E-text prepared by Jens Sadowski


Das Trottelbuch

Umschlag und Einbandzeichnung
von Franz Henseler, München

Franz Jung
Das Trottelbuch

Berlin-Wilmersdorf 1918
Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)

Von Franz Jung erschienen bisher folgende Werke:
Im Verlage der AKTION:
Sophie. Ein Roman
Saul. Ein Drama
Opferung. Ein Roman
Flucht aus der Welt. Ein Roman.
Im Verlage Weißbach, Heidelberg:
Kameraden . . .! Ein Roman.

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1918 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf.
Dieses Werk wurde gedruckt von H. Klöppel, Quedlinburg.

Inhalt

[Trottel. Eine programmatische Einleitung]

[Der Weg über den Berg]

[Die Erlebnisse der Emma Schnalke]

[Der tolle Nikolaus]

Trottel

Eine programmatische Einleitung

Um einen Tisch des Café du Dôme saßen mehrere Herren. Eine Frau schritt draußen am Fenster vorbei.

Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch.

Einer las vor:

Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht. Blutjunge Burschen und sehr betrunken.

Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stöcken, sie johlen, krümmen sich vor Lachen, und sie schleppen die schwergewordenen Füße hinter sich her, daß sie von fern wie hinkende Greise erscheinen.

Eine Katze huscht über den Weg.

Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lässigkeit ist aus ihren Gliedern gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach, verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stöcken — — als ob das Tier schuld wäre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie.

Die Katze hält einen Baum an der Straße umkrallt und windet sich mit letzter Kraft hinauf.

Die Burschen halten keuchend inne.

Das Tier ist fast aus dem Bereich ihrer Stöcke, da holt der eine nochmals zum Schlag aus und trifft . . . . trifft das Rückgrat . . .

Das Tier wendet den Kopf und starrt durch die Nacht — starrt — und gleitet dann — ruckweise — den Stamm herunter.

Die beiden haben sich dann ohne Gruß getrennt.

Einer warf ein:

„Aber in jener Nacht schliefen sie nicht. Die Krallen gruben sich in ihr Hirn und lösten Krampf und Zuckungen aus.“

Als niemand etwas sagte, fügte er schüchtern hinzu:

„Wenigstens bei einem . . .“

Da lachten sie alle.

Plötzlich sagte wieder einer:

„Ihr erinnert euch, ich sah sie einmal mit einem Commis oder Offizier oder sowas im Café. Ich ging damals an ihren Tisch und sagte: Du . . . du gehst nicht mit dem . . . komm. Ihr wißt, daß sie damals zu mir kam. Wir gingen in eine Kirche. Sie weinte. Es war sehr peinlich. Neulich war ich wieder in dieser Kirche, ich sah sie wieder vor mir . . . ich könnte mich heute ohrfeigen.“

Sie nickten alle zustimmend.

„Wenn ich damals an den vertrottelten Major geschrieben hätte . . .“ sagte einer.

Der andere las wieder vor:

„Kann ich dafür, daß in Montmartre die Lichter stechen, kann ich dafür . . .?“

„Hör auf, du zerreißt mich, bitte . . . bitte . . du — du —“

Weiter raste der Tanz.

„Bleib bei mir. Komm, mich friert hier.“

„Laß nur, Kleiner.“

„Du . . .“ es war ein Schrei.

Ein Lächeln antwortet.

Aber er liest eine Bitte um Verzeihung heraus und nickt.

Das Weib rast und spiegelt sich in den Blicken aller.

Weiter. Rausch. Schreie. Violinen.

Er richtet sich auf, ballt die Faust, schreit: „Komm . . . “

Ein Riß klafft in dem Taumel.

„Haha . .“ aber sie geht mit ihm.

Der Freund ging mit ihnen. Sie waren nie allein, in ihrer Mansarde wohnten viele Freunde.

Schnee lag auf den Dächern und taute, daß das Wasser in die Kammer tropfte.

Er umkrallte die Hand des Freundes: „Wir haben zu sühnen, ich will ihr die Ruhe geben.“

„Und verlasse mich . .“ höhnte der andere ihm nach.

„Ich habe bereits alles auf mich genommen . .“ bat er wieder.

„Es war eine wundervolle Nacht,“ warf sie ein.

„Nein,“ heulte der eine.

