkung machen mußte, daß solche ihre Landesangelegenheiten weniger kannten, als wir Ausländer. Außer der gepuderten Hofdienerschaft, welche gleich Marionetten vor den Wohnungen der Herrschaften aufgestellt sind, kam uns von den höchsten Herrschaften selbst nichts zu Gesicht. Eben so wenig konnte wegen Kürze der Zeit irgend eine Merkwürdigkeit der Stadt in Augenschein genommen werden.
Zu Neustadt, am Rübenberg, wo am Abend ausgespannt wurde, erfuhr ich vom Wirth, daß heute sechs Wagen mit Auswanderern den Ort passirt hätten, und daß nach der Zahl derselben zu schließen, welche in letzter Zeit hier durchgereist wären, Bremen ziemlich angefüllt seyn müßte, so daß schwerlich bei dem täglichen Zudrang von Menschen, die nöthigen Transportschiffe vorhanden seyn könnten.
Jetzt vermuthete ich selbst, daß die uns begegneten Auswanderer, welche wieder der Heimath zugeeilt waren, nicht ganz Unrecht haben dürften, und brachte daher bei meiner Reisegesellschaft in Vorschlag, daß ich diese Nacht mit der durchfahrenden Post auf gemeinschaftliche Kosten nach Bremen vorausfahren, um vielleicht noch mit den am 15. dieses Monats absegelnden Schiffen akkordiren zu können. Der Vorschlag wurde angenommen und um Mitternacht bestieg ich den nur mit einem Passagier besetzten Postwagen, welcher schlaftrunken mich in dem blauen Ueberhemde für einen schlichten Bauersmann halten mochte und so brummend in der Wagenecke liegen blieb. Der Gott des Schlafes schloß auch meine Augen bald, und schon blickte die Morgensonne zum Wagenfenster freundlich herein, als mich der Hunger weckte, da ich Abends vorher nichts genossen hatte. Eben im Begriff, aus der Jagdtasche etwas heraus zu langen, hielt der Wagen an der neuen Station an, wo beim Oeffnen des Schlages auch mein Begleiter erwachte und von dem Marqueur dienstfertig aus dem Wagen gehoben wurde, welche Ehre mir aber, in dem man keinen respektablen Gast vermuthete, nicht zu Theil wurde. Beim Kaffeetrinken wünschte der Fremde meine Bekanntschaft zu machen und fragte daher: „Wie weit die Reise, Landsmann!“ Nach Amerika! gab ich kurz zur Antwort. „Auf der Post, erwiederte er spottend?“ Ja, wenn es seyn könnte, entgegnete ich; nur müßte ich dabei wünschen, die Reise nicht in Ihrer Gesellschaft machen zu müssen. „Und warum?“ fragte er, über meine Antwort verwundert; da ich auf der Reise gerne spreche, gern etwas erzählen höre und vor Allem das Schnarchen nicht vertragen kann. „Ich habe Sie, wie es scheint, verkannt!“ sprach er forschend, „und hoffentlich werden wir jetzt die Reise um so angenehmer fortsetzen.“ Er ging hinaus und bald ward von dem Marqueur eine Flasche Wein vor mich auf den Tisch gesetzt. Sie sind im Irrthum Freund! bedeutete ich Letztern, ich habe keinen Wein bestellt. Das glaube ich wohl, versetzte er lächelnd, doch in dem Augenblicke, ehe er weiter sprechen konnte, trat der Fremde ein, schenkte die Gläser voll und sagte: wir wollen ein Glas Wein zusammen trinken, damit der Schlaf verscheucht werde. Geschwind! denn der Wagen ist schon angespannt und der Schwager wird sogleich zum Abgang blasen. Eben wollte ich meine Bemerkung machen, daß ich ein schlechter Trinker sey und vor Allem für Spirituosen mich hüten müsse und dergl., als das Horn erschallt und uns kaum Zeit blieb, auf eine glückliche Reise die Gläser zu leeren, worauf in den Wagen gestiegen wurde.
Mein Reisegefährte war Hannöverscher Staatsdiener und Sohn eines Kaufmannes; hatte die Feldzüge vom Jahr 1813 mitgemacht, wußte viel und gut zu erzählen, und war mit einem Worte ein höchst interessanter Gesellschafter. Auch ich ermangelte nicht, aus meinem Jugendleben so manches aufzutischen, was ihm gefiel, und so im Gespräch vertieft, wurden weniger die Wagenstöße verspürt, welche die gepflasterte Chaussee verursachte. Bald verrieth die mehr und mehr zunehmende Menge der nach der Stadt fahrenden Bauersleute, daß Bremen nicht mehr fern seyn könnte, und von meinem Begleiter aufmerksam gemacht, sah ich die vom Sonnenstrahl vergoldeten Thurmspitzen Bremens, aber wie lange dauerte jedoch noch der Weg, bevor die Stadt selbst erreicht wurde. Endlich am 9. d. M. Mittags 11 Uhr hielt der Wagen vor dem Posthause zu Bremen.
Vierter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Aufenthalt in Bremen und Bremerhaven.
Wohl eine Stunde irrte ich durch die mit Menschen und Wagen gefüllten Straßen, um den Gasthof aufzusuchen, wo unsere Fuhrleute ausspannen wollten, damit ich mit dem Wirth über das Unterkommen der ganzen Gesellschaft akkordiren könnte. Niemand wollte das betreffende Gasthaus in der Altstadt kennen, bis endlich ein Helfershelfer der Herren Wirthe sich erbot, mir den Weg zu zeigen[6]. Derselbe brachte mich in ein Haus, welches zwar das rechte Schild, der Wirth aber einen anderen, als den von unsern Fuhrleuten angegebenen Namen führte. Letzterer erbot sich sogleich, uns sämmtlich gegen ein Billiges aufzunehmen[7], weil, wie er versicherte, sein Hôtel nur für Auswanderer eingerichtet sey, und obschon einige Vierzig bereits bei ihm logirten, so würden wir doch noch Alle Platz finden. Dabei ermangelte er nicht, weidlich auf seine Herren Kollegen loszuziehen und solche als Preller darzustellen, denen es nur darum zu thun sey, die mit den Verhältnissen der Stadt nicht vertrauten Auswanderer möglichst zu bevortheilen. Während des Gesprächs wurde mir fleißig zugetrunken, dabei der äußerst billige Wein gerühmt, und als Probe der hier gebräuchlichen guten Kost eine Mahlzeit vorgesetzt, ohne dafür Zahlung anzunehmen. Alles nur, um zu zeigen, wie gut ein Jeder in dieser Herberge aufgehoben sey. Auf mein Bemerken, daß ich wenigstens da, wo die Fuhrleute ausspannen würden, hinterlassen müsse, in welchem Gasthofe man mich auffinden könne, erbot sich der gefällige Wirth, mich in eigener Person zu geleiten, da ich es ablehnte, seinen Hausknecht mit meinem Auftrage dahin abzuschicken, und stellte unterwegs noch billigere Bedingungen, als wie sie schon vorher gemacht worden waren.
Der rechte Wirth in der Neustadt beherbergte gewöhnlich nur Fuhrleute, durch mich aber, der mit dem Eilwagen vorausgekommen, vermuthlich auf die Idee gebracht, daß ich für lauter wohlhabende Auswanderer Quartier bestellen solle, von welchem sich Etwas verdienen lasse, war ebenfalls sogleich erbötig, uns sämmtlich aufzunehmen. Mein Führer, ärgerlich darüber, uns zu verlieren, gab mir verstohlen ein Zeichen zum Weggehen und erzählte mir nun im Vertrauen, daß ein Jeder, welcher Auswanderer zu einem Schiffsmakler bringe, Einen Gulden Douçeur pro Kopf erhalte, welches Geld ich ohne Beihilfe eines Andern selbst verdienen könne. Dagegen mußte ich die Versicherung geben, möglichst dahin zu wirken, daß die ganze Gesellschaft nicht hier, sondern bei ihm logire. Jetzt wurde mir erst die Ursache von diesem Verrath klar; da der Schurke das Kopfgeld nicht selbst verdienen konnte, so entzog er es auch seinem Kollegen, dem er es nicht gönnte.
Da ich sogleich im Bremerhaven, welcher 10 Stunden von Bremen entfernt ist, die nöthigen Erkundigungen wegen der vorhandenen Schiffe und deren Abgang einziehen wollte, so benutzte ich das eben dahin abfahrende Dampfschiff, wo ich nach einer Fahrt von fünf Stunden im Hafen ankam.
Hier erblickte ich ein Bild, welches ich zu sehen nicht erwartet hatte. Ueber 2000 Auswanderer lagen im Hafen zusammengedrängt, theils auf drei großen Schiffen, theils in Privat- und Gasthäusern auf Kosten der Schiffsmakler. Von einem Landsmann wurde ich auf eines dieser Schiffe eingeführt, wo ich sogleich einen Vorgeschmack der Seereise bekam. Schaudererregend war der Anblick der hier in dem engen Raume zusammengedrängten Menschenmenge, wo durch einander Männer und Weiber, Jung und Alt, ohne Rücksichtnahme auf gebildete Personen, die größten Zoten zum Besten gegeben, wo manch altes Bauernweib die letzten Fetzen der Hemden ihrer Familie zusammensuchte, um sie zu gebrauchen, da diese dann bei der Ankunft, nebst dem eingewohnten Ungeziefer ersäuft werden. Hier sitzt eine besorgte Mutter und reinigt den Kopf des Kleinen, dort hat ein Kind sein Lager besudelt und dicht daneben schmeckt Anderen der erhaltene Thee nebst Schiffszwieback ganz vortrefflich; während dessen wird auf dem Oberdeck getanzt und gesungen, und oft wie ich so eben Gelegenheit hatte mit anzuhören, das Ganze von zwei bösen Sybillen, die sich veruneinigt hatten, überschrieen. Jetzt wurde mir einleuchtend, weshalb manche gebildete Familie, vorzüglich wenn sie erwachsene Töchter hat, noch beim Einsteigen ins Zwischendeck die Reise aufgiebt, wenn die Mittel, in der Kajüte zu fahren, nicht ausreichend sind.
Ein anderes dieser Schiffe, das ich bestieg, hatte im Zwischendeck nur eine Höhe von fünf Fuß, so daß man nicht anders als gebückt darin stehen konnte. Die Passagiere, auf diesen Uebelstand von mir aufmerksam gemacht, verlangten, daß durch Niederlegung des Fußbodens das Zwischendeck erhöht werden solle, zu welcher Veränderung sich erst nach langen Debatten der Schiffsmakler verstand.
Im Nachtquartier traf ich mit Auswanderern aus aller Herren Länder zusammen, von welchen einige schon über vier Wochen auf Kosten der Makler hier logirten und auf abgehende Schiffe warteten. Von ihnen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, wie man nicht genug Vorsicht gebrauchen könne, um nicht beim Kontrahiren zur Reise bevortheilt zu werden, und so allen Versprechungen entgegen, aus eigenem Beutel bis zum Abgang des Schiffes zehren müsse, wie es leider jetzt Manchem gehe.
Schon am frühen Morgen des folgenden Tages bekam ich durch den Landsmann S.[8], welcher mich gestern auf dem segelfertigen Schiffe eingeführt hatte, die Einladung, auf diesem die Reise mitzumachen, da diese Nacht auf solchem ein Passagier erkrankt, deshalb die Fahrt aufgegeben und dessen Platz einzunehmen sey, welchen er bei dem Kapitän für mich erbeten habe. So gern ich auch von dieser schnellen Fahrgelegenheit Gebrauch gemacht, so erlaubten es doch die gegen meine Reisegefährten übernommenen Verpflichtungen keineswegs. Ich dankte diesem Braven herzlich, für den guten Willen mir zu dienen und mit dem Wunsche eines glücklichen Wiedersehens in einer andern Welt, schieden wir gerührt von einander.
Da in Bezug auf die Seereise im Hafen selbst nicht zu akkordiren war[9], so durfte auch keine Zeit verloren gehen, um das Nöthige in Bremen selbst zu ordnen, und so fuhr ich mit dem Dampfschiff, welches einige von Amerika kommende Reisende am Bord hatte, unverzüglich zurück. Letztere schienen in den überseeischen Ländern ihre Rechnung auch nicht gefunden zu haben, da ein Paar Eheleute äußerten: lieber in ihrem Vaterlande zu betteln, als in dem freien Lande hungrig sterben. Ein Zweiter klagte über die Schurkerei der Amerikaner, die ihn um seinen sauer verdienten Lohn betrogen hätten. Ein Dritter wollte durch einen Bankbruch um das Seinige gekommen seyn. Jeder hatte seine eigenen Bemerkungen zu machen, welche am Ende alle dahinaus gingen, im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren. Schöne Aussichten für uns! Nur einer schien mit seinem Loos zufrieden, da er, seiner Erzählung nach, amerikanischer Landmann sey, ein hübsches Eigenthum besitze und jetzt eine Reise zu seinen Verwandten mache. Freundlich wurde ich von demselben eingeladen, auch ihn, der bald zurückkehren werde, in Amerika zu besuchen, da er selbst Brennereibesitzer sey und ich ihn vielleicht auch mit meinem projektirten Unternehmen dienen könne.
In Bremen angekommen, verfügte ich mich sogleich auf das Komptoir des Herrn W.[10], wo ich zu meinem Befremden erfuhr, daß von den Agenten der Schiffsrheder weit mehr Auswanderer hergeschickt würden, als die vorhandenen Schiffe zu fassen vermöchten, weshalb man sich genöthigt sähe, die Frachtpreise zu erhöhen und daß auch jetzt für Kinder jeglichen Alters, selbst bis auf den Säugling herab, dieselbe Summe wie für Erwachsene bezahlt werden müsse, da bei dem gegenwärtigen außerordentlich großen Andrange von Auswanderern die nöthigen Schiffe fehlten, und bis zu deren Ankunft die von den Agenten zugeschickten Personen als Entschädigung für Kost und Logis pro Kopf 10 Groten[11] auf den Tag erhielten und solches eine nicht unbedeutende Ausgabe verursache.
Was sollte ich unter solchen Umständen thun? Für die ganze Gesellschaft konnte ich nicht zur nächsten Fahrgelegenheit abschließen, da ich wußte, daß einigen meiner Reisegefährten, die nicht auf die gegenwärtig bedeutend erhöhten Fahrpreise gerechnet, das nöthige Fahrgeld fehle. Um aber nicht für uns Alle die Gelegenheit zu verabsäumen, mit dem am 15. d. M. expedirten Schiff in See gehen zu können, so schloß ich wenigstens für sechs Mann fest ab, mit der Bedingung, daß für die andern Personen die Plätze bis Morgen Mittag offen bleiben sollten, wo die bis dahin Ankommenden das Weitere selbst beschließen könnten.
Fünfter Brief.
Bremen im Juni 1839.
Fortsetzung.
