Versuch einer Ethnographie der Philippinen
von
Prof. Ferd. Blumentritt.
Nebst einem Anhange:
Die maritimen Entdeckungen der Spanier im Archipel der Philippinen.
Mit einer Karte der Philippinen.
(Ergänzungsheft No. 67 zu „Petermann’s Mittheilungen”.)
Gotha: Justus Perthes.
1882.
Inhalt.
Karten:
Die Karten sind nicht im verfügbare Kopie vorhanden.
Tafel: Karte der Philippinen zur Darstellung der Ethnographischen Verhältnisse, der administrativen Eintheilung und der gegenwärtigen geographischen Kenntniss. Maassstab 1:3 000 000.
Nebenkarte: Skizze zur Entdeckungsgeschichte der Philippinen. Maassstab 1:10 000 000.
Druckfehler und Berichtigungen.
Die Druckfehler sind im Text korrigiert worden.
| Seite | 3, | Spalte | 2, | Zeile | 4 v. u. | lies | beim Monte Angal | statt | bei Angat. |
| Seite | 6, | Spalte | 2, | Zeile | 10 v. u. | lies | Igorroten-Gottheit | statt | tagalische Gottheit. |
| Seite | 6, | Spalte | 2, | Zeile | 1 v. u. | lies | Dumagat-Negritos | statt | Dumat-Negritos. |
| Seite | 9, | Spalte | 2, | Zeile | 21 v. u. | lies | Buzeta | statt | Buzela. |
| Seite | 36, | Spalte | 1, | Zeile | 7 v. o. | lies | südöstlich | statt | nordöstlich. |
| Seite | 48, | Spalte | 1, | Zeile | 10 v. u. | lies | Coyuvos | statt | Calamianen. |
| Seite | 48, | Spalte | 2, | Zeile | 11 v. u. | lies | östlichen | statt | westlichen. |
| Seite | 49, | Spalte | 2, unter 39. Mamanuas ist der Satz: „IhreWohnsitze sind &c. bis suchen” folgendermaassenumzuändern: „Ihre Wohnsitze sind zwischen Surigao und derLaguna Maïnit, ferner nordwestlich von Llangan zusuchen”. | ||||||
| Seite | 50, | Spalte | 1, ist in dem Artikel 44. Tagacaolos nach dem erstenSatz, der mit dem Worte Apo schliesst, noch folgender Satzeinzuschalten: Tagacaolos wohnen auch als Nachbarn der Mandayasnördlich von der Balete-Bai. | ||||||
| Seite | 50, | Spalte | 2, ist unter dem Artikel 46. Mandayas der erste Satzwie folgt umzuändern: Die Mandayas wohnen am Rio Hijo, der in dieBucht von Davao mündet (Cavada II, 222), am Oberlaufe des RioAgusan und des Rio Sahug, ebenso trifft man Mandayas in dem Hinterlandeder Küstenorte Caraga, Santa Maria und Zatagoza (Dr. Montano yRey). | ||||||
Den Herren
Dr. A. B. Meyer und Dr. F. Jagor
hochachtungsvoll gewidmet
vom
Verfasser.
Einleitung.
Die Urbevölkerung der Philippinen bilden die Negritos, welche jetzt nur noch in geringer Individuenzahl über den ganzen Archipel zerstreut sind. Die einwandernden Malaien verjagten die ehemaligen Herren in die unzugänglichen Bergwildnisse der Binnenlandschaften, nur der nördlichste Strich der Ostküste Luzons blieb von der malaiischen Invasion verschont, dort blieben die Negritos im Besitze der Meeresgestade. Die ersten eindringenden Malaien besetzten die Küsten und vermischten sich mit den Negritos zum Theile, indem sie die Weiber der von ihnen Besiegten und Erschlagenen in ihre Hütten aufnahmen. Wenn wir Luzon in Betracht ziehen — über die anderen Inseln liegt zu dürftiges Material vor —, so können als die Nachkommen der ersten malaiischen Einwanderer jene Stämme gelten, welche heute im Innern der grossen Insel wohnen, einst aber die Bewohner der Küsten waren, während die von ihnen gegenwärtig besiedelten Landstriche von Negritos noch eingenommen wurden. Von den meisten dieser Stämme wird oder wurde die Kopfjägerei geübt, wie von den Igorroten, Apayos, Zambalen, Abacas, Isinays, Italonen, Ibilaos, Ilongoten, Ifugaos, Mayoyaos, Guinanen und Calingas, diess ist constatirt; dieselbe Sitte scheint auch bei den Adangs, Gaddanen, Itetapanen, Aripas, Dadayags &c. ausgeübt zu werden oder wurde es in vergangener Zeit, nur von den Bergstämmen der Tinguianen, Catalanganen und Irayas wissen wir bestimmt, dass sie keine Kopfjäger sind. Auch in ihren sonstigen Sitten haben diese Kopfjägerstämme viele Anklänge an die Dayaks von Borneo aufzuweisen. Für Mindanao nennen wir als Repräsentanten dieser Kopfjäger den Bergstamm der Manobos. Dass diese Stämme in einer Zeit eingewandert sein müssen, wo die Negritos viel zahlreicher waren als heute, darauf weist der Habitus so mancher derselben hin, in welchem sich eine sehr starke Dosis von Negritoblut deutlich offenbart, obwohl manche dieser Stämme in Gegenden wohnen, wo heute kein Negrito mehr existirt oder doch in so geringer Individuenzahl, dass eine Beimischung in moderner Zeit nicht im Stande gewesen wäre, den Typus des gesammten Stammes wesentlich und dauernd zu differiren. Diese Bergstämme wären also die Repräsentanten der ersten Periode der Malaieninvasion, und man würde nicht fehlgehen, wenn man die im Centrum Nord-Luzons wohnenden Völker als die Nachkommen der ersten Einwanderer betrachtete, so dass die heute in den Provinzen Nueva Vizcaya, Bontok und Isabela sesshaften Stämme zu denselben gerechnet werden müssten. Die Igorroten, Tinguianen, Apayos &c. sind demnach in einem späteren Zeitabschnitt auf Luzon angelangt, der aber noch in die erste Periode der malaiischen Invasion fällt. In diese zweite Hälfte der ersten Periode wäre jene Beimischung von chinesischem und japanesischem Blute zu verlegen, welche nach Semper u. A. die Igorroten, Tinguianen und Catalanganen in ihren Gesichtszügen documentiren. Später kann sie nämlich nicht erfolgt sein, da dann diese Stämme durch andere Malaien — mit Ausnahme der Zambalen — vom Meere getrennt wurden, und diese letzteren zwar mit Chinesen und Japanesen in Handelsbeziehungen traten, aber diese Berührung wurde durch eine geringe Individuenzahl jener beiden Mongolenstämme vermittelt, so dass sie nicht im Stande war, den Rassentypus zu verändern oder zu differiren.
Dann kam die zweite Periode der malaiischen Invasion, welche jene Stämme nach den Philippinen brachte, welche bei der Ankunft der Spanier bereits im Besitze beinahe aller Küstenstriche des Archipels waren und einen etwas höheren Grad der Civilisation und mildere Sitten aufzuweisen hatten, als die Malaien der ersten Invasionsperiode. Diese Einwanderer (Tagalen, Pampangos, Visayer, Vicols, Ilocanen, Pangasinanen und Cagayanen) unterwarfen sich wie gesagt die Küstenstriche und zwangen die früheren Bewohner derselben sich in die Binnenlandschaften zurückzuziehen, wo sie noch heute wohnen. Es ist natürlich, dass die neuen Einwanderer sich auch in ähnlicher Weise mit zurückgebliebenen Malaien der ersten Invasionsperiode vermengten, wie es letztere mit den Negritos gethan. Diesem Umstande ist die Ähnlichkeit zuzuschreiben, welche in vielen Beziehungen hauptsächlich in der Religion[1], ein gemeinsames Band um alle Malaien dieses Archipels schlingt. Je weiter wir nach dem Norden Luzons vorwärtsschreiten, desto mehr sehen wir die Küstenmalaien in Sitten und Bräuchen sich mehr denjenigen der Binnenlandstämme zuneigen, ein Beweis, dass die Zahl der Einwanderer der zweiten Periode nach dem Norden zu immer geringer wurde, diese daher nicht im Stande waren, die dort sesshaften Stämme vollständig zu vertreiben, sondern die friedlicheren Glieder derselben zahlreich als Heloten aufzunehmen und sich mit ihnen zu einem Volke allmählich zu verschmelzen, in welchem viele Züge des Volkslebens der früher eingewanderten Stämme sich erhielten. Dieser Vorgang ist auch ganz natürlich, denn da die Invasion von Süden her erfolgte, so nahm nach den nördlichen Breiten zu auch ihre Expansivkraft und Individuenzahl ab; hatte ja doch auch die Invasion der ersten Periode ihre Kraft bereits verbraucht, als sie das rechte Ufer des Rio grande de Cagayán überschritten hatte; die Küste von Casiguran-Paranan bis zum Cap Engaño blieb auch nach der zweiten Invasion im unbestrittenen Besitze der ursprünglichen Herren des Archipels, der Negritos! Daher auch die Erscheinung, dass im Süden der Philippinen, in dem Visayer-Archipel auf vielen Inseln die Nachkommen der Einwanderer der ersten Periode ganz in dem Stamm der neuen Ankömmlinge, der Visayer, aufgingen oder vernichtet wurden, welcher Vorgang auch bei den Vicols, vielleicht auch den Tagalen und Pampangos, Statt gefunden hat. Nur auf den grösseren Inseln — Mindoro (?) und Mindanao (hier unzweifelhaft) — gelang es, den erst Eingewanderten sich unabhängig zu erhalten. Auf Mindanao scheinen mir die Subanos und Caragas solche Mischlinge zu sein, bei ersteren prävaliren die Elemente der ersten, bei den letzteren jene der zweiten Invasionsperiode. Deshalb auch fanden die Spanier bei jenen (nicht allen) Visayern und Vicols, welche die ersten Einwanderer nicht zu vertilgen oder zu verjagen vermocht und daher sich mit diesen vielfach gekreuzt hatten, vielfache Überbleibsel in Tracht und Sitten vor, welche an die Bergstämme erinnerten, z. B. die auf Cebú Und Panay, wie auf den Catanduanes übliche Sitte des Tätowirens, während die Visayer jener Inseln, auf welchen die ersteingewanderten Malaien in die Binnenlandschaften gedrängt (wie auf Mindoro) oder vertilgt worden waren (wie auf Leyte, Sámar und Bóhol) diese Sitte nicht übten. Der spanische Katholicismus bringt jetzt eine bedeutende Änderung dieser Verhältnisse hervor, die verschiedenen Malaienstämme des Archipels verschmelzen langsam aber sicher zu einem einzigen Stamme[2].
Eine dritte malaiische Invasion wurde durch die Ankunft der Spanier unterbrochen und theilweise auch verhindert. Zu Anfang des XVI., vielleicht auch schon in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts begannen die Malaien des Reiches Brunai oder Borneo nach den westlichen Visayern sich zu wenden. Es war diess zugleich, wenigstens in der Zeit von 1521–1565, eine religiöse Conquista, denn die „Mauren[3] von Burney” verbreiteten auch den Islam unter den Indiern der Philippinen. Die Insel Palawan selbst wurde ein Bestandtheil des Reiches Burney oder Brunai (Borneo), während solche Einwanderer an der Bai von Manila und in den heutigen Provinzen Batangas und Tayabas sich neue Reiche gründeten. Camarínes, Mindoro, Panay, Negros, Cebú und die übrigen Visayer wurden vorläufig nur von Borneo-Kauffahrern besucht. Gleichzeitig mit diesem Zuge von Borneo her, fand eine andere Immigration von den Molukken her Statt, welche sich auf Mindanao und den Sulu-Archipel erstreckte. Bei Palawan stiessen diese beiden Einwanderungsströme zusammen. Das Erscheinen der Spanier machte dieser dritten malaiischen und islamitischen Einwanderung ein Ende; auf Luzon und in den Visayern wurde der eben erst eingedrungene Islam durch das Christenthum unblutig verdrängt und so mussten die Einwanderer der dritten Periode sich mit dem Besitze von Süd-Palawan, den Sulu-Inseln und dem grösseren Theile der Mindanao-Küste begnügen. Es war ein grosses Glück für die Bewohner der Philippinen, dass die Spanier noch rechtzeitig genug kamen, ehe der Islam festen Fuss gefasst hatte, sonst wären sie für die europäisch-christliche Civilisation verloren.
Auf Sulu scheinen noch andere Malaienstämme eingewandert zu sein: Malaien von Johore und Javanen im Mittelalter, doch bin ich nicht in der Lage gewesen, darüber Studien zu machen, da mir die nöthige Kenntniss des Holländischen vorläufig noch abgeht. Mangkassaren dienten zwar zahlreich in den Kriegen der Sulus gegen die Spanier von 1599–1646 als Söldner in den Heeren dieser Piraten, und haben gewiss auch im Lande Nachkommen hinterlassen, doch fällt diese Blutmengung hier nicht sehr in Betracht. Auch die Ansiedlungen katholischer Ternataner in Marigondon an der Bai von Manila, welche auf Betrieb der Jesuiten, bei der 1661 erfolgten Räumung Ternates durch die Spanier, entstand, ist zu unbedeutend, als dass sie irgend einen Einfluss auf die Tagalen hätte ausüben können.
Nächst den Malaien verdienen die meiste Beachtung die Chinesen, welche besonders im Norden von Luzon sich stark mit den Malaien, insbesondere den Bergstämmen vermengt haben sollen, ob zwar manche und triftige Gründe dagegensprechen, dass vor der Ankunft der Spanier die Chinesen besonders zahlreich gewesen wären; im Gegentheile erst die Ankunft der edlen Castilianer lockte sie in grösseren Mengen nach den Philippinen, der Acapulco-Handel, der so viele chinesische Waaren mit dem in China so hochgeschätzten amerikanischen Silber baar bezahlte, war es, der die Chineseneinwanderung nach unserem Archipel lenkte. Die Spanier fanden bei ihrer Ankunft nirgends Chinesenansiedlungen vor, sondern nur einzelne chinesische Kauffahrer. Die Chinesen haben seit ihrer Niederlassung im Lande durch Erzeugung einer Mischlingsrasse, der Mestizos de Sangley, einen neuen Bevölkerungsbestandtheil den Philippinen zugebracht, der durch seine Intelligenz berufen ist, einst eine grosse Rolle zu spielen.
Die Japanesen traten in ähnlicher Weise wie die Chinesen in dem Archipel auf; seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aber, wo die letzten derselben Manila verliessen, kamen keine mehr nach den Philippinen.
In den ersten Zeiten der Conquista wurden auch Neger- und Kaffer-Sclaven von portugiesischen Händlern eingeführt; die aber noch unter Philipp II. erfolgte Aufhebung der Sclaverei auf den Philippinen machte diesem Handel zum Glücke ein rasches Ende und ersparte den Indiern die Verseuchung durch Negerblut. Von diesen Schwarzen ist keine Spur mehr vorhanden.
Von „kaukasischen” Völkern kommen zunächst die Spanier in Betracht, welche mit den Eingeborenen sich vermengten und so die Kaste der Mestizos españoles schufen. Portugiesen wanderten besonders im XVI. und Anfangs des XVII. Jahrhunderts ein, von ihnen haben sich keine Spuren mehr erhalten, sie gingen in die Spanier auf. Andere europäische Nationen kommen gar nicht in Betracht. Unbedeutend war auch die im XVII. und XVIII. Jahrhundert dann und wann Statt findende Einwanderung von Armeniern[4], Klings und anderen Stämmen Südindiens, diese Einwanderung beschränkte sich übrigens nur auf Manila. Die wenigen Araber, welche als Proselytenmacher und Kaufleute nach Mindanao und Sulu kamen, waren auch nur Tropfen im Meere.
Die Linientruppen, welche die Spanier im XVII. und XVIII. Jahrhundert in Manila und Zamboanga unterhielten, bestanden der Hauptmasse nach aus mejicanischen, zum Theile auch peruanischen Indianern und Mestizen, welche alle mit Tagalinnen sich verheiratheten. Für Manila bedeutet diese Blutmischung bei der geringen Anzahl der Truppen und der starken Bevölkerung so viel wie Nichts, für Zamboanga aber, welches früher eine nur unbedeutende Bevölkerung und eine verhältnissmässig starke Garnison besass, fällt diese Blutmischung stärker in die Wagschale.
[1] Ich werde demnächst eine übersichtliche Darstellung der Religion der philippinischen Malaien veröffentlichen.
[2] Vorläufig zu dreien: dem Ilocanischen im nördlichen, dem Tagalischen im mittleren und südlichen Luzon, dem Visaya-Stamm im Visayer-Archipel und Mindanao. Dem Tagalischen Stamme winkt der sichere Sieg über die beiden anderen.
[3] Die Spanier theilen die Malaien der Philippinen ein in „Indios”, d. s. Christen, Infieles oder Igorrotes (auch Cimarrones, Montescos, Montaraces), d. s. Heiden und Moros, d. s. Mohammedaner.
[4] Sind nicht unter diesen „Armenios” richtig Parsis zu verstehen?
I. Negritos.
Die Negritos oder Aëtas sind beinahe im ganzen Archipel der Philippinen zu finden, jedoch nirgends in grösserer Anzahl, und nur an der Nordostküste Luzons sind sie noch Strandbewohner geblieben, sonst haben sie nur die Gebirgswildnisse der Binnenlandschaften inne, wenngleich sie in jenen Landschaften, wo sie mit Spaniern und Malaien in freundlichem Verkehre stehen — diess ist nicht überall der Fall —, auch zu den Gestaden des Meeres kommen, um dort Waaren einzutauschen. Sie bilden, besonders auf Luzon, eine grosse Anzahl von Rassen-Inseln, welche durch weite Strecken von Malaien bewohnten Landes von einander getrennt sind.
Ihr Hauptgebiet liegt im Nordosten Luzons, den Provinzen Nueva Écija (nördlicher Theil), Príncipe, Isabela und Cagayán. Hier sind sie, wie kurz vorher erwähnt, auch Strandbewohner, indem sie den nördlichen Theil der Ostküste von Luzon von Palanan im Süden bis zum Cap Engaño im Norden bewohnen (Semper, Skizzen 49) und zwar ausschliesslich, denn bis zu diesen sturmgepeitschten Gestaden sind die malaiischen Eroberer nicht vorgedrungen. Diese Küste ist der letzte Fleck Bodens der Philippinen, in welchem die ursprünglichen Herren des Archipels, die Negritos, sich im ungeschmälerten Besitze des heimischen Bodens behaupteten. Auch der Ostabhang jener gewaltigen Cordillere, welche sich längs dieser Küste hinzieht, ist ihr unbestrittener Besitz, während am Westabhange die Negritos bereits das Land mit Stämmen malaiischer Abkunft theilen müssen. Auf diesem Boden besitzen sie auch ihre „grösste Reinheit der physischen wie der geistigen Charaktere” (Semper, a. a. O.). Im Thale des Rio Cagayán (Grande) oder Tago leben sie gleichfalls, bei Furao, Gamú, Ilagan, Tumauini, Cabagan und Tuguegarao (Mas, pobl. p. 39–40), aber auch im Stromgebiete des Rio chico de Cagayan bei Tuao und Malaueg begegnen wir ihnen (Mas, a. a. O., p. 41). Die Nordküste der Provinz Cagayán wird von ihnen nur in der Nähe des C. Engaño berührt, wo wir sie beim Vulcane Cagua häufig antreffen, von dem Meere durch Malaien, die Cagayanen oder Ibanags, getrennt, wohnen sie südöstlich und westlich von Abulug und in den Waldwildnissen von Masi (Mas, pobl. 42).
Ihr Vorhandensein in Ilócos ist von Semper (Erdk. XIII, 89) abgesprochen worden, doch ist diess wohl nur ein Versehen, indem Semper nur, so fasse ich es wenigstens auf, ihre Existenz im südlichen Theile jener Landschaft, d. h. in den heutigen Districten Benguet, Lepanto, der Provinz Union und dem südlichen Theile der Provinz Ilócos Sur verneinte, und diess ist auch richtig, denn jener Landstrich wird von den Igorroten bewohnt, einem ungemein kriegerischen Malaienstamm, der gewiss schon vor Jahrhunderten die Negritos, die in seinem Gebiete wohnten, vernichtet hat. Für den Militärdistrict Lepanto bestätigt Lillo de Gracia (Dist. de Lep., p. 18) diese Thatsache, indem er ausdrücklich erwähnt, dass sich in dem ganzen Districte keine Negritos befinden. In dem nördlichen Theile der Provinz Ilócos Sur existiren aber Negritos, Diaz Arenas nennt uns sogar die Ziffer, welche die den Spaniern unterworfenen Angehörigen dieses Stammes in Ilócos Sur ausmachen: 145 Köpfe. Buzeta erwähnt einer Negrito-Ranchería (kleine Niederlassung) bei Candon. In Abra dürften nur wenige Negritos anzutreffen sein, dagegen ist ihre Anwesenheit in Ilócos Norte sichergestellt (Ilustr. 1860, Nr. 12, p. 153; Hügel, S. 359). Die Zahl der die Autorität der spanischen Behörden anerkennenden Negritos der Provinz Ilócos Norte betrug 1848 nach Diaz Arenas 113 Seelen, neuere Daten sind mir nicht bekannt.
In Pangasinán begegnen wir ihnen wieder (Mas, pobl. p. 1), Diaz Arenas erwähnt einer Ranchería bei S. Miguel, sie zählte nur 32 Köpfe, offenbar sind es bereits unterworfene Leute. Was Diaz Arenas von 4000 Negritos in dem Grenzgebirge zwischen Pangasinán und Zambales spricht, ist ein offenbarer Irrthum. Denn die Grenze Pangasináns gegen Zambales berührt jenes Gebirge nur in seinen äussersten Ausläufern, kann also unmöglich eine so grosse Zahl dieser Wilden beherbergen, und schliesslich bemerkt Drasche (Fragm., S. 21) ausdrücklich, dass der nördliche Theil jener Cordillere unbewohnt sei. Es ist also jene (jedenfalls übertriebene und auf roher Schätzung beruhende) Ziffer nur auf die in der Provinz Zambales (südl. Theil) wohnenden Negritos zu beziehen. In Zambales und Bataán sind sie häufig, Dr. A. B. Meyer hat sie dort selbst aufgesucht und uns nicht nur genaue Nachrichten, sondern auch Skelette mitgebracht, desgleichen Dr. Schadenberg. 1848 zählte man nach Diaz Arenas 825 den Spaniern unterworfene Negritos. In dem centralen Theile von Luzon leben sie nur in vereinzelten Horden: in der Provinz Bulacán (beim Monte Angal und S. José), in den Wäldern von S. Mateo und Bosoboso in der nächsten Nähe der Hauptstadt (Waitz, V, 57. — Mas, pobl. 1. — Jagor, Phil. 51. — Meyer, Negr., S. 25). In Cavite und Taal scheinen sie zu fehlen, doch deutet eine Sage über die Laguna de Bombon auf ihre frühere Anwesenheit. Über ihre Existenz in Tayabas berichtet nur ein Gewährsmann, Diaz Arenas, der von 516 unterworfenen Negritos spricht, und Cavada 1, 198. Auf der Insel Alabat (Ostküste Luzons) sind sie auch vorhanden (Semper, Skizzen 49).
Das Südende Luzons bildet die langgestreckte, stark gegliederte Halbinsel Camarínes, auf welcher sich die Provinzen Camarínes Norte, Camarínes Sur und Albay befinden. Ob hier Negritos wohnen, war früher zweifelhaft. Semper (Skizzen, 49) sagt: „im südlichen Luzon scheinen sie zu fehlen” und Jagor (Phil. 106): „reine Negritos kommen, so weit meine Erkundigungen reichen, in Camarínes nicht vor”. Dem entgegen berichtet Drasche (Fragm. 66), dass am Vulcan Iriga eine Ansiedlung von Negritos und eine andere von Mischlingen von Negritos und Vicol-Malaien existirte. Da aber Jagor ausführlich über jene wilden Stämme am Iriga berichtet und sie nicht zu den Negritos zählt, so schien jene Meldung ein Irrthum des Geologen Drasche zu sein. Andererseits befindet sich in den Sammlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft ein männliches Negritoskelett vom Iriga, welches Dr. Schetelig mitgebracht hatte (Virchow, Verh. d. Berl. Anthr. Ges. 1871, S. 36). Drasche erwähnt (Fragm. 61), dass in den Gebirgswildnissen von Camarínes Norte Negritos leben, woran gewiss nicht gezweifelt werden kann, denn jene Territorien sind sehr dünn bevölkert, und die Vicol-Malaien, welche an den Küsten und in den Flussthälern wohnen, eine indolente und unkriegerische Rasse, somit alle Vorbedingungen zur Existenz von Negritos vorhanden. Diaz Arenas spricht von 500 Negritos in den Bergen von Albay (1848), Cavada (1, 221) erwähnt, dass sie in den Bergen bei Malinao hausen.
Über die Existenz der Negritos auf den einzelnen Inseln des Visayer-Archipels begegnen uns manche Widersprüche, und wir sehen uns bei den spärlichen Nachrichten genöthigt, mitunter auf Quellen aus dem XVIII. ja XVII. Jahrhundert zurückzugehen; diess ist gleich bei Mindoro der Fall. Diese grosse Insel ist nur selten von wissenschaftlich gebildeten Europäern betreten worden, und so kommt es, dass wir auf das aus 14 dickbäuchigen Bänden bestehende Geschichtswerk des Fray Juan de la Concepcion zurückgehen müssen, welches beim Jahre 1716 (T. VII, p. 11) erwähnt, dass auf Mindoro neben wilden „Indiern” auch wilde Negritos („negritos cimarrones”) lebten. Dr. A. B. Meyer zweifelt nicht daran, dass hier Negritos existiren (Negr. 11). Diess ist alles, was uns über die Negritos von Mindoro bekannt ist, wobei ich darauf hinweise, dass nur ein schmaler Küstensaum den Spaniern unterworfen, das ganze Innere aber eine terra incognita ist.
Über Panay, die reichste und bevölkertste Insel der Visayas, fliessen reichlichere Quellen: schon Fray Gaspar de San Augustin und Gemelli-Carreri berichten, dass im Innern der Insel Negritos wohnen. Dr. A. B. Meyer sah sie dort (Meyer, Negr. 11 u. 26). Sie bewohnen die Gebirgswildnisse und kommen oft zur Küste herab, selbst nach Ilo-ilo. Der Augustiner Mozo nennt speciell die Berge von Bosoc als den Hauptschlupfwinkel derselben (Misiones, p. 142). Diaz Arenas giebt für die Negritos der Provinz Ilo-ilo die Zahl von 500 Köpfen an, von den übrigen Provinzen der Insel weiss er keine Daten anzugeben. Cavada bestätigt ihre Existenz auf Panay (II, 98). Auf der kleinen Insel Tablas sind zwei Negrito-Niederlassungen (Cavada II, 127).
Die Insel Negros dankt ihren Namen den Negritos, welche dort in der Zeit der Conquista in viel grösseren Massen gewohnt haben müssen, als wie diess heute der Fall ist. Übrigens ist es nicht einmal nöthig diese anzunehmen, denn die Spanier konnten der Insel den Namen auch nur des Umstandes wegen gegeben haben, weil sie dort zuerst auf Negritos überhaupt stiessen, denn wie aus Morga, Fray Gaspar de S. Agustin, Fr. Juan de la Concepcion &c. erhellt, war schon in jener Zeit die Küste in den Händen der Indier oder Malaien, die freilich eine starke Dosis von Negritoblut in ihren Adern besassen, wie sich das noch heute erkennen lässt (Meyer, Negr. 26). Semper (Skizzen 49) spricht nur von „wenigen Negerfamilien”, welche um den Vulcan Malaspina „hausen”. Dem widerspricht die bestimmte Zahl von 3475 Köpfen, welche Diaz Arenas für Negros angiebt, und Dr. A. B. Meyer erwähnt ausdrücklich, dass sie dort zahlreich vorkommen (Negr. 11). Zu Gemelli-Carreri’s Zeit müssen sie noch zahlreich gewesen sein (man vgl. auch: Allg. Hist. d. Reisen XI, 412). Cavada (II, 171) schätzt die Zahl der Negritos in Nord-Negros auf 8900 Seelen.
Auf Cebú traf sie Dr. A. B. Meyer (Negr. 11 u. 26), doch dürfte ihre Zahl dort eine nur geringe sein. Über Bóhol liegen mir absolut keine Nachrichten vor, so dass ich sogleich zu den beiden grossen Inseln Leyte und Sámar übergehen will. Dr. Jagor (Phil. 227) sagt: „Negritos sind weder auf Sámar noch Leyte vorhanden”, wogegen Dr. A. B. Meyer es nicht für unmöglich hält, dass dort Negritos wohnen. Spanische Schriftsteller schweigen gänzlich über diesen Punkt.
Auf der Insel Palawan (Paragua der Spanier) und der Gruppe der Calamianes leben nach Waitz, V, 57, Negritos, desgleichen nach S. 55 desselben Werkes im Innern der Hauptinsel von Sulu. Bezüglich letzterer ist es nur auffallend, dass weder ältere (Combez) noch moderne (Pazos) spanische Autoren hierüber etwas melden. Man könnte diese Negritos von Sulu und Palawan mit den Idaanes oder Idanes identificiren, welche (Waitz, V, 46) auf der Ostküste von Palawan (d. h. wo auch die Negritos wohnen sollen) und im Innern von Sulu wohnen. Zwar heisst es, dass nur die Heiden (also im Gegensatze zu den Moslim) so genannt würden, aber auffallend ist immerhin einerseits die Nachricht, dass der Name Idan eine Collectivbezeichnung sei, indem die Idan verschiedene Sprachen sprächen, andererseits die Ähnlichkeit von „Idan” mit den Bezeichnungen „Etas”, „Itas”, welche sich die Negritos von Luzon selbst beilegen oder von den Eingeborenen erhalten. Insbesondere auffallend ist die Ähnlichkeit mit dem Namen „Idayan”, welchen ein Negritodialekt in Nord-Luzon führt. Doch widerspricht dieser Hypothese entscheidend die Nachricht, dass die Idanes — welche übrigens den spanischen Autoren nicht bekannt sind — nach Dalrymple (Waitz, V, 98) hellfarbiger sein sollen als die Küstenbewohner. Für Sulu (Hauptinsel) möchte ich die Existenz von Negritos schon deshalb verneinen, als im Innern dieser Insel ein ungemein kriegerischer Malaien-Stamm, jener der Guimbas, wohnt, der gewiss die Negritos ebenso ausgerottet haben dürfte, wie diess unter ähnlichen Verhältnissen in den Ländern der Igorroten auf Luzon geschehen ist. Dass die Insel Palawan Negritos beherbergt, ist wohl nicht zu bezweifeln, dagegen dürfte gegen ihre Anwesenheit in den Calamianes einiges einzuwenden sein, obwohl man bei den spärlichen Nachrichten und der geringen Kenntniss des Landes sich hierüber nur sehr reservirt aussprechen darf. Ich mache nur darauf aufmerksam, dass die Spanier unter der Bezeichnung Calamianes auch den nördlichen Theil Palawans mitverstehen, wodurch leicht Irrthümer entstehen können.
