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Modernste Kriegswaffen –
alte Erfindungen

von

F. M. Feldhaus

Ingenieur

Der moderne fahrbare Schutzschild nach
einer Malerei aus dem Jahr 1405.


Verlag Abel u. Müller ⸫ Leipzig

Druck von E. Haberland, Leipzig-R.

Allen deutschen Kriegern besonders aber meinem lieben Freund und Mitarbeiter

Grafen Carl v. Klinckowstroem,
Hauptmann d. R. im Garde-Jäger-Bataillon

ins Feld geschrieben

vom Verfasser

Berlin-Friedenau, September 1915

Also hat der günstige Leser über 100. Genera von Concepten / welche dem ersten äußerlichen Ansehen nach ungereimt / thöricht und unvermöglich einem vorkommen solten / und dennoch in der That gut gethan / wahr befunden / und würcklich concipirt seyn / curios und nützlich: darumb man nicht alle Speculanten vor Gecken und Narren halten soll / als welche einen Sparren zu viel haben / sondern man muß wissen, daß durch solche Leute der Welt großer Nutz und Dienste gethan worden / und daß sie darmit ihre Mühe / Zeit und Geld verlohren / nur daß sie dem gemeinen Wesen dienen möchten.

Nach J. J. Becher, Närrische Weißheit und weise Narrheit, Frankfurt a. M., 1682.


Inhaltsverzeichnis.

Seite
1. [Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der afrikanischen Neger.] 7
2. [Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland.] 8
3. [Kriegshörner vor 3000 Jahren.] 10
4. [Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen werden sollte.] 11
5. [Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein Laboratorium?] 12
6. [Das Sprachrohr im Altertum.] 15
7. [Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger.] 16
8. [Der Widder vor seiner eigenen Erfindung.] 18
9. [Baumwollene Soldatenkleider im Altertum.] 21
10. [Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr.] 22
11. [Helmbezüge.] 22
12. [Zündete man mit der Sonne?] 23
13. [Ein Mehrladegeschütz im Altertum.] 25
14. [Über das Rauchen in römischen Legionslagern.] 28
15. [Kriegs-Brieftauben.] 29
16. [Die Armbrust im Römerreich.] 32
17. [Der erste fliegende Mensch?] 33
18. [Das Blasrohr als Waffe.] 35
19. [Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden.] 36
20. [Fall-Petarden.] 43
21. [„Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.] 44
22. [Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung.] 49
23. [Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.] 55
24. [Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.] 57
25. [Eine geheimnisvolle Leiter.] 59
26. [Das erste Kriegsbuch in Deutschland.] 61
27. [Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.] 63
28. [Unterstände im Jahre 1405.] 64
29. [Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.] 65
30. [Sprenggeschosse von Anno 1405.] 67
31. [Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben.] 68
32. [Wein als Waffe.] 69
33. [Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb.] 70
34. [Spiegelnde Schilde.] 72
35. [Erschröckliche Kriegsmaschinen.] 73
36. [Luftkissen im Mittelalter.] 74
37. [Schneeschuhe.] 75
38. [Seilschwebebahnen im Krieg.] 77
39. [Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte.] 79
40. [Der erste Torpedo — Anno 1420.] 81
41. [Wie sahen die ältesten Geschütze aus?] 83
42. [Wie ich das älteste datierte Gewehr fand.] 86
43. [Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter.] 88
44. [„Schnellfahrende“ Kriegsboote.] 89
45. [Ein Papst als Erfinder.] 92
46. [Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430.] 94
47. [„Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert.] 95
48. [Granatierer — Grenadiere.] 96
49. [Die „Maus“.] 98
50. [Ein Unterseeboot im Jahre 1460?] 100
51. [Alte Kriegsautomobile.] 102
52. [Brief-Schießen.] 106
53. [Geschützbespannung von hinten.] 108
54. [Wie wir zur Zigarre kamen.] 109
55. [Die erste Flaschenpost.] 112
56. [Die Schnellfeuergewehre von Kaiser Maximilian I.] 113
57. [Das erste Wellblech.] 115
58. [Feuertiere.] 116
59. [Leonardo da Vinci.] 117
60. [Leonardos Rebhühnermörser.] 118
61. [Gewalzte Geschützdauben.] 119
62. [Ein Dampfgeschütz.] 120
63. [Abwehr von Sturmleitern.] 121
64. [Ein listiger Rammsporn.] 122
65. [Leonardos „Zepata“.] 123
66. [Eine mechanische Trommel.] 124
67. [Ein unsanfter Wecker.] 125
68. [Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich fliegen wollte.] 126
69. [Künstliche Hände in alter Zeit.] 127
70. [Feld-Uhren.] 130
71. [Von Mund- und Ziehharmonikas.] 132
72. [Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt.] 133
73. [Geschütze aus Holz.] 135
74. [Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565.] 136
75. [„Uraltes“ aus China.] 138
76. [Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert.] 141
77. [Kanonen-Uhren.] 143
78. [Ein Schiffswagen.] 145
79. [Gewehrpatronen.] 146
80. [Die Feldküche.] 146
81. [Der Bleistift des Reitersmannes.] 147
82. [Der Mondscheintelegraph.] 148
83. [Das Tellereisen als Waffe.] 149
84. [Zielfernrohre und Distanzmesser im 17. Jahrhundert.] 151
85. [Ein Telegraph im Jahre 1616.] 153
86. [Eine Schwimmausrüstung.] 155
87. [Gefährliche Beute.] 155
88. [Eine Schießpulvermühle mit Dampfturbine, 1629.] 156
89. [Ledergeschütze.] 158
90. [Wallgucker und Opernglas.] 160
91. [Stammt das Bajonett aus Bayonne?] 161
92. [Not macht erfinderisch.] 162
93. [Versteckte Schießwaffen.] 163
94. [„Lobspruch deß edlen hochberühmten Krauts Petum oder Taback...“] 163
95. [Der Philosoph als Kriegstechniker.] 166
96. [Konserven für den Krieg.] 169
97. [Fleischextrakt im Kriege.] 170
98. [Ein Prophet des Luftkrieges vor 250 Jahren.] 171
99. [Küchen-Dragoner.] 173
100. [Wie eine Kriegsflugmaschine im Jahre 1709 aussehen sollte.] 174
101. [Die Vorahnung des Luftballons im Jahr 1710.] 176
102. [Ein Riesenweck für die Manöver von 1730.] 177
103. [Die erste Dampffahrt eines Kriegsschiffes.] 179
104. [Geschütze aus Eis.] 181
105. [Die Stahlfeder beim Aachener Friedensschluß.] 182
106. [„Eine Verspottung der Maschinen-Erfinder“. (Kupferstich)] 183
107. [Ein Flugzeug-Motor von 1751.] 184
108. [Die Erbswurst im 18. Jahrhundert.] 185
109. [Ein automobiles Geschütz um 1760.] 186
110. [Ein Luftkampf.] 187
111. [Das Luftgewehr als Kriegswaffe.] 188
112. [Ein närrischer Luftfisch?] 190
113. [„Heil Dir im Siegerkranze“.] 191
114. [Luftballone zum Laufen.] 193
115. [Der Telegraphenfächer.] 194
116. [„Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796.] 195
117. [Ein „Lenk“-Ballon von 1799.] 197
118. [Die Zigarette.] 198
119. [Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem Meere hindurch.] 199
120. [100 Jahre Suppentafeln.] 202
121. [Der Anfang des Fahrrades.] 203
122. [Das erste Eisenbahn-Frachtstück.] 206
123. [Ein Eisenbahnjubiläum.] 207
124. [Ein Dampfluftschiff von 1842.] 208
125. [Der rettende Trompeter.] 209
126. [„Dampfmusik“. (2 Kupferstiche)] 211
127. [Luftbomben im Jahre 1849.] 212
128. [Von einem chloroformierten Bären.] 214
129. [Schneemäntel im Krimkrieg.] 215
130. [Das Aero-Brot.] 216
131. [Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.] 217
132. [Die Bilderpostkarte von 1870/71.] 219
133. [„Der Luftballon als Kinderwärter auf der Urlaubspromenade“. Aus dem „Schalk“, 1879.] 221
134. [Knalldämpfer an Gewehren.] 221
135. [Petroleum als Waffe.] 223
136. [Von Hufeisen, Sätteln, Steigbügeln und Sporen.] 227
137. [Von nie gewesenen Pulvermühlen.] 229
138. [Zwei Erfinder der Gußstahlgeschütze.] 231
139. [Friedens-Glocken aus Kriegsmetall.] 232
[Quellen-Nachweis.] 239

1.
Ein fliegender Kriegsheld in einer Sage der afrikanischen Neger.

Nordwestlich des großen Viktoriasees erzählen sich die Neger: „Ein Held von Nakivingi war der Krieger Kibago, der fliegen konnte. Wenn der König die Wanyoro bekriegte, so schickte er Kibago in die Luft empor, um die Stellung der Feinde auszuspähen. Nachdem sie von diesem außergewöhnlichen Wesen aufgefunden worden waren, wurden sie von Nakivingi in ihren Verstecken und außerdem noch von dem tätigen und treuen Kibago angegriffen, welcher aus der Luft große Felsstücke auf sie herabschleuderte und auf diese Weise sie in ganzen Massen erschlug. Zufällig sah Kibago unter den Gefangenen aus Unyoro ein schönes Frauenzimmer, welches der König zur Frau begehrte. Da aber Nakivingi seinen Diener für dessen in ihrer Art einzigen Dienste viel Dank schuldig war, so gab er sie an Kibago als Ehefrau, jedoch mit der Ermahnung, ihr die Kenntnis seiner Flugkraft nicht mitzuteilen, damit sie nicht Verrat an ihm üben möge. Sie waren schon lange verheiratet, ohne daß die Frau etwas davon erfuhr; da es ihr aber sehr auffiel und verdächtig erschien, daß ihr Gatte oftmals plötzlich verschwand und ebenso unerwartet heimkehrte, so überwachte sie ihn auf das Genaueste und war eines Morgens höchst erstaunt, als er die Hütte verließ, ihn plötzlich mit einer an seinen Rücken angeschnürten Bürde von Steinen in die Luft emporsteigen zu sehen. Bei diesem Anblick erinnerte sie sich, wie die Wanyoro sich darüber beklagt hatten, daß eine größere Zahl ihrer Leute auf irgend eine unerklärliche Weise durch Steinwürfe aus der Luft mehr als durch die Speere Nakivingis getötet würden, und, wie eine andere Delilah, ihre Rasse und ihr Volk mehr liebend als ihren Gemahl, eilte sie in das Lager ihres Volkes und teilte den darüber erstaunten Wanyoro mit, was sie an jenem Tage beobachtet hatte. Um sich an den Kibago zu rächen, legten die Wanyoro auf den Gipfeln aller hohen Berge Bogenschützen in den Hinterhalt und erteilten ihnen den Befehl, sich nur auf die Beobachtung der Luft zu beschränken und auf das Schwirren seiner Flügel zu horchen und ihre Pfeile in der Richtung dieses Geräusches abzuschießen, möchten sie nun etwas sehen oder nicht. Infolge dieser Kriegslist wurde Kibago eines Tages, als Nakivingi in die Schlacht zog, durch einen Pfeil tötlich verwundet. Man sah große Blutstropfen auf den Weg niederfallen, und als der König an einen hohen Baum kam, entdeckte er einen in die dicken Zweige desselben verwickelten Leichnam. Als der Baum gefällt war, sah Nikivingi zu seinem unendlichen Leidwesen, daß es der Leichnam seines treuen, fliegenden Kriegers Kibago war.“


2.
Die Dichtung vom Luftkampf gegen den Schmied Wieland.

Die bekannteste aller Flugsagen ist die vom Schmied Wieland, dem Sohn eines Riesen von der Insel Schonen. Sie wird aber fast immer falsch wiedergegeben, weil man annimmt, Wieland habe sich ein eisernes Flügelkleid „geschmiedet“.

