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EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG

von FRANZ GRILLPARZER

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Rudolf II., römisch deutscher Kaiser
Mathias und Max, seine Brüder
Ferdinand und Leopold, seine Neffen
Don Cäsar, des Kaisers natürlicher Sohn
Melchior Klesel
Herzog Julius von Braunschweig
Mathes Thurn
Ein Wortführer der Böhmischen Stände [Graf Schlick]
Seyfried Breuner
Oberst Wallenstein
Wolf Rumpf, des Kaisers Kämmerer
Oberst Ramee
Ein Hauptmann
Feldmarschall Rußworm
Prokop, ein Bürger von Prag
Lukrezia, seine Tochter
Ein Fahnenführer
Mehrere Soldaten, Bürger und Diener.

Erster Aufzug

Auf dem Kleinseiter Ring zu Prag.

Feldmarschall Rußworm, ohne Waffen, von der Stadtwache geführt, an deren
Spitze eine Gerichtsperson. Rechts im Vorgrunde Don Cäsar mit Begleitern.
—Früher Morgen.

Gerichtsperson. Im Namen kaiserlicher Majestät
Ruf ich Euch zu: Laßt ab!

Don Cäsar. Ich nicht, fürwahr!
Ihr gebet den Gefangnen denn heraus,
Den man zurückhält ohne Fug und Recht.

Gerichtsperson. Nach Recht und Urteil wie's der Richter sprach.

Don Cäsar. So war das Urteil falsch, der Richter toll.
Der Mann hat einen anderen erschlagen,
Weil jener ihn erschlug, kam er zuvor nicht.

Gerichtsperson. Der Richter kam zuvor, hätt' er's geklagt.

Don Cäsar. Ha, Feiger Schutzwehr, die von Feigen stammt,
Wer hat ein Schwert und bettelt erst um Schutz?
Dann: wenn Belgioso fiel von seiner Hand,
Geschah's auf mein Geheiß.

Rußworm. Mit Gunst, Don Cäsar.
Ich war Euch stets mit Neigung zugetan,
Als einem wackern Herrn von raschen Gaben,
Wohl auch erkennend und mich gerne fügend
Dem was in Euch von höherm Stamm und Ursprung,
Doch hat Feldmarschall Rußworm seiner Tage
Befehl gegeben andern oft und viel,
Empfangen nie, als nur vom Heeresfürsten.
Ob falsche Nachricht, Ohrenbläser Tücke
Mich trieb zur Tat, die nun mich selbst verdammt,
Ob meine Dienst' in mancher Türkenschlacht
Rücksicht verdienen, Mildrung und Gehör,
Das mag der Richter prüfen und erwägen;
Allein, daß Belgiojoso Euch im Weg,
Euch Nebenbuhler war in Euerm Werben,
Hat seinen Tod so wenig ihm gebracht,
Als, war er's nicht, es ihn vom Tod errettet.

Don Cäsar. Nun denn, so faßt mich auch und führt mich mit!
Denn wahrlich, hätt' ihn dieser nicht getötet,
Belgioso fiel' durch mich, ich hatt's gelobt.

Gerichtsperson. Wir richten ob der Tat, den Willen Gott.

Don Cäsar. Ich aber duld es nicht! Mit diesem Schwert
Entreiß ich euch die Beute, die euch lockt.
Setzt an! Auf sie! Macht den Gefangnen frei!

Gerichtsperson. Zu Hilfe der Gerechtigkeit!

(Bürger kommen aus ihren Häusern.)

Rußworm. Laßt ab!
Ihr seid zu schwach und bringt die Stadt in Aufruhr.
Steht meinen Feinden offen, nun wie vor,
Des sonst so güt'gen, meines Kaisers Ohr,
So rettet mich kein Gott. Laßt ab, laßt ab!
Zu beten scheint jetzt nöt'ger als zu fechten.
Wo ist der Minorit?

Don Cäsar. Und ich soll's ansehn,
Es ansehn, ich, mit meinen eignen Augen?

(Lukrezia kommt mit ihrem Vater aus einem Hause rechts im Vorgrunde.)

Don Cäsar. Ha Heuchlerin, so kommst du, dich zu weiden
Am Unheil, das durch dich, um deinetwillen da?
Sieh, dieser ist's, der deinen Buhlen schlug,
—Er tat's, nicht ich, doch freut mich was er tat—
Ein Ende setzte jenem nächt'gen Flüstern,
Den Ständchen, dem Gekos', drob Ärgernis
Den Nachbarn kam, besorgt um scheue Töchter;
Er tat's, und statt dafür ihn zu belohnen,
Schleppt man ihn vor den Richter und verdammt ihn.

Prokop (zur Gerichtsperson). Ist es gestattet, Herr,
Auf offner Straße Ehrbare Mädchen zu beschimpfen also?

