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Weltuntergang

Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000
nach Christus

von

Felix Dahn

Neunte Auflage

Leipzig
Druck und Verlag von Breitkopf & Härtel
1912


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.


Den Freunden
Karl Gareis, Lorenz Grasberger,
Mathias von Lexer
und
Anton Freiherrn von Tröltsch
in dankbarem Gedenken gemeinsam zu Würzburg
verlebter Tage
zugeeignet.


»Dem Stift Wirzburg viel Gutes hat gethan
Bischof Heinrich, der herrliche Man,
Das muß man von ihm sagen!
Zwei Grafschaften bracht' er daran,
Drei neue Kloster fing er an
Zu bauen bei seinen Tagen:
Neumünster, Haug und Sankt Stephan,
Darin des Gottesdienstes pflagen
Viel fromme Chorherrn sonder Wahn:
Sankt Benediktus Ordensban
Thäten's alle jagen.«

Alter Spruch.


In ew'ger Gegenwart steht alles Leben. – –


Vorbemerkung.

Die Gedichte, welche Gedanken und Namenbeides – nachfolgender Erzählung tragen, sind bereits 1868 entstanden, 1873 in der ersten Auflage der zweiten Sammlung meiner Gedichte (Stuttgart, J. G. Cotta) zuerst, zuletzt in der dritten Auflage dieser Sammlung (1883, Leipzig, Breitkopf und Härtel) veröffentlicht worden.


Erstes Buch.

I.

Gar wunderhold, wie sonst kaum irgendwo auf deutscher Erde, zieht der Frühling ein zu Würzburg an dem Main.

Frühzeitiger als anderwärts kehrt er zu: im Hornung schon flötet die Amsel ihr melodisch Lied hoch vom Ulmenwipfel, wann die Sonne zu Rüste geht über dem Guttenberger Wald, Thal und Rebgelände tauchend in eitel Gold und Segen. Frühe sprießen an sonniger Halde die Veilchen hervor und wie leuchten, wie duften sie in den Weingärten der sanften Hügel, die wilden, gelben Tulpen! Dankbar gedenkt, wer je sein genoß, des Würzburger Lenzes. –

Und ganz besonders schön, herrlicher denn je zuvor, meinten die frohen Menschen, war der liebe Lenz in das Mainthal eingefahren im Jahre des Herrn Eintausend.

Das Land weithin stand in eitel Maienblust.

Das Wildgedörn, das die Rebgärten rings an den sanft aufsteigenden Hängen umhegte – Weißdorn und Rotdorn und zahllose Hagerosen – blühte so reich, daß der süße Duft, vom Südwind getragen, berauschend flußabwärts zog. In den dichten Hecken vor der Stadtmauer, aber auch in den häufigen Gärten innerhalb der Umwallung sang die Mönchsgrasmücke, sang die Nachtigall ihr feurig Lied. –

Am Abend eines wunderschönen Maientages leuchteten vom linken Flußufer her über den Wall am rechten Ufer, zumal über die Mainbrücke hin, die Strahlen der versinkenden Sonne: sie trafen voll auf den ragenden Dom und das unmittelbar im Süden daranstoßende »Bischofshaus«: das heißt das gemeinsame Wohnhaus der Kanoniker. Brücke und Dom standen damals bereits genau an derselben Stelle wie heute: aber beide waren von Holz gebaut und erheblich schmäler als dermalen.

In dem Hauptsaale – der Bücherei – des Bischofshauses, in dem einzigen Stockwerk oberhalb des Erdgeschosses, stand an dem hochgewölbten romanischen Rundbogenfenster ein ernster Mann in mittleren Jahren. Er hatte soeben den von zierlichen Querlatten gebildeten Fensterladen, der den heißen Tag über verschlossen gehalten worden, nach außen aufgestoßen und blickte nun hinaus. –

Wo sich heute bergab, gegen den Fluß zu, die »Domstraße« senkt, lag damals ein offener Platz, nur in weitem Abstand vom Dom und dessen Anbauten durch ein paar unverbundene »Höfe« begrenzt.

Der einsame Mann neigte das braunhaarige, aber stark ergrauende Haupt leicht hinaus; er strich langsam mit der Linken über den breiten, fast völlig weißen Bart; er schloß die grauen, schwermütigen Augen; seltsame Augen waren es: nicht schön von Form oder Farbe: müde von vielem Lesen: – vielleicht auch von anderem: – aber doch war ihr Blick scharf, – wie der des Falken – und unvergeßbar für jeden, der ihn aus der verhaltenen, ja trüben Ruhe hatte plötzlich aufleuchten sehen in flammendem Blitz. –

Aber jetzt, als er sie wieder aufschlug, war der Ausdruck dieser sinnigen Augen tief verträumt. Lange blickte er schweigend hinaus. »Wie schön,« sprach er endlich leise vor sich hin, »wie friedevoll! Des Herrgotts reichster Segen ruht auf Gau und Stadt. Soll ich – darf ich – diesen Frieden stören? – Aber muß ich nicht? – Und wird nicht – wie sie sagen – vielleicht der Herrgott diesen Frieden in wenigen Wochen wandeln in flammende Zerstörung, in Verderben? – Er nach einem unerforschlichen Ratschluß im großen – ich im kleinen, nach Pflicht meines von ihm mir verliehenen Amtes, also doch auch nach seinem Ratschluß.«

Er richtete sich hoch auf, trat von dem Fenster zurück und machte einen Gang durch den geräumigen, durch zwei Reihen von Holzpfeilern mit Rundbogen gegliederten Saal.

Die Einrichtung war einfach, ohne Prunk, aber würdevoll; das ansehnlichste Gerät bildete eine Art Baldachin, der an der Ostwand gegenüber den nach Westen blickenden Fenstern, von zierlich geschnitzten Rundpfeilern getragen, eine lange Truhe überhöhte, deren Deckel, mit weichen Decken belegt, als Rücksitz diente; in der Mitte der Bücherei stand ein mächtiger runder Tisch, dessen weiße Ahornplatte mit Schreibgerät und mit vielen Pergamenten bedeckt war, an welchen an Lederriemen und bunten Schnüren große Siegel in hölzernen, bleiernen und silbernen Kapseln herabhingen.

»Mein Amt?« raunte er nun leise. »Ist es nur des Amtes Pflicht, was dich treibt, Heinrich von Rothenburg! Oder ist es die alte Lust am Kampf?« – Er ballte die Rechte wie um Schwertesknauf und spannte die Muskeln des eingebogenen Armes. – »Am Kampfe, – zumal gegen diesen Feind? – – Also Sünde? – Sünde also plante ich, während der Rächer aller Sünde vielleicht schon die Wolken zusammenballt, auf denen er niederfahren wird, zu richten die Lebendigen und die Toten!« –

Er hielt erschauernd inne in seinem hastigen Gang und schlug andächtig ein Kreuz über Stirn und Brust. –

»Sünde?« – begann er aufs neue, wieder ausschreitend. »Jawohl! – Hätte ich nicht dringendere Pflichten, – vielleicht! – aber die meinen immer noch weltlichen Sinn weniger befriedigen, meine Kampfesfreude schwächer – locken? Denn diese Pflicht des Amtes lockt dich, Heinrich! Ist das nicht ein Zeichen, daß sie weniger Pflicht als – – Leidenschaft?«

Er stieß bei einer raschen Wendung an den Rundtisch: eine der Urkunden glitt herab und rollte vor seine Füße. Er hob sie auf und warf einen Blick auf das daranhängende Siegel. »Kaiser Karls Verleihung! Sie selbst! – War das ein Wink, eine Mahnung des Herrn? Wüßt' ich es nur, – zweifelfrei: – ich nähme sie ja so gern auf mich, die Pflicht und den Kampf.« – Er drückte das Pergament heftig an die Brustfalten seines langwallenden dunkel-porphyrfarbigen geistlichen Gewandes.


II.

Da ward die in das Vorgemach – nach Süden – führende Thüre des Saales geräuschlos geöffnet und ebenfalls in geistlichem, aber ganz schwarzem Gewande trat ein wenige Jahre älterer Mann ein. Dicht an der Schwelle, zwischen den dunkelgelben Thürvorhängen, blieb er stehen; demütig neigte er tief das ganz glattgeschorene Haupt und mit leiser Stimme hob er ehrerbietig an: »Hochehrwürdiger Herr Bischof, Ihr habt befohlen.«

Der Angeredete trachtete, seine lebhafte Erregung zu bändigen, zu verbergen; er legte die aufgeraffte Urkunde ganz sacht auf den Tisch: – er suchte, vor denselben tretend, sie dem Blicke des Besuchers zu entziehen. »Laß diese unterthänige Weise, Bruder Berengar«, sprach er gütevoll. »Sind wir doch Kampfgesellen: du bist mein eifrigster Mitstreiter.«

Der andere trat näher, langsamen Schrittes. Die starren Züge des langen, hageren, gelbfahlen Gesichtes blieben unbeweglich, die schmalen Lippen öffneten sich kaum, die tiefschwarzen Augen hielt er streng zu Boden gerichtet, als er sanft erwiderte: »ich darf nicht anders. – Euer Vorgänger, der hochselige Herr Bischof Bernwart, hat mir solches Gebahren besonders auferlegt zur Buße für meine hochfärtige Überhebung.«

»Ja, ja,« lächelte Herr Heinrich – und die freundliche Heitre stand dem wohlgebildeten Antlitz, den feinen Zügen herzgewinnend gut, »Mein gestrenger Oheim war ein stolzgemuter Herr« – »Er durfte es sein. – War er doch ein Graf von Rothenburg, – wie Ihr.« Der Bischof zuckte die Achseln: »Edle Geburt ist wertvoll.« »Ha, wirklich?« flüsterte der Priester, aber ganz unhörbar. –

»Doch ist sie kein Verdienst. – Aber er hatte dich im Verdacht, Archidiakon«, – und er hob mit lächelnder Drohung den Finger – »erstens schon bei seinen Lebzeiten Bistum und Bischof beherrschen und zweitens um jeden Preis sein Nachfolger werden zu wollen.« – »Was doch nur abermals ein Rothenburger werden sollte.« Ganz tonlos und unterwürfig kam das aus den kaum geöffneten Lippen. Aber der Bischof schüttelte lebhaft das Haupt und hob, schmerzlich berührt, in Abwehr die Hand: »Da irrst du, Freund. – Mein Oheim konnte nicht ahnen … War ich doch ein Kriegsmann! Ein Mann der Staatskunst …« – »Und was für einer! In keiner Heerfahrt des Kaisers Otto des Roten und des jungen Otto fehltet Ihr auf deutscher, wendischer und zumal auch meiner italischen Heimaterde. Wie oft ginget Ihr als der Frau Kaiserin Theophano Vertrauter in Gesandtschaft nach Rom, ja selbst nach Byzanz!«

»Also!« unterbrach Herr Heinrich, kopfschüttelnd. »Mein Ohm und ich – wir dachten wahrlich nicht daran, daß ich weltlicher, mit viel Schlachtenblut befleckter Mann jemals geistlich, vollends Nachfolger des heiligen Burchhard werden würde. Du – Archidiakon, es ist wahr – hattest das nächste Anrecht auf diesen Stuhl.« – »Kaiser Otto der Junge dachte anders, weiser – als er Euch – noch nicht sehr lange trugt Ihr geistlich Gewand – das Bistum gab.« Der Rothenburger seufzte: »Ja: Er gab es mir.« Beschwichtigend fiel der Archidiakonus ein: »Ihr seid vom Kapitel gewählt.« – »Ja, ja, aber warum? Weil der Kaiser es wünschte.« – »Nachdem er und die Regentin so sehr überrascht waren durch Euern Rücktritt aus der Welt.« »Sieh, Berengar,« fuhr der Bischof fort, »das ist es ja, was mir den Entschluß so schwer macht. Er – der König – setzt mich in dies Würzburg, vertrauend, daß ich sein Recht und seinen Vorteil hier nach Kräften wahre. Und nun soll ich Stadt und Grafschaft ihm entreißen!« Der Archidiakon glitt geräuschlos näher; scharf richtete er auf den Ringenden die dunkeln Augen, die unter kohlschwarzen, streng regelmäßig geschwungenen Brauen hervorblitzten. »Verzeiht,« sprach er ruhig, »Herr Bischof: das ist nicht bischöflich geredet.« – »Mag sein! Aber es ist ehrlich gedacht: – mit Gedanken treuer Lehenschaft.« – »Ihr aber seid vor allem Sankt Peters Vasall! Von ihm, nicht vom deutschen König oder römischen Kaiser, tragt Ihr den Bischofstab zu Lehen. Sankt Peters und Eures großen Vorgängers, Sankt Burchhards, Recht habt Ihr zu wahren, auch gegen des Königs Vorteil. Und nicht im Recht, im Unrecht ist der König! Gedenkt des Briefes Kaiser Karls! – Scharf sah ich es, wie ich eintrat: – er hatte Euch gerade wieder beschäftigt! Diese ehrwürdige Urkunde giebt Euch nicht nur das Recht, – hört es, Herr Bischof! – sie legt Euch die Pflicht auf, in jenen Kampf einzutreten und nicht zu rasten noch zu wanken, bis Ihr Gott erstritten habt, was Gottes ist. Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist.« – »Dann bleibt ihm wenig genug in Stadt und Gau!« – »Gleichviel! Habt Ihr des Kaisers Sache zu führen oder die der heiligen Kirche? Wollt Ihr, nachdem Ihr das gute, klare Recht des Bistums entdeckt habt, es diesem Bistum vorenthalten – aus Schwäche, aus Menschenfurcht?«

Unwillig fuhr der Bischof auf und griff an die Stelle, wo er einst im Wehrgehäng das Schwert getragen hatte.

»Verzeiht: aus Liebe zu diesem Kaiserjüngling vorenthalten, was der große Karl aus Ehrfurcht vor Sankt Kilian und Sankt Burchhard dem Stuhle zugewandt? Erkennt Ihr nicht den Finger Gottes darin, daß er Euch – gerade Euch! – durch Zufall, – sagen die Weltleute – durch ein Wunder der Heiligen, ziemt uns Geistlichen zu sagen – in der Kämmerei, unter altem wertlosem Gerät und Gerümpel dieses kostbare Pergament auffinden ließ?«

»Ja, es ist erstaunlich,« sprach Herr Heinrich nachdenksam, das Kinn in die linke Hand schmiegend. »Ist wirklich wundersam! Unter Bischof Dietho – vor achtzig Jahren – verbrennen mit dem damals erst seit siebenundzwanzig Jahren vollendeten Dom – hier, an der Stelle des jetzigen, stand auch er – in der Sakristei alle Urkunden des Bistums, aber auch alle! So daß, als Bischof Burchhard der Jüngere, der wackere Henneberger, vor etwa zwei Menschenaltern dies Gotteshaus hier neu erbaute, auch nicht Eine Urkunde, nicht Ein Beweismittel für all unsere Rechte vorhanden war: mußten alle vom König, von den Erben der anderen Schenker und Verleiher neu ausgestellt werden – auf vieles Bitten meiner Vorgänger. Und nun muß ich vor wenigen Monaten in einer alten Truhe der Kämmerei unter abgetragenen, zerschlissenen Meßgewändern und angebrannten Altardecken dieses unschätzbare Kleinod auffinden! Wie kann das aus der Bücherei oder aus dem Archiv dahin geraten sein?«

Berengar zuckte die Achseln: »Wer soll das wissen? Vielleicht gelang einem der Brüder die Rettung dieses wertvollsten Stückes aus dem brennenden Archiv: – er selbst mag darüber umgekommen sein.« »Ja, ja,« bestätigte der Bischof, »es sind mehrere bei dem Brand erstickt, und zwar gerade auch – in der Kanzlei – der Protonotar, der dem ganzen Urkundenwesen vorstand, der pflichtgetreue Bruder Skapelarius.« – »Die Kämmerei lag auch damals im Erdgeschoß – die Urkunde, in die Altardecke gewickelt, kann von dem Kanzleifenster – hier, im ersten Stock – in das offene Fenster der Kämmerei geworfen worden sein, als der Protonotar, der sie retten wollte, erkannte, daß er selbst nicht mehr zu entkommen vermöge.«

»Klingt ganz glaublich! – Aber weshalb lassen die Heiligen die wichtige Urkunde sechzig Jahre verborgen bleiben und sie auffinden gerade durch meine weltliche, schwertgewohnte, vom Schlachtenblut befleckte Hand?« – »Gerade darin erblickt und verehrt die weise Fügung der Vorsehung.« – »Wie meinst du das, Archidiakon?« »Heinrich von Rothenburg,« erwiderte dieser feierlich, wieder leis einen Schritt näher gleitend, »gebt der Wahrheit die Ehre, hier im Kämmerlein vertrauter Zwiesprache: mehr vom Kriegsmann, als vom Geistlichen, mehr vom Staatsmann, denn vom Priester, mehr vom rechts- und waffenkundigen Grafen, als vom Bischof habt Ihr an Euch – immer noch!« »Ja, leider,« seufzte Herr Heinrich demütig, »immer noch!« »Weshalb – vor fünfzehn Jahren etwa – der tapferste Graf über alles deutsche Land, die rechte Hand der schönen Kaiserwitwe und Reichsregentin, Frau Theophano, plötzlich das Schwert ablegte und Priester ward – – kein Mensch weiß es …« Er zögerte: er schien gespannt auf Auskunft zu warten. Allein Herr Heinrich sprach nur leise zu sich selbst: »Aber Gott weiß es« und drückte die schwermütigen Augen zu.

Der Welsche wartete noch eine Weile: da aber der andere beharrlich schwieg, fuhr er fort: »Aus der Haut konntet Ihr eben nicht fahren, wie aus der Brünne, auch nicht, als Ihr, nach kurzer Priesterzeit, hier Bischof wurdet. Nach wie vor weilen Eure Gedanken noch häufiger bei Recht und Gericht und weltlicher Wohlfahrt und weltlicher Gewalt, denn bei Beten und Büßen und bei dem Jenseits.« »Leider!« wiederholte Herr Heinrich betrübt. »Nein, nicht leider: zum Heile dieses Bistums! Seht Ihr denn nicht? Deshalb eben führten die Heiligen Kaiser Karls Verleihungsbrief gerade in Eure starke Hand! Euch, Eurem weltkundigen Sinn vertraute Sankt Burchhard, Eurer weltlichen Klugheit, Eurer frischen Manneskraft seine Rechte an, nicht Euren Vorgängern, meist mönchischen weltflüchtigen Psallierern. Der Bischof, nicht der Graf, muß herrschen über diese Mainstadt und den Waldsassengau, darin sie liegt. Vor allem über die Stadt! So wollte Kaiser Karl! So will es Gott! Seht hier auf diesen Plan der Stadt« – er wies auf eines der Pergamente, die auf dem Tische ausgebreitet lagen – ein langes Jagdmesser war darüber gelegt, es auseinandergespreitet zu halten – »Ihr selbst habt ihn – mit der Hand des kundigen Feldherrn – entworfen: glaubt Ihr, es ist ohne Bedeutung, daß die Stadt ein Fünfeck bildet, genau wie Eure Bischofsmütze, die dort liegt, Herr Heinrich?« »Spiel des Zufalls!« erwiderte dieser. Aber der Einfall behagte ihm. – »Ihr seid der Mann, des Bistums Recht zu wahren, mit scharfem Wort und – muß es sein – mit scharfem Schwert. Sankt Burchhard, Sankt Kilian, Sankt Petrus, ja Gott selber rufen Euch in diesen heiligen Kampf. Heinrich von Rothenburg, der Mann ist ein Felon, der irdischem Lehnsherrn die geschuldete Heerpflicht weigert: Heinrich von Rothenburg, willst du sie dem himmlischen Lehnsherrn weigern?«

»Nein! Bei meinem Schwerte!« rief der Starke und seine grauen Augen blitzten auf. »In solchem Lichte sah ich's noch nie. Gott ruft zum Streit. So will ich denn streiten bis zum Sieg oder – Untergang! Ich fürcht' ihn nicht, den Grafen Gerwalt!« »Gewiß nicht! Und« – der Welsche trat näher und flüsterte – »jene Weissagung des arabischen Magiers in Kalabrien, die Ihr mir vertraut – wie war es doch?« »Ich werde nicht sterben – so las er in meiner rechten Hand – bis ich mit dieser Hand meinen schlimmsten Feind auf Erden erschlagen,« sprach Herr Heinrich mit grimmiger Freude. »Nun also! Und das ist doch ohne Zweifel –« »Graf Gerwalt!« nickte der Bischof.

»Aber,« fuhr Berengar fort, »es wird zum Waffenkampfe gar nicht kommen müssen. Ihr werdet schon auf dem Wege Rechtens – vor dem Reichstag gewinnen. Sicher! Das Gericht möchte ich sehen –« und hier flog ein stolzes Lächeln um die schmalen, allzu schmalen Lippen des Lombarden und seine schwarzen Augen funkelten – »das Gericht möchte ich sehen, welches gegen jene Urkunde Kaiser Karls irgend eine Einwendung gelten lassen könnte.« »Allein,« warf der Bischof ein – »warum haben alle meine Vorgänger seit bald zwei Jahrhunderten das Recht aus der Verleihung nicht geltend gemacht?«

Berengar zuckte die Achseln: »Wer kann solche Fragen beantworten? Soviel steht fest: Graf Gerwalt, Euer schlimmster Feind … –« »Der Welsche weiß nicht,« flüsterte Herr Heinrich zu sich selbst, »wie sehr sein Wort die Wahrheit trifft!« – »Kannte die Urkunde nicht. Und groß war sein Erstaunen, ja sein Zorn, als ich sie ihm – wohlweislich nur in Abschrift – übersandte. Diese Urkunde ist unanfechtbar. Nicht umsonst hab' ich Jahre um Jahre in der Rechtsschule zu Pavia geistlich Recht, Lehenrecht, Landrecht gelernt bei den ersten Lehrern. Viele, viele hundert Urkunden von Königen und Kaisern hab' ich eingesehen, viele Dutzend hab' ich abgeschrieben, hab' ich selbst verfaßt im Auftrag des Pfalzrichters daselbst. Erkennt Kaiser Otto unser Recht nicht an, so rufen wir das Urteil des Reichsgerichts am Reichstage an. Nach dem Rechte muß es für uns ausfallen! Siegt aber in dem barbarischen Reichstag dieser plumpen Deutschen – verzeiht, aber manchmal bricht das Blut Italiens in mir durch! – die Scheu vor dem Herrn König, so lebt noch ein anderer Richter, der uns – das heißt Sankt Kilian und Sankt Petrus! – unzweifelhaft zu unserem Recht verhelfen wird.« »Gott der Herr!« sprach der Bischof fromm. »Der ist gar fern und unberechenbar! – Nein, der Herr Papst zu Rom. Nicht rasten will ich und nicht ruhen, bis wir gesiegt – für Sankt Burchhard. Und müßt' ich auf meinen Knieen im Sankt Peter dem heiligen Vater Bann und Interdikt über König und Reich der Deutschen entwinden!« »Nein! Nimmermehr!« rief der Rothenburger erschrocken. »Ich sollte den Bann herabbeschwören auf des großen Otto Enkel, meines teuren Feldherrn in so vielen Schlachten? Das Interdikt auf diese geliebte deutsche Erde, auf dieses blühende Mainthal? Es ist nicht deine Heimat, Lombarde!«

»In die Hölle stoß' ich ganz Lombardenland, das abgefallene, um diesen Sieg!« schrie der Welsche, fortgerissen von wilder Leidenschaft.