Wieland war in Tirol von König Nidung durch Zerschneiden der Kniesehnen gelähmt worden, weil er des Königs Schmied Amilias im Wettkampf mit dem Schwert Mimung besiegt hatte. Um sich zu rächen, tötete Wieland des Königs beide Söhne und nahm sich seine Tochter, die von ihm Mutter des berühmten Wittich wurde. Sich selbst aber suchte er in Sicherheit zu bringen, indem er sich ein Flügelgewand verfertigte. Nachdem dieses fertiggestellt war, wollte Wieland es erproben. Er überredete seinen Bruder Egil, einen Versuch damit zu machen, und riet ihm, beim Niedersteigen auf die Erde sich vor dem Winde niederzulassen. Egil stürzte, als er diesen Rat befolgte, und Wieland, der sich nunmehr das Federkleid selbst anlegte, sagte zu seinem Bruder: „Ich traute dir nicht, daß du das Federkleid wiederbringen würdest, wenn du erführst, wie gut es wäre; und das magst du wissen, daß alle Vögel sich gegen den Wind niederlassen und ebenso emporheben. Nun aber will ich dir, Bruder, mein Vorhaben sagen: Ich will jetzo heimfahren, zuvor aber noch zu König Nidung, mit ihm zu reden. Und wenn ich da etwas sage, was den König verdreußt, sodaß er dich nötigt, nach mir zu schießen, so ziele unter meinen linken Arm; darunter habe ich eine Blase gebunden, worin Blut von Nidungs Söhnen ist. So vermagst du wohl deinen Schuß einzurichten, daß mir kein Schade daraus entsteht; wenn du irgend unsere Verwandtschaft ehren willst.“ Nun flog Wieland auf den höchsten Turm der Königsburg und rief den König heraus, mit ihm zu reden. Der König fragte ihn: „Bist du jetzt ein Vogel, Wieland? Was willst du und wohin willst du fliegen? Mancherlei Wunder machst du aus dir.“ Da sagte Wieland: „Herr, jetzo bin ich ein Vogel und zugleich ein Mensch; von hinnen gedenke ich nun, und nimmer sollst du mich wieder in deine Gewalt kriegen, nimmer erlebst du das.“ Indem flog Wieland hoch in die Luft empor. Da rief König Nidung: „Du, junger Egil, nimm deinen Bogen und schieß ihn in die Brust, nimmer soll er lebens von hinnen kommen, für die Frevel, die er hier verübt hat.“ Egil antwortete: „Nicht mag ich das tun gegen meinen Bruder.“ Da sagte der König Nidung, daß Egil des Todes sein sollte, wenn er nicht schösse und fügte noch hinzu, daß er schon den Tod verdient hätte für die Übeltaten seines Bruders: „Und dadurch allein rettest du dein Leben, daß du ihn schießest, und durch nichts anderes.“ Egil legte nun den Pfeil auf die Sehne und schoß Wielanden unter den Arm, sodaß das Blut auf die Erde fiel. Da sprach der König: „Das traf gut.“ Und er, und alle die das sahen, stimmten ein, daß Wieland diesen Schuß nicht mehr lange überleben könne. Wieland aber flog heim nach Seeland und wohnte in seinem Eigentum, welches Riese Wade, sein Vater besessen hatte.


3.
Kriegshörner vor 3000 Jahren.

In Skandinavien, Mecklenburg und Hannover fand man mehrere riesige Bronzehörner, die etwa ums Jahr 1000 vor Christus entstanden sind. Sie sind aus kleinen, äußerst dünn gegossenen Stücken sorgsam zusammengesetzt, haben einfache Kesselmundstücke und lassen sich noch heute, allerdings erst nach besonderer Übung, blasen. Ein solches Horn — Lur genannt — gibt die ersten zwölf Naturtöne und noch zehn chromatische Töne unterhalb des Grundtones. Ob dies allerdings die richtigen Töne der Instrumente sind, bleibt äußerst fraglich, weil es doch weder bewiesen ist, daß die nordischen Bläser vor 3000 Jahren denselben Ansatz hatten wie unsere Hornisten und es sogar unwahrscheinlich ist, daß der musikalische Geschmack jener Zeit sich mit dem unsrigen deckt.

Lurer, um 1000 v. Chr.

Immerhin zeugen diese Luren von einer hochentwickelten Kultur alter Kriegsvölker des Nordens.


4.
Wie Isaak von Abraham mit einer Reiterpistole erschossen werden sollte.

Wo der Mensch auch immer schaffte, gern hinterließ er Spuren seiner angeborenen Schalkheit. Nicht die Religion, nicht der Tod, weder Krieg, Seuchen noch Gebrechen, weder Sonne noch Mücke, weder reich noch arm, sind in Dichtung, Wortspiel, in Farbe und Stein von dem willkommendsten der verneinenden Geister, dem Schalk, übergangen worden.

Ein Maler hat z. B. die Belagerung von Jerusalem, die im Jahre 70 nach Christus stattfand, so dargestellt, daß Kanonen und Mörser ihr Feuer gegen die Stadt richten, und daß der Oberbefehlshaber Titus, sowie die übrigen Feldherrn Pistolen im Gürtel tragen.

Noch lustiger ist ein Gemälde in einer Dorfkirche unweit Haarlem, das Opfer des Isaak darstellend. Abraham schwingt als Schlachtmesser eine fürchterliche Reiterpistole über dem Haupt seines unglücklichen Sohnes. Ihr Hahn ist schon gespannt, um auf den Knaben, der auf einem Holzbündel kniet, abgedrückt zu werden. Da erscheint hoch in den Wolken ein Engel, lüftet ein wenig sein leichtes Gewand und verrichtet gleich einem segenspendenden Regen ein kleines Geschäftchen unter dem Himmelsröckchen hervor, gerade so, daß sich ein rettender Strahl naßplätschernd auf die Pulverpfanne der tötlichen Pistole ergießt.


5.
Kannte Moses das Schießpulver, war die Bundeslade ein Laboratorium?

Es gibt eine Reihe von Zeitungen, die alljährlich, wenn der 1. April kommt, in ihren Blättern eine lustige Ecke einrichten, um dort mit der ernstesten Miene allerhand Schabernack zum besten zu geben. Oft geht’s gut, oft fällt aber auch jemand darauf rein, der, wie andere Leute eben nicht daran gedacht hat, daß es sich um einen Aprilscherz handelt.

So erzählte die „Deutsche Uhrmacher-Zeitung“ vor einigen Jahren, daß die hohen Häuser in Amerika, die sogenannten Wolkenkratzer, zum größten Schrecken der Architekten sich allmählich gegen den magnetischen Nordpol der Erde neigten. Selbst ernste Fachblätter gingen auf den Leim und druckten diese schauerliche Tatsache in allem Ernste nach. Wenn ich nun hier an die Leser die Frage gerichtet habe, ob Moses das Pulver gekannt hat, so kann ich mit gutem Gewissen betonen, daß es sich hier nicht um ein Geschreibsel zum ersten April oder um eine Bierzeitung, sondern um die Besprechung einer ganz ernsthaften Schrift handelt. Der Verfasser dieser Schrift, die, wie das Titelblatt sagt, in 5000 Exemplaren über die ahnungslose deutsche Jägerwelt ausgestreut wurde, ist, wie wiederum die Rückseite des Titelblattes meldet, ein Mann, der bereits über das Geld im Verkehrsleben, über Argentinien, über die Schweizerische Nationalbank, über zinsfreie Darlehn, über Geld und Bodenreform und über die Verwirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag geschrieben hat, sein Name ist Silvio Gesell.

Als ich diese Schrift gelesen hatte, stand ich da, wie der gute Zettel im „Sommernachtstraum“, nachdem ihm seine langen Eselsohren abgenommen worden waren, die er kurz vorher noch über seinem Kopf gefühlt hatte. Ich griff auch immer da oben hin und zitierte seine Worte: „Mir war, als wär’ ich, und mir war, als hätt’ ich — aber der Mensch ist nur ein Lump — und Lappenhans, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt’ ich’s.“ Ja, wahrlich, mir war doch, als hätte ich schon so allerhand von der dunklen Geschichte des schwarzen Schießpulvers gehört, das ein Schwarzkünstler namens Berthold Schwarz in seiner dustern Seele ausgedacht hatte, aber von Moses... Kurz, nachdem ich die Gesellsche Schrift gelesen hatte, wußte ich überhaupt nichts mehr. Nicht einmal, wie man einen solchen haarsträubenden Unsinn schreiben, so etwas drucken, so etwas verkaufen und gar so etwas noch lesen kann.

Weil in den Mosaischen Büchern von brennenden Büschen, von leuchtenden Wolkensäulen und anderen Dingen die Rede ist, die mit dem Schießpulver nur das Feuer gemeinsam haben, beglückt uns Herr Gesell mit der Neuigkeit, daß Moses einen den heutigen Sprengmitteln ähnlichen Stoff kannte und zu bereiten wußte, und daß er sich desselben in ausgiebiger Weise bedient hatte. Wie der Verfasser die paar Dutzend Bibelstellen, die er für seine Beobachtung zitiert, „beweist“, will ich durch eine Stichprobe hier vorführen: „Zur Herstellung des Sprengpulvers braucht man Schwefel und Salpeter. Beides aber findet man bekanntlich heute noch in Mengen in Ägypten und Arabien. Zur künstlichen Herstellung des Salpeters brauchte man bis in die neueste Zeit in den sogenannten Salpeterplantagen Blut und Fett, und Moses sorgte dafür, daß ihm das Blut und das Fett all der von einem Hirtenvolke geschlachteten Tiere abgeliefert wurde. Wer von den Juden Fett und Blut der Tiere selbst verbrauchte, wurde ausgerottet. Wozu brauchte Moses solche ungeheure Mengen Blut? Er goß das Blut vor dem Altare aus. Und die Asche enthält Kali (Pottasche), einen ebenfalls zu Sprengmitteln verwendbaren Stoff! Es war also wohl eine Salpeteranlage, die Moses eingerichtet hatte. Vielleicht bereitete Moses auf dem Brandopferaltar, dem ununterbrochen ein dicker Qualm entstieg, Blutlaugensalz, ein Produkt, das auch zu Sprengstoffen dient.“

Warum redet man eigentlich den Jägern nach, daß sie so viel Phantasie hätten? Ist doch noch keiner von ihnen, obwohl er das Pulver täglich gebraucht, darauf gekommen, es schon bei Moses in der Bibel zu suchen.


6.
Das Sprachrohr im Altertum.

Die Engländer schreiben sich die Erfindung des Sprachrohres, durch das man sich noch heute auf See verständigt, unrechtmäßig zu.

Sprachrohr um 875 v. Chr.

In den Trümmern von Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reiches, fand man unter den vielen Darstellungen aus dem 9. Jahrhundert vor Christus, die dort in Stein gehauen sind, auch die hier abgebildete. Es ist eine Militärperson dargestellt, die von einem erhöhten Platz aus durch ein Sprachrohr Befehle erteilt. Aber auch die Araber kannten das Sprachrohr bereits um das Jahr 1550. Erst im Jahre 1671 wurde das Sprachrohr in einer in London erschienenen Schrift unter der Bezeichnung „Sprech-Trompete“ für Marinezwecke bekannt gemacht.


7.
Der Schwimmgurt der assyrischen Krieger.

Den Schwimmgurt wollen die Franzosen erfunden haben. Sie vergessen bei diesem Anspruch, daß wir die Schwimmgurte schon mehr als 2000 Jahre vorher bei assyrischen Kriegern kennen. Es werden nämlich auf einem der großen Alabasterreliefs am Königspalast zu Nimrud, nahe der Hauptstadt Ninive, Krieger dargestellt, die, nur mit dem Helm bekleidet, auf aufgeblasenen Tierbälgen mit der Flotte durch ein Gewässer schwimmen. Ein Lederschlauch führt von diesem Schwimmkissen in den Mund des Kriegers, sodaß sich die Luftfüllung regulieren läßt. Auf diese Weise konnte der Krieger mehr oder weniger untertauchen, um sich Nachforschungen oder den Geschossen des Feindes zu entziehen.

