The Project Gutenberg eBook, Ein Sommer im Orient, by Alexander, freiherr von Warsberg
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Verlag von Carl Gerold’s Sohn in Wien:
Erinnerungen aus Aegypten und Klein-Asien.
Von
A. Prokesch Ritter v. Osten.
3 Bände. gr. 12. brosch. Preis 7 fl. 90 kr Ö. W.
Geschichte
des
Abfalls der Griechen vom türkischen Reiche im Jahre 1821
und
die Gründung des hellenischen Königreiches.
Aus diplomatischem Standpunkte.
Von
A. Freiherr von Prokesch-Osten.
5 Bände. gr. 8. brosch. Preis 15 fl. Ö. W.
Aus dem Hofleben Maria Theresia’s.
Nach den Memoiren des Fürsten Jos. Khevenhüller.
Von A. Wolf.
2. Aufl. gr. 8. brosch. Preis 3 fl. 80 kr. Ö. W.
Maria Christine, Erzherzogin von Oesterreich.
Von A. Wolf.
2 Bände. 8 mit 2 Kupferstichen brosch. Preis 6 fl. Ö. W.
Oesterreich unter Maria Theresia.
Von A. Wolf.
gr. 8 brosch. Preis 6 fl. Ö. W.
Leopold II. und Marie Christine.
Ihr Briefwechsel (1781–1792).
Von A. Wolf.
gr. 8. brosch. Preis 4 fl. Ö. W.
Ein
Sommer im Orient.
Von
Alexander Freiherrn von Warsberg.
Wien.
Druck und Verlag von Carl Gerold’s Sohn.
1869.
Warnungstafel.
Dieses Buch ist nur für Jene geschrieben, die das Land, das es schildert, gesehen haben und es lieben.
Wien, den 30. September 1868.
Der Verfasser.
Inhalt.
Nabresina, Erinnerung an Venedig, Triest, sein Freihandel, [Seite 1–7.]
Einschiffung, Pirano, Pola, der „Stadium“ und seine Passagiere, [S. 7–11.]
Lissa und der heil. Hieronymus, [S. 11–14.]
Die akrokeraunischen Berge, der Hades, das jonische Meer, Corfu, seine Geschichte, Landung, die Stadt, Spazierfahrt, der alte Hafen, die Villa der Kaiserin, die Bucht von Butrinto und das Wunder des Pan, neue Passagiere aus dem „Stadium“, Regen, Busen von Arta und Schlacht von Aktium, Leukadia, Cephalonia und Ithaka, [S. 14–31.]
Der Taygetus, Navarin und Modon, Sapienza und Cabrera, Venetico, Cerigo, Cap Malea und sein Einsiedler, Gewitter, türkische Frauen und Kinder, [S. 31–35.]
Syra, Verkäufer, Sturm, [S. 35–38.]
Tenedos, Troja, Gräberbetrachtung, die Dardanellen, Sestos und Abydos und die Brücke des Xerxes, die Leandersage, das Marmora-Meer und die Insel, [S. 38–47.]
Im goldenen Horne, Enttäuschung, [S. 48.]
Constantinopel, Landung, Top-Hane, der Hamal, die Gassen, der erste Ausblick auf die Stadt, Kahnfahrt nach Fener Bagdsche, das Kaïk, Delphine im Bosporus, das Abbild eines Benjamin, das Vorgebirge und der Tempel der Aphrodite, Ruhe und Aussicht von dort, türkische Musik und Freitagsfeier, Rückfahrt, Erinnerung an Chalcedon und den Kaiser Mauricius, das heutige Kadi-Köi, Riza Pascha, Versuch einer Aenderung der türkischen Thronfolge-Ordnung, die Ebene von Haider Pascha, Cap Heraeon und die Caserne Selim’s, der Leanderthurm, [S. 49–60.]
Der At-Meidan und Hippodrom, die Schlangensäule und die beiden Obelisken, [S. 61–68.]
La grande rue de Pera, Mahnung an Venedig, Gassenleben, Arabats, Feuerwehr, Saka’s, Surugi’s, Soldaten, Kaffeehaus über Dolma Bagdsche, Phantasien des Baccio, der Cypressenfriedhof des großen Campo, [S. 68–77.]
Armenische Hochzeit, Ballfest, die Gäste, Moustier, Bulwer, die Fürstin von Samos, Mondnacht, [S. 77–84.]
Das goldene Horn, sein Name und seine Gestalt, Verkehr darin, Kaïk, Fahrt nach Ejub, Hinfälligkeit der türkischen Häuser, polizeiliche Gleichgiltigkeit, Gräberstraße in Ejub, Friedhof und Blick auf das goldene Horn, [S. 84–90.]
Abreise, der Dampfer, Fahrt durch das Marmora-Meer, Kalolimni, Mudania und sein Golf, Alttürke auf dem Schiffe, Unordnung beim Landen, herrliche Mittagsruhe, Ritt über den Meeresstrand, über die Hügel, der Nilufer, Rast an seinem Ufer, Maulbeerbaumfelder, Störche, Karavanen und das Kameel, Brunnen vor Brussa, Schönheit der Landschaft, Ankunft im Hôtel d’Olympe, andere Gäste dort, [S. 91–104.]
Besteigung des Olymp’s, [S. 104–110.]
Moschee und Bäder von Tschekirdsche, Unterredung mit einem Erzvater, ein Aquarell des Malers Pretiozi, ein Lorbeerbaum auf dem Grabe eines Türken, die Hunde und Kampf mit einem, [S. 110–116.]
Geschichte der Stadt, Hannibal und sein Castell, Lage der Stadt, ihre Burg, die Gräber der beiden ersten Sultane, Sträflinge an der Arbeit, die Ulu Djami, Ungezogenheit eines Griechen, Jeschil Djami und ihre Restauration durch Achmed Vessik Effendi, die Moschee Bajasid I., die Murad II. und ihr Gräbergarten, Kritik der mohammedanischen Baukunst, Abendruhe zu Burnabaschi, [S. 117–131.]
Türkisches Bad und Reinlichkeit der Orientalen, die Wirksamkeit des kaiserl. Commissärs Achmed Vessik Effendi, Bevölkerung von Brussa, die Stellung der mohammedanischen Frau, [S. 131–140.]
Wirthschaftliche Thätigkeit der Bewohner von Brussa, sein Bazar, die Waaren und ihre Preise, Besuch der Seidenfabriken, die Mühle und Weberei, die Arbeit durch türkische Weiber, die türkische Seidenzucht, Irrthümer der unserigen, Menge der Production und Ausfuhr, Zukunft der türkischen Seiden-Industrie, [S. 140–159.]
Das Himmelsthal, Frühstück bei Armeniern, Erinnerung an das Erdbeben von 1855, das armenische Haus, die Grotten und Keller des Burgfelsens, badensischer Kellermeister, Weinproduction Brussa’s und der Türkei, [S. 159–165.]
Die Moschee Emir Sultans und Geschichte eines Bettlers, [S. 165–170.]
Abreise und Rückblick auf Brussa und den Olymp, Rast in einem Karavanenlager und bei einem Chan, türkische Post, [S. 170–174.]
Gemleck und die Baumwollcultur der Türkei, die Pflanze, heutige Arbeitsform, Geschichte der Baumwollproduction, hiesige Reform und Erfolge derselben, die Nationalökonomik der Türkei überhaupt, [S. 174–194.]
Abreise von Gemleck und „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“, [S. 194–195.]
Einfahrt in den Bosporus, Procession in Pera, [S. 195–197.]
Um- und Ueberblick, Bevölkerung der Stadt, Genuesen und Venetianer in Pera und Galata, die Mauern und Thürme von Galata, Skutari, Umfahrt um die Stadt, Erinnerung an die Seeschlacht der Venetianer und Genuesen in der Nacht des 14. Februar 1352, das Schloß der sieben Thürme, die goldene Pforte und der Triumphzug des Kaisers in byzantinischer Zeit, heutige Besatzung des Schlosses, Ritt um die Mauern der Landseite, Friedhöfe dort, die Wallfahrtskirche von Balikli, ihr Wunder und ihre Weißfische, Charakterbild des griechischen Christenthums, [S. 198–213.]
Die Aja Sophia, das Unkirchliche des ersten Eindrucks, gespenstisches Mosaikbild in der Apsis, Typus der griechischen Götterbilder überhaupt, die Umgebung der Moschee, Sultansgräber, der alte Vorhof, geographische Lage des Baues, künstlerische Schilderungen desselben, [S. 213–220.]
Die anderen großen Moscheen: Achmedjie, die Bajasid’s, die Schah-Sadeh Djami, die Mohammed II., die Suleiman des Großen, das Grab der Roxelane, die Nuri-Osmanjie, die Moschee Mahmud Pascha’s, Kütschük Aja Sophia, die Moschee Ebul Wefa’s, das Grab des letzten Constantin, Kilisse Djami und die Gräber der Komnenen, Porphyr-Sarkophag dort und hohes Alter dieser Grabform, Kahrjie Djami und Ruinen anderer ehemals griechischer Kirchen, die Rosen-Moschee, [S. 220–237.]
Das Alter der Stadtmauern, Imrachor Djami, die Basilika und das ehemalige Kloster des Studius, [S. 237–243.]
Die heulenden Derwische, [S. 244–248.]
Gassenscenen, tscherkessisches Kaffeehaus und Dirnenquartier in Galata, Hafenbrücke, Hof und Markt der Jeni Djami, die Bazare, [S. 249–264.]
Die tanzenden Derwische, [S. 264–268.]
Der Fürst Cousa, [S. 268–270.]
Gassen- und Friedhofsbilder, [S. 270–272.]
Mondnacht und Meerfahrt, [S. 272–274.]
Schreibweise und Formengefühl der Orientalen, [S. 274–277.]
Gang auf den Stadtmauern der Landseite, [S. 277–281.]
Die Cisternen des alten Constantinopel, [S. 282–288.]
Handelsverkehr im goldenen Horne, [S. 288–289.]
Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes, [S. 289–300.]
Die heutigen Sultanspaläste, das Geburtsfest Abdul Aziz’, diplomatischer Empfang in Dolma Bagdsche, das Schloß, die Garden des Sultans, Beleuchtung der Stadt und des Bosporus, Ball bei Ali Pascha in Bebek, Heimfahrt vom Balle auf einem Dampfer, [S. 300–311.]
Die Reste der Denkmale des alten Constantinopel, [S. 311–317.]
Vogelschau von dem Seraiskeriatsthurme, die Lage und die Grenzen des alten Byzanz, seine Zerstörung durch Septimus Severus, Dio Cassius darüber, die neue Stadt- und Palastanlage des Constantin, [S. 318–329.]
Kahnfahrt nach Prinkipo, [S. 330.]
Die Insel Chalki, [S. 331–333.]
Das Georgskloster auf Prinkipo und der wahnsinnige Schiffscapitän, [S. 333–335.]
Geschichtliche Erinnerungen dieser Inseln, das Grab der Kaiserin Irene, stürmische Seefahrt um Prinkipo, das Kloster und die Mönche des h. Nikolaus, [S. 335–341.]
Bujuk-Dere, das Thal, die Bucht, der Ort und seine Gärten, [S. 342–345.]
Besteigung des Bulgurlu, [S. 345–348.]
Der Riesenberg, das fabelhafte Grab auf seiner Spitze, das Genueser Schloß, Alter seiner Anlage, älteste Tempel und Stadtbauten hier, neuentdeckte Inschrift, Lorbeerbüsche und Fabel dieses Strauches, [S. 348–356.]
Spaziergang zum schwarzen Meere, [S. 356.]
Kiredsch-Burun und der Schlüssel des Pontus, [S. 357–359.]
Der Kabatasch Dag und seine Aussicht, [S. 359–361.]
Kastanjesu und sein Thal, [S. 361–363.]
Rumili Kawak, verlassener Wachtthurm, Hochebene auf den europäischen Uferbergen und weiter Blick auf das schwarze Meer, Scene mit türkischen Marinesoldaten, [S. 363–368.]
Die Gartenanlagen des Bosporus, in Jeni Köi bei dem Logotheten Aristarchi und in Kandlische bei Fuad Pascha, Sonntagsfeier in Tschibukly, [S. 368–371.]
Geologische Bildung des Bosporus, die Cyaneen, Fahrt dorthin und Besteigung derselben, [S. 371–376.]
Das Paradies, lorbeerbekränzter Esel, [S. 376.]
Unter der Platane Gottfried’s von Bouillon, [S. 377–380.]
Chunkjar Iskelessi, seine Platanen und seine Wiese, Spaziergang nach Tokat, ein Feiertagsabend am Bosporus, [S. 381–383.]
Das Lager zu Maslak, unterirdische Gänge dort entdeckt, [S. 383–385.]
Monastir Deressi, [S. 385.]
Die armen Seelen des Bosporus, [S. 386.]
Die Jasonsage, ein neuer Versuch ihrer Erklärung, [S. 388.]
Therapia, [S. 393.]
Die süßen Wasser von Asien, [S. 394.]
Ein Abend auf dem Quai de Bujuk-Dere, [S. 395.]
Wallfahrt nach Belgrad zu den Erinnerungen an Lady Montague, [S. 396.]
Eine neue Gefahr der orientalischen Frage, [S. 399.]
[VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.]
Abschied von Constantinopel und Schiffbruch im Hafen, [S. 402.]
Fahrt durch das Marmora-Meer, [S. 403.]
Im Archipel, Euböa, Cap Sunium und seine Tempelruine, Aegina, das attische Festland, poetische Abendfeier, neugriechische Unwissenheit altgriechischer Heldenthaten, [S. 405.]
Athen, unpraktische Anlage der neuen Stadt, baierisches Uebersehen der nationalen Eigenthümlichkeiten, Sonnenaufgang auf der Akropolis, der Zeustempel, das Dyonisische Theater, die Straße der Dreifüße, der Theseustempel, neuentdeckter antiker Friedhof, die Hügel zu Füßen des Burgfelsen, [S. 409–418.]
Stürme im äginetischen und adriatischen Golfe, Heimweh nach dem Orient und Vision seiner geschauten Herrlichkeiten, [S. 419.]
I. Hinreise.
Triest, Hôtel de la Ville, den 13. Mai 1864.
Briefe und die letzten Vorbereitungen füllten den gestrigen Tag. Müde und abgespannt, eigentlich krank und fiebernd stieg ich in Graz Abends 6 Uhr in den Eisenbahnwagen; erst da ich heute Morgens das Meer wieder sah und dem alten Lieblinge das freudige Θάλαττα! Θάλαττα! entgegenrufen konnte, ward mir wieder wohl in Leib und Seele.
Die Nacht war kalt gewesen, wie wenn dem Kalender zum Trotze der Winter noch fortdauere. Oder wollte sich die Heimath nur eindringlich dem Scheidenden in’s Gedächtniß heften? Umsonst die Angst, daß ich sie vergesse! es liegt ja die Nothwendigkeit der Rückkehr vor mir. Lange konnte ich den Schlaf nicht finden; dafür fand ich in der Ungestörtheit des Alleinseins mich selbst wieder, der sich in den Sorgen und Mühen der letzten Monate verloren hatte. Es ist das ein Vortheil des Reisens, daß es uns mit der Unabhängigkeit auch die unabweisliche Selbständigkeit gibt; herausgerissen aus der Bequemlichkeit der gewöhnlichen Verhältnisse, zwingt es uns die Gedanken und die Hilfe, die wir sonst rechts und links neben uns schon hergerichtet fanden, nunmehr in uns selbst zu suchen. Menschen, die sich bisher noch gar nicht kannten, haben sich oft am ersten Reisetage erst erkennen lernen. Ein Gang in die weite Welt ist die beste Schule für das Leben, und gerade für uns Kinder der Civilisation eine um so unentbehrlichere, als wir in stubenhockerischen Gewohnheiten den Contact mit der Natur verloren haben. Diese und sich selbst findet der verzogene Mensch dort wieder und so auch die Freiheit, die nur dort ist, wo der Mensch allein, oder wo er fremd unter Hunderten seines Gleichen steht.
Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge. Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere, eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten, kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.
„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig, hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ — „Konnt’ ich anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen sollen?“ — Ich begriff und schwieg, denn selbst ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber! das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen. Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung träumen!
Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nicht gestanden, aber er muß die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle Worte sprechen!
Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige, regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken. Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne. Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten. Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen Wellen getrieben segelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.
Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt. Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht, als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element, das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute schauen zu dürfen.
Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein, den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.
Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seite links die Hügel mit Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.
Neben der Werkstätte des Lloyd sehe ich die des Rheders Tonello und auf seiner Werfte das Gerippe zu dem großen Dampfer „Rudolf von Habsburg“, ein Zeichen strebsamer Handelsthätigkeit. Man wirft der Stadt und den Triestinern Rücksichtslosigkeit für die österreichische Production vor und droht ihnen jetzt mit der Aufhebung des Freihafens. Ich finde den Vorwurf ungerecht und die Strafe widersprechend allem dem, was man sonst zu Gunsten der Freiheit begehrt. Das Hinterland hat selten die Aufträge der Triestiner Kaufleute so erfüllt, daß die ausländischen Consumenten dauernd zufrieden gestellt werden konnten. Und dann, wenn es nur in der Schuld der Triestiner Vermittler liegt, daß der österreichischen Industrie eine vermehrte Seeausfuhr fehlt, warum ahmen die österreichischen Producenten nicht die Schweizer nach, die sich selbst um fremdländische Käufer bemühen? Warum schicken sie nicht ihre Söhne und ihre Neffen nach Aegypten, Syrien, Constantinopel, nach Marokko, Ostindien, China und Japan, nach Brasilien, Peru und Mexiko, die dortigen Bedürfnisse kennen zu lernen und auf den fremden Märkten die österreichischen Waaren auszubieten? Ich habe aus derselben Schwarzwälder Strohhutfabrik denselben Unternehmer jährlich nach London, Paris, Newyork, Hamburg und Wien reisen sehen, um die Muster dieser Hauptstädte für die nächste Saison zu holen. Und Schweizer aus den besten und reichsten Häusern findet man nach den entlegensten Winkeln der Welt verschlagen. Aber freilich, das Pflaster des Wiener Grabens ist ein bequemeres als das von Pera und Alexandrien. Und doch ist die Handelsweise, wie sie die Schweiz betreibt, für ein Land, das noch wie Oesterreich in den Anfängen der industriellen Production liegt, die einzige praktische und fördersame. Was aber die Aufhebung des Freihafens betrifft, so brauchen sich deswegen die Triestiner nicht zu ängstigen. Der Trieb der Zeit geht auf anderen Wegen und wird binnen Kurzem, statt Triest in ein Gefängniß, das ganze Reich in einen Freihafen des Freihandels verwandeln. Es gibt Ideen, die, einmal geboren, von selbst weiter wachsen; sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Wie eine solche Feldlilie der heiligen Schrift ist der Freihandel. Es wird die nächste Zukunft weniger mit der Abschaffung der Freihäfen als mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Naturzustände beschäftigt sein; die waren freie und die Freihäfen sind ihre letzten aufrecht gebliebenen Reste. Auch hat England die seinigen erst aufgehoben, als es seine Bekehrung zum Freihandel vollendet hatte. Will man von Privilegien und Ausnahmen reden, so kann das nur von jenen Gesetzen gelten, welche die natürliche Freiheit aus den Grenzen eines großen Reiches verbannt und sie auf den Bezirk jener kleinen Meerwinkel beschränkt haben.
Jetzt, da es Mitternacht ist, kehre ich vom Molo di San Carlo zurück. In der lauen, ruhigen Luft kühlte ich den Drang meiner Erwartungen. Der Mond, ein prophetisches Zeichen meiner Fahrt, steht als wachsende Sichel, das Wappen von Byzanz und später das des türkischen Reiches, am wolkigen Himmel. Junge Leute kehrten von einer späten Meerfahrt heim. Mit Spielen und Gesängen kürzten sie die Zeit, die ihnen nach der lebensfrohen Art des Südländers noch zu frühe dünkte. Der Lloyddampfer „Stadium“ liegt am Molo, gespenstig und unheimlich, wie das Mondeslicht jedes Schiff erscheinen läßt. Morgen um diese Stunde ruhe ich darauf und die Wellen der Adria wiegen mir das Schlaflied.
An Bord des Lloyddampfers „Stadium“, den 14. Mai.
Da ich Morgens im Hôtel de la Ville auf den Balcon trat, wechselten noch Licht und Dunkel auf dem bewegten Spiegel des Meeres, der Widerschein drohender Wolkenmassen. Um 1 Uhr, als wir uns einschifften, war die See ruhig und der Himmel sonnig geworden, und so tragen und leuchten uns jetzt die zwei verschwisterten Elemente.
Das Verdeck des Dampfers fand ich mit Menschen überfüllt; glücklicherweise nur die wenigsten Passagiere, die meisten Freunde, die einem Scheidenden das Geleite geben wollten, oder Müßiggänger, die die Neugierde nach den abgehenden Dampfern weiterer Fahrt treibt. Das Zeichen, daß die kaiserliche Post an Bord gelangt sei, scheuchte die Ueberflüssigen nach dem Lande zurück. Es währte noch eine Weile, bis sich das Boot in Bewegung setzte, dann aber ging es schnell von dem Damme weg, an den umliegenden Schiffen, dem Leuchtthurme, der links den Hafen schließt, vorüber in’s freie Meer hinaus. Kaum Minuten blieben, um den Freunden, die auf dem Molo standen, die letzten Grüße zuzuwinken. So schwindet Alles im Leben, das der Gegenwart nur kurze Dauer, die meiste Zeit der Vergangenheit und Zukunft läßt. Es ist ein fortwährendes Abschiednehmen. Kaum gekommen heißt es schon wieder weitergehen. Und doch, so schmerzlich dieses immerwährende Losreißen ist, es erleichtert und bereitet uns den letzten Abschied vor, den vom Leben selbst.
Die Augen heften sich an das Land, das zurück bleibt. Dort steigen die Alpen hinter dem Karste auf, schneebedeckt und immer höher wachsend, je näher wir der Küste und der Stadt kommen. Es ist derselbe Proceß wie mit den Erinnerungen: die entlegenen treten mächtiger in dem Gedächtnisse hervor als die nahen; das Heute vergißt was das Gestern gethan, aber das Alter hält die Jugend warm im Herzen.
Links bleiben wir der istrischen Küste so nahe, daß ich mit dem Glase die einzelnen Bäume, in Pirano das Haus unterscheiden kann, in dem ich einmal eingekehrt, als ein grimmiger Wintersturm unsern Dampfer in den Hafen dieses Städtchens verschlagen hatte. Zwei Tage und zwei Nächte hielt ihn die Bora dort fest. Man ließ uns die Zeit auf dem Lande zubringen. Das Nachtquartier und das Essen waren schlecht genug, und doch denke ich mit Vergnügen an den Aufenthalt zurück. Ich besah den Ort und seine Umgebung soweit es Sturm und Regen zuließen. Das war mir eine neue und bald eine poetische Welt; die Gassen sind von Canälen durchzogen, so daß die See den Einwohnern ihre Schiffe bis vor die Hausthüren trägt. Fenster und Thüren sind in Spitzbogen geschnitten und die Säulen, die sie stützen, wie die Balcone, die davor liegen, aus festem grauen Stein gemeißelt. Und wie die Gassen und die Häuser, so sind auch die Menschen denen drüben in Venedig ähnlich, alle noch immer lebendige Zeugen von der ehemaligen Herrschaft der seegebornen Dogenstadt. Der Fischer von Pirano wie der von Chioggia trägt die rothe Mütze auf dem Kopfe, die ihre venetianischen Vorfahren einmal aus dem Oriente heimgebracht, wo sie Paris vielleicht für sein schönes Lockenhaupt erfunden hatte, und den einen wie den andern hat die Adria mit demselben Wettersturme und derselben Sonnenglut gebräunt und gestählt. Nur ist in Pirano alles kleiner, enger, niedriger; die Canäle sind keine Canalazzi, die Häuser keine Paläste der Pesaro und Foscari, und die Bürger keine Dandolo’s und Bragadino’s, keine Tiziane und Sansovino’s. Aber die Luft, die sie athmen, ist hier wie drüben dieselbe und die Geschichte, die sie erzählen, ist beiden eine gemeinsame. Es liegt in diesen istrischen Küstenstädten etwas mit von der Schönheit und der stolzen Größe begraben, die das einstige Venedig vor allen andern Städten ausgezeichnet hat. Daher denn auch auf beiden Ufern derselbe Hauch der Poesie und des Mitleidens, der ihre Ruinen umweht und der keine gefühlvolle Seele unbewegt lassen wird. Wer von Malern und von Dichtern in Venedig müde bei der Arbeit werden will, weil er seinen Gegenstand so oft wiederholen mußte, dem rathe ich hierher auf die gegenüberliegende Küste zu gehen. Er wird z. B. gerade in Pirano öffentliche Plätze finden, die so klein und zierlich, mit so romantischen Häusern besetzt und auch noch durch ein Segel, das davor vor Anker liegt, verziert sind, daß sie wie eigens für den Pinsel geschaffen erscheinen, und oben auf dem Vorgebirge, das weit in das Meer vorspringt, Trümmer, die vom Epheu umwunden den Dichter in seine Welt, in die der Vergangenheit und ihre wehmuthsvolle Betrachtung versetzen.
Abends.
