Aus tiefem Schacht

Roman von

Fedor von Zobeltitz

Stuttgart 1915

Verlag von J. Engelhorns Nachf.

Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart

Erstes Kapitel

Hedda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah mit andächtiger Miene zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was von den Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig blieb. Es gab da allerhand sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz kleine, zierliche Geschöpfe mit bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner und solche aus Cochinchina, Liliputaner aus Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten ließen und zärtlich behandelt sein wollten.

Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk, während sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für das Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische, sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergnügen.

„Der große Gottlieb frißt uns noch tot,“ sagte sie, lachend ihre blanken Zahnreihen zeigend. „Nee gnä’ges Fräulein – was der fressen kann!! Und den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen Futter weg; man merkt, daß er ausländ’sch ist.“

Hedda nickte. „Er ist nur gegen die eigne Art galant,“ erwiderte sie; „die Menschen machen’s nicht anders.“

Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der war Stellmacher unten im Dorfe und hatte sich kürzlich eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen – nun brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder übermorgen konnte der alte Klempt wieder an die Arbeit gehen.

„Hat er denn viel zu tun?“ fragte Hedda.

„O ja, gnä’ges Fräulein,“ entgegnete Dörthe lebhaft und klappte die Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe. „Seit Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs Arme haben. Da gibt’s immerwährend was!“

Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer umringten und an ihr emporzuflattern versuchten.

Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und trat in den kleinen Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blüte stand. Es war in der fünften Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das junge Mädchen spürte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr kühles Herz temperiere sie so völlig, daß sie gegen jede sommerliche Bosheit geschützt sei. Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der Tat eine beständige Frische auszuströmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer großen, stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man sie für eine junge Frau halten können.

Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das alte Schloß gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte. Die Ahnen hatten nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich – der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und beiden Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen Kampf aufgeben und die Waffen strecken müssen. Das war mit vollen Ehren geschehen, und die Leute sagten, er könne noch froh sein, daß Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und daß der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Väter verleben könne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten – er wohnte drüben in seinem neuen Schloß, das mit glänzenden Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grüßte.

Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Im Sonnendunst des Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner modernen Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze Umgebung war reich an Wald und Höhen. Die Landschaft erinnerte mehr an Thüringen als an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen Kurven den Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschön gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenfluß der Oder, die kleine Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hälften, und hüben und drüben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg und der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag.

Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem, schrägem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte überall, daß das Gebäude arg vernachlässigt worden war. Ställe und Scheunen hatte der Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war mehr eine soldatische Natur. Es war ihm herzlich gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im Speisezimmer immer schwärzer wurden, und daß in den Korridoren der Putz von der Decke fiel – auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu lassen.

Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, luftig und sonnig und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich sein Heiligtum nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.

Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Büchergestell ein. Auf diese ihre Bücher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der Generale des großen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist französische Geschichts- und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivität über die tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie mehr als die Belletristik der Zeitgenossen.

Hedda war müde. Den halben Tag über hatte sie im Hofe gewirtschaftet. Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mägde und einen alten Diener, der zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute früh war sie schon vor fünf Uhr auf dem Posten gewesen; die „schwarze Marie“, ihre Lieblingskuh, hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, früher, als man erwartet, und darum hatte die Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.

Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das große Fenster auf der Südseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis auf den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es stand weit offen; schräg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen großen Buschen gelber Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief deren Duft ein und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne überzogenen Lehnstuhl fallen.

Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der Nachmittagssonne brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein Windhauch ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weißes Huhn darauf und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das dunkle Grün der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. Der Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom Fenster aus konnte man über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. Die Ernte stand vor der Tür; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne.

Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelände. Dort rollte ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand auf, trat dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.

Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, – der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.

Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete sich Hedda ein wenig davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich – Hedda nahm in dieser Beziehung dem alten Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund –, aber mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, den Vater vorzubereiten.

Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte dann flinken Fußes in das Erdgeschoß hinab.

Der Baron saß bei der Arbeit – in einem großen, kahlen, gewölbten Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weißem Tannenholz, in dessen Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er saß, ringsum von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor sich ein Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, groben Schriftzügen bedeckte.

Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale Erscheinung – sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen Eiche.

Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.

Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand. Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen; anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer – Hedda sowohl wie der alte Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg staubiger Faszikel bewältigt hatten.

Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni 1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried), Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der märkischen Linie war. Jarlsberg – das wußte der Baron – hieß das uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit, da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können, und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja, noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von zehntausend deutschen Reichsmark.

Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich unter andern Verhältnissen sicher gegen die „Soldschreiberei“ gesträubt, aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend, prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder ins Zimmer holen.


„Puh,“ sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, „Vater, dein Tabak ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und – ich weiß nicht, riecht denn jeder Tabak so stark?“

„Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,“ antwortete der Baron, ruhig weiterschreibend; „aber der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein bißchen!“

„Nachher gern – jetzt geht’s nicht! Zupf dich ein wenig zurecht, Väterchen – Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen vom Fenster aus erkannt ...“

Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn hin und lehnte sich im Sessel zurück.

„Sind nicht zu Hause, mein Kind,“ sagte er ruhig, nachdem er einen neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; „August soll’s den Herrschaften melden – damit sela.“

„Nein – nicht sela,“ widersprach Hedda, setzte sich auf den Schreibtischrand und strich ihrem Vater über die Stirn. „Du wirst vernünftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die kommerzienrätliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.“

„Ich kann sie nicht leiden,“ grunzte der Freiherr und zog die Nase kraus.

„Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?“

„Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!“

„Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.“

„Hemdenfritze!“

„Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknöpfe, ist gleichgültig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.“

„Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle!“ rief der Alte halb ärgerlich, halb lachend. „Was du immer für grüne Weisheit im Schnabel führst! ...“ Er rückte an seinem Stuhl. „Also meinetwegen! Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?“

„Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, es sei Besuch auf dem Auberg. Vielleicht sind die Söhne da.“

Ein neues Grunzen des alten Herrn.

„Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Muß ich mich erst umkleiden?“

„Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gäste in –“

„Im Bratenrock empfangen wollte!“ fiel der Baron ein. „Ich lass’ schon alles über mich ergehen. Gott, diese Umstände!“

Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel. Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere war dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er stöhnte, ächzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts.

Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der Baron, von Hedda gestützt, in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte stand ein schmales, eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine Gardinen; in der Nacht schloß man die Läden von draußen, die herzförmige Öffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten.

August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.

„Nicht so reißen, du Esel!“ brummte Hellstern.

„Das Ding ist zu eng,“ gab August unwirsch zurück. „Ich kann nicht davor, daß der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch nichts genützt.“

„Weiß ich allein. Halt keine Reden!“

„Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.“

„Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr – ich werd’ immer dicker. Hedda muß die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich kriege das Ding nicht mal mehr zu.“

„Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,“ meinte August. „Es sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste würd’ ich nicht anbehalten –“

„Ich tu’, was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz und kein Modegigerl. Drück mal von hinten ein bißchen nach, dann geht der Rock schon zu ... Hupla – na, siehst du wohl!“

Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentümliche Biedermaierfasson, umspannte den Oberkörper und den mächtigen Leib in ängstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie das Kleid einer Bäuerin nach auswärts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte Beinkleider von außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.

Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute.

„Wie ein Elefant,“ meinte er schmunzelnd; „man kann auch Dickhäuter sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!“

„Erst setzen!“ antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen.

Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda. August beeilte sich, den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen verschossenen blauen Rock mit versilberten Knöpfen. Der reich galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von der Seite an. Das ärgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen kräftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag.

Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus dem Wagen, Hagen und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide in Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann kam die Mutter, eine zierliche, kleine Dame von sympathischem Äußern – dann der Rat selbst, untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie über einem Lineal abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert.

Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens seiner Frau liebenswürdig reserviert. Die Söhne hielten sich zurück, die Zylinder im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab jedem die Hand und führte den Besuch sodann in das Wohnzimmer.

Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hörte im Korridor bereits das gleichförmige Geräusch, das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem Fußboden hervorrief.

Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und rascher, pendelnder Armbewegung entgegen.

„Mein sehr verehrter Herr Baron – ich freue mich herzlich – ich freu’ mich von ganzem Herzen ...“

„Lieber Herr Kommerzienrat!“ Hellstern drückte Schellheim so kräftig die Rechte, daß dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter geantwortet hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden Rätin die Hand und sagte den jungen Herren „Guten Tag“.

Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Fluß. Schellheim war ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen Ausnahmefällen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die große Lebhaftigkeit, mit der er, von ausdrucksvollem Gebärdenspiel unterstützt, sprach und agierte, ließ dies nicht sonderlich auffallen.

Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich und melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen sehr angenehmen Eindruck. Sie war nicht hübsch, aber chic und vornehm. Sie mußte auch bedeutend jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er bereits ein gemachter Mann war und seine Verhältnisse es ihm gestatteten, in eine „gute Familie zu kommen“. Er war immer liebenswürdig zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel ihm zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin für sein Hauswesen gewünscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer Verehrung für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen.

„Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdürstigen Eindruck,“ bemerkte Herr von Hellstern lächelnd, als das Gespräch sich dem Wagnerianismus zuwandte; „im Gegenteil ...“

Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse Gesicht.

Der „grimme Hagen“ schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war Literarhistoriker.

Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei. Insofern mache er auch seinem „ihm wider Willen“ gegebenen Vornamen Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide, von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.

Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch gruppierten.

Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort.

„Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,“ sagte er, den ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, „die Quelle soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte ’ne große Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad machten?!“

„Bleiben Sie mir vom Leibe!“ rief der Baron zurück. „Ein Bad – na, das fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen! Übrigens glaub’ ich das noch nicht recht – das mit der Quelle. Wo soll sie sein – an der Grauen Lehne?“

Schellheim nickte eifrig.

„Ja – an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,“ antwortete er. „Man hat sie gar nicht beachtet – was versteht der Bauer vom Gurkensalat! Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, – wissen Sie, ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich – wie eine Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, – der Mann hat Kohlensäure und Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu lassen.“

Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib.

„Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,“ meinte er; „vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.“

Schellheim lachte.

„Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos! Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen. Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.“

„Eh – na – warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und namentlich der alte Möller, – der hat’s faustdick hinter den Ohren ... Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus, wenn wir erst Badegäste hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer unwirsch von der Seite an.“

„Das ist egoistisch, lieber Baron –“

„Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner Einsamkeit. Hab’ neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, der nennt die Einsamkeit ein ‚vornehm’ Land‘. Und, weiß Gott, der Poet hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen ‚vornehm’ Land‘ rauben lassen.“

Der Kommerzienrat verzog den Mund.

„Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron – aber die Einsamkeit widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im Menschentreiben stehn.“

„Oho – haha – Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.“

Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend: „Ach nein, Herr Baron – den Gunther muß man als Sonderling beurteilen. Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.“

„’s ist so,“ fiel Schellheim ein, während die beiden in der Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; „ich bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst – ah, nun ja – ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? – Ich bitte Sie, die ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen, sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger der Lebenden,“ wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: „Ich hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische Karriere ergriffen. Er wollte nicht – schön – ich bin kein Rabenvater. Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker – Anthropologe, Bazillenmensch – die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein – er wollte partout ein Bücherwurm werden –“

„Und fühlt sich recht wohl dabei,“ warf Gunther ein. Er war aus der Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel. „Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr von Hellstern,“ wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; „ich begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann –“

„Merci, Herr Doktor – sehr liebenswürdig,“ entgegnete Hellstern; „das Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?“

„Leider nein,“ erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein: „Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...“ Er klopfte Gunther auf die Schulter. „Ich hab’s nicht böse gemeint – de gustibus und so weiter. Mir würde das Herumwühlen in alten Scharteken den Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik. Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?“

Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.

Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt – und Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig übrig hatte.

Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich gänzlich auf der „Auburg“ – so hatte er sein Schloß getauft – festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.

„Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft befassen,“ sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. „Es macht mir Spaß – möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, – stehen Sie mit dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?“

„Auf gar keinem,“ erwiderte Hellstern ziemlich kurz. „Aber, falls Sie mit ihm in Verbindung treten sollten – attention! Es ist ein brutaler Schlaukopf.“

Schellheim lachte.

„Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,“ sagte er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...

August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg imponierten ihm durchaus nicht.

Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.

Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.

„Solche Karrossiers hab’ ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,“ sagte er zu Hedda. „Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.“

„Freilich,“ entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, „’s ist leider immer so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm sind die Schellheims noch nicht.“

„Na, es geht,“ erwiderte der Baron etwas mürrisch.

Zweites Kapitel

Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen darin – ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun standen –, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor den Angriffen hungriger Hasen schützte.

Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte „die Welt kennen lernen“, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige, unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit, aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt.

Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane, für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf, so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern, kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die Gegenwart.

Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens, hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer, das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue, treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.

Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.

Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden Stimme, die allen Tauben eigen ist:

„Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu werden.“

Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.

„Holla, Vater,“ rief sie schon von weitem, „bist du noch draußen? Und hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der Stube sein?“

„’s ist ja so schöne,“ antwortete Klempt lächelnd, und als er den Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: „Ist denn heute Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?“

Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.

