REISEN
IN DEN
PHILIPPINEN.

REISEN
IN DEN
PHILIPPINEN

VON
F. JAGOR
MIT ZAHLREICHEN ABBILDUNGEN UND EINER KARTE.

BERLIN
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.
1873.

VORWORT.

Die Reise, von der die folgenden Blätter berichten, wurde in den Jahren 1859 und 1860 unternommen, durch unvorherzusehende Umstände aber plötzlich abgebrochen, lange bevor die gesteckten Ziele erreicht waren. Der Wunsch, das Begonnene später fortzusetzen, ging nicht in Erfüllung, veranlasste aber zu weiteren Studien, die dem Verfasser manchen wenig bekannten Stoff lieferten und zugleich zeigten wie spärlich und ungenau die Nachrichten über jenes schöne Land sind, besonders über die Provinzen in denen er am längsten verweilte.

Einige werthvolle Mittheilungen vorzüglich über Verwaltung, Steuer- und Zollwesen verdankt der Verfasser dem spanischen Kolonialministerium, das ihm bereitwillig die Benutzung seines Archives gestattete; namentlich war ihm bei Entwurf der Geschichte des Handels, des Tributes und der Tabakregie eine dort vorgefundene Denkschrift von D. Ormacheo: Apuntes para la razon general, von Nutzen. Auch die Berliner und Londoner Bibliotheken lieferten manchen Stoff, der z. Th. mühsam aus dickleibigen öden Mönchschroniken herausgelesen werden musste. So häufte sich umfangreiches Material, woraus die nachstehenden Blätter das Wesentlichste in gedrängter Kürze mittheilen.

Dem eigentlichen Reiseberichte liegen ausführliche an Ort und Stelle gemachte Aufzeichnungen zu Grunde. Nach einem so langen Zeitraum erschien es um so nöthiger, sich streng daran zu halten, da das Gedächtniss gern ihm anvertraute Eindrücke und Erlebnisse zu farbigen Bildern und interessanten Abenteuern umgestaltet, hier aber nicht sowohl Unterhaltung als treue Schilderung beabsichtigt wird.

Einiges, besonders aus dem zwanzigsten Kapitel ist bereits in Bastian und Hartmann’s Zeitschrift für Ethnologie mitgetheilt worden.

Den wissenschaftlich werthvollsten Theil des Buches bilden zwei Abhandlungen, welche der Verfasser der Freundschaft der Herren Professoren Roth und Virchow verdankt.

Wenige Länder der Welt sind so unbekannt und werden so selten besucht wie die Philippinen und doch ist keines angenehmer zu bereisen, als jenes verschwenderisch ausgestattete Inselreich; kaum irgendwo findet der Naturforscher eine grössere Fülle ungehobener Schätze. Unbemittelte würden aus dem Verkauf von Sammlungen ihre Reisekosten reichlich decken.

Druckfehler.

Seite145 Z. 10 v. unten lies: Rayray stattRagay.
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173 Z. 15 v. unten lies: Oberleib stattUnterleib.
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210 Anm. lies: Bd. XXV. 2269 statt2269.

INHALT.

Seite

[Vorrede] V

[Verzeichniss der Bilder] XI

[Aussprache der Fremdwörter] XIII

[Erklärung häufig vorkommender Fremdwörter] XIV

[Maasse, Gewichte, Münzen] XVI

Erstes Kapitel.

Einleitende Bemerkungen.

[Meridiandifferenz, Handelsgebiet der Philippinen, Theilung der Erde, erster Anblick Manila’s, Erdbeben] 1

Zweites Kapitel.

[Rhede, Zollwesen, Geschichte des Handels, spanische Kolonialpolitik, Reisen der Galeonen] 7

Drittes Kapitel.

[Manila, Leben in der Stadt und in den Vorstädten, Hahnenkämpfe, Trachten der verschiedenen Klassen] 18

Viertes Kapitel.

[Stellung der Europäer und Eingeborenen in englischen, holländischen und spanischen Kolonien, Einfluss der spanischen Kolonialpolitik auf die Sitten der Eingeborenen, Bequemlichkeit des Lebens, Kokospalme, Bambus] 27

Fünftes Kapitel.

[Geographisches, Meteorologisches, politische Eintheilung, Volksmenge, Sprachen] 39

Sechstes Kapitel.

[Reise in Bulacan, häufige Feuersbrünste, Fruchtbarkeit, Fischfang, Zigarrentaschen, spanische Priester, Gastfreiheit, Räubereien] 45

Siebentes Kapitel.

[Provinz Laguna, Bancafahrt, Barren des Pasig, See von Bay, Maare bei Calauan, Palmenwein, Reisen ohne Diener, Vulkan Majaijai, Büffelfahrt] 55

Achtes Kapitel.

[Seereise nach Albay, Mariveles, Schifffahrt zwischen den Inseln, San-Bernardino-Strasse, Vulkan Bulusan, Legaspi, Sorsogon] 63

Neuntes Kapitel.

[Der Vulkan Mayon oder Albay und seine Ausbrüche] 69

Zehntes Kapitel.

[Cacao, Kaffee, Kirchweihfest, Leben in Daraga] 76

Eilftes Kapitel.

[Reise nach Bulusan und Sorsogon, Strassenbau, Seeräuber] 87

Zwölftes Kapitel.

[Reisen in Süd-Camarines, Gliederung der Provinz, spanische Priester, Alkalden und Mandarine] 94

Dreizehntes Kapitel.

[Reisen in Süd-Camarines, (Fortsetzung), Batu-See, indische Priester, Niederlassung von Wilden, Feier der Kreuzbulle, Buhi-See, Vulkan Yriga, Ananasfasern, Pfeilgift, Blutegel, Solfatare Ygabo, Kieselsprudel von Tibi] 103

Vierzehntes Kapitel.

[Lebensweise und Sitten der Bicolindier] 118

Funfzehntes Kapitel.

[Vorgeschichtliche Ueberreste, hoher Werth alter Gefässe, Tropfsteinhöhlen im Yamtik, Reisen in Nord-Camarines, Bergbau, Gold, Bleiglanz, Rothblei, Kupfer, Hüttenprozess der Ygorroten, essbare Vogelnester] 133

Sechszehntes Kapitel.

[Reise längs der Küste von Camarines, Andringen des Meeres, zerstörter Palmenwald, Pasacao, schlechte Strassen] 152

Siebenzehntes Kapitel.

[Der Ysarog und seine Bewohner] 161

Achtzehntes Kapitel.

[Ersteigung des Yriga und des Mazaraga, See- und Strassenräuber, Wasserpflanzen von Berlin nach den Philippinen, mein Diener Pepe] 176

Neunzehntes Kapitel.

[Reisen in Samar, Wetter, Beamtenwahl, Nordküste, Catbalogan, Flattermakis, Schlangenbändiger, Tertiärversteinerungen, Stromschnellen des Loquilocun, Gespensterthier] 185

Zwanzigstes Kapitel.

[Reisen in Samar, Fortsetzung, Südsee-Insulaner durch Stürme verschlagen, Todtenhöhlen und Leichenbestattung der alten Bisayer, Krokodile, Ignazbohne, Kokosöl] 203

Einundzwanzigstes Kapitel.

[Insel Leyte, Heuschrecken, Solfatare, Schwefelgewinnung, Bitosee, Krokodile] 218

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

[Lebensweise und Sitten der Bisaya-Indier] 227

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

[Die neuen Zollhäfen, Steinkohle in Cebu, Yloilo. Aufschwung des Zuckerbaues] 239

Vierundzwanzigstes Kapitel.

[Abaca oder Manila-Hanf] 245

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

[Das Tabakmonopol] 257

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

[Die Chinesen] 271

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

[Kurzer Abriss der Geschichte, Schlussbetrachtungen] 280

[ANHANG.]

[Kopfsteuer und Frohnden]293
[Bürgerliche Einrichtungen]298
[Ueber den Bodenkredit]303
[Die gemeinnützige Gesellschaft derLandesfreunde] 307
[Einführung der Opium-Regie]309
[Beschreibung der Schiffe, Barangay genannt, die beiAnkunft der Spanier in Gebrauch waren]311
[Das tagalische Vater Unser]312
[Das neue Zolldekret]312
[Handel mit China vor Ankunft der Spanier]314
[Handel mit China nach Ankunft der Spanier]315
[Flächeninhalt der grösseren Inselndes philippinischen Archipels]317
[Uebersichtstabelle der meteorologischenVerhältnisse]318
[Uebersicht der Volksmenge, der Ortschaften u. s. w. inden Philippinen]320
[Gleichzeitiger Ausbruch dreier Vulkane1641]323
[Zusätze und Berichtigungen]329
[Abgekürzt zitirte Schriften]331
[Ueber die geologische Beschaffenheit der Philippinenvon J. Roth]333
[Ueber die älteren und neueren Bewohner derPhilippinen von Rudolf Virchow]335
[Index]378
[Karte des südlichen Theiles von Luzon undbenachbarter Inseln.]