Die assyrische Darstellung, die diesen Schwimmgurt zeigt, stammt aus den Jahren 885 bis 860 vor Christus.

Übrigens war auch den Römern der Schwimmgurt bekannt; denn schon im Jahre 390 vor Christus durchschwamm ein Bote auf einem Korkgurt den Tiber. Und im Jahre 74 vor Christus schwamm ein Soldat mit Hülfe aufgeblasener Lederschläuche zum belagerten Kyzikos.

In den technischen Bilderhandschriften des Mittelalters werden die Schwimmgurte immer wieder unter den Kriegsgeräten abgebildet. Leonardo da Vinci rät gar ums Jahr 1480, daß jeder der eine Flugmaschine über dem Wasser versuchen will, einen luftgefüllten Schlauch als Rettungsgurt tragen müsse. Und an einer andern Stelle empfiehlt er aufgeblasene Lederschläuche, mit deren Hülfe „dies Heer den Fluß schwimmend übersetzen soll“.

Schwimmgurt, um 875 v. Chr.

Einmal versuchte gar ein König, der spätere Kaiser Maximilian I., mit Hülfe eines Schwimmgurtes über den Graben der Burg von Brügge zu entkommen. Sein treuer Diener Kunz von der Rosen war mit einem Schwimmgurt über den Graben geschwommen und hatte dem König einen gleichen Gurt mitgebracht, um ihn aus der Gefangenschaft zu retten. Das so glücklich begonnene Vorhaben mißlang nur, weil aufgescheuchte Schwäne die Wache aufmerksam machten.


8.
Der Widder vor seiner eigenen Erfindung.

In der Kriegstechnik des Altertums spielte ein schwerer Balken von 15 bis 35 Meter Länge, der vorn mit einer starken bronzenen Haube versehen war, eine große Rolle. Man gab dieser Haube häufig die Form eines Widderkopfes. Der Balken wurde von Mannschaften, die unter Schutzdächer standen, gegen die Mauer einer feindlichen Befestigung geschwungen, um diese einzurennen. Die römischen Kriegsschriftsteller berichten über die Erfindung des Widders: „Zuerst soll für die Belagerung der Widder erfunden worden sein, und zwar auf folgende Weise. Bei Caditz nahmen die Karthager (206 vor Chr.) einen Balken, und diesen mit den Händen fortgesetzt schwingend und mit dem oberen Ende fortgesetzt oben gegen die Mauer stoßend, warfen sie die Steinreihen herab. Durch dieses angeregt, stellte ein tyrischer Techniker, namens Pephasmenos, einen Mastbaum auf, hing daran quer einen anderen und brach mit diesem in die Mauer von Caditz Bresche. Der Kalchedonier Geras fertigte zuerst ein Gestell mit Räder darunter, hing an dieses den Widder und brachte von Rindshäuten eine Schutzdecke an, damit diejenigen, die an jener Maschine wären, gesichert sein.“

Unter Alexander dem Großen konstruierte der Ingenieur Diades einen Widder, dessen Balken auf einer Reihe kleiner Walzen lagerte, auf denen er mittels Flaschenzügen hin- und hergezogen wurde. Wir haben es hier also schon im 4. Jahrhundert vor Christus mit einer der erst in jüngster Zeit wieder so beliebten Walzenlagerungen zu tun. Die Walzenlager sind mit den Rollen- und Kugellagern verwandt, und dienen wie diese dazu, die Reibung an Maschinen möglichst zu verringern. Also eine anscheinend ganz moderne technische Idee vor über 2200 Jahren!

Widder, um 875 v. Chr.

Aber, der von den Römern in seiner Erfindung so eingehend geschilderte Widder war im Orient längst bekannt. Wir sehen nämlich auf unserer Abbildung, die von einem der Reliefs am Königspalast von Nimrud in Assyrien stammt, einen fahrbaren Widder dargestellt, dessen in der Höhenlage verstellbarer Balken unter einem sicheren Schutzdach hervor die feindlichen Mauern bereits im 9. Jahrhundert vor Christus erfolgreich berennt.

Feuerwidder, um 1540.

Mit der Einführung des Wassergrabens vor den Festungsmauern verlor der Widder seine praktische Bedeutung. Dennoch fand ich ihn in mittelalterlichen Handschriften häufig wieder. Er hat aber dort sein Wesen anscheinend geheimnisvoll verwandelt. Wir erkennen aus unserer nächsten Abbildung einen solchen Widder nach einer in Berlin aufbewahrten kriegstechnischen Handschrift von 1540. Eine schriftliche Erklärung dieses Widders habe ich noch nicht gefunden. Zunächst fällt es auf, daß der Widderbalken rund ist und hinten nicht aus seinem Wagen herausragt, dann sehen wir, daß aus einem Schornstein des Wagens geheimnisvoller Rauch quillt. Es wird also hinter dem Flechtwerk und den das Dach schützenden Ochsenhäuten — an denen man zur Erhöhung des Eindrucks der Maschine die Schädel gelassen hat — ein Feuer geschürt, das seine große Flamme vorn zu dem metallenen Widderkopf heraussprühen läßt. Vermutlich dient also dieser Feuerwidder weniger zum Anrennen, als zum Anbrennen.


9.
Baumwollene Soldatenkleider im Altertum.

Es ist ein von England aus absichtlich genährter Irrtum, als sei die Baumwolle und deren Bearbeitung von dort aus in die Welt gekommen.

Tatsächlich kannte das Altertum die Baumwollestaude aus Ostindien und Oberägypten, und von dort her bezog man auch die baumwollenen Stoffe. Alte indische Gesetzbücher, deren Abfassungszeit möglicherweise Jahrhunderte vor der christlichen Zeit zurückreicht, sprechen von der Baumwollestaude und deren Kultur.

Herodot, der weltgereiste Geschichtsschreiber berichtet schon im 5. Jahrhundert vor Christus von der indischen Baumwollstaude: „Es tragen dort wilde Bäume statt der Frucht eine Wolle, die an Schönheit und Güte die Schafwolle übertrifft. Die Inder tragen Kleider von dieser Baumwolle.“ Und die Bekleidung des Hülfskorps des Xerxes beschreibt Herodot damals: „Sie hatten Kleider an von Baumwolle und führten Bogen von Rohr und Pfeile von Rohr, an denen oben Eisen saß.“

Durch die asiatischen Kriege wurde die Baumwolle den Römern ums Jahr 190 vor Christus bekannt. Man fand vor mehreren Jahren in christlichen Gräbern Ägyptens, die aus dem ersten bis vierten Jahrhundert stammen, sogar baumwollne Kleider bei den Leichen.

Etwa mit dem Jahre 1700 beginnt die englische Baumwollindustrie.


10.
Ein Feuerrohr im Jahre 424 vor Chr.

Man kann ruhig behaupten, daß schon die alten Griechen mit Geschützrohren, die auf einem Rädergestell lagen, in den Krieg gezogen sind.

Man kann es sogar beweisen. Thukidides berichtet nämlich, das die Böotier, jenes wegen seiner Plumpheit verrufene Volk im mittleren Griechenland, im Jahre 424 vor Christus eine eigentümliche Angriffswaffe in Stellung brachten. Sie bestand aus einem langen, aus Holz ausgehöhlten und mit Eisenreifen umgebenen Rohr, das auf einem Rädergestell lag. Vorn war ein durchbrochenes Gefäß mit glühenden Kohlen angebracht. Auf die Kohlen warf man Pech und Schwefel. Hinten erzeugten Bälge von großen Tieren ununterbrochen einen starken Luftstrom. Infolgedessen entstand vorn am Rohr eine lange, heftige Stichflamme, die von den Böotiern gegen die hölzernen Befestigungswerke der Stadt Delion gerichtet wurde.

Man muß aber zu der Behauptung von einem griechischen Geschützrohr auch die wichtige Erklärung abgeben, in wieweit es sich grundsätzlich von unsern europäischen Schießpulvergeschützen, die nicht vor dem Jahre 1300 erfunden sein können, unterscheidet.


11.
Helmbezüge.

Die „Berliner Zeitung am Mittag“ machte jüngst darauf aufmerksam, daß die Griechen bereits im Jahre 401 v. Chr. ihre blinkende Wehr durch Stoffbezüge gegen den Feind abblendeten. So berichtet Xenophon in der „Anabasis“ beim Zug der Griechen nach Kleinasien. Er erzählt, wie das Heer am 9. März 401 v. Chr. von Sardes über Kunaxa nach dem Schwarzen Meer marschiert. Vor der Königin findet bei Tyriaion eine Truppenschau statt und nun wird beschrieben, wie die Griechen im Paradeanzug erscheinen. Sie marschieren mit blanken Ausrüstungsgegenständen, Helm und Schild usw. auf, haben also die Überzüge, die sie über diesen trugen, abgenommen. Leider läßt sich aus keinem älteren Schriftsteller feststellen, welche Farben diese Überzüge hatten.


12.
Zündete man mit der Sonne?

Als eines der geistvollsten Mittel im Seekrieg des Altertums galt die Erfindung des Archimedes, die Flotte der Athener mit Hilfe großer Brennspiegel zu zerstören.

Man wußte schon im alten Griechenland, daß man mittels der Sonnenstrahlen, die durch ein Brennglas hindurchgeleitet waren, auf einige Entfernung etwas in Brand stecken konnte. Der Lustspieldichter Aristophanes will im Jahre 423 vor Christus in seiner Komödie „Die Wolken“ einen Schuldschein dadurch aus der Welt schaffen, daß der Schuldner sich dem Schein unvermerkt mit einem Brennglas nähert, so daß der Zettel in Rauch aufgeht. Auch die Brennspiegel waren den Griechen mindestens ums Jahr 300 vor Christus bekannt. Aber vom Entzünden einer ganzen Flotte mit Hilfe großer metallener Spiegel ist im Altertum nirgendwo die Rede.

Erst im zweiten Jahrhundert nach Christus berichtet der berühmte griechische Arzt Galenos, daß Archimedes von Syrakus in den Jahren 213 bis 212 vor Christus die Flotte der Athener „durch künstliche Mittel“ in Brand gesteckt habe. Welcher Art diese Mittel waren, wird nicht gesagt. Erst im Jahre 530 nach Christus behauptet Anthemius ohne irgend welchen Grund, hier seien Metallspiegel angewandt worden. Das Mittelalter war ja die Zeit der Behauptungen. Schob man die Behauptung gar noch in die Schrift irgend eines berühmten Mannes ein, so entstand, selbst für die Gelehrten, auf diese Weise eine unantastbare Wahrheit. Kein Mensch verlangte für eine solche Behauptung eine Nachprüfung. Das gerade hat unsere Zeit so gewaltig groß gemacht, daß wir in naturwissenschaftlichen und technischen Dingen alles und jedes sorgsam prüfen. Im Mittelalter lernte man auf den Hochschulen das, und nur das, was berühmte Männer vor Jahrhunderten ausgesprochen hatten. Und daran zweifelte niemand. Unsere Zeit zeigt schon in den Schulen das Experiment, und auf den Hochschulen muß jeder Student alles durch eigene Versuche nachprüfen, was die Wissenschaft heute als richtig anerkennt.

Im Mittelalter ein Jahrhunderte langer starrer Stillstand der Ideen, nur unterbrochen von vereinzelten Großtaten einsichtsvoller Gelehrter. In unserer Zeit dagegen eine ständige Bewegung und Umwertung in der Wissenschaft, die einem tätigen und willensstarken Volk die Wege ebnet, um Neues zu schaffen, wenn das Alte ihm durch die Mißgunst seiner Feinde abgeschnitten wird.


