Anmerkungen zur Transkription

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Frank Heller / Yussuf Khans Heirat

Autorisierte Uebertragung aus dem Schwedischen von Marie Franzos

Frank Heller

Yussuf Khans Heirat

Roman


München 1919 bei Georg Müller

1. bis 10. Tausend

Copyright 1919 by Georg Müller in München

Inhalt

Erstes Kapitel

Lyrischer Prolog

[7]

Zweites Kapitel

Vorsicht bei Eisenbahnfahrten

[21]

Drittes Kapitel

Das große Hotel

[57]

Viertes Kapitel

Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad

[82]

Fünftes Kapitel

Das große Hotel (Fortsetzung)

[92]

Sechstes Kapitel

Das Loch in der Wand und das Loch im Boden

[108]

Siebentes Kapitel

Ein Verschwinden mit Nebenumständen

[143]

Achtes Kapitel

Mynheer van Schleetens Erlebnisse

[162]

Neuntes Kapitel

Yussuf Khans Wiederkehr

[187]

Zehntes Kapitel

Die Nachwirkung einer tollen Nacht auf Fürsten und Poeten

[211]

Elftes Kapitel

das seinen Zweck erfüllt, den Leser zu verwirren

[239]

Zwölftes Kapitel

Ein Fest und sein Abschluß

[256]

Dreizehntes Kapitel

Yussuf Khans Heirat

[269]

Vierzehntes Kapitel

Einfach, Nasirabad

[286]

I
Lyrischer Prolog

Held eines Romans, Held einer Folge von Abenteuern — klingt das nicht wie törichter Nonsens? Wer glaubt an Romane im wirklichen Leben, wer glaubt daran, daß es noch Abenteuer gibt? Die Abenteuer, sagte man im achtzehnten Jahrhundert, sind vor zweihundert Jahren ausgestorben. Zur Zeit der Renaissance, da gab es Abenteuer!

Sie sprechen heute von Abenteuern, wiederholt man im neunzehnten Jahrhundert, ha ha! Sie entschuldigen schon ... Die Abenteuer sind mit Napoleon ausgestorben, dem leibhaftigen Abenteuer in Fleisch und Blut. Zu Napoleons Zeit gab es Abenteuer. Aber jetzt! Nein wirklich, Sie müssen schon entschuldigen.

Herrn Allan Kraghs Zeit fiel in das zwanzigste Jahrhundert, das heißt jener Teil seines Lebens, den er wirklich so nennen konnte. Er war nämlich 1885 geboren; und wenn auch die ersten fünfzehn Jahre unseres Lebens später fast immer mit einem Seufzer zu den glücklichsten gerechnet werden, ist es zweifelhaft, ob sie während ihres Verlaufes auch in dieser Weise aufgefaßt werden. Höchst zweifelhaft. Ja, warum sollte man Haeckels berühmte These vom Leben des Individuums als Resumé des Lebens der Gattung nicht darauf anwenden können? Genau wie es für die meisten Menschen ein Glaubensartikel ist, daß alles Romantische sich zur Zeit Roms, zur Zeit der Renaissance, zur Zeit der Revolution zugetragen hat und auf jeden Falls jetzt, seit der eigene kleine Privatlebensbetrieb des Betreffenden begonnen hat, so ferne und tot ist, wie ein geologisches Zeitalter — genau in derselben Weise denkt man mit dreißig Jahren an die Zwanzig zurück (da war es noch eine Freude zu leben), mit Fünfzig an die Dreißig, und überhaupt die ganze Zeit, seit man lange Hosen oder Röcke zu tragen bekommen hat, an die unaussprechlich fröhliche, spannende, romantische Kindheit, die jetzt tot und begraben ist, und nie zu einem armen Teufel wiederkehrt, der in einem grauen, uninteressanten Alltagsleben verkümmern muß.

Und dabei sind die ganze Zeit die Abenteuer da, für den, der sie zu finden weiß. Sie sind überall da, wie Sonnenschein und Regen, aber im Gegensatz zu diesen mehr oder weniger ungleichmäßig verteilt auf Gerechte und Ungerechte. Es gibt Individuen, in deren Leben die Abenteuer sich geradezu häufen, ohne daß sie eigentlich etwas dafür können, und es gibt andere, die in die Grube fahren, ohne daß ihnen ein Abenteuer begegnet ist. Wer weiß? Vielleicht begegnet es ihnen dort!

Daß Allan Kragh Abenteuer erlebte, lag sowohl an ihm selbst wie an den Umständen, deren Verlauf wir in Kürze skizzieren wollen. Sein Dasein begann so uninteressant als nur möglich; denn was ist uninteressanter als ein junger Mann, dessen Leben im Alter von einundzwanzig Jahren schon Punkt für Punkt arrangiert vor ihm liegt, wie ein Konzertprogramm? Zuerst ein Einzugsmarsch: einige flotte Studienjahre; ein Walzer: eine bessere Verlobung; Stimmungsstück: die Ehe beginnt, und so weiter bis zum Schlußmarsch hinter dem Sarg. So sah es aus, als sollte Allan Kraghs Leben sich gestalten, und dann kam von dem ursprünglichen Programm eigentlich nur der Einzugsmarsch zur Ausführung.

Jetzt fragt wohl der Leser: Wie konnte Herrn Allan Kraghs Leben schon im Alter von einundzwanzig Jahren so wohlgeordnet aussehen? Es steht in der Regel, Gott sei’s geklagt, um die jungen Männer nicht so gut. Sollte Herr Kragh vermögend gewesen sein? Auf diese Frage beeilen wir uns wahrheitsgetreu zu antworten: Herr Allan Kragh war vermögend. Und er war sogar mit einundzwanzig Jahren Herr über sein Vermögen, da seine Eltern tot waren. Und in diesem Alter finden wir ihn an der Universität, ohne beschützende Verwandte, als Herr über fünfzigtausend Kronen und im übrigen als einen etwas trägen, gutmütigen, ziemlich begabten, hübsch gewachsenen schwedischen Jungen; außerdem (oder folglich) so wie König Erik XIV., leichtsinnig und mit einer Umgebung von nicht gerade trefflichen Ratgebern.

Herrn Allan Kraghs Studien interessieren uns nicht im besonderen Grade. Schon zur Zeit Mäcenas’ gab es solche, die Freude daran hatten, den olympischen Staub der Rennbahn mit dem Rade aufzuwirbeln; andere wiederum, die größeres Interesse daran fanden, in wechselndem Metrum den von Königen herstammenden Mäcenas zu preisen. Allan Kragh zeigte sich bald von der erstgenannten dieser beiden Tätigkeiten gefesselt; er wirbelte recht viel Staub auf seiner akademischen Rennbahn auf, während Personen seiner Umgebung, ohne seine Genealogie von so hohem Ursprung wie die Mäcenas’ abzuleiten, ihn doch als geeigneten Gegenstand für Huldigungsoden erkannten und ihn ihren Schutz und Schirm nannten.

Was sagt doch der Dichter von einem achtjährigen rauschenden Gelage? Allan Kragh brachte es nicht weiter als bis zu sechs Jahren an der Universität, aber daß diese von rauschenden Festen erfüllt waren, hätte nur ein sehr weitgehender Jünger Zenos bezweifeln können. Jedenfalls nicht die Kellner der Universitätsstadt oder ihrer Umgebung, auch nicht die Kellermeister, auch nicht die Schneider. Und schon gar nicht die Bank, wo seine Fünfzigtausend standen und sich nicht nur hartnäckig weigerten, sich zu verzinsen, sondern vielmehr eine unheimliche Tendenz zeigten, zum Kassagitter hinauszurutschen.

Schon in seinen ersten Studienjahren lernte er Hermann Bergius kennen, der der Feldmarschall bei den Feldzügen von Allans sechsjähriger Glanzzeit wurde. Hermann Bergius war ein spätgeborener Sprößling der großen Freibeuterführer; die verweichlichten Zeiten hinderten ihn, gleich diesen mit dem Schwert zu kämpfen und sich zu bereichern; er stritt deshalb mit der Zunge. Jahr um Jahr war vergangen, eine Generation war der anderen an der Universität gefolgt, der ungestüme Strom der Zeit war vorbeigebraust, und jede neue Generation fand Hermann Bergius da, wo er, wenn nicht tausend, so doch fünfzehn runde Jahre gestanden hatte, den Blick, zwar nicht in den trüben Strom der Zeit, so doch in den des Punsches versenkt. Wie gewisse griechische Philosophen vor Sokrates teilte er den Weg in eine unendliche Anzahl kleiner Teilchen; und so wie jene auf diese Art nachwiesen, daß Achilles die Schildkröte nicht einholen konnte, bewies Hermann Bergius auf seine Weise, daß die Zeit ihn nie zu erreichen vermochte. Seine Bildung war umfassend, sein Humor ungewöhnlich, sein Appetit unermeßlich, sein Durst noch größer; seine Fähigkeit, Strapazen und Ausschweifungen gleich gut zu ertragen, des Größten aller Römer würdig.

In seiner Armee spielte Allan Kragh hauptsächlich die Rolle des Quartiermeisters; er bezahlte die Tagesrationen aus, sorgte für die Verpflegung und das Nachtlager der Truppen und hatte nach der Regel des siebzehnten Jahrhunderts vor allem dafür einzustehen, daß sie, wenn schon nichts anderes, so doch jeden Tag einen tüchtigen Trunk erhielten. Dank dem freundschaftlichen Fuße, auf dem er mit den Banken stand, war dies ein zwar schwieriger, aber doch zu bewältigender Posten. Seine Belohnung war die Freundschaft des großen Feldmarschalls und verschiedentliche Erwähnungen in den Tagesrapporten.

Es würde zu weit führen, alle Helden der Armee der großen Zeit aufzuzählen. Da war John Peter S., Hermann Bergius’ nächster Mann und Adjutant. Da war eine unzählige Schar Kombattanten und Nichtkombattanten, Freibeuter aus allen Teilen des Reiches, Söldner für längere oder kürzere Zeit. Da war O. B., ein alter Spartaner, wie Bergius sagte, der sich auch in gebettete Betten nur mit den Kleidern legte. Da war der Amanuensis, unabsetzbarer Amanuensis in den Kaffeehäusern, aber von der Institution in dieser Eigenschaft längst verabschiedet. Sein Wahlspruch war: „Kreuzdonnerwetter, was ein alter Feldwebel ist, der kann immer noch eins vertragen.“ Abgesehen vom Amanuensis war er nämlich auch Feldwebel, und zwar mit ebenso großem Recht, ganz wie der König von Dänemark in seinen Kundgebungen noch immer über Dithmarschen, Lauenburg, Venden und weiß Gott was regiert. Da war Aistjerna, der eine kurze Gastrolle gab, bevor ihn seine hochadelige Familie noch rasch rettete, und dessen berühmtester Ausspruch fiel, als er Hermann Bergius über seine schon längere Zeit andauernde Obdachlosigkeit trösten wollte: „Ja, lieber Hermann, auch ich — äh — habe die Schrecken des Bohemelebens kennen gelernt — es hat Nächte gegeben, — äh — wo ich mich nicht nach Hause traute, sondern — äh — tatsächlich im Bristol übernachten mußte.“ Berühmt waren auch seine Reflexionen über die Spatzen: „So ein Spatz — äh — das ist wohl so ’ne Art Müller oder Schulze in der Vogelwelt.“ — Eine kurze, vielversprechende Laufbahn, so lautete Hermann Bergius’ Grabschrift für ihn, als die hochadeligen Verwandten ihr Rettungswerk vollendet hatten. — Da war noch der berühmte Baron vom Altmarkt, der Schrecken errötender Jungfrauen und die Sorge weinender Mütter, ein Casanova, fehl an Zeit und Ort — ja es war ein buntes Gefolge, und es waren bunte Erlebnisse, die Allan in ihrer Gesellschaft hatte. Natürlich immer in einem engen geographischen Kreis: Von Langfahrten war eigentlich nur die große Expedition nach Berlin zu verzeichnen, hauptsächlich denkwürdig durch den von Allan meisterlich geleiteten Rückzug: Fast ohne Geld, bedroht von der Meuterei der erregten Truppen und zu beständigen Hinterhutgefechten mit der rachedurstigen Bevölkerung genötigt, hatte er eine nichts weniger als leichte Aufgabe. Endlich stand man tiefbewegt wieder auf schwedischem Grund und Boden, wo Allan bei der großen Festmahlzeit vom Feldmarschall mit einer Umarmung vor den Truppen ausgezeichnet wurde, worauf man telegraphischen Rapport über den Rückzug an Seine Majestät den König absandte, an das deutsche Departement des Aeußern und den Sultan von Marokko, dem es augenblicklich auch dreckig ging.

Sechs Jahre von goldenen Sekunden waren auf diese Weise verronnen, da kam ein schöner Tag, der Allans großer Zeit ein katastrophales Ende bereitete. Und die direkte Ursache war so unbedeutend, daß sie auf den ersten Blick lächerlich erscheinen kann. Es begab sich, daß Allan am ersten Tage des Wintersemesters des siebenten Jahres an einen Ort kam, den er schon sehr lange nicht gesehen hatte — die Universität. Die Vorlesungen in den Sälen sollten eben beginnen. Der Gedanke, eine davon zu besuchen, berührte Allan höchst humoristisch und barock — eine gute Geschichte für den Freundeskreis. Es waren gut drei Jahre her, seit er zuletzt da oben gewesen war. Er ging in den ersten besten Hörsaal, ohne auch nur nachzusehen, was in seinen Mauern verkündet wurde. Er nahm Platz; der Vortragende kam und begann. Es erwies sich, daß Allan zu dem englischen Lektor der Universität geraten war.

