Franz Marc / Briefe

Franz Marc

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen

Erster Band

1920
Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin

Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14
Herbst

L....,

habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung Saales; wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe immer noch auf Belfort über Épinal.

Gruß Euch beiden, N’s — — — — —

In Sâles, 2. Sept. Nachm.

Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant * * * zusammen (der Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich hinein bis Remomeix (vor Dié), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße Saales-Dié ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in Sâles gibt es gar nichts mehr. Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in’s Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in Sâles beobachten; „Wallensteins Lager“, aber in echt. Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir biwakieren.

Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. — — — — — —

6. Sept. 14.
La croix aux mines
bei Laveline

Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf’s allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.

— — —
— Fz.

10. Sept. 14.

p. L. Eben las ich an diesem stillen Tage L’histoire des Girondins (Lamartine), das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.

11. Sept. Früh.

L. M.

gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. Der bedeutete offenbar den Schluß des 1. Kapitels meines Feldzuges. Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel Laveline-La croix (Col du Bonhomme) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung Saales) ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in Colroy in einem Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von Colroy sein. Schickt jetzt natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen.

Grube, Samstag, 12. Sept. 14.

L....,

Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von Lubine über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von St. Dié nach Urbais 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. Wir gingen über Urbais hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher — Selbstverständlichkeiten — d’autrefois. Ob wir nun nach Schlettstadt-Belfort kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?

Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.

L.... M....,

heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;

— — — — —

Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, weil die „Ereignisse“ mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die „Aktion“ hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, — im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, — oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der’s doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, — aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, — ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht’s doch noch eher! Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.

Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, — — — — —

22. IX. 14.

L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.’s und von Dir) vor cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, — bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. — ich werde solche Dinge selbst besorgen können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, — man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles äußerst empfänglich.

Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!

Aus Straßburg, 24. Sept. 14.

Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von Saales aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem „Löwenbräu-Ausschank“ und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im „Roten Hahn“ in München säße — und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden!

Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue.

Sei du und Maman herzlich umarmt von

Eurem Fz.

Streichle Russi und die Rehe von mir.

Lubine, 30. Sept. 14.

Liebe Maria,

heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie den Berg bei Lubine ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt.

Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. — Also Saales brennt an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in Bowy-Bruche. Alles muß nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie zu entgehen.

Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt immer, sie drücke auf St. Dié und Épinal herunter, um den uns hier bedrängenden französischen Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! — Meine Lektüre sind hier alte französische Journale (Juli 14, ohne die leiseste Vorahnung des Krieges; — es ist tragisch, an das ahnungslose schöne Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. —

So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von dem Herbst, den man sich vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht.

Ist die Hanni wieder ausgerissen?

— — —

Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl interessanter, sobald ich wieder gesund bin.

2. Okt. 14.

L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht mehr Jägerkaserne, sondern Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9. Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch viel mehr die Stadt „Perle“ als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich, ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder hinauszugehen, muß ich mich ganz gesund fühlen, sonst thu ich es nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf. Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den Frostnächten springen sie auf und fallen ab.

4. Okt. Sonntag.

Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, daß unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden!!! (näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre.

Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.

Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett beginnen.

8. Okt. 14.

L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde „hinter der Front“ arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das Wetter ist himmlisch schön.

11. X. 14 Schlettstadt.

Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, — sechs Wochen bin ich nun schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen „Nachessen, mit Rotwein“. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug, — Straßburg etc. — Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. Das Ungesagte wird im Beschauer zum Wort. Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, — ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das gemalt, — gebaut ist.

[1] Filippo Mazzola, Auferstehung — und Straßburger Meister, d. Hl. Konrad von Konstanz.

11. Okt. 14.

— Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch tausendmal schöner.

Also von nun an wieder Truppenadresse.

Schlettstadt, 13. X. 14.

Liebste,

siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von Lubine) reiste und war ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem ich ihn zeigte, mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!

— — — — —

Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die „exakten Wissenschaften“ denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.

Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar Ried darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf — Aidling, Riegsee — Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, — heute bedeutet das für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort predigen; oder in der Schweiz, — ich selbst bin aber mehr Deutscher geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber kein Maler! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich ihn habe. Das sind meine Sorgen!

Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist’s ja gut, aber es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem Schrecklichen, — es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten. Bleib nur jetzt recht lang in Ried.

Seid beide herzlichst gegrüßt ....

Schlettstadt, 15. X. 14.

L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen. Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die „Wissenschaft“ denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er muß aber gefunden werden und nicht au détriment des sciences, sondern in voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, — sie ist das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.

Schicke Exemplar der „Vossischen“ an Köhler (mit ein paar Worten, daß ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute.

Morgen geht’s wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, — ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben, — ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und ungeheuer sicheres; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. — — — — — — —

Ich warte hier jedenfalls Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. — Heut saß ich genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, wo ich weggehe.

17. X. (Sonntag).

L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. Gorze ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung Chamblay. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. — Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.

Buxières 19. X. Montag.

Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach St. Bénoit-Vigneulles, von da aus mit Fouragewägen südlich bis Buxières, wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen soll.

In Eile!

Gorze, 17. 10. Sonntag.

Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach St. Bénoit, wo das Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.

Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls darauf. — Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei Gorze 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. — Hier in Gorze liegen frische Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz unthätig, — ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt, die deutsche Sache steht gut!

Hagéville, 20. X. 14.

Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, — so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, gute leichte Zigarren (die Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von Deinen Likören. — Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!

Hagéville, 23. X. 14.

Ach Liebste,

Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich dazu stellen soll, — letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, — und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu allem reif, zu jedem Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich ganz allein. Gewiß hast Du mit * * * recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche Erstlingsthat, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und „auf gut deutsch“ mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so „fernen“ Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu durchschauen. Du schreibst ja auch ganz richtig über * * * und ihn — Slaven; aber bei * * * darf man seine That nie vergessen.

— — — — — —

Grüße und streichle die Rehkinder

— — — —
— Frz.

Sonntag 25. X. 14.

Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die Batteriebereiche zu drängen.

Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt verloren zu sein, und zwar beim Brand von Saales, bei dem 8 große Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, daß französische schwere Geschütze Saales plötzlich in Brand geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in Buxières, wo der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden. Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich behandelt. —

Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter.

H...., 30. 10. 14.

L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues; wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es geht mir famos.

Hagéville, 1. Nov. 14.

Liebe Maman, heut an „Allerheiligen im Felde“ schicke ich Dir einen kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der „Altweibersommer“, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd (einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen; letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; — — — — — Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von D. Frz.

Hagéville, 11. XI. 14.

Liebe Maman, jetzt wird’s allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien, Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche zu erleben, — nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, kann es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier kein Soldat. — — — — —

Hagéville, 16. XI. 14.

L....,

heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht. — Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist — meines Wissens wenigstens — unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, — und mit den Jahren wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.’s in Pflege zu geben, damit die Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.’s, oder wo Ihr ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im Hause und Garten, und Welf, den wir brauchen, wird nicht ganz närrisch und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen darf, hat er genügend Bewegung.

— — — — —

Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 „Züge“ à 3 Wagen. Ich bin als Unt. Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn’s hell wird, gehe ich vis-à-vis ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen, je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. —

Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein Schokoladepaket von Münter. — — — — —

Mit dem * * * bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der Geist der Stunde ist es wert.

Hagéville 18. XI. 14.

L....,

unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, — kein Vergleich mit den Vogesen!).

Das in den amtlichen Berichten angegebene „langsame Vorrücken“, kleine Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht; alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.

Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. In den Dörfern dampfen die Misthäufen, — Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch. Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!

Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn * * *, den ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er ist seit einigen Wochen hier, als „Schreiber“ bei der Abteilung. Er ist ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große Wohltat ist.

— — — — —

Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, — ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, — so wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre.

Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch am meisten die — Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz verzehrt! Ausgezeichnet mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin froh, daß er mir widersteht, — um so größere Wohlthat war mir Euer Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund — — — — —

Hagéville, 23. XI. 14.