Betroffen sah Herr Heinrich auf ihn herab: »Abgefallen? Von wem?«

»Von … sich selbst!« rief Berengar noch heiß erregt, dann fuhr er zusammen und erläuterte: »Von seinem wahren Heil – das heißt: von der Herrschaft der deutschen Könige.«

»Aber wie,« fiel Herr Heinrich, plötzlich stehenbleibend, ein, »wenn all unser Planen und Trachten gar nicht mehr Zeit fände, sich zu vollenden? Wenn es sündhaft, frevelhaft wäre, solch' irdischer Sorgen zu pflegen, an Herrschaft über Stadt und Gau und an weltliche Macht zu denken, während Stadt und Gau und Welt in wenigen Wochen …?« Er brach ab. Der Welsche lächelte; es zuckte wie Hohn über seine sonst so starren Züge hin. »Ihr meint? Auch Ihr? Jene Weissagung – aus meiner Heimat kam sie über die Berge – unheimlich – wie der schwüle Südwind … –« »Es ist der Glaube ja weit verbreitet,« sprach der Bischof ernst. »Viel gelehrtere und viel frommere Männer als ich hegen keinen Zweifel. Ich – ich kann's noch nicht recht glauben. Entscheidend ist mir der Ausspruch des Herrn Papstes. Und der, so schreibt man mir aus Rom, schwankt hin und her.«

»Wie? Papst Sylvester? Er? Der große Gerbert von Reims, der Schüler der Araber in Spanien, der Lehrer des Erdkreises, von fast übermenschlicher Weisheit! Wenn der nicht daran glaubt, dann …« – »Ich sage Euch ja, er soll zweifeln. Seine Auslegung der Schrift und der Väter führte ihn nicht zur Bejahung.« – »Nun also.« – »Aber ein heiliger Einsiedler – den Namen erfuhr ich nicht – soll stets wachsenden Glauben nicht nur bei dem ganzen Volke in Welschland, auch bei dem tief gelehrten Papste finden. Doch, wie dem sei! Ich muß der Kirche, des Oberhauptes der Kirche Weisung einholen, nicht nur für meine Belehrung, sondern darüber, wie ich mich als Bischof gegenüber meiner Gemeinde zu verhalten habe.« »Mich würde der nahe Untergang herzlich wenig freuen,« meinte Berengar spöttisch. »Noch gar viel hab' ich vor in der Welt.«

»Ist das ein Grund für den Himmelsherrn, sie noch zu erhalten, wenn das Maß der Sünden voll? Ich fürchte sehr, solcher Wunsch, solch weltlich Begehren ist auch für mich der letzte Grund, der, unbewußt in der Tiefe der Seele wirkend und wühlend, mich abhält, daran zu glauben. Und so hab' ich denn über die Alpen, nach Rom, an den Herrn Papst einen ganz eigen gearteten Boten gesandt.« »Wen?« forschte Berengar eifrig. »Es fehlt keiner aus unserem – wollte sagen: Eurem Klerus.« Der Bischof schwieg; ein heiteres Lächeln schwebte um seinen feinen Mund. »Denn,« fuhr der Archidiakon eifrig fort, »es kommt oft sehr auf den Boten an, welche Botschaft er heimbringt. Wenn einer von den Schwarmgeistern, den Träumern, den geheimnisbrünstigen Priestern, wie sie Kloster Cluny züchtet –« Herr Heinrich lachte. »Nun, hat keine Gefahr! Ungefähr das Gegenteil von solcher Art hab' ich zur Kundschaft ausgeschickt. Wenn dieser Bote, der welt- und lebensfreudigste Mann –« – »Dann meint Ihr Arn aus Bayerland, Euren Jägermeister! Richtig! Er fehlt seit Wochen!« – »Wenn der in Welschland dazu bekehrt wird, an den Untergang der Welt zu glauben –« »Arn? Ja dann,« lächelte der Lombarde, »dann muß sie vorher schon halb untergegangen sein. Einstweilen aber: – ruhet nicht, handelt, Herr Bischof. Die Zeit ist günstig; der Mann, der von Amts wegen ebenso berufen ist für den Kaiser, wie Ihr für Sankt Burchhard zu handeln – der Graf des Gaues, ist fern – man sagt, in Italien. Wenigstens seine Reisigen und Vasallen alle hat der König nach Rom entboten: der Marienberg da drüben ist fast unbesetzt: ein rascher Handstreich und – aber –« er stockte und sprach leiser zu sich selbst – »es scheint beinah, Er – der andere – hat recht.« Herr Heinrich stutzte. »Wer? – Was zischelt Ihr da?« – »Ich? – Oh nichts!«

»Doch! Ich hörte genug, um mehr hören zu müssen! Wer hat recht?« Drohend, ahnungsvoll trat er näher. – »Nicht doch,« wich der Welsche aus. »Lasset ab, Herr! Nicht gerne nenn' ich Euch diesen Namen. Er pflegt Euch zu ergrimmen!« »Graf Gerwalt!« rief Herr Heinrich und seine Augen blitzten. »Dacht' ich's doch! Was – was hat er gewagt, von mir zu sagen?« »Es wird Euch erbittern!« warnte Berengar. »Oh nein,« knirschte der Bischof und zerbrach mit der starken Rechten die Armlehne von Eichenholz des hohen Stuhles, den er ergriffen, »ich bin ja ganz ruhig! – – Was hat er …?« – »Nun – vor seiner Abreise – er war ja nur ein paar Tage auf der Burg – an der Brücke war's – der Zollwart erhob den Zoll von den Mainschelchen, welche den Fluß zu Berg getreidelt wurden und meinte –: ›Nun wird der Zoll, wie jedes Gefäll in der Stadt, bald nicht mehr in des Herrn Grafen Jagdranzen, in des Herrn Bischofs Kirchenbüchse wird er wandern.‹ Da lachte der Graf, wie er zu Pferde stieg, – er und sein Jagdtroß sperrten mir den Weg über die Brücke – und meinte: ›Bah, es wird gehen wie immer zwischen uns. Wo ich gegen ihn vortrete–‹« – »Nun? Was …?« – »›Tritt der Rothenburger zurück‹« »Ah, ah, ah!« schrie der Gepeinigte auf, wie von einer Natter gebissen. »Das hat er gesagt? Er soll sich irren! Graf Gerwalt liebt es zwar, an sich zu reißen, was nicht ihm, – was mir gehört: aber doch nur, wenn ich fern, wenn ich wehrlos bin gegen ihn. Doch Sankt Burchhards Recht soll er mir nicht entreißen. Und wehrlos? Noch bin ich's zwar – nicht lange mehr will ich's sein! – Wo …?« Er schritt, hastig, heiß erregt, durch den Saal. »Wo stehen die Wenden? Du weißt: die Söldner, von denen wir sprachen?«

Der Archidiakon war nun dicht an den Tisch getreten: er legte beide Hände auf die hohe Lehne des Eichenstuhles und hielt sich fest daran: er drückte darauf, während seine Augen wachsam jedem Schritte, jeder Miene des Erbitterten folgten. »Mainaufwärts, wenige Tagemärsche. Noch auf deutscher Erde, aber nahe der böhmischen Mark. Sie sind von Markgraf Eckhard von Meißen – nach tapferen Diensten – entlassen. Ihr Führer, Zwentibold, verhandelt um neuen Dienst mit Herzog Boleslav von Polen. Kommt der zum Abschluß, dann ziehen sie nach dem fernen Osten … –« – »Nichts da! Wir müssen sie an der Hand, zur Verfügung bereit haben. – Noch diese Nacht muß an sie ein geheimer Bote – ein verlässiger Mann … wen schicken wir?« Berengar folgte dem Gange des Bischofs durch die Halle: »Ich will gehen: ich selbst,« sagte er mit leiser, aber fester Stimme. – »Du wolltest? Es ist halsgefährlich!«

Berengar zuckte die Achseln: »Ich trage dieses Haupt nur für Sankt Burchhard und für Euch.« – »Gut! Dank! … Aber höre! – Noch nicht fest abschließen! – Ich bin jetzt – ein wenig – erregt! In der Hitze soll man nichts beschließen. – Nichts übereilen« – »Aber auch nichts versäumen soll man! Die Söldner sind viel umworben. Auch der Magdeburger Erzbischof, Herr Gisiler, will sie dingen …« – »Die Wenden sollen warten! … Nur noch kurze Zeit!« – »Das thun sie nicht – ohne Wartegeld.« – »Freilich! Freilich! und die Kammer ist …?« – »Leer. Nur der fällige Betrag für die Armen – das Drittel der Einkünfte …« – »Nein! Nichts da! Kein Schilling davon! Aber – wie steht es denn mit dem Gelde für meine Bauten in der neuen Vorstadt?« – »Euerer Vorstadt: auf dem Sande?« – »Jawohl! Das Waisenhaus und die Klosterschule … freilich: der Verschlag, in dem jetzt beide untergebracht sind – recht elend ist er. Aber bah! – Menschenalter hindurch hat es genügen müssen: – bessere ich es, ist's mein eigenstes Werk. Drängt sich mir nun Notwendigeres vor, so …! Die Waisen, die Schüler können warten: die Wenden, – du hast recht – die warten nicht. Nimm das Geld für meine Bauten in der Sandvorstadt. Bezahle Zwentibold die Wartezeit.« – »Es wird nicht reichen.« – »So nimm die Summe für das geplante Siechenhaus bei Sankt Andreas überm Main dazu. Aber eile.« – »Ihr sollt mit meinem Eifer zufrieden sein.« Er stand schon in den Vorhängen der Thüre. – »Aber noch nicht abschließen: nur Wartegeld! hörst du?« Die Vorhänge rauschten. – Ohne Erwiderung war Berengar verschwunden.


III.

Gar früh am Tage – wie heute noch bei unseren Bauern auf dem Lande – begann dazumal auch in den Städten das Leben.

Mit Sonnenaufgang und den Vögelein erhob man sich vom Lager: um elf Uhr pflegte das Mittagmahl gehalten zu werden: bald nach Einbruch der Dunkelheit suchte man den Schlaf: die recht spärliche Beleuchtung der Zimmer lud nicht dazu ein, Arbeit oder geselligen Verkehr im Hause in die Dunkelheit zu verlängern.

So war denn auch an dem schönen Maientage, der auf Berengars rasche Abreise folgte, das Leben in dem Städtlein früh erwacht. Bei der ersten Hahnenkraht war diejenige Rotte der speertragenden Bürger, die für diese Nacht die Reihepflicht der Wache an den Thoren, in den Türmen und auf den bezinnten Mauern getroffen hatte, abgelöst worden von der »Tagwacht«.

Und der »Morgengruß«, den, sobald die Sonne über die Höhen emporgestiegen war, die Türmer weithin über die Holzdächer der kleinen Siedelung aus ihren langen, gewundenen »Tuthörnern« schmettern ließen, weckte überall in den wenigen schmalen Gassen, in den zahlreichen »Höfen« der freien Plätze sofort rühriges Regen.

Die Runde der neu aufziehenden Wache bedurfte nicht langer Zeit, den ganzen Umfang der Umwallung abzuschreiten Denn das liebe, liebliche Würzburg war dazumal noch gar enge beschlossen: zählte doch die Umwallung, eingerechnet die Geistlichen, die Mönche, die bischöflichen Dienstmannen und die Reisigen des Grafen auf dem Marienberge, nicht mehr als etwa viertausend Bewohner.

Der Archidiakon hatte recht, als er die Gestalt der Stadt einer Bischofsmütze verglich. Denn sie bildete damals ein Fünfeck und dessen Grundlage der von Süd nach Nord, dann nach Nordwest gerichtete Lauf des Mains.

Eine Holzbrücke, wie bemerkt, gerade an der Stelle der heutigen schönen und breiten Steinbrücke, bezeichnete ungefähr die Mitte der ganzen, damals noch auf das rechte Ufer beschränkten Stadt: auf dem linken Ufer lagerten sich an den Fuß der alten Feste, um ein paar Kapellen und ein Kloster nur wenige Hütten armer Fischer. Die Siedelung auf dem rechten Ufer hatte erst vor etwa achtzig Jahren Erdwälle, hier und da durch steinerne Mauern verstärkt, und davor einen schützenden Graben erhalten zur Abwehr der ungarischen Raubreiter, die wiederholt so weit westlich gestreift und alles nicht ummauerte Land verbrannt und verheert hatten.

Damals hatte der bisher offene Flecken zugleich Stadtrecht empfangen; aber auch die neue »Stadt« war unter der Amtsgewalt des Grafen des Gaues, – Waldsassen hieß er – zu welchem sie gehörte, geblieben.

Die Brücke oder – in ihrer Verlängerung – der ihr im Osten gerade gegenüberstehende Dom schied die Stadt in zwei ungefähr gleich große Teile. Denn von der Brücke lief die Ringmauer mainaufwärts gen Süden, wandte sich dann in scharfer Biegung nach Osten bis an den Zwinger, das heißt den Zwingergraben, vor dem Wall, und bog von da nach Nordosten, die Wiesen östlich außerhalb des Grabens belassend. Von dort zog sich die Umwallung weiter gen Nordwesten, dann von Ost nach West, wandte sich dem dermalen noch sogenannten »inneren« Graben entlang dem Flusse zu und erreichte stromaufwärts von Nord nach Süd den Ort, von dem wir ausgegangen: die Mainbrücke.

So war also die ganze damalige Stadt eingeschlossen durch die Grenzen, die heute der Fluß im Westen, die Neubaugasse im Süden, die Kettengasse und die Theaterstraße im Osten, der innere Graben im Norden bilden. Auf dem linken, dem westlichen Ufer schaute von dem Marienberg die Burg des Grafen, das »Castellum Virteburch«, weithin über Stadt und Gau.

Die von dem Fünfeck der Umwallung umhegten Häuser bildeten nun aber sehr selten Straßen oder Gassen: waren es doch »Höfe«, ganz wie die Siedelungen der Landsassen draußen vor den Thoren im Gau, fast ausschließlich aus Holz aufgezimmert, nur etwa der Unterbau aus Stein: die vornehmeren »Höfer« liebten es wohl hier, ein paar Platten des wunderschönen fränkischen roten Sandsteins als Treppenstufen vor die alsdann etwas erhöhte Thüre des Wohnhauses zu legen. Dies war aber – ganz wie auf dem Lande draußen – stets umfriedet von einem manneshohen Hofzaun aus Pfahlwerk: der »Hofwehre«; das Hofthor mußte so weit sein, daß die zweispännigen breiten Wirtschaftswagen bequem ein- und ausfahren konnten. Denn Ackerbürger waren sie, diese burgenses, und die Anfänge von Handel und Gewerk noch sehr bescheiden. So lagen auch innerhalb der Mauern weite Strecken von Wiesen, lagen Äcker, besonders aber Gärten, in welchen Wein, Obst, Gemüse gepflegt wurden.


Alsbald nachdem bei Sonnenaufgang von der Zinne des Brückenturmes der Thorwart seinen Morgengruß geschmettert, antwortete ein höchst friedlicher Schall: auf dem Widderhorn blies der Gemeindehirte seine Herde von blökenden Schafen und meckernden Ziegen zusammen. Er fing damit an im Nordwesten der Stadt, hielt vor jedem Hof und wartete, bis der Viehschalk die bereits aus der Stallthüre entlassenen und an dem verschlossenen Hofthore sich drängenden Tiere aus diesem zu dem Hirten hinausließ.

So zog er die Kreuz und die Quer an allen Höfen vorbei, bis er an das »Südthor« gelangt war. Wie im Norden und im Osten zog sich auch im Süden um die Stadt, hart vor Graben und Wall beginnend, ein breiter Gürtel von Wiesen und Gärten innerhalb des »Pfahlhags«, den an geeigneten Stellen ein paar Blockhäuser, aus festen Balken gefügt, verstärkten; hier wohnten kleine Leute, die als Taglöhner, Gärtner, Zeidler, Winzer, Fischer ihr Leben fristeten.

Gleich hinter den wenigen ärmlichen Lehmhütten und Holzhäuslein dieser werdenden »Vorstadt« begann die weitgestreckte, bis zu dem »Acker des Randahar« sich hinziehende »Allmännde«, das Gemeindegut der Stadt, bestehend aus Weide, Wiese und buschigem Wald, von den »Burgensen« besonders zur Weide für Rinder und Schafe verwendet; während manches Borstentier mit grunzendem Wohlbehagen in den häufigen Pfützen sich sielte, die, an Stelle von gepflasterten Straßen, Hof von Hof zu trennen pflegten.


IV.

Rado, der graubärtige, hünenhaft lange und starkknochige Gemeindehirte, kam nicht so rasch hinweg von den meisten Höfen als er wünschte: – denn ihm war nur wohl draußen in Wald und Heide: in der Stadt, diesem ummauerten Grabe, müsse er ersticken, schalt er.

Und er war ein Liebling der Leute, der Alte: Hausherr und Hausfrau, Knecht und Magd, zumal aber die Kinder ließen ihn nicht leicht los ohne ein paar Fragen. Er wußte gar so viel, so vielerlei, was sonst kein Mensch mehr wußte: von Jagd und Fischfang und Viehzucht, von gesunden und kranken Tieren. Das Wetter verstand er ganz genau vorher zu sagen, manche meinten, geheimnisvoll nickend, weil er es selbst – ein wenig – mache.

Und alte Geschichten vollends wußte er zu erzählen – von seiner verstorbenen Mutter her – und Mären und Sagen, daß Kinder und Große offenen Mundes lauschten; und Segen: Wundsegen, Jagdsegen, Kampfsegen, Reisesegen, Biersegen, Viehsegen, Fischsegen – in mannigfaltigster Auswahl: seltsam nur, daß er sie alle plötzlich vergaß, trat in den Kreis seiner Hörer ein »Geschorener«, wie er unwillig sagte. Herr Heinrich schalt wohl oft darüber, aber er lächelte dazu und ließ ihn gewähren: denn der Hüne war in jungen Jahren ein gar treuer und trefflicher Waffenknecht der Rothenburger Grafen gewesen und hatte – so sagte man – dem Vater Herrn Heinrichs das Leben gerettet in Welschland.

Während nun der Hirt von Knecht und Magd und Kind an dem Hofthor aufgehalten ward mit Frag' und Antwort, wartete der vorwärtsdrängenden Herde gar oft – und auch heut' – ein anmutvolles Kind mit dicken, langen, dunkelblonden Zöpfen, die durch die lebhafte Kleine stets in Bewegung gehalten wurden, daß die hellblauen Bändlein an deren Enden hin- und herflatterten. Sie zeigte weit über ihre vierzehn Jahre hinaus voll und üppig entwickelte Formen, aber sie war so mutwillig und so kindlich wie die springenden, bockenden Zicklein ihrer Herde.

Als der Alte aus dem letzten Hofe vor dem Thor der Sandvorstadt zurückkam, fand er die Kleine aus vollem Halse lachend: lachend, daß ihr aus den hellgrauen Augen die Thränen über die dicken, runden Kinderbacken liefen. Sie hielt sich vor Lachen kaum aufrecht an dem langen, gebogenen Schäferstab, den sie einstweilen dem Alten abgenommen hatte.

»Was hast du, Fullrun?« fragte der. »Dich reiten wohl wieder die Elben!« »Es ist zum Zerspringen!« keuchte sie, sich mit der umgewandten Linken über die Augen fahrend. – »Was?« – »Schau ihm nur nach, Ohm! Da – links hin! – humpelt er davon. Sieh nur, wie er ausschaut! Ganz weiß vom trockenen Straßenstaub. Wie der Müller aus der Au! Nur nicht so sauber!«

Der Alte reckte die hohe Gestalt und hielt die Hand vor die buschigen Augenbrauen: denn die Morgensonne blendete von dort her: »Ei, das ist ja Junker Blandinus, der Sohn des Dogen aus Venetia, der jüngst erst ankam, Korn zu kaufen von dem Juden Renatus. Was hat der hier – in deiner Nähe wieder! – gesucht?« Und er nahm ihr den Stab aus der Hand und hob ihn drohend, daß sein langer Mantel, aus drei Wolfsfellen zusammengenäht, von seinen Schultern zurückwallte. »Weiß nicht, Ohm. Aber was er auch suchte: – gefunden hat er was anderes. Er ist immer um die Wege, mit seinem seidenen Mäntelein und dem bunten gezipfelten Wams. Wäre gar nicht so übel im Gesicht, putzte er sich nicht so weibisch heraus. Kaum warst du im Hammerhof verschwunden, da bog er flugs um die Ecke der Wirsinge und stand vor mir. ›Jungfrau Fullrun!‹ flüsterte er in seinem welschen weichen Ton, ›segne Euch Sankt Amor!‹ ›Ich heiße die runde Runel und mein Schutzheiliger heißt Sankt Kilian!‹ rief ich. ›Wer ist Euch wohl der Liebste auf der Welt nach Euren Gesippen?‹ fragte er und machte ganz verschwommene Augen. ›Schnufilo!‹ erwiderte ich rasch ohne Besinnen. Denn es ist ja auch wahr. ›S–Se–ch? – Schn–ufilo?‹ wiederholte er lispelnd. ›Wo ist er? Ist er ein Ritter, daß ich ihn bestehen mag? Ich durchspeere ihn!‹ ›Durchspeeren? – Meinen Herzens-Schnufilo? Nun wartet! Komm!‹ schrie ich ›faß, Schnuf, faß!‹ Und grimmig bellend sprang der herzige Schnuf herzu und fuhr ihm an die Waden.

›Oh – ohimè – Eine bestia? Ein monstro!‹ Nun trat der Schwarzkopf wieder näher: die dunkeln Locken – 's ist wahr – lassen ihm nicht übel! Aber sein Haar stank süß von Salben! Ich hielt mir die Nase zu! – So!« Und sie machte es dem Alten vor: – so drollig, daß er lachen mußte. »Und wisperte: ›Wißt Ihr auch, schöne Runa, wie man in Venetia küßt?‹ ›Nein,‹ sagte ich. ›Ich küsse überhaupt nur Schnuf und Schnee.‹ ›S–ch–nee? Ist das auch so eine Beißbestia?‹ forschte er, besorgt um sich blickend. ›Nein, hier mein Mailämmlein.‹ ›So will ich Euch küssen lehren!‹ lächelte er und machte einen Schritt. Aber – o Sankt Kilian sei gepriesen! – er trat, nur auf mich guckend – auf das Ferkelein, das da – nun wieder! – in der Pfütze liegt. Laut aufquiekend fuhr ihm das zwischen die langen Beine – er stolperte und fiel bäuchlings in den weißen Staub daneben. Nun fuhr auch Schnuf ganz erbost wieder gegen ihn und zerriß ihm den langen erdbeerroten Flattermantel. Fluchend sprang er auf und entwich eilfertig.«

»Kommt er wieder,« drohte Rado, »lehr' ich ihn, wie man im Waldsassengau – haut! – Auf, Thorwart, auf mit dem Gitter!« – Und nun flüsterte er ganz andächtig, gen Himmel blickend:

»Unsern Ausgang
Geleite der graue
Wandrer, weise der Wege.
Die Wölfe wehr' er
Von Herde wie Hirt.«

»Hier, Giero, hier!« Er pfiff dem mächtigen grauen Hund: der trieb in unablässigem Umkreisen die zerstreuten Schafe und Ziegen auf dem weiten Platze rasch zusammen, so daß sie nun in guter Ordnung durch das geöffnete Thor und dann über den an eisernen Ketten herabgelassenen schmalen Steg über den Graben trippelten. Draußen begrüßte das kluge Tier freudig in lustigen Sätzen und laut bellend die Freiheit. Einverstanden klopfte ihm der Alte den Kopf. Fullrun folgte zuletzt; sie trug über den geländerlosen Steg gar sorgsam auf ihrem vollen linken Arm ein schneeweißes Lämmchen, das sie aus der blökenden Menge gegriffen hatte: mit der Rechten hob sie den Saum ihres rotbraunen Röckleins bis über den Knöchel des unbeschuhten Fußes: im Morgenwind flog das krause kurze Haar an ihren Schläfen: mit vollen Zügen sog sie den frischen Hauch des Morgens in die junge Brust.


V.

An demselben Morgen trabte, nachdem die Frühmesse in dem Dom zu Ende, ein bunter Reiterzug den freien Platz hinab auf die Mainbrücke zu.

Die Hengste der Männer und auch zwei zeltende Paßgänger für Frauen – mit zierlich gegitterten hohen Seitenwänden an den weichen Sätteln aus spanischem Leder – waren neben der Kirche von mehreren Knappen in Bereitschaft gehalten worden. Als das gemeine Volk aus den weitgeöffneten schön geschmiedeten Doppelthüren und über die vier roten Sandsteinstufen des Eingangs hinab sich verstreut hatte, wurden die Pferde dicht an die kniehohen »Roßsteine« geführt, die, an dem Dom, wie an gar manchem Eckgebäude angebracht, das Aufsteigen und Absteigen reitender Damen erleichterten.

Ein schlanker Jüngling von nicht allzuhohem, aber zierlichem Wuchs und von auffallend anmutvoller Haltung geleitete gar höfisch, nur an den Fingerspitzen ihren hellgelben Reithandschuh berührend, ein schönes junges Mädchen die Stufen des Domes hinab. Das veilchenfarbene Barett, geschmückt mit dem weißen Gefieder der Silbermöwe, stand gut zu dem dunkelbraunen dichten Gelock des jungen Ritters mit dem etwas helleren Bart, der überall das feine Gesicht umrahmte. Das enganliegende Wams, von gleicher Farbe wie das Barett, zeigte vorteilhaft die geschmeidigen, wohlgestalteten Glieder: die zarten Gelenke der Hände und der Knöchel schienen nicht deutsche oder doch nicht ungemischt deutsche Abkunft zu bekunden.

Lebhaft sprach er zu der jungen Dame, feurig blickte er ihr – und recht nah! – in die großen Augen von hellstem sonnig goldenem Braun, welche unter blonden, nicht allzustarken Brauen hervor freundlich und freudig in die schöne Welt hineinleuchteten. Ihre Wangen waren hold wie vom Flaum des Pfirsichs überzogen: die frischen, ein wenig aufgeworfenen Lippen lächelten gar gern und zeigten dann zierlich gereiht die weißesten Zähnlein. Ein Reiterhut von weißem weichstem Filz mit sehr breitem Rand und schwarzer Feder wiegte sich keck auf dem ganz hellbraunen, aber leicht von einem roten Schimmer durchleuchteten Haar. Gar anmutvoll war die Bewegung ihrer schmalen langen Hand, mit der sie das weitflutende weiße Wollkleid aufhob, wie die feinknöcheligen Füßlein über die Steinstufen vorsichtig hinabglitten. Herzhaft lehnte sie dabei den vollen warmen Arm auf den des Ritters; der führte sie an den weißen iberischen Zelter mit hellrotem Sattel- und Zaumzeug, der, ungeduldig harrend, mit dem rechten Vorderhuf gescharrt hatte und nun, die schöne Herrin erkennend, sie freudig begrüßend laut wieherte.

Der Junker hielt ihr beim Aufsteigen die Hand unter den Schuh und umspannte dabei den feinen Knöchel erheblich fester, als die Sicherheit der Reiterin gerade würde erheischt haben. Diese zürnte aber nicht, sondern sowie sie sich sicher im Sattelsitz fühlte, neigte sie ihm das wunderschöne Antlitz zu in gar holdseligem Lächeln: er erglühte vor Glück über soviel Huld, seine dunkelgrauen Augen blitzten und freudig schwang er sich auf seinen feurigen friesischen Rapphengst.

Hinter diesem Paar schritt langsam ein zweites die Domstufen hinab: gleich jung, gleich schön, aber in ganz anderer Haltung und Stimmung, so schien es. –

Zwar der Ritter, dessen blondes Haar dicht aus der ehernen Sturmhaube quoll, ließ die blauen Augen gar sehnend ruhen auf dem schmalen, blassen, nur ganz zart rosig überhauchten Antlitz der Dame; aber diese preßte den kleinen, stolzen Mund fest zusammen, schlug die Augen unerbittlich nieder und furchte streng die Brauen, deren tief dunkelbraune Farbe scharf abstach von dem fast weißgelben Geriesel ihres gewellten Haares, das unter der himmelblauen runden Seidenkappe hervor auf den gleichfarbigen langen Mantel frei, gelöst, flutete; dieser Gegensatz der fast schwarzen Brauen zu dem weißblonden Haar verlieh dem höchst vornehmen, edeln, aber marmorkalten Antlitz eigenartig fesselnden Reiz: wer diese stolzen, feinen Züge einmal geschaut, – er mußte ihrer gedenken für und für. Die ganze schlanke hohe Schilfgestalt schien ein schönes, aber herbes Rätsel; man mußte nachgrübelnd fragen, welch Geheimnis das junge Herz so streng verschlossen hüte? Denn die hellgrauen Augen, die sie selten aufschlug, schienen auch dann nicht in die Welt, schienen nach innen zu schauen, fest entschlossen, um keinen Preis zu verraten, was sie in diesen Tiefen erblickten.

Schweigend, sinnend, zögernd, wie widerstrebend, schritt sie nun die Stufen hinab: sie waren noch feucht vom Morgentau: – sie glitt ein wenig aus: – der Jüngling hielt ihr rasch den rechten Arm hin: aber sie achtete dessen nicht: noch schärfer die langgestreckten Brauen furchend richtete sie sich – allein – rasch auf zu ihrer vollen Höhe, schritt sicheren Fußes fürbaß und winkte, auf der letzten Stufe angelangt, einen grauhaarigen Knappen herbei: der mußte ihr auf den Rücken ihres Falben helfen. Dem Jüngling klirrte laut Schuppenbrünne, Wehrgut und Schwertknauf aneinander, wie er sich nun hastig auf das starke Streitroß schwang, einen braunen Flanderer schwersten Schlages.

Die beiden Junker ritten jetzt an die Seite der beiden Edelfräulein und nun ging's in raschem Trab hinab an die Brücke: – deren Thor ward von den Wächtern ehrerbietig aufgethan: – nun über die dröhnenden Balken und drüben aufwärts auf dem linken Ufer, wo sich der Leinpfad zum Schleppen für die Mainschelche hinzog.

