Gesänge
aus den drei
Reichen
Ausgewählte Gedichte
von
Franz Werfel

Kurt Wolff Verlag
Leipzig

Bücherei
Der jüngste Tag
29./30. Band
Zweite Auflage

Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig

Aus
„Der Weltfreund“
Gedichte
1911

An den Leser

Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!

Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,

Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,

Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.

Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?

Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.

Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,

Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!

Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß

Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,

Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,

Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.

Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,

Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.

Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,

Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.

So gehöre ich Dir und Allen!

Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!

O, könnte es einmal geschehn,

Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!

Kindersonntagsausflug

Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.

Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.

Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,

Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!

Ein enges Brett — schaukelnder Boden — ich dachte an meine Seegeschichten.

Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.

An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und Ankerlichten,

An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.

Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.

Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.

Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,

Dann riß ein Mann an der Glocke — Die

Maschinen unter uns stampften und rührten sich.

Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,

Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,

Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne

Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. —

Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,

Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.

Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,

Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.

Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,

Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.

Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,

Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.

Der dicke Mann im Spiegel

Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,

Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.

Tag war heut so blau,

Mit der Kinderfrau

Wurde ja im Stadtpark promeniert.

Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort

Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.

Eben abgelegt,

Hängt er unbewegt,

Klein und müde an der Türe dort.

Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,

Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,

Lieblich stand verwundert,

Der vorher getschundert

Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.

Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht

Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.

Oft zu schnöder Zeit,

Hör im Traum ich weit

Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.

Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?

Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.

Wenn sie doch schon käme

Und es mit sich nähme,

Das dort oben leise singt, das Licht!

Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,

Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.

Nur der dicke Mann

Schaut mich hilflos an,

Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.

Im winterlichen Hospital

Himmel wird sich bald entblättern,

Aber Licht ist noch genug.

Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern

Von Winterwind ein Flug.

Und dunkle Sonne im Wasserkrug.

Draußen gibt es Blumen zu kaufen,

Da sind Kinder vorübergelaufen.

Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.

Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .

O Verband, der erlöst! — Nicht regen, nicht rühren!

Doch kann ich noch spüren,

Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen

Vom Lande stößt.

Vorbei — vorbei

An Wildnis und Fläche!

Dort stürzen Bäche,

Schon atmet die Steppe,

Die ewige frei. . .

Was tönt im Haus,

Gedämpft über die Treppe?

Ist die Besuchsstunde schon aus?

Jetzt liegen die kranken Brüder da,

Einen lieben Gegenstand in der Hand,

Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,

Und, ach, ein neuer Engelhornband.

Ich will nicht klagen, daß niemand

Im fremden Land

Meine Türe aufgetan

Freundlich mir zugewandt.

Wer trat herein?

So leicht und unbefangen,

Mit einem lila Shawl

Und tanzerregten Wangen,

Wie bei der Damenwahl?

Nun hat es sich doch erfüllt!

O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!

O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden

Erschlagene Krieger zu sein!

Da kamst Du immer dem treuen,

Dem Knaben Blumen zu streuen.

So ist es wieder geschehn?

Schon stürzten die Speere und Schilde,

Nun darf auch mein armes Gefilde

In Abend und Tränen stehn.

„Schwester, so spät ist es schon?“

„Ja, ich bringe die Abendbouillon.“

Treibe — Treibe

Im Strome von dannen.

Rings breitet die Scheibe

Sich weiter Savannen.

An sandigen Stellen,

Im Dunkeln, im Hellen,

An niedrigen Feuern,

Nach Abenteuern

Gelagerte Männer

Bereiten ein Mahl.

Sterben im Walde

Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,

Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen

Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.

Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.

Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.

Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.

Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.

Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.

Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.

Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,

Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.

Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,

Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.

Und meine Seele fällt ein:

Du bist auf der Welt!

Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.

Das Malheur

Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,

Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.

Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,

Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.

Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.

Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.

Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und

Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.

Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.

In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß

Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.

Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,

War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.

Erzherzogin und Bürgermeister

Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,

Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.

Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,

War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.

Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.

Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.

Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise und verzagt.

Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.

Und während sie manches sprach, was dachte sie?

Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.

Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,

Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.

Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,

Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.

Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,

Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,

Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,

Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.

Der Patriarch

Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.

O könnt’ ich hier — ein Patriarch — die atmende Gemeine lehren!

Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren

Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.

Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch

Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.

Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,

In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.

Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,

Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,

Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!

Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,

Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,

Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten

Solo des zarten Lumpen

Nun wieder eine Nacht durchjohlt

Ist rings der Stadtpark aufgewacht.

Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.

In der durchsichtigen Frühe.

Nach falschbekränzter Nacht

Hast Du mich eingeholt.

Wie ich Dich gestern sah. . .

Bewegte Straße glitt

Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,

Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,

Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,

Du Schlanke fern und nah!

Gefühl, geheimer Sinn

Und ein Gedanke kam.

Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten Erden.

Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! —

Warum zerschmilzt mich Scham?

Was reißt mich Wonne hin?

Noch höher bist Du bald

Und weiter mir entrückt.

Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden

Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,

Von Schmerz und Glück bedrückt,

Nun mildere Gestalt!

In die Natur und Pflicht

Wächst lieblich Du hinein.

Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,

In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;

Du denkst an Dinge rein,

An Windeln, Kindgewicht.

Drum soll es so geschehn!

Von Wolken lieb umdrängt,

Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!

Ich will Dich bebend hochbeloben,

Und Blick und Bart gesenkt

Vor Dir in Andacht stehn.

Der schöne strahlende Mensch

Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,

Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,

Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen

Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.

Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,

Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,

Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen

Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.

Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,

Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,

Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.

Ich will mich auf den Rasen niedersetzen

Und mit der Erde in den Abend fahren.

Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!

Wanderlied

Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,

Die einst kies- und straßenüber klangen?

Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,

Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,

Deine Schritte laufen oder schleppen

Ewig weiter über Weg und Treppen.

Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,

Die Dein wallendes Gemüt geboren?

Hangend in den Häusern, unter Toren,

Sinken sie in vorbestimmte Ohren,

Bilden sich zu wunderlicher Stunde,

Und entflattern neu dem Enkelmunde.

Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,

Schritt und Worte, die ins Weite reisen?

Oder wähnst Du, daß der graue, alte

Ahnherr diese sprach und jene wallte?

Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,

Daß Du selbst der Bärtige gewesen?

Der kriegerische Weltfreund

Schon bin ich voll und klar,

Dem noch so arg zu Mut.

Der bös und bitter war

Nun ist er gut.

Bosheit, die mich zerwirrt,

Rache und falscher Stoß,

Ach, meine Güte wird

An ihnen groß!

Schäumst Du noch, dunkles Blut,

Wenn Hohn sich feig vermummt,

Sternaufgebäumte Wut,

Bist Du verstummt?

Der sich zu Boden schmiß,

Keuchend und krankgehetzt,

Nachts in die Pölster biß

Wie tönt er jetzt?

Bosheit und feigen Hohn,

Alles, was falsch mich haßt,

— O wie stark bin ich schon —