Als Allan das merkte, gab es ihm einen Ruck. Gerade die Vorlesungen der fremden Lektoren hatte er während seiner ersten Jahre an der Universität tatsächlich besucht ... Er besaß Sprachentalent und hatte sich in den ersten Jahren das Deutsche und Englische in anerkennenswerter Weise angeeignet. Erinnerungen erwachten in ihm. Der jetzige Lektor war ein athletisch gebauter junger Mann mit klaren, kühnen Augen. Er hielt einen einleitenden Vortrag über die englische Kolonialliteratur; er war selbst rings um die halbe Erde gewesen und verflocht in seinen Vortrag persönliche Erinnerungen und Beobachtungen. Allan merkte, daß er noch genügend Englisch konnte, um ihn vollständig zu verstehen; er war, wie gesagt, nicht auf den Kopf gefallen. Er hörte zu, er fühlte sich interessiert, ja mehr als das, gefesselt von den Schilderungen der Länder dort draußen, und plötzlich spürte er, wie ihm eine heiße Röte ins Gesicht stieg. Was war das eigentlich für ein Leben, das er und die anderen hier führten! Was war das doch für ein Provinz-Sybaris! Wie konnte man nur Jahr für Jahr in diesem engen Kreis totschlagen? Wie konnte man! ... Jahr für Jahr ... Jahr für Jahr ... Was dachte er sich eigentlich, was wollte er? War es denn überhaupt amüsant? ... Was er und die anderen da trieben, waren ja doch Kindereien, ohne Spannung, ohne Interesse.

Schließlich war die Vorlesung zu Ende, und das Publikum strömte heraus. Allan blieb als letzter zurück und ging, von Gedanken erfüllt, die wie Blasen in ihm aufstiegen, aber zerstoben, bevor sie sich noch ganz geklärt hatten. Gleich vor der Universität stieß er mit der ganzen Armee zusammen und wurde mit Jubelrufen begrüßt. Es gab ein Mittagessen im Park; es gab Kaffee und Punsch. Der Abend verging, und das große Hauptquartier der großen Armee begann die Pläne für den Feldzug des kommenden Jahres zu entwerfen. Es war das erstemal, daß man sich nach den Sommerferien traf. Die kommende Jahreskampagne sollte alle vorhergegangenen der Kriegsgeschichte schlagen; man erörterte ihre Einzelheiten unter mehr oder weniger formeller Befragung des Quartiermeisters, der stumm und grübelnd vor seinem Whiskyglas saß, die Ohren erfüllt von dem Geplauder der Kampfgenossen, den Kopf voll von einem Gefühl, das neu schien, alt war und sehr rasch allmächtig wurde: Jetzt ist Schluß! Schluß für immer. Das war die letzte Revue der Truppen; Fontainebleau; Abschied ohne Tränen, Umarmungen oder Ueberreichung des Degens; und dann fort, sei es auch nach Elba oder Sankt Helena!

Mit anderen Worten: Eine Pflanze, deren Keim schon lange in Allans Herz gelegen war, hatte an diesem Tage endlich die Hülse gesprengt, die Wurzeln ausgebreitet und war zum vollen Tageslicht hinaufgedrungen. Das einzige Verwundernswerte war, daß dies nicht schon längst geschehen war.

Sein ganzes Leben lang hatte Allan eigentlich den Zug hinaus gehabt, den Zug zum Fernen, Neuen, Unbekannten. Vielleicht war es Hermann Bergius gerade dadurch, daß er diese Saite berührte, gelungen, ihn zum Quartiermeister des sechsjährigen Krieges zu machen. An diesem Abend merkte er, wie es ihm vorkam, plötzlich, mit einem Male, wie unbefriedigt ihn alle Eskapaden dieser sechs Jahre eigentlich gelassen hatten. Kinderstreiche ... ohne Bedeutung ... ohne Spannung ... Er dachte all der Morgen, an denen er durch irgendeine dämmergraue Straße einer fremden Stadt, in die der Zufall und Bergius ihn verschlagen hatten, heimwärts gewandert war, und der Lust, die er auf diesen einsamen Morgenwanderungen verspürt, von den anderen zu desertieren und von dem ganzen großen Frühschoppen am nächsten Tage, der der Clou dieser Eskapaden war. Jedesmal war dieser Impuls von irgendeinem anderen verdrängt worden. Jetzt begriff er, was dies eigentlich bedeutet hatte. Er durchforschte sein Gedächtnis und verstand auch andere kleine, fast kindische Züge an sich selbst, seine Lust (zu Bergius’ großem Verdruß), mit exotischen Gestalten anzubändeln, die man zufällig in Schenken und auf Dampfern traf; sein Versinken in trockene, dicke, ausländische Fahrpläne, Henschel und Bradshaw, die er in den Vestibüls der Hotels fand; seine Manie für die großen ausländischen Zeitungsdrachen ...

Und während man die Becher leerte, die die Ouvertüre zu einem weiteren Jahr kriegerischer Heldentaten und Idyllen bilden sollten, saß Allan da, ohne sein Glas zu berühren. Die verheißenen Idyllen erschienen ihm mit einem Male überaus banal und der Wein der Freudenbecher schal geworden ... Fort, auf neuen Straßen, fort, um die Sonne über Städten zu sehen, wo noch etwas Neues geschah und wo man dem Abenteuer begegnen konnte! Denn was war er eigentlich alle diese sechs Jahre nachgejagt, wenn nicht den Abenteuern, dem Neuen? Morgen! ...

So dachte Allan Kragh, weil er eine jener Naturen war, die dazu bestimmt sind, Abenteuer zu suchen; während er, wenn er das nicht gewesen wäre, daran gedacht hätte, ein neues Leben zu beginnen und die weiteren Vorlesungen des englischen Lektors zu besuchen.

Die Uhr zeigte am nächsten Morgen halbzehn, als Allan auf dem Trottoir vor dem großen Hotel der Universitätsstadt seine Pläne in dem Septembersonnenlicht einer Musterung unterzog. Und während er dasaß und überlegte, ob ein gesunder und normaler Mensch den Schritt, den er machte, machen konnte, ohne verfolgt zu werden, entdeckte er so allmählich noch einen Grund, seinen unklaren Plan ins Werk zu setzen, einen Grund, der möglicherweise etwas unkameradschaftlich war, aber dafür in gewissem Maße das sonst recht Phantastische seines Vorhabens aufwog.

Allan Kragh und seine Freunde waren schwedische akademische Bürger; damit ist gesagt, in welcher Weise Allan seine Quartiermeisterschaft in den berühmten Heerzügen der sechs Jahre ausgeübt hatte.

Selbst war er ja durch vorsorgliche Eltern von der Notwendigkeit befreit, aus eigener Vernunft oder Kraft Geld aufzubringen; aber die Eltern seiner Freunde waren nicht ebenso vorsichtig gewesen, und darum war es auf Allans Los gefallen, ihnen in der erwähnten Hinsicht durch verschiedentliche Autogramme zu Hilfe zu kommen. „Nicht der Endossent allein gewinnt die Schlachten, die namenlosen Reihen gewinnen sie ihm,“ pflegte Hermann Bergius jedesmal zu versichern, wenn er, wie er sich ausdrückte, Allan wieder einmal einen Ehrenposten zugedacht hatte; aber in der Regel hatte Allan gefunden, daß der Endossent sich wie die Feldherren früherer Zeiten selbst ins Kampfgewühl stürzen mußte, um die Feinde nicht triumphieren zu lassen — in diesem Falle die Banken. Mit einem Wort: er hatte sich auf Dokumenten von einer Anzahl, die er selbst nicht näher kannte, verewigt; und obgleich er zu dem Zeitpunkt, zu dem der Feldzug des siebenten Jahres beginnen sollte, noch nicht völlig erschöpft war, war er doch nicht allzu weit davon entfernt. Wenn er nun, dachte er mit einem stillen Lächeln, seinen rasch entstandenen Plan verwirklichte, und er schon zu gar nichts anderem führte, konnte er doch wenigstens zur Folge haben, daß die namenlosen Reihen sich gezwungen sahen, sich auf eigene Hand ohne den Feldherrn durchzuschlagen — bekanntlich der erstrebenswerteste Höhepunkt, den die militärische Erziehung erreichen kann ... und das wäre ja immerhin ein gewisser Vorteil für den in sechs Kriegsjahren geprüften Feldherrn, für den Fall, daß sein eigener Kriegszug in unbekannte Länder mit Niederlage und Rückzug enden sollte ...

Allan war boshaft genug, sich bei dem Gedanken an die nicht sehr platonischen Dialoge, denen die namenlosen Reihen sich hingeben würden, wenn sie die Niedertracht ihres Führers erkannten, ein Lächeln zu gönnen. Dann klopfte er dem bejahrten, rotnasigen Kellner, der seine einstündige Morgengrübelei an dem Trottoirtisch ehrfurchtsvoll beobachtet hatte. Als dieser Allans Klopfen vernahm, stürzte er, wie aus der Kanone geschossen, herbei.

„Wieviel?“

„Zwei Pilsner, sechzig Oere.“

Allan legte das Geld auf den Tisch und stand auf.

„Soll ich drinnen ein Frühstück für den Herrn Doktor bestellen?“

Allans Doktorpromotion hatte in den Hotels, nicht in der Universität, stattgefunden. Allan schüttelte den Kopf.

„Herr Doktor warten vielleicht auf die anderen Herren Doktoren?“

„Das glaube ich nicht,“ sagte Allan, „sagen Sie ihnen, sie können auf mich warten!“

Er warf einen Blick auf die Uhr. Halb elf; das Schiff ging um ein Uhr; die Bank, das Packen, ein Paß — er hatte gerade noch Zeit!

Zweiundeinehalbe Stunde später sah das Vaterland Herrn Allan Kragh an Bord eines kleinen weißen Raddampfers steigen, einer von jenen, die während der sechsjährigen Kriegsfahrten in das näher gelegene Ausland oft als Wikingerschiffe gedient hatten. Die Taue wurden gelöst; die Dampfpfeife tutete mit einem heiseren, versoffenen Baßton; die Räder schaufelten das Wasser auf, und Herr Allan Kragh hatte mit zwölftausend Kronen Bargeld (dem Rest eines einstmals fürstlichen Vermögens) sowie zwei wohlgefüllten Reisekoffern und einem Spazierstock seine große Reise in die Welt angetreten.

Vorwärts! Den Abenteuern entgegen! Schicksal en garde!

II
Vorsicht bei Eisenbahnfahrten!

„Diner, meine Herrschaften! Wünschen die Herrschaften zu dinieren? Diner, meine Herrschaften, zweites Service jetzt fertig.“

Der Zug flog über die blinkenden Stahlschienen, Köln zu. Die Wagen schlingerten in den Kurven und neigten sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Die Landschaft flog vorbei, flach und nichtssagend; vor ein paar Stunden hatte man Osnabrück passiert. Der Septemberhimmel war klar, blau, unendlich hoch, mit leuchtenden, weißen Wolkenmassen, die einander jagten; der Wind war frisch, kühl mit einem feinen, schon vernehmlichen Herbstduft. Ab und zu, wenn man an irgendeinem Fluß oder Kanal vorbeiflog, war sein Wasser durchsichtig grün, und hier und dort segelten früh abgefallene Blätter auf seinem Spiegel. Der Zug hastete weiter und weiter; und Allan Kragh stand in private Meditationen versunken, den Kopf halb zu einem Korridorfenster hinausgestreckt, ohne sich daran zu kehren, daß der Wind ihm ins Gesicht peitschte und hie und da Rußflocken von der Lokomotive mitbrachte. Die Stimme des Speisewagenkellners weckte ihn aus seinen Grübeleien; er sah auf seine Uhr, die etwas über eins zeigte und erinnerte sich plötzlich, daß er seit den zwei Eiern und dem Kaffee im Hauptbahnhof in Hamburg nichts gegessen hatte. Zugleich mit diesem Gedanken verspürte er mit einem Male einen vortrefflichen Appetit. Er nickte dem Mann in der weißen Jacke zu und bekam von ihm eine Platzkarte.

„Ganz besetzt heute, für alle Diners,“ vertraute er Allan an, wie um diskret anzudeuten, daß das Trinkgeld danach sein sollte.

„Hat das Service schon begonnen?“ fragte Allan.

„In zwei Minuten, mein Herr.“

Der Abgesandte des Speisewagens eilte weiter, und Allan ging durch den schwankenden Korridor in die Toilette am anderen Ende des Wagens.

Aus welchen Anlässen Allan Kragh sich in diesem Zug befand, ist eigentlich nicht leicht zu erklären — richtiger gesagt, der einzige Anlaß, der vorlag, war so bizarr, daß er lächerlich wirkt, wenn man ihn erzählt. Am frühen Morgen dieses Septembertages war er nach Hamburg gekommen, ohne die leiseste Ahnung, wohin er seine Schritte lenken oder was er zunächst unternehmen sollte. Er machte aufs Geratewohl einen Spaziergang um das Viertel gegenüber der Ankunftseite des Hauptbahnhofes, befand sich nach einigem Herumirren unten an der Alster, und dachte schon daran, bis auf weiteres in Hamburg zu bleiben, das eine schöne und anziehende Stadt zu sein schien. Dann verabschiedete er diesen Gedanken wieder und kehrte durch die noch morgenleeren Straßen (die Uhr war etwas über sieben) zum Hauptbahnhof zurück. Er fand ihn mit allen modernen Bequemlichkeiten versehen, ließ sich rasieren, wechselte etwas Geld und nahm ein hastiges Frühstück in dem großen Restaurant ein. Fünf Minuten vor halb acht Uhr wurde von einem galonierten Bediensteten ein Zug nach Paris ausgerufen; Allan verließ das Restaurant, noch immer im Unklaren, was er tun sollte, und ging zu den Billettschaltern. Fahrpläne bedeckten die Wände in militärischen Kolonnen; keine verlockenden Affichen mit Bildern des blauen Meeres und der grünen Wälder, nur Betriebsverordnungen und Ziffern. Vor einem der Billettschalter für den Fernverkehr standen drei Personen, die plötzlich Allans Aufmerksamkeit erregten: Ein junger Mann von vielleicht dreißig, etwa von seiner eigenen Statur, mit einem glattrasierten dunklen Schauspielergesicht, kurzen Koteletten und goldgefaßtem Zwicker; ein alter Herr mit roter Raubvogelnase, gelben, stechenden Trinkeraugen und einem gelbgrauen Schnurrbart; ferner eine junge Dame in grünem Reisekostüm, um den Hals ausgeschnitten, über die Hüften knapp anschließend und so fußfrei, daß zwei Knöpfelschuhe mit grauen Gamaschen zu sehen waren. Ihr Gesicht hatte einen etwas hochmütigen Ausdruck, mit zwei großen grauen Augen und einer etwas geschürzten Oberlippe. Es war äußerst frappierend unter dem Reisehut in schwarz und grün, der wie ein Musketierhut auf ihrem rotblonden Haar saß. Sie hatte drei oder vier amerikanische Zeitschriften in der Hand. Allan verschlang sie mit den Augen: Sie hätte d’Artagnans Geliebte sein können oder eine der schönen blonden Agentinnen des Kardinals. Jetzt eilte der jüngere Herr vom Billettschalter fort; der ältere nahm seinen Platz ein, auf dem Fuß gefolgt von der auffallenden jungen Dame, die einige Goldmünzen zwischen ihren behandschuhten Fingern hielt. Nun ging der ältere Herr, und sie nahm seinen Platz ein. Allan kam ein Einfall, und er folgte nach. Er hörte sie in vollkommen korrektem Deutsch sagen: „Erste einfach, Paris.“ Sie stellte noch ein paar Fragen, die der Mann am Schalter beantwortete. Sie war also eine Deutsche, obwohl sie so amerikanisch aussah. Nun hatte sie ihre Fahrkarte. Allan verließ den Billettschalter und folgte ihr in einiger Entfernung. Er sah sie etwas Reisegepäck aufgeben und die Treppe zum Perron hinuntergehen. Sie war in ihrem raschen, elastischen Gang noch schöner, als wenn sie stille stand. Er sah sie noch dort unten den Zug entlang gehen, dann war sie außer Sehweite. Der galonierte Mann kam durch die Bahnhofshalle gewandert und schrie mit Stentorstimme:

„Schnellzug nach Paris und Holland! Eine Minute!“

Da kam Allan eine barocke Idee. Ohne zu überlegen, was er tat, oder weshalb er es tat, stürzte er zum Billettschalter zurück, an dem er die drei gesehen, riß eine Banknote heraus und rief dem Mann dahinter, der ihn vorhin, als er gegangen war, ohne eine Karte zu lösen, erstaunt angestarrt hatte, zu:

„Paris, einfach, erste!“

„Sie müssen sich aber eilen!“ schrie der Mann zurück. „Der Zug geht um sieben Uhr neununddreißig. — Sie haben gerade noch vierzig Sekunden.“

Allan stürzte zurück, das Billett in der Hand, während in seinem Kopf sich die Gedanken kreuzten. Das war der helle Wahnwitz ... Sein Gepäck stand in der Garderobe deponiert; er hatte unmöglich Zeit, es herauszubekommen; er mußte natürlich diesen geistesgestörten Einfall aufgeben. — Oder sollte er das Gepäck hier lassen und später telegraphieren? Das war offenkundig vollkommen irrsinnig ... Es gingen ja noch Züge, aber ... aber sie fuhr mit diesem! Wenn es ihm gelang, ihr von dem Opfer zu erzählen, das er um ihretwillen gebracht, würde sie das vielleicht rühren ... Ohne daß er wußte wie, hatte er die Kontrolle passiert, stürzte Hals über Kopf eine Treppe hinunter, zu einem Zug, der sich eben in Bewegung setzte, während die Schaffner die letzten Türen zuschmetterten. — Da, gerade noch in der letzten Sekunde war er mit einem Sprung in einem der rückwärtigsten Waggons. Glücklich hinaufgekommen, zauderte er wieder. Das war ja der reine Wahnsinn! Sollte er wieder abspringen? Dann zuckte er die Achseln mit einem Lächeln über sich selbst.

„Fahre ich mit,“ murmelte er vertraulich dem Korridorfenster zu, „dann brauche ich wenigstens keine Polizeistrafe wegen unerlaubten Abspringens zu bezahlen.“

Nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sich im letzten Personenwagen befand, machte er sich auf die Wanderung durch die Korridore, um nach der Unbekannten auszuschauen.

Der Wagen, in dem er gelandet war, war ein Waggon dritter Klasse; er ging durch, ohne sich die Passagiere näher anzusehen. Darauf folgte ein durchgehender Waggon zweiter Klasse nach Amsterdam, er drängte sich mit einer gewissen Schwierigkeit hindurch, so voll war er von Passagieren. Darauf kam ein direkter Wagen nach Süddeutschland, beinahe ganz besetzt. Daran schloß sich der Speisewagen. Hier war es verboten, zu passieren, da man sich durch die Küche hätte drängen müssen. Allan versuchte es mit Bestechungen, deren Annahme verweigert wurde, und erhielt den Bescheid, daß er bis Bremen warten müsse, wo man eine Minute Aufenthalt hatte. Er setzte sich an einem Fenster im Korridor des süddeutschen Wagens zur Ruhe, wo er sich von dem Morgensonnenschein durchrieseln ließ und nach Herzenslust die kühle Septemberluft einatmete. Er dehnte die Brust und lachte in sich hinein; das war doch etwas anderes, als auf den ausgetretenen Straßen dieses Provinz-Sybaris herumzustampfen! Plötzlich begannen die Wagen gegeneinanderzurasseln, der Zug wurde langsamer und rollte durch eine Vorstadt von roten Ziegelvillen in Bremen ein. Im Handumdrehen war Allan draußen in der Bahnhofshalle, kaufte sich ein Päckchen Zigaretten, etwas Obst und einige Zeitungen und sprang in das nächste Coupé nach dem hinderlichen Speisewagen.

Er wartete, bis der Zug sich in Bewegung setzte, bevor er seine Forschungen wieder aufnahm. Dieses Mal waren sie von besserem Erfolg gekrönt. Der Wagen hinter dem, in den er aufgesprungen war, war ein Wagen erster und zweiter Klasse nach Paris, und in der dritten Coupéabteilung der ersten Klasse saß die Unbekannte.

Leider war sie nicht allein. Der alte Herr mit der roten Raubvogelnase und dem buschigen, graugelben Schnurrbart, saß ihr gegenüber am Fenster; sie fuhr zurück, er in der Richtung des Zuges. Sie schienen einander fremd zu sein. Allan sah einen Augenblick zögernd in den Wagen; der alte Herr mit der feinen Rotweinnase hatte das Netz auf seiner Seite mit einer Menge Gepäck beladen — suitcases, gladstone-bags, Reiseplaids, Fernstecherfutterale und weiß Gott was — es stand im Verhältnis zum vornehmen Aussehen seines Riechorganes. Die Unbekannte ihm gegenüber hatte zwei kleine Täschchen, eine Hutschachtel und einige Reisekissen. Im Augenblick saß sie in einer künstlerisch berechneten Pose zwischen vier Stück der letzteren hingegossen und schien zu schlafen. Allan starrte bewundernd ihr Rasseprofil an und den Schatten, den ihre Wimpern auf der feinen Wange bildeten; ihr rotblondes Haar, das wellig und reich war, schien ein wenig derangiert. Der fußfreie Reiserock war ein bißchen hinaufgeglitten und zeigte eine schlanke, aber volle Wade über der grauen Gamasche. Nach ein paar Augenblicken andächtiger Versunkenheit trat er ein und setzte sich auf das Sofa des alten Herrn.

Dieser begrüßte sein Erscheinen mit einem Blick des herzlichsten Widerwillens. Er schlug sein Auge zum Netz auf, wie um anzudeuten, daß, wenn Allan (der sich zu allen Teufeln scheren mochte) sein ganz unerwünschtes Reisegepäck dort placieren wollte (was Gott verhüte), er genötigt wäre, seine eigenen, dort befindlichen Habseligkeiten fortzuschieben. Allan zuckte die Achseln mit einer Miene, die der der Rotweinnase an Mitreisendenverachtung nur wenig nachgab, und kundgeben sollte, daß er (der nach internationalen Konventionen das volle Recht hatte, in der Klasse zu reisen, für die er eine Karte gekauft hatte) es aus einer Laune vorzog, während er in diesem preußisch-hessischen Wagen fuhr, sein Reisegepäck, das den Vergleich mit dem des bordeauxnasigen alten Herrn in diesem Zug keineswegs zu scheuen brauchte, von der Garderobe des Hamburger Hauptbahnhofs verwahren zu lassen. Nach diesem Austausch von Florettblicken ließen sich die beiden Herren in Ruhe auf ihren Plätzen nieder; die Raubvogelnase im Schutze des Hamburger Fremdenblattes, Allan ohne Bedeckung. Die Augenwimpern der jungen Dame, die sich ein paar Sekunden eine Ahnung gehoben hatten, ohne daß jemand es gesehen, nahmen ihre frühere entzückende Lage auf den Wangen wieder ein.

Der Zug sauste weiter, und die Wolken leuchteten im Septembersonnenschein. Allan versank in vage Träumereien, während seine Augen über sein Visavis hin und her wanderten.

Man war nun etwa auf halbem Wege von Bremen nach Osnabrück (die Uhr zeigte ungefähr zehn), als plötzlich ein Kondukteur erschien, um die Billette zu markieren und Platzkarten auszufertigen. Allan reichte sein Billett hin, das besichtigt wurde; der alte Herr mit der Raubvogelnase desgleichen. Die Unbekannte in der Fensterecke schlief noch immer. Der Kondukteur räusperte sich und ließ ein paar vergebliche „Gnädige!“ hören. Sie rührte sich nicht. Allan glaubte eine Chance zu sehen. Er beugte sich vor und legte seine Hand vorsichtig auf jene Stelle ihres grünen Reisekostüms, wo man die Rundung des Knies ahnte. Sie schlug die Augen auf, starrte einen Augenblick Allans Hand an, die dieser noch nicht zurückgezogen hatte und fuhr mit einer Miene so unverkennbaren Widerwillens auf, daß Allan zurückprallte, während eine lebhafte Röte sich über sein Gesicht verbreitete. Der Kondukteur lächelte diskret und wiederholte sein: „Gnädige!“ Die Unbekannte reichte ihm ihre Fahrkarte, während ihre Augen damit beschäftigt waren, Allan zu morden; worauf sie plötzlich vom stummen Spiel zur Sprechszene überging. Und zwar auf englisch. — Allan war ein wenig erstaunt, da sie auf dem Bahnhof in Hamburg perfekt deutsch gesprochen hatte. Sie mußte doch voraussetzen, daß er ein Deutscher war. Sie wandte sich an den alten Herrn mit der Raubvogelnase.

„Sir, ich vermute, Sie verstehen meine Sprache? Ich spreche die Ihre nicht.“

Lüge, dachte Allan, aber warum?

„Ich spreche Ihre Sprache,“ sagte der alte Herr.

„Danke. Wissen Sie, ob dieser junge Mensch dort sich noch andere Freiheiten gegen mich herausgenommen hat, während ich geschlafen habe?“

Der alte Herr warf Allan einen Dolchblick zu und sagte:

„Das weiß ich nicht, ich habe Zeitung gelesen.“

„Es ist gut. Ich danke Ihnen.“

Sie brach in einen Strom von indigniertem Amerikanisch aus: Eine Dame konnte also in Europa nicht allein mit der Eisenbahn fahren, ohne vom ersten besten beleidigt zu werden? — Warum gab es keine Damencoupés? Man sollte glauben, daß Leute, die die Mittel hatten, erster Klasse zu reisen, Gentlemen wären.

Der alte Herr hörte ihr mit sichtlicher Billigung zu. Allan, der kaum wußte, ob er schlief oder wachte, begann eine stammelnde Entschuldigung:

„Madame, gestatten Sie mir, Ihnen zu erklären ...“

„Wie können Sie es wagen, mich anzusprechen?“ rief sie.

Das war Allan doch zu stark. Er erhob sich mit der ironischsten Miene, die er aufbringen konnte — er fühlte, daß seine Wangen vor Verblüffung und Zorn noch ganz rot waren — und sagte mit einer untertänigen Verbeugung:

„Gestatten Sie mir, Sie in einem Punkte zu korrigieren, Madame. Wenn Sie es vermeiden wollen, noch mehr Gentlemen von meiner Art zu treffen, steht dem kein Hindernis im Wege: Das nächste Coupé ist ein Damencoupé.“

Mit so viel Würde, als man aufbringen kann, wenn man mit einem Stock, vier Zeitungen und einem Obstsack beladen ist, verließ er das Coupé. Ein langes, eiskaltes „im—per—ti—nence“ der Unbekannten durchbohrte seinen Rücken mit einem letzten Stich.

Der erste Mensch, den er im Korridor erblickte, war zu seiner Ueberraschung niemand anders als der dritte des Trios, das er beim Billettschalter in Hamburg gesehen — der dunkle Mann mit dem Schauspielergesicht, den Koteletten und dem goldgefaßten Zwicker. Als Allan aus der Coupétür trat, hatte er einen Augenblick den Eindruck, daß dieser Herr die ganze Szene drinnen verfolgt hatte und daß ein halb unmerkliches Lächeln um seine Mundwinkel zitterte. Aber im nächsten Augenblick waren seine Augen schon gerade durch die offene Türe seines eigenen Coupés gerichtet, in fernschauende Bewunderung der Heidelandschaft dort draußen versunken. Allan warf ihm einen kurzen Blick zu und ging an ihm vorbei den Korridor hinunter. Die anderen Wagenabteile waren mehr oder weniger voll, mit Ausnahme des Damencoupés, über dessen Existenz er die Unbekannte eben aufgeklärt hatte. Er kehrte zu dem Abteil zurück, vor dem der Mann mit dem Zwicker postiert war und fragte mit einer leichten Handbewegung:

„Sie gestatten?“

„Natürlich.“

Der Mann mit dem Schauspielergesicht neigte artig den Kopf. Allan ging hinein, warf sich auf das unbesetzte Sofa und zündete eine Zigarette an, nachdem er sich vorsichtig vergewissert hatte, daß er sich in einem Rauchcoupé befand.

Solch eine kleine, unverschämte Hexe! Amörrica, Amörrica! Hol’ der Teufel Amörrica und alle Amörrikanerinnen. Ferner mochte der Teufel ihn selbst holen und alle anderen Idioten, die sich auf sogenannte Abenteuerfahrten einließen, von falschen Irrlichtern gelockt. Und schließlich mochte er ihn selbst noch einmal holen, weil er von seinem Gepäck in Hamburg weggereist war, um sich ohne allen Anlaß von einer unverschämten, kleinen, schönen, verdammten Hexe beschimpfen zu lassen....