Ein Holzverhack sperrte den schmalen Weg zwischen dem Fluß zur Linken und dem steil abfallenden Felsen des Marienbergs zur Rechten: jenseit eines engen Durchlasses in dem Verhack wartete der beiden Paare ein Häuflein von Jägern mit Pferden, Hunden und Falken: denn der Falkenjagd, der Reiherbeize galt dieser Morgenritt.


VI.

Das Jagdgeleit bestand aus nur Einer »Rotte«: das heißt dem Falkenmeister und drei Falkenieren; alle vier waren beritten; die letzteren hielten abwechselnd den Falkenrahmen, eine leichte viereckige Trage, aus weißem Holze zierlich geschnitzt, auf welcher zwei Beizvögel, mit einer langen Kette unter dem Flügelbug und einer kurzen um den rechten Lauf und Fang angefesselt, saßen: zierlich stand den schlanken Vögeln die Falkenhaube, ein Käppchen von rotem Leder aus Cordoba, oben mit weißen Federn, unten mit kleinen silbernen Schellenkügelein geschmückt: ein schmales Lederriemchen hielt die Haube, über Kopf und Augen gezogen, unter der Kehle festgeschnallt. Den Berittenen folgten zu Fuß drei Hundekoppeler, von denen jeder zwei Stöberhunde an der Koppelleine führte: mächtig zerrten sie vorwärts, die starken, grauhaarigen, hochbeinigen Rüden aus Ungarland: aber scharf erzogen, gaben sie bei aller Jagdgier nicht Laut.

»Was habt Ihr heute für Vögel auf den Rahmen gesetzt, Herr Fulko?« fragte die Braunlockige, anmutvoll den Kopf und den breitrandigen Hut nach ihrem Begleiter zurückwendend. »Geht es auf hohen oder auf niederen Flug?« »Wer mit schön Minnegardis jagt – und für sie, – denkt nur an hohen Flug,« erwiderte der Junker mit weicher, wohllautender Stimme. »Die Falkeniere haben Reiher angesagt in den Altwassern des Mains, nahe der Fähre bei den Höfen der Heitinge: sogar einen –, nun, nicht vor der Jagd von der Strecke plaudern, sonst verfällt sie dem wilden Jäger! Heute wollen wir erproben, Freund Hellmuth, ob des Herrn Bischofs isländischer Girofalk besser arbeitet oder mein Wanderfalk: ich holte ihn, gerade flügge geworden, selbst aus dem Horst auf dem Geiersberg im Spechteshart.«

»Deiner steigt besser und streicht gehorsamer zurück auf die Faust zur Atzung,« antwortete der Blonde; trüb war, gedämpft der Ton seiner Rede. »Ei ja,« rief Fulko, »er hat mir auch manch Federspiel zerzaust, bis er's gehörig lernte. Der Isländer ist nicht gut abgetragen: denn Freund Arn, der Jägermeister, der's besser als wir alle kann, ward vom Herrn plötzlich verschickt, bevor der teure Vogel stoßreif war. Aber nun, habt acht, Jungfrau Minnegardis! Die Stöberer springen ein.« »Da platschen sie ins Röhricht,« rief das Mädchen, und setzte in hellem Jagdeifer ihren Zelter in lustigen Trab. »Seht, schon müssen die vordersten schwimmen: da ist's schon tief.« – »Ja, ein altes Weidmannswort scherzt: ›Reiher ist von höherem Stand denn Rüde‹. Aber jetzt – den Rahmen herbei!« Die Ritter lösten den Vögeln beide Fesseln, nahmen sie von der Trage und setzten einen derselben je einem der Fräulein, – Minnegard den Wanderfalk, Edel den Isländer – auf den seidengestickten Handschuh der rechten Hand, so daß die scharfrandigen Krallen den Zeigefinger fest umschlossen; die Kappen blieben noch unbehoben.

Es war nun gar schön zu schauen, wie die beiden holden Reiterinnen in raschem Trabe den Fluß entlang dahinflogen, mit wehenden Federn, Locken und Mänteln, die stolzen Vögel auf dem anmutig gebogenen Handgelenk.

»Hört ihr?« rief Fulko. »Da schlagen die Stöberhunde den Reihergruß. Lüpft die Kappen! Werft eure Vögel, edle Jägerinnen!« Die Mädchen schnallten den Vögeln rasch die Kappenriemen ab, ließen die von dem plötzlichen Lichteinfall Geblendeten noch einen Augenblick in den Himmel schauen, wiesen ihnen dann Beute und Flug, sie in der Richtung der rasch enteilenden Reiher in die Höhe hebend, und schnellten sie mit kräftigem Schwunge des Gelenks in die Luft mit dem lauten Rufe: »Holî! Holî!«

Sofort hatten die Falken das steigende Wild eräugt und stiegen nach, pfeilschnell, mit gellendem Schrei, dem der kreischende Angstruf der Reiher »krätsch! kraitsch!« antwortete. Beide Flüchtlinge blieben auf dem linken Ufer und eilten flußaufwärts: die Berittenen hatten also nur die nebenherziehende breite Heerstraße einzuhalten, so konnten sie leicht folgen.

Herrlich war der Anblick der Flucht und der Verfolgung durch die Lüfte. Zuerst entleerten die beiden Sumpfvögel die Kröpfe des Fraßes, ihren Flug zu erleichtern: denn sie hatten mit Erfolg in dem Schilfwasser gefischt, stets gegen die Sonne stehend und watend, damit der hinter sie fallende Schatten die Fische nach vorn ihrem Schnabel zutreibe. Dann legte jeder den langen kegelförmig zugespitzten Schnabel mit den messerscharfen Schneiden auf den Kropf, streckte die langen Ständer gerade hinter sich und sausend ging es nun in die Höhe, immer höher, immer höher, dem Verfolger das Überfliegen unmöglich zu machen.

Denn der Falke konnte den viel größeren Feind nur zwingen, wenn er ihn überstieg und dann von oben her schlug, ihm zwischen den Flügelschultern und dem Ansatz des Halses den Haken des Schnabels mit dem scharf ausgeschnittenen dreieckigen Zahn des Oberkiefers einhieb, die beiden Fänge aber mit den kräftigen spitzen Krallen unter den ausgespannten Flügeln – vor deren Bug – in den Rumpf schlug und so schon durch den Druck von oben den keineswegs immer tödlich getroffenen Reiher zum sausenden Sturz brachte; der Falkenier eilte dann herzu und tötete oder fing den Verwundeten, während der Falke, wenn gut abgetragen, auf die Hand der Herrin zurückstrich.

Aber nicht gerade aufwärts stiegen die Reiher, sondern schraubenförmig, ähnlich den Lerchen, in immer höher und höher gezogenen Ringen: der schwere Vogel konnte nicht senkrecht oder sehr steil schräg fliegen, während der Falke schnurgerade, nur stets etwas höher zielend als sein Gegner flog, auf diesen losstürmte.

Übrigens kamen diesmal die beiden Paare in den Lüften und demgemäß die beiden Jägerpaare auf der Erde bald ziemlich weit auseinander. Edel hatte ihren Vogel früher geworfen als Minnegard: derselbe ersah daher den zuerst aufgestandenen grauen Reiher: dieser und sein Verfolger, der Isländer, gewann rasch starken Vorsprung in die Höhe und in die Weite vor dem Wanderfalk, der den zweiten etwas größeren Reiher – weiß wie Schnee leuchtete im Sonnenglast dessen Gefieder – stets vom Wasser ab nach dem Walde hin zu treiben suchte.


VII.

Edel und Hellmuth sprengten an dem anderen Paare vorbei und hatten bald Mühe, zu Pferd den raschen Fliegern zu folgen.

Lange vermochte der Isländer nicht, dem Feinde nachzukommen: endlich, endlich aber hatte er ihn überstiegen – etwa um sechs Fuß – und sofort stürzte er sich nun aus dieser Höhe auf seine Beute. Allein blitzschnell hatte der Reiher den bisher abwärts auf dem Kropfe getragenen starken, spitzen und langen Schnabel – eine fürchterliche, oft den Augen des Jägers sogar, der den wunden Vogel greifen will, gefährliche Waffe – senkrecht nach oben gekehrt: der Falke, der mit voller Wucht herabstieß, spießte sich dabei die Brust auf wie auf einem Speer, so daß die Spitze des Reiherschnabels ihm im Rücken zwischen den Flügeln hervordrang. Der Sieger aber konnte sich nicht von dem verendenden Feinde losmachen, nicht unter dem Drucke dieser Last den Schnabel aus der Wunde reißen und so taumelte er denn, den Rücken nach unten, sausend zur Erde. Kaum war er aufgefallen, – zwischen der Straße und dem Fluß – war Hellmuth schon zur Stelle, Edel folgte. Der Junker sprang ab, riß den toten Falken von dem Reiher los, faßte diesen mit der Rechten im Genick an beiden Fittigen und warf ihn hoch in die Luft: »Geh!« rief er dem hastig Enteilenden nach. »Du hast dich ritterlich gewehrt – hast gesiegt: ich mag dich nicht unritterlich erwürgen. – Ich habe doch recht gethan?« fragte er zu Edel hinaufblickend, die nun dicht hinter ihm auf dem schnaubenden Falben hielt. »Gegen Reiher seid Ihr ritterlich,« erwiderte sie herb, ohne eine Miene zu verziehen, wandte das Roß und ritt langsam zu dem anderen Paare zurück.

Auch dessen Beize war ausgebeizt. Gar bald hatte der Wanderfalk den großen, glänzendweißen Vogel überhöht, und ihn von dem Flusse, den er nun überschreiten wollte, ab- und auf das linke Ufer zurückgedrängt: auf den ersten Stoß gelang ihm das Schlagen: Reiher und Falk taumelten, aber der Falke rittlings auf seiner Beute sitzend, auf die blumige Wiese zur Rechten der Heerstraße. »Ruft ihn, ruft ihn rasch,« drängte Fulko die Jägerin, während beide heransprengten. »Er verliert sonst die Zucht und den Heimstrich.« »Hilô! Hilô!« rief Minnegardis freudig und setzte in vollem Jagen über den breiten Graben auf die Wiese: ihre schwarze Feder flog, ihre Locken flatterten. Entzückt folgte Fulko der zierlichen Gestalt der mutigen Reiterin.

Gehorsam kam der kluge Vogel zurückgestrichen und ließ sich auf dem Handgelenk der Herrin nieder: vergnügt die beiden Schwingen leicht schlagend rief er ganz leise, – nicht den gellenden Kampfschrei – und sah mit seinen nußbraunen Augen in Minnegardens Antlitz: ein Falkenier brachte ihr eilig auf goldenem Stäblein ein Stück Rinderherz und hielt ihr den Zügel, während der Vogel aus ihrer Linken behaglich und mit leisem Dankrufe gierig kröpfte: dann ward er wieder gehaubt und auf die Trage zurückgebracht.

Nicht eher doch hatte der Falke seinen Gefangenen freigegeben, bis Fulko, vom Rosse gesprungen, denselben an beiden Schwingenknochen gefaßt hatte; er hielt ihn nun der Jägerin hin, die sich anmutvoll aus dem Sattel herabbeugte. »Welch herrlich Tier!« rief sie erfreut. »Welch leuchtend Weiß! Nie sah ich seinesgleichen!« – »Es ist ein Silberreiher. Ich wollt' es nicht – vor der Zeit! – verkünden. Aber ich hatte ihn gestern abend angeschlichen.« – »Er ist – wie es scheint – ganz unverletzt?« – »Fast ganz. Nur wenig blutet hier der Hals. Das hab' ich ihn gelehrt, den klugen Greif, am Federspiel: – für den Silbervogel! – nur fangen, nicht morden!« – »Oh! dann wollen wir das edle Tier freilassen! Nicht?« – »Gewiß: Ihr seid ja seine Fängerin, nicht ich! Und ich: – im voraus erriet ich Euer gütig Herz.« Er griff in die kleine von Stricken geflochtene Jagdtasche, die er am Wehrgurt trug. »Das mögt Ihr jetzt leicht sagen,« lächelte sie. »Ich beweis es, Herrin!« gab er zur Antwort. – »Wie? Was wollt Ihr thun?« – »Wie immer: Euren Willen – Nur ein Andenken an diesen frohen Morgen soll Euch Euer schöner Gefangener lassen. Seht Ihr die beiden silberweißen Federn hier auf seinem Haupt?« – »Wie stolz sie wallen! Schaut, sie reichen noch weit über seinen Rücken.« – »Wie prächtig werden sie sich abheben von Eurem Jagdhut und von Eurem Haar.« Er zog nun mit sanfter Gewalt dem Vogel die beiden Kopffedern aus und überreichte sie der Jägerin, die sie freudig dankend nahm und sofort in dem Goldring ihres Hutes befestigte. Sie schmückte sich so gern! Für sich und für andere. Und jeder einfachste Schmuck ließ ihr so gut. Aber nun vollends diese stolze fürstliche Zier!

»Ihr seht aus wie die Königin von Avalon, dem Feenland!« – »Wenigstens trägt keine Königin schöneren Schmuck.« – »Und keine Kaiserin würdiger denn Ihr.« – »Dank! Recht von Herzen Dank!« – »Aber nun wollen wir ihm die Freiheit geben, dem Glücklichen, der Euch erfreuen und Euch zieren durfte. – Seht, lange hab' ich vorgedacht für diese Jagd.« Und er zeigte ihr, was er aus der Netztasche hervorgeholt: es war eine kleine, runde Goldplatte an einer länglichen, rohrartigen, innen hohlen Schließe aus Silber: »Was hab' ich darauf ritzen lassen von Meister Aaron, dem kundigen Goldschmied zu Frankfurt? Schon vor Wochen ritt ich deshalb hinüber.«

Und das Mädchen las mit holdem Erröten:

»Mich fing die wunderschöne Minnegard
Und gab mich wieder frei:
Der Freiheit wenig Dank ihr ward:
Denn wen sie fing, die holde Fei,
Will, daß er ewig ihr Gefangner sei.«

»Ihr seid ein Schalk,« lächelte sie, »wie alle Sänger, aber ein feiner.« – »Und was Ihr seid, – das singen und sagen alle Sänger der Erde nicht aus! – Nun fliege, Reiher, und verkünde in allen Landen vom Maine bis zum Jordan Minnegardens Schönheit!« Er hatte nun das Silberröhrlein um den linken Ständer des Gefangenen zusammengedrückt, die Schnalle geschlossen und gab ihn jetzt frei: der Reiher reckte sich in die Höhe, hob den langen Hals, breitete dann die mächtigen Schwingen aus, stieß vom Boden ab, hob sich und flog, mit lautem frohem Ruf der Erlösung, schwirrend in die Höhe: bald war er im fernen Blau wie ein schimmernd weiß Gewölk verschwunden.


VIII.

Das Jagdgeleit ward nun entlassen, es kehrte in die Stadt zurück; die beiden Paare jedoch, gefolgt von einigen Dienern zu Pferd, wandten sich von der Heerstraße und dem Flußufer ab nach Westen die Hügel hinan dem schönen Walde zu, der jetzt der Guttenberger heißt, damals der Königswald genannt wurde.

Sobald der kleine Zug wieder beisammen war, gab Minnegard ihrem Zelter, aber auch dem Falben ihrer Genossin einen leichten Schlag mit der Gerte, die ihr Fulko von einer Weide gebrochen: »Ei,« rief sie, »gestrenge Edel, nun wollen wir sehen, welcher Reiterin Rößlein rascher läuft: deren Herz schlägt auch wohl mutiger.« »Rascher das deine, aber mutiger nicht!« erwiderte die Blonde ernst und schoß weit an ihr vorüber. Sie wollte sichtlich allein sein; Hellmuth folgte ihr nicht; er hielt den Hengst an und blieb so auch hinter dem anderen Paare zurück.

Der steil ansteigende Weg ward bald so schmal, daß zwei Pferde nur gerade zur Not nebeneinander Raum fanden. Dies machte sich Junker Fulko zu nutze. Gar bald hatte er seinen Rappen dicht neben Minnegards Weißrößlein gelenkt und nun wich er nicht mehr von ihrer Seite. Geraume Zeit ritten sie, nur stumme Blicke tauschend, nebeneinander hin, damit begnügt, Aug' in Auge zu senken. – Da strauchelte das Tier der Reiterin – allzuwenig achtete sie des Weges! – über eine knorrige Wurzel, die den Pfad kreuzte: es drohte, auf die Vorderfüße zu fallen und seine leichte Last vornüber zu schleudern. Mit raschem Griff riß der Junker das Pferd empor und schob die Errötende in dem Sattel zurecht. Sie war wohl ein wenig erschrocken: aber sie lächelte schon wieder mit schalkhafter Fröhlichkeit: »Dank!« rief sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite … –« – »O dürft' ich's immer sein!« »Ausreden lassen!« schalt sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite, hätte mich dies Unheil nicht bedroht.« – »Wieso?« – »Ei, dann hätte ich wohl besser, zwischen den Ohren meines Rößleins durch, gerade vor mich auf den Weg geschaut, wie mich Herr Bischof Heinrich, mein geistlicher Reitlehrer und reisiger Beichtiger, gelehrt hat. Da Ihr mich in Gefahr gebracht, mußtet Ihr mich freilich auch beschützen.« – »O könnt' ich Euch auf meinen Armen über alle Gefahren hinweg – durch's Leben – tragen.« – »Gemach, Herr Ritter von Yvonne! Zunächst müßtet Ihr mich dann tragen – in das Kloster, das zu schmücken ich bestimmt bin.« – »Ihr seid noch nicht darin!« – »Aber bald werd' ich's sein.« – »Arme Minnegard!« – »Und armes Kloster!« – »Man kann Euch nicht zwingen.« »Ich zwinge mich selbst. War es doch der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Meine Oheime, die Bischöfe von Köln und von Würzburg, kennen diesen Wunsch und …! Oder vielmehr,« lächelte sie, – »weshalb wähnt Ihr, daß es des Zwangs bedürfe? Warum soll ich nicht gern eine Heilige werden?« »Weil's ein Frevel ist!« brach der Junker los, »eine Sünde wider die Natur, die Euch holdes Wunder, so wunder-anmutvoll geschaffen hat! O Minnegard, Ihr gleicht an holdem Reiz, an blühender Schöne der Alpenrose, die Euerer wie meiner grünen Heimat Berge schmückt. Ihr seid geboren, zu beglücken und beglückt zu sein! Schon Euch anschauen ist wie heiße Qual, so heiße Wonne, heiße Seligkeit! Und all dieser Reiz – er soll verblühen? O viel edle Dame! Ich sah einmal – zu Paris war's – in der Basilika der heiligen Genoveva – hinter einem Gegitter von Golddraht auf dem Seitenaltar schöne, wirklich wunderschöne vollblühende Blumen: Lilien, Rosen, Krokus, – auch eine Alpenrose war darunter! – Staunend trat ich näher: denn draußen lagen fußhoch Eis und Schnee: allein ach! meine Freude schwand! Gemacht waren sie, diese armen Blumen, aus Flitter, aus Lappen, auf Draht gezogen, seelenlos, duftlos: – vielmehr ging ein Geruch von Staub, von dumpfem Moder von ihnen aus! – Das, o holde Alpenrose, ist die Nonne! Und Ihr solltet also vertrocknen? Diese leuchtenden Augen sollten nicht Liebe strahlen? Diese roten, weißen, weichen Lippen …« – »Hört auf, Herr Fulko von Yvonne! Vernähmen es die Leute, sie dächten, Ihr wüßtet drum, ob meine Lippen weich oder hart. Und davon wißt Ihr doch so wenig wie …« – »Ach ja! wie Ihr von meiner heißen Liebe!« – »Ei, meint Ihr? Ich glaube, davon weiß ich doch ein wenig mehr!«

Und sie schaute ihn dabei so freundlich an und sie lächelte dabei so hold, daß er, kühn gemacht durch soviel Huld, fortgerissen von soviel Liebreiz seine verlangenden Lippen sehr nah unter ihren breitrandigen Jagdhut wagte. »Oho, Reitersmann!« rief sie, sich weit von ihm abbeugend. »Jetzt, – so scheint's – seid Ihr gestolpert – sehr stark sogar! Gemach! Sind das die gepriesenen Sitten der Provence? Oder sind's die Sitten in Poetenland? Man sagt, die Sänger brauchen den Mund mehr zum Singen denn zum Beten, mehr zum Trinken denn zum Singen und noch mehr als zum Trinken zum – nun, zu was anderem! Ihr pflückt wohl jedes Röslein an Eurem Wege?« – »O Minnegard, wer kann Euch sehen und noch nach anderem Reiz begehren? Und Küssen ohne Liebe: – das ist niederträchtig!«

Sein Auge blitzte in edlem Zorn, Glut schoß ihm in die Wangen: er ließ ihm sehr schön, dieser heilige Zorn der Reinheit. Sie sah zu ihm empor mit warmem Blick. »Dank Euch, Herr Fulko! Das war ein schönes Wort. Nie werd' ich's Euch vergessen! Ihr seid … Doch nein! Wozu braucht Ihr zu wissen, wie Ihr seid? Könnt' Euch am Ende eitel machen! Und unter Euern vielen, wimmelnd vielen Fehlern hab' ich die Eitelkeit – noch! – nicht entdeckt. Nicht mal auf Eure Liedkunst seid Ihr eitel. Und das gehört doch sonst wohl zum Dichter wie zum Pfau das Radschlagen? Ihr geizt mit Eurer Kunst. Man muß Euch überlisten, sollt Ihr singen! Deshalb hab' ich Euren Waffenträger bestochen, – ich verhieß ihm ein Küßlein meiner Zofe: (denn sie lieben sich!) – heute unter seinem Mantel versteckt Eure kleine welsche – wie sagtet Ihr jüngst? Die Citole! – mitzunehmen. Seht Ihr ihn dort hinten reiten? Da guckt an seinem Halse das blaue Tragband hervor. Sind wir im Waldesgrunde gelagert, dann, Herr Sänger von Yvonne, singt Ihr uns ein Lied. Nicht wahr? Ich bitte!« – »Ihrmich – bitten? O vielsüße …!« – »Gemach! Ihr sprecht zu einer künftigen Äbtissin. Singt Ihr uns?« – »Gern. Aber – den anderen nicht. Dir, dir allein!« Verweisend hob sie den Zeigefinger. »Man sagt: ›Euch, Jungfrau Minnegardis.‹ – Ein altes Lied? Das ich schon kenne?« – »Nein. Ein neues.« – »Wann gedichtet?«

»Noch gar nicht!« – »Ja, wie wollt Ihr dann Euer Wort lösen?« – »Wie? O Herrin:

Lieg' ich nun bald im Moos zu deinen Füßen,
In deines Auges Himmel will ich schaun:
Begeistrung wird mir in die Seele taun,
Aus meinem Lied dein eigner Reiz dich grüßen!«


IX.

Alsbald waren nun die ersten Bäume des »Königswaldes« oben auf der Hügelkrone erreicht: schlanke hochstämmige Buchen waren es meist schon damals, wie sie heute an jenem schönen Fleck deutscher Erde den Wanderer erfreuen.

Aber dazumal war der noch nicht durchforstete Urwald noch viel häufiger und dichter mit Unterholz und Buschwerk bestanden: daher nisteten dort viel zahlreicher als heute die Vögel, deren noch zwei Jahrhunderte später Herr Walther sich erfreuen mochte. Als die kleine Schar die Raststätte, eine runde Lichtung, erreicht hatte, auf welcher schon während der Jagd vorausgesandte Diener über das weiche, hier in der Waldeskühle noch vom Tau funkelnde Moos Decken gespreitet und Körbe und Krüge für einen kurzen Weidmannsimbiß bereit gestellt hatten, stiegen die beiden Paare von den Pferden und lagerten sich auf der sammetweichen Waldwiese. Die Diener stellten das »Lägel« Wein, die Zinnbecher und die mitgeführten Speisen zurecht und gingen dann mit den Rossen seitab.

Freudig glitzerte die Morgensonne des schönen Maientages durch die Wipfel der hohen Buchen und warf auf den Waldboden ein goldiggrün Gegitter. Die Bienen, den Sonnenschein suchend, flogen häufig um den Agelei und die großblumigen Blauglocken, die an hochaufgeschossenen Stielen nickten. Würzigen Harzduft atmeten im Sonnenbrand die dunkeln Tannen, die hin und wieder neben der milden »Frau Buche« wie ernste waffentragende Kriegsmänner Wache zu halten schienen. Aus den dichten Wipfellauben scholl bis herunter in der lauschenden jungen Paare Ohr das kosige Girren und Gurren der Wildtaube und weither aus der Tiefe des Buchwaldes klang der Goldamsel metallischer Ruf. Gar schön war's und freudig auf der stillen, sonnigen Waldwiese.

Die warmblütige Tochter der Alpen empfand voll den Zauber des Ortes, der Stunde: ihre fröhlichen hellbraunen Augen suchten den feurigen Blick Fulkos: – sie hatten nicht lang zu suchen: – er lag im dichten Gras zu ihren Füßen. Denn den beiden Fräulein war über das hoch aus dem Boden ragende Wurzelgedräng einer breitstämmigen Buche als erhöhter Sitz ein weicher Teppich aus Lombardenland gespreitet worden, so daß die beiden Jünglinge tiefer lagerten.

Auch Edel spürte wohl, daß Hellmuths Auge unablässig nach dem ihren suchte; doch unerbittbar hielt sie die langen Wimpern niedergesenkt, und mußte sie dieselben aufschlagen, verstand sie es meisterlich, seinen Blick zu vermeiden.

Fröhlich den blinkenden Zinnbecher schwenkend rief Minnegard: »Wie wohlig ist's doch hier im Walde! Frisch, aber doch nicht kühl, sonnenhell, aber nicht sengend! Und alles in Laub und Blumen so jugendfroh! Das lieb' ich! Es scheint, – in solcher Stunde – das Leben noch so leicht, so einfach selbstverständlich! Und doch! – Was mußte nicht alles geschehen, bis gerade wir vier Menschenkinder an dieser Stelle, zu dieser Stunde zusammentrafen, zwei gute Gesellen, zwei herzvertraute Gesellinnen!« Und sie griff mit der rundlichen warmen Rechten nach Edels langen, schmalen, kühlen Fingern.

»Das ist noch nicht genug!« rief Fulko. »Auch jeder Gesell muß sich eine Gesellin gewinnen; was meinst du, Freund?« Aber Hellmuth schwieg: denn Edel runzelte die Stirn.