Sie lachte. „Ich hatte mich danach gesehnt . . . und gleich alle drei . .“

Du wirst noch Orangen verkaufen, dachte der Freund. (Und der Vorleser lächelte selbstgefällig.)

„Als ihr mich nahmt, war ich so befreit . .“

„Du warst rein,“ brüllte der eine. „Oh ich Schuft, aber ich werde dich noch . .“

„Du blöder Hund.“

„Du. Du weißt, wie ich dich liebe.“

Sie wies mit einer Bewegung der Hand auf den Schnee über ihrem Fenster.

Schweigen.

Er starrte sie mit fiebernden Blicken an. Verflucht, dachte der andere, soll ich ihn halten?

„Gut . . .“ schrie der, „aber dann . . .“ Er schwang sich hinaus.

Ein Zucken ging über ihr Gesicht, sie rang in sich etwas nieder. Der Freund saß regungslos.

Von draußen kam ein Kratzen und Schürfen. Dann ein Poltern, ein Schrei oder ein Lachen oder ein Wimmern —

Man sah einen Ring über dem Dachrand zittern und brechen.

Der Freund saß regungslos.

In ihren Zügen lag ein Leuchten, ein Flackern, eine Flamme, eine Erstarrung, ihr Leben ballte sich zusammen. Sie sah den Freund ihr gegenüber beschmutzt, stinkend, schamlos in seiner Ohnmacht und Bestürzung.

Dann zupfte sie den anderen am Rock und würgte lächelnd heraus: „Zwanzig Franken muß er noch haben.“

Der Freund räusperte sich, er war erlöst.

Dann gingen sie.

Man schwieg eine Zeitlang am Tisch.

Dann setzte einer schnell, wie um den anderen zuvorzukommen, hinzu: Zwei Freunde treffen sich in London. Der eine schwärmte: Ich habe ein Weib gefunden. Krampf und Zuckungen. Ich will den Rhythmus ihrer Liebe suchen.

Der andere lächelt und sagt: „Dann mußt du ihr mehr zu saufen geben.“

Während sie noch so sprachen, trat die Frau am Arm eines Fremden ins Café und schritt an ihrem Tisch vorbei.

Die Herren standen auf und verbeugten sich.

Sie trug eine entzückende Robe, und der Fremde sah aus wie ein russischer Großfürst. Vielleicht, daß in seinem Hemd Brillanten funkelten. Auch tranken die beiden Gott weiß was für teure Sachen.

Die Herren hätten viel darum gegeben, wenn sie etwas von der Unterhaltung der beiden gehört hätten.

Sie hörten aber nichts und machten nur die Wahrnehmung, daß beide sehr zufrieden aussahen.

Er sog lächelnd an einer sicherlich exquisiten Zigarette, und sie führte von Zeit zu Zeit bedächtig das Glas an den Mund . . . .

Am Tische der Herren fing schließlich einer wieder etwas zu lesen an.

Der Weg über den Berg

(In drei Etappen)

Der 50. Geburtstag

Frau Päsel feierte ihren 50. Geburtstag.

Frau Päsel wartete in einem Garten mit ihrer Tochter, der Frau König, zwei volle Stunden auf Herrn König, der unter dem Vorwande, einen Bekannten aufzusuchen, sich vom Tisch entfernt hatte und wahrscheinlich in einer Kneipe nebenan ein Wiedersehen begoß.

„Du hättest ihn erst gar nicht gehen lassen sollen,“ brummte die Alte.

Die Tochter kniff die Augen zusammen und schien mit Tränen zu kämpfen.

„Nu ja,“ besänftigte die Mutter, „vertragen müßt ihr euch schon. Für dich ist es schwer.“ Sie seufzte tief auf.

Da kam Herr König.

Er kam tänzelnden Schrittes, machte eine tiefe Verbeugung und rief lustig: „Guten Taaaag!“

Wirklich ein fescher Kerl. So ein Schlingel — — dachte die Alte und bekam einen dicken, feuerroten Kopf. Dann schrie sie: „So treibst du’s wieder, du besoffner Lump.“

Herr König mühte sich, einen Zusammenhang zu finden.

„So muß alles zu Grunde gehen,“ jammerte seine Frau und beobachtete dabei einen Nebentisch, an dem irgend etwas vorgehen mußte, was Herr König nicht sehen konnte.