Der südlichste Theil des Generalcapitañats der Philippinen, die grosse Insel Mindanao, wird ebenfalls von Negritos bewohnt. Der berühmte Jesuit P. Francisco Combez, der gründlichste Kenner jenes Landes zu seiner Zeit, constatirt ihre Existenz auf Seite 36 seiner Geschichte von Mindanao, und auch Dampier und Gemelli-Carreri bestätigen diess. Selbst der 25. Bd. der Halle’schen Welthistorie berichtet, dass im Innern Mindanao’s Neger hausen. Ihr Hauptsitz soll der nordöstliche Winkel Mindanao’s sein, was sehr natürlich erscheint, indem ja die malaiische Invasion von Südwest erfolgte, eine Analogie haben wir bereits auf Luzon gefunden, nur sind die Negritos von Mindanao von der Küste durch Malaien getrennt. Dr. F. Jagor schätzte ihre Zahl auf dieser Insel auf 10 000 Köpfe, fügt aber hinzu, dass ihre Rassenreinheit sehr fraglich wäre (Phil. 322). Cavada (II, 206) constatirt ihre Existenz in dem zur Provinz Surigao gehörigen Theile Mindanao’s.
Die Negritos sind also beinahe in allen Theilen des Archipels zu finden, mit Ausnahme der beiden Inselgruppen der Batanes und Babuyanes und vielleicht von Sámar, Leyte, Bóhol und Sulu. Trotz dieser grossen Verbreitung ist ihre Zahl eine sehr geringe, und wenn Mas (pobl., p. 9) und Mallat (II, 94) ihre Zahl auf 25 000 schätzen, so ist diess jedenfalls eher zu viel als zu wenig, wie diess schon Semper (Skizzen 138) hervorgehoben hat.
Was ihr Äusseres anbelangt, so haben darüber die ausgezeichneten Untersuchungen von Hofrath Dr. A. B. Meyer, Prof. Virchow, Prof. Semper und Dr. Schadenberg genug Eingehendes über diesen Gegenstand gebracht, so dass ich mich mit einer kurzen Zusammenstellung des Gegebenen begnüge. Ihr Körperbau ist klein, schmächtig, die Waden, wie diess die Photographie in dem so überaus interessanten Werke Dr. Meyer’s „Über die Negritos &c.” drastisch zeigt, fast gar nicht vorhanden. Durchschnittshöhe der Männer (Prov. Zambales) 1445 mm. Der Kopf ist vollständig negerähnlich, der Kiefer ein wenig vorspringend, die Lippen schwach gewulstet, die Nase ist plattgedrückt; man vergleiche darüber die Skizzen Dr. Meyer’s in seinem oben erwähnten Werke. Das Haar ist wollig, dick und schwarz oder braunschwarz, Prof. Semper hebt seine Glanzlosigkeit hervor, es wird kurzgeschoren getragen. Ihre Körperfarbe ist schwärzlich-braun (dunkelkupferfarben). Wie bei vielen Stämmen, die in ähnlichen Verhältnissen leben, findet man bei ihnen verhältnissmässig grosse Bäuche. Der spärliche Bartwuchs beschränkt sich meist auf den Backenbart (Schadenberg 147). Auffallend ist die Geschicklichkeit, mit welcher sie sich ihrer Zehen zum Greifen und Festhalten zu bedienen wissen (Schadenberg 143).
Ihr Temperament ist ein sehr lebhaftes, und dass sie nicht so unbegabt sind, wie es die spanischen Geistlichen gern darthun möchten, beweist nicht nur der Umstand, dass sie ausser ihrer eigenen Sprache oft noch zwei Dialekte der angrenzenden Malaien sprechen (Meyer, Negr. 15), sondern auch die Thatsache, dass unter den malaiischen Irayas in Nordost-Luzon sich die Negritos sogar zu fester Niederlassung und sogar zum Ackerbau[1] haben bewegen lassen. Das sind auch ihre einzigen festen Niederlassungen, sonst leben sie als Nomaden in ihren Wäldern, selbst die Rancherías der den spanischen Behörden unterworfenen Negritos haben nur einen festen Namen (oft auch diesen nicht), aber keinen fixen Platz. Ihr einziger Schutz gegen die Unbilden der Witterung besteht in leicht beweglichen Schirmen, welche schräg gegen die Windrichtung oder gegen die Sonne gestellt werden. Sie sind aus Palmenblättern geflochten und haben oft eine Oberfläche von 25–30 Quadratfuss (Semper, Erdk. XIII, 253). Die Küsten-Negritos von Nordost-Luzon, welche Dumagat genannt werden, liegen unter diesen Schutzdächern je nach dem Vermögensstande auf Strohmatten, Stücken von Baumrinde oder nur auf der nackten Erde (Semper, l. c. und Ilustracion 1860, n. 17, p. 193), diese Schutzdächer tragen sie bei ihren Wanderungen mit sich herum.
Um sich vor der Nachtkälte in den Bergwäldern zu schützen, legen sie sich so nahe an das Feuer, dass man glauben sollte, ihre Haut müsse versengt werden, oder sie legen sich sogar in die heisse Asche hinein. Da sie sonst auch sehr unreinlich sind, so ist es kein Wunder, wenn ihr Körper mit Schmutzkrusten bedeckt ist.
Bis zum Eintritt der Pubertät laufen sie ganz nackt herum (Mundt-Lauff, Natur V, 458), dann schlagen sie sich ein Tuch um die Lenden oder tragen ein oft ungenügendes Suspensorium (Meyer, Negr. 15). Die Weiber jener Horden, welche in einem freundschaftlichen Handelsverkehre mit den Christen stehen, tragen ein kurzes Jäckchen (auf den Philippinen Hemd — camisa — genannt) und den Tapis der philippinischen Malaien (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Unter den Männern tragen einige auch einen erhandelten Mantel um die Schultern und auf dem Kopfe ein Tüchlein (Ilustr., l. c.). Die Leibbinde besteht aus einem selbstbereiteten Baumrindenstoff oder aus gekaufter Baumwolle. Es giebt aber auch Negrito-Horden, welche die Tracht der christlichen Malaien angenommen haben (Cavada I, 221; II, 127).
Sie kennen und üben die Sitte des Tätowirens. Bei den Negritos von Zambales und Bataán (Sierra Mariveles) werden die Tätowirungsmuster, welche aus geradlinigen Mustern bestehen, durch Hauteinschnitte mittelst geschärfter Bambussplitter erzeugt. Dadurch entstehen schwach erhöhte Narben, welche aber erst in grosser Nähe in die Augen fallen (Meyer 16). Auch die Dumagat-Negritos tragen geradlinige Muster auf Brust, Oberleib, Schultern und Rücken, hier (Nordost-Luzon) aber werden keine Hauteinschnitte gemacht, sondern jene Muster wie bei den umliegenden Malaien mittelst einer Nadel eingestochen (Semper, Skizzen 50). Sobald die Tätowirung vollständig ist, wird der Negrito-Jüngling ein selbständiger Mann, er kann jetzt heirathen und eine Familie gründen (Schadenberg 136).
Bei einigen Horden werden die Schneidezähne sägeförmig zugefeilt (Jagor 374; Meyer, Negr. 23 u. 27), diese Sitte ist aber nicht allgemein, denn Mas (pobl. I) sagt ausdrücklich, er hätte nur einige Negritos gesehen, welche die Zähne spitzgefeilt trugen, was auch Schadenberg bestätigt (136). Semper will diese Sitte nur auf die Negritos von Mariveles oder Zambales beschränkt wissen (Palau-Inseln 364). Über künstliche Schädeldeformation ist wenig bekannt, doch muss dieselbe wenigstens theilweise Statt finden (Schadenberg 135).
Ledige Männer tragen in den Haaren Kämme aus Rohr (m. vgl. die Abbildungen bei Schadenberg), angeblich zum Zeichen ihres ehelosen Standes (Ilustr. 1850, n. 17, p. 193), doch scheint letzteres nicht für alle Horden zu gelten, am allerwenigsten für die Negritos der Sierra Mariveles. D. Sinibaldo Mas (pobl. 2) erwähnt, dass bei den Negritos der Waldwildnisse des Mte. Camachin die Mädchen Halsbänder aus Palmenblättern trugen. Von ähnlichen Halsbändern aus Bast- oder Bejucoschnüren spricht Dr. Schadenberg (S. 141). Die Negritos von Zambales tragen nur selten Ohrgehänge, welche mitunter aus Muscheln bestehen, die Dumagat-Männer sowie alle Negrito-Weiber tragen in ihren Ohren verschiedene Schmuckgegenstände oft der verwunderlichsten Art. Es sind oft nur Stücke Rohr oder Holzsplitter, welche an den Enden ganz zerfasert sind, so dass faustgrosse leicht gekräuselte Büschel dadurch entstehen; Semper (Erdk. XIII, 253) fand diesen Schmuck bei den Dumagat-Negritos. Die Weiber benutzen ihre Ohren auch als Transportmittel, indem sie Rollen jener Pflanzenrinde, welche ihnen zur Bereitung ihrer Kleiderstoffe dient, in die Ohrlöcher stecken (Semper, Erdk. XIII, 253). Manche Weiber tragen auch ein Zweiglein sammt seinem Blüthenschmucke in den Ohren (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193), die Weiber tragen auch schön verzierte Bambuskämme in den Haaren (Schadenberg 141). Ringe werden an Armen und Beinen getragen (Semper, Skizzen 50). Glasperlen und Messingdraht (um den Hals zu tragen) dienen den Frauen zum Schmucke (Meyer, Negr. 15). Sonst schleppen sie noch selbstverfertigte Beutel mit sich herum, in denen sie den leidenschaftlich begehrten Tabak und Betel verwahren. Da ich schon vom Tabak spreche, so sei erwähnt, dass sie ihn nur in Cigarrenform rauchen, wobei sie das glimmende Ende zwischen die Zähne nehmen (Schadenberg 146). Eine Zierde der Männer ist der Hayabung, d. h. eine mit Wildschweinborsten, Glasperlen und Fledermausfellen verzierte Schnur, die oberhalb der Wade getragen wird (Schadenberg 141). Nach Dr. Jagor legt diesen Schmuck nur derjenige an, dem es geglückt ist, ein Wildschwein zu erlegen.
Man hat ihnen früher jede Religion abgesprochen. Bastian (Reisen V, 268) berichtet, dass sie ausser Gott („Cambunian”) Mond und Sterne verehren. Beim Donnern opfern sie Schweine und dem Regenbogen bringen sie Gebete dar. Nun ist aber der Cambunian eine Igorroten-Gottheit, ebenso ist, was Mas (pobl. 4) von der Religion der Negritos vom Mte. Camachin erwähnt, der alte Glaube der Tagalen. Nur was den Mondcultus anbelangt, ist Bastian im Rechte, denn Schadenberg erzählt (S. 144), dass sie in Vollmondnächten mit Bogen und Pfeil auf den Schultern Tänze abhalten, an denen auch die Weiber theilnehmen. Dr. A. B. Meyer konnte bei den Negritos der Sierra Mariveles weder Götzen oder den Göttern geweihte Stätten entdecken. Bei den Dumagat-Negritos existiren einige „rohe Mythen, die sich um Essen und Trinken drehen”; auch feiern sie in Gesängen eine grosse Schlange, welche ihnen im Traume die Orte weist, wo das Wild oder der Honig zu finden ist (Semper, Erdk. X, 254).
Die Frauen gebären leicht und schnell, bei schweren Geburten vertritt ein altes Weib die Stelle der Hebamme. Die Nabelschnur wird durch einen scharfen Bambus abgetrennt und das Kind abgewaschen, und zwar mit Wasser, welches an der Sonne gestanden hat. Die Kinder werden rittlings auf der Hüfte und später auf dem Rücken getragen (Schadenberg 135); das Stillen dauert beiläufig zwei Jahre (l. c.).
Die Ehen werden frühzeitig vereinbart, aber erst später nach erlangter Pubertät vollzogen, es giebt Eheleute oder vielleicht richtiger gesagt Verlobte, welche nur 8 oder 9 Jahre zählen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Nach Mundt-Lauff (Natur V, 458) heirathen die Männer nicht vor dem fünfzehnten, die Weiber nicht vor dem dreizehnten Jahre. „Monogamie ist bei ihnen Regel” berichtet Schadenberg (135). Bei den Negritos von Albay wird die Braut durch Kauf vom Schwiegervater erworben; wird die Ehe durch Untreue der Gattin gelöst, so muss dieser Kaufpreis dem Schwiegersohne rückgestellt werden (Cavada I, 221). Die heutigen Negritos von Zambales-Bataán suchen ihre Frau sich womöglich aus der eigenen Verwandtschaft, während bei den Negritos auf Negros Ehen innerhalb derselben Horde, wenigstens am Ausgange des XVII. Jahrhunderts, nicht gestattet waren, man konnte die Weiber nur durch Raub von fremden Horden erlangen, und diess führte zu endlosen Kriegen (Allg. Hist. XI, 412). Die Hochzeit selbst wird durch Gesang und Tanz gefeiert, wobei Braut und Bräutigam in festlichem Schmucke erscheinen (Schadenberg 137). Die Frau hat alle Lasten des Lebens zu tragen, dem Manne obliegt nur die Jagd, er hat auch eine unumschränkte Macht über alle Glieder seiner Familie (l. c.). Ein angenehmer Zug im Charakter der Negritos ist die hohe Achtung vor dem Alter, erwerbsunfähige Greise werden von ihren Angehörigen liebevoll gepflegt (Schadenberg 135).
Da sie nur mit Misstrauen sich den Christen nähern, so ist uns auch über ihre sonstigen Bräuche wenig bekannt. Ihre Festlichkeiten bestehen in Tänzen und Gesängen. Der Tanz Acubac wird in folgender Weise ausgeführt: ein oder mehrere Mädchen stellen sich in die Mitte eines Kreises, welcher von Männern gebildet wird. Diese halten einer den anderen beim Gürtel fest und drehen sich um die Weiber, indem sie mit den Füssen den Boden nach dem Takte eines monotonen und langweiligen Gesanges stampfen. Ähnliches berichtet Dr. Schadenberg. Dieser Gesang heisst „inalug” und wird von den Weibern gesungen, die Männer wiederholen oder antworten mit einem ähnlichen Wechselgesang (Ilustr. 1860, n. 17, p. 194). Der Text besteht aus sinnlosen und zufälligen Phrasen (Meyer 16), alte Männer halten es unter ihrer Würde mitzusingen, diess gebührt nur den jungen. Mas (pobl., p. 3) vergleicht diese Gesänge der Negritos mit dem Comintan der Tagalen, jedenfalls müssen diess andere sein, wie der eben beschriebene Acubac. Nach Semper besingen sie auch kriegerische Grossthaten. Die Negrito-Weiber vom Mte. Camachin besassen eine Art von Guitarre oder Zither, welche aus Rohr verfertigt war, die Stelle der Saiten vertraten drei dünne Fäden, welche aus Wurzelfasern bestanden, doch gab es auch solche von Sehnen. Das Instrument besitzt keinen Griff und wird mit der linken Hand gespielt (Mas, l. c.). Mit dieser Zither oder Guitarre begleiteten sie im 2/4 Takte den Gesang anderer Mädchen, wobei die Spielenden mit dem Fusse taktförmig stampften, auch die Männer wussten das Instrument zu handhaben. Dr. Schadenberg fand ausser Muschelhörnern keine Musikinstrumente bei den Negritos von Zambales vor.
Ackerbau ist ihnen als herumstreifenden Jägern und Fischern fremd, nur die unter den Irayas wohnenden und die Negritos von Tarlac bauen Reis, sonst nähren sie sich durchweg von Waldfrüchten und anderen Vegetabilien, Honig, Wildpret und Fischen. Unter den ersteren sind es die Herzen der Palmensorten und die Wurzeln wilder Aroideen, welche ihnen die meiste Nahrung aus dem Pflanzenreiche liefern (Semper, Skizzen 52). Ihr Hauptleckerbissen ist der Honig der zahlreichen wilden Bienen; die Zeit, wo die von den Bienen besiedelten Bäume gefüllt sind, ist ihre Erntezeit. Das Wachs verhandeln sie an Christen und Chinesen für Tabak und Betel, denn sie sind nicht nur leidenschaftliche Tabakraucher, sondern auch Betelkäuer (Semper, l. c.). Das Fleisch der erlegten Thiere braten sie in Gruben (Schadenberg 144, nach P. Felipe Calayag). Was sonst kriecht und fliegt und schwimmt wird von ihnen gegessen, wenn sie nur dessen habhaft werden können, aber diess ist bei dem elenden Zustande ihrer Waffen nicht so leicht. Letztere bestehen aus Bogen, Pfeil und Waldmesser, die Pfeile haben eine eiserne Spitze, die sie durch Handel erlangen; früher bestand die Pfeilspitze, wie Gemelli-Carreri berichtet, meist aus Kieselsteinen, Knochen oder Holz. Die Pfeile werden in einem primitiven Köcher — einem Stück Bambusrohr getragen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Dr. Meyer (Negr. 15) und Dr. Mundt-Lauff (Nat. V. 479) haben keine vergifteten Pfeile bei ihnen vorgefunden, dagegen aber Dr. Jagor (Phil. 51), desgleichen Mozo, welcher (Misiones, p. 110) erzählt, dass sie das Pfeilgift aus der Rinde eines von ihnen Camandag genannten Baumes und mehreren anderen Wurzeln und Kräutern bereiten. Vergiftete Pfeile erwähnt Cavada nicht bei ihnen, wohl aber bei den mit ihnen wahrscheinlich identischen Balugas. Sie haben drei Gattungen Pfeile, nämlich für Vögel, Wildschweine und grösseres Wild (Schadenb. 138). Gut wissen sie auch Steine zu schleudern, seltener trifft man bei ihnen Lanzen an (l. c., p. 140 f.). Bei der Jagd werden sie von Hunden, ihren einzigen Hausthieren, unterstützt (Mozo 106, Schadenberg 146).
Selten gelingt es ihnen, ein grösseres Thier zu erlegen, so dass ihre animalische Kost sich nur auf das Fleisch von Schlangen, Fröschen und Fischen reducirt (Meyer, N. 14), letztere werden nicht geangelt, sondern mit Pfeilen geschossen (Semper, Skizzen 52).
Stirbt ein Negrito (in Ilócos Norte), so wird er im Gebirge begraben, in das Grab werden ihm Feuerstein, Waffen und Stücke Wildpret mitgegeben, desgleichen von allem, was dem Verstorbenen nahe ging, wenigstens ein Theil (Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Dr. Meyer fand die Leichen der Zambales-Negritos in ausgehöhlten Baumstämmen[2], nur einen Fuss tief unter der Erdoberfläche, in diesen rohen Särgen fand sich nur hie und da eine Eisenspitze. Der Kopf der Todten wird in ein rohes Gewebe gehüllt (Schadenberg 148). Die Gräber waren auch äusserlich kenntlich: sie besassen ein Schutzdach von Bambus und Palmzweigen, ein Bambusgitter umgab das Grab (Meyer 17), letzteres sah auch Mas bei den Negritos vom Mte. Camachin (Mas, pobl. 4). Diese pflegen ein Jahr lang die Grabstätte gänzlich zu meiden, die Negritos von Nordost-Luzon verlassen zwar den Ort, bleiben aber in der Nähe, um zu verhindern, dass jemand die Stätte betritt. Wer diess thut, wird aus sicherem Verstecke durch Pfeilschüsse getödtet[3] (Semper, Erdk. X, 255); sollte diess nur eine Strafe für die Entweihung der Stätte sein, oder soll durch die Tödtung des Fremden der Verlust des eigenen Stammes gleichsam wettgemacht werden?
Ihre Zersplitterung macht sie ihren Feinden gegenüber ohnmächtig, selbst die kleinen, 20–30 Köpfe zählenden Horden haben gar keine feste Organisation oder irgendwelche Disciplin, sie kennen eben nur die Bande der Familie (Meyer, Negr. 15), doch geniessen die älteren Männer ihrer Erfahrung wegen einen freilich nicht schwerwiegenden Einfluss. Der Häuptling bestimmt die Lagerplätze und die Zeit des Aufbruches (Schadenberg 137). Die Negritos der Provinz Ilo-ilo erkennen diejenigen als Häuptlinge an, welche von den spanischen Missionären eingesetzt werden (Buzeta II, 103 f.). Einzelne Horden zahlen der spanischen Regierung eine Abgabe in Naturalien als Zeichen der Unterwerfung, doch geschieht diese Zahlung sehr unregelmässig und hängt nur von dem guten Willen der Negritos ab, da die spanischen Behörden ihren Wildnissen gegenüber machtlos sind. Solche „unterworfene” Negritos besitzen dann einen „Gobernadorcillo (Gemeindevorsteher)”, eine Puppe, welche den Verkehr zwischen der Behörde und den Negritos vermittelt. Der Gobernadorcillo wird aus den ältesten der Horde erwählt, hat aber unter seinen Stammesgenossen gar keine Macht, sein Amt ist sehr einträglich, denn die spanischen Beamten und Pfarrer pflegen ihn reichlich zu beschenken. Manche Horden stehen mit den Spaniern auf Kriegsfuss, ein Mal kamen 700–900 feindliche Negritos bis vor Lingayen (Mas, pobl. 2). Die Malaien haben vor ihnen trotz ihrer schwachen Zahl und ihren armseligen Waffen einen bedeutenden Respect. Die einzelnen Horden sind in beständige blutige Fehden mit einander verwickelt, wodurch sie immer mehr decimirt werden. Scheidnagel (Filipinas 30) sagt von den Zambales-Negritos, dass sie wild und blutdürstig wären. Die Negritos zwischen Baler und Casiguran sind im ständigen Kampfe mit christlichen wie heidnischen Malaien begriffen (Semper, Erdk. XIII, 252). Sie wurden von den heidnischen Stämmen oft auch bekriegt blos um Gefangene zu erhalten, letztere wurden der Familie eines Erschlagenen von jener des Mörders übergeben, um als Sühne für den Ermordeten abgeschlachtet zu werden.
Nach dem Erzählten ist es leicht begreiflich, dass die Gesammtzahl der Negritos nur eine sehr geringe sein kann, Mas (pobl. 9) schätzt sie auf 25 000, Mallat (II, 94) giebt dieselbe Ziffer an, Semper hält diess mit Recht für übertrieben (Skizzen 138). Jedenfalls beträgt ihre Anzahl mehr als 10 000 Seelen, wobei ich von Mindanao ganz absehe und mich nur auf Luzon und die Visayas beschränke. Sie gehen langsam, aber sicher ihrem Untergange entgegen.
Ehe ich zu den Malaien übergehe, habe ich noch den interessanten Stamm der Balugas zu erwähnen, welcher in Pangasinán und zwar der Centralebene Luzons wohnt. Semper hat die Balugas selbst gesehen und bezeichnet sie als eine Mischlingsrasse von Negritos und Malaien (Skizzen 53); der Name ist nach ihm tagalisch und bedeutet soviel als schwarzer Mestize, schwarzer Bastard (Skizzen 136). Diese Mischung mit malaiischem Blute ist aber nicht stark genug, um die den Negritos charakteristischen Eigenthümlichkeiten verschwinden zu machen; im vorigen Jahrhundert haben diese Balugas ein Leben geführt, das sich in gar Nichts oder wenigstens so gut wie gar nicht von jenem der Negritos unterscheidet, so dass man geneigt wäre, sie in jener Zeit als noch unvermischt anzusehen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass nach Mas (pobl.) die Negritos neben dem spanischen Namen Negrillos auch noch die eingeborenen: aëtas, itas, etas und balugas führen und Scheidnagel (Filipinas 61) bemerkt ausdrücklich: „Se les suele denominar por los indios con el nombre de balugas”, ebenso spricht Cavada (I, 164) von Balugas ó Aëtas. Die Malaiinnen Luzons haben einen Abscheu vor den Negritos und gehen trotz ihrer starken Sinnlichkeit keine geschlechtlichen Verbindungen mit den Männern der schwarzen Rasse ein, wie Fr. Gaspar de S. Augustin schon bemerkt (die Visaya-Malaiinnen sollen nicht so heikel sein), es kann daher jene Vermischung nur durch geraubte Malaiinnen Statt gefunden haben oder durch Remontados, das heisst durch Malaien, welche eines Verbrechens wegen oder um den Steuern zu entgehen in die Wälder flohen und sich unter jenen Negritos niederliessen, was aber nicht gut möglich ist, da die Negritos gegen diese Exchristen ein starkes Misstrauen hegen. Es ist also nur der erste Fall der wahrscheinlichere.
Fray Antonio Mozo überschreibt das VIII. Cap. seines Werkes mit: „Missiones de Balugas ó Aëtas”, er will also Balugas mit Negritos identificiren, wie auch aus dem Inhalt des ganzen Capitels erhellt. Was er von dem Leben und Treiben der Balugas erzählt, ist eben so gut auf die heutigen Negritos anwendbar. Die Balugas von Pangasinán, welche Professor Semper sah, müssen also erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit malaiischem Blute sich gemengt haben, und man wird vorsichtig mit dem Namen Baluga umgehen müssen, nachdem, wie wir soeben gesehen, auch Vollblut-Negritos so genannt wurden und werden.
Noch sei zum Schlusse bemerkt, dass es eine Zeit gab, wo man zweifelte, ob die Negritos sich im Besitze eines eigenen Idioms befänden. Diess kam daher, weil die Negritos im Verkehre mit Spaniern und Indiern sich der Sprache ihrer malaiischen Nachbarn bedienen. Durch die gründlichen Untersuchungen der Herrn Dr. A. B. Meyer, Dr. v. Miklucho-Maclay und Dr. A. Schadenberg ist sichergestellt, dass die Negritos sich im Besitze einer eigenen Sprache befinden, welche freilich von den malaiischen Nachbar-Dialekten nicht unbeeinflusst geblieben ist.
[1] Auch die Negritos von Tarlac (Pampanga) sind Ackerbauer, indem sie Reis und Mais pflanzen (Cavada I, 164), ebenso pflegen die Negritos von Camarínes Norte, vom Hunger getrieben, den Vicol-Malaien bei der Bestellung der Reisfelder mitzuhelfen (Cavada II, 447).
[2] Dr. Schadenberg fand diese Bestattungsweise nicht allgemein vor, dagegen bestätigt sie Cavada (I, 221).
[3] Ähnlich berichtet Dr. Schadenberg (147) nach Serrano und Calayag, dass die Negritos für jeden verstorbenen Stammesgenossen einen Indier (-Malaien) tödten.
II. Malaien.
1. Tagalen.
Der bedeutendste Zweig der malaiischen Rasse auf den Philippinen wird von den Tagalen (Tagales) gebildet. Die Tagalen bewohnen den centralen Theil Luzons. Die Provinzen und Districte: Manila, Laguna, Cavite, Batangas, Bulacán, Morong, Infanta, Tayabas, Bataán und die Corregidor-Insel werden beinahe ausschliesslich von ihnen bewohnt, nur in Manila bilden Weisse, Chinesen und die Mischlinge dieser Rassen einen erheblichen Bruchtheil der Bevölkerung, wie die officiellen Censuslisten aufweisen. Überdiess wohnen sie in nicht unbedeutender Stärke in der Provinz Zambales, ferner in den Provinzen Príncipe, Isabela und Nueva Écija. An der Nordostküste Luzons ist der nördlichste von ihnen bewohnte Punkt Paranan (Semper, Erdk. X, 258). In der Provinz Camarínes Norte reichen sie von Nordwesten her bis zu dem durch seine reichen Goldminen bekannten Orte Paracáli, wo bereits mehr Tagalisch als Vicol gesprochen wird (Jagor, Phil., 149). Hier hat also das Tagalog seit den Tagen der Conquista bedeutende Fortschritte gemacht, denn in der Zeit des Don Juan de Salcedo waren jene Gegenden von Camarínes Norte ausschliesslich mit Vicols besiedelt. Die grosse Insel Mindoro wurde im XVII. Jahrhunderte nur an den Nordküsten von Tagalen bewohnt (Allg. Hist. XI, 406), heute herrscht auf der ganzen Insel, so weit sie Spanien unterworfen ist, d. h. an den Küsten, die tagalische Sprache. Die Insel Marinduque war bei der Ankunft der Spanier von Visayern bewohnt, welche unter tagalischen Häuptlingen lebten, die Zahl der Tagalen war gering, auch hier bewährte sich die tagalische Sprache als Siegerin, sie ist heute die herrschende, wie die Censuslisten aufweisen. Auf der Ostküste Luzons wird die Insel Polillo gleichfalls von ihnen bewohnt. Verstreut, aber nur in geringer Anzahl, sind sie in allen Theilen der Philippinen zu finden, selbst ausserhalb des Archipels, so fand Jagor auch welche in Singapore (Jagor, Skizzen 35). In Zamboanga auf Mindanao, ferner auf den Marianen bilden Tagalen und deren Mischlinge einen erheblichen Theil der Bevölkerung (Buzeta I, 66). Ebenso giebt es tagalische Niederlassungen seit 1848 im Meerbusen von Davao auf Mindanao (Cavada II, 224).
Die Tagalen zeigen eine grössere Verschiedenheit vom malaiischen Typus als die Visayas (Bastian, Reisen V, 273). Ihre Hautfarbe ist bräunlich mit einem gelblichen Tone, in Manila durch Kreuzung mit Europäern und Chinesen etwas heller als in den anderen Provinzen. Der Körper ist gut gewachsen, die Gliedmaassen sehr zart. Der Kopf ist rund, hinten platt, die Nase ist etwas plattgedrückt und mit breiten Flügeln versehen, der Mund ist gross, die Lippen ziemlich dick. Die Backenknochen treten stark hervor, die Stirne ist niedrig. Die Augen sind gross und dunkel, nach Mallat lebhaft, nach Cañamaque das Gegentheil. Einen eigenthümlichen Eindruck machten auf mich stets die zwei Hautfalten, welche von den Nasenflügeln sich zu den Mundwinkeln hinziehen und die man auf Abbildungen und Photographien selbst jugendlicher Personen schärfer hervortreten sieht, als diess bei Europäern desselben Alters der Fall ist. Dieser Umstand ist noch von Niemandem bemerkt worden. Der Haarwuchs ist ein ungemein üppiger, das Haar schwarz, aber grob.
