Der Bankerott.
Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
von Florian Müller
Leipzig
Theodor Thomas.
1853.
Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe, existiren können.
Neujahr 1853.
Florian Müller.
Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,
Réformer de son goùt l'antique barbarie,
Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;
Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,
Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,
Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?
Frédéric II. (Epitre sur la liberté.)
Der Bankerott.
Inhalt
Personen
Questenberg,
großer Zeugfabrikant.
Doctor Questenberg,
sein Sohn.
Blashammer,
Banquier und Waffenfabrikant.
Adelgunde,
seine Tochter.
v. Zitterwitz,
Regierungsrath.
Johnson,
Capitalist.
Albert,
}
Klaus,
} Arbeiter Questenberg's.
Vater Ziemens,
}
Mutter Ziemens.
Marie,
deren Tochter.
Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.
Bediente, Arbeiter, Volk. —
Zeit der Handlung im Jahre 1850.
Erster Akt.
Abtheilung I.
Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.
Abend, Licht.
Erste Scene.
Questenberg; v. Zitterwitz.
v. Zitterwitz (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant —
Questenberg. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft! — Der Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . .
v. Zitterwitz. Eine Million!
Questenberg (seufzend). In Damastroben à la chinois.
v. Zitterwitz. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser Zeit speculiren!
Questenberg. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
v. Zitterwitz. Naiv, naiv!
Questenberg. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk ihrer Industrie danach zu haschen wußten.
v. Zitterwitz. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser und Papst.
Questenberg. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen.
v. Zitterwitz (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
Questenberg. Ich verfertige fortan die Damastrobe à la chinois statt für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde Kleid der „l'état c'est nous“ wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische noch sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!
v. Zitterwitz. Zu spät, zu spät!
Questenberg. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme. —
v. Zitterwitz. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören.
Questenberg. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle — früher werden sie nicht fertig — die noch einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.
v. Zitterwitz. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukränkeln! — Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen! — O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige und den König zum gemeinen Manne zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so — seien Sie verstchert . . .
Questenberg. Ein Mann ein Wort!
v. Zitterwitz. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .
Questenberg. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
v. Zitterwitz (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?
Questenberg. Ich geize nicht und verspreche —
v. Zitterwitz. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
Questenberg. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche Ihnen . . .
v. Zitterwitz. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen schriftlich abgemacht.
Questenberg. Nach Ihrem Wunsch.
v. Zitterwitz. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt?
Questenberg. Etwa acht bis vierzehn Tage.
v. Zitterwitz (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe unsrer Geldmänner.
Questenberg. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche Speculationen gewisser Leute waren, die —
v. Zitterwitz. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
Questenberg. Vorzüglich einen — er steht mir sehr nahe und spielt den Scheinheiligen unübertrefflich.
v. Zitterwitz. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
Questenberg. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.
v. Zitterwitz. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
Questenberg. Der noch nichts ist. . .
v. Zitterwitz. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste juristische Examen.
Questenberg. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner Lage —
v. Zitterwitz. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der Banquier darf uns nicht widerstehen.
Questenberg. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand.
v. Zitterwitz. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . .
Questenberg. Er kam bereits gestern an.
v. Zitterwitz. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt mich . . .
Questenberg. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.
v. Zitterwitz. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
Questenberg. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn — 's ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf Tausend Thaler —
v. Zitterwitz (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten —
Questenberg. Die sechzig Köche und Kellner —
v. Zitterwitz. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse —
Questenberg. Die Fasanen —
v. Zitterwitz. Die Schildkröten —
Questenberg. Die Vogelnestern und Austern —
v. Zitterwitz. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das Porter Bier —
Questenberg. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den Mokka-Caffee —
v. Zitterwitz. Da wir ihm den Credit versagten —
Questenberg. Wir großmächtigen Männer der Börse?!
v. Zitterwitz. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen? —
Questenberg. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen?
v. Zitterwitz. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? — — Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß sie mir nicht einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine Verlobung feierten! — Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, will's Gott.
Questenberg. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
Zweite Scene.
Questenberg (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder zum Schreiben.)
Dritte Scene.
Questenberg. Sein Sohn. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Mütze.)
Der Doctor. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe.
Questenberg. Was giebt's denn?
Der Doctor. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
Questenberg. Ich komme.
Der Doctor. Mit Bestimmtheit?
Questenberg. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.
Der Doctor. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen — 's ist hart! — Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in Ihrem Hause fühlen.
Questenberg (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich — dem Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß nach einem — für rafinirtes Brennöhl 80 — nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
Der Doctor. Nicht fein! — Warum zwangen Sie mich denn London zu verlassen?
Questenberg. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen — Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
Der Doctor. Ich?
Questenberg. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter —
Der Doctor. Lust? nein.
Questenberg. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?
Der Doctor (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und Sittlichen zu spielen.
Questenberg. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .
Der Doctor. Müssen?
Questenberg. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht 37,500 . . .
Der Doctor. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu bezahlen.
Questenberg. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!
Der Doctor. Schön.
Questenberg. Nicht wahr?
Der Doctor. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
Questenberg. Fräulein Blashammer.
Der Doctor. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .
Questenberg. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.
Der Doctor. (wiederholt sein Brrr).
Questenberg. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft — dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
Der Doctor. Darf ich eine äußern?
Questenberg. Ich bitte.
Der Doctor. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
Questenberg. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
Der Doctor. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!
Questenberg. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus Vernunft so verrückt.
Der Doctor. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
Questenberg. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
Abtheilung II.
Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund steht ein Modell.
Vierte Scene.
Albert tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von Klaus.
Klaus. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?
Albert. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der Arbeit schenkt . . .
Klaus. Welche Gnade!
Albert. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?
Klaus. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .
Albert. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze.
Klaus. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
Albert. Hier?
Klaus. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.
Albert. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte mit Dir machen.
Klaus. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.
Albert. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.
Klaus. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .
Albert. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.
Klaus. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit erhalten.
Albert. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
Klaus. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.
Albert. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
Klaus. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.
Albert. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.
Klaus. Es fördert unsern Zweck!
Albert. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .
Klaus (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.
Albert. . . .Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .
Klaus. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. —
Albert. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.
Klaus. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.
Albert. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.
Klaus. Sage, ein zweiter Rothschild.
Albert. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
Klaus. Zunächst nichts weiter.
Albert. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?
Klaus. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
Albert. Nein.
Klaus. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .
Marie (singt draußen).
Klaus. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer Bedürfnisse“ . . .
Fünfte Scene.
Die Vorigen. Marie.
Albert. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott!
Marie. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.
Klaus. Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um höchst einfältige Fragen.
Marie. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?
Klaus. Wenn's Ihnen beliebt. —
Albert (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
Marie. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit denkt.
Klaus. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht schaden.
Marie. Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! Glück zu!
Klaus. Ihre Vorwürfe sind ungerecht.
Albert. Was bringt Dich so auf?!
Marie. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack findest —
Klaus. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm und Hagel! . . .
Marie. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
Klaus. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders günstigen Lichte darstellt.
Marie. Das wäre abscheuliche Verläumdung.
Klaus. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles verkehrt.
Marie. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?
Klaus. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
Marie. Ueberflüssig! — Heraus damit.
Klaus (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten —
Marie. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!
Klaus. Ich gehe schon, Jungfer.
Albert. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
Klaus. Leb' wohl Kamerad! . . .
Albert wendet ihm den Rücken.
Klaus. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden —
Marie. Packen Sie sich nur, Elender.
Klaus. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!
Marie. Pfui.
Klaus. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
Sechste Scene
Die Vorigen ohne Klaus.
Marie (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die Rede?
Albert. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
Marie. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!
Albert. Meinen Träumen!?
Marie. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu sehen.
Albert. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —
Marie. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren sollest —
Albert. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte Thier.
Marie. So schwärmt Klaus.
Albert. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
Marie. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?
Albert. Höre auf davon.
Marie. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!
Albert. Erbarmen!
Marie. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
Albert. Bleib' Marie.
Marie. Was wünschest Du noch?
Albert. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
Marie. Versuch's.
Albert. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell einen Rock an).
Marie. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
Albert (macht einen Wink nach oben und geht).
Marie (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
Zweiter Akt.
Abtheilung I.
Vorzimmer zum großen Festsaal.
Erste Scene.
Albert. Questenberg mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich in einem Lehnstuhl.
Questenberg (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. —
Albert. Um Entschuldigung —
Questenberg. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern —
Albert. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.
Questenberg (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern aufschlägt.)
Albert (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!
Questenberg. 's ist ein reicher Schatz.
Albert. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.
Questenberg. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
Albert. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde ich's dann wagen können zu bitten —
Questenberg (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.
Albert. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! — (Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
Questenberg (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
Albert. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!
Questenberg. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?
Albert. Sieben und zwanzig Jahr.
Questenberg. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ „Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
Albert. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende Hoffnung überbringen!?
Questenberg. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
Zweite Scene.
Die Vorigen. v. Zitterwitz.