Herr König blieb vorderhand ganz ruhig und setzte sich. Donnerwetter, dachte er, und immer leiser: Donnerwetter, die paar Glas Bier und so. Aber es wurmte ihn.

Die Alte redete weiter:

„Daß du dich auch gar nicht halten kannst. Gleich wieder den verfluchten Fusel.“ Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Du siehst doch, wie sich die Mutter grämt,“ warf die andere ein und hatte Verachtung im Blick.

Frau Päsel weinte. Dann sagte sie sanft:

„Willst du hier etwas essen?“

„Nein.“

„Aber iß doch, lieber Junge. Wie nett du aussiehst in dem neuen Hut . . .“

„Fritz, so iß doch was.“

„Halt die Fresse.“

Herr König schlug auf den Tisch.

„Ja, was ist denn — — vertragt euch doch, Kinder.“

Frau Päsel zitterte.

Die andere lachte auf.

„Laß ihn doch, er ist ja besoffen.“

„Was!? Das sollst du büßen. Warte nur . . .“

„Aber Kinder . . .“

„Das geht mir doch zu weit, oh warte. . .“

Er keuchte vor innerer Erregung.

„Sie hat es doch nicht so gemeint.“

„Oh die — das muß sein,“ er schnappte mit der Stimme über.

„Alle Leute werden ja auf euch aufmerksam,“ flehte Frau Päsel. Sie war leichenblaß.

Die andere riß die Augen weit auf, zog die Schultern automatisch ruckweise rauf und runter und stieß schrille, pfeifende Schreie aus.

Die Alte hielt sie.

„Um Gotteswillen, was ist dir denn?“

„Der da — der da — der da“ — sie schrie weiter.

Er stürzte mit erhobener Faust auf sie zu.

„Sie hat wieder was, die Komödie, Aas verfluchtes.“

Die umsitzenden Leute lachten. Ein Kellner sagte zu jemandem: „Was geht das Sie an . . .“

Frau Päsel rang die Hände und stotterte vor sich hin: „Was ist denn los um Gotteswillen.“ Ein entsetzlicher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: Wenn mich hier jemand kennt, um Gotteswillen, der Päsel. Dann schrie sie ihren Schwiegersohn an: „Dich kenn’ ich jetzt.“

Herr König war starr. Er nahm seinen Hut und ging hinaus.

„Was ist denn, Kind?“ jammerte die Alte.

Die junge Frau stand hastig auf.

„Mutter, er geht. Geh schnell.“

Frau Päsel lief hinaus und erwischte ihn noch an der Straßenecke.

„Wo willst du denn hin? Sei doch vernünftig.“

„Ich kann das Frauenzimmer nicht mehr sehen.“

Sie kam hinzu.

„Was hab ich dir denn getan?“

Sie weinte noch leise.

„Ich will nicht mehr. Schluß. Immer dasselbe.“

„Sprich doch nicht so . . .“

„So versöhnt euch doch, Kinder. Was muß ich mit euch noch alles erleben.“ Sie sah völlig gebrochen aus.

„Mit Kerlen treibt sie sich rum und alles so, und wenn ich dann . . .“

„Aber es hat ja niemand etwas gesagt,“ mischte sich die Alte wieder hinein.

„Ich will nicht!“ Er schrie so laut, daß die Passanten stehen blieben.

Frau König sah hilflos unschuldig aus. Sie schaute zu ihm auf und schien zu flehen: Siehst du, so bin ich. Nimm mich doch.

Aber er hörte nichts. Er freute sich, daß ihm Unrecht geschah und fühlte, wie ein reißender Strom sie von seiner Seite fortriß und entführte.

Die Frauen faßten ihn unter den Arm und lächelten.

Er merkte, daß er müde war, und daß es vielleicht besser wäre, jetzt alles gut sein zu lassen, aber er riß sich mit einem Ruck los, daß Frau Päsel unter den Stand eines Obsthändlers rollte. Er sprang auf eine vorbeifahrende Tram und fuhr davon. Zu seiner Enttäuschung mußte er sich eingestehen, daß niemand hinter ihm her schrie.