Die Beweglichkeit ihrer Zehen ist eine auffallende, sie sind im Stande die Füsse zur Unterstützung ihrer Hände herbeizuziehen, mit Leichtigkeit erfassen sie die kleinsten Gegenstände mit den Zehen und heben sie vom Boden auf, um sich die Mühe des Bückens zu ersparen; beim Klettern kommt ihnen besonders diese Eigenschaft zu gute (Ilustr. 1858, n. 7, p. 53). Wir haben bereits oben Ähnliches bei den Negritos gefunden. Die grosse Zehe ist auch von den übrigen durch einen grösseren Zwischenraum getrennt (Buzeta I, 59).
Nicht minder ausserordentlich ist ihr Geruchssinn. Selbst in einer grösseren Gesellschaft erkennen sie an dem Geruche der Taschentücher deren Besitzer (Jagor, Skizzen 39). Es giebt Diener, welche durch Beriechen unter einem Dutzend fremder, frischgewaschener Hemden das Eigenthum ihres Herrn sofort herausfinden. Liebende tauschen Kleidungsstücke &c. aus, um sich am Beriechen derselben zu erfreuen, ist der fremde „Duft” durch den eigenen verdrängt, findet neuer Austausch Statt. Nach Mas (pobl. 87), dem ich auch das Obige entnehme, sollen die Weiber durch ihren Geruchssinn es erkennen, ob ein in ihrer Nähe befindlicher Mann geschlechtlich erregt ist oder nicht (?).
Die Tagalen siedeln sich stets unmittelbar an einem grösseren Wasser an, sei es ein Fluss, ein Bach, ein See oder das Meer selbst, ihr Name selbst soll soviel wie Flussbewohner bedeuten, die Ebene und das Thal sind ihre Heimath, die steilen Hänge, die Gebirgsgelände meiden sie nach Thunlichkeit. In den Zeiten ihrer Unabhängigkeit waren ihre Niederlassungen klein und zersplittert, die Spanier aber zwangen sie, sich in grössere Ortschaften zusammenzusiedeln, welche Pueblos (wenn sie eine autonome Gemeinde bilden) oder Barrios heissen. Es gehörte viel dazu, die zum isolirten Vegetiren sich hinneigenden Tagalen zu dieser Concentration zu bringen, zum Glück begegneten sich da die Absichten der Regierung mit den Interessen der Geistlichkeit und des durch kluge Concessionen gewonnenen eingeborenen Adels.
Die Hütten der Tagalen stehen auf Pfählen; der von den Pfählen eingeschlossene Raum wird durch Bambuslatten abgesperrt (Jagor, Phil. 20), in denselben werfen die Tagalen durch die Spalten des Bodens der Hütte den Kehricht herunter (Semper, Skizzen 50). Die Hütten selbst sind aus Rohr, bei Reicheren aus Brettern und Balken erbaut, meist besteht jedoch nur das Gerüste aus diesem Material, die Wände werden dann aus Pandanusblättern verfertigt. Die Fenster haben Läden aus Fächerpalmblättern oder Bambusrohr. Selten fehlt die Azotea oder Batalan, eine Art Galerie oder Veranda. Das Dach wird mit Blättern der Nipapalme gedeckt, welche oft zu förmlichen Ziegeln geformt sind. Es giebt Hütten, welche sammt dem Mobiliar zwei Centner wiegen (Jagor, Phil. 20). Beim Baue wird zuerst das Dach, dann erst die Hütte selbst hergestellt (Jagor, Phil. 46; Scheidnagel 54). Der Aufstieg geschieht auf einer Leiter oder einem eingekerbten Bambus, bei Nacht wird die Hütte durch Aufziehen der Leiter unnahbar. Die Hütten haben nur ein Stockwerk, dessen Fussboden ungefähr einen Meter über der Erde erhaben ist (Scheidnagel 54). Vornehme Indier, die Principales oder Glieder der Dorf-Aristokratie, haben bessere zum Theil aus Stein erbaute Häuser, welche mitunter ein mit Zink gedecktes Dach besitzen (Scheidnagel l. c.). Das Mobiliar besteht bei der Mehrzahl der Tagalen nur aus dem Kochgeschirr und Matten. Jagor fand die stattlichsten Tagalenhäuser in der Provinz Bulacán, in denselben fehlten weder Stühle, noch Tische, Bänke, Schränke, selbst Spiegel und Lithographien waren vorhanden (Jagor, Phil. 48).
In den Provinzen laufen die Kinder ganz nackt herum oder tragen nur das philippinische Hemd, die Camisa, d. h. eine Jacke, welche nicht einmal den Nabel bedeckt. Selbst grössere Burschen begnügen sich mit dem Tapa-Rabo, einem Baumwollstoffe, welcher zwischen die Beine geschlagen und am Gürtel festgemacht wird (Vila 7). Die Tracht der erwachsenen Männer ist sehr einfach, sie besteht aus der erwähnten Camisa und Beinkleidern, nur pflegt hier das Hemd meist so lang wie das der Europäer zu sein, was aber um so unanständiger erscheint, indem das Hemd über den Hosen getragen wird. Die Hemden der Vornehmen sind oft reich gestickt oder wenigstens mit rothen Knöpfen versehen. Reiche Leute tragen Perlen oder Brillanten als Knöpfe (Scheidnagel 60). Die Mitglieder des eingeborenen Adels tragen über dem Hemde eine schwarze Tuchjacke, doch ist diess nicht ihr ausschliessliches Privileg, wie in einigen Werken zu lesen ist. Lächerlich nehmen sich die Kutscher europäischer Herren aus: Das Hemd über den Hosen, eine gallonirte Jacke, Gamaschen und Cylinderhut! Die Füsse tragen sie meist nackt, selbst die eingeborenen Truppen der Spanier tragen Schuhe nur zur Parade, und in der Stadt, bei Märschen und im Felde gehen sie barfuss, sonst würden sie bald marschunfähig werden. Die Vornehmen tragen mitunter selbst Lackschuhe (Scheidnagel 60).
Auf dem Kopfe tragen sie einen grossen Hut, den Salacot oder Salacó. Dieser hat die Form eines Kugelsegments und ist sehr häufig mit einer Spitze versehen, welche aus Silber oder gar aus Gold besteht (Scheidnagel, l. c.). Das Material sind Palmenblätter, Stroh &c. Vornehme tragen gern Hüte europäischer Façon, ja mit Vorliebe Cylinder.
Ärmere Frauen tragen nur die kurze Camisa und dann die Saya. Letztere ist ein Frauenrock, der von der Hüfte bis zu den Knöcheln reicht, oft aber auch die Waden ganz unbedeckt lässt. Bei der Kürze der Camisa bleibt häufig ein Streifen nackten Leibes den Blicken der Männer ausgesetzt. Reichere tragen noch den Tápis, dieser besteht aus einem Zeuge, welches um den oberen Theil der Saya herumgewunden wird. Sie wissen den Tápis in einen schönen Faltenwurf zu bringen. Man liebt besonders gestreifte Stoffe, am berühmtesten sind die Tápisstoffe, welche in Balívag (Provinz Bulacán) fabricirt werden, sie sind dunkelbraun und weiss gestreift. Die Stoffe zu diesen Kleidern werden aus Baumwolle, Abacá oder Seide verfertigt. Das Haar tragen die Weiber aufgelöst oder in einem durch einen Kamm zusammengehaltenen Knoten („pusod”) geknüpft. Zum Schmucke der Haare dienen Blumen. Geschmeide wird gleichfalls getragen, doch ist es meist europäischen oder chinesischen Ursprunges oder doch fremden Mustern entlehnt. Die Füsse stecken bei allen Bemittelten in eigenthümlichen Pantoffeln, den sogenannten Chinelas, deren Oberdecke so kurz ist, dass sie kaum die Zehen bedeckt.
Die Tagalen leben vom Fischfang und Ackerbau. Der Reis ist ihre Hauptnahrung, deshalb wird er auch am meisten gebaut. Auf einer Ausstellung zu Manila wurden 60 angeblich verschiedene Reisgattungen ausgestellt, welche sämmtlich in den Philippinen gebaut werden (Jagor, Skizzen 37). Dem Reisbau wenden sie auch die grösste Sorgfalt zu, obwohl sie nicht viel mehr zu bauen pflegen, als sie selbst zum Unterhalte brauchen. Wo die Äcker an Waldwildnisse grenzen, werden sie durch lebendige Hecken aus einer sehr stacheligen Bambusart geschützt (Semper, Skizzen 135). Die Ackergeräthe sind sehr plump und meist aus Bambus zusammengesetzt. Den Pflug zieht der Carabao-Büffel, von dem ich noch weiter unten sprechen will. Reis ist ihre tägliche Nahrung, und man sieht die Weiber stets damit beschäftigt, den noch in der Hülle steckenden Reis—„pálay” genannt—durch Stossen in einem Holzmörser—lusong—zu enthülsen. Diejenige Speise, welche bei ihnen nicht nur die Stelle unseres Brotes vertritt, sondern für viele die ausschliessliche Nahrung ist, besteht nur aus in Wasser gekochtem, oft ungesalzenem Reis, der Name derselben ist: Morisqueta oder Canin. Auch ihre Leckereien und Delicatessen bestehen meistentheils aus Reis, so die Bibinca (gekochter Reis mit Cocosmilch) &c. Aus Reis wird auch ein Branntwein gebrannt. Die Vorliebe für den Reis ist so gross, dass selbst der Chocolade gerösteter Reis zugesetzt wird.
Nächst dem Reis werden noch Camóte und Mais gebaut. Camóte (Convulvulus batatas) wuchert beinahe ohne jede Pflege, sie ist „eine unversiegbare Vorrathskammer für den Besitzer, der das ganze Jahr hindurch seinen Bedarf dem Felde entnehmen kann” (Jagor 122). Von Nahrungspflanzen für heimischen Bedarf werden noch Gabi (Caladium), Ubi (Dioscorea) und zwei Arumarten cultivirt. Der Cacaobaum wird zwar gepflanzt, liefert aber bei der Indolenz der Eingeborenen und der Empfindlichkeit des Baumes einen schlechten Ertrag. Der Caffeebau, für den Export bestimmt, nimmt immer mehr zu, Zuckerrohr wird von den Tagalen nicht in der Menge gebaut, wie von den Visayern. Die Fruchtbäume des ostindischen Archipels werden auch von den Tagalen gezogen, ich gebe hier die wichtigsten nach der „Ilustracion filipina” (1859, n. 12, p. 99) mit den tagalischen Namen an: Manga (Mangifera indica), Saguing (Musa paradisiaca) von den Spaniern „plátano” genannt, Atte (Annona squamosa), Sapote (Sapote nigra), Tampoy (Eugenia Malaccensis), Piña (Bromelia ananas), Mangostan (Garciana mangostana), Sagú (Sagus Rumphii). Die Cocospalme ist nächst der Musa paradisiaca der wichtigste Fruchtbaum. Sie wird in grossen Wäldern oder Hainen (Cocales) gepflanzt, bekannt sind die Cocoteros von Pagsanjan, die Cocosnüsse werden von dort in haushohen Pyramiden über die Laguna de Bay und den Pasig nach Manila gerudert: „diese Massen haben keine weitere Unterlage als die Cocosnüsse selbst, deren unterste Schicht mit Stricken zusammengebunden ist” (Hügel 236). Aus der Milch der Cocosnuss bereiten sie verschiedene süsse Speisen und Bäckereien, insbesondere die Speise Macapumi (Scheidnagel 75), diese Palme liefert ihnen den so beliebten Tuba-Wein, und das Cocosöl dient zum allgemeinen Leuchtmaterial, sowie zur Pomade. Aus dem Zuckerstoffe der Buripalme bereiten sie die Zuckerspeise Chancaca, desgleichen aus Pilikörnern[1] (Scheidnagel, l. c.). An den Flussläufen wird Nipa littoralis gezogen, von welcher auch Branntwein gewonnen wird. Von Nutzpflanzen werden von den Tagalen Baumwolle, Indigo und Abacá (Manilahanf) gebaut. Der Tabak wurde vor der Einführung des Monopols von den Tagalen fleissig gepflanzt, jetzt (seit 1781) ist sein Anbau auf bestimmte Provinzen beschränkt. Von den erwähnten Pflanzen sind folgende erst durch die Spanier eingeführt worden: Indigo(?), Tabak, Mais, Caffee, Cacao und Camóte.
Die Hausthiere der Tagalen vor Ankunft der Spanier bestanden nur aus dem Carabao-Büffel, dem Schweine, Hunde und Geflügel, unter letzterem besonders Hühner und Enten. Erst die Spanier brachten Rind, Pferd, Schaf und Esel, doch haben diese beiden letzteren Thiergattungen sich in diesem Lande nicht bewährt und werden demgemäss auch nicht mehr oder nur hie und da gezüchtet. Der Carabao dient nicht nur als Zugthier, er wird auch zum Reiten benutzt (Cañamaque, Recuerdos I, 152). Das Schwein galt bei den Tagalen der Conquista als ein äusserst wichtiges Thier, wesshalb es bei Opferfesten stets als Schlachtopfer diente, bei vielen religiösen Ceremonien war wenigstens Schweineblut erforderlich. Auch heute noch bildet Schweinefleisch eine Lieblingskost der Tagalen, doch pflegen sie gar keine Sorgfalt auf diese Thiere zu verwenden, welche sich meist nur von menschlichen Excrementen nähren (Jagor, Phil. 124). Vom Rinde kommen zwei Gattungen vor, die spanische, im XVI. Jahrhunderte über Neuspanien eingeführt und der indische Zebu (Scheidnagel 104), der erst in neuerer Zeit eingeführt worden sein muss, da ältere Werke hierüber gar Nichts erwähnen. Beide Rindergattungen werden hauptsächlich des Fleisches wegen gezogen, zur Arbeit gebraucht man nur den Büffel. Ziegen sind sehr selten (Scheidnagel 105), ebenso wie Schafe. Die Pferderasse ist ein kleiner Schlag, gemischt aus andalusischem, chinesischem und japanischem Blute (Jagor 123 und 315, nach Morga fol. 130 und 161).
Von Geflügel werden hauptsächlich Hühner und Enten gehalten, erstere nicht blos des Fleisches oder der Eier wegen, sondern, wie ich es weiter unten ausführlicher besprechen werde, um die Hähne zum Kampfsport aufzuziehen. Die Entenzucht der Tagalen hat auf den Philippinen einen weiten Ruf, insbesondere sind es die Ortschaften am Pasig und der Laguna de Bay, deren Bewohner sich mit der Entenzucht im grossartigsten Maassstabe befassen, besonders Pateros erfreut sich einer grossen Berühmtheit, und zwar werden die Eier künstlich ausgebrütet. Die Ilustracion filipina (1860, n. 4, p. 38) berichtet darüber folgendes: Das Weib—mit dieser „Industrie” befassen sich nur die Weiber—richtet 1000–1500 Enteneier zu, dann schlägt sie Pálay (Reis in der Hülse) in ein rohes Gewebe („tigbó”) und macht diesen Haufen entweder durch ein Feuer oder die Glut der Sonnenstrahlen warm. Darauf wird ein grosser Korb genommen und in diesem eine Schicht des gewärmten Pálay’s ausgebreitet, darauf folgt eine Schicht Eier und so abwechselnd fort, bis die oberste Schicht wieder von Pálay gebildet wird. Diese Operation wird durch mehr als zwei Wochen täglich zwei Mal ausgeführt, hierauf werden die Eier in einen Trog, der mit Reishülsen gefüllt ist, gelegt und mit Zeug bedeckt, um ein Ausstrahlen der Wärme zu verhindern, andererseits wird wieder gelüftet, um die nöthige gleichmässige Temperatur zu erhalten. 12 oder 14 Tage nachher kriegen die jungen Enten aus den Eiern hervor, 800–1000 an der Zahl. Sie werden sofort in eingezäunte Wasserplätze gebracht. „Vor jeder Hütte befindet sich gegen den Fluss (Pasig) zu ein grosser eingezäunter Platz, wo diese Thiere sich sonnen und nach Belieben im Wasser baden können. Der vom Fluss bespülte Boden des kleinen Geflügelhofes wird jeden Morgen mit Sorgfalt gereinigt, umgegraben und täglich von Neuem mit einer grossen Menge von Schalthieren angefüllt, welche den Enten zum Futter dienen und von den Eingeborenen in kleinen Canoës aus dem See (Laguna de Bay) geholt werden, wo dieselben zu Milliarden im Schlamm leben. In Pateros werden jährlich Millionen von Enten als Handelsartikel gezogen, indem die Tagalen, gleich den Chinesen, halbausgebrütete Eier und Küchlein für besondere Leckerbissen halten” (Scherzer, Novara-Reise I, 602). Gänse wurden von den Spaniern aus China importirt (Jagor, l. c.).
Nächst dem Reis und der Camóte bilden Fische die Hauptnahrung der Tagalen. Die Hauptbeute liefert der Dalag-Fisch (Ophicephalus vagus, Peters). „Wenn in der Dürre die Bäche zu einer unzusammenhängenden Kette von Tümpeln einschrumpfen, dann beginnt der Dalag-Fang. Der Dalag gräbt sich im Schlamme weiter fort, deshalb werden zunächst flussabwärts in den Schlamm engmaschige Bambusgitter gesteckt, um ein Entweichen des Fisches zu verhindern, darauf wird das Wasser aus den Lachen herausgeschöpft und die Fische ausgegraben” (Jagor, Phil. 47). In der nassen Zeit sind sie auch so häufig in allen Gräben und Reisfeldern zu finden, „dass sie mit Knitteln todtgeschlagen werden” (Jagor, l. c.). In Flüssen und Bächen werden die Fische dadurch gefangen, dass man die betäubende Frucht des Tuba-Tuba-Baumes in das Wasser wirft oder in der Nacht sie durch Fackeln, besonders die Aale, in den Handbereich lockt (Scheidnagel 151). Die Strandbewohner des Meeres und der Binnen-Seen fangen die Fische auf ähnliche Weise und durch Harpunirung (Semper, Skizzen 31), oder sie fangen sie durch besonders construirte Netze und Fangapparate, welche die Küstenschifffahrt behindern. Die Netze beruhen auf einem Hebelapparate, der auf einem grossen von Bambusrohr gebauten Floss steht (Semper, Skizzen 111). Die kleinen Fische werden meist an der Sonne getrocknet oder gesalzen (Scheidnagel 60), sie bilden die picante Zukost zum faden Reis.
Der Jagd verdanken sie den geringsten Theil ihrer Nahrung. Der wilde Carabao wird zu Pferde, welche zu diesem Zwecke besonders abgerichtet sind, und mit der Lanze gejagt (Näheres: Ilustr. 1859, n. 10, p. 78) oder man lockt ihn durch eine zahme Carabao-Kuh heran und haut ihm dann in seiner blinden Liebesbrunst die Sehnen mit dem scharfen Campilan entzwei (l. c.). Gefangen wird er mit dem Lazo. Hirsche und Wildschweine kommen häufig vor. Wildenten werden gejagt, indem der Tagale den Kopf sich mit Zweigen bedeckt und schwimmend oder watend sich den Enten nähert und eine nach der anderen unter das Wasser zieht (Scheidnagel 150). Der fliegende Hund wird seines wohlschmeckenden Fleisches wegen gleichfalls verfolgt (Jagor, Skizzen 217). Heuschrecken werden in irdenen Pfannen geröstet, jedoch nur die Köpfe und Rücken gegessen (Jagor, Phil. 219). Trotz ihres hochentwickelten Geruchssinnes essen die Indier gern faules Fleisch (Jagor, Skizzen 39). Der Tagale isst drei Mal des Tags, um 7 Uhr Morgens, 12 Uhr Mittags und um 7 oder 8 Uhr Abends. Alle Speisen sind stark mit spanischem Pfeffer gewürzt (Jagor, Phil. 126).
Die Waffen der Tagalen in der Zeit der Conquista bildeten Lanze, Schild und Campilan (säbelartiges Waldmesser), alles noch heute vorhanden. Bogen und Pfeile sind noch heute im Gebrauche (Meyer, Negr.). Zahlreich sind ihre verschiedenen Schiffsgattungen. Da ist die Falúa oder Lorcha, ein grosses, bequemes, aber schwerfälliges Ruderschiff, das Pontin, ein Zweimaster mit Mastensegeln von etwa 100 Tonnen Gehalt. Am häufigsten ist am Pasig der Casco, ein Zweimaster ohne Deck, jedoch mit Strohmatten überdacht, längs der Bordseiten läuft ein Trittbret, auf welchem die Schiffsleute sich bewegen, wenn sie mit ihren langen Stangen das Fahrzeug vorwärts stossen. Der Casco führt einen Holzanker und ist am Vordertheile meist weiss und roth bemalt (Ilustr. 1860, n. 5, p. 49). Barotos sind kleine Handelsschiffe. Die Bancas sind Kähne mit einem Schutzdache, sie werden mit Rohrstangen vorwärts bewegt. Die tagalischen Fischerboote in der Bai von Manila haben sämmtlich Auslieger (Hügel 95). In den Zeiten der Conquista besassen noch die Tagalen niedrige, leichte Schiffe ohne Verdeck mit Ausliegern, Barangay oder Balangay genannt. Die Barangayes besassen ein bis zwei Maste, konnten aber auch durch Ruder fortgetrieben werden, über den Ruderbänken befand sich eine Galerie aus Bambus, auf welcher die Krieger standen (Jagor 311, Morga fol. 128, Morga-Stanley 297).
Als die Spanier mit den Tagalen zum ersten Male in Berührung kamen, fanden sie bei ihnen bereits den Islam vor, der erst kurz vorher von Borneo aus importirt worden war; aber, obwohl überall unter den Tagalen verbreitet, waren in den Binnendistricten es nur die Häuptlinge, die den neuen Glauben angenommen hatten (Morga-Stanley 307 f.). In einem Berichte, den der Vicekönig von Neuspanien, Dr. Martin Enriquez, an Philipp II. am 5. December 1573 von Méjico aus richtet, bemerkt er über die Luzon, dass der Islam seinen Bewohnern aufgezwungen wäre und noch keine festen Wurzeln gefasst hätte, „weil viele von ihnen Wein trinken und Schweinefleisch essen” (Cartas de Indias, fol. 291). In der That hing noch der grösste Theil der Tagalen fest an seinem alten heidnischen Glauben, und als dann das Christenthum ihre Religion wurde, blieben noch die meisten religiösen Anschauungen ihres Heidenthums bei ihnen wach und sind es auch bis zum heutigen Tage, alle Bemühungen der Mönche vermochten nicht die nunmehr zum Aberglauben gestempelten altreligiösen Bräuche auszurotten.
Ihre alte Religion enthielt den Glauben an einen Weltschöpfer und Hauptgott, der im Himmel throne, überdiess noch an eine grosse Zahl von bösen und guten Dämonen, neben dieser Mythologie besassen sie noch den Ahnencultus, indem die Seelen der als Grossväter verstorbenen, die Anitos oder Nonos, zu Hausgöttern oder Schutzgottheiten gewisser Plätze werden. Sie besassen auch Priester (Catalonanes) und Priesterinnen (Catalonas), welche von ihrem Hohenpriester, dem „Sonat”, zu ihrem Amte geweiht wurden.
Noch heute existirt die heilige Scheu vor den Seelen der Verschiedenen, den Nonos, ich werde bei Gelegenheit der Todtenbestattungen noch darauf zurückkommen. Freilich in Manila und dort, wo die Spanier zahlreicher wohnen, treten diese Erscheinungen nicht so grell zu Tage. Abergläubische Indier pflegen (wohl nur Abends) etwas Speise am Tische liegen zu lassen, damit die Geister der Verstorbenen sich sättigen können (Mas, pobl. 94). In vielen Dörfern besteht noch der Brauch „Pasing-tabi sa Nono”, d. h. die Tagalen bitten die Seelen ihrer verschiedenen Ahnen, sie mögen die Arbeit oder das Werk, womit sie sich gerade beschäftigen wollen, zu einem guten Ende führen (El Indio viejo von F. de P. Martinez in Ilustracion 1859, n. 7, p. 54). Grosse stattliche Bäume, charakteristisch geformte Berge gelten ihnen als Wohnsitze der Nonos oder Anitos. Niemand geht vorbei, ohne zu rufen: „mit Deiner Erlaubniss”, sonst würde ihnen der Nono schweres Unheil oder Krankheit senden. Wenn sie einen Baum (Waldbaum?) fällen müssen, so bitten sie den Nono um Entschuldigung und rufen unter anderem: der Padre (Pfarrer) hat es befohlen, es ist nicht unsere Schuld und auch nicht unser Wille (Mas, pobl. 90). Die alten Götter und Dämonen Tigbalang, Patianac, Sava &c. leben in ihrem Glauben noch heute, nur sind sie zum Range von Gespenstern heruntergesunken (Mas, l. c.). Sie glauben auch an eine Art Wünschelruthe, den „Antinantin”, welcher ihnen Reichthümer und Glückseligkeit verschaffen soll (Mas, pobl. 91). Einen eigenthümlichen Aberglauben hegen sie Schlafenden gegenüber; es gilt für die schwerste Beleidigung, über einen Schlafenden hinwegzuschreiten oder ihn plötzlich und schroff aus dem Schlafe zu wecken (Jagor, Phil. 132). Mas führt diese Sitte auf die Furcht der Indier zurück, im Schlafe zu sterben (Mas, pobl. 77).
Äusserlich[2] hängen sie fest an dem katholischen Glauben. Das Tragen von Scapulieren, Rosenkränzen, Reliquien und Heiligenbildern ist allgemein (Mas, pobl. 100). Baron Hügel sah 1834 bei den Tagalen an der Laguna de Bay, dass sie am Boden des Salacó ein Heiligenbild oder Amulet trugen, von welchem sie glaubten, dass es sie schütze. Sie beteten zu ihm, indem sie den Hut abnahmen und auf das Bild starrten; sah irgend ein Anderer in den Hut und erblickte er das Bild, so war die Zauberkraft desselben vollständig erloschen (Hügel 207). Festlichen Gottesdienst, Processionen und Kirchenfeste machen sie sehr gern mit (Scheidnagel 62), in Manila soll diess weniger der Fall sein als auf dem Lande (Mas, pobl. 103). Die Beichte ist bei allen dieselbe, sie haben stets nur drei Sünden: am Fasttage Fleisch gegessen, am Sonntage die Messe versäumt und eitel geschworen zu haben (Mas, l. c.). Sie erzählen gern von Visionen, die sie gehabt hätten (Mas, pobl. 95), noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war der Glaube an Hexen weit verbreitet (Mas, pobl. 122). Die tagalischen Maler malen gewöhnlich die Christus- und Heiligenbilder nach Modellen ihrer eigenen Rasse, diesen Heiligenbildern erweisen sie aber geringere Verehrung, indem sie sagen, die Heiligen wären sämmtlich Spanier gewesen (Mas, pobl. 102). Um Diebe zu entdecken, bedienen sie sich verschiedenartiger katholisch gefärbter Bräuche: so, um nur einen herauszugreifen, wird eine Kerze dem hl. Antonius von Padua angezündet, rings herum knieen die Verdächtigen, neigt sich die Kerze oder Fackel gegen einen derselben, so ist dieser der Schuldige (Mas, pobl. 93, nach Fr. Tomas Ortiz, Práctica del Ministerio). Neben den Heiligenbildern und Reliquien, welche meist von Weibern getragen werden, tragen sie noch andere Amulete mit sich herum, welche aus Wurzeln, Rinden, Fellstückchen, Knochen &c. bestehen, denen sie die Gewalt zuschreiben, sie entweder in Gefahren zu schützen oder Reichthümer und Liebesgenuss zu verschaffen (l. c.). Der Glaube an Prophezeiungen und Unglückstage ist gleichfalls verbreitet (l. c.).
Machen sich bei einer Frau die Geburtswehen fühlbar, dann trifft der Gatte alle Anstalten, um dem Patianac und dem Usuang entgegenzutreten, beides sind böse Dämonen. Der Patianac sucht die Geburt unmöglich zu machen und ebenso wie der Usuang die neugeborenen Kinder zu tödten (Mas, pobl. 92). Man schreibt dem Vogel Tictic es zu, dass er diesen beiden Unholden durch seinen Gesang jene Orte anzeige, wo eine Kreisende sich befinde. Um nun diese bösen Geister abzuhalten, steigt der Gatte der Wöchnerin ganz nackt[3] oder nur mit einem Schurze bekleidet auf das Dach seiner Hütte, bewaffnet mit dem Campilan, der Lanze und womöglich mit einem Schilde, um das Haus stellen sich seine Freunde auf und nun haut und sticht er wüthend in der Luft herum, damit die beiden Unholde nicht in die Hütte eindringen können (Mas, pobl. 123). Oft suchen sie den Patianac dadurch irre zu führen, dass sie die Kreisende schnell in eine andere Hütte bringen und so den Unhold im Besitze des leeren Hauses lassen (Fr. Tomas Ortiz in Mas, pobl. 92).
Im Wochenzimmer selbst werden alle Thüren und Fenster fest verschlossen (Jagor, Phil. 130), um dem Patianac das Eindringen unmöglich zu machen. In der Stube selbst sammeln sich die Verwandten und erfüllen die ohnehin stinkige Luft des Zimmers mit den Rauchwolken ihrer Cigarren und Cigarritos. Hildebrand (Kossak, III, 32) sah, dass auch die Kreisende in den Pausen ihrer Wehen sich die Zeit durch Rauchen verkürzte. Sobald die Geburt Statt gefunden hat, pressen die anwesenden Weiber mit aller Kraftanwendung von beiden Hüften aus den Bauch der Wöchnerin zusammen, „um die inneren Organe wieder in den alten Status zurückzubringen” (Mas, pobl. 88). Ist das Kind geboren, so ist damit noch nicht alle Gefahr vor jenen beiden Unholden zu Ende, zwar stellen der glückliche Vater und dessen Freunde das Luftgefecht ein, aber um das Kind vor den Klauen jener Ungeheuer zu schützen, werden Räucherkerzchen angezündet (Mas, pobl. 85), bis die Taufe alle Gefahr beseitigt. In entfernteren Provinzen soll von den Tagalen noch heimlich die Beschneidung ausgeübt werden, der Schnitt wird von oben bis unten geführt (el corte se hace de arriba abajo); es ist diess nicht etwa eine Erinnerung an den Islam, denn auch die heidnischen Stämme der Philippinen übten zur Zeit der Conquista schon die Beschneidung (Mas, domin. I, 21), doch scheinen die einwandernden Moslim aus Borneo die Sitte nach Luzon gebracht zu haben (Morga-Stanley 308).