13.
Ein Mehrladegeschütz im Altertum.

Wer von den Geschützen des Altertums sprechen will, muß zwei verschiedene Konstruktionsarten scharf voneinander trennen: Standarmbruste und Torsionsgeschütze.

Die Armbrust ist eine Verbesserung des Bogens unserer steinzeitlichen Vorfahren, einer Waffe, die mindestens schon 25000 Jahre vor Christus bekannt war. Die Führung des Pfeiles geschieht bei der Armbrust durch eine besondere Bahn, und die Sehne wird von einem Mechanismus bis zum Augenblick des Schusses gespannt erhalten. Standarmbruste sind besonders groß gebaute Armbruste, die man auf Böcke frei aufstellen kann.

Bei der Armbrust liegt die Kraft in den elastischen Bogenarmen. Anders bei den Torsionsgeschützen. Diese haben nämlich statt der elastischen Bogenarme starre Knüppel. Die Spannkraft wird dadurch erzeugt, daß man die Knüppel in sehr starke Stränge einsetzt, die aus Tiersehnen oder Frauenhaar geflochten sind. Diese Torsionsstränge werden so stark gespannt, daß die darin steckenden Knüppel nur mittels Flaschenzügen oder anderer Vorrichtungen rückwärts gezogen werden können. Läßt man den Knüppel mittels einer Abzugsvorrichtung los, so schleudert er — einzeln oder paarweis — einen Pfeil oder eine Kugel ab. Selbst bei mittelgroßen Pfeilgeschützen beträgt der Anfangsdruck etwa 24000 Kilogramm.

Diese Torsionsgeschütze wurden etwa ums Jahr 400 vor Christus in Syrakus, wahrscheinlich von syrischen Technikern, erfunden, und alsbald im Festungs- und Seekrieg verwendet. Zuerst schoß man nur mit Pfeilen, später auch mit kleineren und größeren Steinkugeln.

Revolvergeschütz, um 230 v. Chr.

Unter den verschiedenen Verbesserungen, die diese Geschütze im Laufe der Jahrhunderte erlebten, ist diejenige am interessantesten, die ein automatisches Laden ermöglicht. Wir erkennen in unserer Abbildung das auf einer Säule drehbar aufgestellte Geschütz, das auch in seiner Höhenrichtung verstellbar ist. Links, dicht vor der Säule, sehen wir den schweren Holzrahmen, in dem die Spannstränge sitzen. Aus jedem Spannstrang ragt ein starrer Knüppel nach hinten hinaus. Die freien Enden dieser Knüppel sind durch die Sehne verbunden. Die Sehne wird in der Mitte von einem Haken erfaßt und durch Drehung des rechts sichtbaren Kreuzes mit Hilfe zweier Gelenkketten langsam gespannt, bis sie sich in der Abzugsvorrichtung festhakt. Gleichzeitig dreht sich bei diesem Vorgang eine Walze, die in dem oberen bügelförmigen Teil des Geschützes lagert. Über dieser Walze ist ein Behälter für Pfeile angebracht. Die Walze ist mit einer Nute versehen, die genau so groß ist, daß ein Pfeil darin Platz hat. Mithin wird die Walze bei jeder Umdrehung, bei jedem Anspannen der Sehne, in ihrer Nute oben einen Pfeil mitnehmen, und ihn nach unten hin auf die Läuferbahn befördern. So kann der Geschützführer also nach jedem Abzug das Geschütz sogleich wieder spannen, ohne sich um die Ladung zu kümmern.

Die Torsionsgeschütze des Altertums wurden im Mittelalter von einfachen Schleudergeschützen verdrängt. Diese, Bliden genannt, trugen einen senkrecht stehenden Balken auf wagerechter Achse. Diese Achse saß nahe dem unteren Ende des Balkens, wo ihm ein schweres Gewicht, meist ein Kasten mit Steinen, angehängt war. Das über die Achse hinausragende lange Ende des Balkens trug eine Lederschleuder oder einen Löffel für die Steinkugeln. Zum Schuß zog man den langen Balken zur Erde herunter, legte die Steinkugel ein und ließ die Sperrvorrichtung des Balkens los, so daß die Kugel weit weggeschleudert wurde.

Wie die Torsionsgeschütze des Altertums ausgesehen hatten, war völlig in Vergessenheit geraten. Die verschiedensten Versuche, Geschütze wieder herzustellen, waren mißlungen. Erst den unausgesetzten Bemühungen von Oberst Schramm und Professor Schneider gelang es, solche Geschütze wieder entstehen zu lassen. Im Jahre 1904 wurden sie unserm Kaiser vorgeführt. Auf der Saalburg, auf der Hohenkönigsburg, in Goslar und im Berliner Zeughaus kann man jetzt die Geschütze des griechischen Altertums wieder genau kennen lernen.


14.
Über das Rauchen in römischen Legionslagern.

Ein römischer Soldat an einem keltischen Grenzwall, mit Schwert, Schild und Lanze in Feindesland auslugend, die kleine Pfeife gemütlich im Mund.

Ist das ein Kalauer? Ist’s Wahrheit?

Dies Bild ist das Ergebnis aus zahlreichen Funden, die wir in keltischen Siedelungen und römischen Militärstationen von Deutschland, Frankreich, England, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz gemacht haben. Bei den Waffen und Geräten, die aus jener Zeit stammen, fanden sich insgesamt hunderte kleiner Pfeifen aus Ton und Metall. Besonders die Museen der Schweiz sind reich an solchen alten Soldatenpfeifen.

Schwierig bleibt die Beantwortung der Frage, was man sich damals in die Pfeife stopfte, da doch der Tabak erst anderthalb Jahrhunderte später durch die Entdeckung Amerikas in Europa bekannt wurde. Man vermutet, daß man Lawendel oder Hanf rauchte.

Man kann sich für diese Vermutung sogar auf eine Stelle des vielgereisten Herodot stützen, der schon ums Jahr 440 vor Christus sagt: „Die Skythen nehmen die Körner vom Hanf, kriechen unter ihre Filzzelte und werfen Hanfkörner auf glühende Steine. Wenn die Körner darauf fallen, qualmen sie und verbreiten einen solchen Rauch, daß kein hellenisches Dampfbad darüber kommt. Die Skythen aber heulen vor Freude über den Dampf.“ Sicherlich ist hier eine Erquickung am Dampf des Hanfsamens geschildert. Herodot hat den Vorgang wohl nicht genau beobachtet, oder man hat erst in späterer Zeit das erquickende Einfangen des Rauches praktischer, und vor allen Dingen tragbar gestaltet, indem man das Pfeifenrohr erfand.

Es scheint sogar, daß man auch im Mittelalter die Pfeife noch vereinzelt kannte. Es fanden sich nämlich vor einigen Jahren in der aus dem elften Jahrhundert stammenden Kirche von Hubeville und im Kloster von Corcumare in Irland zwei Figuren, die Männer in Gewändern der Karolingerzeit darstellen. Beide Figuren halten kurze Pfeifen zwischen den Zähnen.

Und in einem Gedicht über die Eroberung von Valencia aus dem Jahre 1276 findet sich wieder eine Andeutung, daß das Rauchen schon damals von den Soldaten geschätzt wurde: „Man sagt von dem Lawendel, daß er die Eigenschaft besitzt, den Schlaf zu vertreiben und dem Kraft zu geben, der ihn raucht, weil er die Feuchtigkeit des Gehirns austrocknet und auf diese Weise eine große Widerstandsfähigkeit entstehen läßt.“


15.
Kriegs-Brieftauben.

Aus vielen Stellen der Bibel und aus andern hebräischen Schriften läßt sich schließen, daß die Verwendung von Tauben zur Beförderung von Briefen etwa 1000 Jahre vor Christus im Morgenland schon gebräuchlich war. Die Griechen kannten die Brieftaube etwa ein halbes Jahrtausend später; denn Anakreon, der Dichter der Liebe und des Frohsinns, läßt die Taube damals sprechen: „Ihm muß, wie du siehst, ich jetzt die Briefchen der Liebe tragen.“ Die Römer kannten außer Tauben auch Schwalben als Briefboten.

Brieftauben, phantastischer Holzschnitt von 1488.

Die erste militärische Taubenpost wurde im Jahre 43 vor Christus von Brutus, dem hinterlistigen Freund des großen Cäsar, bei der Belagerung von Mutina — dem heutigen Modena in Italien — eingerichtet. Der ältere Plinius berichtet uns darüber: „Decimus Brutus schickte bei der mutinensischen Belagerung Briefe, die er an die Füße von Tauben gebunden hatte, in das Lager der Konsuln. Was nützte nun dem Antonius der Wall, die Wachsamkeit des Belagerungsheers und selbst die im Fluß ausgespannten Netze, da der Bote durch die Luft ging?“

Während des ersten Kreuzzuges wurde zwischen Rodvan und dem Herzog von Lothringen im Jahre 1098 bei Aleppo eine militärische Taubenpost eingerichtet. Die erste vollständig organisierte staatliche Taubenpost richtete Nur-Eddin im Jahre 1171 in Syrien ein. Unser kleines Bild zeigt eine Taubenpost nach einem Holzschnitt des Jahres 1488. Die Darstellung entstand nach den Handschriften einer Reiseerzählung des Johann von Mandeville etwa vom Jahre 1360.

Übrigens hat man in diesem Jahre vergessen, eines Ereignisses zu gedenken, das vor hundert Jahren, am 18. Juni 1815, stattfand. Das Bankhaus Rothschild in London hatte Brieftauben bei der englischen Armee, und diese überbrachten ihm noch am Abend jenes Tages die Nachricht vom Sieg über Napoleon I. Dadurch war Rothschild am nächsten Tage auf der Londoner Börse der einzige, der um diesen für Englands Weltmachtstellung entscheidenden Sieg wußte. Das Haus Rothschild soll durch diese Brieftaubennachricht damals Riesensummen an der Börse verdient haben.

Während der Belagerung von Paris erfand Dagron den mikrophotographischen Brieftaubendienst. Man photographierte jede einzelne Depesche mikroskopisch klein. Eine Taube konnte 18 dünne Kollodiumhäute in einer Federpose aufnehmen. Auf diesen Häuten waren insgesamt 50000 Depeschen zu je 15 Worten photographiert. Auf der Empfangsstation wurden die mikroskopischen Bilder durch einen Vergrößerungsapparat auf eine weiße Wand geworfen, so daß man sie gut lesen konnte.


16.
Die Armbrust im Römerreich.

Die Armbrust, die wichtigste Schußwaffe im Mittelalter, ist auch schon im Altertum bekannt gewesen. Vermutlich kam sie auf Handelswegen aus dem chinesischen Reich in die römische Kolonie von Südfrankreich. Wir finden sie dort in zwei verschiedenen Formen auf Grabdenkmälern abgebildet. Meine Zeichnung gibt die Figur auf einem dieser Grabdenkmäler wieder.

Armbrust des 1. Jahrhunderts.

Den Römern war auch noch eine besonders große Art der Armbrust bekannt, deren Sehne man nur dadurch spannen konnte, daß man sich mit dem ganzen Gewicht des Oberkörpers auf einen besonderen Schieber der Armbrust lehnte. Man nannte sie deshalb damals „Bauchspanner“.

Ums Jahr 1100 war die Armbrust so sehr vervollkommnet worden, daß das zweite lateranische Konzil und dem Papst Innozens II. ihre Verwendung im Jahre 1139 gegen Christen verbot. Nur gegen Heiden durfte diese furchtbare Waffe damals noch verwendet werden..... Genutzt hat das Verbot nichts.