Die Reisegesellschaft war bei ihrer Ankunft nicht wenig bestürzt, als ich ihr die bereits gemachten Erfahrungen mittheilte, und schon sahen sich einige im Geist wieder in die Heimath versetzt. Noch unschlüssig über das, was zu thun oder zu lassen sey, wurde in banger Erwartung der Mittagsstunde entgegen gesehen, wo den Armen durch den Makler selbst ihr Schicksal verkündigt werden sollte. Der schlaue Wirth, meine Abwesenheit benutzend, da ich eben mit einigen Gefährten die Verhältnisse in Erwägung zog, sucht bei den Uebrigen seine Person geltend zu machen und verspricht, wenn sie sich ihm anvertrauen würden, bei dem Makler, welcher sein Freund sey, dahin zu wirken, daß er Etwas von der Forderung ablasse.
Die Leichtgläubigen ließen sich bethören und gingen, ohne meine Ankunft und die bestimmte Zeit abzuwarten, mit Letzterm auf das Komptoir des Herrn W.[12], doch, wie vorauszusehen, galt der Wirth hier wie jeder andere, und seine Absicht ging blos dahin, das Kopfgeld[13] zu verdienen. Aber noch zur rechten Zeit kam ich selbst mit den Uebrigen an, um ihm, wie er uns, den Verdienst zu entziehen.
Alles bot ich auf, des Maklers Mitleid zu erregen, durch Schilderung der Lage derjenigen Armen, welche sich gezwungen sähen, in die Heimath zurückzukehren. Doch nur zu oft kommen solche Scenen vor, um Eindruck auf ein Herz zu machen, welches nur am Golde hängt. Es blieb daher bei der Bestimmung, daß die Erwachsenen 44 thlr., Kinder 40 thlr., die Säuglinge aber 35 thlr. in Golde zahlen sollten. Die Abfahrt nach New-York mit dem Schiff St. Lawrence, wurde zwischen dem 20. und 23. d. festgestellt, und von dieser Zeit an uns die Beköstigung vom Schiffe aus zugesagt. Im Fall aber widrige Winde oder sonstige Umstände den Abgang verzögern würden, sollte die gewöhnliche Vergütung von 10 Groten pro Kopf für jeden Tag eintreten.
Auf dem einer jeden Familie unserer Reisegesellschaft ausgestellten Schiffskontrakt war nur die richtig geleistete Zahlung bescheinigt und die Zeit der Abfahrt bestimmt, ohne daß auf demselben etwas über die uns mündlich zugesagte Beköstigung oder Geldentschädigung erwähnt worden wäre. Auf meine Bitte, dieses nachzuholen, gab man den kurzen Bescheid, solches sey nicht gebräuchlich und auch nicht nöthig, da schon das gegebene Wort genüge[14].
Alle, die wir von Weimar aus die Reise unternommen hatten, waren dennoch im Stande das zur Ueberfahrt nöthige Geld aufzubringen. Nur der Zimmermanns-Familie S. fehlte es wegen dem erhöhten Fahrgeld an Mitteln, da solche für drei Kinder auf weniger, den Säugling aber frei gerechnet hatten. Außerdem war der Vater krank und von einer Ehehälfte geplagt, welche ohne Gefühl und Mitleid den Armen noch mit Vorwürfen quälte, da sie mehr gezwungen, als freiwillig zur Auswanderung sich entschlossen hatte. Sollten sie die Sachen verkaufen und so von Allem entblößt, die Seefahrt zu ermöglichen suchen, oder zurück in die Heimath kehren, wo Haus und Hof veräußert war? Das Erstere verbot die Klugheit und von Letzterem hielt sie falsche Schaam zurück. Auf mich hatten sie daher ihre letzte Hoffnung gesetzt und bestürmten meine Person mit Bitten und Flehen um den nöthigen Vorschuß, welcher mit dem größten Danke dem Retter aus der Noth, in Amerika wieder zurückgezahlt werden sollte[15]. Da der Mann selbst mir als rechtlich bekannt war, so bedurfte es nichts mehr, um sein Flehen zu erhören, und durch eine Unterstützung so die Möglichkeit an die Hand zu geben, mit uns vereint die Reise fortzusetzen.
Den militärpflichtigen Mitgliedern unserer Reisegesellschaft, welche ohne Erlaubniß die Auswanderung beschlossen, wurde bei Ausstellung des Schiffskontrakts, auf deren Anfrage, wegen ihrem sonstigen Verhalten, von Herrn W.[16] der Bescheid, das Wanderbuch, ohne weiter etwas zu bemerken, auf der Polizei nach dem hannöverschen Grenzort visiren zu lassen. Der Weg dahin führe über Bremerhaven; daselbst angelangt, frage dann Niemand mehr, ob die Seereise mit oder ohne Erlaubniß unternommen sei, da man das Wasser nicht gern von der Mühle weise.[17]
Gleich beim Weggang vom Komptoir wurde beschlossen, das Gasthaus zu verlassen und eine Privatwohnung zu beziehen, wo dann Jedem die Gelegenheit werde, möglichst billig leben zu können, und im Hause des Schneidermeisters Achelpohl fanden wir dazu die schönste Gelegenheit. Jetzt hieß es, bei karger Kost und dünnem Kaffee sich in Geduld zu üben, und wir suchten uns, in Erwartung besserer Tage, gegenseitig das Leben so angenehm als möglich zu machen.
Das Drängen und Treiben der Bremer, das Ein- und Ausladen der Schiffe, die schönen Anlagen um die Stadt, die reizenden Parthien in derselben, das im Vorgefühl der schönen Hoffnungen fröhliche, mitunter aber auch traurige Aussehen der Auswanderer, welche zu Hunderten durch den Reiz der Neuheit getrieben, da viele von ihnen noch nie eine so große Stadt wie Bremen gesehen hatten, gaffend in den Straßen standen, oder mit dem Einkauf der zur Seereise nöthigen Gegenstände und Lebensbedürfnisse beschäftigt waren.[18] Der Lärm in Wein-, Schnaps- und Bierhäusern, wo Mancher noch vergeudete, was bei erhöhtem Fahrgeld übrig geblieben war, so wie durch das mitunter herzergreifende Ansehen der Familien, welche durch Krankheit, oder aus Mangel des nöthigen Geldes, die Reise getrennt unternehmen müssen, Alles dieses gab vollauf Stoff, die Zeit zu tödten und Betrachtungen über das menschliche Leben anzustellen, von denen man Folianten füllen könnte.
Unter solcher Zerstreuung war der 16. d. herangekommen, wo das schöne feierliche Glockengeläute am Sonntag zum Besuch der heiligen Stätte mahnte. Auch ich wünschte vor Antritt der großen Reise mich nochmals dem zu empfehlen, welcher das Schicksal der Menschen lenkt. Deshalb besuchte ich, feierlich gestimmt, in Begleitung des Sohnes meines Bruders und dem Glaser R. die St. Pauluskirche. Nach dem Gottesdienste war Kommunion und obgleich nicht festlich gekleidet, waren wir doch willkommene Gäste des Herrn. Nach beendigtem Abendmahl wartete am Ausgang der Kirche der würdige Pastor Hemstängel auf uns, und sprach: „Wir haben uns am Tisch des Herrn gesehen und da ich in Ihnen Auswanderer vermuthete, so wünschte ich nun auch in meiner Wohnung Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bitte Sie, mich dahin zu begleiten.“ Wie eine Stimme von oben, klang uns diese Einladung und mit beklommenen Herzen folgten wir derselben. Nachdem Sr. Ehrwürden die uns zur Reise veranlaßten Gründe erfahren hatte, hielt dieser brave Geistliche eine so herzergreifende Rede, daß jedes seiner Worte tief ins Innere drang, da er alle die Gefahren so treffend berührte, aber auch den Lohn zu schildern wußte, welcher den Menschen erwartet, welcher mit Ausdauer und seinem Gott ergeben, sein Werk mit Muth und Standhaftigkeit zu Ende führe. Daraus gab er uns für die andern Familien Gebetbücher mit den Worten: „sagen Sie solchen in meinem Namen, daß der Herr überall mit Jedem sei, welcher ein gottgefälliges Leben führe; er wandle hier oder in jenem Welttheil, wohin wir zu reisen gedachten. Nur nicht überall gäbe es für die Kinder den nöthigen religiösen Unterricht, damit der Mensch in jeder Lage des Lebens sich seines Gottes und dessen unerschöpflicher Güte vollkommen erfreuen könne. Er fühle sich daher veranlaßt, die Erwachsenen darauf aufmerksam zu machen, daß sie mit Beihilfe der mir übergebenen Bücher für das Seelenheil ihrer Kinder nach Kräften sorgen möchten und nicht dasselbe über Mühe und Arbeit, Verdienst und etwaigen Reichthum vernachlässigten. Denn was ist alles Irdische! fuhr er fort, wenn dabei der Himmel verschlossen bleibt und die Seeligkeit für den Menschen verloren geht, die nur durch richtige Begriffe von Gott und Jesum zu erlangen ist. Um wie viel glücklicher sind Sie, sprach er zu mir, da Sie ihre Familie in einem Lande zurücklassen, wo wahre Aufklärung herrscht. Leiden Sie auch durch die Trennungsschmerzen mehr als die Familienväter, welche die ihrigen um sich haben, ist auch der Gedanke an die zurückgebliebenen Frau und Kinder herzergreifend, so muß Ihnen dagegen zur Beruhigung dienen, daß dieselben wohl versorgt sind und nicht die Beschwernisse einer solchen Reise zu ertragen haben, sondern im sichern Hafen abwarten können, was der Herr unser Gott über sie beschlossen hat. Empfangen Sie hiermit nochmals durch mich den Seegen des Herrn, welcher im Geist mit übertragen wird auf die zurückgelassenen Ihrigen. Was auch Ihr Schicksal sei, Gott wird Sie geleiten auf allen Ihren Wegen und deshalb vertrauen Sie auf den, der Alles zum Besten führt.“ Tief gerührt verließen wir das Haus. Denn noch nie hatte die Rede eines Geistlichen solchen Eindruck auf unserer Aller Herzen gemacht. Möchten doch Viele sich berufen fühlen, den Reisenden in ähnlichem Sinne Muth und Trost zuzusprechen.
Sechster Brief.
Bremerhaven im Juni 1839.
Fortsetzung.
Ein Tag verstrich wie der andere. Die leer gewordenen Logis wurden sofort mit Neuangekommenen besetzt, wobei nicht selten die Sachen verwechselt oder vorsätzlich entwendet wurden, wie solches dem Konditor T. aus V. widerfuhr. Uhren- und Gelddiebstähle sind häufig, und es ist daher auf Pretiosen die größte Vorsicht zu verwenden. Eben so wenig sollten die Kisten ohne Aufsicht gelassen werden.
Mein gewöhnlicher Spatziergang fing bald an mich zu langweilen, und die prächtigen Karossen, sowie die durcheinander wogenden Fußgänger hatten keinen Reiz mehr für mich, da die mannichfaltigen Erinnerungen an die zurückgebliebene Familie und ein banges Sehnen nach der dunkeln Zukunft, das Warten um so peinlicher machte.
Endlich brachte der 21. d. eine Unterbrechung in das alltägliche Leben, da an demselben Tage die über die Weser führende Nothbrücke dem Publikum geöffnet wurde, welche die Kommunikation der Neustadt mit der Altstadt so lange unterhalten sollte, bis die alte baufällige Brücke abgerissen und an deren Stelle eine neue, von Steinen, aufgeführt worden sein werde. Jeder wollte die Nothbrücke zuerst passiren, und es drängten sich daher von beiden Seiten so viele Menschen auf derselben zusammen, daß Mann an Mann wie eingemauert standen. Von den Ufern aus sahen Tausende der Mannschaft zu, welche an der Brücke gearbeitet hatten und jetzt auf zwei nebeneinander stehenden Schiffen bei Musik und Tanz das erhaltene Freibier verzehrten. Zum Schluß war Feuerwerk verkündet, weshalb eine Masse Kähne auf stiller Fluth die größern Bote umschwärmten und das schaulustige Publikum bis spät Abends auf den Beinen hielt. Doch mehr Witz als Wahrheit war das Feuerwerk, da nur einige Raketen zerplatzten.
Schon war der 22. verstrichen und noch keine Anstalt zu unserm Transport nach dem Hafen gemacht, wir erhielten aber auf dem Komptoir des Herrn W.[19] die Versicherung, daß morgen drei Weserschiffe uns dahin bringen würden. Jedoch auch der 23. und 24. gingen ohne Erfüllung der gemachten Zusage vorüber, und eben so wenig erhielten wir auf diese Tage für Kost eine Entschädigung, sondern wurden damit bis zur Ankunft auf dem Seeschiffe vertröstet. Was sollten aber bis dahin meine armen Reisegefährten anfangen, von denen einige ganz von Baarschaft entblößt und der hungrige Magen sich nicht wie der Geist mit den lockenden Aussichten in dem gelobten Amerika begnügen wollte.
Endlich am 25. waren die Transportschiffe bereit, uns nebst Effekten aufzunehmen, und auf dem, welches ich bestieg, war bis Mittag alles so geordnet, daß Jeder noch nothdürftig ein Plätzchen zum Liegen hatte. Als aber am Nachmittag noch einige Funfzig Juden mit ihren sämmtlichen Sachen ebenfalls in dem schon sehr beengten Raum untergebracht werden sollten, so wurde von Neuem alles drüber und drunter geworfen, um nur so weit Platz zu bekommen, daß sämmtliche Passagiere, wenn auch wie Häringe zusammengeschichtet, im Zwischendeck dem Hafen zugeschickt werden konnten.
Die anderthalben Tag und eine Nacht lange Fahrt war eine der beschwerlichsten, die ich gemacht habe, da ein anhaltend starker Wind das Schiff beständig in schaukelnde Bewegung versetzte, wodurch die Seekrankheit sich sofort einstellte und ein Erbrechen erfolgte, welches um so beschwerlicher war, da bei dem engen Zusammenliegen ein gegenseitiges Beschmutzen nicht vermieden werden konnte. Da die meisten Passagiere nicht darauf vorbereitet waren, bekamen wir jetzt schon den Vorgeschmack der Seereise, und Mancher hätte gern auf das gepriesene Amerika verzichtet, wenn ihm das bezahlte Fahrgeld restituirt worden wäre.
Taf. II.
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Das große dreimastige amerikanische Schiff St. Lawrence, welches uns im Hafen aufnahm, war mit einem 7 Fuß hohen Zwischendeck versehen und versprach deshalb vor allen andern jetzt hier liegenden Schiffen eine möglichst gesunde Fahrt; auch war vorauszusehen, daß bei der Größe desselben die Bewegungen weniger fühlbar sein würden, als dieses bei dem Weserschiff der Fall war, da bei letzterem die Bewegungen kürzer und deshalb um so empfindlicher sind. Damit aber die Vorstellung von dem Gebäude selbst, welches uns über den Ocean bringen sollte, um so deutlicher wird, will ich das in Taf. I. abgebildete Schiff etwas näher beschreiben.