Hatte Jemand die Absicht, ein Mädchen zu heirathen, so war es früher üblich, dass der Bräutigam drei bis vier Jahre bei seinem zukünftigen Schwiegervater nicht nur Wohnung nahm, sondern auch die schwierigsten Knechtsarbeiten verrichtete. Dann erst erhielt der Ehestandscandidat die Ersehnte zur Frau, wobei seine Eltern die Hütte, Kleider &c. hergeben. Diese Sitte hat sich nicht mehr halten können, da die Pfarrer gegen das Anstössige derselben mit allem Eifer arbeiteten; wo sie noch hie und da erhalten ist, darf der Bräutigam zum wenigsten nicht in der Hütte seiner Braut wohnen (Mas, pobl. 87). Will der Tagale der Jetztzeit heirathen, so schenkt er seiner Auserwählten irgend eine werthvolle Sache oder Geld, welches ihre Eltern sich in der Regel aneignen, letztere pflegen auf diese Gabe so erpicht zu sein, dass sie ihre Tochter, selbst wenn sie geschwängert ist, lieber ledig lassen, als dass sie auf jenes Geschenk verzichten würden (Mas, pobl. 88 u. 125).
Die Hochzeit wird mit einem festlichen Gelage („Catapusan”) gefeiert, von diesem bringen sie einige Gerichte unter den von ihnen als Sitz der Nonos verehrten Balete-Baum: es ist schon vorgekommen, dass sie bei einer solchen Festlichkeit sich vom Pfarrer Weihrauch zu erschwindeln wussten, um diesen dann unter dem heiligen Baume zu verbrennen (Mas, pobl. 88). Bei der grossen Sinnlichkeit der Tagalen ist Ehebruch nichts weniger als selten, er wird auch sehr gelinde gestraft, die Frau wird gehörig durchgeprügelt, womit die Sache abgethan ist, dem Verführer geschieht gar Nichts (Jagor, Phil. 129). Die Behandlung der Frauen ist eine gute, die Männer aber sind meist liederlich (Jagor, l. c.). Sind die Gatten einander überdrüssig geworden, so verschwindet der unzufriedene Theil, oder sie gehen in grösster Gemüthsruhe auseinander (Cañamaque, Recuerdos I, 136). Alt und Jung, Weiber und Männer schlafen bunt durch- und nebeneinander (Mas, pobl. 124, nach Fr. Manuel Ortiz), bei ihrer Geilheit und Ungenirtheit ist Incest nicht ausgeschlossen (Cañamaque, Rec. I, 168 u. 174), letzteren Vorwurf erhebt auch Renouard de St.-Croix (a. v. St.), doch darf man nicht vergessen, dass sowohl St.-Croix wie Cañamaque gern grelle Farben auftragen.
Trotz der Bemühung der spanischen Mönche ist die Sittenlosigkeit eine grosse und zwar nicht nur in Manila, sondern auch auf dem Lande. Auf Jungfräulichkeit wird gar nicht gesehen, die Mädchen geben sich ohne Weiteres jedem Liebhaber preis, nur wenige treten im jungfräulichen Zustande zum Traualtar (Mas, pobl. 124), es rührt diess noch aus den Zeiten des Heidenthums her, wo der jungfräuliche Stand in gar keinem Ansehen stand. Der Coitus wird nach Cañamaque (Recuerdos I, 174) angeblich ganz ungenirt auf offener Strasse vollzogen, derselbe Autor beschuldigt (l. c.) selbst Kinder der Unzucht (?). Cañamaque (Recuerdos I, 43) spricht ihnen auch alles Schamgefühl ab: Männer wie Weiber, besonders in der Provinz, lassen sich splitternackt erblicken, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen! Prostitution ist vorhanden (Vila 10).
Diebstähle kommen unter ihnen häufig vor, am allerhäufigsten Spaniern gegenüber, indem sie behaupten, alles, was jene besässen, sei Landeseigenthum (Mas, pobl. 80). Zum Räuber- und Piratenleben sind sie sehr geneigt, und diess hängt mit ihrer Neigung zum unabhängigen Müssiggang zusammen. Der Tagale hat einen ausgesprochenen Hang, isolirt zu leben, wären nicht die Pfarrer und die Dorfältesten (cabezas de barangay) für die Abgaben ihrer Untergebenen solidarisch haftbar, die Städte und Dörfer würden dann längst sich in Familienniederlassungen (Ranchos) aufgelöst haben (Jagor, Phil. 106). Trotz der Wachsamkeit dieser Behörden verlassen viele Tagalen ihre Dörfer und flüchten sich in die undurchdringlichen Bergwildnisse, wo ihnen die Gendarmerie Nichts anhaben kann. Diese Flüchtlinge, welche ganz in die Ungebundenheit der Wilden zurückfallen, heissen Remontados. Aus ihnen und entlaufenen Verbrechern und eingeborenen Deserteuren recrutiren sich die nicht seltenen Räuberbanden. Diese Räuber („Tulisánes”) vereinigen sich oft zu grösseren Corps und ihre Verwegenheit ist nicht gering; hat doch zu Anfang der sechziger Jahre eine Bande von Tulisánes die Frechheit gehabt, einen Vorort Manila’s anzugreifen, bis das schnell herbeieilende Militär sie wieder hinauswarf (Jagor 181). 1866 wurden 50 Räuber aufgeknüpft und 140 zur Zwangsarbeit verurtheilt (Jagor 182, Note 101). Trotz der Unermüdlichkeit der Gendarmerie wuchert das Räuberunwesen fort, wenngleich nicht mehr in so hohem Grade wie früher. 1876 fand Ritter v. Drasche (Fragmente, 54) im Nordwesten der Laguna de Bombon Räuberbanden, 1877 wurde in der Prov. N. Écija eine grosse Bande durch zwei Compagnien Infanterie ausgehoben, dasselbe wiederholte sich 1880 (Scheidnagel 67). Im letzteren Jahre wurden die Banden des Antonio Sumicat und Juan Martin zersprengt und ihre beiden Führer, welche sich zusammengefunden, endlich erwischt und hingerichtet. Die beiden Kerle ritten auf Carabaos (Diario 1880, Num. 165).
Das Betelkauen ist die Hauptleidenschaft des Tagalen. Die Betelportion heisst Buyo. Der Buyo wird in verschiedenen Sorten fabricirt, deren beste den Namen „buyo de castila”, d. h. spanischer Buyo, oder Buyo der Weissen führt (Ilustr. 1859, n. 8, p. 62). Die Areca heisst Bonga, der Betel Icmo (l. c.). Mit dem Verkaufe befassen sich meist junge Mädchen, die Buyeras, deren Kramläden von Verehrern ihrer Reize stets umschwärmt werden. Alte Leute, denen die Zähne ausgefallen sind, zerstossen sich den geliebten Buyo in kleinen Mörsern aus Bambusrohr, welche Calicot oder Calicut heissen (Ilustr. 1859, n. 7, p. 53). Bei Festtafeln der Tagalen wird auch Buyo präsentirt (Cañamaque, Recuerdos I, 35). Der im Munde zerkaute Buyo wird Sapa genannt, welchen Liebende mit einander als Zärtlichkeitsbeweis austauschen (Cañamaque, Recuerdos I, 150). Die Tagalen hungern lieber, als dass sie auf den Buyo verzichten (Ilustr., l. c.).
Nächst dem Buyo und dem Tabak liebt der Tagale den Hahnenkampf über alles. Dr. Jagor erwähnt (Phil. 21), dass die Hahnenkämpfe erst von den Spaniern und zwar von deren mejicanischen Soldaten eingeführt worden wären, nun ist aber der Hahnensport auch bei den übrigen Malaien verbreitet (Waitz V, 158), die Javaner lassen nicht nur Hähne, sondern auch Wachteln mit einander kämpfen (Bastian, Reisen V, 215), auch auf den Carolinen findet man diesen Sport (Waitz V, 2. Abth. 129), und was am schlagendsten ist: die Spanier fanden bei der Entdeckung der jetzt Marianen genannten Inseln diese Thierquälerei vor (Oviedo XX, 16). Es ist daher nicht so unwahrscheinlich, dass die Tagalen schon vor Ankunft der Spanier mit diesem Sporte bekannt waren.
Fast jeder Tagale besitzt einen Kampfhahn, den er mit mehr Sorgfalt behandelt als seine Kinder; das erste, was der Indier beim Erwachen macht, ist, sich nach seinem Hahne umzusehen, das letzte, was er vor dem Einschlafen thut, ist, das geliebte Thier zu liebkosen (Cañamaque Recu. a. v. St., Mas, pobl. a. v. St.). Keines ihrer Hausthiere wird so gepflegt, wie dieses. Wenn der Indier arbeitet, so hat er seinen Hahn in der Nähe angebunden, um in den (zahlreichen) Ruhepausen den Liebling zu streicheln oder wenigstens an seinem Anblicke sich zu sättigen. Für einen guten Hahn zahlt ein Tagale oft 40 bis 70 Pesos (Cañamaque, Recu. II, 7), besitzt er den Hahn schon einige Zeit hindurch, dann ist er ihm überhaupt nicht mehr feil. Sie tragen den Hahn unter dem Arme auf ihren Spaziergängen, setzen ihn zeitweilig auf die Erde und suchen ihn zum Kampfe dadurch zu üben, dass sie einen anderen Hahn in die Nähe des ihren bringen und beide aufeinander loshacken lassen. Die Leidenschaft für den Hahnenkampf ist bei ihnen so tief gewurzelt, dass es wohl kaum einen Indier giebt, der sich nicht einen Kampfhahn hält, „selbst wenn er Nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf” (Jagor, Phil. 127).
Der Hahnenkampf selbst darf nur in besonderen zu diesem Zwecke erbauten Arenen Statt finden, indem dieser Sport seit 1779 mit einer eigenen Steuer belegt ist, welche „Gallera” heisst. Zum Kampfe werden die Hähne mit Stahlsporen versehen, welche aus alten Rasirmessern verfertigt werden. In der Arena macht das Phlegma des Tagalen einer leidenschaftlichen Erregung Platz, die Höhe der Wetten ist gesetzlich auf das Maximum von 50 Pesos beschränkt (Jagor, Phil. 22), sonst würden die Indier all’ ihr Hab und Gut verspielen, was trotzdem nicht selten geschieht.
Stiergefechte werden auf Luzon zwar auch gegeben, doch dienen diese nur zur Belustigung der Spanier Manila’s, die Tagalen haben bisher diese nationale Sitte ihrer weissen Herren nicht acceptirt. Dagegen hat sich das Billardspiel bei ihnen eingebürgert, das Billard der Tagalen besteht oft nur aus „Pandanusmatten mit Banden von fünf Rotan, spanischen Röhrchen” (Hügel 148), der Tisch ruht oft auf steinernen Pfeilern. Gewöhnlich treten an Stelle der elfenbeinernen Kugeln solche aus hartem Holze (Ilustr. 1860, n. 10, p. 109). Auf diesen Billards wird Carambol, Einunddreissig und Kegelpartie (mit neun Kegeln) gespielt (l. c.). Auch Karten spielen sie mit grosser Leidenschaftlichkeit, besonders „Einunddreissig”, doch dürfen sie nur zu gewissen gesetzlich bestimmten Stunden spielen (Scheidnagel 58), diess ist um so nothwendiger, als sie sonst ganze Nächte hindurch dem Hasard fröhnen würden, wie es denn nicht selten geschehen ist, dass Cabezas de barangay (Viertelmeister) den ganzen Tribut (Kopfsteuer) ihres Viertels im Kartenspiele verloren haben (Mas, pobl. 71). Unglückliche Spieler liefern ein nicht unerhebliches Contingent zu den Remontados.
Sie kennen auch andere harmlosere Spiele, selbst solche, welche unseren Pfänderspielen gleichen (Mas, pobl. 71). Von den Chinesen haben sie es gelernt, Papierdrachen ohne Schweif in die Höhe steigen zu lassen, ein Vergnügen, das sich bei ihnen nicht allein auf die Kinder beschränkt (Scheidnagel 101).
Bei ihren Kirchenfesten fehlt das Pala-pala selten: Auf einem Gerüste, welches dem Traubengelände des europäischen Südens gleicht, wird Laub aufgehäuft, dann buntfarbige Lampions darin aufgehängt, in deren Nähe ganze Büschel von frischen oder getrockneten Früchten, Bäckereien und Zuckerwerk aufgehängt werden. Ist es Abend geworden, so werden die Lampions angezündet und auf ein gegebenes Zeichen stürzen die Festtheilnehmer in die Pala-pala-Lauben, um sich die Leckereien gegenseitig abzujagen. Manchmal ist das Pala-pala nur für Kinder hergerichtet, dem entsprechend ist das Gerüste dann sehr niedrig (Ilustr. 1860, n. 12, p. 143).
Grosse Vorliebe hegen die Tagalen für das Theater. Man darf nicht vergessen, dass sie ein eigenes Alphabet besassen, von welchem in Mas (Informe), wie auch in der englischen Übersetzung des Morga Proben gegeben sind. Diese Vorliebe für dramatische Spiele wurde bei der Christianisirung der Tagalen von den Mönchen nicht angetastet, im Gegentheile, letztere übten mit ihren Pfarrkindern Schauspiele in spanischer wie tagalischer Sprache ein (Morga-Stanley 320). Es giebt ein ständiges tagalisches Theater und zwar in Tondo, das sogenannte „Teatro de Tondo” (Scheidnagel 19), doch die eigentlichen nationalen, freilich schon christlich gefärbten Theatervorstellungen der Tagalen muss man auf dem platten Lande suchen, wo dieselben bei Gelegenheit von Kirchenfesten unter freiem Himmel gegeben werden. Die Dramen haben die Kämpfe zwischen Christen und mohammedanischen Piraten—„Moros” der Spanier—zum Gegenstande. Die Vorstellungen sind endlos, indem sie sich oft 3 Tage und Nächte hindurchziehen, auf der Bühne treten oft Hunderte von Personen auf, wobei zu bemerken ist, dass die Darsteller keine professionsmässigen Schauspieler, sondern schlichte Landleute sind. Die Darstellung eines Gefechts nimmt mindestens eine Stunde in Anspruch und die Kämpfenden gerathen mitunter in eine solche Wuth, dass es zu wirklichem Blutvergiessen kommt. Das oft aus 2000 Familien bestehende Publicum nimmt an diesen Gefechtsscenen den lebhaftesten Antheil, besonders an dem Schicksale der Christen, von allen Seiten erschallen lebhafte Verwünschungen und Flüche gegen die Darsteller der Moros &c. Da diese tagelangen Vorstellungen ohne Unterbrechung fortdauern und das Publicum sich nicht eher entfernt, als bis das Drama mit dem Siege der Christen endet, so nehmen die Zuschauer Lebensmittel mit, wer schläfrig wird, schläft ungenirt auf seinem Sitze ein. Bei Nacht werden Fackeln angezündet (Cañamaque, Recu. I, 60 u. f.).
Mitunter werden in den Landstädten von Spaniern Versuche gemacht, spanische Theaterstücke von Tagalen aufführen zu lassen, doch misslingen sie in der Regel, indem die Tagalen in dem fremden Stoffe und der fremden Ideenwelt sich nicht auskennen und sich daher sehr linkisch benehmen (Jagor, Phil. 84).
Auch die lyrische Poesie wird von den Tagalen gepflegt, es sind meist Liebeslieder, welche in Begleitung von Musikinstrumenten gesungen werden. In einem Liebeslied aus Tayabas heisst es: „Wenn mir mein Bräutchen sterben sollte, ich würde mich über ihren Grabhügel werfen, damit nicht ihre Gebeine Kälte leiden” (Oriente 1878, n. 11, p. 20 nach D. Juan Alvarez Guerra). Bei Festgelagen treten Improvisatoren auf, welche bei Begleitung eines Blasinstrumentes vierzeilige Lieder singen (Cañamaque, Recuerdos I, 39).
Am beliebtesten sind zwölfsilbige Verse, die vierzeiligen Strophen haben alle denselben Reim, wobei zu beachten ist, dass bei den Tagalen der Reim lediglich aus dem letzten Buchstaben oder Laute des Verses besteht (Mas, pobl. 115), diess gilt auch, wenn sie in spanischer Sprache dichten, so sind z. B. die Worte: estrellas, cielos, veces, nubes bei ihnen Reime, weil sie mit einem s endigen. Jedes lyrische Gedicht muss von Musik begleitet werden (Mas, pobl. 116). Von ihren Nationalmelodien—wenn ich mich so ausdrücken darf—ist die bekannteste und beliebteste der Comintan, der zugleich ihre Nationalhymne und ihr Nationaltanz ist. Der Comintan ist im 3/4 oder 6/8 Tact gesetzt (Hügel, 307), seine Weise wird ebenso beim Begräbniss von Kindern gesungen, wie bei festlichen Gelegenheiten nach derselben getanzt wird (l. c. 145). Wird der Comintan getanzt, so tritt nur ein Paar auf, welches pantomimisch eine Liebeserklärung darstellt „von dem Ausdrucke des einfachen Wohlgefallens bis zu der heftigsten Leidenschaft” (Hügel, 307). Eine andere Art des Comintans besteht darin, dass die tanzenden Personen körperliche Gebrechen nachahmen (l. c.). Ein anderer Nationaltanz ist der Talindao, er „wird zu vier Personen getanzt, die sich einzeln gegenüberstehen, meistens ihren Platz nicht verlassen und nur mit wenigen Bewegungen tanzen. Die Musik ist höchst romantisch, ernst, und von Zeit zu Zeit fallen alle vier Personen mit rauschendem Castagnettenschlage ein” (l. c.). Baron Hügel sah bei einem Kirchenfeste im Orte Pasig einen Tanz, der nicht wie die beiden erwähnten bereits spanische Einflüsse offenbart, sondern noch ein Überbleibsel aus den Zeiten vor der Conquista zu sein scheint. Die Tänzer waren Tagalen, welche in der Tracht und Bewaffnung, wie sie vor Ankunft der Spanier üblich war, einhergingen. Sie tanzten unter grosser Bravour und Leidenschaftlichkeit eine Art Waffentanz (Hügel, 186). Übrigens tanzen die Tagalen auch alle europäischen und specifisch-spanischen Tänze als Walzer, Polka, Bolero &c. Die Weiber tanzen mit den Chinelas (Pantoffeln) an den Füssen.
Sie sind grosse Freunde der Musik, fast jedes Dorf hat seine Musikbande (Cañamaque, Recu. I, 50). Europäische Musikstücke spielen sie recht brav, insbesondere Märsche (l. c. 35), und die Militärmusikcapellen Manila’s, deren Musikanten sämmtlich Tagalen sind, werden von allen europäischen Besuchern belobt.
In früheren Zeiten schrieben die Tagalen sämmtliche Krankheiten dem Einflusse bösgesinnter Nonos zu, weshalb sie in Krankheitsfällen denselben, unter den von ihnen bewohnten Bäumen, Opfer darbrachten, welche im Verbrennen einzelner Kräuter und Deponirung von Speisen, Getränken, Tabaksblättern und Buyo bestanden (Mozo, a. v. St.). Auch glaubten sie früher, dass mannigfache Krankheiten und Irrsinn durch Dämone erzeugt werden (Mas, pobl. 92). Heutzutage ist der Glaube so ziemlich verschwunden, dagegen blühen Kurpfuscherei und Wunderkuren. Tagalische Kurpfuscher und Quacksalber giebt es in jedem Orte. Werden diese zu einem Kranken gerufen, so lassen sie sich vorerst von den Angehörigen desselben gehörig bewirthen und mit Tabak beschenken, dann befühlen sie erst dem Patienten den Puls und verordnen, wie es ihnen gerade einfällt, Umschläge, Aderlässe, Hausmittel und Schröpfköpfe (Ilustr. 1859, p. 121). Schröpfen ist sehr beliebt, da die heutigen Tagalen der Ansicht huldigen, dass die Krankheiten dadurch rasch geheilt würden, wenn die böse verdorbene Luft aus dem Innern des Patienten entfernt werde (Mas, pobl. 88). Unter ihren Hausmitteln ist auch eine Epheu-Gattung („Malacatmon”) zu erwähnen, auch Vanille und die Cardamome werden gern von jenen Volksärzten verwendet (Ilustr. 1860, n. 7, p. 80).
Sobald der Tagale die Sterbestunde herannahen fühlt, wird eiligst zu dem Pfarrer geschickt oder, wenn dieser weit entfernt lebt, der Sterbende hingetragen, um die Sterbesacramente zu empfangen, da sonst ein ehrliches Begräbniss verweigert wird (Mas, pobl. 101). Stirbt ein Kind, so wird es unter grosser Lustbarkeit und den Weisen des Comintans zu Grabe getragen (Hügel, 145), hier haben also die Tagalen die spanisch-christliche Anschauung vollständig adoptirt, nach welcher man über den Tod eines unschuldigen Kindes sich nur freuen müsse, da seine Seele doch sofort unter die Englein aufgenommen würde. Bei den Todtenfesten zu Ehren erwachsener Verstorbenen überwiegen aber vollständig die Bräuche und Sitten des früheren Heidenthums. Sobald ein Erwachsener gestorben ist, wird die ganze Verwandtschaft desselben in das Sterbehaus eingeladen, angeblich, um Rosenkränze zu beten, kaum aber sind einige Gebete heruntergeschnarrt, so wird gegessen, getrunken und getanzt und diess durch volle neun Tage (Mas, pobl. 85, Ilustr. 1859, n. 7, p. 55). Dieses neuntägige Fest, welches mitunter zur Orgie ausartet (Vila 10), heisst Siam-na-arao oder Tibao. Am wichtigsten ist der dritte Tag dieses Festes, denn die Tagalen glauben, dass die Seele des Verstorbenen an diesem Tage wieder in das Sterbehaus zurückkehre, um an dem Festmahl Theil zu nehmen. Es werden deshalb Kerzen angezündet und eine mit Asche bestreute Matte ausgebreitet, letzteres geschieht, um an den allenfallsigen Fussabdrücken in der Asche zu erkennen, ob die Seele des Verschiedenen wirklich erschienen wäre oder nicht Vor die Thüre der Hütte wird Wasser in einem Gefäss hingestellt, damit die heimkehrende Seele sich die Füsse waschen könnte (Mas, pobl. 91). Um diesen „Aberglauben” zu unterdrücken, suchen die Pfarrer auf alle Weise es zu verhindern, dass die Hütte eines Verstorbenen den dritten Tag nach seinem Tode von irgend Jemand besucht wird. Die Bestattung ist ganz und gar katholisch, jede nationale Sitte hat hier der Macht der Kirche weichen müssen. Die Tagalen sterben übrigens mit grosser Resignation, und zwar sowohl in der friedlichen Hütte, wie draussen auf dem Schlachtfeld.
In den Zeiten der Unabhängigkeit gab es unter den Tagalen ebensoviele Staaten als Dörfer, eine Ausnahme hiervon machten nur die kleinen Reiche von Manila und Tondo, von denen einige kleine Vasallengebiete abhängig waren, doch machte sich hier der Einfluss von Borneo bemerkbar. Die tagalische Ständegliederung war damals folgende: Fürsten oder Häuptlinge (Manguinoos, Dattos), freie Leute (Mahaldicas), Freigelassene (Timaua), Vasallen der Dattos (Cabalangay), Leibeigene (Aliping namamahay), Halbsclaven, Sclaven (Aliping saguiguilir). Die Spanier hoben bei der Occupation des Landes die Leibeigenschaft und Sclaverei auf und gewannen dadurch die Sympathien dieser Volksclassen. Die entthronten Dattos wurden in kluger Weise fest mit ihren Interessen an die spanische Herrschaft geknüpft, indem ihnen eine Menge Vorrechte gegeben wurden, so z. B. der Titel Don, und indem man sie mit ihren erstgeborenen Söhnen von der Zahlung des Tributes enthob. Ihre sonstige Gewalt wurde dadurch geschwächt, dass in den neuen Pueblos, welche aus verschiedenen Tribus gebildet wurden, jetzt Leute friedlich nebeneinander wohnen mussten, die früher feindlich gegen einander gesinnt waren, und bald durch Wechselheirathen miteinander vollständig verschmolzen, wodurch die einzelnen Dattos gleichsam ihre früheren Unterthanen verloren. Von diesen Dattos stammt zum grössten Theile die heutige Principalia, der Patricierstand oder der Dorfadel der Tagalen ab. Die Bevölkerung der neuen Pueblos wurde in Abtheilungen eingetheilt, welche Barangayes[4] genannt wurden. Jedem Barangay wurde ein Chef vorgesetzt, welcher Cabeza de Barangay hiess und der Principalia entnommen wurde. Der Cabeza de Barangay sammelt in seinem Barangay den Tribut (Kopfsteuer) ein, für dessen vollständige Eintreibung er haftet. Aus der Principalia wird der Bürgermeister gewählt, welcher Gobernadorcillo oder (im gewöhnlichen Verkehr) Capitan genannt wird.
Der Gemeinderath besteht aus den Cabezas de Barangay, überhaupt aus Mitgliedern der Principalia. Gehört zur politischen Gemeinde noch ein zweites Dorf (visita, barrio, anejo), so besitzt es einen Vice-Chef, den Teniente. Sonstige Gemeindebeamte sind der Teniente mayor (Bürgermeister-Stellvertreter), Juéz mayor de Ganado (Richter für Streitigkeiten, welche Vieh-, Weideangelegenheiten &c. betreffen), Juéz mayor de Sementeras (Richter über Feldstreitigkeiten), ein Juéz mayor für Polizeivergehen, dann der Teniente segundo, der Teniente tercero, ferner zwei Alguaciles (Polizeiwachtmeister), von denen der erstere gewöhnlich „el actual” heisst und gewöhnlich mit der Escortirung von Reisenden betraut wird. Nur der Gobernadorcillo und der Teniente mayor müssen dem Gesetze nach dem eingeborenen Adel angehören. Der Ex-Gobernadorcillo heisst gewöhnlich „Capitan pasado”, ein Ex-Teniente „Titulado”. Da die Mitglieder dieser tagalischen Municipien, besonders in den Provinzen, selten oder nur schlecht spanisch sprechen oder gar schreiben können, so wird zum Verkehre mit den spanischen Behörden ein Secretär von der Gemeinde aufgenommen, der Directorcillo genannt wird. Jede Gemeinde unterhält ein Haus, Tribunal genannt, in welchem der Gemeinderath tagt, Gericht gesprochen, europäische Reisende untergebracht werden, und das zugleich als Arrestlocal und Zeughaus dient. Die Arrestanten werden sehr gut verpflegt, doch pflegen die tagalischen Richter meist nur Prügelstrafen zu dictiren. Die nicht dem Adel angehörigen Indier sind verpflichtet, 40 Tage im Jahre öffentliche Arbeiten (polos y servicios) bei Strassen- und Brückenbauten &c. zu leisten, eine Woche im Tribunal Dienst zu leisten und eine Woche Nachtwache zu halten. Von diesen Dienstleistungen kann man sich loskaufen, und zwar in Form einer Geldstrafe. Die Leute, welche im Tribunal Dienst zu leisten haben, heissen Semaneros, sie stehen „gegen geringen Tagelohn als Boten oder Träger zur Verfügung der Reisenden” (Jagor, Phil. 37). Zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zum Schutz gegen Angriffe von Räuberbanden oder Horden wilder Bergstämme dient eine Art Bürgergarde oder irreguläre Miliz, deren Streiter Cuadrilleros genannt werden.
Der Volksschulunterricht ist obligat, jede Gemeinde hat ihre Schule. Der Unterricht soll in spanischer Sprache erfolgen, was aber bis in die neueste Zeit ausserhalb des nächsten Umkreises von Manila nur selten vorkam, indem einestheils spanisch sprechende Individuen sich selten in die Provinz verirrten und anderntheils die Geistlichkeit mit Händen und Füssen sich dagegen sträubte, dass die Indier sich die spanische Sprache aneigneten, da sie dadurch ihre Vermittlerrolle zwischen den spanischen Behörden und den Indiern verlieren musste. Heute hat die Geistlichkeit diesen Widerstand aufgegeben, und es sieht in dieser Beziehung etwas besser aus. Die Localinspection wird von den Pfarrern ausgeübt. Vor mehr als zwanzig Jahren schon sagte Bastian (Reisen, V. 265) über die Tagalen der Prov. Laguna: „Man erstaunt über die verhältnissmässig grosse Menge derjenigen, die zu schreiben und zu lesen verstehen”. Tagalen findet man als Schreiber in allen Regierungsbureaux. Die grösste Freude tagalischer Eltern ist es aber, wenn sie ihren Sohn als Priester erblicken. Die Weltgeistlichkeit besteht beinahe ausschliesslich nur aus Mestizen und Tagalen, Visayern &c. Die farbigen Priester stehen in geringem Ansehen; wenn sie nicht besser sind als ihr Ruf, stehen die Sachen schlimm (m. vgl. darüber: Jagor, Phil. 104, n. Cañamaque a. v. St.). Selbst der ultramontane Baron Hügel sagt hierüber: „Es giebt in der That indische Pfarrer, welche eine Frau haben, mit der sie in der Pfarrei leben, und die Kinder nennen sie nach meiner eigenen Erfahrung ohne Umstände Papa” (Hügel, p. 287), und weiter: „Der Indier ist im Allgemeinen wenig dazu geeignet, die Pflichten eines Geistlichen und Pfarrers zu erfüllen. Ich ..... füge hier nur noch hinzu, dass sie manchmal ausschweifend leben, ihren Pfarrkindern dann ein schlechtes Beispiel geben, und dass ihre Pfarrbücher sich meistens in grosser Unordnung befinden” (l. c. 349). Eine grosse Anzahl von Aufständen hat eingeborene farbige Priester zu Urhebern gehabt, die sich durch Blutdurst und Grausamkeit gegen die Weissen auszeichneten.
Das Christenthum hat bei den Tagalen die unter dem Namen Amoklaufen bekannten Wuthausbrüche nicht beseitigen können, doch kommen derartige Fälle seltener vor als in den übrigen malaiischen Ländern (Jagor, Phil. 131). Die Amokläufer werden „posong” genannt (Mas, pobl. 119).