L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens möglich sind, — letzteres wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.

Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher geringer, als als Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, — man muß einfach Glück haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den Kolonnen, selbst den schweren Artillerie-Kolonnen weit größer als jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden, man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. — Sehr nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht * * *’s Antwort. — Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? Thut es bitte. — Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! via Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne Störung.

Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur Backwerk und dergl. — Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und macht mich gesund.

5. Dez. 14.

L. M.,

heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber ich denke wohl aus gutem Zinn, — (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich’s mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt.

Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand französisch kann als ich, hab ich’s gern übernommen. Hagéville kann sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! — Ich bin nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen; allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös — ungeduldig. Ruhe zum Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche Thätigkeit fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich übrigens gar keine, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich „unnötig“ hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine Arbeit und an’s Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht sein.

Hagéville 11. Dez. 14.

L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung einer angegriffenen Stellung bei Pont-à-Mousson (südlich Metz, lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser Hagév. Quartier zurückkehren und ich — soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant * * *, der immer sehr nett zu mir ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein; ich dachte auch an Dich, — Du wolltest sicher lieber, daß ich im stillen Hagéville bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab Mars-la-Tour verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier. Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, — die sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.

Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich wieder alles in Ruhe in Hagéville versammelt! Wir sind in den letzten 8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm in einem Veteranenverein, — alte Leute, die sich nicht gern in ihrer Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! — Also sei nicht ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, — vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, — vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!

Gute Weihnachten! — — — — —

H, den 13. Dez. 1914.

L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß draußen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei * * *, der sich wohl darin auskennen wird.

Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer bleiben. Monate zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann ist alles gut. — Draußen ist ein elendes Schweinewetter; meine Kameraden haben’s nicht gut. Und ich sitz hier gemütlich im Trocknen; ich hab halt „Glück“, wird Maman sagen.

H, den 15. Dez. 1914.

L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen ziehen wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie füllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! Meine harmlose Aufgabe hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststück. Die Armeeabt. Gaede, der wir jetzt angehören, resp. die Division Fuchs, ist eine Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich gar nicht. Ich sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu können; denn am ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden.

Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher — zurück — kommt, also alles beim alten bleibt. Ich glaub’s nicht; warte jedenfalls bestimmte Nachricht ab, ehe Du Briefe mit neuer Adresse schreibst.

Metz 16. Dez. 14.

L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon gemütlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. — — Wir haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider nicht dabei, kommt also am Postweg nach — aber wann?!

Gute Weihnachtstage!

Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend.

L.,

nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz Marc.

Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was „Kaserne“ ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. warst; ça pue, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In den Ställen in Hagéville konnte man die armen Tiere kaum im Stall satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt, nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde gelegt und im trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in Stellung war und glänzend geschossen hat, kehrt morgen schon wieder siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch dieses kurze „scharf schießen“ dieser Batterie einen neuen Lorbeer errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz, Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen den Ausschlag gegeben haben.

Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für das eau de Cologne, das mir recht wohlthun wird. Also den Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur um August werden wir zwei immer trauern.

Ich habe in den 3 stillen Hagéviller Tagen scharf an meinem Gedankengang gearbeitet, — nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel.

Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und das kleine Bäumchen von Lasker. — — — — —

Mühlhausen, 22. XII. 14.

L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch erklärt, — es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen, wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung setzte. Daran denke ich gar nicht. — — — — —

Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig ist, — solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! — Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren den Maler Helmuth ansahen, — ist es nicht komisch? — — — — —

M., 23. XII. 14.

L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, — Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr liberal die Kolonne versorgte. — Wir hatten gestern ein kleines Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General F., der sehr entzückt schien über „die Bayern“. Es scheint mir sehr sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist’s ganz recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird mir — politisch gedacht — immer rätselhafter, der selbstmörderische Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten „Fehler“ in der Politik. Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, wenn auch unsere „Interessen“ ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr ich’s verlange!

Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute, zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich. Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich immer und kann mir kein Bild davon machen.

Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk an mich, an uns beide. — — — —

Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.

L.,

ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an mein Leben und unsre Zukunft — und Vergangenheit denken. Vergangen ist so viel in diesem Jahre! Das Haus „Hinter der katholischen Kirche“, das Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, — die Frauen sind überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar nicht heim — schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen, was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, — Du wirst es auch sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, viel seltener sogar. — Was mir das Soldatenleben schwer machte, (— es wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß. Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie. Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen, meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und Schwere, — wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube immer noch an ein plötzliches Nachgeben der Franzosen, an das „Wunder“ auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn hier liegen englische strategische Interessen. Am Anfang war das anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die Russen und Franzosen in der Offensive versagt haben, ist der Plan und die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr. England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung aller Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16. Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte genau mit den Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es wohl auch so sein. Frankreich kann nicht mehr lange standhalten. Ich glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die Ereignisse schneller kommen würden; aber kommen werden sie und mit ihnen der Tag, wo man „das Ganze halt!!“ blasen wird. Dann komm ich wieder!

Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues Jahr uns allen!

27. Dez. 14.
Bertschweiler (südlich Gebweiler)

L.,

ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man, wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen. Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen und Städtchen, die man kennen lernt, der „Impressionismus“. Wir glauben nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch. Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf das Wiedersehen harre.

Neujahr 1915.

Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: „leicht und unter schweren Verlusten für den Feind“) zurückgewiesen. So war es vor Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im Osten. Die 42 stehen alle an der Küste, dort oben wird die Entscheidung fallen, — wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.

Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und heimkomme! Um unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. — — — — —

— — — — — Fr.

2. Jan. 15.

L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die „Gänge des Duells!“, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er „Ruhe haben will“ und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als „Strafe“ schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel! — Alles Liebe und Gute — — — — —

Bertschweiler, 3. Jan. 15.

L.,

— — — — — — Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und während sie eilt, „steht“ der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. — Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, — es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das Wie des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund — — —

7. Jan. 15, abends.

L.,

endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich’s nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg wären alle diese Gedanken nicht „denk“bar, z. T. noch gar nicht vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee.

— — — — — Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der Luft, aber es ist immer wie im März.

11. II. 15.

L.,

hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen.

Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für alle Teile; der ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der ganze Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist mir nie bang, — aber was wir am äußeren Reich erleben werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!

Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht hinein, aber auch allen Mut.

Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft, ich bin auf der Alm!

— — — — — Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. — — —

20. Februar 15.

L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen Photographie von außen, Fenster rechts der Türe, ich beilege, in dem es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn Du es abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen setzen könnte, — oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern — tant mieux! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist, sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, das Buch ernst, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und nicht als „Literatur“. — — — — —

Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, — aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder muß es eben. Ich schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der Ergänzung durch meine ungemalten! — Werke. Nun hast Du wieder „Stoff“ zum Leben.

Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.

21. Februar 1915.

L.,

morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und nachkorrigiert, — ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. — Von Lasker bekam ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer „Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen“. Sie war sehr krank. — — — — —

14. III. 15.

L....,

heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, wenn der Schnee weg ist! — Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine schöpferischen Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, vor sich arbeiten.

— —
Fz. M.

17. III. 15.

L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner „Tierschicksale“. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche Bilder vor dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern.

Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich und Ried und die Rehe — über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.

— —
Dein Frz.

27. III. 15.

Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die — Neugierde. Ich werde allgemach Zuschauer dieses tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit * * *’s!! usw. mache ich freilich nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und als „Klang“ äußerlich ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun haben. — — — — — Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den Plänen von * * *) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge „bilden“. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach’s, dessen Musik im Grunde den Hörer nicht braucht, — im Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im Zuhörer lebt und auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers meiste Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna’s Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren Bildes.

Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei * * * vermisse. Du verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal einen Komponisten spielen zu hören. — — — — — — — — — — —

— —
Dein
Frz.

28. III. 15. Palmsonntag!

Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es erlebt haben.

Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. * * * dient bei mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), * * * ist hier Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, — alle sind so und so oft im Krieg vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße „Situationen“, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie „sieht“. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher richtiger) Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes Erlebnis, keine Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden; vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch des Lebens, der „möglichen Situationen“. Ich verstehe jetzt auch die vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.

In acht Tagen ist Ostern, — verleb es friedlich und glücklich. Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei Dir und allem was zu unserm Leben gehört sein. —

Mit liebem Osterkuß

Dein
Fz.

29. III. 15.

L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig über Deinen Widerspruch bin, sondern nur dankbar. Über Kunst kann man nicht „reden“, höchstens über die Mittel. Es wird gewiß mein Fehler in den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren, während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber daß die „Form“ von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft, neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, — ohne das geht’s nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst. Das Werk freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn nichts an, auch unsre „Mittel“ nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß ich die Aphorismen eigentlich nur für mich geschrieben habe, und Du errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von meiner „Romantik“, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin sehr neugierig auf Tolstoi. Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer Zweck in der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch viel über alles schreiben: — Schreib mir einmal: ist * * * produktiv? schafft er wirklich oder lebt er nur rein? Ist er ein mehr passiver oder aktiver Geist?


Dein Frz.

30. III. 15.

L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und machen mich sehr glücklich. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche Verbindung mit dem Ziel; einer der nur lebt, und in Reinheit wie ein Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein produzierender d. h. „sich quälender“ Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von Kunst; ich habe bei meinem Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine „Sünde wider den heiligen Geist“ ist, über die Form nachzudenken, — das ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die Form gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir in ihren reinen Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu machen getraue (ich will es auch gar nicht), — während mir sentimentale oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine Musik sentimental gespielt, gar keine Freude macht, schon aus dem Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner, unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade deswegen unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, wie ein Rokokozierat, sehr reines Kunstgewerbe. Das gibt es freilich heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es chinesisch, wenn ich 1915 lebe, — 1915. Das ist so wahr, aber leichter gesagt als gethan, nämlich das „1915 leben“! Dazu muß man vielleicht die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig viel umfassen; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum Schaffen kommen, weil sie vielleicht zu rein und keusch sind), sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich: daß der „Betrieb“ meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. Der Gedanke an ihn ist mir gräßlich.

Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was kostet; das macht nichts.

Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute ist, — das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird. Gerade reine Kunst denkt so wenig an die „andern“, hat so wenig den „Zweck“, die Menschen zu einigen wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und ganz „für sich“! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber; verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi’scher Gedanken; ich verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach jahrelanger Pause; aber lies Du jetzt einmal — Nietzsche: Jenseits von Böse und Gut — Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte (bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, sondern zunächst und vor allem meine freudige Zustimmung zu dem künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein Weckruf; und dann kurze verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind. Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. — — — — —

Ostersonntag 15.

L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem fruchtbaren „Osterwasser“, das doch auch von jeher als besonders heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen, so gründlich und feiertägig, als wir nur können. — Was ist wohl mit Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich — unten, (Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben, wie es damit steht.

Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein paar Blümchen hinein.

6. IV. 15.

L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz, vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst dachte ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen Fühlen kommen und mich immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir „äußerlich“; wörtlich genommen ist es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das „lebendige Gefühl“, von dem Du immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu kurz, um sie an die „Welt“ zu verschwenden. Was ich in Artikel I schrieb, scheint mir noch immer nicht „ein unwahrer Trost“, wie Du ihn zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer und der Reinigung. K. hat wohl insofern recht, daß der Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um „ins Reine“ zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die sterbenden Krieger sind nicht häßlich. Da trügt Dich Dein Gefühl, weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut es Dir möglich ist, wenn Du sein „Bild“ nicht ertragen kannst, aber erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar etwas sehr Großes und Furchtbares.

Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief von Lisbeth. — — — — —

Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr neugierig.

7. IV. 15.

L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das muß ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher; diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner Briefe. Aber jetzt noch nicht. Sie sind für mich schon eine Art „Werk“, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens Dank für den famosen Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was ich wollte. — — — — —

Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, — das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich.