17.
Der erste fliegende Mensch?

Es ist oft über die Frage gestritten worden, welcher Mensch zuerst geflogen sei. Soweit wir die Geschichte bis jetzt kennen, läßt sich schon von einem Flugversuch im Jahre 67 nach Christi Geburt berichten. Viele altchristliche Schriftsteller erzählen uns, wie damals unter Kaiser Nero ein Zauberer namens Simon einen Flug durch die Luft versucht habe. Dieser Simon wird ja auch im 8. Kapitel der Apostelgeschichte als gefährlicher Zauberer erwähnt. Die großen Kirchenschriftsteller kommen außerordentlich oft auf die Erzählung von dem Flug des Simon zurück. Einige berichten, daß Petrus in dem Tun des Simon eine Verhöhnung und Nachahmung der Himmelfahrt Christi gesehen habe, und daß der Flug durch das Gebet Petri vereitelt worden sei. Deshalb habe Kaiser Nero den Petrus gefangen gesetzt und später kreuzigen lassen.

Unter der christlichen Legende, die sich so allmählich herausbildete, liegt eine geschichtliche Tatsache verborgen, die uns auch von den heidnischen Schriftstellern der damaligen Zeit bestätigt wird. Im Herbst des Jahres 67 versuchte Simon im großen Zirkus zu Rom in Gegenwart des Kaisers Nero einen Schwebeflug von einem hohen Gestell herab. Er stürzte jedoch dabei und kam so nahe beim Kaiser zu Fall, daß dessen Gewand vom Blut des Fliegers bespritzt wurde.

Im Mittelalter finden wir Simon in der Magussage wieder fliegend. Auch der Zauberer Faust, dessen Erzählung sich auf diese Magussage aufbaut, wird verschiedene Male als Flieger geschildert.

So läßt denn auch Goethe seinen Faust wieder fliegen. Die betreffende Stelle ist allgemein bekannt, jedoch ihrem Sinne nach wenig beachtet. Erinnern wir uns, daß Goethe diese Stelle im Jahre 1783, also während der Aufstiege der ersten Luftballone in Frankreich schrieb. Goethe verfolgte diese Luftfahrten damals mit größtem Interesse, und bereute sehr, daß er früher gewisse Experimente nicht weiter verfolgt habe, weil er jetzt sah, „wie nahe ich dieser Entdeckung gewesen“. Und er empfand „einigen Verdruß, es nicht selbst entdeckt zu haben“.

Als Goethe nun 1783 die ursprüngliche Gestalt seines Faust-Dramas umarbeitete, schuf er — in Erinnerung der Flugsage von Magus Simon und unter dem Eindruck der französischen Luftfahrten — eine neue Szene.

Kurz nachdem der Schüler das Studierzimmer verlassen hat, tritt Faust auf und fragt den Mephisto: „Wohin soll es nun gehn?“, und später: „Wie kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?“

So spießbürgerlich denkt Faust sich die Fahrt mit dem Teufel. Dieser aber antwortet:

Wir breiten nur den Mantel aus,

Der soll uns durch die Lüfte tragen.

Ein bischen Feuerluft, die ich bereiten werde,

Hebt uns behend von dieser Erde.

Jetzt erkennen wir, daß Goethe den Mephistopheles hier von der Hülle des Luftballons als Mantel sprechen läßt, und daß die Feuerluft, die darunter bereitet wird, die Warmluft oder das Gas der Luftballone sein soll.


18.
Das Blasrohr als Waffe.

Im alten Rom verwendete man das Blasrohr, mit dem heute unsere Kinder gern schießen, zur Vogeljagd. Als Byzanz, das heutige Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Kaiserreiches war, und man das gefürchtete, in seiner Zusammensetzung nicht mehr genau bekannte, griechische Feuer gegen den Feind zu schleudern verstand, verwendete man auch Blasrohre unter der Bezeichnung „Hand-Siphone“, um dieses Kriegsfeuer dem Feind auf kürzere Entfernung entgegen zu schleudern. Auch benutzte man Blasrohre im Jahre 1108, als die Byzantiner bei der Belagerung von Durazzo gegen die Normannen kämpften. Weil die zeitgenössischen Nachrichten nur kurz von „Rohren“ sprechen, glaubte man früher, die Byzantiner hätten Kanonen mitgeführt. Es handelt sich jedoch nur um Blasrohre, aus denen man Geschosse warf, die aus Harz und Schwefel gegossen waren, und die sich an einer besonderen Vorrichtung beim Verlassen der Blasrohre entzündeten.

In Deutschland ist das Blasrohr wohl nie im Krieg verwendet worden; denn Albertus Magnus, der vielseitige Kölner Gelehrte, verstand ums Jahr 1250 die Beschreibung der Blasrohre nicht, die er in einem zeitgenössischen griechischen Schriftsteller fand. Nur beim Aufkommen der Gewehre wurde ums Jahr 1422 einmal angeregt, ein Blasrohr mit Schießpulverladung zu konstruieren.

Eine große Verbreitung hat das Blasrohr bei den Eingeborenen in fast ganz Amerika. Es finden sich Exemplare bis zu 5,5 Meter Länge. Manche dieser Waffen sind sogar mit Visier versehen. Die Schußweite beträgt bis zu 50 Meter, und als Geschosse werden gern vergiftete Pfeile verwendet. In Hinterindien, Sumatra, Malakka und auf Borneo verwenden die Eingeborenen Blasrohre als Waffe. Auf Borneo ist den Blasrohren manchmal eine Lanzenspitze als Bajonett aufgesetzt.


19.
Wie die Luftballone des Mittelalters entstanden.

Wenn einmal eine Luftschiffzeitung, wie dies andere Fachblätter schon seit Jahren tun, eine Aprilnummer herausgeben würde, möchte sich da ein Artikel „Wie man im alten Rom den Drachen steigen ließ“ oder „Wie man im Mittelalter dem Aufstieg eines Luftballons zusah“ nicht gut ausnehmen?

Gemach! Auch der scheinbar größte Widersinn wird unter der kritischen Betrachtung des Geschichtsforschers leicht aufgeklärt. Tatsächlich kannte man im alten Rom so etwas wie den Luftdrachen und im Mittelalter etwas ähnliches wie den heute im Kriege wohlbekannten, wurstförmigen Fesselballon von Parseval.

Der sagenhafte Drache galt für eine riesige Schlange. Die Römer lernten von fremden Völkern ein „Drachen“-Feldzeichen kennen, das auf einer Stange getragen wurde. Es hatte einen metallenen, weit aufgesperrten Rachen und einen aus Fellen zusammengenähten, schlangenartigen Leib. Wenn der Wind in den offenen Rachen dieses Drachenfeldzeichens blies, wand sich der Leib so, als sei das Tier lebendig. Auf der berühmten Trajanssäule in Rom werden diese Drachenfeldzeichen mehrere Male deutlich abgebildet, und sie sind uns auch von einigen Schriftstellern der Römer klar beschrieben. Auch wissen wir, daß diese Drachen später von den Persern und gar den Indern ins Feld mitgeführt wurden.

Deutsche Ritter im 9. Jahrhundert auf nächtlichem Kriegszug —
Der Spitzenreiter trägt ein Drachenfeldzeichen vorauf,
das einen Feuerbrand im Rachen hält.

Die hier abgebildete Malerei eines Drachens stammt aus einer überaus wertvollen Handschrift der Bibliothek in St. Gallen, und zeigt einen deutschen Ritter, der seiner Truppe einen Drachen voraufträgt. Auffallend ist an dieser Malerei, daß der Drache Feuer speit. Man gab also dem Feldzeichen, um es bei Nacht sichtbar zu machen, einen Feuerwerkskörper ins Maul.

Hierbei mußte sich die an sich einfache Tatsache zeigen, daß der ganze Drache leichter wurde, und mit seinem hohlen Leib nach oben hin strebte; wurde doch die Luft in dem sackförmigen Leib erwärmt, als sei dies ein Luftballon. Wann und wo man diese Tatsache beobachtete, ist nicht erwiesen. Außer unserer, oben wiedergegebenen Malerei, die etwa aus dem Jahre 850 stammt, wissen wir, daß die Chinesen im Jahre 1232 einen Feuerdrachen aufsteigen ließen. Auch aus der berühmten Mongolenschlacht von Wahlstatt bei Liegnitz, am 9. April 1241, wissen wir durch den Chronisten, daß die Mongolen einen Feuerdrachen benutzten, um die Christen zu erschrecken.

Diese Feuerdrachen auf Stangen wurden im Lauf der Zeit von den Kriegstechnikern so verbessert, daß sie als Luftballone frei schwebten. Wann und durch wen das geschah, wissen wir leider noch nicht.

Als ich meine Ansicht von den Luftballonen im Mittelalter vor etwa zehn Jahren zum erstenmal in der Fachpresse aussprach, wurde ich verlacht. Inzwischen konnte ich soviel Belege für das Vorkommen dieser Luftflugzeuge beibringen, daß auch die ärgsten Zweifler verstummt sind. Hier kann ich nur andeuten, daß sich Darstellungen und Beschreibungen solcher Luftdrachen in der Zeit von 1405 bis 1648 an vielen Stellen fanden.

Die wichtigste Stelle findet sich bei dem süddeutschen Kriegsingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt, von dem wir noch mehr hören und sehen werden.

Zwei Seiten aus der kriegstechnischen Handschrift des Ingenieurs Konrad
Kyeser von Eichstädt aus dem Jahr 1405. Rechts der Drachenballon am
Fesselseil. Links oben die Petroleumlampe zum Drachenballon. Unten ein
Krieger, der eine Büchse mittels des Gluteisens abschießt.

[❏
GRÖSSERE ANSICHT]

Zu der hier wiedergegebenen, äußerst feinen Miniaturmalerei, die uns einen Reiter zeigt, der an einer kleinen Winde einen riesigen Drachen freischwebend lenkt, berichtet uns Kyeser genau über die Herstellung und den Auftrieb: Der Drache soll aus Pergament, Leinen und Seide angefertigt und bunt bemalt werden. In dem offenen Maul trage der Drache ein kleines Glas, das mit Petroleum gefüllt und mit einem baumwollenen Docht versehen sei.

Militärischer Signalballon um 1540 mit Winde und Fesselseil.
Der Drachenballon ist mit 2 Stabilisierungsflächen und Steuerschwanz
versehen. Im Maul trägt er die — übertrieben gezeichnete —
brennende Lampe zur Erhitzung der Luft im Innern. Nach einer
Malerei in Codex german. fol. 94 der Königlichen Bibliothek
zu Berlin.

Die Petroleumlampe wird also die im Drachen eingeschlossene Luft erwärmen, und den Drachen schwebend erhalten. Da er an einer Schnur festgehalten wird, wird auch der Wind gegen seine Fläche blasen, und ihn, gleich unsern Kinderdrachen emporheben. Die Warmluftfüllung wurde zu den Luftballonen auch angewandt, als man diese im Jahre 1782 in Frankreich wieder aufs neue erfand. Erst später ging man zur Gasfüllung über.

In den verschiedenen Malereien, die ich in späteren Handschriften von solchen Kriegsdrachen entdeckte, finden sich immer wieder neue Verbesserungen. Besonders wichtig sind größere Flügel, die man seitlich am Leib des Drachens anbrachte. Sie dienen dazu, das Fahrzeug in der Luft ruhig zu erhalten, oder wie wir heute sagen, zu stabilisieren. Dann finden sich Raketen auf dem Rücken des Drachens so angebracht, daß ihre Gase nach hinten hin gewaltsam ausströmen, mithin den Drachen in der Luft vorwärtsbewegen. In zwei Handschriften fand ich den Drachen so groß dargestellt, daß sein Seil an einer in die Erde gerammten Winde gehalten werden mußte.