„Ich will mal zu Fritzen gehn,“ entgegnete sie. „Heut ist ’was los im Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie alle zusammen.“

„Hab’s auch schon gehört,“ meinte Klempt; „ein Wunderwasser, das Kranke gesund machen soll. ’s käm’ mir zunutze.“ Er schüttelte den Kopf. „’s wird bloß wieder so ein Gerede sein,“ fuhr er fort; „die Leute reden viel ...“

Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.

„Ja, ich komme,“ sagte er nickend. „Hast du’s so eilig, Dörthe? Wirst schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!“

„Aber nicht lange,“ antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein schien.

Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte.

„Wie fühlst du dich denn?“ fragte sie.

Er winkte mit der Hand.

„So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! ’s ist ’ne Narretei vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das einzigste, was mir noch fehlt.“

„Solange du noch hustest, darfst du’s nicht,“ erklärte Dörthe. „Vater, ich riech’s, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.“

Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.

„Na, ja doch,“ sagte er. „Es dauert alles so lange. Und dabei hab’ ich mehr zu tun, als mir lieb ist!“

„So nimm dir doch noch ’nen Gesellen, Vater! Ich hab’ dir’s schon ein paarmal gesagt!“

„Ach was, daß er bloß ’rumlungert! Was tut denn so ’n Junge! Bis jetzt bin ich alleine fertig geworden und werd’s auch noch länger werden! Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem Baronshof?“

„Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...“ Dörthe schnitt eine Grimasse und lachte schelmisch. „Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den ältesten! Da soll’s hinaus!“

„Da käm’ wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen’s nach Scheffeln. Aber ob der Baron will?“

„Warum denn nicht?“

„Na, er ist doch so stolz!“

„Ist er nicht,“ erklärte Dörthe kopfschüttelnd. „Und dann macht das Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die Hanne meint auch, das würde was werden.“

„Was sagt denn August?“

„Den hab’ ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint’s noch zu gefallen.“

„Hast du ihm meine Rechnung gegeben?“

„Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart’ ich lieber bis zum Ersten und geb’ sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart’ ich lieber.“

„Wart ruhig,“ stimmte der Stellmacher zu. „Die gehn mir nicht durch. Sind sie denn immer noch gut zu dir?“

„Ja, sehr! Das Fräulein besonders – na, die ist ja immer gut! Den Alten kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat’s wieder so schlimm in den Füßen, sagt August. Aber nu geh’ ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im Kruge gibt.“

„Verzähl’s mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk’s dir mit Möllers Fritze ...“

Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der Leinölflasche entgegenkam.

„Herrjeses,“ sagte Pauline, „so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht was geträumt?“

Dörthe nickte.

Die Tante wurde wißbegierig.

„Von was denn?“

Dörthe tippte auf die Flasche.

„Von Leinöl?“ fragte die Tante verwundert.

Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.

Die Augen Paulinens wurden immer größer.

„I – auch von Quark?“

Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.

„Ach so,“ sagte die Tante, „zusammengerührt – Leinöl und Quark ...“

Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke stand.

„Bei Licht?“ fragte die Tante.

Dörthe tippte an das Bassin.

„Was?“ rief Pauline. „Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo soll ich denn das im Traumbuche finden! I – du willst mich wohl bloß zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...“

Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde.

„Laß mich in Frieden, Tante!“ rief sie zurück, gar nicht daran denkend, daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg hinauf, auf den Dorfplatz.

Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.

Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was im Kruge wohnte ...

Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:

„Ich steh’ auf einem hohen Söller,
Ich steh’ in einem tiefen Keller,
Heisa dusematee!
Fängst du mich,
Lieb’ ich dich,
Aber nee, du kriegst mich nich –
Heisa dusematee!“

Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.

Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.

„Willst du auch in den Krug, Kleine?“ fragte er.

„Versteht sich,“ entgegnete sie, „so gut wie du. Bist du mal wieder in Oberlemmingen?“

„Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei sein ...“ Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.

Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie immer „Kleine“ nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der Sonne sei.

Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut ihre harten, ausgearbeiteten Züge.

„’n Abend, Mutter Möllern,“ sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche. „Ist der Fritz nicht hier?“

Die Alte zog eine Schulter hoch.

„Im Keller,“ antwortete sie, „er zappt ab; ’s is ja heute wie eine Volksversammlung da drinne’!“

Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber, der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.

Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah. Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.

Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen Henkelkorb mit Bierflaschen. Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und gutmütiger Gesinnung.