Don Cäsar. Ehrbare Mädchen? Ha sie täuscht dich Alter,
So wie sie mich getäuscht und alle, alle Welt!
Wohin nur geht ihr? Ja, zur Kirche wohl!
Da weift sie ab die volle Sündenspule,
Um neue drauf zu winden, still bemüht.
Warum gehst du in Schwarz? Dir starb kein Blutsfreund.
Register führ ich über alles Unheil,
Das dich bedroht und das dich schon betraf.
Kein Blutsfreund starb dir. Warum denn in Schwarz?
Klagst du ob dem, den dieser Mann erschlug?
Sprich ja, und dieses Schwert—O Nacht und Greuel!
Warum in Schwarz?

Prokop. Komm laß uns gehn mein Kind!

Don Cäsar. Geh nicht, und du!—Bleib noch!—Lukrezia!
(Prokop mit seiner Tochter ab.)
Ich will ihr nach!—Und doch!—Rußworm verzeih,
Mich übermannte, blendete der Zorn.
Doch soll darob nicht deine Sache leiden.
Zum Kaiser geh ich, fordre deine Freiheit,
Und weigert er's—Glaub nur, er wird es nicht!—
So werf ich vor ihm ab die Gnaden alle,
Die Lasten, die mir seine Laune schuf,
Gönn andern das Bemühn ihm zu gefallen
Und such in Ungarn Türkensäbel auf.
Leb wohl! Ihr andern aber merkt euch dieses Wort:
Wird ihm ein Haar gekrümmt, eh' neue Botschaft,
Des Kaisers eigener Befehl es heischt,
Zahlt euer Kopf für jede rasche Regung
(Im Vorübergehen vor Lukrezias Hause.)
Haus, sei verdammt, du Hölle mir von je! (Ab.)

(Rußworm wird nach der andern Seite abgeführt.)

Verwandlung
Saal im kaiserlichen Schlosse zu Prag.

Durch die Mitteltüre treten Hofleute auf, die sich im Hintergrunde zerstreuen. Ein Kämmerer kommt durch den Haupteingang, hinter ihm Klesel und Erzherzog Mathias.

Klesel. Ich bitt Euch, Herr!

Kämmerer. Fürwahr, es kann nicht sein.

Klesel. Ein Augenblick Gehör.

Kämmerer. Sie sind beschäftigt.

Klesel. Des Kaisers Bruder selbst.

Kämmerer. Wenn auch, wenn auch!
Doch will ich wohl versuchen ob's gelingt.
(Ab in eine Seitentüre rechts.)

Mathias. So viel denn braucht's, den Kaiser nur zu sehn!

Klesel. Den Kaiser? Herr, glaubt ihr, wir sind soweit?
Bei Wolfen Rumpf, geheimen Kämmerer,
Sucht Ihr nun Audienz.

Mathias. Du heil'ger Gott!
Und das im selben Schloß, denselben Zimmern,
Wo ich an unsers Vaters Hand einherging,
Mit meinem Bruder,—der geliebtre Sohn.

Klesel. Ja, der geliebtre Sohn! Da liegt es eben!
Hätt' Euer Vater minder Euch geliebt,
Was gilt es? Euer Bruder liebt' Euch wärmer.

Mathias. Entehrt, verstoßen!

Klesel. Hart, ich geh es zu.
Doch war der Schritt bedenklich wohl genug,
Der Euch zuletzt gebracht aus allen Hulden.
Reist ab von Wien ins ferne Niederland,
Stellt an die Spitze der Rebellen Euch,
Entzweit die Höfe von Madrid und Wien;
Und, was das schlimmste, kehrt denn endlich heim
Und habt nichts effektuiert.

Mathias. Ich ward getäuscht,
Oranien betrog mich um den Sieg.
Doch war der Plan, gesteht es, göttlich schön:
Hineinzugreifen in den wilden Aufruhr
Und aus den Trümmern, schwimmend rechts und links,
Sich einen Thron erbaun, sein eigner Schöpfer,
Niemand darum verpflichtet als sich selbst.

Klesel. Ich seh es kommen. Weht der Wind von daher?
Hab was du hast, woher du's hast gilt gleich,
Gekauft, ererbt,—nur nicht gestohlen, Herr.
Zwar Politik nennt so was akquiriert
Und find't sich wohl dabei.

Mathias. Mit mir ist's aus.
Ich will den Kaiser untertänig bitten
Mir zu verleihn die Stadt und Herrschaft Steyr,
Dort will ich leben, und dafür entsagen
All meinem Erbrecht, aller Sukzession,
Die mir gebührt auf österreich'sche Lande.
Der Anfallstag, er fände mich im Grab.

Klesel. Nun allzuwenig, wie nur erst zuviel.
So treibt Ihr Euch denn stets im Äußersten
O Maximilians unweise Söhne!
(Nachdem er sich umgesehen, leise.)
Eu'r Spiel steht gut, Ihr habt die Trümpfe, Herr!
Harrt aus! Harrt aus! Und nur nichts von Entsagung,
Von Schäferglück! Begehrt mir ein Kommando
In Ungarn! Ein Kommando sag ich Herr!
Was soll Euch Steyr? Der Waagebalken steht,
Und kurze Frist, so schnellt ein Quentchen mehr
In Eurer Schale, diese in die Höh'.
Auf Euch ruht Habsburgs Heil, das Heil der Kirche,
Ruht unser aller Heil.