Um 5 Uhr essen wir. Bei der Rückkehr auf das Verdeck finden wir die Alpen, diese letzten Zeugen der deutschen Heimat, dem Karste, den das Auge schon früher verloren hatte, nachgefolgt. Wo sie aufragten, ein abschließender Wall, liegt jetzt ebene glatte See, die wie so manches Andere des Lebens endlos erscheint, weil die Grenzen außerhalb der Enge unseres Gesichtskreises sind. Raum und Zeit üben durch die Entfernung dieselbe Macht der Vergessenheit. Nur zur Linken sehen wir noch Land, fortwährend das istrische. Rovigno ist deutlich zu erkennen als ansehnliche Stadt mit malerischen Bauten und säulenähnlichen Cypressen. Ihr trauerndes Schwarz hebt sie scharf von jedem Hintergrunde ab. Inseln liegen zerstreut umher, die unbewohnt und unbebaut scheinen. Pola ist entfernt und schon zu sehr im Dunkel, als daß man etwas anderes denn große Mauermassen unterscheiden könnte. Von Promontore, der letzten Spitze dieses Landes, sehen wir nur das Licht des Leuchtthurmes. In der Cajüte sitzend lese ich die ersten Gesänge der Odyssee. Ich will dem berühmten Dulder bekannt und vertraut in seinen Meeren begegnen. Die meisten Passagiere ziehen sich schon zum Schlafen in ihre Cabinen zurück und so unterstützt völlige Ruhe meine Versetzung in eine poetische Stimmung. Es sind wenig einladende Gesichter unter den Reisegefährten; Keiner spricht das Deutsche, daß man wenigstens frei von der Besorgniß, verstanden zu werden, ist. Einige sind Mailänder, die nach Persien reisen, gesunden Seidenwürmersamen zu holen; sie treiben Lärm als seien sie die Herren des Schiffes; andere sind Griechen, die nach Athen und Smyrna zurückkehren; drei Engländer, ein Vater mit seiner Tochter, die nach Corfu gehören, und ein junger Mann, der zur Vervollständigung seiner Erziehung die große Tour macht. Er ist der einzige, der außer mir liest, schreibt, die Karte studirt und überhaupt bei der Fahrt andere als materielle Interessen hat.
Der „Stadium“ ist kein großes, aber ein bequem eingerichtetes und reinlich gehaltenes Schiff. Der Lloyd ließ es mit vier ähnlichen in England bauen; „Pluto“, „Neptun“ und „Vulkan“ dienen davon noch immer mit dem „Stadium“ zu den Eilfahrten nach Constantinopel; das andere, den „Jupiter“, kaufte die Regierung im Jahre 1859, um es gegen die französische Flotte, die noch gar nicht sichtbar war, in den Canal von Malamocco zu versenken. Ich war einer der ersten im Winter 1860, die das Verdeck des gehobenen Schiffes betraten. In dem obern Glaspavillon fanden wir das Gold und die Farben noch vollständig erhalten. Solche runde Salons sind auf all’ diesen Dampfern über dem Treppeneingange. Bei schlechtem Wetter liegen die Passagiere darin auf den Divanen und bei schönem kleben sie sich außen herum an die Wände zur Deckung gegen den Windanfall und die Sonnenstrahlen. Die Stiege mündet unten in einen Vorsaal; aus diesem führen Thüren in den Damensalon, den großen Speisesaal, die Cabine des Capitäns, Büffet und andere unentbehrliche Nebenlocalitäten. Die Cabinen für die Passagiere sind rechts und links, für die Männer neben dem Speisesaal, für die Frauen neben dem Damensalon; Thüren und Portièren sperren sie ab, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung ebenso bequem als glänzend ist. Die Küche bedient uns vortrefflich. Die Enge meiner Cajüte, die mich zuerst erschreckte, ist mir jetzt, da ich alles darin geordnet habe, schon heimlich geworden. Wie wenig der Mensch eigentlich braucht, merkt er erst, wenn ihm die Noth das Ueberflüssige genommen hat.
Jetzt, da ich wieder schreiben will, beginnt das Schiff in allen Rippen zu zittern und zu stöhnen. Wir sind im Quarnero, der selbst bei diesem windstillen Wetter seine übelwollende Natur geltend zu machen sucht. Noch ein Spaziergang mit dem Arzt auf dem Verdecke und ich werde mit einer frühen Nacht mir einen frühen Morgen zu bereiten trachten.
An Bord des „Stadium“, 15. Mai.
Pfingsten, das Fest der Freude, nicht im Walde, auf grüner Haide, auf dem baum- und blüthelosen Meere feiere ich es. Aber den Frühling hat es mir doch gebracht und wärmer und erquicklicher als er daheim in den steierischen Bergen sein wird. Laue südliche Luft umfängt mich schon um 6 Uhr Morgens, da ich auf das Verdeck komme. Unmerklicher als mit jedem andern Bewegungsmittel legt man mit dem Schiffe große Entfernungen zurück. Um das Boot und auf demselben findet sich an jedem Morgen nur wenig verändert, um so überraschender dann solche plötzliche Verpflanzungen wie die heutige von der Winterkälte des Nordens in die Sommerwärme des Südens. Den Himmel finde ich zuerst umwölkt, aber die Sonne überwindet ihre Feinde. Die dalmatinischen Berge, runde, gewellte Linien, sind nur undeutlich in den Nebeln des Morgens sichtbar. Eine niedere Kette liegt vor der höheren. Vielleicht Inseln?
Um 10 Uhr fahren wir zwischen Lissa und Busi durch, beide steinig und kümmerlich bewachsen. Pomo liegt hinter uns in schönen felsigen Formen. Einer Plänklerkette ähnlich sind diese Inseln vor das Festland gestellt; alle scheinen unbewohnt und selbst unbebaut. Ob das jemals anders gewesen weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, daß fromme Gefährten des heiligen Hieronymus sich hierher flüchteten, weil ihnen zuerst Rom und dann auch noch Aquileja und ihre anderen illirischen Heimathstädte zu zerstreuend und zu voll von Versuchungen waren. Es war ein eigenthümliches Leben, das diese Männer führten, wechsel- und widerspruchsvoll wie das ganze Werden des 4. Jahrhunderts. Niemals, so weit die Geschichte zurückerzählt, waren die Contraste greller nebeneinander gestanden. Das Heidenthum, das seine Macht noch nicht ganz verloren hatte, und das Christenthum, das noch um das Scepter seiner Alleinherrschaft kämpfte, eine abgestorbene und eine jung auflebende Welt nebeneinander. Dabei war im Grunde wenig Kampf, mehr Verträglichkeit als heute zwischen den Parteien. Der römische Senat hatte immer noch den Altar der Victoria in seinem Saale, während am Bosporus der Kaiser schon in der Kirche der heiligen Weisheit dem dreieinigen Gotte seine Gebete darbrachte. Und wie im Staatsleben so auch im Familienleben; dieselbe Milde, derselbe Friede, dieselbe Duldung. Auf dem aventinischen Hügel im Palaste der Marcella fanden die Zusammenkünfte statt, wo die adeligsten Matronen um den heil. Hieronymus geschaart die Lehren des Christenthums annahmen, indeß ihre Männer und ihre Kinder den Vergnügungen des Circus nachgingen. Von jenen Conventikeln aus pilgerte die heil. Paula, durch mütterliche und väterliche Abstammung zugleich eine Tochter der Scipionen und Atreiden, nach dem heiligen Lande, um zu Bethlehem neben der Geburtsstätte unseres Erlösers zu sterben und ihr Grab zu finden, während ihr Sohn Toxotius in Rom als Heide, aber mit einer christlichen Gattin zurückblieb, und sein Söhnchen, der Enkel der heil. Paula also, doch wieder dem mütterlichen Großvater, einem heidnischen Oberpriester, das christliche Halleluja! entgegenlallte. Ob sie wollten oder nicht, Alle mußten durch die Schule dieses bunt zusammengewürfelten Lebens; die Ecken standen einander noch zu nahe, als daß man ihnen hätte ausweichen können. Und wie ein Extrem das andere weckt, so mußten dann aus den Uebersättigungen des Heidenthums die strengen Kasteiungen des Christenthums hervorgehen. Nur so gebildete Männer konnten das Leben auf diesen ausgedörrten, von einem ewigen Wellenschlag ausgewaschenen Inseln ertragen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder Einsiedler hierher flüchten, denen die Welt zu eitel und die sich selbst zu schwach zum Widerstande sind. Es ist eine Eigenthümlichkeit aller sinkenden Zeiten, daß starke und schwache Seelen, die einen wenn sie die Erfolglosigkeit begriffen, die andern wenn sie die Unwiderstehlichkeit der Sünde erkannten, sich in die Einsamkeit zurückziehen. Wenn wir sie alle zählen könnten die Menschen, denen heut zu Tage der Muth und die Kraft zur That und zum Widerstande erstorben sind, ob nicht der Inseln zu wenige wären sie alle aufzunehmen? Aber nein, unsere Zeit ist ja noch keine des Verfalles, wenigstens in ihrer Einbildung nicht.
Gegen Mittag verschwand alles Land; es blieb auf allen Seiten nur unbegrenztes Meer, mir das liebste, weil man sich doch immer den Beherrscher seines Gesichtskreises wähnt. Der Tag, der heiß und klar war, schied mit einer Sonne, die purpurhältig aus wolkenlosem Himmel in die See sank, und die Nacht, die milde und hell ist, kam mit einer Sichel, die züchtig ihr bescheidenes Licht über die leicht aufrauschende Fluth ausgießt. Im Westen glänzt noch ein rother Strahl; „so stirbt ein Held!“ und das ist der Erinnerungsschimmer, den er zurückläßt.
Vorn auf dem Schnabel des Schiffes liegt ein Perser schlafend ausgestreckt; den ganzen Tag über sah ich ihn lesend dort sitzen, unveränderlich in seiner Ruhe und in seinem Gleichmuthe. Nur manchmal hob er sich über die Brüstung hinaus, auf die See zu sehen. Auch da war sein Blick kein Schauen, nur ein suchendes Denken. Wie vieles mag in diesem Kopfe sein, wovon die Schulweisheit deutscher Gelehrten nie geträumt hat! Ich halte ihn für einen Pilger, der von einer Wallfahrt heimkehrt. Vielleicht gilt er seinem Volke als Wissender, wie den Deutschen nur irgend einer ihrer Heidelberger und Berliner Professoren.
An Bord des „Stadium“, 16. Mai.
Welche Veränderung, da ich Morgens vom Verdecke den ersten Blick um mich werfe! Links vom Schiffe, wo gestern Abend noch das Auge weit hinaus und den Osten nur von Meer und Himmel begrenzt sah, prallt es jetzt zurück an finsteren Wänden, und muß an ihnen hinaufklimmen den Himmel auf sie gelehnt zu finden. Das können nur die akrokeraunischen Berge sein, welche den Alten die obere Welt von der rückkehrungslosen unteren schieden. Und wahrlich, wer diese Berge sieht wie ich sie sehe, grau im unheimlichen Zwielichte des Morgens, indessen weit draußen im Westen ein erster Sonnenstrahl über ihre Kuppen weg auf das zitternde Meer fällt, der begreift, daß sie der Phantasie eines dichterischen Volkes als Mauern erscheinen konnten, die trennend zwischen zwei unvereinbare Reiche, den Tod und das Leben, gestellt waren. Was hinter ihnen ist, ihr Inneres, mag auch wirklich manches Thal bergen, das, sonnenlos, der homerischen Schattenwelt ähnlich genug sein mag. Und ähnlich diesen Sagen liegen, da ich die Gebirge zuerst erblicke, geheimnißvolle Wolken auf ihren Gipfeln. Erst da das volle Tageslicht kommt, zerstreut es diese.
Heute nennen sie es das Tschika-Gebirge. Schnee deckt die obersten Kuppen und zieht sich in weißen Streifen tief hinab. In Silberbächen fallen die schmelzenden Wasser durch die alten Furchen in das Meer hinunter, denn ohne jede Abstufung, ohne vorliegende Hügelkette, ohne vermittelnden Rand, von oben beinahe senkrecht hinab sinken diese Berge in’s Meer; ein Schiff könnte an ihnen anlegen wie an den Wänden eines Molo’s, so glaubt man wenigstens. Unten hat der Wogendrang der Jahrtausende die Hänge abgewaschen, oben aber wurzeln grüne Laubwälder fest darin. Das sind Standbilder der Vergangenheit; aus dem Boden, welchen die Zeit aufgeschichtet hat, schöpfen sie ihre zähe Lebenskraft. Die Gestalt und auch die Höhe dieser Berge, die höher erscheint als sie wirklich ist, weil das Gebirge unmittelbar aus dem Meeresspiegel aufsteigt, läßt sie mich unsern Alpen ähnlich finden. Dahinter ist das türkische Albanien. Rohe, wilde Völker wohnen dort, ohne jede Spur jener Gesittung, die wir Civilisation nennen. Schon Homer schildert sie so; die Füße wuschen sie sich damals nicht und schliefen auf dem Erdboden. Und ein Jahrtausend später fand Strabo bei den Barbaren um das heilige Dodona noch immer denselben Culturzustand. So bleibt der Mensch wie auch die Pflanze auf demselben Erdenflecke im Grunde immer derselbe; er wie alles Uebrige unterliegt den localen Naturgesetzen. Ich achte übrigens wegen dieser Rohheit diese Völker nicht geringer; was wir Rohheit nennen, ist gar oft der bessere Theil der Natur, den die Erziehung auslöschen will. Was die Albanesen damit zu leisten vermögen, das zeigten sie gegen Ali Pascha von Janina.
