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WEH DEM, DER LÜGT!

von FRANZ GRILLPARZER

Lustspiel in fünf Aufzügen (1840)

Personen:

Gregor, Bischof von Chalons
Atalus, sein Neffe
Leon, Küchenjunge
Kattwald, Graf im Rheingau
Edrita, seine Tochter
Galomir, ihr Bräutigam
Gregors Hausverwalter
Der Schaffer Kattwalds
Zwei Knechte Kattwalds
Ein Pilger
Ein fränkischer Anführer
Ein Fischer
Sein Knecht

Erster Aufzug

Garten im Schlosse zu Dijon, im Hintergrunde durch eine Mauer geschlossen, mit einem großen Gittertore in der Mitte.

Leon, der Küchenjunge, und der Hausverwalter am Gartentor.

Leon.
Ich muß den Bischof durchaus sprechen, Herr!

Hausverwalter.
Du sollst nicht, sag ich dir, verwegner Bursch!

Leon (sein Küchenmesser ziehend).
Seht Ihr? ich zieh vom Leder, weicht Ihr nicht.
Teilt Sonn' und Wind, wir schlagen uns, Herr Sigrid.

Hausverwalter (nach dem Vorgrunde ausweichend).
Zu Hilfe! Mörder!

Leon. 's ist mein Scherz ja nur. Doch sprechen muß ich Euch den Bischof, Herr.

Hausverwalter.
Es kann nicht sein, jetzt in der Morgenstunde
Geht er lustwandeln hier und meditiert.

Leon.
Ei, meditier' er doch vor allem erst auf mich
Und mein Gesuch, das liegt ihm jetzt am nächsten.

Hausverwalter.
Dein Platz ist in der Küche, dahin geh!

Leon.
So? In der Küche, meint Ihr? Zeigt mir die!
Wenn eine Küch' der Ort ist, wo man kocht,
So sucht Ihr sie im ganzen Schloß vergebens.
Wo man nicht kocht ist keine Küche, Herr,
Wo keine Küche ist kein Koch. Das, seht Ihr?
Wollt' ich dem Bischof sagen; und ich tu's,
Ich tu's fürwahr, und säht Ihr noch so scheel.
Pfui Schande über alle Knauserei!
Erst schickten sie den Koch fort, nun, da meint' ich,
Sie trauten mir so viel, und war schon stolz,
Doch als ich anfing meine Kunst zu zeigen,
Ist alles viel zu teuer, viel zu viel.
Mit Nichts soll ich da kochen, wenn auch nichts.
Nur gestern noch erhascht' ich ein Stück Wildbret,
So köstlich als kein andres, um 'nen Spottpreis,
Und freute mich im voraus, wie der Herr sich,
Der Alte, Schwache, laben würde dran.
Ja, prost die Mahlzeit! Mußt' ich's nicht verkaufen,
An einen Sudelkoch verhandeln mit Verlust;
Weil's viel zu teuer schien, gar viel zu kostbar.
Nennt Ihr das Knauserei? wie, oder sonst?

Hausverwalter.
Man wird dich jagen, allzu lauter Bursch!

Leon.
Mich jagen? Ei, erspart Euch nur die Müh'!
Ich geh von selbst. Hier, meine Schürze, seht!
Und hier mein Messer, das Euch erst erschreckt,
(er wirft beides auf den Boden)
So werf ich's hin und heb es nimmer auf.
Sucht einen andern Koch für eure Fasten!

Glaubt Ihr, für Geld hätt' ich dem Herrn gedient?
Es gibt wohl andre Wege noch und beßre,
Sich durchzuhelfen, für 'nen Kerl wie ich.
Der König braucht Soldaten, und, mein Treu!
Ein Schwert wär' nicht zu schwer für diese Hand.
Doch sah ich Euern Bischof durch die Straßen
Mit seinem weißen Bart und Lockenhaar,
Das Haupt gebeugt von Alterslast,
Und doch gehoben von—ich weiß nicht was,
Doch von was Edlem, Hohem muß es sein;
Die Augen aufgespannt, als säh' er Bilder
Aus einem andern, unbekannten Land,
Die allzugroß für also kleine Rahmen:
Sah ich ihn so durch unsre Straßen ziehn,
Da rief's in mir: dem mußt du dienen, dem,
Und wär's als Stallbub. Also kam ich her.
In diesem Haus, dacht' ich, wär' Gottesfrieden,
Sonst alle Welt im Krieg. Nun da ich hier,
Nun muß ich sehn, wie er das Brot sich abknappt,
Als hätt' er sich zum Hungertod verdammt,
Wie er die Bissen sich zum Munde zählt.
Mag das mit ansehn, wer da will, ich nicht.

Hausverwalter.
Was sorgst du mehr um ihn, als selbst er tut?
Ist er nicht kräftig noch für seine Jahre?

Leon.
Mag sein! Doch ist's was andres noch, was Tiefers.
Ich weiß es manchmal deutlich anzugeben,
Und wieder manchmal spukt's nur still und heimlich.
Daß er ein Bild mir alles Großen war
Und daß ich jetzt so einen schmutz'gen Flecken,
Als Geiz ist, so 'nen hämisch garst'gen Klecks,
Auf seiner Reinheit weißem Kleide seh,
Und sehen muß, ich tu auch, was ich will;
Das setzt mir alle Menschen fast herab,
Mich selber, Euch; kurz alle, alle Welt,
Für deren Besten ich so lang ihn hielt,
Und quält mich, daß ich wahrlich nicht mehr kann.
Kurz, ich geh fort, ich halt's nicht länger aus.