Mathias. Mit mir ist's aus!

Klesel. Ich seh es ist, und so geb ich Euch auf.
Hier kommt Herr Rumpf, führt selber Eure Sache.
(Er tritt zurück.)

(Wolf Rumpf kommt aus der zweiten Seitentüre rechts, Schriften unter dem Arme, gebückten Ganges, der Kämmerer hinter ihm. Der Kämmerer zeigt mit der Hand auf Erzherzog Mathias. Rumpf geht, ohne darauf zu achten, der Mitteltüre zu. Nachdem er sie fast erreicht hat, tritt ihm Klesel in den Weg.)

Klesel. Eu'r Strengen! Darf erzherzogliche Durchlaucht
Gehör beim Kaiser hoffen?

Rumpf. Kann nicht sein.

Klesel (auf Mathias zeigend, der im Vorgrunde steht).
Dort sind Sie selbst.

Rumpf. Je, Diener, Diener!—Geht nicht.
Des Kaisers Majestät sind unwohl.—Acta,
Negotia.

Klesel. Nur wenige Minuten.
(Leise zu Mathias.)
Drängt ihn! Drängt ihn!

Mathias. Herr Rumpf, gebt mir die Hand!

Rumpf. Je, meritier's nicht. Aber kann nicht sein.
Nicht wohl geruht; empfinden sich turbiert
Mit mal di testa. Wage meinen Dienst
So ich es permittier—

Klesel. Ihr scherzt Herr Rumpf.
Wer kennt nicht Eure Macht an diesem Hof.

Rumpf. So scheint's, so scheint's. Doch sind der Herr gar streng.
Je näher ihm, so näher seinem Zorn.
Noch gestern abend, waren hoch ergrimmt,
Sei'n kein Philipp der Dritte schrieen Sie,
Diktieren sich zu lassen von Privaden.
Mußt' meinen Abzug nehmen eilig durch die Tür.
Es darf nicht sein. Ich kann nicht, kann nicht, nein!
(Er entfernt sich von ihnen.)

(Don Cäsar stürmt zur Türe herein.)

Don Cäsar. Wo ist der Kaiser? Nun, Perückenmann,
Ist er zu sprechen?

Rumpf. Huldreichst guten Morgen
Senjor Don Cäsar. Gott erhalt' Eu'r Gnaden.

Don Cäsar. Wie geht's dem Kaiser?

Rumpf. Gut. Verwunderlich.
Der Herr verjüngen sich mit jedem Tage,
Sehn wie ein Dreißiger. Sagt' ich doch heut nur:
Daß Sie so selten öffentlich sich zeigten,
Die Weiber sein's, die drob am meisten klagten.
Da lachten Seine Majestät.

Don Cäsar. Ich glaub's wohl.
War ich dabei ich hätte auch gelacht.
Ein Dreißiger! mit solchen Bauch und Beinen.
Wie nun, kann ich ihn sprechen?

Rumpf. Allerdings.
Ein Weilchen nur hochgnädige Geduld.
Des Kaisers Majestät sind—
(Er spricht ihm ins Ohr auf Mathias zeigend.)

Don Cäsar. Gut denn, gut.
Wem ist das Pferd das man im Hofe führt?

Rumpf. Ach Euer wenn Ihr wollt. Der Kaiser hat es heute
Besehen und gekauft.

Don Cäsar. Ich will's besteigen. (Ab.)

Mathias. Wer ist der junge Mann?

Klesel. So wißt Ihr nicht?
Ein Findelkind, im Schlosse hier gefunden.
Der Kaiser liebt ihn sehr. Begreift Ihr nun?

Mathias. Don Cäsar?

Klesel. Wohl, er selbst.—Nun noch einmal
Begehrt in Ungarn ein Kommando.

Mathias. Wozu?

Klesel. Ihr sollt noch hören. Doch verlangt es!

(Ein Kämmerer tritt ein.)

Kämmerer. Erzherzog Ferdinand aus Steiermark
Sind angekommen, bitten um Gehör.

Rumpf. Du liebe Zeit! Ihr Gnaden sind willkommen.

(Kämmerer ab.)

Klesel. Seht Ihr? Da kommt der künft'ge Kaiser an,
Der Erb' von Österreich, wenn Ihr nicht vorseht.

Mathias. Ich will in Ungarn ein Kommando suchen.
Dann—Hab ich dich verstanden?—Klesel, dann,
Die Macht in Händen—

Klesel. Nur gemach, gemach!
Ihr habt die Macht noch nicht.

Mathias. Und ich soll betteln?

Klesel. Um Gottes willen, Ihr verderbt noch alles.

(Ein Kämmerer öffnet die Seitentüre rechts.)

Rumpf. Der Kaiser kommt. Ich bitt Eu'r Durchlaucht freundlichst
Abseit zu treten, bis ich angefragt.

Mathias. Ich muß den Kaiser sprechen und ich bleibe.

Rumpf. Bedenkt!

Mathias. Ich hab's gesagt.

Rumpf. Nun denn, mit Gott!
Stellt Euch dorthin. Der Kaiser geht vorüber
Wenn er zur Messe sich verfügt. Vielleicht
Will Euch das Glück, daß er Euch sieht und anspricht.
Er kommt.