Cap Linguetta ist inzwischen weit hinter uns zurückgeblieben; mit dem von Otranto, gegenüber an der italienischen Küste, sperrt es das adriatische Meer. Ein anderes Meer thut sich vor uns auf, das jonische, mit anderen Inseln und anderer Geschichte. Wäre das Wasser nur etwas beständiger, diese Fläche müßte uns Furchen zeigen, die der Kiel des Jasonischen Schiffes, die Odysseus, die Cäsar und sein Glück, Augustus, die die Byzantiner und Normannen, die Venetianer und Kreuzfahrer darein gezogen haben. Später, als dann die Welt größer ward, wurden die Ereignisse, die hier geschahen, kleiner und seltener. Die Weltgeschichte ist mit der Zeit extensiver aber nicht intensiver in ihrem Wirken geworden. Indessen den alten Ruhm, den glänzenden Schimmer der untergegangenen Zeit konnte diesem Meere nichts von dem spätern rauben; die Dichter haben ihn mit unsterblichen Namen ringsum an das Festland und an die Inseln, an die Berge und an die Klippen geschrieben. Was sie die donnergetroffenen Berge, die akrokeraunischen, genannt, das wurde durch sie das Land der nächtlichen Cimmerier; dort ließen sie den Hades und den Tempel der Eumeniden erstehen. Fanno, das vor mir mit malerisch, scharf gebrochenen Linien, so wie man Capri auf Bildern dargestellt sieht, aus der Fluth auftaucht, war ihnen die Zauberinsel der Calypso, das verführerische Ogygia, und Corfu, das ich bis jetzt nur noch mehr ahne als sehe, das Scheria der seeliebenden Phäaken mit dem königlichen Hofe des Alkinoos und der reinen Liebe der Nausika. Und wer in der That kann diese Ufer mit andern als mit von der Dichtung begeisterten Augen sehen?
Die Küste zur Linken ist uns mit den gewaltigen Berglehnen immer gleich nahe. Rechts treten die Erikusa und die ganz nackten, zersplitterten Felsenriffe der Salmotraken in den Gesichtskreis; zuletzt schließt sich Corfu an mit Bergen weit höher als ich sie erwartet hatte. Silbergrau sind sie von oben bis unten mit Olivenwäldern überzogen, aus denen einzelne Cypressen würdevoll aufragen. Unten herum, dem Strande näher, sind Landhäuser darin zerstreut, kleine feste Würfel aus rothem Stein mit niederen Dächern. Das Meer liegt spiegelglatt davor, daß, als wir zwischen die Insel und das Festland eingefahren sind und die Berge sich hinter uns zusammenschließen, die Täuschung beinahe unwiderstehlich wird, man treibe auf einem friedlichen Landsee. Ein Inselchen, Peganosa, worauf die Engländer eine Laterne setzten, mehrt noch den Betrug. Es ist wie einer der schweizer oder italienischen Seen, nur größer, weiter, und Cypressen, Feigen-, Orangen- und Oelbäume auf den Uferwänden, und Meer und Land in den Farben, in dem Dufte und in der Wärme des Südens.
Alle, auch die bisher theilnahmslosesten Passagiere, haben sich auf dem Verdecke gesammelt. In der Mitte des Oberdecks vor dem runden Glaspavillon stehen sie schauend und entzückt; ich aber vorne auf der Spitze des Schiffes, weil meine Neugierde allen vorandrängt. Gegen 2 Uhr sehe ich Corfu in einer weiten aber wenig eingebogenen Bucht auf steilem Ufer mit weißen Häusern; vor ihm und zu seinem Schutze Fort Vido; zur Rechten, die Stadt und die ganze Insel beherrschend und wie ihr Rückgrat durch sie hingezogen, Monte San Salvatore; zur Linken die Doppelgipfel der Festung, die mit felsigen Kanten zum Wasser hinabsteigen, das hinüber zum Festlande führt, wo schneebedeckt die albanesischen Berge aufragen. Zwischen ihnen und Corfu durch zwängt sich das Meer wie in einem Strome zur Fortsetzung unserer Fahrt.
Fort Vido haben die Engländer erbaut und jetzt vor ihrem Abzuge zerstört. Zwischen den gestürzten Mauern stehen einige dürftige Platanen. Unser Schiff macht einen weiten Bogen um das Inselchen, dann erst übersehe ich die ganze Stadt und die Rhede, denn das ist der Hafen eigentlich nur. Kriegsschiffe und Dampfer und die Flagge auf den hohen Thürmen der Doppelburg kündigen noch immer die Engländer; sie haben die Uebergabe der Regierungsgewalt an den König von Griechenland bis zum Juni verschoben.
Wir werfen den Anker; die Maschine und die Räder stehen stille, das Schiff treibt mit der Kraft, die ihm eigenthümlich geworden war, noch eine Weile weiter; erst die angespannten Ankerketten halten es. Eine Meute von Booten, die uns schon entgegengekommen war und in immer engerem Kreise eingeschlossen hatte, legt sich an seine Wände. Diese Boote sind breit und plump, so sehr jedem Schönheitsgefühle zuwider, daß ich sie nur durch das Bedürfniß entschuldigen kann, das sie so zu anderen Zeiten für die vielleicht bösartige Natur dieser Buchten brauchen mag. Die Bootsleute sind frische und sogar schöne Bursche und das Geschrei, womit sie sich die günstigsten Plätze bestreiten, die Passagiere schon von unten herauf zu gewinnen suchen, gibt mir, ehe ich noch diesen Boden betreten habe, einen Begriff von der Lebhaftigkeit, von der Geschwätzigkeit des griechischen Volkes. Das lauteste, was ich in Italien gehört habe, schwindet daneben zu melodischem Mezza voce herab. Ihre und unsere Ungeduld mußte warten, bis der „Stadium“ Pratica erhalten hatte. So nennen sie in der Levante alle mit dem Ausladen verbundenen gesetzlichen Förmlichkeiten.
Corfu, oder Scheria wie es die Fabel, Korkyra wie es das Alterthum, Korypho wie es das Mittelalter nannte, ist berühmter durch den Ruf seiner Schönheit als durch den seiner Geschichte. Mitgespielt hat es gar oft, aber entschieden nur einmal die Schicksale der Welt; das war, als es im Streite mit der Mutterstadt die Athener gegen Korinth zu Hilfe rief und dadurch den peloponnesischen Krieg anstiftete, der so lange und so verderblich die Griechenstämme entzweite. Vorher mag die Zeit gewesen sein, welche Strabo „vor Alters“ und „eine hochbeglückte“ nennt, weil es eine große Seemacht besaß. Korinth hatte es durch eine Colonie in Besitz genommen. Bald aber zeigte es sich der Mutter feindselig, egoistisch, den Interessen Griechenlands abgewendet und im Innern zu Parteikämpfen geneigt. Schon vor den Perserkriegen war es gänzlich unabhängig und so stark, daß es nächst Athen die größte Flotte und den bedeutendsten Handel hatte und mit Korinth in der Herrschaft über das jonische Meer wetteifern konnte. Seine Regierungsform war eine aristokratische und seine Diplomatie eine überaus geschickte, die es immer außerhalb fremder Händel zu halten und ihm für die eigenen doch Bundesgenossen zu verschaffen wußte. Die materielle Lage der Insel war eine glänzende, der Reichthum groß, aber die geistige Bildung ihrer Bewohner hat nie jene Stufe erreicht, auf der im übrigen Griechenlande Werke unsterblichen Ruhmes geschaffen wurden. Roher und mordlustiger als irgend welche andere Griechen, füllten die Korkyraer die Zeit des auswärtigen Friedens, die man an anderen Orten zu Tempelbauten und zur Dichtkunst verwendete, mit inneren Parteikämpfen aus, die so grimmig waren, daß einmal in einem Streite die obsiegende Partei 1500 der gefangenen Gegner hinschlachten ließ. Es waren die demokratischen und aristokratischen Ideen, die hier früher als in einem andern Staate Griechenlands auf einander stießen. Diese inneren Zerwürfnisse boten fremden Feinden immer willige Handhaben zu ihren Einmischungen. So kam es, daß Athener, Spartaner und Macedonier sich in dem Besitze der Insel folgten. Zuletzt ging er denn auch mit der Erbschaft Alexander des Großen an die Römer über. Corfu, in seiner Oberherrschaft geknechtet, scheint sich durch kleinliche Freiheitsbestrebungen lächerlich gemacht zu haben. Wenigstens bespöttelt sie ein damals viel gebrauchtes römisches Sprüchwort: „Nun frei Korkyra,.... wohin du willst.“ Im August des Jahres 31 v. Chr. besetzte es Octavius Augustus, als er den Westen des römischen Reiches gegen den Osten in den Kampf führte, der sich schon damals von jenem trennen wollte. Der Posten, der den Eingang in das adriatische Meer und die damals so viel befahrene Verbindungsstraße zwischen dem italienischen Brundisium und dem illirischen Dyrrhachium bewacht, war für den Römer, der das Hauptquartier seiner Macht in Rom hatte, von der höchsten Bedeutung. Im Falle einer Niederlage bot er ihm einen Sammlungspunkt, oder deckte doch seinen Rückzug nach den calabrischen Häfen und Heerstraßen. Mit Anderem muß auch das Antonius vergessen haben, als er that- und entschlußlos im korinthischen Busen mit verliebten Tändeleien die Zeit der Vorbereitung verlor und den Gegner den Sieg schon gewinnen ließ, noch ehe die Schlacht begonnen hatte.
Eben diesen Stationspunkt wählen dann auch die späteren Eroberer, die sich zu ihren italienischen Fürstenthümern das griechische Kaiserreich rauben wollen. So 551 n. Chr. Totila mit seinen Gothen; so 1081 Robert Guiscard, 1107 Bohemund, 1146 Roger und 1185 Tankred mit ihren Normannen. Hier sammelten sie ihre Flotten, nordwärts gegen das oft belagerte Dyrrhachium, das heutige Durazzo, und südwärts gegen die preisgegebenen Küsten Morea’s und Attika’s zu ziehen. Und flüchtig, wenn der immer noch starke Arm des sinkenden Kaiserthums sie gezüchtigt hatte, ist es wiederum hier, wo sie einlaufen und Kräfte zu neuen Ueberfällen suchen. Wenn die Corfioten zu solchen Expeditionen die Fremden nicht geradezu aufforderten, wie es 1146 geschah, als sie sich gegen die byzantinischen Steuergesetze empörten, so waren ihnen die Feinde des oströmischen Reiches doch immer willkommen; den Reichthum und die Macht hatten sie nicht mehr, aber den Egoismus und die Theilnahmlosigkeit für die Geschicke der Stammesbrüder noch immer so wie damals, als Athen vergebens ihre Hilfe gegen die Perser begehrte. An Byzanz band sie nur das lose Band von 1500 Goldpfunden, die sie jährlich dahin ablieferten; die fanden sie nicht genügend bezahlt durch den schwachen Schutz, den ihnen der entfernte Kaiser nur bieten konnte. Sich selbst zu schützen waren sie noch unfähiger, und so wurde es allerdings das vortheilhafteste, sich dem jeweiligen Herrn des adriatischen Meeres willenlos hinzugeben. Zuerst den normännischen Königen von Neapel und Sicilien; dann, als sie diesen der griechische Kaiser wieder entrissen hatte, Constantinopel aber durch Henrico Dandolo erobert worden war, der Republik Venedig 1205; später wieder einmal an das Königreich Sicilien und 1386 sogar an den Fürsten von Padua. Einem Nachbarn aber konnte Venedig nicht diese Pförtnerstellung des adriatischen Meeres überlassen, und so zog noch im selben Jahre der Admiral Giovanni Miani aus, die Insel auf Grund der früheren Besitzestitel und für alle Zeiten in das Eigenthum der Republik aufzunehmen. Die Einwohner glaubten seinen Verlockungen, daß Corfu nur zufrieden gewesen und nur glücklich sein werde unter dem Banner des heiligen Markus, und zwangen mit ihm die paduanische Besatzung zur Uebergabe der Burg am 9. Juni 1386. So ward Venedig Herr dieser Insel und blieb es bis zu seinem eigenen Falle. Was man auch dagegen gesagt und geschrieben, es hat sie besser verwaltet und vertheidigt als sie es jemals früher oder später war. Eine Aristokratie, ähnlich der von Venedig selbst, besorgte die politische Administration. Dadurch entstand ein Adelskörper, der, wenn man dessen Existenz und seine noch immer geltenden Ansprüche nicht übersieht, manches von den letzten Ereignissen Griechenlands erklärt. Die militärische Gewalt behielt Venedig hier wie in allen seinen Colonien ganz in der eigenen Hand. Und ruhmvoll hat es sie gegen den einzigen Feind, den es in diesen Meeren zu fürchten hatte, gegen den Türken gebraucht. Einmal, 1537, als Suleiman seine Truppen auf die Insel ausschiffen ließ, und ein anderes Mal, 1716, als der deutsche Graf Schulenburg mit nur 5000 Venetianern die Stadt und zuletzt das Schloß durch 42 Tage gegen 22 türkische Linienschiffe, 30.000 Soldaten und 3000 Pferde so tapfer vertheidigte, daß der Feind mit einem Verluste von 15.000 Mann die Belagerung aufheben und in nächtlicher Heimlichkeit abziehen mußte. Das Denkmal des Generals stand lange auf dem Schauplatze seines Verdienstes. Erst als die Republik gefallen war, erreichte die Pforte das Ziel ihres Strebens, aber auch dann nur für kurze Zeit, denn schon 1809 mußte sie die Souveränität über die Insel an Frankreich abtreten. Schon der Friede von Campo Formio hatte diese Verfügung enthalten, Frankreich aber nicht die Kraft gehabt, sie der russisch-türkischen Flotte abzunöthigen. Der erste Pariser Friede übergab dieses Recht der Oberherrschaft an England, der zweite beschränkte es durch den Vertrag vom 5. November 1815 zwischen Rußland und England auf ein Protectorat, das eben jetzt England auch an den König von Griechenland abtritt. Daß damals den jonischen Inseln so viele Selbständigkeit gelassen ward, soll ihnen ihr Landsmann, der Corfiote Graf Johann Capo d’Istria erwirkt haben, und daß sie heute ganz in die griechische Herrschaft übergeben werden, sollen sie wieder zumeist dem Einflusse einer Persönlichkeit, den Berichten des Lord Obercommissärs Sir Henry Storks zu danken haben. Corfu wird jetzt zu beweisen haben, daß es treuer und opferbereiter als in alten Zeiten zum gemeinsamen Vaterlande stehe; die Zukunft liegt in seiner Hand. Was ihm England übergibt, ist ein sorgsam gepflegter und verbesserter Boden.