Hausverwalter.
Und das willst du ihm sagen?

Leon.
Ja, ich will's.

Hausverwalter.
Du könntest's wagen?

Leon.
Ei, wohl mehr als das.
Er soll sich vor mir reinigen, er soll
Mir meine gute Meinung wieder geben,
Und will er nicht; nun wohl denn, Gott befohlen!
Pfui Schande über alle Knauserei!

Hausverwalter.
Des wagst du ihn zu zeihn, den frommen Mann?
Weißt du denn nicht, daß Arme, Blinde, Lahme
Der Säckel sind, dem er sein Geld vertraut?

Leon.
Wohl gibt er viel, und segn' ihn Gott dafür!
Doch heißt das Gutes tun, wenn man dem Armen
Die Spende gibt, dem Geber aber nimmt?
Dann seht! Er ließ mich neulich rufen
Und gab mir Geld aus einer großen Truhe
—Die Küchenrechnung nämlich für die Woche—,
Doch eh er's gab, nahm er 'nen Silberling
Und sah ihn zehnmal an und küßt' ihn endlich
Und steckt' ihn in ein Säckel, das gar groß
Und straff gefüllt im Winkel stand der Truhe.
Nun frag ich Euch: ein frommer Mann
Und küßt das Geld. Ein Mann, der Hunger leidet
Und Spargut häuft im Säckel, straff gefüllt.
Wie nennt Ihr das? Wie nennt Ihr so 'nen Mann?
Ich will sein Koch nicht sein. Ich geh und sag ihm's.

Hausverwalter.
Du töricht toller Bursch, willst du wohl bleiben?
Störst du den guten Herrn, und eben heut,
Wo er betrübt im Innern seiner Seele,
Weil Jahrstag grade, daß sein frommer Neffe,
Sein Atalus, nach Trier ward gesandt,
Als Geisel für den Frieden, den man schloß;
Allwo er jetzt, da neu entbrannt der Krieg,
Gar hart gehalten wird vom grimmen Feind,
Der jede Lösung unerbittlich weigert.

Leon.
Des Herren Neffe?

Hausverwalter.
Wohl, seit Jahresfrist.

Leon.
Und hat man nichts versucht, ihn zu befrein?

Hausverwalter.
Gar mancherlei; doch alles ist umsonst.
Dort kommt der Herr, versunken in Betrachtung.
Geh aus dem Wege, Bursch, und stör ihn nicht.

Leon.
Er schreibt.

Hausverwalter.
Wohl an der Predigt für den Festtag.

Leon.
Wie bleich!

Hausverwalter.
Ja wohl, und tief betrübt.

Leon.
Doch sprechen muß ich ihn trotz alledem.

Hausverwalter.
Komm, komm! (Er faßt ihn an.)

Leon.
Herr, ich entwisch Euch doch.

(Beide ab.)

(Der Bischof kommt, ein Heft in der Hand, in das er von Zeit zu
Zeit schreibt.)

Gregor. Dein Wort soll aber sein: Ja, ja; nein, nein.
Denn was die menschliche Natur auch Böses kennt,
Verkehrtes, Schlimmes, Abscheuwürd'ges,
Das Schlimmste ist das falsche Wort, die Lüge.
Wär' nur der Mensch erst wahr, er wär' auch gut.
Wie könnte Sünde irgend doch bestehn,
Wenn sie nicht lügen könnte, täuschen? erstens sich,
Alsdann die Welt; dann Gott, ging' es nur an.
Gäb's einen Bösewicht? müßt' er sich sagen,
So oft er nur allein: du bist ein Schurk'!
Wer hielt' sie aus, die eigene Verachtung?
Allein die Lügen in verschiednem Kleid:
Als Eitelkeit, als Stolz, als falsche Scham,
Und wiederum als Großmut und als Stärke,
Als innre Neigung und als hoher Sinn,
Als guter Zweck bei etwa schlimmen Mitteln,
Die hüllen unsrer Schlechtheit Antlitz ein
Und stellen sich geschäftig vor, wenn sich
Der Mensch beschaut in des Gewissens Spiegel.
Nun erst die wissentliche Lüge! Wer
Hielt' sie für möglich, wär' sie wirklich nicht?
Was, Mensch, zerstörst du deines Schöpfers Welt?
Was sagst du, es sei nicht, da es doch ist;
Und wiederum, es sei, da es doch nie gewesen?
Greifst du das Dasein an, durch das du bist?
Zuletzt noch: Freundschaft, Liebe, Mitgefühl
Und all die schönen Bande unsers Lebens,
Woran sind sie geknüpft als an das wahre Wort?
Wahr ist die ganze kreisende Natur;
Wahr ist der Wolf, der brüllt, eh' er verschlingt,
Wahr ist der Donner, drohend, wenn es blitzt,
Wahr ist die Flamme, die von fern schon sengt,
Die Wasserflut, die heulend Wirbel schlägt;
Wahr sind sie, weil sie sind, weil Dasein Wahrheit.
Was bist denn du, der du dem Bruder lügst,
Den Freund betrügst, den Nächstes hintergehst?
Du bist kein Tier, denn das ist wahr;
Kein Wolf, kein Drach', kein Stein, kein Schierlingsgift:
Ein Teufel bist du, der allein ist Lügner,
Und du ein Teufel, insofern du lügst.
Drum laßt uns wahr sein, vielgeliebte Brüder,
Und euer Wort sei ja und nein auf immer.

