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Felicitas Rose · Der graue Alltag und sein Licht

Der graue Alltag
und sein Licht

Roman

von

Felicitas Rose

Mit 26 Originalzeichnungen von H. Krahforst

59. bis 68. Tausend

Berlin / Leipzig
Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Meinen verehrten Gastfreunden
Käthe und Ludwig Povel
in Dankbarkeit

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten
Copyright 1922 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin
Druck der Graphia Akt.-Ges. vorm. C. Grumbach in Leipzig

1.

Welch wunderliches Erlebnis, zur Erbin des »grauen Alltags« ernannt zu sein! In unserer Familie ist seit Generationen ein Suchen nach Licht gewesen, ein Hunger nach Freuden und Sonntagen. Und ein Durst nach Arbeit, Pflichterfüllung und schöner Ruhe. Was fange ich mit dem grauen Alltag an? Zu lesen steht es in dem großen, gelben Aktenbogen, der sich auf meinem altmodischen Schreibtisch breitmacht. Das steife Papier rollt sich eigenmächtig auf und wieder zusammen. Dann gibt es einen knisternden Knack: »Ich bin hier,« sagt dieses Knistern, »du schaffst mich nicht aus der Welt, auch nicht wenn du den Kopf in den alten Sorgenstuhl einwühlst. Vogelstraußpolitik? Schäm’ dich!« Und des Holzwurms Ticken und Bohren, der im Innern des Schreibtisches rumort, klingt wie Entrüstung. Der gelbe Aktenbogen sagt:

»Laut Testament der Erblasserin ist Freiin Jesuliebe-Brigitte v. Lage in Erfurt (Thüringen) die Universalerbin des grauen Alltags.«

Die Erblasserin ist vor 25 Jahren meine Taufpatin gewesen. Sie war weitläufig mit uns verwandt, »von sieben Suppen eine Schnitte«, wie der Volksmund sagt. Aber gerade diese eine Schnitte hat trotz ihres wunderlichen Beigeschmackes meinen Eltern immer gemundet. – Trotzdem dachte niemand von uns Thüringer Lages an den grauen Alltag. Da kam Tante Jesuliebe einmal drunten von der holländischen Grenze zu uns nach Erfurt. Wie ein altes Bild. Als ob die Zeit stehengeblieben sei, oder als ob die Biedermeierkleidchen, die sie als Kind getragen, mit ihr zugleich gewachsen seien: Die Eltern schickten sich in großer Feierlichkeit an, Tante Jesuliebe in »Gückels Staatswagen« abzuholen, während ich mich dem Mitfahren geschickt entzog und lieber hinter einem Pfeiler an Silbers Hotel versteckt die Ankommende beobachten wollte. In diesen Vorbereitungen stöberte mich ein wunderliches Lebewesen auf, indem es mir einen riesengroßen, roten Regenschirm reichte, wie ihn die Bauern an Markttagen über sich spannen. Dazu schrie es mich an: »Was lungerst und kuckst du? Siehst du nicht, daß es regnet? Spann’ mir den Schirm auf, nimm mir einen Teil Sachen ab, und dann zeig’ mir das schöne, alte Erfurt.« Ihre durchdringenden, grauen Augen sahen mich so stolz und heischend an, daß ich, in altväterischem Gehorsam erzogen, keinen Widerspruch wagte, sondern das Schirmungetüm öffnete. – Darauf hing sie noch an meinen linken Arm ein Marktnetz, das mit einem Zeitungspapier ausgelegt war: »Nachrichten aus der Grafschaft Bentheim.« Bepackt war es mit Haar- und Kleiderbürsten, mit Kämmen, Zahnbürste, Seife und Schwämmen bis oben hin. Sie selbst trug eine große, mit roter Wolle gestickte Reisetasche, die den preußischen Adler in schwarzweißen Perlen zeigte. Auf der Rückseite war in gelber Seide riesengroß »Bon voyage« gestickt. So zogen wir durch Erfurt und hatten ein großes Gefolge hinter uns von Schuljugend und kopfschüttelnden und lachenden Müßiggängern. Ich kam aber gar nicht zum »Schenie«, wie der Erfurter sagt, denn meine Unbekannte erzählte so herrliche Geschichten von jedem alten Hause, von jeder lutherischen oder katholischen Kirche, daß ich ganz glückselig zuhörte und schließlich meinte, sie müsse ja wohl in Erfurt geboren sein, was denn auch der Wahrheit entsprach. »Vor 200 Jahren«, rief sie pfiffig. Und dann standen wir schließlich vor dem alten Kloster, darinnen mein Vater seine Amtswohnung hatte, und die alte Dame meinte, just dahinein wolle sie, und es schiene ihr beinahe, als sei ich ihr Patenkind Brigitte-Jesuliebe Lage. – Oben fanden wir Vater und Mutter und die alte Köchin recht mißmutig vor, da die Großtante nicht angekommen sei.

»Lieber Herr Vetter, ich fahre nicht gern im Wagen rasch nach Hause, sondern mache in jeder Stadt gern einen kleinen Umweg zu Fuß«, bedeutete ihm damals der unverhoffte Gast. Der »kleine« Umweg hatte zwei und eine halbe Stunde gedauert, und ich hatte den Krampf in beiden Armen. Aber lustig war’s gewesen, und die alte Marie kochte frischen Kaffee, und die Thüringer »Kräpfel, Wuchteln und Maulschellen«, das Erfurter Eigengebäck, bildeten gleich das Abendbrot.

Großtante Lage aß 15 Stück davon, nahm immer nach je dreien einen Löffel Bullrichsalz und ging dann gleich hochbefriedigt zu Bett. –

Der rote Regenschirm von der Großtante ist schuld, daß ich Erbin des grauen Alltags bin. Mit dem roten Regenschirm hat sie alljährlich der Reihe nach ihre Neffen und Nichten erprobt, die weit näher als wir mit ihr verwandt waren. In Bayern, in Schlesien, in Pommern, in Württemberg und in Holland war sie, aber überall hatte sich die Jugend geweigert, mit ihr und dem Schirm durch die Straßen zu ziehen. Viel Grobheit und Verlachen und eitel schnippische Antworten sind ihr zuteil geworden; weiß nicht, welch guter Engel gerade damals über mir wildem, unbotmäßigem Ding gewacht hat, daß ich meine spottlustige Zunge im Zaume hielt. – So wurde es für mich wahrhaft eine »bon voyage«. Herzlieber, guter, alter Regenschirm, hab’ Dank! Du ließest mich einen Menschen finden und gabst mir eine Heimat!

2.

Heute erhielt ich einen Brief von einem der übergangenen Erben. Er lebt in Holland in überreichen Verhältnissen und scheint glücklich zu sein, den grauen Alltag nicht geerbt zu haben. Er redet mich »Verehrte Regenschirmbase!« an, ist also auf dem laufenden. – Von Herzen wünscht er mir Glück zu der Erbschaft, teilt mir mit, daß er nur noch von zwei alten Lages wüßte, einem Spitalweibchen Fernande Lage, die bei Minden wohne, und einem Matthias Lage aus Paderborn, beide in kümmerlichen Verhältnissen. Er, der Holländer, habe sie unterstützt, aber nie eine Antwort erhalten. Das Spitalweibchen sei eine störrische Lutheranerin, der Matthias Lage hingegen gläubiger Katholik. Von der damaligen Jugend vor ungefähr 25 Jahren sei merkwürdigerweise außer ihm alles verstorben, teils in Wochenbetten, teils in Duellen und sonstigen Raufhändeln, die Lages seien ja allesamt eine närrische Art von Homo sapiens Linné. Dies zur Vervollkommnung der Familiengeschichte. Es sei recht erfreulich, daß Muhme Jesuliebe mit echt Lagescher Spürnase noch etwas Junges aufgestöbert habe. Zum Schluß hofft er, daß der Clemens nicht im grauen Alltag spuke. Diese Bemerkung ist mir vollkommen unverständlich, aber ich werde schon noch dahinterkommen. –

3.

Nun breche ich hier in Thüringen meine Zelte ab, es ist eigentlich nur ein kleinwinziges Zelt im Dörfchen Hochheim bei Erfurt, wohin ich mich verzog, als vier Augen sich schlossen und ich nun nichts weiter vorstellte, als ein »armes Mädchen höherer Stände«. Das ist etwas unglaublich Hartes und erschrecklich Weniges, und jeder glaubt sich berufen, gute oder minderwertige Ratschläge, hie und da auch einen kleinen Fußtritt zu geben. Oder auch mit feinfeinen Nadeln just in die Stelle zu stechen, da es am wehesten tut. So wollten »gute Freunde und getreue Nachbarn« mir durchaus meinen Urväterhausrat über den Kopf weg verkaufen, und meine Aufwärterin nennt mich »kumplett verrückt«, weil ich mir alles gerettet habe, da ich doch für Väterchens uraltes Zylinderbüro und Muttchens eingelegten Schreibtisch »Unsummen« bekommen hätte. – Diese Unsummen würden aber niemals die Summen der Glückesstunden aufwiegen, die ich an diesen beiden Möbelstücken erlebte, durchlitt und durchlachte. Märchenerzähler waren beide Eltern, und führte mich Vater Ernst durch selbsterdachte köstliche Geschichten, die ein unsagbar feiner, guter Humor durchsonnte, so gab mir Mutter Pauline den Reichtum von Andersens Märchen. – Nun steht »Speditör König« mit seinem Möbelwagen vor meiner Tür, und der Kutscher sagt: »Hü, alle meine Pferde« zu dem einzigen, das davorgespannt ist, genau wie es der kleine Klaus tut in Andersens Märchen. Ich habe soeben viele Hände, schwielige und weiche vornehme, gedrückt und ziehe nun mit meinem persönlichen Gepäck von dannen, als da sind: »Vaters Statur, des Lebens ernstes Führen und Mütterchens Frohnatur und Lust zum Fabulieren.«

4.

Mit Gott! Ich bin in Haus Lage. Von weiter, roter Heide ist es dicht umgeben, von Birken und hohen Wacholdern, von Ginsterbüschen, die leuchtend gelb blühen. Hier soll das Thüringer Waldkind daheim sein und ist’s schon. Ist mit tausend feinen Fäden bereits gefesselt, schier jede rote Dolde hat sich eng mit dem Herzen verknüpft. Hinter der Heide, im Rücken von Haus Lage, liegt Wald, tiefer Tannen-, Eichen- und Buchenwald, ein köstlich Fleckchen Erde. Im Park steht eine Ruine, die Spanier haben im Dreißigjährigen Kriege das Schloß zerstört. Jetzt rankt sich Efeu dicht herum, von den Gemächern ist nur das – Gefängnis übriggeblieben, eine eisenbeschlagene, schwere Tür führt hinein. Das Licht konnte nur durch eine Falltür von oben eindringen, wenn sich nicht ein Sonnenstrahl just dann verirrte, wenn der Wärter das Essen durch die Klappe schob. – Mich fröstelte, als ich diese Unterkunft sah. Gefangen inmitten der weiten, weiten Heide …

Eine schneeweiße Bank habe ich hinsetzen lassen vor ein efeuumwuchertes Fenster im Erdgeschoß. In diesem Fenster mag oft in tiefer Nische, die von wohlerhaltener durchbrochener Steinornamentik umgrenzt ist, eine schöne Fraue von Lage gesessen, gestickt und geplaudert haben. Mit wem? Das werde ich wohl noch ergründen können, wenn ich erst einmal die Bücherei durchstöbert habe. Auf dies Tagewerk freue ich mich. Deshalb hat es noch gute Wege damit. Denn noch bin ich nicht zur Freude hier, sondern zur Arbeit.

Die Tante Jesuliebe-Brigitte Lage scheint eine Arbeitswut gehabt zu haben. Überall begegnet man irgendeinem Sprichwort, das auf die Arbeit Bezug hat, oder auch einem kategorischen Imperativ. Als ich gestern hinter der Ruine den uralten Baum erkletterte, dessen verzweigte Wurzeln sich wie ein Wappenschild von der Mauer abheben, las ich eingeschnitten in den Stamm: »Arbeite!« Und war doch hingekommen, um mich zu verstecken, um zu rasten und zu träumen. Und so viel Macht hatte das herrische Wort, daß ich sofort wieder hinunterstieg und selbst mit Hand anlegte bei der Säuberung des inwendigen Hauses, auf daß mein Hausrat bald seine bleibende Statt fände. Wenn alles bis auf den letzten Nagel an Ort und Stelle ist, dann will ich in Tante Jesuliebes Gemächer gehen und die Erbschaft völlig antreten. Vielleicht finde ich auch dort irgendeine Weisung, einen Brief …

Davor fürchte ich mich. Es ist gewiß töricht von mir, aber ich möchte lieber allein einen, wenn auch schweren oder gefahrvollen, Weg gehen, als mich durch Bitten oder Befehle einer Toten bestimmen zu lassen.

Heute nacht ließ mich der Vollmond nicht schlafen. Er stand grellweiß, ein riesenhafter Scheinwerfer, am Himmel. Sein Licht lag gespenstisch auf der Ruine und dem weiten Rasen davor. Ich erhob mich von meinem Lager, hastig kleidete ich mich an und warf meinen dicken Flauschmantel über. Die schwere Tür öffnete ich (alle Türen sind hier groß und gewichtig) und schlich mich hinunter. Aber selbst unter meinem sachten Schritt ächzte die alte Treppe, und das Ächzen löste ein seltsames Echo in dem hallenden Gange aus. Dann stand ich auf dem Rasen vor der Ruine, und nun trank ich buchstäblich die Schönheit der Vollmondnacht in mich hinein. Haus Lage und das Trümmerschloß – eingebettet waren sie in Licht. Nichts vom grauen Alltag ringsumher … Und in meinem Innern ein grenzenloser Jubel, ein Glücksgefühl ohnegleichen. Ich nickte dem alten Hause zu: Du bist mein! Und der Ruine: Du bist mein! Der stille, mondbeschienene Park, die Sonnenuhr, ja der alte, schwarze Geräteschuppen, den das Mondlicht malerisch verklärte, jedes bekam den Gruß: Du bist mein! Die junge Brigitte Lage, die bisher nur gerechnet: was soll ich essen, was soll ich trinken, womit soll ich mich kleiden? Sie besaß plötzlich etwas; nicht etwas, – hundert Dinge. – Sie war eine Erbin. Ja, aber Erbin des grauen Alltags. Warum hatte man dies Fleckchen Erde so genannt? Warum bewußt einen Schatten darauf geworfen? Der sich doch ganz und gar verbergen mußte, da Gottes Licht den grauen Alltag in seine Arme nahm. Ich setzte mich auf die weiße Bank vor die Ruine, meine Gedanken waren unruhig und jagten sich. »Der häßliche Name müßte ganz verschwinden, er hat keine Berechtigung,« trumpfte ich laut – »schwarze und graue häßliche Dinge werden in Lage nicht mehr gelitten; dixi, ich habe gesprochen …!«

Da fuhr etwas Graues, unsagbar Häßliches aus der einen großen, leeren Augenhöhle der Ruine und strich klatschend über mein Haar hin. Laut schrie ich auf.