Das in großen allgemeinen Zügen die Geschichte der Insel; ihre körperliche Gestalt finden die Griechen einer Sichel ähnlich, den innern Ausschnitt gegen das Festland gekehrt. Ich möchte sie eher einer Keule vergleichen, deren Griff im Süden und deren knorriger dicker Kolben im Norden liegt. Dieser nördliche Theil ist der gebirgigere. Alle anderen übertrifft der Monte San Salvatore durch seine Höhe (3000 Fuß), aber auch durch die Schönheit seiner Umrisse. Vom Hafen aus gesehen zeigt er zu oberst eine lange, gerade, nackte, felsige Schneide, die nur an ihren beiden Enden mit kleinen Hörnern aufragt. Weil ich überall Aehnlichkeiten sehe, so vergleiche ich ihn mit der hohen Schrott auf dem Wege von Ischl nach Ebensee. Das Wachsthum auf seinen Hängen ist ein üppiges, meistens silbergraue Olivenwälder. Die Berge, die um ihn stehen, steigen unmittelbar aus dem Meere auf, so daß die ganze Gruppe wie ein eben erst aus den Fluthen aufgetauchtes Wunder erscheint.
Von diesen Höhen ostwärts dacht sich die Insel ab. Dort liegen wie in einem Sattel die Stadt Corfu, ihre schönsten Villen und Gärten. An seinem anderen Ende, vor dem Abbruche in die See, hebt er sich wieder zu dem doppeltgehörnten, dem grauen, steilen Vorgebirge, auf dem die Festung steht, die Fortezza vecchia auf dem einen, die Flagstaff Batterie auf dem anderen Horne. Zu allen Zeiten muß dieser Felsen die Akropolis getragen haben, wie heute die der Engländer, so ehemals die des Königs Alkinoos. Das Festland gegenüber buchtet sich gerade an dieser Stelle tief ein, so daß die Meerstraße von Corfu hier am breitesten ist. Die Stadt liegt unter dem Schutze der Festung und der Insel Vido beinahe uneinnehmbar; Haus über Haus steht sie vom untersten Saume der nordwärts geöffneten Bucht das felsige Ufer hinauf. Sie sieht gedrängt, eng und klein, aber reinlich aus, weil die Gebäude alle frisch und weiß angestrichen sind. Die Stadt soll an 20.000 Einwohner, die Insel 73.473 haben.
Indeß war der Menge, die den Dampfer umlagerte, die Erlaubniß geworden, das Verdeck zu besteigen. Bald waren wir, jeder Passagier besonders, von Diensteifrigen umstellt, der eine um uns sein Boot, der andere um uns seinen Wagen, seine Führerschaft, seinen Gasthof und jeder um uns mit vertraulich zugeflüsterten Betheuerungen seine Dienste als die besten anzubieten. Obst und Gemüse, Orangen, Erdbeeren, eine fremde Gattung Aprikosen wurden in großen Körben um uns aufgeschichtet; Artischocken von dieser Größe hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich drängte durch Alles durch zur Lloydbarke, die uns an einer abgelegenen Stelle landete. Durch Höfe und einen Thorweg betraten wir erst die Gassen der Stadt. Eine englische Wache hielt das Thor besetzt, schöne große Leute und von so anständiger Haltung, daß jeder einem Gentleman glich. Sie waren ganz in weiße Leinwand gekleidet, auf dem Kopfe die hohe weiß überzogene Korkmütze mit dem rückwärtigen Schirme, der weit hinab den Nacken deckt, wie sie sich die englische Armee gegen die indische Sonne erfunden hat. Und so sommerlich angethan kommen uns alle Leute, die meisten sogar noch durch weiße Sonnenschirme gedeckt, entgegen. Glückliches Land, wo die Sonne das ganze Jahr über ihre Schuldigkeit thut und man nie vergessen kann, warum sie scheint!
Die Gassen, die ich aufwärts ging, steigen die Höhe zum Plateau hinauf, aber nicht so steil, als ich nach dem äußern Aussehen der Stadt erwartet hatte. Sie sind schmal, und so ist der Verkehr in ihnen zusammengedrängt und lebendiger als in mancher unserer breitspurigen Residenzstädte. Auch den Schatten haben sie dadurch gewonnen. Verschwendet ist dafür der Raum oben auf der Höhe, um den Platz zwischen der Stadt und der Festung auf das ansehnlichste auszubreiten. Seine eine Seite begrenzt die Stadt mit einer langen Zeile anständiger Häuser; dort, aus einer Seitengasse heraus, betrat ich ihn. Vor dem ebenerdigen Geschoße ziehen sich Arcaden her, so daß man einen weiten Weg gegen Regen und Sonne geschützt hat. Kaufleute haben darunter ihre Waaren ausgestellt. Unter dem vielen Primitiven fiel mir die große Anzahl der Möbelhandlungen auf. Links, wo diese Häuserreihe endigt, aber ihr schon gegenüber, steht der Palast des Lord Obercommissärs; aus gelblichem Malteserstein ist er in so schönen Formen gebaut, daß er des griechischen Himmels würdig erscheint. Zwischen ihm und den Häusern der Stadt bleibt ein enger Durchblick auf den Hafen und die albanesische Küste; vor ihm hebt sich eine Palme und um sie blühen Rosen- und Oleanderbüsche. Unter schattigen Alleen, die das ganze Oval des Platzes umsäumen und durchschneiden, ging ich weiter, durch tiefe Gräben von den hohen Mauern der Festung geschieden. An den Brücken, welche darüber herabgelassen waren, hatten wieder englische Soldaten die Wache. Da plötzlich, wo die Mauern und der Felsen abbrechen und die Aussicht zu meiner Linken auf das Meer wieder frei wird, blieb ich wie gefesselt stehen. Ein Bild, schöner noch als alle früheren, überraschte mich, ein Bild, das mich immer bei jeder Rückkehr auf die Insel zuerst anziehen wird.
Es ist der zweite größere Busen der Insel, der sich hier ostwärts gegen das Festland zu öffnet; von dem andern, nördlichen, trennt ihn das Vorgebirge der Festung, er ist weit und noch weniger eingebuchtet als dieser in einem kaum zu überschauenden Bogen bis zu seinem neuen Vorlande hingezogen. Das Ufer hart vor mir fällt steil und hoch in ausgewaschene Klippen hinab. Erst eine Strecke weiter auf dem Ausschnitte des Bogens senkt es sich zu ebenem Strande, auf dem eine weiße Straße hinläuft. Villen und Gärten liegen daran und ziehen sich so tief in’s Land hinein, daß es aussieht, als wolle sich die Stadt in’s Unübersehbare fortsetzen. Das Meer, das in dieser Bucht liegt, war blau und ruhig; nicht einmal die Riffe unter mir konnten ihm ein Gemurmel ablocken. Darüber hinaus ist das Festland mit anderen Buchten, mit den Bergen Albaniens, mit dem noch höhern Pindosgebirge, das dunkel vom Laube dichter Wälder die Geheimnisse des dodonischen Orakels bewahrt.
Ich stieg in einen Wagen, um weiter in das Innere der Insel zu dringen. Einzelne Palmen grüßen aus Gärten heraus; Cactus- und Aloehecken zäunen die Felder ein, dann nimmt uns ein Orangenhain auf, die Bäume voller Früchte, die mit ihrem Golde das Grün des Laubes entfärben; die freie Natur aber kömmt erst mit einem Olivenwalde. Uralte Stämme von so willkürlicher und mannigfaltiger Gestaltung, daß mir jeder besonderer Besichtigung würdig erscheint. Wer jemals eine Abneigung gegen diesen Baum gefaßt, vielleicht wegen seines grauen, eintönigen Laubes, der gehe hierher um sich von diesem Vorurtheile zu heilen. Der Zeichner und der Dichter kann für seine Landschaften keine malerischeren und stimmungsvolleren Baumgruppen finden. Es sind Bäume, wie sie Claude Lorrain geahnt. Der Boden ist zerhackt, wie zerbrochen, überall guckt das Erdreich hervor; einzelne Büsche von Gras und Blumen sitzen auf den zerstreuten Haufen herum; Schafe weiden dazwischen. Mir fallen alle Fabeln der antiken Dichtung ein, am deutlichsten aber sehe ich den Oedipus auf Kolonos illustrirt. So war der Hain, der den schwergeprüften Greis beherbergt und zuletzt verschlungen hat.
Wo wir wieder aus den Wäldern heraus an bewohntere Stätten kommen, springen Kinder herbei, den Wagen mit Rosen und Orangenblüthen zu bewerfen. An einer solchen Stelle steige ich aus; wenig Schritte seitab, die man mich führt, und ich habe eine dritte Bucht, den Hafen der Phäaken vor mir. Tiefer als eine der beiden andern zieht sie sich in’s Land hinein und vorn ist sie so geschlossen, daß ihr die Corfioten wie einem getrennten Landsee einen besondern Namen geben konnten. Den See von Calichiopoli nennt man sie; daß sie heute zu seicht zum Einlasse unserer Schiffe ist, war kein Grund gegen ihre frühere Benutzung. Dadurch eben bot sie in jener Zeit, als ein Paar starke Fäuste genügten, die geschnäbelten Schiffe auf das Ufer zu ziehen, die sicherste Unterkunft. Damit aber ja kein Zweifel über die ehemalige Verwendung dieser Bucht bleibe, hat Poseidon das gleitende Meerschiff phäakischer Männer, das den Odysseus nach Ithaka zurückgebracht und wieder auf der eignen Heimkehr begriffen war, versteinert vor den Eingang des Hafens hingestellt. Festgewurzelt in die Wellen steht der Felsen, ein Kapellchen, ein Paar Oelbäume und Cypressen darauf, wie ein Denkmal, das die Natur dem Dichter und dem Helden seines Liedes gesetzt hat. Ποντιχονῆσι, Ratteninsel, nennen sie es heute.
Der Hafen liegt tief unter mir. Weit um ihn herum ist bebuschtes Land gebreitet. Mir gegenüber, auf seinem jenseitigen Ufer, steigen die Berge von Casturi zum Thale hinab. Oelwaldungen bedecken ihre Hänge, und Landhäuser und kleine Ortschaften schimmern daraus weiß hervor. Ich saß lange und schaute und konnte des Eindruckes nicht satt werden. Wer wird auch das Paradies nicht genießen, wo es einem auf Erden schon geboten wird?
Das Letzte, was ich besuchte, war die Villa, welche die Kaiserin von Oesterreich einen Winter lang bewohnt hat, der gewöhnliche Sommeraufenthalt des Lord Obercommissärs. Sie steht auf dem entlegenen Vorgebirge der zweiten ostwärts geöffneten Bucht. Der Garten war voll üppiger Blumen; die meisten in der Blüthe, einzelne sogar schon verwelkt. Aber das bewundernswertheste ist der Ausblick von der Terrasse vor dem Gartensaale; Meer und Land umfassend reicht er vom Süden über den Osten bis zum Norden; die Nähe unmittelbar vor mir wild und schwindelnd mit hohem Felsabsturze bis zur See hinab, die Ferne mild und ausgeglichen in ebenem Linienschwunge und stille im heißen Mittagsschlafe des sommerlichen Frühlingstages. Uralte ernste Cypressen, höher als bei uns irgend ein Baum wird, nisten in den Felsen, die den Abhang hinab zum Meere auf einem steil verwegenen Steige führen. Auf regungsloser Fluth lag dort ein Kahn an die Klippen angekettet. Links hin in weiter Ferne, von Bäumen halb verdeckt, erscheint die Stadt, der doppelzackige Felsen des Festungsvorgebirges und darüber, wie seine vergrößerte Copie, der mächtige alles beherrschende Monte San Salvatore. Gegenüber auf dem Festlande sperren die Berge von Albanien die Aussicht. Schwarze Gewitterwolken ballen sich auf ihrem Schnee zusammen, drohend, als wolle uns der Prospero dieses Zauber-Eilandes die Absicht der Flucht verhindern; denn nur dieser dichterischen Schöpfung kann ich diese Insel vergleichen. In ihrem Rosenglanze und Orangendufte war mir oft, als höre ich aus den Lüften herab das verlockende Lied Ariels und aus den Büschen das keusche Liebesgeplauder Miranda’s und Ferdinands. Die Königin von England gibt dieses Kleinod ihrer Krone umsonst her, mir wäre es um die Schätze aller ihrer Indien nicht feil. Aber freilich droben in ihren Nebeln kannte die arme Frau nicht einmal was sie besaß.