Ja, es muß damals sogar schon einen Streit der Meinung über das „unstarre“ und das „starre“ System gegeben haben; denn in einer Handschrift vom Jahre 1453, die sich im Besitz des Großen Generalstabes zu Berlin befindet, ist der Drache mit einem großen, walzenförmigen Leib dargestellt, der ersichtlich durch innere Reifen aufgespreizt wird, sodaß annähernd die Form eines „Zeppelin“ herauskommt.

Wie das meiste Wissen der Kriegstechnik, blieb auch dieses ein Geheimnis der Kriegsingenieure. Deshalb finden wir in der gedruckten Literatur nur verhältnismäßig spät Angaben über hohle Drachen mit innenstehenden Lampen. Und wo man solche Bemerkungen ums Jahr 1650 gedruckt findet, läßt sich aus den dürren Worten entnehmen, daß man die Bedeutung dieser Luftdrachen längst nicht mehr kannte.

Starrer Warmluftballon, 1453.
Der Zeichner, der diese rohe Darstellung ausführte, verstand nicht
den Sinn der Darstellung und ließ daher das Seil zwischen Winde
und Drachen weg. Dafür mußte er der Winde — man vergleiche
deren Form in der voraufgehenden Abbildung — eine riesige
Abmessung geben.

Unzweifelhaft wußten aber die Kriegsingenieure des ausgehenden Mittelalters, daß man einen gewöhnlichen Drachen hohl gestalten und ihn mit Hülfe der Wärme eines Lichtes leichter steigen lassen konnte. Sie bezweckten mit diesem Drachen wohl die Durchführung von Signalen auf weit sichtbare Entfernungen.

Beachten wir, daß auch der Parsevalsche Drachenballon durch Winddruck und leichte Füllung zugleich steigt, daß er, wie die Ballone des Mittelalters, einen Steuerschwanz, Stabilisierungsflächen, ein Halteseil und eine Erdwinde benötigt.


20.
Fall-Petarden.

Ehe man die hochexplosiblen Sprengstoffe kannte, spielte die Petarde, die man auf feindliche Schiffe fallen ließ, im Kriegswesen eine Rolle.

Da wir heute aus Luftfahrzeugen wieder den Feind „von oben her“ bekämpfen, interessiert es, etwas von jenen alten, eigenartigen Fallgeschossen zu hören.

Anna Komnena, die gelehrte Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I., berichtet uns, daß die Seeschlacht vor Durazzo im Jahre 1081 durch die Venetianer dadurch entschieden wurde, daß man einen schweren, mit eiserner Spitze versehenen Holzblock von einer Segelstange aus in das feindliche Führerschiff fallen ließ. Der Schiffsboden wurde von dieser kalten Fallpetarde durchschlagen, das Schiff sank, und die übrige Flotte von Guiscard, dem Beherrscher von Mittelitalien, hielt nicht mehr stand.

Der erste, der das Schießpulver zu einem solchen Fallgeschoß verwendete, war der Ingenieur Joseph Furttenbach, nachmals Stadtbaumeister und Ratsherr von Ulm. Furttenbach zählt zu den ersten Artilleristen Deutschlands. Er hatte in Italien, wo er mit dem großen Galilei befreundet war, und bei den deutschen Lehrern des Artilleriewesens Georg Hoff und Hanns Feldhaus studiert. Furttenbach empfiehlt, daß man auf einer Segelstange des Führerschiffes einen ausgestopften Vogel sehen lasse. Dieser soll das Zeichen sein, daß man von den anderen Schiffen „einen Pettardo“ fallen lasse, um auf diese Weise dem feindlichen Schiffsboden „ein übel geproportioniertes Loch, welches nicht so leichtlich als wie die gebohrten Löcher“ zu verstopfen sei, beizubringen.


21.
„Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.

Im Schloß zu Sondershausen steht seit Jahrhunderten die hier abgebildete Bronzefigur. Ihrethalben wurde ein gewaltiger Strom Tinte vergossen. Man nannte diese ums Jahr 1550 ausgegrabene Figur: Pustericius, Beister, Büster, Beustard, neuerdings Püstrich. Weit vielartiger als der Name sind die angeblichen Verwendungszwecke dieser solange rätselhaft gebliebenen Figur. In Zeitschriftenartikeln, gelehrten Abhandlungen und sogar in besonderen Büchern hat man alle möglichen Erklärungen für diesen kleinen Bronzeknaben versucht. Er sollte sein: „Ein von christlichen Geistlichen gebrauchtes Schreckbild zur Erreichung von Gaben“ oder „Eine Gottheit der alten Deutschen“ oder „Ein Werkzeug zur kräftigen Beschützung Kaiser Friedrich I. oder auch einiger Raubschlösser“ oder „Ein Gott der Slaven“ oder „Ein Destillierapparat eines Brandweinbrenners“ oder „Eine Gießkanne“ oder „Die Sockelfigur eines Taufbeckens“.

Der Sondershausener Püstrich.

Uns interessiert hier besonders die Nachricht, wie man es sich vorstellte, daß diese kleine Figur für ein gefährliches Kriegswerkzeug gehalten werden konnte. Der Püsterich ist 57 cm hoch, wiegt etwas über 35 kg und stellt einen Knaben in knieender Stellung dar. Bauch, Brust und Kopf sind im Verhältnis zu den Armen und Beinen übermäßig stark. Die Haartracht und auch die übrigen Merkmale deuten auf das 13. Jahrhundert als Entstehungszeit hin. Die Figur ist hohl und mit zwei kleinen Löchern versehen. Das eine Loch sitzt im Mund, das andere neben dem Scheitel im Haar.

Weil Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in der Nähe des Fundortes dieses Püstriches einmal Hoflager gehalten hat, soll die Figur ihm „als Schutzmann“ gedient haben. Sie habe hoch auf dem Berge gestanden, „rings um sich Feuer ausgeworfen, und mit glühendem Regen und Auswürfen die Feinde des Kaisers so abgehalten, daß keiner sich demselben habe nähern können“. Diesen Unsinn berichtet Praetorius im Jahre 1683. Tentzel weiß 1689 vom Püstrich zu sagen, daß dieser vor langen Zeiten auf der Rotenburg gestanden habe, wo nicht allein die heidnischen Pfaffen, sondern später selbst die christlichen Mönche mit ihm das leichtgläubige Volk erschreckt und gezwungen haben sollen, ihn mit mancherlei Gaben zu besänftigen. An diesen Unsinn glaube er — Tentzel — aber nicht, sondern er halte den Püstrich für ein Verteidigungswerkzeug des Raubschlosses Kyffhausen. Der Püstrich habe dem Besitzer mittelst seiner Feuerauswürfe und der dadurch erfolglos zu machenden feindlichen Anfälle sehr wohl als Verteidigungswerkzeug dienen können.

Die beiden alten Gelehrten bekämpfen hier einen Unsinn mit dem andern.

Ich selbst habe den Püstrich niemals für etwas anderes gehalten, als für einen Dampfbläser, für eine im Mittelalter beliebte Spielerei, die man auf Schlössern im Kaminfeuer benutzte. Als ich meine Meinung vor einigen Jahren öffentlich äußerte, wurde ich gerade von Sondershausen aus maßlos spöttisch angegriffen. Nun wiegt aber bei wissenschaftlichen Erklärungen nicht die Menge des Spottes, sondern allein das Gewicht des Beweismaterials. In Sondershausen hat man sich nämlich neuerdings wieder in einer Stadtgeschichte dafür festgelegt, daß der Püstrich ehemals eine der Tragfiguren eines Taufbeckens gewesen sei. Den Schein eines Beweises hat man nie erbracht. Jeder Kunstverständige, der die zierlichen, fromm gebeugten Figuren großer Taufbecken kennt, muß mitleidig lächeln, wenn jemand vier solcher Mißgeburten unter ein Taufbecken setzen will.

Der Püstrich ist weder ein Taufbeckenträger, noch ein Kriegswerkzeug, noch eine Gießkanne, sondern, wie ich schon sagte, ein Dampfbläser. Albertus Magnus, der berühmte Gelehrte des 13. Jahrhunderts sagt uns nämlich: „Man nehme ein starkes Gefäß aus Erz, das innen möglichst gewölbt sei und oben eine kleine Öffnung, und eine andere wenig größere im Bauch hat. Und das Gefäß habe seine Füße so, daß sein Bauch die Erde nicht berühre. Es werde mit Wasser gefüllt und nachher durch Holz kräftig verschlossen an jeder der beiden Öffnungen. Man setzt es auf ein starkes Feuer, dann entsteht Dampf im Gefäß, dessen Kraft durch eine der beiden verschlossenen Öffnungen wieder hervorbricht. Bricht sie oben hervor, so wirft sie das Wasser weit zerstreut über die umliegenden Stellen des Feuers. Bricht sie unten hervor, dann spritzt die das Wasser in das Feuer und schleudert durch den Ungestüm des Dampfes Brände und Kohlen und heiße Asche weit vom Feuer über die Umgebung. Man nennt deshalb auch ein solches Gefäß gewöhnlich sufflator und pflegt es nach der Gestalt eines blasenden Mannes zu formen“.

Diese von mir aufgefundene Stelle beschreibt also ganz deutlich die Figur eines Püstrichs. Die Weltbedeutung der Schriften des Albertus Magnus gab mir die Gewähr, daß ich solche Püstriche auch in späteren Jahrhunderten wieder erwähnt finden würde. Und so kam es denn auch. Ich fand die Püstriche nicht nur bei Leonardo da Vinci und in den Handschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure beschrieben, sondern sogar mehrfach abgebildet. Und ich fand außer dem bronzenen Püstrich in Sondershausen noch weitere Püstrichfiguren aus Bronze in den Museen zu Wien, Hamburg und Venedig.

Der deutsche Kriegsingenieur Konrad Kyeser, von dem wir noch eingehend hören werden, bildete im Jahre 1405 einen Püstrich ab, von dem er folgendes sagt: „Dieser Kopf, der, wie du ihn hier abgebildet siehst, in seinem Mund Schwefelstaub hat, zündet eine Kerze, so oft sie ausgelöscht wird, immer wieder an, wenn sie seinem Mund genähert wird, schießt der Feuerstrahl heraus.“ Und an anderer Stelle läßt Kyeser den Püster sprechen: „Ich bin Philoneus, aus Kupfer, Silber, Erz, Ton, oder Gold gefertigt. Ich brenne nicht, wenn ich leer bin. Doch halte mich mit Terpentin oder feurigem Weingeist gefüllt an das Feuer, so sprühe ich, erwärmt, feurige Funken mit denen du jede Kerze anzünden kannst.“

Statt der Wasserfüllung des Albertus Magnus kennt Kyeser hier also eine Weingeistfüllung. Im Prinzip genau den gleichen Apparat verwenden wir heute als Lötlampe.

Nun wird es uns auch erklärlich, wie man den Püstrich von Sondershausen als ein Kriegsgerät des Kaisers Barbarossa bezeichnen konnte. Es war im Volk noch das Wissen der alten Kriegsingenieure lebendig geblieben.


22.
Unterseeboote in der altdeutschen Dichtung.

Aristoteles, der Denker des Altertums, dessen Schriften ihren Einfluß so lange und tief auf das Geistesleben des Mittelalters ausübten, wie kein anderes Werk des heidnischen Altertums, Aristoteles ist auch derjenige, der den Gedanken an unterseeische Arbeiten über anderthalb Jahrtausend allein lebendig hielt. Der große Stagirite, „der Fürst aller Philosophen“, dessen Einfluß erst im 16. Jahrhundert gebrochen wurde, berichtet nämlich in seiner Schrift über die mechanischen Probleme, daß die Elefanten mit Hilfe ihrer aufgerichteten Rüssel auch noch unter Wasser atmen können. Dabei vergleicht er den Elefantenrüssel mit den Hilfsmitteln zum Atmen unter Wasser, deren sich die Dauertaucher bedienten.