So züchtig' ich mich selbst für meinen Stolz.
Denn wär' ich wahr gewesen, als der König
Mich jüngst gefragt, ob etwas ich bedürfe,
Und hätt' ich Lösung mir erbeten für mein Kind,
Er wär' nun frei, und ruhig wär' mein Herz.
Doch weil ich zürnte, freilich guten Grunds,
Versetzt' ich: Herr, nicht ich bedarf dein Gut;
Den Schmeichlern gib's, die sonst dein Land bestehlen.
Da wandt' er sich im Grimme von mir ab,
Und fort in Ketten schmachtet Atalus.
(Er setzt sich erschöpft auf eine Rasenbank.)

Leon (kommt von der Seite).
Hat's Müh' gebraucht, dem Alten zu entkommen!
Da sitzt der Herr. Daß Gott! Mit bloßem Haupt.
Erst ißt er nicht, dann in die Frühlingsluft,
Die rauh und kalt, noch nüchtern wie er ist.
Er bringt sich selbst ums Leben. Ja, weiß Gott,
Blieb' ich in seinem Dienst, ich kauft' 'ne Mütz'
Und würf' sie ihm in Weg, daß er sie fände
Und sich das Haupt bedeckte; denn er selbst,
Er gönnt sich's nicht. Pfui, alle Knauserei!
Er sieht mich nicht. Ich red ihn an, sonst kehrt
Herr Sigrid wieder, und es ist vorbei.
Ehrwürd'ger Herr!

Gregor.
Rufst du, mein Atalus?

Leon.
Ich, Herr.

Gregor.
Wer bist du?

Leon.
Ei, Leon bin ich,
Leon der Küchenjunge, oder gar wohl
Leon der Koch, will's Gott.

Gregor (stark).
Ja wohl, wenn Gott will.
Denn will er nicht, so liegst du tot, ein Nichts.

Leon.
Ei, habt Ihr mich erschreckt!

Gregor.
Was willst du?

Leon.
Herr—

Gregor.
Wo ist die Schürze und dein Messer, Koch?
Und wes ist das, so vor mir liegt im Sand?

Leon.
Das ist mein Messer, meine Schürze, Herr.

Gregor.
Weshalb am Boden?

Leon.
Herr, ich warf's im Zorn
Von mir.

Gregor.
Hast du's im Zorn von dir gelegt,
So nimm's in Sanftmut wieder auf.

Leon.
Ja, Herr—

Gregor.
Fällt's dir zu schwer, so tu ich's, Freund, für dich.
(Er bückt sich.)

Leon (zulaufend).
Je, würd'ger Herr! O weh! was tut Ihr doch?
(Er hebt beides auf.)

Gregor.
So! und leg beides an, wie sich's gebührt.
Ich mag am Menschen gern ein Zeichen seines Tuns.
Wie du vor mir standst vorher, blank und bar,
Du konntest auch so gut ein Tagdieb sein,
Hinausgehn in den Wald, aufs Feld, auf Böses.
Die Schürze da sagt mir, du seist mein Koch,
Und sagt dir's auch. Und so, mein Sohn, nun rede.

Leon.
Weiß ich doch kaum, was ich Euch sagen wollte.
Ihr macht mich ganz verwirrt.

Gregor.
Das wollt' ich nicht.
Besinn dich, Freund! War es vielleicht, zu klagen?
Die Schürze da am Boden läßt mich's glauben.

Leon.
Ja wohl, zu klagen, Herr. Und über Euch.

Gregor.
So? über mich? das tu ich, Freund, alltäglich.

Leon.
Nicht so, mein Herr, nicht so! Und wieder doch!
Allein nicht als Leon, ich klag als Koch,
Als Euer Koch, als Euer Diener, Herr:
Daß Ihr Euch selber haßt.

Gregor.
Das wäre schlimm!
Noch schlimmer Eigenhaß als Eigenliebe.
Denn hassen soll man nur das Völlig-Böse;
Und völlig-bös, aufrichtig, Freund, glaub ich mich nicht.

Leon.
Ei, was Ihr sprecht! Ihr völlig böse, Herr?
Ihr völlig gut, ganz völlig, bis auf eins.

Gregor.
Und dieses eine wär', daß ich mich hasse?

Leon.
Daß Ihr Euch selbst nichts gönnt, daß Ihr an Euch
Abknappt, was Ihr an andre reichlich spendet.
Und das kann ich nicht ansehn, ich, Eu'r Koch.
Ihr müßt dereinst am jüngsten Tag vertreten
Wohl Eure Seel', ich Euern Leib, von Rechtens,
Und darum sprech ich hier in Amt und Pflicht.
Seht! essen muß der Mensch, das weiß ein jeder,
Und was er ißt, fließt ein auf all sein Wesen.
Eßt Fastenkost und Ihr seid schwachen Sinns,
Eßt Braten und Ihr fühlet Kraft und Mut.
Ein Becher Weins macht fröhlich und beredt,
Ein Wassertrunk bringt allzuviel auf g'nug.
Man kann nicht taugen, Herr, wenn man nicht ißt.
Ich fühle das an mir, und deshalb red ich.
Solang ich nüchtern, bin ich träg und dumm,
Doch nach dem Frühstück schon kommt Witz und Klugheit,
Und ich nehm's auf mit jedem, den Ihr wollt.
Seht Ihr?

Gregor.
Hast du gegessen heute schon?

Leon.
Ei ja!

Gregor.
Daß Gott! drum sprichst du gar so klug.

