Produced by Delphine Lettau
Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Ferdinand Raimund
Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen
Personen:
Astragalus, der Alpenkönig
Linarius und Alpanor, Alpengeister
Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer
Sophie, seine Frau
Malchen, seine Tochter dritter Ehe
Herr von Silberkern, Sophiens Bruder, Kaufmann in Venedig
August Dorn, ein junger Maler
Lischen, Malchens Kammermädchen
Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf
Sebastian, Kutscher in Rappelkopfs Dienst
Sabine, Köchin in Rappelkopfs Dienst
Christian Glühwurm, ein Kohlenbrenner
Marthe, sein Weib
Salchen, ihre Tochter
Hänschen, Christoph und Andres, ihre Kinder
Franzel, ein Holzhauer, Salchens Bräutigam
Christians Großmutter
Rappelkopfs verstorbene Weiber:
Victorinens Gestalt
Wallburgas Gestalt
Emerentias Gestalt
Alpengeister. Genien im Tempel der Erkenntnis. Dienerschaft in
Rappelkopfs Hause.
Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor.
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Die Ouvertüre beginnt sanft und drückt fröhlichen Vogelsang aus, dann geht sie in fremdartiges Jagdgetön über, begleitet von Büchsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende Gegend am Fuß einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majestätisch erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebüsche von Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus.
Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus grau als Gemsenjäger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse über den Rücken hängen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde der Bühne.
Chor.
Stellt die Jagd ein, luftge Schützen!
Von den steilen Alpenspitzen
Steigt herab ins blumge Tal.
Zählt mit wilder Jägerfreude
Schnell die frischgefällte Beute
Hier im grünen Weidmannssaal.
Zweiter Auftritt
Astragalus, ganz grau gleich den übrigen Geistern als Alpenjäger gekleidet, ein Jagdgewehr über die Schulter.
Astragalus (im rauhen Tone).
Holla ho, ihr Jägersleute!
Seid genügsam in der Beute.
Laßt, ihr jagdberauschten Schergen,
Ruhn das Gemsvolk in den Bergen.
Lang gedonnert haben wir
Heut im steinigten Revier.
Linarius (erster Alpengeist).
Großer Fürst, du magst nur winken,
Und der Alpen Geister sinken
Kraftberaubet in den Staub
Wie vorm Sturmwind welkes Laub.
Keiner ist hier, der es wagt,
Fortzusetzen mehr die Jagd.
Doch es kann nichts Schönres geben,
Als auf Alpenspitzen schweben
Und den Blitz vom Rohre senden,
Der Gazelle Leben enden.
Ha! wenn aus metallnem Lauf
Krachend sich der Schuß entladet
Und die goldne Kugel drauf
In der Gemse Blut sich badet:
Das ist echte Weidmannslust,
Das erhebt des Jägers Brust.
Alle.
Das ist echte Weidmannslust!
Das erhebt des Jägers Brust!
Astragalus.
Bei des Eismeers starren Wellen,
Ihr seid wackre Jagdgesellen.
Oft soll euch die Lust entzücken,
Doch auch andre mags beglücken.
Denn was wir dem Berg entwenden,
Will ins dürftge Tal ich senden.
An Bewohner niedrer Hütten,
Die um karges Mahl oft bitten,
Teilet eure Gemsen aus.
Werft sie unsichtbar ins Haus.
Linarius.
Edel ist stets dein Beginnen,
Und wir eilen schnell von hinnen,
Um den mächtgen Herrscherwillen
Stolz zu ehren durch Erfüllen.
Laßt die Hütten uns umrauschen
Und leis dem Entzücken lauschen,
Wenn sie in der Tiere Wunden
Goldne Kugeln aufgefunden.
Dankesperlen, die sie weinen,
Wollen wir zu Kränzen einen,
Daß sie zieren dann zum Lohn
Lieblich deinen Alpenthron.
(Alle ab.)
Dritter Auftritt
Astragalus allein.
Astragalus.
Wohl soll in der Geister Walten
Lieb und Großmut mächtig schalten,
Und ihr Wesen hoher Art,
Wo sich Kraft mit Freiheit paart,
Soll, befreit von irdschem Band,
Schwingen sich an Äthers Rand.
Doch, so wies im Menschenleben
Bös und gut Gesinnte gibt,
Jener haßt und dieser liebt:
So ists auch in Geistersphären,
Daß nicht all nach oben kehren
Ihr entkörpert Schattenhaupt,
Und, des liebten Sinns beraubt,
Auch der Böse schaut nach unten,
An die finstre Macht gebunden.
Und so wird der Krieg bedinget,
Der die Welt mit Leid umschlinget,
Der die Wolken jagt durch Lüfte,
Der auf Erden baut die Grüfte,
Der den Geist gen Geist entzweiet,
Der dem Hai die Kraft verleihet,
In des Meeres Flut zu wüten,
Der dem Nordhauch schenkt die Blüten,
Der den Sturm peitscht gegen Schiffe,
Daß zerschmettern sie am Riffe,
Der die Menschen reiht in Heere,
Daß sie zu des Hasses Ehre
Über ihrer Brüder Leichen
Sich des Sieges Lorbeer reichen—
Doch ich liebe Geisterfrieden,
Bin dem Menschen gut hienieden,
Hause nicht in Bergesschlünden,
Laß in freier Luft mich finden.
Hab auf Höhen, glänzend weiß,
Auf des Gletschers kühnstem Eis,
Mein kristallnes Schloß erbaut,
Das der Sterne Antlitz schaut.
Und dort blick aus klaren Räumen
Auf der Menschheit eitles Träumen
Mitleidsvoll ich oft herab.
Doch wenn ich am Pilgerstab
Manch Verirrten wandern sehe,
Steig von meiner wolkgen Höhe
Nieder ich zum Erdenrunde,
Reich ihm schnell die Hand zum Bunde
Und leit ihn mit Freundessinn
Zum Erkenntnistempel hin. (Ab.)
Vierter Auftritt
Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen. Erstere im lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte, läuft fröhlich voraus.
Malchen. Ach, das heiß ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe macht! (Sieht sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich alles blüht, heut glänzt die Sonne doppelt schön, als wäre Festtag an dem Himmel und sie des Festes Königin. Ach, wie dank ich dir, du liebe Sonne, daß du mir meinen August bringst. Lischen, Lischen! (Ruft in die Kulisse.) Wo bleibst du denn? Wie ängstlich sie sich umsieht. Was hast du denn?
Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwätzig). Aber Sie unglückseliges Fräulein, wie können Sie sich denn heute in diese berüchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen? Haben Sie nicht die wilde Jagd gehört? heut ist der Alpenkönig los. Hätt ich das gewußt, Sie hätten mich nicht mit zwanzig Pferden aus dem Haus gezogen. Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich sollte mich schnell anziehen, Sie wollten Ihrem August entgegeneilen, der heute von seiner Kunstreise aus Italien zurückkömmt.
Malchen. Nun, das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter Brief nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betrübtem Herzen voneinander. Du weißt, daß mein Vater schon damals gegen unsere Liebe war, obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermögen hinterließ, schlug er ihm doch meine Hand ab, geriet in den heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner Malerkunst vor. August, auf das bitterste gekränkt, beschloß, nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu zerstreuen und sich an den großen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir ewge Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch du weißt, wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir uns getrennt, hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu stürzen. Nach seinen Briefen hat er große Fortschritte in seiner Kunst gemacht.
Lischen. Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien und Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkönig. Und wenn uns der erblickt, so sind wir verloren.
Malchen.
So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.
Lischen. Aber die Schönheit kanns kosten, und der Verlust der Schönheit geht uns Mädchen an den Hals. Und wie innig ist die Schönheit mit dem Hals verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schön mehr sind? Wissen Sie denn nicht, daß jedes Mädchen, das den Alpenkönig erblickt, in dem Augenblick um vierzig Jahre älter wird? Ja sehen Sie mich nur an, keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre, und unsere jetzigen auch noch dazu, da wird eine schöne Rechnung herauskommen. Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen Verwandlung vor. Was würde ihr geliebter Maler dazu sagen, wenn er in Ihnen statt einer blühenden Frühlingslandschaft eine ehrwürdige Wintergegend aus der niederländischen Schule erblickte, was würden alle meine Anbeter dazu sagen, wenn der Anblick dieses Ungetüms meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjährige Pergamentrolle?
Malchen. Aber wer hat dir denn solche Märchen aufgebunden? Beinahe könnt ich selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkönig.
Lischen.
Nicht? Nun gut—bald werd ich Sie wie meine Großmutter verehren.
Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon. (Will fort.)
Malchen. So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht schon hoch, du mußt mir Toilette machen helfen, der Wind hat meine Locken ganz zerrüttet. Du hast doch den kleinen Spiegel mitgenommen, wie ich dir befahl?
Lischen.
Ei freilich, ach, hätt ich lieber meine Angst vergessen!
Malchen. So. (Setzt sich auf den Baumstamm und öffnet ihre Locken. Lischen steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weißt du, Lischen, ich muß mich doch ein wenig zusammenputzen, er kömmt aus Italien, und die Frauenzimmer sollen dort sehr schön sein.
Lischen.
Hahaha, warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schönes
Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen, Fräulein.
Malchen (nimmt es auf sich).
Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.
Lischen (beiseite). Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann—und ich meine mich.
Malchen. So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen—jetzt halt nur gut, der Alpenkönig tut uns nichts.
Lischen.
Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen
Alpenfürsten nicht—(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebüsche,
Himmel, ich laß den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem
Gebüsche auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkönig! (Läuft mit dem
Spiegel fort.)
Malchen (nachrufend). Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel. Ach du lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die läuft ganz sicher nach Hause. Lischen, so höre doch! Entsetzlich, meine Locken, wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das überleb ich nicht. Ach du lieber Himmel, wie hätt ich mir das vorstellen können, das ist doch das größte Unglück, das einem Menschen begegnen kann. (Besinnt sich.) Aber pfui, Malchen, was ist das für eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner Locken wegen lieben? (Ärgerlich.) Aber die Locken tragen dazu bei, wenn die Männer nun einmal so sind, was kann denn ich dafür? Und warum heißen sie denn Locken, wenn sie nicht bestimmt wären, die Männer anzulocken? (Sieht in die Szene.) Ach, dort eilt er schon den Hügel herauf. O welche Freude (hüpft), welche Freude! (Plötzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken nicht wären! Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht bring ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das Rosengebüsche.)
Fünfter Auftritt
August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem Arme.
August.
Von dem meerumwogten Strande,
Aus dem wunderholden Lande,
Wo die goldnen Ährenfelder
Wechseln mit Orangenwälder,
Wo die stolzen Apenninen
Über alte Größe sinnen,
Wo die Kunst mit Geisteswaffen
Das Vollendetste erschaffen,
Wo die ungeheuren Reste
Der zerfallenen Paläste
An die Kraft der Zeit uns mahnen
Und wir bebend Hohes ahnen:
Aus dem Tempel der Natur
Kehr ich heim zur stillen Flur.
Denn im biedern Vaterlande
Ketten mich die teuern Bande
Zarter Liebe, fester Treue,
Und der Riesenbilder Reihe,
Die wie Träume mich umwehen,
Schließt ein frohes Wiedersehen.
Seid mir gegrüßt, ihr heimatlichen Berge! O Erinnerung, wie nah trittst du an mich und reichst mir einen schönen Kranz, geflochten aus vergangnen Freuden. Und doch muß ich bei all dem Schönen hier das Schönste noch vermissen, bei all dem Lieben fehlt mein Liebstes mir. Wo bist du, teures Malchen? Warum erwartest du mich nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie krank? Vielleicht kann sie so früh vom Haus nicht fort. Sie kömmt gewiß. Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt, und zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht. (Er setzt sich auf den Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glänzt im Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier—der dunkle Fels, der üppge Rosenstrauch—nur eins gefällt mir nicht, die bleichen Rosen machen sich nicht gut, ich wüßte schönere, die auf ihren Wangen blühn. Wär nur Malchen hier, sie sagte mir gewiß, was ich für Farben wählen soll.
Malchen (öffnet mit beiden Händen den Rosenstrauch und blickt
liebevoll hervor, so daß sie mit halbem Leibe sichtbar ist und
sagt zärtlich).
Laß sie blau sein wie Beständigkeit.
August (höchst entzückt).
Amalie!
(Sie stürzen sich in die Arme.)
Malchen.
August, lieber August!
Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft). Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stützt sich auf sein Gewehr und behorcht das folgende Gespräch.)
August.
Liebes, schönes, gutes Malchen—(plötzlich scherzhaft) böses
Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?
Malchen.
Sei nicht böse, lieber August!
August.
Dafür räch ich mich durch diesen Kuß. (Küßt sie.)
Malchen.
O du rachsüchtiger Mensch!
August (sanft).
Bist du ungehalten darüber?
Malchen (unschuldig). Gott bewahre, räche dich nur. Böse Leute sagen, die Rache sei süß, und auf diese Weise möcht ich es beinahe glauben.
