Aktions-Bücher der Aeternisten

Ferdinand Hardekopf
Lesestücke

Berlin-Wilmersdorf 1916
Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)

Alle Rechte insbesondere die der Übersetzung vorbehalten Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf

Dieses Buch wurde gedruckt im März 1916 von der Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover

Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gespräch: »Der Abend«, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig

Vorwort

. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf das Faktum, daß ich gestorben bin. Dies fiel mit der Morgenröte der großen Zeit zusammen. Somit sieht man sich hier allerdings einem Spuk gegenüber. Aber solche Phänomene sind häufig, jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mémoires d’outre-tombe, und alles kommt nur auf die Vitalität der Abgeschiedenen an. Da der Selbstmord als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt ist, so wird man begreifen, daß in diesem Falle nur Genußsucht das Motiv sein konnte. Schon bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie gern langweilen wollen. Den Abgezogenheiten gab ich meine Vorliebe vor „realen“ Details. Höchstens bewog philologischer Sammeleifer zur temporären Erduldung jener Beanspruchungen für die man das infame Wort „Liebe“ verabredet hat. Schnell rettete ich mich ins Café. Dort erwuchs einigen der sehr erwünschte Zustand der „décadence“: unsere beste Beute. Die Antwort des Iren George Moore auf die Frage wie die Kunst zu fördern sei: „Durch Gründung von Cafés“, bleibt mir aus der Seele gesprochen. Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist unzeitgemäß. Leider muß ich fürchten, daß die Antipathie gegen sie schlecht stilisiert sein wird. Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus den Anspannungen der Formung. Es war der Dichter einer entschwundenen Mentalität: Goethe, der das „Stirb und werde!“ in den West-östlichen Divan diktiert hat.

F. H.

Wir Gespenster

(Leichtes Extravagantenlied)

Wir haben all unsere Lüste vergessen,

In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen;

Erleuchtete Tore locken uns sehr,

Doch die Angst ist gering — wir brauchen viel mehr.

Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,

Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;

Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,

Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.

Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens,

Da flohen wir zitternd ins Café des Westens

Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen,

Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.

Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:

Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.

Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,

In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen.

Der Unterprimaner

Ist die Nacht herangeschlichen,

Liegt das Schulhaus wie entgeistert.

Alles Gaslicht ist entwichen,

Und die Tür ist fest verkleistert.

Gleicht das noch den Korridoren,

Wo wir tags so stark gequält sind,

Wo wir linkisch, kahlgeschoren,

Zage meuternd —, tief verfehlt sind?

Geistergrün seh ich ein Schimmern,

Und der Schornstein wird so deutlich.

Aus den Gängen, aus den Zimmern

Quillt es neblig, süß und bräutlich.

Was umschleich’ ich diese Räume,

Schleiche nicht in Liesbeths Garten,

Tief ins Dickicht — ihrer Träume

Fernsten Seufzer zu erwarten?

Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle

Von bereits geknickter Haltung.

Um das Nacht-Phantom der Schule

Schleich’ ich — trotz der Schulverwaltung.

Ahnt ihr meine Heimlichkeiten,

Nachmittags-Libertinagen?

Müde, etwas zu bestreiten,

Starr’ ich auf die vier Etagen.

Diese klassische Kaserne

Ist erfüllt von Abenteuern!

Grüßten sonst die weißen Sterne

Sie mit ihren blassen Feuern?

Konzentrisch

Mädchen sprießen jung im Sturm,

Bald muß ich sie lieben;

Und es wächst ein Bücherturm,

Der wird jetzt geschrieben.

Aufgetürmt aus Hart und Weich,

Bald muß ich es lesen,

Wortgebirg was Tintenteich

Lieblich einst gewesen.

Blondes Haar was Sonntagsdrang

Abendlich gewesen,

Augenblick und Überschwang

Muß ich fiebernd lesen.

Angst im Kreis der sie betrifft

Fühlt ihn eng geworden:

Gliederduft und Liedergift

Werden mich ermorden.

Ruhenden im tiefsten Tal

Macht ein Mißtraun rege:

Weib und Buch und alle Qual

Sind schon auf dem Wege.

Café

Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder,

Ihr Kleid erregt sich sommergelb

(Wir wollen nächstens, Nekromanten,

Kornduft in facettierte Parfumgläser einfangen!)

— Die schmale Frau begnadet das Café.

Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame,

Übertändeln die Fesseln;

Der schwarze Hut taumelt ein bißchen seitwärts — schräg zum Marmorschwarz.

Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar.

Madames Kniee knicken —: sie sitzt;

Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingernägel

Zwei, drei Weihwasserwellen

Von den Brüsten bis zu den Hüften;

Dann arrangiert Madame ihren Popo.

Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch;

Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen geträumt.

Sich in grün rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten dürfen, ist fast ihr Glück —

Ist ein Glück, so maßlos,

Daß der köstliche Atem der Welt

Für sie innehält,

Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen;

Eine Silhouette herrscht über das Meer:

Höflichen Gischt, weißen Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher.

Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug

(Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette)

Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzüngelt,

Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar böse Sekunden,

Und aus ihren Lokomotivköpfen

Brüllt ein zischendes Pfeifen,

Taumeldumpf hingezogen,

Weh gedehnt,

Irr in der Nacht,

Das präzise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe,

Ein violetter Schleierfetzen im Nebel,

Ein bös gestreckter Raucharm,

Wegweiser er in keuchende Wege, —

Eine eiserne Klagemusik,

Die im Nebel verrostet,

Im feuchten, rostigen Nebel, —

Das Stöhnen zweier Seelen,

Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, —

Das hehre Maschinenkeuchen der Hölle,

Ein langes, banges Röcheln,

Schrill —:

Aus der Tiefe die Litanei

Der Lokomotiven.

Oh, Madame, da wurden Sie glücklich

Auf der straffen Walstatt des wagon-lit,

Auf dieser weißen Ebene der Geisterschlachten!

Durch den Puderschmelz ebbt eine Zärtlichkeit,

Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingernägel

Verfinstern die korngelben Halbmonde

Ihrer Augenbrauen,

Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden

Entweihungen Ihrer Mysterien.

Nymphenburg

Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen.

Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste,

Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt.

. . . . . Es quoll ein grünes Auge;

In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen,

Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner,

Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und Frauen-Nägeln.

Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins.

(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!)

Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf.

Und es wurde Orphisches doziert.

Ich versank — lächelnd, vergiftet.

Da wußte ich meine heiteren Gefahren,

Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir das volkgemiedne Land.

. . . Schon formt sich in der Stachelhülle,

Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird;

Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (. . . die Lust . . .),

Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen Perücke,

Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern

(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?),

Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger Teiche,

Schwäne sind ihre Brüste,

Brüste,

Sich einbetten in Festungswälle,

Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern.

Halensee

(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: —)

Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst.

Weiß brennt der Saal.

Doch in den festlichsten Minuten

Verzischen heiß der Bogenlampen Fluten;

Ein Dämmerlicht von grün und roten Birnen

Rückt näher die Privatbeamten an die Dirnen.

Und hoch und tief im Hinterraum

Wächst nun empor ein Tannenbaum,

Den vorher keiner sah —

Rauscht auf und ist mit Glühbewußtsein da.

Aus Goldovalen weiht ein Fürstenlächeln

Erlaubte Lust im Voraus zur Askese;

Der Siegerkranz wird noch die Narben fächeln,

Und ehrlos macht allein die Antithese.

. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrüppig,

Das nette Unterholz an kleinen Tischen!

In Pfützen-Augen blinkt, gemäßigt-üppig,

Der Wunsch, reelle Kragenhöhen aufzufischen.

. . . Die Saiten und die Tasten

Schrilln den Kommando-Takt,

Da sind die süßen Lasten

Vom Faunengriff gepackt.

Sie setzen ein mit Wippen,

Mit Schwänzeln und mit Kippen.

Accentuiern ihr Rundes,

Als wär es ein Profundes;

Das ist ein Strecken, Haschen

Der Finger und der Taschen,

Als sollte schon im Stampfen

Die teure Gier verdampfen.

Dies Branden wird kein Öl vereiteln.

Öl glotzt verdummt von Herrenscheiteln,

Und — unter prallen Knallgas-Garben —

Entfaltet es Petroleumfarben.

— — — — — — — — — — — — — — —

Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel

Die Schmach des tiefsten Wasserstands,

Und rotgeschminkte Halbmond-Nägel

Vergilbung Cigarettenbrands.

Die Blusen mögen nicht mehr schließen,

Der Oberkellner murrt mit Nadeln.

„Ich schwur mirs zu, sie zu genießen!“

(Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.)