Abends auf der Heimfahrt sagte er zu seiner Frau:

„Eigentlich haben wir nichts erreicht. Mit dem Pump wird es wohl jetzt nichts werden.“

„Siehst du, die Mutter ist nicht mal mit auf die Bahn gekommen,“ schmollte sie, „du bist auch immer so aufgeregt . . .“

Er grübelte: Ob sie es weiß, daß sie mich betrogen hat, und weiter: aber der alten Kupplerin hätte ich es mal richtig geben sollen, und später: wenn wir nur erst allein wären . . . Sie hatten sechs Stunden zu fahren.

Als sie dann im Abteil allein waren, küßten sie sich.

Nächtliche Szene

Gegen drei Uhr nachts stolperte der junge Bittner die Treppe zu seiner Dachwohnung hinauf. In dem dürftig ausgestatteten Zimmer brannte noch die Lampe. Die Anna Zöpfel lag angekleidet auf dem Bett und schlief.

„So — schrie er, hab ich dich erwischt!“

Er rüttelte sie am Arm. Sie wachte auf und rieb sich die Augen.

„Kommst du erst jetzt? Ich bin so müde. Mich friert.“

„Was! Du — du, du willst mir Vorwürfe machen? du —??“ Er schrie, daß sie erschreckt sich aufrichtete. „Du — hä, wo warst du denn? hä!?“

Sie stammelte: „Ja, was soll das?“

„Ah, ich habe es geahnt, ich weiß.“

Er ging im Zimmer auf und ab.

„Ich habe dich auf den Knieen gebeten, beherrsch’ dich, ruiniere mich nicht durch deine Unüberlegtheit und Dummheit.“

„Was hab ich denn aber getan?“

Es war nur mehr ein leises Wimmern.

„Nichts von heute und gestern. Aber es frißt. Weiß ich — vielleicht vor einem Jahr und vor Wochen, alles das Kleine, die Verzeihungen . . .“ Er schnappte nach Luft.

Da merkte sie, daß er betrunken war und sagte leise:

„Geh doch jetzt schlafen.“

Er ließ sich neben sie nieder, ballte die Faust.

„Du hast alle gegen mich ausgespielt, ich bin allein, verlacht, du hast mich zerrieben — zwischen Steinen, getreten, bespieen und immer noch geschworen, du hättest mich lieb.“

Sie starrte ihn verängstigt an. Er umspannte ihr Gelenk.

„Ich habe keine Ruhe mehr, ich bin krank, matt — oh du!“

Er krallte sich tiefer ein. Sie fing an zu jammern.

„Ich hab doch auf dich gewartet.“

„Warte nur, du Aas!“ Er zog eine Fresse und kniff die Augen zusammen.

„Sieh nur, wie verändert du sprichst,“ höhnte er.

Sie weinte. Dann riß sie sich los und schrie: „Laß mich!“

Die Haare hatten sich gelöst, die Miene war straff und hart. Er krallte sich tiefer ein.

Sie heulte auf wie ein verwundetes Tier und suchte sich seiner mit den Füßen zu erwehren.

Da schlug er sie.

Er schlug mitten hinein ins Gesicht, ruckweise, überlegen, wie ein Schütze, der ins Schwarze zielt.

Ihre Augen zuckten. Immer neue und fremde Gesichter sah er erstehen, und in jedes schlug er sie.

Er fühlte, daß er manchen Vorgänger zu töten hätte.

Immer wieder, maschinenmäßig.

Es wurde für Sekunden totenstill. Dann gellten Schreie, kalt, wie hinter dem eigentlich Menschlichen, sie bohren, fressen. Schreie. Sie stand mitten im Zimmer, das Gesicht verzerrt, schrie. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, er stürzte ihr nach, sprach auf sie ein. Er riß an den krampfzitternden Wangen und küßte sie. Die Schreie lösten sich in ein monotones Heulen auf. Er ging wieder zitternd auf und ab.

Unter ihnen wurde geklopft, im Hause gingen Türen, Stimmen wurden laut.

„Sei doch wenigstens jetzt still“ — flüsterte er.

Seine Annäherung peitschte ihre Sinne, sie schrie wilder, stoßender.

Es klopfte an der Tür. Hausgenossen lugten scheu herein.

Er brummte etwas von einem Anfall, Hysterie.

Der im zweiten Stock wohnende Trambahnschaffner schrie ihn an: „Sehn Sie denn nicht, daß die Frau krank ist!?“

Das Blut rann aus ihren Kratzwunden.