August. Gutes Malchen! Wie glücklich fühl ich mich, dich wieder zu sehen, nichts soll uns trennen als der Tod
Malchen. Und mein Vater, August, der ist noch weit über den Tod. Wenn der gute Vater nur nicht gar so böse auf mich wäre!
August. Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst erfahren wird, wenn er sich von der Beständigkeit meiner Liebe überzeugt, so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich will noch heute zu ihm.
Malchen.
Ach, das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand außer seiner
Familie, nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind
geworden.
August.
Unmöglich, und du rühmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.
Malchen. Er besitzt beides. Doch du weißt, daß mein Vater, als er in der Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um große Summen betrogen wurde, die er aus Gutmütigkeit an falsche Freunde verlieh. Undank und Niederträchtigkeit brachten ihn zu dem Entschluß, seinen Buchhandel aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf seinem gegenwärtigen Landsitz vor der Zudringlichkeit ähnlicher Menschen zu verbergen. Hier liest er nun unaufhörlich philosophische Bücher, die ihm den Kopf verrücken. Sein Mißtrauen hat keine Grenzen. Er hat die unglückliche Weise, gegen jeden Menschen so aufzufahren, daß er die gleichgültigsten Dinge mit einer Art von Wut verlangt. Niemand, selbst die Mutter, kann um ihn weilen. Alles flieht und fürchtet ihn, und darum hat er jeden im Verdacht der Untreue und gönnt doch keinem eine Verteidigung. Sein Menschenhaß steigt mit jedem Tage, und wir fürchten für sein Leben. Wie gerne würden wir alles dafür tun, ihn von unserer Liebe zu überzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner unbilligen Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles zum Feinde macht und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus einem bessern Gesichtspunkte zu betrachten. Deinen Namen dürfen wir gar nicht aussprechen, er weiß, daß meine Mutter unsre Liebe billiget, und haßt sie darum bis in den Tod.
August.
O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glücklichen
Träume wieder? Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?
Malchen. Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dich zu erringen! Wär ich frei wie jener Vogel, der sich so fröhlich in der blauen Luft dort wiegt, ich zöge mit dir durch die ganze Welt. Glückliches beneidenswertes Tier! Wer darf dir deine Freiheit rauben? (Astragalus schießt den Vogel aus der Luft. Man sieht ihn aber nicht fallen. Malchen erschrickt.) Ha!
Astragalus (immer im rauhen Tone).
Des Schützen Blei, weil du die Frage stellst.
Malchen (blickt hinauf). O August, sieh!
August.
Wer bist du, grauer Wundermann?
Astragalus.
Den Alpenkönig nennt man mich.
Malchen.
Der Alpenkönig! wehe mir! (Sinkt ohnmächtig in Augusts Arme.)
August.
Was ist dir, Malchen? Hülfe, Hülfe, steht ihr bei!
Astragalus (lachend). Da müssen Steine sich erbarmen selbst. Hab Mitleid, Fels, und öffne schnell dein Herz! (Er stoßt mit dem Kolben des Gewehrs an den Fels. Der Fels öffnet sich, man sieht einen kleinen Wasserfall, der über Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen, sie fangen mit goldnen Muscheln Wasser aus der Quelle und besprengen Malchen damit.) Erwache, Törin, die sich Flügel wünscht und so die Erde höhnt!
August.
Sie schlägt das Auge auf. Wie ist dir, Malchen?
Malchen. Ach, wie kann mir sein! Ich habe den Alpenkönig erblickt. Jetzt bin ich gewiß um vierzig Jahre älter geworden. Erkennst du mich noch, August?
August.
Bist du von Sinnen? Was hast du denn?
Malchen. Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten. Ich muß entsetzlich aussehen. Sieh mich nur nicht an!
August.
Was fällt dir ein! Du bist so schön, als du es immer warst.
Malchen.
Schön wär ich? Gewiß? Und hätte keine Falte, keine einzige?
August.
Gewiß nicht.
Malchen. Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir! Nein, eine solche Angst hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!
August.
Was war dir denn?
Malchen. Nun, Lischen sagte mir, ein Mädchen, das den Alpenkönig sieht, würd um vierzig Jahre älter.
Astragalus (tritt vor).
So sagte sie?
Malchen.
Ach! da ist er schon wieder! (Verhüllt das Gesicht.)
Astragalus.
Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenkönig spricht.
Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand
Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglühen
Und Tränen, edler Sehnsucht nur verwandt,
Leidkündend über eure Wangen ziehen.
Und weil mich dies so inniglich erfreut,
Daß ihr so seltsam treu noch denket,
Hab ich euch meine Fürstengunst geweiht
Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket.
(Zu Malchen.)
Ich weiß um deines Vaters Menschenhaß,
Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte
Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel saß
Und seinen Fluch nach allen Winden sandte.
Doch laßt darum den treuen Mut nicht sinken.
Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten.
Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken,
(zu Malchen)
Und Alpenkönig wird den Kranz dir flechten. (Ab.)
Sechster Auftritt
August. Malchen.
Malchen. Hast dus gehört, August, ists ein Traum, wir sollen glücklich werden?
August. Wir wollen seinem Worte glauben. Und obwohl ich seine Existenz für ein Märchen hielt, muß ich sie für wahr erkennen, wenn ich nicht ungerecht gegen meine Sinne handeln will.
Malchen. Komm, wir wollen meiner Mutter alles erzählen, ich werde schon sehen, daß du mit ihr sprechen kannst. Laß uns vertrauen auf den Alpenkönig. Er scheint nicht bös zu sein, ich hab ihm auch dreist ins Auge geblickt, und es hat mir nichts geschadet, nicht wahr, lieber August? Ich bin um gar nichts älter geworden?
August.
Nein, liebes Malchen. Seit ich dich wiedersehe, kaum um eine
Stunde.
Malchen.
Um eine Stunde nur? (Ihm sanft ins Auge blickend.) Nun, eine
Stunde kann ich schon verschmerzen und es war eine glückliche,
denn ich habe sie mit dir verlebt.
August.
O gutes Malchen, wie beglückst du mich!
(Beide Arm in Arm ab.)
Siebenter Auftritt
Verwandlung
Zimmer auf Rappelkopfs Landgut.
Sophie. Sabine. Der Kutscher. Die sämtliche Dienerschaft.
Chor.
Euer Gnaden sind so gütig,
Doch wir haltens nimmer aus.
Unser Herr ist gar zu wütig,
Und das treibt uns aus dem Haus.
Niemand kann bei ihm bestehn,
Und wir wollen alle gehn.
Sopie.