Dieses kolossale Gebäude ist aus nicht sehr großen aber gut zusammengearbeiteten Holzstücken gefertigt, welche mittelst hölzerner und eiserner Schraubenbolzen an das innere Holzgerippe befestigt werden. Die Fugen sind mit Pech und Werg so dicht verstopft, daß kein Wasser eindringen kann. Um dieses schwimmende Gebäude schnell fortzubewegen, sind drei hohe Masten darauf angebracht, wovon jeder derselben wieder aus drei Theilen besteht, an welche mittelst der Segelstangen und dem nöthigen Tauwerk die Segeltücher zum Auffangen des Windes befestigt sind. Um aber diesen Segeln nach jedem Erfordernisse des Windes eine andere Richtung zu geben, sind viele Leinen und Taue angebracht, deren Jedes seinen eigenen Namen hat, und welches die Matrosen selbst in der dunkelsten Nacht mit der größten Schnelligkeit zu finden wissen. Ferner ist, um den Lauf des Schiffes zu bestimmen und solches demnach zu regieren, am hintern Theile desselben ein im Verhältniß des ganzen Gebäudes kleines Steuerruder befestigt, dessen geringste Bewegung nach der einen oder andern Seite dem Schiffe eine andere Richtung giebt.
[Taf. II.] ist die Ansicht vom obern Verdeck. Bei a. ist das Steuerrad, mit welchem das Steuerruder regiert wird, und in dessen Nähe im Nachthause steht der Kompaß. Vor Letzterm ist das Schiff mit einem Ueberbau versehen, unter welchem bei nasser Witterung der Kapitän und die Kajüten-Passagiere sich Motion zu machen suchen. An beiden Seiten sind Vorrathskammern angebracht, auch befindet sich der Abtritt für die Ersteren daselbst. b. ist die Stelle des Fockmastes, c. des Mittelmastes, d. des Besanmastes, e. zeigt das Bugspritt, welches über das Vordertheil des Schiffes hinausreicht, f. ist der bedeckte Eingang zur Kajüte des Kapitäns, g. h. und i. sind Oeffnungen von 6 Fuß ins Gevierte, welche dazu dienen, die Ladung ins Innere des Schiffes hinabzulassen. Durch diese Luken steigen auch mittelst der angelehnten Treppenleiter die Deck-Passagiere aus und ein. k. ist der Ort der zwei Schiffspumpen, womit alle Morgen das eingedrungene Wasser wieder ausgepumpt wird. l. ist die Kapitäns- und Kajüten-Passagier-Küche. m. sind die beiden eingemauerten Kessel, mit viereckiger Breterbekleidung umgeben, in welchen für die Deck-Passagiere gekocht wird. Zwischen der Kapitäns-Küche und dem Mittelmast ist das große Boot, in welchem die nicht gebrauchten Segel und Taue liegen und deshalb mit einem Nothdache überbaut ist. Das kleine Boot n. wird außerhalb des Schiffes am hintern Theil desselben aufgehangen. o. sind die Abtritte für die Deck-Passagiere. Durch die Oeffnung p. steigen die Matrosen in ihre Kajüte hinab. Bei q. ist die Schiffswinde, womit die Anker in die Höhe gezogen werden. r. sind in die Bohlen eingesetzte geschliffene Gläser von 7 Zoll Länge und 4 Zoll Breite. Solche sind in der Mitte stärker als an den Seiten, wodurch dieselben, vermöge der Konzentrirung der Lichtstrahlen, viel mehr Helligkeit verbreiten als dieses der Fall bei gewöhnlichem Scheibenglas ist.
Taf. III.
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[Taf. III.], stellt den innern Raum des Schiffes in horizontaler Lage vor. In diesem Raume befindet sich bei A. die Kajüte mit einem in der Mitte befindlichen großen Zimmer, zum Aufenthaltsort der Kajüten-Passagiere. Auf beiden Seiten befinden sich die Schlafstellen, (Cojen genannt.) An dem Fockmast steht die Treppe und hinter derselben ist die Wohnstube des Kapitäns, neben welcher sich verschiedene Kammern befinden. Auf der andern Seite sind die Räume für den Ober- und Unter-Steuermann, dem Steeward (Kammerdiener) und Koch. B. Ist die Vorkajüte, wo auf unserm Schiff die Vorräthe von Lebensmitteln aufbewahrt wurden, welche nicht in den untern Raum des Schiffes gebracht waren. Hier hatte außerdem der Kapitän noch seine Getränke, so wie das Tisch- und Küchengeräthe aufgehoben. In dem großen Mittelraum C. befinden sich auf beiden Seiten gleichlaufend mit den Schiffswänden zwei Reihen Schlafstellen über einander, deren Jede 6 Fuß im Quadrat hält, und aus Stollen und Bretern so zusammengenagelt sind, daß der Boden derselben 12 Zoll von dem Fußboden absteht, damit bei offenen Luken die mitunter einschlagenden Wellen, nicht die Strohsäcke oder Betten durch das darunter laufende Wasser befeuchten. Drei Fuß höher ist der zweite oder Mittelboden angebracht, welcher, da das Zwischendeck 7 Fuß hoch ist, eben so weit vom obern Deck absteht. Durch diese Vertheilung der Böden erhält jede Schlafstelle 3 Fuß Höhe, wie dieses auf [Taf. IV.] ersichtlich ist.
An der Vorderseite der Schlafstellen ist ein Bret angenagelt, damit bei Sturm die Strohsäcke mit den darauf Liegenden nicht herausgeworfen werden. Eben nicht höher sind auch die Schiedbleichen, wodurch dem Auge die freie Durchsicht offen steht[20]. Jede Coje nimmt 8 Mann auf, wovon 4 unten und 4 oben liegen, und so in den 26 kleinen Räumen 208 Menschen untergebracht sind. Das Lager der Passagiere beim Schlafen ist verschieden, wie solches auf der Zeichnung zu sehen ist und richtet sich nach dem Stande des Schiffes, damit immer der Kopf hoch ist, auch nicht bei schräger Lage des Fahrzeuges ein Passagier auf den andern fällt. In der Mitte stehen die Kisten der Reisenden, wo solche die Extraprovisionen oder die Bedürfnisse mancherlei Art, welche auf einer Seereise nöthig sind, aufbewahren. Diese Sachen werden mit Stricken und Tauen aneinander befestigt, um sie beim Sturm vor Umwerfen und Zerschlagen zu schützen. D. ist die Matrosen-Kajüte.
[Taf. IV.] ist ein Durchschnitt des Schiffes, wo man ebenfalls die Passagiere in ihren Cojen liegen sieht. E. ist der Raum, worin der Balast, die Proviant-, Fleisch- und Wasserfässer, das Gepäck der Passagiere sowie die Kaufmannsgüter untergebracht werden. Dieser Theil des Schiffes beträgt die Hälfte seiner Höhe, und ist, so tief es unter Wasser geht, mit Kupfer beschlagen.
Taf. IV.
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Siebenter Brief.
Bremerhaven im Juni 1839.
Fortsetzung.
Da bei unserer am 26. d. Mittags erfolgten Ankunft im Hafen sich weder der Steuermann, noch der Kapitän sehen ließen, mußte heute ebenfalls auf die Beköstigung verzichtet werden, was bei sämmtlichen Passagieren die größte Unzufriedenheit erregte und zu lauten Klagen Veranlassung gab.
Die Schlafstellen im Zwischendeck waren numerirt, und die zunächst am Mittelmast gelegene, wo die Bewegung des Schiffes am wenigsten fühlbar ist, hatten schon einige Judenfamilien in Beschlag genommen, mußten jedoch ihre Effekten wieder wegräumen, da bestimmt war, daß das Loos entscheiden solle. Mir, dem Sohne meines Bruders, dem Glaser R. und dem Metzger R. fiel der untere Platz No. 18 zu, welcher ziemlich in der Mitte des Schiffes sich befand. Ueber uns logierten drei Bauern nebst einem Frauenzimmer, welche des Einen Braut sein sollte.
Um einen richtigen Begriff vom Schiffsleben zu erhalten, braucht man nur eine Nacht in dem Zwischendeck, wo 208 Menschen schlafen, zuzubringen, wo ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters, säugende Kinder, Greise und hochschwangere Frauen unter einander liegen. Das Heulen der Kleinen, das Nachspotten unverständiger Laffen, das Schimpfen und Zanken roher Bauern, das Lachen und Schreien Solcher, die Nichts auf der Welt zu verlieren haben und einer schönen Zukunft entgegen zu gehen glauben, das nachgeahmte Heulen der Katzen und Bellen der Hunde; alles Dieses unterbricht die Ruhe der Nacht, und früh am Morgen trieb mich ein Knoblauchgeruch und die mephitischen Ausdünstungen, welche das faule Wasser im Kiel des Schiffs verbreitet, vom Lager.
In der Restauration, während des Frühstücks, erhielt ich die Kunde, daß auf dem Schiffe die größte Aufregung herrscht, da der Obersteuermann während der Abwesenheit des Kapitäns, der in Bremen war, keine Provision vom Schiffe aus verabreichen wollte, welches mehre Passagiere beunruhigen mußte, da solche keine Lebensmittel mehr besaßen, aber auch kein Geld zu deren Anschaffung hatten. Die Erbitterung wurde um so größer, als der später ankommende Kapitän erklärte, daß der für die Reise bestimmte Proviant, solange das Schiff noch nicht in See gegangen, nicht angegriffen werden dürfe, sondern der Mundbedarf von dem dazu beauftragten Agenten Herrn U. hier abgegeben werden müsse und wir uns lediglich an diesen zu halten hätten.
Dazu aufgefordert, und um Unordnung zu verhüten, stellte ich mich an die Spitze der Unzufriedenen und begab mich mit noch sechs Andern auf das Komptoir des Agenten, wo wir leider vernehmen mußten, daß wir nicht die Ersten seien, welche dergleichen Beschwerde führten und von den Schiffsmäklern in Bremen um mehre Tage Beköstigung geprellt würden, indem von Jenem kein Befehl an ihn zur Abgabe von Lebensmitteln an uns ergangen sey.
Auf meine Drohung, dieses widerrechtliche Verfahren zur Warnung Anderer öffentlich bekannt zu machen, erwiderte Herr U.[21] frech genug, daß uns dieses freistände und daß wir ja auch bei der Behörde in Bremen gegen Herrn W. auftreten könnten; wohl wissend, daß bei dem segelfertigen Schiff, welches stündlich zum Abgang bereit war, keiner von uns von diesem Vorschlag Gebrauch machen könne.
Meine Begleiter, welche ihren Unmuth über dieses sonderbare Benehmen des Herrn Ulrich nicht langer verbergen konnten, überhäuften ihn mit den gemeinsten Reden, die der saubere Herr gelassen einsteckte, da er vermuthlich an dergleichen Auftritte schon gewöhnt war. Es blieb uns jetzt nichts weiter übrig, als bei der Polizei-Behörde in Bremerhaven Schutz zu suchen, welche auch sofort durch einen Gensdarmen den Befehl absandte, daß die Agentur unverzüglich die nöthigen Lebensmittel auf das Schiff liefern solle, um sich nicht bei wiederholter Klage strengen Ahndungen auszusetzen. Geschah nun auch das Erstere, so erfolgte doch keine Entschädigung wegen der rückständigen Lieferungen und das Kostgeld vom 20. bis 28. Juni kam dem saubern Herrn zu Gute.
Eine neue Verlegenheit trat für uns ein, als der Schiffskoch, ein Neger, für die Deck-Passagiere nicht kochen wollte und vorgab, nur für die Kajüte und Matrosen engagirt zu seyn. Es wurde deshalb von uns die Einrichtung getroffen, daß das Geschäft des Kochens der Reihe nach, immer von acht Personen, besorgt werden sollte, welches aber das Unangenehme für sich hatte, daß bei stürmischer Witterung Niemand auf das schaukelnde Schiff sich getraute, wodurch mancher Fasttag entstand.
Die Zeit, welche der Auswanderer in Bremerhaven zubringen muß, langweilt sehr, da das ewige Einerlei durch Nichts unterbrochen wird, zumal wenn man die Gasthäuser meidet, wo öfters die Matrosen mit Erstern karambuliren; ich hielt mich daher gewöhnlich in einem Schiffswerft auf, wo mir durch Zuneigung der Arbeiter Gelegenheit ward, Manches, was Bezug auf Schiffsbau und Seereise hatte, kennen zu lernen. Um so öfterer wurde aber die Nachtruhe gestört, wie ich solches schon erwähnt und folgender purlesker Auftritt bezeugen wird: Durch Beihilfe des Untersteuermanns hatten sich zwei Juden als blinde Passagiere mit auf das Schiff begeben, ohne daß dieses irgend einem der übrigen Reisenden aufgefallen war. Da dieselben sich aber unpolitisch genug des Nachts zu weiblichen Personen gesellten, so wurde die Eifersucht rege, die Liebhaber der Schönen wurden erwischt und aus dem Versteck geworfen.
Durch den Lärm wurden Alle wach und da es Mehre schon längst auf die Israeliten abgesehen hatten, so wurde sofort bei dunkler Nacht ein förmliches Treibjagen nach den geängstigten Juden gehalten. Gleich gehetzten Rehen, von den Hunden verfolgt, deren Gebell treu nachgeahmt wurde, suchten die Armen Schutz in den Schlafstellen ihrer Genossen, da das Entrinnen unmöglich und der Ausgang besetzt war. Die Jäger, immer auf den Fersen und die Lust, sich unerkannt das Müthchen zu kühlen, spendeten der Jagdhiebe viele, und Mancher erhielt so, was man ihm längst zugedacht hatte. Zum Glück brachte der Obersteuermann Licht und hinter Fässern wurden die Gesuchten entdeckt, ergriffen und noch diese Nacht dem Gericht überliefert.
Die bis zum 4. Juli konträr wehende Luft hatte sich mehr zu unsern Gunsten gewandt, welches den Kapitän bestimmte, das Schiff am 5. durch den Lootsen aus dem Hafen bringen zu lassen, um solches neben drei andern, ebenfalls zur Abfahrt bereit liegenden Schiffen vor Anker zu legen, bis der Wind vollends sich gedreht und so die Fahrt schnell und sicher zwischen England und Frankreich durchgehen könne, da Seitenwind leicht nach dem nahen felsigen Ufer treibt, wo schon manches Fahrzeug auf Untiefen gestrandet ist.
Der heutige Tag wurde von den Amerikanern festlich gefeiert, die Flaggen aufgezogen und herrlich gelebt, da der 4. Juli, weil an solchen 1776 die Unabhängigkeit von englischer Herrschaft verkündet war, hoch in Ehren steht. Auch unsere Matrosen trugen das Ihrige bei und kamen erst spät am Abend benebelt auf dem Schiffe an, wo sie das vom Ufer nach dem Fahrzeug gelegte Bret auf allen Vieren passirt hatten.
