von
Felix Dahn.
Motto:
»Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal
So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«
Geibel.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Inhalt
- [Fünftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.]
- [Erstes Kapitel.]
- [Zweites Kapitel.]
- [Drittes Kapitel.]
- [Viertes Kapitel.]
- [Fünftes Kapitel.]
- [Sechstes Kapitel.]
- [Siebentes Kapitel.]
- [Achtes Kapitel.]
- [Neuntes Kapitel.]
- [Zehntes Kapitel.]
- [Elftes Kapitel.]
- [Zwölftes Kapitel.]
- [Dreizehntes Kapitel.]
- [Vierzehntes Kapitel.]
- [Fünfzehntes Kapitel.]
- [Sechzehntes Kapitel.]
- [Siebzehntes Kapitel.]
- [Achtzehntes Kapitel.]
- [Fünftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.]
- [Erstes Kapitel.]
- [Zweites Kapitel.]
- [Drittes Kapitel.]
- [Viertes Kapitel.]
- [Fünftes Kapitel.]
- [Sechstes Kapitel.]
- [Siebentes Kapitel.]
- [Achtes Kapitel.]
- [Neuntes Kapitel.]
- [Zehntes Kapitel.]
- [Elftes Kapitel.]
- [Zwölftes Kapitel.]
- [Dreizehntes Kapitel.]
- [Vierzehntes Kapitel.]
- [Fünfzehntes Kapitel.]
- [Sechzehntes Kapitel.]
- [Siebzehntes Kapitel.]
- [Achtzehntes Kapitel.]
- [Neunzehntes Kapitel.]
- [Zwanzigstes Kapitel.]
- [Einundzwanzigstes Kapitel.]
- [Zweiundzwanzigstes Kapitel.]
- [Dreiundzwanzigstes Kapitel.]
- [Vierundzwanzigstes Kapitel.]
- [Fünfundzwanzigstes Kapitel.]
- [Sechsundzwanzigstes Kapitel.]
- [Siebenundzwanzigstes Kapitel.]
- [Achtundzwanzigstes Kapitel.]
- [Neunundzwanzigstes Kapitel.]
- [Bemerkungen zur Textgestalt]
Fünftes Buch.
Witichis.
Erste Abteilung.
»Die Goten aber wählten zum König Witichis,
einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.«
Prokopius, Gotenkrieg I. 11
Erstes Kapitel.
Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete die Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin schaltete.
Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die Arbeit des Tages zu beschließen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät im Hofraum auf: und ein römischer Freigelassener, gar ein gelehrter und vornehmer Herr, der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft.
Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner hellgelben Locken. »Vergiß mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in den Trinkkübel zu werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß er dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« [pg 4]Und er warf die Thür zu. »Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine Hausherr mit wichtigem Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl gut für die Mägde, aber die Knechte brauchen den Mann.«
Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof.
»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn. »Woher soll er auch kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie dürften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich nichts ausrichten und sehe nichts gleich.«
Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen, das die liebe Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten Streifen durchwirkt hatte.
»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber ich muß noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn: »Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in acht und wahre mir die Mutter! Ich verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm die Hand drauf. So muß ich Wort halten.«
Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses vorüber, durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben nach der Rückseite des [pg 5]Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze umfriedete, merksam wurde.
Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war ein großer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? – willst du gleich hinaus und herab?«
Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag’ ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden Wandrer?« – »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist du was Rechtes und willst du was Rechtes, – da vorn steht das große Hofthor sperrangelweit offen: da komm’ herein.«
»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den Hof hereinzusteigen.
»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Faß, Griffo! Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf’ ich die Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid’s nicht!«
Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger, grau borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.
Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, [pg 6]dem Alten gegenüber, so verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein stieg. »Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. – – »Nun sage mir, kleiner Mann, wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte dieser, scheu zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte der Alte freundlicher. »Und das ist hübsch von dir, daß du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich bin kein Räuber! führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer du deine Hofwehr verteidigt hast.«
Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte freudig springend voran.
Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte für diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt. In der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.
Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Knie heraufgeschürzt und hing gebauscht über den Gurt von stählernen Ringen, der ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. [pg 7]Es lag viel schlichte Würde in der Gestalt, wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder schritt.
Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu unterst in der Reihe saß und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist glatt und du hast heut’ nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst. Freilich,« fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete. Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie, »du hast mir im stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn. Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das erste deiner Ehe, nicht zu spinnen.«
Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und dich nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. – »Mild mit den Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heißt es genau sein.«
Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür sichtbar: der Knabe wollte rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab.
»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus, und sie scheint wohl die Herrin im Hause – doch! wer weiß Alles?« Da war Athalwin nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der [pg 8]Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann’s nicht begreifen.«
Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne Thüre brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weißt, der Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. Sein Platz ist nicht bei mir.«
»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte vortretend.
»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. »Du bist also der Großvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater! Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht durchs Thor wie andre ehrliche Leute?«
Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin.
Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle. Alle Spindeln ruhten – außer Liutas – aller Augen musterten neugierig den Alten.
»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du, Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, – du kennst den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend. Komm, Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –«
»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, – draußen, vor’m Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – [pg 9]Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?« Es war seine erste Frage. –
Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen, – da wandelten Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’ nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt.
Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein Kind musterte.
»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, »und sage mir, wie’s dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir gegangen? Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist’s nicht so hübsch warm, wie hier im Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf. »Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt’ ich mir einen andern kaufen hier unten.«
Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden als hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, weil du’s doch endlich nicht mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.«
Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du’s nur weißt! Nun ja! ich mußte doch mal selbst sehen, wie’s um dich steht und wie er dich hält, der Herr Gotengraf.«
»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – »So? und warum ist er denn nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in des Königs Dienst.«
»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch – sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine Tochter, und freute mich, und nun –«
Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen! Aber du hast doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte große Beute vom Gepidenkrieg.« – »So bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu klagen? Sag’s mir nur, Kind! Was es auch sei, sag’s deinem alten Vater und er schafft dir dein Recht.«
Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den unglückseligen Irrwahn, als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.«
»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. »Und du nennst einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s ein Wahn, daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal? Ist es ein Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre [pg 11]Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh verdirbt? Von Süden. Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg auch herab, trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna: erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr was, der je hier in den Süden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von all’ dem gewußt?
Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft, alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem andern die Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was Gutes und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben bei mir ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mußte er sie führen ins heiße Sumpfthal. Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –«
»Aber endlich gabst du nach –«
»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech geworden nach dem Unglücksmann.«
»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« – »Wenn’s nur auch wahr ist!« – »Vater!« – »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß Glück von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor [pg 12]der Ebne, daß ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe. Wenn ich es jetzt doch gethan, hat’s schweren Grund.«
»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?«
»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern sahen es nicht und lachten mich aus.
Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich’s selten gehört da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Gießbach mit sich fortgerissen – nach Süden.«
»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?«
»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren Sorgen über deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.
So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht gekleidet. Du aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber [pg 13]sprach: »wer ist das Weib? ich kenne sie nicht.« – Und es ließ mich nicht mehr droben in den Bergen. Herab zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist im Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ ich nicht durchs Thor ins Haus.«
»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume nicht denken. Dein Mißtrauen –«
»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und in dem Traumgesicht hat sich’s mir deutlich gemeldet: dir droht ein Unglück! Weich’ ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder schön finden in der freien Luft, wo man über aller Herren Länder hinwegsieht.«
»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen? Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen Willen.«
»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so ist es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«
Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig stieß er seinen Stock auf die Erde.
»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten unter sie führt!«
»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes schämen.«
Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?« fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen Königsboten nicht warten!«
»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«
»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt. Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du aufbrechen.«
In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«
»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch heute Nacht zurück auf meinen Berg.«
Zweites Kapitel.
Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem Halbkreis das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt Neapolis.
Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich das Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor die Mauern der parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden. Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in jenen Gegenden zu finden.
Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf den die Griechen stießen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den Städten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium, von Lucanien mit den Städten Velia und Buxentum, von Apulien mit den Städten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des rechtgläubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer und Barbaren verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an den Sarnus im Südwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wällen von Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen.
Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes des Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten Wiesenflächen, auf den [pg 16]Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen; dann schwere armenische Schildträger, Makedonen mit zehn Fuß langen »Sarissen« (Lanzen) und große Massen thessalischer und thrakischer, aber auch saracenischer Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem Belagerungskampf verurteilt und ihre Muße nach Kräften ausfüllend mit Streifzügen ins Innere des Landes.
Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet, zugelassen wurden: – aus ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer hervor, – in reichvergoldeten Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fußvolks achttausend Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten die avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mußte, den Mangel der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und die vielen Tausend übergegangenen Italier.
Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte, befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die [pg 17]Scharen, die das neu von den Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische, numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.
Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau, Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen, Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte. Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die Leibwächter Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern verteidigen sollten.
Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er hätte der überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach Byzanz. Als nämlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Küste zurücksegeln solle, angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in Wahrheit [pg 18]aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die Siegesschritte Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mißtrauens gegen den Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm der Nauarch vier Kriegstrieren, die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.
So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng einschließen können: – den Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – aber den Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu sperren vermocht.
Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die Belagerten keine Flotte hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel Vorteil würden ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und die Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die ersten Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit an der Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.
Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze Geschwader hatte König Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die Arnusmündung bewachen sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als [pg 19]drei leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd. Aber da er das Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er nicht, bis er aus großen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder einen Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte, aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig abgeschnittene Stadt von Bajä, Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit einer kleinen Schar oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager, landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, daß sich die Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu entfernen wagten, während diese Erfolge die hart bedrängte, von steten Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder ermutigten.
Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß die Lage schon jetzt eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil seiner Boote dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung der Reichen, daß diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden sollten, streng zurückwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine [pg 20]rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort, in dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.
Drittes Kapitel.
In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.
Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren der Städte einen Altar errichtete.
Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der alte mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle Hand [pg 21]hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte. Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war: man liebte, die Stätten des alten Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu verscheuchen.
Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau berührt hatte.
Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten: ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe [pg 22]blieb sie träumend stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem Betschemel, ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf des Mädchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.
»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, die Vögel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blätter der Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab’ eine Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem Tode, dein Glaubensspruch? – »ich glaube an die Gemeinschaft«« – –
»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.« – »Wie kömmst du auf diese Gedanken.«
»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und Steine in die Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie wieder aufstehend.
Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da: mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.«
Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – [pg 23]sprach sie dann ruhig – »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« – »Du hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?«
»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule ihres Hauses.«
»Nun, ist sie seiner würdig?«
»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,« seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,« sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die Christen dann beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten, »das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder« – und sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wäre auch so schrecklich nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten Wunsch? Ich kann’s nicht denken.«
Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer nicht.
»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thränen von ihren Augen.«
»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es klingt so gut.«
»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.«
Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe? Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt’ ich zu wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine Liebe und mein Weh.«
»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe? nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wieder kommen, daß ich dich noch schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ ich ihn noch einmal fassen und umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur, Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.«
»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so mein’ ich’s nicht! hier auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wieder kommen sehen des Weges, den er gegangen.«
»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, »wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig Jahren verschwunden!«
»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all’ meiner Thränen nicht geachtet, all’ meiner Gebete. Was war er für ein braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, daß du darbest. Du weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich beschützen.« – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.
Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
Er ist noch immer nicht zurückgekommen.
Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke: heut’ führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in Ägyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist, heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute [pg 26]Nacht im Traum hab’ ich ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort: und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren vereint auf ewig. Und so wird’s werden: denn der Herr erhöret das Flehen der Betrübten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.«
Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines Häuschen.
Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so? Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde! An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’ ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär’ ich nicht Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen? und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier, erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte gebüßt ...« – –
»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische Stimme.
Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er verschwand in fernen Schatten.
Viertes Kapitel.
Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel gedeckt, schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal ist’s noch Uliaris, nicht Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr dauern.« – »Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ ihn mir heut’ Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit gestern. Der blutige Johannes, Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht, Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns vollendet und wirft uns Brandpfeile [pg 28]auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.«
»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend.
»Den Teufel auch, aber sie will nicht!
Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden. Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur Freiheit!« herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen. Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum meine ich« – und sein Auge blickte finster –
»Was meinst du?«
»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ...« –
»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein! Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser, pfui Teufel!« – »Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.« – »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?« – »Keine! Mein fünfter Bote ist gestern fort.« – »Gott hau’ ihn nieder, unsern König.
Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen Mauern kommen!«
»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher Wein.
Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter vierzig Hunden, – mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg der graue Gote vom Verdeck.
Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen.
Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Höhe von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn begleitete, und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.
Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius, sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind genommen.«
Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das sagt.«
»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es gethan.« – »Wer war es?« – »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar.« – »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.«
»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird’s lebendig ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« – »Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick und lang, eh’ wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.«
»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,« sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. »Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden. Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar kennen lernen.«
Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich. Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber [pg 31]seine mathematischen und mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des Magister-Militum per Orientem«, d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Thore der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er in unermüdlichem Fleiß sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger Miene erschien er deshalb vor Belisar.
»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« – »Dreihundertfünfzig, Herr!« – »Gut! Verteile sie um unsre ganze Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle Werkzeuge spielen.«
»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die Brandgeschosse?« – »Auch die! die zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du kennst noch ihre [pg 32]Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen und erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du Justinian einen Schutthaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und groß.
Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte Justinians! warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren?«
»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop. »Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es brennen in Neapolis.«
»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf ich ihn bringen?«
Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward daraus?« »Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?«
»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte das Doppelte und erhielt den Auftrag.«
»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?«
»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.«
»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?«
»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.«
»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts! mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!« seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen! Und sie wirken allerliebst.«
Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wälle und suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen: Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.
Aber Totila lachte nicht.
Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt.
»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch sicherer!« Er hatte [pg 34]noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln lassen mußten.
Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten Dächer, während im Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.
Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk und im Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm [pg 35]und richteten eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern.
Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer hat das Geschoß gerichtet?« – »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.«
Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt nieder.« Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen Teilen der Stadt in vollen Flammen.
»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße nach dem Hafen sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du Mädchen? laß mich – Du bist’s, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?«
»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie ist gerettet.«
»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm: dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie blutet. Ein Stein hat sie ver[pg 36]letzt, an der Schulter. Aber es ist ohne Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!«
»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!«
Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der Linken den breiten Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana.
»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!« betete Miriam.
Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius’ und ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. – –
Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! in dieser Stunde! In der nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta, von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt fort! Julius wird dich begleiten.«
»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.«
»Einen Weg? wohin willst du?«
»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.«
Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist erloschen für immer! Kaum hat mein [pg 37]Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.«
»So traust du unserm Schwerte nicht?«
»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.«
Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der Trieren zu sichern.
Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden Sandalen unter die Füße zu binden.
»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. – »Ich thue es gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du kannst ihn jetzt verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –«
Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend an ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester! Erschrick nicht! Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne blickt. Und so seh’ ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern Pfad, [pg 38]der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen, daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’ ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für deine schöne Liebe.«
Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thränen über die glühendroten Wangen: und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das Haupt an der Freundin Brust.
Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.
Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen hinaus.
Totila sah ihnen wie träumend nach.
Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den fliehenden Segeln nach, nicht achtend [pg 39]der Geschosse, die jetzt immer dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Träumen.
»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ ich dich: Uliaris will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter klirrenden Pfeilen?«
Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das Schiff? – Da fahren sie hin! –«
»Wer?« fragte Thorismuth.
»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu suchen.
Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu führen, angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?
»Keine.«
»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!«
»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk’ ich. In dem Castellum Aurelians, auf der Straße nach Rom, liegen vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin, während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.«
»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.«
»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.«
Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: – zum letztenmal in diesem Leben.«
»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig, »die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen.«
»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt ist Zeit zu freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm.
»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!«
»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du ließest dich wohl lieber retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird, der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren [pg 41]will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich Gesicht.«
»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spieß fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen Mauern.«
»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft. Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir’s verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer Hand. – »Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, daß ihn je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!«
»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in Verzweiflung. Auf Wiedersehen.«
Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu fluchen.
Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei Gott. –
Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche thut, wie ich von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: da giebt’s einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.«
Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.«
Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts, welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da rief ihn eine leise Stimme.
Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte. »Was willst du, Jude?« rief Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es gilt harte Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.«
»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.«
»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?«
»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen, wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht, das ich fordre.«
Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« – »Hier!« sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – »Wie? die Wasserleitung? woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.«
Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich verrätst?«
»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich nieder.« – »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg.
Fünftes Kapitel.
Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern, die außer ihren Schwertern kurze Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes, »reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten. Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte. Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir haben.«
»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß fallen.«
»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht – nieder mit ihm!«
Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach, sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie vorwärts.
Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den Juden! Nieder mit ihm! – Feinde! Waffen! – – Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine Schlange, die vorüber rasselte! Vorwärts.«
»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in einen Tempelgang.«
»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett!
Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!« seufzte einer der Männer.
»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« – »Das ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude – »nun nur noch wenige Ellen.« –
Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten.
Wir kennen den Baum.
Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell klirrend an die Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.
»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme.
»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach Gott,« sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet. O laß ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des Baumes.«
Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück verschwunden, gieb mir’s wieder heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf diesem Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die Augen fromm gen Himmel gewendet.
Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich wenden. »Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt.
Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die Arme aus. »Jucundus!« rief sie.
Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: – Miriams Blumen.
Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?« – »Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – »Wo ist die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach Jochem – es war die Treppe, die zu Miriams Gemach [pg 46]führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! – »still! der Alte läßt sich hören.«
Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer kommt?« fragte er.
»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte euch nochmal fragen ...« – und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen klirren.
»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er die Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb, Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht zurück konnte, die breite Partisane in die Brust, daß dieser rücklings hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch einmal.
Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von Byzanz. Da krachten unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war es ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.
Da war alles aus.
Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein Haufe brach die nächsten Thore ein, den Brüdern draußen Eingang schaffend.
Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei: er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert treuen Goten, die ihn noch umgaben.
Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen [pg 47]flattern sahen, erhoben sich – unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des Syrers, – ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward, da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch die Bürger von Neapolis: sie entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten, glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab umgeben, zur Porta Capuana hereinritt.
Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst lag ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem Kaiser an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen. Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden – Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers – ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der Führer der Goten? Tot?«
»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.«
»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila. Was ward aus ihm? Ich muß ihn haben.«
»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot, vortretend, »wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung ausnehmt, will ich’s euch wohl sagen.«
Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden. »Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht dich sprechen.«
»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit wenigen Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.«
»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? das Thor besetzt?«
»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können.« sprach Johannes.
»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!
Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.«
»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Maßregeln.
Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.« Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.
»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!«
»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück.
»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. –
Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend. »Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. –
Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja, wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze vom Jordan, aus dem Tempel.
»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.
Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen.
»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben [pg 50]lang. Jetzt muß ich fort, wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.«
Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen Blick warf sie auf das stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum Thore hinaus auf die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie um sich.
»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er ist so gut wie gefangen.« – »Horch, vor dem Wall, – Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.«
Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Thor.
»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein Roß heran. »Ich weiß nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar Wachtfeuer brennen.«
Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte Totila. »Gebt die Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,« antwortete Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger bewaffnen müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben Aufgestellten, »vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat einen neuen König.«
»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weißen Roß, der erste.« Da sprangen die Thorflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang, Fackeln glänzten, Stimmen flüsterten.
»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte Thorismuth vor, die Hand vor [pg 51]den Augen. »Sie haben gestern getagt zu Regeta,« fuhr Totila fort, »Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis ...« –
Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!« Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust.
»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück.
Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, daß es dröhnend vor Totila niederschlug.
Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter! Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
»Miriam, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: – dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!« hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr. »Miriam,« rief er nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. –
Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das edle Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da faßte Thorismuth nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm einen Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. »Auf und davon, Herr,« rief er, »ja, sie müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen; nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht [pg 52]und des Wegs unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen, liegen sah.
Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, – wir sehen uns wieder.« Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.
Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben für immerdar.
Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte, rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das Mißgeschick zu melden.
Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wußte es besser: Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert unter sie fahrend, Einhalt schuf. –