Die Industrie der Tagalen beschränkt sich meist auf Gewebe und Stickereien. Aus den Fasern der Ananasea sativa werden feine, vollkommen durchsichtige Zeuge gemacht, welche Piña oder Grasscloths heissen, sie werden mit zierlichsten Dessins bestickt und dann oft zu horrenden Preisen—ein Stück 2000 Thaler (Jagor, Phil. 112)—verkauft. Zu den Piña-Webereien werden statt eiserner Messer Bambusspäne benutzt (Jagor, Skizzen 176). Aus Abacá (Manilahanf) werden ebenfalls dünne und durchsichtige Hemdstoffe und Zeuge verfertigt, welche Sinamay und Nipis genannt werden und eine grössere Dauerhaftigkeit aufweisen als die Piña-Zeuge (Scherzer, Novara-Reise I, 600; Diaz Arenas 291). Beim Weben der Nipis-Stoffe pflegen sich die Arbeiterinnen vollständig einzuschliessen, damit nicht ein Luftzug die dünnen Fäden entzweireisse (Cañamaque, Filipinas 27). Tapis-Stoffe aus Seide und Baumwolle, blaucarrirte Baumwollenstoffe (Cambayas) werden ebenfalls von den Tagalen und zwar in ziemlichen Mengen fabricirt (Diaz Arenas, l. c.). Die Tapis-Weberei hat ihren Hauptsitz in der Provinz Bulacán (Jagor, Phil. 48). Aus Abacá werden auch leichte Luxusstoffe, „Júsi” genannt, verfertigt (Scheidnagel 75). Aus der Rohrgattung Nito werden Hüte europäischer Façon, Jalacó’s und Matten geflochten (Scheidnagel, l. c.). Hüte und Matten werden noch aus anderen Materialien—z. B. der Burí-Palme—gearbeitet (Scheidnagel 27; Jagor, Phil. 59). Aus dem unteren Ende der Blattstiele einer Calamus-Art werden Cigarrentaschen von ausserordentlicher Feinheit fabricirt, welche zu hohen Preisen, von 2–50 Dollar das Stück, verkauft werden (Jagor, Phil. 48). Kabel und Taue werden nicht nur aus den Fasern des Manilahanfes verarbeitet, auch die Gomuti-Palme (Arenga saccharifera) liefert ein ungemein festes und dauerhaftes Material, den sogenannten Cabo-negro, es ist diess eine schwarze Faser, welche den Ursprung der Blattstiele am Stamme jener Palme bekleidet (Jagor, Skizzen 10). Aus Pandanus-Gattungen, dann aus dem Bambus werden Maurerpinsel gemacht (Jagor, Skizzen 176). Aus der kletternden Mimose „Gogo” wird durch Zerklopfen der Rinde ein Seifenstoff gewonnen, der nicht allein beim Bade und der Kleiderwäsche benutzt wird, sondern auch den Goldwäschern dienlich ist; bei der Goldwäsche „wird dem Wasser der schleimige Saft des Gogo zugesetzt, der feine schwere Sand bleibt darin länger schweben als in blossem Wasser und lässt sich somit leichter vom Goldpulver trennen” (Jagor, Phil. 142). Dem Apíton-Waldbaume wird ein harziges Öl, der Baláo oder Malapájo, abgezapft, welches Eisen zehn Jahre lang vor dem Rosten schützt und zum Firnissen der Schiffe verwendet wird (Jagor, Phil. 230). Aus der Cocos-Palme wird ein Branntwein bereitet, welcher „Tuba” heisst, diese Industrie wird insbesondere am Südufer der Laguna de Bay betrieben (Jagor, Phil. 57, Mozo 89). Auch Öl wird von dieser Palme gewonnen, über deren vielfache Ausbeutung Scheidnagel (p. 74) viel Interessantes berichtet. Das Bambusrohr wird in ähnlicher Weise ausgenutzt, wie in allen übrigen Theilen des ostindischen Archipels. Zu Handwerkern macht Indolenz, Faulheit und Liederlichkeit die Tagalen unbrauchbar (man vgl. Mas, pobl. 66 u. 72). In Manila existirt eine eigenartige Klein-Industrie, es werden kleine Modelle einheimischer Fahrzeuge, Hütten &c. und Figuren zum Verkaufe an Fremde gearbeitet (Scheidnagel 121). Im Schiffsbau stehen sie noch ohne alle chinesische Concurrenz da und leisten wenigstens etwas hierin.
Zum Schlusse sei noch bemerkt, dass die Tagalen sehr starke Beimischungen fremden Blutes in ihren Adern haben, nicht nur Chinesen und Spanier, auch Japanesen (XVI. u. XVII. Jahrhdt.) haben zur Aufbesserung der Rasse beigetragen. Andere Beimischungen sind gering oder verwandter Natur; so fanden die Spanier bei der Besitznahme des von den Tagalen bewohnten Landstriches Luzon (verhältnissmässig) zahlreiche Borneaner angesiedelt, theils als Kaufleute, theils als mohammedanische Priester und Missionäre, wenn ich überhaupt den letzteren Titel ihnen geben darf. Die Spanier hingegen ergänzten die Mannschaft ihrer auf den Philippinen stehenden Linientruppen seit der Mitte des XVII. Jahrhunderts beinahe ausschliesslich mit mejicanischen (mitunter auch peruanischen) Indianern, welche sämmtlich nach abgelaufener Dienstzeit im Lande blieben und sich eingeborene Weiber nahmen. In Marigondon, an der Bai von Manila, liessen sich auch im Jahre 1661 Ternataner (Insel Ternate der Molukken) nieder.
2. Pampangos.
Die Pampangos wohnten zur Zeit der Conquista und noch im XVII. Jahrhundert an den nördlichen Gestaden der Bai von Manila, und ihre Wohnsitze erstreckten sich von da bis an den Knotenpunkt des mächtigen Caraballo Central, ohne aber im Gebirge selbst Fuss zu fassen. Heutzutage sind sie durch die Tagalen beinahe ganz vom Meere getrennt, und die wenigen dort lebenden Pampangos werden schnell „tagalisirt”. Die heutigen Wohnsitze der Pampangos befinden sich in folgenden Provinzen: Porac, Tarlac, Pampanga, Bataán, Zambáles und Nueva Écija. Porac und Tarlac werden nahezu ausschliesslich von Pampangos bewohnt, Pampanga in überwiegender Mehrzahl, doch beginnt die seit Anfang dieses Jahrhunderts immer grössere Dimensionen annehmende Einwanderung der Ilocanen die Herrschaft des Pampango-Dialektes stark zu gefährden. In Nueva Écija werden die nordöstlichen, in Bataán die nordwestlichen und in Zambáles die westlichen Territorien dieser Provinzen von den Pampangos eingenommen.
In ihrer körperlichen Erscheinung, wie in ihren Sitten und Bräuchen gleichen sie unter allen Malaien Luzons am meisten den Tagalen, so dass alles von diesen Gesagte auch für die Pampangos volle Geltung hat. Sie galten und gelten auch noch jetzt als die tapfersten unter den Malaien der Philippinen, die eingeborenen Truppen der Spanier recrutirten sich bis auf die Einführung der Conscription zum grössten Theile aus diesem kriegerischen Stamme, und sie haben ihrem Rufe überall Ehre gemacht, sowohl in den Kämpfen gegen die mohammedanischen Fürsten der Molukken, von Mindanao und Sulu als auch gegen europäische Soldaten, gegen Holländer und Briten. Bei der Unterdrückung der furchtbaren Chinesenaufstände von 1603 und 1639 haben sie sich besondere Verdienste erworben.
Als die Spanier sie unterwarfen (1571) waren sie zum grössten Theile Heiden, doch hatte auch hier der Islam bereits Eingang gefunden. Ihre ursprüngliche Religion kannte auch den Ahnencultus der Tagalen und war auch sonst mit jener der Tagalen identisch. Sie sind dann durch die Spanier zum Katholicismus bekehrt worden, doch gab es noch i. J. 1848 Heiden unter ihnen, denn Diaz Arenas spricht von 100 unterworfenen heidnischen (infieles) Pampangos, welche in dem erwähnten Jahre der spanischen Herrschaft unterworfen waren.
Sie besitzen auch Schlangenbeschwörer, welche Schlangenbisse heilen, diese Heilkünstler werden „Tavac” genannt (Mozo 97). Ihre Industrie ist im Vergleiche zu jener der Tagalen gering, sie umfasst dieselben Zweige wie bei den letzteren.
3. Zambalen (Zambales).
Die Zambalen oder Tinos bewohnen den mittleren und südlichen Theil der Provinz Zambáles, doch sind sie als wilde Bergstämme in geringer Zahl auch in den nördlichsten Theilen von Bataán anzutreffen. Erst zu Ende des XVII. und im Anfange des XVIII. Jahrhunderts gelang es den Spaniern mehr durch den Eifer der Missionäre als durch Waffengewalt sie zu unterwerfen, obgleich noch heute ein nicht unbeträchtlicher Theil dieses blutdürstigen Stammes in den Bergwildnissen entweder volle Unabhängigkeit behauptet oder durch Zahlung einer geringen Geldsumme sich die Freiheit sichert.
Die Zambalen zur Zeit der Conquista trugen das Haar bis auf eine frei herabwallende Locke geschoren (Morga-Stanley 269), von ihrer sonstigen Tracht wird Nichts erwähnt. Ihre Waffen waren Lanze, Schild, Messer und Pfeile, welche sie gut zu brauchen wussten. Sie lebten in Polygamie (Cañamaque, Filipinas 226). Grössere Hausthiere, nämlich Büffel (?), Rinder und Pferde erhielten sie erst durch die Missionäre (Cañamaque, Filipinas 134), Ackerbau scheint weniger als die Jagd getrieben worden zu sein, was vielleicht auf eine starke Beimischung von Negritoblut hinweist. Andererseits erwähnen Buzeta und Bravo, dass sie ein dem tagalischen ähnliches Alphabet besessen hätten, was für eine höhere Culturstufe spricht. Ihre Dörfer wurden nur von 10–30 Familien bewohnt und bildeten jedes einen Staat für sich, so dass wir hier derselben staatlichen Zersplitterung begegnen, wie bei den Tagalen. Die Häuptlinge waren bejahrte Leute, welche nur einen geringen Einfluss auf ihre Untergebenen auszuüben vermochten. Die einzelnen Dörfer waren in beständige Fehden miteinander verwickelt, eine Folge ihrer eigenthümlichen Sitten. Starb nämlich Jemand, so legten seine Hinterbliebenen Trauer, d. h. eine schwarze Kopfbinde an, welche sie nicht eher ablegen durften, als bis sie Jemanden getödtet hatten, was an eine ähnliche Sitte der Negritos lebhaft erinnert. Dann wurde die Binde abgelegt und die Trauer mit einem Saufgelage beendet. Ein Mord oder Todtschlag innerhalb eines und desselben Tribus wurde entweder mit Gold oder Silber gesühnt oder es wurde der Familie ein Sclave oder Negrito (Cañamaque, Fil. 128) gegeben, um als Sühnopfer abgeschlachtet zu werden.
Die Zambalen waren wie noch jetzt die Dayaks wüthende Kopfjäger, je mehr Köpfe erschlagener Feinde ein Zambal von einem Kriegszuge heimbrachte, desto höher stand er im Ansehen der Seinen, wodurch ihre angeborene Mordlust noch mehr gesteigert wurde (Cañamaque, Filipinas 126). Sie stiegen deshalb von den Gebirgen in die Ebenen der benachbarten christlichen Provinzen und lauerten Reisenden auf oder suchten zur Nachtzeit sich an die Dörfer heranzuschleichen. Die Schädel der Erschlagenen benutzten sie angeblich (Mozo 86) als Trinkgefässe. Auf einer Art Trophäe, welche sie beständig mit sich herumtrugen, machten sie die Zahl der erbeuteten Schädel ersichtlich (Cañamaque, Fil. 127). Nach P. Juan Ferrando (Historia de los P. P. Dominicos en las Islas Filipinas in Cañamaque, Filipinas 124) pflegten die Zambalen in ihrer Gier nach Feindesschädeln jeden Menschen zu tödten, der nicht gerade zu ihrem Stamme gehörte, und führten dann um die Schädel „satanische” Tänze auf; Ähnliches berichtet Mozo (l. c.), indem er erwähnt, dass sie die abgeschlagenen Köpfe zur Verherrlichung ihrer Feste heimschleppen. Durch diese Kopfjägerei unterscheiden sie sich auffallend von den Tagalen und Pampangos, welche diese Sitte nicht kannten.
Die Religionen der alten Tagalen und Zambalen waren nicht, wie Buzeta und Bravo berichten, identisch, aber doch sehr ähnlich. Sie kannten einen obersten Gott („Malyari”), zwei minder mächtige Hauptgottheiten Acasi und Manglobag und eine Anzahl Diiminores. Der Priesterstand spielte bei ihnen eine wichtigere Rolle als bei den übrigen Malaien der Philippinen. Der Hohepriester oder Papst („Bayoc”) weihte den einzelnen Gottheiten unter langen Ceremonien die Priester. Nach Ferrando (Cañamaque, Fil. 129) spendete der Bayoc auch—wenn gleich selten—eine Art Taufe mit Schweineblut, wie denn auch hier, wie überall in diesem Archipel, das Schwein als das den Göttern angenehmste Opferthier galt. Die heiligen Feste arteten in Orgien aus. Wie viele von diesen Bräuchen sich noch heute bei den unabhängigen Zambalen (den „Cimarrones” oder „Infieles”[5]) erhalten haben, ist mir unbekannt. Sie leben in kleinen Dörfchen (Rancherías), deren Häuptlinge (Reyes oder Reyezuelos) den Verkehr mit den spanischen Behörden vermitteln. Sie leben von erlegtem Wilde, Honigwaben und Bataten (Camote), deren Anbau ihnen erst durch die Spanier bekannt wurde. Reis kaufen sie von ihren christlichen civilisirten Brüdern und bezahlen ihn mit den von den Chinesen hochgeschätzten Bezoarsteinen und Tabak, den sie heimlich bauen und in der Nachtzeit in die christlichen Dörfer einschmuggeln[6]. Die meisten Horden stehen zu den Spaniern auf dem Kriegsfuss, wohl hauptsächlich aus dem Grunde, weil die spanischen Finanzwächter ihre Tabakpflanzungen vernichten, doch scheint ihre Mordlust und Kopfjägerei längst erloschen zu sein, sie sind froh, wenn man ihnen Ruhe giebt.
Die christlichen Zambalen weisen dieselbe Tracht auf wie die Tagalen, deren Agricultur und Industrie auch die ihre ist, wenn auch letztere noch in den Kinderschuhen liegt. Ein Rest alter heidnischer Sitte zeigt sich bei den Leichenfeierlichkeiten. So lange die Leiche im Sterbehause liegt, werden alle Eintretenden mit Speise und Trank reichlich bewirthet, und ungenirt zeigt sich allenthalben unter den Gästen frohe Lustbarkeit. Auch bei dem eigentlichen Begräbnisse herrscht keine Trauer, nur das gemiethete Klageweib heult in ohrzerreissenden Tönen hinter dem Sarge (Cañamaque, Recuerdos I, 21 u. f.). Ob der Ahnencultus bei den christlichen Zambalen sich ebenso erhalten hat wie bei den Tagalen, ist mir unbekannt geblieben.
Es scheint nicht als ob die Zambalen sich als besonderer Dialektstamm werden erhalten können, die zahlreichen Einwanderer von Ilócos drohen vermöge ihrer activen Kraft diesen an und für sich schwachen Stamm ganz in sich aufzusaugen, wie diess in Bataán durch die Tagalen geschehen ist.
4. Pangasinanen (Pangasinanes).
Die Pangasinanen bewohnen die westlichen und südlichen Gestade des Golfes von Lingayen. Auch sie werden von den Ilocanen mehr und mehr zurückgedrängt; in den Zeiten Don Juan de Salcedo’s waren die südlichen Küstenstriche der heutigen Provinz La Union von Pangasinanen besiedelt, wo jetzt der Ilocos-Dialekt der herrschende ist. Selbst in dem Stammlande dieses Malaienzweiges, in Pangasinán, behaupten sie sich nur noch an dem Meeresstrande, das ganze Hinterland und der nördliche Theil dieser Provinz ist der friedlichen Invasion der thätigen Ilocanen anheimgefallen, welche in diesen Strichen Luzons dieselbe Rolle spielen, wie die angelsächsischen Squatter unter den spanischen Hacenderos von New Méjico und Tejas. Pangasinanen sind als Colonisten auch in dem District Benguet anzutreffen, Niederlassungen derselben findet man auch in der Provinz Nueva Écija. Compact aber wohnen sie, wie gesagt, nur am Golf von Lingayen vom Cap Bolinao bis S. Fabian.
Seit 1572 sind sie der spanischen Krone unterworfen, seit 1574–76 auch ziemlich alle christianisirt worden, so dass wir bei ihnen dieselben Einrichtungen und Institutionen, Tracht und Bräuche antreffen, wie bei den Tagalen. Die Pangasinanen sind sehr fleissige Ackerbauer, Reis, Zuckerrohr und Indigo werden stark gebaut (Scheidnagel 29), der Reis speciell wird in grossen Massen exportirt, und nicht allein nach China, sondern auch nach Annam und Siam (Jagor, 239) ausgeführt. Mais wird gleichfalls sehr stark gebaut, doch dient er nur zum Viehfutter; nur in Zeiten, wo die Reisernte missrathen ist, auch zur Nahrung der Menschen (Ilustr. 1861, p. 104). Ausgedehnte Cocospflanzungen sind allenthalben zu finden, in welchen unter anderen die schöne und von den Indiern so hochgeschätzte Macalimba-Varietät dieser Palme bevorzugt wird. In den Zeiten der Conquista waren die Cocoshaine (Cocales) viel ausgedehnter als wie heute, wo der Mais- und Indigobau sowie die Pflege des Zuckerrohrs die Pangasinanen die Cultur dieser Palme um so eher vernachlässigen liess, als einige Mal ein kleines Insect riesige Cocosbestände in kurzer Zeit verwüstete.
Ihre Industrie beschäftigt sich mit denselben Artikeln wie jene der Tagalen, als besondere Specialitäten der Pangasinan-Industrie werden sehr feine Hüte aus Nito- und Bejuco-Geflecht genannt (Scheidnagel 30). Aus der Rinde des Coliao-Baumes arbeiten sie sehr haltbare Taue und Stricke, welche nach dem Baume Coliaos heissen (Scheidnagel 127).
Zur Zeit der Conquista hatten sie dieselben religiösen Anschauungen wie die Tagalen, heute sind alle insgesammt Katholiken. Heiden giebt es nicht mehr unter ihnen, auch findet bei den Pangasinanen seltener das „Remontarse” Statt, d. h. die Flucht in die Wälder, um dort wie ein Wilder zu leben.
5. Ilocanen (Ilocanos).
Zur Zeit der Conquista bewohnten die Ilocanen einen schmalen Küstenstrich vom Golf von Lingayen an bis hinauf zum Cap Bogeador. Nach dieser Zeit breiteten sie sich, zum Theil unter dem Schutze der spanischen Bajonnette, immer weiter und weiter aus. Sie besitzen eine grössere Expansivkraft als die so vielgepriesenen Tagalen. Heute bewohnen die Ilocanen die Provinzen Ilócos Norte (nur den Küstenstrich), Abra (neben Tinguianen und Igorroten), Ilócos Súr und La Union. Dann haben sie den nördlichen Theil und das Hinterland von Pangasinán inne. Zahlreiche ilocanische Einwanderer haben das fast gänzlich entvölkerte Thal von Benguet mit hoffnungsvollen Ansiedelungen versehen, in Zambáles, Pampanga und Nueva Écija ist ihre Zahl beständig im Steigen begriffen, dasselbe gilt vom westlichen Küstenstrich von Cagayán. Selbst nach den Batanes- und Babuyanes-Inseln treibt sie ihre rege Wanderlust, ja sogar im District Príncipe, an der Ostküste Luzons, haben sie sich als strebsame Colonisten mitten unter Tagalen und Ilongoten niedergelassen. In den Districten Lepanto und Bontoc sind sie gleichfalls mitten unter den Bergstämmen der Igorroten zu finden, doch muss hier ausdrücklich bemerkt werden, dass in diesen beiden Districten alle getauften Indier, gleichgültig ob sie nun Igorroten, Buriks sind, Ilocanos genannt werden, ohne Rücksicht auf ihre Abkunft (Lillo Gracia 17). Es pflegen auch in der That die getauften Igorroten die Sprache der (ihnen nahe verwandten?) Ilocanen ganz anzunehmen, und es mag vielleicht diese—freilich geringe—Beimischung mit dem Blute dieses so tapferen und kräftigen Bergvolkes auch etwas zu der lebendigen Kraft und Expansionsfähigkeit beigetragen haben, welche die Ilocanen so vortheilhaft vor der Passivität der übrigen Indios civilisados auszeichnet.
Die Tracht gleicht mehr oder minder jener der Tagalen. Unentbehrlich erscheint ihnen das Waldmesser „Sual”, welches sowohl zum Bearbeiten der Erde als auch zum Behauen der Balken und Fällen der Bäume dient (Scheidnagel 124). Als Jagdwaffe benutzen sie denselben Wurfspiess wie die Igorroten, den sie gleichfalls „Cayang” nennen.
Sie bauen Reis, Indigo, Mais, Zuckerrohr, Cacao, Kaffee, Cocos, Oliven und Weinreben (Ilustr. 1860, n. 14, p. 164) und überdiess Baumwolle (Ilustr. a. a. O., Cañamaque, Filip. 29). Die Hauptnahrung ist auch hier der Reis, nächst diesem werden sehr viele Fische genossen; aus dem Fische Ipon oder Dolon, der massenhaft gefangen wird, bereitet man durch Einsalzen desselben die Speise „bayon” (Ilustr. 1860, n. 12, p. 152). Die Viehzucht ist in blühendem Zustande, indem die Ilocanen an den Bergvölkern gute Käufer ihrer Büffel, Rinder und Schweine finden. Die Pferde von Ilócos gehören angeblich zu den besten der Philippinen (Ilustr., l. c.). Früher war Viehraub an der Tagesordnung (Mas, pobl. 80).
Die Industrie der Ilocanen ist ziemlich entwickelt, sie besitzen sogar eine Specialität, nämlich aus Baumwolle gewebte Mäntel, die sogenannten „mantas de Ilócos”, welche einen wichtigen Exportartikel nach den übrigen Theilen von Nord-Luzon bilden. Nach Diaz Arenas (p. 291) liefert Ilócos Sur ausgezeichnete Sinamay- und Nipis-Zeuge. In Ilócos Norte kommt die Abacá (Manilahanf) nicht mehr fort, als Surrogat dient die Mague-Pflanze, deren Fasern ähnliche Eigenschaften besitzen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 200). Sonstige Industrieartikel entsprechen den tagalischen. Scheidnagel nennt drei Ölgattungen, welche in Ilócos erzeugt werden: Palo-María, Macabujay und Tagumbao.
Über ihre Religion zur Zeit der Conquista ist mir Nichts bekannt, sie wurden durch den Cortés der Philippinen, Don Juan de Salcedo, der spanischen Krone unterworfen, und sind schon über drei Jahrhunderte Christen. Aus den Zeiten ihrer Unabhängigkeit datirt das grosse Missverhältniss zwischen Reich und Arm. Die Edelleute (principales) haben den Reichthum in ihren Händen, ihnen gegenüber steht die grosse Masse der immer mehr verkommenden Plebejer, der sogenannten Cailianes. Die Edelleute pflegten den Cailianes Seide oder Baumwolle zu geben, welche sie zu Geweben verarbeiten sollten. Bei der Ablieferung derselben pflegten die Cailianes bedeutend verkürzt zu werden, indem die Principales bald schlechte Beschaffenheit des Gewebes oder zu geringes Gewicht zum Vorwande nahmen, um die Cailianes zu ihren ihnen rettungslos verfallenen Schuldnern zu machen, indem sie ihnen keinen Lohn zahlten (Mas, hist. II, 60). Diese harte Bedrückung verursachte zwei blutige Plebejer-Aufstände in den Jahren 1762 und 1811. Obwohl diese Übelstände in der Neuzeit so ziemlich beseitigt erscheinen, so ist es vielleicht nicht unwahrscheinlich, die rege Auswanderungslust der Ilocanen auf die unerquicklichen Verhältnisse der Heimath zurückzuführen.
6. Ibanags oder Cagayanen (Cagayanes).
Die Ibanags werden gewöhnlich Cagayanes genannt, weil ihr Hauptsitz die Landschaft Cagayán und der Unterlauf des gleichnamigen Stromes ist. Diejenigen von ihnen, welche auf den Batanes- und Babuyanes-Inseln wohnen, wurden früher als ein besonderer Stamm angesehen, doch lässt sich hierüber nichts Sicheres sagen, da unsere Nachrichten über die Batanes mehr als spärlich sind. Sie bewohnen die Babuyanes-Gruppe, welche auch den Namen Islas de Ibanag führen, die Batanes-Inseln, ferner das Küstengebiet der Provinz Cagayán; ihre Ansiedelungen gehen das Thal des Rio Grande de Cagayán hinauf bis nach Furao hin in der Provinz Isabela. Der Ibanag-Dialekt dient im ganzen Stromgebiete des Rio Grande als Verkehrssprache mit den wilden Bergstämmen, es dürfte hier das Ibanag-Idiom nach und nach die Sprachen jener Horden vollständig verdrängen. Ich glaube, dass ein ähnlicher Vorgang auch auf den Batanes sich abgespielt hat, denn die Beschreibung, welche Dampier von jenen „Bashee”-Insulanern giebt, lässt sich schwer mit den Schilderungen in Übereinstimmung bringen, welche uns die Spanier von dem Habitus, der Tracht und Lebensweise der Cagayanen zur Zeit der Conquista niederschrieben. Baron Hügel schreibt über die Batanes (S. 69): „Die Bewohner werden als ein starker, gutmüthiger und vollkommen harmloser Menschenstamm geschildert”. Diess stimmt nicht mit dem Charakter der Ibanags Luzons überein, denn diese werden einstimmig von allen Schriftstellern, von den ältesten bis zu den modernsten herab, als ein kriegerischer und trotziger Stamm geschildert, und es hat auch in der That den Spaniern die Eroberung Cagayans mehr Blut gekostet, als jene der übrigen Provinzen Luzons. Reisbau, Schweine- und Ziegenzucht, sowie die Bereitung eines Branntweines aus Zuckerrohr oder Reis entsprechen ganz den ähnlichen Verhältnissen von Cagayán. Den Golddraht, den die Batanes um die Arme tragen, trugen die Cagayanen in den Zeiten der Conquista ebenfalls. Nach Waitz (Anthr. V, 62) sind die Bewohner physisch den Dayaks ähnlich, auf S. 101 werden sie wie folgt beschrieben: Farbe: dunkelkupferbraun, Gestalt: klein und untersetzt, Gesicht: rund, Stirne: niedrig, Augen: klein mit starken Augenbrauen, Nase: kurz und klein, Haar: dick und schlicht. Diese Beschreibung entspricht auch dem Bilde der Cagayanen.
Die Ibanags von Cagayán sind seit dem XVI. Jahrhundert Christen, ebenso jene der Babuyanen, die Batanes sind aber noch zum grösseren Theile Heiden, leider ist es mir nicht möglich gewesen, etwas über ihre Religion zu erfahren. Die Cagayanen bekannten sich in der Zeit der Conquista ebenfalls zu einer Art von Ahnencultus, wie die Tagalen, Pampangos &c.
Wie bei den naheverwandten Ilocanen war auch hier die tiefe Scheidewand zwischen den Edelleuten und Plebejern vorhanden. Die letzteren heissen in Cagayan „timavas”, was wohl mit dem tagalischen „timauas” identisch ist, womit bei den Tagalen Freigelassene in den Zeiten vor der Conquista benannt wurden. Auch hier machte sich der Hass der unterdrückten Kaste durch blutige Aufstände Luft.
Die Ibanags von Cagayan und Isabela bauen dieselben Pflanzen wie die Ilocanen, die Hauptmasse der Bevölkerung widmet sich aber—zwangsweise—dem Tabaksbau, denn der Tabak dieser beiden Provinzen ist der beste der Philippinen. Die Härte, womit die Zwangscultur dieser Pflanze von der Regierung überwacht und durchgeführt wird, lässt keine nennenswerthe Industrie aufkommen (man vgl. darüber: Semper, Skizzen 41 f. und 131 f.). Die Finanzbehörde der Colonie bleibt den Tabakbauern oft Jahre hindurch den Betrag für die abgelieferten Blätter schuldig (Cañamaque, Filipinas 30).
Auch bei den Ibanags herrscht eine grosse Auswanderungslust, besonders Manila zieht sie an, wo sie halbnackt in grossen Schaaren anlangen (Buzeta I, 240).
7. Igorroten mit Buriks und Busaos (Igorrotes).
Mit dem Namen „Igorrotes” wird viel Unfug getrieben. Spanische Schriftsteller haben alle heidnischen sogenannten „wilden” Bergstämme Luzons Igorrotes getauft, und so kamen auch unter anderen „Igorroten von Camarínes”, „Igorroten von Tayabas” in die ethnographische Literatur. Andere Autoren, wie z. B. der gelehrte D. Sinibaldo de Mas, bezeichneten mit diesem Namen alle Bergstämme Nord-Luzons, mit Ausnahme der Tinguianen, was immerhin eine gewisse Berechtigung hätte. Ich fasse unter dieser Bezeichnung die Igorroten im engeren Sinne und die Busaos und Buriks zusammen, denn diese haben eine gemeinsame Sprache, welche nur geringe dialektische Verschiedenheiten aufzuweisen hat (mündliche Mittheilung von Herrn Gumersindo Morales). Auch unterscheiden sich diese Stämme nur durch Tracht und Tätowirung voneinander, während Sitten und Bräuche nur unerheblich voneinander abweichen.
Die Heimath der Igorroten bilden die Provinzen oder Districte: Benguet, Lepanto, Tíagan und Bontoc. Nach Scheidnagel (a. v. St.) finden sich auch Igorroten-Niederlassungen in den Provinzen Abra, Nueva Vizcaya und Isabela vor, doch ist es fraglich, ob Scheidnagel nicht hier den Namen der Igorroten in der oben angegebenen Weise missbraucht. Die Busaos haben die nördlichsten Sitze inne. Von der Cordillere Tila oder Tovalina an wohnen sie in den Districten Tiagan, Lepanto (nördliche Hälfte) und in Bontoc, in letzterem im Quellgebiete des Rio Caycayan. Nach der Ilustracion del Oriente (Jgg. 1818, Nr. 1, p. 4) sind sie auch in Benguet wohnhaft, was mir unwahrscheinlich vorkommt, da sie von diesem Districte durch die Buriks getrennt sind. Zu Grenznachbarn haben sie im Norden die Tinguianen und Guinanen, im Osten die Itetapanen und vielleicht auch die Suflin; südlich von ihnen wohnen die Buriks, im Osten von Santa Cruz und im Westen des Monte Data. Ihre wichtigeren Orte sind: Suyuc, Cayan, Sabangan, Cabugatan, Banao und Mancayan (Yamcayan).