Seine ärgerlichen Betrachtungen dauerten ein paar Stunden. Der Zug sauste durch Osnabrück mit einigen Augenblicken der Pause in dieser friedenschließenden Stadt; er brauste weiter gegen Köln; Leute wanderten dem Speisewagen zu, um sich an dem Zwölfuhrdiner zu erquicken; unter anderen sah er die Amerikanerin und den alten Herrn mit der Raubvogelnase hinpilgern, jetzt im eifrigen Gespräch; aber Allan hatte das Interesse für das Ganze verloren. Die Septemberluft, die eben noch klar und blau gewesen, wie die Luft bei einem Abenteuer sein muß, war nunmehr kalt und von abstoßender Farbe; die Sonne ohne jede Wärme. Der Herr mit dem Zwicker kam in den Wagen und vertiefte sich in das Studium eines illustrierten Katalogs. Hie und da warf er einen verstohlenen Blick auf Allan, den dieser jedesmal mit einem herausfordernden Starren erwiderte. Schließlich ging Allan in den Korridor hinaus und hatte da wohl dreiviertel Stunden lang den Kopf zu einem Fenster heraushängen lassen, als der Agitator des Speisewagens ihn mit seinem: Wünschen die Herrschaften zu dinieren? aus seiner mißmutigen Laune riß. Er machte eine rasche Toilette und steuerte durch die Korridore dem Speisewagen zu.

Im Waggon neben seinem eigenen hatte er noch einen kleinen Chok; die heißblütige Amerikanerin wandelte gerade in ladylikem Balancegang durch den Korridor. Hinter ihr wurde der bordeauxnasige alte Herr sichtbar, dessen Riechorgan leuchtender denn je war; im Munde hatte er eine frischangezündete Havanna, deren rote Spitze neben besagtem Organ nur unbedeutenden Effekt erzielte. Allan trat rasch in ein Coupé, um das Paar vorbei zu lassen; als die junge Dame passierte, entging ihm jedoch nicht ein Blick aus ihren grauen Augen — aber — o Wunder! Sah er recht? Diese Augen schienen nun fast freundlich mit der Ahnung eines Lächelns ganz tief drinnen. Sie fegte mit einem Rauschen von Seidenunterkleidern vorbei. Der alte Herr, dessen Augen einen befriedigten Sultanglanz angenommen hatten, watschelte hinter ihr drein, ohne einen Blick für Allan oder überhaupt etwas anderes als den weidenschlanken Rücken der Amerikanerin. Allan starrte ihnen nach, und zuckte zusammen, als er am Ende des Korridors den Herrn mit dem Schauspielergesicht erblickte, der die beiden mit dem hundertsten Teil eines Lächelns durch seinen goldgefaßten Zwicker musterte. Allan sah ihn einen Augenblick an und ging weiter.

Der Speisewagen war beinahe ganz besetzt; unten in der Ecke zunächst der Küche fand sich noch ein Tisch für zwei, der frei war. Der weißbejackte Agitator von vorhin wedelte mit einer Serviette quer über den Wagen, um anzudeuten, daß es ihm mit unerhörter Schwierigkeit gelungen war, Allan einen Platz an diesem Tisch zu reservieren. Allan ließ sich nieder, sah die Speisekarte an und ging sodann zur Weinliste über. Er war eben zu der Ueberzeugung gekommen, daß Graacher Auslese der richtige September- und Reisewein ist, als sich jemand an dem anderen Platz am Tisch niederließ. Er sah auf. Mit einer unlogischen Ueberraschung erkannte er in seinem Tischkameraden den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker und dem Schauspielergesicht.

Dieser lächelte Allan wiedererkennend zu und begann dann zum Fenster hinauszusehen. Allan betrachtete eine Weile die Zirkusnummer des Kellners mit Schüsseln und Tellern zwischen den Tischen; jedesmal, wenn der Zug sich in einer Kurve seitlich neigte und er selbst vom Schwung auf eine Seite geschleudert wurde, dachte er mit einem Kitzeln in der Magengrube: Jetzt geht die ganze Bescherung zum Teufel! Aber kein einziges Mal gab es auch nur einen Fleck auf dem Tischtuch. Plötzlich stand der Kellner mit einem Suppenteller vor seinem Platz. Allan schnitt eine unwillkürliche Grimasse und schüttelte den Kopf. Suppe um diese Tageszeit! Der Mann mit dem Zwicker lächelte wieder leise, während er seinen Löffel in die Suppe tauchte.

„Sie sind kein Freund der deutschen Speiseordnung?“ sagte er.

„Nein, weiß Gott.“

„Der deutsche Wein sagt Ihnen besser zu?“

„Allerdings. Trinken Sie vielleicht ein Glas mit mir?“

Allans Laune stieg rasch um einige Grade, sowie er den Mund geöffnet hatte; er begann zu erfahren, daß der Mensch ein Gesellschaftstier ist, auch wenn er auf eigene Faust auf Abenteuer auszieht. Der Fremde verbeugte sich leicht.

„Mit Vergnügen, wenn Sie mir gestatten, Ihre Liebenswürdigkeit später zu erwidern.“

Allan winkte dem Kellner, ein Glas zu bringen. Er und der Fremde tranken sich zu.

„Sie sind Skandinavier?“

„Warum glauben Sie das? Hört man es mir an?“

„Das eigentlich nicht, aber Ihr Aussehen sagt es mir, und dann noch so irgend etwas Unbestimmtes. Ich möchte sogar wetten, daß Sie entweder Schwede oder Norweger sind.“

„So?“

„Die Dänen erlernen nie unser a — sie meckern. Und da Sie das nicht tun —“

Allan nickte ohne die Hypothese des Fremden zu bestätigen. Allerdings war er ja ziemlich groß und schlank, aber da er dunkel war, hätte ihn das nicht verraten müssen, wenn seine Sprache es nicht besorgt hätte. Der Mann mit dem Zwicker, der nun seine Suppe verzehrt hatte, beugte sich vor und knüpfte die Konversation wieder an. Allan betrachtete sein Gesicht, das energisch und intelligent war; die Augen unter den Zwickergläsern schienen durchaus nicht von Kurzsichtigkeit geschwächt. Es war unleugbar ein sympathisches Gesicht. Einmal, als der Fremde nach einer Aeußerung, die er selbst gemacht hatte, in ein Gelächter ausbrach, bemerkte Allan im Flug, daß einer seiner Backenzähne über und über mit Gold plombiert war. Eigentümlicherweise grub sich dieser kleine Zug, so wie es bei solchen kleinen Zügen oft der Fall ist, in sein Gedächtnis ein; und obgleich er für den Augenblick kaum an die Sache dachte — er konnte ja nicht ahnen, daß er den Mann je wiedersehen würde — sollte es bei einer späteren Gelegenheit von einer Bedeutung werden, die er jetzt unmöglich vorausahnen konnte. Plötzlich merkte er, daß er so ganz damit beschäftigt gewesen war, den Fremden zu beobachten, daß er ganz vergessen hatte, zuzuhören, was dieser sagte; er zuckte zusammen, als er das Wort Paris mit fragender Betonung hörte und nahm in der Eile an, daß sein Tischgenosse ihn gefragt hätte, wann man dorthin käme.

„Ich weiß nicht,“ sagte er.

Der Mann mit dem goldgefaßten Zwicker sah ihn überrascht an.

„Sie wissen nicht, ob Sie nach Paris fahren?“ wiederholte er. „Dieser Zug geht auf jeden Fall hin, wenn Sie es nicht wissen sollten!“

Allan wandelte eine plötzliche Lust an, mit sich selbst und seiner heutigen Heldentat zu brillieren.

Das weiß ich,“ sagte er ernst. „Aber ich weiß hingegen nicht, ob ich nach Paris fahre. Ich weiß es ebensowenig, als ich weiß, warum ich überhaupt mit diesem Zug fahre.“

„Sie wissen nicht, warum Sie mit diesem Zug fahren?“

„Nein, oder warum ich überhaupt fahre.“

„Donnerwetter! Sie pflegen ganz einfach in einen Expreß einzusteigen, ohne zu wissen, wohin er geht?“

„Ich habe es wenigstens heute morgen getan.“

„Donnerwetter! Darf ich fragen: Finden Sie bei solchen Reisegewohnheiten Zeit zu vielem Packen?“

„Heute morgens nicht, das muß ich gestehen — ich war gezwungen, mein Gepäck in der Eile in Hamburg zurückzulassen.“

Und Allan ließ mit einer Gleichgültigkeit, eines Phileas Fogg würdig, die rote Kontramarke aus dem Hamburger Hauptbahnhof durch die Luft flattern. Nr. 374 stand in gotischem schwarzen Druck darauf. Der Fremde starrte den Zettel und ihn mit einer Achtung an, die unter diesen Verhältnissen höchst schmeichelhaft war, und trank nach noch einem Donnerwetter einen Schluck aus seinem Rheinweinglas; Allan füllte es mit Mäzengefühlen nach. Im selben Augenblicke kam der Fisch; nachdem sich der Mann mit dem Zwicker vom Kellner hatte vorlegen lassen, nahm er den Faden wieder auf.

„Verzeihen Sie, wenn ich indiskret bin: Sind Sie wirklich aus einer bloßen Laune von Ihrem Gepäck mit einem Zug weggereist, an dem Sie kein besonderes Interesse hatten?“

Er fixierte Allan, der jetzt gerade der Gegenstand der Obsorge des Kellners war und für den Moment für nichts anderes Augen hatte als für das Essen.

Es lag ein eigentümlicher Ausdruck der Spannung in den Augen des Fremden; und wenn Allan aufgeblickt hätte, hätte er sehen können, wie sein Visavis dem Kellner eine eigentümliche Grimasse schnitt: ein Vorschieben der Lippen und zwei kurze Signale mit dem Kopf in der Richtung nach Allan. Aber Allan hatte kein Auge für diese Grimasse, und ebensowenig sah er, was darauf folgte: Der Kellner drehte hastig den Kopf, fixierte ihn und zog die Augenbrauen in die Höhe, wobei er den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker ansah. Dieser formte hastig ein Wort mit den Lippen, das der Kellner offenbar verstand, denn er zog die Augenbrauen noch höher, und zum ersten Male während des ganzen Mittagessens zitterte seine Hand. Das Ganze hatte kaum fünfzehn Sekunden gedauert. Allan, der noch überlegte, ob er seinem Tischkameraden die Episode mit der unbekannten Dame in Hamburg mitteilen sollte, sah endlich auf.

„Eigentlich hatte ich einen Grund,“ sagte er, „mein Gepäck so im Stich zu lassen, aber — nun ja, ich weiß nicht recht, ob ich wagen kann, ihn Ihnen zu erzählen. Aber es ist derselbe Grund, der mich veranlaßte, diesen Expreßzug zu nehmen — und der ist etwas delikater Natur.“

Der Herr mit dem Zwicker konnte gerade noch dem Kellner, der aufmerksam gelauscht hatte, eine fast unmerkliche Geste machen, bevor dieser mit den Schüsseln wieder verschwand. Dann hob er sein Glas.

„Gestatten Sie mir, zu fragen, ob Sie Bordeaux oder Burgunder vorziehen,“ sagte er.

Sie blieben nach dem Dessert noch etwa eine halbe Stunde sitzen und nippten an ihrem Kaffee, während der Zug weiter durch den klaren Herbsttag brauste. Allan empfand mehr und mehr Interesse für seinen Reisekameraden; er war unterhaltend, originell, offenbar viel gereist und wußte Geschichten aus allen Ecken und Enden Europas zu erzählen. Hie und da kam er wieder auf sein Erstaunen über Allans Art, einfach von seinem Gepäck fortzufahren, zurück, und Allan fühlte sich mehr und mehr befriedigt von sich selbst. Einmal verschwand er für einen Augenblick und wechselte in der äußeren, nunmehr leeren Wagenhälfte einige Worte mit dem Kellner, ohne daß Allan dies beachtete oder weiter daran dachte. Als er zurückkam, begann er eine Geschichte, die Allan Gelegenheit gab, seine Theorie, daß er ein Schauspieler sein müsse, zu bestätigen; er erwähnte sogar flüchtig seinen Namen — Ludwig Koch. Allan erwog eben, ob es korrekt sei, sich vorzustellen oder nicht, als der Zug in eine große Station einfuhr, wo er langsamer wurde und stehen blieb. Der Mann mit dem Zwicker lehnte das Gesicht an die Fensterscheibe, während man dem Perron entlang rollte. Mit der Hand über den Augen musterte er rasch die Menschen auf dem Perron; offenbar erkannte er jemand, denn ein leichter Ausruf entschlüpfte ihm. Er erhob sich von seinem Platz, nickte Allan zu und eilte hinaus.

„Komme gleich wieder!“ rief er.

„Fahren Sie nur nicht von Ihrem Gepäck weg, wie ich,“ rief Allan zurück.

Der Mann mit dem Zwicker verschwand ohne weitere Repliken. Zu Allans Erstaunen waren nach seinem Abgang kaum fünfzehn Sekunden verstrichen, als der Zug mit einem Ruck aus der Station hinausrollte, deren Namen Allan nicht bemerkte, so sehr war er damit beschäftigt, nach seinem Tischgenossen auszulugen. Er sah keine Spur von ihm auf der Plattform; er mußte also in eines der Coupés weiter vorne aufgesprungen sein. Allan drehte den Kopf dem Eingang des Speisewagens zu, bereit, Herrn Koch mit einem Glückwunsch zu begrüßen, daß die Sache noch gut abgelaufen war, aber es vergingen ein und zwei Minuten, ohne daß Herr Koch sich zeigte. Allan setzte sich wieder auf seinen Platz zurecht und begann die Landschaft zu betrachten.

Der Zug rollte jetzt durch einen Fabrikdistrikt. Man sah nur hohe Schlote, von denen der fette Rauch in langen, schweren Streifen, die Meertang glichen, über den blauen Himmel wogte; graugelbe Fabrikfassaden, Massen von Seitengleisen, wo schmutzigrote Güterwagen angehäuft standen. Gras und Unkraut wucherte mager und gelb, als hätte es Fieber; die Schlackenhaufen türmten sich darum wie um einen Krater. Das Ganze war beklemmend, trostlos. In einer solchen Umgebung zu existieren, für sein ganzes Leben lang an ein solches Gefängnis gebunden zu sein ... Allan schauderte. Er sah zu dem abenteuerblauen Septemberhimmel empor und freute sich, in diesem Wagen zu sitzen, der in taktfesten Wellenbewegungen dahinrollte, und er zitierte halblaut und pathetisch vier Zeilen von Snoilsky, die den Unterschied zwischen einem Passagier erster Klasse und einem Lokomotivführer hervorheben. Dann fiel ihm wieder Herr Koch ein, und er klopfte dem Kellner.