Am 5. d. beim Grauen des Morgens mahnte schon des Obersteuermanns Stimme zum Aufbruch und bald rufte der Gesang der Matrosen beim Ordnen des Tauwerks die Passagiere auf das Verdeck, um noch einmal das nahe Ufer zu sehen; die aufgehende Sonne spiegelte sich in mancher Thräne, welche bei der Trennung vom Vaterland den Zurückgebliebenen geweint wurde. Ein dumpfes Lebewohl schallte in die Lüfte, aber die Geliebten, welchen es galt, vernahmen es nicht.
Unwiderstehlich zog es mich nochmals auf die Erdscholle, welche mein Vaterland mit einschließt, um am Ufer unbelauscht den mannigfachen Gefühlen, welche in dieser Scheidestunde meine Brust beengten, durch Thränen Luft zu machen. War es Ahndung einer beschwerlichen Seereise, oder wie soll ich das Grauen nennen, welches sich meiner bemeisterte, als ich das Schiff von Neuem besteigen wollte. Furcht vor Gefahren war es nicht, denn diese kannte ich nicht, da eine innere Stimme mir zurief: Du siehst die Deinen wieder! und doch hing zentnerschwer der Boden unter meinen Füßen, als wolle er mich zurückhalten auf Deutschlands Erde. Nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib und Kinder, und ihr Bild stand vor meinem Herzen. Heilige Vorsätze glühten in meiner Seele und meine Lippen stammelten Segen für die Zurückgebliebenen. Unaufhaltsam flossen die Thränen, da der Schmerz mich übermannte. Fieberkrank nahm ich das Schiffslager ein, um es sobald nicht wieder zu verlassen.
Ich selbst durfte von dem gesalzenen Fleisch nur wenig essen, noch weniger von dem Wasser trinken, welches zur Seereise bestimmt war, da dieses bei mir Erbrechen verursachte. Der Kaffee mußte daher das Beste thun.
So sind denn dieses die letzten Zeilen, welche ich an Euch, meine Lieben, von hieraus schreibe, und auf Gott vertrauend, treten wir die große Seereise an. So lebt denn Alle wohl! und bin ich auch fern, so ist doch mein Geist stets um und neben Euch.
Achter Brief.
New-York im August 1839.
Die Seereise.
Ich rief zum Herrn in meiner Noth:
Ach Gott, vernimm mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod,
Und ließ mir Trost gedeihen.
D’rum dank’ o Gott, d’rum dank’ ich dir!
Ach danket, danket Gott mit mir,
Gebt unserm Gott die Ehre!
Wie könnte ich wohl meinen Bericht aus weiter Ferne besser beginnen, als zuerst dem zu danken, der mich gnädig vom nahen Tode errettete und, gleichsam neu geboren, in eine andere Welt versetzt hat. Was muß der Mensch nicht erdulden, was kann er nicht abhalten, wenn er mit gutem Gewissen auf seinen Berufswegen wandelt und seinem Gott vertraut. Vieles habe ich auf diesem Wege erfahren müssen, denn das Schiffsleben ist ein ganz anderes, als das auf dem Lande. Man muß sich hier an so Manches gewöhnen und so Vieles entbehren, was man in seinem häuslichen Geschäftsleben für unmöglich halten würde. Um wie viel beschwerlicher ist aber eine solche Seereise für Eltern, die beängstigt um die Ihrigen, auf sich selbst weniger Rücksicht nehmen können, und so Tag und Nacht der Ruhe entbehren; möchte daher jede auswanderungslustige Familie, welche diese Briefe liest, den Inhalt beachten und entweder ihr Vorhaben ganz aufgeben, oder solches doch möglichst erträglich zu machen suchen, da Viele erst auf dem Schiffe, und zwar zu spät für diese Reise, erfahren, was dazu zweckdienlich gewesen wäre[22].
Bei unserer Abfahrt wurde von dem Allen nichts beachtet, was, wie man mir sagte, auf andern Schiffen gebräuchlich seyn soll. Keine Behörde revidirte das Schiff, ob es auch mit den hinreichenden Lebensmitteln versehen sey, und in welchem Zustande sich dieselben befänden; ob die zur Aufbewahrung des Trinkwassers bestimmten Fässer gehörig gereinigt und in wie weit man der Verpflichtung hinsichtlich versprochener Arznei und sonstigen Leckereien, als: Wein, Rosinen, Pflaumen etc. nachgekommen sey[23]. Den 6. Juli blies der Wind ganz zu unsern Gunsten, und die vor dem Hafen liegenden Schiffe boten ein herrliches, von uns noch nie gesehenes Schauspiel dar. Die Anker wurden unter dem Gesang der Matrosen gelichtet und auf das Kommandowort des Kapitäns entfalteten sich eben so schnell die Segel, welche durch einen frischen Südostwind geschwellt, das Fahrzeug majestätisch auf dem Wasserspiegel forttrieben.
Ohngefähr sechs Stunden lang durchschnitt das Schiff die Wellen, ohne daß auch nur die mindeste Bewegung fühlbar war, und die Passagiere, erfreut über den günstigen Anfang der Reise, hielten sich meist auf dem Verdeck auf, doch mehr und mehr drehte sich der Wind, unruhiger bewegte sich das Schiff, und eine über das Verdeck schlagende Welle nöthigte zum Rückzug ins Zwischendeck. Bald stellten sich nun auch die Vorboten der Seekrankheit ein, Schwindel und Uebelkeit nahmen zu und nur Wenige blieben vom Erbrechen verschont.
Nichts geht über die Leiden, die mit dieser schauderhaften Ekel erregenden Krankheit verbunden sind, wovon der Mensch befallen wird. Das stärkste Vomitiv greift nicht so an, als die Seekrankheit, da sie anhaltend den ganzen Körper erschüttert und den Kopf zu zersprengen droht. Ausgestreckt auf dem Lager lag ich krank darnieder, jeder Versuch, mich sitzend zu erhalten und so den Kopf aus seiner horizontalen Lage mit dem Körper zu erheben, wurde mit dem heftigsten Erbrechen gebüßt. Ist schon diese Plage auf kurze Zeit höchst peinlich, um wie viel mehr mußte ich leiden, da das Erbrechen vier Wochen mehr oder weniger anhielt und nichts dem Uebel zu steuern vermochte. Kopfweh zum Rasendwerden, und die heftigsten krampfhaften Magenschmerzen lassen Einen nie zur Ruhe kommen, da der Schlaf den ermatteten Körper flieht und Füße und Unterleib abzusterben scheinen; dabei der Kopf heiße Thränen schwitzt, während man den schmerzlichsten Anstrengungen zu unterliegen glaubt[24].
In einer solchen Lebensperiode lernt der Mensch erst einsehen und fühlen, was es heißt, getrennt von den Seinigen, ohne Wartung und Pflege, die Leiden des Körpers geduldig ertragen zu müssen. Mehr als Muth und Charakterstärke gehört dazu, um, an Leib und Seele erschlafft, bei dem Kampf der Elemente im Glauben nicht zu wanken. Festes Vertrauen muß man auf Den haben, der die Schicksale der Menschen lenkt. Hier habe ich das Sprichwort bewährt gefunden, daß der, welcher beten lernen will, nur zur See gehen muß.
Während der ersten vier Wochen konnte von der Schiffskost nichts von mir genossen werden, da der Magen sich an die schaukelnde Bewegung nicht gewöhnen wollte, wie solches bei den meisten Passagieren schon in den ersten Tagen der Fall war. Die bitter aufsteigende Galle verscheuchte allen Appetit, und nur mit Noth behielt der Magen bei ruhiger See einige Löffel Suppe. Unter solchen Umständen schwanden meine Kräfte zusehends, und Mancher sah in mir, bis zum Skelett abgezehrt, schon die Leiche. Doch das Maas der Leiden war noch nicht voll; selbst das Wenige, was der Magen in sich behielt, verstopfte sich beim Mangel an Motion, und erst nach achtzehntägiger Qual ersetzte der Steuermann den fehlenden Arzt, doch galt bei ihm das alte Sprichwort: „Friß Vogel oder stirb!“ und half er auch von einem Leid, so wurden neue Schmerzen bei mir wieder hervorgebracht.
Das Lager selbst, beim Mangel weicher Betten, treibt die Gesunden auf, nur mich hielt es zurück und machte die Nächte zu Ewigkeiten, so daß die Fahrt mir doppelt lang wurde und der aufgelegene Körper die Schmerzen mehrte. — Ein Glück, daß während der See-Reise das Schiff an keiner Insel hielt, da sonst Mancher, in dem Glauben, die Plage sey nicht mehr zu ertragen, verlangen würde, hier ausgesetzt zu werden; so aber wider Willen mit fortgerissen wird. Was hätte ich selbst für einen Tag Ruhe auf festem Boden gegeben und um einen Trunk frisches Wasser, die Lippen zu netzen? So aber blieben wir auf Thee und Kaffee, gekocht in stinkendem Wasser, ohne Milch, Zucker und Rum, verwiesen. Auch nicht für Geld und gute Worte erhielt ich und eine kranke Frau vom Tisch des Kapitäns ein Paar Flaschen Wein[25]. Doch hier wo’s Noth that und des Seemanns Herz nicht zu erweichen war, half ein Bauersmann und theilte den Labetrank, der für seine Kinder bestimmt war, mit uns.
Die Unmöglichkeit, das Lager zu verlassen, zwang mich, auf solches fest gebannt, liegend im Tagebuche zu notiren, was im innern Raume des Schiffs vorging und von dem was außerhalb geschah, erhielt ich durch meinen Neffen Rapport. Zum Trost für mich wurde Letzterer nur von einem Schwindel befallen, ohne vom Erbrechen selbst nur das Geringste zu verspüren, und konnte demnach zu meiner Wartung und Pflege viel beitragen.
Neunter Brief.
New-York im August 1839.
Fortsetzung.
Kaum hatte der Lootse das Schiff verlassen, als sich der Wind von Neuem drehte, so, daß der Kapitän sich gezwungen sah, die Fahrt durch den Kanal aufzugeben, und, um den Seitenwind mehr benutzen zu können, um England herum zu segeln beschloß, bei welcher Gelegenheit die Passagiere die Küsten Schottlands gleich Nebelstreifen vor sich ausgebreitet sahen.
Am 10. steuerte ein aus Amerika kommendes Schiff auf uns zu. Sogleich wurden die Flaggen gehißt und einige Segel beigelegt, wodurch die Schiffe, im Lauf gehemmt, sich einander nähern und die Kapitäns, vermöge der Sprachröhre, über Lage und Breite, unter welchen man sich befindet, von wannen und wohin man kommt und fährt u. s. w., die gewünschte Auskunft ertheilen.
Den 12. wurden wir aufgefordert, die im Zwischendeck aufbewahrten und in Fäulniß gerathenen Kartoffeln über Bord zu werfen, da solche des faulen Geruches halber der Gesundheit schädlich zu werden droheten. Zu diesem Geschäft fühlten sich aber Viele nicht verpflichtet, da sie ihrer Meinung nach bei stattgefundenen erhöhten Fahrpreisen um so weniger zu Arbeiten gezwungen werden könnten. Die Vorstellungen der Vernünftigen halfen nichts, keine Hand wurde gerührt, und schon streckte der pestilenzialisehe Geruch Mehre aufs Krankenlager, da befahl der Kapitän das Kochen so lange einzustellen, bis geschehen sey, was Vernunft und Gesundheit unumgänglich nöthig machten; welches Zwangsmittel so probat war, daß es jedes Mal in Anwendung gebracht wurde, wenn widerspenstige, die Ordnung nicht liebende Passagiere die Plätze vor den Schlafstellen nicht reinigen wollten. Die über Bord geworfenen Kartoffeln wurden sogleich von Fischen, welche in Menge das Schiff verfolgten, verschlungen.
Den 15. brachte ein begangener Diebstahl mehre Passagiere in Streit, welcher bald in blutige Händel überging, und bei welchem sich herausstellte, was für saubere Subjekte mit am Bord waren, da durch gegenseitige Beschuldigungen die Diebe bemerkt wurden, welche ungestraft glücklich der Justiz entwischt oder von ihren Gemeinden auf Kosten der Letztern nach Amerika befördert wurden. Auch an Freudenmädchen fehlte es nicht, welche nur zum Schein die Spröden spielten, gegen die Huldigungen der Matrosen aber nicht unempfindlich waren und deshalb von denselben in Schutz genommen wurden.
Kaum hatte sich der Lärm gelegt, als von Neuem Blut vergossen wurde. Der Zimmermann S. erhielt das seiner Frau im Schaffen gereichte Mehl mit dem Bemerken durch die Oeffnung im Deck zurück, es sey solches zu viel; das nun auf die Hälfte reduzirte Quantum ward ebenfalls mit der Weisung wieder herabgereicht, jetzt sey es zu wenig, worauf der Mann voll Zorn den Schaffen durch die Oeffnung warf. Das Geschirr fehlte die Frau, sprang aber am Tauwerk ab und verwundete einen Baier am Kopfe so tief, daß er umsank. Seine Landsleute sprangen zu, und Rache war die Loosung. Schon drangen sie in’s Deck, um den Thäter zu ergreifen, doch dieser flehte weinend um Erbarmen, schützte Zufall und seine ihn ärgerlich gestimmte Krankheit vor, und erhält so, vereint mit den Bitten seiner Kinder, die erbetene Gnade.
Der 16. war ein rauher nebeliger Tag und der Steuermann kündigte auf die Nacht Sturmwind an; da wir aber schon während der Fahrt einige starke Winde erlebt hatten, so legte sich Alles ohne Sorge zur Ruhe, nicht ahnend, was da kommen sollte. Es mochte wohl Nachts gegen 11 Uhr seyn, als der Wind heftig zu toben anfing und die Wellen, sich an dem Fahrzeug brechend, den hohlen Bau zu zertrümmern drohten und ihn ganz auf die Seite legten. Das Geschrei der Matrosen während des Einziehens der Segel und das Alles übertönende Kommandowort des Kapitäns ließ die Erfüllung der Voraussage auf Sturm vermuthen. Eben beschäftigt, mit meines Neffen Hülfe das Lager nach der hängenden Seite des Schiffs zu ändern, als sich solches zurückbiegt, in dem Augenblicke aber mit einer solchen Schnelligkeit umprallte, daß wir aus den Cojen geworfen wurden. Das Lager wieder zu erreichen, war bei der Dunkelheit im Zwischendeck, da alle Luken fest verschlossen und kein Stern eindringen konnte, nicht möglich. Auf allen Vieren kriechend, mühte ich mich vergebens ab, und aus der Richtung gebracht, wurde ich immer mehr von der Schlafstelle entfernt. Ganz betäubt, da sich das Erbrechen sofort einstellte, und unvermögend, an den beweglichen Kisten mich festzuklammern, wurde ich so auf dem Fußboden hin und her geschleudert, bis mir endlich nach vielen erhaltenen Stößen ein festgenageltes Bret einen Ruhepunkt zu gewähren schien; doch beim zweiten Griff, um mich im sichern Raum aufzuschwingen, erwischte die Hand einen weichen Fuß, der dem Schreie nach, welchen die Schöne ausstieß, einer Unschuld angehören mußte, worauf die Schläge einer Männerfaust am Weitergreifen mich verhinderten und ich so von Neuem gleich den übrigen Effekten herumgeworfen wurde, bis der Jammerton meinen Neffen herbeiführte und wir vereint, auf allen Vieren kriechend, (da Aufrechtgehen unmöglich war) mit vieler Mühe die Lagerstätte erreichten. Immer heftiger ward der Sturm, wodurch Kisten und Laden durch das Zerreiben der Stricke sich lösten und, gegen einander geworfen, den Inhalt leerten, und somit Eß-, Trink- und Nachtgeschirr durch einander flogen. Schlag auf Schlag stürzten die tobenden Wellen über das Verdeck und drohten solches zu durchbrechen, und Mancher glaubte schon, sein Grab in den Meereswellen zu finden. Doch ärger und ängstlicher, als Sturm und Wellenschlag, erfüllte das Angstgeschrei der Kinder und Weiber die dunkeln Räume, wobei die Letztern den Männern gewöhnlich alle Schuld des zu ertragenden Unglücks zuzuschreiben Ursache zu haben vermeinten.