Ihn quält an seiner Blutverlustmaid

Des kaum erworbnen Rechts Bewußtheit.

Und Lüste, schon vorausverdammte,

Erledigt der Privatbeamte.

Notiz

nachts (2h 45 bis 2h 47 matin)

Böses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .)

Grünliches Hämmern, wie in der Chloroform-Narkose!

Ein Pumpwerk zerstößt die Nacht,

Dröhnt.

Mein Herz explodiert.

Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt.

Aus einer Röhre, einem Trichter (einer Trompete?)

Fließt schleimiger Schein:

Das morastgelbe Licht der Welt — meiner Welt.

Der Lichtkegel trifft mein Ohr.

Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch.

Das dauert gewiß bis zum Grauen der Dämmerung hinter den Gardinen.

(O: das gute Angelus-Läuten!

Hirten auf dem Felde,

Kartoffelbauern auf dem Felde Millets!

Liebe Demut ihres gebeugten Rückens!)

. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt.

Kein Leben, keine Schminke um mich.

Nur die Angst meine Dame.

(Blicke kratzten, stächen mich,

Ich schriee, stampfte — hautlos ich.)

. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen,

Keine Gebet-Kunstwerke.

Eine Schmach ists, von der Angst erlöst sein zu wollen;

Eine Schmach ists, glücklicher sein zu wollen, als äußerst unglücklich.

Es irritiert die geringste geglückte . . . Harmonie.

. . . . Warum nicht das äußerste?

Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes?

Zuckende Reserven, züngelnd im Dampf, im Krampf.

— — — Übrigens bin ich durchaus im Stande, den Ablauf solcher Empfindungen brüsk zu unterbrechen, „Amerikanismus“ anzuordnen und, mit einer Cigarette, kühlsten Herzens weiterzulesen in Henri Beyles: „Le Rouge et le Noir.“ Selbstverständlich.

Die Lampe brennt ja noch.

Genesung

Da Stund’ um Stunde, selbst die bängste,

Wie silbergraues Plätschern kam,

Da ward’s ein Tag, wo ich die Ängste

Mit lässigstillem Lächeln nahm.

Da tropften alle Qualen linder,

Sie perlten kaum auf meiner Hand,

Sodaß ich, endlich Überwinder,

Nichts mehr zu überwinden fand.

Rapidität

Und voll Bewundrung für den Dichter

Warf wieder eine Keks ihm zu. —

Der zündet Rennmaschinen-Lichter

Und jagt nach der privaten Ruh’.

Er drängt den Leib, den lässig-fetten,

Ins Röhrenwerk des schmalen Wolfs

Und gibt sich der rekord-koketten

Spazierfahrt längs der Wonne-Golfs.

Nie war ein letzter Spurt gewürzter,

Nie flog die Disziplin so jach,

Nie war die Renn-Kritik bestürzter,

Und süßer nah war nie ein Krach.

Es puffen aus dem Zisch-Ventile

Parfums von Kriminal-Chemie,

Im Kilometerfresser-Stile

Skandiert die Gift-Maschinerie.

Dies ist der schnellste Höllenwagen,

Der schlingernd über Firnen fliegt,

Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen,

Den fernsten Graden angeschmiegt.

Am Mix-Benzin freun sich die Sterne,

Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps,

Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne;

Nun gehts durch süßen Felder-Raps.

Und wie er ihn mit Lust beflügelt,

So stoppt der Dichter seinen Blitz,

Entsteigt, die Hosen sehr gebügelt,

Dem eleganten Pneuma-Witz.

Bald lächelt er im Bistro-Reiche,

Blaß-kompliziert, in dunkler Box,

Erstaunt gebraucht er viele weiche

„Algériennes“ und viele Grogs.

Vor seinem Gott wirft er sich nieder,

Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt,

In halb schon kondensierte Lieder

Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt.

DER faltet ruhig seine Rippen —:

Sieht ein Paar Hosen in Berlin,

Die, unter schminkgewohnten Lippen,

Sich inniger zusammenziehn.

Sublimierung

Ich sah dich Grenadine schlürfen,

dein Wildgeruch ergriff mich schon —

und hab nur stockend murmeln dürfen:

„Wer ist die scharfe . . . Attraktion?“

Dann ließ ich drucken: „Komm, du Dirne!

Ein Später wittert Dunst und Bau.

Du hast die hellste Kinderstirne

und bist die dunkel-tollste Frau!“