Verzeichniss der Bilder.

Um den Grad der Genauigkeit der einzelnen Bilder beurtheilen zu können, ist durch Buchstaben die Art ihrer Herstellung angegeben.

c = Camera lucida,
p = Pause,
ph = Photographie,
r = reduzirt durch Camera lucida oder auf mechanischem Wege.
t = Originalzeichnung eines Tagalen.
z = freie Handzeichnung.

Der erste Buchstabe bezieht sich auf die Originalzeichnung, der folgende auf die Reproduktion.

Aussprache der Fremdwörter.

Die spanischen und einheimischen Wörter, meist Ortsnamen, sind nach spanischer Weise geschrieben. Die Aussprache ist wie im Deutschen, mit folgenden Abweichungen:

spanischcvor e und iwiethenglisch,aber schärfer.
spanisch
,,
ch
wie
,,
tschdeutsch.
spanisch
,,
gvor e und i
wie
,,
ch
deutsch.
,,
spanisch
,,
gu
wie
,,
g
deutsch.
,,
spanisch
,,
j
wie
,,
ch
deutsch.
,,
spanisch
,,
llfast
wie
,,
j
deutsch.
,,
spanisch
,,
ñ
wie
,,
nj
deutsch.
,,
spanisch
,,
qu
wie
,,
k
deutsch.
,,
spanisch
,,
s
wie
,,
ss
deutsch.
,,
auch mitten im Wort.
spanisch
,,
vfast wie b.
spanisch
,,
yvor Vokalen wie j deutsch.
spanisch
,,
yvor Konsonanten wie i.
spanisch
,,
zwie c vor e und i.

In den philippinischen Namen ist e von i, o von u kaum zu unterscheiden.

In mehrsilbigen Wörtern ist der Tonfall meist durch einen Accent angedeutet worden.

Erklärung einiger häufig wiederkehrender Fremdwörter.

Abacá = Manila-Hanf, Faser der Musa textilis s. S. 245.

Alkalde, Guvernör einer Provinz s. S. 100 Anm.

Bánca, kleines Boot.

Barangáy, Gruppe von 40 bis 50 Familien unter Verwaltung eines Cabeza s. S. 292.

Bólo, grosses Waldmesser.

Búyo, ein Stück Arecanuss, eingefasst von einem mit gebranntem Kalk bestrichenen zusammengerollten Blatt Betelpfeffer s. S. 126 Anm.

Cabéza, Haupt, Häuptling.

Casa reál, Wohnung des Alkalden oder Guvernörs, auch = Tribunal s. S. 50.

Camóte, süsse Kartoffel, Convolvulus Batatas s. S. 122.

Castíla, werden die Spanier, auch wohl die Europäer im Allgemeinen genannt.

Cimarrón, in Freiheit lebender Eingeborener s. S. 106.

Convénto, Wohnhaus des Pfarrers, nicht Kloster.

Cuadrilléro, Steuersoldat, Polizeisoldat.

dM. = M.

Estánco, Laden in welchem von der Regierung monopolisirte Artikel verkauft werden.

Falúa, Feluke.

Gábi, Caladium sp. div. mit essbaren Knollen.

Gobernadorcíllo (Guvernörchen), Dorfschulze s. S. 189.

Guinára, Gewebe von Abacá.

Haciénda, Landgut, die Finanzverwaltung, der Staatsschatz.

Indier, Indios, werden die Eingeborenen im Allgemeinen, besonders aber die der spanischen Herrschaft unterworfenen im Gegensatz zu den Cimarronen genannt.

L, Légua Wegstunde, (20 = 1° des Aequators).

£, Pfund Sterling.

M, Meile, (15 = 1° des Aequators).

Polísta, Frohnarbeiter.

Pólos, Frohnden s. S. 292.

Puéblo, Ortschaft.

Principalía, inländischer Adel.

R. C., Reál Cédula, Königliches Handbillet.

R. D., Reál Decréto, vom Suverän selbst unterschrieben.

R. O., Reál Órden, nur vom Minister gezeichnet.

Sáya, Frauenrock von der Hüfte zum Knöchel reichend.

Sm., Seemeile (60 = 1° des Aequators).

Súndang, Waldmesser.

Tápis, ein um den oberen Theil der Saya gewundenes Tuch.

Teniénte, Lieutenant.

Tribunál, auch Casa real genannt, Gemeindehaus.

Tribúto, Kopfsteuer.

Túba, gegohrener Palmensaft.

Visíta, Filial einer Pfarre.

Maasse, Gewichte und Münzen.

Seit Januar 1862 gelten in den Philippinen die folgenden Maasse, Gewichte und Münzen.

Längenmaasse:

1 Braza = 1 Doppelvara von Burgos = 1,671 Meter (= 5,3205 Rh.-Fuss)
1 Vara = 1 Vara (Elle) desgl. = 0,835 Meter (= 2,66 Rh.-Fuss)
1 pié = 1 pié (Fuss) desgl. = 0,278 Meter (= 0,89 Rh.-Fuss).

Wegemaasse:

1 Legua (L.) sehr nahe 20,000 piés = 3 Seemeilen (Sm.) 20 L. = 60 Sm. = 15 geogr. oder deutsche Meilen (M.) = 69 engl. Meilen = 111,1 Kilometer.

Feldmaasse:

1 Quiñon, (spr. Kinión) = 10 Balístas = 100 Loánes = 10,000 Brázas cuadrádas = 27949,486 Quadrat-Meter = 2,79495 Hektar. 1 Hektar = 3577,833 Brazas cuadrádas = 0,35778 Quiñones = 3,5778 Balistas = 35,778 Loánes.

Die hier zu Grunde gelegte Braza cuadr. ist die von 4 Varas cuadr. de Burgos. 1 Quiñon = 10,946, also sehr nahe = 11 preuss. Morgen).

Getreidemaasse:

1 Cabán (Caván) = 25 Gántas = 200 Chúpas = 800 Apatánes = 75 Liter = 1,35132 Fanégas de Castilla.

Von 1. Januar 1862 gilt der am 1. Januar 1860 in Manila eingeführte Caban als gesetzliches Maass für alle Provinzen. Er misst genau 75 Liter oder in Form eines Würfels 422 mm. innerer Seite, oder 5990,96 span. Kubikzoll. (Der Caban von 1859 hatte 80,00919 Liter.)

(1 Ganta = 3 Liter, 1 Preuss. Metze = 3 Quart. 1 Ganta verhält sich also zu 1 preuss. Metze (= ​1⁄16​ Scheffel) genau wie 1 Liter zu 1 Quart. 1 Caban = 1,362 Scheffel. 1 Caban Reis wiegt 128 bis 137 Pf. span. = 59 bis 63 Kilogr.

Flüssigkeitsmaasse:

1 Ganta = 8 Chupa = 3 Liter.

Die Tinája (grosser Thonkrug) ist ein willkürliches Maass und bedeutet eine Anzahl Gantas, die in jedem Kontrakte besonders bestimmt wird oder durch Gebrauch feststeht, z. B. 1 Tinája Cocosöl der Laguna = 16 Gantas.

Gewichte:

1 Quintál = 1 Quintál de Castilla = 4 Arróbas = 46,009 Kilogramm.

1 Arroba = 25 Libras (Pfund span.) = 11,502 Kilogr.

1 Libra = 2 Marcos = 0,460 Kilogr. 1 Marco = 8 Onzas = 0,230 Kilogr.

1 Onza = 16 Adarmes = 28,76 Gramm. 1 Adarme = 36 Granos = 1,80 Gramm. 1 Grano = 0,05 Gramm.

Schwere Gewichte.

1 Pico = 10 Chinántas = 100 Cátes = 1600 Tael = 137,500 Libras de Castilla = 63,262 Kilogr. (1 Tael = 22000 Adarmes = 39,539243 Kilogr.)

Der Píco (Pikul) ist kein festes Gewichtsmaass, er variirt selbst in China. In Manila hat sich durch den Gebrauch das Verhältniss 1 Píco = 137,5 Libras de Castilla festgestellt. In den chinesischen Häfen und in Singapore haben die Engländer den Pikul = 133⅓ Pfund engl. eingeführt. 1 Píco von Manila = 140 Pf. engl., 1 Pikul (engl.) = 131,4 Libras de Castilla.