Klesel. Verfärbt Ihr Euch? Nur Mut, nur Mut!
Der Augenblick gibt alles oder nimmt es.

(Alles steht in ehrfurchtsvoller Erwartung. Erzherzog Mathias zieht sich bis hinter die Seitentüre links zurück. Klesel in seiner Nähe. —Zwei Trabanten treten aus der Seitentüre rechts und stellen sich daneben auf; dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser auf einen Krückenstab gestützt. Zwei Männer, Gemälde haltend, knien auf seinem Wege. Er bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke darnach hin und bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle wo das Bild ihm verzeichnet scheint. Er schüttelt den Kopf, das Bild wird weggebracht. Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung. Endlich nickt er Rumpfen zu, daß dieses zu behalten sei. Zugleich hebt er drei Finger der rechten Hand empor.)

Rumpf. Zweitausend?

Rudolf (heftig und stark). Drei. (Er tritt zum Tische auf dem mehrere Bücher liegen. Er ergreift eins derselben.)

Rumpf. Aus Spanien.

Rudolf (heiter).
Lope de Vega!

Rumpf. Depeschen auch von Eurer Majestät
Gesandten an dem Hofe zu Madrid.

(Rudolf schiebt die auf dem Tische liegenden Briefschaften verächtlich zurück. Er setzt sich und liest, das aufgeschlagene Buch in der Hand.)

Rumpf. Erzherzog Ferdinand sind angelangt.

(Rudolf sieht, aufhorchend, einen Augenblick vom Buche weg und liest dann weiter.)

Rumpf. Don Cäsar waren hier.

(Rudolf, obige Bewegung.)

Rumpf. Sie kommen wieder.

Klesel (zu Mathias).
Nehmt Euch nur Mut! Ihr zittert, weiß es Gott.

(Der Kaiser lacht unterm Lesen laut auf.)

Klesel. Die Zeit ist günstig. Seine Majestät
Scheint frohgelaunt. Versucht's!

Rudolf (im Lesen). Divino autor
Fenix de España.

(Mathias nähert sich ihm.)

Mathias. Gnäd'ger Herr und Kaiser,
Ich hab's gewagt aus meinem Bann zu Linz—

Rudolf (vom Buche aufblickend). Sortija del olvido—Ei, ei, ei!
»Ring des Vergessens«—Ja, wer den besäße!

Mathias. Ob ihr vergönnt—
(Er läßt sich auf ein Knie nieder.)
Bereit, mein Herr und Kaiser,
Die Rechte alle, die mein Eigentum,
Und die man mir beneidet, Aufzugeben,
Mein Erbrecht auf die österreich'schen Lande,
Die Hoffnung einst zu folgen auf dem Thron,
Für einen Ort um ruhig drauf zu sterben.
(Er legt die Hand auf die Armlehne von des Kaisers Stuhl.)

Rudolf. Wer da?—Rumpf! Will allein sein!—Rumpf, allein!
Allein.

Mathias. Mein Kaiser und mein Herr!

Rudolf (den Stock gegen Rumpf gehoben).
Allein!

Rumpf. Ich sagt' es ja, doch Seine Durchlaucht drängten.

Rudolf (mit steigender Heftigkeit).
Allein!

Rumpf (zu Mathias)
Entfernt Euch, gnäd'ger Herr!

Klesel. Kommt, kommt!
Verloren geht sonst alles.

Mathias. Gott!

Rudolf (vor sich hin).
Allein.

Mathias. Führt mich ins Grab, da wird mir doch wohl Ruh.

(Ab, von Klesel geführt.)

Rudolf (dumpf).
Allein!

Rumpf. Was nun beginnen? Gott!
(Er hebt das Buch auf, das der Kaiser weggeworfen hat, und reicht es ihm.)
Das Buch!

(Rudolf weist es zurück.)

Rumpf. Berichte sind aus Ungarn eingelangt:
Raab ist entsetzt und Papa wird belagert.
Die Malkontenten sollen willens sein—
(Lebhafter.) Ein Kaufmann aus Florenz hat sich gemeldet.
Geschnittne Steine führt er aller Art
Von hohem Werte.

Rudolf. Sehn!

Rumpf. Allein die Preise
Sei'n unerschwinglich.

Rudolf. Albern.

Rumpf. Soll ich also?—Gut.
Der spanische Orator Balthasar
Zuñiga wünscht Gehör.

(Der Kaiser schüttelt den Kopf.)

Rumpf. Beliebt's Euch etwa
Nunmehro die Berichte—?

(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)

Rumpf. Guter Gott!

(Don Cäsar kommt.)

Rumpf. Ihr kommt zur rechten Zeit. Versucht, ob etwa—

Don Cäsar. Ich küß Eu'r Majestät die hohen Hände.

(Der Kaiser mißt ihn mit zornigem Blicke.)