Gleich darauf kam ein Lachen. Voll und tief, seltsam melodisch. – Und eine gute Stimme sprach neben mir: »Heldenseele! – will Ewigkeitsnamen ohne Hammer und Meißel ausmerzen. Schier nur mit einem Gedanken … Und fürchtet sich vor einer Fledermaus. Kindskopf!!!«

Scheu sah ich mich um. Und da ich niemand entdeckte, so angestrengt ich auch spähte, kroch mir wahrhaftig fröstelnde Furcht über den Rücken. »Wer spricht da?« fragte ich bang. Und etwas beherzter: »Wer sind Sie?«

»Die Fledermaus«, tönte die Antwort irgendwoher.

Da gab ich Fersengeld, und das tiefe, musikalische Lachen hallte hinter mir drein. Die alte Kastellanin Eva empfing mich geruhig an der Haustür. »Nur zahm, nur zahm!« sagte sie und zog mich hinein. Ohne Staunen und weitere Worte, als sei es nichts Besonderes, daß ihre junge Herrin nachts zwischen 2 und 3 Uhr wie ein Wirbelwind daherjage. Erst als ich auf dem Rand meines Bettes saß und sie mir die feuchten Schuhe auszog, äußerte sie sich, – schier beifällig. »Eine echte Lage, ich habe nun den Beweis«, mümmelte sie, denn sie hat keinen Zahn mehr. »Da ist noch kein männlicher und kein weiblicher Lage gewesen, der hier nicht im Mondschein herumgegeistert hätte.«

»Eva! Wohnt noch irgend jemand außer uns im Haus Lage oder in der Ruine?« fragte ich mit Herzklopfen.

»Irgend jemand? Da sind eine Menge! Da ist mein Neffe Josua, da ist die Köchin Rahel, da ist der Gärtner Michael und sein Gehilfe Benjamin und wohl zwanzig Parkarbeiter, die in der Ökonomie schlafen …«

»Nein, nein, die meine ich nicht«, wehrte ich ab. Diese alttestamentliche Garde, die sie mir da aufzählte, lag mir nicht im Sinne. Sie war alt, uralt, wie Eva auch. Und das Lachen hatte jung geklungen – und fein gebildet. Also konnte die »Fledermaus« auch kein Methusalem sein.

»Eva, wie alt bist du eigentlich?« fragte ich wieder.

»Das kann ich dem gnädigen Fräulein wohl auch morgen vormittag sagen, nicht um 3 Uhr nachts«, lautete die Antwort; und wie ein Spuk war Eva draußen. Sie ist unglaublich rasch, die Alte. Wäre der zahnlose Mund nicht, das eisgraue Haar und die hundert Runzeln, man könnte ihr 50 Jahre weniger geben. Sie hört wie ein Fuchs und sieht wie ein Luchs und läuft wie ein Wiesel. Aber sie spricht von Friedrich Wilhelm dem Dritten, der einmal in Lage gewesen sein soll, – und von Goethe – als sei sie mit beiden groß geworden. – Doch von ihrem Alter mag sie nicht reden hören – die echte Eva. – Man wählt hier in Lage die Namen der Dörfler alle nach der Bibel. Der Hausvater sticht an der Wiege des Neugeborenen mit spitzer langer Nadel in das Bibelbuch, und welcher Name dem Stiche am nächsten ist, der wird für das Kind gewählt. »Josua, der Neffe« gilt bei seiner Tante als Springinsfeld und Übermut, immerhin schätze ich ihn auf Mitte der Fünfzig. Sie hat bei ihrem eigenen hohen Alter den Maßstab für ihre Umgebung verloren. Ich weiß, daß sie mich hinter meinem Rücken »das Kleine« nennt, aber es klingt unendlich gut und mütterlich. Trotzdem bleibe ich für sie »das gnädige Fräulein Lage«.

Diese Sachen überdachte ich, während ich mich wieder wohlig im warmen Bette ausstreckte. Wollte den »Fledermausgedanken« entfliehen …

5.

Wir leben jetzt im Wonnemonat Mai. Aber das weiß ich nur vom Hörensagen und aus Thüringer Briefen, die freilich spärlich genug für mich abgegeben werden. Das arme Freifräulein Lage war auch arm an Freunden geworden, und die Erbin – will nun nicht. »Eine Mauer um uns baue«, möcht’ ich beten, wie das fromme Mütterlein im Gedicht von Clemens Brentano. Das feste Mäuerlein um Haus Lage haben die Spanier niedergerissen im Dreißigjährigen Kriege. Hätten auch etwas Gescheiteres tun können. Nun ist’s freilich leicht, auf meinem Grund und Boden herumzustöbern – für nächtliches Gesindel – Fledermäuse und dergleichen …

Also wir merken hier nichts vom Wonnemonat. Es regnet und stürmt und ist eisig kalt. Nur im Hause drin prasseln die Holzscheite in zwei großen Kaminen und vier mächtigen Kachelöfen. Man könnte auf Weihnachten raten, so gemütlich ist’s. Ich möchte erst einmal die eisige Luft aus allen Zimmern bringen, sie ließ einem schier das Herz erstarren, als ich herkam. »Davon weiß ich nichts«, meinte die alte Eva geruhig, als ich sie darum befragte. »Das gnädige Fräulein Jesuliebe hat wohl manchmal ein Feuerlein brennen lassen, aber der Herr Vater selig und die Frau Mutter selig, und was sonst so von den Herrschaften hier wohnte, die waren alle nicht für Wärme …«

Ich schaute die Eva scharf an, aber ich sah, die gute Alte hatte es streng wörtlich gemeint.

Ich aber »bin für Wärme«. Herrgott, ja. Seit gestern friere ich in Haus Lage. Ich schone den mächtigen Holzvorrat nicht. Josua hat mich schon vorwurfsvoll angesehen. Aber ich weiß aus den Büchern, daß der graue Alltag von 14000 Morgen Wald umgeben ist. Mit dem Förster habe ich auch schon gesprochen, er ist alt, wie beinahe alles hier, und lebt als Witwer bei seinem Sohn und der Schwiegertochter. Es ist eine Erbförsterei. Die ganze Stube hängt bei ihnen voll »Förster«, und darunter prangt immer derselbe Mann noch einmal als »reitender Feldjäger«. Schmuck sehen sie alle aus, die »Förster Nordstamm«. Vater und Sohn haben schon einen langen Gang mit mir durch »meinen« Wald gemacht. Ich sage meinen Wald, weil er mir gehört, und um mich scherzend zu behaupten gegen den alten und den jungen Förster, die auch beide von »ihrem« Walde sprechen. Die junge Frau Rika blieb daheim, sie erwartet ihr erstes Kind und ist nicht sehr kräftig, aber fröhlich und guter Dinge. – Als der Wald am dichtesten und tiefsten wurde, schier wie ein Urwald, da spürte ich trotz des stundenweiten Weges neue Kräfte. Welche Wonne, in diese tiefe, lockende Stille hineinzudringen, vor jedem dieser seltsam geformten Ungeheuer staunend stehenzubleiben. Sie begrenzten die schmale Spur, die kaum den Anspruch auf die Bezeichnung »Weg« erheben konnte. Und die ihn oft genug drohend verlegten, wie ich weithin mit meinen scharfen Augen sah.

»Nun wird es sehr unwirtsam«, bemerkte der alte Förster nach einer Weile, und der junge stimmte ihm eifrig bei. »In diese Wildnis sind die Damen Lage nie eingedrungen, da ist oft nicht Weg noch Steg. Aber der Herr Baron wollte eben seinen Urwald haben …«

Ich warf noch einen bewundernden und schmerzlich verlangenden Blick auf die schmale Spur, die zwischen Stechpalmen und Farnen dahin führte. Und dann nickte ich lachend einem wunderlichen Baume zu, der wahrhaftig wie ein Waldweibchen aussah mit krummer Nase und zahnlosem Mund: »Gute Nacht, Eichenmuhme, ich komme bald wieder und besuche dich.« Denn »der Urwald ist jetzt mein«, wandte ich mich an meine Begleiter, »und was mein ist, will ich kennenlernen von Ur to Enn.«

Vater und Sohn Nordstamm tauschten Blicke. »’s ist eben eine Lage«, hießen diese Blicke, das war mir ganz klar, ohne daß sie mit ihrem Finger auf die Stirn deuteten. Wir kehrten nun um, und ich prägte meinem Gedächtnis den Weg ein, versäumte auch nicht, wie weiland Hänsel und Gretel unauffällig rote Ilexbeeren zu streuen; sie reichten gerade bis zur Grenze des Parkes, und von dort aus fand ich meine Heimat ohne Führer. Ja, es ist meine Heimat. Nirgends sonst seit meiner sonnigen Kinderzeit war ich so mit dem Herzen in irgendeiner Landschaft, nirgend sonst seit Vaters Tode tönte so stark und süß die uralte ewige Heimatmelodie aus Baum und Strauch, aus Fluß und Wiese, aus Hecken und Ackerscholle. Lage, sei gesegnet!

Der Mond stand noch immer köstlich voll am Himmel. Ich ahnte eine zweite unruhige Nacht, nahm mir aber fest vor, die Ruine und die Fledermäuse heute unbeachtet zu lassen. Aber abkürzen wollte ich die Nacht, indem ich mir aus Tante Jesuliebes Zimmer irgend etwas Lesenswertes holte, mit dem ich mich in meinen roten Ledersessel einkuschelte bei grünbeschirmter Lampe und prasselndem Kaminfeuer. Schon dieser Vorsatz allein schuf Behaglichkeit. – Die alte Eva setzte mir die Lampe und einen kleinen Imbiß, köstliche Buttermilch und selbstgebackenes Schwarzbrot hin, dazu duftende Gravensteiner Äpfel. Und nach der langen Wanderung vertilgte ich alles mit Stumpf und Stiel. –

Es war unsagbar gemütlich. Mit einer brennenden Kerze auf hohem silbernen Leuchter stieg ich dann ins Dachgeschoß, das Tante Jesuliebes Zimmer in sich barg. Zwei große, seltsame, getäfelte Stuben, hoch und geräumig. Der Wohnraum ist fast saalartig. Eine stattliche Reihe »Lages« hängt an den Wänden, stattlich war auch bei den Mannsen der Wuchs, doch die Frauen zeigten sich mit wenigen Ausnahmen klein und zierlich. Ach! und hochmütig, – hochmütig schienen sie alle gewesen zu sein. – So waren wir Thüringer Lages wohl aus der Art geschlagen. Bei uns war der Hochmut als Dummheit gebrandmarkt worden, und so fehlte dieser Zug auch auf Vaters Bild, der im Schmucke der ordenbesäten Staatsuniform die Reihen schloß. Nicht hochmütig, – hochgemut sah er aus, der einzige. In sein Anschauen vertieft, hätte ich schier mein Vorhaben vergessen. Aber es klopfte an der Tür, und ich schrak zusammen. Auch ohne mein »Herein!« abzuwarten, stand Eva dann vor mir, und mit altmodischem Knicks teilte sie mir mit, daß man in Zimmern Verstorbener nie länger als 7 Minuten weilen dürfte, wenn man es zum erstenmal beträte, beim zweitenmal dann 14 Minuten, beim dritten 21, das sei nun »mal so«.

»Meine gute, alte Eva,« rief ich und gab ihr einen Kuß auf die runzlige Wange, »gewöhne dich daran, daß bei mir nichts, aber auch gar nichts ›mal so‹ ist. Wir wollen unsern Tag recht sonnenhell beginnen und ebenso klar schließen. Allem Aberglauben sagen wir ab, bei jeglichem Spuk gehen wir der Ursache nach, und wo es uns nicht gelingt, da sind’s halt Fledermäuse gewesen; hörst du, Eva?«

»Haben gnädig Fräulein Fledermäuse gesehen?« fragte sie ungerührt. »Das wäre schade. Denn das bedeutet, daß gnädig Fräulein ihr Lebtag in Lage bleibt, also sozusagen unvermählt. Schade, schade!« Und sie schüttelte ihren alten Kopf anhaltend.

»O du unverbesserliche Eva!« Ich lachte herzlich. Dann ergriff ich ein zierliches Buch, das in leuchtendes und duftendes Juchten gebunden war und preislich auf Tante Jesuliebes altmodischem Schreibtisch lag. Und einen schweren Folianten, der silberbeschlagen auf einem Bord ruhte, hieß ich gleichfalls mitfolgen, so würde der Abend beim behaglichen Lesen im Fluge vergehen, und der Mond sollte mich nicht wecken, noch necken. –


Beide Bücher sind leer. –

Fast leer.

Und ich sitze seit Stunden und grüble. – Das feine Juchtenbuch und der gewichtige Foliant, sie tragen beide auf der ersten Seite den Vermerk: »Mit Gott!«

Darunter steht mit Tante Jesuliebes feinkritzliger Handschrift, die so in hellem Widerspruch steht zu ihrem derb zupackenden Wesen: »Zünd an, Brigitte! Zünd an!« Den Tag und die Stunde, da sie es schrieb, hat sie dabei vermerkt: »1. September 18…«

Ja, Tante Jesuliebe-Brigitte hat es selbst geschrieben. Aber sie hat sich nie Brigitte genannt. Nur ich in der ganzen Familie Lage trug und trage diesen Namen. – Die Mahnung gilt also mir …

6.

Wer löst mir das Rätsel? Durch die Nacht hindurch hat es mich verfolgt, und wenn mein Weg so fortläuft, wie er in Lage begonnen hat, da werde ich mir das Schlafen abgewöhnen und gleichfalls herumgeistern. Aber nicht in der Ruine, sondern im Märchenwald. Der hat mir’s angetan. Doch Vater und Sohn Nordstamm dürfen mich nicht auf meinen weiteren Forschungsfahrten begleiten, sie sind zu nüchtern und bodenständig. Und wo ich ein Wurzelweib sehe mit drohend erhobenem Arm, das mir den Weg verwehren will, da sehen sie einen überständigen Baum, der gefällt werden muß. –

Zünd an, Brigitte, zünd an!

Solch ein Wort, das man nicht verstehen und nicht meistern kann, ist wie ein Stachel.

Ich habe mich an die alte Eva herangepirscht und so vorsichtige und so tolpatschige Fragen getan, daß sie mich endlich besorgt anblickte und nach meinem Puls faßte. »Gnädig Frölen sollten sich ins Bett legen ein paar Tage«, war ihre Meinung. »Das Lager Wasser macht dem Neuling leicht Fieber, und die Lager Luft verwirrt Kopf und Herz.«

»Was nicht noch alles, Eva?« fragte ich, »woher hast du die Weisheit?«

»Ei nun, das Lager Fieber kenn’ ich seit siebenzig Jahren, und das von der Luft steht sogar aufgeschrieben.«

»Wo denn, Eva? Wo steht’s geschrieben? Oh, ich fiebere wirklich vor Erwartung, die ganze Lager Luft liegt voller Geheimnisse.«

»Ein Geheimnis ist es just niet« (Evas Sprache hat einen holländischen Anklang), »aber graulich ist’s freilich anzusehen«, orakelte sie.