1 (Schiffs)-Tonne, früher = 16 Picos (1012 Kilogramm), jetzt = 1000 Kilogr.; dem Maasse nach = 1 Kubikmeter.

Gewicht für edle Metalle:

1 Tael = 10 Mas = 100 Condrín = 754,75 Granos del Marco de Castilla = 37,68 Gramm.

Münzen:

1 span. Dollar ($) = 2 Escúdos (Esc.) = 5 Pesetas = 8 Réales plata (r.) = 160 Cuartos (cu.) = 100 Centésimos (ce).

Im täglichen Verkehr wird nach Cuartos, im Grosshandel nach Centisimos gerechnet. Der Escudo ist erst seit 1. Juli 1865 für alle amtlichen Rechnungen in Spanien und den Kolonien eingeführt, um die spanische Währung dem Dezimalsystem anzupassen.

(In Spanien wird der Dollar in 20 Reales vellon (rv.) getheilt. 1 Real vellon = 8,5 Cuartos, = 34 Maravedis.)

Die in Manila 1861 errichtete Münze prägt Gold: 4 $, – 2 $, – 1 $-Stücke, Silber: 0,5 $ = 1 Escudo; seit 1866 auch 0,2 $ = 4 rv., — 0,1 $ = 2 rv.

Der Kurs des $ pflegt zwischen 42 und 44 Silbergroschen zu schwanken.

In den spanischen Kolonien bestehn keine Wuchergesetze. Alljährlich wird in Spanien der gesetzliche Zinsfuss für Fälle, wo kein besonderer Zins verabredet worden, festgestellt.

ERSTES KAPITEL

EINLEITENDE BEMERKUNGEN

MERIDIANDIFFERENZ.—HANDELSGEBIET DER PHILIPPINEN.—THEILUNG DER ERDE.—ERSTER ANBLICK MANILA’S.—ERDBEBEN.

Wenn es in Madrid Mittag schlägt, so ist es in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, mehr als 8 Uhr Abends, genau 8h 18m 41s; d. h. Manila liegt 124° 40′ 15″ östl. von Madrid (7h 54m 35s von Paris. Conn. des temps). Wenn früher aber Madrid Neujahr feierte, so war in Manila erst Sylvester.

Da Magellan, der die Philippinen 1521, bei jener denkwürdigen ersten Weltumsegelung entdeckte, sich in derselben Richtung um die Erde bewegte, wie die Sonne in ihrem scheinbaren täglichen Lauf, so hatte er für jeden Grad, den er weiter nach Westen vordrang, vier Minuten später Mittag, und als er die Philippinen erreichte, betrug der Unterschied fast 16 Stunden. Er scheint dies aber nicht bemerkt zu haben, denn Elcano, der Führer des einzigen geretteten Schiffes, wusste nicht, als er zum Meridian seiner Abfahrt zurückkehrte, dass er nach der Schiffsrechnung einen Tag weniger zählen musste, als in dem Hafen, den er durch fortgesetztes Westwärtsfahren wieder erreicht hatte.[1][2]

In den Philippinen blieb jener Umstand gleichfalls unberücksichtigt; deshalb war dort Sylvester, wenn in der übrigen Welt Neujahr begonnen hatte, und so ging es fort bis Ende 1844, wo man sich, nach eingeholter Genehmigung des Erzbischofs, entschloss, den Sylvestertag einmal gänzlich zu überspringen.[3] Seitdem liegen die Philippinen nicht mehr im fernsten Westen, sondern im fernen Osten, und sind ihrem Mutterlande um 8 Stunden voraus. Ihr eigentliches Handelsgebiet ist aber unser ferner Westen; von dort her wurden sie kolonisirt, und Jahrhunderte lang, bis 1811, hatten sie fast keinen andern Verkehr mit Europa als mittelbar, durch die jährliche Reise der Nao zwischen Manila und Acapulco. Nun aber, wo endlich die östlichen Gestade des stillen Meeres sich bevölkern und mit beispielloser Schnelligkeit ihrer grossen Zukunft entgegen gehen, werden die Philippinen nicht länger in ihrer bisherigen Abgeschlossenheit verharren können; denn für die Westküste Amerika’s liegt wohl keine tropische Kolonie Asiens so günstig; auch für Australien kann ihnen nur in einigen Beziehungen Niederländisch-Indien den Rang streitig machen. Auf den Handel mit China dagegen, dessen Stapelplatz anfänglich Manila war, so wie mit den westlicher, den atlantischen Häfen näher gelegenen Ländern Asiens, unserm fernen Osten, wird es wohl immer mehr verzichten müssen.[4]

Wenn sich die hier angedeuteten Verhältnisse verwirklichen, so würden die Philippinen oder wenigstens ihr Handelsgebiet schliesslich doch in den Bereich der westlichen Erdhälfte fallen, in welche sie die berühmten spanischen Geographen zu Badajóz verwiesen.

Nach der Bulle Alexanders VI., vom 4. Mai 1493,[5] welche die Erde durch einen Meridian in zwei Hälften theilte, sollten die auf seiner östlichen Seite zu entdeckenden heidnischen Länder den Portugiesen, die auf der westlichen den Spaniern gehören. Die Philippinen konnten daher von Letzteren nur unter der Voraussetzung in Besitz genommen werden, dass sie auf der westlichen Hälfte lägen. Die Demarkazionslinie sollte vom Nord- zum Südpol, 100 Leguas gen Abend und Mittag aller sogenannten Azoren und Capverdischen Inseln verlaufen. Durch einen am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal zu Tordesillas geschlossenen, 1506 von Julius II. bestätigten Vertrag wurde sie 370 Leguas West der Capverdischen Inseln gezogen.

Von den damals in Spanien und Portugal gebräuchlichen Leguas wurden 17½ auf einen Grad des Aequators gerechnet, im Parallel der Capverden betrugen 370 Leguas 21° 55′; nimmt man dazu die Längendifferenz zwischen der Westspitze dieser Inselgruppe und Cadix = 18° 48′, so erhält man 40° 43′ W. und 139° 17′ O. von Cadix (rund 47° W. 133° O. Gr.) als die Grenzen der spanischen Erdhälfte. Aber die zur damaligen Zeit vorhandenen Mittel waren für solche Ortsbestimmungen völlig unzureichend.

Die Breite wurde mit unvollkommenen Astrolabien oder hölzernen Quadranten gemessen und nach sehr mangelhaften Tafeln berechnet; die Abweichung der Magnetnadel war so gut wie unbekannt, ebenso das Log.[6] Für brauchbare Längenbestimmungen waren weder die Methoden noch die Instrumente erfunden. Unter solchen Umständen bewiesen 1524 zu Badajóz die Spanier den protestirenden Portugiesen, dass die östliche Grenzlinie die Gangesmündung schnitte, und sprachen sich dadurch den Besitz der Gewürzinseln zu.

In Wirklichkeit müsste die östliche Grenzlinie 46½° weiter östlich fallen; d. h. so weit wie von Berlin bis an die Küste von Labrador oder den kleinen Altai, da im Parallel von Calcutta 46½° = 2575 See-M. Albo’s Tagebuch giebt die Längendifferenz der östlichsten Inseln des Archipels von Cap Fermoso (Magellan’s Strasse) auf 106° 30′ an, während sie 159° 25′ beträgt.

Die durch die Unsicherheit der östlichen Grenzlinie veranlassten Streitigkeiten zwischen den Spaniern und Portugiesen, welche letztere früher nach den Gewürzinseln gekommen waren, wurden 1529 durch einen Vergleich beigelegt, indem Carl V. alle seine angemaassten Anrechte auf die Molukken für die Summe von 350,000 Dukaten an Portugal abtrat. Die Philippinen hatten damals keinen Werth.


Von Hongkong nach Manila sind 650 Seemeilen, fast genau S.O., die in 3 bis 4 Tagen von dem Dampfschiff zurückgelegt werden, welches alle 14 Tage die Post-Verbindung zwischen der Kolonie und der übrigen Welt herstellt.[7]

Ohne diesen kleinen Dampfer würde man in Hongkong, in dessen Hafen sich die Schiffe aller Nationen drängen, kaum vermuthen können, dass in so grosser Nähe ein Inselstaat liegt, der durch glückliche Gliederung und Fruchtbarkeit mehr als irgend ein andrer begünstigt scheint.