„Ich möchte zahlen, Ober. Ich muß dann hineingehen und mich nach meinem Freunde umsehen.“

Ueber das Gesicht des Kellners huschte ein rasches Zucken, aber er sagte nichts anderes als: „Sehr wohl,“ und kritzelte hastig einige Hieroglyphen auf ein Blatt Papier.

„Neun Mark, sechzig Pfennig!“

Allan bezahlte und gab ein Trinkgeld. Plötzlich fiel ihm etwas ein.

„Aber Herr — — — aber der andere Herr?“

„Hat schon bezahlt.“

„Hat schon bezahlt?“

„Jawohl, schon längst.“

Die Stimme des Kellners war so gleichgültig als nur möglich, und er eilte weiter, sowie er geantwortet hatte. Allan unterdrückte ein hastiges Gefühl des Staunens. Herr Koch hatte bezahlt! Pflegte man im Speisewagen zu bezahlen, bevor man fertig war? Und insgeheim? Er für seine Person hatte Herrn Koch dem Kellner keinen Pfennig geben sehen. Er zuckte die Achseln und ging in sein Coupé zurück, um Herrn Koch zu interviewen, wie die Sache zugegangen war.

Der Zug hatte wieder begonnen zu schwanken und zu schlingern, und es brauchte einige Zeit, und nicht wenig Balancierungskunst, um glücklich durch die Korridore zu kommen, die jetzt leer waren. Einmal kam ein so heftiger Stoß von einem Stationswechsel, den man im Eilzugstempo passierte, daß Allan ganz linksum geworfen wurde. Zu seiner Ueberraschung erblickte er am anderen Ende des Korridors keinen geringeren als den Speisewagenkellner, der ihm zu folgen schien. Im selben Augenblicke, in dem Allan den Mann ansah, verschwand er jedoch in ein Coupé. Allan erinnerte sich, daß man sich auch in den Coupés servieren lassen konnte, und vermutend, daß der Mann zu diesem Behufe da war, ging er weiter. Endlich hatte er seinen Wagen erreicht. Er ging an dem Coupé vorbei, das die Amerikanerin und der alte Herr mit Beschlag belegt hatten, und zog die Schiebetüre zu seinem eigenen Abteil zurück. — Nun, Herr Koch, Sie sind ja gar nicht wiedergekommen! hatte er auf den Lippen, als er plötzlich innehielt.

Herr Koch befand sich nicht in dem Coupé. Das Coupé war leer.

Allan blieb eine Minute in der Türe stehen, bevor er sich entschloß, einzutreten. Was in aller Welt? Er war gar nicht da? Sehen wir mal, sein Gepäck ... Es war auch kein Gepäck da! Nur eine ganz diminutive Handtasche. Plötzlich kam ihm eine blitzartige Erinnerung: Es war ja auch zu der Zeit, als Herr Koch noch im Coupé saß, kein anderes Gepäck dagewesen. Herr Koch reiste fast ebenso ohne Gepäck wie er selbst ... Er fuhr aus seinen Gedanken bei dem Laut diskreter, beinahe schleichender Schritte im Korridor auf. Bei allen Göttern, war das nicht schon wieder der Speisewagenkellner!

Diesmal berührte seine Anwesenheit und sein blitzschnelles Hineinblicken in Allans Coupé diesen als so unnötig, ja geradezu eigentümlich, daß er von seinem Platz aufsprang und in den Korridor hinausstürzte, um mit dem dienenden Bruder ein Wörtchen zu sprechen. Aber dieser war schon in den nächsten Wagen verschwunden, und Allan kehrte mit gerunzelter Stirne zu seinem Platz zurück. Ein paar Augenblicke dachte er daran, den Schaffner aufzusuchen und mit ihm über Herrn Kochs Schicksal zu beratschlagen; dann beschloß er, sich einen blauen Teufel darum zu scheren — er kannte den Mann ja gar nicht — und versank in das Studium des einzigen Gepäckstückes, das dieser, abgesehen von der diminutiven Handtasche auf dem Sofa zurückgelassen hatte, einen illustrierten Katalog einer Zauberfirma in Berlin.

Es war ungefähr fünf Uhr, als der Zug in die Bahnhofshalle von Köln rollte, wo Allans erstes wirkliches Abenteuer begann. Er vergaß nachher nie das Nachmittagssonnenlicht, das die gewaltige Halle mit gelben Staubgürteln durchzog. Der breite Perron war voll von Menschen, die durcheinanderwimmelten, von Zeitungs- und Bücherkiosken, von Verkaufsständen, wo man Bier, Bananen und Bäckereien bekam. Eine alte Vettel, im Hinblick auf die Gestalt von frappanter Aehnlichkeit mit einem Ballon captif, im Begriffe, die Vertauungen zu lösen, hatte die Rolle des Blumenmädchens übernommen. Allan zog den Kopf vom Coupéfenster zurück und streckte die Hand zum Netz nach seinen einzigen Gepäckstücken aus — einem Hut und einem Stock (der Ueberrock war in Hamburg geblieben). Er wollte aussteigen, um seine Beine ein bißchen auszugraden. Eben hatte er den Hut auf den Kopf gesetzt, als die Türe seines Coupés von drei Gestalten verdunkelt wurde. Der vorderste trug einen diskreten zivilen blauen Sakkoanzug; hinter ihm gewahrte Allan zu seiner unaussprechlichen Verwunderung einerseits den weißbejackten Kellner aus dem Speisewagen, andererseits einen kolossalen behelmten Schutzmann.

Allans erster Impuls (wie wahrscheinlich auch der des Lesers) war, einen Schritt zurückzutreten, während er das Trio anstarrte; er hatte Zeit zu einem Schritt, aber nicht zu mehr, denn offenbar befürchtend, daß er zum Fenster hinausspringen könnte, stürzten der Mann in Zivil und der Polizist auf ihn los, legten jeder eine Hand auf seine Schulter und riefen mit Stentorstimme:

„Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!“

Allan war zu betäubt, um an Widerstand zu denken. Der einzige Gedanke, den er formulieren konnte, war: Was zum Teufel soll das heißen? Ist das die Rache der Akzeptanten? Lassen sie mich durch diese Schergen heimholen? Nun tat der Zivilist (ein schwammiger Herr mit schwitzenden Händen) seinen Mund auf und sagte hohnvoll:

„Machen Sie kein so erstauntes Gesicht, mein lieber Benjamin Mirzl! Man weiß schon, daß Sie sich verkleiden können. Aber es gibt Leute, die Ihre kleinen Kniffe durchschauen. Kommen Sie ohne Aufsehen mit. Sie können sich dieses Mal einen Träger für Ihr Gepäck ersparen.“

„Gepäck? Das ist nicht meine Tasche,“ gelang es Allan hervorzustoßen.

„Natürlich nicht! Haha, natürlich nicht!“

„Mein Gepäck steht in Hamburg,“ schrie Allan außer sich, während eine dunkle Ahnung des Zusammenhanges sich aus den Nebeln in seinem Innern kristallisierte.

„Haha, ja gewiß, ja gewiß! Warum nicht in Petersburg? Nein, nein, Mirzl, Sie sind in der Schlinge gefangen. Machen Sie gute Miene, das ist wohl das einzige, was Sie tun können.“

„Ich heiße nicht Mirzl, oder was Sie da zum Donnerwetter sagen, ich heiße Kragh, und ...“

„Stillschweigen!“ brüllte der gigantische Schutzmann, dessen Gemütsruhe durch die Lorbeeren des Zivilisten gestört wurde. „Mit aufs Amt, und keinen Ton, dann werde ich mich hinter Ihnen halten.“

„Aber ...“ setzte Allan an und hielt inne; es hatte ja keinen Zweck, hier zu protestieren. Mit einem Achselzucken trat er in den Korridor. Der Zivilist mit Herrn Kochs diminutiver Tasche folgte ihm auf dem Fuße und der Mammut-Schutzmann beschloß die Prozession. Plötzlich hörte Kragh den Kellner rufen:

„Aber meine Belohnung! Wo kann ich mir die abholen?“

„Das werden Sie später erfahren!“ rief der Mann in Zivil über die Achsel zurück. „Uebrigens sind Sie ja zwei; der in Essen ausgestiegen ist, wird Ihnen schon nicht das Ganze lassen.“

Mit diesen Worten des Zivilisten im Ohr, ihn selbst an seiner Seite und den gewaltigen Gesetzeswächter hinter sich, passierte Allan das Paar im anderen Coupé — die Amerikanerin und den alten Herrn mit der Raubvogelnase. Er sah, wie sie ihre feinen Augenbrauen emporzog und dem bordeauxnasigen Alten etwas zuflüsterte — die waren jetzt offenbar ein Herz und eine Seele. Er senkte den Kopf, um nicht mehr zu sehen und ging nach rechts, in der Richtung, die der Zivilgekleidete angab. Was hatte das Ganze zu bedeuten? Abenteuer, Septemberabenteuer in Sonne und blauer Luft — das sah mehr nach totaler Sonnenfinsternis und sehr eingeschlossener Luft aus. Was hatte das Ganze zu bedeuten?

Kein Philosoph hätte sich diese Frage mit mehr Nachdruck stellen können.

— — — — — — — — — — — —

„Das ist Ihr Paß? Sie sind Herr Allan Kragh, Student, schwedischer Bürger?“

Allan bejahte diese beiden Fragen mit einem Nachdruck, der nur von seiner Furcht, den kleinen dicken Polizeirichter, der Geijerstam ähnlich sah, unwiderruflich zu verletzen, gedämpft war. Keine schwarzen Fahnen jetzt, nur weiße Friedensflaggen, bis man loskam. Anderthalb Tage im schwarzen Loch!

„Warum haben Sie nicht schon früher bei mir protestiert, wenn das Ihr Paß ist?“

Allan fixierte den geijerstamähnlichen Repräsentanten der Gerechtigkeit und schluckte erst einige kernige schwedische Ausdrücke, bevor er erwiderte:

„Ich habe doch vom ersten Augenblick an gesagt, wer ich bin, obgleich Ihre verdamm — — — obgleich niemand auf mich hören wollte. Es wurde als mathematisch feststehend angesehen, daß ich Mirzl sein muß — wer zum Teufel nun dieser Mirzl ist! Mirzl! In meinem Leben habe ich nichts von einem Mirzl gehört.“

„Dann lesen Sie die Zeitungen schlecht, oder auch sind die schwedischen Zeitungen hinter ihrer Zeit zurück. Nun gut, wir werden telegraphisch anfragen. Fällt die Antwort zu Ihren Gunsten aus, werden wir Ihre Sache schon heute nachmittag in Erwägung ziehen.“

„Danke allerergebenst, danke aller...“

„Aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß uns die Sache mit der Handtasche sehr bedenklich vorkommt. Sie enthielt allerdings nichts direkt Kompromittierendes, aber es ist bekannt, daß Mirzl eine solche Tasche in seinem Besitz hatte, als er aus Berlin verschwand.“

„Die Tasche! Wie oft muß ich noch sagen, daß das nicht mein Gepäck ist? Daß mein Gepäck in der Garderobe in Hamburg mit dieser Kontramarke steht und ...“

„Sie werden zugeben, daß man nicht gerade häufig sein Gepäck in der Garderobe in Hamburg läßt, wenn man mit dem Expreßzug nach Paris fährt? ... Nun ja, nun ja, wir werden telegraphieren!“

Es vergingen sechs Stunden, bis Allan den Polizeirichter mit dem rundbäckigen Aussehen, den Brillen und dem Schnurrbart wiedersah. Als es dazu kam, war es in einem kleinen, ganz ungestörten Raum des großen Amtsgebäudes. Der kleine Mann mit dem literarischen Aussehen hielt ein paar Telegramme in der Hand und betrachtete abwechselnd eine Karte des Deutschen Reiches und ein Album mit vielen Photographien.

„Ja, ja, wir haben untersucht, wir haben telegraphiert ... ich muß sagen, Herr Kragh, Sie haben höchst außerordentliche Erfahrungen gemacht. Ist das Ihre erste längere Reise ins Ausland?“

„Ja“ (erbittert).

„Das glaube ich, ich konnte es mir denken. Höchst außerordentliche Erfahrungen, das muß ich sagen.“

„Ist Ihnen meine Identität bestätigt worden?“ (äußert erbittert, denn sechs Stunden der Abgeschiedenheit bei spartanischer Kost tragen nicht gerade dazu bei, die Laune zu verbessern.)

„Wir glauben es. Ja, wir glauben, überzeugt sein zu dürfen, daß Sie tatsächlich Herr Allan Kragh aus Schweden sind.“

„Gedenken Sie mich also loszulassen? Gedenken Sie die Bevölkerung von Köln diesem Risiko auszusetzen? Ist das Kölnischwasser eingesperrt? Und der Dom bewacht?“

„Einen Augenblick, Herr Kragh. Wir bedauern den Mißgriff sehr, wir bedauern ihn außerordentlich, und wir wollen Sie gerne, soweit es in unseren Kräften steht, schadlos halten. Natürlich werden Sie sofort in Freiheit gesetzt (die Stimme des Polizeirichters war so sanft und versöhnlich, daß es beinahe klang, als spräche er finnisch). Gestatten Sie mir nur eine Frage: Waren in Ihrem Gepäck in Hamburg große Werte enthalten?“

„Werte? Hm. Das gewöhnliche Reisegepäck, einige Anzüge und dergleichen. Gold und Juwelen nicht.“

„Ausgezeichnet ... Ihr Garderobeschein hatte die Nummer 374?“

„Ja, was meinen Sie?“

„Warten Sie ein bißchen! Hm ... 374. Nun wohl, Herr Kragh, warum sollte ich Ihnen die Sache verbergen: Ihr Gepäck ist gestohlen.“

„Gestohlen? Stiehlt man Gepäck, das einer deutschen Eisenbahngarderobe eingeliefert ist? Ich habe meinen Schein.“

„Ja, ja, Ihren Schein, Nr. 374, drei Kolli. Aber vorgestern, als Sie ... als Sie irrtümlich angehalten wurden, kam ein Telegramm an die Garderobe, die drei Kolli auf Nummer 374 expreß nach Osnabrück zu schicken; der Inhaber habe nicht Zeit gefunden, sie abzuholen. Die Garderobe sandte sie noch am selben Tage ab, sie wurden um sechs Uhr abends in Osnabrück (mit einem falschen Gepäckschein, wie wir allen Grund haben, zu vermuten, ja allen Grund) von einem Herrn abgeholt, der sofort nach Holland weiterreiste ... Ihre zwei Handkoffer und Ihr Ueberrock, Herr Kragh, sind also gestohlen.“

„Putz weg! Donnerwetter ...“ Allan starrte den sanftäugigen Polizeirichter ganz verblüfft an. „Wer in Teufels Namen ...“

„Ja, wer kann die Nummer Ihres Garderobescheines wissen! Hat man Sie im Hamburger Bahnhof darangekriegt? Wir verstehen die Sache ebensowenig wie Sie selbst — und Sie sollten sie besser verstehen als wir. Ja, das sollten Sie wirklich.“

Allan bog in einen neuen Gedankenkanal ein.