»Drunten in der Gruft liegt’s in einem offnen Sarg. Da sollte der Herr Joochen Lage, † 1642, drinnen liegen, aber nur das Pergament fand man anstatt seiner.«

Mit solchen Enthüllungen soll man nun zufrieden und ruhig sein. Natürlich nahm ich mir vor, sofort, gleich in der nächsten Minute in die Lager Gruft hinabzusteigen, die sich unter der nahen Kirche befindet. Besonders da Eva mich angstvoll beschwor, dies erst am 7. Tage zu tun, da sonst Gefahr bestünde, daß ich selbst noch im selben Jahr in die gleiche Gruft überführt würde. ’s ist ein hartgesottner Aberglaube hier rundherum, möcht’ ich ihn doch verjagen können mit frisch-fröhlichem Gottesglauben …

Eva hätte mich auch nicht von der Gruftbesichtigung zurückhalten können, so tat es ein Brief.

Der holländische »Enterbte«, wie er sich nennt, scheint großen Anteil zu nehmen an meiner Anwesenheit im neuen Besitz. Es sind zwar nur wenige Zeilen, aber warum schreibt er überhaupt? Mehr als einmal? Mehr als nötig? Wir kennen uns nicht. Und fast möcht’ ich sagen, seine Worte verwirren mich …

»Ich schätze, die verehrte Regenschirmbase ist mit dem Vertilgen von Staub, Spinneweben und ›Fledermäusen‹ zu Ende gekommen. – Ich sehe aus der Ferne Haus Lage schimmern und leuchten im Glanze des Mondes. Denn wir haben doch jetzt Mondschein in Lage? Wenn auch abnehmend. Und ich kalkuliere, in solch einer Mondscheinnacht wird man jetzt der alten Eva zum Trotz (meine Empfehlung an sie, sie kennt mich als ›Ritter Lage‹) in die Gruft der Väter hinabsteigen und – hu! – den Deckel von des Urahnen Joochen Sarg zurückschlagen und schaudernd lesen: ›Lager Luft verwirret Kopf und Herz.‹ – – – Es kommt darauf an, Regenschirmbase; manchmal schafft diese Verwirrung die einzig richtigen Begriffe.«

Unterzeichnet sind diese närrischen Büttenpapierberichte mit »Vetter Lage, der Enterbte.«

Als ob ich ihn enterbt hätte. Und eine Anschrift ist nie dabei. Holland ist groß. Wohin soll ich ein Gegenzeichen schicken? Ihm scheint auch gar nichts an einem solchen zu liegen. Aber da er mit dem Ahnungsvermögen eines indischen Fakirs meinen Gedanken und Vorsätzen nachspürt, so will ich wirklich erst am 7. Tage in die Gruft der Lages steigen und mich durch nichts ins Bockshorn jagen lassen. Ganz gelassen fragte ich heute die alte Eva nach dem »Ritter Lage«. »Jesus! Der Clemens!« schrie sie auf. »Ob ich ihn kenne? Da könnt’ gnädig Frölen ebensogut fragen, ob ich die Lager Kirche kenne, in der ich doch jeden Sonntag bete. Gott verzeih mir die Sünde, daß ich den Schlingel und die Kirche in einem Atem nenne, obgleich, – er war der Beste von allen Lages, von allen«, murmelte sie.

»Bitte, nimm doch immer meinen Vater aus; ja, Eva?« betonte ich kriegerisch; »er war unter allen Umständen der Beste.«

»Hab’ die deutschen Herren Lage nie gekannt,« entschuldigte sie sich mit dem ihr eigenen tiefen, altmodischen Knicks, »nur die von Holländer Seite.« –

»Steckt ein Geheimnis hinter dem ›Ritter Lage‹, oder kannst du mir von ihm erzählen?« fragte ich.

Ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht, das es seltsam verschönte. Ganz jung sah die alte Eva aus. – »Da reicht wohl mein altes Leben nicht mehr hin, wollt’ ich vom Junker Clemens alles erzählen«, sagte sie, und ihre Stimme hatte einen liebkosenden Klang. »Ich war die junge Frau des Hausmeisters, als er geboren wurde. Seine Mutter starb im Wochenbett, und da ich selbst mein drittes Kind nährte, so gab man mir das Neugeborene mit an die Brust. Bis der düstere Vater ihn mit sich nach Holland nahm. Schier gestorben wär’ der Kleine beim raschen Nahrungswechsel; aber das kümmerte den Herrn Baron nicht. Bis der Herr dann selbst starb und der Junker zurückkehrte und von gnädig Frölen Jesuliebe erzogen wurde im Hause seiner Väter.« Eva lachte unhörbar vor sich hin. »Von da ab hat es rumort und gespukt im alten Häuschen, im Park, am See, im Busch, am Reihersteig und in der Gruft seiner Ahnen. Überhand trieb er Hallodria, und konnt’ doch auch so ernsthaft dasitzen und meine Geschichten, die ich ihm so ›zwischen Lichten‹ erzählte, mit Augen und Herz verschlingen. Nur irgendwelcher ›Aberglaube‹ konnt’ ihn wild machen, und da zankten wir uns oft drum. Denn er hielt vieles für Aberglauben, was doch heilig …«

Ich klopfte ihr die runzlige Wange. »Laß nur gut sein, Eva, – viel Heiliges ist da sicher nicht dabei.«

»Was weiß so ein Junges«, murmelte sie. »Man muß in alten Schlössern hausen, da nimmt man vieles wahr, was sonst kein Mensch weiß.«

»Das haben schon Größere vor dir behauptet, meine gute, alte Eva, und seit der Zeit redet sich mancher darauf hinaus.«

»Gnädig Frölen wollten vom Junker Clemens wissen …«

»Wenigstens vom ›Ritter Lage‹.«

»Nun freilich. Da hatte der Junker einmal etwas ganz Unerhörtes ausgefressen – um Vergebung –, so sagt man hier in Lage. Er hatte als ›weiße Frau‹ gespukt, und die gnädige Großtante war drüber krank geworden. Freilich wurde sie bald wieder gesund, und der Schelmenjunker hat ihr während der ganzen Zeit vorgelesen, trotzdem er mit der Lager Jugend auf Erntedankfest tanzen sollte, – er war damals so siebzehnjährig. Da sitzt man ungern bei einer Großtante. Es wurde aber Familienrat gehalten, da kamen alle seine Streiche zutage, – Jesus, es war eine Liste wie vom Steueramt. Unten saßen sie in der großen Halle, und der gestrenge Ohm aus Holland, von dem er dann der Erbe war, geruhte, auch zugegen zu sein. Da wurden dann Strafen festgesetzt, daß einem die Haut schaudern konnte, und die eine Tante selig vom Junker Clemens hätte ihn am liebsten in das Gefängnis von der Ruine getan, das immer noch ganz wohl erhalten ist. Mit einemmal – ich brachte gerade ein großes silbernes Brett mit den feinsten Porzellantassen und -kannen herein, um den Tee zu reichen –, also mit einemmal schlägt der große schwarze Ritter unten in der Halle sein Visier zurück und spricht mit tiefer, hohler Stimme: ›Es sei ihm alles verziehen! Er hat die wunderliche Milch der Mutter Eva getrunken … Vergebung dem Sünder!‹ Ich hör’s heute noch und seh’s noch, wie sie erst alle erstarrt saßen, die ganze hohe Sippe, und wie sie dann kreischten und die Stühle umwarfen, und wie der Saal leer wurde in großer Hast. Und ich hielt das Tablett in meinen zitternden Händen, damit die feinen Tassen meiner gnädigen Herrschaft heil blieben. Aber ich dachte, nun kommt dein letztes Stündlein. Da hob sich noch einmal das Visier, und der schwarze Ritter sagte: ›Gib mir ’ne Tasse Tee, Eva, und hilf mir aus dem Dingsda ’raus.‹ Jesus, da war’s der Junker, und nun wurde ich auch böse, aber dann kriegt’ ich’s mit dem Lachen, ich gottlose Person, und half dem Schelm. Er hat auch keine Strafe gekriegt, denn die hohe Sippe ist’s nie gewahr worden, wer aus dem Ritter sprach. – Ich hab’ es aber immer gesagt: dem Junker Clemens ist alles heilig und nichts.« –

»Eva,« sagte ich, »jetzt muß ich nur noch fragen, was ist aus ihm geworden? Denn ein ›reicher Mann‹ ist mir zuwenig für diesen Ausbund. Was ist er sonst noch?«

»Da fragen mich gnädig Frölen zuviel. Junker Clemens hatte große Pfunde bekommen, aber wie er damit gewuchert hat, ist mir verborgen. Für mich wird er allezeit der ›Junker‹ bleiben mit dem Übermut und dem Unverstand und dem goldenen Herzen. Wenn er auch längst in den Vierzigen sein muß und nie mehr herkommt und sein Unglück in Holland verschließt.«

»Sein Unglück, Eva?«

»Ach, so geht es nun, man wird geschwätzig. Gnädig Frölen können da kein Anteil nehmen, dazu ist die Verwandtschaft zu weit.« Überhebend zuckte sie die Achseln. Als gehöre ihr der Ritter Lage mit Haut und Haar. –

»Du nimmst doch auch Anteil an ihm, Eva, und bist gar nicht mit ihm verwandt.«

Sie sah mich an, lange schweigend an. – »An meiner Brust hat er getrunken …«, sagte sie dann ruhig.

Da faßte ich die alte Dienerin rundum und küßte sie. »Du hast recht, Eva, und ich habe geredet wie ein dummes Kind. Aber du weißt, ich bin einsam …«

Sie streichelte mich ungeschickt. »Hab’s nicht bedacht. Einsame Menschen haben oft Liebe zu aller Kreatur … Aber man verschließt es in sich … Ach, ich bin eine Schwätzerin …«

»Du bist meine liebe, gute Eva. Nun möcht’ ich dich nur noch fragen: Kann man dem ›Junker Clemens‹ nicht helfen? Wenn ein Lage im Unglück ist, so haut ihn die Sippe doch heraus …«

»Als ob ich den Junker selbst reden hörte. – Nein, gnädig Frölen, – dem kann keine Sippe helfen.« Sie sprach hastig und leise in mein Ohr. »Er hat rasch und unbedacht gefreit, – nun hat er ein irres Weib. Seit 20 Jahren! Das ist wohl Unglück. Und einen Knaben hatte er auch, – ein armes, unglückliches Kind, vielleicht ist’s lang gestorben, und – Gott walt’s. – Aber das ist mein Leid, daß der Junker nicht alles hat der alten Eva zu tragen gegeben. Hab’ mir den Kopf zergrübelt, weshalb er’s nicht tat. Bin drüber alt geworden, und man wird mich betten, ohne daß ich meinen Junker Clemens wiedersah.«

Sie schlurfte hinaus und war mit einemmal gebückt und kümmerlich. Und ich weiß jetzt, warum der Ritter Lage sich den »Enterbten« nennt.

7.

Viel Seltsames erlebe ich in Haus Lage …

Es scheint mir unfaßlich, daß ich 25 Jahre in Thüringen lebte, und daß während dieser Zeit dies alte Haus tot für mich war. Denn überlebendig zeigt es sich jetzt und eng mit mir verwachsen, als ob es nur gewartet hätte, bis ich kam, um mich fest und unzerreißbar in seinen Bann zu ziehen.

Heute fand ich wieder ein seltsam Gelaß. Ein Ring war mir vom Finger gefallen, der blaue, leuchtende Saphir mit dem Kranz von alten, in Platin gefaßten Diamanten, der unter Tante Jesuliebes Schmucksachen für ihr Patenkind sich fand. Ich begab mich sofort auf die Suche, und als ich ihn in einer Ecke entdeckte, sah ich auch ein Türchen, fast am Erdboden klebend, und seltsame Zeichen trug es durcheinander verschnörkelt. Aber mit Hilfe eines brennenden Wachsstockes entzifferte ich mühelos die schlichte Mahnung: »Ora et labora.«

Das labora tritt einem hier ja überall entgegen, das ora et labora lehrten mich Vater und Mutter durch ihr Beispiel. Ich strich liebkosend über den Spruch, da sprang das Türlein auf. Und in seiner kleinen, dunklen Höhlung lag wieder ein Buch, danach ich gierig griff.

»Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an! Zünd an!«

Du, der du allwissend bist und mich an deiner starken Hand hältst, hilf mir, daß ich den Weg finde …, den rechten Weg. –

8.

’s ist tiefe Nacht. Aber ich will mich nicht zur Ruhe legen, ehe ich meine Gedanken und das, was ich bis zum Abend erlebte, klar gesondert habe. Bis jetzt, seit meiner Rückkehr aus dem Lager Forst saß ich mit gefalteten Händen und sann, – und sann. Draußen hat Eva um die Abendbrotzeit an meiner verschlossenen Tür gerüttelt und nicht eher Ruhe gegeben, bis ich ihr zurief, daß mir nicht gut sei und ich keiner Speise und keines Trankes bedürfe. Das Alleinsein würde die beste Arzenei sein. Da ist sie gegangen, laut vor sich hinmurmelnd. Vielleicht übertreffe ich an Narretei die ganze Sippe Lage, die ihr durch die Finger lief.

Ich war mit raschen Schritten am heutigen Frühnachmittage ausgezogen. Jetzt dünkt’s mich wie ein Märchen von der Prinzessin »Weißnichts« aus dem Hause »Ohnearg«, die »alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen«.

Wie auf verbotenen Wegen schlich ich mich ums Forsthaus herum, um ja nicht die Herren Nordstamm aufzustöbern. Am Arm den kleinen Binsenkorb, der die handfeste Atzung für Vesper und zugleich Abendbrot barg. Bis an die Grenze schritt ich, da wo das Waldweibchen drohend und zugleich lockend seine knorrigen Arme reckt, – dann blieb ich tief atmend einige Minuten stehen, auf daß ich voll Andacht in den Märchenwald eingehen könne.

Wie still er schien, und wie lebendig er war!

Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, ich könnte ihn nicht schildern, aber ich habe die Liebe, und deshalb vermag ich es:

Ich wandelte durch Dome, in denen tiefe Glocken läuteten, ich ging durch Waldhüttchen hindurch, drinnen Zwerge kauerten und kicherten und meine Kleider neckend streiften. An Riesenharfen schritt ich vorbei, deren Kiefernsaiten von Harz troffen und einen Duft ausströmten, der wohl Schwersiechen den heiligen Trost zurufen konnte: »Auf, nimm dein Bett und wandle!«

Es grüßten mich Riesen und schauten wildgnädig auf das Menschlein, das unter ihnen ging, es nickten mir spottend Alräunchen zu und schabten ihre Fingerlein: O du Prinzessin Ohnearg und Weißnichts! Und waren doch alle nur Bäume und Bäumchen.