Don Cäsar. Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch muß ich sprechen.
Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.—
Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags,
Verübt im herben Fall der Selbstverteid'gung,
Zum Henkersschwert verurteilt Herman Rußworm,
Den treusten Diener Eurer Majestät,
Den Helden in der Türken heißen Schlachten.
Ich bitt Euch nun, das Urteil aufzuheben,
Das Unsinn ist, Verrücktheit, Gotteslästrung.
Euch zu erhalten ein so teures Leben,
Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann,
Und retten muß, gält' es das Äußerste.

(Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.)

Rumpf. Es ist von wegen Herman Rußworm,
Der, halb gereizt, und halb aus leid'gem Zufall,
Den Obersten erschlug.

(Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere untereinander.)

Rumpf. Vielleicht das Urteil?
Es lag zur Unterschrift in Dero Kabinett.
Soll ich vielleicht—? Ich gehe, es zu holen.
(Ab durch die Türe rechts.)

Don Cäsar. Ich dank Eu'r Majestät denn nur im voraus
Für die Begnadigung des wackern Manns,
Der alles ist was dieses Wort besagt,
Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener,
Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Rußworm
In Zornesglut sich allzuweit vergaß,
So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug,
Gewann Euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten.

(Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurück.)

Rumpf. Das Urteil.

(Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurückweist.)

Rumpf. Guter Gott!—Beliebt vielleicht
Eu'r Majestät hochgnädig zu bestimmen
Was Dero Absicht mit so wicht'ger Schrift?

(Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt es zurück.)

Rumpf. Ich weiß recht wohl: die äußre Fert'gung lautet
An Rat und Schöffen Eurer Altstadt Prag.
Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben,
Wie ich vermuten sollte—

(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)

Don Cäsar. Gnäd'ger Herr!
Ich muß Euch bitten für zwei Augenblicke
Die feindlich düstre Laune aufzugeben,
Die sich in diesem Schweigen wohlgefällt.
Bedenkt: kommt dieses Urteil so gefertigt
Und unterschrieben auf das Prager Schloß,
So stirbt mein Freund.

Rudolf. Er stirbt!—Und du mit ihm,
Wagst ferner du's ein Wort für ihn zu sprechen.
Entarteter! Ich kenne deine Wege.
Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten,
Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger,
Hältst dich zu Meutern, Lutheranern.

Don Cäsar. Meuter
Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt.
Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet
Nur Gott.

Rudolf. Ja Gott und du. Ihr beide, nicht wahr?
Glaub du an das was deine Lehrer glaubten,
Die Weiseren, die Bessern laß entscheiden,
Dann kommt's wohl noch an dich.—Der Rußworm stirbt!
Und dank es Gott und einem Rest von Neigung,
Daß ich die Helfer, sie die darum wußten
Die lobten, billigten den feigen Mord
An Belgiojoso freventlich vollbracht,
Nicht ebnermaßen suche mit dem Schwert.—
Das Mädchen, dem du nachstellst, wüsten Sinns,
Laß frei!

Don Cäsar. Nein Herr, denn sie betrog mich.

Rudolf. Meinst du?
Cäsar, solang die ew'gen Sterne kreisen,
Betrügt der Mann das Weib.

Don Cäsar. Zum mindsten war's so,
Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt.

Rudolf. Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter?
Und kennst du den, der dir das Leben gab?
Sag ja! sag ja! und ewiges Gefängnis,
Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts—
So haben in den Sternen sie's gelesen:
Je näher mir, mir um so grimmrer Feind.
Und also steht er da, hohnlachend, trotzend,
Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.
Fort dieses Lachen, fort!—Gib deine Waffen!
Nehmt ihn gefangen!—Wie, ihr zögert? weilt?
So will ich selbst mit meiner eignen Hand
(Zu einem Trabanten, der zu äußerst rechts steht.)
Leih deine Partisan mir, alter Freund!
Daß ich—

(Indem er den Stock fallen läßt, um nach der Partisane zu greifen, wankt er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu unterstützen.)

Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr!
Yo soy el emperador! Der Kaiser ich!
Bin ich verkauft im Innern meiner Burg,
Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah?

(Erzherzog Ferdinand erscheint in der Türe.)

Erzherzog Ferdinand. Viel Glück ins Haus!—Wie, Eure Majestät?
Was ist? Was war? Wer sagt's?

Don Cäsar (zu Rumpf, der ihn zu begütigen strebt).
Mich kümmert's wenig,
Ob tausend Teufel mir entgegen grinsen!

Erzherzog Ferdinand (zu Don Cäsar, die Hand leicht ans Schwert gelegt).
Geht junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn,
Daß uns der Böse nah, wenn man ihn ruft.
Fort Ihr! und ihr!

(Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Cäsar in ihrer
Mitte von Rumpf geleitet. Alle ab.)

Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend).
Mein kaiserlicher Herr!

Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkühnt Ihr Euch?

Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht,
Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit.

Rudolf (sich vor der Berührung zurückziehend).
Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!

Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn
Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein.
(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.)

Rudolf (sitzend).
Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schloß.—
So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,
Durch hundert Wachen bis zu uns heran,
Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz.
Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,
Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler,
Er übt nur was die Meisterin gelehrt.—
Schaut rings um Euch in aller Herren Land,
Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte
Für edles Wissen und für hohe Kunst?
Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes
Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,
Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,
Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk?
Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott!
Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,
Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht,
Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk.
Deshalb nun tadl' ich jenen Jüngling, straf ihn,
Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,
Allein erkenn auch was ihn so entstellt.

Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergnügen,
Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust
Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,
Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.
Die Zeit kann ich nicht bänd'gen, aber ihn,
Ihn will ich bänd'gen, hilft der gnäd'ge Gott.

Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bändigtet die Zeit,
Wär' Euch der Wille dort so fest als hier.

Rudolf. Mein Ohm, der fünfte Karl hat's nicht gekonnt,
Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Ich kann es auch nicht.

Erzherzog Ferdinand. O des argen Mißtrauns
In Euer edles Selbst und seine Gaben!
Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird
Wie ein erhört Gebet auf Euch sich senken.
Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's.

Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!
Und dann: allein!

Erzherzog Ferdinand. So wärt Ihr, Herr, allein?
Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert.
Um Euch schart sich die Hälfte einer Welt,
Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild.
Dem Fürsten auf dem angestammten Thron.
Für Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,
Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,
Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren.
Zählt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach
Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,
Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.

Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?

Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.
Dann noch die edlen Fürsten Eures Hauses,
Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf.

Rudolf. Sprecht Ihr von Euch?

Erzherzog Ferdinand. So werde nie mir Heil,
Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,
Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.
Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren
Auch bin nicht ich's, die Brüder sind's, die Nächsten
Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,
Und jener dritte—Erste, den nur eben
Im Vorgemach ich kummervoll—

Rudolf (sich abwendend). Es bien!

Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder
Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn!
O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,
Daß jener finstern Sternekund'gen einer,
Die Euern Hof zum Sammelplatz erwählt,
Mit astrologisch dunkler Prophezeiung
Euch abgewandt von Euerm edeln Haus
Gefahr androhend von den Nahverwandten.
O weh uns, wenn es so, und Ihr für Schein
Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.

Rudolf (auffahrend).
Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst,
—Wenn's eine Kunst—daß du so hart sie schmähst?
Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt,
Das nicht gebunden an die ew'ge Kette
Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg?
Und jene Lichter wären Pfennigkerzen
Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?

Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
Die ersten Werke seiner Hand, in denen
Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,
Da sie und er nur in der wüsten Welt.
Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen,
Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,
Es wären keine Zeugen seines Waltens,
Als jene hellen Boten in der Nacht.
Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,
So folgen sie gelehrig seinem Ruf
So heut als morgen wie am ersten Tag.
Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
Und wer's verstünde still zu sein wie sie,
Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.
Fragst aber du: ob sie mir selber kund,
Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?
So sag ich: nein, und aber, wieder: nein.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.
Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht
Für das daß andre mächtig und ich nicht.

Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht,
Ich gerne weile in den lichten Räumen;
Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann?
Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,
Hier unten eitle Willkür und Verwirrung.
Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht,
Daß ich erwarte meine hellen Sterne,
Belausche das verständ'ge Augenwinken
Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.—
(Immer leiser sprechend.)
Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit,
Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag
Für die das Oben und das Unten gleich
Ins Brautgemach—des Weltbaus Kräfte eilen
—Gebunden—in der Strahlen Konjunktur—
Und der Malefikus—das böse Trachten—

(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause.
Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.)

Rudolf (emporfahrend).
Ist jemand hier?—Ja so!—Was soll's?—
Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.
Ich seh es ist ein Plan. Was also will man?
Warum verließ er seinen Bann zu Linz?

Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre?

Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht?
Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben
Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,
—Allein ich weiß es, und er weiß es nicht.
Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,
Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten,
Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,
Mir Mißtraun gab und gibt.—Die Klugheit riete,
Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,
Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?

Erzherzog Ferdinand. Er wünschte—

Rudolf. Nun?

Erzherzog Ferdinand. In Ungarn ein Kommando.

Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt?
Zwar ist der Mansfeld dort, ein tücht'ger Degen,
Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls
Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin!
Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit;
Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht.
Auch sind der Krieger dort, der Führer viel,
Die zugetan der neuen Glaubensmeinung.
Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort
Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre.

(Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.)

Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort?

Erzherzog Ferdinand. Nicht anzuhören,
Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser
Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben.

Rudolf. Das Wort führt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen?
Allein wer wagt's, in dieser trüben Zeit
Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung
Zu lösen eines Streichs.

Erzherzog Ferdinand. Wer's wagte? Ich!

Rudolf. Das spricht sich gut.

Erzherzog Ferdinand. Nur das? Es ist geschehn.
In Steyer mindestens, in Krain und Kärnten
Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei.
An einem Tag auf fürstlichen Befehl
Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen
Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.

Rudolf. Und ohne mich zu fragen?

Erzherzog Ferdinand. Herr, ich schrieb
So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.

Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend).
Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.

Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat.
Mein Land ist rein, o wär' es auch das Eure!

Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus?
Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl.

Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.

Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du
Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin?

Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen,
Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr
Und werbe um des Baierherzogs Tochter.

Rudolf. Sie ist nicht schön.

Erzherzog Ferdinand. Ihr Herz ist schön vor Gott.

Rudolf (eine Gebärde des Schielgewachsenseins machend).
Beinah—

Erzherzog Ferdinand. Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.