„Das sollte ich! Aber wie konnten Sie sich unterstehen, mich zu arretieren? Warum haben Sie diesem Kerl Gelegenheit gegeben, mein Gepäck zu stehlen? Haben Sie die Güte und erklären Sie mir, was hinter dieser anderen Geschichte steckt! Jetzt bin ich nicht mehr Angeklagter!“

„Herr Kragh!“ Die Stimme des Polizeirichters war voll sanftem Tadel, aber Allan hörte nicht mehr auf diesem Ohr, seine erlittenen Verunrechtungen begannen ihm zu Kopf zu steigen. Wie ein Verbrecher arretiert und obendrein noch bestohlen werden! Das war zuviel. Wozu hatte man Konsuln?

Er hörte die sanfte, gleichsam bebrillte Stimme des Polizeirichters:

„... daß die ganze Geschichte im Speisewagen entstanden ist. Sie haben den Mann nicht gekannt, mit dem Sie zu Mittag gegessen haben?“

„Gekannt? Habe den Kerl noch nie im Leben gesehen. Es ist das erstemal, daß ich im Ausland bin.“

„Hm, ja, ich kann ... nun schön, dieser Mann — Aber warten Sie, Sie sollen die Geschichte aus erster Hand hören.“

Der Polizeirichter drückte auf einen Knopf, gab einem Bediensteten eine Weisung und begann in der Erwartung, daß sie ausgeführt werde, wieder in dem Album mit den vielen Photographien zu blättern. Hie und da schob er die Unterlippe auf halbem Wege zur Nase hinauf, offenbar in tiefe Grübeleien versunken. Von Zeit zu Zeit fanden diese in einem gedankenvollen p—r—m, p—r—m Ausdruck, das an den Ton erinnerte, den eine Kindertrompete von sich gibt, wenn ihr kleiner Besitzer hineingespuckt hat. Plötzlich öffnete sich die Türe, und der Bedienstete kam mit jemand herein, der sich als der Speisewagenkellner von vorgestern entpuppte. Der kleine Polizeirichter schnitt die untertänigen Bücklinge des Sangmeds mit einer Geste ab und sagte kurz:

„Erzählen Sie. Erklären Sie dem Herrn die Sache.“

„Ach, gnädiger Herr, es ist ein Irrtum, ein furchtbarer Irrtum. Man hat mich beschwindelt, man hat mich betrogen, gnädiger Herr. Es war der Herr, der an Ihrem Tische gespeist hat — hol’ ihn der Teufel. Gerade als ich dem gnädigen Herrn den Fisch serviert habe, machte mir der andere Herr Grimassen: Sehen Sie den Herrn an, das ist ein durchgegangener Verbrecher — ganz vorsichtig, so daß der gnädige Herr nichts gemerkt hat. Ich sah den gnädigen Herrn an und hörte, wie der gnädige Herr sagte, daß er von seinem Gepäck und allem fortreisen mußte; und der andere Herr nickte mir nur immer zu — der Teufel soll ihn holen. Auf einmal kommt er zu mir hinaus in den rückwärtigen Teil des Wagens und sagt: Der Herr an meinem Tisch ist kein anderer als Mirzl selbst.“

„Aber wer ist denn dieser Mirzl?“ rief Allan, dem nun schon zum dritten Male dieser Name ins Gesicht geschleudert wurde. Statt aller Antwort reichte der Polizeirichter ihm stumm das Album mit den vielen Bildern und eine zwei Tage alte Berliner Zeitung. Da fand er fett gedruckt die Ueberschriften: — Großer Hoteldiebstahl in Berlin W. — Benjamin Mirzl wieder in Aktion — der Betrag über siebzigtausend. — Mirzl entkommt im Auto. — Und im Album fand Allan eine Serie Photographien en face, im Profil, von rückwärts, einen dreißigjährigen Herrn darstellend, an dessen Züge er sich dunkel zu erinnern glaubte, vermutlich aus irgendeiner illustrierten Zeitung. —

„Unser größter Schwindler,“ sagte der Polizeirichter. „Er ist noch nie gefaßt worden, aber diesmal ist er mit knapper Not entwischt und mußte das meiste im Stich lassen.“

„Das war am Tage, bevor ich mit dem Expreß abreiste!“ rief Allan.

„Ja, so war es.“

Der dienende Bruder setzte unverdrossen seinen Bericht fort.

„Ich spitzte natürlich die Ohren; der andere Herr zog eine Visitkarte hervor und sagte: ‚Ich bin Rechtsanwalt Dr. Hauser.‘“

„Aber mir sagte er doch, er hieße Koch und sei Schauspieler!“ rief Allan.

„Er hat den gnädigen Herrn irreführen wollen. ‚Mein Name ist Rechtsanwalt Dr. Hauser,‘ sagte er zu mir. ‚Ich springe in Essen ab, um einen Detektiv zu holen und Mirzl zu arretieren. Komme ich nicht zurecht, so lassen Sie ihn um Gottes willen in Köln festnehmen! Auf dem dortigen Bahnhof sind immer Polizisten. Bedenken Sie, daß nur für seinen letzten Streich allein fünftausend Mark Belohnung ausgesetzt sind!‘ So sagte der gottverdammte Mensch, und in Essen sprang er ab. Er kam nicht wieder. Ich behielt den gnädigen Herrn im Auge, und in Köln ...“

„Das übrige weiß ich,“ sagte Allan.

„Ach, gnädiger Herr, ich bin ein armer Mann, verheiratet, Familienvater mit vier Kindern, wie sollte ich ahnen, daß dieser elende Mensch mich ins Verderben stürzen wollte. Nicht einmal sein Mittagessen hat er bezahlt, bevor er in Essen abgesprungen ist.“

„Ich bezahle es nicht. Aber ich unternehme auch nichts gegen Sie. Ich rate Ihnen nur, ein andermal mehr an das Service und weniger an die Gäste zu denken. Das ist eine gute Regel für einen Kellner, glaube ich.“

„O gnädiger Herr ...“

„Es ist schon gut. Kann ich gehen, Herr Polizeirichter?“

„Aber — aber natürlich. Und Sie — Sie gedenken die Sache nicht weiter zu verfolgen?“

„Diesmal nicht. Ich zog aus, um Abenteuer zu suchen, wenn ich sie auf den Hals bekomme, kann ich nicht klagen. Falls mein Gepäck noch auftauchen sollte — aber das kommt wohl nicht in Frage. Darauf wird Herr Mirzl wohl auch Beschlag gelegt haben.“

„P—r—m — ach nein, der bewegt sich in einem höheren Genre.“

„Ich bin ebenso gespannt, seine nähere Bekanntschaft zu machen, wie Sie, Herr Polizeirichter. Leben Sie wohl.“

Allan verließ das kleine Zimmer des großen Gebäudes; der kleine Polizeirichter folgte ihm durch die Korridore bis zum Ausgang, wo Allan und er sich voneinander unter tiefen Verbeugungen verabschiedeten. Allan ging nun durch die Straßen, etwas wirr im Kopf von all den Ereignissen, ohne daran zu denken, welche Richtung er einschlug. Es war nun, wie ein Blick auf die Uhr ihm sagte, fast vier Uhr nachmittags. Plötzlich, als er an einer Straßenecke stehen blieb, um zu überlegen, was nun zu tun sei, spürte er eine Hand auf seiner Schulter und zuckte zusammen. Eine neue Arretierung? Das wäre doch zuviel des Guten. Er drehte sich um. Ein junger Mann im Strohhut grüßte ihn lächelnd und reichte ihm einen Brief.

„An Sie,“ sagte er.

Bevor Allan ihn noch aufhalten konnte, war er verschwunden. Allan starrte ihm in dem Volksgewühl nach, ohne zu wissen, was er eigentlich glauben sollte. Er lief einige Schritte in der Richtung, die der Unbekannte eingeschlagen hatte, aber ohne ihn zu erblicken; der Verkehr war im Augenblicke überwältigend. Dann sah er den Brief an, der die Aufschrift trug: „Herrn Allan Kragh aus Schweden“, und riß ihn auf, von einer plötzlichen Ahnung gepackt.

Was er las, war dies:

„Lieber Herr Kragh! Sie haben ohne Zweifel viele Flüche auf mein Haupt herabbeschworen, seit wir uns zuletzt sahen, obwohl es fraglich ist, ob Sie diese Flüche richtig adressieren konnten. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihre Freundlichkeit, mir im Speisewagen Graacher Auslese vorzusetzen, so schlecht gelohnt habe; verzeihen Sie mir in noch höherem Grade die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen späterhin verursacht habe — Unannehmlichkeiten, deren Charakter ich selbst nur zu gut einzuschätzen verstehe.

Ich weiß, daß der Verlust Ihres Reisegepäcks auf den Garderobeschein 374 des Hamburger Hauptbahnhofes, den Sie so unvorsichtig waren, mir beim Diner zu zeigen, gegen die eben erwähnten anderen Unannehmlichkeiten nicht ins Gewicht fällt. Leider war ich wirklich durch die Verhältnisse gezwungen, so zu handeln. Seien Sie überzeugt, daß es eine zwingende Notwendigkeit war.

Sollten Sie geneigt sein, mich sämtliche Unannehmlichkeiten sühnen und Ihnen natürlich in erster Linie Ihr elegantes Gepäck zurückstellen zu lassen, so können Sie mich Freitag abend, den zwölften dieses, um zehn Uhr in The Leicester Lounge am Leicester Square in London treffen. Seien Sie überzeugt, daß ich Sie erkennen werde, wenn Sie sich einfinden, auch wenn Sie mich nicht erkennen sollten. Ich mache Ihnen diesen Vorschlag, um zu sehen, ob ich den Charakter eines Mannes, der ohne weiteres einer Laune wegen sein Gepäck im Stiche läßt, richtig beurteilt habe.

Also auf Wiedersehen!

Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser,
alias .....
(nach Belieben von Ihnen selbst auszufüllen.)“

P. S. Daß ich Ihren Namen in Erfahrung gebracht habe, werden Sie hoffentlich nicht übelnehmen.“

Wie oft Allan, mitten im Gewühl der Jülichstraße stehend, diese Epistel durchlas, ist ungewiß. Schließlich sahen doch die Passanten dieser Straße, wie er sich aufraffte, den Brief in die Tasche steckte, einen Polizisten über irgend etwas befragte und in der Richtung zum Bahnhof forteilte. Es war über vier Uhr; er hatte eine knappe Stunde, um den Zug zu erreichen, über dessen Abgang er eben den kölnischen Wächter des Gesetzes konsultiert hatte. Diese Stunde mußte genügen, um seinen Magen nach den Prüfungen im Arrest zu befriedigen.

„Es fängt an!“ murmelte Herr Kragh für sich. „Das war ja eine feine Reisegesellschaft, die ich hatte! Auf diese Weise sind die Koffer also fortgekommen. Nun wollen wir vor allem das tun, was Hermann Bergius als das oberste und unveräußerlichste Menschenrecht erklärte — Frühstück essen. Es ist spät und wohlverdient. Und dann auf nach London, um mit Herrn Benjamin Mirzl Bekanntschaft zu machen! Das dürfte interessant sein.“

III
Das große Hotel

Einmal hatte Allan die größte der großen Turbinenanlagen in Südschweden besucht. Es war ihm, als wäre er in ihre maschinendruckvibrierende und dröhnende Luft gekommen, als er am 11. September spät abends in London eintraf.

Er rieb sich die Augen, wie er da in seinem Taxi saß. Das war eine Stadt! Hier mußten die Abenteuer zu Hause sein; hier mußten sie gerade an jeder Straßenecke lauern. Was war dagegen Hamburg und Köln! Was war die unbeschreibliche Atmosphäre von jagender Eile, raffiniertem Luxus und unerhörtem Geldzustrom, die sein Eindruck des Luxuszuges von Köln nordwärts war, gegen dieses London! Schon die Luft war neu, eine phantasiereizende Mischung von tausend Ingredienzien: Dem Geruch des heißen Steinpflasters, von parfümiertem Virginiatabak, Benzindämpfen der zahllosen Autos, deren Gummiräder über den spiegelblanken Asphalt zischten; dem Duft des parfümierten Reichtums der ganzen Welt und all ihres unaussprechlichen stinkendsten Elends. Die Häuser jagten wie im Traum an seinem Auto vorbei; gigantische Fassaden verloren sich nach oben zu in der nebligen Abendluft; es flammte und zuckte von unzähligen Lichtern; die Reklamen krochen wie regenbogenfarbene Schlangen die Mauern auf und ab; der Himmel über den offenen Plätzen brannte schlackenrot wie vom Widerschein einer kolossalen Feuersbrunst oder dem Ausbruch eines Riesenkraters. Und der Menschenstrom brauste und brauste. Das Auto, das Herrn Allan Kragh aus Schweden auf der Suche nach Abenteuern und eventuell einer Zukunft umschloß, eilte lautlos durch das Gewirr, vermied es zu kollidieren, vermied es, jemand zu töten, zog hier und da an einer Straßenecke eine augenblickliche Ritze durch die Menschenfluten; stürzte dahin, scheinbar ebenso sinnlos, wie die tausend anderen Autos, denen es begegnete, hundertmal schneller als die dahinströmenden Menschenfluten, aber ebenso sinnlos. Plötzlich bog es in einen offenen Platz, der weniger lichtflammend war, als die vorhergehenden Straßen und hielt vor einer Fassade, an der die Lichter sich zu einem gewaltigen Feston zusammengeballt hatten. „Grand Hotel Hermitage“ sagten die Lichtkränze; der Chauffeur wiederholte es, indem er die Türe des Autos aufriß, und Herr Allan Kragh ging über eine breite Treppe hinauf, in eine große Halle, die nach dem Souza-Marsch der Straßen unerhört still wirkte — die ungeheure Drehtüre des Vestibüls schnitt den Lärm der Außenwelt ab wie eine Klosterpforte.