Leon.
Ei, klug nun oder unklug, wahr bleibt's doch.
Den Braten nur vom Hirschkalb, gestern noch,
Zurück mußt ich ihn schicken, ihn verkaufen,
Ein Stückchen Fleisch, wie keins Ihr je gesehn.

Gregor.
Er war zu kostbar, Freund, für mich.

Leon.
Zu kostbar?
Für so 'nen Herrn? Ei seht! Warum nicht gar?
Dann hätt' er Euch so viel als nichts gekostet;
Ja, wirklich nichts. Wollt Ihr ihn heute, Herr?
Er ist noch da und kostet nichts; denn seht
's ist so—'s ist ein Geschenk von frommen Leuten.
Wahrhaftig ein Geschenk.

Gregor.
Lügst du?

Leon.
Ei was!

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
Nu, nu!

Gregor.
Verwegener!

Leon.
Hab ich gelogen, war's zu gutem Zweck.

Gregor.
Was weißt du schwacher Wurm von Zweck und Enden?
Der oben wird's zu seinem Ziele wenden.
Du sollst die Wahrheit reden, frecher Bursch!

Leon.
Nun also: ich hätt's, Herr, bezahlt für Euch.
Wozu so viel Geschrei? Ich tu's nicht wieder.
Hätt' ich mein Tag geglaubt, daß so was Sünde!

Gregor.
Geh jetzt!

Leon.
So lebt denn wohl!
(Er geht, kehrt aber gleich wieder um.)
Doch noch ein Wort!
Zürnt nicht, ich kann wahrhaftiglich nicht anders.
So 'n Herr, so brav, daß selbst die kleinste Lüge,
Ein Notbehelf ihn aufbringt—Zürnet nicht!
Ich rede ja den Lügen nicht das Wort,
Ich meine nur—Daß so ein wackrer Herr—
Es muß heraus! daß so ein Herr—pfui geizig!
Was hat denn Geld so Schön's, daß Ihr's so liebt?

Gregor.
Wie kommst du darauf?

Leon
Würd'ger Herr, mit Gunst!
Ich sah Euch einen Sack mit Pfennig' küssen,
Der oben steht im Winkel Eurer Truhe,
Und hier spart Ihr Euch ab, um dort zu sammeln?
Nennt Ihr das recht? Seht Ihr, so sind wir wett.

Gregor.
Das also war's?

Leon.
Ja das. Und nicht bloß ich,
Auch andre Leute nehmen das Euch übel,
Und seht, das kränkt mich, Euern treuen Diener.

Gregor.
Da, seh ich, wird Rechtfertigung zur Pflicht.
Ein Seelenhirt soll gutes Beispiel geben,
Und nimmer komme Ärgernis durch mich.
Setz dich und höre, wie ich mich verteid'ge.

Leon.
Je Herr!

Gregor.
Ich sage: setze dich!

Leon.
Nun, hier denn.
(Er setzt sich auf die Erde vor dem Bischof nieder.)

Gregor.
Dich hat geärgert, daß ich Spargut häufe,
Das Geld geküßt, das ich mir abgedarbt.
Hör zu! Vielleicht, daß du mich dann entschuldigst.
Als man, es ist jetzt übers Jahr, den Frieden,
Den langersehnten, schloß mit den Barbaren
Jenseits des Rheins, da gab und nahm man Geisel,
Sich wechselseits mißtrauend, und mit Recht.
Mein Neffe, meiner einzigen Schwester Sohn,
Mein Atalus, war in der Armen Zahl,
Die, aus dem Kreis der Ihren losgerissen,
Verbürgen sollten den erlognen Frieden.
Kaum war er angelangt bei seinen Hütern
Im Rheingau, über Trier weit hinaus,
Wo noch die Roheit, die hier Schein umkleidet,
In erster Blöße Mensch und Tier vermengt,
Kaum war er dort, so brach der Krieg von neuem,
Durch Treubruch aufgestachelt, wieder los,
Und beide Teile rächen an den Geiseln,
Den schuldlos Armen, ihrer Gegner Schuld.
So liegt mein Atalus nun hart gefangen,
Muß Sklavendienst verrichten seinem Herrn.

Leon.
Ach je, daß Gott!

Gregor.
Ich hab um Lösung mich verwendet.
Doch fordern seine Hüter hundert Pfund
An guter Münze fränkischen Geprägs.
Und so viel hab ich nicht.

Leon.
Ihr scherzt doch nur,
Denn dreimal hundert Pfund, und wohl noch drüber,
Zinst ihrem Vorstand Langres' Kirchgemeine.

Gregor.
Das ist das Gut der Armen und nicht meins.
Dem Bischof gab man, daß er geben könne,
Des Kirchenguts Verwalter, nicht sein Herr.
Doch Kleidung, Nahrung und des Leibes Notdurft,
Das mag der Bischof fordern, wie ein andrer,
Und was er dran erspart, ist sein vielleicht.
Vielleicht; vielleicht auch nicht. Ich hab's gewagt zu deuten.
Sooft ich nun ein armes Silberstück
Von meinem Teil erspart, leg ich's beiseite,
Wie du gesehn, und mag's auch manchmal küssen,
Wie du mir vorwirfst; denn es ist das Lösgeld
Für meinen Atalus, für meinen Sohn.

Leon (aufspringend).
Und ist schon viel im Sack?

Gregor.
Schon bei zehn Pfund.

Leon.
Und hundert soll er gelten? Herr, mit Gunst!
Da mögt Ihr lange sparen, bis es reicht.
Indes quält man den armen Herrn zu Tod.

Gregor.
Ich fürchte, du hast recht.