Südlich von den Buriks wohnen die eigentlichen Igorroten, deren Stammland das Thal von Benguet ist, obwohl sie jetzt in diesem Thale nur in verhältnissmässig geringer Zahl wohnen, indem die blutigen Kriege, welche in den zwanziger und dreissiger Jahren dieses Säculums zur Unterwerfung dieses kriegerischen Stammes führten, das blühende Land beinahe entvölkerten. Ihre wichtigeren Orte sind Benguet, Apayao, Cabacan (Cabagan), Buguias (Bujias) &c. v. Drasche (Fragm. einer Geologie, p. 27) traf Igorroten zwischen S. Nicolas am Rio Agno und Bambang (Provinz Nueva Vizcaya), bis zum Caraballo Sur. Auch hier muss ihre Zahl erheblich sich vermindert haben, denn gegen die geringe Zahl der Individuen stach die Menge der verlassenen und verfallenen Hütten ab. Einst war das von den Igorroten bewohnte Territorium grösser, im XVII. Jahrhundert wird noch der Berg von Sto. Tomas als in der „Tierra de Ygolotes”[7] liegend mehrfach erwähnt, und noch 1747 reichte das Gebiet der Igorroten bis zum Weichbilde der Pueblos Agoo und Aringay (Mozo 81). 1829 war die Grenze bis zum Monte Tongló (beim Monte Sto. Tomas) zurückgewichen (Mas, pobl. 46). In den Districten Lepanto und Bontoc zählte man 1876 19 852 unterworfene und 29 600 unabhängige Igorroten incl. Buriks und Busaos, während Diaz Arenas für das Jahr 1848 die Zahl 12 304 für die damaligen Provinzen Pangasinán („in der Cordillera grande”), Abra und Ilócos Sur angiebt.
Ihre Hautfarbe ist ein „nicht sehr dunkles Olivenbraun, seltener das Gelb der Mestizen” (Semper, Erdk. XIII, 90) oder gelblich kupferfarben (Ilustr. 1860, n. 12, p. 151). Nach Buzeta und Bravo (Diccionario I, 52) zeigt ihre Haut die Farbe gekochter Quitten. Ihr Körperbau ist kräftig, die Muskulatur gut entwickelt (Ilustracion, l. c., Semper, l. c.). Die Durchschnittshöhe der Männer beträgt nach Semper (Erdk. XIII, 89) 4′ 8″ 2‴, bei Weibern 4′ 5″ 4‴ Pariser Maass.
Professor Virchow nennt einen Igorrotenschädel „ausgezeichnet dolichocephal”, „von den Malaienschädeln ganz verschieden” und bemerkt weiter, „er nähere sich mehr den Formen von Palembang”. Nach Professor Semper ist auch das Gesicht länglicher und die Stirne mehr gebogen und zurücktretend als bei den Tagalen (Erdk., XIII, 90). Die Augen sind schwarz und gross, der äussere Augenwinkel ist spitz und etwas schräg nach oben gestellt (Semper, l. c.; Buzeta y Bravo I, 52; Ilustracion 1860, n. 12, p. 151). Die Wangen sind gross und breit (Buzeta, l. c.). Das dichte Haar ist schwarz, glatt und ohne Glanz (Semper, Erdk., XIII, 91; Mas, pobl. 24). Erwähnenswerth ist, dass nach Lillo Gracia (p. 17) es auch reinblütige Leute giebt, die einen ebenso dichten Bart haben wie Europäer, doch lassen sich nur einzelne Berg-Igorroten von Lepanto den Bart stehen, die überwiegende Mehrzahl zieht sich die Haare am Kinne, der Brust, den Achselhöhlen und Schamtheilen mit einer kupfernen Zange aus (Semper, Erdk. XIII, 91).
Allgemein wird behauptet, dass die Igorroten stark mit chinesischem Blute gemengt seien, ja es wird sogar von Mischung mit Japanern gesprochen (Novara-Reise, Ethnogr. Th., p. 32; Semper, Erdk. XIII, 89). Semper sagt: „Jemehr man sich nördlich wendet, um so schärfer tritt der mongolische Charakter hervor”. Nach ihm (Erdk., l. c.) zeigen die grossen Individuen chinesischen, die kleinen malaiischen Typus. An einer anderen Stelle (l. c., S. 91) bemerkt er: „Die Weiber nähern sich im Allgemeinen mehr dem malaiischen Typus”. Mozo bemerkt hierüber: „aparecen muy semejantes á los Chinos ..... especialmente en los ojos, en que no los quitan pinta” (Misiones, p. 63). Mas (pobl. 24) findet es auffallend, dass in ihrer Sprache der spanische Laut ch, entsprechend dem deutschen tsch, vorkommt, den angeblich die Dialekte der übrigen Malaienstämme nicht kennen. Lillo Gracia sagt von ihrer Sprache, sie sei einem corrumpirten Ilocanisch ähnlich, besitze aber eine eigenthümliche nasale Accentuirung, die an das Chinesische erinnere. Eine Vermengung mit Chinesen lässt sich nicht gut nachweisen, sie müsste jedenfalls vor der Einwanderung der Ilocanen erfolgt sein, so lange die Igorroten noch im Besitze der Küste waren, denn sonst müssten die Ilocanen auch einen chinesischen Typus aufweisen, da die Chinesen wohl mehr Berührungspunkte zu einem intimen Verkehre mit diesen vorfanden, als mit den tieferstehenden Igorroten. Jedenfalls heisst es in dieser Frage nicht voreilig sein, sondern specielle Untersuchungen über diesen Gegenstand abwarten.
Das Haar tragen Männer und Weiber „vorn geradlinig über der Stirn und zu beiden Seiten des Gesichts abgeschnitten, so dass es fast die ganze Stirn bis zur Nasenwurzel, sowie die Ohren bedeckt”; am Hinterkopf lassen sie es oft lang wachsen und binden es in einen Knoten zusammen (Semper, Erdk. XIII, 91). Doch wechselt die Haartracht bei den einzelnen Stämmen (Lillo 30). Die Igorroten im engeren Sinne des Wortes tätowiren ihren Körper an Händen, Armen und der Brust (Lillo 31), doch beschränkt sich diese Sitte in den meisten Dörfern nur auf ein rohes Sonnenbild, welches auf die Handrückenfläche gemalt wird (Semper, Erdk. XIII, 90), insbesondere die Weiber dehnen die Tätowirung zumeist auf keinen anderen Körpertheil aus (Lillo, l. c.). Die Tätowirungsmuster auf Brust und Armen sind Combinationen gerader und krummer Linien, seltener findet man bildliche Darstellungen von Menschen und Thieren (Semper, l. c.). Die Tätowirungsmuster haben eine schmutzig-blaue Farbe und werden der Haut durch Nadelstiche beigebracht, die Nadel selbst ist in eine Farbmasse getaucht, welche aus Öl und einem Pulver, das durch Verbrennung blauer Baumwollenstoffe gewonnen wurde, zusammengesetzt ist (Lillo 31). Die Busaos-Igorroten tätowiren sich Blumengebilde auf die Arme (Mas, pobl. 25; Ilustracion, 1860, 152 und 285; Bastian, Reisen V. 273; Ilustr. del Oriente, 1878, Nr. 1, p. 4), andere Körpertheile werden nicht tätowirt. Die Buriks-Igorroten tätowiren sich den Körper in einer Weise, dass er wie mit einem Panzerhemde bedeckt erscheint, während die Arme mit schlangenartigen Mustern versehen werden (Mas, pobl. 25). Bemerkenswerth ist die Sitte, dass bei Vornehmen die Zähne mit einem breiten Goldblech bedeckt werden (Semper, Erdk. XIII, 90). Denselben Brauch fanden die Spanier bei der Eroberung des Archipels bei Tagalen und Visayern vor.
Den schmutzigen Körper und die nie gekämmten Haare verhüllen verschiedenartige Tracht und Gewandung. Bei der Feldarbeit wird von den Männern nur der Bajaque oder Baac—eine Art Schurz—getragen (Lillo 31). Der Bajaque besteht aus Baumwollenzeug oder Baumrinde (Mas, pobl. 23). Sonst wird noch ein Mantel getragen, „aus Baumwollenzeug verfertigt und ilocanischer Provenienz”, da dieser „Mantel” viereckig ist, könnte er wohl besser Plaid genannt werden. Der Plaid ist lang genug, dass er doppelt um den Leib herumgeschlagen werden kann, er ist blau und weiss gestreift oder schwarz; wenn ganz von weisser Farbe, gilt er als Trauergewand (Mas, pobl. 23). Diese anscheinende Anlehnung an chinesischen Brauch liefert aber kein neues Beweismaterial für die Chinesen-Abstammungs-Hypothese, denn die Spanier fanden in den Zeiten der Conquista Weiss als Trauerfarbe im ganzen Archipel, und noch heute ist es so auf den Sulú-Inseln.
Der Kopf wird meist unbedeckt getragen (Semper, Erdk. XIII, 89), sonst tragen die Berg-Igorroten ein Zeug turbanartig um den Kopf gewunden, während die Thalbewohner mit dem Salacó das Haupt bedecken (Lillo 31). Die Tracht der civilisirten Indier (gleich der tagalischen) beginnt bereits in den Grenzdistricten die nationale zu verdrängen (Lillo, l. c.). Die Weiber tragen eine bis zu den Knieen reichende Schürze, ferner ein jackenartiges Hemd mit langen Ärmeln, welches die Brüste durch einen Schlitz erblicken lässt, beide Kleidungsstücke sind indigoblau mit weissen Streifen (Semper, Erdk. XIII, 89; Ilustr. 1860, p. 151). Die Häuptlinge tragen im Kriege einen eigenthümlichen Barigués oder Porta-itac genannten Gürtel, welcher aus kleinen blendend weissen Steinchen zusammengesetzt ist (Scheidnagel 124). Die Kleider werden nie gewaschen (Lillo 31).
Als Schmuckgegenstände dienen beiden Geschlechtern Ringe und Schnüre um Hals, Arme und Beine, sowie Ohrgehänge. Um den Hals werden mit Glasperlen und Steinen bedeckte Schnüre getragen (Semper, Erdk. XIII, 90), manche legen einen aus Kupferblech bestehenden Halsschmuck an, einige tragen förmliche Hunde-Halsbänder (Lillo 30). Die Arm- und Beinringe bestehen aus Metalldraht, Glasperlenschnüren oder Pflanzenflechtwerk (Semper, Erdk. XIII, 90); eine besondere Gattung dieser Ringe heisst Bali, wird aus Kupfer verfertigt und ist mitunter vergoldet (Scheidnagel 125). Die Ohrgehänge, welche auch von den Männern getragen werden, bestehen aus Gold, Kupfer und Hundezähnen (Lillo 30; Scheidnagel, l. c.). In Ermangelung von etwas besserem werden auch Holzpflöcke in die Ohren gesteckt. Je grösser die Ausdehnung des Ohrläppchens ist, desto grösser der Stolz.
Tabak, Geld und andere Gegenstände werden in einer Art Patronentasche aus Rohrgeflecht getragen, welche an einem Bandelier hängt (Lillo 30). Semper sah viele Igorroten, welche an einer (Glas-) Perlenkette einen Ohrlöffel und jene Kupferzange beständig mit sich trugen, welche zum Auszupfen der Barthaare dient.
Von ihren Geräthen und Waffen fällt zunächst ihre Axt Ligua (Aligua, Aliva) in die Augen, sie hat die Gestalt eines Trapezoids (Scheidnagel 124) und ist mit einer Spitze versehen, welche zum Aufspiessen des abgeschlagenen Feindeskopfes dient (Lillo 24). Dann kommt zunächst das zweischneidige Waldmesser Bujías oder Talibong (Talibon) in Betracht. Breite einschneidige Hackmesser, gleich den ilocanischen, und ebenso Bolos genannt, sind gleichfalls im Gebrauche. Der Talibong wird bei den Busaos nicht vorgefunden (Ilustr. 1860, p. 152). Zur Jagd wie zum Kriege dient als Hauptwaffe ein Wurfspiess mit eiserner Spitze, welcher Cayang genannt wird. Sie besitzen zwar auch Pfeil und Bogen, wissen aber diese Waffe nicht gut zu gebrauchen (Mas, pobl. 24). Als Schutzwaffe dient der aus Holz verfertigte Schild, Calata (Lillo 24). Sämmtliche Angriffswaffen sind aus Metall verfertigt, bezw. haben sie aus diesem verfertigte Spitzen, Eisen wird natürlich bevorzugt, kommt aber nur durch Handel in ihre Hände, weshalb in früheren Zeiten das Kupfer das Material zur Herstellung ihrer Waffen und Werkzeuge nahezu ausschliesslich hergab.
Von Transportgeräthen sind erwähnenswerth der Apirang und der Cayabang, ersterer ist ein auf dem Rücken zu tragender Korb aus Rohr und Bambus, letzterer ist gleichfalls ein Korb von vollendeter Arbeit, welchen nur Weiber tragen, er hat die Gestalt eines abgestumpften Kegels; zum Fortschaffen und Aufbewahren verschiedener Gegenstände dienen auch die Sackgattungen Upit und Sagupit, beide aus Bejuco und anderen Rohr- und Gras-Gattungen geflochten. Der Upit hat einen doppelten Boden (Scheidnagel 126).
Die Dörfer der Igorroten sind nicht klein und erscheinen noch grösser durch den Umstand, dass jedes Haus von dem anderen durch einen viereckigen Hofraum geschieden ist (Semper, Erdk. XIII, 90), dieser Hofraum ist von einem aus rohbehauenen Steinen zusammengefügten Walle umgeben. Die Hütten sind je nach der Lage des Dorfes aus verschiedenen Materialien hergestellt; wo spanisches Rohr und Cogongras noch fortkommen, werden aus ersterem die Wände, aus letzterem die Bedachung verfertigt, in den höheren Gebirgen dienen zum Hausbaue Dielen und Balken aus Fichtenholz (Ilustracion 1860, n. 12, p. 151). Die Igorroten-Hütten in den Niederungen von Lepanto haben bereits ilocanisches Gepräge (Lillo 31). Der Grundriss ist viereckig, die Zimmer sind vier Fuss hoch; zwischen der Zimmerdecke und dem Dache ist der Reis aufgehäuft; selten läuft um das Haus eine Galerie (Semper, Erdk. XIII, 90). Die Hütten haben keine Fenster und nur eine einzige niedrige Eingangsthür, zu welcher man auf einer Leiter—denn auch hier ruhen die Hütten etwas erhöht über dem Erdboden—gelangt (Lillo 31). Der Feuerherd befindet sich gewöhnlich in der Mitte des einzigen Zimmers (Semper, Erdk. XIII, 90). In manchen Gegenden umgeben die Igorroten ihre Häuser mit Bambuszäunen (Scheidnagel 75). Das Innere der Hütten starrt von Schmutz, Russ und Asche (Semper, Erdk. XIII, 90; Mas, pobl. 24; Ilustracion 1860, n. 12, p. 151). Früher schmückten die Igorroten das Äussere und Innere ihrer Behausungen mit den Köpfen der erlegten oder geschlachteten Thiere aus, wodurch die ganze Umgebung der Hütte durch infernalischen Gestank verpestet wurde (Mas, pobl. 20; Semper, Erdk. XIII, 94), jetzt beginnt diese Sitte zu verschwinden, wenigstens in Benguet und Lepanto.
Die Igorroten sind fleissige Ackerbauer, sie bauen Reis, Mais, Patatas, Camote und verschiedene Gemüsegattungen, ferner Tabak. Kaffee wird zwar in ihrem Lande gepflanzt, aber diese Plantagen sind im Besitze und in Verwaltung von Spaniern und Mestizen (Lillo 41). Vor dem Auftreten der Spanier scheinen sie nur Reis gebaut zu haben und diesen nicht in genügender Menge, denn zu Ende des XVII. Jahrhunderts tauschten die Igorroten in Ilócos nicht allein Schweine und Büffel, sondern auch Reis ein (Morga-Stanley 284). Lillo Gracia sagt von den Igorroten von Lepanto, dass sie beständig darnach streben, neue, ihnen unbekannte Sämereien und Pflanzen anzubauen. Hie und da, wo das schon kühlere Klima ihres Landes es zulässt, bauen sie Zuckerrohr, Mangobäume und Apfelsinen (Semper, Erdk. XIII, 72).
Bewunderungswürdig ist die Anlage ihrer Felder an steilen Berglehnen und das Berieselungssystem, welches ihren Äckern das nöthige Wasser bringt. Die schroffsten Abhänge sind durch mühseliges Aufthürmen von Felsblöcken in Terrassenfelder verwandelt worden (Semper, Skizzen 59, und in Erdk. XIII, 91; Lillo 39). Den Feldern wird das Wasser durch ausgezeichnet nivellirte Canäle zugeführt, Schluchten und Bergklüfte werden durch primitive Aquäducte überbrückt, welche aus rinnenartig ausgehöhlten Baumstämmen hergestellt sind (Lillo 40). Um fruchtbare Äcker zu gewinnen, brennen die Igorroten grosse schöne Fichtenwaldungen nieder (Lillo 46). Das Pflügen und der Terrassen- und Canalisirungs-Bau liegt den Männern ob, alle übrige Feldarbeit ist Sache der Weiber und Kinder (Lillo 32). Der Reis wird nicht geschnitten, sondern Halm für Halm ausgerissen (Semper, Erdk. XIII, 91). Nach der Ernte werden die Felder unter Wasser gesetzt und dann gepflügt. Zu letzterer Arbeit wird nur in den Niederungen der Büffel mit benutzt, in den Berghöhen arbeitet der Mensch allein (Lillo 39). Der Pflug ist eine Art Harke (Semper, l. c.). In Lepanto besteht er aus eisenbeschlagenen Stäben, welche die Erde aufreissen, worauf die Schollen durch Daraufschlagen zerbröckelt werden (Lillo, l. c.).
Von einer Viehzucht in dem bei uns üblichen Sinne des Wortes ist bei den Igorroten keine Rede. Sie besitzen zwar Büffel, Schweine (und seltener) Rinder und Pferde, aber ohne sich mit deren Zucht und Pflege zu befassen, so dass sie genöthigt sind, diese Thiere in grossen Mengen in Ilócos aufzukaufen, denn bei ihren Festschmäusen werden ungeheuere Massen Fleisch vertilgt, der Bedarf ist daher ein grosser. Die Pferde werden nur des Fleisches wegen gezogen, die wenigen, welche nicht dem Schlachtmesser verfallen, sind durch frühe Dienstleistung bald ruinirt (Lillo 41). Auch der Hund muss sein Fleisch hergeben. Da das letztere Thier, sowie das Schwein und das Huhn nur unter gewissen Ceremonien und unter priesterlicher Beihülfe geschlachtet werden können (Semper, Erdk. XIII), so ist der Schluss berechtigt, dass diese drei Thiergattungen die einzigen Hausthiere der Igorroten waren, als sie Luzon betraten und ihre jetzigen Wohnsitze einnahmen. Trotz dieser Vorliebe und religiösen Scheu Schweinen und Hühnern gegenüber sind die Igorroten von Lepanto so nachlässig und träge, dass sie, anstatt diese Thiere selbst zu ziehen, solche zu ziemlich hohen Preisen von ilocanischen Händlern einkaufen (Lillo 42). Die Hunde werden hingegen gut gepflegt und sogar Nachts in die Hütte mitgenommen, wo Menschen und Thiere sich in der Nähe des wärmenden Herdes lagern (Semper, Erdk. XIII, 90). Ställe für Büffel, Rinder und Pferde giebt es nicht, diese Thiere müssen im Freien die kühlen Nächte (in Benguet +7° R.) zubringen.
Ihre gewöhnliche Nahrung besteht in Camote, Reis, dem Fleische ihrer Hausthiere und Wildpret, letzteres wissen sie für längere Zeit zu conserviren (Ilustracion 1860, n. 12, p. 152). In der Bereitung der Fleischspeisen sind sie nichts weniger als heikel, für gewöhnlich braten sie das Fleisch, doch essen sie es auch im rohen Zustande, selbst die Büffelhaut wird nicht verschmäht und in lange Streifen zerschnitten noch blutig verschlungen (Semper, Erdk. XIII, 94). Ein Leckerbissen ist den Igorroten der in den Eingeweiden eines frischgeschlachteten Büffels befindliche Koth (Mas, pobl. 23). Semper (Erdk. XIII, 94) sah bei einem Festschmause, wie sie den Saft aus den Excrementen eines geschlachteten Büffels als Sauce auf rohes Fleisch auspressten. Sie geniessen das Fleisch auch im Fäulniss-Zustande (Lillo 28).
Den grössten Theil ihrer Reisernte verwandeln sie in Bundang oder Siniput, ein saures, berauschendes Bier (Semper, Erdk. XIII, 92). Ein anderer gegohrener Trank wird aus Zuckerrohr bereitet und heisst „Basig” oder „Basi”.
Von den civilisirten Malaienstämmen der Philippinen unterscheiden sie sich vorteilhaft dadurch, dass sie keinen Buyo kauen, dagegen rauchen Männer und Weiber von früher Jugend an leidenschaftlich Tabak, und zwar aus Pfeifen (Lillo 30). Letztere werden von ihnen selbst fabricirt und bestehen aus Stein, Holz oder Bronze (Messing).
Sobald ein Weib Geburtswehen fühlt, eilt sie zu einem Flusse oder Bache, in dessen Wasser sie das neugeborene Kind sofort badet, dann legt sie das Kindlein in eine Art Korb, der über den Schultern festgehalten wird und geht damit heim (Ilustracion 1860, n. 12, p. 152). Werden Zwillinge geboren, so wird das zuletzt geborene Kind der ersten besten Familie geschenkt, die es adoptiren will; findet sich Niemand, der sich des armen Wesens erbarmt, so wird das Kind erwürgt oder lebendig begraben (Lillo 25). Dieser barbarische Brauch ist im raschen Schwinden begriffen. Das neugeborene Kind erhält den Namen desjenigen, der es zuerst beschenkt, doch werden die Namen im Leben mehrmals gewechselt (Lillo, l. c.).
Entgegen den liederlichen Sitten der Tagalen und Visayer hüten die Igorroten ängstlich die Keuschheit ihrer Mädchen. Sobald die Kinder geschlechtsreif werden, tritt eine vollständige Isolirung der Jünglinge und Mädchen ein. In jedem Dorfe giebt es zwei grosse Häuser, in dem einen bringen die Jungfrauen, in dem anderen die Jünglinge die Nacht zu; ein Greis bei den letzteren, eine Greisin bei ersteren führen die Oberaufsicht und verhindern, dass Jemand zur Nachtzeit sich hinaus- oder hereinschleiche (Lillo 27). Bei Tage werden die Jungfrauen bei jedem Ausgange von älteren Frauen ihrer Familie oder dem Vater selbst begleitet und bewacht (Lillo, l. c.). Der Fehltritt eines Mädchens wurde bei einigen Stämmen mit dem Tode (Mas, pobl. 23), bei anderen durch schwere Züchtigung bestraft (Lillo 29). Diese Strenge bewirkte, dass die Mädchen, welche ihren Trieben freie Zügel schiessen liessen, indem sie die Wachsamkeit ihrer Aufseher täuschten, vorgaben, von Affen im Walde genothzüchtigt worden zu sein (Mittheilungen des Fray Lorenzo Juan in Mas, pobl. 23). Der Verkehr mit den eingewanderten christlichen Ilocanen und Pangasinanen, sowie mit den Soldaten der Forts hat diese reinen Sitten auf vielen Punkten untergraben (Lillo 32).
Verliebt sich ein Jüngling in ein Mädchen und sind beide Eltern einem Ehebündnisse ihrer Kinder geneigt, so gestatten die Eltern der Braut dem Jünglinge, mit ihrer Tochter im Concubinate zu leben, denn es gilt vor Allem, die Fruchtbarkeit derselben zu erproben (Lillo 27). Wird die Braut binnen einer bestimmten Frist schwanger, so findet erst die Hochzeit Statt, im entgegengesetzten Falle tritt der Bräutigam zurück (Lillo, l. c.). Wer ohne Grund seine Braut verliess, wurde früher geköpft (Lillo 29). Die Hochzeit beginnt mit einem religiösen Acte: die Priesterin erscheint, und unter Anrufung der Anitos verrichtet sie in Gegenwart aller Verwandten ihren Hocuspocus. Während der ganzen Ceremonie ruht der Fuss des Bräutigams auf dem der Braut (Lillo 27). Dann folgt der Festschmaus, welcher oft 8 bis 9 Tage dauert, während dieser Zeit bleibt das Ehepaar unsichtbar (Mas, pobl. 19).
Die Igorroten kennen nur die Monogamie, und die Heiligkeit der Ehe wird ungemein hochgehalten. Die noch unabhängigen Igorroten tödten jedes ehebrecherische Weib durch Kopfabschlagen, die unter spanischer Herrschaft stehenden lassen es mit einer schweren körperlichen Züchtigung bewenden (Lillo 29). Die Ehen sind nur durch den Tod löslich (Lillo 27). Die Witwe gehört zur Familie ihres verstorbenen Gatten, ohne deren (seltene) Einwilligung sie sich nicht wieder vermählen darf, in welchem Falle sie jedes Recht auf ihre Kinder von ihrem ersten Gatten verliert, deren Vormundschaft und Schutz der Familie desselben zufällt (Lillo 27). Der Witwer darf sich erst nach sieben Jahren wieder verheirathen, während dieser ganzen Zeit fordert der gute Anstand von ihm, durch dumpfes Stillschweigen und Vorsichhinbrüten, sowie durch gänzliche Vernachlässigung der ohnehin geringen körperlichen Reinlichkeit, seine Trauer um die verstorbene Gattin zur Schau zu tragen (Lillo, l. c.).
Im Familienleben der Igorroten fällt angenehm die Hochachtung auf, welche den Greisen gezollt wird (Lillo 29), minder vortheilhaft klingt die Meldung, dass noch im Anfange dieses Jahrhunderts die Igorroten ihre Kinder gern an die guten Christen von Ilócos und Pangasinán verkauften. Die Kinder wurden von den „edlen” Indiern zu Viehhirten und Knechten aufgezogen, der Preis schwankte zwischen 20 bis 30 Pesos, nur mit grosser Mühe gelang es der spanischen Regierung, diesen schändlichen Handel mit lebendigem Menschenfleisch auszurotten (Mas, pobl. 34).
Ist ein vornehmer Igorrote verschieden, so wird eine Priesterin geholt, welche an die Leiche Fragen stellt, wie z. B.: „Warum hast du deine Verwandten und Freunde verlassen?” Dann werden alle Verwandten, auch die entferntesten, von dem Todesfalle benachrichtigt, welche auch insgesammt erscheinen; jeder tritt vor den Todten, grüsst ihn und drückt ihm die Hand, wobei er die oben erwähnte Frage der Priesterin wiederholt. Der Leichnam wird nicht eher begraben, als bis alle Blutsfreunde ihm diese letzte Ehrenbezeugung erwiesen, was oft 8 bis 9 Tage währt; bei den mehr civilisirten Igorroten wird die Leiche früher bestattet oder wenigstens auf den Friedhof gebracht (Lillo 25 f.). Während der ganzen Zeit, wo der Todte von seinen Verwandten begrüsst und besucht wird, feiert man vor dem Hause ein Cañao (Fest), d. h. es werden ungeheuere Quantitäten Fleisch und Reis verschlungen und noch viel mehr Basi getrunken. Der Aufwand ist oft so übertrieben, dass manche Familie durch ein solches Todtenfest vollständig verarmt (Lillo 26). Die Igorroten von Benguet begraben ihre Todten ohne die angeführten Ceremonien und überdiess kurze Zeit nach der Sterbestunde (Semper, Erdk. XIII, 95). In einigen Gegenden werden die Leichen über einem Feuer gedörrt (Lillo 26 u. Semper, l. c.) in anderen, wiewohl selten, auch einbalsamirt (Semper, Erdk., l. c.). Der Leichnam wird sitzend (Lillo 26, Semper, l. c.) in einen kistenartigen Sarg gesteckt, welcher, wenigstens in Lepanto, aus einem Holze verfertigt wird, das angeblich die Fäulniss verhindert (Lillo, l. c.). In Benguet bestehen die Särge, an welchen mitunter Schnitzereien angebracht sind, aus Fichtenholzbrettern (Semper, Erd. XIII, 96). In den Sarg werden Lebensmittel mitgegeben. Ein Sarg enthält oft zwei und mehr Leichen (Semper, Erdk. XIII, 96). In Benguet werden die Todten meist unter oder neben den Häusern bestattet (Semper, Erdk. XIII, 95), jedoch werden mit Vorliebe Höhlen zu Begräbnissplätzen ausgesucht (Lillo 6), was um so bemerkenswerther ist, als auch die Visayer vor der Annahme des Christenthums dieselbe Weise der Todtenbestattung ausübten. Die Höhlen werden, wo die Natur sie nicht gebildet, künstlich vermittelst des Feuers in den Felsen hineingearbeitet (Semper, Erdk. XIII, 96). Die Begräbnissstätten der Häuptlinge und Vornehmen heissen „Luddut”, jede Familie hat da ihren bestimmten Platz, gleichsam ihre Familiengruft (Mas, pobl. 18). Früher geschah es mitunter, dass die Leiche (bei Leuten geringeren Standes) von den Cañao-Festgenossen aufgezehrt wurde. Mas (pobl. 19) erwähnt einen solchen Vorfall, der sich in der Igorroten-Niederlassung Baruncucureng bei dem Pueblo Tagudin noch in diesem Jahrhunderte zugetragen hat.
Jeder Mord und Todtschlag, welchen ein Fremder verübt, wird durch Blutrache gegen dessen Dorf gesühnt, falls nicht Wehrgeld erlegt wird (Mas, pobl. 18). Bei ihrem zu Gewaltthaten geneigten Sinne und dem Ruhm, den jener geniesst, der seine Hütte mit recht vielen Menschenschädeln schmücken kann, nimmt die Schlächterei unter ihnen nur dort ein Ende, wo die Autorität der spanischen Behörden volles Gewicht hat. Die Igorroten von Benguet zeichneten sich durch eine grössere Kriegslust aus als die Buriks und Busaos. Die Bewohner von Ilócos und Pangasinán waren in den Zeiten, wo die Igorroten noch unabhängig waren, beständig durch Banden dieser Kopfjäger beunruhigt. Bei einzelnen Stämmen herrschte früher der Brauch, dass, wenn ein Todter 2, 3, 4 &c. Finger der Hand ausgestreckt hielt, seine Hinterbliebenen ebensoviele Menschen tödten mussten; so nahm das Morden kein Ende (Mas, pobl. 23). In der bestialischen Wuth tranken sie mitunter das warme Blut des Unglücklichen, dem sie soeben den Kopf abgeschlagen (Mas, pobl. 22). Kehrte ein Kopfjäger mit seiner schauerlichen Beute heim, so erschienen die gesammten Bewohner des Ortes in dem Hause desselben und tanzten unter wildem Geschrei und Gejohle um die blutigen Feindesköpfe, Reis- und Zuckerrohr-Branntwein wurde in Massen vertilgt, und Tage verstrichen oft, ehe diese entsetzliche Festlichkeit endete, welche den Blutdurst und die Roheit der Igorroten in grellem Lichte offenbarte (Lillo 24). Den Krieg führten sie am liebsten im Hinterhalte, wurden sie aber vom Feinde im offenen Felde angegriffen, so wussten sie sich mit grosser Bravour zu vertheidigen. Wollten die Igorroten herannahenden Fremden erklären, dass ein Betreten ihres Gebietes gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung wäre, so legten sie Bogen und Pfeil auf den Weg und besprengten die Erde mit Blut (Mas, pobl. 44). Sie warfen auch Schanzen auf, um Feinden den Zugang in ihre Thäler zu versperren (Galvey’s Tagebuch in Mas, pobl. 58).