Seid nur ruhig, liebe Leute, verseht euren Dienst, nur kurze Zeit
noch, es wird sich vielleicht bald alles ändern. Geht an eure
Pflicht! Wenn mein Mann herüberkäme, ich bin in Todesangst.
Kutscher. Ei, was nutzt denn das, Euer Gnaden, er solls wissen, wir könnens nicht mehr länger aushalten mit ihm, wir tun unser Schuldigkeit, und er kann uns nicht leiden.
Sopie. Es wird sich alles ändern, ich habe an meinen Bruder nach Venedig geschrieben, ihm meines Mannes Seelenkrankheit und ihre üblen Folgen vorgestellt, er wird vielleicht noch heute ankommen, um alles zu versuchen, seinen Menschenhaß zu heilen—oder mich von meinem armen Mann zu trennen.
Kutscher. Na, das ist die höchste Zeit, Euer Gnaden schauen sich ja gar nimmer gleich. Drei Weiber hat er schon umbrachte er ist ja ein völliger blauer Bart.
Achter Auftritt
Vorige. Habakuk.
Sopie. Diese gemeinen Äußerungen hören zu müssen! Habakuk, ist mein Mann auf seinem Zimmer? Ist Malchen schon zu Hause?
Habakuk. Der gnädige Herr ist schon wieder im Gartenzimmer, er hat sich selbst seinen Schreibtisch und seinen Stuhl hinübergetragen und geht mit sieben Ellen langen Schritten auf und ab. Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein solcher Herr ist mir nicht vorgekommen.
Sabine (im schwäbischen Dialekt). Nu da habe wirs, jetzt trau ich mich nicht in den Garte hinaus, er hat den Schlüssel von der Hofgartetür abgezogen.—Ich kann nicht koche—
Sopie.
Nun so geh Sie durch das Gartenzimmer.
Sabine. Ja wer traut sich denn hinein? Wenn der Herr drinne ist? Da geh ich ja eher zu einem Leopard in die Falle. Er jagt ja alles hinaus. Wenn er in die Kuchel kommt, so wärs notwendig, ich schliefet unter den Herd.
Habakuk.
Nun ja, und da sind so schon so viel Schwaben unten.
Kutscher. Mich kann er gar nicht leiden, ich muß mich immer unters Heu verstecken.
Habakuk. Mich haßt er doch nur bis daher (zeigt den halben Leib). Er sagt, ich wär nur ein halbeter Mensch.
Sopie.
Aber er beschenkt euch ja so oft.
Sabine. Ja aber wie? Er tut einem dabei alle Grobheiten an und wirft einem das Geld vor die Füß.
Habakuk. Oh, da ist er noch in seinem besten Humor, aber neulich nimmt er sein goldene Uhr, ich glaub, er macht mir ein Präsent, derweil wirft er mir s' an den Kopf. (Hochdeutsch.) Ja, das sind halt Berührungen, in die man nicht gern mit seiner Herrschaft kommt, ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich nicht erlebt. Zu was brauch ich zwei Uhren, ich hab meine Uhr im Kopf, aber am Kopf brauch ich keine.
Sabine. Kurz, in dem Haus ist nichts zu mache, wenn man nicht einmal in den Garten kann—
Habakuk.
Wie soll man denn da auf ein grünes Zweig kommen!
Alle.
Kurzum, wir wollen alle fort.
Sopie. Also wollt ihr eure Frau, die euch immer so menschenfreundlich gewogen war, so plötzlich verlassen, da ihr doch seht, daß sowohl ich als meine Tochter eine gleiche Behandlung zu erdulden haben? Ich kann euch nicht fortlassen, weil zwischen heut und morgen mein Bruder ankömmt, der vieles über meinen Mann vermag. So lange müßt ihr die Launen eures Herrn noch ertragen.
Alle.
Es geht nicht, Euer Gnaden, es ist nicht zum existieren.
Sopie.
Nun, so nehmt dieses kleine Geschenk (sie gibt jedem einige
Silberstücke) und stärkt eure Geduld damit, vielleicht geht es
doch.
Alle.
Ach! Wir küssen die Hand, Euer Gnaden.
Kutscher.
Wir werden halt sehen, ob wir auskommen können mit ihm.
Habakuk. Solang wir mit dem Geld auskommen, kommen wir schon mit ihm auch aus.
Sabine.
Und wisse Euer Gnade, er wär nicht gar so übel, der gnädge Herr—
Kutscher.
Ach gar nicht—wenn er nur anders wär.
Habakuk.
Freilich, das ist der einzige Umstand.
Sopie.
Doch jetzt geht beruhigt an eure Geschäfte.
Alle.
Gleich, gnädige Frau. (Ab.)
Kutscher.
Euer Gnaden sind halt eine gscheide Frau. Ich sag immer, Euer
Gnaden sind einmal ein Kutscher gwesen, weil Euer Gnaden so gut
wissen, daß man einen Wagen schmieren muß, wann er fahren soll.
(Lacht dumm und geht ab.)
Sabine (küßt ihr die Hand).
Das ist wahr, Euer Gnaden sind eine Frau, die man in der ganzen
Welt suche darf. (Ab.)
Habakuk.
Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein
Herz, wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich, wie
man auf französisch sagt, nouveau!
Neunter Auftritt
Lischen. Vorige.
Sopie. Nun endlich seid ihr zurück. Wo ist Malchen? Ist August angekommen? Haben sie sich getroffen?
Lischen. Von allen dem weiß ich keine Silbe, gnädige Frau, ich weiß gar nichts, als daß der Mädchen verfolgende Alpenkönig eine Jagd gegeben hat, daß mich an dem Ort des Rendezvous eine Angst befallen hat und daß ich über Hals und Kopf zurückgelaufen bin.
Sopie.
Und Malchen?
Lischen. Wollte ihren Liebhaber erwarten und war nicht zu bewegen, mit zurückzugehen.
Sopie. Aber wie kann Sie sich unterstehen, meine Tochter allein zu lassen? Sie leichtsinnige Person, der ich mein Kind anvertraut habe! Ich muß nur gleich Leute hinaussenden. Wenn ihr ein Unglück widerführe! O Himmel, was bin ich für ein gequältes Geschöpf!
Lischen.
Aber gnädge Frau—
Sopie.
Geh Sie mir aus den Augen. (Eilig ab.)
Zehnter Auftritt
Lischen. Habakuk.
Lischen (äußerst zornig).
Nein, das ist nicht zum Aushalten, das Haus ist ja eine wahre
Folterbank. Wie man nur die Dienstleute so herabsetzen kann?