„Ach, Dörthe, du bist’s,“ sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und begrüßte sodann seine Braut. „Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?“

„I nu ja,“ erwiderte das Mädchen lächelnd. „Es wird ja so viel davon gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.“

„Weil er der einzige is, der was davon versteht,“ bemerkte die Alte. „Er hat auch schon ’ne Bank hinter sich, sagt er ...“

Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert „’ne Bank hinter sich“ habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit.

„Trag immer ’rein,“ sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den Arm; „heut könnte man zwanzig Hände haben!“

Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.

So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen, ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben. Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe, wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben, seine Rechnung stimmte doch.

Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe, hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches, leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich „Schlippermilch“ genannt wurde. Noch einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller, der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen listig und lebhaft funkelten.

An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die Inserate im „Zielenberger Kreisblatt“.

Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat, wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran, wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.

„Warst du beim Kantor?“ fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine ihm eigentümliche Bewegung.

„Ja,“ entgegnete der andre nickend. „Der Professor hat geantwortet. Es hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir, Bertold ...“

Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten preisgeben.

„Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?“ fragte Langheinrich.

„Ganz einfach,“ und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, – „so wie beim Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?“ erläuterte Albert das Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor von Oberlemmingen, schickte.

„Da is er schunst!“ rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne Zahnschmerzen.

Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines Auftrags entledigen.

Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.

„Also paßt auf,“ sagte Herr Feilner. „Nämlich zuerst kommt, was die Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk, schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat, schwefelsaure Magnesia.“

Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern. Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und Braumüller fragte:

„Wat denn? Das ist alles drin?“

„Es kommt noch mehr,“ sagte Feilner, und Albert Möller rief „Ruhe“, obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom Tische zurück.

Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:

„Temperatur 8,07 Grad R. R. heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser gemessen worden ist, und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber nur manchmal. Nun geht’s weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell, dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt ihr verstanden?“

Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor und schrie aufgeregt:

„Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem Ra—, dem Ra—, wie war’s denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich sein?“

„Dem Rakoczy,“ erwiderte Bertold Möller, „das ist ’ne Quelle in Kissingen – auch eine Heilquelle ...“

„Und was ist denn nun so gesund da dran?“ fiel Langheinrich ein.

„Wartet mal,“ sagte der Kantor, „davon hat Professor Statius auch etwas geschrieben.“ Und er suchte in seinem Briefe. „Aha – da – hier steht’s: ‚Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler Stoffe, gesteigerte Oxydation.‘“

Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück.

„Was hat er gesagt?“ fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach schrie lebhaft:

„Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!“ – und Maracke nickte dankend und war so klug wie zuvor.

Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen. Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.

„Hören Sie mal, Herr Möller,“ sagte er, „was da der Herr Professor noch geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen lassen.“

„Schön, schön, Herr Kantor,“ erwiderte Albert anstatt des Alten rasch, „wird alles gemacht werden,“ – und leise flüsterte er seinem Vater zu: „Ich weiß schon Bescheid – nachher! ...“

Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung. Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken, und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete „Schlippermilch“ den Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.

Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene. Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu einer „Familienrücksprache“, wie Albert sagte, in das Extrazimmer zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte. Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem, einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es gab gutes Erntewetter.

Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.

„Wollt ihr Bier, Jungens?“ fragte der Alte.

„Danke,“ erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf. Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde ja alles anders kommen.

„Nun hört einmal zu,“ sagte er. „Setz dich, Vater, ich kann das zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark so ’ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde eine große Zukunft haben.“

„Also wahr und wahrhaftig?“ fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst aussprechen. Nachher konnte man fragen.

Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen. Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an:

„Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,“ sagte er, und sofort fiel Bertold ein:

„So ist’s! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr’ ich auch nicht ’nen Finger in der Sache!“

Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert war nichts anzufangen.

„Vater hat ja doch schon geteilt,“ entgegnete er. „Und alles gerichtlich und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.“

„Es handelt sich um die Quelle,“ bemerkte Albert ernst, „das ist ein neues Objekt ...“

„Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu sagen,“ antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position zu verteidigen.

„Schön,“ erwiderte Albert und erhob sich. „Bist du der Meinung, so geh’ ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre Beihilfe.“

Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.

„Hier bleiben!“ befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten, gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln.

Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend hervorgestoßenen Sätzen fort:

„Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem. Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei’s Mergel, seien’s Kohlen oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So ist’s auch gerecht!“

Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war’s; man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt, allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht gelohnt hatte.