Rudolf. Nun, ich bewundre Euch.—Weis deine Hände!
Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch?
Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern?
Freit eine andre als er meint und liebt—
Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann,
In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend!
Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen?
Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!

(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.)

Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr,
Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
Weilt Ihr noch länger hier bei uns in Prag,
Treibt's Euch zurück vielleicht schon nach der Heimat?

Erzherzog Ferdinand. Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet (lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt.

Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?

Rumpf. Im Schloßhof tummelt er das türk'sche Roß,
Das Ihr gekauft und das Don Cäsar schulte.
Sie jubeln, daß der Erker widerhallt.

Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant,
Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus.
Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon.
Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn,
Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!

(Einige sind gegangen.)

Rudolf (zu Ferdinand).
Beliebt's Euch unterdessen, die Gemächer,
Die man Euch hier bereitet, zu besehn?
Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?

Erzherzog Leopolds Stimme (von außen).
Senjor!

Rudolf. Aha, er ruft.—Was gibt es dort?

(Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.)

Rumpf. Die Kapelläne fragen untertänigst,
Ob Eure Majestät den Gottesdienst—

Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend).
Des Herren Dienst vor allem.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
Wenn's beliebt!
(Zu den übrigen.)
Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen.

Erzherzog Leopold (zur Türe hereinstürzend). Mein gnäd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er und zieht das Barett ab.)

Rudolf. Nur dort, an Eure Stelle.

(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite. —Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand. Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen weiter. Die übrigen folgen paarweise.—Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte.

Ein Hauptmann (tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze
Partisane waagrecht vor sich hält).
Zurück, sag ich, zurück auf eure Posten!
Seid ihr Soldaten, wie?—und flieht den Feind?

(Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnenträger unter ihnen.)

Fahnenträger. Wir fliehen meint Ihr, Herr? Nun denn mit Gunst,
Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor—ob rückwärts?
Ein Krieger ficht wohl, weiß er gegen wen,
Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl,
Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts.

Hauptmann. So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten?

Fahnenträger. Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht,
Wenn einer irrt, hat doch der andre recht.
Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt,
Wir da und fünfzig andre, die der Säbel
Der Türken fraß in dieser blut'gen Nacht,
Auf blachem Feld, zur Unterstützung rings
Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten.
Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell
Und hielten straff. Da bricht's mit einmal los:
Allah, Allah! aus tausend bärt'gen Kehlen,
Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch,
Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern
Der Spahi und sein Roß. Hilf' Jesu Christ!
Da galt kein Säumen, und war eitel Nacht.
Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter
Und jagen andre kaiserlich wie sie.
Der Musketier schießt los, und den er traf
Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren
Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund.
Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht,
Ein Jammern und ein Töten und ein Schrein.
In all der Hast vergaß man ganz auf uns,
Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister,
Doch blieben wir. Erst nach drei heißen Stürmen,
Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt,
Brach auf das kleine Häuflein; und nicht seitwärts,
Nur Sicherheit für unsre Leiber suchend,
Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch.
Und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns,
Der Rückkehr Straße schwarz mit Blut zu zeichnen,
Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt,
Man zeig' uns denn wer führt und wer befiehlt.

Mehrere im Trupp So ist's!—Ein Führer erst!—Dann folgen alle.

Hauptmann. So bin ich unter Meutern?

(Oberst Ramee kommt.)

Hauptmann. Mein Herr Oberst,
Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte.
Die hier und der—

(Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.)

Ramee (halblaut).
Laßt nur, laßt nur für jetzt.
Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt,
Man drückt jetzt füglicher ein Auge zu,
Als den Gehorsam noch durch Strenge prüfen.
Was weiß man von dem Feldherrn?

Hauptmann. Prinz Mathias?

Ramee. Wen sonst?

Hauptmann. Verschieden gehen die Gerüchte.
Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung.
Die einen lassen ihn am rechten Donauufer
Die Straße nehmen nach Haimburg und Wien,
Die andern—Heil'ger Gott, wenn er den Türken—!
Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn?

Ramee. Dasselbe mein ich was mit ihm, den Frieden.

Hauptmann. Allein der Kaiser will nicht.

Ramee. Wollen! Wollen!
Hier fragt sich was man muß, nicht was man will.
Auch, ist der äußre Krieg erst beigelegt,
Hat man die rüst'gen Arme frei nach innen.

Hauptmann. Was aber soll mit all der Soldateska?
Wir sind in Rückstand mit zwölf Monat Sold.

Ramee. Erzherzog Leupold wirbt in Passau Völker,
Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns.

Hauptmann. Und gegen wen—?

Ramee. Die Rüstung geht in Passau!
Man weiß noch nicht. Für wen, ich hab's gesagt,
Auf jeden Fall für Östreich und den Kaiser.
Wer sind die Männer?

(Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer über die Bühne. Mehrere grüßen sie mit abgezogenen Hüten.)

Hauptmann. Mit den goldnen Ketten?
Die protestant'schen Herrn aus Österreich.
Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen
In Sachen ihres neuen Christentums
Und halten sich derweile zu den Ungarn.
Das lauscht und flüstert, schleicht und konspiriert.
Wär' ich der Prinz, wie wollt' ich heim sie senden!