»Es ist so kurz erst,« begann die Braune aufs neue, »daß wir alle vier zusammengetroffen sind in dem freundlichen Städtlein am gelben Main. Wir wissen noch gar zu wenig voneinander. Wie wär' es, wenn wir hier einander erzählten, was uns hergeführt und wie wir früher gelebt? Eine Waldbeichte! Die Tauben da oben – hörst du ihr zärtlich Gurren, Edel? – singen die Waldmesse dazu.« »Ja, beichten wir!« fiel Fulko bei. »Aber Ihr, schön Minnegard, macht den Anfang. Ihr habt gewiß von uns vieren das meiste Unheil in der Welt angerichtet. Uns anderen wird's dann leichter.« »Mein junges Leben,« lachte sie, die weißen Zähnlein zeigend, »ist gar bald auserzählt. Geboren bin ich fern im schönen Hochgebirg des Bayerlandes, wo, an den Schroffen des Wettersteins, die Partnach schäumend durch die Felsen bricht, die Kanker murmelnd durch die Büsche zieht, die Alpenrose bis herab zum Thalgrund blüht: dort ragt ein altes Schloß seit grauer Zeit: – des Werto Fels: das ist mein Heimatthal, auf jener Burg stand meine Wiege. Früh starb die gute Mutter, bald folgte ihr der Vater, Herr Werinher von Rothenburg, des Königs Graf im Sundergau. Da ward mein Muntwalt sein Bruder, der Herr Erzbischof Heribert von Köln; der ließ mich zu sich bringen an den Rhein. Als ich den achtzehnten Winter vollendet hatte, teilte er mir mit, der letzte Wunsch meiner Mutter habe mich dem Kloster bestimmt: dieser Wunsch solle mir heilig sein. Ich erschrak! Thränen brachen mir aus den Augen. Das Kloster, das mich aufnehmen soll, darf ich mir wählen.«

»Gut, sagt mir's vorher. Ich steck's in Brand,« grollte Fulko leise.

»Ich erbat vor allem Aufschub. Und da der Oheim als Reichskanzler den Herrn Kaiser auf unabsehbar lange Zeit nach Welschland über die Berge zu begleiten hatte, gab er für immerdar die Vormundschaft über mich ab an seinen jüngeren Bruder, den Herrn Bischof Heinrich, und sandte mich hierher. Diesen Oheim lob ich mir! Ist's ein Mann!«

»Ein Held ohnegleichen!« rief der wortkarge Hellmuth begeistert und seine traurigen Augen blitzten dabei auf. »Eine Faust von Erz!« »Und ein Herz von Gold!« ergänzte der Sänger, den Becher frisch füllend und hebend. »Ich trinke auf sein Heil!« »Wir thun Bescheid,« fielen die andern ein und selbst Edels strenge Züge wurden freundlich: sie stieß mit dem frohen Paare an; Hellmuth machte gar nicht den Versuch, seinen Pokal ihrer Trinkschale zu nähern. »Allein auch er,« seufzte Minnegard, »hält es für Pflicht, dem letzten Wunsch der Mutter nachzuleben.« »Wäre nur Frau Heilfriede nicht so fern,« meinte Edel, mitleidig auf die Freundin blickend, »die vieledle Gräfin, die hilfreiche, die ratkluge. Sie fände wohl Rat auch für deine Not!« – »Ja, die vielgütige Frau. Wie hat sie mir in Köln die Mutter ersetzt, solange ihr Gatte, Graf Gerwalt, des Deutzgau's waltete.« – »Hat sie doch sogar mich, die Fremde, wie eine Tochter gehalten und gepflegt, als ich erkrankte, während mich Herr Heinrich dorthin gesandt hatte, dich zu besuchen.« – »Und in hohem Ansehen stand sie bei dem Herrn Kanzler.« – »Dagegen hier sah ich sie noch nie im Bischofshof.« – »Sie weilt ja nun schon geraume Zeit mit ihrem Gemahl in Welschland.« »Und noch nicht gar lange ist's her,« ergänzte Hellmuth, »daß Graf Gerwalt diesen, den Waldsassengau, erhielt.« »Die heilige Gräfin, wie wir sie alle nannten,« fuhr Minnegard fort, »sah wohl mein Widerstreben; ich glaube, sie hat auch einmal bei Herrn Heribert für mich gesprochen Aber ohne Erfolg! So werde ich denn –« und hier spielte schon wieder ein schelmisch Lächeln um ihre Mundwinkel – »in irgend einem weltvergessenen Klösterlein dereinst als ›heilige Äbtissin‹ für euch drei sündhafte Weltkinder beten. Vielleicht, Edel, läßt du dich dort vor meinem Altare trauen.«

»Ich werde mich nie vermählen,« sprach diese gepreßt und sah scharf in die Ferne. Gespannt folgten Hellmuths Augen diesem Blicke. »Oho!« lachte der Ritter von Yvonne und warf den krausgelockten Kopf in den Nacken. »So hat schon manch Jungfräulein gesprochen, das als Urgroßmutter starb. Die eine soll nicht heiraten, die andere will nicht! Ja, soll die Welt aussterben? Zwingen muß man euch zu eurem Glück, vielholde Thörinnen!« – »Welcher Mann zwingt mich?« Scharf, wie drohend flog die Frage aus Edels stolzen Lippen und ein blitzender Zornesblick aus den hellgrauen Augen schoß auf Fulko. »Nicht ein Mann, aber eine Frau, strenge Edel von Edelhag,« erwiderte der rasch: »Frau Minne! Die ist doch noch mächtiger denn Euer Herzenstrotz.« »Und,« forschte sie bitter, »giebt es wirklich kein anderes Glück als Liebe und Ehe?« – »Für das Weib – nein!

Wenig weise wähn' ich das Weib,
Welches weigert der Liebe den Leib
Und süßem Sehnen die Seele:
Freudlos verblüht sie, darbend verdorrt sie,
Keinem zur Wonne, sich selber zum Weh!«

»Ich fand noch keinen,« sprach Edel laut und fest, »der meiner Liebe wert.« Dabei wandte sie das stolze schöne Haupt und sah mit zürnenden Augen Hellmuth voll in das Antlitz; es war der erste Blick, der ihm heute ward. Der senkte demütig den Kopf: »Ihr werdet nie einen finden,« sprach er leise, nickend. »Doch, doch!« rief der Junker von Yvonne. »Herr Hellmuth vom hohen Horst, trauter Genoß, – das war – mit Urlaub der herben Jungfrau dort sei es gesagt! – das war herzlich thöricht geredet. Verdienen zwar kann der Mensch die Liebe überhaupt nicht:

Lenz, Leben, Liebe, Sonnenschein
Kannst nicht als Recht verlangen:
Drum mußt du fein bescheiden sein
Und sie geschenkt empfangen.«

»Das ist hübsch,« rief Minnegard. »Ist gewiß provençalisch Gewächs?«

Der Sänger neigte sich höfisch und fuhr gegen Edel gewendet fort: »Aber dieser Spruch gilt von Weib wie von Mann. Die anders dächte, der sagte ich:

Der Starke ist der Schönheit wert
Und gleich der Rose gilt das Schwert.

Und dir, du junger Aar vom hohen Horst, du Sieger in fast so viel Gefechten als du Jahre zählst: – schon nennt man dich weit über Frankenland hinaus bis zu den Wenden den Rennespeer, den Junker Siegespeer! – dir sag' ich: es lebt kein Mädchen noch so schön und noch so stolz-gemut, dessen du nicht würdig wärest!« »Eia wohl!« wollte Minnegard rufen, aber die Stimme versagte ihr: sie erschrak, so zornig klang nun Edels Frage, die sie Hellmuth zuschleuderte wie einen spitzen Speer: »Euer letzter Sieg, Herr Ritter, war der zu Worms im Lanzenstechen – nicht?« Er errötete über und über; er ließ das Haupt noch tiefer auf die Brust sinken und erwiderte, ohne sie anzublicken: »Ich habe seither keine Waffe mehr geschwungen.« »Ja, allen Heiligen sei's geklagt!« schalt Fulko laut. »Ein Kopfhänger ist er seither worden! Kein Mensch begreift, warum? Nach dem glänzendsten Siege, der seit Menschengedenken in einem Stechen gewonnen ward, so erzählte der Herr Bischof.« »Jawohl,« bestätigte Minnegard. »Auch mir rühmte der Ohm – weiß nicht, Herr von Yvonne, warum er uns beide damals zu Hause sitzen ließ! – den Sieg des ›Rennespeers‹. Du aber, Edel, – erzähle doch! – du warst ja mit dem Herrn Bischof damals zu Worms.« »Jawohl,« fiel Fulko ein. »Wart nicht Ihr es, edle Jungfrau, die damals den Siegesdank zu reichen hatte?«

Die Frage blieb ohne Antwort. Denn ungestüm sprang Hellmuth auf. »Es wird schwül im Walde!« rief er und ging mit langen Schritten auf und nieder. Und zornig, schweigend, mit zusammengedrückten Lippen sah ihm Edel nach.


X.

»Halt an, Freund!« rief Fulko. »Du darfst nicht entweichen mit deiner Lebensgeschichte. Beichte!« Hellmuth erwiderte nicht, er strich nur das schlichte, kurze, dichte Blondhaar aus den heißen Schläfen. »Jawohl,« pflichtete Minnegard bei und haschte ihn, da er wieder an ihr vorüberstürmte, am braunen, lang nachflatternden Mantel. »Steht! Und steht Rede!« »Ist bald geschehen,« erwiderte gelassen der Traurige. »Heiße, wie ihr wisset, Hellmuth …« – »Trübmuth solltest du heißen!« – »– vom hohen Horst. Fern, aus dem Lande der Ostfalen stammte der Vater. Der trat in den Dienst Sankt Burchhards zu Würzburg. Als des Bistums Dienstmann bin ich geboren und trage seit der Schwertleite des Bistums Waffen. Das ist alles.« »Nein,« rief der Ritter von Yvonne, »wie du sie trugst, – das ist die Hauptsache. Noch zählst du nicht dreißig Jahre und seit vierzehn Jahren hast du in keinem Gefechte gefehlt auf deutscher, welscher, wendischer Erde, darin Sankt Burchhards Fähnlein geflattert und jedesmal … –« »Bist du nun fertig, Lobposaune?« schalt der Sachse, kurz vor ihm Halt machend. »O nein, noch lange nicht!« lachte der Provençale. »Denn du wirst noch lange ruhmreich weiterkämpfen in Ernst und Spiel.« – »Glaubst du? In einem Spielkampfe spiel' ich nie mehr mit. Ich hab's gelobt. Nur in den nächsten Ernstkampf, der bevorsteht, – in den reit' ich noch ein.« – Und als er wieder fern von den anderen war auf seinem hastigen Gang, fügte er bei: »und nimmermehr heraus!« – »Und du, schöne Edel, vielgestrenge Vetterin, – willst du uns auch nicht mehr Worte gönnen als dieser eiserne Rennespeer?« – »Noch wenigere. Ihr wißt, ich bin von der Spindelseite eine fern versippte Niftel der Herrn von Rothenburg, aber aus Nordalbingien von der Eider stammen mir die Ahnen, von den Markgrafen von Esesfeld. Weit von hier im Nordgau lag meines Vaters Volkfried Lehen, nahe der Wendenmark. Sie brachen gar oft ein, die wilden Berunzanen. Und einmal trafen ihre weitgeschleuderten vergifteten Wurfdolche den Vater vor der Burg am Edelhag bei Wolframsdorf …«

»Ja, sind gar arg liebe Leute!« meinte Fulko, grimmig lachend.

»Sie drangen mit den Fliehenden in die Burg und verbrannten sie mit meiner armen Mutter: – Muthgard hieß sie, nach einer Ahnin – und allem, was darin lebte. Nur mich flüchtete, aus der Wiege mich reißend und aus den Flammen, ein treuer Knecht in den Taubergau zu meinen Gesippen nach Rothenburg. Dort und, seit Herr Heinrich Bischof ward, hier, haben sie mich mit milder Hand geborgen. Die Heiligen werden es den Gütigen vergelten!« – Sie schwieg eine Weile. Dann fuhr sie, weich geworden, fort, in das Ohr der Freundin flüsternd: »Du sollst ins Kloster, Liebe, und ich – will.« Minnegard erschrak. »Du wolltest – noch vor kurzem – so wenig davon hören wie ich!« – »Jetzt aber will ich! Der Herr Bischof scheint – – anderes zu wünschen. Dürft' ich mit dir tauschen! So wär' uns beiden geholfen.« »Aber wohl nicht allen,« lächelte das Kind der Alpen, mit einem heiteren Blick auf Hellmuth. Jedoch das Lächeln verflog ihr sofort, sowie sie Edels Auge, das sie suchte, feindlich den Schritten des Junkers folgen fand. Sie trachtete eifrig, das dunkle Gewölk solcher Stimmung zu verscheuchen: – lachte sie doch selbst so gern und hörte sie doch so gern andere fröhlich lachen! –

»Nun,« rief sie mit ihrer glockenhellen Stimme, »Herr Fulko von Yvonne, nun ist's an Euch. Da werden wir wohl viel mehr Worte und viel weniger Wahrheit hören. Seid Ihr doch ein Sänger: – oder wie sagt man jetzt oft? – ein Dichter!« – »Gelogen ist nicht gedichtet, schönes Fräulein. Ja, wer lügt, der ist kein Sänger. Und mein Wahlspruch lautet: Wahre Schönheit ist schöne Wahrheit.« – »Nicht ganz übel! – Nun, so sagt uns denn auch schön die Wahrheit über – Euch! Nämlich! …« – Sie schwieg beharrlich. – »Was will dies nämlich?« – »Nämlich: – – ich kam einmal in Euere Kammer! …« – »Nun?« – »Nämlich der Herr Bischof schickte mich: – denn er wußte, Ihr waret fern: – mit den Junkern Hellmuth und Blandinus saßet Ihr, wie gewöhnlich um die Mittagszeit, im schmalen Rebgarten des Hatharlin, der den besten Wein verzapfen soll, unter seinen grünen Bäumen … –« – »Weiß Dame Abonde, dort trinkt sich's gut mit fröhlichen Gesellen!« »Der Herr Bischof, der selbst noch zuweilen die Laute zupft wie in seinen Welttagen, gebot mir, Euere Citole zu holen. Oder vielleicht auch« – sie errötete – »erbot ich mich dazu an Supfos des Kellermeisters Statt. Denn längst war ich ein wenig neugierig, wie es wohl bei … Nun – ich fand Euere große, große Truhe offen.« – »Hab' leider keine Ursach', sie zu schließen!« – »Und fand – bei Eurer welschen Laute! – gar sonderbare, mannigfaltige Herrlichkeiten. – Beutestücke wohl? Siegeszeichen?« – »Was meint Ihr da?« »Ei nun, welke Blumen, darunter noch in der Welke gar schöne, mir unbekannte, wohl an Durance und Garonne aufgeblüht, ganze oder auch in der Mitte geteilte Schapel, seidene Bänder, buntfarbige Schleifen, goldene Knöpflein, Ringlein und Spangen und allerlei solch' Zeug. Wenn die erzählen könnten, – was würden wir da alles erfahren!« drohte sie mit dem Zeigefinger.

»Daß Fulko von Yvonne mit Schwert und Laute durch gar manches Herren Land geritten ist vom Pyrenäenberg bis über den Main, daß er in gar mancher Schloßhalle und mancher Kemenate gesungen und unverdientes Lob gewonnen, auch gar manch' üppige Frau, manch' schlanke Maid gesehen und schön gefunden und ihr das auch vorgesungen, – aber nur Eine geliebt hat. Wollt Ihr deren Namen wissen, Jungfrau Minnegard?« »Behüte! Mädchen sind nicht neugierig,« fiel sie hastig abwehrend ein, aber sie lächelte und errötete. »Jedoch ein anderes wüßten wir gern von Euch: Euer Wesen schillert zwiefach: seid Ihr ein Welscher oder ein Deutscher?« – »Beides, o wißbegieriges Fräulein. Ich verbinde beider Völker Tugenden.« – »Oder doch Laster! Aber erzählt!« – »Mein Vater war ein Neckarschwab; er kam auf einem Kriegszuge unter Kaiser Ott dem Roten nach Frankreich: das schöne Land gefiel ihm: er blieb nach dem Friedensschluß darin, nahm Lehen von Kaiser Otts treuem Verbündeten, dem Grafen Gottfried vom Ardennerland, zog mit diesem in allerlei Fehden tief in den Süden bis in die Provence und erstürmte dort einmal das feste Schloß Yvonne, das hoch von steilem rotem Fels durch Rebgelände niederschaut auf die wild schäumende Durance, nahm den Burgherrn, Graf Eudo von Yvonne, gefangen und machte mit dem Graukopfe wenig Umstände …« »Pfui, wie unmenschlich!« schalt Minnegard. – »Nun, das ist doch zuviel gesagt. Er that ihm gar nicht weh dabei, als er ihn … –« – »Schweigt! Wie grausam!« – »Zu seinem Schwiegervater machte.« Da lachte die Braune hellauf und selbst das andere Paar konnte sich des Lächelns nicht erwehren.

»Ja, das blieb nicht die einzige Unmenschlichkeit, die er ihm anthat. Schon zehn Monate danach erhob er ihn – aus lauter Ehrfurcht für sein graues Haar! – zu noch höherer Ehre, indem er ihn –« – »Nun?« – »Zu meinem Großvater machte. Meine Mutter aber, Frau Jolanthe, war die wunderschönste Frau über all Septimanien, Aquitanien und Provence. Noch jetzt ist sie gar hold zu schauen, wie Ihr bald selbst sehen und gestehen werdet, Jungfrau Minnegard. Gott segne ihre lieben Augen. Heil mir: ich hab' sie niemals im Leben weinen machen.« – »Das – das war ein hübsches Wort – das beste, was ich noch von Euch gehört. Aber was schwatzt Ihr da von Sehen? Wie sollte Eure Frau Mutter an den Main kommen?« – »Aber Ihr kommt – sicher! – an die Durance. – – Der Vater sandte mich schon früh von Yvonne an die Lehnhöfe zu Orleans, zu Paris, zu Givet: – denn ein Junker, meinte er, wird nirgends schlechter erzogen als daheim. Von Givet aus geleitete ich unseren Lehnsherrn, Graf Gottfried, zu dem jungen Kaiser, der damals noch in Deutschland weilte, erhielt Urlaub, unsere schwäbischen Gesippen am Neckar zu besuchen, ward auf dem Rückwege hier von Bischof Heinrich, altem Waffenbruder meines Vaters, väterlich aufgenommen und … –« »Und es scheint Euch hier nicht übel zu behagen,« meinte Minnegard. »Schon recht lange erfreut Ihr den Main und uns durch Euren Anblick.« »Der Bischof hat ihn gar lieb gewonnen, den Schalk,« sprach Hellmuth, die Hand auf des Freundes Schulter legend, »wie wir alle. Wir lassen ihn gar nicht wieder fort.« – »Ja, ich lasse mich erbitten, noch zu bleiben. Denn ich muß dabei sein, wenn Jungfrau Minnegard den Schleier nimmt. Ganz notwendig muß ich dabei sein.« »Wie schadenfroh!« schalt diese. – »Ich meine ja nicht den Nonnenschleier: – den anderen meine ich!« flüsterte er ihr ins Ohr, sich so nahe vorbeugend, daß sein braun Gelock ihre Wange streifte. »Jetzt ist's Zeit, aufzubrechen,« rief sie. »Es wird immer heißer hier im Walde.«

Hellmuth und Edel sprangen hastig auf: sie fanden das Beisammen kaum zu tragen; sie schritten dem Rastorte der Rosse zu. Aber dem anderen Paare schien's nun nicht so zu eilen: – auch dem Mädchen auf einmal nicht. »Ihr habt noch ein Wort einzulösen,« mahnte sie, ruhig sitzen bleibend. – »Ich weiß: ein Lied!« – »Nun wird es zu Tage kommen, daß Ihr gar nicht, wie Ihr geprahlt, aus dem Stegreif dichten könnt.« – »Doch! Aber – wenn's Euch dann nur auch gefällt. Ihr müßt's dann nehmen, wie mir's aus der Seele bricht. Und bei mir heißt's: Feuer in die Leier oder Leier ins Feuer.«

»Nur zu! Fangt nur an. Ich fürchte mich nicht vor dem Feuer. Ich gleiche der Schwalbe: die Kälte verscheucht mich, die Wärme zieht mich an. Da! Nehmt!« Sie reichte ihm die kleine, zierliche, welsche Laute, die sie schon vorher neben sich bereitgelegt hatte. Er strich einmal über die Saiten, hob das schöne Gesicht in recht bedrohliche Nähe zu dem ihrigen, sah ihr tief, suchend, in die haselbraunen Augen und hob an:

»Zu deinen Füßen lieg ich hier
Und schau' dir in die Augen:
O könnt' ich all dein Wesen mir
Heiß in die Seele saugen!

Du trägst empor zu Sternenhöhn
Die glanzbeglückten Sinne:
Du bist so schön, so zauberschön,
So wonnig wie Frau Minne.

Streifst mein Barett nur an dein Kleid,
Durchrieselt mich's wie Feuer:
Du meine Qual und Seligkeit,
Du mehr als Gott mir teuer!

Man sagt, bald wird die Welt verwehn
In Brand und Funkenstieben:
Doch nicht in Glut kann untergehn
Mein noch viel heißres Lieben.

Die Liebe, die ich – unerkannt! –
Fühl' hier im Herzen schlagen,
Sie wird dich durch den Weltenbrand,
Ein Flammenmantel, tragen!«

Bei der letzten Zeile sprangen beide, heiß bewegt, auf: die Laute flog in das Moos, und wer weiß, was das Rotkehlchen, welches neugierig aus der Weißdornhecke auf das Paar hervorguckte, würde zu sehen bekommen haben, – hätten nicht gerade in diesem Augenblick die Diener den Zelter des Fräuleins herangeführt.


Zweites Buch.

I.

Der Herr Bischof von Würzburg war nicht recht mit sich zufrieden.

Er sagte sich das, wie er an einem heißen Nachmittag in der Bücherei auf und nieder wanderte. »Schon all diese Zeit her ist mir nicht geheuer, seit ich Berengar entsendet habe; eigentlich doch mehr nur: habe ziehen lassen. Und ich hab' ihm streng eingeschärft, noch nicht abzuschließen mit den wilden Wenden. Ich scheue mich, sie in den Gau hereinzurufen, am Ende gar in die Stadt einlassen zu müssen. Wenn diese Heiden …« Er blieb plötzlich stehen und griff mit der Hand an die heiße Stirne.

»Ah bah,« fuhr er, wieder ausschreitend, fort, »ich habe doch schon oft schlimmes Kriegsvolk in Zucht gehalten, werd' auch mit diesen fertig werden. Der erste, der stiehlt, hängt. – Es ist nicht das! – Aber gegen den Kaiser! Gegen den deutschen König! Gegen diesen Jüngling: – er, seine Mutter, sein Vater haben mich mit Huld, mit Ehren überhäuft. Undank wird er's nennen. Er – und die Welt! Ich trotze dem lauten Wort der ganzen Welt, wenn das stille Wort hier – hier in der Brust mich freispricht. Und es muß mich freisprechen. Ich muß Sankt Burchhards Rechte wahren! – Wäre doch Arn zurück mit der Entscheidung des Papstes. – Ja: die Entscheidung! Wäre ihre Stunde doch da! – Inzwischen verzehrt mich die Ungeduld! – Immer beten! – Kann's nicht! – Und auch nicht immer lesen! – Es ist so eng, so dumpf, so staubig hier unter all den alten Pergamenten! – Ich bin büchermüde. Menschen will ich sehen! Hinaus ins Freie! Aber was draußen thun? Fechten darf ich gar nicht mehr. Jagen soll ich nur zahm und selten. Der Bischof, der Priester soll –! O Weh und Pein! Der Priester! Warum Priester, warum? Ah falsches, treuloses Weib! Was hast du zu verantworten! Was hast du angerichtet in mir, Verräterin!« Und er drückte die geballte Faust vor das Auge.

»Der Priester, – der Bischof – was kann er thun draußen unter den Menschen? Ihnen wohlthun! Ja, und das will ich! ›Seelsorge!‹ Schönes Wort! ›Herzenssorge‹ wäre auch gar schön, aber wer auf Herzen baut –! Ah was! Fort damit.

Geht es dir schlecht, soll's andern desto besser gehen! Hinaus, Heinrich, und hilf, wo du kannst!«

Er stieß den halbgeschlossenen Laden auf und blickte über die Stadt hin gegen den Main.

»Die Sonne geht zu Gold. Bald sinkt sie hinter die Buchenwipfel des Königswaldes. – Aber noch ist's Zeit genug, Gutes zu wirken, bevor der Tag verronnen ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken mag. Die Nacht! Am Ende gar – für diese Welt – bald die ewige Nacht.«

Er schritt aus dem Büchersaal in das Vorgemach, dann auf den breiten Gang, in welchen die Holztreppe mündete, stieg diese herab und wollte sich der Hauptthüre zuwenden, die aus dem Bischofshause ins Freie – in der Richtung nach Westen, gegen die Brücke hin, – führte.

Allein in der Mitte der Vorhalle ward er angerufen von einer Stimme, die aus der Unterwelt emporzudringen schien. »Hezilo! Herr Graf! – Hochwürdiger Herr Bischof, wollt' ich sagen.« – »Du, Supfo? Was soll's? Was willst du?«

Und er wandte sich zur Rechten, wo einige Stufen in die Keller des Hauses hinunterführten. Auf der obersten derselben tauchte jetzt dort eine behäbige drollige Gestalt auf, die aus lauter aufeinandergesetzten Kugeln aufgebaut schien.