— — — — —
Dein
Frz.

Fortsetzung am 8. IV. 15.

Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so halten, benehmen, kleiden, — er thut es eben. Das ist für ihn Selbstverständlichkeit, sogar Unbewußtheit. Im Ursinn und Prinzip ist es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen usw. Mit der modernen Kunst (der „modernen Menschheit“), ich denke mir sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte „Fortschritt“, ein ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig reine Bilder. Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der sogenannten „Schule“ ausdrückte, das Meisteratelier). Die „keusche Majestät“, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; z. B. den Aphorismus über das Was und Wie. Deutlich genug rede ich hier, daß nur der Inhalt (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das Wie ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes (Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen z. B. die Tiere zu malen, „wie ich sie ansehe“, sondern wie sie sind, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles in mir kommt Deinen Ideen entgegen, auch in den Aphorismen; nur hab ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar geworden, wie ich alles sagen müßte.

Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der ganz das ist, was ich wollte. Schönen Dank. —

Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, wenn er nicht gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem europäischen Zaun, und eigentlich nicht meine Sache. Das ist mir der Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. —

Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl „unpersönlich“ und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert. Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. —

Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, — Du wirst es an der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine tiefe Zustimmung ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese „Erneuerung im Geiste“ mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem möchte ich Dir einmal über die „Natur“ schreiben (die letzten Aphorismen). Hier handelt es sich mir nur um das Lebensgefühl, das Wie ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, — es wird kommen, wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen, versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt der armen Natur gegenüber.

— — — — —
Dein
Frz.

12. 4. 15.

L.,

Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das „Eigentliche“, Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist, kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind, um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es nicht der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten europäischen Kunst äußerst wenig übrig! Der entwicklungseitle Geist der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu abhold. „Kunst ist nur ganz selten da“. Ich denke viel über meine eigene Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl für das Animalische, den „reinen Tieren“ wegleitete. Der unfromme Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich empfand schon sehr früh den Menschen als „häßlich“; das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche, gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der Natur, ihre Unreinheit voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja von einem neuen Europa, — aber lassen wir Europa aus dem Spiele; Hauptsache ist mein Gefühl, mein Gewissen, wie Du sagst. Mein Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die Dichtung selbst stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder verloren worden! „Nichts konnten wir zwingen damit“, — das wollte ich sagen, die relative Erfolglosigkeit jenes frühen Sieges wollte ich mit jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit nah auf der Spur, — darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben, daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse, romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, abstrakte Form nachdenke; ich suche im Gegenteil sehr gefühlsmäßig zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und kühl, sehr durchschauend, sodaß das Interesse sich nicht in ihr verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben. Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren; das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und befühle es zuweilen von außen. —

Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.

— — —
Dein Frz. M.

13. 4. 15.

L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum; man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: „wir verstehen uns schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr und kehren einst zu ihr zurück“. Mit Menschen kann man fast nie so verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht noch bei Klee; — — — — —. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu sein; aber ich muß erst etwas von seiner eigenen Musik hören, auf die ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr produzierender Charakter (— es steckt wie eine Krankheit in mir), daß mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, — dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um * * * gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August’s Tod ist eine unersetzliche Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir herüber, — aber der Mensch!! Er war meine „Erholung“ im Jahr. Wenn er da war, hatte man „Ferien“! Was wohl aus Lisbeth wird? — — — — — Wenn nur * * * glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß ich ihn nicht anders sehen will oder kann; beim Anblick dieses Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.

Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird hier nicht mehr lange dauern.

— — — — —

18. IV. 15.

L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in dem Buche „die Wahrheit“ oder wollen wir sagen: „eine große Wahrheit liegt“. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die „Allgemeinheit“ fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der ihm niemand geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich habe, um einen Maßstab für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das „Reich Gottes“ merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber „die Welt ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht“. Das ist nicht Mystizismus von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko — ich denke an die paar ganz ernsten Sachen von „uns“), sondern das ist unser heiligstes Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß ihre Kunst „nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so einen Kitzel bezahlen“, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den Ursachen der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir „verbildet“ sind, Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß „exklusive“ Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen Sucher, durch das „Abstrakte“ allgemein Gültiges, Einigendes auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen gewöhnt waren, so rätselhaften Werken), — das ist vielleicht eine ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden auf die Melodie von „stille Nacht, heilige Nacht“ oder die rührenden Volkslegenden und Märchen.

Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens sein kann, und nicht das Resultat des „gesunden Menschenverstandes“, an den Tolstoi immer wieder appelliert.

Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. 245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. („Jede Melodie ist frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich usw.“) Oder: „nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?“ Das gleiche ist von den Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie und nicht auf das Was. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir müssen es uns aber in jedem Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und fremde Arbeit beherrschen.

Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch ist kein einmal festgelegter Typus, mit dem man so einheitlich und über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung und der Rangordnung, die die physikalische Natur in allen ihren „Betrieben, Werkstätten“ anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit gleichem Maßstab mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten, all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin, Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine Spatzen anführen, — er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon.

In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da besonders das berühmte cis-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch krankhaft von seiner Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der Gesundheit Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren kann und darf und soll.

A propos: ich bin Vizewachtmeister — nichts anderes. Deine übrigen Befürchtungen sind ganz grundlos. * * * bat um äußersten Preis von gelber Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es mich für diesen Preis nur freuen.

Gute Nacht, mit einem Kuß

D. F.

27. 4. 15.

Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt muß es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, — heute hat das Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner logischen Schlüsse streifen, ohne inneren Zusammenhang. Du wirst mich schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest. — Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, — vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.

Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll Zuversicht.

Mit liebem Kuß
Dein
F.

Grüße allseits!

16. V. 15.

L., — — — — — — — —

— — Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend welchen Störungen, wie bei * * * ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es allerdings einer scharfen Selbstzucht (die * * *, wie ich ihn beurteile, sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen Herbstzustand so erholt habe. — Ein anderes Thema: — —

— — — — —

Vieles geht mir ab; am meisten aber Du; und dann die Musik. Ich bin äußerst neugierig auf die „einfachen Stücke“, die Dir K. zum spielen gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. Musik und Malerei sind doch ganz gleich, — man muß nur das Organ haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat, daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los. Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der Vereinigung der beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion oder ein vertontes Lied, — das ist genau dasselbe wie ein gegenständliches Bild; es bleibt ganz „Bild“, wie Musik ganz Musik bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft unausgesprochen, — Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt immer drin, ganz klar und eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den Schaffensgrund in sich finden.

Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. — — — — —

— — —

18. V. 15. Nachts.

L....

Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (— es gehört nicht mir, schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch ganz armselig, — aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones lesen, — allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf es und schenke es Maman von mir aus, — später will ich es dann auch lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem wahren Tolstoi wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und „Poesie durch sich“; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der „offenen Wunde der Welt“ oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da kann man von einer That reden. Wir alle faulenzen. Man muß sich gänzlich opfern; nicht: „sich an die Säule seiner Idee lehnen,“ wie ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz tragen, an dem man für die Welt stirbt, — dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert: „Ihr seid teuer erkauft, — werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1. Corinth. 7, 23.)

Fortsetzung 22. V. 15.!

Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante’s Inferno; ich fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau wo; ich bin jetzt so oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. Der Geist kann unbedingt auch ohne Körper leben. — — — — —

25. V. 15.

L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe „man sollte um der Sache willen, — um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört“ und daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, — das ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, — ich „sehe“ uns plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine Erlebnisse mehr für mich; ich sehe mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, sprechen usw.

Das zweite Leben ist schon eher „Erlebnis“, die Gedanken an Europa, Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, — in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden Füßen und anwesend fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei verliere, daß dies alles für mich nicht wesentlich ist, nur Wege, Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und „um sich zu fühlen“ und um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares „Heim“. Und das ist das dritte Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel; das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht vorwitzig berühren darf. Alles andre wird für mich unwesentlich und gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, — und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, — vielleicht ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie sind ganz spontane Erkenntnis, — im übrigen eine Erkenntnis, die durch alle Religionen geht.