Bei alle dem Unglück und auszustehender Angst, wo die Mehrsten beteten, Kinder weinten, schrieen Andere wieder vor Lachen auf, wenn ein geängstigter Jude bei jedem Wellenschlag mit einem Auwei-Ruf in Abrahams Schoos zu wandern glaubte, und das Wasser, welches seiner Meinung nach zur Rettung keine Balken habe, verwünschte.
Hat schon das Uebereinanderbetten manches Unangenehme im Gefolge, um wie viel mehr wird solches aber bei Sturmeszeit verspürt, wo die obern Seekranken die unter ihnen Liegenden reichlich beschmutzen, wie ich jetzt zu erfahren volle Gelegenheit hatte, da ein Baier mir ein reichliches Maas der genossenen Erbsen über meinem Haupte entlud.
Der täglich für die Passagiere bestimmte Branntwein wurde nicht alle Morgen, wie es Vorsicht und Gesundheit erforderten, ausgegeben, sondern aus Bequemlichkeit des Proviantmeisters sogleich auf acht Tage gefaßt. Da solcher aber seiner schlechten Qualität halber nicht von jedem Passagiere genommen wurde, so benutzten dieses die Säufer und faßten die für Jene bestimmten Portionen auf deren Namen mit. Doch an Mäßigkeit nicht gewöhnt, war die unausbleibliche Folge, daß im Rausch Mancher vergaß, Mensch zu seyn und seinem Nächsten lästig wurde. Doch von üblern Folgen hätte der 18. d. uns werden können, wenn der angehende Sturm sich nicht bald wieder gelegt, da an diesem Tage der gereichte äußerst schlechte Branntwein sofort an die Matrosen verschenkt oder gegen Waizen-Schiffs-Zwieback[26] vertauscht worden war. Berauscht durch übermäßigen Genuß, lagen dieselben im tiefen Schlafe, als am Abend der sich erhebende Wind das Einziehen der Segel nöthig machte; Alle aber waren unvermögend, sich weder aufrecht zu erhalten oder in den Segeln zu arbeiten, noch das Kommando des Kapitäns zu vernehmen. Jetzt half der Steuermann nach und trieb dieselben mit einem Schiffstau, mit welchem er die Armen unbarmherzig über Kopf und Hände schlug, aus ihrem Rausch. Von dieser Zeit an wurde an jedem Morgen der Branntwein in einzelnen Portionen vertheilt und mußte auf der Stelle getrunken werden. Keinem war es gestattet, denselben im Glas, um ihn, wie es eigentlich der Zweck war, nach dem Genuß fetter Speisen zu trinken, mitzunehmen.
Bei dem Kochen des Kaffees, der für alle Passagiere im großen Kessel gebraut wurde, trat sehr oft der Fall ein, daß entweder zu viel oder zu wenig von diesem Labetranke bereitet worden war, indem die dazu beauftragten Personen nach ihrer eigenen Willkühr die Quantität Wasser dazu bestimmten; als aber noch durch den immer mehr und mehr abnehmenden Kaffeegeschmack die Erfahrung gemacht wurde, daß die sich mit dem Mahlen der Kaffeebohnen beschäftigten Personen das Metzen nicht vergaßen, so wurde fortan der gebrannte Kaffee in gleichen Portionen an jede Schlafstelle vertheilt, und Jedem selbst überlassen, wie viel er von dem kochenden Wasser verwenden wolle. Mit dem Thee verblieb es jedoch beim Alten, da derselbe reichlicher gespendet und von den Passagieren weniger begehrt wurde, weil derselbe bei mangelndem Zucker, Milch und Rum, in fauligem Wasser gekocht, bald Jedem widerstand.
Am Abend des 21. starb ein 19jähriges Frauenzimmer, welches schon kränklich das Schiff in Bremerhaven bestiegen und vom letzten Sturme vollends erschöpft und aller Hülfe entbehrend den Beschwernissen der Reise unterliegen mußte. Das Begräbniß erfolgte sogleich am folgenden Morgen, nachdem die Leiche in den Strohsack eingenäht worden, um die Schlafstelle, wo noch drei andere Passagiere mit placirt waren, zu reinigen. Kein Drängen der Reisenden zum Begräbniß, wie ich vermuthet hatte, fand statt, obgleich ein solcher Fall während der Fahrt noch nicht vorgekommen war. Alles scheute den Tod und blieb zurück. Nur der Bräutigam der Seeligen half den Matrosen beim Transport der Leiche aus dem Zwischendeck.
Da ich selbst nicht vermögend war das Lager zu verlassen, bat ich meinen Neffen, der Armen die letzte Ehre zu erzeigen und mir die dabei üblichen Formen und Gebräuche zu berichten, indem ich mir das Zeremoniel beim Einsenken in die See noch rührender als auf dem Lande dachte. Doch weder Steuermann noch sonst ein Anderer vertrat die Stelle des Geistlichen, kein Kapitän ließ sich sehen, alles blieb ruhig und so wurde die Leiche auf ein Bret gebunden, mit zwei Kugeln beschwert und ohne Sang und Klang in das Wasser hinabgelassen, wo sie alsbald ein Raub der Fische ward, welche, die Leiche witternd, das Schiff in Unzahl umschwärmten.
Am 25. wurden drei Schiffe bemerkt, welche gleich unserm Fahrzeug die Richtung nach Amerika nahmen, sich aber ziemlich entfernt hielten und, bald sichtbar bald nicht, den Passagieren einige Tage die Zeit verkürzten.
Als am 27. von einer Elsasser Familie das im Holzkübel gefaßte Mittagsbrot auf der neben der Treppenleiter stehenden Kiste verzehrt werden sollte, sah sich der besorgte Vater einer Judenfamilie genöthigt, das Schiff von einem mephitischen Geruche zu befreien, ward aber noch auf der Treppe von einer überschlagenden Welle getauft, wodurch er das Gleichgewicht verlor und mit seinem Nachtgeschirr zwischen die Elsasser fiel. Voller Wuth stürzten die Letztern den vollen Kübel mit den so verdorbenen Erbsen über den Kopf des vor Schreck halbtodten Juden, welchen auf seinen Hülferuf die Glaubensgenossen wieder zu befreien suchten; aber der schlüpfrige Boden, verbunden mit dem Schaukeln des Schiffes, machten das Feststehen unmöglich, und so fiel Einer über den Andern, welches sattsamen Stoff zum Lachen gab.
Am 31. verfolgten zwei junge Wallfische das Schiff, welche durch das fontänenartige Aussprudeln des Wassers den Passagieren zur Belustigung dienten. Besonders aber bringen bei warmer Witterung und ruhiger See die Meerschweine (Delphine) eine Abwechselung in das alltägliche Leben, da solche oft in stundenlangen Linien, einer hinter dem andern, zwei bis drei Schuhe hohe Sprünge über die Wasserfläche machen.
Ich selbst, der bis jetzt das Lager noch nicht verlassen, heute mich aber besonders wohl fühlte, wünschte dieses Schauspiel zu sehen und das Entzücken zu genießen, welches der Anblick des unendlichen Meeres zum ersten Mal auf den Menschen ausübt. Ich suchte daher mit Hülfe meines Neffen, da ich nicht vermögend war allein zu gehen, das Verdeck zu ersteigen und, am Mittelmast gelehnt, genoß ich in vollen Zügen die reine heitere Luft. Doch ein Blick auf das Meer ließ mir solches erscheinen, als wenn es tief in den Abgrund versinke und eben so schnell wieder zu den Wolken sich erhebe. Schwindel ergriff mich, Alles drehte sich mit mir im Kreise, es stellte sich das Erbrechen ein und zwar mit einer solchen Heftigkeit, daß ich mehr todt als lebendig zurück in das Verdeck getragen werden mußte.
Vier Wochen war ich also auf dem großen Weltmeere herumgeschwommen, ohne von der unermeßlichen Wassermasse, die uns umgab, Etwas gesehen zu haben, und würde vergessen haben, wo ich mich befand, wenn das geräuschvolle Anschlagen der Wellen nicht daran erinnert hätte.
Zehnter Brief.
New-York im August 1839.
Fortsetzung.
Bis Anfang August war die Fahrt bei allen ausgestandenen Gefahren und Beschwerden immer noch für die gesunden Passagiere erträglich gewesen, da bei den Meisten der in Vorsorge mitgenommene Extra-Proviant oder sonstige Leckereien ausgeholfen hatten. Dieses war aber jetzt verzehrt und nur auf die Schiffskost und das nicht mehr zu genießende stinkende Wasser blieb man beschränkt, welches Letztere ohne Zusatz von Essig nicht mehr getrunken werden konnte, wenn man auch während des Einfüllens die Nase verstopfte. Der Kaffee und Thee, in diesem Wasser gekocht und beim Mangel von Zucker, Rum und Milch, waren mehr als Brechmittel wie Labsal zu betrachten, und halfen nur als Uebergüsse den ans Roggenkleie steinhart gebackenen Schiffszwieback zu erweichen und so genießbar zu machen. Besser bekam und füllte die mehr und mehr ausgehungerten Magen früh und Abends der vorher eingeweichte, stark mit Pfeffer und Salz bestreute Zwieback, welcher, mit kochendem Wasser überbrüht, eine an Geschmack, doch mehr dem Aussehen nach, Wurstsuppen ähnliche Speise lieferte, welche in der Dunkelheit genossen, trefflich schmeckte, da hier weniger zu unterscheiden ist, was für Extra-Zusätze sich in der Speise befinden, welche zuweilen die Hals-Passage zu verstopfen drohen.[27] Fast aber mehr als alles Dieses machte das Ungeziefer den Passagieren das Ende der Reise wünschenswerth; da außer Wanzen, Flöhen, Ameisen, großen und kleinen Schwaben[28], die Läuse auf eine so furchtbare Art überhand nahmen, daß Männer und Frauen halb nackend sich möglichst zu reinigen suchten. Das Alles gab vorzüglich des Nachts Veranlassung zu lauten Klagen, und manche Frau verwünschte den Mann, der sie und die Familie durch süße Schilderungen der schönen Reise und lockender Zukunft zur Auswanderung vermocht. Doch jetzt war es zu spät; nur Geduld allein macht den reuigen Schritt weniger fühlbar.
Nicht zu beschreiben ist, wie lange Einem unter solchen Umständen die Tage und mehr noch die schlaflosen Nächte werden, überhaupt wenn man nicht vermögend ist, eine Viertelstunde lang lesen oder schreiben zu können, um sich mit Lektüre die Zeit zu verkürzen.
Der Glaser R. war eben so stark, wie ich, von der Seekrankheit heimgesucht, und mußte während der Dauer der Reise das Lager hüten. Jede heftige Bewegung des Schiffs erneuerte das Brechen bei ihm und erst auf dem festen Lande erhielt derselbe die geschwundenen Kräfte wieder.
Der Zimmermann S. glich mehr einem Skelett, als einem lebenden Menschen, da ihm Blutstürze verboten, von der gelieferten gesalznen Schiffskost Etwas zu genießen und er nur das Leben mit wenig Suppe fristete, die ihm der Schiffskoch aus Erbarmen reichte. Frau und Kinder hatten unter solchen Umständen viel zu ertragen, da Ersterer selbst der Abwartung bedurfte und nichts zur Bequemlichkeit der Familie beitragen konnte. Manches harte Wort mußte der Kranke von der Frau vernehmen, welche mehr gezwungen, als freiwillig die Heimath verlassen hatte.
Die Schuhmacherfamilie F. war abwechselnd gesund und krank, nur der alte Großvater hielt sich tapfer, wurde wenig seekrank, hatte immer Appetit und diente so Jedem zum Muster.
Der Seiler S. war ebenfalls mit seiner Frau gezwungen, die Hälfte der Reise das Lager zu hüten; später befanden sie sich aber wohl.
Der Metzger R., Anfangs gesund, war aber unmäßig im Essen und Trinken und mußte deshalb als gerechte Strafe die letzte Zeit hart dafür büßen; er konnte vierzehn Tage lang Nichts genießen und betrat äußerst schwach den amerikanischen Boden. Mein Neffe war der Einzige, welcher nie erkrankte, immer auf den Beinen und mit einem Appetit begabt war, daß ihn jede Speise labte.
Die Windstille am 3. August machte abermals den Wunsch in mir rege, ein auf uns zusegelndes Schiff ankommen zu sehen, um das Gespräch der Kapitäns zu belauschen. Ich ließ mich, da ich allein noch nicht gehen konnte, wieder auf das Verdeck tragen und am Mittelmast absetzen, wo ich hauptsächlich vermied, den Blick auf das Wasser zu richten, um nicht neuen Schwindel zu erwecken. Wohlthätig wirkte die reine belebende Luft, welche ich so lange entbehrt, auf mich ein und die Ruhe, deren wir bei der Windstille auf dem festgebannt scheinenden Schiff genossen, trug dazu bei, Kopfweh, Taumel und Uebelkeit zu verscheuchen, und schon glaubte mein immer reger Geist, daß die Füße den magern Körper zu ertragen vermöchten. Jetzt war das Schiff nahe, doch war mein Neffe, mich zu unterstützen nicht da, weshalb ich allein die Blanke zu erreichen suchte. Aber in dem Moment ward das Schiff, um es dem Andern zu nähern, am Steuer gedreht, wodurch dasselbe hinüber und herüber schwankte, ich zum Fallen kam und gleich einer Tonne dem Schiff entlang rollte. Alles wollte vor Lachen bersten, über den Alten, wie man mich zu nennen pflegte, der gleich einem Betrunkenen nicht stehen konnte.
Das Schiff kam von Petersburg, hatte Korn geladen und segelte nach Boston.