Kugelform hatte das grüne Mützlein aus steifem Wolltuch, das, vorn höher als hinten, etwas schief auf dem rundgeschorenen Grauhaar des runden Kopfes saß. Aus dem ganz glattgeschorenen Gesicht traten die stark geröteten Wangen halbkugelig hervor unter den runden vergnügten Äugelein, die frisch und hell in die Welt schauten; unter dem hellbraunen Schurzfell erhob sich ein Bäuchlein, das sich der Kugelgestalt nach Kräften zu nähern trachtete und auch die roten Wadenstrümpfe zwischen Knie und Knöchel hatten Mühe, ihren geschwellten Inhalt zu bergen. Fröhlich, treuherzig und dabei recht gescheit, ja schelmisch-witzig war der Ausdruck der angenehmen Züge: auch Herrn Heinrich schien der Anblick zu vergnügen: heiter ward seine bewölkte Stirne, während er auf die Antwort des dicken Männleins wartete. Diese kam etwas langsam, denn der Rundliche hinkte ein wenig beim Ersteigen der Stufen und schnaufte ganz gewaltig. »Uf! Heiß ist's im lieben Würzburg im Brachmond sogar im kühlen Keller.« »Ja freilich,« drohte der Bischof lächelnd, »wird dem Kellermeister warm, wenn er so fleißig seines Amtes waltet – im Vorkosten! Aber was willst du?« – »Was ich will? O Hezilo, lieber Herr, – das krieg' ich doch nie wieder.« – »Was ist's?« – »Meinen Hezilo von ehemals möcht' ich wieder haben! Den aus der guten Rothenburger Zeit. Hei wie wir jagten mit dem alten Rado in dem waldgrünen Taubergrund! Den Grafen Heinrich möcht' ich wieder haben, den jagdfrohen, waffenfrohen, weinfrohen, frauenfrohen …« Hier furchte der Bischof die hohe Stirn. »Den weltfrohen Liebling von Jung und Alt, von Mann und Weib!« »Ja, Vielgetreuer,« seufzte Herr Heinrich, »der ist gestorben und begraben! Lange schon!« – »Ich weiß! Ich weiß! Weiß auch den Todestag, die Todesstunde – zu Pfingsten war's. – – Hätt's nie von ihr geglaubt! Der arme Herr!« brummte er unhörbar. »Schad' um Euch, Graf Hezilo! Was war's für eine Freude, mit Euch leben im Frieden, und im Krieg erst recht! Wißt Ihr noch den schlimmen Julitag von Squillace? Wetter und Strahl, dort in Kalabrien war's doch noch heißer als hier am Main! Da Ihr – Ihr allein den Herrn Kaiser Ott den Jüngeren – noch seh ich ihn vor mir in seinem jugendlichen welligen roten Bart! – vor der Gefangennehmung gerettet habt? Sie glauben falsch, diese Saracenen, aber dreinschlagen thun sie ganz richtig. Auf einmal waren sie da, wie vom Himmel heruntergeflogen, unzählbar viele! Nichts sah man mehr – vorn, hinten und links – als ihre weißen Flattermäntel fliegen! Es war wie ein unabsehbar Schneegestöber.«

»Ja,« fiel Herr Heinrich eifrig ein. »Und welch' ein furchtbar Kampfesfeld für uns! Ich hatte treu davor gewarnt, von der breiten alten Straße oben auf den Berghöhen herabzuziehen auf den Schmalpfad unten an der See. Nun hatten wir's! Vorn und hinten die Araber zu Roß: auf den Felsen aber zur Linken – wie steil stiegen sie empor! – die arabischen Pfeilschützen zu Fuß, unsichtbar, unerreichbar: und hart zur Rechten – das brausende Meer, gierig, jeden Ausgleitenden zu verschlingen.« »Wie viele starben damals,« fuhr Supfo fort, »des Herrn Kaisers Entkommen zu decken! – Wißt Ihr noch, wie er zuletzt – auf geliehenem Roß! – in das Meer hineinsprang und schwimmend ein Schifflein erreichte?« – »Da fielen alle um ihn her, Herr Richari, sein Lanzenträger, und die Markgrafen Berchtold und Günther, die Grafen Udo, mein Vetter, Gebhard, Ezelin.« – »Landulf von Capua und Atenulf, die edeln Langobarden.« »Und sogar der alte ehrwürdige Herr Bischof Heinrich von Augsburg kämpfte dort und starb für seinen Kaiser. Beneidenswerter Tod für einen Bischof!« seufzte Herr Heinrich. – »Da lag sie hingestreckt, seine ganze Stechschar. Nur Einer daraus stand noch aufrecht, seine Flucht zu decken. Aber zu Fuß, denn das eigne Pferd hatte er dem Kaiser aufgedrängt, da dessen Rotroß, von Pfeilen gespickt, unter ihm zusammengebrochen war. Und dieser, stets der vorderste am Feind, im Weichen der letzte, der hieß – Heinrich von Rothenburg.« – »Nein! der vorletzte hieß so. Denn der letzte, der den Schild über mich hielt, der hieß Supfo, der von der Taubermühle. So oft ich dich den linken Fuß ein wenig nachschleppen sehe, denk' ich des Schwerthiebes, den du damals für mich aufgefangen.« »Bah,« lachte Supfo, »der Heide, der den Hieb schlug, ist doch schlimmer daran. Zwar schleppt er den Fuß nicht nach, aber auch den Kopf nicht mehr mit! – Ja, das waren noch Zeiten! Achtzehn Jahre sind's nun bald! – Aber auch noch nach des Herrn Kaisers frühem Tode erging's uns gar gut. Wir sonnten uns unter der warmen, – recht warmen! – Gnade der schönen Kaiserwitwe. Weiß Sankt Kilian, Ihr und ich, wir beide regierten damals die Frau Regentin samt dem heiligen römischen Reich!«

Herr Heinrich mußte lachen.

»Als der falsche Vetter von Bayerland sie verriet, ihren Knaben stahl, das Reich an sich riß, viele, viele geistliche und weltliche Fürsten abfielen von der vereinsamten Witwe und ihrem guten Recht, da habt Ihr bei der vielschönen Griechin nahezu allein ausgeharrt, – wie einst bei ihrem Gatten in der Schlacht – ein Turm in ringsher brandender Flut, und habt endlich ihre Sache zum Siege durchgekämpft. Das war lustig. Fast jede Woche ein Gefecht! Und jed' Gefecht ein Sieg. Und die Sieger immer Ihr und Graf Gerwalt.«

Der Bischof schloß die Augen.

»Und in dem Hoflager der Regentin die edle, holde Jungfrau Heilfriede! Wie oft hat sie nach erfochtenem Sieg Euch den Helm mit Eichenlaub gekränzt! Euch oder Graf Gerwalt.«

»Was hast du von des Grafen Gerwalt Eheweib zu schwätzen?« – Recht unwillig war das gefragt. – »Und wozu riefst du mich an?«

»Zu nichts Bösem wahrlich! Ich wollt' Euch bitten, den Lautertrunk vom vorvorigen Herbst zu kosten: ich sag' Euch – der ist fein geraten!« – »Ist mir nicht danach zu Mut. – Mich rufen Pflichten.« Und er wollte sich zur Thüre wenden, aber der Kellerer hielt ihn am langen porphyrroten Bischofsgewande fest.

»Auch das ist Pflicht, zu erproben, wie herrlich der milde Himmelsherr Eurer müheschweren, klugen, ja weisen Arbeit gelohnt hat. Viele Jahre sind's nun, seit Ihr, – kaum waret Ihr hier eingesetzet – befohlen habt, auch die unwirtlichen Hügelhalden im Norden der Stadt dem Weinbau zu gewinnen. Eitel Geröll und Gestein bis dahin! Den ›Stein‹ schalten die unzufriedenen Bauern den ganzen unnützen Berg, auf dem nur ein paar Ziegen kletterten. Aber die liebe Mittagssonne liegt darauf so lang und so heiß sie irgend kann! Die Blust der Trauben verweht dort nie ein rauher Wind: – des Berges hoher und breiter Rücken schließt ihn aus. Schwer Geld hat's Euch gekostet, die edelsten Rebschößlinge tief aus Welschland zu beziehen: – den ersten habt Ihr mit eigener Hand gepflanzt und gesegnet, und unverdrossen habt Ihr all die Jahre lang bei dem müheharten Winzerwerk selbst mitgearbeitet in Sommerbrand und in Herbstnebel. Zum erstenmal nun kelterten wir vor zwei Jahren dies welsche Gewächs auf ostfränkischem Boden – treu und liebevoll, wie eines Liebchens, pflegte ich des Fasses! – und nun kommt in den Keller und schmeckt, genießt, was Ihr da Köstliches geschafft. Es rollt wie flüssig Feuer durch die Adern. Noch späte Enkel werden Euch drum danken.« – »Ich hab' gelernt, der Menschen Dank entsagen. Ich gehe, um …« – »Nein, Herr, bitte, bleibt nur noch ein weniges. Ich … ich habe Euch im Keller etwas mitteilen wollen: – es wäre gerade der rechte Ort dafür gewesen: auf einem Fäßlein sitzend und von Weinduft umweht – so muß man das lesen und anhören. Denn es ist …« er lachte herzlich. – »Nun was ist's?« – »Ein Brieflein von Arn!« – »Wie? Von Arn? Aus Welschland? Wohl gar aus Rom? Was? An dich schreibt er und mich, der ich so schmerzlich auf Nachricht, auf Entscheidung warte, mich läßt er ohne Kunde? Das ist ja …« – »Nein, nein, Herr Graf, es ist kein Unrecht wider Euch: – Ihr werdet's gleich selbst einsehen: aber, bitte, laßt Euch einen Augenblick nieder – dort auf der Hallenbank.« – »Ich nicht! Aber du! Dein Fuß! Verzeih mir, Freund, daß ich dich so lange stehen ließ.« Und fürsorglich geleitete er den Humpelnden an die Bank und ließ ihn auf dieselbe niedergleiten.


II.

»Wie gut er ist!« flüsterte der Runde. »Und immer so allein! So trübselig! Unter den verwünschten heiligen Pergamenten. Gott verzeih mir's: ich wollte sie wären lauter Fässer voll Stein und Leisten!« – »Nun also! Was schreibt mein träger Bote?« – »Vor allem, er ist noch nicht in Rom. Der Brief ist geschrieben in einem Dörflein hinter Florentia und erst vor einer halben Stunde brachte ihn ein Laienbruder aus dem Sankt Gundberts Kloster zu Onoldesbach (dem mußt' ich doch den Willkommbecher vom Fasse füllen!) dort, bei den guten Mönchen, liegt Arns Reitknecht wund: er stürzte mit dem Gaul schon auf dem Brennerberg und schleppte sich seither all den weiten Weg durch Bayerland und Schwabenland bis in unser liebes Franken. Darum währte das so lang. Nun hört, was der wilde Bayer schreibt: mir ist, ich seh' ihn vor mir und hör' ihn! Die armen Welschen, die ihn angehen wollen! Der Riese steckt zwei von ihnen, wie etwa Euer zwiebelgelber Berengar ist, unter jeden Arm und trägt sie ins Wasser wie junge Katzen.

›Unsern huldvollen Gruß und geistlichen Segen zuvor …‹« »Der Unverschämte!« lachte der Bischof. – »Unserem lieben und getreuen, aber durstigen Supfo. ›Meinem gnädigen Herren, dem Bischof, hast du sofort zu melden, daß nichts Entscheidendes zu melden ist.‹« – »Noch immer nicht! Ja freilich, wenn er erst bei Florenz ist!« – »Verzeiht, Herr Hezilo, der Brief ist ja viele Wochen alt: – wegen des Boten, der lange Zeit schon zu Wilten am Fuße des Brennerberges liegen bleiben mußte: – einstweilen muß der Bayer längst am Tiberstrom angelangt, ja er kann schon bald wieder zurück sein! – ›Dem hochehrwürdigen Herrn Bischof – oder wie ich lieber sage – denn so durft' ich sagen in den schönsten Jahren meines Lebens! – dem tapfern Herrn Grafen also Gott zum Gruß voraus. Aber dann gleich Weidmannsheil und Weinfreude vollauf!

Schon einige Male hab' ich ihm durch Boten Nachricht gesandt, wie es mir ergangen auf meiner frommen Fahrt, zu der er mich unfrommen Jägersmann auserkoren hat. Wundert mich nur, daß er mir nicht Rado, den Heiden, mitgegeben hat als Begleiter. (Grüße mir den Alten und er soll mir noch ein paar Stück Wild übriglassen im Grafenwald!) Hat meine Aussendung Herrn Heinrich der heilige Geist eingegeben, so war der gerade in sehr guter Laune. Denn mir geht's soweit ganz gut. Lieber zwar ritt ich mit Junker Hellmuth auf die Wolfsjagd oder säße mit dir, Freund Kugilo, in dem geheimen Kellerverschlag, wo du Schlauer die Griechenweine birgst, und mit dem lustigen Junker Fulko: – grüß' ihn schön, und sag' ihm, ich habe zwischen Main und Arno keine zweite Minnegard gesehen, ja keine, die würdig wäre, jener ersten den Strumpf über den feinen Knöchel zu streifen.‹« »Ich werd' ihm!« unterbrach heftig der Bischof. »Du unterfängst dich nicht, dem kecken Provençalen …! So weit ist das schon? Nun, warte Jungfräulein! Das führt dich noch rascher ins Kloster.« Supfo wollte etwas einwenden, aber dies zornige Antlitz vertrug jetzt kein Widerwort; so fuhr er fort: »›Als daß ich hier im heißen Welschland erkunden soll, – höchst überflüssigerweise! – ob nicht demnächst die Welt untergehen wird. Es fällt ihr gar nicht ein. Sie schaut gar nicht danach aus! Zwar wahr ist: je weiter man gen Mittag reitet, desto häufiger findet man diesen dummen Wahn in den Köpfen der Leute und desto verbissener und versessener sind sie darauf. Aber das macht nicht die größere Weisheit, sondern die größere Hitze, bei der ja die klügsten Rüden, die oft viel gescheiter sind als die Menschen, toll werden. In Augsburg glaubte noch kein Mensch daran: – nur ein paar Nonnen! – in Bozen schon viel mehr Leute, auch Weltliche: in Mailand ist noch kaum ein Vernünftiger – ausgenommen Herrn Heinrichs Bruder, der Herr Erzbischof Kanzler Heribert: – der sagte mir: er glaube es erst, wenn's der Herr Papst befehle …‹« Der Bischof nickte: »So schrieb mir Heribert, und also halt' ich's auch.« Der Runde legte das Pergamentblatt nieder auf seine Kniee und sah ihn an – mit einem vielsagenden Lächeln. »So – –?« fragte er gedehnt. »So? – Ich … ich halt' es anders.« – Rasch, wie um einer Frage zuvorzukommen, las er weiter. »›Vollends aber in dieser sonst gar lieblichen Stadt Florentia! – ich kenne sie gut von früher! – jedoch davon alsbald. Es ist mir also immer gut gegangen, Freund Supfissimo, wie man dich hier zu Lande nennen würde, abgesehen von der landesgebräuchlichen grausamen Hitze: die verträgt mein zottiger Kopf und mein vollblütiger Leib gar schlecht. Denn siehst du: die unsinnige Hitze macht unsinnigen Durst, der unsinnige Durst macht ein Trinken, das auch nicht alle Tage sinnig bleibt und dann macht das starke Trinken wieder noch stärkere Hitze und so geht es in der Runde fort wie beim Rosenkranzbeten.

Zumal ich doch die edle Gottesgabe, die hier wächst – fast schwarzrot ist der starkduftende Feuerwein! – wahrlich nicht wie diese erbärmlichen Welschen mit sündhaftem Wasser verschänden werde. Nun, und im Rausch giebt's dann manchmal einen gelinden Raufhandel. Denn mich macht der Rausch nicht weinerlich, sondern minnegehrend wider die Weiblein und kampfgehrend gegen die Mannsleut' –‹ Ich muß schon sagen,« unterbrach sich der Dicke hier, »einen gar frommen Boten habt Ihr an den heiligen Vater geschickt. Der wird eine Freude haben an Arn aus Bayerland! – ›Trittst du aus den kühlen, kellergleichen Weingewölben auf den glutheißen, in grellstem Sonnenbrand bratenden Marktplatz so einer welschen Stadt, dann glaubst du ohnehin, du stehst mitten in einer sausenden Windmühle: so geschwind drehen sich Säulen und Kirchen und Bettelbuben und Heiligenbilder und Cypressen und Marktweiber um deinen armen Schädel. – Nun, und da bin ich auch schon manchmal einem schwarzlockigen, glutäugigen Mägdlein oder auch einer Ehefrau – man kann's doch nicht immer gleich erraten, zumal sie hier ihre Ringhand mit Handschützen zudecken! – nachgestolpert … –‹«

Hier sah sich zur Abwechselung der Bischof zu einer Unterbrechung veranlaßt: »Nun warte, Bayer! Geht die Welt nicht unter, sollst du mir fasten und dursten, daß dir die Üppigkeit vergeht.« »Hilft nicht. Kommt nicht wieder!« meinte Supfo trocken und las weiter. »›Schon in Verona, in Mailand hab' ich daher leider manchen Degenstoß auffangen und zurückgeben müssen, wenn mir so ein neugieriger Vater, Bruder oder wenig duldsamer Ehemann dabei in den Weg lief. Aber in dieser schönen Stadt Florentia: – das gab einen Spaß ohnegleichen! Schon lange erzürnte mich, daß, je tiefer ich in das schöne Land hineinreite, desto mehr die Hitze zu- und der Verstand abnimmt, so daß sie mir achselzuckend ›barbarische Wildheit‹ an den Kopf werfen, weil ich an jenes Gewäsch vom Weltende nicht glaube.

Hatt' ich mich da in meiner Herberge den ganzen Abend herumgestritten mit zwei edlen Florentinern und zwei Mönchen von Cluny – die nicht zu trinken, sondern zu bekehren in die Weinherbergen gingen, tranken zwar doch bei der Bekehrung, aber ich mehr als alle vier! – und als der eine Pfaff boshaft wurde und von ›dummen Deutschen‹ und ›groben Bayern‹ sprach, erklärte ich, ihn hinausthun zu müssen: – und zwar, weil's näher sei, zum Fenster: – es war nämlich im Erdgeschoß und nicht gar zu hoch – und da ich es ihm einmal versprochen, ließ ich ihn auch nicht lange warten. Sein Genosse entwich kreischend durch die Thüre. Aber da die beiden florentinischen Valvassori dem andern helfen wollten, hatte ich sie diesem vorausschicken müssen. Nun, so was bringt das Blut in leise Wallung. Und wie ich nun den Schlaf suchen will auf meinem elenden Lager – ungleich weniger Strohhalme denn Flöhe barg der Sack, der also richtiger ein Floh- denn ein Strohsack würde geheißen haben, von anderem Getier, nicht so groß wie Skorpione, aber viel häufiger, zu schweigen! – da ertoset ein unglaublich Heulen und Winseln auf dem weiten Platz vor meinem Fenster, als ob tausend Teufel tausend alte Weiber zwackten. Ich springe mit einem Salzachfluch ans Fenster und seh' im Mondschein und im Licht von düster rotflammenden Pechfackeln einen langen, langmächtigen Zug von Pfaffen und Laien und Männern und Weibern und Kindern und gewaffneten Valvassoren und schön geputzten Edelfrauen und zerlumpten Bettlern, alles einträchtiglich nebeneinander, und all das wälzt sich, betend und singend, gegen die alte Basilika mir gegenüber. Und trugen eine Menge Wachskerzen und Fackeln und Kreuze und Bandièren und Heiligenbilder: und heulten aus eitel Furcht vor dem nahenden Tod und Teufel und Weltgericht, daß es die Steine erbarmte; oder doch die Hunde von Florenz, denn die heulten mit gottsjämmerlich. Und scholl's da durcheinander auf Latein und auf Welsch und sangen: ›Wehe! Reue! Buße! Besserung! Glaube! Der Diabolus droht. Das Weltgericht! Und vorher geht umher der Antichrist.

Gute Nacht, Schlaf! sagte ich. Flöh' im Stroh, vor dem Fenster Weiber, Hunde, Pfaffen heulend um die Wette – mir ward's zuviel. Gut' Nacht, Florentia, denk' ich. In hellem Zorn lauf' ich hinunter in den Stall – ziehe meinen Hengst heraus – den Reitknecht hatte ich schon vorausgeschickt nach Germinianum: denn der hatte – er ist aus Passau und ein wenig grob! – mit dem Wirte einen unerheblichen Raufhandel gehabt: – drei Zähne, aber nur florentinische! – Und will auf und davonreiten noch in der Nacht. Suche aber den Wirt, weil ich die Zeche immer zahle, wie hoch sie sei. Alles leer! Wirt und Wirtin und Kammermagd und Stallknecht: – alle halfen wohl da draußen das Ende der Welt herbeiheulen. Und wie ich durch all die kleinen engen Kammern laufe – (in wahren Mauslöchern hausen sie, diese Welschen! Warum? Liegen immer auf der Straße) … Jetzt weiß ich aber nicht mehr, wie ich den langen Satz angefangen habe, denn auch hier in Germinianum ist der Wein ziemlich stark: ich mußte ihn sogar auch in die Tinte träufen (atramento sagen sie hier), und ist immer im Eintrocknen, wegen Hitze der Natur und Seltenheit des Schreibens … also hier geht es mit den Worten nicht ganz zusammen, wohl weil die Tinte – nicht ich! – des Weines allzuviel getrunken, aber du wirst es schon verstehen – also daher finde ich keine Seele. Aber in einer Gewandkammer, in die der Mond voll hineinscheint, wär' ich schier erschrocken. Denn da hing einer. An einem Thürhaken. Sah aus wie der leibhaftige Teufel, etwa wie ihn die Buben bei uns am Ostersonntag auf der Bleichwiese vor der Stadt verbrennen im Osterfeuer. Schwarze Tarnkappe mit zwei Gemshörnern, schwarze Kapuze, glühendrote Augen, rote Zunge, lang heraushängend aus bleckenden weißen Beißzähnen – Fledermausflügel an den Schultern – langer schwarzer Mantel, der die ganze Gestalt verhüllt – eine zweizinkige Feuergabel lehnte daneben. Die Welschen haben solche Mummerei im Hornung. Ein lustiger Gesell hatte wohl für manchen vertrunkenen Krug Chlavintowein den kostbaren Seidenmantel als Pfand zurückgelassen. Die Verlarvung sehen und laut aufschreien vor Spaß war eins bei mir! Flugs stak ich drin: vom Hirn bis zum Knöchel der Teufel. Flugs auch saß ich auf meinem schwarzen Gaul und, die Zackengabel schwingend, jage ich, was das Roß nur laufen kann, schreiend, wie auf einer Salzburger Hochzeit, plötzlich in den heulenden Zug. Von der Seite her kam ich: ganz ungesehen, bis ich mitten drin war unter den heulenden und zähneklappernden Weibern und Pfaffen. Da schrie ich in meinem besten Florentinisch: ›Ja! Ja! Der Teufel! Der Teufel! Ihr habt ihn gerufen. Jetzt kommt er, euch holen!‹ O Supfo mein! Hättest du das mitangesehen! Du hättest dir das Bäuchlein gehalten vor Lachen! Hättest du den Schrecken gesehen, den ich, der Eine Mann, der verachtete Barbar aus Deutschland, all diesen überklugen, feingeistigen Welschen einjagte. Auseinander stoben sie wie ein Flug Sperlinge, darein der Habicht stößt.

Männer wie Weiber, Ritter wie Pfaffen, die Kerzen, die Fackeln, die Kreuze, die Fahnen warfen sie weg, über den Haufen rannten sie sich, alles drängte, die Kirche, den rettenden Altar mit seinen Heiligenknochen zu gewinnen. ›Der Teufel! Der Diabolo! Der Antichrist! Der Dämon!‹ schrieen sie durcheinander. ›Gleich greift er mich. Er hat mich schon.‹

So sprengte ich zwei-, dreimal von links nach rechts und von rechts nach links quer durch den langen Zug, der in seinen Windungen sich mehrfach über den weiten Marktplatz hin dehnte. Und nicht einer hatte den Mut zu stehen, meinem Gaul in den Zügel zu fallen. Nachdem ich, der Eine Salzburger, etwa zweitausend Florentiner in die Flucht der Todesangst gejagt, sprengte ich davon, und riß mir, als ich an das römische Thor gelangt war, die Teufelslarve ab. Hier ward ich eine kleine Weile aufgehalten. Der Thorwart hatte meine Entmummung gesehen und leider kannte mich der Mann von meiner letzten Fahrt durch Florenz: und nicht gerade von meiner tugendlichsten Seite: denn er hatte damals eine Nichte gehabt, eine dralle Dirne von üppigem Wuchs und Wesen. Der unchristlich lang nachtragende Oheim stürzt also, sobald er mich erkennt, auf den Platz vor dem Thore mit gefälltem Speere: ›Halt,‹ schreit er, ›ruchloser Arn, du trägst mit Recht des Teufels Gewand.‹ Und wirklich mußte ich ihm erst den Speer aus der Hand und die Sturmhaube vom Kopfe schlagen, bevor ich an ihm vorbei ins Freie jagen konnte. Die Zeche blieb – zu meinem großen Kummer! – unbezahlt: ein halbes Brot, ein Käse und siebzehn Krüge Wein. Der Teufel, für den sie mich genommen, mag sie zahlen, kommt er einmal wirklich nach Florenz.

Nun Gott befohlen, Supfo. Trinke den Griechenwein nicht allen allein aus, bevor ich wieder zurück bin. Ich komme durstiger aus diesem Lande der Heiligen heim als ich hineingeritten. Noch heute geht's nach Rom weiter. Ich freue mich auf den heiligen Vater. Aber noch viel mehr auf die unheiligen Römerinnen, die stolzbusigen, wie man sie nennt, und auf den Wein der Campagnatrauben. Das soll der feurigste sein. Gegeben in einer Taverna zu Germinianum, wo es auch wieder Flöhe hat. Aber es sind doch andere. Es grüßt dich Arn von der Salzach, Jägermeister zu Würzburg und Teufel zu Florenz.‹«


III.

Der Bischof schüttelte den Kopf, aber er mußte doch lachen. »Es ist nur ein Glück, daß mir der wilde Bayer die Entscheidung des heiligen Vaters schriftlich zu bringen hat. Seinem mündlichen Bericht …!« »Nun ist's schon recht,« rief Supfo heiter, sich erhebend von der Bank und das Pergament wieder in den Gürtel des Schurzfells steckend. »Der freche Brief hat doch was Gutes gewirkt: Ihr habt gelächelt, Herr Hezilo, und die böse Falte auf der Stirn, mit der Ihr kamt, hat sich verzogen. Wißt Ihr was? Wollt Ihr mir nicht in den Keller folgen, so verstattet, daß ich mit Euch gehe. Meine Gesellschaft ist doch noch besser als die Eurer Gedanken in der Einsamkeit.« – »Du hast weit mehr recht hierin, als du ahnst! – Komm mit!« – »Gleich, teurer Herr, gleich! Aber da, nehmt, bitte, diesen Schattenhut: – ich habe ihn für Euch erstanden auf dem letzten Markt von den Dalmatinern – er hängt nun immer hier an der Hallenthüre für Euch bereit – er ist von feinem Stroh, gar leicht und luftig: – die Sonne schießt noch heiße Pfeile über den Main herüber. Wo steht mein Krückstock? Da in der Ecke. Ich schreite doch besser damit und manchmal gilt's, ein bissig Schwein von den Waden zu wehren! So!« Er öffnete die breite Thüre der Halle. »Im Namen Gottes!« betete der Bischof im Hinausschreiten. »Er segne unsern Ausgang.« Beide stiegen nun die Sandsteinstufen hinab auf den freien Platz vor Bischofshaus und Dom. »Wohin zuerst?« fragte der Kellermeister. – »Ich will einen Rundgang der Seelsorge machen und der guten Werke; es gilt gleich, wo wir beginnen: führe du. Du kennst der Menschen Not und Wünsche gut, fast besser als ich, was traurig zu gestehen,« schloß der Bischof seufzend. »Ja freilich,« meinte Supfo und schlug die Richtung von dem Domplatz nach links, nach Süden, ein. »Für die letzte Zeit mag's zutreffen. Ihr zieht Euch ja immer mehr in Euch selbst zurück. Oft seh' ich noch nach Mitternacht vom Hof aus in der Bücherei Euer Öllämplein glimmen. Immer beten!« – »Wenn's doch gebetet wäre!« – »Oder höre unten in unserm Schlafzimmer Eueren Schritt ob meinem Haupte rastlos – rastlos – auf und nieder! Seit Ihr diesen schwarzhaarigen Welschen …« – »Schweig, Supfo. Ich weiß, du hassest ihn bitter. Das ist unchristlich.« – »Aber unvermeidlich! Der hagere Kerl mit seinem graugelben Gesicht – wie ein unreif verfaulter Apfel! – sein Anblick schon zieht mir das Wasser im Mund zusammen wie der Saure von Dürrbach.« – »Er hat sich als mein – und was viel mehr ist – dieses Bistums eifrigster Freund bewährt.« – »Wer's glaubt wird selig, – oder angeführt! Er ist glücklich fort seit ein paar Tagen. Sankt Kilian schenk' ihm eine lange Reise! – Seht hier, Herr Bischof, könnt Ihr gleich anfangen mit guten Werken!« Und er blieb stehen.