Habakuk. Es ist aber auch ein Volk. Ich bin ein Bedienter, aber wenn ich mein eigner Herr wär, ich jaget mich selber fort.
Lischen.
Mich eine Person zu heißen!
Habakuk.
Solche Personalitäten!
Lischen. Halt Er Sein Maul! Wenn ich nur diesen langweiligen Menschen nicht mehr vor mir sehen dürfte!
Habakuk. Ich bin kein Menschenfeind, aber ich habe einen Stubenmädelhaß. Was mir diese Person zuwider ist, bloß weil sies nicht glauben will, daß ich in Paris gewesen bin. (Boshaft.) Gschieht Ihr schon recht, Mamsell Liserl!
Lischen.
O Er erbärmlicher Wicht! Er verdient gar nicht, daß sich ein
Stubenmädchen von meiner Qualität mit Ihm unter einem Dache
befindet.
Habakuk. Oh, prahlen Sie nicht so mit Ihrer Stubenmädelschaft, Sie haben auch die Stubenmädlerei nicht erfunden. Ich versichere Sie, ich war zwei Jahr in Paris, da gibt es Stubenmädel—wenn man die ins Deutsche übersetzen könnt, das gäbet eine Stubenmädliade, wo sich die ganze hiesige Kammerjungferschaft verstecken müßt. Und Sie schon gar, meine liebe Exkammerjungfer.
Lischen. Er zwei Jahre in Paris gewesener Einfaltspinsel, Er kommt mir gerade recht, wenn Er sich noch einmal untersteht, seine unverschämte Zunge zu meinem Nachteil zu bewegen, so werd ich Seinen Backen einen Krieg erklären und Ihm den auffallendsten Beweis liefern, auf was für eine kräftige Art ein deutsches Kammermädchen die Ehre ihres Standes zu rächen weiß. (Gibt ihm eine Ohrfeige und geht schnell ab.)
Habakuk (hält sich die Wange).
Nein, was man in dem Haus alles erlebt—ich war zwei Jahre in
Paris, aber so etwas ist mir nicht vors Gesicht gekommen. (Geht
ab, indem er sich den Backen hält.)
Elfter Auftritt
Verwandlung Kürzeres Zimmer. Rechts die Eingangstür, links führt eine Glastür nach dem Garten. Auf dieser Seite befindet sich ein massiver altmodischer Tisch und ein Stuhl. Rechts an der Wand neben der Tür ein hoher Spiegel. Neben der Gartentür ein Sekretär.
Rappelkopf kömmt in heftiger Bewegung zur Glastür herein. Sein ganzes Wesen ist sehr auffahrend. Er sieht die Menschen nur auf Augenblicke oder mit Seitenblicken an und wendet sich schnell, entweder erzürnt oder verächtlich, von ihnen ab.
Rappelkopf.
Ha! Ja!
Lied
Ja, das kann nicht mehr so bleiben,
's ist entsetzlich, was sie treiben.
Ins Gesicht werd ich belogen,
Hinterm Rücken frech betrogen,
's Geld muß ich am End vergraben,
Denn sie stehln als wie die Raben.
Ich hab keinen Kreuzer Schulden,
Bare hunderttausend Gulden,
Und doch wirds mir noch zu wenig,
Es tät not, ich wurd ein König.
Meine Felder sind zerhagelt,
Meine Schimmel sind vernagelt,
Meine Tochter, wie betrübt,
Ist das ganze Jahr verliebt.
Alle Tag ist das ein Gwinsel
Um den Maler, um den Pinsel,
Der kaum hat ein Renommee,
Und vom Geld ist kein Idee.
Und mein Weib, bei allen Blitzen,
Will die Frechheit unterstützen,
Sagt, er wär ein Mann zum Küssen,
Wie die Weiber das gleich wissen!
Und das soll mich nicht verdrüßen?
Ja, da möcht man sich erschießen.
Und statt daß man mich bedauert,
Wird auf meinen Tod gelauert,
Und so sind sie alle, alle,
Ich zerberste noch vor Galle.
Drum hab ich beschlossen und werd es vollstrecken,
Ich laß von den Menschen nicht länger mich necken.
Ich lasse mich scheiden, ich dringe darauf.
Der ganzen Welt künd auf Michäli ich auf.
Die Liebe, die Sehnsucht, die Freundschaft, die Treue,
Mir falln s' nur nicht alle gschwind ein nach der Reihe,
Die lockenden, falschen, gewandten Mamsellen,
Die mich fast ein halbes Jahrhundert schon prellen,
Die lad ich noch einmal zum Frühstück ins Haus
Und peitsch sie, wie Timon, zum Tempel hinaus.
Es ist aus! Die Welt ist nichts als eine giftge Belladonna, ich habe sie gekostet und bin toll davon geworden. Ich brauch nichts von den Leuten, und sie kriegen auch nichts von mir, nichts Gutes, nichts Übles, nichts Süßes und nichts Saures. Nicht einmal meinen sauren Wein will ich ihnen mehr verkaufen. Ich habe Aufrichtigkeit angebaut, und es ist Falschheit herausgewachsen. Es ist schändlich, ich bin auf dem Punkte durch meinen eignen Schwager zum Bettler zu werden. Er hat mich überredet, mein Vermögen einem Handlungshause in Venedig anzuvertrauen, das jetzt dem Sturze nah sein muß. Ich erhalte keine Interessen, keinen Brief von meinem heuchlerischen Schwager, den ich verkannt und der vielleicht im Bunde steht mit dem betrügerischen Volk. Und so täuscht mich alles! alles! Darum will ich keinen Kameraden mehr haben als die zanksüchtige Erfahrung.
Das ist der vorsichtge, weltghetzte Hase
Mit der vom Unglück zerstoßenen Nase,
Mit dem millionmal verwundeten Schädel,
Das ist mein Mann, den behandle ich edel.