Diese Stelle regte immer wieder spekulative Köpfe an, es mit Entwürfen zu Unterseearbeiten zu versuchen. In der deutschen Sage ist, nach Grimms deutscher Mythologie, die Rede von Wasserhäusern, tief unter der Oberfläche. Goethe lehnt sich im zweiten Teil seines Faust daran an, wenn er den Mephistopheles vor dem Kaiser von der „prächt’gen Wohnung in der ew’gen Frische“, von einem unterseeischen, gläsernen Palast gaukeln läßt.

In zwei mitteldeutschen Volksbüchern tritt uns alsbald die Beschreibung von Tauchapparaten und Unterseebooten entgegen. Einmal in dem Volksbuch von „Salman und Morolf“, das andere Mal in der „Geschichte des großen Alexanders“. Salman und Morolf ist ein deutsches Spielmanngedicht, das auf einem verlorenen byzantinischen Roman fußt, der wiederum auf jüdischen Erzählungen aufbaut. Die erhabene Weisheit des Königs Salomo wird in der Dichtung immer mit den rohen Späßen seines Gegner beantwortet. So wird auch erzählt, wie Morolf der Königin einen wüsten Streich spielt. Salman beschließt daraufhin, den Morolf gefangen zu nehmen. Dieser aber hatte sich ein „schiffelin“ angefertigt, auf dem er entwich. Der König Salman rüstete nun eine Flotte von 24 Galeeren und verfolgte den Morolf:

ehe Morolf es dann wurde gewahr,

da war er mit 24 Galeeren umfahren.

nun ist umgeben Morolf, der Degen.

Er muß mit großer List

fristen sein Leben.

Da Morolf das ersah,

daß er mit 24 Galeeren

nun umgeben war,

Da gab er seine List kund:

vor ihrer Angesicht

senkte er sich nieder auf den Grund.

Eine Röhre in das Schifflein ging

Damit Morolf den Atem fing.

Die Dichtung sagt weiter, daß das Schiffchen mit Leder überzogen und mit Pech verdichtet war, und daß es seinem Erbauer gelang, sich in diesem unterseeischen Fahrzeug volle vierzehn Tage vor seinen Verfolgern verborgen zu halten. Wir werden nachher sehen, wie lange es dauerte, bis der von dem Dichter erwähnte Luftschlauch in der Praxis allgemein wurde.

König Alexander in der gläsernen Tauch-Tonne auf dem
Meeresgrund. Miniatur-Malerei von etwa 1320.

In der Geschichte des großen Alexanders, die zu den meistgelesensten Volksbüchern des deutschen Mittelalters gehört, wird gleichfalls ein Tauchversuch beschrieben. Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts berichtet der wegen seines physikalischen Wissens von seinem Orden hart bestrafte englische Franziskaner Roger Baco: „Man kann Instrumente herstellen zum Tauchen ohne irgendwelche Gefahr, wie Alexander der Große solche Vorrichtungen herstellen ließ.“ Baco schreibt also dem historischen König der Mazedonier, nicht dem diesem nachgebildeten Helden des mittelalterlichen Romans, die Kenntnis von Tauchapparaten zu. Der Romanheld Alexander aber ist der, der alles wagt, alles glücklich vollbringt.

So taucht er ins Meer hinab, um — wie er sagt — „zu messen und zu ergründen die Tiefe des Meeres, auch darin zu sehen und zu erfahren die wilden Meerwunder“. Dieser Gedanke ließ ihn weder ruhen noch rasten und zwang ihn so sehr, daß er ihm nicht mochte widerstehen. Da berief er die besten Sternseher und Geometer, die er hatte, und auch gute Meister der Alchemie, und bat sie, eine Truhe zu machen, dadurch man sehen könne, und die fest und stark sei und nicht leicht zerbrechen könnte. Das taten denn auch seine getreuen Meister und machten ihm einen starken Kasten gar gut mit Eisen gebunden und überzogen mit gesalbten Ochsenhäuten. Darinnen waren mit köstlicher List viele Fenster gemacht, daß kein Wasser hineindringen konnte. Der Kasten war an eine lange eiserne Kette gehängt. Darauf verabschiedete sich der König von seinen getreuen Rittern, ging in den Kasten, nahm etliche Speise mit und ließ sich versenken in das Meer, das man Ozean nennt, bis zu 30000 Klafter Tiefe. Da sah er mannigfache Gestalten, gebildet nach den Tieren der Erde, die gingen auf dem Grunde des Meeres herum. Und er sah Meerwunder, die so wild waren und sich so grausamlich stellten, daß er es gar nicht zu erzählen vermochte.

Soweit der wesentliche Inhalt der Stelle über diesen Tauchversuch im Alexander-Roman. Sowohl in einer Brüsseler, als einer Berliner Pergamenthandschrift dieses Volksbuches findet man Miniaturmalereien des 13. Jahrhunderts über diesen merkwürdigen Vorgang. Die altfranzösische Überschrift in unserer, dem Berliner Exemplar entnommenen Abbildung lautet in der Übersetzung: Wie Alexander sich versenkt in das Meer in einer Tonne aus Glas. Der Hintergrund des Bildes ist oben von einem Teppichmuster überspannt. Davor sehen wir ein kleines Schiff, von dem aus zwei Männer den König in seiner Glastonne an vier Stricken ins Meer hinabgelassen haben. Zwischen Schiff und Meeresboden wimmelt es von allerlei Fisch- und Tiergestalten. Greulich-groß schwimmt ein Wallfisch mit bösem Blick gerade über dem Glasfasse dahin. Der königliche Held sitzt in vollem Ornat, mit Krone und Zepter, dicht unter dem Einsteigedeckel seines Tauchapparates auf einer Bank und beschaut beim Schein zweier Lampen, die links und rechts neben ihm hängen, die Wunder ringsumher. Auf dem Meeresboden gibt es vierfüßige Tiere, grünende Bäume und fischfressende Meermenschen.

Der Tauchversuch aus dem Alexander-Roman wurde um die Mitte des 14. Jahrhunderts in der Weltchronik des Rudolph von Ems noch in einer weit originelleren Weise in drei Malereien dargestellt, und natürlich dort auch wieder dem historischen Alexander zugeschrieben. Als Tauchgefäß dient eine große, gläserne Kugel, die an einer Kette befestigt ist. Im ersten Bild wird die Kette von der Königin in einem Schiff gehalten, und der König hat sich sogar seine Haustiere mit in die Tiefe hinabgenommen. In dem zweiten Bilde, wo der König auf dem Meeresboden Rast macht, wird sein Fahrzeug von häßlich gestalteten Meerwundern mit Tier- und Menschenköpfen bedroht. Im letzten Bild entsteigt der König seinem unterseeischen Fahrzeug. Diese Darstellung hat sich der Maler besonders leicht gemacht, indem er nur einen schmalen Spalt an der Kugel geöffnet erscheinen läßt.

Während der König noch den linken Fuß aus der Spalte herauszieht, erzählt er bereits seinen Getreuen von dem, was er unten auf dem Meeresboden gesehen.

Später ging die Darstellung des Tauchversuches auch in die Druckausgaben des Alexander-Romans über; so findet man z. B. die Abbildung in der Straßburger Ausgabe von 1488. Die schönen Glasgefäße der Handschriften sind zu häßlichen nüchternen Kästen zusammengezezichnet worden.

Daß der im Volk durch die Dichtungen lebendig gebliebene Glaube an die Möglichkeit unterseeischer Arbeiten nicht nutzlos verloren gegangen war, erkennen wir aus einer Reihe von Darstellungen in Werken alter Kriegstechniker. Es sind Göttinger, Dresdener und Münchener Handschriften aus der Zeit von 1405 bis 1460, die uns verschiedentlich die praktische Anwendung der in den Volksdichtungen gegebenen Anregungen zu Tauchversuchen zeigen.

Leider ist seit einer Reihe von Jahren die einzige, in Stuttgart aufbewahrte Handschrift von Salman und Morolf, worin, wie wir hörten, vom Luftschlauch die Rede ist, mehrerer ihrer Malereien beraubt worden. Unter diesen befindet sich ersichtlich auch die Malerei über das Unterseeboot Morolfs.


23.
Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.

Im Alexanderroman wird auch erzählt, wie der König eine Luftfahrt unternahm.

Als ich die künstlerische Darstellung dieser Luftfahrt vor Jahren in der Berliner Handschrift des Alexanderromanes sah, hätte ich sie beinahe nicht beachtet, weil doch von einer Luftfahrt oder von irgend einem andern technischen Problem auf den ersten Blick nichts zu sehen ist. Ich sah nur einen König auf seinem Thron sitzend, und das erschien mir nicht besonders erachtenswert. Erst die altfranzösische Überschrift des Bildes machte mich neugierig. Es heißt dort nämlich: „Wie Alexander sich läßt tragen in die Luft von Vögeln, die man Greife nennt.“

Der ganze Hintergrund ist wiederum durch einen großen Vorhang abgedeckt, vor dem sich folgendes ereignet. Zwei Gruppen von würdigen Hofleuten schauen empor und deuten durch die Sprache ihrer Hände an, daß sie etwas verwunderliches sehen. Ihre Blicke sind auf einen Thron gerichtet, auf dem der König Alexander wieder im Königsornat sitzt. An dem Thron bemerken wir lange, seitlich herausragende Stangen, und an die Stangen sind geflügelte Tiere mit den Beinen festgebunden. Die Blicke aller dieser Tiere sind mit gierigen Augen auf die große Lanze gerichtet, die der König zum durchbrochenen Dach seines Luftsitzes hinausgesteckt hat.

Eine königliche Luftfahrt nach einer Miniaturmalerei
von etwa 1320.

Der Text zu dieser Malerei erzählt uns folgendes Erlebnis des Königs: „Da gedacht ich, wie ich an den Himmel rühren möchte und ließ mir bereiten eine starke Sänfte, die gut mit Eisen beschlagen war. Daran hieß ich Stangen machen, und band daran gezähmte Greife. Und ich hatte eine lange Stange, daran war den Greifen ihr Essen gemacht. Diese Stange konnte ich zu den Greifen und von ihnen wegrücken. Ich ließ die Greife von ihrer Speise kosten. Darnach reckte ich die Stange in die Höhe; weil aber die Greife meinten, sie könnten ihre Speise erlangen, schwangen sie ihr Gefieder: da erhoben sie sich mit der Sänfte von der Erde. Ich aber reckte die Stange mit der Speise empor, die greiffen flugen nach und fürten mich so hoch in die lufft, das ich weder wasser noch erden gesehen mocht.“

Nun erzählt Alexander weiter, wie er in den Lüften schwebt und unter sich blickte. Er war so hoch, daß ihm die Erde wie eine kleine Kugel erschien! Köstlich ist es zu lesen, wie der König wieder abwärts flog. Er neigte einfach die Stange „unter sich“, und die Greife „sanckten sich zu tal“. Als seine Getreuen ihn wieder in der Luft sahen, eilten sie auf Dromedaren in schnellem Lauf herbei. Sie mußten aber zehn Tagereisen bis in eine wilde Wüste zurücklegen, ehe sie ihren König erreichten. Von dort aus führten sie ihn getreulich, fröhlich und wohl gesund wieder zu seinem getreuen Volk. Da erhob sich große Freude und Wonne, denn das ganze Volk hatte große Angst und großes Leid um den König gelitten; denn sie meinten und besorgten fast, daß er nimmer wieder zu ihnen kommen würde. So wurde denn diese Sorge und Angst in große Freude und Wonne verkehrt.


24.
Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.

Je nach Laune behauptet und bestreitet man, daß der Franziskaner-Mönch Berthold Schwarz, dessen Familienname vor dem Eintritt ins Kloster Konstantin Ancklitzen gelautet habe, der Erfinder des Schießpulvers ums Jahr 1354 gewesen sei.