Obgleich die Philippinen Spanien gehören, so findet doch zwischen beiden Ländern fast kein Handel statt. Die Verbindung mit dem Mutterlande war früher der Art, dass die Ankunft eines Schiffes mit der spanischen Post durch Tedeum und Glockenläuten für die Vollbringung einer so gewaltigen Reise gefeiert wurde. Bis Portugal an Spanien fiel, war den Philippinen der Weg um Afrika verschlossen. Wie es mit der Ueberlandreise stand, zeigt der Umstand, dass zwei Augustiner, die 1603 dem Könige eine wichtige Botschaft bringen sollten, und daher den kürzeren Weg über Goa, die Türkei und Italien gewählt hatten, Madrid erst nach drei Jahren erreichten.[8]

Die bisher den Kaufleuten durch hohe Differenzialzölle aufgezwungene spanische Flagge beförderte, trotz des Schutzzolles für nationale Produkte, fast nur ausländische Waaren nach der Kolonie und die Erzeugnisse der letzteren nach fremden Häfen. Der Verkehr mit Spanien beschränkte sich auf den Transport von Beamten und Geistlichen und deren gewohnten Lebensbedürfnissen, namentlich Nahrungsmitteln, Wein, andren Flüssigkeiten (Caldos) und, einige französische Romane ausgenommen, entsetzlich geistlosen Büchern: Geschichten von Heiligen und Aehnlichem.

Die Bay von Manila ist gross genug um alle Flotten Europa’s aufzunehmen; sie gilt für eine der schönsten der Welt. Der Anblick des Landes entspricht aber, wenn man, wie der Verfasser, gegen Ende der trocknen Jahreszeit ankommt, durchaus nicht den begeisterten Schilderungen mancher Reisenden. Das kreisrunde, fünf Provinzen begrenzende Wasserbecken von fast 120 Seemeilen Umfang ist in der Gegend Manila’s von flachen Ufern umgeben, hinter welchen sich ein eben so flaches Gestadeland ausbreitet. Die karge Vegetation war von der Sonne verdorrt, nur einige Bambusbüsche und Arecapalmen, in der Ferne die blauen Berge von San Mateo unterbrachen die Einförmigkeit. Zur Regenzeit, wenn unzählige, die Ebene durchschneidende Kanäle aus ihren Ufern treten, bilden sich grosse zusammenhängende Wasserbecken, bald darauf verwandelt sich Alles in ein üppig grünendes Reisfeld.

Manila liegt zu beiden Seiten des Pásig. Die eigentliche Stadt von Mauern und Wällen umschlossen, mit niedrigen Ziegeldächern und einigen Thürmen, sah 1859 vom Meere aus einer alterthümlichen europäischen Festung ähnlich. Vier Jahre später wurde sie durch ein Erdbeben zum grössten Theil zerstört.

Am 3. Juni 1863, als ganz Manila mit den Vorbereitungen zum Frohnleichnamsfeste beschäftigt war, bebte nach einem Tage drückender Hitze um 7 Uhr und 31 Minuten Abends plötzlich die Erde, die festesten Gebäude bewegten sich, die Mauern barsten, die Balken brachen; das furchtbare Geräusch dauerte eine halbe Minute. Dieser Zeitraum war hinreichend, um die ganze Stadt in ein Ruinenfeld zu verwandeln, und hunderte von Einwohnern lebendig zu begraben. Nach einem mir mitgetheilten Briefe des General-Guvernörs wurden der Palast, die Kathedrale, die Kasernen und alle öffentlichen Gebäude Manila’s völlig zertrümmert; die wenigen stehen gebliebenen Privathäuser drohten einzustürzen. Spätere Berichte geben 400 Todte, 2000 Verwundete an und schätzen den Verlust auf 8 Millionen Doll. 46 öffentliche und 570 Privat-Gebäude waren eingestürzt, 28 öffentliche und 528 private waren dem Umsturz nahe, alle stehen gebliebenen Häuser mehr oder weniger beschädigt.

Um dieselbe Zeit fand in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, ein 40 Sekunden anhaltendes Erdbeben statt, das viele Gebäude umwarf.

Drei Jahre nach diesem Ereignisse findet der Herzog von Alençon (Luçon et Mindanao, Paris 1870 S. 38) noch überall dessen Spuren. Drei Seiten des Hauptplatzes der Stadt, auf denen sich früher der Palast, die Kathedrale, das Stadthaus erhoben, lagen da als Schutthaufen mit Gesträuch bewachsen. Alle grossen öffentlichen Gebäude waren »vorläufig« durch Holzbauten ersetzt, man dachte aber nicht daran, etwas Bleibendes zu schaffen.

Manila ist sehr häufigen Erdbeben ausgesetzt; am verhängnissvollsten die von 1601, 1610 (30. Nov.), 1645 (30. Nov.), 1658 (20. Aug.), 1675, 1699, 1796, 1824, 1852, 1863. — 1645 kamen 600 Personen um[9], nach Andern sogar 3000,[10] die unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden. Von allen öffentlichen Gebäuden blieben nur das Kloster, die Kirche der Augustiner und die der Jesuiten stehen.

Kleine Erdstösse, welche plötzlich alle Hängelampen in Schwingung versetzen, finden sehr oft statt und bleiben gewöhnlich unbeachtet. Die Häuser sind mit Rücksicht auf diesen Umstand nur einstöckig, und der lockere, vulkanische Tuff, aus dem sie gebaut, mag zur Milderung der Stösse beitragen. Höchst unzweckmässig aber erscheinen unter solchen Verhältnissen die schweren Ziegeldächer. Auch in den Provinzen sind Erdstösse sehr häufig, richten aber, weil die Häuser nur aus Brettern oder Bambus und Palmenblättern bestehn, gewöhnlich so wenig Schaden an, dass sie gar nicht erwähnt werden.

Herr Alexis Perrey giebt in den Mém. de l’Acad. de Dijon 1860 ein mit grossem Fleiss aus der ihm zugänglichen Literatur zusammengestelltes Verzeichniss von Erdbeben, welche die Philippinen und besonders Manila heimgesucht haben. Selbst über die bedeutenderen sind die Nachrichten sehr spärlich, die Daten oft schwankend. Von unerheblicheren sind nur einige wenige angeführt, die von zufällig anwesenden wissenschaftlichen Männern verzeichnet wurden.

Ein sehr heftiges fand nach Aduarte (I. 141) 1610 statt. Ich lasse die Uebersetzung der betreffenden Stelle abgekürzt folgen, da ich es sonst nirgends erwähnt finde:

Ende November dieses Jahres (1610) am St. Andreas-Tage fand in diesen Inseln, von Manila bis an das äusserste Ende der Provinz Neu-Segóvia (das ganze nördliche Luzon), eine Entfernung von 200 Leguas, ein so furchtbares Erdbeben statt, wie man es nie erlebt hatte; es that grossen Schaden im ganzen Lande, in der Provinz Ilocos begrub es Palmbäume und liess nur die Blattkronen über der Erde, Berge wurden durch die Gewalt des Erdbebens gegen einander geschoben, viele Gebäude zerstört und Menschen getödtet. Am meisten aber wüthete es in Neu-Segóvia, wo es Berge öffnete, und neue Wasserbecken aufthat; die Erde spie grosse Haufen Sand aus und schwankte der Art, dass die Leute, da sie nicht aufrecht stehen konnten, sich auf die Erde setzten und am Boden festbanden als wären sie in einem Schiff auf stürmischer See. In dem von den Mendayas bewohnten Höhenzuge stürzte ein Berg ein, zertrümmerte dabei ein Dorf und erschlug die Bewohner. Ein grosses Stück Land am Fluss versank, so dass jetzt da, wo früher Hügel meist von ansehnlicher Höhe gestanden, die Oberfläche fast dem Wasserspiegel gleich ist. Im Flussbett war die Bewegung so stark, dass sich Wellen erhoben wie im Meer oder als ob das Wasser von fürchterlichem Winde gepeitscht würde. Die steinernen Gebäude litten den meisten Schaden, unsere Kirche und Convento stürzten ein ....