Leon.
Je, Herr, das geht nicht.
Das muß man anders packen, lieber Herr.
Hätt' ich zehn Bursche nur gleich mir, beim Teufel!—
Bei Gott! Herr, wollt' ich sagen—ich befreit' ihn.
Und so auch, ich allein. Wär' ich nur dort,
Wo er in Haft liegt!—Herr, was gebt Ihr mir?—
Das ist 'ne Redensart, ich fordre keinen Lohn.—
Was gebt Ihr mir, wenn ich ihn Euch befreie?
Wär' ich nur dort, ich lög' ihn schon heraus.

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
Ja so? Nu, Herr, mit Gunst!
Um Gotteswillen gibt man ihn nicht frei.
Da bleibt nichts übrig, als: wir reden Wahrheit,
Und er bleibt, wo er ist. Verzeiht! und Gott befohlen!
Ich hab's nicht schlimm gemeint. (Er geht.)

Gregor.
Du Vater aller,
In deine Hand befehl ich meinen Sohn!

Leon (umkehrend).
Ach Herr, verzeiht! es fuhr mir so heraus.
Weiß man doch kaum, wie man mit Euch zu sprechen.
Ich hatte fast ein Plänchen ausgedacht,
Den dummen Teufeln im Barbarenland,
Des Neffen Hütern, seht, eins aufzuheften
Und ihn wohl gar, wenn's gut geht, zu befrein.
Doch Wahrheit, Herr—

Gregor.
Du sollst nicht fälschlich zeugen,
Hat Gott der Herr im Donnerhall gesprochen.

Leon.
Allein bedenkt—!

Gregor.
Weh dem, der lügt!

Leon.
Und wenn nun Euer Neffe drob vergeht?

Gregor.
So mag er sterben, und ich sterbe mit.

Leon.
Ach, das ist kläglich! Was habt Ihr gemacht?
Ich bin nun auch in Haft, geplagt, geschlagen,
Kann nimmer ruhn, nicht essen, trinken, schlafen,
Solang das zarte Herrlein Euch entwandt.
Bei Trier, sagt Ihr, liegt er; war's nicht so?

Gregor.
Ja wohl!

Leon.
Wie, Herr, wenn eins zum Feinde ginge,
Statt Atalus sich stellte dem Verhaft?

Gregor.
Zu Geiseln wählt man mächt'ger Leute Kinder;
Leon bürgt kaum für sich, wie denn für andre?

Leon.
Hm, das begreift sich.—Doch wenn Atalus
Ersäh' den Vorteil, seiner Haft entspränge?

Gregor.
Er möcht' es ohne Sünde, denn der Krieg
Zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln,
Und nur mit Unrecht hält man ihn zurück.
Allein wie könnt' ein Jüngling, weich erzogen,
Vielleicht zu weich, in solcher Not sich helfen,
Durch wüste Steppen wandern, Feinden trotzen,
Der Not, dem Mangel?—Atalus kann's nicht.

Leon.
Doch wenn ein tücht'ger Bursch zu Seit' ihm stände,
Ihn zu Euch brächte, lebend und gesund?
Entlaßt mich Eures Diensts!

Gregor.
Was sinnest du?

Leon.
Ich geh nach Trier.

Gregor.
Du?

Leon.
Bring Euch den Neffen.

Gregor.
Dünkt dir zu scherzen Zeit?

Leon.
Vergeb' Euch's Gott!
Ich scherzte nicht, drum sollt auch Ihr nicht scherzen.
In vollem Ernst, ich stell Euch Euern Sohn.

Gregor.
Und wenn du's wolltest, wenn du's unternähmst,
Ins Haus des Feinds dich schlichest, ihn betrogst,
Mißbrauchtest das Vertraun, das Mensch dem Menschen gönnt,
Mit Lügen meinen Atalus befreitest;
Ich würd' ihn von mir stoßen, rück ihn senden
Zu neuer Haft; ihm fluchen, ihm und dir.

Leon.
Topp! Herr, auf die Bedingung.—Aber seht,
Wenn nicht ein bißchen Trug uns helfen soll,
Was hilft denn sonst?

Gregor (stark).
Gott! Mein, dein, aller Gott!

Leon (auf die Knie fallend).
O weh, Herr!

Gregor.
Was?

Leon.
Es blitzte.

Gregor.
Wo?

Leon.
Mir schien's so.

Gregor.
Im Innern hat des Guten Geist geleuchtet,
Der Geist des Argen fiel vor seinem Blitz.
Was dir in diesem Augenblicke recht erscheint,
Das tu! Und sei dir selber treu und Gott.
Weh dem, der lügt!

Leon (der aufgestanden ist).
So gebt Ihr mir Vergünst'gung?

Gregor.
Tu, was dir Gott gebeut; vertrau auf ihn!
Vertraue, wie ich's nicht getan, ich nicht,
Ich schwacher Sünder nicht.
Hier, nimm den Schlüssel
Zum Säckel, der in meiner Truhe liegt.

(Er zieht ihn aus der Brust und will ihn Leon geben, gibt ihn aber dem
Hausverwalter, der zur Seite sichtbar geworden ist und sich damit entfernt.)

Er hält zehn Pfund, des Neffen Lösegeld,
Das ich gespart, den Darbenden entzogen,
Vom Golde hoffend, was nur Gott vermag.
Verteil's den Armen, hilf damit den Kranken.
Es soll der Bischof nimmer Spargut sammeln;
Den Hirten setzt man um der Herde wegen,
Der Nutzen ist des Herrn. Leb wohl, mein Sohn!
Den Winzer ruft der Herr in seinen Garten,
Die Glocke tönt, und meine Schafe warten. (Ab.)