Einige Weiber sprachen ihr gut zu und gaben ihr Wasser. Eine streichelte ihr Haar.

Anna beruhigte sich langsam.

Einer brummte etwas von „Skandal“ und „gebildete Leute sein“, die Frauen warfen auf Bittner giftige Blicke.

Dann gingen sie.

Er saß am Bettrand und murmelte vor sich hin: „So weit ist es also gekommen. Alles hat sie sich vernichtet. So weit.“ Dann wurde es wieder eine ganze Weile still.

Sie stand in einer Ecke und weinte leise.

Er dachte: Das arme Ding. So dumm und unüberlegt. Soll ich wieder gut sein oder ihr an die Gurgel fahren — für das alles wieder —

Und während er noch so grübelte, ging er zur Tür hinaus. Langsam tastete er die dunkle Treppe wieder hinunter, er hörte die Ketten hinter sich nachschleifen.

Eigentlich bin ich dumm, fühlte er, ich hätte mich versöhnen sollen, wenn auch — und so. Und morgen wird uns der Wirt rauswerfen. Schließlich ist sie doch auch schwanger. Zu dumm.

Langsam sperrte er das Tor wieder auf und ging schleppenden Schrittes in die Nacht hinaus.

Ab und zu fuhr er zusammen. Ein Auto jagte vorüber. Wenn er jetzt darunter läge. Es schrie jemand.

Er schleppte sich weiter. Durch endlose Straßen, Schritt für Schritt. Er dachte nichts mehr. Zuweilen noch zuckte es in ihm nach und polterte dumpf.

Josef

Sie zankten sich.

Er erklärte ihr, daß er sie im allgemeinen nicht ernst nehme, daß er ihre Erregung irgendeiner Krankheit zuschreiben müsse, es wäre ihm im übrigen auch gleichgültig und so.

Sie schrie ihn an: „Pack dich!“

Dann bekam sie einen feuerroten Kopf.

„Du blöder Einfaltspinsel!“ Sie spuckte aus.

Er entgegnete ruhig: „Du wirst dich beherrschen müssen.“

Aber in seinen Worten zitterte etwas Geheimes, Verstecktes, Lauerndes.

Er sagte: „Wenn du die Sache satt hast, so geh’.“

Sie lachte gereizt: „Das willst du mir sagen, du — aber warte!“ Sie zerriß eine Photographie und warf ihm die Stücke vor die Füße.

„So — sie spuckte wieder aus — ich geh’!“

Dann lief sie dem Haus zu.

Er setzte sich in die Laube und dachte:

Was ist eigentlich, warum der Streit? Er versuchte sich der Vorgänge zu erinnern, ich habe sie zwar gescholten — vorhin — wegen der Bemerkungen — aber sie sah mich so feindselig an — ja, wieso eigentlich?

In der Laube saß Josef.

Er achtete nicht auf ihn.

Josef war der kleine Sohn des Wirtes und auf einer Seite gelähmt. Er fuhr mit dem Finger die Tischritzen entlang und stieß kurze Schreie aus.

Der Mann achtete nicht auf ihn. Er dachte weiter: Da unten liegt sicher mein Bild, was wird sie tun? Was soll das alles? — Er sah sich Jahre zurück, wie er sie liebte, wie er bebte und getroffen wurde. Und schließlich ist sie mit mir verwachsen, fühlte er. Vielleicht ist sie auch über mich hinaus — er erschrak.

Eine peinigende Angst befiel ihn.

Nein — zitterte es in ihm — mit dieser Behandlung ist es nichts. Soll ich ihr nach, sie küssen, um Verzeihung bitten wie früher — oder still sein?

Rasender Schmerz fraß an ihm.

Er fühlte plötzlich, wie tief er Josef haßte.

Was tut er hier, warum schlägt man ein solches Vieh nicht tot? Nur zum Ekel lebt er.

Er hörte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis von Leuten und schien sehr erregt. Sie schrie und weinte und lachte dann wieder auf.

Josef humpelte scheu aus der Laube heraus.

Ein kleines Mädchen sammelte Steine in einen Schubkarren.

Josef zeigte auf die Steine und schrie.

Das Mädchen lachte und fragte ihn etwas.

In der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An den Kirschbäumen waren die ersten Blüten.