[1] Navarrete IV. 97. Obs.2a. [↑]

[2] Nach Albo’s Schiffsjournal wurde er den Unterschied an den Capverdischen Inseln gewahr, am 9. Juli 1522. »y este dia fue miercoles, y este dia tienen ellos por jueves.« [↑]

[3] In einer Anmerkung zu Seite 18 der meisterhaften englischen Uebersetzung Morga’s finde ich die auffallende Angabe, dass gleichzeitig eine ähnliche Berichtigung in Macao vorgenommen wurde, wo die Portugiesen, die von Osten gekommen waren, den entgegengesetzten Fehler von einem Tage hatten. [↑]

[4] Zu Ende des 16ten Jahrhunderts belief sich die Abgabe von den aus China eingeführten Waaren auf 40,000 Doll., die Einfuhr also wenigstens auf 1⅓ Million. 1810 nach 250-jähriger ungestörter Herrschaft der Spanier war letztere auf 1.150.000 Doll. gesunken. Seit dem steigt sie allmälig und betrug 1861: 2.130.000 Doll. [↑]

[5] Navarrete IV. 54. Obs. 1a. [↑]

[6] Nach Gehler’s Phys. Lex. VI, 450 wird das Log zuerst von Purchas auf einer Reise nach Ostindien 1608 erwähnt. Pigafetta führt es nicht an in seinem Trattato di Navigazione, aber S. 45 seiner Erzählung heisst es: Secondo la misura che facevamo del viaggio colla cadena a poppa, noi percorrevamo 60 a 70 leghe al giorno. Das wäre so viel wie unsere schnellsten Dampfer, 10 Knoten. [↑]

[7] Die europäische Post geht über Singapore und Hongkong nach Manila. Ersteres ist von beiden Orten etwa gleich entfernt. Man konnte die Briefe also eben so schnell in den Philippinen haben als in China, wenn man sie direkt aus Singapore holte. In diesem Falle würde aber die Dampfverbindung mit Hongkong beibehalten werden müssen, doch ist bis jetzt der Verkehr noch zu unentwickelt, um die doppelte Ausgabe tragen zu können.

Nach dem Bericht des engl. Konsuls (Mai 1870) läuft gegenwärtig ausser dem Regierungsschiff auch ein Privat-Dampfer zwischen Hongkong und Manila. Die Zahl der Passagiere nach China betrug 1868: 441 Europäer. 3048 Chinesen, zusammen 3489. Nach Manila 330 Europäer, 4664 Chinesen, zusammen 4994. Der Fahrpreis ist 80 Doll. für Europäer, 20 Doll. für Chinesen. [↑]

[8] Zuñiga, Mavers I. 225. [↑]

[9] Zuñiga XVIII, M. Velarde f. 139. [↑]

[10] Capt. Salmon, Goch. S. 33. [↑]

Barre des Pasig, Manila.

ZWEITES KAPITEL

RHEDE. — ZOLLWESEN. — GESCHICHTE DES HANDELS. — SPANISCHE KOLONIALPOLITIK. — REISEN DER GALEONEN.

Die Zollvisitation und die vielen, von den einheimischen Subalternbeamten ohne alle Rücksichten nach dem Buchstaben gehandhabten Förmlichkeiten erschienen dem neu Angekommenen um so lästiger, da er eben erst in den englischen Freihäfen Ostasiens verkehrt hatte. Auf die Bürgschaft eines angesehenen Kaufmanns wurde ihm nach 16 Stunden als eine besondere Gunst die Landung gestattet, jedoch ohne das kleinste Gepäckstückchen.

Die Rhede ist im S.W. Monsun und zur Zeit der von Stürmen begleiteten Monsunwechsel unsicher; dann suchen grössere Schiffe in dem 7 SM. entfernten Cavite Schutz; im N.O. Monsun können sie ½ L. vom Lande ankern. Fahrzeuge von weniger als 300 Tonnen gelangen über die Barre in den Fluss Pásig, wo sie bis zur Brücke, unmittelbar am Ufer, und bis in die Mitte des Flusses hinein, in dicht gedrängten Reihen liegen, und durch ihre Anzahl sowohl, wie durch das zwischen ihnen herrschende rege Treiben von der Lebhaftigkeit des Binnenhandels zeugen.

In jedem Regenmonsun führt der Pásig der Barre so viel Schlamm zu, dass dessen Fortschaffung die Thätigkeit der aufgestellten Baggermaschine wie es scheint vollauf in Anspruch nimmt.

Die geringe Zahl von Schiffen auf der Rhede, besonders fremder Flaggen, war um so auffallender, als, ausser Manila, kein Hafen des Archipels mit dem Auslande verkehrte. Allerdings hatten seit 1855 noch drei andere Häfen diese Berechtigung erhalten (später kam noch ein vierter dazu), zur Zeit meiner Ankunft, März 1859, war aber noch keiner von einem fremden Schiffe besucht worden; erst einige Wochen später traf das erste englische Fahrzeug in Iloílo ein, um Zucker für Australien zu laden.[1]

Der Grund jener Erscheinung lag zum Theil in der geringen Entwicklung des Landbaues, trotz der ausserordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens, zum grösseren Theil aber wohl in veralteten, den Verkehr künstlich beschränkenden Verordnungen. Die Zölle waren an und für sich nicht sehr hoch: im Allgemeinen 7 Procent vom Werth für Schiffe unter spanischer Flagge; für fremde Flaggen aber das Doppelte, und wenn die Waaren spanischen Ursprungs, 3 Proc. für nationale, 8 Proc. für fremde Flaggen. Letztere konnten daher in der Regel nur mit Ballast einlaufen.[2] Da aber die Hauptbedürfnisse der Kolonie aus England und dem Auslande eingeführt wurden, so mussten sie entweder für spanische Fahrzeuge, welche fast dreifache Fracht berechnen (4–5 statt 1½–2 Pf. Sterl. per Tonne), und nur in grossen Zwischenräumen in englischen Häfen erscheinen, aufbewahrt, oder in fremden Schiffen nach Singapore oder Hongkong geschickt werden, wo sie auf spanische Schiffe umgeladen wurden. Ausserdem wurden selbst von Schiffen in Ballast, und solchen, die ohne zu löschen oder Fracht einzunehmen, wieder ausliefen, Tonnengelder erhoben, und wenn ein solches Fahrzeug auch nur ein Päckchen landete, so wurde es nicht mehr als in Ballast betrachtet, sondern nach einer viel höheren Taxe besteuert. Ein Schiff musste also durchaus keine, oder so viel Ladung haben, dass es die erhöhten Hafengelder decken konnte, was für ausländische wegen der Differenzialzölle, die einem Verbote gleich wirkten, beinahe unmöglich war. Fremde Fahrzeuge kamen daher fast immer nur in Ballast, und wenn sie für einen bestimmten Zweck besonders herbeigerufen wurden.

Die Kolonie exportirt fast nur Rohprodukte, die mit einem Ausfuhrzoll von 3 Procent belastet waren; für die spanische Flagge betrug er nur 1 Procent; da aber fast keine Ausfuhr nach Spanien stattfindet, und spanische Schiffe, wegen ihrer theuren Frachten, vom Weltverkehr ausgeschlossen sind, so war die Begünstigung für den Handel nur eine scheinbare.[3] Diese ungeschickten, mit endlosen misstrauischen Formen gehandhabten Zollgesetze verscheuchten alle frachtsuchenden Schiffe vom Hafen, so dass Aufträge auf Landeserzeugnisse zuweilen nicht ausgeführt erden konnten. So gering war der Schiffsverkehr, dass der Gesammtertrag der hohen Hafengelder nach einem zehnjährigen Durchschnitt kaum 10,000 Doll. erreichte.

An und für sich ist die Lage Manila’s für den Welthandel sehr günstig, als Zentralpunkt zwischen Japan, China, Anam, den englischen und holländischen Häfen des Archipels und Australien.[4]

Während des N.O. Monsun, in unseren Wintermonaten, wo die Schiffe vom indischen Archipel nach China, um einige Deckung zu haben, durch die Gilolostrasse gehn, müssen sie überdies dicht an Manila vorbei, und würden dort eine bequeme Station finden; namentlich aber liegen die Philippinen wie bereits erwähnt, für die Westküste Amerikas sehr günstig.

Dass das spanische Ultramar-Ministerium diese Verhältnisse richtig erkennt und ihnen Rechnung trägt, geht aus dem für die Zukunft der Kolonie so wichtigen Dekret vom 5. April 1869 hervor, das wohl schon früher erschienen wäre, wenn nicht die durch Schutzzölle verwöhnten spanischen und kolonialen Schiffsrheder sich hartnäckig gegen eine Neuerung gesträubt hätten, die ihre bisherigen Privilegien antastet und sie zu grösserer Rührigkeit zwingt.