Mattigkeit abgerechnet, war ich während der ganzen Reise nie so wohl gewesen, deshalb beschloß ich, vom Verdeck aus die Sonne untergehen zu sehen. Welch ein herrlicher Anblick! Wie ein Feuermeer lagen die Wolken rings um uns und versilberten den Wasserspiegel, aus welchem unzählige große und kleine Fische auftauchten. Von einem solchen Standpunkte aus fühlt man sich erst recht gedrungen, Gottes Allmacht zu bewundern. Auf dem Meere erst, wo der Mensch nicht, wie häufig auf dem Lande, vor Gefahr sich sicher glaubt, und im Selbstvertrauen sich dort mehr als hier von seinem Schöpfer unabhängig wähnt, fühlt man so recht seine Ohnmacht. Wo die Sonne gleichsam als Auge Gottes tief in das Innere des Menschen einzudringen sucht, da lernt man erst recht einsehen und begreifen, was der Mensch und dessen Bestimmung ist und daß man überall abhängig von dem ist, welcher Alles regiert und einst Rechenschaft fordert von unserm Thun und Lassen. Um wie glücklicher und beruhigter ist man auf dem großen Ozean, wenn man mit gutem Gewissen sagen kann: „Herr dein Wille geschehe! Mein Ende sey nahe oder fern!“ Wie ganz anders muß dem Bösewicht zu Muthe seyn, welcher in jedem Ungemach die gerechte Strafe zu erkennen glaubt.
Der milde Abend hielt mich noch immer auf dem Verdeck zurück, als die Nacht ihre dunkeln Fittige schon über das Meer ausgebreitet und von Millionen der glänzendsten Sterne am gewölbten Himmel erleuchtet wurde. Alles tummelte sich nach den Tönen einer Harmonika auf dem Verdeck, bis der Steuermann, des Lärmens müde, Feierabend gebot.
Fest schlief ich die Nacht, da die nicht gewohnte Seeluft ermüdet, und im Traume sah ich mich schon von Neuem auf dem Verdeck lustwandeln, als mein Neffe zur Empfangnahme des Kaffees weckte und dabei die Kunde gab, daß schwarze, sich zusammenziehende Gewitterwolken, sowie der dumpfe Donner das Herannahen eines Gewitters verkündeten.
Der Kapitän, vorsichtig wie immer, ließ die Segel einziehen; doch war die Mannschaft damit noch beschäftigt, als sich das Unwetter schneller als man vermuthete, nahete und der Wind das Schiff nach allen Richtungen peitschte. Die Luken wurden sogleich verschlossen und, in nächtliches Dunkel versetzt, suchte Jeder sich an seinem Lager festzuklammern.
Nichts ist schrecklicher zur See, als ein schweres Gewitter, indem man bei herannahendem Sturm sofort am hellen Tage durch Verschließung aller Schiffsluken in dichte Finsterniß versetzt wird, und das Rollen des Donners, sowie das Anschlagen der ungestümen Meereswellen daran erinnert, wie nahe man dem Feuer- und Wassertode ist. Das Schiff wurde im Wirbel herumgetrieben, bald hoch in die Luft, bald tief in den Abgrund geschleudert. Alle Effekten im Zwischendeck wurden losgerissen und herumgeschleudert; selbst die Passagiere hatten große Mühe sich fest zu halten. Bei Vielen stellte sich die Schiffskrankheit sogleich wieder ein, und abermals mußten wir das Unangenehme, in den untern Schlafstellen zu liegen, schrecklich empfinden, da wir, wie unter einer Dachtraufe liegend, von oben her tüchtig begabt wurden. Mich selbst brachte das Erbrechen wieder so von Kräften, daß ich fest glaubte, das Ende meines Lebens sey nahe, da ich keiner Besinnung mehr mächtig, nicht wußte, was um und neben mir vorging. Erst als die Schiffsluken wieder geöffnet und frische Luft eindringen konnte, erholte ich mich nach und nach wieder. Mein Neffe, besorgt, mich auf dieser Wasserreise noch zu verlieren, wollte vom Schiffskoch etwas Suppe für mich erbitten, hatte aber, gleich jenem Juden, das Unglück, durch eine überschlagende Welle von der Treppenleiter gespült zu werden und sich beim Herabstürzen den Kopf zu beschädigen.
Durch diesen Vorfall ängstlich geworden, getraute sich keiner der Passagiere, an welchen heute das Kochgeschäft war, auf das schaukelnde Verdeck, weshalb solches unterblieb und die hungrigen Magen auf den folgenden Tag verwiesen wurden.
Hatte ich mehrmals schon während der Reise bereut, dieselbe nicht als Kajütenpassagier unternommen zu haben, so war es besonders der heutige Tag, an dem ich alles Unangenehme, welchem ein Zwischendeck-Reisender ausgesetzt ist, doppelt zu fühlen glaubte, da hier jeder Genuß, jede Stärkung des Kranken fehlt, und den erschlafften Magen statt mit Brühe von frischgeschlachtetem Federvieh zu stärken, solchem nur gesalzenes Fleisch und stinkendes Wasser zugeführt werden kann.
Eilfter Brief.
New-York im August 1839.
Fortsetzung.
Bis den 18. August ging die Reise ziemlich gut und nichts Bemerkenswerthes kam vor, außer daß am letztgenannten Tage der Wind das Schiff in eine unordentliche, für uns äußerst widerwärtige Bewegung versetzte, indem es sich nicht regelmäßig nach vorn und hinten hob und senkte, sondern mit dem Hintertheile tiefer als mit der Spitze einsank und doppelt so viel Zeit brauchte, um sich wieder zu erheben. Hatte es sich endlich ins Gleichgewicht empor gearbeitet, so neigte es sich am Vordertheil um einige Fuß und fiel dann wieder zurück, welche anhaltende Bewegung gleich Sturm zum Erbrechen reizte und viele Passagiere seekrank machte.
Obschon das Tabacksrauchen aus verschlossenen Pfeifen im Zwischendeck vielen Passagieren unangenehm war, um wie vielmehr hätte aber, Feuersgefahr halber, das Cigarrenrauchen im Innern des Schiffes verboten seyn sollen? Dieses war aber bei uns nicht der Fall, da sowohl am Tage wie auch des Nachts Cigarren in den Schlafstellen geraucht wurden. Alle Vorstellungen, daß beim vorhandenen Pulver leicht mögliche Gefahr zu befürchten sey, halfen Nichts; man berief sich auf Ober- und Untersteuermann, welche ebenfalls mit brennender Cigarre, zu Verabreichung der Lebensmittel in den untern Schiffsraum stiegen, und so riskirte man lieber das Leben, als einer Leidenschaft zu entsagen.
Am 9. August war es aber leicht möglich, daß wir für diesen Leichtsinn bestraft werden sollten. Ein Passagier legte auf dem Wege zum Appartement die brennende Cigarre auf die Kajüten-Küche neben ein Segeltuch und vergaß solche wieder an sich zu nehmen. Vom Wind angefacht, fing Letzteres Feuer, und schon schlug die Flamme nach den ausgespannten Segeln, als ein entschlossener Matrose den Feuerklumpen ergriff und über Bord warf. Von jetzt an wurde erst alles Rauchen im Zwischendeck streng untersagt, welches bis hieher zwar nicht erlaubt, dennoch aber auch nicht verboten war.
Am 10. erhielten wir die ersten Vorboten des nicht mehr fern seyenden Landes, indem uns ein gelblich grünes Meergewächs entgegen schwamm, welches unsern Wachholderstauden ähnlich und mit kleinen grünen Beeren besetzt war, und zum Aufenthalt einer Masse kleiner Thierchen diente, welche im Dunkeln gleich hellen Funken leuchteten.
Gleich wie das Schiff während der Reise immer mit Möven und andern Seevögeln umgeben war, welche ab und zuflogen, eben so stellten sich auch am 12. die ersten Schwalben ein, welche uns gleichsam zu bewillkommnen schienen, das Schiff umschwirrten und sich traulich auf Taue und Masten niederließen.
Der Kapitän aber suchte fortwährend die Nähe des Landes zu verheimlichen, um uns entweder damit zu überraschen, oder die Möglichkeit erwägend, daß wir zwar nahe am Ziel, dennoch von Neuem verschlagen werden könnten, und hielt so, die Entfernung immer noch auf mehre Tage angebend, die Erwartung gespannt.
Das uns gereichte Trinkwasser war nicht mehr zu genießen, und da am 11. das Mittagsbrod ebenfalls dem Schweinefutter glich, indem die Mehlgraupen vom stinkenden Wasser blau und gleich Leinweberschlichte nicht munden wollten, so war der Unwille allgemein; die Holzkübel mit dem Essen wurden aufs Verdeck getragen und der Kapitän gefragt: „ob das die versprochene genießbare Beköstigung sey?“ Auch wurde jetzt ernstlicher besseres Trinkwasser verlangt, gleich dem, welches die Matrosen und Kajüten-Passagiere erhielten, da durch heimliches Hinabsteigen in den untern Schiffsraum einige Passagiere in Erfahrung gebracht, daß von solchem noch mehre Fässer vorhanden waren. Das Letztere wurde gewährt, nachdem sich der Kapitän selbst von der Ungenießbarkeit des faulen Wassers überzeugt hatte, und Alle fielen mit solcher Begierde über das Wasser (welches immer schon sechs Wochen alt war) her, als wenn es das beste Lagerbier gewesen wäre.
Bei Austheilung des bessern Wassers fand die größte Ungleichheit statt, so daß sich die Zudringlichsten doppelte Rationen zu verschaffen wußten; andere hingegen, welche Krankheit ans Lager fesselte, um so weniger erhielten. Es erging daher von mehren Seiten an mich, der das Laufen so ziemlich wieder gelernt hatte, die Bitte, mich der Sache anzunehmen und mehr Ordnung und Gleichmäßigkeit herzustellen. Von dieser Zeit an wurde von mir jeder Schlafstelle das ihr gehörige Quantum Wasser richtig zugemessen.
Den 15. früh, beim kaum dämmernden Morgen, erscholl der längst ersehnte Ruf: „Land! Land!“ mit welchem einige Passagiere, die diese milde Nacht auf dem Verdeck zugebracht, Alles in Allarm brachten. Jeder verließ schnell das Lager, um das Ziel seiner Wünsche zu sehen.
Auch auf mich wirkte dieser Ruf mit Zauberkraft, so daß ich mit Leichtigkeit aufsprang und zum ersten Mal ohne fremde Hülfe auf das Verdeck eilte. Doch Land war zur Zeit nirgends noch zu sehen; nur das Wegreisen der Abtritte und die Sage der mit dieser Arbeit beschäftigten Matrosen gab Veranlassung zu diesem Scherz. Doch das Erstere ließ vermuthen, daß wenigstens der Kapitän des nahen Landes gewiß seyn mußte, wodurch Viele getäuscht, in jeder dunkeln Wolkenmasse den neuen Welttheil zu erblicken wähnten.
Mir selbst bleibt jener Morgen unvergeßlich. Ich bin nicht vermögend, die seeligen Gefühle zu beschreiben, welche theils die Gewißheit baldiger Befreiung aus dem Kerker, in dem ich fünf Wochen krank auf dem Strohsack liegend, zugebracht, hervorruften, theils aber auch den Glauben, das Ende aller Leiden vielleicht heute noch auf amerikanischem Boden zu erreichen, bekräftigten.
Die stille großwogende See lag wie ein Spiegel vor uns ausgebreitet, über uns wölbte sich der heitere Himmel und schien am äußern Horizont auf den Meereswellen zu ruhen. Nichts vermochte die Sehnsucht nach dem neuen Vaterlande zu stillen, keiner wich einen Augenblick vom Verdeck, Essen und Trinken ward vergessen, bald da, bald dort das Land entdeckt, doch immer war es nur ein Trugbild der Phantasie. Nur mit Mühe konnte ich in der vom Steuermann angegebenen Richtung mittelst des Fernrohres am Rand des Horizontes etwas unterscheiden, welches die Küste seyn sollte, die sich, je nachdem das Schiff sich hob oder sank, bald höher über dem Wasserspiegel zeigte, bald wieder ganz dem Blick entschwand. Andere Passagiere sahen wegen der schaukelnden Bewegung gar nichts durch das Fernrohr, wieder andere behaupteten, nur eine Wolke zu erblicken, und somit wurde Neugierde und Sehnsucht fort und fort gesteigert und Einer hielt den Andern nur zum Besten. Erst gegen 8 Uhr konnte man jenen Punkt, welcher der neue Welttheil seyn sollte, als feststehend in der beweglichen Wellenmasse mit bloßen Augen erkennen, welcher sich, je näher wir kamen, immer weiter ausbreitete und höher emporstieg. „Land! Land!“ war der einzige Ruf, den man von jetzt an hörte. Väter hoben die Kinder in die Höhe und zeigten solchen das neue Vaterland, von welchem sie ihnen schon so vieles Unglaubliche erzählt und die Neugierde gereizt hatten. Alte Mütterchen weinten, da sie beim Anblick bergiger Höhen an die verlassene Heimath erinnert wurden, wo sie die Jugendzeit verlebt und noch manches theure Familienglied zurückgelassen.
Immer deutlicher wurden die grünen Ufer mit ihren waldbedeckten Bergen, woraus da und dort wie ein Lichtpunkt ein weiß angestrichenes Haus hervorragte, und mit jedem Augenblick mehrten sich die neuen Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit fesselten.
Von allen meinen Gedanken und Empfindungen in diesem Augenblicke Rechenschaft zu geben, ist unmöglich. Der große Kolumbus stand vor meiner Phantasie, und ich empfand deutlich, was er empfunden haben mochte, als ihn nach vielen Gefahren der Freudenruf: „Land! Land!“ überraschte. Also auch du sollst die Erde sehen und den Boden betreten, welchen der große Ozean von deinem Vaterlande trennt, und der in der frühen Jugend schon deine Aufmerksamkeit gefesselt? Wer hätte das gedacht, mir solches voraussagen können! Der Mensch ist also ein Spielball des Geschickes.
Der Kapitän hatte kaum eine blaue Flagge als Zeichen, daß sich noch kein Pilot auf dem Schiffe befinde, aufgezogen, als aus verschiedenen Richtungen kleine Fahrzeuge auf uns zusteuerten, welche sich den Rang streitig zu machen suchten. Jede Welle schien das gebrechliche flache Boot verschlingen zu wollen, und je näher sie kamen, desto ängstlicher ward uns zu Muthe, da man jeden Augenblick glaubte, sie hätten ihr Grab in der Tiefe gefunden; doch eben so schnell kamen sie wieder zum Vorschein, um von Neuem zu verschwinden.
Nachdem eins der Boote sich uns genähert, wurde ihm ein Seil zugeworfen, an welchem einer der sechs Männer, die es barg, das Schiff zu erklettern suchte. Alles drängte sich neugierig zu, um den ersten unerschrockenen Menschen der neuen Welt zu sehen, welcher sich nicht scheute, auf einem Fahrzeuge gleich einer Nußschale bei Sturm und Gewitter den Meereswellen zu trotzen, den Reisenden weit in die See entgegen zu schwimmen, um das Schiff, da er vertraut mit Untiefen und Klippen ist, in sichern Hafen zu geleiten.