Diese Trennung ist keine Bedingung; in einem harmonischen Erdendasein wird sie überhaupt kaum fühlbar, — wenn ich nach Ried und zu Dir zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen sie einzeln!

Wie geht’s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. — — — — —

Du bist enttäuscht — — — — —, — laß Dich davon nicht zu sehr in Deiner offenen Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und „vorsichtig sein“ kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben und nie etwas nachzutragen, (— eine ganz unnötige Last, die man da „nachträgt“). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.

Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, — wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. —

— — — — —

Nun gute Nacht!
Dein Frz.

21. VI. 15.

L....

Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. — — — — — — — — — — — Aber niemand darf sich im Glauben, dem „Wesentlichen“ näher zu sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort „festgefahren“. Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, — das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit meiner Scheu, — sagen wir: vor „Penzberg“ oder vor „fremden Stuben“ auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das „Gewissen“ siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man nicht „festgefahren“, — das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, — aber nicht praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel darüber reden.

Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; der schönste Friede war immer nur ein latenter Krieg; aber der Einzelne kann sich befreien und anderen dazu helfen — das ist der Sinn des persönlichen Christentums und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche scheint mir auch Deine „Menschenliebe“; was ist das? geht sie auf Kosten der „Naturliebe“? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, wo der Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.

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23. VI. 15.

L....

heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; — — — — — — — — — — — — — — — — —

Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, — als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist kein wesentlicher Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den Tod als Zerstörung erkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut Erlösung. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens Christ. „Tod, wo ist Dein Stachel?“ — Es ist nicht einmal wahr, daß ich mich „an den Krieg gewöhne“, wie Du annimmst; aber ich taste immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die „menschenwürdigeren Zeiten“, von denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, — aber immer, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. „Mein Nerv wurde hart in mancher roten schöpferischen Stunde“, — vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; Du kennst mich ja. Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, — nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel „poetisch“ lese; ich lese sie als Wahrheit, wie ich Bach als Wahrheit höre und reine Kunst als Wahrheit sehe. Kannst Du mich verstehen? Ach könntest Du doch!

A propos: zum Leben zurück: — — — — — Ja, das Leben! und die Menschen! sie können einem sehr leid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden — hoffentlich gehören wir zwei unter diese — manche und die meisten leider — spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so oft! Dich glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum Wesentlichen wenden.

Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich’s erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt.

— — — — —
— —
Frz.

Nach dem ersten Urlaub.

Straßburg, 17. VII. 15.

L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, — die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, daß ich in vielem so schweigsam war, — ich konnte nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben und frei fühlen — auf Widerruf! Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen besseren) wieder ganz haben.

Mit tiefem Kuß
Dein
Frz.

21. VII. 15.

L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal wieder so gut haben wird, an solchem Orte und mit Dir, ohne fremden Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, — tiefer, als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl fühlte ich etwas Liebe, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) Und ganz Liebe fühlte und fühle ich für Dich, mein gutes liebes Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, — Du frugst mich so oft; ich konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; — später fiel mir’s auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in Gedanken an mich und an unser kommendes Leben.

Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches Dasein, dem man gehorcht. „Der gute Soldat wider Willen“ wäre kein schlechtes Thema für einen, der philosophisch genug wäre, die ganze Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen. Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche sein Land und seine Arbeit verteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im Herzen trägt, — keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in diesem Kriege persönlich und als Volk „sühnt“. — Wir sind wirklich alle schuld an diesem Krieg; — das ist auch der eigentliche Grund, warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer Sühne entzieht; das „verstockte Herz“ des Evangeliums. Ich lese hier Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause. Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und thut.

29. VII. 15.

L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das „Pferd“ ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen (gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch. Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, — Felderbau! Ich bin über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett vermisse; hier ist es äußerst primitiv.

Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in Menschennähe. —

Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, — man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel.

Schreib mir von Euch und Ried.

30. VII. 15.