Wir dampfen in der Straße von Corfu, rechts an dem Vorgebirge der Festung, an der Villa des Lord Obercommissärs, links an dem chäronäischen Gebirge, an dem chimärischen Vorlande vorüber. Hinter uns sind die vereinigten Berge der Insel und des Festlandes, vor uns, wo das Meer wieder weiter und freier wird, Paxos und Antipaxos, zwei felsige Eilande, Corfu nahe und von ihm getrennt, wie wenn sie einmal eins mit ihm gewesen wären. Hier war es, wo der römische Steuermann Thamus die wunderbare Weisung hörte, an der Bucht von Butrinto, also Corfu gegenüber, laut auszurufen, daß der große Gott Pan gestorben sei. Und als plötzliche Windstille dem Unfolgsamen den Ruf abgenöthigt hatte, da erscholl weit umher klagendes Wehegeschrei. Es war der Jammer um den Tod der alten Götter und um die Auferstehung eines neuen Glaubens. Alle Versuche dieses Wunder durch irgend etwas Natürliches zu deuten sind bisher gescheitert. Ich glaube, daß sich dergleichen Erscheinungen überhaupt nicht erklären lassen. Ihre Veranlassung liegt nicht sowohl in der uns umgebenden Natur, als in den Gemüthern und in der Zeit, welche von den Ahnungen der Geister bewegt ist. So sind oft ganze Generationen von dem Wunderglauben erfüllt. Es ist das besonders in den Epochen der Wiedergeburt, der Um- und Einkehr der Menschheit in sich selbst, in den glücklichen Tagen eines neuen Lebens der Fall, wenn der Mensch wieder zu glauben beginnt. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind!“ Auf ruhiger offener Fläche des Meeres, wo nichts den Sinn zerstreut und das Auge nur durch die gegenstandslose Ferne gefesselt wird, bilden sich dann solche Erscheinungen von selbst, und ungesprochen und ungehört glaubt und sieht sie das Ohr und das Auge.
Während ich in Corfu auf dem Lande war, hat das Verdeck unseres Schiffes ein anderes Aussehen bekommen. Albanesen, Türken, Griechen, Montenegriner lagern darauf in solcher Menge, daß ihnen auch ein Theil des ersten Platzes eingeräumt werden mußte. Es ist die Levante, die uns auch hier umgibt mit malerischen Trachten und charakteristischen Physiognomien. Die Meisten tragen weiße, grellroth verbrämte Flanelljacken, Mäntel, enganliegende Hosen und Gamaschen aus demselben Stoffe, mit den gleichen Verzierungen, das sind Albanesen und Montenegriner. Einige aber, offenbar wohlhabendere, haben diese Kleidungsstücke aus blauem und rothem Tuche, über und über mit Gold gestickt. Andere, denen Hunger und Sorge die scharfen Gesichtszüge noch mehr ausgefeilt haben, sind bis auf ein zerrissenes Hemd und die nothdürftigsten Lumpen unbekleidet. Was von Griechen aus dem eigentlichen Griechenlande darunter ist, zeigt mit einem gewissen Stolze das bekannte Griechenkleid, die Fustanella, die Jacke, Gamaschen und das rothe Fez. Möglichst abseits von diesem Volke, das laut und beweglich ist, halten sich ruhig und still die Türken. Es sind Soldaten, die nach Konstantinopel zurück müssen, während die übrigen der Hunger, die Gewinnsucht und die anderen Triebe der Hoffnung dahin treiben. Alle haben ihr Mobiliar und ihr ganzes bewegliches Eigenthum bei sich in großen Ballen zusammengeschnürt. Da es Abend wird, knüpfen sie die Schnüre auf und rollen, die Reicheren dünne Matrazen und gesteppte Decken, die Aermeren nichts als langhaarige Kotzen zu ihren Nachtlagern auseinander; darauf ausgestreckt, verzehren sie das sparsame Mahl, das sie mitgebracht, Knoblauch, Zwiebeln, rabenschwarzes Brod, und nur die, denen es besser zu gehen scheint, essen Käse dazu. So genügsam ist dieses Volk und darum nicht schlechter daran als das nordländische, das sich mit Bedürfnissen übersättigt.
In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke. Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei, Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene. Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht; aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle, das ôte toi que je m’y mette? Daß es von unseren großstädtischen Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem Werthe der Sache nichts.
9 Uhr Abends.
Der Regen, der uns eingeholt, strömt in Güssen nieder. Wir fahren am Meerbusen von Arta vorbei, aber Nebel decken die Stätte von Actium. Tausend Schiffe standen sich hier in den Nachmittagsstunden des 2. September 31 Jahre v. Chr. gegenüber. Antonius und Augustus, die beiden ehemaligen Freunde, rangen um die Weltherrschaft. Als die Sonne schied und das Meer, das schon blutgetränkt war, mit feuriger Röthe übergoß, schwammen nur noch brennende Wracks, Ertrinkende, Leichname darauf herum, ein allgewaltiger Sieger, und Antonius, der in dem purpursegeligen Schiffe der Cleopatra entfloh. Drei Tage saß er stumm und allein vorne auf dem Schnabel des Bootes; erst am tänarischen Cap, dem heutigen Cap Matapan, wo sie landeten, sprach er wieder. Die Geliebte hatte zuerst das Zeichen zur Flucht gegeben und er war ihr gefolgt, noch ehe die Schlacht verloren war. So sehr hatte dieser Held im Schooße seiner Dalila alle Kraft verloren. Augustus baute später auf dem Vorgebirge, das links den Meerbusen schließt, zur Feier des Sieges die Stadt Nikopolis, und das erzene Bild des Esels, der ihm am Vorabende die glückliche Entscheidung prophezeit hatte, war auf ihrem Marktplatze aufgestellt. Später wurde es nach Constantinopel übertragen, um die Spina des Hippodroms zu schmücken; die Stadt ging in das Eigenthum der Familie der hl. Paula über. Wir treiben schon in voller Nacht, unberührt von jeder Erscheinung der Vergangenheit, über die ereignißvolle Stätte. So spurlos heilt die Zeit die ärgsten Wunden.
1 Uhr nach Mitternacht.
Ich stieg wieder auf’s Verdeck und hielt bis jetzt aus. Meine Gefährten bei dem regnerischen Spaziergange waren zwei Engländer, der junge Mann, der die große Tour macht, und der erste Maschinist des Dampfers. Sie ganz mit Reminiscenzen an Lord Byron und den 2. Gesang des „Childe Harold“ erfüllt, ich nur mit Homer und dem 13. Gesange der Odyssee beschäftigt. Abwechselnd mußte der eine von dem andern die Schicksale der Sappho und die glückliche Heimkehr des Odysseus vordeclamirt hören. Das leukadische Vorgebirge lag schwarz, wie ein Sarg gestaltet, der alle Lieb und Treu begraben hält, hinter uns; Ithaka zur Rechten, hoch und mächtig; Cephalonia zur Linken mehr in flachen gestreckten Linien. Ueberall nur Umrisse, die gleich dunkel ausgefüllt waren, denn der Mond war verborgen und die Nacht zu dicht, um von den Einzelnheiten irgend etwas erkennen zu können. Der Regen rieselte, aber ich harrte aus; was war meine Geduld gegen die des großen Dulders Odysseus! Wach wollte ich ihm und seiner Heimath einen Tribut dankbarer Erinnerung zollen. Um Mitternacht begegneten wir dem Dampfer, der aus Constantinopel kommt. Mit Raketen begrüßten sich die beiden Schiffe. Und hier, kurz darauf, kämpfte sich der Mond durch die Wolken durch. Geisterhaft in seinem bleichen Lichte wie ein wirklich gewordenes Sagenbild stand Ithaka da; Cephalonia blieb in Schatten gehüllt; die Erscheinung kam und ging, schnell wie die eines Traumes, die sich der Geist mit lebhaften Wünschen erzwungen hat.
An Bord des „Stadium“, 17. Mai.
Auf dem Verdecke begrüßt mich frische und doch warme Luft, herrliche blaue See, geklärte Fernsicht, im Osten die Kette der messenischen Berge mit sanften grünen Hängen, die zum flachen Ufer abfallen, das schneegesalbte Haupt des Taygelus über allen; im Westen das freie Meer, wo eine Menge großer Schiffe mit geschwellten Segeln nordwärts streben. Wir sind im Golfe von Arkadien, heilige Namen und heiliges Land überall. Der Morgen voll Salbung, die alle Lebensgeister anregt und das Dasein wieder einmal recht des Lebens werth erscheinen läßt. Der Insel Prodano fahren wir vorüber, später der Klippe Sphakteria, hinter der geborgen der Busen und die Ortschaft Navarin liegen. Auch hier wieder sind es Homer und Byron, die unserem Gedenken begegnen. Die sandige Pylos des Nestor, wo Telemach von Mentor geführt Hilfe und Rath suchte, lag einst auf dem Abhange dieser Berge, und Sphakteria, das lange Seeräuber beherbergte, ist als Schauplatz des Corsaren gedacht. Modon taucht auf. Nach 10 Uhr sind wir ihm so nahe, daß jedes einzelne Gebäude deutlich zu erkennen, Thürme, Mauern, runde Thorbogen aus der Venetianer-Zeit auf einer schmalen weit gegen Süden auslaufenden Halbinsel zu unterscheiden sind. Todt und leer wie eine Gräberstadt sieht es aus, als habe das viele Blut, das hier in alter und neuer Zeit geflossen, alle Lebensfähigkeit weggespült. Es gibt Gegenden, die wie einzelne Geschlechter verurtheilt zu sein scheinen, ewig die schlimmsten Gräuelthaten der Menschheit zu tragen. Diese kleine Spanne der messenischen Küste hat solch’ ein Schicksal. Jedes Jahrhundert spielte hier seinen Verrath, seine Blutthat, vom Siege der Athener über Sparta 425 Jahre v. Chr. bis zum untoward event am 20. October 1827 n. Chr. Und wie seine Geschichte so ist auch der Ort: verfallen, den Ruinen eines Stammschlosses ähnlich. Nur ab und zu wirft ein vereinsamter Baum, eine trauernde Cypresse oder eine graue Olive lang gezogene Schatten auf den dürren Boden; der strafende Gott scheint Salz in ihn gestreut zu haben, damit das Wachsthum dort ersterbe, wo der Mensch den Tod gesäet hat.
Ganz nahe zu unserer Rechten haben wir die wüsten Felseninseln Sapienza, dann Cabrera. Auch das sind Leichenhügel, von der voraussichtigen Natur dem künftigen Menschenschicksale aufgeworfen. Zwei der blutigsten Seeschlachten wurden in diesen Gewässern geschlagen, zwischen Venetianern und Genuesen, am 3. November 1354, als Doria den berühmten Pisani gefangen nahm, und am 6. October 1403, da der abenteuerliche Carlo Zeno den Genuesen diese Niederlage vergalt. So unstät sind Glück und Wellen.
In der engen Straße zwischen dieser Insel und dem Festlande begegnete uns der Lloyddampfer, der aus Alexandrien kommt; eine gute Weile hinter ihm der der italienischen Gesellschaft, der doch zwei Stunden vor dem Lloydschiffe abgefahren war.
Der Tag wird wärmer. Um 12 Uhr passiren wir das wilde felsige Eiland Venetico. Scharf gekantet und prächtig roth gefärbt, so wie sich unsere Phantasie südländische Klippen vorstellt, erscheint es uns. Dahinter liegt, nur durch schmales Wasser von ihm geschieden, das Cap Gallo, Akritas nannten es die Alten und die Insel davor Teganussa. Der messenische Golf, heute der von Koron, thut sich auf, breit und tief in’s Land geschnitten. Aber dem Taygetus und den Bergen, die sich gerade vor uns trennend zwischen dem messenischen und lakonischen Busen aufstellen, verhüllen dichte Wolken die Kuppen. Ich sehe diese berühmten Formen nicht. Was sie drohen, die Gewitter, verwirklicht sich bei dem Cap Matapan; es gießt, aber die See bleibt gefügig. Um 3 Uhr umschiffen wir das Vorgebirge, die südlichste Spitze von Europa, die mittlere von den dreien, in welche die Halbinsel Morea ausläuft. Zwei Golfe ruhen zwischen ihren Wällen; dem von Koron, d. i. dem messenischen, sind wir schon vorüber, der von Lakonien oder Marathonisi öffnet sich eben zu unserer Linken, aber unter Nebel und Regengüssen verborgen. Das dritte Vorgebirge, das maleische, Cap Malea, das einzige unter den dreien, das sich auch im heutigen Volksmunde noch den alten Namen erhalten hat, passiren wir um 6 Uhr und mit ihm die Grenze vom mittelländischen Meere in den Archipel. Man zieht diese von hier aus nach Cap Spada auf Kandia, so daß Cerigo, die letzte der sieben jonischen Inseln, noch außerhalb des Archipel im mittelländischen Meere liegt. Sie ist eben zu unserer Rechten mit steinigem Vorlande, das nach den gleichartigen Abstürzen der Festlandsküste hinübergreift. Wer sie nur von dieser Seite sieht, glaubt ihr nicht, daß 13.000 Menschen behaglich auf ihr leben und in ihrem Süden eine ordentliche Stadt besteht. Noch weniger begreift er, warum sie mit dem Schönsten, was die Welt je besessen, mit der Geburtsstätte Aphroditens geschmückt ward. Aus diesen Wellen stieg die Schaumgeborne und Cythere war ihr Lieblingssitz. Wenn es Sonne und Farbe so wie heute Morgens Venetico vergolden, mag dieser Einfall der Phantasie erklärlicher erscheinen. So wie es jetzt ist, wo Alles grau und nebelig einem Regentage in Ischl gleicht, kann die Tradition das Auge nicht überzeugen.