Dann wieder taten sich Kirchen auf aus silberstämmigen Buchen, an denen nicht Tadel noch Fehl war. Ihre Wipfel reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß er sie segne. –

Und dann kam der tief-tiefe Tannenwald. Edeltannen, bodenständig, mit silbernem Schein, die mich ernst willkommen hießen, zarte Douglastannen, die noch bange zitterten vor ihrer eigenen Schönheit. Birken standen dazwischen, mit zartgrünen Schleiern ihre Reize verhüllend, und sie hatten kleine, schwarzweiße Pilzwächter zu ihren Füßen hingewiesen … Auch Kindertännlein wuchsen ringsumher, wohlgezogene und doch fröhliche kleine Gesellen, und zwischen ihnen lag die rostbraune Heide, in deren Winterdolden der Frühlingswind harfte. Und über all dieses hatte die Sonne ihre warmen, leuchtenden Mutterhände gelegt, ein Segen ohne Maß ging von ihr aus. Ich grüßte die unermeßliche Schönheit und trank Gottesnähe in mich hinein. Da sah ich mitten in der Tannenwildnis, aber hoch über ihr, ein Glockentürmlein, und es war mir, als ginge von der schweigenden Glocke, die darinnen hing, all das gewaltige Tönen aus, das den Wald erfüllte.

Aber das Tönen schwieg plötzlich, weil eine Menschenstimme lachte. Mißtönend, klagend, schrill: einem Kauz hätte sie gehören können oder einer kranken Waldtaube; aber es war doch ein Mensch, der vor dem Kirchlein kauerte, das sich plötzlich aus dem Dickicht schob. Uralt und schlicht, aber nicht verfallen; und etwas dahinter stand ein kleines, festes Haus, schier mehr ein Tempel mit dorischen Säulen.

Der Mensch hatte nicht viel Menschliches an sich. Nur als ich nahe vor ihm stand und er mit demselben klagenden Lachen nach meinem Kleidersaume griff, sah ich, daß es ein Jüngling war, ein Krüppel, der nun in grotesken Sprüngen in das Innere des Tempels flüchtete. Ich folgte ihm nicht, – ich öffnete sacht die Pforte des kleinen Gotteshauses. Und hatte ich vorher in arme, verzerrte Züge geschaut, so grüßte mich nun ein Marmorbildnis von wunderbarer Schönheit, von Künstlerhand gemeißelt – der heilige Clemens. –

Nicht im großen Ornate des Papstes, im schlichten härenen Gewande hatte ihn der Künstler dargestellt, wohl um die Demut äußerlich kundzutun, die diesen Kirchenfürsten auszeichnete. Der Anker war ihm beigegeben und ruhte zu Füßen des Bildnisses. – Später entdeckte ich noch ein uralt Steingefüge des gleichen Heiligen, das sich außerhalb der Kirche an ein Mäuerchen lehnte. Ein vermorschtes Holz steckte neben ihm im Waldboden, und darin hing eine »ewige Lampe«, aber sie war ungeschützt verlöscht, tot, und das Öl verdunstet. Es sah so traurig aus, und deshalb löste ich die ungefüge Lampe aus der verrosteten Klammer und trug sie in die Kapelle. Hier konnte ich sie gut an einem hervorspringenden Eisenknauf befestigen, gerade dem heiligen Clemens gegenüber. Und nahm mir vor, am nächsten Morgen mit einem Ölkännchen wiederzukommen, es sollte nicht mehr dunkel und einsam um den Heiligen sein. Als ich das Kirchenpförtchen wieder schließen wollte, brach gerade die Abendsonne durch die Fenster, die in feiner alter Glasmalerei die heilige Notburga zeigten, die »Dienstmagd« mit der Sichel in der Hand. Darunter den Spruch: »Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott.« Seltsam leuchtend rot war der Schimmer, der durch dies Fenster in das Kuppelrund fiel. Und darin sah ich einen Fries, von eines Meisters Hand gemalt: Unseres Heilandes Werdegang, seine Geburt, sein Ringen, sein Leiden und seinen Tod. Da stand ich wie gebannt, und die Blicke konnte ich nicht losreißen von dem Kindlein auf dem Schoße der Gottesmutter und von dem Hirten, der auf der Schalmei das Wiegenlied tönen läßt. – So geleitete ich mit Augen und Herz den Christus. Aus jeder Darstellung wuchs er größer und göttlicher heraus und gab mir die Erinnerung an meine Kinderzeit, als die Mutter mich diesen Christus lehrte. So lieb und schlicht, so zürnend und gewaltig, so demütig und vergebend. –

Überreich beschenkt schritt ich aus der kleinen Kapelle hinaus in meinen Märchenwald. – In der abendstillen Dämmerung wollte ich die seltsamen Gesellen wieder grüßen, neugierig, welche Formen die Riesen- und Zwergenbäume wohl im Halbdunkel annehmen würden, um mich zu schrecken. Aber mein Fuß verhielt im Heidekraut, denn ein klagendes Rufen scholl zu mir herüber. Hilfeheischend tönte es, und nun eilte ich nach der Richtung des Tempels, woher es kam. – Die Pforte lief leicht in ihren Angeln, als ich sie öffnete; ich trat in die Werkstatt eines Bildhauers. Beinahe hätte ich über der Schönheit einer Marmorgruppe die arme, zusammengeworfene Gestalt des Krüppels übersehen, der zu ihren Füßen wie ein Bündel lag. Ein Blutbächlein rieselte an der Schläfe des Jünglings hinunter, er hatte von einem Sockel wohl mit täppischem Griff den Hammer herunterholen wollen, und dieser war ihm auf die Stirn gefallen … Hastig verließ ich den Raum, denn der alte Brunnen draußen fiel mir ein, an dem ein gefüllter Eimer hing. Ich tauchte mein leinenes Tuch, das ich über mein Körbchen gebreitet hatte, in das kühle Naß, lief wieder zurück und legte es auf die Wunde; gellend schrie der Verletzte auf. Aber nichts rührte sich im Hause, so scharf ich auch horchte. Nur die marmorne Gottesmutter, die den toten Sohn im Arme hält, schaute voll Erbarmen auf uns nieder. Da nahm auch ich den Kranken in meine Arme und bettete den schmerzzuckenden Kopf an meine Brust. Er schlug die Augen auf, und nun lachte er, wie ein Kind, das sich geborgen weiß. Aber auf meine besorgten Fragen antwortete nur ein Lallen. Hart kniete es sich auf den Fliesen des Bodens, ich lehnte den Kranken gegen den Marmor, löste das Tuch und lief wieder zum Brunnen. Da tönte mir das Klagen nach, und wieder empfing mich der Schrei, als ich den Umschlag erneuerte. Ratlos sah ich nach der großen Tür, die mir in das Innere des Hauses zu führen schien, denn die Werkstatt war nur eine große Halle. Über der Tür stand der Spruch gemeißelt: »Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant eam.«

Das klang tröstlich, und ich durchschritt die Tür. Wie seltsam mutete das große, traute Wohnzimmer an, das sich mir zeigte … In dieser Waldwildnis ein so behaglicher Raum mit hohem Kamin, darinnen ein loderndes Feuer brannte. Schwere Teppiche bedeckten den Boden, flämische Möbel standen wuchtig an den Wänden. Nirgends ein Mensch, außer dem, dessen tierische Laute fortgesetzt das Haus durchgellten. Da ging ich zurück, beugte mich über den Kranken und rief ermunternd: »Komm! Komm mit mir!« Er erhob sich plötzlich sehr gelenkig und folgte mir, wie ein gehorsamer Hund. Das Blut an seiner Hand und auf seiner Stirn schien ihm ungeheuer wichtig zu sein, aber sein Klagen verstummte, als ich ihm begütigend sagte: »Das wird alles gut.« Von seiner armen Sprache konnte ich nichts deuten, es schien mir aber, als sei er gut Freund mit meinen Bäumen und Bäumchen.

So gingen wir Hand in Hand nach Lage zurück. Hier habe ich meinen seltsamen Gast in einem freundlichen Gelaß gebettet, heilkräftige Arnika auf die Wunde gelegt und will nun selbst, todmüde, mein Lager aufsuchen. Gute Nacht, Märchenwald und Fledermäuse!

9.

Recht schlecht und unruhig habe ich geschlafen, ein Zustand, der mir sonst fremd ist. Immer meinte ich, das klagende Rufen zu hören und dazwischen energisches Zurechtweisen von einer zweiten Stimme. Einmal war es so laut, daß ich aufstand und mich völlig ankleidete. Ich horchte an der Tür des Gastzimmers, aber nichts regte sich hinter ihr. Etwas Blinkendes lag am Boden, ich hob es auf und hielt einen wunderlich geformten Knopf in der Hand, an dem noch ein Stück Manschette hing. Mit großer Gewalt mußte er abgerissen worden sein. Dreimal stand ich so in verschiedenen Zeitabständen vor dem Gemach, beim drittenmal drückte ich die Klinke kurz entschlossen nieder. Die große Stube war leer, das Bett sorgfältig geordnet, das Linnen abgezogen und fortgeräumt. Die alte Eva stand an einem der beiden offenen Fenster und stäubte gerade ein Tuch aus. Sie knickste, sah aber an mir vorbei.

»Ich hatte einen Gast«, sagte ich etwas erregt …

»Er ist nicht mehr da«, war die ruhige Antwort. –

»Das sehe ich. Aber ich will wissen, wo er ist. Er stand unter meinem Schutz.«

Sie sah mich hilflos an. »Gnädig Frölen dürfen nicht solch böses Gesicht ziehen. Ich gebe keine Befehle, ich führe sie nur aus.«

»Wo ist der Kranke?«

»Fortgeholt.«

»Von wem?«

Ich stellte mich an das kleine, bleigefaßte Fenster, das vom Gange aus nach dem Park schaut, und trommelte heftig mit den Fingern dagegen. Und unter dieser Musikbegleitung enteilte Eva lautlos, ohne mir zu antworten.

Ich habe dann den köstlichen Frühlingsmorgen benutzt und bin mit einem Ölkrüglein durch den Märchenwald geschritten, um dem heiligen Clemens das ewige Lämpchen anzuzünden. Dann hielt ich eine stille Andacht und freute mich tief und glücklich des kleinen, stimmungsvollen Kirchleins. Strich auch sacht mit der Hand über die wunderschöne »Pietà«. Nirgends an der Gruppe fand ich einen Namen, – es ist auch gleichgültig. Wer so etwas meißeln kann, ist ein König …

Zu Hause war ich dann guter Gedanken voll und setzte sie rasch in die Tat um. Zwei Briefe schrieb ich. An Fernande Lage, das protestantische Spitalweibchen, und an Matthias Lage, den gläubigen Katholiken. Ich bat beide, ihren Wohnsitz aufzugeben, um zu mir in mein Haus, das auch ihren Namen trüge, überzusiedeln. Sie sollten hier einen schönen, glücklichen Lebensabend genießen, soweit es in meiner Macht läge, und einst da ruhen, wo alle Lages ausrasteten. –

Damit habe ich bei dem »Ohm Matthias« sehr schlecht abgeschnitten. Er schreibt seine Antwort so grob und mißbilligend, daß ich sie mir ungefähr so übersetzt habe: »Gestorben wird, aber ob du es erlebst, du dummes Wicht, das ist die Frage.«

Tante Fernande dankt mir kurz, verspricht ihr Kommen und lobt mich aus einer falschen Voraussetzung. Sie findet es außerordentlich klug und bedacht von mir, daß ich mir in ihr eine Beschützerin und Anstandsdame heranholen will.

Nichts lag mir ferner. Ich will zwei einsamen Lages, die mittellos in der unruhigen Welt wohnen, eine Heimat geben, eine friedenvolle, sorgenlose.

In dieser besinnlichen Wald- und Heideeinsamkeit liegt jeder Gedanke an Äußerlichkeiten weltenfern. Aber vielleicht hat die alte Fernande eine innere Befriedigung davon, daß sie meint, sie sei mir nütze. Vielleicht kann sie jetzt besser die Wohltat von mir annehmen. So will ich sie bei ihrem Glauben lassen. –

Mein Tag ist immer reich und ausgefüllt. Ich schaue auch öfters in das Försterhaus, wo die junge Frau etwas zagend ihrer schweren Stunde entgegensieht. Man hat sie mit Ammenmärchen verstört, und ich fürchte, meine Eva hat auch manchen Schatten ins Försterhaus getragen. Neulich ertappte ich sie beim Räuchern mit Ginsterblüten. Der Geruch war abscheulich und verpestete das schmucke Anwesen. Ich weiß, daß er »Alpdrücken« beheben und »starke Wehen« hervorrufen soll. Aber ich weiß auch, daß dieser Unsinn dem sehr bodenständigen Arzt in Lage das Leben sauer macht. Deshalb verwies ich am Abend ganz energisch der guten Alten ihr Tun. Ihr Widerspruch ist immer derselbe: »Was weiß so ein Junges!« Aber da er unhörbar gemurmelt wird, lasse ich ihn unbeachtet.

Ich saß mit der jungen Frau Nordstamm an der leeren Wiege, drin das zu Erwartende liegen soll, und wir hatten die ganze kleine Aussteuer um uns herum gebreitet, aber die Türe sorgfältig verschlossen: daß nur ja kein unberufenes Männerauge unser törichtes Tun belauschen sollte. Jedes gestrickte Mützchen wurde über der Faust anprobiert, und die kleinwinzigen Linnen wurden vor die eigene Brust gehalten, um den staunenswerten Unterschied recht deutlich zu sehen. Und ich erhielt von der jungen Frau das Lob, daß ich »recht wie eine Mutter fühle«. Dreimal packten wir das Bettzeug der Wiege aus und ein, und legten immer wieder ein neues, noch zierlicheres Hemdchen, Jäckchen, Mützchen hinein. Und die angehende Mutter schaukelte sacht das Gestell, darauf zwischen leuchtenden Rosen und Tulipanen der Spruch gemalt war: »Onze Heere God zal dat Kind bewaren.«

Von meiner Entdeckung im Lager Wald sagte ich nichts, vielleicht war’s eine eifersüchtige Wallung, die keinem Menschen sonst das Kirchlein gönnte. Eines heimlichen Bangens kann ich mich nicht erwehren. Die junge Frau ist überzart. Wenn ihr Gatte etwas sagt, fliegt Blässe und Röte über ihr schmales Gesicht, fast möchte ich sagen, es sieht wie Abneigung aus, womit sie ihn anschaut. Aber freut man sich dann so auf das Kindchen? Der Arzt predigt ungeheure Schonung der jungen Frau. –

Von der Wiege kommend, traf ich beim abendlichen Heimweg auf ein Grab. Ich hatte einen anderen, weiteren Weg gewählt, vor dem mich der alte Förster Nordstamm gewarnt. »Der Wilde Jäger sollte dort umgehn mit Heihallo und Hussida.« Herr Förster, das war gefehlt. Vor halsbrecherischen, schlechten Wegen lasse ich mich gern warnen, denn meine Gesundheit gehört nicht mehr mir, sondern dem »grauen Alltag«. Aber dem »Spuk« gehe ich entgegen. –

Es lief alles friedlich ab. Ich fand ein Grab in tiefster Waldwildnis versteckt, und meine zerrissenen Hände geben Zeugnis, wie hartnäckig ich mich durch Brombeeren und Ilex durchkämpfte. Einen Namen trug die Ruhestätte nicht, ein winziges Kreuzlein, roh aus Holz geschnitzt, steckte darauf. Vom Grabe aus schritt ich nach der Lager Kirche und ließ mir vom Küster den Schlüssel zur Gruft geben. Ihm blieb der Mund offen stehen. »Bi disse Tid?« fragte er fast tonlos. –

Ja, der Sarg ist leer, nur ein altes Pergament liegt darinnen. Joochen Lage, † 1642: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz.« Rings um mich standen die Holzsärge bis an die Decke hinauf übereinander, ein trostloser Anblick. Drei oder vier Steinsärge mit alter Ornamentik reihten sich rings in der Gruftrundung; ein paar neumodische Zinksärge zeigten, daß auch Holländer Mynheers de Lage hier in den letzten drei Jahren beigesetzt worden waren. Ich löschte den Wachsstock, der in der Nische für abendliche Besucher aufbewahrt wird, und schritt im Lichte des letzten Mondviertels über den Friedhof.

»Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht

Hinab auf die Gräber in Lage.«

Auch hier ruhten Vorfahren, die nicht in der düsteren Gruft hatten liegen wollen, umgeben von Steinen und Moder, jedem Zufall preisgegeben, der die ungeschützten Särge zerstören konnte. Ich blieb noch einige Zeit an der tausendjährigen Buche stehen und dachte meiner Eltern, dachte des weißen Kreuzes auf dem Friedhof zu Erfurt: »Sei getreu bis an den Tod«, dachte in Liebe und Heimweh an die beiden Efeuhügel, die Unersetzliches bergen.

Als ich dann in mein Zimmer trat, glänzte schon von weitem das große, gelbliche Büttenpapier, auf dem der »Enterbte« mir seine närrische Weisheit darzureichen pflegte, und ich war just in der rechten Stimmung, sie anzunehmen.

»Die liebwerte Regenschirmbase geht sehr selbstherrlich vor, wie mir scheint. Mit ihrer unverbrauchten Kraft lockt sie kranke Kinder aus fremden Häusern, denn wenn die feine, kleine Lagesche Spürnase auch unvergleichlich ist und ungeheuer nett in dem gescheiten Gesichtchen steht, so hat sie doch über die Grenze geschnüffelt. Die schmale Spur zwischen Clemenskapelle und Tempel ist diese Grenze, und der Tempel steht nicht mehr auf Brigitte Lages Grund und Boden. Hausrecht soll man ehren, oder??? Für die Lampe bedankt sich der heilige Clemens. Sie muß jeden Tag gefüllt werden, das gebe ich zu bedenken, aber hübsch jenseits der Grenze bleiben, ohne die Werkstatt zu betreten … Und damit die liebe Regenschirmbase nicht wieder so zerschunden aus dem Ilexgewirr des Waldgrabes hervortaucht und sich unnützen Grübeleien hingibt, so diene zur Vervollkommnung der Familiengeschichte (siehe oben), daß in besagtem Grabe der Urahn Joochen wirklich ruht, wenigstens das fein säuberliche Gerippe. Meine eigenen Hände haben ihn dort still beigesetzt, als ich einst entdeckte, daß sein Sarg offen stand und beim Umfallen schon einmal die Gebeine verloren hatte.

Durch meine nüchterne Enthüllung hoffe ich die Regenschirmbase richtig eingeschätzt zu haben … Den goldenen Manschettenknopf bitte ich in der Clemenskapelle niederzulegen.

Der Enterbte.«

Ich habe den Brief hin und her gewendet, aber da keine Marke ihn zeichnete, konnte ich auch nicht sehen, woher er kam. Die Kenntnis des Ritter Lage von meinen Wegen und Taten ist mir unheimlich, die verschiedenen Rüffel, die er mir erteilt, empören mich. Wenn aber wirklich der Tempel nicht auf meinem Grund und Boden steht, so hat der Mann recht, und ich muß meine »Grenzen« besser studieren und innehalten. Eine beschämende Mahnung für mich von dem Fremden. Wer mag ihm nur alles hinterbringen? Das ist der häßliche Beigeschmack der ganzen Angelegenheit, daß hier irgendein Spion in meiner Nähe sitzt. Und merkwürdig quälend für mich der Gedanke, daß sich »Ritter Lage« zu solch einem Spiel hergibt.

10.

Natürlich habe ich sozusagen »fliegenden Fußes« den Knopf in der Kapelle hinterlegt und lächerlicherweise nach Verlauf von einer Stunde festgestellt, daß er verschwunden war. Gleichzeitig habe ich das Gelübde getan, den Märchenwald zu meiden und die Clemenskapelle überhaupt nicht wieder zu betreten. Mag doch die Lampe austrocknen oder -brennen, – ich bin Protestantin, habe gar nichts damit zu tun. –

»Die ewige Lampe brennt«, schreibt daraufhin Ritter Lage. »Es gehört keine blühende Phantasie dazu, um herauszuklügeln, daß Brigitte Lage ihren fein aufgesetzten Kopf in den Nacken wirft, wie Rassepferdchen tun, und in weiblicher Unlogik den armen Heiligen entgelten lassen will, was der Unheilige verbrochen hat. Also sie brennt wieder, und man braucht überhaupt gar nicht mehr zu kommen. – Meine Bitte entsprang auch nur einer augenblicklichen Verlegenheit. Ich hatte mir den Fuß bös verletzt und konnte nicht so rasch, als ich wohl wollte, in die Kapelle humpeln … Von Holland her, verehrte Regenschirmbase … Aber in richtiger Erkenntnis der weiblichen Logik humpelte ich doch … Übrigens war selbstverständlich schon früher eine ewige Lampe in der kleinen Waldkirche, – auch ohne daß Sie das Lichtchen anzündeten, – aber sie war verlöscht … Wie gesagt, mein Fuß ist schuld. Die Lampe hängt in einer Nische am Altar versteckt, aber ich benutze das rührend komische Steinnäpfchen meiner rührend komischen Regenschirmbase …

Sie erkennen daraus, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. –

Der Enterbte.«

Natürlich war das wieder Spiegelfechterei. Denn als ich hinlief, in hellem Ärger über meine Pflichtvergessenheit – dem Kranken gegenüber, der seinen verletzten Fuß aufs Spiel setzte … da war die Lampe im Verlöschen und wäre ohne Zweifel ohne mich jetzt tot. Ritter Lage hatte sich also darauf verlassen, daß ich sofort in jähem Mitleid kommen würde …

11.

Matthias und Fernande Lage sind eingetroffen. Die Urbilder der »Kümmerlichkeit«.

Dabei ist beider Geist rege, und die Zungen sind scharf geschliffen. Ohm Matthias wirkt wie »Gift und Operment«. Ich habe, bildlich gesprochen, mein Väterchen zu Hilfe gerufen, – mich buchstäblich zur inneren Ruhe erzogen. Haus Lage »flog«. Ich kann mir unmöglich denken, daß das Spitalweibchen in ihrem Leben viel elektrische Klingeln zur Verfügung gehabt hat, um dienstbare Geister heranzurufen. Heute zeterte sie nach dem »Personal« und war sehr ungehalten, als auf ihr Rufen nur immer ich erschien. Eva hatte ich zur jungen Försterin beurlaubt, die plötzlich erkrankt ist. Der Fall macht mir rechte Sorgen. Wie gern wäre ich selbst hingegangen, um zu hören, was ihr zugestoßen ist. Statt dessen vernehme ich Klagen und Jammertöne zweier unzufriedener Geister, die eigentlich recht glücklich sein müßten, daß sie nun eine Heimat haben. Kaum mit einem Augenwink haben sie die Frühlingspracht da draußen gestreift, als ich sie vom Bahnhof mit unsern munteren Pferdchen »Hans« und »Fritz« abholte. Und jedes geringfügige Scheuen der allerdings stark temperamentvollen Tiere quittierte Tante Fernande mit gellendem Schrei. Ohm Matthias saß dagegen mit stoischer Ruhe auf seinem Sitz und bemerkte nur bissig, daß bei einem etwaigen Durchgehen der Pferde ebensogut »spekulative Erben« den Hals brechen könnten, als er selbst.

Mein herzliches Lachen schien ihn etwas zu entwaffnen. Ich glaube nicht, daß Ohm Matthias auch nur das geringste zu vererben hat. –

Denn er zeterte in seinem Zimmer umher und verlangte eine »Gästezahnbürste«. Vermutlich muß ich bei diesem zärtlichen Verwandten ganz und gar umlernen, muß ihm Urbegriffe beibringen. – Aber sie sind nun wenigstens untergebracht in den beiden sonnigsten Zimmern, die ich zu vergeben habe. »Nicht standesgemäß«, kritisierten beide. Aber Haus Lage ist überhaupt nicht »standesgemäß« im landläufigen Sinne. Ein Vorfahr hat es sogar »seine Tonne« genannt. Der suchte seiner Lebtage »Menschen«, und da er sie nicht fand, löschte er seine Diogeneslaterne und zog sich grollend nach Lage zurück. – Es ist schade, daß dieser Ahn seine Anspruchslosigkeit nicht auf Ohm Matthias und Tante Fernande vererbt hat, unser Zusammenleben wäre dann ersprießlicher. Auch die Verschiedenheit der beiden Konfessionen wirkt sich übel aus. Ohm Matthias macht um die protestantische Kirche einen auffallend weiten Bogen, als berge sie Gefahren für sein Seelenheil, besucht auch die Gräber der dort Ruhenden niemals. Er fährt jeden Freitag und jeden Sonntag mit der Kreisbahn nach N., um Messe und Predigt zu hören, und kommt stets so unduldsam wieder, daß ich als Parole und Feldgeschrei ausgegeben habe: »Kein Gespräch über Religion bei Tische!« »Kämpfe um Luther und Ignaz Loyola werden nur im stillen Kämmerlein unter vier Augen ausgefochten.« –

Lade ich Pastor Oswald zum Sonntagsbraten ein, so ißt Ohm Matthias auf seinem Zimmer; und speist Hochwürden Trewes bei uns, der die Seelen seiner katholischen Schäflein mit Nahrung versorgt, so verschwindet Tante Fernande in ihre Gemächer. Es ist eine lächerliche Gesellschaft. Aber beide Verwandte sind einsam, sie haben nie Liebe kennengelernt, sondern nur Armut, Krankheit und Zurücksetzung. So will ich ihnen von dem Reichtum abgeben, den ich in mir spüre, und von all dem Äußeren, das mir ein gütiges Geschick zuwarf.

Eva grollt mit mir, aber das soll mich nicht beirren. Sie möchte einen stillen, vornehmen Haushalt führen als meine Dienerin und als Beschließerin von Haus Lage. Die beiden Verwandten dünken sie Eindringlinge, wunderliche Bilder, unwürdig des Rahmens, der sie umgibt. Ich aber mit meiner Jugend und stürmenden Kraft will noch nichts von Stille, Ruhe und Nur-Vornehmheit wissen. »Teich mit Entengrün« nannte mein Vater solche Beschaulichkeit. Er pflegte Steine hineinzuwerfen und freute sich, wenn das Wasser sich klärte und Kreise zog. Ich aber bin meines Vaters Tochter.

Ungeheuer viel Pläne trage ich in mir. Ich muß in Lage bauen. Ein hübsches Lehrerhaus möchte ich haben. Das Schulhaus ist uralt, die Lehrersfrau klagt über Ratten und sonstiges Geziefer. Auch kann die blitzsaubere Frau dem Kalk nicht wehren, der von Wänden und Decken fällt und von der Schuljugend zertreten und überall herumgetragen wird. – Ein Lehrerhaus muß schmuck sein, außen und innen.

Wie will er reine Gedanken in die Herzen der Kinder tragen, wenn seine Wohnstätte unsauber ist? Bisher scheint hier in Lage für den Lehrer alles gut genug gewesen zu sein. Hei, damit will ich aufräumen. – Der alte Pfarrer, der im Ruhestand lebt, sieht scheel zu meinen Erneuerungsgelüsten. Gottlob hat er nicht mehr dreinzureden, und der junge Pfarrer Oswald ist ganz meiner Ansicht und gibt mir nach bestem Wissen und Gewissen gute Ratschläge. Vielleicht tut es im Laufe der Jahre auch einmal der »Ritter Lage«. Wohin man auch hört, wird er als der Bestkundige der Grafschaft bezeichnet, und auch aus seinen närrischen Briefen spricht seine Vertrautheit mit allen hiesigen Verhältnissen. Holland ist also doch nicht so weit, Herr Vetter Clemens, als Sie mich glauben machen wollen … Zuerst und vor allem andern aber will ich der Pietät Genüge tun und das Grab von Brigitte-Jesuliebe Lage instand setzen lassen. Es liegt auf dem Friedhof hier, aber fern von den andern Gräbern an sehr unwirtlicher Stelle. Nichts ist angepflanzt rings um die Ruhestatt der letzten Besitzerin von Haus Lage, ich fand beim Aufräumen einzelne vermoderte Sträuße, die irgendein dankbares Gemüt ihr heimlich hingelegt haben mag. Auch kein Kreuz oder Stein bezeichnet das Grab, nur die öde Nummer, die der Totengräber in seinem Buche vermerkt hat. Ich sprach mit Eva. Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. –

Eva, Eva, wenn ich spüren sollte, daß du Menschenfurcht kennst! Daß du um des unduldsamen Eiferns des alten Herrn Pastors willen deine Pflicht versäumt hast an deiner Herrin, an meiner Wohltäterin! Sie hat dich gespeist und getränkt und besoldet und ist dir eine gerechte Obrigkeit gewesen. Sie hat mit dir geweint und gelacht, du hast die Füße unter ihren gedeckten Tisch gesetzt. Heilig ist solche Gastfreundschaft. »Ein undankbarer Mensch aber steht unter dem Tier. Denn jedes edle Tier ist dankbar«, sagt der Philosoph Hilty.

12.

Ich werde mich mit dem alten Pastor noch einmal auseinandersetzen. Er geht des öfteren um den Friedhof herum, wenn ich darin arbeite, und sieht mir scharf auf die Finger. Ich habe mir einen tüchtigen Gärtner und seinen Gehilfen aus der Stadt kommen lassen, damit erst einmal Ordnung auf dem Gottesacker geschaffen wird. Wie der Friedhof, so das Dorf und sein Patron. Meine eigene Bequemlichkeit, die Instandsetzung des Parkes, des Gartens, die Gewächshäuser, – alles dies kann warten, ich erachte es gering gegen die Pietätspflicht. Am 29. Juni ist der Geburtstag der Heimgegangenen. Einen Stein will ich dann bestellen, der Tante Jesuliebes Namen tragen soll.

Jesuliebe!

Ich weiß nicht, ob sie Gott und Gottes Sohn geliebt hat. Sie soll die Kirche nie besucht haben.

Aber die Armen und Siechen haben mir von ihr erzählt, von ihrer gebefrohen rechten Hand, die nicht wußte, was die linke tat. So soll auf dem Stein nur stehen: »… ihre Werke folgen ihnen nach«.