(Leon steht unbeweglich. Ein Pilger naht.)

Pilger (die Hand ausstreckend).
Ein armer Pilgersmann.

Leon.
Was ist? Wer bist du?

Pilger.
Ein armer Mann, von Kompostella pilgernd
Zur Heimat weit.

Leon.
Wohin?

Pilger.
Ins Rheingau, lieber Herr.

Leon. Ins Rheingau?

Pilger.
Hinter Trier.

Leon.
Trier?

Pilger.
Noch zwei Meilen.

Leon.
Nach Trier?—Gott! Nimmst du mich mit, mein Freund?

Pilger.
Wenn Ihr nicht Wegeslast und Mangel scheut.

(Herr Sigrid ist mit dem Säckel gekommen; Leon nimmt ihn.)

Leon.
Ha, Mangel? Sieh den Säckel!—Aber halt!
Den Armen hat's der gute Herr beschieden,
Den Armen sei's. Hier, Freund, für dich ein Stück,
Arm bist du ja doch auch!
Das andre euch!

(Arme und Bresthafte, die sich am Gittertor gesammelt hatten, sind nach und nach eingetreten.)

Ich ziehe fort mit Gott und seinem Schirm.
(Er verteilt das Geld unter sie.)
Er wird vollenden, was mit ihm begonnen.
(Zum Pilger, der dem Gelde nachsieht.)
Du hast dein Teil. Nach Trier fort, mit Gott!
(Er zieht ihn fort.)

Zweiter Aufzug

Innerer Hof in Kattwalds Hause. Die rechte Seite schließt eine Lehmwand mit einem großen Tor. Links im Mittelgrunde eine Art Laube von Brettern, als Vorküche, deren Fortsetzung durch die Kulisse verdeckt ist. Im Hintergrunde, bis in die Mitte der Bühne hineinreichend, von einem Graben umgeben, die große Halle des Hauses, deren Fenster nach vorn gehen. Die Verbindung wird durch eine hölzerne Brücke hergestellt, die von der seitwärts angebrachten Tür der Halle an, parallel mit der Bühne laufend, durch eine Seitenabdachung sich nach vorn wendet.

Der Pilger und Leon kommen.

Pilger.
Nun seht denn, mein Versprechen ist erfüllt.
Wir sind im Hause Kattwalds, Graf im Rheingau.
Die Wand hier schließt sein inneres Gehöft,
Und jene Halle herbergt seine Gäste.
Geladne Gäste nämlich, denn, mein Freund,
Mit ungeladnen fährt er nicht gar sanft.
Ich sag Euch das voraus, daß Ihr Euch vorseht.

Leon.
Ich werde wohl. Habt Dank!
So hieß es: Kattwald,
Der Graf im Rheingau, da liegt er gefangen.

Pilger.
Ihr wart so munter auf der ganzen Reise,
Nun seid Ihr ernst.

Leon.
Man wird's wohl ab und zu!
Doch mahnt Ihr recht. Nur froher Mut vollbringt.
Leon, sei erst Leon. Und eins bedenke:
Weh dem, der lügt!—So mindstens will's der Herr.
(Achselzuckend.)
Man wird ja sehn.—Nun, Freund, zwei Worte noch!

Pilger.
Ein Wort auch noch zu Euch, so schwer mir's fällt.
Ich hab Euch her in dieses Haus geleitet,
Wich drum von meiner Straße weithin ab
Und muß zurück nun manche lange Meile.
Die Reisezehrung ist zu Ende.

Leon.
Recht!
Gerade davon wollt' ich sprechen.

Pilger.
Auch
Habt Ihr wohl selbst, da wir die Fahrt begannen,
Mir zugesichert—

Leon.
Reichliche Belohnung.

Pilger.
Und nun—

Leon.
Seh ich dir nachgerad nicht aus,
Als ob von Lohn gar viel zu holen wäre?

Pilger.
In Wahrheit fürcht ich—

Leon.
Fürchte nicht!
Geld oder Geldeswert, das ist dir gleich?

Pilger.
Ja wohl.

Leon.
Nun, Geld hab ich auch wirklich nicht;
Doch Ware, Ware, Freund.

Pilger.
Ei, etwa leichte?

Leon.
Nicht leichter als ein Mensch von unserm Schlag.
Kurz, einen Sklaven, Freund!

Pilger.
Wo wär' denn der?

Leon.
Ei, hier.

Pilger (sich rings umsehend).
Wo denn? Wir sind ja ganz allein.

Leon.
Das macht, der Sklav' ist eben unter uns.

Pilger (zurückweichend).
Ich bin ein freier Mann.

Leon.
Nu also denn!
Wir sind zu zwei. Ist einer nun der Sklave,
Und du bist's nicht, so kann nur ich es sein.

Pilger.
Ei, plumper Scherz!

Leon.
Der Scherz, so plump er ist,
Ist fein genug für etwas plumpe Leute.
Kurz, Freund, ich schenke mich als Sklaven dir,
Auf die Bedingung, daß du mich verkaufst,
Und zwar im Hause hier. Der Preis ist dein,
Und ist der Lohn, den damals ich versprochen.
(Er geht gegen das Haus zu.)
Heda, vom Haus! Herbei!

Pilger.
So hört doch nur!

Leon.
Niemand daheim?

Kattwald (im Innern des Hauses).
Hurra! Packan! Hallo!

Leon.
Die Antwort ist uns etwas unverständlich.
Kommt erst und seht!