Das war also das berühmte Grand Hotel Hermitage. Hundertmal hatte Allan diese drei Worte im Henschel, Bradshaw und den großen ausländischen Zeitungen gesehen; jedesmal hatte er gedacht: Wer doch da wäre; und als er nun auf seiner großen Reise vom Zufall und Herrn Mirzl nach London verschlagen wurde, da war es ihm ganz selbstverständlich erschienen, dem Chauffeur die Adresse des großen Hotels anzugeben.

Auf dem Wege von Köln hatte Allan sich in Belgien mit den notwendigsten Reiseeffekten versehen — man durfte vielleicht Herrn Mirzls Versprechen nicht allzu ernst nehmen; aber andererseits wäre es töricht gewesen, sich mit einer doppelten Ausstattung zu belasten; und er war folglich nicht ganz gepäcklos, als er, den Hotelträger hinter sich, durch die Drehtüre eintrat. Dennoch war es nur natürlich, daß der ernste Portier des Luxushotels (dessen Figur am ehesten an eine Benediktinerflasche erinnerte) ihn mit einer etwas herablassenden Nuance im Ton empfing. Hinter dem Portier bemerkte Allan im Kontor einen vierschrötigen Herrn mit graugesprenkeltem Yankeebart ohne Schnurrbart, der Direktor des Hotels, wie er später erfahren sollte. Hätte der Direktor und der Portier die Ereignisse vorausahnen können, die sich während Allans Aufenthalt im Grand Hotel Hermitage abspielen sollten und die Rolle, die Allan darin zu spielen bestimmt war, hätten sie ihn vermutlich mit Grüßen ganz anderer Art aufgenommen als die, mit denen der Portier Allan jetzt empfing.

„Das ist Ihr ganzes Gepäck, Sir?“

„Ja. Ich erwarte noch mehr. Ich möchte ein Zimmer haben.“

Der Portier musterte ihn noch einen Augenblick, und weichere Gefühle erlangten die Oberhand.

„Kleines Zimmer für diesen Gentleman, Jones. Ist 417 frei?“

Es stellte sich heraus, daß 417 frei war. Ein uniformierter magerer junger Mann übernahm Allans unbeträchtliches Gepäck und geleitete ihn zum Lift. Dieser machte sich mit der würdigen Langsamkeit eines alten Herrschaftsdieners auf den Weg und blieb mit derselben Würde im vierten Stock stehen. Der uniformierte Herr führte Allan über einen teppichbelegten Korridor in das kleine Gemach, das geeignet befunden worden war, ihn zu beherbergen. Es war wirklich klein, das heißt, in der Breite, denn die Höhe ließ nichts zu wünschen übrig. Es wurde zum größeren Teil von einem Bett und einem Toilettetisch ausgefüllt und erinnerte infolge seiner architektonischen Gestalt in hohem Grade an eine Grabkammer in einer ägyptischen Pyramide. Dahinter befand sich, wie Allan sah, ein Badezimmer. Aber Allan hatte von Hermann Bergius gelernt, daß nichts gleichgültiger ist, als das Zimmer, das man auf seinen Reisen bewohnt, da man sich ja doch nie in wachem oder nüchternem Zustande darin aufhält. Er erklärte sich folglich mit der ägyptischen Grabkammer zufrieden, drückte dem uniformierten Herrn einen Schilling in die Hand und ging dazu über, Toilette zu machen.

Als er eine halbe Stunde später, ohne sich wegen seines Reiseanzuges zu genieren, in den Speisesaal des großen Hotels wanderte, fand er Gelegenheit, zu konstatieren, daß nicht nur die Zimmer für Reisende mit unbedeutendem Gepäck klein sind, auch die Welt selbst ist überaus klein. Ja, offenbar, denn als er sich an einem Tisch niedergelassen, die Speisekarte verlangt hatte und sich im Speisesaal umzusehen begann, wen erblickte er an dem Nebentisch rechts, wenn nicht die Dame, die ihn vom Hamburger Bahnhof in die Welt hinausgelockt hatte, und als ihren Kavalier den alten Herrn mit der Raubvogelnase und dem gelbgrauen Schnurrbart.

Allan fixierte sie überrascht. Es war unleugbar kurios, dieses Paar gerade hier zu treffen! Es gab doch tausend Hotels in London. Nun, es war natürlich ein Zufall, aber ... das Freundschaftsbündnis, das er im Expreß beginnen gesehen und zu dem er selbst teilweise die direkte Ursache gewesen, war offenbar von nachhaltigerer Art geworden, als Reisebekanntschaften zu sein pflegen. Er konnte die alte Bordeauxnase gut verstehen ... trotz des Grolls, den er noch gegen die junge Dame wegen ihres Auftretens im Coupé hegte, mußte er sich selbst gestehen, daß sie eine Messe wert war ... sie schien ihm sogar mehrere Messen wert. Es bedurfte der Phantasie einer Pariserin, dachte er, um sich eine solche Toilette, wie sie sie heute abend trug, auszudenken, und der Courage einer Amerikanerin, um sie zu tragen. Seine Blicke irrten über die Linie des Ausschnittes um ihren weißen Busen, der so herausfordernd entblößt war wie auf einer Zeichnung von Rops, und wenn sie nicht da umherirrten auf der Grenzlinie zwischen der weißen Haut und der grünen Seide, ist es möglich, daß sie etwas weiter hinabschweiften, wo der knapp anliegende Rock fast bis zum Knie aufgeschlitzt war ... Welche Linie ist mystischer und verlockender zu verfolgen als die Linie einer schönen Frauenwade? Namentlich wenn sie von einem Strumpf von jener diskreten Durchsichtigkeit umschlossen ist, wie sie Madame offenbar bevorzugte ... Die Wellenlinie ihrer Wade zeichnete sich durch den grünen Strumpf ab wie Marmor durch den adriatischen Wasserspiegel. Allan starrte, ganz im klaren darüber, daß er zudringlich war, und plötzlich drehte Madame den Kopf nach Allans Seite (sie saß im Halbprofil) und ließ den Blick über ihn hingleiten; Allan sah, daß sie ihn erkannte. Im selben Augenblick stand der Kellner an seinem Tisch, mit Speisekarte und Weinliste, und er war genötigt, seine Augen von ihr loszureißen.

Wer konnte sie sein, und wie kam es, daß sie in dieser Gesellschaft hier war? Diese Frage summte Allan im Kopf, während er ein paar Gerichte der Speisekarte und einen Bordeaux von der Weinliste wählte. Der Kellner verschwand, und er hatte die Aussicht auf den anderen Tisch wieder frei.

Man sprach dort ziemlich eifrig. Ueber ihn? Nicht unmöglich, denn eine flüchtige Sekunde flog ihr Blick wieder zu ihm hinüber; der alte Herr mit der Raubvogelnase bekundete hingegen kein Interesse für ihn, wenn nun wirklich über ihn gesprochen wurde. Allan nahm seine bewundernde Betrachtung ihrer Person wieder auf, ohne daß sie sie nunmehr zu berühren schien, und war noch damit beschäftigt, als der Kellner mit der Omelette und dem Wein, den er bestellt hatte, erschien. Er machte einen Schluck aus seinem Glas und begann zu essen, während seine Gedanken von dem geheimnisvollen Paar dort drüben zu Herrn Benjamin Mirzl schweiften. Plötzlich kam es ihm, eigentümlicherweise zum erstenmal, zum Bewußtsein, daß er gerade dieses Trio in seiner Gesamtheit — den alten Herrn, die junge Dame und Herrn Mirzl — vor dem Billettschalter in Hamburg gesehen hatte. Allerdings schienen sie damals ganz unabhängig voneinander, aber ... Herr Mirzl war ein internationaler Schwindler, wenn auch vielleicht ein exzentrischer, wohlwollender; waren die beiden anderen von derselben Sorte? Das war natürlich nicht ausgeschlossen, und Allan beschäftigte sich mit dieser Möglichkeit, während er vom Poulard und Bordeaux zum Dessert und einem Glas Madeira überging (man mußte doch die Bekanntschaft mit der Mutter aller Städte feiern), aber verwarf sie nach dem zweiten Glas Madeira als unwahrscheinlich. Er bestellte Kaffee und Likör, wobei das Wesen des Kellners ebenso milde zu werden begann, als wenn er im evening-dress gewesen wäre, und blieb bei diesen angenehmen Getränken sitzen, auch als das Paar, das ihn intrigierte, den Speisesaal verlassen hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung sah er, als die Rechnung beglichen wurde, daß sie für beide bezahlte; der alte Herr war also offenbar von ihr eingeladen. Kontinental, dachte Allan. Sie passierten seinen Tisch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens — oder sah er recht, als er ein kleines Blinzeln zu merken glaubte, die Ahnung eines spöttischen Lächelns in ihren Augen? Es war unmöglich zu entscheiden.

Um halb elf Uhr, als Allan sich zu einem Abendspaziergang mit Zigarre durch London entschlossen hatte, zeigte es sich, daß die Stadt ihrerseits entschlossen war, seine Ankunft mit einem undurchsichtigen, gelbgrauen, brandrauchduftenden Nebel zu feiern, der zur Folge hatte, daß er (nach zwei Whisky mit Soda, zu Ehren der Riesenstadt) in der ägyptischen Grabkammer zu Bette ging. Er schlummerte sofort ein und schlief wie ein Stück Holz.

London ist eine wunderbare Stadt, voll Ueberraschungen, unerforschlich wie das Menschenherz, mehr Dinge bergend als die Philosophie sich träumen läßt oder Baedeker in seinen roten Büchern mit Sternen bezeichnet hat. Und Herr Allan Kragh fand in seinem bescheidenen Maße Gelegenheit, diese Binsenwahrheiten schon im Laufe des folgenden Tages bestätigt zu finden. Die Nebel des Abends waren von einem sanften Sonnenschein, der von einem milden, veronikablauen Himmel erstrahlte, abgelöst, als er am Vormittag seine Streifzüge vom Grand Hotel Hermitage antrat, und, Goethe gehorchend, ins volle Menschenleben der Straßen hineingriff. Seine Streifzüge gehen jedoch diese wahrheitsgetreue Erzählung nichts an, und wir begnügen uns damit, den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen, als er gegen ein Uhr nachts ins Grand Hotel Hermitage heimkehrte. Da beschäftigten ihn nicht die Geheimnisse von London, sondern das Geheimnis Benjamin Mirzl.

Was hatte Herr Mirzl mit dem Brief beabsichtigt, den er Allan durch einen seiner Helfershelfer vor zwei Tagen in Köln hatte zustecken lassen? Ein Bluff? Aber warum? Konnte einem Herrn seines Schlages etwas derartiges Spaß machen? Es war ja denkbar, aber paßte nicht zu der Vorstellung, die Allan sich von Herrn Mirzl gemacht hatte. Es war ja auch möglich, daß dieses Vorstellungsbild Herrn Mirzl ebensowenig ähnlich sah, wie dieser sich selbst in seinen verschiedenen Verkleidungen. Auf jeden Fall: Schlag neun Uhr, eine Stunde vor der angegebenen Zeit, hatte sich Allan in dem von Mirzl bezeichneten Kaffee „The Leicester Lounge“ eingefunden. Seine Londoner Eindrücke waren dadurch um noch einen vermehrt worden, aber als er gegen halb ein Uhr aus dem Kaffee hinausgeworfen wurde (Polizeivorschrift), war dies auch seine einzige Ausbeute. Dem Kaffee hatte sein dreiundeinhalbstündiger Besuch etwas mehr Ausbeute gebracht. „The Leicester Lounge“ erwies sich als ein Kaffee von der Art, wo Maria Magdalena auch vor ihrer Reue Zutritt hat. Es gab dort ein paar Dutzend Magdalenen vor der Bar und ein halbes Dutzend innerhalb derselben. Der Raum im übrigen, der sehr beschränkt war, wurde von dem leichtlebigen männlichen London in Anspruch genommen. Die Losung sowohl für das leichtlebige männliche London wie für die Direktion des Lokales war fixe Expedition. Das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Anzahl: ein schöner Leitsatz. Die Zirkulationsgeschwindigkeit war bewunderungswürdig: Entree, ein Drink, Bekanntschaft, noch ein Drink, Sortie. Herren, die keine Bekanntschaften machten, wurden über die Achsel angesehen. Herr Allan Kragh wurde über die Achsel angesehen. Es nützte nichts, daß er, so oft das dunkle Auge des Kellners ihn traf, einen Drink bestellte, oder daß eine unbestimmte Anzahl Magdalenen sich an seinem Tisch bezechten; er blieb sitzen und wurde folglich über die Achsel angesehen. Und Herr Mirzl kam nicht. Oder gab sich wenigstens nicht zu erkennen. Konnte es ihn amüsieren, Allans drinkerfüllte Erwartung in einer Verkleidung zu beobachten? Konnte er (da war der Kellner mit dem Auge schon wieder — Whisky and soda, please!) — konnte er vielleicht von der weltlichen Gerechtigkeit arretiert sein? Die Polizisten Londons waren ja so flink. Reichte Herrn Mirzls Schlauheit nicht hin, um sie zu überlisten? Sherlock Holmes, you know. Auf jeden Fall (Whisky and soda please, der Kellner mit dem Auge) — reichte sie für Allan Kragh aus. Nach einer dreiundeinhalbstündigen Whisky-Orgie verließ Herr Allan Kragh (auf Grund der polizeilichen Bestimmungen und Müdigkeit in der Kehle) The Leicester Lounge, durchdrungen von der eben erwähnten Ueberzeugung.

Und das erste, was er in der ägyptischen Grabkammer Nr. 417 erblickte, waren seine ehrlichen schwedischen Handkoffer. Es fehlte nicht viel, und er hätte geglaubt, eine Säufervision zu haben.

Aber faktisch; da standen seine beiden Handkoffer, der aus braunem Rindsleder und der aus eisenbeschlagenem Holz ... Sein Klingeln rief in weniger als einer Minute einen uniformierten Herrn in die Grabkammer hinauf.