Josef stand mit gesenktem Kopf und lauschte. Dann schleppte er das eine Bein nach und drehte sich auf dem anderen langsam herum.

Josef tanzte.

Die Gartentür fiel ins Schloß.

Der Mann in der Laube fuhr auf. Wenn sie jetzt geht — dachte er, mag sie mich wieder verleumdet haben, bespieen, alles wieder breitgetreten — vor den Leuten da, es ist gleich, ganz gleich, und es rang sich etwas empor in ihm, gewaltsam, es war für ihn schon zu spät, darüber klar zu werden, er schrie verzweifelt: „Du — du —“

Aber es klang hart und rauh und befehlend.

Er schrak zusammen, gestand sich, daß es so weich und mild hätte klingen sollen.

Es war zu spät.

Doch er fühlte sofort: Nein, nicht zu spät. Sie wird wiederkommen, vielleicht wird es doch wirken. Sie wird sich damit beschäftigen. Ich werde sie dann prügeln — wie früher, als sie auf dem Boden lag und ich ihr den Haß aus den Augen schlug. Sie braucht das. Was tut’s, ich verliere einige Stunden, was tut’s.

Eine quälende Unruhe hatte ihn erfaßt.

Er rief den Wirt und wies lachend auf Josef. Auch der Wirt lachte. Dann ging er zu seinem Sohn und faßte ihn grob am Arm.

„Was tust du hier, hä? Habe ich dir nicht verboten . . . !?“

Josef hing regungslos in der Faust des Vaters.

Er gab keinen Laut von sich, als man ihn in seine Bodenkammer schleppte.

Der Mann ging im Garten auf und ab.

Ich werde sie doch anders behandeln, dachte er, mehr nach außen, mit Liebe. Wenn sie kommt, werde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein.

Er wurde zufrieden und lächelte. Die Stücke seines Bildes hob er auf und verwahrte sie in seiner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fühlte er.

Das Mädchen sammelte weiter Steine.

Ab und zu erschien Josef in der Dachluke und stieß schrille, pfeifende Schreie aus.

Es klang wie der Schrei wandernder Affen im Urwald.

Der Wirt bediente lächelnd seine Gäste. Wenn man ihn totschlagen könnte, dieses Rabenaas, knurrte er, und bediente lächelnd weiter.

Spätabends kam sie heim.

Er saß im Zimmer und wartete.

Sie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell: „Weißt du, wen ich getroffen habe, den T. Es war riesig nett.“

„Laß nur. Eigentlich wollte ich mit dir noch fortgehen, aber jetzt . . .“

„Ach ja. Er wird noch warten — im Café — er wußte ja nicht . .“ fügte sie schelmisch hinzu.

Er stimmte traurig zu. Eine bohrende Angst quälte ihn.

Nur keine weiteren Worte, fühlte er, und wie gehetzt erzählte er von Josef, dem Tanz und dem Wirt und nannte ihn irgendwie.

Seine Worte bekamen Würde, daß sie erstaunt zu ihm aufsah. Dann schritten sie schweigend durch die Nacht.

Die Erlebnisse der Emma Schnalke

(Nach einem Kouplet: . . . . Der Liebe Glück und Seligkeit . . . .)

I.

Die Person, um die es sich hier hauptsächlich handelt, heißt Emma Schnalke. Oder auch anders. Das hat nichts zu sagen. Mit vierzehn Jahren wurde sie auf die Straße gesetzt. In rascher Aufeinanderfolge war sie bei einem Zahnarzt, in einem Konfektionsgeschäft, Beerdigungsinstitut, Friseurladen, Schirmgeschäft, im Chor eines Operettentheaters. Es gefiel ihr nichts.

Die Männer, die ihr auf dem nächtlichen Heimwege vom Tanzlokal in die Augen sahen, erschraken und gestanden sich enttäuscht: Es ist nichts. Sie sucht etwas.

Gern war sie mit älteren Leuten zusammen. Sie log ihnen ein Dirnenleben vor.

Mit 16 Jahren kam ein Rausch über sie, der sie erhob und entzückte. Ein Schüler brachte sie zur Kunstschule und zeigte sie den Professoren.

Sie huschte durch die Säle und tanzte und jubelte, und wohin sie kam, war ein Aufleuchten. Wie etwas Neues, Fernes, das zu ihnen gekommen war, das alle erstaunte und wiederum auch war wie etwas, das alle erwartet hatten. So huschte sie durch die Säle und war ihnen bei jeder Arbeit dabei.