Ich hab zu viel ausgestanden in der Welt. Mich hat die Freundschaft getäuscht, die Liebe betrogen und die Ehe gefoltert. Ich kanns beweisen, ich hab vier Attestaten, denn ich hab das vierte Weib. Und was für Weiber! Eine jede hat eine andere Untugend ghabt. Die erste war herrschsüchtig. Die hat wollen eine Königin spielen. Bis ich als Treffkönig aufgetreten bin. Die zweite war eifersüchtig bis zum Wahnsinn. Wie sich nur eine Fliegen auf meinem Gsicht hat blicken lassen, pums, hat sie s' erschlagen. Das waren zwei Ehen—da kann man sagen, Schlag auf Schlag. Die dritte war mondsüchtig. Wenn ich in der Nacht hab etwas auf sie sprechen wollen, ist sie auf dem Dach oben gsessen. Jetzt frag ich einen Menschen, ob das zum Aushalten war? Aber sie haben doch behauptet, sie könnten mit mir nicht leben, und sind aus lauter Bosheit gestorben. Bin aber nicht gscheid geworden, hat mich die Höllenlust angewandelt, eine vierte zu nehmen. Eine vierte, die viermal so falsch ist als die andern drei. Die mein Kind in ihrem Ungehorsam unterstützt. Den Maler protegiert, den Maler, der vor Hunger alle Farben spielt. Nichts als immer wispert mit der Dienstbotenbrut, Komplotte macht gegen ihren Herrn und Meister. (Sieht zur halboffnen Eingangstür hinaus.) Aha! Da schleicht das Stubenmädel herum. Die hat schon wieder eine Betrügerei im Kopf. Die wär nicht so übel, das Stubenmädel, das ist noch die sauberste—aber ich hab einen Haß auf sie, einen unendlichen—ich werd sie aber doch hereinrufen, bloß um sie auf eine feine Art auszuforschen. He! Lischen! (Schreit.) Herein mit ihr!
Zwölfter Auftritt
Voriger. Lischen tritt furchtsam ein.
Lischen.
Was befehlen Euer Gnaden?
Rappelkopf (immer barsch).
Ich hab etwas zu reden mit ihr.
Lischen (erschrickt).
Mit mir? (Beiseite.) Nun das wird eine schöne Konversation werden.
Was er schon für Augen macht!
Rappelkopf (beiseite).
Ich werd alle möglichen Feinheiten gebrauchen. (Roh.) Da geh
Sie her! (Lischen nähert sich verzagt. Rappelkopf betrachtet
sie verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen.) Infame Person!
Lischen.
Aber Euer Gnaden—
Rappelkopf.
Was Gnaden—nichts Gnaden—schweig Sie still und antwort Sie.
Lischen.
Das kann ich ja nicht zugleich.
Rappelkopf.
Sie kann alles. Es gibt keinen Betrug, der Ihr nicht möglich wäre.
Sie ist eine Mosaik aus allen Falschheiten zusammengesetzt.
(Beiseite.) Ich muß mich zurückhalten, damit ich nur nicht
unhöflich mit ihr bin.
Lischen (empört).
Aber wer wird sich denn solche Impertinenzen sagen lassen?
Rappelkopf (heftig). Sie, Sie wird 's sich sagen lassen. Und wird keinen Laut von sich geben. Was hat Sie für eine Betrügerei vorgehabt? Sie will mich bestehlen?
Lischen.
Nein!
Rappelkopf.
Was denn?
Lischen.
Ich will mich empfehlen. (Will fort.)
Rappelkopf (nimmt ein ungeladenes Jagdgewehr).
Nicht von der Stelle, oder ich schieß Sie nieder!
Lischen (schreit).
Hülfe, Hülfe!
Rappelkopf.
Nicht mucksen! Antwort! Warum hat Sie so verdächtig herumgesehen?
Was ist im Werk?
Lischen.
Himmel, wenn es losgeht!
Rappelkopf.
Nutzt nichts! losgehn muß etwas, entweder Ihr Maul oder die
Flinten.
Lischen.
Ach, was soll ich denn mein Leben riskieren! (Kniet nieder.)
Lieber gnädiger Herr, ich will alles bekennen.
Rappelkopf.
Endlich kommts an den Tag. Himmel, tu dich auf!
Lischen. Ich habe gelauscht, ob das Fräulein nicht aus dem Alpental zurückkömmt, die gnädge Frau hat mich ausgezankt, weil ich nicht bei ihr geblieben bin, da sie ihren Liebhaber erwartet, der heute ankommt. Die gnädige Frau ist mit ihr einverstanden, doch weil sie mich so mißhandelt hat, so verrate ich sie.
Rappelkopf.
Entsetzlicher Betrug! O falsche Niobe! Und Sie niedrigdenkende
Person, Sie wagt es, Ihre Frau zu verraten—der Sie so viel
Dank schuldig ist? O Menschen, Menschen! Ausgeartetes Geschlecht!
Aus meinen Augen geh Sie mir, Sie undankbare Kreatur, ich will
nie mehr etwas von Ihr wissen.
Lischen.
Aber was hätt ich denn tun sollen?
Rappelkopf.
Schweigen hätt Sie sollen.
Lischen.
Aber Euer Gnaden hätten mich ja erschossen.
Rappelkopf.
Ist nicht wahr, es ist nicht geladen. Betrug für Betrug.
Lischen. So, also hätt ich diese Angst umsonst ausgestanden? Das ist abscheulich.
Rappelkopf. Nein, nicht umsonst. Du Krokodil von einem Stubenmädel—du sollst eine Menge dafür haben: meine Verachtung, meinen Haß, meinen Schimpf, meine Verfolgung und deinen Lohn. (Wirft ihr einen Beutel vor die Füße.) Nimms und geh aus meinem Haus. Mach dich zahlhaft, oder ich zahl dich auf eine andre Art aus. So nimms, warum nimmst du es denn nicht?
Lischen.
Oh, ich werds schon nehmen. (Denkt nach.) Gnädger Herr!
Rappelkopf.
Was denkst denn nach, du Viper? Nimms und ruf mir deine Frau.
Lischen (schnell auf die Gartentür deutend).
Dort ist sie ja!
Rappelkopf (schießt schnell gegen die Gartentür).
Wo ist sie? Wo? Her mit ihr.
Lischen (hebt schnell den Beutel auf).
Das ist ein alter Narr! (Läuft schnell ab.)
Rappelkopf (sieht ihr nach). Hat ihn schon! O ihr Welten, stürzt zusammen, dieses weibliche Insekt wagt es, mich zum besten zu halten! O Rappelkopf! Wie falsch diese Menschen mit mir sind, und ich bin so gut mit ihnen! Ha! Dort kommt mein Weib, entsetzlicher Anblick—meine Haar sträuben sich empor, ich muß aussehen wie ein Stachelschwein.
Dreizehnter Auftritt
Voriger. Sophie.
Sopie (gelassen).
Was willst du denn, lieber Mann?
Rappelkopf. Dich will ich, aus der gesamten Menschheit dich! und von dir mein Fleisch und Blut, mein Kind! Wo ist sie?
Sopie (verlegen).
Sie ist nicht zu Hause—
Rappelkopf (sehr heftig).
Nun also, wo ist sie—? Wo?—
Sopie.