Die bemerkenswerthesten Punkte dieser neuen Verordnung sind: Ermässigung der Differenzialzölle und ihr gänzliches Erlöschen nach zwei Jahren, Abschaffung aller Ausfuhrzölle und das Verschmelzen mehrerer lästiger Hafengebühren in einen einzigen Hafenzoll.[5]

Als die Spanier nach den Philippinen kamen, fanden sie die Eingeborenen mit Seiden- und Baumwollenstoffen bekleidet, die von chinesischen Schiffen im Austausch gegen Goldstaub, Sapanholz,[6] Holothurien, essbare Vogelnester und Häute eingeführt wurden.[7] Auch mit Japan, Cambodia, Siam,[8] den Molukken und dem malayischen Archipel standen die Inseln in Verkehr; de Barros erwähnt Schiffe von Luzon, die 1511 Malacca besuchten.[9]

Durch die grössere Sicherheit, die mit den Spaniern in’s Land kam, mehr noch durch den von ihnen eröffneten Verkehr mit Amerika und mittelbar mit Europa, nahm der Handel schnell zu und erstreckte sich über Vorder-Indien bis an den persischen Meerbusen. Manila wurde zum Stapelplatz für die Erzeugnisse Ostasiens und befrachtete damit die Galeonen, die von 1565 an nach Neu-Spanien (zuerst nach Navidad, von 1602 ab nach Acapulco) fuhren und als Rückfracht vorzüglich Silber brachten.[10] Die Kaufleute in Neu-Spanien und Peru fanden diesen Handel gleichfalls so vortheilhaft, dass dadurch der Einfuhr aus dem Mutterlande, dessen Fabrikate gegen die indischen Baumwollen und die chinesischen Seidenstoffe nicht konkurriren konnten, grosser Abbruch geschah. Die verwöhnten Monopolisten von Sevilla verlangten daher das Aufgeben der Kolonie[11], die jährlich beträchtlicher Zuschüsse bedurfte, das Mutterland in der Ausbeutung der amerikanischen Besitzungen hinderte, und das Silber aus den Reichen Sr. Majestät in die Hände der Heiden gelangen liess. Schon der Gründung der Kolonie hatten sie grosse Hindernisse in den Weg gelegt.[12] Jenes Verlangen scheiterte aber an dem Ehrgeiz der Krone und am Einfluss der Geistlichkeit; doch wurde, den damals allgemein gültigen Ansichten durchaus entsprechend[13], zu Gunsten des Mutterlandes den Kaufleuten von Peru und Neu-Spanien verboten, Waaren aus China unmittelbar oder über Manila zu beziehen. Den Bewohnern der Philippinen allein blieb gestattet, chinesische Waaren in Amerika einzuführen, aber nur bis zum Werthe von 250,000 Doll. jährlich, die Rückfracht ward auf 500,000 Doll. beschränkt.[14]

Später wurde erstere Summe auf 300,000 Doll. mit entsprechender Rückfracht erhöht, den Spaniern aber untersagt, China zu besuchen, so dass sie die Ankunft der Junken abwarten mussten. 1720 endlich wurden chinesische Stoffe in allen spanischen Besitzungen beider Welttheile gänzlich verboten. Eine Verordnung von 1734 (mit Zusätzen von 1769) gestattete den Handel mit China auf’s Neue und erhöhte das Werthmaximum der Fracht nach Acapulco auf 500,000 Doll., die Rückfracht auf 1,000,000 Doll. Silber.

Nachdem endlich die auf Kosten der Staatskasse erhaltene Nao von Acapulco ihre Reisen eingestellt (die letzte Galeon verliess Manila 1811 kehrte 1815 von Acapulco zurück), wurde der Handel mit Amerika durch Kauffahrer betrieben, denen 1820 erlaubt ward, bis zu 750,000 Doll. jährlich aus den Philippinen auszuführen und ausser Acapulco auch San Blás, Guayaquíl und Calláo anzulaufen. Dieses Zugeständniss war aber nicht ausreichend, um den Philippinischen Handel für seine durch den Abfall Mexico’s von Spanien erlittenen Verluste zu entschädigen. Die Besitznahme Manila’s durch die Engländer (1762) hatte die Bewohner mit Gewerbserzeugnissen bekannt gemacht, welche ihnen die Einfuhren von China und Indien nicht bieten konnten. Um der Nachfrage zu genügen, wurden Ende 1764 spanische Kriegsschiffe mit Produkten der spanischen Industrie (Wein, Esswaaren, Hüte, Tuche, Kurzwaaren und Luxusgegenstände) nach der Kolonie gesandt.

Die an den bequemen Acapulco-Handel gewöhnten Manila-Kaufleute sträubten sich aber gewaltig gegen diese Neuerung, obgleich sie gute Geschäfte dabei machten; denn die Krone kaufte die indischen und chinesischen Waaren für die Rückfracht in Manila doppelt so theuer als an den Ursprungsorten. 1784 traf das letzte jener Schiffe ein.[15]

Europäischen Fahrzeugen war nach der englischen Invasion streng verboten, Manila zu besuchen; da dieses aber die indischen Waaren nicht entbehren mochte und sie nicht durch eigne Schiffe holen konnte, so wurden sie in englischen und französischen Böden eingeführt, die einen türkischen Namen und einen indischen Schein-Kapitän erhielten.[16]

1785 erlangte die Compañia de Filipinas das Handelsmonopol zwischen Spanien und der Kolonie, durfte sich aber nicht in den direkten Verkehr zwischen Acapulco und Manila mischen. Sie wollte grosse Massen von Kolonialprodukten, Seide, Indigo, Zimmet, Baumwolle, Pfeffer etc. für die Ausfuhr erzielen (ähnlich wie es später durch das Kultursystem in Java geschah); da sie aber nicht über Zwangsarbeit verfügte, so misslang die plötzliche künstliche Steigerung des Landbaues vollkommen.

Durch ihr falsches System und die Unfähigkeit ihrer Beamten erlitt sie grosse Verluste (sie zahlte z. B. 13,5 Doll. für den Pico Pfeffer, der 3–4 Doll. in Sumatra galt).

1789 wurde fremden Schiffen gestattet, Waaren aus China und Indien einzuführen, aber keine europäischen. 1809 erhielt ein englisches Handelshaus Erlaubniss, sich in Manila niederzulassen.[17] 1814, nach dem Friedensschluss mit Frankreich, ward es, unter mehr oder weniger Beschränkungen, allen Fremden gestattet.[18]

1820 wurde auf 10 Jahre der direkte Handel zwischen den Philippinen und Spanien freigegeben, ohne Beschränkung für die Produkte der Kolonie, vorausgesetzt, dass die Erzeugnisse Indiens und China’s 50,000 Doll. bei jeder Expedition nicht überstiegen. Von 1834 an, wo das Privilegium der Philippinischen Kompanie erlosch, ist in Manila der freie Verkehr mit dem Auslande gestattet, doch zahlten fremde Schiffe doppelte Zölle. Seit 1855 sind noch vier neue Häfen dem Weltverkehr geöffnet; 1869 ist der oben erwähnte freisinnige Tarif erlassen worden.

Heute nach drei Jahrhunderten ungestörten Besitzes hat Manila in jenen Meeren durchaus nicht mehr dieselbe Bedeutung, die es bald nach Ankunft der Spanier errang. Die Verschliessung Japans und der indo-chinesischen Reiche, besonders in Folge der Zudringlichkeit und Anmaassung katholischer Missionäre,[19] der Abfall der Kolonien an der Westküste Amerika’s, vorzüglich aber das lange Festhalten einer misstrauischen Handels- und Kolonial-Politik bis in die Gegenwart, während bedeutende Emporien in günstigerer Lage mit grossartigen Mitteln und nach freisinnigen Grundsätzen in Britisch- und Niederländisch-Indien entstanden, — alle diese Umstände haben dies Ergebniss herbeigeführt und den China-Handel in andere Bahnen geleitet. Die Ursachen liegen eben so klar zu Tage wie ihre Wirkung, doch würde man irren, wenn man die befolgte Politik der Kurzsichtigkeit zuschreiben wollte. Die Spanier hatten bei ihrer Kolonisation zum Theil religiöse Zwecke im Auge, abgesehen davon fand aber die Krone in der Verfügung über die äusserst einträglichen Kolonialämter einen grossen Machtzuwachs. Sie selbst sowohl als ihre Begünstigten hatten nur die unmittelbare Ausnutzung der Kolonien im Sinne, und weder die Absicht noch die Kraft, den natürlichen Reichthum der Länder durch Ackerbau und Handel zu erschliessen. Unzertrennlich von diesem System war die strenge Ausschliessung der Fremden.[20] Mehr noch als in Amerika schien es in den abgelegenen Philippinen nöthig, die Eingeborenen gegen alle Berührung mit dem Auslande abzuschliessen, wenn die Spanier im ungestörten Besitz der Kolonie bleiben wollten. Bei dem erleichterten Verkehr der Gegenwart und den Ansprüchen des Welthandels an die Produktionskraft eines so ausserordentlich fruchtbaren Gebietes sind aber die früheren Schranken nicht mehr aufrecht zu halten, es muss daher der kürzlich eingeführte freisinnige Zolltarif als eine durchaus zeitgemässe Massregel begrüsst werden.