IV.

»Was? Hier?« rief der Bischof unwillig. »Bei dem Hause des Geizhalses, des Kornwucherers? Wenig erbaut bin ich vom Treiben dieses Renatus.«

»Nennt ihn doch nicht Renatus. Isaak heißt der Jud'.« – »Er ist getauft.« Supfo lachte. »Tauft ihn nochmal! – deshalb führt' ich Euch her! – Aufs erstemal half's wenig, aber besser: laßt es ganz bleiben! Wein kann man wassern, nicht Blut.« – »Ich verbiete dir, so von dem heiligen Sakrament zu sprechen.« – »Verzeiht mir, Herr. Aber ist's nicht so? Der Glaube wird danach – vielleicht, vielleicht auch nicht! – geändert: aber das Geblüt? Wisset Ihr noch in Neapolis, der schönen Stadt, des Herrn Kaisers Mohren aus Äthiopia? Die Welschen hatten ihn bei ihrem Mummenschanz vor Aschermittwoch mit weißem Mehlkleister überstrichen – fingerdick! Aber sowie er schwitzte beim Tanzen und Springen, da bröckelte die weiße Tünche ab von Stirne, Wangen und Händen und allüberall kam die angeborne schwarze Haut wieder zum Vorschein. Gedenkt Ihr's noch? Nun seht, gerade so steht's mit dieses Juden Taufe. Wird der Mensch in ihm warm und rührt sich, – bröckelt der Christ ab und der Jude kommt zum Vorschein. Da lob' ich mir die Ungetauften: – unter denen sind die Besten!« – »Du sprichst unchristlich. Die Taufe bringt ihnen das Heil.« – »Ja, aber nur, wenn sie daran glauben, wenn sie das Sakrament deshalb suchen. Wenn sie's aber suchen, weil sie sich ihres Volkes schämen und lieber mit den Christen die Juden placken wollen als sich mit den Juden von den Christen placken zu lassen …«

»Und geplackt müssen sie doch nun einmal werden, nicht, Supfo?« lächelte der Bischof. – »Gewiß, dafür sind's Juden. Sind ja das ›auserwählte Volk‹. So hat sie der Herr, nachdem sie seinem Sohn Gewalt und Unrecht gethan, auserwählt, Gewalt und Unrecht zu leiden. Das ist doch klar und höchst gerecht. Ihr Volk verleugnen diese Abtrünnigen und Euch, Herr Bischof, lügen sie vor, sie glauben: Untreue und Lüge aber bringt nicht Heil, sondern Schmach. Dagegen des Juden Mutter, – das ist ein prächtig Weib! Seht, da tritt sie gerade hervor aus ihrem Hofthor.« Vor der Außenthüre des ansehnlichen Holzhauses erschien eine stattliche alte Frau mit edeln, vornehmen Zügen des tief gebräunten Gesichtes. Sie trug die phantastische, kleidsame, weitfaltige Gewandung der Orientalen. Ein gelbes Brusttuch von feinster Wolle verhüllte den Oberleib, gelb waren auch die spitzen Schnabelschuhe, die aus dem langen, dunkelblauen Rock hervorsahen; ein ganz enganliegendes, turbanähnlich gebundenes Kopftuch von schwarzer Seide verbarg sorgfältig jedes Haar der Witwe. Sie kreuzte ehrerbietig die Arme über der Brust, neigte, gleich einer Palme, das hohe Haupt vornüber und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Der Gott meiner Väter segne dich und behüte dich, großgewaltiger und – was siebenmal mehr ist! – großgütiger Herr Bischof. Und er lohne dir, daß du bist ebensogut als du bist gewaltig.« »Mit der großen Gewalt, Sarah,« erwiderte der Gelobte, »ist das so schwach bestellt wie – leider! – mit der Güte.« »Laßt Euch nicht irren, kluge und schöne Frau!« fiel Supfo ein. »Wären wir nur so fröhlich, als wir gut sind.« »Unnütze Reden!« verwies der Bischof. »Jawohl,« sprach die Greisin mit sanfter, wohllautender Stimme und schlug die langen, schwarzen Wimpern auf: – die schönen dunkelbraunen Augen leuchteten immer noch – »unnütz, denn man kennt Eures Herzens Güte! Mein Eheherr Manasse, – lang ruhet er, gesegnet sei sein Gedächtnis für und für und sein Name sei nicht vergessen in Israel! – oft hat er es uns geschildert, Isaak, unserm Sohn, und mir, wann wir saßen in Frieden vor den brennenden Leuchtern und aßen vom Passahlamm und Ruhe waltete im Haus und ringsum im Lande und Sicherheit in der Stadt. ›Die Ruhe‹ – hat er gesagt, – ›und die Sicherheit verdanken wir nach Gott dem Herrn dem Mann, der da ist wie ein Turm der Stärke und ein Streitwagen von Erz, dem Löwen von Rothenburg. Der Graf ist fern, denn leer steht da oben die Grafenburg der Gewalt. Er steuert – der Bischof – dem Raub auf den Handelsstraßen und auf dem Flusse und er hat die bösen Buben gebändigt, die schlimme Rotte, die da plündern wollte mein Frachtschiff auf dem Main und einbrachen mit Beilen in das Haus unsres Friedens. Der Engel des Herrn ist mit diesem Bischof der Christen!‹ Und so hab' ich mich gewöhnt zu Euch, starker und guter und weiser Herr, emporzuschauen alle Zeit als zu einem Helfer in der Not. Und so bin ich hinausgeeilt aus meinem Witwengemach, wie ich von fern Euch kommen sah des Weges und stehe hier vor der Thüre meines Hauses, eine alte, kummervolle Frau, und greife Euren Mantel und lasse Euch nicht, bis Ihr mir habt geholfen in meinem großen Leid!« Und sie glitt langsam vor ihm nieder auf beide Kniee und haschte sein weites Obergewand mit ihrer magern Hand und küßte demütig dessen Saum.

»Steht auf, alte Frau,« mahnte der Kellermeister, sie aufrichtend, »wir mögen das nicht leiden. Sagt kurz, was oder wer Euch quält.«

»Es ist,« sprach sie, sich erhebend, aber den Saum nicht aus der Hand lassend, »Isaak, mein Sohn, mein einzig Kind. Was oder wer sonst könnte mich auch quälen auf der Welt? Hab' ich doch auf Erden nichts als ihn. Und ach! ihn hab' ich nicht mehr, seit … Nun, seit er die Taufe nahm zu Mainz.« Der Bischof furchte die Brauen: »Daran, Jüdin, that er recht. Aber er wußte wohl, weshalb er nicht von mir das Sakrament erbat, sondern zu Mainz, wo Herr Erzbischof Willigis nicht so viel von ihm weiß wie wir leider hier von ihm wissen. Ich hätte ihm zur Bedingung gemacht – vorher – ein Gelübde, daß er nun auch innerlich den Christen anziehe und von sich werfe seinen jüdischen Wucher und Geiz.« »Jüdischer Wucher und Geiz!« stöhnte die alte Frau und ein so schmerzlicher, vorwurfsreicher Blick der dunkeln Rehaugen traf Herrn Heinrich, daß er leicht errötete und rasch einfiel: »Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Euer Gatte – Manasse – hat in der großen Kornnot aus seinen Speichern die verhungernden Christen in allen Städten und Dörfern am Main gespeist von Staffelstein bis Mainz. Er war ein Wohlthäter der Armen: – Gott möge ihm die Strafe seiner Verstocktheit mildern, Sankt Burchhard und Sankt Kilian mögen für ihn bitten, wie ich, deren unwürdiger Nachfolger, es dankbaren Herzens gar oft thue. Aber Euer Sohn ist ein …« – »Herr, er ist krank, glaubet mir. Er ist besessen von übeln Geistern! Wir haben ja zu eigen soviel Güter der Erde, – der Herr hatte gesegnet meines Manasse Redlichkeit und Fleiß! – daß wir wahrlich nicht sorgen müßten um unsere Lebsucht. Aber – es ist wahr – er ist so … sparsam, mein armer Isaak, daß er sich nicht gönnet eine Neige Weines am Sabbath des Herrn!« »Und Euch, scheint's,« schalt Supfo zornig, die hagere Gestalt musternd, »Euch, seiner alten Mutter, auch an den andern Tagen keinen Bissen Fleisch.« – »Vollends aber seit ein paar Tagen ist er ganz krank im Gehirn und wirr in seinen sonst so klugen, scharfen Gedanken. Denn er ist gar scharf, mein geliebter Isaak.« »Wir wissen's!« bestätigte der Kellerer. »Allzuscharf! Möchte seine Seele nicht sehen! Muß voller Scharten sein!« – »Seit wann, arme Frau?« forschte der Bischof voll Mitgefühls. Ihn jammerte um die leidende Mutter und es ergriff ihn, über das ehrwürdige, schöne Gesicht langsam zwei große Thränen rinnen zu sehen. – »Seit das Gerede überhandnimmt unter den Burgensen hier und seinen Geschäftskunden in andern Städten, die Welt werde demnächst untergehen. Das hat ihm ganz verstört die Gedanken. Er kann nicht mehr schlafen seitdem. Und immerfort, in der eifrigsten Arbeit, im Rechnen sogar oder wann er wiegt auf seiner Wage die Goldmünzen des Herrn Kaisers – wobei ihn sonst nichts störte, ja nicht einmal Blitzschlag ins Haus des Nachbars Hesso: er wog ruhig fort. Jetzt spricht er dabei mit sich selbst wirre Worte und unterbricht sich und rechnet falsch – der Isaak! – und stiert vor sich hin und stöhnt: ›wenn's wahr ist, bin ich ein Narr gewesen vom Knaben an und Narretei war all' mein Thun, mein Raffen, Listen, Geizen! Wenn's wahr ist – wüßt' ich's nur! – noch heute werd' ich ein Schlemmer, ein Fresser, ein Säufer wie diese …‹« »Diese Deutschen, sagte er wohl,« ergänzte scharfsinnig, aber grimmig, der Kellerer. – »›Ein Spieler werd' ich, ein Kleiderthor, und halte mir Jagdrosse und Eberhunde und Reiherfalken und … anderes! Ob's wahr ist!‹ stöhnt er dann wieder und rauft sich Haar und Bart, ›ob's wahr ist?‹ – So quält er mich, – aber was liegt an mir! – so quält er sich selbst, meines Manasse Sohn, er quält sich Nacht und Tag mit Grübeln. Jetzt ist er fortgeritten gen Frankfurt, einzuheimsen den Gewinn von einem großen, großen Geschäft, das er hat gemacht in Goldkörnern, Silberbarren und edlem Gestein! Aber, o wehe wehe geschrieen! Es hat ihn nicht gefreut das reiche Geschäft! Und wie er mir vorrechnet den Gewinn, verrechnet er sich wieder! Zu seinem Schaden verrechnet er sich, der Isaak! Das war noch nie! Wie muß er sein ungesund! Und warum verrechnet er sich? Weil er mitten drin immer wieder stutzt und fragt: ›ob's wahr ist? Ob's wohl wahr ist?‹ Und als er steigen will auf das Pferd zu reiten nach dem Gewinn, steigt er daneben statt in den Bügel, weil er gen Himmel schaut und fragt ›ob's wohl wahr ist?‹ Und er findet und findet nicht Ruhe, bis er's weiß, so oder so. Ich bin eine unweise Frau, ich kann's ihm nicht sagen. Und es kann ja sein, daß es geht zu Ende: denn oft hat es gelesen Manasse aus den Rollen, daß die Welt wird einmal vergehen und Elias wiederkommen im feurigen Wagen. Aber Ihr, Herr Bischof, guter Mann und weiser, Ihr kennet die Schriften, Ihr wisset viel. So sagt nur ja oder nein, daß ich beruhige meinen wirren Sohn, wann er wird wiederkommen, und beschwichte sein fiebernd Gehirn!«

Und wieder wollte sich die Weinende vor ihm niederwerfen. Er hielt sie fest am Arm und sprach: »Frau, Ihr thut mir leid in der Seele! Ihr: – merkt! – nicht Euer Sohn, den auch die letzten Dinge der Menschheit nur schwanken lassen zwischen dem alten sündhaften Wucher oder neuem sündhaften Sinnentaumel! Pfui über den Juden und schade um das vergeudete Taufwasser! – Höret denn, gute Frau, – Ihr wäret würdig christlicher Gemeinschaft! – Ich selbst habe davon keine Wissenschaft. Allein ich habe das Haupt der Christenheit befragt: bald muß der Bescheid eintreffen. Dann werd ich ihn allem Volke dieser Stadt, dieses Bistums, verkünden. Bis dahin aber sagt Euerm Sohn: ›der Herr Christus hat nicht Freude an denen, die da nehmen die Taufe, aber nicht lassen vom Wucher. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: man kann nicht Gott dienen und dem Mammon‹. Das hat der Herr schon Eurem Volke offenbart: – aber mit dieser Offenbarung hat er von allen seinen Worten den wenigsten Glauben gefunden in Israel. Ihr jedoch, gute Sarah, Euch rate ich: nehmet die Taufe. An Euch werden die Heiligen Freude erleben! Mag das Gericht nun nahe sein oder fern: rettet Euere unsterbliche Seele!« Und er löste mit sanfter Gewalt sein Gewand aus der Hand der Greisin, die es immer noch festgehalten hatte, und schritt hinweg von ihr mit gütigem Nicken des Kopfes.

Die alte Frau sah ihm lange nach. Dann sprach sie, kopfschüttelnd und mit der Hand über die Augen wischend: »Ich glaube es nicht, daß wir Kinder Israel verdammt sind. Wäre es aber so: – lieber mit Manasse in der Hölle, als mit Isaak im Himmel der Christen. Ich will beten für uns und für die Christen – für den armen Isaak und für den guten Bischof – zum Gott meiner Väter!«

Und sie schritt langsam zurück in den Hof.


V.

Von dem Hofe des Kaufmanns hinweg übernahm zunächst Herr Heinrich die Führung des Rundganges. Er wollte nach dem Stand der neuen Bauten sehen in der Vorstadt vor dem Südthor »auf dem Sande«, die er als sein eigenstes wohlthätiges Werk betrieb; vor allem den großen Bau des Klosters und der Kirche – nur diese war bereits vollendet – die er dort den Apostelfürsten Sankt Peter, Sankt Paul und dem frühest berufenen Blutzeugen: Sankt Stephan, zu Ehren gestiftet hatte.

Schwer fiel es dem Bauherrn aufs Herz, als er sich jenseit des Thores der Baustätte näherte, von der her sonst, weithin vernehmbar, der fröhliche Klang des Beilschlags, der Reihengesang der Arbeiter, der Befehlsruf der Werkmeister ihn begrüßte, daß statt dessen eine Grabesstille waltete.

In die Luft hinauf stiegen die hohen Gerüste: – aber sie waren leer, verlassen; sie schienen zu trauern; die halbfertigen Holzwände sahen wie vom Feinde zerstört aus. Nur ein einsamer Mann schlich, die Verödung betrachtend, über den leeren Bauplatz; als er den Bischof von weitem erkannte, wollte er hinter einem großen Bretterhaufen verschwinden. Aber Herr Heinrich hatte ihn erkannt und rief ihn an: »Hallo! Haltet an, Hesso! Was lauft Ihr vor Eurem Bauherrn davon, Werkmeister?«

Der Angerufene, eine starke stattliche Männergestalt mit treuen Augen in dem gebräunten Gesicht, machte Halt, zog ehrerbietig, aber mißmutig den kurzrandigen Filzhut und erwiderte trübselig: »Werkmeister ohne Werk: – Bauherr ohne Bau.« Verstimmt und verdüstert entgegnete der Bischof: »Nun – eine kurze Unterbrechung! Wird soviel nicht schaden! Bald dürft Ihr wieder hauen und hämmern lassen hier, Meister Hesso.« Der Mann zuckte die breiten Achseln. »Schade! Wir waren so gut im Zuge. Die Arbeiter willig und geschickt. Nun haben sich die besten schon verlaufen. Und der Bau des neuen Münsters zu Sankt Johannis Ehren und des Stiftes in der Nordvorstadt, der Hochvorstadt, des Siechenhauses und des Waisenhauses und der Schule! Alles unterbrochen! Warum? Weil kein Geld in der Kammer sei, log der verfluchte Welsche. Aber am gleichen Tage hatte er Speere, Sturmhauben, Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen gekauft und bar bezahlt bei dem Waffenschmied Gericho im Eisenhof! Als er nun mit seinen Lügen hier auf das Gerüst trat und die Arbeiter ablohnte und fortwies, – gern hätt' ich ihn im Namen und zu Ehren der heiligen Petrus, Paulus und Stephanus herabgeworfen von den Balken« – »Geduld! sag' ich Euch. Ihr müßt warten.«

»Ich kann warten. Aber die Waisen, die Schulknaben in dem feuchten Loch am Main und die Siechen, die nun auf den Gassen im Stroh liegen? Die können nicht warten, Herr Bischof. Jedoch Speere und Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen: – das eilte wohl! Uns bedroht ringsum kein Feind weit und breit!« »Hört doch auf,« mahnte Supfo. »Ihr seht – Ihr sagt da …« – »Ich sehe, der Herr Bischof zürnt, aber ich sage die Wahrheit! Und das Schlimmste ist – die Armen!« »Wieso?« grollte Herr Heinrich. »Ihr Teil ward nicht angetastet.« – »Nein, aber durch die plötzliche Einstellung all dieser – sechs – großen Bauten haben doch recht viele Brot und Lohn verloren. Wohl waren viele Bauleute Unfreie des Stifts – allein gar mancher kleine Freie fand doch auch bei der Arbeit Lohn und Brot für Weib und Kind. Die hungern nun! Sind aus der Stadt gelaufen, rotten sich zusammen im Gau, stehlen und rauben.« »Wie Wetter Gottes fahr' ich unter sie,« rief Herr Heinrich. »Ich will sie! Wenn der Graf des Waldsassengaus schläft …« – »Er schläft nicht, der wackere Herr Gerwalt, aber er ist fern, in Welschland. Wißt Ihr das nicht, Herr Bischof?« »Die Bauten werden bald wieder aufgenommen, sagt das den Leuten. Und den Gauräubern sollen meine Ritter Hellmuth und Fulko den fehlenden Herrn Grafen mehr als ersetzen, das gelob' ich.« Unmutig schritt er davon, ziellos, weiter gen Süden.

»Nichts für ungut, Herr Bischof!« rief ihm der Werkmeister nach. »Aber nehmt sie bald wieder auf, Eure Bauwerke: sind gott- und menschen-gefällig.« »Gott und Menschen gefällig,« wiederholte der Enteilende bei sich. »Jawohl. Zweifellos. Und das Werk, dem ich diese Bauten geopfert, wird den Menschen nicht gefallen. Und Gott? –«

Erregt hastete er weiter, immer gerade aus nach Süden. Der treue Supfo hatte mit seinen klugen Augen schon bei den ersten Worten des Baumeisters das Gewölk gesehen, das aufstieg auf der hohen Stirne Herrn Heinrichs. »Auch hinter diesem Unheil steckt,« brummte er, »– wie hinter allem! – Berengar. Ich muß den Herrn auf andere Gedanken bringen. – Ei sieh da!« rief er. »Was verschwindet da so fluchteilig, links, hinter dem Buschwerk, vor dem Graben? Ich meine, ich kenne sie, diese fliegenden Zöpfe mit den roten Bändern! Da könntet Ihr schon wieder ein gutes Werk thun, Herr Bischof Heinzelein!« – »War der Bursche, der nach dem Maine zu davonstob, nicht Gericho, ehedem meines Hellmuth Waffenträger, jetzt Waffenschmied in dem Eisenhof?« – »Jawohl! Und das hübsche runde Kind, das da entsprang, das war die braune Rosbertha, die Tochter des Bezzo, der da ein Gärtlein hat und eine kleine Verzapfung östlich vom Südthor.« – »Hm! Was thaten die beiden da drüben?« – »Ei, was werden sie groß gethan haben? Dort ist ja der Ziehbrunnen des Wolfilo. Gericho hat wohl dem zarten Kind geholfen, den schweren Eimer heraufzuwinden.« »Du mußt deinen Bischof nicht anlügen, Supfilo,« lächelte Herr Heinrich. »Zumal ich als junger Knab' zu Rothenburg auch wohl einmal hinter einem Ziehbrunnen stand. Der Eimer wartete schon ganz ruhig auf dem Brunnenrand. Aber der Bursche stand immer noch bei ihr hinter der Brunnenmauer. Recht nah stand er. Und hielt sie, glaub' ich, an der Hand.«

»Nun ja, soll er das arme Kind etwa in den Brunnen stürzen lassen?« Herr Heinrich mußte doch wieder lachen. »Und welch' gut Werk hätte ich hier zu thun? Das Mägdlein verwarnen, den Burschen schelten –?« – »Bewahre! Hilft so wenig wie bei Arn!« – »Und dem Vater Bezzo die Augen aufthun.« – »Ja freilich! Aber nicht darüber, daß die beiden jungen Leute sich gern haben, – so dumm, das nicht zu sehen, ist der Bezzo auch nicht! – sondern darüber, daß es sündhaft ist, das frische junge Blut, statt es dem hübschen tapfern Gericho zu geben, dem alten Stedilo zu verkuppeln, dem reichen Büttner, nur weil er fromm und reich ist, der dicke. Er hat nämlich nicht eine thatfreudige Frömmigkeit an sich, sondern eine feige, sozusagen eine muffige! Und nicht eine liebliche Rundlichkeit hat er: wie … nun wie sie Sankt Urban seinen Lieblingen gewährt, sondern sozusagen: eine aufgedunsene, eine Wanstigkeit. Ihr solltet … –« – »Supfilo, ich bin nicht junger Minne Feind und Verfolger. Nein, mich freut's, wenn treue junge Liebe siegt, – wenn solche wirklich lebt, außer in Fulkos Liedern! Aber du kannst doch wirklich deinem Bischof nicht das gute Werk auflegen, junge Maide wider väterliche Muntschaft aufzustacheln!« – »Das wäre hier gar nicht mehr nötig. Nur ein wenig – stützen. Aber ich vertraue, der Alte lernt noch rechtzeitig frisches Mark und feiges Fett unterscheiden.« – – »Er sah schon wieder recht ernst darein,« sagte er nach einem raschen Blick der hellen runden Augen zu sich selbst. »Ich darf ihn nicht ins Grübeln versinken lassen –« Er spähte ziemlich ratlos umher: da fiel sein Blick auf einen Schwirreflug von weißen Tauben, die jetzt, bei stärker einbrechender Dämmerung des Brachmondtages, aus den nahen Feldern nach ihrer Heimstätte flüchteten. Die lag in dem spitzen, hochragenden Giebel eines alten braunen, vielfach mit Moos geflickten Strohdaches: rechts, westlich von der großen Straße, die damals schon wie heute auf dem östlichen Mainufer flußaufwärts nach Süden führte. Dort fielen sie ein: blendend blitzte dabei in den letzten Sonnenstrahlen ihr helles Gefieder. –

»Dorthin!« dachte der Treue. »Frau Ute! Und Wartold mit seinen Blumen! Das wird ihm gut thun. Und sie – das liebe, schlimme Kind! Und ein wenig Ärger über den andern? – Ei was, wird ihm auch gut thun, so ein gesunder streitbarer Ärger. – Und im geheimen mag er den Alten doch ganz gut leiden – noch aus der alten, das heißt der jungen, fröhlichen Zeit.« Er begann nun: »Ihr solltet doch wieder einmal einsprechen da, – da vorn mein' ich, wo die Tauben einfielen, bei der alten Mutter Ute. Trägt ihr hartes Los so fromm! Aber manchmal ein wenig Trost thut ihr doch recht wohl.« – »Ja! – Und ein paar Worte Christentums können nicht schaden in dem alten Hirtenhaus. Dem Heidenhaus! Ist die letzte Trutzburg der halb vergessenen Unholde, an welche die Leute hier zu Lande glaubten, bevor Sankt Kilian sie erleuchtete. Wohl, laß uns in Rados Haus gehen. Dort braucht's wirklich Seelsorge!« »Wenn der Alte still hält dazu,« dachte Supfo. Aber er sagte es nicht.


VI.

Rüstig ausschreitend hatten beide bald das Pfahlbürgerhüttlein erreicht.

Der starke Wolfshund vor dem Zaun schlug an, wie sie sich von Osten her dem kleinen Nebenpförtlein näherten: gleich darauf stob eilfertig zu dem großen Hofthor ein Reiter hinaus und verschwand alsbald gen Süden im Staube der Straße. Herr Heinrich schaute ihm merksam nach: er hielt die Hand vor die Augen: denn die jetzt wagrecht einfallenden Strahlen der Sonne blendeten ungeachtet des Schattenhutes; er sah nur den Mantel des Reiters noch flattern. »Ich meine fast, das war – auf seinem braunen Hengst – mein Junker Hellmuth. Was hat der hier zu suchen?« Der Kellerer machte sein ahnungslosestes Gesicht: – der Frager sah ihm nämlich scharf in die Augen. »Nun? Du weißt doch sonst gar viel von ihm – steckst immer mit ihm zusammen und mit dem lustigen Provençalen.« »Das macht: der steckt gern bei meinem Lauterwein,« schmunzelte Supfo. »Aber Junker Hellmuth … Kaum trinkt er noch! Und lachen hab' ich ihn schon seit unser lieben Frauen Verkündigung nicht mehr hören.« »Was sucht der hier?« wiederholte Herr Heinrich, nachdenklich. »Schon einmal traf ich ihn hier um die Wege. – Heda, halt, Rado!« rief er dem Hirten im grauen Wolfsmantel zu, der des nahenden Bischofs offenbar ansichtig geworden und gleichwohl beflissen war, durch eine schmale Lücke im Zaun zu entweichen. Er pfiff seinem großen Hund und enteilte gar hastig. »Komm, Giero!« rief er alsdann, diesem über den zottigen Kopf streichend, wie das Tier auf der Straße in mächtigen Sätzen neben ihm her sprang, »wir gehn zu Walde, zur alten Esche … zu unserm wahren Herrn! Seit der Held von Rothenburg ein Geschorener geworden! …«

Der Bischof schüttelte das Haupt: »er entläuft dem Hirten seiner Seele! In der Schlacht entlief er nie. Damals folgte er mir blind.« »Und würde Euch auch heute gerne folgen in die Schlacht: – viel leichter denn in den Beichtstuhl!« meinte der Runde und schloß das Zaunpförtlein hinter dem Bischof.