Kattwald (auf der Brücke erscheinend).
Was also soll es?

Pilger.
Er ist toll.

Kattwald (herabkommend).
Und wer hat euch erlaubt?

Leon.
Ei was, erlaubt!
So was erlaubt sich selbst. Wen's schmerzt, der schreit.
Wer seid Ihr denn?

Kattwald.
Potz Blitz! und wer bist du?

Leon.
Und wer seid Ihr?

Kattwald.
Man wird dir Beine machen.
Ich bin Graf Kattwald.

Leon.
Kattwald? Eben recht.
Seht nur, an Euch will mich mein Herr verkaufen.

Kattwald.
An mich?

Leon.
Im Grund ist's lächerlich. Ja wohl!
Ein schmuckes Bursch aus fränkischem Geblüt,
Am Hof erzogen, von den feinsten Sitten,
Und den in ein Barbarennest verkauft,
Halb Stall, halb Gottes freier Himmel. Pah!
Doch ist's einmal beschlossen, und so bleibt's.

Kattwald.
Was hält mich ab, die Knechte 'rauszurufen
Und dich samt deinem Herrn mit Hieb und Stoß—?

Leon (zum Pilger).
Seht Ihr? nun bricht er los. Es geht nicht, fürcht ich.
Verkauft mich unter Menschen, doch nicht hier.

Kattwald.
Wer ist der tolle Bursch?

Pilger.
Je, Herr—

Leon.
Mit Gunst!
Ich bin sein Sklav', man hat mich ihm geschenkt,
Er will mich Euch verkaufen, das ist alles.

Kattwald.
Dich kaufen? Ei, du stählest wohl dein Brot.

Leon.
Wie Ihr's versteht! Ich schaffe selbst mein Brot
Und schaff's für andre auch.
(Zum Pilger.)
Erklärt ihm das,
Und wer ich bin, und meine Qualitäten.

Pilger.
Er ist ein Koch, berühmt in seinem Fach.

Kattwald.
So kannst du also kochen?

Leon (zum Pilger).
Hört Ihr wohl?
(Zu Kattwald.)
Ja, kochen, Herr. Doch nur für fränk'sche Gaumen,
Die einer Brühe Reiz zu schmecken wissen,
Die Zutat merken und die feine Würze.
Die, seht Ihr? so das Haupt zurückgebogen,
Das Aug' gen Himmel, halb den Mund geschlossen,
Die Luft gezogen schlurfend durch die Zähne,
Euch fort und fort den Nachgeschmack genießen,
Entzückt, verklärt.

Kattwald.
Ei je, das kann ich auch.

Leon.
Die rot Euch werden, wenn der Braten braun,
Und blaß, wenn er es nicht.

Kattwald.
Braun, braun, viel lieber braun.

Leon.
Doch, Herr, zu braun—

Kattwald.
So recht die Mitte.

Leon.
Die Euch vom Hirsch den schlanken Rücken wählen,
Das andre vor die Hunde.

Kattwald.
Ah, die Schenkel—

Leon.
Ich sag Euch: vor die Hunde. Doch was red ich?
Hier nährt man sich, der Franke nur kann essen.

Kattwald.
Ei, essen mag ich auch, und gern was Gutes.
Wie teuer haltet Ihr den Burschen da?

Leon.
Am Ende paß ich wirklich nicht für Euch.

Kattwald.
Du sollst gehalten sein nach Wunsch und Willen.

Leon.
Ein Künstler lebt und webt in seiner Kunst.

Kattwald.
Ei künstle zu, je mehr, um desto lieber.
Längst hätt' ich mir gewünscht 'nen fränk'schen Koch,
Man sagt ja Wunder, was sie tun und wirken.
Wie teuer ist der Mann? Und grade jetzt,
An meiner Tochter Hochzeittag; da zeige,
Was du vermagst. An Leuten soll's nicht fehlen,
Die vollauf würdigen, was du bereitet.
Wie teuer ist der Mann?

Leon.
Wenn Ihr versprecht,
Zu halten mich, nicht wie die andern Diener;
Als Hausgenoß, als Künstler.

Kattwald.
Je, ja doch.

Leon.
Euch zu enthalten alles rohen Wesens
In Worten, Werken.

Kattwald.
Bin ich denn ein Bär?
Wie teuer ist der Mann?

Leon.
Wenn Ihr—

Kattwald.
Zu tausend Donner!
Wie teuer ist der Mann? frag ich noch einmal.
Könnt' Ihr nicht reden, oder wollt Ihr nicht?

Pilger.
Je Herr—

Kattwald.
Nu, Herr?

Pilger.
Es ist—

Kattwald.
Nu was?

Pilger.
Ich dächte—

Kattwald.
Wenn Ihr den Preis nicht auf der Stelle nennt,
So hetz ich Euch mit Hunden vom Gehöfte.
Bin ich Eu'r Narr?

Pilger (gegen Leon).
Wenn ich denn reden soll.

Leon.
Ei, redet nur.

Pilger.
So mein ich: zwanzig Pfund.

Kattwald.
Edrita! Zwanzig Pfund aus meiner Truhe!

Leon.
Was fällt Euch ein? Um zwanzig Pfund? Ei, schämt Euch!
Ein Künstler, so wie ich.

Kattwald.
Was geht das dich an?

Leon.
Ich tu's wahrhaftig nicht. Ich geh mit Euch.

Kattwald.
Du bleibst.

Leon.
Nein, nicht um zwanzig Pfund. Macht dreißig!

Kattwald.
Ein Sklave, der sich selbst verkaufen will!