Die mehrfach erwähnten Reisen der Galeonen zwischen Manila und Acapulco nehmen eine so hervorragende Stelle in der Geschichte der Philippinen ein und gewähren einen so interessanten Einblick in das alte Kolonialsystem, dass sie wenigstens in ihren Hauptzügen kurz geschildert zu werden verdienen.

Zu Morga’s Zeit, Ende des 16ten Jahrhunderts, kamen jährlich 30–40 chinesische Junken nach Manila (gewöhnlich im März); Ende Juni ging die Nao (oder Galeon) nach Acapulco ab. Der Acapulcohandel, dessen Geschäft sich auf die dazwischen liegenden drei Monate im Jahr beschränkte, war so gewinnbringend, bequem und sicher, dass die Spanier sich in keine andere Unternehmungen einlassen mochten.

Da der Raum des einzigen jährlichen Schiffes dem Zudrang durchaus nicht entsprach, so vertheilte ihn der Guvernör nach seinem Dafürhalten, und die Begünstigten trieben gewöhnlich nicht selbst Handel, sondern übertrugen ihre Konzessionen an Kaufleute.

Nach de Guignes[21] wurde der Frachtraum der Nao in 1500 Theile getheilt, von denen eine grosse Anzahl den Klöstern, der Rest bevorzugten Personen zufiel. In Wirklichkeit war der amtlich auf 600,000 Doll. beschränkte Werth der Ladung beträchtlich höher, und diese bestand vorzugsweise in indischen und chinesischen Baumwollen- und Seidenstoffen (unter andern 50,000 Paar seidene Strümpfe aus China) und Goldschmuck. Die Rückfracht belief sich auf 2 bis 3 Millionen Dollars.

Alles war bei diesem Handel im Voraus bestimmt: Zahl, Form, Grösse und Werth der Waarenballen, ja sogar ihr Verkaufspreis. Da dieser dem doppelten Kostenpreis gleichkam, so entsprach die Erlaubniss, Waaren für einen gewissen Betrag zu verschiffen, unter gewöhnlichen Verhältnissen dem Geschenk eines solchen Betrages. Solche Erlaubnissscheine (Boletas) wurden daher später zum grossen Theil an Pensionäre, Offizierswittwen und als Gehaltszulagen an Beamte gegeben, doch durften die also Begünstigten unmittelbar keinen Gebrauch davon machen, denn zum Acapulcohandel waren nur die Mitglieder des Consulado (einer Art Handelsgericht) berechtigt, die einen mehrjährigen Aufenthalt im Lande und 8000 Doll. Kapital nachweisen mussten.

Der Astronom Legentil[22] beschreibt ausführlich die zu seiner Zeit geltenden Verordnungen und deren Umgehung: die Ladung war auf 1000 Ballen, jeder zu 4 Pack[23] zum Werth von 250 Doll. festgesetzt. Die Zahl der Ballen durfte nicht überschritten werden, sie enthielten aber in der Regel mehr als 4 Pack, und ihr Werth überstieg den vorgeschriebenen so sehr, dass eine Boleta 200–225 Doll. galt. Die Beamten gaben wohl Acht, dass keine Güter ohne Boleta an Bord geschmuggelt wurden; die Jagd auf letztere war daher zuweilen so eifrig, dass Comyn später[24] für das Frachtrecht von Gütern, die kaum 1000 Doll. werth waren, 500 Doll. bezahlen sah. Die Kaufleute borgten das Geld für ihre Unternehmungen gewöhnlich von den obras pias, frommen Stiftungen, welche bis auf die Gegenwart die Stelle von Banken vertraten.[25] In der frühesten Zeit verliess die Nao Cavite im Juli, ging mit S.W. Winden nordwärts über den Kalmengürtel hinaus, bis sie in 38 oder 40° westliche Winde traf.[26] Später war den Schiffen vorgeschrieben, mit den ersten S.W. Winden Cavite zu verlassen, längs der Südküste von Luzon durch die San Bernardino-Strasse und in 13° N.Breite[27] so weit östlich als möglich zu fahren, bis der N.O. Passat sie zwang, in höheren Breiten N.W. Winde aufzusuchen. Dann sollten sie, so lange als möglich, die Breite von 30°,[28] statt wie früher 37° und mehr innehalten. Dem Kapitän war nicht erlaubt, sogleich weiter nördlich zu gehn, obgleich er dann eine viel schnellere und sichere Fahrt gehabt und das Gebiet des Regens früher erreicht hätte. Und doch war namentlich letzteres für ihn von höchster Wichtigkeit, denn die mit Gütern überfüllten Schiffe hatten nur wenig Raum für Wasser übrig und waren, obgleich sie 4–600 Mann an Bord zu haben pflegten, ausdrücklich auf den unterwegs aufzufangenden Regen angewiesen und zu dem Ende mit besonderen Vorrichtungen von Matten und Bambusrinnen versehen.[29]

Wegen der Unbeständigkeit der Winde waren die Reisen in so niedrigen Breiten äusserst beschwerlich und dauerten fünf Monate und darüber. Die Furcht, das reiche, unbeholfene Schiff den kräftigen, zuweilen stürmischen Winden höherer Breiten auszusetzen, scheint dieser Vorschrift zu Grunde gelegen zu haben.

Sobald die Schiffe an die grosse Sargassobank gelangten, schlugen sie einen südlichen Kurs ein und liefen dann die Südspitze der Californischen Halbinsel (San Lucas) an, wo Nachrichten und Erfrischungen für sie bereit gehalten wurden.[30] In der ersten Zeit aber müssen sie Amerika viel nördlicher, etwa bei Cap Mendocino erreicht haben und in Sicht der Küste südlich gefahren sein, denn als Vizcaino 1603 seine Entdeckungsreise von Mexico nach Californien unternahm, fand er die bedeutenderen Berge und Caps, obgleich sie nie von Europäern betreten waren, schon benannt, weil sie den Galeonen als Landmarken gedient hatten.[31]

Die Rückkehr nach den Philippinen war bequem und dauerte nur 40–60 Tage.[32] Das Schiff verliess Acapulco im Februar oder März, lief südwärts, bis es, gewöhnlich in 10 oder 11° N., den Passat traf, mit dem es ohne Mühe nach den Ladronen, von da über Samar nach Manila ging.[33]

Eine Galeon oder Nao maass 1200–1500 Tonnen und führte 50–60 Kanonen, letztere aber gewöhnlich im Schiffsraum, wenigstens bei der Reise ostwärts. Auf der Heimkehr, wo es nicht an Platz mangelte, wurden die Kanonen aufgestellt.

Fray Gaspar (S. 436) erzählt von der Nao Sa. Ana, die Thomas Candish 1586 an der Küste von Californien kaperte und verbrannte: »Die Unsrigen fuhren so sorglos, dass sie ihre Artillerie als Ballast mit sich führten ... der Korsar machte eine so glückliche Reise, dass er in London einlief mit Segeln von chinesischem Damast und seidenem Tauwerk.«

In Acapulco wurde die Ladung mit 100 Prozent Nutzen verkauft und in Silber, Cochenille, Quecksilber etc. bezahlt. Der Gesammtwerth der Rückfracht mochte 2–3 Millionen Doll. betragen[34], wovon 250,000 bis 300,000 Doll. für Rechnung des Königs.

Die Rückkehr des Schiffs in Manila, mit Silberdollars und neuen Ankömmlingen beladen, war ein grosses Fest für die Kolonie. Ein beträchtlicher Theil des ohne Anstrengung wie im Spiel gewonnenen Geldes wurde gewöhnlich schnell verprasst; dann sank Alles wieder in die gewohnte Leblosigkeit zurück.

Oft aber gingen auch Schiffe verloren, da sie über die Grenzen der Verordnungen und der Vorsicht, mit grosser Beeinträchtigung ihrer Seetüchtigkeit beladen und schlecht geführt waren; denn nicht Fähigkeit, sondern Gunst entschied bei dem Vergeben der sehr einträglichen Stellen.[35] Mehrere Galeonen fielen englischen und holländischen Kapern in die Hände.[36] Auch der Gewinn nahm immer mehr ab, da die Compañia de Filipinas später das Recht erhielt, indische Baumwollenstoffe, die einen Hauptbestandtheil der Ladung bildeten, mit 6 Prozent Zoll über Veracruz in Neu-Spanien einzuführen, und Engländer und Amerikaner diese und andre Waaren einschmuggelten.[37] Schliesslich sei hier noch erwähnt, dass die spanischen Dollars durch die Nao über Manila nach China und Hinterindien gelangten, wo sie noch gegenwärtig Handelsmünze sind.

Lastboot (Casco).

Nach der Zeichnung eines Tagalen.