So sei nur nicht so heftig.
Rappelkopf.
Jetzt bin ich heftig, und ich bin ganz erstaunt über meine
Gelassenheit. Im Wald ist sie draußen. Also auch mein Kind ist
verloren für mich?
Sopie.
Nu, nu, in dem Wald ist ja kein Bär.
Rappelkopf. Aber ein junger Herr—Also die Gschicht ist noch nicht aus, mit diesem Maler?
Sopie.
Und darf nicht aus sein, denn das Glück und die Ruhe deiner
Tochter stehen auf dem Spiele. Sie wird ihn ewig lieben.
Rappelkopf.
Und ich werd ihn ewig hassen.
Sopie.
Was hast du als Mensch an ihm auszusetzen?
Rappelkopf.
Nichts, als daß er einer ist.
Sopie.
Was hast du gegen seine Kunst einzuwenden?
Rappelkopf.
Alles! Ich hasse die Malerei, sie ist eine Verleumderin der
Natur, weil sie s' verkleinert. Die Natur ist unerreichbar.
Sie ist ein ewig blühender Jüngling, doch Gemälde sind
geschminkte Leichen.
Sopie.
Ich kann deine Ansichten nicht billigen und darf es nicht.
Meine Pflicht verbietet es.
Rappelkopf. Weil du dir die Pflicht aufgelegt hast, mich zu hassen, zu betrügen, zu belügen et cetera. (Wendet sich von ihr ab.)
Sopie.
So laß dir doch nur sagen—
Rappelkopf.
Ist nicht wahr.
Sopie.
Ich habe ja nichts gesagt noch—
Rappelkopf.
Du darfst nur das Maul aufmachen, so ist es schon erlogen.
Sopie.
So blick mich doch nur an—
Rappelkopf.
Nein, ich hab meinen Augen jedes Rendezvous mit den deinigen
untersagt. Lieber Kronäugeln als Liebäugeln. Aus meinem Zimmer!
(Setzt sich und dreht ihr den Rücken zu.)
Sopie (empört).
Du wendest mir den Rücken zu?
Rappelkopf. In jeder Hinsicht. Weil du alles hinter meinem Rücken tust, so red auch mit mir hinter meinem Rücken. Ich bin kein Janushaupt, ich hab nur ein Antlitz, und da ist nicht viel daran, aber wenn ich hundert hätt, so würd ich sie alle von euch abwenden. Darum befrei mich von deiner Gegenwart! Hinaus, Ungeheuer!
Sopie. Mann, ich warne dich zum letzten Male. Diese Behandlung hab ich weder verdient, noch darf ich sie länger erdulden, wenn ich nicht die Achtung vor mir selbst verlieren soll. Niemand ist deines Hasses würdiger als dein Betragen. Es ist ein Feind, der sich in seinem eignen Haus bekriegt. Und es ist wirklich hohe Zeit, daß ich mich entferne, damit ich mich nicht durch den Wunsch versündige, der Himmel möchte dich von einer Welt befreien, die deinem liebeleeren Herzen zur Last geworden ist und in der du keine Freude mehr kennst als die Qual deiner Angehörigen. (Geht erzürnt ab.)
Rappelkopf (allein). Das ist eine schreckliche Person. Alles ist gegen mich, und ich tu niemand etwas. Wenn ich auch manchmal in die Hitz komm, es ist eine seltene Sach, wenn ich ausgeredt hab, ich weiß kein Wort mehr, was ich gsagt hab. Aber die Menschen sind boshaft, sie könnten mich vergiften. Und dieses Weib, gegen die ich eine so auspeitschenswerte Liebe ghabt hab, ist imstande, mich so zu hintergehen. Und doch fordert sie Vertrauen. Woher nehmen? Wenn ich nur einen wüßt, der mir eines leihte! Ich wollte ihm dafür den ganzen Reichtum meiner Erfahrung einsetzen. (Stellt sich an die Gartentür.) Dieser Garten ist noch meine einzige Freud. Die Natur ist doch etwas Herrliches. Es ist alles so gut eingerichtet. Aber wie diese Raupen dort wieder den Baum abfressen. Dieses kriechende Schmarotzergesindel. (Sich höhnisch freuend.) Freßts nur zu. Nur zu. Bis nichts mehr da ist, nachher wieder weiter um ein Haus. O bravissimo! (Bleibt in den Anblick versunken mit verschlungenen Armen stehen.)
Vierzehnter Auftritt
Voriger. Habakuk tritt zur Eingangtür herein, ein Kuchelmesser in der Hand.
Habakuk. Jetzt wollen wirs probieren. (Sieht Rappelkopf, erschrickt.) Sapperment, da steht er just vor der Gartentür! Wie komm ich denn jetzt hinaus? Ich trau mich nicht vorbei. Er fahret auf mich los als wie ein Kettenhund. Ach, was kann denn mir geschehen! Ich war zwei Jahr in Paris. Euer Gnaden erlauben, daß ich (Rappelkopf kehrt sich schnell um und erschrickt. Habakuk erschrickt ebenfalls.)
Rappelkopf.
Was ists—? Was will Er?
Habakuk (für sich).
Bellt mich schon an. (Versteckt das Messer unwillkürlich.)
Rappelkopf (packt ihn an der Brust).
Was willst du da herin, warum erschrickst?
Habakuk (für sich).
Hat mich schon. (Laut.) Euer Gnaden verzeihen, ich hab—
Rappelkopf.
Was hast? Ein schlechtes Gewissen hast. Was versteckst denn da?
Ans Licht damit!
Habakuk (zeigt es vor).
Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden. Es ist ein Kuchelmesser—
Rappelkopf (prallt entsetzt zurück).
Himmel und Hölle! Der Kerl hat mich umbringen wollen.
Habakuk.
Warum nicht gar—
Rappelkopf.
Den Augenblick gesteh! (Packt ihn und entreißt ihm das Messer.)
Ist dieses Messer für mich geschliffen?
Habakuk.
Ah, das wär ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben könnten—
Ich hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen—
Rappelkopf.
Ob du mich umbringen darfst?
Habakuk.
Warum nicht gar, da würd man ja Euer Gnaden lang fragen—
Rappelkopf.
O du schändlicher Verräter!
Habakuk.
So lassen sich Euer Gnaden nur berichten—
Rappelkopf.
Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!
Habakuk (beiseite). Er laßt einem nicht zu Wort kommen. (Laut.) Euer Gnaden müssen mich hören. (Will auf ihn zu.)
Rappelkopf (hält einen Stuhl vor).