Oft saß sie auf einem zierlich gezäumten Roß, mit Schellen und Trotteln, als Edelfräulein, den Jagdfalken auf der Hand. Dann war es, als ob allen eine Erscheinung aufginge, es kam etwas Erhabenes in diese jungen Köpfe, und der jüngere der Professoren ging manchmal an den Steigbügel, hob sie herab und drückte ihr einen scheuen Kuß auf die Stirn.

Nach solchen Tagen schritt sie taumelnd durch die Straßen, mit schlottrigen Kleidern, eine Nachtwandlerin, oder saß an den Ufern des Flusses und griff nach den Lichtfetzen, die die Strahlen der Bogenlampen ins Wasser rissen.

Keiner wagte es auszusprechen, was alle fühlten. Künstler waren wohl kaum darunter. Indessen, diese jungen Leute waren sich bewußt, einen vom alltäglich bürgerlichen etwas abweichenden Standpunkt einnehmen zu müssen, auch in den Äußerungen ihres Gefühlslebens, und sie mühten sich darum. Sie waren ihr dankbar, daß sie ihnen gleichsam die Gelegenheit bot, ihre Zugehörigkeit zur Kunst zu empfinden und vor sich selbst zur Schau zu tragen.

Ein Flackern kam in ihre Augen, und mancher krümmte sich wie unter einem Spott. Es war wie eine geheime Abmachung unter ihnen, ein Schauer, der jeden gefangen hielt, der die groteske Tragödie eines schal gewordenen Märchens mitanzusehen gezwungen war. Es gährte in diesen Köpfen, eine Wut stieg auf und ein Begehren, wenn die Straßenmodelle den Saal verlassen hatten.

Manchmal saß sie nackt auf dem Pferde, und Bäume waren rings herum aufgestellt, die mithelfen sollten, die Idee einer längst verbrauchten Romantik in die Wirklichkeit umzusetzen. Es blieb ein Torso, und sie litten darunter. Ihre Kraft erlahmte, und ihre Kunst ging weit, weit fort. Aber sie schwiegen.

Unter den vielen war einer, der rang mit sich in manchen Nächten, und sein heißes Blut schrie.

Der Rausch und die Ruhe begann zu schwinden, der Blick wurde beseelt und bewußt, und einer, der draußen vor der Stadt das Gurren der Tauben vernahm, schlug sich vor die Stirn: er kannte es wieder.

Aufregung hatte sich aller bemächtigt, mit dem schwindenden Rausch entwand sie sich ihnen.

Es gab keine Märchen mehr.

Einmal kam der ältere der Professoren zu seinem Kollegen und fragte: „Der H. hat mir erzählt, du willst heiraten?“

Der andere schwieg.

„Die v. B.?“

Minuten des Schweigens verstrichen.

„Und deine Kunst?“ Sein Gesicht verzerrte sich, als wollte ein Pfui sich durchringen.

Der andere beschwor ihn. Dann sprudelte es hervor. Seine Liebe zur „Katze“, seine Qualen, seine Gesichte, das Heilige, und seine Ängste um seine Kunst und um seine Professur — — Aber er würde sie zu sich nehmen — Es klang immer bestimmter, je länger er sprach.

Der Alte drückte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen längere Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen.

Es klopfte: — die Katze.

Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd:

„Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich möchte gern 100 Mark geborgt haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.“

Der Alte zeigte auf den anderen:

„Wende dich an ihn“ — und mit bedeutungsvollem Lächeln ging er hinaus.

Es würgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrückte ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf:

„Du — (er zwang sich) — willst fortfahren?“

„Ja — mit dem Kapellmeister, du weißt — Eine kleine Spritztour.“

Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all’ seinen Schmerz konzentrierte er auf ein süßes, tiefes — Du —, das er im Innern fühlte. Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretär und nestelte umständlich an einer Kassette.

Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und verschleiert. Eine Lüge war im Zimmer.

„Hier hast du — — Wann sehen wir uns wieder?“

„Danke schön. Nächste Woche —“

Dann klang es hart: „Ich brauche dich zu einer Magdalena.“

„Ja, ja —“ Sie huschte hinaus.