Der Lootse übernahm nun die Leitung des Schiffs und den Befehl über die Matrosen, sprach wenig mit dem sich zurückziehenden Kapitän, placirte sich nicht weit vom Steuer auf die Blanke des Schiffs und warf von Zeit zu Zeit das Senkblei aus. Bei schwachem Wind fuhren wir nur langsam in die Bai von New-York zwischen long Island und staten Island ein, und warfen vor der Quarantaine-Anstalt Anker.[29]
Zwölfter Brief.
New-York im August 1839.
Ausschiffung.
Wie bei Entlassung eines Inhaftirten das Geräusch der ihm abnehmenden Ketten, demselben ein noch nie vernommener Wohlklang ist und sich noch im Kerker frei und glücklich fühlt, eben so hocherfreut waren Alle, als die schweren Ketten die Anker rasselnd in den Meeresgrund hinabließen, und wir uns, geborgen vor Sturm und Wellen, dem nahen Ufer gegenüber befanden. Brennend vor Verlangen, die feste Erde wieder zu betreten und an frischem Brod und Wasser uns zu laben, wünschten wir nach Abgang des Kapitäns selbst ans Ufer zu fahren, wovon wir aber mit dem Bescheid zurückgehalten wurden, daß Niemand das Schiff verlassen dürfe, bevor der Quarantaine-Arzt den Gesundheitszustand der Passagiere untersucht und durch Nachzählen der Personen ermittelt sei, ob die Anzahl derselben mit der Größe des Schiffes nach der Tonnenzahl[30] im Einklang stände.
Bald darauf kamen in einer mit der großen amerikanischen Flagge geschmückten Gondel zwei Herren an, wovon der Eine sich als Arzt, der Andere als Gerichtsperson ausgab. Die Sache selbst aber, warum sie erschienen, war von ihnen nur oberflächlich behandelt. Die sich ins Zwischendeck zurückgezogenen Passagiere wurden während des Hinaufsteigens gezählt und nach der Kajüten-Seite zu verwiesen, weshalb sich leicht und unbemerkt aus dem Zwischendeck durch die Vorkajüte und beim Ersteigen der Kajüten-Treppe überzählige Personen, wenn sich solche am Bord befanden, wieder mit den gezählten vermischen konnten. Eben so schnell wurden die Schlafstellen selbst untersucht, und das Nichtauffinden Versteckter außer Zweifel gestellt.
Keiner wollte ins Spital wandern und Krankheits halber zurückbleiben. Alles hatte die Lager geräumt und den Ausschlag möglichst zu verbergen gesucht. Mit klopfenden Herzen harrten solche unreine Passagiere des Weitern, als der Befehl erging, uns en fronte aufzustellen. „Rechts um, Marsch!“ wurde kommandirt und im Gänseschritt mußten wir vor dem Arzt vorbeidefiliren, wobei Jeder die Zunge möglichst lang hervorstrecken mußte, um den darauf sitzenden Krankheitsstoff erkennen zu können. Demnach waren binnen fünf Minuten 208 Passagiere als gesund erkannt und als tüchtig zum Eintritt in die vereinigten Staaten befunden worden.
Um uns lagen Schiffe von verschiedenen Nationen vor Anker, unter welchen man an der aufgehängten Wäsche auf den Segelleinen die erkannte, welche mit Auswanderern befrachtet waren.
Auch wir erhielten jetzt Befehl, die Wäsche zu wechseln, sowie alle schmutzigen Sachen möglichst zu reinigen, damit morgen, dem Abgange nach New-York, nichts im Wege stehe. Alles kam jetzt in Allarm. Die Holzkübel, woraus es Manchem so trefflich geschmeckt, wurden in Waschgefäße verwandelt und darinnen das Ungeziefer in Unzahl ersäuft. Das Bild eines aufbrechenden Lagers stellte sich dar; hier wurde ein- dort ausgepackt, die Strohsäcke ins Wasser geworfen und diesen manches Hemde, ja ganze Anzüge nachgeschickt. Theils durch Scherz oder aus Muthwille wurden unbrauchbar gewordene Koch- und Nachtgeschirre und leere Bouteillen ins Meer geschleudert, wodurch es an Zank und Streit nicht fehlen konnte, und wobei ein Bubenstreich leicht noch zur Balgerei Veranlassung gab, da man böswillig eine der Leinen zerschnitten, auf welcher mehre gewaschene Hemden gehangen, welche nun der Wind ins Wasser trieb.
Ich und mein Neffe verfehlten ebenfalls nicht uns umzuziehen, und die noch wenig Werth habenden Kleider mit allen Bewohnern wurden in die Fluthen des Meeres befördert. Auch den Leib suchte man möglichst zu reinigen, was freilich nur unvollkommen geschehen konnte, weil dazu der Ort mangelte, an dem es der Anstand erlaubt hätte, solches ungenirt thun zu können; doch hinderte dieses Viele nicht. Frei, den halben Leib entblößt, standen sie da, und boten so, nicht achtend der Eltern Bitten, die erwachsenen Kinder zu berücksichtigen, der Unschuld Hohn. „Nichts mehr von Befehlen, Freiheit ist das Loosungswort, morgen wird das Land betreten, wo Einer wie der Andere gilt!“ Dieß war die Antwort der Frechen.
Bei solchen Gesinnungen war es am räthlichsten, sich stillschweigend von Individuen zu sondern, welche zum Abschaum der Menschheit gehörten und den innern Schiffsraum zu meiden, der heute mehr als gewöhnlich durch Scheuern vor den Schlafstellen gereinigt wurde, und wo man sich um so bänglicher fühlte, seitdem man dem Lande so nahe war, wo der Blick mit sehnlichem Verlangen auf dem Gestade verweilte.
Herrlich und groß ist der Eindruck, welchen die paradiesische Landschaft gewahrt, und übersteigt alle Erwartung. Das Quarantäne-Gebäude am Fuße von staten-Island, welches mit drei Reihen jonischer Säulen geziert, wie ein fürstlicher Pallast emporsteigt, fällt am ersten ins Auge. Weiter hinauf erblickt man freistehend oder zwischen Bäumen die verschiedenartigsten Breterhäuser aufgebaut, welche alle einen Anstrich von weißer Oelfarbe haben und äußerst nett aussehen. In sanften Anhöhen erhebt sich staten-Island mit allen Reizen der Natur. Die Bäume prangten noch mit dem üppigsten Grün, nur die Wiesen fingen an gelb zu werden; sie dienen zum Aufenthalt zahlreicher Heerden von Hornvieh und Pferden, deren Glockengetön uns melodisch ansang. Die meisten Felder waren ebenfalls schon bis auf den in Haufen stehenden Hafer geräumt; nur der Mais stand noch im vollen Grün, und verherrlichte die Landschaft mit seinen rothen Büscheln.
Rechts ist long-Island, deren rauhe mit Wald bewachsenen Bergwände an die Urwälder erinnern; doch auch auf dieser Seite sind weiter hinab, hinter Bäumen versteckt, einzeln stehende weiße Häuser sichtbar.
Die Einfahrt zwischen long-Island und staten-Island erweitert sich nach New-York hin immer mehr zu einem See, und unvergleichlich ist auch hier das Panorama, welches sich dem Auge darstellt. Viele Schiffe lagen theils vor Anker, oder fuhren mit geschwellten Segeln hin und her; eben so erkannte man an den dicken Rauchsäulen die Dampfschiffe, welche zum Transport nach andern amerikanischen Staaten, oder zur Kommunikation von New-York und den Eilanden dienen. Kleine Boote umschwärmten in Unzahl die Gestade und ließen schon hier das innere Leben erkennen. Am äußersten Ende liegt New-York, eine der größten Handelsstädte der Welt, umgeben von Schiffen aller Nationen, deren Masten dem Auge selbst den Anblick der Stadt entziehen, und nur die zahlreichen Thürme und großen Feueressen der Fabrikgebäude ragen über die Erstern hervor. Durch kleine befestigte Inseln und eine auf der hervortretenden Landspitze von long Island erbaute zirkelrunde Batterie, welche mit einem Fort auf einer gerade gegenüber liegenden Insel korrespondirt, wird die Stadt vor feindlichen Angriffen geschützt. Verschiedene andere Werke vertheidigen die Einfahrt in die Bai.
Unter solchen Ansichten und Betrachtungen war der Abend herbeigekommen, das Gewühl auf dem Schiffe legte sich, und jeder von uns suchte ein Ruheplätzchen, welches aber diese letzte Nacht auf dem Fahrzeug um so härter und unbequemer war, da die meisten Strohsäcke über Bord geworfen waren, und man befürchten mußte, von Neuem Ungeziefer zu bekommen. Die rege Phantasie hielt mich lange auf dem Verdeck wach, bis auch mir der Gott des Schlafes die Augen schloß, und süße Traumbilder eilten nach dem Land der Hoffnung voraus. Doch bald wurden wir von Neuem durch das Anschlagen der Wellen und das Brausen des Windes geweckt, welcher das Schiff vom Anker zu reißen drohte. Ein fürchterlicher Orkan hatte sich erhoben, welcher das Fahrzeug, gehalten von zwei großen Ankern, dennoch eine Strecke zurückschob. Alle Ursache hatten wir, Gott zu danken, daß wir nicht um einen Tag später hier an sicherer Stätte ankamen; denn wer vermag zu sagen, was vielleicht auch aus uns so nahe am Ziele geworden wäre, da manches Schiff in dieser furchtbaren Nacht gestrandet und ein Opfer der Sturmeswuth geworden ist. Als aber am Morgen der wüthende Orkan eben so schnell sich gelegt, als er entstanden, und die Alles belebende Sonne freundlich auf uns herniederblickte, da entquollen manchem Auge Thränen des Dankes, und tief gerührt versank ich in Anbetung der Allmacht.
Am 17. August gegen Mittag legten sich zwei Transportschiffe an unser Fahrzeug an, worauf außer den Passagieren auch sämmtliche Kisten geladen wurden, die nicht im untern Raume des Schiffs verpackt, sondern neben den Schlafstellen gestanden hatten, und brachten uns nach der einige hundert Schritte vom Ufer entfernten, auf im Wasser eingerammelten Pfählen erbauten Barriere, wo wir von Neuem ausgesetzt und die Sachen einer Revision unterworfen wurden, damit nichts Steuerbares unverzollt eingebracht werden konnte. Doch die geöffneten Kisten wurden nur oberflächlich untersucht, so daß man sich damit begnügte, nur die obern Schichten abzunehmen, ja selbst bei mehren Koffern nicht einmal Hand anzulegen für nöthig hielt, und sofort mit Kreide das Zeichen geschehener Revision signirte. Nur meinem Landsmann, dem Zimmermann S., welcher eine Kiste mit altem Werkzeug fest vernagelt und nicht vorher geöffnet hatte, wurde solche mit Gewalt aufgeschlagen und bis auf den Boden entleert.
Während obiger Prozedur erkundigte sich ein gewisser Herr Rückardt, Agent der deutschen Gesellschaft in New-York, nach unserm Stand und Gewerbe, und gab den Ort seiner Wohnung an, wo wir, wenn es nöthig seyn sollte, uns Rath holen könnten, ohne jedoch irgend einem der 208 Deck-Passagiere sofort ein Unterkommen zuzusagen; auch stellte er Mehren die Aussicht auf ein solches nicht als erfreulich vor, welches den Muth Vieler nicht wenig niederschlug, da sie, von aller Baarschaft entblößt, auf sofortiges Unterkommen und Verdienst gerechnet hatten. Doch, „nur den Muth nicht verloren!“ (rief Einer dem Andern zu), „noch sind wir nicht am Ziele; erst in der Stadt angekommen, werden wir im Lande der Freiheit schon das Nöthige finden!“
Schnell wurde Alles wieder auf die Schiffe gebracht, um neu Ankommenden Platz zu machen. Ein schneidender Wind schwellte die Segel, und Nachmittags 4 Uhr nach einer sechs Wochen langen Seereise erreichten wir glücklich die mit Menschen angefüllten Ufer von New-York.
Dreizehnter Brief.
New-York im September 1839.
Erster Aufenthalt in New-York.
Anstatt daß man sonst den Ankömmlingen sogar ins Meer entgegenfuhr, um Arbeiter auszusuchen, fand sich jetzt als Gegensatz nicht Einer am Ufer ein, der Nachfrage hielt. Zwei Frauenzimmer waren die Einzigen, welche sofort offene Stellen erhielten.[31] Nur eine Art Seelenverkäufer deutscher Abkunft schienen höchst erfreut, den neu Ankommenden ihre Dienste anbieten zu können, und rekommandirten uns sogleich Kosthäuser, in welchen wir sehr gut und enorm billig logiren könnten; auch bei dem fernern Unterkommen versprachen solche mitzuwirken, da sie überall bekannt wären und Jedem Rath zu geben wüßten.
Wir sämmtlichen Sachsen und Thüringer bezogen das deutsche Haus, wo wir aber bald die Erfahrung machen mußten, geprellt zu werden; auch die vermeinten Freunde erkannten wir jetzt als im Solde des Wirths stehende Bursche, welche nur dazu dienten, seine Wirthschaft zu empfehlen, ihm in häuslichen Verrichtungen an die Hand zu gehen, und bei jeder Gelegenheit den mit allen Verhältnissen noch unbekannten Einwanderer um das Seinige zu bringen und durch Versprechung aller Art zum längern Verweilen hier zu bewegen.
Den ersten Genuß, welchen ich mir nach so langer Entbehrung zu verschaffen suchte, war eine Bouteille Bier; ich gab dafür in Ermangelung kleinen Geldes einen ganzen Dollar[32], worauf ich von einem der vorbenannten Bursche während des Gedränges von allen Seiten, in mir noch unbekannten Geldsorten, das Zuviel zurück erhielt, woran aber nicht weniger als ein halber Dollar fehlte, wie mir ein des Geldes Kundiger bemerkte, dem ich solches zeigte. Der Herr Marqueur selbst war aber sogleich verschwunden, und der Wirth hielt sich nicht verpflichtet für seine Leute einzustehen.
Ich war also der Erste, welcher auf amerikanischem Boden Lehrgeld bezahlte und darüber mehr, als über den Verlust selbst, erzürnt, schwur ich Vergeltung, und suchte meine Gefährten dahin zu bestimmen, daß solche erklärten, das Quartier sogleich zu verlassen, wenn mir das noch fehlende Geld nicht augenblicklich restituirt würde. Diese Drohung half und die Möglichkeit des Irrthums vorschützend, bat der Wirth jetzt um Verzeihung und gab, was sein Helfershelfer genommen, mir nothgedrungen zurück.