Untersteh dich und komm mir auf den Leib. Ich glaub, er hat
noch ein paar Messer bei sich. Der Kerl ist ein völliger
Messerschmied.
Habakuk.
So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teufels Namen—
Rappelkopf (packt ihn wieder). Das will ich auch. Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich gedungen?
Habakuk.
Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.
Rappelkopf.
Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlaßt hat.
Habakuk.
Mein Himmel, die gnädige Frau hat gschafft—
Rappelkopf.
Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen. Entsetzlich!
(Habakuk will reden. Rappelkopf schreit.)
Nichts mehr! Mein Weib will mich ermorden lassen! (Sinkt in
einen Stuhl und verhüllt sein Gesicht.)
Habakuk (für sich). Ah, das ist schrecklich! ich hätt sollen einen Zichori ausstechen (ringt die Hände), und er glaubt, ich will ihn umbringen. Ah, das ist schrecklich, das ist schrecklich!
Rappelkopf.
Ja, es ist schrecklich—es ist entsetzlich, es ist das
Unmenschlichste, was die Weltgeschichte aufzuweisen hat.
(Nimmt den Stuhl.) Hinaus, du Mörder! du Abällino! du Ungeheuer
in der Livree!
Habakuk.
Aber Euer Gnaden—
Rappelkopf.
Hinaus mit dir—
Habakuk.
Nein, ich war—
Rappelkopf (wütend).
Hinaus, sag ich, oder—(jagt ihn hinaus.)
Habakuk (schon vor der Tür, schreit).
Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt.
(Ab.)
Rappelkopf (allein).
Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher.
Drum hinaus, nur hinaus
Aus dem mörderischen Haus!
Doch vorher will ich mich rächen,
Alle Möbel hier zerbrechen.
Gleich zuerst nehm ich beim Schößel
Diesen vierzigjährgen Sessel,
Auf dem meine Weiber saßen,
Die mein Lebensglück mir fraßen.
Ha! Dich tret ich ganz zuschanden.
(Zertritt den Stuhl.)
So—der hat es überstanden.
Auch den Tisch, an dem ich Briefe,
Voll Gemüt und treuer Tiefe,
Einst an falsche Freunde schrieb,
Spalte ich auf einen Hieb.
(Schlägt in den Tisch.)
Und der weltverführnde Spiegel,
Der Verderbtheit blankes Siegel,
Dieser Abgott aller Schönen,
Dem die eitlen Narren frönen,
Wo sie stehen, wo sie gaffen
Und sich putzen wie die Affen,
Gsichter schneiden, Buckerl machen,
Weißer Zähne willen lachen:
O du truggeschliffner Räuber!
Du Verführer eitler Weiber!
O du niedrige Lappalie!
Wart, dir liefr ich jetzt Bataille.
(Erblickt sich in dem Spiegel.)
Pfui! das häßliche Gesicht,
Ich ertrag es länger nicht.
(Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.)
So! da liegt er jetzt, der Held,
Und sein Harnisch ist zerschellt.
(Besieht die Hand.)
Ha! der glänzende Betrüger
Hat verwundet seinen Sieger,
Doch ich mach mir nichts daraus,
Flöß ein Eimer Blut heraus.
(Öffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.)
Auch die Briefe voll von Lieb,
Die im Wahnsinn ich einst schrieb,
Die zerreiß ich alle hier.
's ist nur schad um das Papier.
(Zerreißt sie und streut sie auf den Boden.
Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.)
Nur das tiefgehaßte Geld,
Die Mätresse dieser Welt,
Das bewahr ich mir allein,
Das muß mit, das steck ich ein.
(Steckt es schnell in die Taschen.)
Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände,
Die ich hasse ohne Ende,
Warum schaut ihr mich so an?
Bin ich nicht ein ganzer Mann?
Euch kann ich zwar nicht zerschlagen,
Doch ich will euch etwas sagen:
Ich geh jetzt in Wald hinaus
Und komm nimmermehr nach Haus.
(Läuft wütend ab.)
Fünfzehnter Auftritt
Verwandlung
Das Innere einer Köhlerhütte. Rußige Wände.
Salchen am Spinnrocken. Hänschen, Christopherl, Andresel sitzen am Tisch. Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt. Unterm Tisch ein großer schwarzer Hund. Auf dem Tisch eine Katze, mit welcher die Knaben spielen. Im Hintergrunde zwei schlechte Betten. In einem liegt die kranke Großmutter, in dem andern der betrunkene Christian.
Quintett
Salchen (fröhlich).
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.
Die drei Kinder.
He, Mutter, gib was z' essen her,
Der Magen tut uns weh!
Salchen.
Das Hungern fällt mir gar nicht schwer,
Wenn ich mein Bürschel seh.
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.
Die drei Kinder.
Mutter, gib uns Brot!
Christian (mit lallender Stimme).
Ihr Bagage, seids nicht still?
Tausendschwerenot!
Marthe (ruft).
Still!
Das Kind.
Qua qua!
Die Katze.
Miau!
Der Hund.
Hau hau!
(Die erste Melodie fällt ein.)
Salchen.
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.
Die drei Kinder.
Wenn wir nicht was z' essen kriegn,
So gehn wir ja zugrund!
Salchen.
So weckts das Kind nicht in der Wiegn,
Und spielts euch mit den Hund!
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.
Die drei Kinder.
Sapperment, ein Brot!
Christian.
Wanns nicht euern Schnabel halts,
Schlag ich euch noch tot!
Marthe.
Still!
Das Kind.
Qua qua!
Die Katze.
Miau!
Der Hund.
Hau hau!
Marthe.
Still seids, ihr ausgelassenen Buben!
Hänschen (weinerlich).
Mutter, a Brot!
Salchen.
Ist keins da, Holzbirn eßts!
Marthe.
Und machts keinen solchen Lärm. Euern Vater ist nicht gut.
Andresel.
Was fehlt ihm denn?
Marthe. Den Schwindel hat er. (Für sich.) Man darfs den Kindern nicht einmal sagen.
Christoph.
Jetzt hat der Vater so viel Kohlen verkauft—
Andresel.
Und hat kein Geld z' Haus bracht, nichts als ein Schwindel.
Salchen.
Was geht das euch an?
Andresel. Weil wir hungrig sein. Ich weiß schon, warum wir so wenig z' essen kriegen, weil der Vater so viel trinkt.
Salchen. Jetzt schaut d' Mutter einmal die Spitzbuben an. Sie haben gar kein Respekt vor ihren Vatern.
Christian.
Ich massakrier die Buben alle drei. (Er will auf und taumelt.)
Marthe.
Liegen bleib! (Sie drängt ihn ins Bette.)