Ramee. Heim senden? ei, wenn Ihr sie selbst berieft?

(Weibergeschrei hinter der Szene.)

Ramee. Was dort?

Ein Soldat (eine gefangene Türkin an der Hand führend).
Nein sag ich, nein!

Zwei Kürassiere (die ihm folgen).
Muß doch! muß doch!

Soldat. Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal.
Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil,
Ich war's, der ihren Bräutigam erschlug,
Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen.

Kürassier. Mir drücken sie die Hand.

Soldat (zur Türkin).
Ist's wahr?—Sie kann nicht reden.
Wenn's wahr so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt,
Jetzt ist sie mein und—

Kürassiere (die Hand am Säbel)
Wollen eben sehn.

Soldat. Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei.
Ist niemand da, der einem Landsmann hilft?

Hauptmann (zwischen sie tretend).
Zurück Samländer, ketzerische Hunde!

Kürassier. Was sagen Mann?

Hauptmann. Ist's etwa nicht bekannt,
Daß Türk' und Lutheraner stets im Bunde?
Wie ging' sonst alles schief in Rat und Lager?
Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben,
Die Ketzer waren's, sinnend auf Verrat.

Fahnenträger (im Vorgrunde rechts).
Wer das sagt lügt.

Hauptmann (sein Schwert halb gezogen).
Mir das? Wer hat gesprochen?

Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde).
Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann,
Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner,
Gefochten hat er in der heut'gen Schlacht
Wie einer der gedenkt des ew'gen Heils.
Und ob ich gleich als rechter Katholik
Verdammen muß was seine Pred'ger lehren,
Im Lager hier sind alle Tapfern Brüder,
Und somit meine Hand.

Fahnenträger (einschlagend).
Hier meine.

Mehrere (ein Gleiches tuend).
Freund und Bruder!

Ringsherum. Auf Ja und Nein!
Trotz Papst und Rom!
Wir alle!

Hauptmann. Hört Ihr?

Ramee. Laßt nur!

Geschrei (im Hintergrunde).
Hoheisa! Die Zigeuner!

(Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen sich bei den Händen haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik und Tänzer gehen hinein. Gelächter, Zutrinken.)

Klesel (von der rechten Seite kommend).
Du heil'ger Gott! bin ich im Christenlager,
Und dient kathol'schen Fürsten dieses Heer?

Ramee. Wenn Euch das kränkt, seid wohlgemut,
Das Lager wird Euch fürder nicht mehr ärgern.
Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir,
Der Kaiser sieht Euch hier nicht allzugern.
Wann reist Ihr ab?

Klesel. Wenn's meine Pflicht erheischt,
Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet.
Der Seelenhirt gehört in seinen Sprengel.

Ramee. Und ist Eu'r Sprengel hier im Lager? Neustadt,
Neustadt und Wien, dort leuchte Euer Licht.
Ihr seid hier Schuld an manchem Schief' und Argem,
Setzt Eure Meinung durch und führt den Krieg
Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort,
Nebstdem daß wenig Gnad' in Euerm Tun.
Verkehrt Ihr doch mit eitel Protestanten
Und wendet Euerm Herrn die Herzen ab,
Die ihm bereit aus den getreuen Landen.
Doch ist zur Zeit ein andres Regiment.
Mathias, dieses Lagers Fürst und Führer,
Er fand den Rückweg nicht der andern Flücht'gen,
Und die Erzherzoge, die Ihr berieft
Aus Gräz und Wien, zu einem Ratschlag heißt es,
Sie sind im Lager, treten in sein Amt
Und werden Euerm Flüstern wenig horchen.

Klesel. Ob Ihr beleidigt mich, es sei verziehn,
Allein um aller Heil'gen willen sagt
Was von Erzherzog Mathias Euch bekannt.

Ramee. Bekannt, daß nichts bekannt. Er ist nicht hier,
Ob nun in Wien, ob—Hoffen wir das Beste,
Euch sei genug: im Lager ist er nicht.
Drum reist nur ab; wenn Ihr nicht vorher noch
Bei denen, die ihm folgen im Befehl
Und die dort nahn, wollt Euer Heil versuchen.
Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge.

(Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.)

Maximilian (ein beleibter, wohlbehaglicher Herr).
Die Wege rütteln wie das böse Fieber.
Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet?

Klesel (der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugebend).
Gott segne Euern Eintritt, edle Herrn!

(Die Erzherzoge gehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer über die Bühne ab.)

Klesel (sich zurückziehend).
Du heil'ger Gott!

Erzherzog Leopold (der zurückgeblieben, links in den Vordergrund tretend).
Ramee!

Oberst Ramee (zu ihm tretend).
Erlauchter Herr!

Erzherzog Leopold. Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ich's recht,
Möcht ich fast sagen: gut. Sie haben Pläne.
Das Lager hier, ich fürchte, löst sich auf.
Hast du versucht ob ein und andre willig
Bei uns zu dienen im Passauer Heer?

Ramee. Bei zwanzig Führer.

Leopold. Halt, sprich leise, hier!