Die Abendmahlzeit mundete den Ausgehungerten trefflich, und man war nicht wenig erstaunt über die reichbesetzte Tafel, auf der auch die Suppe, welche sonst in Amerika nicht gebräuchlich ist, nicht fehlte. Der dabei gereichte Thee mit üblichem Gebäck ließ vollends den an frugale Kost gewöhnten Deutschen nichts zu wünschen übrig, und alles Andere vergessend, suchten wir heute frühzeitig das Lager, um nach langen Strapazen auf festem Boden uns von Neuem zu erholen.
Auch das Frühstück war uns neu; zu dem Kaffee gab es, gleich wie am Abend, gebratene Fische und Fleisch, Eier, Backwerk, süß und sauer Eingemachtes; auch Butter und Käse fehlte nicht.
Nach dem Mittagsmahl, welches zugleich als Probe diente, ward festgestellt, was die Person täglich zahlen solle; dies betrug für Kost und Logis fünf Schilling, welche Summe zahlreichen Familien auf die Länge der Zeit zu geben nicht möglich war. Es aßen daher, um das Mittagessen zu ersparen, die ersten Tage Viele nur Morgens und Abends, doch half das Hungern nichts, denn das Versäumte mußte mit bezahlt werden, da für Alle gedeckt und es ihre eigene Schuld war, gefastet zu haben. Alles Sträuben half nichts, denn der Wirth war im Besitz ihrer Effekten und ließ solche nur nach berichtigter Zahlung erst verabfolgen.
Bald zerstreute sich Alles, Arbeit suchend, in die Stadt, welche Erstere aber nirgends zu finden war, da vor Allem die englische Sprache mangelte. Selbst die Unterhändler, woran es nicht fehlt, sich aber den Dienst theuer bezahlen lassen, bringen nur selten Einen unter, und ist letzteres der Fall, dann gewiß an einem Orte, wo kein Eingeborner arbeiten will, oder das Geschäft selbst nur von kurzer Dauer ist.
Auch unser Landsmann, der Schuhmacher F. mit Empfehlungsschreiben versehen, sah sich schrecklich betrogen, da der vermeinte Fabrikherr, an welchen er vom Hause aus empfohlen, nichts weiter als ein Kommissionär[33] war, welcher gegen Zahlung den Namen des Suchenden notirte und die Weisung ertheilte, später wieder nachzufragen. Was sollte er nun anfangen? Womit sich und Familie ernähren? Da er auch nicht sofort auf sein Geschäft Arbeit erhielt[34], so blieb ihm und seinem alten Vater nichts weiter übrig, als beim Ein- und Auspacken der Schiffe Arbeit zu suchen, bis sich sein Loos vielleicht in der Folge besser gestalte.
Gleiches Schicksal traf einen Kajüten-Passagier unseres Schiffes, welcher als Architekt ebenfalls an obigen Herrn adressirt war. Schon auf der Seereise, wo bei Gefahren die Herzen sich nähern und öffnen, erfuhr Mstr. F., daß eine Bestimmung sie in New-York näher zusammenführe, und schon sahen sie im Geiste das weitverzweigte Geschäft, welches Schuhmacher und Architekten zu beschäftigen vermöge. Vereint gingen sie ihrem Ziele zu, doch Letzterer erfuhr nun auch, was Ersterem schon begegnet war. Auch er sah sich in seinen Plänen betrogen und wußte verzweiflungsvoll nicht, was er von Neuem wählen sollte. Der schweren Arbeit ungewohnt, blieb ihm dennoch nichts übrig, als Hacke und Schaufel zu ergreifen[35].
Am dritten Tage unseres Hierseins kam endlich das so lange in der Quarantaine gelegene Seeschiff, welches unsere übrigen Sachen enthielt, im Hafen an, wo ebenfalls jede Kiste von den Zolloffizianten untersucht ward, und man strenger als in der Quarantaine-Anstalt damit verfuhr.
Nun im Besitz unserer Effekten, verließen mehre Familien sogleich das Kosthaus, in der Absicht, entweder die Reise weiter fortzusetzen oder Privatwohnungen zu beziehen.
Beim Bezahlen der Zeche gab ein Baier Gold, und erhielt das Zuviel in Papiergeld zurück, welches aber bei der Wiederausgabe als falsch erkannt und nicht angenommen wurde. Der Wirth, von welchem er solches erhalten, leugnete dieses, und verlangte den Beweis darüber, welchen der Betrogene nicht geben konnte, da beim Wechseln außer seinen zwei jüngsten Kindern Niemand zugegen gewesen war. Der Arme fluchte, tobte und verwünschte das Land, wo die Schurkerei zu Hause sey. Doch Alles half nichts. Der Wirth blieb bei seiner Aussage und war frech genug, Ersteren mit dem Haushinauswerfen zu drohen, wenn er nicht bald ruhig sey. Diesen Streit hörte einer der vermeinten Freunde, welche uns bei der Ankunft am Ufer so herzlich empfingen, ruhig mit an, und schlug sich jetzt ins Mittel, indem er die falschen Noten für einen Dritttheil ihres aufgemerkten Werthes ankaufte; doch nicht um solche zu vernichten und so für die Folge unschädlich zu machen? Nein! Sicher wurden sie im Taschenbuch verwahrt, um einen neu ankommenden Landsmann damit zu beglücken. „O, die Schurken!“
Doch auch die Wirthe werden mitunter betrogen, da Viele bei der Ankunft nichts Baares mehr haben, und außer dem, was sie am Leibe tragen, keine Garderobe weiter besitzen. Doch schlau genug wissen sie solches zu verbergen, so daß der Wirth glauben muß, ein Theil der Effekten, welche sie für Andere vom Schiff mit ins Kosthaus tragen, sey ihr Eigenthum, und als Unterpfand gewiß; doch bevor noch der rechte Eigenthümer sich zu erkennen giebt, sind die Erstern verschwunden.
Auch ich muß gestehen, daß ich, für den an mir beabsichtigten Betrug, mich dadurch revanchirt habe, daß ich auf ähnliche Art Zweien durchhalf. In dem Keller, wo sich meine Sachen in Verwahrung befanden, waren nebst mehren andern auch die untergebracht, welche Zweien meiner Landsleute gehörten, die, von aller Baarschaft entblößt, von ihren Kleidungsstücken hätten verkaufen müssen, wenn sie die Zeche bezahlen sollten.
So eben hatten wir erst mit ansehen müssen, wie der Wirth solche Effekten für einen Spottpreis in Anrechnung brachte, weshalb ich den Vorschlag that, ihre Koffer, als mir zugehörig, vom Hausknecht zu verlangen, wenn ich abgerechnet, und der Wagen zum Transport der Sachen ins neue Quartier da sey. Sie selbst sollten nach dem Essen wie gewöhnlich um nach Arbeit auszugehen, diesem Hause den Rücken wenden und niemals wiederkehren.
Alles ging nach Wunsch und Willen. Den Beiden waren ihre Sachen erhalten und ich gerächt[36].
Das neue Quartier in Pitt-Street war bezogen, und für eine kleine Stube und Kammer, sonst nichts, 4½ Dollar monatlich vorausbezahlt, da die Hauswirthe des häufigen Betrugs halber nicht mehr kreditiren. Die Stube, von den Vorgängern schlecht gehalten, wurde von meinem Neffen gesäubert, währenddem vom Glaser R. Kartoffeln zum Abendbrod besorgt wurden, und ich selbst schaffte vom nahen Bauhofe das nöthige Brennholz herbei. Demnach war die neue Wirthschaft schnell etablirt, wobei uns das zur Seereise angeschaffte Küchengeschirr trefflich zu statten kam, und dem Hausrath nur ein Wassereimer und Besen zugesellt zu werden brauchte, da Kisten und Koffer, Tisch und Stühle ersetzten. Nur das weiche Lager fehlte noch; doch auch dies hatte sein Gutes, und gewöhnte an spätere Strapazen.
Die Familie S. bezog neben uns ebenfalls eine kleine Wohnung im Souterrain, nachdem solche schon im Kosthause das Gewehr versilbert hatte. Von Kummer und Sorge entstellt, hing der Familienvater nur noch in Haut und Knochen, und die Kinder mußten ihr Heil bei guten Menschen suchen.
Um mich selbst zu orientiren, wie und auf was für Art man hier, Alles was Bezug auf Brennerei hat, in den Werkstellen anfertige, sah ich bei Kollegen nach, ob sie Arbeit zu vergeben; doch umsonst waren alle meine Bemühungen, denn nirgends fand ich ein Unterkommen. Man schützte da, wo ich verstanden wurde, schlechte Zeiten vor, und wo man mich nicht verstehen wollte, blieb man die Antwort schuldig, und der Gehilfen Gruß war „God damn (Gott verdamme mich) schon wieder deutsche Bettler!“
Ein Tag verging so wie der andere, und wahrlich viel Geduld gehörte dazu, auf die Länge solch ein Faulenzerleben zu ertragen; nur das Mannichfaltige in dem bewegten Leben und Wirken der New-Yorker läßt Einem weniger empfinden, daß man ohne Beschäftigung ist, wenn nicht die schmelzende Kasse täglich mehr daran erinnerte. Ich selbst suchte mir, an das Quartier gebannt, die Zeit damit auszufüllen, daß ich täglich Alles was ich gehört und gesehen auf das Papier zu bringen mich bemühte, um es nächstens an Euch zu berichten. Doch nicht als treues Bild mag es gelten, dazu gehört mehr Zeit und Gelegenheit, sondern nur als Skizze sey es zu betrachten.
Vierzehnter Brief.
New-York im September 1839.
Fortsetzung.
New-York, nach London wohl die erste Handelsstadt der Welt mit 300,000 Einwohnern, unter welchen sich gegen 40,000 Deutsche befinden, ist auf eine Insel gleichen Namens gebaut, welche 4 Stunden lang und ½ Stunde breit seyn soll. Am südlichen Ende derselben steht die Stadt, welche sich von einem Fluß zu dem andern erstreckt. Der Nordfluß, Hudson genannt, ist beinahe eine Stunde breit, der Ostfluß etwas schmäler.
Das Wasser ist für die größten Schiffe bis dicht an die Stadt tief genug, und erleichtert so den großartigen Verkehr, welcher sich vorzüglich am Ostflusse befindet. Auch sind, um der Mehrzahl von Schiffen die Möglichkeit zu verschaffen, auf einmal bequem aus- und einladen zu können, von funfzig zu funfzig Schritten auseinander, in das Wasser hineingeführte, etwa dreißig Fuß breite und hundert Fuß lange Barrieren erbaut, welche auf langen eingerammten Pfählen ihren Stützpunkt haben, und an welchen vorn und auf beiden Seiten die Schiffe liegen.
Nicht zu beschreiben ist das Gewühl der beschäftigten Menge, welche hier in reger Thätigkeit sich befindet, um Waaren herbei, oder fort zu schaffen. Unzähliges Fuhrwerk, meistens zweirädrige Karren, drohen jeden Augenblick, den Fußgänger umzufahren, wenn er verabsäumt, immer vor- und rückwärts zu schauen. Das Schreien und Fluchen der Fuhrleute und Markthelfer wird noch von dem verworrenen Gesang der Matrosen übertönt, welches bei ihnen die Geschwindigkeit bestimmt, wornach ein Waarenballen gehoben oder gesenkt werden soll und so lange anhält, bis Letzterer den Boden erreicht hat. Bei jeder neuen Last stimmt der Vorsänger von Neuem an, und diese Art zu arbeiten ist bei den Matrosen allgemein im Gebrauch, da sie glauben, daß dieses die Arbeit erleichtere.
An dieser Seite der Stadt stehen meist Waarenhäuser dicht neben einander, die nur dann und wann von einer Tabagie unterbrochen werden. Die Magazine sind alle meist hoch, die Straßen eng und unbequem, und wegen des vielen Verkehrs fast immer mit Schmuz bedeckt.
Die Straßen des Nordflusses sind dagegen weit luftiger und bequemer, aber der angenehmste Theil der Stadt ist unstreitig die Gegend der Batterie an der südlichen Spitze der Insel, beim Zusammenfluß des Hudson und Ostflusses. Es ist dieses ein öffentlicher mit Rasen belegter und von Sandwegen durchschnittener Lustplatz von Linden und Pappeln beschattet, und dient bei günstiger Witterung als Aufenthaltsort der schönen Welt. Man genießt hier die schönste Aussicht auf die Bai und die diese umgebenden Inseln, und alle Schiffe, welche stündlich in den Hudson segeln oder aus diesem kommen, bringen eine ewige Bewegung in die Scene. Besonders aber sind es die Dampfschiffe, die theils nach Philadelphia fahren, oder die Kommunikation mit den Inseln unterhalten, und vor der Batterie vorbei müssen, welche das Bild verschönern.
Die schönste Straße ist der Broad-Way, 70 Fuß breit, und 1½ Stunde lang, welche sich von der Batterie aus, nach Norden durch die Stadt ausdehnt, und von vielen Querstraßen durchschnitten wird. Ihre Trottoirs sind an beiden Seiten mit Pappeln eingefaßt, die schönsten Gebäude sind rechts und links aufgeführt. Prachtvolle und reiche Kaufmannsgewölbe wetteifern bei Ausstellung ihrer Waaren. In der Mitte des Broad-Way steht das aus weißem Marmor erbaute Rathhaus, vor dem ein mit hohen eisernen Geländern umgebener Park sich befindet, welcher aber für Jedermann offen ist. Gleich dem Broad-Way sind die Beaverstreet, die Wallstreet und Broadstreet herrliche Straßen, die sämmtlich mit Kaufmannsgewölben besetzt sind, welche alle des Nachts, gleich den Straßen selbst, durch Gas erleuchtet werden. Die unzähligen Lichtflammen, welche besonders am Sonnabend bis tief in die Nacht hinein, die Läden und die im Freien aufgestellten Waaren beleuchten, stellen im Großen das Bild eines Weihnachtsabends dar, wo die in mannichfaltigen Gruppen zur Schau aufgestellten Waaren, malerisch beleuchtet, das Auge entzücken.
Im schönsten Schmuck glänzen fast alle öffentliche Gebäude, von Marmor-Quadern aufgeführt und meist mit Säulen verziert, wie überhaupt kein Geld gespart wird, derartigen Gebäuden ein antikes Ansehen zu geben.
Längs der Ufer, Straßen und Plätze stehen Reihen eleganter Equipagen, welche die Bestimmung haben, schnell und bequem den Fußgänger nach jeden beliebigem Orte der Stadt zu fahren. Außer diesen gehen ohne Unterbrechung große vierspännige Personen-Wagen durch die Hauptstraßen, in denen man für einen Schilling von einem Ende der Stadt bis zum andern gelangen kann. Zu gleichem Zweck sind in einigen Straßen Eisenbahnen errichtet, auf welchen Pferde die Dampfkraft ersetzen. Wegen des ewigen ununterbrochenen Fahrens und Reitens, ist für Fußgänger das Gehen im Fahrweg gefährlich, und Jedermann, ob leer oder bepackt, hält sich auf den Trottoirs auf, weshalb auch hier die Augen bald rechts, bald links herumschwärmen müssen, um mit keinem Packträger in unangenehme Berührung zu kommen.