Gegenüber der Verwahrlosung und Unreinlichkeit, in welcher die Häuser der geringeren Leute fast ausnahmslos lagen, berührte in diesem bescheidenen Höflein das Auge gar wohlthätig die Reinlichkeit und Wohlgepflegtheit des ganzen Anwesens. Die Wiesenfläche vor dem Wohnhäuschen war durchschnitten von säuberlich mit rotem Sand bestreuten Wegen: daneben zeigten sich in dem Gras ausgeschnitten – regelmäßig mit der Schnur gezogen – bald längliche, bald kreisrunde Beete, in welchen Blumen, oft auch nicht deutscher Heimat, glänzten und dufteten, während an dem gen Mittag gekehrten Holzzaun Spalierbäume von Edelfrüchten, sorgfältig aufgebunden und liebevoll gewartet, nebeneinander in Reih' und Glied standen.

Wohlgefällig wies Herr Heinrich seinen Begleiter darauf hin: »Welcher Fleiß! Welche Reinlichkeit! Leider selten bei unsern Gauleuten!« »Ja, ja,« nickte der Kellermeister. »Auch ganz leidlichen Wein züchtet der alte Wartold … für einen Laien in der edeln Winzerei. Ein ungleich Brüderpaar. Der Gärtner gerade so sanft, friedlich, fromm …« – »Als Rado der Jäger – denn er jagt, fürcht' ich, mehr die Wölfe als er die Schafe hütet! – wild und rauh und unfromm. Muß einmal den Archidiakon über ihn schicken. Der ist schärfer als ich. Mich erweicht immer das Gedenken an die alte Zeit. Aber Berengar mag ihn …« – »Laßt den beiseite, lieber Herr. Der treibt die Leute leichter aus der Kirche denn hinein.«


VII.

Wie sie unter solchem Gespräch auf dem mittleren Sandweg gegen die Thüre der Wohnhütte vorschritten, hüpfte ihnen etwas entgegen mit wehendem Gezöpf, gefolgt von einem desgleichen hüpfenden Hündlein, das gar lustig bellte und mit dem struppigen Schweif wedelte. »Kind,« lächelte der Bischof, und strich über das wirre Haar der Kleinen, während sie ihm ehrfürchtig die Hand küßte, »weißt du's wohl? ›Das schlimme Kind‹ nennen sie dich – alle.« – »Aber sie haben mich doch gern – alle, hochheiliger Herr.« – »Mir ist, du bist nicht schlimm. – Und ein Kind ist sie auch nicht mehr,« sprach er zu sich selber. »Sollte vielleicht Junker Hellmuth …? Doch nein! Den traf doch wohl ein andrer Pfeil! – Aber immerhin, laß sehen. Mein fröhlich Vögelein,« begann er wieder zu ihr, »hab' dich lange nicht gesehen. Hast du keinen Wunsch?« »Doch, lieber – hochlieber – nein – hochheiliger Herr Bischof. Doch!« sprach sie und senkte das blonde Köpflein. »Urgroßmutter befahl mir, Euren stärksten Segen zu erbitten gegen … gegen meinen argen Mutwillen, wie sie's nennt.« »Herr Heinrich, spart Müh' und Segen!« lachte der Kellerer, der Kleinen in die volle Wange kneifend, »der den Mutwillen auszutreiben, – dazu brauchte es stärkern Exorcismus als sogar der gelehrte Herr Papst Sylvester kennt. Was meinst du selber, Hexlein?« »Daß Ihr recht habt, kluger Herr Supfo,« antwortete sie ganz betrübt und kleinlaut. »Seht, es ist ein Kreuz und ein Elend mit mir. Mein Mutwille, wie sie's alle heißen – der ist gerade wie – wie meines – Gott! wo ist er denn jetzt schon wieder hin? – wie meines Schnufilos Fell vom Schnauzbart bis zum Zagel. Immer und immer kämm' und bürst' ich ihn glatt und Schnuf verspricht auch, er solle nun glatt bleiben: – und er schüttelt sich und 's ist alles beim alten und zottel-rauh-zottig, zum Fürchten! Heiliger Kilian,« seufzte sie, »ich weiß nicht, was in mir steckt. Aber es läßt mich nicht! Ich muß!« – »Nun, was mußt du denn, Kleine?« – »Lachen muß ich! In einem fort lachen! Vom Aufstehn an, wann der Knecht so tölpisch daher tappt mit den Wassereimern bis zur Vesper, wann die Zicklein so närrisch gesprungen kommen von der Weide. Möchte oft gern ernsthaft sein, – werde soviel gescholten! Aber es läßt mich nicht! Seh immer an allen Sachen und Tieren und Menschen was zum Lachen!« »So? Zum Beispiel auch an mir?« forschte der Bischof. »Ei freilich!« lachte sie. So geschwind kam die Antwort aus den kirschroten Lippen, daß Herr und Diener mitlachen mußten. »Was? Daß Ihr Euren Abendgang mit dem Kugelmännlein da machen müßt, armer heiliger Herr, und stünd' Euch so gut zu Arm und Antlitz, ein stattlich Ehgemahl. – Aber o weh, das – ich seh's an Euren Augen! – das ist mehr zum Weinen als zum Lachen.« »Wein und Kinder sagen die Wahrheit,« seufzte der Kellerer. – »Also den Segen für mich … Herr Süpfelin hat recht! – er ist doch wohl vergeudet – den möcht' ich umtauschen statt für mich – für einen andern.« »So? Und für wen?« forschte der Bischof ernst. »Etwa für Ritter Hellmuth, der soeben mit Euch sprach?« »Der?« lachte sie. »Mit mir? Behüte! Kein Wort. Sieht mich gar nicht. Nur mit Ohm Rado raunt er immer heimlich. – Aber den Segen möchte ich haben für den, der mir – nach den Gesippen – aber gleich nach ihnen! der Liebste ist auf der ganzen Welt. Seht Ihr. Da kommt er. Dort links!«

Argwöhnisch, wenig erfreut drehte sich der Seelsorger um und spähte scharf nach links. »Seht, meines Herzens Schnufilo! – O gnadenreiche Jungfrau, wie schaut er wieder aus! – Voll Schmutz, und blutend am Mündlein. – Jetzt hat er schon wieder gerauft mit des Nachbars großem Kater! Meint Ihr, Herr Bischof, er läßt es? Nein! O den segnet mir. Er hat soviele Verfolger und Unterdrücker unter den Bürgerschweinen und Bürgerhunden und den Beißkatern. Er kommt oft heim, zerzaust und zerrissen und blutend, wie die heiligen Märtyrer im Sankt Burchhard drüben in der Kapelle auf dem scheußlichen, greulichen, heiligen Bild! Ich bitt' Euch um Euern kräftigsten Hundesegen. Ist er doch mein herzallerliebster Schatz!« schloß sie seufzend.

Herr Heinrich hatte die Stirn in Falten legen wollen, aber – »es ließ ihn nicht«: – er mußte lächeln, wie er der hübschen Kleinen heiligen Ernst und des wirrhaarigen Köters Liebesblick zu ihr empor aus den ringsumzottelten Augen gewahrte. »Möge er noch lange dein Herzallerliebster bleiben und du noch lange die schlimme Fullrun,« sprach er freundlich und schritt fürbaß. Supfo verweilte noch bei der Verdutztem: »einen Hundesegen, tolle runde Runel, holt man nicht beim Herrn Bischof, sondern von … einem andern Jäger. Frage nur Rado – aber ja nicht die Urmutter!« »Behüte! Weiß schon!« lachte sie, »komm, Schnufelschatz!« und sie sprang davon in hohen Sätzen, daß Zöpflein und Röcklein flogen, bis Schnufilo sie zornig bellend daran fing und festhalten wollte. Aber sie schleifte ihn nach und lachte, daß es schallte. Der Kellerer sah ihr nach: »Und das – das! – soll der liebe Himmelsherr demnächst zu Zunder und Asche verbrennen? Er müßte sich ja schämen! Nein. Unser Herrgott hat das Herz am rechten Fleck – trotz unsereinem. Ich mag's nicht von ihm glauben!«


VIII.

Wie nun die Besucher dem Hüttlein unter dem Moosdach sich näherten, öffnete sich die niedere Thür und heraus trat eine sehr alte Frau, gestützt auf ihren auch schon betagten, aber noch vollrüstigen Enkel. Die Züge der Greisin waren immer noch schön – so friedlich waren sie! – und das silberweiße Haar stand ihr gut zu den rosigen Wangen. Diese zarte Gesichtsfarbe und das Milde in den Mienen und im ganzen Wesen hatte der Enkel von ihr geerbt.

»Dort steht der hochehrwürdige Herr Bischof, dort, zur Rechten, Großmütterlein!« mahnte der Führer, indem er den aus Mainschilf geflochtenen Flachhut, wie ihn in der heißen Zeit während der Arbeit in den Weinbergen die Winzer trugen, demütig abnahm. »Dank Euch, Herr Bischof, daß Ihr auch die Hütten der Geringen aufsucht. Ihr seid wie des lieben Herrgotts Sonne! Die grüßt und erfreut auch nicht bloß, was ihr stolz das hohe Haupt entgegenrecken mag, – auch das geringe Blümlein sucht sie segnend auf, das sich bescheiden duckt am Raine.« Der Bischof nickte ihm freundlich zu: »Ich fand schon oft, wer viel mit Blumen und Pflanzen zu thun hat, dessen Seele wird sanft und sinnig.« Er faßte jetzt die Hand der Alten: »Nun, Mutter Ute, wie steht's? Ihr tragt Euer schweres Los so lang – so lange schon! – mit echt christlicher Geduld.« – »Ach, gütiger Herr Bischof, es ist nicht schwer, wenn man nur einen recht festen Glauben hat. Und den, seht, – den hab' ich! – Und daß ich ihn habe, – das dank' ich auch – Ihm!« – »Gott dem Herrn!« »Mag wohl sein,« erwiderte die Greisin zögernd. »Will gewiß nicht nein sagen. Der Herr mag es wohl meinem armen Konrad auf die Lippen gelegt haben, bevor er starb.« – »Euer Mann! Was hat er Euch gesagt damals? Er starb', mein' ich, in derselben Nacht, da Ihr, da die Ungarn –« – »Ganz recht, Herr Bischof! Hunnen nannte man sie. Bald sind's nun siebzig Jahre.« »Siebzig Jahre blind!« seufzte der Kellerer mitleidig. »Ja, das war noch unter Bischof Dietho,« fuhr die Alte fort, immer lebhafter redend in dem Eifer der Erinnerung und wiederholt mit der Hand über ihr dichtes weißes Haar streichend. »Damals war noch Sankt Burchhards heiliger Leib nicht erhoben. Da war der Graben um die Stadt noch nicht gezogen, noch nicht einmal der Pfahlhag war ganz fertig geworden. Wir wohnten in einem Hüttlein dicht hinter dem Pfahl im Osten der Stadt am dürren Bach. Mein Mann, ein Freigelassener des Bistums, war gar geschickt, mit Axt und Stemmeisen zu bauen und zu zimmern; er war vom Knaben auf im Bischofshaus als Zimmerer verwendet worden, hatte daselbst gar frommen, frommen Sinn gewonnen und nun hatte ihm vor Jahr und Tag der Herr Bischof Dietho das Hüttlein am dürren Bache zur Leihe gegeben, damit er mich heiraten konnte: ich war Magd von Sankt Andreas, wie man damals statt Sankt Burchhard noch sagte. Ich hatte meinem Konrad gerade ein paar Nächte vorher Zwillinge gebracht: – einen Knaben und ein Mägdlein. Wir waren so glücklich! Auf einmal – in der Nacht – ein Gejohle, wie wenn der Höllenwirt tausend böse Geister losgelassen hätte! Konrad springt ans Fenster – das war offen: denn warmer Sommer war's, wie jetzt – ›Helft‹ rief er, ›Sankt Kilian, Sankt Koloman und Sankt Tetnan!‹ – Rings Feuer! Rings Flammenschein! Des Nachbars Hütte zur Rechten brennt lichterloh! Und in dem Flammenschein Hunderte von Teufeln und Unholden, zu Roß, zu Fuß, schreiend, jauchzend, mit Äxten an die Nachbarhöfe zur Linken, auch schon an unsere Hausthüre schlagend. ›Das sind die Hunnen!‹ rief mein Konrad, schloß rasch den Laden und griff nach einem Beil. Wie aus dem Abgrund aufgestiegen, so plötzlich waren sie da. Schon brannte auch unser Heim, das Strohdach und die rechte Holzwand! Aber hinaus? Wehe, wir sahen durch die Ritzen des Ladens, wie die Unholde da draußen die Weiber, die Kinder, die aus den brennenden Hütten flüchteten, griffen und in ihre Lanzen oder zurück in die Flammen warfen.

So blieben wir an dem Herd zusammengedrängt, mein Kurt das Mägdlein, ich den Knaben im Arm und beide schreiend zu Gott und den Heiligen. Da plötzlich – von oben her – ein Krach und eine Lohe über uns hin! Der Firstbalken war gerade auf uns herabgestürzt, über meine Augen ein brennender Span. Das that weh, Herr Bischof! Noch spür' ich's, denk' ich daran. ›Kurt,‹ gellte ich in grellem Schmerz, ›wo bist du, ich sehe dich nicht.‹ ›Hier,‹ stöhnte er, ›ich sterbe, arme Ute.‹ ›Wo? Wo denn?‹ schrie ich und tastete nach ihm. Ach – ich sah ihn nicht mehr – ihn nicht und nichts mehr auf Erden. Er merkte es bald: ›Utelein,‹ sprach er, ›liebes Weib, schönes Weib‹ – so sagte er, Herr Bischof: O ich hab' mir's seither vorgesagt tausend, tausendmal! – ›das Mägdlein an meiner Brust ist tot, zerschmettert. Und ich – ich muß sterben. Aber der Knabe in deinem Arm ist ganz unversehrt. Du – glaub' ich – siehst nicht mehr ganz gut. Das ist hart! Aber sei getrost: der Himmelsherr hat's so gewollt. Und horch – es wird schon stiller draußen – die Hunnen haben sich verzogen‹. ›Blind!‹ schrie ich. ›Blind fürs Leben? So soll ich niemals dein helles Antlitz, wiedersehen?‹ ›Du vergissest, liebes Weib,‹ sprach er sanft, ›ich muß jetzt sterben. Aber dereinst, wann auch du stirbst, dann wirst du wieder sehen. Im Himmelreich da oben, bei dem milden Gott, giebt es keine Lahmen, Krüppel und Blinde: dort ist lauter Vollkommenheit: erst gestern hat's der Herr Bischof gepredigt im Dom. Also sei ganz getrost! Kommst du zu sterben, wirst du sehen, wirst du mich wiedersehen. Mit dem Mägdlein auf dem Arme schweb' ich dir aus den Wolken entgegen und hole dich ab aus der Not und der Nacht der Erde in das ewige Licht. Leb' wohl! Gewiß ist's wahr – glaub' mir – du wirst mich wiedersehen, wann du stirbst.‹ Das war sein letztes Wort.

Bald darauf gruben mich die Reisigen des Herrn Grafen und die Dienstmannen des Herrn Bischofs – die Hunnen waren hinweggestoben, nachdem sie die Häuser vor der Mauer verbrannt – aus dem noch qualmenden Schutt, mich und den unverletzten Knaben und ach! die beiden Toten. – Und nun leb' ich und zehr' ich bald siebzig Jahre von dem letzten Wort meines Konrad. Ich glaube an sein Wort wie an Gottes Wort so fest.«

Gerührt sprach der Bischof: »Gott der Herr hat dich gesegnet, arme Frau, in deinem Elend durch deinen Glauben.« »Ja, Herr, da sprecht Ihr wahr,« bestätigte ihr Enkel, sich aufrichtend: er hatte sich gebückt, die Schnecken von seinen Blumen abzulesen und auf dem Sandwege zu zertreten. »In aller Not hat sie dies Wort aufrecht erhalten. Und es ging ihr früher doch oft recht übel.« »Nicht Schuld meines braven Sohnes Konrad,« fiel die Alte eifrig ein – »und seines lieben Weibes: Gott lohnt ihnen längst schon beiden in der lichten Himmelsaue! Und auch wahrlich nicht, sobald die irgend eine Arbeit leisten konnten – meine beiden Enkel. Denn darin muß ich den Schwarzen loben wie den Blonden – so ungleich sonst sie geartet sind, die seltsamen Brüder. Auch mein Rado – … wo ist er? ich höre ihn nicht –?« – »Zu Walde gegangen, Großmutter.« »Schon wieder!« seufzte die Greisin. »Das ist sein Unsegen! Weiß Sankt Kilian, immer in den finstern, verrufenen Grafenwald! Böse Geister sollen dort hausen« – sie bekreuzte sich Stirn und Brust – »der wilde Jäger hetzt ob seinen Wipfeln und jagt die Holzweiblein darin mit lautem Huhu, Huhu. Bald als Hirt, bald als Jäger, bald als Köhler, aber immer in jenem Wald macht er sich zu schaffen. Schon vom Knaben auf! Seine Mutter – will sie sonst gewiß nicht schelten! – ist schuld daran: sie erzählte ihm viel, viel mehr vom wilden Jäger und vom bergentrückten Kaiser und von Waldschrat und Rauchries' und Drachenries' als von den lieben Heiligen. Aber was er früher im Waffendienst der Rothenburger verdiente und was er später hier im Hirtendienst der Bürger erarbeitete, – alles brachte er mir, der Schwarze wie mein Blonder – wie ihr Vater sie nannte. Aber der Blonde ist immer gern bei mir geblieben.«

»Nun, Großmütterlein, jetzt sind wir schon lange beide grau. Und es ist doch nicht mein Verdienst, daß es mich von Kind auf mehr freute, hier im Gehöft zu bleiben, das die Bürger dem Vater als Gemeindehirten zur Erbleihe gegeben und dies Gärtlein anzulegen und meiner lieben, lieben Blumen zu pflegen und an den Zäunen des Edelobstes und der Reben.« – »Er hat eine so glückliche Hand, mein Wartold. Alles gedeiht unter seinen geschickten, geschmeidigen Fingern …« »Der Herr hat sie ihm gesegnet, diese Hand,« sprach der Bischof, »die so getreulich die blinde Ahnin geführt hat.« »Aber auch Rados Hand!« fiel der Gärtner eifrig ein. »Wohl ist sie härter als die meine hier, aber stärker und sicherer. Er trifft den fließenden Fisch im Main! Und Bär, Luchs und Wolf, sie kennen seinen Speerwurf gut.« »Wie weiland Saracenen, Wenden und Welsche,« nickte Herr Heinrich. »Aber die Heiligen schlecht sein Beten!« »Zürnt ihm nicht, Herr,« bat Wartold. »Lieber Gott,« raunte Supfo ungeduldig, »ich kenne einen, – einen Seelenhüter, nicht bloß Gemeindehüter – der hat die längste Zeit seines Lebens auch viel lieber den Auerhahn im Buchenwald balzen als den Pfaffen im Dom Messe singen hören.« »Und nun geht ja doch bald alles zu Ende, Gott sei Dank,« erinnerte Frau Ute. »Da gönnt ihm doch noch sein bischen Jagen.« – »Meint Ihr, gute Frau? Noch hat sich die heilige Kirche nicht ausgesprochen über jenen Glauben.« »Herr Bischof,« fragte Wartold, sehr ernsthaft, »was meint Ihr? Giebt's im Himmelreich auch Blumen?« Herr Heinrich schwieg verdutzt einen Augenblick. »Das … das hat mich noch kein Mensch gefragt! Und ich mich selber auch nicht! – Blumen? – Weiß nicht! – Aber ja! Doch wohl! Palmen, Palmen für die Märtyrer.« »Ach, die wachsen nicht bei uns,« klagte Wartold ganz betrübt. »Hab' sie immer nur gemalt gesehen in den Kapellen. Von denen hab' ich kein Verständnis; werde sie am Ende zu trocken halten,« schloß er nachdenksam. »Die Wipfel in Glut, die Wurzeln in Wasser taucht die Palme, so lehrte mich der Araber, den Ihr eine Weile hier als Geisel gehalten.« »Nun, Gärtner, verzagt mir nur nicht,« lachte Herr Heinrich. »Eben fällt mir bei: auch Lilien brauchen sie da oben für die Jungfrau Maria. Und um die Stirnen der Seligen zu kränzen. Und auch Engelein sah ich zu Rom im Sankt Peter auf Goldgrund fliegen, – die trugen weiße Lilien in den Händen.« »Eia, Eia!« rief der Alte vergnügt und rieb sich die Hände in heller Freude. »Gott lohn' Euch dieses Wort, Herr Bischof! Lilien! Lilien, sagt Ihr? Nun seht: das sind ja gerade meine Lieblinge. Und ein klein wenig,« nickte er lächelnd, »ein klein wenig verstehe ich mich auf deren Pflege! Habe dafür am meisten Geschicklichkeit. – Oder Gnade von Sankt Gertraud, will ich sagen. Seht nur, frommer Herr Bischof, dort das runde Beet. Zwei neue Arten! Haben hier zu Lande noch nie geblüht. Die eine – die weiße – gefüllt! Und die andre – die feuerrote – noch viel süßer duftend als die weißen! Ein Freund von mir, der Klostergärtner von Herrieden, der seinen Abt auf einer Pilgerfahrt nach Rom begleiten durfte, brachte mir die Zwiebeln mit aus einer welschen Stadt: – die soll nach den Blumen benannt sein: ach diese Stadt möcht' ich wohl gesehen haben! Aber nun ist's zu spät. Seht nur, wie sie gedeihen! Und noch schönere hab' ich in dem Neubruch, den ich angelegt – weiter gegen die Stadt und den Main hin, die solltet Ihr mal sehen!« »Der Alte hat eine Liebe zu den unnützen Stingel-Stengeln,« brummte Supfo, »als wären's wirklich Reben vom Stein!«

»O, Herr Bischof,« fuhr Wartold fort und faltete die Hände, »komme ich – Unwürdiger! – doch etwa in den Himmel … –« »Er ist dir sicher, schon wegen des vierten Gebots,« sprach die Blinde. – »Dann legt ein gutes Wort für mich ein bei Eurem Amtsbruder, Sankt Petrus – der hat ja doch wohl das Ganze des himmlischen Hauswesens unter sich, nicht? Ich meine: die Vergebung der Ämter zu Lehen! – Bittet, daß ich sein Gärtner …, ach so, wegen der Palmen? Nun, die werd' ich mir wohl auch anlernen können! – o wenn ich nur sein Gärtnergehilfe werden darf. Ewiglich der Lilien pflegen, wie selig!« Und seine sanften blauen Augen leuchteten ganz verklärt. »Sancta simplicitas!« sprach Herr Heinrich gerührt zu sich selber. »Mir ist, diesem reinen Herzen ist der Himmel gewisser als mir.« »Soll ich einmal selig werden im Himmel – aber es eilt nicht, gar nicht!« – raunte Supfo – »reiß' ich ihm die Lilien aus und setze Leistenschößlinge!« – »Wenn nur dein wilder Bruder,« warnte Herr Heinrich, »nichts Ähnliches wünscht wie du: zwar nicht ewig gärtnern, aber ewig jagen!« »Sankt Kilian schütze ihn,« rief die Alte, »vor solch' frevelem Wort! Da müßte er ja dem wilden Jäger folgen immerdar.«

Der Bischof wandte sich zum Gehen; vorher aber zog er noch ein Geldstück aus seiner ledernen Gürteltasche, reichte es dem Alten und sprach: »Da! Nimm! Ich kaufe dir all' deine Lilien ab. Das heißt: – erschrick nur nicht! – alles soll dein eigen bleiben: Beet und Zwiebeln und Stengel und Blätter und Blüten –« – »Ja, aber was – was ist denn dann die Ware, die Ihr kauft?« – »Du sollst mir nur, soviel ich davon brauche, an Sonntagen zum Schmuck des Hauptaltars des Domes liefern. Bist du's zufrieden?« – »Gewiß, Herr! Welche Ehre für meine Blumen! Meine Fullrun soll sie Euch immer, frisch geschnitten, bringen. Aber – es ist des Geldes ja viel zu viel. Und für so kurze Zeit! Wie viele Wochen wird denn die Welt noch stehen?« »Es ist zum Lachen,« schalt Supfo in sich hinein. »Sie glauben fest an die Dummheit.« – »Nun, für so lange eben gilt der Handel, als die Welt, der Dom und die Lilien noch stehen.« – »Gut, gut. Aber …« – »Noch ein Bedenken, Alter?« – »Wenn der jüngste Tag an einem Sonntag gerade hereinbricht …?« – »Nun, was dann?« »Dann,« rief der Greis tief erregt, »dann geht der Himmel Euerem Altare vor! Die letzten, die ich hier gezogen, die nehm' ich mit hinauf, die Stirnen der Seligen dort oben damit zu schmücken. Zumal Eine Stirne …!« Die Stimme versagte ihm: – die blauen Augen wurden feucht. »Nun, Wartoldchen, mein Junge, nun!« tröstete die Blinde. »Mußt nicht weinen! Siehst sie ja nun bald wieder, Friedlindis, deine gute Frau! Hast sie nicht so lange entbehren müssen wie ich meinen Kurt. Sie starb, nachdem sie ihm das liebe, schlimme Kind geboren. Sind erst fünfzehn Jahre. Da thut so was noch heiß und bitter weh!« »Sind erst fünfzehn Jahre,« wiederholte Herr Heinrich tonlos, »da thut so was noch heiß und bitter weh. Ach, und er hat nur ihren Leib, nicht ihr Herz verloren!« brütete er still weiter. »Und kann der Mann ein Weibesherz verlieren, das er einmal besessen? Weh, ich bilde mir nur ein, ich hab's verloren. Sie hat kein Herz. Oder ich hab's nie besessen.«

»Was ist Euch, Herr Bischof?« fragte die Blinde. »Ihr leidet! Ich hör's! Ihr atmet so schwer.« Supfo zupfte sie am Rock, sie möge schweigen.

Aber Herr Heinrich hatte sich schon wieder emporgerafft: »Lebt wohl, ihr guten Leutchen. Bald komm' ich wieder zu euch. – Friedlich ist's bei deinen Blumen, Wartold. Ich will beten für euer Heil im Himmel. Betet ihr für meinen Frieden – auf Erden! Komm, Supfo! Nach Hause! In die Einsamkeit.« Und hastigen Schrittes eilte er aus dem Garten.


IX.