Wenn mir der Ritter Lage nur nicht so viel Rätsel aufgeben möchte! Und ich wette, wenn ich den nächsten Brief öffne, so steht darin: »Ich bin gar nicht rätselhaft, verehrte Regenschirmbase.« Sein Gedankenlesen ist unheimlich. Heute lag sein Brief auf Urahn Joochens Grab im Walde. Dessen Geburtstag ist heute, das habe ich aus der Urkunde entnommen, und Ritter Lage nahm natürlich an, daß ich Kranz oder Strauß niederlegen würde:

»Ich muß abbitten, liebste Regenschirmbase, wie ein ganz armer Sünder. Glaubte und – fürchtete, daß das rasche, junge Geschöpf dem Wunsche der Toten schon nachgekommen wähnte (zünd an, Brigitte Lage, zünd an!), wenn es dem heiligen Clemens alltäglich seine Lampe füllte … Und nun ist dies Menschenkind so reif, daß es tiefer und weiter gedacht hat, und so gut, daß es mit Freuden den Hilferuf der Heimgegangenen in die schöne Tat umsetzt. Wäre ich nicht ein alter, kranker, verbitterter Mann, der unfroh fern in Holland (?) sitzt …

Aber ich darf doch in Gedanken die kleine, fleißige, tapfere Hand küssen, die unser altes Lage mit so sicherem Griff gepackt hat. – Doch kann der alte Mann seinen Rat nicht vorenthalten: Jeder Kraftfahrer läßt seine Maschine langsam angehen. Bei Brigitte Lage ist noch zuviel Überschüssiges. Nach diesem Tempo muß der Körper schließlich Lehrgeld zahlen. (Ich überlege, aus welchem Teich Vetter Ernst der Hüne und Base Pauline die Bodenständige dies winzige Lebewesen herausgefischt haben.) Aber zäh ist’s, zäh, das merke ich schon. Und das braucht Lage. Also langsam! Langsam! Es wäre ein Jammer, wenn das Maschinchen einen Knacks bekäme.

Der Enterbte.«

Wie ist es nur möglich, daß solch ein Wort so froh machen kann! Bin ich so sonnenhungrig, daß mich ein paar hingeworfene Brocken schon Lichtstrahlen dünken? Jedenfalls ist das »Maschinchen« neu geölt, und – Dank für den guten Rat, Ritter Lage! –

13.

Welch großes Unglück! Ich bin ganz verstört. Die junge Förstersfrau wird sterben. – Mein Gott, wie ich das so bestimmt hinschreiben kann. – Sie ist schwer gefallen, als sie nach der kurzen Krankheit, die sie neulich zu überstehen hatte, ihren geliebten Wald zum erstenmal wieder aufsuchen wollte. Gleich will ich wieder zu ihr hin. – Von überall her werden die Ärzte erwartet. – Die Kranke ist ohne Besinnung. –

Abends: Tot! Ich fasse es nicht. Soll nicht Allmutter Natur die werdende Mutter schützen? Ein kleines gesundes Mädchen hat sie geboren, aber sie selbst … Das Kind schlummert bei mir in Haus Lage, es würde sonst ganz vergessen vom unglücklichen Vater, den der Schmerz bis zum Toben gebracht hat. Die Flinte hing er um und lief in den Wald, der alte Förster hinter ihm drein. Im Hause blieb eine alte, durch die Ereignisse völlig kopflose Wärterin und das kleine, schreiende Kind. Da habe ich’s auf den Arm genommen und bin mit ihm durch den Wald geschritten. Wohlverwahrt lag es an meiner Brust.

Und wie ich das warme Etwas spürte, – kam mir das Leben, das ich geführt hatte, seltsam leer und öde vor – bis heute … Die weise Frau aus Lage hat mir ein richtiges »Wochenzimmer« eingerichtet und mit derben Scherzen, wie sie diese Frauen leicht annehmen, nicht gekargt. Alle Sachen und Sächelchen, die solch ein Neugeborenes braucht, sind vom Försterhaus in mein Schlafzimmer übergesiedelt, und die alte Wärterin Marianne hat auch wieder einen Kopf bekommen, den ich ihr etwas zurechtsetzte.

Nun bin ich Mutter. Herrgott, hab’ Dank! Und hilf mir, daß ich eine rechte Mutter werde für dies Waislein.

Aber ein junges Leben mußte dafür auslöschen …

Wie ist alles so seltsam!

Der alte Förster kam heute und sah das schlafende, rote Gesichtchen lange gramvoll an.

Der unglückliche Vater hat noch nicht nach seinem Kinde gefragt.

Über all dem Neuen vergaß ich aber doch die Clemenskapelle nicht, ich halte dort meine Morgenandacht und lege mir in der tiefen, göttlichen Ruhe meinen Tag und seine Pflichten zurecht. Meine eigene evangelisch-lutherische Kirche ist ja immer geschlossen …

Viel wirre, bunte, krause Gedanken mußte ich heute in der Waldkapelle verarbeiten. Wir wollen übermorgen das Kind taufen am Sarge seiner Mutter und dann die Tote zur letzten Rast geleiten. Wie sollen wir das Kind nennen? Es sind keine Bestimmungen getroffen, die Eltern hatten nur immer vom »Stammhalter« gesprochen. Armes, kleines Mädchen, man hatte dich gar nicht erwartet. Der Vater antwortet auf keine Frage, die dich betrifft. Soll ich dir meinen Namen geben?

Als ich von der Kapelle fortschritt, hockte wieder der Krüppel davor. Hastig haschte er nach meiner Hand, legte sie sich auf seinen armen Kopf, an sein Gesicht. Und wackelte wieder neben mir her. Als ich mit der Hand nach dem Tempel wies, sah ich plötzlich einen bösen Ausdruck auf seinem ohnehin so häßlichen Antlitz. Und als er sich vor mir niederwarf und nach meinem Kleidersaum griff, herrschte ich ihn zornig an.

Wie konnt’ ich mich so vergessen! Diesem Ärmsten der Armen muß wohl vor allen Dingen meine Liebe gehören, will ich dem Wort nachfolgen: »Was ihr getan habt einem der Geringsten unter euch, das habt ihr mir getan.« – Als ich heimkam, war auch der Krüppel an der Schwelle und ließ sich nicht wegbitten, noch verjagen. Ich wollte ihn wieder in sein Zimmer bringen, aber Eva stand plötzlich vor der Tür, nahm seine Hand, führte ihn hindurch und schloß hinter sich zu. Es scheint, daß ich wenig Herrscherrecht hier habe …

»Gratulor«, schreibt Ritter Lage. »Also wir haben ein kleines Kind bekommen? Ich konnte es mir natürlich denken. Ganz Lage wird hinfüro Kleinzeugs in die Welt setzen, denn Freifräulein Brigitte nimmt alles an ihr warmes Herz. Und wenn Haus Lage nicht ausreicht, so ist der Tempel noch da und die Clemenskapelle. Ich stelle alles zur Verfügung und helfe auch beim Anbau. Das Haus der Regenschirmbase muß wie eine Ziehharmonika sein. –

Über den Namen des Kindes dürfen Sie sich nicht den hübschen Kopf zerbrechen. Es gibt nämlich nur einen Namen für dies Heidekind: ›Erika‹.

›Clementine‹ würde ich anmaßend von mir finden. Und gegen ›Brigitte‹ sträube ich mich, und werde es nie zugeben.

Und nun, verehrte Regenschirmbase, noch eine ganz ernste Sache: Sie werden den idiotischen Krüppel, der leider hie und da Ihren Weg gekreuzt hat, nie wieder berühren! Ich verlange das ganz einfach von Ihnen, kraft meines Rechtes als älterer Vetter. Und die kleine Base, die so fein zu organisieren, so tapfer zu befehlen, so lieb zu bitten versteht, wird ohne Widerspruch gehorchen. Und wird den Kranken mit Strenge in das Haus mit dem tempelartigen Vorbau verweisen, das auf meinem Grund und Boden steht. – Und nachdem das kleine Mädchen bis jetzt so getan hat, als hätte sie aufmerksam den Brief bis hieher gelesen, während sie doch ihre Gedanken nur an dem einen Punkte haften ließ, daß ich den Namen Brigitte verwerfe, sage ich ihm leise ins Ohr, daß Brigitte ganz einzig ist, gar nicht noch einmal in der Welt vorkommen kann, und es mir deshalb vom künstlerischen Standpunkt aus unleidlich ist, irgendein Lebewesen ebenso genannt zu wissen wie sie …

Clemens, der Enterbte.«

14.

Wir haben die Taufe der kleinen Erika begangen. Pastor Oswald hat wie ein rechter, echter Hirt gesprochen, aber im Kopf und Herzen des unglücklichen Vaters der Kleinen ist wohl nichts haftengeblieben.

Es gibt nichts Trostloseres, als solch eine Feier am offenen Sarge einer Mutter. Aber die Sitte will es hier so, und Sitten und Gebräuche können sehr unbarmherzig sein. Ich kam auch nachgerade in eine bedrückend trübe Stimmung hinein und wunderte mich eigentlich, daß die Mutterhände sich nicht plötzlich ausstreckten und das Kind zu sich betteten. Und daß sie nicht all die vielen laut weinenden Weiber fortwiesen, die so sehr mit ihrem Geschrei die Ruhe des Todes und die Ruhe des lebenden und schlafenden Kindleins störten.

Nach der Taufe wurde der Sarg geschlossen und fortgetragen. Der junge Förster stand wie ein Taumelnder. Sein Vater schob ihn zu mir hin, vielleicht sollte er mir danken, daß ich sein Kind in mein Haus und an mein Herz nahm. Ich sah in zwei schier erloschene Augen und in versteinerte Züge. Da wandte ich mich ab und trat zur Seite, und der alte Vater stützte den jungen Sohn und führte ihn zu den Menschen, die den Sarg zum Friedhof geleiteten. Es war ein seltsamer Tag und ein besinnlicher Abend. Für die Teilnehmer an der Trauerfeier und dem Begräbnis – es war wohl das ganze Dorf versammelt – habe ich Kaffee kochen und einen Imbiß herrichten lassen im Forsthaus. Eva war mit zwei Mädchen dort und hat alles versorgt. – Ich selbst betreute das Kind und blieb mit wunderlichen Gedanken bei der Wiege. Ohm Matthias und Tante Fernande spielten Schach. Diese Stunden versöhnen beide, und infolgedessen sind’s auch für mich Feierstunden. Ich schaukelte sacht die Wiege. Im Kamin loderten knackende Holzscheite. Mein Leben hat nie lodernde Flammen gekannt, nur herzerquickende Wärme …

Hab’ Dank über das Grab hinaus, mein herrlicher Vater! Und du, herzliebste Mutter! Ihr gabt mir das Eiland, die sonnige, behütete Jugend. Pflanztet die heilige Menschenliebe in mein Herz, und ich erbte von euch beiden doch Herbheit genug, ein kleines, festes Mäuerlein um mich zu bauen. –

Wenn die Liebe, die die Dichter besingen und unsterblich machen, so furchtbare Kraft hat, daß sie einen starken, bodenständigen, fast ein wenig bäurisch-tölpelhaften Mann wie den jungen Förster Nordstamm zum Greise wandelt, der schier ohne seine fünf Sinne herumgeht, der seiner Vaterpflicht vergißt, weil ihm das junge Weib starb, – dann will ich mich vor der Liebe bewußt hüten. – Bisher ist sie noch nicht an mich herangetreten. Man hat in ehrlicher Freude mit mir geplaudert, auch ist wohl manch ein kecker Bewunderungsblick zu mir hingeflogen, aber man bestürmt arme Töchter höherer Stände nicht mit Bitten: »Komm auf mein Schloß mit mir.« Ich hätte auch, – zwar mit dem Schloß, aber nicht mit dem Bittenden, etwas anfangen können. Jetzt hat mir ein gütiges Geschick ein Schloß »ohne lästiges Zubehör« geschenkt, – das ist herzerquickend schön. Ei, und das Kindlein? das rosige, atmende, werdende Etwas? Sollten Leute, die keine Menschenliebe kennen, nicht gerade dies Kleinchen ein lästiges Zubehör nennen? Für mich ist’s ein Gottesgeschenk. –

Schier setzt mein Herzschlag aus bei dem Gedanken, man könnte dies Geschenk jemals wieder zurückfordern. –

Ich habe die väterlichen Ratschläge des seltsamen Briefschreibers beherzigt und ein langsameres Tempo angeschlagen. Habe noch etliches gutes Personal angenommen, damit ich von gröberer Arbeit verschont bleibe, und habe mir die feinere vorbehalten. Das ist z. B. die restlose Versorgung des Kindleins, das neben meinem Bette schläft, und das ich bade, trockenlege, ankleide, und mit dem ich plaudere und lache. Ich glaube nicht, daß der mütterliche Leib allein zur Mutterschaft heiligt, – mütterlicher Geist, liebendes Herz und sorgende Hände können sich wohl auch den Namen Mutter verdienen. Vater Nordstamm hat seinem Kinde noch nicht nachgefragt, so gehört es mir um so einziger und inniger. Und wenn die Vaterliebe nicht etwa ganz plötzlich hervorbrechen sollte, so will ich durch meine Erziehung die Kindesliebe pflanzen und großziehen, dann wird die kleine Hand einmal mahnend und weckend an das verstörte Herz klopfen und es überwinden. –

Zu meinem Bereich gehört ferner noch die Armenpflege. Es gibt genug Kranke und Arme in Lage. Arm an Besitz und auch an Geist. Viele davon gehörten in ein festes Haus, weniger um ihrer Gefährlichkeit willen, als um der Aufsicht willen, die ihnen völlig fehlt. Es ist soviel tönendes Erz und klingende Schelle um sie herum, aber es mangelt die Liebe. Ob wohl dem Krüppel im Tempel jenseits meiner Grenze Liebe gegeben wird …?

Nirgends habe ich ein weibliches Wesen im engeren und weiteren Umkreise des Tempels entdeckt, und solch ein armes Geschöpf braucht doch treue Hände … Und warum es wohl frei herumläuft, wenn es einem doch verboten ist, ihm Gutes zu tun?

Ganz verloren und schüchtern bin ich mit diesen Fragen zu Eva gekommen, aber ein Granit kann nicht härter im Schweigen sein als sie. Auch bekommt sie, wenn man sie bedrängt, so hilflose Augen, denen gegenüber ich selbst hilflos werde. Ich frage dann nicht weiter, aber meinem offenen, mitteilsamen, liebebedürftigen Herzen sind diese Rätsel in und um Lage etwas sehr Quälendes. –

»Kleine Mädchen müssen nicht neugierig sein«, schreibt Ritter Lage. »Und nun vollends eine verständige Mutter von mindestens 25 Kindern, die ich so beiläufig zusammengezählt habe, und von denen die alte Korb-Sina am Ende des Dorfes die Älteste, Ohm Matthias der Zweite, ich selbst der Mittelste und Klein Erika die Jüngste ist. Oder hat man inzwischen noch ein Kind bekommen, das man meinem spürenden Spotte unterschlägt? Ich traue der jungen, unberechenbaren Regenschirmbase ein ganzes Waisenhaus zu. –

Haben Sie übrigens in dem Schatze Ihrer Märchen und Geschichten, die Sie den Dorfkindern auf Ihren Samaritergängen mit vollen Händen austeilen, auch das Märchen schlechthin von ›Gitti und dem Zornebock‹? Meine Großmutter erzählte es mir, mein geliebtes Großchen, das ich ›Grodeli‹ nannte. Und Sie sind das Urbild dieser Großmutter, die Ihre Urahne war. Deshalb nenne ich Sie in meinen Gedanken meistens Gitti, und mich können Sie als den Zornebock betrachten. Ach, es ist ein köstliches Märchen. Eben ein Märchen. Und ich rede und denke jetzt blühenden Unsinn, was ich doch bisher meiner verehrten Base ›Gitti Regenschirm‹ überließ.

Warum der Krüppel nicht von weiblichen, fürsorgenden Händen betreut wird? Weil nicht jeden das Ewigweibliche hinanzieht, sondern die meisten hinab. –

Warum er nicht in einem festen Hause verwahrt ist? Das geht Sie nichts an.

Clemens, der Enterbte.«

15.

Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Klein Erika war krank, mein süßes Kind. Wie schneidet es ins Herz, ein Hilfloses leiden zu sehen. Der Arzt war gar nicht recht bei der Sache, wie mir schien. Und schier spöttisch lehnte er meine eigenen Ratschläge ab, welche die Angst geboren hatte. Mir war, als denke er, daß Klein Erika wohl am besten bei seiner toten Mutter aufgehoben und hier auf der Welt doch nur unwillkommen und schließlich eine Last sei. Männerweisheit. –

Ich habe dann seiner Gleichgültigkeit gegenüber nach meinem Ermessen gehandelt, habe vorsichtig mit Umschlägen operiert, um das Fieber nicht hochkommen zu lassen und die Schmerzen zu lindern. Warum muß eine Mutter in das Reich der Schatten gehen und etwas so Zartes zurücklassen? Ich glaube, wenn ein krankes Kindlein aus der Mutterbrust trinkt, muß es gleich gesunden. Und ich habe nur Liebe


Fünf bange Tage konnte ich das Zimmer nicht verlassen. Das Lichtlein drohte immer auszulöschen. Ich bat Eva, die Lampe in der Kapelle zu betreuen, wurde aber mit einem barschen »Tut nicht nötig« abgewiesen. Nun mußt’ ich des öftern an das Dunkel denken, das den Clemens umgibt …

Heute trieb es mich auf den Friedhof. So lange hatte mich dies stille Fleckchen nicht gesehen, und ich wollte doch Tante Jesuliebe-Brigittes Grab so herrichten lassen, wie die Seltsame, die Eigenbrötlerin, die unendlich Gütige, es verdiente.

»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, sagte einst der fromme Simeon. »Denn meine Augen …«

Ich rieb die meinen heute in unfaßbarem Staunen, – meinte, die Vision müsse verschwinden. Aber sie blieb leuchtend weiß vor meinen Blicken bestehen und hob sich von tiefdunklen Tannen ab. Die »Pietà« aus dem geheimnisvollen Tempel stand auf dem Grabe von Jesuliebe Lage. – Ich frage nicht, wie man sie hinzaubern konnte, ohne daß ich nur das Geringste davon gewahr wurde. Denn in der tiefen Stille meines Hauses und meiner weiteren Umgebung müßte man wohl das Rollen und Ächzen eines schweren Wagens vernehmen, dem solch ein Marmor anvertraut ist …

Ich frage nicht. In mir ist plötzlich der Wille geboren, alles, was Lage mir gibt, als ein liebes Wunder anzunehmen. Fragen sind laut, sind unharmonisch. Dies Marmorbildnis tönt wie eine große Symphonie. Die Liebe spannte alle Saiten, und ein gewaltiger Geist vermochte darauf zu spielen.

Ich wandle durch das Königreich der Freude. –


Mein Kindlein ist wieder gesund. Es schläft und trinkt und tut sonst allerhand, was ich wie die gewiegteste Familienmutter beurteilen lerne. Über natürliche Dinge wird hier im Dorfe mit größter Offenheit gegen jedermann gesprochen. Zweideutigen Witz aber kennt man nicht. Ich könnte meine ganze Umgebung mit dem altmodischen Worte »keusch« bezeichnen. So war meine Mutter Pauline, und ich finde sie nun in fast allen Dorffrauen wieder. Von meinen Leuten scheint noch niemand die Pietà gesehen zu haben. Ohm Matthias meidet jeden Gedanken an Tod und Vergänglichkeit, Tante Fernande lebte mit Jesuliebe Lage auf gespanntem Fuße. Eva schweigt sich aus, und ich würde es auch nicht ertragen können, von irgend jemand Kritik zu hören. Von dem Heiland in den Armen der Gottesmutter geht eine unsägliche Liebe aus, und von der Maria, in deren Herzen man die sieben Schwerter ahnt, leuchtet eine Tapferkeit, daß ich jede bange Mitschwester zu diesem herrlichen Bilde schicken möchte, auf daß sie den Kampf mit dem Leben wieder aufnähme.

Nach dieser Morgenfreude konnte ich hochgemut durch das Dorf gehen und jeglichen Kleinmut, Bitterkeit, Neid, Scheelsucht und sonstige Lieblichkeiten siegreich überwinden. Bis in das letzte Häuslein drang ich heute. Da wohnt die Korb-Sina. Eine alte, wunderliche Frau hoch in den Sechzigen, mit Adlernase und funkelnden, schwarzen Äuglein. Sie wird gefemt im Dorfe ob ihres Lebenswandels, den sie in der Jugend führte. Da soll kein Bauer in Lage gewesen sein, dem sie nicht das Herz rascher klopfen machte; man sieht es den Ehrbaren und Finsteren heute nicht mehr an, daß sie um der schönen Sina willen vom Pfade der Tugend gewichen. Heute flicht die alte Sina die Körbe, die sie leider vergaß, in ihrer Jugend auszuteilen, und ihr zahnloser Mund erzählt unermüdlich alle Schlechtigkeiten, welche die Lager Männer nach ihrer Meinung einst an ihr begangen, in die Ohren ihrer Enkelin hinein. Es ist das uneheliche Kind ihrer eigenen unehelichen Tochter, die aber längst gestorben. Um dieser Enkelin willen besuche ich die Korb-Sina und höre ihre endlosen, wilden Geschichten gelegentlich mit an. Maria Dörping ist ein schönes, herbes Mädchen, das ungeheuer einsam seinen Weg bisher gegangen ist. Sie hält das Haus der Großmutter in tadelloser Ordnung, zieht in dem kleinen Gärtchen die schönsten Rosen, Reseden und Heliotrope, von denen sie mir jedesmal mit ernstem Gesicht einen Strauß bringt, den ich daheim zwischen die Bilder meiner Eltern stelle. Haus Lage selbst beut mir noch keine Blumen dar. Da wuchert nur Ilex ringsumher mit unwahrscheinlich großen, roten Beeren. Doch nein, ich vergesse den Busch Jelängerjelieber, der sich baumartig hoch an Haus Lage anschmiegt. Er duftet stark und süß in mein Arbeitszimmer hinein. Maria Dörping hat sich das kleine Haus am Dorfende überaus schmuck hergerichtet. Von der Genialität der Großmutter ist nichts auf sie übergegangen. Wie Kraut und Rüben wuchern alle Gegenstände um die alte Frau herum, aber Maria schafft immer wieder Ordnung. Auch einen Hausaltar hat sie aufgebaut, trotzdem sie lutherisch ist. Aber die Dörfler sind so unduldsam, daß sie selbst in der Kirche die Nachbarschaft der Korb-Sina meiden, und so betet auch die Enkelin lieber daheim in ihren vier Wänden. Sie hat ein altes, zerbrochenes Altarbild gefunden und dies vor eine große Kiste gestellt, hat alles mit einer sauberen weißen Decke mit breiter, gehäkelter Spitze überdeckt, große Ilexsträuße, die in der Gegend des Försterhauses am dichtesten wachsen, darauf gestellt und läßt von ihnen ein hohes Kreuz umrahmen, das sie sich von Münster mitbrachte, wo Maria für ein Geschäft feine Nähereien arbeitet. Auf dem Altarbild steht mit mächtigen geschnörkelten Buchstaben geschrieben:

HErr CHRIST iss aufferstanden

Van all den Dodesbanden,

Darob verjubelliert met schall

Undt jubels laut o Christen all.

Verswunden iss all Sorge itzt,

Erstanden iss Herr JESU Christ

Diweyl ER überwunden:

Das Heyl for uns gefunden.

Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art. Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen, und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt, mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe ich immer wieder in das seltsame Haus. –

Ritter Lage schreibt:

»Es lohnt sich wohl, eine Pietà zu meißeln, wenn man solch einen Dank dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …

Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und sah es Bäume umarmen. Das nenne ich Dank. Keine Jury der Welt könnte einem Künstler so lohnen. – –

Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich), als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –

Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt, es steht zu Ihrer Verfügung. –

Der Enterbte.«

16.

Der Sonntag begann heute so wunderschön und endete so wunderlich, – die Kirchenglocken läuteten in den klaren Morgen hinein, mein Lage sah aus wie eine Märchenprinzessin, die sich zum Empfang des Prinzen rüstet, der sie heimführen will. Nun ich ihn niedergeschrieben habe, muß ich über den Vergleich lachen. –

Pastor Oswald hielt eine kernige Predigt. Sein ganzes Wesen ist kurz und bündig, einfach und schlicht. Viel schlichter, als es bedingt wäre. Denn Eva erzählte mir, daß er einer reichen Hamburger Familie entstamme, und daß seine Mutter aus gräflichem Hause sei. Er habe alles beiseite getan und sei aus innerem Antriebe Pfarrer geworden. Das Pfarrhaus unterscheide sich in seiner Einfachheit in nichts von den Bauernhäusern. Ich mag den frischen Gesellen wohl leiden. Habe ihn auch gebeten, jeden Sonntag mit mir zu essen. Wenn es irgend paßt, kommt auch die Lehrersfamilie mit dazu. Nur ist da schon allerhand Kleinzeug, und die Eltern sind nicht immer abkömmlich. Aber es ist das, was ich mir wünsche: Pfarrhaus, Lehrer- und Gutshaus Hand in Hand. Pastor Konrad Oswald hüllt sich in ablehnendes Schweigen, wenn das Gespräch einmal auf seine zukünftige Frau Bezug nimmt. Ohm Matthias ist darin nicht sehr taktvoll. Er bohrt den Geistlichen jeden Sonntag von neuem mit seinen Fragen und Scherzen an. Selbst Tante Fernande hat es ihm schon des öfteren verwiesen, freilich mit dem verblüffenden Zusatze, daß der Pastor meinen könne, sie selbst habe Absichten auf ihn. Mein helles Lachen nahm sie sehr übel. –

»Ein evangelisches Pfarrhaus ohne Frau ist wie ein Haus ohne Dach«, kam ich scherzend meinem Ohm zu Hilfe; aber da traf mich ein so leuchtender Blick aus Pastor Oswalds Augen, daß er mich verwirrte und ich fürderhin eine recht schweigsame Hausfrau für die kleine Tafelrunde abgab.

Oh, nur das nicht! Nur jetzt nichts Verwirrendes, Hemmendes in mein Leben tragen, das der Arbeit gewidmet sein soll. Der Arbeit, die aus der Menschenliebe geboren wird. Riesenkräfte fühle ich in mir, meinem Hause, dem Dorfe, allen denen, die mühselig und beladen sind, ein fester Untergrund zu sein. Und freuen will ich mich mit den Fröhlichen. Ich meine, es gibt deren viel zu wenig in Lage. Nur das Lehrerhaus ist ein wirklich fröhliches, da bin ich so gern daheim.

Man sagt, es sei leichter, Mitleid zu hegen, als Mitfreude. Oh, dies paßt dann nicht auf mich. Grenzenlos kann ich mich mit anderen freuen. Vielleicht liegt es daran, daß an meines herrlichen Vaters rundem Familientisch jeden Abend das gleiche, alte Lied angestimmt wurde: »Wir sitzen so fröhlich beisammen und haben einander so lieb … Und jeden, ja jeden wird’s freuen, wenn einem was Gutes geschah.« –

So ist dieser Begriff der Mitfreude mir ganz in Fleisch und Blut übergegangen. –

Doch wohin ich meine Augen schicke, sie treffen auf Not, auf Trauer, tiefen Kummer und Elend, auf Krankheit und Siechtum. Eigentliche Armut kennt Lage nicht; es hat wohl jeder Hausvorstand, wenn er fleißig ist, sein gutes Auskommen, aber von den älteren Leuten ist kaum eines recht gesund, außer Maria Dörpings Großmutter, die sich der bekannten Zähigkeit des Unkrautes erfreut. –

Aus all diesen Erwägungen heraus will ich ein Krankenhaus in Lage bauen. Auf sonnigem Grund, auf einer schönen großen Wiese soll es stehen. Im Rücken wird das Haus den Wald haben, der es vor scharfen Winden, die hier im Winter empfindlich blasen sollen, schützen wird. – Als ich Ohm Matthias von meinem Plan erzählte, sang er mit höchst unmelodischer Stimme: »Kommt ein Vogel geflogen«, und tippte auf seine Stirn. Desto herzlichere Zustimmung bekam ich vom Lehrer Hein Borgers und seiner prächtigen Frau »Mien«. Ihre frohe Lebensbejahung bildet eine rechte Kraftquelle für mich. Und Pastor Oswald »steckte wieder seine Lichter an«, wie ich heimlich sage. Ich habe nirgends wieder so klare, strahlende Augen gesehen von der Bläue eines tiefen Bergsees. Er drückte mir, wie schon so oft, mit Urkraft die Hand, daß ich meinte, meine Rechte müsse nach diesem Drucke einfach auf den Boden fallen. Er ist danach immer sehr unglücklich, kann sich aber diese urwüchsige Art der Zustimmung nicht abgewöhnen. –

Gleich nach der Kirche machte ich meine Besuche im Dorfe. Sprach auch bei Maria Dörping vor, die gerade ihre Hausandacht beendet hatte. Großmutter sperrte alle Fenster der Diele auf und bemerkte bissig, daß allzu arge Frömmigkeit schlechte Luft mache. Da hat dann Maria eine eigene Art, sie anzusehen, worauf die alte Frau sich brummend verzieht. –

Maria Dörpings Freudentränen über meinen Krankenhausplan waren mir eine rechte Sonntagsgabe. Ich habe mit der Herben viel gute Pläne durchgesprochen. Auf dem Rückwege sah ich ein sehr hübsches, sehr üppiges Mädchen an einem Zaune stehen. Sie knickste und bat mich, doch auch einmal in ihr Haus einzugehen, Vater und Mutter würden sich so sehr geehrt fühlen. Es klang mir wie Spott aus ihren Worten, aber sie hatte ihre Mienen gut in der Gewalt und lief überraschend anmutig für ein Dorfkind vor mir her ins Haus.

Dorfschmied Klas Tönnings ist ein Hüne, seine kleine, zarte Frau sieht zu ihm auf, wie zu einem Heiligen. Wie kann eine Tochter so verschieden von ihren Eltern sein! Die Augen des Ehepaares sehen bedachtsam in die Welt, im Blicke der Mutter liegt etwas Schüchternes, um nicht zu sagen Verschüchtertes. Der Schmied soll an Jähzorn leiden, und irgendeine dunkle Geschichte liegt ob dieses Zornes in seiner Vergangenheit. Die Tochter scheint ihm ohne Erfolg um seinen rötlich struppigen Bart zu gehen, der ihm fast bis auf die Brust herabhängt. Vater Schmied bewacht seine Tochter mit Augen und Mienen, ich meine die Kandare zu sehen, an der er sie hält. Die Mutter streichelt hie und da verstohlen die hübsche, gepflegte Hand der Tochter, die diese dann unwillig zurückzieht. Das sind so meine Beobachtungen. Irgendeinen Zweck verfolgt das Mädchen, da sie mich in die Schmiede bat, – und diese Erkenntnis stört mich in meiner Unbefangenheit. – Als ich dann fortging, bot sie mir ihre Begleitung an, und da auch der Schmied es zu wünschen schien, so wehrte ich mich nicht. Gese Tönnings ist mir unsympathisch, aber als ich sah, wie sie ganz in Klein Erika aufging, und wie flink ihre Bewegungen waren, kam mir der Gedanke, sie mir als Kinderpflegerin anzulernen. Denn bei der Ausführung meiner vielen Pläne werde ich oft außer dem Hause sein. –

Nach Tisch fuhren plötzlich Wagen vor. Ich trank gerade mit Pfarrer Oswald und Tante Fernande den Mokka, Ohm Matthias saß grollend in seinem Gemach, weil der evangelische Pfarrer ihn störte. Eva meldete die Heidkamper Herrschaften und Baron Ellers. Es sind meine nächsten Nachbarn, doch immerhin 20 Kilometer von Lage entfernt. Überaus rasch fand ich mich mit Herrn und Frau von Heidkamp in den gleichen Anschauungen. Sie sind freilich alle älter als ich und kargten nicht mit guten Ratschlägen und Mahnungen, die ich gewiß beherzigen werde unbeschadet meiner Selbständigkeit. Denn ich komme ja als Fremde hierher, und Thüringer Sitten und Gebräuche werden sich schwer in meine bodenständigen Leute einpflanzen lassen. So muß ich die Umlernende sein. Baron Ellers, der überraschend gepflegt und nach dem »dernier cri« der Großstadt aussieht, versetzte mir sofort allerhand vergnüglichen Klatsch aus der Umgegend. Auch Lage selbst schonte er nicht. Bei verschiedenen Geschichtchen sah ich ihn erstaunt-ablehnend an, dann räusperte er sich und wurde für den Rest des Tages recht manierlich. Er meldete mir auch gleich drei oder vier weitere frauenlose Freunde teils aus Münster, teils vom Lande an, die sich »nächsten Sonntag die Ehre geben wollten«, und natürlich mußte ich an die Fußangeln und bissigen Hunde des »Enterbten« denken.

Und gerade, als ich an ihn dachte, sprachen sie von ihm. Er scheint allen Leuten Rätsel aufzugeben. Man fragte mich, ob er die wunderbare »Pietà« selbst aus Holland hergeleitet habe, ob er mir seinen Besuch gemacht … Ich antwortete kurz verneinend und war endlich froh, als sie alle wegfuhren. Wie wenig passend fügen sich all diese geselligen Töne in die stille Harmonie meiner Einsamkeit. –

Kurz vor dem Abendbrot erschien noch ganz unerwarteter Besuch, der im Ruhestand lebende Pastor Külpers. – Er war mir in seiner steifen Zugeknöpftheit, die er zu Anfang zeigte, aber noch angenehmer, als in der väterlich bevormundenden Art, die er im Laufe des Gespräches herauskehrte. Würde eine liebe, alte Pfarrfrau in weißem Haar, bekannt und vertraut mit allen Familien, Tugenden und Untugenden meines Dorfes, mir Ratschläge gegeben haben, ich würde sie ohne Vorbehalt dankbar annehmen. Aber diesem lehrhaften Tone des alten Herrn gegenüber, der mit messerscharfer Unduldsamkeit jegliches Tun und Lassen seiner Mitmenschen, Vorgänger und Nachfahren kritisierte, ließ mich aufmucken. –

Es hat bis jetzt noch nichts Gnade vor seinen Augen gefunden, was ich getan, angeordnet und unterlassen habe, aber ganz besonders mein Nichtbeachten der verschiedenen Konfessionen in meinem Dörflein scheint ihm bitteres Unbehagen zu schaffen.

»Sie haben es sich gewiß gar nicht überlegt, gnädiges Fräulein, was für böses Blut es machen muß, wenn Sie in Ihr protestantisches Haus, dem die brave, fromme Eva vorsteht« … »Meinem Hause stehe ich vor«, warf ich ein. Er beachtete es gar nicht … »nicht nur einen streng katholischen Verwandten dauernd aufnahmen, sondern auch, wie ich heute zu meinem schmerzlichen Bedauern sah, der leichtfertigen Tochter des gleichfalls katholischen Schmiedes Tönnings Einlaß gewährten. Überhaupt würde ich vermeiden, anrüchige Personen zu besuchen, wie z. B. die Korb-Sina.«

»Da bin ich anderer Meinung,« widersprach ich, »ich habe tiefes Erbarmen mit Maria Dörping, der Enkelin, sie trägt schwer an dem Verfemtsein ihrer Großmutter.«

Der Pfarrer lächelte mild über meinen Eifer. »Sie sind noch stürmend jung, gnädiges Fräulein, es ist die Pflicht alter Leute, Sie auf mancherlei Gerede aufmerksam zu machen, das sich über Ihrem Kopf zusammenzieht …«

»Mancherlei Gerede ist Klatsch«, sagte ich mit eisiger Abwehr.

»Da ist z. B. die Clemenskapelle drinnen im sogenannten Holländer Wald, ich bin nie dort gewesen trotz meiner langjährigen Tätigkeit hier, – man hat Sie gesehen, wie Sie mit einem Ölkrüglein die ewige Lampe füllten, – Sie sind Protestantin …«

Ich stand so rasch und ungestüm auf, daß mein Stuhl umfiel.

Und blieb stehen und sah den alten Mann an, ganz fest, und ganz schweigend. Hier ist also meine Achillesferse …

Und dann hörte ich, wie die Tür hinter ihm ins Schloß klappte.

Ritter Lage schreibt: »Tat’s weh, kleine Regenschirmbase? Ja, das ist nun so echt Lage. Aber nun nicht gleich denken, daß aller Schmelz von dem Bilde fort ist, das sich das phantasievolle Geschöpfchen so nett zurechtgemalt hatte. Es ist richtiger, wenn Sie etwas nüchterner werden. Vielleicht hat auch der Herr Pfarrer in manchem recht. Wer zu großen Dingen auf dem Wege ist, soll sich nicht mit kleinen aufhalten. Den Nadelstich mit der Clemenskapelle lassen Sie sich nur gefallen. Ich wußte es gleich, daß dieser rührende Liebesdienst, den die Protestantin dem Heiligen erwies, einen Sturm im Wasserglase verursachen würde. So etwas versteht niemand, nicht einmal ich. Denn wir gehen gewöhnlich im Trott und im ausgefahrenen Gleise. Aber ich kannte und verehrte Vetter Ernst Lage. Nur er konnte einen solchen Außenseiter zur Tochter haben, – Sie können aber jetzt ganz unbesorgt und folglich streng zurückhaltend sein. Ich werde die Lampe nie mehr verlassen, noch versäumen. Warum wollen Sie den Lagern Ursache geben, ›ihr Maul dreinzuhängen‹, wie die Bibel sagt? Sie wissen ja auch, daß sich Flecke am schärfsten von weißem Grunde abheben. Kleines weißes Bähschäfchen! Wieviel Wolle wird man Ihnen noch ausrupfen! – Zum Schluß noch gute Ratschläge: Seien Sie ein wenig strenger mit Ohm Matthias und ein wenig netter mit der alten Eva, sie verdient es um Sie.

Der Enterbte.«

War ich nicht gut mit dir, alte Eva?

Wer ist schuld an dem Mißtrauen, das ich dir seit einiger Zeit entgegenbringe?

Als ich es Eva beinahe abbittend sagte, fing sie an, bitterlich zu weinen. Aber meinen drängenden Fragen setzt sie doch Schweigen entgegen. So will ich nun eben gut mit ihr sein …

17.

Das Zimmer, darinnen Tante Jesuliebe gearbeitet und geschafft hat, und darin sie nach hartem Kampfe auch gestorben ist, habe auch ich mir zur Wohn- und Arbeitsstätte erkoren. Der riesengroße, ovale Tisch darin ist wohl eigentlich ein Eßtisch gewesen, aber die Verstorbene hat ihn als Schreibtisch benutzt, und ich tue desgleichen. Man kann die eingehenden Schreibereien übersichtlich darauf ordnen, man kann an verschiedenen Stellen daran schreiben, ohne nur ein Blatt von dem zu verschieben, was sonst auf dem Tische ruht, und sowohl das Juchtenbuch, als auch der ehrenfeste Foliant, den man kaum aufheben kann ob seiner Schwere, haben darauf Platz. »Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an!« …

Als ich heute durch den Ahnensaal schritt, war mir’s, als schaue das Bild von Jesuliebe Lage mich an. Es pflegt eigentlich über den Kopf des Beschauers hinweg zu sehen; der Maler hat diese Eigentümlichkeit der Verstorbenen, deren ich mich wohl erinnere, ganz vorzüglich herausgeholt und dargestellt. Aber sie sah mich wahrhaft heute an mit gutem Blick.

Hab’ ich ihren Wunsch denn schon erfüllt? Bin ich auf dem Wege dazu?

In Tante Jesuliebes Zimmer kommen mir Erkenntnisse. Sitze ich in dem runden Sessel am Schreibtisch, in dem ich schier versinke, so wird mir alles übersichtlich in Kopf und Herz, was mir vorher ungeordnet schien. Vielfach verknotete Dinge entwirren sich, in dunkle Wege fallen Lichtstrahlen, Hindernisse lassen sich übersteigen.

Die Fäden vieler Menschenschicksale laufen hier in Haus Lage zuhauf. Muhme Jesuliebe hat angefangen, sie zu einer Webkette zusammenzuscheren. Ihr Wille und Werk blieb unvollendet.

Entriß ihr der Tod das Handwerkszeug?

Ich glaube das nicht.

Denn als sie die Worte niederschrieb: »Zünd an, Brigitte!«, da erwählte sie mich klaren Geistes zur Vollenderin ihres begonnenen Werkes. Und erst nach Monaten traf sie der lähmende Schlag, dem bald der harte Tod folgte. Aus der drängenden Bitte der Toten klingt es wie Jammer zu mir herüber.

Klage über ihre Unfähigkeit?

Wie kann ich dies beschämende, herabsetzende Wort mit Muhme Jesuliebes Klugheit und Arbeitswillen paaren? Wird es mir, der jungen, so viel minderen Nachfahrin, gelingen, die zusammengeschorenen Lebensschicksale zu einem festen Gewebe zu vereinen?

Wie nennt sich das bindende Edelmaterial für den starken Einschlag? Herrgott, ich fühl’s, es verlohnt sich kein Suchen, denn nach der Liebe, und ich brauche nichts zu wissen, was mich die Liebe nicht lehrt. –

18.

Bin noch gar nicht wieder in meinen Märchenwald gekommen. Gerade weil es mich mit Allgewalt zu ihm hin- und in ihn hineinzieht, nehme ich mich an die Kandare. Über mich befehlen soll nur die Arbeit. Es ist wohl die feste Mauer, um die ich gebetet habe. Sie hat sich wie ein Gürtel rings um Lage gelegt. Und wohin ich nur schaue, gibt es Arbeit zu überwältigen, zu der sich außer meinen eigenen nicht allzu viele willige Hände ausstrecken. Immer wieder gehe ich auf die Suche. Maria Dörping und Gese Tönnings habe ich mir verpflichtet. Diese beiden Gegenfüßler, von denen die eine das leichtsinnige Heim mit der übelbeleumundeten Großmutter adeln, und die andere den ihr eigenen leichtsinnigen Ton in das strenge, ehrbare Gefüge des Elternhauses hineinsingen will. Die beiden verschieden gearteten Mädchen haben kein gutes Einvernehmen und arbeiten widerwillig miteinander. Maria Dörping sagt nichts, aber sie »blickt«. Ihre ernsten Augen fragen unablässig: »Warum verflachst und verhudelst du dir dein eigenes Leben?« Diese fragenden Augen reizen Gese Tönnings, und sie bricht den Streit vom Zaun, der aber höchst einseitig geführt wird.

So habe ich den beiden verschiedene Arbeitsfelder zugewiesen; Maria hat für die Vormittage einen Kindergarten übernommen und besucht und sammelt am Nachmittage die Lahmen und Siechen, bis das Haus auf der sonnigen Wiese fertig sein wird, das beide Trüppchen aufnehmen soll. »Im Auftrage des Ritter Lage« erschien ein Architekt bei mir, der mir Baupläne unterbreitete, zu denen ich nur freudig ja und amen sagen konnte. Es wird ein reizendes Haus. Einstöckig, langgestreckt. Mit zwei gleichen, hochgewölbten Eingangspforten, über denen je ein Spruch gemeißelt wird. Für die Siechen: »Auf, nimm dein Bett und wandle!« Und für die Kleinen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Zwei helle große Dielen enthält das Haus, darinnen die Siechen rasten und die Kindlein rennen sollen, wenn schlechtes Wetter den Aufenthalt im Garten und Wald verbietet; hohe, luftige, helle Zimmer bergen die Betten und Möbel. Auch einen Andachtsraum mit einem schönen Harmonium sollen meine Pflegebefohlenen haben, der wird das Schönste im ganzen Hause werden. Denn ora steht vor labora. –

Die leichtherzige, fröhliche, leichtlebige, leichtsinnige Gese Tönnings habe ich für Haus Lage verpflichtet. Sie versteht sich gut mit meiner alten Eva. Ob diese ihr gute Lehren gibt, die von Gese angenommen werden, oder ob sich Eva aller Einmischung enthält und Geses Tüchtigkeit als Kinderpflegerin anerkennt, entzieht sich meiner Beurteilung. Die beiden arbeiten jedenfalls Hand in Hand, und Klein Erika gedeiht.

Auch der junge Förster Nordstamm erwacht langsam wieder zum Leben und besucht das Kind hie und da. Im Gegensatz dazu hat sich der Großvater Nordstamm grollend zurückgezogen und wirkt mehr und mehr wie ein knorriger Eichbaum, den man nächstens in den Märchenwald verpflanzen kann. Wunderliche Lebewesen hat unser Herrgott um mich herumgestellt, aber ich habe sie alle liebgewonnen, weil sie mir soviel geben. Oder weil ich ihnen soviel geben darf? Ich fühle eine Quelle in mir, die immer stärker strömt, je mehr man davon trinkt. »Solch Spendegold erschöpft sich nicht.«

Mein neuer Bechsteinflügel ist angekommen. Es ist das einzige, von dem ich fühle, daß ich es außer der Arbeit haben muß.

Mit Beethoven habe ich das köstliche Instrument eingeweiht. Die Fenster hatte ich weit geöffnet, und in die stille Mondnacht hinein klang und sang das Adagio aus der 2. Symphonie.

»Still sank der Abendsonne Gold

Hinunter an des Himmels Zelt.