Als ich die vorstehende Behauptung, die jeder wohl schon einmal, wenigstens bruchstückweise, gehört hat, vor Jahren kritisch untersuchte, blieb an ihr auch nicht ein wahres Wort. Ich sagte mir, daß die Kriegstechniker des Mittelalters diesen Mann am besten gekannt haben müssen, diesen Mann der durch seine Taten die ganze Kriegstechnik in neue Bahnen zu weisen vermochte. Und so fand ich denn in einer Reihe von Handschriften, deren älteste etwa bis zum Jahre 1420 zurückreichen, einen gewissen Bertholdus auch stets erwähnt. Ich kann deshalb folgendes über diesen Mann auf Grund jener alten Schriften sagen:

Der schwarze Berthold, nach einem Kupferstich
von 1584.

Ein deutscher Mönch im Kloster der Bernhardiner hieß Berthold der Schwarze. Er hatte studiert und sich mit der Alchemie beschäftigt. Bei einem seiner Experimente benutzte er die damals schon bekannte Schießpulvermischung. Es erfolgte zufällig eine gewaltige Explosion, und so kam Berthold zu einer Verbesserung der Mischung, deren Wesen von ihm bei weiteren Untersuchungen „ganz erneut gesucht und gefunden wurde.“ In Verbindung hiermit verbesserte er auch die Kunst aus Büchsen zu schießen. Das geschah im Jahre 1380. Der Berthold aber ist, „vonn wegen der kunst die er erfunden und erdacht hat, gerichtet worden vom leben zum todt im 1388. Jar.“

Diese Angaben lassen sich mit den übrigen geschichtlichen Tatsachen ganz gut in Einklang bringen. Eine so weltumgestaltende Erfindung, wie Geschütz und Schießpulver, konnte nicht von einem einzigen Manne ausgehen. Die einzelnen Erfinder sind überhaupt sehr rar, wenn man ihre Leistungen kritisch betrachtet. Fast immer stehen sie auf den breiten Schultern voraufgehender Männer. So auch dieser Bertholdus. Er faßte wohl die Technik des Schießpulvergeschützes auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen einheitlich zusammen, trat für diese Erfindung ein, machte sie in weiten Kreisen bekannt, wurde von seinen Gegnern der Zauberei angeklagt, verfolgt und hingerichtet. So wurde aus dem Märtyrer einer Idee im Volksmund ein Erfinder.

Daß der Bertholdus aus Freiburg im Breisgau stammt, wird erst im Jahre 1599 ganz zufällig und ohne Angabe irgend eines Grundes angenommen. Dort setzte man ihm ein Denkmal.


25.
Eine geheimnisvolle Leiter.

Strickleiter, die
man zum Hinaufsteigen
verwenden kann.
Zeichnung von etwa 1480

Als ich an einem trüben Herbsttag mit der elektrischen Taschenlampe die äußersten Winkel des alten Klosters absuchte, in dem das berühmte Germanische Nationalmuseum in Nürnberg untergebracht ist, entdeckte ich in einem Kreuzgang unter der Decke eine zusammengerollte Strickleiter, die mir verdächtig schien. Mir geht es wie dem Kriminalschutzmann: alles was mir auf meinem Gebiet begegnet, ist mir verdächtig. Ich muß die kleinsten Einzelheiten mißtrauisch betrachten.

An jener verstaubten Leiter fielen mir blaue Quasten auf, die am Ende der Sprossen angebracht waren. Eine Leiter ist schließlich kein Sofakissen, an dem man als Zierrat Quasten anbringen mag. Ich holte die Leiter herunter und fand, daß die Quasten nur an einer Seite der Leiter angebracht waren, und daß sie dort scheinbar Löcher zu verbergen hatten, die in die Sprossen gebohrt waren.

Nach einiger Betrachtung fand ich, daß in diese Löcher starke Stifte paßten, die an der anderen Seite der Leiter an jeder Sprosse saßen.

Betrachten wir zunächst das nebenstehende Bild, das uns die Konstruktion schneller klar macht. Wir sehen eine Strickleiter mit starren Sprossen. Links trägt jede Sprosse eine Bohrung; rechts je einen Stift. Die Stricke zwischen zwei Sprossen sind so lang, daß man den Stift der zweiten Sprosse in die Bohrung der ersten stecken kann. Steckt man dann die dritte Sprosse auf den Stift der zweiten, und fährt so fort, so erhält man eine lange Stange. Auf diese Stange steckt man zuletzt den großen Haken (in der Zeichnung sind die zu diesem Haken führenden Seile zu kurz gezeichnet). Man kann also den auf der Stange sitzenden Haken auf eine Mauer auflegen. Zieht man alsdann an der untersten Sprosse, so werden die Stifte aus den Bohrungen herausrutschen und es kommt eine Leiter zustande.

Es ist dies also eine Strickleiter, die auch zum Aufsteigen benutzt werden kann, während die gewöhnliche Strickleiter nur zum Absteigen verwendbar ist.

Jüngst fand ich eine solche Steckstrickleiter schon in einer im Wiener Hofmuseum befindlichen Handschrift vom Jahre 1435 abgebildet. Ums Jahr 1620 findet sich diese Leiter mit einer Vorrichtung dargestellt, durch die man den Haken wieder von der Mauer entfernen kann, wenn man an einem dritten Strick zieht. Man brauchte also die Leiter dem Feinde nicht zu überlassen, wenn der Aufstieg mißlungen war.


26.
Das erste Kriegsbuch in Deutschland.

Am 28. August des Jahres 1405 vollendete der aus Franken stammende Ingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt ein Prachtwerk, in dem er alles zusammentrug, was zur technischen Kriegsführung seiner Zeit geeignet war. Über drei Jahre lang wurde an der kostbaren, auf Pergament geschriebenen und mit mehreren hundert Malereien gezierten Reinschrift gearbeitet. Diese Reinschrift war für Kaiser Rupprecht von der Pfalz bestimmt; sie wird heute auf der Universitätsbibliothek in Göttingen aufbewahrt.

Kyeser gibt seinem Werk den lateinischen Titel Bellifortis, womit er andeuten will, daß der Besitzer dieses Buches zum Krieg besonders gestärkt sei. Zu Anfang seiner umfangreichen Einleitung betet Kyeser: „O höchste Weisheit, verleihe mir Klugheit, bis ich die scharfsinnigen Pläne zu Ende geführt habe, durch die der ganze Erdkreis mit wilder Tapferkeit bezwungen wird.“

Soll man nicht glauben, diese Worte wären ein halbes Jahrtausend später für uns geschrieben? Doch hören wir noch weiter, was Kyeser in seiner lateinischen Widmung des Werkes zu sagen weiß.

Soll das Buch zunächst dem Kaiser gehören, so vergißt Kyeser doch nicht, es auch den berühmten Herzögen, den äußerst kriegstüchtigen Landgrafen, den glänzenden Rittern, den hochherzigen Heerführern, den kühnen Hauptleuten, den kraftvollen Kapitänen, den ausdauernden Soldaten und andern Ständen zuzueignen.

Seine deutsche Heimat liebt Kyeser über alles: „Rühmt sich Indien seiner Edelsteine, Arabien seines Goldes, Ungarn seiner schnellen Pferde, Italien seiner List (!), England seines Reichtums, Frankreich seiner Vornehmheit und Freundlichkeit (?): so ist Deutschland wahrlich berühmt durch seinen entschlossenen, starken und tapferen Soldatenstand. Wie der Himmel sich mit Sternen schmückt, so leuchtet Deutschland hervor durch seine freien Künste, wird geehrt wegen seiner mechanischen Kenntnisse und zeichnet sich aus durch vielerlei Gewerbe, deren wir uns billig rühmen. Im übrigen ist unser Heer über die ganze Erde berühmt geworden; denn als die Erhebung vieler Nationen die Augen auf sich zog, die gesetzliche Ordnung störte, und die Wage des Rechts aus dem Gleichgewicht brachte; da handeln wir Deutschen nicht also; wir sind nicht von Sinnen, und leiden nicht an jener geistigen Schwäche, daß wir uns nicht lieber von der Wahrheit leiten, als von der Falschheit betrügen ließen, und nicht dem Kaiserthron, der uns von höchsten Wesen für ewige Zeiten übertragen und bestimmt war, lieber durch Gerechtigkeit schützen, als durch Ungerechtigkeit wanken machen.“

Als Kyeser dies niederschrieb lebte er als Verbannter in den böhmischen Wäldern. Weshalb er verbannt war, was er sich im Wechsel des Krieges hatte zuschulden kommen lassen, wissen wir nicht. Nachdem er sein Buch vollendet hatte, bleibt er für uns verschollen.

Aus dem vielseitigen Inhalt seines Werkes sei in den folgenden Abschnitten einiges herausgenommen.


27.
Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.

Eine Malerei in der Kyeserschen Handschrift zeigt den Angriff auf eine Burg. Rechts erkennt man, wie die aufgeklappte Zugbrücke mittels eines besonderen langen Hakens gefaßt wird, um sie dann an Stricken herabzuziehen. Währenddem die Belagerten so vom Feinde beschäftigt werden, nähern sich der Burg Krieger von der anderen Seite zu einem „Angriff mittelst Körben, die bis zu den Lenden herabreichen und gleichmäßig aus grünem Holz hergestellt sind.“

Maskierungen, 1405.


28.
Unterstände im Jahre 1405.

„Hier kannst du einen Zugang kennen lernen, der aus schief ineinander greifendem Flechtwerk hergestellt wird und in den Graben herausragt. Er schützt die darin Verborgenen und bewahrt sie vor den Fährlichkeiten des Krieges. Darunter treten die Greise, die Führer und die Unerfahrenen.“

Unterstände in einem Graben.
Malerei aus der Kyeserschen Handschrift vom Jahr 1405.


29.
Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.

Die Umständlichkeit, mit der man die ersten Geschütze laden mußte, hatte eine äußerst geringe Feuergeschwindigkeit zur Folge. Unter einer Viertelstunde konnte man selbst ein kleines Geschütz nicht laden, und bei größeren dauerte es über eine Stunde und mehr. Deshalb lag der Gedanke nahe, mehrere Rohre im geladenen Zustande so auf einer Drehscheibe oder um eine Walze anzuordnen, daß man eines nach dem anderen schnell abschießen konnte.

Kyeser zeichnet verschiedene derartige schnellfeuernde Geschütze. Am interessantesten ist die kleine Malerei, die ein „revolvendus“ schießendes Drehgeschütz zeigt. Wir erkennen eine starke hölzerne Walze, die auf einer Achse drehbar lagert. Seitlich ragt aus dem Holzklotz ein Hebel heraus, sodaß man die Walze bequem drehen kann. Kyeser sagt: „Dieser große mit sechs Büchsen versehene Block ist in besonderer Art drehbar. Nach dem ersten Schuß dreht er sich, es folgt der zweite, und so fort. Dadurch werden die Feinde getäuscht, die nach dem ersten Schuß keinen weiteren erwarten.“

„Revolver“-Geschütz, 1405.


30.
Sprenggeschosse von Anno 1405.

Kyeser zeichnet uns hier Sprenggeschosse. Sie sind mit Schießpulver gefüllt und entweder mit starkem Leder umnäht (oben rechts), oder fest umschnürt (Mitte): „Fülle diese Sprenggeschosse mit Schießpulver; ein Feuerstrahl wird aus ihnen hervorstürzen, alles zerstören, was er erreicht: so richtet man großen Schaden an.“

Kyesers Sprenggeschosse, 1405.

Wir hören von Kyeser auch, wie der Aberglaube der Zeit noch in der Praxis steckt. Es soll nämlich nach der Kyeserschen Vorschrift Salpeter in eine Eierschale geladen, und diese ins Feuer gelegt werden. Pulverisiert man dann die Eierschale, „und mischt sie mäßig dem Pulver bei, und ladet damit ein Sprenggeschoß, so wird das Geschoß zerspringen.“