Ihre Religion erinnert lebhaft an jene der alten Tagalen. Sie glauben an ein oberstes göttliches Wesen, welches die ganze Schöpfung regiert und nennen es „Apu” oder „Apo” oder (in Lepanto) „Lumaoig” (Lillo 21). Die Gemahlin des Apu heisst Bangan, seine Kinder sind der Sohn Ubban und die Tochter Bugan. Ausserdem giebt es zwei Untergötter: Cabigat und Suyan. Diese Gottheiten wohnen am westlichen Himmel und stehen mit den Menschen durch die Anitos im Verkehr (Lillo, l. c.). Die Namen der Götter werden in jedem Dorfe verschieden angegeben. Donnert es, so sagen sie, der Gott Cabuniang verlange Schweine[8] zum Opfer, sie kommen auch seinem Verlangen unter grossen Festlichkeiten nach (Mas, pobl. 16). Den Igorroten am Rio Agno wird die Sonne zur Gottheit, als deren Kinder die Götter Magsib und Caspök gelten, welche letzteren in Krankheitsfällen angerufen werden und auch sonst einen in Festlichkeiten bestehenden Cultus besitzen (Semper, Erdkunde XIII, 94).
Den Göttern wird aber viel weniger Verehrung erwiesen, als den Seelen der verstorbenen Ahnen, den Anitos. In jedem Dorfe befindet sich ein heiliger Baum, den man als Wohnsitz von Anitos ansieht. Unter diese Bäume werden Opferstöcke hingestellt, welche natürlich dem ersten vorbeistreifenden Hunde ein willkommenes Fressen bieten. Vor diesen Bäumen stehen oft (Lillo 20) Felsblöcke oder Steine in Form von Altären, auf welchen die Opfer den Anitos dargebracht werden. Am unteren Rio Agno giebt es nur hie und da Opferplätze (Semper, Erdk. XIII, 94). Der Anito-Cultus zieht wie der rothe Faden in dem Tauwerk der englischen Marine durch alle Anschauungen, Sitten, Bräuche und Lebensgewohnheiten der Igorroten. Bei jedem Anlasse werden sie angerufen und jeder Vorfall, besonders wenn er schlimmer Natur ist, ihrem Einflüsse zugeschrieben, deshalb sucht man sie sich stets gewogen zu erhalten. Vor der Aussaat des Reises wird ihnen ein grosses Opferfest abgehalten, damit sie Saaten und Felder schützen &c. Die Anitos rufen auch die Krankheiten hervor und erzeugen verderbliche Dünste in Feld und Flur. Die Igorroten des in Lepanto liegenden Ortes Cabugatan halten die Aale ihres Baches für Verkörperungen ihrer Anitos, weshalb sie ihnen nicht nur kein Leid zufügen, sondern sie selbst füttern (Lillo 21). Mitunter findet man (in Lepanto) rohe Holzbilder, welche einen stehenden oder hockenden Mann darstellen, es sind diess Bilder der Anitos. Semper traf bei den südlichen Igorroten keine derartigen Bilder. Besonders zur Nachtzeit ziehen die Anitos herum, um Schaden zuzufügen (Mas, pobl. 17).
Die Igorroten besitzen einen Priesterstand, dessen Mitglieder der Mehrzahl nach Weiber sind, wie diess bei den Tagalen und Visayern in den Zeiten der Conquista ebenso der Fall war. Der männliche Priester heisst Mambunung, in jedem Dorfe ist nur einer, der erst auf dem Todtenbett seinem Sohne die Gebetsformeln mittheilt (Semper, Erdkunde XIII, 94). Diese Mambunungs heilen auch Krankheiten, indem sie das Gesicht des Leidenden mit dem Blute eines geschlachteten Opferthieres beschmieren; als Bezahlung erhalten sie Gold und die besten Fleischstücke des Opferthieres (Semper, l. c.). Schweine, Hunde und Hühner dürfen nicht geschlachtet werden, ausser sie werden vom Mambunung eingeweiht und Theile ihres Fleisches den Göttern oder Anitos geopfert.
Meist werden alle religiösen Ceremonien durch Priesterinnen, die sogenannten „Asiteras”, geleitet, es sind diess gewöhnlich alte Weiber, welche die Opfer bei den religiösen Festen, den Cañaos, zu verrichten haben. Die Anlässe zur Veranstaltung solcher sind verschiedenartigster Natur, wie: Erkrankung, plötzliches Umstehen des Viehes, eine Leichenbestattung, Hochzeiten, das Erblicken gewisser Vögel oder einer Ratte, welche den Weg kreuzt, ferner der Neubau eines Hauses oder der Aufbruch eines Kopfjägers, der Blutrache ausüben will (Lillo, 19 f.). Die Asiteras leiten das Fest, das in ein Fress- und Saufgelage ausläuft, mit dem Schlachten eines Opferthieres ein, indem sie unter Hersagen verschiedener Stossgebete und Ausrufungen mit dem Opferblute die Umstehenden oder das Anitobild besprengen. Die Asiteras geben vor, von einem Anito begeistert zu sein (Lillo 20). Zum Abhalten dieser religiösen[9] Feste, Cañaos, besitzt jedes Dorf einen kleinen Schuppen, vor dem ein offener Platz sich befindet (Lillo 24).
Das Erscheinen des Regenbogens halten die Igorroten für ein gutes Omen, kreuzt hingegen eine Schlange den Weg, so kehren sie augenblicklich um (Mas, pobl. 16). Wenn sie irgendwohin aufbrechen wollen, so zünden sie ein Feuer an, schlägt der Rauch nach der ihrem Ziele entgegengesetzten Richtung, so halten sie diess für ein sehr schlimmes Zeichen und unterlassen sofort den Zug (Mas, l. c.). Unter ihren „abergläubischen” Bräuchen verdient folgender einer Erwähnung: Wenn bei dem Neubaue eines Hauses Jemand bei der Errichtung der Grundpfeiler niest, so muss der Bau sofort unterlassen werden, sonst würde von den Betheiligten einer bald sterben müssen (Lillo 23).
Das Christenthum hat zwar bei ihnen Eingang gefunden, breitet sich aber nur langsam, wenn auch sicher, aus. Man hat schon in den vergangenen Jahrhunderten Versuche gemacht, sie zum Christenthume zu bekehren, aber P. Mozo (Misiones 80) gesteht freimüthig, dass die wenigen Igorroten, welche die Taufe nahmen, diess nur thaten, um ihre Stammesgenossen um so leichter und wohlfeiler mit Mänteln, Schweinen, Kühen und (Palm-) Wein zu versehen.
Über ihre nationalen Rechtsverhältnisse ist mir so gut wie Nichts bekannt. In zweifelhaften Fällen waren Gottesurtheile, wenn ich diesen Ausdruck hier anwenden darf, üblich. Zwei Arten derselben erwähnt Lillo (Lepanto 20). Mit einem spitzen Eisen von der Grösse und Gestalt eines kleinen Nagels werden die Köpfe der Streitenden geritzt, wer bei dieser Operation mehr Blut verliert, hat den Streit verloren. Ein anderes Mal wird ein kleiner Scheiterhaufen angezündet, worauf jeder der Streitenden ein gefesseltes Huhn in die Flammen wirft. In dem Augenblicke, wo die armen Thiere in den letzten Zügen liegen, werden sie wieder aus dem Feuer herausgezogen und der Leib geöffnet, wessen Huhn eine grössere Galle besitzt, der hat den Process verloren.
Das Jahr zählen sie nach Ernten, die Monate nach Monden, die Stunde nach dem Stande der Sonne (Lillo 44). Ihre Gesänge sind monoton und nach unseren Begriffen unharmonisch, der Kriegsgesang besteht eigentlich nur aus einem gellenden Geschrei (Lillo 24). Ihre Musikinstrumente sind nicht zahlreich, zu erwähnen wäre zunächst der Batitin, eine Trommel aus einem ausgehöhlten Baumstamme (Lillo 28), denselben Namen giebt Semper (Erdk. XIII, 93), nur mit einer geringen Modification—batiting—, den auch bei den Igorroten üblichen Gongs. Prof. Semper erwähnt an derselben Stelle auch eine Trommel, welche die Form einer Kanone besitzt und mit einem Stück Stierleder überzogen ist. Der Gong der Igorroten von Lepanto heisst la Ganza, er besteht aus Bronze. Zur besseren Handhabung ist an die Ganza ein Henkel angemacht, welcher aus dem Kinnbacken eines Feindesschädels besteht, so adjustirte Ganzas haben einen besonderen Werth (Lillo 29).
Die vornehmen Igorrotenfamilien wetteifern miteinander in Veranstaltungen von grossen Festschmäusen. Zu diesen Festen werden nur die Vornehmsten des Ortes persönlich eingeladen, die übrigen Dorfbewohner erscheinen auf das Signal von Trommelschlägen. Ehe das Gelage seinen Anfang nimmt, wird getanzt. Bei den südlichen Igorroten treten bei solchen Festen als Tänzer ein Weib mit drei bis vier Männern auf. „Das Weib dreht sich, die Arme bald weit ausstreckend, bald sie über die Brust kreuzend, wobei sie sich tief gegen die (schon bereitstehenden und mit Reisbier gefüllten) Krüge verneigt, nach einer Seite im Kreise um diese herum, in entgegengesetzter Richtung bewegen sich die Männer, deren Anführer ein breites buntfarbiges Tuch über Brust und Schultern trägt und lebhaft mit den Armen gesticulirt” (Semper, Erdk. XIII, 93). Der Tanz der Igorroten von Lepanto besteht in einem schnellen Bewegen der Beine, ohne die Füsse vom Boden zu erheben oder den Körper zu bewegen, dabei halten die Mädchen ein Tuch in den Händen, hinter welchem sie sich anscheinend zu verbergen suchen, ähnliches thut der Mann, nur fingirt er das fehlende Tuch; es tanzt immer nur ein Paar, welches rasch durch ein anderes ersetzt wird (Lillo 29).
Beim Kriegstanze ahmen die mit Schild und Lanze bewaffneten Tänzer ein Gefecht nach (Lillo, l. c.), doch beginnt diese Sitte rasch zu schwinden, da bei den den Spaniern unterworfenen Igorroten keine Kriege mehr geführt werden.
Ihre Industrie ist nur in Bezug auf Metallarbeiten und Bergbau von Belang. Sie besitzen zwar kleine Webeapparate (Lillo 42), können aber damit nur den geringsten Theil ihres Bedarfes an Baumwollgeweben decken. Aus der Rinde des mächtigen Baumes Baliti bereiten sie durch Klopfen und Dörren an der Sonne einen überaus haltbaren Stoff, welchen sie zu ihrem Kopfbunde, zu Schlafteppichen &c. verwenden (Scheidnagel 126). Im Flechten von Körben, Matten und Hüten sind sie sehr geschickt, letztere Industrie nimmt immer mehr an Bedeutung zu. Aus Holz werden verschiedene Sachen, als Tabakspfeifen, Schüsseln &c. geschnitzt. Die „Latoc” genannte Holzschüssel hat zwei Höhlungen, eine für das Salz, die andere viel grössere für die eigentliche Speise (Scheidnagel 126). Sie sind ausgezeichnete Schmiede, ihre Werkstätten liegen nie im Dorfe, sondern tief im Walde versteckt (Semper, Erdk. XIII, 92). Aus Kupfer fabriciren sie Kessel, Kochtöpfe, Tabakspfeifen, Ketten und ähnliche Dinge. Auch Felle wissen sie gut zuzubereiten, besonders verdienen die aus dem bunten Felle der Bergkatze bereiteten Tabaksbeutel Beachtung (Scheidnagel 127).
Im Bergbau übertrafen sie die übrigen Malaienstämme der Philippinen. Die reichen Kupferminen um den Mte. Datá, in Mancayan &c. werden von ihnen ergiebig ausgebeutet, ebenso die Goldgruben von Acupan, Apayao und Suyuc. Jede Familie in den erzführenden Districten hatte ihr eigenes streng abgegrenztes Schürfgebiet. „Zur Förderung des Erzes bedienten sie sich des Feuersetzens, indem sie an geeigneten Stellen Feuer anzündeten, um durch die Spannkraft des in den Spalten enthaltenen erhitzten Wassers, mit Zuhülfenahme eiserner Werkzeuge den Felsen zu zerkleinern. Die erste Scheidung des Erzes wurde in dem Stollen selbst vorgenommen, das taube Gestein blieb liegen und erhöhte den Boden, so dass bei späterem Feuersetzen die Flamme der Holzstösse stets die Decke traf” (Santos, Informe sobre las minas de cobre, in Jagor, Reisen, p. 147). Reiche Erze wurden einfach geschmolzen, die quarzhaltigen einer sehr starken Röstung unterzogen (Jagor, l. c.). Scheidnagel (p. 98) führt die Gattungen des Goldgewinnes an: Die einfache Wäsche, Galerienbau und Zerklopfen des erzhaltigen Gesteines. Die Schmelzöfen der Igorroten bestehen aus einer runden Vertiefung im Thone und haben einen Durchmesser von 0,3 m und eine Tiefe von 0,15 m. „Eine damit in Verbindung stehende 30° gegen die Vertiefung geneigte conische Röhre von feuerfestem Gestein nahm zwei Bambusrohre auf, die in die unteren Enden zweier ausgehöhlter Fichtenstämme eingepasst waren, in denen sich zwei an ihrem Umfange mit trockenem Grase oder Federn bekleidete Scheiben abwechselnd auf- und abbewegten und die für das Schmelzen erforderliche Luft zuführten” (Jagor, l. c. 148). Der Kupferbergbau hat stark nachgelassen (Drasche, Fragm. zu einer Geol. 36), indem die reichsten Kupferminen sich jetzt im Besitze spanischer Actiengesellschaften und Capitalisten befinden, bei denen die Igorroten, die einstigen Grubenbesitzer, Taglöhnerdienste verrichten (Lillo 52). Das Goldwaschen ist noch heute in ihren Händen; in den Zeiten ihrer Unabhängigkeit war der Goldhandel allein Monopol der vornehmen Familien, denen die Plebejer—wenn ich so sagen darf—alles gefundene Gold abliefern mussten (Mozo 81). Die Igorroten in der Umgebung von Suyuc bringen noch jetzt Gold im Werthe von 12 000 Dollars in den Handel (Lillo 42).
In den Zeiten der Unabhängigkeit bildete—und für die noch jetzt nicht unterworfenen Stämme gilt dasselbe—jedes Dorf einen Staat für sich (Lillo 17), wir finden also hier, wie schon Mas erwähnte (Mas, historia I, 10), dieselbe staatliche Zersplitterung wie bei den heutigen Indios civilisados in der Periode der Conquista. Der Häuptling des Dorfes gehört dem Adel an, jedoch scheint diese Würde nicht in einer einzigen Familie erblich zu sein, sondern der Tapferste—dann Mainguel genannt—oder Reichste wird Chef eines Dorfes (Lillo 17). Seine Macht ist sehr beschränkt, denn die eigentliche Regierung liegt in den Händen der gesammten Adeligen (Lillo 18). Diese werden „Bacnanes” genannt, ihnen gehört der ganze Boden und das Ackerland des Dorfstaates, in welchem gewöhnlich vier, sechs oder mehr solcher Magnatenfamilien leben. Die übrigen Dorfbewohner sind nichts anderes als Leibeigene des Adels, dessen Felder sie zu bestellen haben und denen sie sonst zu Diensten stehen; als Lohn erhalten sie dafür Speise und Trank (Lillo 18). In Lepanto werden sie Cailianes genannt (Lillo, l. c.), d. h. ebenso, wie die Plebejer in Ilócos. Die einzelnen Dorfstaaten waren beständig miteinander im Kriege begriffen.
Den ersten Versuch, die Igorroten der spanischen Krone und dem Katholizismus zu unterwerfen, unternahmen die Spanier 1660, er misslang so wie mehrere andere Expeditionen, bis es 1829 den Spaniern gelang, festen Fuss im Lande zu fassen, seitdem ist ein Igorroten-Territorium nach dem anderen durch Güte und Gewalt annectirt worden. Vom 4. bis 7. März 1880 fanden neue blutige Kämpfe mit noch unabhängigen Bergstämmen Statt, welche siegreich für die Spanier endeten.
Die unterworfenen Igorroten haben dieselbe Gemeindeverfassung und Autonomie erhalten, wie die übrigen Eingeborenen der Philippinen. Jede Ranchería (Dorf) wählt einen Gobernadorcillo oder Gemeindevorsteher, Wähler sind die vornehmsten Dorfbewohner, d. h. die Bacnanes (Lillo 34). Die Gemeindegebiete sind scharf abgegrenzt, um Zusammenstösse und Streitigkeiten bei den fehdelustigen Igorroten zu vermeiden. Sie haben ebenso die Servicios und Polos zu leisten wie die Tagalen, es ist jedoch bemerkenswerth, dass diese öffentlichen Arbeiten meist von Weibern verrichtet werden, welche ihre Männer vertreten. Nur in Bezug auf den Tribut (die Kopfsteuer) haben die Igorroten einen grossen Nachlass, sie zahlen gleichsam nur eine Taxe.
Die spanische Regierung hat auch unter ihnen Schulen gegründet, in denen die Kinder im Lesen und Schreiben der spanischen Sprache, im Rechnen und in der katholischen Religion unterrichtet werden. 1876 besass der District Lepanto 7 Schulen, welche von 562 Kindern regelmässig besucht wurden, von welchen 110 fertig spanisch lesen und schreiben konnten (Lillo 44). Einige erwachsene Igorroten von Lepanto verstehen im ilocanischen Dialekte zu schreiben, andere können wenigstens ihren Namen unterschreiben (Lillo, l. c.). Jedenfalls verdient der gute Wille der Colonialregierung alle Anerkennung.
8. Altasanen (Altasanes) und Ilamuts.
Wo diese beiden den Igorroten naheverwandten Stämme ihre Wohnsitze haben, war mir nicht möglich sicher zu ergründen. Nicht einmal der Name des ersteren Stammes ist sichergestellt, indem Mas (pobl. 14) und nach ihm Bastian (Reisen V, 272) Altabanes schreiben, während Buzeta y Bravo die Schreibweise Altasanes führt. Merkwürdigerweise scheint Dr. Bastian, durch diese verschiedene Schreibweise verleitet, Altasanes und Altabanes für zwei verschiedene Stämme zu halten (vgl. Bastian, Reisen V, 272 u. 274). Altasanen und Ilamuts verehren einen Gott Namens Cabiga und dessen Frau, welche bei Buzeta (Dicc. I, 60) Bujan, bei Mas (pobl. 14) Bujas heisst. Das ist Alles, was wir über diese beiden Stämme wissen. Ihre Wohnsitze sind jedenfalls in der Provinz Nueva Vizcaya zu suchen.
9. Bujuanos.
Die Bujuanos sind ein ebenfalls den Igorroten naheverwandter Stamm in der Provinz Isabela (Scheidnagel 35). Ihre Wohnsitze konnte ich nicht näher ermitteln.
10. Panuipuyes.
Die Panuipuyes oder Panipuyes sind Igorrotenstämme, von denen nichts weiter bekannt ist als der Name (Mas, pobl. 28; Buzeta I, 58). Wohnstätten wahrscheinlich im westlichen Nueva Vizcaya oder Isabela. Vielleicht sind sie nur ein Zweig der Mayoyaos.
11. Isinays.
Die Isinays wohnen am mittleren Rio Agno bis gegen den von den Spaniern Caraballo Sur genannten Gebirgsstock, im westlichen Theile der ehemaligen Provinz Ituy. In ihren Sitten und Bräuchen gleichen sie den Bergstämmen der nördlichen Nachbarstriche. Zwischen 1715–40 wurden sie zum Christenthume bekehrt (Mozo 40 f.). Im Jahre 1788 gab es noch 3900 wilde Isinays (Mas, pobl. 38). Sie scheinen jetzt ihren Dialekt einzubüssen und vollständig in die Pampangos und Pangasinanen einzugehen.
Mit ihnen naheverwandt scheinen die Jumangis zu sein, die seit Mozo (Misiones 58) kein neuerer Schriftsteller erwähnt.
12. Abacas.
Die kleine Nation der Abacas lebt südlich vom Bergstock Caraballo Sur, in der Umgegend von Caranglan. Ihre Sprache scheint erloschen zu sein, wenigstens machen die spanischen Censuslisten hiervon keine Erwähnung, früher besassen sie aber ein eigenes Idiom, das sich selbst von dem der ihnen sonst in Sitten ähnlichen Italonen unterschied, wie diess Fr. Antolin de Alzaga, der unter ihnen 1702 als Missionär lebte, ausdrücklich hervorhebt (Mozo 20). Von den Italonen, mit denen sie in beständigem Kriege begriffen waren, unterschieden sie sich auch durch die Polygamie, die bei ihnen üblich war (Mozo, l. c.). Sie scheinen Kopfjäger gewesen zu sein, heute sind sie friedliche Christen.
13. Italonen (Italones).
Die Italonen wohnen nördlich vom Caraballo Sur im südlichen Theile der Provinz Nueva Vizcaya, wo auch ihre grösseren Orte Lublub, Bayombon, Dupax &c. liegen. Sie sind erst seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts allmählich zum Christenthum bekehrt worden, das aber nur oberflächlich an ihnen haftet. Im Jahre 1702 zählten sie 52 Dörfer, welche ein nettes Aussehen hatten, ihre Hütten waren von ansehnlicher Grösse. Obwohl sie eifrige Jäger waren und der Fischfang in ihren Bächen und Flüssen reichliche Beute lieferte, so bildete dennoch Reis ihre Hauptnahrung, sie bestellten die Äcker mit Sorgfalt und waren durch Aufspeichern von Reisvorräthen in der Lage, bei etwa eintretenden Missernten der Hungersnoth vorzubeugen (Mozo 19 u. 26). Ob sie andere Hausthiere als den Hund besassen, ist mir nicht bekannt, obwohl manches darauf schliessen lässt, dass der Büffel und das Schwein wenigstens in geringer Zahl gezüchtet oder eingehandelt wurden. Aus Zuckerrohr bereiteten sie ein berauschendes Getränk, Ilang genannt (Mozo 32). Ihre Waffen waren Lanze, Waldmesser und Schild. Ihre unbändige Kriegslust, die gegen ihre sonstige Liebenswürdigkeit (Mozo 19) eigenthümlich abstach, reizte sie zu beständigen Fehden mit den Nachbarstämmen, insbesondere den Abacas und den Balugas, wobei derjenige den grössten Ruhm davontrug, der die meisten Feindesschädel heimbrachte, denn sie waren Kopfjäger (Mozo 32, 35). Diese eigenthümlichen Trophäen wurden in der Hütte sorglich aufbewahrt, nur pflegten sie vorher den Schädel seiner Zähne zu berauben, um damit den Handgriff ihres Hackmessers auszuschmücken (Mozo 22). Ihre Kriegführung beruhte hauptsächlich auf List und Überrumpelung, der offene Kampf, Mann gegen Mann, wurde so sehr als möglich gescheut; am liebsten überfielen sie den Feind in der Nachtzeit (Mozo 34). Die erlittenen Wunden, sowie andere Krankheiten heilten sie durch verschiedene Kräuter, über welche Mozo (Misiones 56) eingehend berichtet. Sie sollen auch das Blut der erschlagenen Feinde getrunken und Theile von deren Hinterhaupte und Eingeweiden roh verzehrt haben, um den Muth des Erschlagenen zu erben (Mozo 32 f.; Mas, pobl. 22). Starb ein angesehener Häuptling, so hüllten sie ihre Waffen zum Zeichen der Trauer ein, und diese Ceremonie nannten sie Magbalata.
Wie bei den Igorroten war auch bei ihnen nur Monogamie üblich, die Ehen konnten nur durch den Tod eines der Gatten gelöst werden (Mozo 19). Kebsweiber neben der Gattin zu halten, war untersagt, auch durften Blutsverwandte keine Ehen untereinander eingehen (l. c.).
Über ihre frühere Religion stehen mir nur die dürftigen Notizen des Augustiners P. Arzaga zur Verfügung. Nach diesen glaubten sie an einen einzigen Gott, der die Guten belohne und die Bösen bestrafe, doch wussten sie nicht zu sagen, in was die Belohnung bezw. Strafe zu bestehen hätte. Dieser Gott hatte nach ihrer Ansicht im Himmel seinen Wohnsitz. Auffallend ist, dass dieser Gott unbeweibt lebt, während sonst alle Bergstämme von Nord-Luzon nur Götterpaare kennen. Sie glaubten auch an die Unsterblichkeit der Seele, was den Schluss zu ziehen gestattet, dass der Ahnencultus ihnen nicht unbekannt gewesen sein mag.
Von diesen erwähnten und dargestellten Bräuchen und Sitten hat sich wenig erhalten, das Christenthum hat ihrem ganzen Leben tagalisches Gepräge verliehen.
14. Ibilaos.
Die wilden Ibilaos wohnen in den Grenzdistrikten von Nueva Vizcaya und Nueva Écija, vom Caraballo Sur gegen Norden und Nordwest ihre Sitze ausdehnend. Bei den Orten Levang, S. Fabian und Tongbon treten sie in unmittelbare Berührung mit den civilisirten Indiern. Sie streichen bis zum Caraballo del Baler hinüber.
Sie sind von kleiner Statur und geringer Körperstärke (Buzeta I, 57). Sie scheinen keinen Ackerbau zu treiben, sondern nur von der Jagd und dem Raube sich zu nähren, was vielleicht auf eine starke Beimischung mit Negritoblut zurückzuführen ist. Buzeta und Bravo bezeichnen das Leben, welches sie führen, als ein nur elendes (Buzeta, l. c.).
Wie bei den meisten Bergstämmen Luzons herrscht auch bei ihnen die Sitte der Kopfjägerei (Buzeta I, 57; Mas, pobl. 28). Sie lauern im Hinterhalte auf den Nichts ahnenden Reisenden, den sie mit sicherer Hand mit ihren Pfeilen tödten (Mas, l. c.). Es erinnert diess auffallend an die Negritos. Ihre Pfeile sollen nach Bastian (Reisen V, 274) vergiftet sein, ich weiss nicht, welcher Quelle diese Notiz entnommen ist. Auch sie schmücken ihre Waffen mit den Zähnen der erschlagenen Feinde. Ihre Zahl ist sehr gering (Mas, pobl. 28); am 2. Mai 1851 zählte man in der Provinz Nueva Vizcaya 330 erwachsene unterworfene Ibilaos (Diaz Arenas 515).
Von ihrer Religion ist Nichts bekannt; nach Semper (Erdkunde XIII, 94) „sollen” sie am Caraballo Sur Tempel besitzen, was höchst unwahrscheinlich erscheint.
Einzelne Ibilao-Stämme leben mit den Spaniern in Frieden, besonders jene der Provinz Nueva Écija (Cavada II, 464).
15. Ilongoten (Ilongotes).
Die Ilongoten, auch Ilungut oder Ylungut genannt, wohnen in den Provinzen Nueva Vizcaya, Isabela und Príncipe, streifen aber auch nach Nueva Écija herüber. Die Cordillere zwischen Baler und Casiguran ist ihr Hauptsitz. Nach einer durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Hofrathes Dr. A. B. Meyer mir zur Ansicht geliehenen Photographie sind ihre Augen langgeschlitzt und schief gestellt. Oberlippe und Kinn haben einen Bartanflug. Das Haar wird auch von den Männern lang getragen; es wird in einen Zopf geflochten, der oft bis zu den Hüften reicht. Ihre Kleidung besteht nur aus dem auch bei den Igorroten üblichen Lendengewand. Den linken Unterarm zieren eng aneinander (spiralförmig?) gefügte Ringe, offenbar aus Metalldraht. Semper (Skizzen 138) charakterisirt sie mit folgenden Worten: „Sie gehören mit zu den wildesten Stämmen des Landes, und sie stehen mit den Christen sowohl, wie mit den nahe wohnenden Negritos in beständiger Fehde”. Sie sind leidenschaftliche Kopfjäger (Mas, pobl. 28; Semper, Erdk. XIII, 251). Sie bekämpfen nicht nur die Negritos und fremden Stämme, ein Dorf gegen das andere steht feindlich auf, um die kostbare Schädelbeute zu erjagen. Auf eigenen Instrumenten werden die blutigen Trophäen heimgetragen und an der Thüre des Siegers aufgehängt. Ähnlich wie bei anderen Bergstämmen Luzons wird die Rückkehr einer siegreichen Kopfjägerbande mit grossen Festlichkeiten und Tänzen gefeiert. Semper (l. c.) nimmt die Ilongoten gegen den Vorwurf des Cannibalismus in Schutz.—Ihre Religion besteht in einem Ahnencultus (Semper, Erdk. X, 265). Über ihre Zahl ist mir nichts Näheres bekannt, am 2. Mai 1851 zählte man in Nueva Vizcaya 252 erwachsene und 255 noch im Kindesalter stehende friedliche Ilongoten. Die Ilongoten der Provinz Isabela leben im Augenblicke im Frieden mit den Spaniern, doch trauen ihnen diese nicht.