[1] Die Oeffnung dieser Häfen hat sich so erspriesslich erwiesen, dass darüber einige interessante Thatsachen in einem besonderen Kapitel mitgetheilt werden sollen, — grösstentheils nach mündlichen und schriftlichen Bemerkungen des vor drei Jahren verstorbenen englischen Vizekonsuls N. Loney und nach späteren Konsulatsberichten. [↑]

[2] 1868 liefen 112 fremde Schiffe von 74,054 Tonnen, 93 spanische von 26,762 Tonnen in Manila ein; erstere kamen fast alle in Ballast, und verliessen den Hafen mit Ladung; letztere kamen und gingen beladen. (Ber. d. engl. Konsuls 1869.) [↑]

[3] 1868 14,013,108 Doll. Gesammtausfuhr, England 4,857,000 Doll., das ganze übrige Europa 102,477 Doll., wobei freilich der von der Kolonie nach Spanien gesandte Tabakstribut (3,169,114 Doll.) nicht mitgerechnet wird (Ber. engl. Kons. 1869). [↑]

[4] Lapérouse nennt Manila die vielleicht am glücklichsten gelegene Stadt der Welt. [↑]

[5] Näheres über das Zollwesen s. im Anhange. [↑]

[6] Sapán oder Sibucao, Caesalpinia Sappan. Das Fernambuk- oder Brasilholz, dem das Kaiserreich Brasilien seinen Namen verdankt, kommt von C. echinata und C. brasiliensis. (Die älteste Karte von Amerika bemerkt vom Lande des Brasil[holzes]: hier giebt es weiter nichts brauchbares als Brasil.) Das Sapan der Philippinen ist reicher an Farbstoff als die übrigen ostasiatischen, steht aber dem von Brasilien nach. In neuer Zeit hat es seinen Ruf verloren, da es aus Unverstand häufig zu früh geschnitten wird. Es geht vorzüglich nach China, dient zum Rothfärben und -drucken. Das vorher mit Alaun gebeizte Zeug wird dort zum Schluss in ein schwach alkoholhaltiges Alkalibad getaucht. Das in den Kleidern der ärmeren Chinesen so häufige Braunroth ist mit Sapan dargestellt. [↑]

[7] Ein interessantes Verzeichniss der zu jener Zeit von den Chinesen eingeführten Waaren findet sich im Anhang. [↑]

[8] Schon damals gingen grosse Mengen kleiner Muscheln (Cypraea moneta) nach Siam, wo sie noch heut als Münze dienen. [↑]

[9] Berghaus Geo-hydrogr. Memoir. [↑]

[10] Manila wurde erst 1571 gegründet, aber schon 1565 glückte es Urdaneta, Legaspi’s Steuermann, den Rückweg durch das Stille Meer zu finden, indem er in höheren nördlichen Breiten N.W. Winde aufsuchte. Genau genommen war übrigens Urdaneta nicht der Erste, dem die Rückfahrt gelang; denn eines der fünf Schiffe Legaspi’s, unter dem Befehl Don Alonso de Arellano’s, das einen Mulatten, Lope Martin, als Steuermann an Bord hatte, trennte sich von der Flotte, nachdem diese die Inseln erreicht, und kehrte nach Neu-Spanien auf einem nördlichen Kurs zurück, um die für diese Entdeckung ausgesetzte Belohnung zu verdienen, was durch das baldige Eintreffen Urdaneta’s vereitelt wurde. [↑]

[11] Grav. No. 6. [↑]

[12] Vgl. Kottenkamp I. 1594. [↑]

[13] Gestützt auf Leyes de India 1a u. 6a, C. 4, L. 9. [↑]

[14] Zuerst wurde nur die Einfuhr durch Festsetzung eines Werthmaximums beschränkt, die Manila-Kaufleute halfen sich durch Angabe viel zu geringer Werthe; um diesem Missbrauch ein Ende zu machen, wurde ein Maximum für Silberausfuhr festgesetzt. Nach Mas (Informe I, 3, 60) betrug aber das geschmuggelte Silber sechs bis acht Mal soviel. [↑]

[15] Informe Hist. 2. [↑]

[16] Informe I. 4. 6. [↑]

[17] Lapérouse (358) erwähnt 1787 ein französisches Handelshaus (Sebis), das seit mehreren Jahren in Manila etablirt war. [↑]

[18] Informe, Comercio 2. [↑]

[19] R. Cocks to Thos. Wilson (Calendar of State Papers (India) No. 823) . . »the English will obtain a trade in China, so they bring not in any padrese (as they term them) which the Chinese cannot abide to hear of, because heretofore they came in such swarms and are always begging without shame.« [↑]

[20] Noch 1857 werden ältere, gegen die Niederlassung von Ausländern gerichtete strenge Erlasse durch ein Gesetz (L. ult. II 512) erneut. Eine R. O. von 1844 (L. ult. II 465) verbietet, Fremde unter irgend welchem Vorwande das Innere der Kolonie betreten zu lassen. [↑]

[21] Pinkerton XI, 85. [↑]

[22] II, 201. [↑]

[23] Von 5 × 2½ × 1½ = 18,75 span. Cub.-Fuss (St. Croix II, 360). [↑]

[24] Comercio exterior 47. [↑]

[25] Die Obras pias sind fromme Vermächtnisse, bei denen in der Regel bestimmt war, dass zwei Drittel zu kaufmännischen Unternehmungen im Seehandel gegen Zinsen ausgeliehen werden sollten, bis durch die Prämien, die für das Risiko nach Acapulco 50 Prozent, nach China 25 Prozent, nach Indien 35 Prozent betrugen, das ursprüngliche Kapital auf eine gewisse Summe angewachsen war, deren Zinsen dann, für das Seelenheil des Stifters, zu frommen oder wohlthätigen Zwecken verwendet wurden. (Arenas hist. 397.) Ein Drittel blieb gewöhnlich als Reservefond zurück, zur Deckung etwaiger Verluste. (Diese Reservefonds sind längst von der Regierung als Zwangsanleihen für sich in Anspruch genommen, »werden aber noch als vorhanden angesehn.«)

Als der Acapulcohandel ein Ende nahm, konnten die Kapitalien nicht mehr nach der Bestimmung der Stifter angelegt werden, und wurden anderweitig auf Zinsen ausgeliehen. Durch R. O. 3. Novbr. 1854 (Leg. ult. II, 205) wird eine Junta administradora eingesetzt, um die Gelder der Obras pias zu verwalten. Das Gesammtkapital der fünf Stiftungen (eigentlich nur vier, da eine derselben kein Kapital mehr besitzt) beträgt etwas weniger als 1 Million Dollars. Der aus den Darlehen erzielte Gewinn wird nach Höhe des Einlagekapitals vertheilt, welches aber nicht mehr baar vorhanden ist, weil die Regierung darüber verfügt hat. [↑]

[26] Thevenot Religeux 12. [↑]

[27] 14–15° Morga 171. [↑]

[28] Nach Legentil 32–34°. [↑]

[29] De Guignes, Pinkerton XI, Anson X. [↑]

[30] Anson X. [↑]

[31] Edmund Randolph, Hist. of California. [↑]

[32] Zu Morga’s Zeit 70 Tage bis zu den Ladronen, 10–12 Tage bis Cap Espiritu Santo, 8 Tage bis Manila. [↑]

[33] Eine sehr gute Beschreibung der Naofahrten findet man in Anson Kap. X. Dasselbe Werk enthält die Kopie einer an Bord der Cavadonga erbeuteten Seekarte, auf welcher die Reise dieser Galeon von den Philippinen nach Acapulco und zurück eingetragen ist. [↑]

[34] de Guignes. [↑]

[35] Dem Befehlshaber, der den Titel General hatte, war ein Kapitän untergeordnet, dessen Gewinn auf jeder Reise 40,000 Doll. betrug. Für den Steuermann belief sich der Nutzen auf 20,000 Doll. Der erste Lieutenant (Maestre) hatte 9 Prozent vom Verkauf der Waaren und löste daraus und aus seinem besonderen Handel über 350,000 Doll. (Arenas hist. 394.) [↑]

[36] Die von Anson erbeutete Ladung betrug 1,313,000 Doll., abgesehen von 35,682 Unzen Feinsilber und Cochenille. Die von Drake mitten im Frieden zwischen England und Spanien geraubte 1½ Millionen Doll. Th. Candish (s. oben) verbrannte die reiche Ladung der Sa. Ana, da er keinen Raum mehr für sie hatte. [↑]

[37] So fand z. B. 1786 die Nao S. Andrés, die für 2 Millionen Doll. Fracht enthielt, keinen Markt in Acapulco; ebenso erging es 1787 der S. José, und 1789 abermals der S. Andrés. (Informe 1. 4. 33.) [↑]