„Diese Koffer?“

„Wurden heute abend um halbzehn Uhr von einem Träger abgegeben, Sir. Es liegt ein Brief an Sie auf dem Toilettetisch, Sir. Wünschen Sie noch etwas, Sir?“

Allan machte eine stumme Handbewegung. Jetzt wurde die Sache aber doch zu mystisch. Wie in — — konnte Herr Benjamin Mirzl denn wissen, wo er wohnte. — Er stürzte sich über den Brief auf dem Tisch, ohne seine verwirrten Fragen zu Ende zu denken. Er enthielt zwei Schlüssel und folgende Zeilen:

„Lieber Herr Kragh! Entschuldigen Sie, daß ich Sie vergeblich in The Leicester Lounge warten ließ. Business, you know; unmöglich für mich, abzukommen. Hoffe, Sie waren nicht gezwungen, allzu viele Whisky mit Soda zu nehmen; kenne das Lokal; sollte mir leid tun. Füge die Schlüssel bei, die ich während der Zeit, als ich Ihr prächtiges Gepäck inne hatte, zu verwenden pflegte; hoffe, Sie können sie als Reserveschlüssel brauchen; danke Ihnen nochmals für die freundliche Ueberlassung des Gepäcks; bitte Sie um Entschuldigung wegen all der Mühe, die ich Ihnen verursacht habe und verbleibe in aller Eile

Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser,
alias ......
(nach Belieben auszufüllen.)“

Es ist unnötig, die Ausrufe, Fragen und Gesten zu verzeichnen, mit denen Allan Kragh diese Epistel kommentierte. Das Leben ist kurz, wie schon Mark Twain sagte; es war drei Uhr, als er sich nach der dritten Visitierung der Koffer — nichts fehlte — und der achtundneunzigsten Lektüre von Benjamin Mirzls Brief zu Bett legte. Es dauerte noch eine Stunde, bis er einschlief, und als er es tat, war sein Schlummer unruhig.

Er hätte gar zu gerne Herrn Mirzl getroffen.

Es war bestimmt, daß er seinen Willen in dieser Hinsicht durchsetzen sollte, aber das dauerte noch eine Weile.

* *
*

Es war spät, als Allan am nächsten Tag die Augen aufschlug. Sein erster Blick galt den Koffern und sein zweiter Herrn Mirzls Brief, den er nun schon auswendig wußte, wie einen Bibelspruch im Katechismus. Erst sein dritter Blick galt der Uhr. Sie zeigte fünf Minuten vor zwölf. Allan flog aus dem Bett und begann sich anzukleiden. Unmittelbar vor dem Einschlafen war ihm etwas eingefallen: Es gab eine Möglichkeit, Herrn Mirzl aufzuspüren, durch den Dienstmann, der die Koffer gebracht hatte! Allan runzelte die Stirn und entwarf in Gedanken einen Kriegsplan, der auf besagtem Dienstmann aufgebaut war, und durch den Herr Mirzl sich wohl bald in seiner Höhle aufgespürt sehen sollte.

Aber ach, schon der erste Faden riß, als er gegen halb ein Uhr sein Verhör im Hotelbureau anstellte. Der Dienstmann? Ein gewöhnlicher Träger. Nummer? Weiß Gott, was für eine Nummer er hatte. Er hatte ganz einfach die Koffer niedergestellt, erklärt, daß sie dem Herrn auf Nr. 417 gehörten, dessen Namen auf beifolgendem Briefe stand, und daß alles bezahlt sei, worauf er sich ohne weiteres entfernt hatte. Nun, wenn man es sich recht überlegte, hatte er wohl überhaupt keine Nummer gehabt. Es war vermutlich ein gewöhnlicher Arbeitsloser gewesen. Stimmte etwas mit den Koffern nicht? Hatte der Mann etwas gestohlen oder verschlampt?

Allan beeilte sich, nein zu sagen und verschwand. Es war nicht so leicht, die Sachlage mit einem unromantischen Hotelkontoristen zu diskutieren. Er versuchte sich vorzustellen, was Sherlock Holmes in seiner Lage getan hätte, und da kam ihm plötzlich eine Idee. Eine Annonce! Das war es. Sherlock Holmes hätte eine Annonce eingerückt und dem unnumerierten Dienstmann eine Belohnung in Aussicht gestellt.

Allan erkundigte sich und suchte das Zeitungsbureau des Hotels auf; er fand es in einer kleineren Halle rechts von dem großen Entree gelegen. Es war eine weitläufige Anlage, wo alle Zeitungen der Welt verkauft, Annoncen für sie, Abonnements auf sie und (gegen eine kleine Abgabe) persönliche Notizen für sie über den Aufenthalt der Betreffenden im Grand Hotel Hermitage, ihre Gewohnheiten, ihren Lieblingssport, aufgenommen wurden. Allan erhielt ein Blankett und formulierte nach einiger Gedankenarbeit folgende Annonce:

Träger! Zwei Pfund Belohnung erhält der Träger, der am Abend des 12. dieses, halb zehn Uhr, drei Gepäckstücke im Grand Hotel Hermitage abgegeben hat, wenn er sich ehestens im besagten Hotel einfindet.

Der Kontorist des Zeitungsbureaus war ein ernster junger Mann vom Detektivtypus. Er nahm Allans Annonce ohne jeden Kommentar entgegen und fragte nur, in welche Zeitungen Allan sie aufgenommen wünsche. Allan überließ ihm selbst, dies zu bestimmen, worauf der hagere junge Mann dekretierte, daß Star, Daily Mail und Daily Citizen am besten seien, und einen Betrag für die zweimalige Einschaltung in jeder derselben entgegennahm. Sehr zufrieden mit sich selbst begab sich Allan in die Stadt, um sein Lunch einzunehmen.

Im Laufe des Nachmittags, während er in Pall Mall promenierte, kam ihm jedoch eine Idee, die zur Folge hatte, daß er eine Viertelstunde später aus einem Auto vor dem Grand Hotel Hermitage sprang. Er hatte ja ganz verabsäumt, in Erfahrung zu bringen, wer seine mystische Reisegenossin war, die Dame aus Hamburg! Und sie wohnte doch in demselben Hotel! So ist es, wenn man den Kopf mit einer Sache voll hat. Der benediktinerflaschenähnliche Portier selbst führte den Befehl im Hotelbureau, als Allan hereinkam, um sein Verhör anzustellen. Die Wärme seines Tones war seit der Ankunft von Allans Gepäck um fünf Grad gestiegen.

„Wünschen Sie ein größeres Zimmer, Sir?“ fragte er.

„Vielleicht später,“ sagte Allan. „Ich möchte Sie gerne etwas fragen, Portier.“

Er wühlte einen Augenblick in seinen Erinnerungen an Sherlock Holmes.

„Ich glaube hier im Hotel eine Bekannte gesehen zu haben, eine Dame. Ich bin meiner Sache aber nicht ganz sicher und möchte nicht zudringlich erscheinen, Sie verstehen, Portier. Sie ist blond, schlank, von Mittelgröße oder etwas darüber, sieht sehr gut, aber ein bißchen hochmütig aus und speiste vorgestern mittag im Speisesaal — — —“

Ein plötzliches Rauschen von Seidenröcken neben ihm ließ ihn zusammenzucken. Er wandte sich seitwärts und da stand die Unbekannte selbst!

„Ich hörte zufällig Ihre freundliche Anfrage,“ sagte sie. „Sollte am Ende ich es sein, die Sie dem Portier beschrieben haben?“

Diesmal konnte kein Zweifel über ihren Gesichtsausdruck herrschen, wie vor zwei Tagen im Speisesaal. Jetzt war es genau dieselbe Miene, die er vom Expreß her kannte; und ihre grauen Augen hatten einen Blick, der ihm kalt über das Rückgrat lief. Endlich gelang es ihm, sich zu fassen.

„Sie, Madame? Soviel ich weiß, habe ich nicht das Vergnügen, Sie zu kennen.“

„Ich Sie auch nicht — dem Namen nach.“

Es lag eine vernichtende Betonung auf den letzten zwei Worten, die nur zu gut ausdrückten, was sie meinte — die Szene in Köln, wo sie ihn vor fünf Tagen arretieren gesehen hatte. Allan nahm eine hübsche Preißelbeerfarbe an, aber es gelang ihm zu sagen:

„Sie haben gewiß etwas mit dem Portier zu besprechen. Ich will mich außer Hörweite zurückziehen, damit ich Sie nicht zu belauschen brauche.“

Er wußte, daß dieser Abschiedspfeil sie in das Tiefste ihrer anglosächsischen Seele treffen mußte, aber trotzdem empfand er seine Sortie aus dem Bureau nicht als eine Sortie d’éclat. Er kreuzte die Halle so rasch, als es seine Würde zuließ. — Was er hauptsächlich befürchtete, war, daß sie ihn zurückrufen und bitten würde, das Interview mit dem Portier fortzusetzen; er fühlte sich dieser Aufgabe jetzt nicht gewachsen. Und plötzlich fand er sich im Konversationssalon des Hotels, in den seine Beine ihn, ohne daß er es selbst wußte, getragen hatten, und hörte ein damn and confound, das mit ungeheurer Energie in seiner unmittelbaren Nähe ausgestoßen wurde. Erst im nächsten Augenblick dämmerte es ihm auf, daß ihm selbst diese Worte entschlüpft waren; und noch ganz erstaunt über seine rasche Akklimatisierung hörte er eine schrille Stimme, die sagte:

„Hallo, junger Mann! Solche Worte pflegt man nicht in Damengesellschaft zu sagen.“

Allan drehte sich um. Trotz der wenig menschenfreundlichen Laune, in der er sich für den Augenblick befand, mußte er lächeln. Auf einem der roten Lederstühle saß eine alte Dame mit dem New York Herald in der Hand — sie wäre von der Zeitung verdeckt gewesen, wenn sie sie nicht gesenkt und Allan über den Rand angeguckt hätte. Ihr Gesicht glich auf das I-Tüpfelchen einem alten, schlauen Papagei. Sie hatte graues Haar, das von den Ohren abstand, zwei scharfe kohlschwarze Augen und eine Nase, die den Rest des Gesichtes ebenso gründlich ausfüllte, wie die Sankt Paulskathedrale den offenen Platz, an dem sie liegt. So wie die Kathedrale kam sie architektonisch nicht zu ihrem vollen Recht, aus Mangel an Perspektive ... Man sah jedoch einen breiten Mund mit schmalen und offenbar sehr scharfen Lippen, und ein Kinn, das napoleonisch zu wirken versuchte. Die kohlschwarzen Augen fixierten Allan schräg, ganz wie die eines Papageis. Allan verbeugte sich ehrfurchtsvoll:

„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Madame! Ich dachte wirklich nicht daran, was ich sagte, und ich wußte kaum, wo ich mich befand.“

„Warum haben Sie geflucht?“ sagte die alte Dame. Sie betonte das Wort geflucht so, daß es klang, wie gemordet oder falsches Zeugnis abgelegt.

Allan wandelte die barocke Lust an, ihr alles zu erzählen.

„Ich will versuchen, es Ihnen zu erklären,“ begann er. „Sind Sie Amerikanerin, wenn ich fragen darf?“

„Ja. Haben Sie deshalb geflucht?“

„Nicht weil Sie Amerikanerin sind. Gott bewahre mich. Aber aufrichtig gesagt, war es eine Ihrer Landsmänninnen, die mich zum Fluchen brachte.“

„Ein Gentleman flucht nie über eine Dame oder in Damengesellschaft.“

„Sie haben recht. Ich bereue aus der Tiefe meines Herzens. Sehen Sie, diese Dame überraschte mich gerade, als ich dabei war, den Portier auszufragen ...“

„Hat sie gehorcht? Dann ist sie keine Dame. Dann haben Sie das Recht zu fluchen.“

„Hm, sehen Sie, ich war eben im Begriff, den Portier nach ihr selbst auszufragen ...“

„Sind Sie in sie verliebt? Dann haben Sie ein Recht dazu. Dann verstehe ich Sie.“

„Sie interessiert mich. Und Sie begreifen, daß ...“

„Haben Sie vom Portier erfahren, wer sie ist? Sind Sie ein Engländer?“

„Sie kam gerade zurecht, um mich daran zu verhindern. Nein, ich bin ein Schwede, Madame.“

„Warum fluchen Sie dann auf englisch?“

„Ja, wer das sagen könnte! Das Klima, vermute ich. Nochmals, ich bitte Sie um Entschuldigung, Madame.“

„Oh, demmit, ist nicht nötig. Ich fluche selber, wenns sein muß. Setzen Sie sich nieder, Sie interessieren mich. Was machen Sie in London?“

„Ja, wenn ich das wüßte. Eigentlich bin ich hier, um einen Herrn zu treffen, der meine Koffer gestohlen hat.“

„Die kriegen Sie nie zurück. In London kriegt man nie etwas zurück, nicht einmal das Geld, das bei den Rechnungen übrig bleibt. Ich kenne die Engländer. Hat er Ihre Koffer hier in London gestohlen?“

„Nein, im Expreß in Deutschland; und sehen Sie, das Lächerliche ist —“

„Was ist das Lächerliche? Da ist Helen. Grüß Gott, mein Kind. Was ist das Lächerliche?“

„Daß er sie mir unversehrt hierher zurückgeschickt hat.“

„Now demmit ... ich meine, sitzen Sie da und machen Sie sich über mich lustig, junger Mann? Helen, komm her, dann wirst du etwas hören. Hier ist ein junger Mann, der Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Außerdem flucht er in Damengesellschaft.“

Allan sah auf und erblickte ein junges Mädchen von zwanzig Jahren, die jetzt auf die alte Dame im Klubsessel zukam. Sie war schlank, blond und unaussprechlich amerikanisch. Allan fühlte eine instinktive Sympathie, die, wie er ebenso instinktiv empfand, verschieden von dem war, was er sonst für junge Damen zu empfinden pflegte. Sie hatte graue Augen und sehr reine Züge. War sie die Tochter der alten Dame auf dem Klubfauteuil, dann mußte sie wohl mehr ihrem Vater nachgeraten sein ...

„Das hier ist meine Tochter, junger Mann, ob Sie es glauben oder nicht.“

Die kohlschwarzen Papageienaugen hatten offenbar seine Gedanken gelesen. Allan verbeugte sich und zog eine Visitkarte hervor.

„Ich weiß nicht, was in Amerika korrekt ist,“ sagte er ein bißchen befangen. „Gestatten Sie?“