Leon.
Nicht unter dreißig.

Kattwald (zum Pilger).
Wir sind handelseins.

Leon.
Ich aber will nicht.

Kattwald.
Ei, man wird dich zwingen.

Leon.
Mich zwingen? Ihr? Wenn Ihr nicht dreißig zahlt,
Lauf ich beim ersten Anlaß Euch davon.

Kattwald.
Versuch es!

Leon.
Stürze mich vom höchsten Giebel.

Kattwald.
Man bindet dich.

Leon.
Versalz Euch alle Brühen.

Kattwald.
Halt ein, verwegner Bursch!—Nu, fünfundzwanzig.
Mit fünfundzwanzig Pfund—

Leon.
Herr, dreißig, dreißig.
Es geht um meine Ehre.

Kattwald.
Sollt sie haben.
Geht in mein Haus, laßt Euch das Geld bezahlen.
Ich kann nicht mehr. Der Ärger bringt mich um.

Pilger.
So soll ich denn—?

Leon.
Geht hin, holt Euern Lohn!

Pilger.
Ihr aber bleibt?

Leon.
Ich bleibe hier, mit Gott.

Pilger.
Nun, er behüt' Euch, wie er Euch versteht.
(Pilger geht.)

Kattwald (der sich gesetzt hat).
Nun bist du mein, nun könnt' ich dir vergelten,
Was du gefrevelt erst mit keckem Wort.

Leon.
Wenn Ihr schon wollt, tut's bald; denn, wie gesagt,
Ich lauf davon.

Kattwald (aufspringend).
Daß dich!—Und doch, 's ist töricht.
Schau, hier entkommst du nicht. Ich lache drob.
Weißt du, wie's einem Burschen jüngst erging,
Der uns entspringen wollte? einem von den Geiseln
Jenseits des Rheins.

Leon.
Ach, Herr!

Kattwald.
Man fing ihn wieder,
Und—

Leon.
Und?

Kattwald.
An einem Baumstamm festgebunden,
Ward seine Brust ein Ziel für unsre Pfeile.

Leon.
Ein Franke, Herr? Ein fränk'scher Geisel?

Kattwald.
Wohl.
Der Neffe—

Leon.
Neffe?

Kattwald.
Von des Königs Kämmrer
Klotar.

Leon (aufatmend).
Verzeih mir meine Sünde!
Ich kann nur sagen: Gott sei Dank!

Kattwald.
Doch bist du klug; du wirst es nicht versuchen.
Sieh nur, das weiß ich, sprich auch, was du willst.
Am Ende wirst du finden, daß dir's wohlgeht,
Und lust'ge Leute kennen ihren Vorteil,
Nur Grämlichen wird's ewig nirgends wohl.
Auch mag ich dir den kecken Ton erlauben,
Wenn wir allein sind; doch vor Leuten, Bursche—

Leon.
Husch, husch!

Kattwald (zusammenfahrend).
Was ist?

Leon.
Dort lief ein Marder,
Gerad ins Hühnerhaus.

Kattwald.
Daß dich die Pest!
Nun hab ich's satt. Die Peitsche soll dich lehren.

Leon (singt).

Trifft die Peitsche den Koch,
So rächt er sich doch,
Mag die Peitsche auch kochen,
Solang er im Loch.

Kattwald.
Sing nicht!

(Leon pfeift die vorige Melodie.)

Und pfeif auch nicht!

Leon.
Was sonst denn?

Kattwald.
Reden.

Leon.
Nun also: Euer Drohen acht ich nicht.
Ihr könnt mich plagen; ei, ich plag Euch wieder.
Ihr laßt mich hungern, ich laß Euch desgleichen;
Denn Euer Magen ist mein Untertan,
Mein untergebner Knecht von heute an,
Wir stehn als Gleiche gleich uns gegenüber.
Drum laßt uns Frieden machen, wenn Ihr wollt.
Ich bleib bei Euch, solang es mir gefällt,
Bin Euer Koch, solang ich mag und will.
Mag ich nicht mehr, gefällt's mir fürder nicht,
So geh ich fort, und all Eu'r Drohn und Toben
Soll mich nicht halten, bringt mich nicht zurück.
Ist's Euch so recht, so gebt mir Eure Hand.

Kattwald.
Die Hand! Was glaubst du denn?

Leon.
Ihr fallt schon wieder
In Euern alten Ton.—He, Knechte, ho!
Kommt her und bindet mich! Bringt Stricke, Pflöcke!
Sonst geh ich fort, fast eh' ich dagewesen.
He, holla, ho!

Kattwald.
So schweig nur, toller Bursch!
Hier hast du meine Hand, auf daß du bleibst—

Leon.
Und fortgeh, wenn—

Kattwald.
Du kannst. Und wenn du willst,
Setz ich hinzu und weiß wohl, was ich sage.
Besorgst du mir den Tisch, wie ich es mag,
So soll dir Kattwalds Haus wohl noch gefallen.
Und nun geh an dein Amt und zeig mir Proben
Von dem, was du vermagst.

Leon.
Wo ist die Küche?

Kattwald.
Nun, dort.

Leon.
Das Hundeställchen? Ei, Gott walt's!
Das hat nicht Raum, nicht Fug, nicht Schick.

Kattwald.
Nu, nu!
Begnüg dich nur für jetzt, man wird ja sehn.
Was gibst du heute mittags?

Leon.
Heute mittags?
(Ihn verächtlich messend.)
Rehbraten etwa.

Kattwald.
Gut.

Leon.
Gedämpftes.—Aber nein.