In einem dem Bischofshause benachbarten und dem Bistum gehörigen Hofe hatte schon Herrn Heinrichs Oheim und Vorgänger Edel, unter der Obhut der Frau Malwine, einer alten verwitweten Dienerin des Rothenburgschen Hauses, geborgen; der jetzige Bischof hatte sie hier belassen und Minnegard während ihres Besuches am Main bei seiner Schutzbefohlenen – ihrer Freundin – untergebracht, bis die künftige Nonne in einem Religiosenhause von frommen Schwestern am Nordthor in Empfang genommen und für den Eintritt in ein eigentliches Kloster vorbereitet werden sollte: das hatte ihr Herr Heinrich als nahe bevorstehend angekündigt.

Ziemlich trübselig daher erwartete sie an diesem Abend in der schmuckarmen Kemenate des schmalen Holzhauses den Ohm zum Nachtmahle.

Statt seiner erschien der Kellerer mit einer Absage: »Der Herr Hezilo ist von einem Rundgang ganz weich- und wehmütig nach Hause gekommen,« meldete der Treue kopfschüttelnd. »Er hat als Abendspeisung nur trocken Brot und Wasser bestellt; ich sollte es ihm in die Bücherei tragen. Das Brot bracht' ich ihm ganz gehorsam. Das Wasser aber? Ich schickte es ihm durch den Brunnenmeister und ließ ihm sagen, bischöflicher Keller führe das Gewächs nicht! O das bedeutet wieder einmal eine zu durchwachende Nacht! Er geht jetzt wieder auf und nieder, auf und nieder, und summt dazu – aber nicht ein Gebet! Die erste Zeile hab' ich erlauscht: 's ist, glaub' ich, aus einem alten Liede, das der Junker von Yvonne einmal vortrug:

›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut –‹

aber das andere hab' ich nicht verstanden. – Vielschöne Jungfrau Minnegard,« rief er näher tretend, »ich sag' Euch: wenn das noch lange so fortgeht, dann geht's nimmer lang so fort! Er schläft nicht mehr, er ißt nicht – das, glaub' ich, hat er nie gelernt – er trinkt nicht mehr! Und wenn nun vollends auch Ihr noch uns verlaßt! Dann weicht von uns der letzte Sonnenstrahl. Über Euch und Eure Schalkheit hat er doch noch manchmal gelächelt mit seinem lieben, feinen, sonst so traurigen Mund. Wer sollte auch an Euch nicht seine helle Freude haben!«

»Ja, mein treues Supfolein,« seufzte das schöne Mädchen und trug von dem säuberlich von ihrer Hand gedeckten Tisch des Bischofs silbernen Teller und goldenen Becher hinweg und stellte sie, sich zierlich auf den Zehen reckend – »wie steht ihr alles so anmutig!« dachte Supfo dabei – auf das vorspringende Kruggesims an der lindengetäfelten Wand. »Ich weiß es wohl, – Ihr habt mich lieb gewonnen in Eurem treuen Herzen und in Euren klugen Gedanken, – soviel der Oheim und der Wein Raum darin leer gelassen haben. Bitte, gießt ein wenig Öl aus jenem Krüglein auf die Ampel – aus Byzanz, Geschenk von Frau Theophano, nicht wahr? Die hätt' ich gern gesehen. Denn ich meine immer …! Nicht wahr, sie war argschön?« – »Schöner vielleicht sogar als Ihr, und das heißt was! Aber nicht so anmutvoll. So mehr wie die marmornen Göttinnen in Rom.« – »Sie soll aber gar nicht von Stein gewesen sein, die üppige junge Witwe, wenigstens nicht gegen …! – Ach, wer doch von Stein wäre! Glaubt Ihr, herzgescheiter Mensch, ich gehe gern von Euch und mit Vergnügen in das Kloster?« »Ist ein Schandfleck für alle deutsche Jugendschaft!« schrie der Dicke und ward rot im Gesicht. »Hei, wär' ich ein Junker wie wir hier zwei oder drei herumstolzieren haben: – auf dem Wege zu den Schmachtnonnen, ja noch hinter dem Klostergitter hervor würd' ich Euch retten. Für Euch selbst und für …« – »Am Ende gar für Euch selbst? Hört, Ihr werdet ganz gefährlich in Eurem Mitleid! Ich rufe mir Aufsicht herbei – und was für gestrenge! – komm, Edel, komm heraus. Erscheine, du Heilige, und hilf mir wider die Anläufe dieses dicken Dämons. Wir armen Jungfräulein müssen wieder einmal allein zu Abend speisen.« »Die?« flüsterte Supfo. »Ja, die vertreibt mich. Denn Junker Hellmuth ist mir nah ans Herz gewachsen. So blond, so schön und so widervernünftig!« Und er verschwand.


X.

Nachdem der Ruf ohne Erfolg blieb, schlug die Braune den dunkelroten Vorhang zurück, welcher das Nebengemach zur Linken abschied.

Da erblickte sie im trüben Dämmerlicht einer Hängeampel die Freundin auf dem Betschemel knien, die schmalen, langen, weißen Hände gefaltet zu brünstigem Gebet vor einem dunkelfarbigen Kreuz; das stammte aus Jerusalem; Herr Heinrich hatte es aus Monte Casino mit heimgebracht. Rasch erhob sich nun die Beterin, strich ihr tiefblaues langfaltiges Gewand zurecht und trat in das Vorderzimmer; mit leisem Kopfschütteln empfing sie Minnegard. »Der Bischof kommt nicht,« seufzte sie. »Und also auch nicht das junge Geleit, das er manchmal mitbringt.« »Desto besser,« erwiderte Edel, die schönen dunkeln Brauen zusammenziehend. »Du denkst nur an dich,« meinte die andere und öffnete einen in der Wand angebrachten Verschlag, Schüssel und Teller daraus hervorholend. »Vergieb!« bat Edel weich. »Es war selbstisch.« Sie griff nach der Freundin Hand, sie half ihr, die Teller aufstellen. »Glaube nur, ich gönne dir von Herzen das Vergnügen, das dir der Ritter von Yvonne zu gewähren scheint. – Ich gönn' es dir, – obgleich ich es beklage.« – »Jetzt … erst setze dich, Edel! Wir wollen unser Nachtmahl nicht versäumen! Ist doch morgen ohnehin schon wieder Fasttag! Weil an diesem Tag vor vielen hundert Jahren irgendwo ein sehr heiliger Mann – wer kann sich alle merken! – geboren oder gestorben oder ›transferiert‹ worden ist. Komm! Greif zu! Der kalte Rehbraten wird dir munden, – du wirst ihm nicht anschmecken, daß der verhaßte Fulko den Bock erlegt hat. Sage nur, weshalb du wie auf – den andern – o! ich nenne ihn nicht! – auch auf den fröhlichen Singemund deinen Groll geworfen hast?« – »Ich trage dem Ritter Fulko keinen Groll.« – »Aber er mißfällt dir?« »Doch nicht! Denn bei allem Übermut ist er …« sie brach ab. – »Warum dann beklagst du, daß ich ›Vergnügen‹ – wie du das nanntest – an ihm finde?« – »Warum? – Weil ich fürchte, holde Thörin, es ist weit mehr als Vergnügen, mehr als Scherz.« »Und wenn es Ernst wäre?« erwiderte Minnegardis sehr rasch. – »O liebes Herz! Das eben fürchtete ich, – sah ich. Bedenke doch! Wie soll das enden? Du – im Kloster. Und im Herzen das Bild eines Mannes! Hast du das wohl je bedacht?« Da ward das schöne Gesicht des heiteren Mädchens plötzlich sehr ernst, – der edle Ausdruck ließ ihr doch noch viel besser denn der Mutwille! – und sie antwortete nachdrücklich: »Ja, Edel, ich hab' es bedacht. Oft, lang und tief. Sieh, dieser Gedanke ist mein Halt, er ist mein Trost, er ist mein einzig Glück. Mögen sie mir ein Geschick aufnötigen, dem ich widerstrebe mit Leib und Seele: – nur den Leib doch können sie einsperren und zwingen, die Seele nicht! Und muß ich aller andern Lebensfreuden darben, nach denen ich – ach! so lechzend heiß begehre – das Eine Glück –, es ist mir ja zu gönnen, das bloße Glück der Gedanken! – können sie mir nicht rauben: das Glück, sein liebes, schönes Bild tief in der Brust zu tragen, das Glück, ihn zu lieben und – o ich weiß es! – heiß von ihm geliebt zu sein. Und Heil mir! Er ist es so voll wert, daß ich ihn liebe!«

Da schluchzte plötzlich Edel laut auf: strömende Thränen brachen aus ihren Augen, sie schlug beide Hände vor das blasse, schmale Antlitz, bog das Haupt dicht an die Stuhllehne zurück und seufzte: »Du Beneidenswerte!«

Erschrocken sprang Minnegard auf: nie hatte sie solchen Ausbruch des Gefühls erlebt bei der so streng verhaltenen, bis zur Härte und Herbheit spröden und scheinbar so kühlen Freundin. »Edel, mein Liebling!« rief sie, kniete sich zu ihren Füßen auf das Bärenfell des Estrichs und umschlang mit beiden Armen die schmalen Hüften. »Was ist dir? O sprich! Wirf endlich dieses starre, stolze Schweigen ab! Es schmerzt ja doch dich wie – wie mich! Vertrau' dein stummes Weh meinem treuen Herzen! Sprich es aus! Es wird dir gut thun! Sieh, ich ahne ja doch so manches! Hab' ich doch wochen- und monatelang gelebt neben dir und –« »Nenn' ihn nicht!« brachte die Ringende schwer aus den halbgeschlossenen Zähnen hervor. »Hab' ich's doch mit angesehen, wie – allmählich! – sogar deines allzustolzen Herzens Eisrinde endlich schmolz. Ist auch wahrlich kein Wunder! Ist er doch …« – »Lob' ihn nicht! Es ist all' nicht wahr! –« Bitter, schmerzlich kam das heraus. »Ach was! Wohl ist's wahr! Er ist – leider Gottes: er war! – der freudigste junge Held (– in Blond! –), den man sich träumen konnte, wenn man nicht lieber von – was Braunem träumte. Wie lobte ihn der Bischof! Und auch dir gefiel sein ritterlich Wesen. Er taugte so gut zu deiner stummen, stolzen, ehernen Art. So gut zu dir – wie – – ein anderer zu meiner Weise. Und zuletzt – unnahbar wie du bist – du nahmst es an, sein edel zurückhaltend, zartes Werben!« – »Edel zurückhaltend – zartes – Werben!« Sie riß die Hände von dem Gesicht, ein funkelnder Zornblick schoß aus den grauen Augen, die Flügel der feinen Nase zuckten. »Bis auf einmal – nach jenem Stechen zu Worms! – O wie ihr daher zurückkamt! – Er vom Tage seines höchsten Ruhmes wie ein weidwund geschossener Edelhirsch. Und du – wie jene zürnende Göttin der Jagd, von der uns Fulko verdeutschte aus Meister Ovidius. Und wie hängt er noch immer an jedem Blick deines Auges, so grausam auch du mit ihm umgehst! Mich wundert, daß dich seiner nicht erbarmt. Bedenke! Wenn wirklich die nächste Sunnwend' ein Ende macht mit uns allen …!«

Da flog ein leichtes Erbeben über Edels feine Gestalt: ihre Züge wechselten den Ausdruck: an Stelle des Zornes trat ein Etwas wie Wehmut, wie Trauer: die Kluge ersah das und fuhr eifrig fort: »Wodurch immer er deinen Zorn gereizt hat, – willst du unversöhnt mit ihm hinübergehen in die Ewigkeit?«

Edel schwieg und schlug die langen Wimpern nieder.

»Willst du, Grimm und Groll im Herzen gegen ihn, der dir so ganz ergeben, vor den ewigen Richter treten, vor Christus, der seinen Mördern selbst vergeben hat? O Edel – ich überraschte dich – nicht das erste Mal! – im Gebet: wenn du denn so fromm bist: wie lehrte uns der Heiland beten? ›Gleich wie wir vergeben unsern Schuldigern.‹ Was immer du gebetet hast, – das Rechte – dies Gebet! – du hast es nicht gebetet!« – »Ich … ich betete – wie schon so oft! … für ihn!« – »Edel! – Wie gut du bist!« – »Nein, nein! Hoffart war mein Gebet: – ich sehe es jetzt ein! Ich fühlt' es bei deinen wahrhaft frommen Worten. Ich betete immer nur …« – »Nun, was?« – »Gott möge ihm seine Schuld gegen mich verzeihen.« – »Und du hast beigefügt: gleich wie ich, Edel, ihm verzeihe?« Beschämt senkte Edel das Haupt auf die wogende Brust. Minnegard hob es zärtlich und gelinde, mit dem Finger unter dem Kinn, in die Höhe.

»Du schweigst, kleiner Trotzkopf?« – »Ich … ich will nicht …, daß ihm um meinetwillen Gott zürne und ihn strafe.« – »Aber du, du zürnst und strafest fort! Geh du dem lieben Gott mit gutem Beispiel voran! Verzeihe du zuerst.« – »Ich … ich kann nicht … will nicht.« – »Weil du ihn eben nicht liebst! Du kannst wohl gar nicht lieben!« Da traf sie ein blitzender Blick aus den plötzlich voll aufgeschlagenen grauen Augen: »Glaubst du?« – »Noch einmal, Edel, bedenke: wenn nun wirklich demnächst alles aus ist? – Wenn ich dessen erst sicher bin – ganz gewiß! – dann …!« – »Nun? Was wirst du dann thun?« – »Dann …!« Minnegard sprang heftig vom Boden auf. »Ja, siehst du, ganz genau weiß ich noch nicht, was ich dann thue. Aber einmal noch im Leben, thu' ich dann, – wozu das Herz, – dies heiße Herz! – mich treibt, unbekümmert um das Geschelte der Welt: – sie hat ja dann nicht mehr viel Zeit, zu schelten.« – »Kind – du glühst! – Was wogt in dir? Was treibt dich um?« Ohne die Frage zu beantworten, fuhr Minnegard fort, heiß erregt in der engen Kemenate auf und nieder zu schreiten; sie hob die vollen Arme in die Höhe und holte tief Atem: »Mit einer Halbheit in der Seele, mit ungestilltem Sehnen, mit unbefriedigtem Begehr: – ich weiß freilich nicht, wonach! – aber nach Liebe, nach einer süßen Wonne – mit dieser schmerzenden Leere hier in der Brust – hinübergehen in das Jenseits, wo nicht geliebt wird, nicht gefreit und nicht … geküßt, also nie – in Ewigkeit nie! – erfahren, wie die Minne beglückt – das – das also wird dann mein Los? O wie traurig!« Sie blieb plötzlich hart vor Edel stehen. »Und du vollends! Du willst deinen Haß mit hinübertragen gegen den Mann, der dich so herzverzehrend liebt? Willst du dann vor den Richter treten und verlangen: bestrafe ihn!« – »Nein doch! Nein! Ich bete ja das Gegenteil!« – »Dann wird der Richter sprechen: Und du verzeihst nicht? Die ganze Welt ist vergangen, aber nicht dieses Mädchens Haß?« Die so Bedrängte erhob sich rasch vom Stuhle: »laß mich! Ich kann nicht anders! Laß mich ringen im Gebet mit meinem Stolz, mit mir selbst! Laß mich wieder beten.« – »Gut, Schwester, bete! Geh wieder hinein zu dem Kreuze des Allvergebers. Junker Hellmuth ist ein Ritter ohne Makel: er kann nicht Unvergebbares verbrochen haben. Auch ich werde beten: aber nicht, daß Gott ihm, daß er dir verzeihe deinen lang nachtragenden, deinen unversöhnlichen Groll.«


XI.

Zu der gleichen Stunde saß in dem Speisesaal in dem Erdgeschosse des Bischofshauses an dem runden Tisch mit der Ahornplatte Hellmuth in stummem Brüten vor dem unberührten Weinkrug; er hatte den linken Ellbogen auf den Tisch gelehnt und das blonde Haupt auf die Hand gestützt. Da trat Fulko ein und warf zorngemut das reiherbefiederte Barett auf die Bank. »Nichts ist's!« rief er unmutig. »Der Herr Bischof beliebt wieder einmal zu fasten, nicht zu Nacht zu speisen und gönnt uns die gleiche Frömmigkeit.« »Ist gelogen, mit Verlaub, Herr Ritter von Yvonne,« lachte Supfo, der eben eintrat und eine stattlich mit allerlei Kaltfleisch gefüllte Silberschüssel auftrug, sich neben den beiden Freunden niederließ und alsbald tapfrer als beide zusammen auf den Braten einhieb. »Fasten müßt ihr heute Abend nur in der Minne, richtiger gesagt: im hungrigen Anschauen einer allerdings fast unerlaubt schönen Jungfrau. Daß sie letzteres noch ist, Herr Ritter, ist nicht Euer Verdienst.« »Verschafft sie mir zum Eheweib und ich erhebe Euch zu meinem Kellermeister,« rief der Provençale und schenkte sich den Zinnbecher wieder voll. »Leichter Amt wär' es als hier,« erwiderte Supfo und trank ihm zu. »Warum?« – »Nun: immer leerer Keller, weil immer durst'ger Herr. – Übrigens, wo steckt Junker Blandinus? Der pflegt doch sonst häufig euer Abendgast zu sein! Wo läuft er noch so spät herum?« – »Jedenfalls hinter einem Weiberrock! Schad' um ihn.« – »Er ist nicht übel.« – »Nicht dumm und nicht feige.« – »Beides nicht!« – »Aber die verfluchte Eitelkeit!« – »Und die Verliebtheit! Nach allen Seiten hin!« – »Es ist ihm eigentlich gar nicht drum. Er meint nur, als Venetianer, als Dogensohn und schmucker Bursch – denn er ist wirklich hübsch! – müsse er überall um Minne werben. Wenn ich ihn nur einmal gehörig zum Fechten und Schlagen bringe! Dann kann noch ein Mann aus ihm werden.« – »Bis dahin – in ein, zwei Jahren – ist auch die schlimme Runel kein Kind mehr; und wer weiß, ob der Schwarzlockige dann nicht doch den graulockigen Schnufilo verdrängt in ihrem trutzigen Herzlein.« – »Bah, was schwatzen wir da von ein, zwei Jahren – und sind nur noch ein paar Wochen bis Sunnwend' und Weltend'! Sagt, schlauer Supfo, wie findet Ihr Euch ab gegenüber den Schrecken des Gerichts und Eurem Gewissen?« »Ich?« lachte der Dicke und schob ein mächtig Stück Rehbraten in den Mund. »Ich habe das beste Gewissen, das mir je bei einem Menschen vorgekommen ist.« – »Wieso?« – »Es ist so gut. So weinfromm. Besser als Euer Rapphengst, Herr Fulko, der beißt zuweilen: und mein Gewissen, – das beißt mich nie. Ich kann ihm viel bieten, bis es nur, warnend, schnappt. Aber beißen? Nie! – Und das andre …?« – Er hob den Becher an die Nase. (»Köstlich der Ruch, dieses weißen Leisten! –) – das andre: der Weltuntergang? – Das ist dummes Zeug!« – »Aber Supfo!« Sogar Hellmuth fuhr hier aus seiner trübsinnigen Träumerei auf und warf dem Dicken einen fragenden Blick zu. Jedoch der rümpfte unverzagt die rötliche Nase, verzog den Mund wie bei einer Weinprobe und sprach bedächtig: »da hab' ich von unserem Herrgott eine viel bessere Meinung denn ihr alle.« »Wenn's aber der Herr Papst selber sagt?« forschte Hellmuth. – »Hat er's schon gesagt? Nein! Und wenn er's sagt, –« »Nun, dann aber?« meinte Fulko. »Dann ist's doch bewiesen.« »Daß er's glaubt!« schloß Supfo und stellte den Becher nieder, daß er klirrte. »Mehr nicht. Ich glaub's mal nicht vom braven Himmelsherrn. Man glaubt auch sonst gar viel, was nie geschah und nie geschieht. Diese seine Welt sollte er selbst zerstören? Wer weiß, ob er eine neue so schön wieder zusammenbrächte! Und nun gerade heuer, da wir des Trunks der Steinrebe froh werden wollen! Heuer, da in meiner Neupflanzung auf dem Harfenhügel schon jetzt – vor Johannis – alles so wundervoll abgeblüht hat. Habt ihr alle zwei den Duft nicht verspürt vor lauter Verliebtheit? – Übrigens –« er sog und schlürfte nun langsam, verständnisinnig einen Schluck durch die gespitzten Lippen (– »ah, ist das ein Weinlein! Viel zu gut für euch unmerksame Knaben! –) übrigens hab' ich eine prächtige Wetterprobe für Gewitter, Erdbeben und all' dergleichen Erfreulichkeiten. Eine Prophetissa – sagt man in Welschland –, der glaub' ich mehr als sieben Päpsten.« »Ihr redet recht lästerlich, Supfo,« sprach Hellmuth verweisend. »Für Erdbeben – Ihr?« zweifelte Fulko. »Jawohl, Herr Sänger! – Meint Ihr, nur Ihr mit Eurer Laute seid in der Welt umhergekommen. Oho! Wir waren auch schon draußen! Sind mit Kaiser Ott dem Roten unter dem Rothenburger Fähnlein in Welschland auf Heldenschaft gefahren. Lagen wir da vor Napoli, der schönen Stadt. Sehr schön. Aber heiß! Und dreckig! Wir lagen vor den Thoren, als Beschirmer nämlich gegen die Saracenen. Nicht in Zelten oder Holzhütten, sondern in den Häusern der Bauern lagen wir: – sind alle von Stein vom Grund bis unters Dach. Da drüben rauchte ganz behaglich und gemütlich der Feuerberg, der Mons Vesuvius: – wir waren schon so daran gewöhnt in all' den Wochen, wie daß man den Atem sieht im Winter. Mein Hauswirt – Gaudenzio hieß der Wackere – hatte eine Katze, die liebte er mehr, beteuerte er oft, als seine gelbhäutige, schnurrbärtige Ehefrau. ›Denn warum?‹ sagte er. ›Meine Lucia kratzt nur, fängt aber keine Mäuse und verkürzt mir das Leben, während Mucia zwar gelegentlich kratzt – aber nicht mich, nur Lucia (woran sie recht thut), Mäuse fängt und mein Leben verlängert, meine schwarze Prophetissa!‹« »Wieso?« fragte Fulko. »Ja, wieso? genau meine Worte von damals! (woran man erkennen kann, was Ihr für ein kluger Knab' seid!) ›Ja,‹ sagte Gaudenzio und streichelte die Katze, die gleich schnurrte. ›Nämlich wir haben hier gar oft die landesüblichen Erdbeben. Ist weiter gar kein Vergnügen nicht, sag' ich Euch, Supfone, wenn Ihr gar nicht getrunken habt und doch wackeln müßt mit den Beinen, weil nämlich das Land unter ihnen wackelt, als habe das Land einen Rausch. Und wenn Euch das eigne Haus auf den Kopf fällt, so genau und platt, wie der Deckel auf einer Schildkröte liegt – nur, daß Ihr nicht damit davonkrabbeln könnt, sondern gar keinen Leichenstein mehr zu bestellen braucht! Nun also, kurz bevor Santo Vesuvio da drüben – Santo Januario, bitt' für uns bei ihm! – ein wenig rappelig wird über die Sünden seiner lieben Napolitaner, an die er nun doch schon seit mehr als einem Jahrtausend gewöhnt sein könnte, – aber er ist ein unberechenbarer Heiliger! – also bevor der liebe gute alte Vater da drüben – mit dem dürfen wir's noch weniger verderben als mit der heiligen Jungfrau! – auch nur ein kleines rappelig wird, wird Mucia – schon ziemlich lange vorher! – ganz rappelig, miaut, wie wenn sie ihr Fleisch durch Gesang verdienen müßte, springt bald gegen mich, bald gegen die verschlossene Hausthür und ruht nicht, bis sie im Freien ist: – sie und ich auch. Nach Lucia schaut sie gar nicht um.‹ Ich begreife Eure Liebe zu dem Tier, sprach ich verständnisvoll. Nun gut: – ein paar Nächte nach dieser Unterredung weckt mich mein Gaudenzio aus dem tiefsten Schnarchschlaf: – denn der schwarzrote Amalfitaner ist gut, aber schwer! – reißt mich aus dem Strohlager und stößt mich zur Thüre hinaus ins Freie. Ich wollte ihn gerade niederschlagen, da schrie er: ›Die Katze! die Katze! Mucia hat gewarnt.‹ Und kaum senk' ich den erhobenen Arm, – da taumel' ich und wanke, als hätt' ich den Amalfitaner nicht ganz verschlafen – war aber hecht-nüchtern – und auf einmal – pardauz! – lag sein ganzes Steinhaus platt auf dem Bauch, wie ein Frosch, drüber ein Lastwagen fuhr. Die Ungewarnte lag leider darunter. Am andern Morgen zog unsere Heerschar ab. Zum Abschied schenkte mir mein Wirt seine Katze. ›Denn warum?‹ sagte er treuherzig unter Thränen. ›Brauch' sie nicht mehr. Baue kein Steinhaus mehr. Und nehme – ganz gewiß! – keine Frau mehr. Denn warum? Lucia war doch so böse, wie ich keine mehr fände. Und jetzt thut es mir gleichwohl leid um sie. Nun denket erst, wie leid mir eine sanftere thäte! Also wozu Katze?‹ So nahm ich Mucia mit. Auf meinem Rucksack quer durch ganz Welschland über den Brenner trug ich sie bis in die Heimat. Sie verläßt mich nie. Hört ihr sie draußen miaun? Ich komme, Schätzlein, ich komme. – Nun seht: merkte Mucia das bißchen Erbrechen von dem lumpigen Vesuvio da drunten und jedes Erdbeblein, das dort zu Lande so häufig wie bei uns das Nießen im Schnupfen, und zeigt sie – wie sie immer thut – hier jedes Gewitter an, lange bevor es vom Königswald heraufzieht! – da wird's die Prophetissa doch wohl auch merken, wenn alsbald die ganze Welt zerkrachen soll. – Ich komme schon, Liebelein! – Ich nehme sie, – an dem Vorabend – mit in einen Ort, wo – nun, wo man dem Kern der Erde näher ist als anderwärts. Bleibt sie ruhig, bleib' ich auch ruhig. Die Zeit soll uns dabei schon nicht lang werden: denn an jenem heimlichen Orte giebt's für Mucia viele Mäuse und für mich – nun, für mich giebt's da auch was. Wir sehen uns dann schon wieder, Jungherrn. Entweder in der ewigen Seligkeit oder – was ich eine Zeitlang noch vorziehe – hier in diesem Jammerthal. Aber dann, Herr Fulko, dann singen wir erst recht das Lied, das mir von all' Euren Schelmenweisen zumeist gefallen hat!« – »Welches? Sind ja viele so nichtsnutzig, daß sie Euch gefallen können.« – »Ich meine das: