Anmerkungen zur Transkription
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„Aber, Percy, wie bist Du da hinaufgekommen?“
„Das weiß ich selber nicht .... Als die Schildkröte aus dem Wasser kam und so wütend pfauchte und schnappte, war es mir, als könnte ich alles.“
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GRÖSSERES BILD
Percy Wynn
oder
ein seltsames Kind der Neuen Welt.
Von
Franz Finn S. J.
Für die deutsche Jugend bearbeitet
von
Franz Betten S. J.
Mit einem Titelbild.
Mainz,
Verlag von Franz Kirchheim.
1897.
Druck von Fl. Kupferberg in Mainz.
Vorwort zur deutschen Bearbeitung.
Die wohlwollende Aufnahme, welche der deutsche „Tom Playfair“ gefunden, hat den Unterzeichneten ermutigt, auch eine zweite Erzählung desselben Verfassers in deutscher Bearbeitung erscheinen zu lassen. „Percy Wynn“ kann insofern als eine Fortsetzung der ersten betrachtet werden, als Tom Playfair auch hier noch eine wichtige Rolle zu spielen hat, wenn er auch naturgemäß hinter dem Haupthelden zurücktritt. — Über den Standpunkt, von dem aus beide Werkchen beurteilt werden möchten, seien hier ein paar Worte vorausgeschickt.
Zu dem Versuche, diese in Amerika schnell beliebt gewordenen Schriften auf Deutsch zu bearbeiten, bewog die Überzeugung, daß dieselben auch für die deutsche Jugend eine unschädliche, genuß- und gewinnreiche Lektüre abgeben und so die Zahl der brauchbaren katholischen Jugendschriften um einige vermehren könnten. Von dem Gedanken aber, hier ein Muster der Erziehungskunst vorzuführen oder die von den amerikanischen Jesuiten befolgte Methode zu schildern, wurde aus dem einfachen Grunde Abstand genommen, weil dieser Gedanke schon dem Verfasser gänzlich ferne gelegen hat. Ein Charakter, so abnorm wie derjenige Percy Wynns, dessen Erziehung überdies bei seinem Eintritte ins Pensionat der Hauptsache nach schon fertig ist, wäre dazu auch recht wenig geeignet. Nicht ein „Lienhard und Gertrud“ lag in P. Finns Absicht, sondern eine fesselnde und veredelnde Lektüre für die Jugend. Die wenigen Gebräuche und Maßregeln aber, deren bruchstückweise Anführung lediglich dem Fortschritte der Erzählung dient, können unmöglich außer dem Zusammenhang mit dem ganzen lebendigen Schul- und Pensionatsorganismus von „Maurach“ richtig beurteilt werden; und dieser selbst würde zu seinem Verständnis wiederum nicht nur eine genaue Kenntnis von Land und Leuten erfordern, sondern auch eine gewisse Vertrautheit mit den lokalen Verhältnissen von Haus und Umgebung.
Insbesondere sind drei Punkte hervorzuheben, die in den vorliegenden Erzählungen zwar berührt, aber doch nicht in dem Maße zum Ausdrucke gelangt sind, daß auch dem Fernstehenden ein richtiges Urteil ermöglicht wäre. — Zunächst ist es die große Bedeutung, welche der Anglo-Amerikaner in seinen Erziehungsanstalten dem Traditionellen beilegt; „was grau vor Alter ist, das ist ihm heilig.“ — An zweiter Stelle kommt der stark ausgeprägte Nationalcharakter der nordamerikanischen Republik mit seinem weitgehenden Einflusse schon auf die erste Erziehung der freigeborenen Jugend und auf die Gestaltung des geselligen Verkehres zwischen groß und klein. — Unter den nationalen Eigentümlichkeiten sei als dritter Punkt noch besonders genannt eine außerordentliche Vorliebe für das Spiel, welche naturgemäß der Jugenderziehung ein ganz eigenes Gepräge geben muß. In der That macht das Spiel samt der Art, wie es nun einmal betrieben wird und nach Landessitte betrieben werden muß, in den amerikanischen Anstalten seine Wirkungen auch dort noch geltend, wo vom Spiele selbst längst nicht mehr die Rede ist.
Ohne Zweifel haben diese kurzen Bemerkungen den Wert beider Schriftchen in den Augen jener Leser vermindert, die in denselben etwa ein ausschlaggebendes Material zum Vergleiche zwischen deutscher und amerikanischer Erziehung zu finden hofften. Allein eine Aufklärung im Beginne ist besser, als eine Enttäuschung am Ende, und vielleicht wird deshalb die Jugendschrift als solche eine um so wohlwollendere Beurteilung finden.
Erwähnt sei noch, daß der Verfasser, wie er in der Vorrede zu seiner zweiten Auflage bemerkt, die Katechismusstunde (S. 136 ff.) der Hauptsache nach von P. Spee entlehnt hat. Dieses Produkt eines urdeutschen Gemütes kommt also hiermit auf den heimatlichen Boden zurück.
Valkenburg in holl. Limburg, d. 30. Aug. 1896.
Franz Betten, S. J.
Inhaltsverzeichnis.
| Seite | |||
| 1. | Kapitel. | Der schüchterne Neuling | |
| 2. | „ | Percy muß bei Tom Playfair ein Examen machen. Neue Bekannte | |
| 3. | „ | Die gelbseidene Krawatte und Ähnliches | |
| 4. | „ | Spielplatz und Schule | |
| 5. | „ | Das Gespenst | |
| 6. | „ | Nachwehen | |
| 7. | „ | Ein freier Tag. 1. Die Fußtour | |
| 8. | „ | Ein freier Tag. 2. Fischen und Klettern | |
| 9. | „ | Ein freier Tag. 3. Schwimmen und Rudern | |
| 10. | „ | Eine Gesellschaft anderer Art | |
| 11. | „ | Eine Verschwörung gegen Playfair und Quip | |
| 12. | „ | Percy entdeckt das Komplott und beschließt zu helfen | |
| 13. | „ | Ist das ein Feigling? | |
| 14. | „ | Wie die geretteten Freunde ihrem Retter helfen | |
| 15. | „ | Wie ein Vierter allen zu Hilfe kam. — In der Infirmerie | |
| 16. | „ | Percys Pult | |
| 17. | „ | Wie P. Middleton den Flüchtling findet | |
| 18. | „ | Die Erlebnisse des Ausreißers | |
| 19. | „ | Ruhe nach dem Sturme | |
| 20. | „ | Noch im Krankenzimmer | |
| 21. | „ | Fußball | |
| 22. | „ | Der schiefe Philipp | |
| 23. | „ | Auf der Gasse | |
| 24. | „ | Wie zwei Tapfere mit Percy Fersengeld geben müssen | |
| 25. | „ | Zwei Briefe | |
| 26. | „ | In der Aula | |
| 27. | „ | Der unerwartete Besuch | |
| 28. | „ | Der neue Zögling | |
| 29. | „ | Der kleine Wißbegierige | |
| 30. | „ | Fröhliche Weihnachten | |
| 31. | „ | Ein junger Schlittschuhmeister | |
| 32. | „ | Der seltsame Wanderer | |
| 33. | „ | Ein Tod unter freiem Himmel | |
| 34. | „ | Tom begegnet zwei Gesellen, die er lieber nicht sähe | |
| 35. | „ | Schluß | |
| Bemerkungen zu den ausländischen Wörtern | |||
1. Kapitel.
Der schüchterne Neuling.
Das amerikanische Pensionat Maurach liegt, wie den Lesern von ‚Tom Playfair‘ schon bekannt ist, eine halbe Stunde von dem gleichnamigen Städtchen entfernt, einsam auf der welligen Prärie. Ein paar Wälder und mehrere Seen unterbrechen angenehm die weiten, unabsehbaren Grasstrecken seiner Umgebung.
Die jugendlichen Insassen des Hauses zerfallen nach Alter und Entwickelungsstufen in zwei Abteilungen von je hundert oder hundertzwanzig Zöglingen.
Auf dem Spielplatze der Kleinen bemerken wir heute das gewöhnliche muntere Treiben. Nur fällt uns ein Knabe von etwa dreizehn Jahren auf, der sich abseits von dem fröhlichen Getümmel mutterseelenallein auf einer Bank im Winkel des Platzes niedergelassen hat. Er ist ein zartes, schwächliches Kind. Sein offener Blick verrät Unschuld und Zutrauen, und jeder Zug des ausdrucksvollen Gesichtes erzählt von einer glücklichen, reinen, im Kreise lieber Angehörigen verbrachten Kindheit.
Eine Gruppe von fünf größeren Zöglingen, lauter kräftigen, dreist aussehenden Burschen, nähert sich ihm.
„Heda, Jüngelchen!“ ruft Kenny, der ihr Anführer zu sein scheint, in barschem Tone, „heda! was hockst Du hier so allein herum?“
Der Kleine, der wie in stillem Schmerze den Kopf gesenkt hielt, richtete sich bei diesen Worten langsam auf und erhob seine großen blauen Augen furchtsam und bittend zu den Herannahenden.
„Hast Du keine Ohren?“ fuhr Kenny fort, ebenso unsanft wie vorher. „Was hockst Du hier so allein?“
Die Lippen des Angeredeten zitterten; er hatte nicht den Mut, dem rauhen Fragesteller ein Wort zu erwidern.
„Dann sag uns wenigstens mal, wie Du heißest! Das wirst Du wohl noch wissen.“
„Percy Wynn.“
„Percy Wynn!“ wiederholte die ganze Gesellschaft in einem Tone, den sie für besonders geistreich hielt; „Percy Wynn! ha, ha! das ist ein feiner Name! ein herrlicher Name! Meinst Du das nicht auch, Percy?“
„O gewiß!“ versicherte Percy bangen Mutes, aber mit voller Überzeugung, worauf ein neues Gelächter entstand.
Die fünf hatten schlau einen Zeitpunkt ausersehen, da P. Scott, der die Aufsicht führte, sich an das andere Ende des Spielplatzes begeben mußte, so daß sie nicht leicht eine unliebsame Störung zu befürchten hatten.
Der gute Percy merkte jetzt, daß man sich nur über ihn lustig mache, und ein glühendes Rot übergoß seine blassen Wangen.
„Da seht doch, er wird rot! gerade wie ein Mädchen!“ spottete Martin Prescott, und rief dadurch einen ausgelassenen Beifall hervor.
Percy hatte allerdings viel Mädchenhaftes an sich. Seine Gestalt war auffallend schmächtig; die Kleidung, von den zierlichen Schuhen und den langen schwarzseidenen Strümpfen an, bis zu der breiten, farbigen Krawatte, zeigte eine geradezu peinliche Sorgfalt; das goldgelbe, reiche Haar aber hing ihm nach Mädchenart in langen Locken auf die Schultern herab, ein Schmuck, der in Amerika zwar auch bei Knaben nicht ganz ungebräuchlich ist, aber doch auch nicht gerade häufig gesehen wird.
Percy, der immer mehr inne wurde, daß die Augen von fünf Buben sich an seiner Verlegenheit weideten, errötete noch mehr, stand hastig auf und suchte der unwillkommenen Gesellschaft zu entfliehen.
Allein Kenny ergriff ihn beim Arm.
„Da bleiben, Percy!“
„O bitte, lassen Sie mich doch los! Ich möchte so gern allein sein!“
„Sie! aha! er sagt ‚Sie‘!“ riefen mehrere. „Das ist recht. Du bist ja sehr höflich.“
Kenny drückte ihn wieder auf die Bank mit den Worten:
„Ich habe noch etwas zu fragen, Percy; sag’ mal, wo schläfst Du denn eigentlich?“
„Da drüben in dem großen Schlafsaal; der Herr Präfekt hat mir mein Bett schon gezeigt.“
„Gut. Du bist nun ein Neuer, und weißt noch nicht, wie es hier geht. Ich will Dir einiges sagen. Wenn Du im Bett bist — und wohlgemerkt, beim Auskleiden mußt Du sehr schnell machen — dann sagst Du mit lauter Stimme: ‚Löschen Sie das Licht nur aus, Pater, ich bin im Bett!‘ Das muß man aber im ganzen Schlafsaale hören können.“
„Muß ich das wirklich thun?“ fragte Percy betroffen. „Können Sie dafür nicht einen andern ausfindig machen?“
Jedes ‚Sie‘, das Percy aussprach, weckte ein neues Schmunzeln der Überlegenheit.
„Nein, das geht nicht,“ sprach Kenny, „es muß immer derjenige thun, der zuletzt gekommen ist. Vor vierzehn Tagen hat das Schuljahr schon angefangen. Du bist erst heute gekommen — also mußt Du es sagen.“
Das war natürlich eine Lüge, aber Kennys böswillige Genossen hielten es für den lustigsten Scherz und vermochten kaum ihr schadenfrohes Ergötzen zu verbergen.
„Das ist doch eine sonderbare Gewohnheit!“ rief Percy erstaunt aus.
„Sonderbar oder nicht sonderbar, das bleibt sich ganz gleich. Es muß nun einmal geschehen.“
„Dann will ich es auch thun.“
„Recht so, Percy. Was hast Du also zu sagen?“
„‚Löschen Sie das Licht nur aus, Pater, ich bin im Bett!‘“
„Vortrefflich! Du hast Deine Lektion gut gelernt. Jetzt kommt etwas anderes. Du mußt hier sofort einen Purzelbaum schlagen.“
„Was? einen ... was für einen Baum muß ich schlagen?“
„O du Nestküchlein! — Du hast wohl immer bei Mama auf dem Sopha gesessen. — Er kann nichts als seinen Schwestern die Puppe einlullen“ — schrieen alle durcheinander.
„Und da wird das Mädchen wieder rot!“ sprach Prescott und zerrte ihm an den goldenen Locken, wobei er sich wohlweislich so stellte, daß der Präfekt, der wieder näher kam, die Bewegung seiner Hand nicht unterscheiden konnte.
„Einen solchen Baum,“ erklärte Kenny, als es wieder ruhiger geworden war, und machte es ihm vor.
„O, auf mein Wort!“ versicherte der beklommene Percy treuherzig; „das bringe ich nicht zustande! ganz sicher nicht!“
„Du mußt, Percy. Jeder Neue muß das thun.“
„Aber ich kann es ja nicht,“ sprach Percy flehentlich.
„Macht nichts! wenigstens kannst Du es probieren.“
„O bitte! erlassen Sie es mir dieses Mal! Ich will den Purzelbaum für mich üben, und wenn ich ihn kann, wird es mir ein großes Vergnügen machen, Ihrem Willen zu entsprechen. Ihr Wunsch soll mir Befehl sein.“
„O wie fein, wie fein! Was er schwätzen kann!“ höhnte Skipper. „Woher er nur die Wörter hat! Ich wette, er hat ein ganzes Wörterbuch auswendig gelernt.“
„Nein!“ sagte Percy voll Beklommenheit.
„Vorwärts, Percy!“ drängte Kenny in drohendem Tone; „keine Umstände!“
Das hilflose, geängstigte Kind brach in Thränen aus, stand auf und machte einen neuen Versuch, seinen Bedrängern zu entkommen.
Aber Kenny faßte noch heftiger als das erste Mal Percys Arm.
„Nichts da, Wynn! Du thust, was ich will! Oder willst Du einen Faustkampf mit mir probieren?“ Dabei erhob er die geballten, kräftigen Fäuste. „Wir werden uns schon am rechten Orte treffen; ich will es Dir auch wohl zeigen, so gut wie den Purzelbaum.“
„Das lässest Du schön bleiben!“ rief eine neue Stimme von hinten, und zwei starke Ellenbogen pufften unsanft die saubern Freunde auseinander, daß sie sich mit lautem „au! au!“ an die getroffenen Stellen griffen; ein anderer Zögling, den das Spiel zufällig in diesen Winkel geführt hatte, trat neben den gequälten Percy. Sein jugendfrisches Gesicht glühte vor Entrüstung und seine Augen richteten sich zornig auf die fünf edlen Brüder.
„Schäm’ Dich, Kenny!“ rief er. „Sobald ein Neuer im Haus ist, fällst Du mit Deiner Bande über ihn her. Ihr seid ja selbst noch neu! Packt Euch fort! auf der Stelle! oder ich sorge, daß Ihr erfahrt, wie man sich in Maurach zu betragen hat.“
Der Redende war kleiner und offenbar auch etwas jünger als Kenny und die meisten seiner Genossen; aber der da vor ihnen stand, war ja Tom Playfair, der gefeiertste unter den jüngeren Zöglingen, Tom Playfair, dessen Haupt eine Reihe seltener Knabenthaten, worunter die glorreiche Verteidigung einer Schneefestung gegen mehrfache Übermacht noch die geringste war, mit einer strahlenden Ruhmeskrone umgeben hatte. Kenny und seine Genossen hatten das allerdings selbst nicht miterlebt, sie gehörten ja erst seit vierzehn Tagen der Anstalt an; aber die Berichte der älteren Zöglinge hatten ihnen bereits vieles mit weiteren Ausschmückungen zugetragen. Kein Wunder also, wenn sie es mit ihm wenigstens nicht ganz verderben wollten.
Zudem war der Präfekt doch bedenklich nahe gekommen; die verdächtige Unterhaltung zwischen dem Neuling und Kennys schon in etwa bekannter Gesellschaft hatte bereits mehrere Minuten gewährt. Um keinen Preis durfte sie einen erregteren Charakter annehmen, was geschähe, wenn man sich mit Playfair in einen weiteren Handel einlassen würde. Eine Untersuchung des Vorfalles und energische Ahndung der an einem Neuling verübten Quälerei wäre alsdann unabwendbar.
Nach einigen halb ärgerlichen, halb scheuen Blicken auf den Störer ihres niedrigen Vergnügens hielten es deshalb die fünf Burschen für geratener, sich in einer möglichst wenig auffallenden Weise zurückzuziehen und in der spielenden Menge zu verlieren.
Tom Playfair aber nahm sich gleich des schüchternen, hilflosen Mitzöglings an. Er setzte sich zu ihm auf die Bank und blickte voll Teilnahme auf den schluchzenden Knaben. Bald legte sich Percys Schmerz; er zog sein weißes, zierlich gefaltetes Battist-Tüchlein hervor, trocknete sich die Thränen ab und schaute seinen Wohlthäter mit inniger Dankbarkeit an.
„So, jetzt ist es ja gut,“ sprach Tom ermunternd, „nicht wahr? — Ich heiße Tom Playfair und bin von St. Louis. Deinen Namen weiß ich schon. Bist Du aus Chicago?“
Percy hatte sich in seine veränderte Umgebung im Pensionat noch gar nicht gefunden. Voll Dankbarkeit sagte er mit einer Art Ehrfurcht:
„Ich bin aus Baltimore, mein Herr!“
„Aber soll ich denn gleich wieder fortlaufen?“ fragte Tom scherzend.
„Nein, sicher nicht, mein Herr,“ sprach Percy lächelnd und schüttelte seine Locken zurück. „Warum sollte ich das wollen?“
„Du sagst ja immer ‚Herr‘ zu mir, und ich bin kein Herr. Ich nenne Dich auch nicht Herr. Sage ‚Tom‘ zu mir.“
„Sehr gern, Tom,“ antwortete Percy mit noch froherer Miene. „Und es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Tom stutzte. Eine so feine, wohlgesetzte Redensart hatte er von seinesgleichen noch nie gehört und wußte deshalb nicht gleich, was er darauf erwidern sollte.
Eine kurze Pause trat ein.
„Gut,“ sagte er dann; „wir wollen uns also die Hand geben.“
Sein Staunen wuchs aber noch mehr, als Percy sich würdevoll erhob und mit anmutiger Verbeugung und feierlicher Miene Toms dargebotene Hand ergriff.
„Wa—wie—warum—,“ stotterte Tom verblüfft. „Wo in aller Welt kommst Du denn her?“
„Aus Baltimore in Maryland, Tom; ich meine, das hätte ich Ihnen schon gesagt.“
„Ihnen?“ wiederholte Tom, beinahe außer sich vor Staunen. „Sagen denn in Baltimore die Knaben alle Sie zu einander?“
„Das weiß ich wirklich nicht, Tom. Ich habe in Baltimore keinen einzigen Knaben gekannt.“
Tom pfiff leise zwischen den Zähnen durch.
„Gar keinen Jungen gekannt?“
„Keinen einzigen. Mama sagt, Knaben seien viel zu roh. Und das sind sie auch“ — hier begann Percy wieder zu schluchzen — „nur Sie nicht, Tom, Sie sind gut, aber Sie sind der einzige.“
Tom wartete, bis Percys Erregung nachließ. Dann sprach er freundlich:
„Du mußt ‚Du‘ zu mir sagen, Percy, und geradeso zu allen Zöglingen im ganzen Hause. Ich habe ja auch noch keinen Schnurrbart.“
Percy sah ihn überrascht und erfreut an.
„Aber mit wem hast Du denn bis jetzt gespielt?“ fuhr Tom fort.
„Gespielt? O, mit meinen Schwestern, Tom. Ich habe sechs Schwestern. Die älteste ist achtzehn, die jüngste fünf Jahre alt. O, Tom, sie sind so gut, so gut! Ich wollte, Du känntest sie; Du würdest sie alle so gern haben!“
Tom wollte das nicht recht einleuchten.
„Hast Du denn viele Spiele mit Deinen Schwestern gespielt?“
„O ja, Tom. Seilchenspringen kann ich viel besser als sie alle. Wir spielten auch oft Kätzchen-ins-Eck, und Pantoffeljagd, und manchmal Kaufmann; dabei war ich der Kaufmann und sie die Einkäuferinnen, die kamen, um für ihre Herrschaften einzukaufen. O, es war sehr ergötzlich, Tom. — Und abends las uns Mama wunderbare Märchen und hübsche Erzählungen vor, und zuweilen auch herrliche Gedichte. — Hast Du schon das Märchen von den ‚Sieben Finken‘ gelesen, Tom?“
„Ich glaube nicht,“ erwiderte Tom fast kleinlaut; er wußte nicht recht, ob er Percys Begeisterung sonderbar oder beneidenswert finden sollte.
„Und ‚die Beatushöhle‘?“
„Nein.“
„O sie sind so schön! sie sind entzückend. Ich erzähle sie Dir später und noch andere dazu. Ich weiß sehr viele.“
„Erzählungen höre ich ganz gern,“ versicherte Tom. „Deshalb werden mir die Deinen gewiß Freude machen.“
„O sicher, Tom! — Aber weißt Du auch, weshalb ich hierhin gekommen bin? Meine liebe Mama wurde plötzlich krank, und als sie genesen war, schrieb ihr der Arzt eine Erholungsreise nach Europa vor; Papa ist vor mehr als zwei Monaten mit ihr abgereist. Meine Schwestern sind alle zu den Klosterfrauen vom Göttlichen Herzen ins Pensionat gekommen, mit Ausnahme der ältesten und der jüngsten, die in Baltimore bei unserer Tante sind. Meine Schwestern schreiben mir abwechselnd jeden Tag. Thun das Deine Schwestern auch, Tom?“
„Ich habe keine Schwestern,“ sprach Tom lächelnd, aber in diesem Lächeln war doch ein Anflug von Traurigkeit.
„Was, Tom? Keine Schwestern?“
„Nein, gar keine; und auch keinen einzigen Bruder.“
Percys Staunen ging in Mitleid über.
„Armer Junge!“ rief er und schlug die Hände zusammen. „Wie bist Du denn überhaupt fertig geworden?“
„Ich habe mir eben so durchhelfen müssen. Meine Mutter“ — hier war Tom dem Weinen nahe — „ist auch schon lange tot.“
Percy erwiderte kein Wort, aber seine ausdrucksvollen Züge sprachen das innigste Mitgefühl aus; er ergriff Toms Hand und drückte sie herzlich.
Es dauerte eine Weile, bis Tom seine innere Bewegung verwunden und seine gewöhnliche, jugendfrische Stimmung wiedergewonnen hatte.
„Percy,“ sprach er dann, „Du bist ein gutes Kind, und ich will versuchen, aus Dir einen Jungen zu machen.“
„Einen Jungen? — Aber Tom, ich möchte doch fragen, für was Du mich denn bis jetzt angesehen hast.“
Tom zauderte.
„Du nimmst es mir übel, Percy, wenn ich es Dir sage.“
„O nein, Tom, nein! Dir nehme ich gar nichts übel! Du bist ja so gut gegen mich! Du bist mein Freund, Tom.“
„Ja sieh, Percy,“ sprach Tom zögernd. „Du bist so — so etwas merkwürdig, — so ganz anders, als wir alle — so wie — wie ein Mädchen, Percy.“
Percys Augen öffneten sich weit vor Überraschung.
„Was Du nicht sagst, Tom! wirklich? Aber wie kommt es denn wohl, daß ich früher nie etwas davon vernommen habe? Mama und meine Schwestern haben mir nichts dergleichen gesagt.“
„Sie kannten sicherlich keinen Jungen.“
„Doch, Tom; sie kannten ja mich!“ Diesen Beweis hielt Percy für völlig durchschlagend.
„Aber Du bist eben nicht, wie andere Knaben. Und sie konnten immer nur sagen, daß Du eben Du bist. Aber so wie Du ist kein anderer Junge.“
„Wirklich nicht?“ sprach Percy, noch immer verwundert.
„Du gleichst andern gar nicht, Percy.“
„Aber ich habe viel über Knaben gelesen, z. B. über die Kindheit großer Maler und Musiker und Dichter. Ich habe auch ein schönes Gedicht auswendig gelernt, das anfängt:
O, meiner Kindheit gold’ne Zeit!
Tag und Nacht voll Seligkeit!
Ist das nicht schön, Tom?“
„Hast Du das in der Schule gelernt, Percy?“
„O nein, ich bin nie in einer Schule gewesen. Ich hatte einen Privatlehrer, der mir und meinen jüngsten Schwestern Unterricht gab. Aber dieses schöne Gedicht habe ich zu meinem Vergnügen gelernt, und noch viele, viele andere. Meine älteste Schwester erklärte sie mir, und oft hat uns Mama auch Gedichte vorgelesen und erklärt. O das war so schön.“
Tom war es wie den meisten seiner Altersgenossen noch nicht in den Sinn gekommen, aus eigenem Antriebe Gedichte zu lesen. Diese Mitteilung Percys erfüllte ihn daher fast mit Ehrfurcht vor seinem neuen Freunde.
„O, und ich habe Longfellow so gern,“ fuhr Percy mit steigender Begeisterung fort; „das ist ein rechter Dichter! Meinst Du nicht auch, Tom?“
Zum Glück für Tom, der eben kleinlaut seine Unkenntnis eingestehen wollte, klang jetzt die Schelle und rief die Zöglinge zu Tisch. Er führte den Neuling in den Speisesaal und konnte während des ganzen Essens kaum das Lächeln zurückhalten, während er beobachtete mit welch’ ausgesuchter Zierlichkeit Percy in Maurach sein erstes Mittagsmahl einnahm.
2. Kapitel.
Percy muß bei Tom Playfair ein Examen machen. Neue Bekannte.
Harry! Harry Quip!“ rief eine Stimme, als die Zöglinge nach dem Essen wieder in den Hof eilten.
Harry drängte sich durch die Menge und stand bald vor dem ungestümen Rufer.
„Was ist denn los, Tom?“ fragte er.
„Ich will Dich mit einem Neuen bekannt machen; es ist ein sehr guter Junge.“
Harrys lustiges Gesicht und sein ganzes Wesen nahmen sofort jenen verlegenen und unbeholfenen Ausdruck an, den die Förmlichkeit des Vorgestelltwerdens gewöhnlich bei Knaben hervorruft.
„Hier ist er; er heißt Percy Wynn und ist aus Baltimore.“
Harry bot ihm die Hand dar, recht steif und linkisch; aber seine Verlegenheit machte dem Erstaunen Platz, als Percy mit seiner unbeschreibbaren Verbeugung zart und zierlich Harrys Hand ergriff und dabei mit ausgesuchter Artigkeit sagte: „Harry, ich bin entzückt, Deine Bekanntschaft zu machen.“
„Er giebt sich auch mit Poesie ab!“ flüsterte Tom, „und er braucht Dir Wörter, wie Du sie Dein Lebtag nicht gehört hast.“
Dann fügte er laut bei:
„Bitte, Harry, geh doch und sieh nach, ob an seinem Pulte im Studiersaale nichts fehlt. Ich habe noch etwas mit ihm zu besprechen. Wenn Du fertig bist, bring Joseph Whyte und Willy Hodder mit hinten zu den zwei Bänken.“
Harry, der sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt hatte, war froh fortzukommen; und während er die Treppe hinaufstieg, murmelte er noch voll Verwunderung: „Und er giebt sich auch mit Poesie ab!“
„Percy,“ fragte Tom, als sie dem Ende des Spielplatzes zuschritten, „hast Du auch schon Ziellauf gespielt?“
Vielen meiner Leser wird es bekannt sein, daß der Ziellauf (Base Ball) von den Nordamerikanern als ihr Nationalspiel betrachtet und daher ungemein viel gespielt wird.
„Nein,“ sprach Percy, „aber ich habe zuweilen davon gehört und gelesen.“
„Hast Du Handball gespielt?“
„Du meinst, zwei Bälle abwechselnd emporwerfen und schnappen, nicht? O, das hab ich sehr oft mit meinen Schwestern gethan, aber ich konnte es nicht so gut wie Klara.“
Tom meinte das natürlich nicht, doch fuhr er in seinem Verhöre fort.
„Hast Du je ein Gewehr in der Hand gehabt?“
„Ein wirkliches Gewehr?“
„Natürlich! ich meine kein Knallpistölchen oder einen Besenstiel.“
In Amerika ist nämlich die Jagd ein gar nicht ungewöhnliches Vergnügen unter den Kindern höherer Stände, selbst wenn sie noch recht jung sind; das Pensionat Maurach war in der Lage, seinen Zöglingen diese Erholung gestatten zu können.
„Mit wirklichem Pulver und wirklichem Schrot?“ fragte Percy außer sich; „o Tom, was fällt Dir ein?“
„Hast Du je gefischt? mit einer wirklichen Angel?“
„Nein; aber ich thäte es gern, wenn ich nur jemanden hätte, der mir den Wurm an den Haken steckte und nachher den Fisch abnähme.“
„Je eine Kahnfahrt gemacht in einem wirklichen Kahn auf wirklichem Wasser?“
„O nein, Tom. Mama sagt, die Kähne schlügen sehr leicht um. Sie wollte mir nie gestatten, in ein Boot zu gehen.“
„Kannst Du schwimmen?“
„Ich habe es ein paarmal in der Badewanne versucht, aber sie war zu klein. Mama sagt, es sei gefährlich, in tiefes Wasser zu gehen.“
„Die meisten Knaben, Percy, verstehen sich auf all’ diese Künste, wenn sie noch lange nicht so alt sind wie Du.“
„Das ist mir neu, Tom! wirklich!“
„Zeig’ mir doch einmal Deine Hände, Percy. Richtig, das hab’ ich mir gedacht: so zart, so weich, wie Butter. Jetzt thu’ mir doch einen Gefallen. Schließ’ Deine Hand recht fest — so — noch fester! — Jetzt schlag, so stark Du kannst, hier an meinen Arm!“
„Nein, Tom, das werde ich hübsch bleiben lassen. Meinst Du, ich wollte Dir weh thun?“
„Keine Angst! ich kann’s vertragen. Schlag’ nur kräftig zu!“
Percy erhob seine Hand, als ob ein kleines Mädchen werfen wollte; das zarte Fäustlein fuhr hernieder, hielt aber plötzlich inne.
„Ich kann es nicht, Tom! ich bring’ es nicht fertig!“
„Versuch’ es noch einmal! Nimm all Deine Kraft zusammen!“ ermunterte Tom.
Percy schwang also wieder seinen Arm, und weil die Bewegung doch ziemlich rasch war und sich so plötzlich nicht wollte hemmen lassen, so berührte er wirklich Toms kräftigen Arm, wenn auch mehr in der Art einer sanften Liebkosung.
„Pah! Du streichelst mich ja,“ rief Tom mit verstellter Ernsthaftigkeit; „das thut man hier in Maurach nicht. Noch einmal probiert! Von solchen Schlägen stirbt ja nicht einmal eine Fliege.“
Percy preßte die Lippen auf einander, nahm alle Kräfte zusammen, die ihm zu Gebote standen, und um nicht wieder den Mut zu verlieren, schloß er die Augen. Jetzt endlich traf er mit einer Spur von Wucht Toms Arm.
Ein Schmerzensschrei ertönte, aber derselbe kam nicht von Tom.
„O meine Hand, meine Hand! ich habe mir sehr weh gethan!“
Tom sank auf die Bank nieder und lachte, daß ihm die Thränen in den Augen standen.
„Percy, Percy!“ rief er, „einen solchen Jungen habe ich mein Lebtag nicht gesehen! Ha, ha! ich bekomme Leibschmerzen vor Lachen.“
„Wirklich?“ sprach Percy, der nicht recht wußte, was er von sich denken sollte; „es freut mich nur, daß Du so viel Freude daran hast. — Ah — da kommt P. Middleton,“ fuhr er leise fort. „Das ist ein guter Mann; ich habe ihn sehr gern.“
Dann zog er mit anmutiger Bewegung den Hut ab und sagte, indem er seine unnachahmliche Verbeugung machte:
„Guten Tag, P. Middleton! — Wie schön das Wetter heute ist, nicht wahr?“
„Ein sehr angenehmes Wetter,“ erwiderte der Präfekt mit einem freundlichen Lächeln, ohne seine Verwunderung über die feinen, altklugen Manieren des neuen Zöglings kundzugeben. „Du warst gleich weg, Percy, als ich Dir Dein Bett gezeigt hatte; deswegen fand ich keine Gelegenheit, Dich mit einigen alten Zöglingen bekannt zu machen. Aber ich sehe, Du weißt Deinen Weg selbst zu finden, und das ist besser.“
„Knaben habe ich nicht gern, Pater.“
„Nicht? das ist sonderbar. Du bist ja selbst einer.“
„Leider kann ich daran nichts ändern, Pater. Aber Mädchen hab’ ich lieber.“
„Wirklich?“
„O ja! Meine Schwestern waren viel liebenswürdiger als die Knaben hier.“
„Du kennst noch nicht alle, Percy.“
„Das ist wohl wahr. Aber vor dem Essen kamen einige zu mir, die ganz entsetzlich roh waren. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn mir Tom nicht geholfen hätte. Tom ist ein guter Junge, er ist gerade wie Pankratius.“
Tom, der sich bei der Ankunft des Präfekten erhoben hatte, wurde bei diesem Lobe purpurrot; kaum gewahrte er den anerkennenden Blick, durch den sein Vorgesetzter ihm ein neues Lob erteilte.
„Du hast also Fabiola gelesen, Percy?“
„O und wie, Pater! Kein Wort ist mir entgangen. Ich habe das Buch fast auswendig gelernt. Wie gern ich die heil. Agnes habe! Und ebenso den Knaben Tarcisius, der lieber sterben als das Allerheiligste den Heiden überlassen wollte. O, das ist so groß, so heldenmütig, so ideal!“
„Ein merkwürdiger Junge!“ sprach der Präfekt bei sich. „So mädchenhaft habe ich wirklich noch keinen gesehen; und anderseits, glaub’ ich, steckt ein herrlicher Charakter in ihm. Allerdings muß er sich noch gut entwickeln. Doch ist dazu die beste Hoffnung vorhanden.“
Mit ein paar muntern Worten verließ er sie.
„Gott sei Dank!“ dachte er. „Er muß manches annehmen, was ihm noch fehlt. Aber ohne Zweifel wird er auch vielen seiner Mitzöglinge etwas geben, was ihnen sehr not thut.“
Indessen erschien Harry mit Joseph Whyte und Willy Hodder. Nachdem beide die peinliche Ceremonie des Vorstellens überstanden und ebenfalls an Percys eleganter Verbeugung sich ergötzt hatten, begann eine Unterhaltung über dies und das, bis endlich Tom den Vorschlag machte, Percy möge eine Geschichte erzählen.
Ohne Zaudern begann dieser die Geschichte ‚Liebet eure Feinde.‘ Er sprach flüssig und lebendig und verwendete Wörter, die einem Durchschnittsjungen die Kinnladen verrenkt haben würden; die Erzählung, der Erzähler, sein lebhaftes Mienenspiel, Ton und Abwechslung der Stimme, die wohlangebrachten Bewegungen der Hände, das alles war den Zuhörern so neu, so ungeahnt, so bezaubernd, daß sie ohne Unterlaß in stummer Verwunderung einander anblickten und ihnen die Zeit im Fluge verstrich. Ehe sie es dachten, erklang die Schelle und rief sie an ihre Studierpulte. Aber in dieser halben Stunde hatte der seltsame Neuling ihre Herzen gewonnen: sie wollten ihm Freunde sein und bleiben.
Am Abend dieses Tages stand P. Middleton im Schlafsaal bei einer Lampe und las; die meisten Zöglinge hatten sich schon zur Ruhe gelegt, nur hie und da regte sich noch ein Säumiger.
Auf einmal unterbrach eine silberhelle Stimme das Schweigen.
„Löschen Sie das Licht nur aus, Pater, ich bin schon im Bett.“
P. Middleton ließ seine Augen durch den Saal gleiten und ging langsam an das andere Ende desselben. Kein Lachen war zu vernehmen, doch ein verstohlenes Kichern vermochte mancher fröhliche Knirps nicht ganz zu unterdrücken.
Percy aber, durch den Klang seiner eigenen Stimme erschreckt, drückte die Augen fest zu und vergrub den Lockenkopf tief in Kissen und Decken. Ihm kam nicht im entferntesten zum Bewußtsein, daß er etwas gethan habe, was gegen die Ordnung sei. Sehr bald war das unschuldige Kind friedlich entschlummert, jene heiligen Namen auf den Lippen, die seine zärtliche, fromme Mutter dem einschlafenden Liebling so oft vorgesprochen und ihn sprechen gelehrt hatte.
3. Kapitel.
Die gelbseidene Krawatte und Ähnliches.
Am folgenden Morgen, kurz nach halb sechs, wurde es im Waschsaal der Kleinen lebendig. Immer mehr Zöglinge kamen aus dem Schlafsaal, einige noch recht schläfrig, und begaben sich an ihre Waschtische. Sie sprachen nicht miteinander, aber das Klappern der Becken, das Sprudeln und Plätschern des Wassers, das Geräusch der Bürsten, das scheinbar ordnungslose Hin- und Hergehen von hundert Knaben, — das mußte in jedem fremden Zuschauer den Eindruck eines recht frischen, geschäftigen Treibens hervorrufen.
Als daher Percy dieses Schauspieles ansichtig wurde, blieb er überrascht in der Thüre stehen. Da zogen einige gerade die Jacken aus oder an, oder streiften die Hemdsärmel empor, oder seiften ihre Köpfe ein, daß sie aussahen wie riesige Schneebälle, oder waren mit Kämmen oder Zähneputzen, oder mit Schuhwichsen oder Reinigen ihrer Kleider beschäftigt — und das alles Knaben, Knaben — nichts als Knaben, in allen Zuständen unfertiger Toilette, in jeder Art von Bewegung und Stellung. Es bedurfte einiger Augenblicke, bis Percy sich in diesem neuen, für ihn ungewohnten Anblicke zurechtgefunden hatte, und vielleicht hätte er noch länger dort gestanden, wenn nicht ein paar andere Knaben, die ihm folgten, ihn einfach in den belebten Saal hineingedrängt hätten.
In Toilettesachen war Percy vollständig zu Hause. Er füllte also jetzt sein Waschbecken, und besorgte das wichtige Geschäft des Waschens samt allem, was dazu gehört, mit der Gewandtheit eines Kundigen. Bald war die Krawatte an der Reihe. Da schaute er suchend durch den ganzen Saal und entdeckte auch schnell seinen Freund Tom, der schon fertig dastand, und sich nur noch bemühte, ein wenig beißender Seife aus dem Augenwinkel zu entfernen.
„Guten Morgen, Tom!“ grüßte er mit lauter Stimme, als er bei ihm war. „Aber wie nachlässig und verlaufen Du aussiehst! Du kannst Dich ja nicht einmal ordentlich kämmen. Reich’ mir einmal Deinen Kamm her!“
In der nächsten Umgebung entstand ein freudiges Gekicher, und Tom, der endlich sein Auge von der Seife befreit hatte, reichte ihm lächelnd Kamm und Haarbürste.
„Dein Haar macht sich nicht gut, Tom, wenn Du es so flach kämmst; ich will es etwas aufbauschen. — Still halten, Schlingelchen! — So, jetzt sieh in den Spiegel! Ist das nicht viel schöner? — Aber, Tom, da hast Du ja wieder dieselbe Krawatte, die mir gestern schon gar nicht gefallen hat. Wer trägt denn eine blaue Krawatte zu einer blauen Jacke! Das sticht ja gar nicht ab! — Warte ein Bißchen!“
Percy trat einen Schritt zurück und schaute ihn prüfend an.
„Gewiß! Gelb ist gut! das paßt zum Blau. Tom, ich habe eine prächtige gelbseidene Krawatte; die will ich Dir schenken.“
Da hörte er plötzlich leise seinen Namen rufen, wandte sich um und sah, daß P. Middleton, den Finger auf die Lippen legend, ganz nahe stand und ihn warnend anschaute.
„O, ich bitte um Verzeihung, Pater, daß ich so laut gesprochen. Ich habe mich ganz vergessen. Ich wollte Tom nur ein wenig helfen!“
Er eilte an seinen Waschtisch und kam bald mit der gerühmten Krawatte zurück, die er mit Kennermiene um Toms Hals legte.
„Ich knüpfe sie Dir in einen Schmetterling, das nimmt sich herrlich aus. — Ah“ — flüsterte er dann, mit der Begeisterung eines Künstlers sein Werk betrachtend; „sehr gut! vortrefflich! da sieh in den Spiegel — nicht wahr? — Jetzt binde mir meine Krawatte, aber auch in einen Schmetterling, die andern Knoten erregen stets mein Mißfallen.“
„Percy, das bringe ich nicht zu stande!“ sprach Tom, etwas beschämt, daß er dem guten Percy die Bitte nicht erfüllen könne.
„Was? Du kannst keinen Schmetterlingsknoten machen?“
„Nein, Percy; ich habe ja keine Schwestern, die es mich hätten lehren können.“
„Ah so, das ist wahr. — Ich will zu P. Middleton gehen; ich glaube, er thut es, er ist so freundlich.“
Ehe Tom Einsprache erheben oder sein Staunen ausdrücken konnte, schritt Percy schon eilfertig zu P. Middleton hinüber.
„Wollen Sie nicht so gut sein, Pater, mir meine Krawatte zu binden? Ich kann es nicht selbst; meine Schwester Maria hat es mir immer gethan. Jetzt bat ich Tom, aber er sagte, er könnte es nicht.“
Verwundert über das sonderbare Ansinnen, nahm der Pater die Krawatte und schickte sich an, sie um Percys Hals zu legen und zu binden.
„Aber bitte, Pater, in einen Schmetterling!“
Der Pater gab sich redlich Mühe, Percys Bitte zu erfüllen, allein ein rechter Schmetterling kam doch nicht zustande. Percy entging das keineswegs, aber in seiner feinen, rücksichtsvollen Art that er, als ob alles ganz nach Wunsch geschehen wäre.
„Danke sehr, Pater! Ich werde Ihnen hoffentlich nicht wieder lästig fallen müssen. Ich will heute Tom zeigen, wie man es macht.“
Und mit seinem eleganten Knicks entfernte sich Percy.
Es folgte sogleich die Messe, während welcher Percy durch seine Andacht und ehrfurchtsvolle Haltung alle Nachbarn erbaute. Er hatte ein prächtiges Gebetbuch mit Samteinband und Silberbeschlägen, und an der Art, mit der er es benutzte, sah man, daß der Gebrauch eines Gebetbuches ihm durchaus nicht neu war.
Nach dem Frühstück rief Percy seine Bekannten Tom, Harry, Willy und Joseph zusammen.
„Ich habe etwas für Euch,“ sagte er, geheimnisvoll lächelnd, und bat sie, ihn in den Raum zu begleiten, wo sein Reisekoffer noch stand.
Er entnahm dem Koffer ein wohlduftendes Kästchen, öffnete es und entfaltete vor ihren bewundernden Blicken eine reiche Auswahl Photographien, welche die Merkwürdigkeiten seiner Vaterstadt Baltimore darstellten.
„Da, nehmt!“ sprach er mit strahlendem Gesicht; „jeder, was ihm am besten gefällt!“
Tom lehnte aber entschieden ab.
„Du bist nicht nach Maurach gekommen,“ sprach er, „um von uns ausgeplündert zu werden.“
Percy erschrak anfangs über diese rauhe Weigerung; doch wiederholte er seine Bitte mit so liebenswürdiger Zudringlichkeit, versicherte so ernsthaft, man könne ihm kein größeres Vergnügen machen als durch die Annahme seines Geschenkes, daß ihm alle willfahrten und sich ein Gabe auswählten.
4. Kapitel.
Spielplatz und Schule.
Aber jetzt ist die Reihe an uns,“ sprach Tom; „kommt in den Hof, wir wollen Percy gleich ein paar Kunststücke lehren.“
Gern folgten alle dieser Aufforderung.
„Nun, Percy, stell’ Dich einmal hierhin, spreize die Beine auseinander, daß Du fest stehst, stütze die Hände auf die Kniee, so wie ich es Dir zeige, und beuge den Kopf so, daß Dein Kinn die Brust berührt!“
Percy gehorchte.
„Jetzt sicher gestanden, sonst purzelst Du!“
„Was willst Du denn machen, Tom?“
„Nur vor Dich sehen, Percy!“
Bei diesen Worten hatte sich Tom ein paar Schritte nach hinten entfernt, nahm einen Anlauf und sprang, mit den Händen sich leicht auf Percys Schulter stützend, über ihn weg.
Der verblüffte Percy wankte und schwankte, und als er das Gleichgewicht wiedergewonnen, fragte er besorgt:
„Du hast Dir doch nicht weh gethan, Tom?“
Tom schien die Frage nicht zu hören.
„Jetzt spring Du so über mich!“
„O, Tom, nein! das geht nicht.“
„Probieren, Percy!“
„O, ich falle ganz sicher auf den Kopf und beschmutze meine Kleider; und dann,“ sagte er lächelnd, „könnten mir ja auch die Gedanken aus dem Gehirn rollen.“
„Nur vorwärts!“ drängte Harry. „Hier Joseph und ich stehen auf beiden Seiten und wir fassen Dich, wenn Du fallen willst.“
Tom hatte sich schon zurechtgestellt.
„O, das ist mir aber viel zu hoch,“ erklärte Percy.
„Gut, ich will mich niedriger machen.“
Und Tom kauerte sich so tief zusammen, daß er kaum noch die Höhe eines Stuhles hatte.
„Jetzt will ich es also wagen!“
Percy ging etwa fünfzig Schritte weit zurück, nahm einen Anlauf, und mit Aufbietung aller Körper- und Willenskraft machte er den ersten Bocksprung in seinem Leben, und zwar ohne zu fallen, und ohne daß ihm seine Gedanken aus dem Gehirn rollten.
„O, das ist herrlich!“ jubelte er, „das muß ich gleich noch einmal thun!“
„Bravo, Percy, bravo!“ riefen die Freunde. Durch ihre ermunternden Worte noch mehr angespornt, machte Percy den Sprung wieder und wieder, bis er fast außer Atem war. Die Freude über seinen Erfolg und das Bewußtsein, auch andere froh zu machen, ließ ihn kaum ein Ende finden.
Das Bockspringen war für ihn wie eine Offenbarung; es erschloß ihm mit einem Male eine neue Welt von ganz ungeahnten Möglichkeiten.
„Sind die Knabenspiele alle so schön?“ war seine erste Frage, als er endlich wieder zu Atem gekommen.
„O, das war ja noch gar nichts!“ sprach Joseph Whyte; „alle andern sind viel schöner.“
„Ja“ sagte Willy, „das Bockspringen thun wir nur, wenn wir für die andern Spiele keine Zeit haben. Aber Du solltest erst einmal Handball sehen!“
„Und Fußball!“ fuhr Harry fort.
„Und von allen das schönste,“ schloß Tom, „ist der Ziellauf. Der ist fein! Er ist besser als alle andern zusammengenommen.“
„Was ihr nicht sagt! Jetzt bin ich doch froh, daß ich ein Junge bin!“
„Sehr richtig, Percy,“ versicherte Tom, „und gieb nur acht, Du wirst Dich immer mehr darüber freuen, je länger Du hier bist.“
Percy wurde jetzt plötzlich abgerufen. Der Studienpräfekt, der in Maurach den gesamten Unterricht zu leiten hatte, wollte ihn examinieren und ihm seine Klasse anweisen.
Bald erfuhren dann Tom und Harry zu ihrer größten Freude, daß Percy ihr Mitschüler in P. Middletons Klasse sei. Diese Klasse setzte zwar schon einiges Latein voraus, und Percys Kenntnisse waren in diesem Punkte recht dürftig. Allerdings hatte sein Privatlehrer, sobald es feststand, daß Percy in eine klassische Schule eintreten solle, den Lateinunterricht begonnen; jedoch gestattete ihm die kurze Zeit nicht mehr als eine fast rein mechanische Einübung der Deklinationen. Da sein begabter Schüler die Grammatik der Muttersprache sehr gut beherrschte, so glaubte er, im Laufe eines geregelten Unterrichtes werde sich das, was am vollen Verständnis noch fehlte, nach und nach ergänzen, falls man nicht vorziehen werde, ihn ganz von vorn anfangen zu lassen.
Dieser letzte Fall trat nicht ein. Da Percy in allen übrigen Fächern der Klasse weit voraus war, so ließ sich bei seinen Talenten erwarten, daß die große Lücke sehr bald ausgefüllt sein werde, eine Hoffnung, die der gewissenhafte, fleißige Knabe glänzend rechtfertigte.
Zehn Minuten später begab sich denn Percy zum ersten Male in eine Schule. Da fand er aber alles ganz anders als daheim im trauten Familienzimmer, bei Mutter und Schwestern. Er merkte gar nicht, daß P. Middleton, als alle Schüler an ihren Plätzen waren, eine leichte Handbewegung machte, und wunderte sich, warum plötzlich alle wie auf Kommando emporschnellten, eine andächtige Stellung einnahmen und auf den Professor schauten. Zwar sah er gleich, was geschehen sollte, geriet aber in neue Verwunderung, als die ganze Klasse mit frischer Stimme anhub:
„In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.“
Dann folgte ebenso frisch und doch andächtig das Pater noster, Ave Maria, Gloria Patri und wieder das Kreuzzeichen.