16. Mayoyaos (nebst Quianganen, Pungianen und Silipanen).
Die Mayoyaos oder Mayayaos sind die westlichen Nachbaren der Igorroten, durch die Cordillera Central von diesen getrennt. Sie wohnen in den Grenzdistrikten von Bontoc und Nueva Vizcaya, hauptsächlich aber in letzterer Provinz, wo die Pueblos Mayoyao, Ozcariz, Vilanova und Nueva Ocaña ihre Hauptniederlassungen sind. Zu ihnen sind zu zählen die Pungianen (Panguianen), Quianganen und Silipanen, alle in Nueva Vizcaya sesshaft[10]. Ich vermuthe überhaupt, dass die Mayoyaos mit den Ifugaos zusammen einen einzigen grossen Dialektstamm bilden, doch lässt sich bei den dürftigen Nachrichten über diesen Gegenstand Nichts auch nur mit einiger Sicherheit behaupten. Eine Beschreibung vom Jahre 1850 sagt folgendes (Dias Arenas 506): „Einige tragen ein breitmächtiges Bracelet am linken Arm, bei anderen sahen wir Armbänder, bestehend aus dickem Kupferdrahte, welcher das Handgelenk in vielen (spiralförmigen) Windungen umschlang. Etwelche trugen Ohrgehänge, aus bis zu zwei Finger dicken Perlmuscheln zusammengesetzt, welche bis auf die Schultern herabfielen. Bei einem von ihnen sahen wir ein Halsband, welches aus einem durchlöcherten kreisrunden Stückchen Bein und weissen Steinchen, die vermittelst einer Schnur zu einer Kette verbunden waren, sich zusammensetzte; diese zierlich auslaufende Kette war drei Mal um den Hals geschlungen. Bartlos waren nicht alle, die uns zu Gesichte kamen, einige wiesen Kinn- und Schnurrbart auf, wenngleich der Haarwuchs kein dichter war”. Die Kleidung der wilden Mayoyaos und auch die der Mehrzahl der unterworfenen besteht nur aus einem Lendenschurz. Ihre Zahl muss eine recht stattliche sein, obwohl sie erst 1849 durch die Missionen der Dominicaner friedlich den Spaniern unterworfen worden sind, so zählte man dennoch 1851 4416 Mayoyaos, 1251 Silipanen, 6076 Quianganen und 2400 Pungianen, wobei zu bemerken ist, dass bei den Silipanen nur die Erwachsenen gezählt wurden (Dias Arenas 515).
Der von Cavada (I, 82) erwähnte Stamm der Bungananes ist mit den Pungianen identisch.
17. Ifugaos.
Die nächsten Verwandten der Mayoyaos sind die Ifugaos; dieser mächtige Stamm wohnte einst weiter nördlich und wurde erst später zu Ende des XVII. oder Anfang des XVIII. Jahrhunderts nach seinen heutigen Wohnsitzen durch die Gaddanen verdrängt. Sie wohnen heute hauptsächlich am linken Ufer des Magat, südlich und südwestlich von Furao zwischen Mayoyao und Camarag in der Provinz Nueva Vizcaya.
Ihr Äusseres soll vielfach an die Japanesen erinnern (Buzeta I, 55). Sie bauen zwar Reis, ziehen es aber vor, durch Raub sich zu ernähren. Auf das Erjagen von Feindesschädeln sind sie noch erpichter, als die Ilongoten. Auch bei ihnen ist derjenige der Angesehenste, welcher die meisten Schädel erbeutet hat, und sie begnügen sich nicht damit, die schauerliche Beute als Prunkstück in ihrem Hause aufzuhängen, sie suchen auch durch eine Art von Decoration ausserhalb der Hütte ihren Ruhm zur allgemeinen Kenntniss zu bringen, indem sie in den Ohren so viel Ringe aus Bambusrinde[11] (?) tragen, als es ihnen gelungen ist, Schädel zu erjagen (Buzeta I, 56). Die feige, hinterlistige Art und Weise, mit der sie die Opfer ihres Blutdurstes überfallen, ist überaus kennzeichnend: Im Dickicht versteckt, lauern sie auf den einsamen Reisenden, dem sie plötzlich eine Art Lazo um den Hals werfen, so dass er zu Boden geworfen wird, worauf sie dem Wehrlosen den Kopf abschlagen (Buzeta, l. c.). Der Lazo ist eine auf den Philippinen ungewöhnliche Waffe. Sonst sind sie mit Lanze, Pfeil und Bogen, ferner mit zweierlei Gattungen von Waldmessern bewaffnet, am geübtesten sind sie im Gebrauche des Lazo. Alle Nachbarstämme, besonders die christlichen, haben unter ihren Nachstellungen viel zu leiden, von ihrer Mordwuth kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, dass der Oberst Galvey nach einem Gefechte mit diesen Wilden unter ihren zurückgelassenen Todten einen Krieger fand, der im Ohre 32 der obenerwähnten Mordzeichen stecken hatte (Mas, pobl. 27). Auch untereinander sind sie ewig im Kriege begriffen.
Ihre Religion im Allgemeinen, sowie einzelne Namen ihrer Götter erinnern an die Gotteslehren der Igorroten und anderer Bergstämme Nord-Luzons. Ihr höchster Gott heisst Cabunian, dieser hat zwei Söhne, Sumabit und Cabigat, und zwei Töchter, Buingan und Daunguen, diese Geschwister heiratheten untereinander und wurden so die Erzeuger der Menschen (Mas, pobl. 15). Der Regengott heisst Pati; gebetet wird zu den Dii minores: Balitoc, Piti, Misi, Sanian, Liniantacao, Bangeiz, Sipat, Batacagan, Sadibubu, Dasiasoiat, Capaiat, Dalig; Göttinnen geringeren Ranges waren: Libongan, Libugon und Limoan (Mas, l. c.). Der Ahnencultus scheint auch ihnen nicht unbekannt zu sein.
Die Ileabanes und Ifumangiës, welche Diaz Arenas als in der Provinz Nueva Vizcaya sesshaft anführt, sind Ifugao-Stämme.
18. Gaddanen (Gaddanes).
Die Gaddanen (richtiger: Gad-danen) werden besonders in Missionswerken älteren Datums auch Yogades genannt. Ihr Hauptgebiet ist die Commandancia Saltan, welche von ihnen nahezu ausschliesslich bewohnt wird, von hier dehnen sich ihre Wohnsitze nach den benachbarten Provinzen Isabela, Nueva Vizcaya und Cagayán aus. Man findet sie ebenso bei Gabagan am Rio de Calao, bei Tarnauini, Ilagan, Furao im Stromgebiet des Rio Grande de Cagayán, wie bei Tuao am Rio Chico de Cagayán. Am dichtesten wohnen sie zwischen dem Rio Magat und Rio Chico de Cagayán.
Ihre Hautfarbe ist dunkler, als jene der übrigen Bergstämme Luzons. Sie besitzen einen gedrungenen Körperbau, rundgeformte Augen und eine grosse plattgedrückte Nase (Buzeta I, 56), überdiess sind sie wie die Igorroten schmutzig und unreinlich.
Ihre Hütten stehen auf sehr hohen Pfählen, um der Feuchtigkeit des Erdbodens nicht ausgesetzt zu sein und um feindliche Angriffe zu erschweren, es wird deshalb zur Nachtzeit und in Kriegsgefahr auch bei Tage die Leiter, welche in die Wohnräume führt, aufgezogen. Die Hütten sind aus Holz oder Cogongräsern erbaut (Cavada I, 82).
Ein grosser Theil der Gaddanen ist zum Christenthum bereits bekehrt, wenn auch nur äusserlich. Die heidnischen Gaddanen verehren einen Gottschöpfer Amanolay und dessen Gattin Dalingay (Mas, pobl. 4; Buzeta I, 60), überdiess ist bei ihnen auch der Ahnencultus heimisch (Semper, Erdk. X, 165). Sie sind von sanfteren Sitten als ihre Nachbarstämme.
19. Itetapanen (Itetapanes).
Die Itetapanen wohnen östlich von den Busao-Igorroten und westlich von den Gaddanen, welch’ letzteren sie ungemein ähnlich sind, indem sie gleichfalls eine geringe Körpergrösse und sehr dunkle Hautfarbe besitzen (Ilustr. 1860, p. 285). Auch an Unreinlichkeit können sie mit ihren östlichen Nachbarn wetteifern. Mas (pobl. 26) bezeichnet ihr Äusseres geradezu als widerlich. Durch die runde Formung der Augen unterscheiden sie sich, ebenso wie die Gaddanen, streng von den Igorroten. Buzeta und Bravo schreiben: „Die Itetapanen besitzen den vollen Negritotypus in Körperbau, Farbe und Nasenform, aber in Bezug auf Haare, Augen &c. gleichen sie den Tagalen” und weiter „Es ist ebenso schwierig, sie von ihrem wilden Leben abzubringen, wie die Negritos, mit welchen sie mehr in Bezug auf Charakter, Sitten und Bräuche als im äusseren Habitus Ähnlichkeit besitzen”. Es scheint demnach, dass die Itetapanen eine starke Beimischung von Negritoblut aufzuweisen haben. Auffallend ist bei ihrer Tracht eine Kappe, ähnlich dem Tschako der deutschen Bergleute, nur etwas niedriger. Diese Kappe, sowie alle aus Bejuco-Rohr verfertigten Gegenstände wissen sie lebhaft-roth zu färben, doch hüten sie die Bereitung dieser Farbe als ein strenges Geheimniss, obwohl anzunehmen ist, dass sie durch eine Mischung verschiedener, in ihren Wäldern wachsender Farbehölzer, insbesondere des Sibucao, erzielt wird (Buzeta I, 54). Die Farbe selbst soll unaustilgbar am Bejuco haften. Die Schultern bedecken sie mit einem aus Palmblättern oder Cogongras geflochtenen Kragen, „anaos” oder „anas” genannt (Buzeta I, 54; Ilustracion 1860, 285). Ihre Waffen sind Lanze, Pfeil und die Aliva der Igorroten.
20. Guinanen (Guinanes).
Die Guinanen werden auch Guinaanes, Quinanes oder Quinaanes genannt. Ihre Wohnsitze liegen nördlich von denen der Busao-Igorroten, hauptsächlich auf dem Ostabhange jener Cordillere, welche die Provinz Abra von Cagayán trennt. Das rechte Ufer des Rio Abra und das linke seines Nebenflusses Pusulguan bezeichnen die Westgrenze dieses wilden und kriegerischen Stammes. Der Pueblo Bauang ist eine ihrer grössten und wichtigsten Niederlassungen.
Zu ihrem äusseren Habitus, sowie in ihren Bräuchen ist die nahe Verwandtschaft mit den Igorroten nicht zu verkennen. Ihre unbändige Kriegslust wird durch den Ruhm, den ein beutereicher Kopfjäger geniesst, beständig angefacht, und ihre Nachbarn, besonders die friedlichen Tinguianen haben vor ihnen nicht einen Augenblick Ruhe. Mit der Hinterlist, welche allen Kopfjägerstämmen eigen ist, beschleicht der Guinane sein Opfer, um demselben dann den Kopf abzuschlagen. Ist diess geschehen, so eilt der Sieger mit der bluttriefenden Beute in das heimathliche Dorf, wo die Heldenthat dann durch ein mehrtägiges Trinkgelage gefeiert wird; der Schädel selbst wird als eine kostbare Trophäe sorgfältig aufbewahrt (Ilustracion 1860, N. 12, p. 152). Haben sie keine stammfremden Feinde zu bekämpfen, so führen die einzelnen Dörfer gegen einander Krieg, und zwar in der oben erwähnten Form. Ein Theil der Tinguianen entrichtete ihnen früher Tribut (Mas, pobl. 26).
Sie sind übrigens nicht ohne alle Kunstfertigkeit, in dem Pueblo Bauang verfertigen ihre trefflichen Schmiede ausgezeichnete Aliva-Hackmesser, welche besonders von den Busao-Igorroten gern gekauft werden (Ilustracion 1860, 285); über ihre Religion ist Nichts bekannt.
21. Calauas oder Itaves.
Die Calauas (sprich: Cala-ú-as) wohnen von Santacruz (an einem Zuflusse des Rio Chico de Cagayán) bis Nachsiping am Rio Grande. Sie reichen bis Piat und Tuao im Süden und Malaueg im Norden, nach letzteren Orten werden sie und ihr Idiom auch Malaueg oder Malauec genannt. Bei den nördlichen Stämmen ist der Name Itaves der gebräuchlichere, im Süden aber Calauas. Ihre Tracht erinnert an ihre Nachbarn, die Guinanen, während ihre ganze Lebensweise in’s volle Gegentheil schlägt. Sie sind noch friedfertiger als die ihnen nach Mas (pobl. 28) ähnlichen Gaddanen, und zeichnen sich besonders durch fleissigen Feldbau aus. Nächst Reis wird am intensivsten Tabak gebaut, dessen Anpflanzung sie eine besondere Pflege zuwenden (Buzeta I, 56). Ihr Tabak wird als der beste der Provinz Cagayán bezeichnet, und das will so viel sagen, als dass der Tabak des Calaua-Gebietes der beste der Philippinen ist. Nach der Tabakernte werden die gesammelten Blätter zuerst einem Gährungsprocesse unterworfen, dann aber wieder an der frischen Luft getrocknet. In kleine Ballen gepackt wird dann der Tabak nach Ilócos Sur und Abra eingeschmuggelt (Mas, pobl. 8; Buzeta I, 56).
Religion unbekannt. Sie sind wie die Guinanen noch unabhängig, doch ist in diesem Jahre ein Truppencorps gegen sie abgeschickt worden, um sie zu unterwerfen.
22. Gamunangen und Bayabonanen.
Der Name dieser beiden Stämme findet sich nur an einer einzigen Stelle bei Mas (pobl. 41) vor, nach dieser leben sie in den Bergen östlich und südöstlich von Tuao. Es ist nicht so unwahrscheinlich, dass sie nur Zweige eines grösseren Stammes, etwa der Dadayag sind.
23. Dadayags.
Die Dadayags oder Dadayas wohnen in der Provinz Cagayan, und zwar am linken Ufer des Mittellaufes des Rio Grande de Cagayan (jedoch nicht unmittelbar an diesem Strome), etwa in der Höhe des Ortes Cabagan. Über ihre Lebensweise ist nichts Näheres bekannt.
24. Nabayuganen (Nabayuganes).
Dieser Volksstamm wird auch nur einzig und allein von Mas (pobl. 41) erwähnt. Sie wohnen im Westen von Malaueg, einem Orte, welcher an einem der nördlichsten Nebenflüsse des Rio Chico de Cagayan liegt. Die Nabayuganen sind im Besitze eines eigenen Idioms. Das ist Alles, was wir gegenwärtig von ihnen wissen.
25. Aripas.
Die Aripas (auch Aribas, Aripanes genannt) wohnen in dem Landstriche südlich von der Vereinigung des Rio Grande und Rio Chico de Cagayán zwischen Nagsiping und Tubang, dann hausen sie auch in dem südlichen Theile jenes Gebirgszuges, welcher die Wasserscheide zwischen dem Stromsystem des Rio Grande de Cagayán und dem Rio Apayo bildet.
Sie sind sehr friedfertiger Natur (Buzeta I, 310). Ein Theil von ihnen giebt den Missionären grosse Hoffnung baldiger vollständiger Bekehrung.
26. Calingas.
Nach Semper (Erdk. X, 256) scheint der Name Calinga eine Collectivbezeichnung „unbekannter” Bedeutung zu sein, da so auch alle die Provinzen Isabela, Cagayán und Nueva Vizcaya bewohnenden Infieles (Heiden) genannt werden, Semper nennt deshalb auch die Irayas Calingas. Ich bezeichne hier mit diesem Namen jenen heidnischen Malaienstamm, welcher in demselben Gebirge wie die Aripas nur mehr im nördlichen Theile wohnt und speciell Calingas genannt wird. Über sie ist wenig bekannt. Sie sollen viel chinesisches Blut in ihren Adern haben (Schadenberg 165). Sie sind kriegerischer als die Aripas. Nach der Zahl der getödteten Feinde ziehen sie Streifen auf ihre Arme (Bastian, Reisen V, 274).
27. Tinguianen.
Die Tinguianen werden auch Itanegas, Tinggianes, seltener Tingues (so bei Morga) genannt. Sie bewohnen ein sehr ausgedehntes Gebiet, welches von Candon in Ilócos Sur sich ungefähr bis zum Mte. Pacsan an der Grenze Cagayans und Ilócos Norte ausdehnt, ja ihre am meisten nach Süden vorgeschobenen Niederlassungen reichen bis Santa Cruz in der Nähe der Punta Darigallos (Namagpacan), so dass sie die Bewohner von drei Provinzen sind, nämlich von Ilócos Sur, Abra und Ilócos Norte. Der an der Küste von Ilócos Sur 1736 begründete Pueblo Santiago war die erste christliche Niederlassung derselben, früher scheinen sie nicht bis zu den Gestaden des Meeres gereicht zu haben, sie gehen hier auch allmählich in die Ilocanen auf, indem sie deren Sprache annehmen, so dass der südliche Theil der Tinguianen unrettbar der Entnationalisirung anheimgefallen ist. Besser erhalten sie sich in den am linken Ufer des Abra liegenden christlichen Pueblos Banguet und Tayun, obwohl auch hier durch ilocanische Zuwanderer Gefahr droht. Die christliche Religion trägt auf den Philippinen am meisten zur Entnationalisirung bei, es trifft bei allen bekehrten Malaien dasselbe Bild ein mutatis mutandis, das wir von den Tagalen entworfen haben.
Bei den Spaniern finden wir die Neigung vor, die Tinguianen für einen von den übrigen Bergstämmen Luzons gänzlich verschiedenen Stamm zu halten, indem sie ihre diessfällige Meinung auf die sehr helle Hautfarbe und ihre grosse Friedfertigkeit hinweisen. Es ist diess ganz ungerechtfertigt, und diese Meinung konnte nur so lange eine gewisse Berechtigung haben, als man eben nur die Igorroten und Apoyaos kannte, welche allerdings durch ihre Grausamkeit und Kriegslust einen grellen Gegensatz zu den gutmüthigen Tinguianen darstellten. Wir haben aber gesehen, dass die Bergstämme Luzons nicht insgesammt Kopfjäger und Bluthunde sind, sondern, dass es vielmehr genug Stämme giebt, die an Friedfertigkeit den Tinguianen in gar Nichts nachstehen. In ihren Sitten und ihrer religiösen Anschauung liegt gleichfalls nichts, was die Meinung rechtfertigen könnte, die Tinguianen seien ein zu der Gesammtheit der nordluzonischen Stämme im Gegensatze stehender Stamm.
Ihre Hautfarbe ist, wie einstimmig berichtet wird, sehr hell, die Nase oft adlerartig gekrümmt (Mas, pobl. 13). Allgemein[12] wird behauptet, dass die Tinguianen den Chinesen in Gestalt wie Kleidung ähnlich sähen; mit Bezug auf die Tracht sollen sie kaum von den Fischern der chinesischen Provinz Fukiang oder Fokien zu unterscheiden sein, doch berichtet Mas selbst, dass ein genauer Kenner des Chinesischen, der Erzbischof Segui, erklärt hätte, dass in der Sprache der Tinguianen gar nichts vorhanden wäre, was nur einigermassen an das Chinesische erinnern könnte. Diess ist von Wichtigkeit, wenn man bedenkt, mit welcher Vorliebe die spanischen Schriftsteller jeden Stamm als von Chinesen abstammend hinstellen, sobald in den Gesichtszügen seiner Individuen Anklänge an den mongolischen Typus sich vorfinden. Jedenfalls wäre es angezeigt, bevor nicht eingehende Untersuchungen Statt gefunden haben, sich dieser Chinesentheorie gegenüber sehr reservirt zu verhalten. Die Adlernase stimmt nicht sehr zu dem Bilde eines Chinesen. Was die Sage anbelangt, wonach die Tinguianen die Abkömmlinge der Chinesischen Piraten wären, welche der Cortés der Philippinen D. Juan de Salcedo 1574 von Manila zurückschlug und das Jahr darauf aus dem Golfe von Lingayen in die Chinesische See zurückwarf, so kann ich diess ganz ruhig für eine Erfindung der späteren Zeit erklären, denn bei meinen langjährigen Studien zur Geschichte der Philippinen habe ich speciell die Schicksale jenes ritterlichen Salcedo mit besonderem Fleisse und Interesse verfolgt und fand hierbei, dass die zeitgenössischen Chronisten von dieser Angelegenheit gar nichts wissen, sondern im Gegentheil ausdrücklich erklären, dass alle Piraten, welche an’s Land stiegen, von den erbitterten Indiern niedergemetzelt wurden. Erst gegen Ende des XVII. Jahrhunderts kam die Sage auf, einige (!) jener Piraten wären aus Pangasinán nach den Bergwildnissen des Innern entkommen und hätten mit eingeborenen Weibern die Bastardrassen der Igorroten und Tinguianen erzeugt. Der geschwätzige Fr. Juan de la Concepcion und sein Epitomator Fr. Martinez de Zuñiga haben dann ihr Schärflein dazu beigetragen, dass zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Sage für ein Factum angenommen wurde und zum Theile auch heute noch angenommen wird. Chamisso hat diese Erdichtung einer späteren Zeit auch nach Deutschland gebracht.
Von den benachbarten Igorroten unterscheiden sie sich vortheilhaft durch ihre Reinlichkeit. Charakteristisch bei ihrer Tracht ist die turbanähnliche Kopfbedeckung, welche aus einem langen Stücke Zeug besteht, dessen Enden graciös über Schulter und Rücken fallen. Die Männer tragen eine vorne zuschliessende Jacke, wie sie die chinesische Küstenbevölkerung trägt, und weite Pantalons. Die Weiber gehen in derselben Tracht umher wie jene der Igorroten, nur sind die Kleiderstoffe der ersteren weiss (Buzeta I, 55), während die letzteren dunkelblaue oder blau und weiss gestreifte Zeuge vorziehen. Man sieht also, dass auch hier sich kein Gegensatz zu den Igorroten herausklügeln lässt. Vornehme Frauen tragen Gewänder, welche mit reichgestickten weissen oder rothen Bändern verziert sind (Buzeta, l. c.). Den Kopf umwinden sie mit dem Turban oder einer schmäleren Binde (Buzeta, l. c.; Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Der Unterarm wird vom Ellenbogen bis zum Handgelenke mit Armbändern geschmückt. Dieselben bestehen aus buntfarbigen Glasperlen oder Steinchen, letztere kommen von den Batanes-Inseln her und werden von den Tinguianen auf den Märkten der Pueblos von Ilócos eingekauft (Ilustracion 1860, n. 14, p. 164). Diese Armbänder drücken durch ihre Schwere die Arme wund, die Eitelkeit trägt aber über den Schmerz den Sieg davon. Auch die untere Hälfte der Waden wird mit diesem beschwerlichen Schmucke versehen (Buzeta I, 55; Ilustracion 1860, n. 12, p. 153). Ohrgehänge und Geschmeide aus Kupfer und Silber tragen sie in derselben Weise wie die Igorroten (Scheidnagel 125).
In ihren kleinen Dörfern leben sie in glücklicher Zufriedenheit. Ihre Waffen, die Lanze und eine Axt „Aliva”, deren Eisenfläche Quadratform besitzt mit einer rückwärts befindlichen Spitze, dienen nur zur Abwehr der Angriffe ihrer blutdürstigen Feinde, der Guinanen[13]. Sie bauen Reis in reichlicher Menge (Mas, pobl. 12), ebenso besitzen sie einen reichlichen Viehstand an Büffeln, Rindern und Pferden (l. c.). Wie wir wissen, sind die Igorroten auch Ackerbauer und Besitzer von Vieh, sehen sich aber gezwungen, sowohl Reis wie Vieh von den Christen einzukaufen, während die Tinguianen beides auf die Märkte von Ilócos bringen (Buzeta I, 55). Ihre Felder besitzen ebenfalls ein künstliches Berieselungssystem (Buzeta, l. c.). Sie sind nicht ohne Industrie, besonders ihre Holzschnitzarbeiten haben einen guten Ruf; die Igorroten von Abra wagen sich sogar an das Schnitzen von Figuren (Scheidnagel 126). Ausser mit Reis und Vieh erscheinen sie auch mit Goldstaub, Wachs und Häuten auf den Märkten von Ilócos. Holz wird von ihnen auf dem Wasser ihrer Flüsse herabgeschwemmt (Buzeta I, 58). Sie kommen bis auf den Markt von Vigan (Ilustr. 1860, n. 14, p. 165).
Ein Theil von ihnen ist bereits zum Christenthum bekehrt. Die übrigen haben einen ähnlichen Ahnencultus wie die übrigen Malaien Luzons; ob sie ausser den Seelen ihrer Vorfahren andere Götter verehren, ist mir unbekannt. Wie alle philippinischen Malaien haben auch sie vor Schlafenden eine grosse Scheu, ihr stärkster Fluch lautet: „mögest du im Schlafe sterben!” (Mas, pobl. 14). Dieser Fluch beruht nach Jagor (Reisen 132) auf dem Glauben, dass, wie schon erwähnt, die Seele im Traume den Körper verlasse.
Die Geburt[14] geht ungemein leicht von Statten, die Mutter eilt nach der Reinigung sofort zur gewohnten Arbeit. Die Reinigung besteht darin, dass die Mutter das neugeborene Kind unmittelbar nach der Geburt in das Wasser eines Baches oder Flusses taucht, ist kein Wasser in der Nähe, so reinigt sie es mit einem Bananenblatt oder Halmen. Nach dieser Reinigung giebt die Mutter dem Kinde irgend einen Thiernamen.
Ehen werden durch die Eltern vermittelt, sobald sie eine gegenseitige Neigung an ihren Kindern wahrnehmen. Durch einen Trommler—„Batintin” genannt—werden die Hochzeitsgäste eingeladen. Das Hochzeitsfest beginnt schon zeitlich Morgens, es besteht aus einem Schmause und Trinkgelage. Der Speisezettel hat nur Reis und Braten von Schweinen, Rindern und Büffeln aufzuweisen. Die Getränke sind verschiedene aus Zuckerrohr oder Reis bereitete Branntweinsorten. Das Bankett entbehrt auch nicht der Tafelmusik, obwohl sie ausser der Trommel nur zwei Instrumente besitzen, nämlich Flöten aus Rohr und zwei Gattungen Guitarren. Letztere werden aus Rohrstückchen zusammengesetzt und sind dreisaitig, jedoch werden die Saiten nicht aus Thierdärmen, sondern aus den Blattfasern einer weiter nicht genannten Pflanze bereitet. Die Pausen während des Schmauses, an dem die gesammten Bewohner des Dorfes Theil nehmen, werden durch Tanz ausgefüllt.
Abends führt der Angesehenste die Neuvermählten in ihre Hütte, wo sie das Brautbett in Gestalt einer auf den Boden gelegten mächtigen Matte erwartet. Auf die Matte legen sich die jungen Eheleute in der Weise nieder, dass zwischen ihnen ein Raum von zwei Ellen Entfernung frei bleibt, wo sich ein 6- bis 8jähriger Knabe niederlässt, denn bis zum nächsten Tage darf die Ehe nicht vollzogen werden, ja nicht einmal Worte miteinander zu wechseln ist den Gatten erlaubt.
Die Ehen werden leicht und rasch geschieden, man geht zum Dorfältesten oder (in einem bereits spanisch gewordenen Dorfe) zum Gobernadorcillo, der gegen eine Abgabe von 5 Pesos, 2 Büffeln, 2 Schweinen, 2 Cavanen Reis, 2 Tinajas Palmwein die Ehe scheidet. Diese Geldbusse zahlt jener Gatte, welcher die Scheidung beantragt. Die Pönalsumme wird zu einem grossen Festschmause verwendet, an dem wie bei der Hochzeit das ganze Dorf Theil nimmt. Bei einer Scheidung bleiben die Säuglinge der Mutter, die übrigen Kinder werden nach dem Willen jenes Gatten vertheilt, welcher der passive Theil, d. h. der Nichtbeantrager war. Ist aber ein Streit oder gar ein Verbrechen die Ursache der Scheidung, so verliert der schuldige Theil das Recht, über den Verbleib oder die Zuweisung der Kinder zu entscheiden. In diesem Falle muss auch der schuldige Theil die oben erwähnte Geldbusse zahlen, selbst wenn der andere Gatte die Scheidung beantragt. Bei jenen Tinguianen, welche spanische Unterthanen geworden sind, wird mitunter an den Provinzgouverneur appellirt.
Die Reichen schliessen auf diese Weise 15 bis 20 Ehen nacheinander; bei den Armen finden Ehescheidungen selten oder gar nicht Statt, indem sie nicht im Stande sind, jene unumgängliche Geldbusse zu zahlen. Es ereignet sich mitunter, dass ein Mann drei, vier Mal eine und dieselbe Frau heirathet und sich wieder scheiden lässt.
Wird ein Tinguiane krank, so erhält er so gut wie keine Pflege; sobald die Krankheit einen derartigen Verlauf nimmt, dass keine Hoffnung auf Genesung vorhanden ist, so wird der Kranke von den Seinen lieblos verlassen, und muss ähnlich wie der Eskimo sein Leben beschliessen. Kaum hat der Sterbende den letzten Athemzug gethan, so wird auch schon seine Leiche aus der Wohnstätte herausgeschafft und dicht unter der Hütte vergraben. Über dem Grabe werden grosse Steine aufgehäuft. An gewissen Tagen des Jahres werden auf diese eigenthümlichen Grabmonumente Lebensmittel gelegt, damit die Seelen der Verstorbenen ihren Hunger stillen könnten.
Die Namen der Verstorbenen werden von deren Hinterbliebenen nicht mehr genannt, so dass, wenn man einen Tinguianen nach dem Namen eines seiner Ahnen fragt, dieser den Fragesteller an einen Kameraden weist, da er selbst die Antwort nicht ertheilen dürfe. Diese Sitte ist für die spanischen Beamten keine Erleichterung in ihrem Dienste.
Im Jahre 1624 begannen die ersten unglücklichen Versuche der Spanier, die Tinguianen zu unterwerfen, erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts drang die spanische Herrschaft immer mehr in die Berge und Thäler jenes intelligenten Stammes vor, bereits 1848 zählte man, nach Diaz Arenas, 8717 Tinguianen, welche die spanische Hoheit anerkannten, während heute nur ein geringer Theil noch seine Unabhängigkeit bewahrt hat. In diesem Theile Luzons breitet sich das spanische Hoheitsgebiet sehr rasch und unblutig aus.
28. Adangs.
Der Name der Adangs hat zahlreiche Variationen und Lesearten aufzuweisen: Adangtas, Adanginos, Adanes, Adamitas. Sie wohnen im nordwestlichen Winkel Luzons, um den Pueblo Adan(g) und den gleichnamigen Berg[15]. Ihre Zahl ist keine grosse, trotzdem bilden sie eine Nation für sich, indem ihre Sprache keine Ähnlichkeit mit jener ihrer Nachbarn (der Ilocanen, Tinguianen, Apoyaos, Cagayanen) besitzt (Buzeta y Bravo I, 271). In ihren Sitten haben sie vieles, was an die Apayaos erinnert (Ilustr. 1860, n. 17, p. 200). Seit 1720 begann ihre Christianisirung, und bald erfolgte auch die Gründung des christlichen Pueblos Adan(g) (Mozo 73). Das Christenthum wird auch hier tagalisirend einwirken.