„Ich will nicht streiten,“ entgegnete Fritz schließlich; er wie die andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. „Setzt’s auf und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die Quelle bringt, geht in drei Teile.“

„In vier,“ sagte der Alte bestimmt.

Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder? Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?

„Warum denn in vier?“ fragte Albert endlich zaghaft.

„Weil ich auch meinen Teil haben will,“ erwiderte der Alte fest. „Ich bin sechsundsiebzig, aber will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’. Und bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein Extrahäuschen und zieh’ mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten tut ...“

„Es ist noch nicht so weit,“ fiel Albert ein, und Bertold setzte, an seiner Brille rückend, hinzu: „Das mit der Dörthe wird er sich auch noch überlegen.“

Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: „Ganz gleich. Es bleibt dabei. In vier Teile.“

Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.

Albert setzte sich wieder.

„Also abgemacht: in vier Teile,“ wiederholte er. „Ich werde morgen mit Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame gemacht werden. Professor Statius will in der ‚Medizinischen Wochenschrift‘ über seine Analyse berichten. Den Artikel lass’ ich an alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das nötige Geld, um alles instand zu setzen ...“

„Ja, das Geld,“ warf Bertold nickend ein.

„Wir brauchen etwa 300000 Mark ...“

„Ihr seid wohl verrückt!“ fuhr der Alte auf.

„Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,“ entgegnete Albert lächelnd. „Laß man, Vater, darin hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...“

„Ein –?“ fragte der Alte.

Albert winkte mit der Hand. „Du wirst schon verstehen lernen, Vater. Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der ‚Krug‘ muß ausgebaut werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege, Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...“

Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken, Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen, sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im Traume selbst – Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden – eine ganze Reihe von Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil, dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren, taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.

Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch: die, daß Albert ihn betrügen könne.

Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und erdrücken würden.

Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.

Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte – nicht aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die „Schafskopf“ spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke schritt gutmütig auf sie zu und sagte:

„Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch nich so schlimm! Bis du heiratst, is die Backe wedder gutt! ...“

Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da werde er es sich doch noch lieber bedenken ...

Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer, während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja – das war ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen. Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen Augen doch so sehr.

Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe hinzogen.

Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden und Ärger. Und so war’s auch gekommen.

Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe begannen zu bellen.

Drittes Kapitel

Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.

Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen aufführen ließen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte, und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft stillosen Eindruck. „Es sieht wie zerkaut aus,“ meinte der alte Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige Kuhstall, die jetzige Halle.

Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck, Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine „italienischen Ahnen“. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein.

Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können. In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden – Hemden in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante Welt, für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der Dockarbeiter in Wilhelmshaven – selbst bis Siam und China und bis in die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.

Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen; ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.

Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag nun einmal in der „Mode der Zeit“ – so meinte der Rat –, und deshalb blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig konnte und wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen, grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.

Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein. Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des Heilquells, doppelt.

Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem Gatten.

„Ich will dir was sagen, Gunther,“ fuhr Schellheim in der Unterhaltung fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, „du hast ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen. Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle. Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich den Menschen: ist das nicht verrückt?“

„Natürlich,“ entgegnete Hagen; „du wirst mit den Hellsterns nicht warm werden.“

Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht gegen Ansicht.

„Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht, von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen, und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.“

Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der grimme Hagen lachte fröhlich auf.

„Nimm mir’s nicht übel, Gunther,“ rief er, „das ist eine absonderliche Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt? Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der ganzen Menschheit gedient wird?“

„Gewiß,“ fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen. „Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um neu aufzubauen.“

Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.

„Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,“ erwiderte er. „Nur der stetige Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.“

„Das ist das, was ich sagte,“ bemerkte Schellheim. „Die Kultur reißt Löcher, schließt sie aber auch wieder.“

„Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,“ entgegnete Gunther etwas kleinlaut. „Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.“

„Mahlzeit,“ sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte, aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.

Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.

„Ich will dir was sagen, mein Junge,“ begann er – das war eine stehende Redewendung von ihm –, „wenn sich die Quellengeschichte wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der Sache nicht so recht –, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die Produktenpreise werden in die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny“ – er wandte sich an seine Frau –, „wir könnten ganz gut noch die sechs Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.“

Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:

„Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers. Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle – kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir’s überlegt: ich misch’ mich nicht ’rein. Sie können mir kommen, wenn sie wollen ... Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?“

Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So kam „das Geschäft“ auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.

Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran. Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite, zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.

Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande, die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er ärgerte sich über seine dummen Gedanken!

Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.

Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den Möllers – aha, man „kam“ ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein Gesicht.