Malea war das gefürchtetste Cap der Alten; Jeder sollte sein Testament machen, ehe er es umschiffte. Wir fahren sicher und so nahe daran vorbei, daß ich jeden Stein auf den kahlen Wänden und seine gänzliche Vegetationslosigkeit erkenne. Eine rothe Fahne sehe ich und den Fußsteig, den sich der allen Seefahrern des mittelländischen Meeres wohlbekannte Eremit zurecht gemacht hat. Seitdem ihm ein Lloyddampfer den Gruß mit einem überaus artigen Kanonenschusse erwidert hat, wagt er nicht mehr sich selbst zu zeigen. Braucht er Lebensmittel, so begehrt er sie von den Vorübersegelnden, die beilegen und sie ihm in einem Boote senden gegen seinen Segen, den er hoch von der Felsenklippe herab mit dem Kreuzeszeichen dem Schiffe und der Mannschaft gibt. Mich zieht es zu dem Manne hin, der die angeborene Bedürftigkeit unserer Natur durch die noch größere Sehnsucht nach Ruhe überwunden haben muß.
Wir fahren auf aussichtslosem Meere; der Regen, der immer dichter wird, nöthigt mich in die Kajüte hinab.
Eben 11 Uhr Nachts scheitert der Versuch eines Spazierganges. Ein jämmerlicher Anblick das Verdeck mit den hunderten obdachloser Menschen. Man hat drei große Segel als niedere Zelte darüber ausgespannt; darunter bergen sie sich, Albanesen, Montenegriner, Griechen, Türken, Neger, auf dem Mittel- Und Vorderdeck so dicht zusammengedrängt, daß dort jeder Durchgang versperrt ist. Schon den Tag über rührte mich die Sorgfalt der türkischen Männer für ihre Frauen und Kinder, und das unterschiedslos, ob es Sclavinnen oder die Herrin war, so daß mir erst später die einzelnen Standesunterschiede kenntlich wurden. Allen gemeinsam breiteten sie um den Glaspavillon, der wenigstens einigen Schirm bot, Teppiche und Kissen zu Lagerstätten aus, deckten die Weiber zu, kamen wieder, sprachen ihnen Muth und Trost ein, straften die Kinder, wenn diese mit ihren muntern Spielen die Passagiere des ersten Platzes zu geniren drohten. Die Kinder sind meine Freude, besonders ein Mädchen und ein Bube, der beim Laufen immer die weiten groß geblümten Cattunhosen verliert. Als der Guß gar zu arg wurde und sich auch die Kinder unter die Decken verkriechen mußten, sehen wir, wie sie ihre zarten feinen Gesichtchen fest an die Glasscheiben der Verdeckstrommel drücken, um hinab zu uns in den Damensalon zu schauen. Die Ordnung des Schiffes verbot es, sie herunter zu holen, so blieb unserer Theilnahme nichts, als ihnen Obst und Zuckerwerk hinauf zu senden. Mit Kußhänden, die sie uns zuwarfen, dankten sie, und dann statt zu essen boten sie die Geschenke zuerst den Frauen, den älteren Schwestern, den Müttern und Sclavinnen an. Diese haben den Tag über, so lang’ es ihnen das Wetter erlaubte, an dem Zusammenflicken alter Lumpen gearbeitet, Fetzen, die auch die sparsamste deutsche Hausfrau weggeworfen haben würde. Eine Negerin insbesondere war unerschöpflich in der Geduld um die Ausbesserung eines alten Schleiers zu Stande zu bringen. Alle hatten das Gesicht verhüllt. Schön scheint nur ein Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Männer sind Officiere und gemeine Soldaten, aber auch diese unterschiedslos durcheinander gemischt. Das Alles dementirt in gar Manchem die Vorstellungen von türkischer Art, die ich mitbringe.
An Bord des „Stadium“, 18. Mai.
Um 5 Uhr weckte mich das Herablassen des Ankers. Er fiel in den Hafen von Syra. Durch die Luke neben meinem Bette sah ich Meer und Himmel noch immer grau und auf dem Verdecke hörte ich den Regen wie gestern trommeln. So schlief ich noch eine Stunde länger und fand später auf dem Verdecke dasselbe Wetter wieder. Schmutz und Lärm halfen ihm den Aufenthalt dort oben recht unbehaglich zu machen. Man lud Kohlen ein; dazwischen drängten sich die Verkäufer der Südfrüchte, um unsere Deckpassagiere zu verköstigen. Zu beiden Seiten des Dampfers lagen große Boote mit offenen Säcken voll von Nüssen, Mispeln, Kirschen, Citronen, gedörrten Feigen, Mandeln, Paradiesäpfeln und Artischocken; andere die mit Zwiebeln, Knoblauch, Salat und wieder andere die mit Fischen, frischen und geräucherten, beladen waren. Käufer und Verkäufer suchten sich um den größern Vortheil durch das lauteste Geschrei zu betrügen, die Meisten verstanden sich nur durch Geberden. Ich habe nirgends das Auge schneller fassen sehen was das Ohr nicht begreift, als bei diesen Griechen. Indeß die Männer handelten, lamentirten die Frauen, rangen sie das Wasser aus den getränkten Decken, um sie endlich doch wieder gegen den noch immer strömenden Regen auszuspannen. Nur die Kinder waren sorglos und gleichgiltig für das geschäftige Treiben um sie.
Syra, eine ansehnliche Stadt, liegt auf den Abhängen der Felsenberge, die den Hafen ziemlich enge einschließen; die Häuser steil über einander und oben in eine Spitze zusammenlaufend, daß die ganze Stadt einem großen riesigen Thurme ähnlich sieht. Der Verkehr des Hafens ist ein reger; französische, griechische, russische und österreichische Dampfer bemerke ich darin, und zwei Lloydschiffe sind eben aus Smyrna und Athen angekommen, zwei andere rüsten sich zur Abreise dorthin. Das unserige nimmt eine Menge Passagiere auf; das ist aber auch Alles, was mir in den fünf Stunden unserer Rast auffällt. Im freien Meere sieht man sonst die schönen Formen berühmter Inseln, heute ist jede Aussicht durch den Regen verschlossen.
Erst um 10 Uhr fährt das Schiff und wenige Minuten vor dem unserigen das, welches rechts hinüber, wo wir herkamen, nach dem Piräus steuert. Kaum ist jenes außer dem Hafen, so verrathen seine Schwankungen das, was auch unseren Passagieren bevorsteht. Ein starker Wind, der sich inzwischen erhoben, erregt die bis zum Morgen so ruhige See. Wir fahren nach dem Canale, der zwischen Tynos und Mykone aus dem Inselmeere des Archipel in das freiere ägäische führt, aber Regen und Nebel dunkeln so die Luft, daß wir selbst von diesen doch so nahen Küsten nichts sehen. Das Wetter wird gleich nach der Ausfahrt das schlechteste. Die See geht hoch, der Wind bläst stark und schon um 4 Uhr mißhandelt uns ein förmlicher Sturm. Beim Essen erscheinen außer dem Capitän und Arzte nur ich und ein junger Grieche, die Anderen liegen krank und in sich gezogen in ihren Cabinen, oder die, welche Linderung von der frischen Luft erwarten, oben auf dem Verdeck in Plaids und Mäntel gewickelt. Der Regen läßt nach, aber das Wüthen des Windes und der Wellen wächst von Stunde zu Stunde. Zuerst waren es regelmäßige, gleichgemessene Schwingungen, die das Schiff von hinten nach vorne emporhoben, als wolle es zu den Mastspitzen hinauf und dann von solcher Höhe wieder hinab sich auf den Meeresgrund versenken. Man konnte den Wellen entgegenkommen und ihnen mit der Erwartung gewissermaßen ausweichen. Jetzt aber ist auch dieser letzte Rest gezähmter Lebensart verloren gegangen und sinnlos wirft der Sturm das Schiff nach allen Seiten, bald rechts und schleudert uns in dieser schiefen Lage vorwärts, oder links und wir fliegen zurück in ein tiefes Wellenthal. Zerschellt die Gewalt des Wassers an dem Körper des Schiffes, dann schlägt es die Wände hinauf und kehrt mit salzigem Sturzbade das Verdeck ab; der Vordertheil desselben steht fortwährend unter Wasser. Seekrank, gepeinigt von der Angst und doch Alle lautlos liegen dort die hunderte von Männern, Frauen, Kindern aneinander und an den Boden geklammert. Es ist als ob die Größe des Elementes ihnen Schweigen aufzwänge. Und so wie gebannt ist das ganze Schiff. Eine einzige, schwankende Lampe brennt unheimlich unten in der großen Kajüte; alles Uebrige ist leer, still, wie ausgestorben, als treibe das Schiff schon eine jener gespenstigen Geistererscheinungen auf der tobenden See, womit die Phantasie der Seeleute ihr grausiges Element bevölkert hat. Lange stand ich hinten neben dem Steuerruder. In dem Auf- und Abtauchen in die Wogen, in dem Heulen des Windes, in dem Herumfliegen der Schaumballen schrumpfte mir der Dampfer, der mir gestern noch so stattlich erschienen war, zu einer Nußschale zusammen; klein, wie wenn ich ihn mit ein paar Schritten durchmessen könnte, däuchte er mir in dem Unmäßigen, das um ihn ist.
Schon um 7 Uhr ist es vollkommen Nacht. Ich harre aus auf dem Verdecke. Das Unmögliche wird möglich, das Unwetter steigert sich noch, und scheint selbst da seine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Mir ist auch das nicht unangenehm. Etwas wie stolzes Selbstbewußtsein erhebt mich, daß der Mensch das Alles ertragen, daß der Geist, das Göttliche in ihm, diese Elemente bemeistern kann. Im Sturme, im wilden Drange der Gefahr, erkennt erst der Mensch seine Kräfte; die Windstille erschlafft, und der Soldat wie der Seemann handelt erst, wenn der Tod ihm vor den Augen steht. Und wie der Mensch, so die ganze Natur; ihre größten Thaten, die Alpen und die Wüsten, hat sie durch Revolutionen erzeugt; Gletscher und Helden wollen riesige Geburtswehen haben, zu Grunde geht dabei nur, was schon angefressen von der Fäulniß ist. Daher dann die sonderbare Erscheinung, daß oft körperlich starke und gesunde Menschen unter dem ersten Angriffe zusammenbrechen, während scheinbar gebrechliche und was man nervöse Naturen nennt, widerstehen und siegen. Die Einen haben in der Gewohnheit der Unthätigkeit den Willen und die Fähigkeit verloren, während die Anderen in der Aufregung ihres inneren Lebens den Geist, der endlich doch das Entscheidende ist, nicht blos erhalten sondern sogar gestärkt haben.
Ein Element aber, das man liebt, wie ich das Meer liebe, kann einem nichts zu Leide thun. Die Natur ist nicht wie die Menschen, die unsere edelsten Gefühle mit Undank vergelten.
An Bord des „Stadium“, 19. Mai.
Trotz des höllischen Lärmens, denn die Balken und das Getäfel krachten um und über meinem Bette auf das jämmerlichste, muß ich gestern Abend bald und fest eingeschlafen sein, denn was die Nacht über geschehen, mußte ich mir heute Morgens auf dem Verdecke erzählen lassen. Erst um 9 Uhr war ich erwacht, und das nur, weil ich plötzlich das Stillestehen der Maschine fühlte. Ich vermuthete uns vor den Dardanellenschlössern, wo irgend eine gesetzliche Förmlichkeit den Capitän zum Beilegen zwinge; doch rief ich dem Diener und frug nach der Ursache. Es sei nichts, man sehe nach der Maschine. Oben aber fand ich, statt der nachbarlichen Küsten der Dardanellen, links unbegrenztes Meer, rechts, und das auch dort nur in weiter Ferne, niederes Festland und tief drinnen einen hohen, dunklen, einsam aufragenden Gebirgszug; vor uns eine Insel; die Luft kalt und farblos. Wo fuhren wir? War das schon die Propontis, dieses Eiland die steinerne Marmora? Man lachte meine Frage aus; die Fahrt eines ganzen Tages liege noch zwischen uns und jenen Zielen; das rechts sei allerdings Asien, aber die Stätte von Troja, und die Insel vor uns Tenedos. So haben uns der Sturm und die Wellen, die gegen uns waren, aufgehalten. Ihre Gewalt war gewachsen über das Widerwärtigste hinaus, was sie sonst nur im Winter vermögen, bis sie dem Dampfer das rechte Schaufelrad zertrümmerten. Die Maschine mühte sich danach vergebens ab. Sie mußte stille und das Schiff mit Hilfe der Segel so gestellt werden, daß das Rad nothdürftig ausgebessert werden konnte. Das Schiff lag auf seiner linken Seite und soll von den empfindlichsten Stößen gepeitscht worden sein. Alle waren wach, auf und quälten sich und die Officiere der Bemannung mit ihren Besorgnissen. Nur ich schlief. Auch jetzt noch kommen wir nur langsam vorwärts, die See ist noch immer gegen uns.
Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten, niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist, kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.
Es ist diese Sprache der Gräber vielleicht noch niemals ganz verstanden worden. Das ganze Leben über sehen wir den Menschen mit der Wahl seiner Grabstätte beschäftigt, und nach seinem Tode wird es der erste Gedanke des Trostes für seine Hinterbliebenen, ihm ein schönes Denkmal zu errichten. Die anderen Geschöpfe kennen diesen Wunsch nicht; die Menschheit aber durchzieht er so weit sie lebt und bis in ihr höchstes Alterthum zurück. Ueberall findet sich, bei dem einen Volke nur deutlicher als bei dem anderen, der Glaube ausgesprochen, daß die Ruhe der Todten und der Genuß der Unsterblichkeit an die Erhaltung eines Grabes gebunden sei. Man hat diesen Wahn durch das Motiv der Eitelkeit erklären wollen, die sich über den Tod hinaus zu verewigen trachte; aber hat diese Erklärung die Menschheit nicht vielleicht zu strenge gerichtet, und widerspruchsvoll einen häßlichen Trieb einer Handlung unterschoben, die doch an und für sich nur schön und edel ist? Kann dieser Todtencultus nicht vielmehr ein instinctives Verstehen, das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach bezweifelt doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch’ ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift wahren dem Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei seinen Nachfolgern; in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt er geläutert fort. Immer reiner, immer makelloser werden dabei seine Züge, alle Schlacken fallen ab, daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch in einer andern Welt möglich sein; warum für den geistigern Theil unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen Andenken zu Theil wird; warum nicht vielleicht gerade dieses immer sich vervollkommnende Bild der Erinnerung der gleichzeitige Abdruck des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein? — Jedenfalls muß es überraschen, daß je weiter man reist, man überall diesem selben Gräberglauben begegnet, und daß gerade die feinst gebildeten Völker des Alterthums, die Aegyptier und die Griechen, die Ruhe des Todten durch sein Begräbniß bedingt sein ließen. Auch daß die Kunst zu allen Zeiten neben der Gottesverehrung zuerst dem Todtencultus gedient hat, ist kein geringes Zeichen für dessen geistige Bedeutung. Diese Hügel waren dabei ihre erste entwickeltere Form. Das Muster dazu hatte die Natur gegeben. Ob lästig oder bewundert, mächtig werden die Berge der Phantasie des Menschen immer erschienen sein, und sie nachzuahmen, Hügel hinzustellen wo keine waren, immer als ein Werk gegolten haben, das groß und rühmlich war. Die Pyramiden, diese alten Räthsel, sind für mich nichts als mit anderem Materiale und mit größerer Kunstfertigkeit ausgeführt die Kinder dieses selben Gedankens. Mit den asiatischen Grabhügeln haben sie vielleicht ihre Heimath in dem ältern Indien gemein, und die Obelisken wieder sind nur ihre schwindsüchtigen Abkömmlinge.
So sehr bin ich von der Allgemeinherrschaft dieser Kegelform überzeugt, daß ich geradezu die ganze Baukunst der Alten über sie construirt erklären möchte. Die beiden oben zusammenlaufenden Linien sind dem Auge das Wohlgefälligste, und, da das Nachahmen in der Natur des Menschen liegt, so wiederholte er diese Bildung mit mehr oder weniger Variationen, wo sie ihm nur immer möglich war. Die ägyptischen Tempelwände stehen nach Innen geneigt, die Kanten der Thüren und Fenster wachsen gegen oben zusammen und das Löwenthor zu Mykenä wie das am Schatzhause des Atreus sind oben enger als unten geöffnet. Aber mehr noch, auch die Säulen des Parthenon und des Theseustempels stehen nicht senkrecht auf ihren Basen, sondern leicht nach dem Centrum des Gebäudes zu geneigt. Der Grieche hatte im Auslande die Vorzüge eines eigentlich durch die Natur schon angedeuteten Gesetzes erkannt und wußte es in der Bauweise seiner eigenen Kunst zu verwerthen. Unsere Zeit freilich, die sich indessen auf dem Klimax aller Bildung glaubt, konnte den Entdeckern dieser Eigenthümlichkeit sogar ihr Vorhandensein bestreiten, weil sie nicht das Auge hat, die Gründe dafür zu begreifen.
Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft, denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben hundert betrachtungsvolle Gedanken; es ist vielmehr etwas wie Staunen und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Thaten spielten auf diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der ältern Erinnerung gehuldigt, gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war die orientalische Frage, die auf diesem Flecke Europa und Asien zum ersten Male einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren Eroberer fortgesetzt haben. Kein anderes Wort war prophetischer als das des Homer:
Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges Grabmal
Häuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,
Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;
Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den Männern
Allen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.
Odyssee XXIV, 80.
Und es bemerke wer hier vorüberfährt, wie richtig das Wort auch die Gegend zeichnet. Der vorlaufende Strand des Hellespontos ist das sigäische Cap, und die Hügel sind fernhin sichtbare auf die Meerfluth hinaus. Und so wie sie aufragen über Myrthen und Tamariskenholz, das um sie wuchert, prägen sie sich meinem Gedächtnisse ein. Daß sie die Natur nicht erschaffen, daß sie Menschenhände aufgeworfen haben, das muß auch das ungläubigste Auge begreifen. Zuerst, wenn man das troische Cap umschifft und beinahe auf seiner Höhe selbst, erscheint der des Peneleus; weiter im Lande drinnen der älteste und höchste, der des Aisyetes; der des Antilochus wieder näher dem Meere, und zwischen ihm und jenem mag ein kaum mehr merkbarer Erdaufwurf der des Hector sein. Die Hügel des Achilleus und des Patroklus sieht man, wenn das sigäische Cap umschifft ist, und dort innerhalb der Dardanellen auf dem Strande der Bucht, die sich gleich neben dem Cap einbeugt, auch den höheren des Ajax. Bei diesem und bei dem des Achilleus fand noch Strabo Tempel, in welchen die Ilier den Helden Todtenopfer darbrachten. Aus dem Tempel des Ajax soll erst Antonius das Standbild genommen haben, um der Cleopatra damit ein Geschenk zu machen, wenn nicht Schmeichelei auf Kosten des todten Feindes dieses Lob des regierenden Kaisers erfunden hat, denn derselbe Bericht erzählt, daß Augustus sich beeilt habe, nach der Gefangennehmung der Aegyptierin dieses Bild von Alexandrien nach seinem ursprünglichen Tempel zurückzusenden.
Hinter diesen Gräbern und der Ebene, sie und das Meer beherrschend, erhebt sich der Ida. Langgestreckt von der Küste des ägäischen bis zu dem Meere von Marmora reichen seine Arme, und quellenströmend, wie ihn Homer genannt, rieseln ihm Bäche von allen Seiten hinab. Auch „vielgewunden“ finde ich ihn; wie über Stufen steigen seine Höhen zu der höchsten, dem Gargarus, hinauf. Dort haben Schnee und Eis ihr winterliches Nest aufgeschlagen und finstere Wolken kriechen empor, als wolle sich der Vater Zeus wieder einmal droben zu liebender Kurzweil verbergen, vielleicht aber auch um neue Blitze und neues Unwetter gegen uns zu schmieden. Den Geistern der Erschlagenen ähnlich, die den Kampf der Lebenden wiederholen, ringen die Spiegelungen der Wolken unten auf der weiten Ebene.
Die Küste theilen drei Vorgebirge ab. Auf dem ersten, dem troischen Cap, stand einstens Antigonia Troas; später, als der große Macedonier nach dem Siege am Granikus hierher gekommen war, und das Dorf durch Weihegeschenke geehrt und zur Stadt erhoben hatte, Alexandria Troas; jetzt stehen nur mehr wenige elende Holzhütten darauf, die sich aber wieder mit stolzem Namen Eski Stambul, Alt-Constantinopel, ausgezeichnet haben. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das auch gestürzte Familien mit dem Schein den Glanz der verlorenen Größe zu retten treibt, das diesen Selbstbetrug veranlaßt hat. Seit dem Sturze der ersten Stadt war dieser Boden, wie auch jener andere in Kleinasien, wo die Geburtsstätte unserer Religion ist, verurtheilt, nur Ruinen und Erinnerungen zu tragen. Es scheint, daß mit dem einen Werke der eine an die Kunst, der andere an den Glauben alle seine Zeugungskraft hingegeben hat.
Das zweite Vorgebirge ist das achäische. Hinter ihm, aber tief im Lande, am Skamander, stand Ilion und die Burg des Priamus. Es deckt die Beschika Bay, wo die englischen und französischen Flotten den Befehl zu der neuen Argofahrt, dem letzten Krimkriege, erwarteten. So reichen sich über Jahrtausende weg die Ereignisse die Hände.
Hoch und weit ins Meer vorspringend ist nur das dritte Vorgebirge, das sigäische. Seine Ufer fallen steil und weißkreidig ab. Aus dem ägäischen Meere treibt der Südwind und aus dem Hellespont der Nordwind die Wellen mit vollen Breitseiten dagegen. Der Tempel der Athene und die Stadt, welche einmal darauf lagen, waren schon zu Strabo’s Zeit zerstört. Auch eine Colonie der Athener, vielleicht eine der Pisistratiden, und der Dienst der Hekate müssen hier einmal heimisch gewesen sein. Eine Münze, die man jetzt eben hier gefunden, zeigt den Kopf der Hekate und auf der Rückseite den Halbmond dieser Göttin neben der Eule von Athen, und die Umschrift σιγε. Ich sehe heute auf dem Giebel des Caps eine türkische Ortschaft halb in Büschen verborgen, und neun Windmühlen, die der Nordwind in arbeitsamer Bewegung erhält.
Gegenüber dem asiatischen Lande greift das europäische nicht weniger entschieden in die See hinaus. Es ist die Spitze des thracischen Chersones, das Cap Mastusia der Alten, Elles Cap der Heutigen. Mit dem sigäischen Vorgebirge sperrt es den Zugang zu neuen Meeren und zu anderen Reichen. Hier ist die Grenze, welche die europäischen Mächte selbst ihren Kriegsschiffen gesetzt haben. Von den weißen, abgewaschenen Uferwänden herab vertheidigen sie die neuen Dardanellenschlösser mit festen Mauern, Kanonen und türkischen Soldaten gerade den Einfahrenden entgegen.
Unter diesem und dem sigäischen Cap bis zur Beschika Bay zurück hatte eine ganze Flotte von Handelsschiffen Schutz gesucht. Wir zählten ihrer neunzig. Die Segel waren eingezogen, so daß, als wir zwischen ihnen durchdampften, die Fahrt der in einem gefüllten Hafen glich. Der Nordwind wehrte ihnen immer noch das Einlaufen in die Dardanellen. Eben da uns dieses gelang, rannte an uns vorbei ein Schraubendampfer des Lloyd. Er ging schneller als unser Boot, der Wind, der mit ihm war, blähte ihm die Segel. Es war das Wochenschiff nach Smyrna.
Gleich nach dem Eintritte in die Dardanellen verschließt das sigäische Cap den Rückblick auf das freie Meer; der Hellespont biegt tief nach Asien ein; das Feld von Troja bleibt sichtbar und zwar von dieser Seite aus mit seinem malerischsten Anblick. Der Ida zeigt sich in seiner Profilstellung weit entwickelt, wie um das ganze Bild zu umfassen; der Mittelgrund ist durch Hügelzüge, die vom Vorgebirge aus ins Flachland zurücklaufen, belebt, die Küste durch Gebäude und Bäume, die um die Mündung des Skamander stehen. Die Grabhügel sind erkennbar, der des Aisyetes insbesondere auch dann noch, wenn alle übrigen verschwunden sind und das Auge nur mehr den Ida unterscheidet. So bleibt dem Bilde immer noch sein Heiligenschein.
Auf dem europäischen Ufer, dem sich unser Schiff näher hielt, folgen fünf Pfeiler einer Wasserleitung, Cypressen und Pinien darum; dann in einsamer Lage ein Bethaus und neben ihm das erste Minaret, das ich sehe. Aber umsonst ist ihr Bestreben, mir den Süden zu heucheln; die Kälte enttäuscht Alles und auch die Farben sind solche, daß die Landschaften mehr denen des Nordens als den geträumten des Südens gleichen.
Obwohl sich das Auge in den letzten Tagen an größere Entfernungen gewöhnt hat, erscheinen ihm die Ufer des Hellespont noch immer weit genug auseinander. Breite Wellen treiben zwischen ihnen uns gerade entgegen; nach den gestrigen aber bleiben sie unempfunden. So dauert der ganze Tag fort, licht-, sonnen- und eigentlich auch poesielos. Keine anderen Eindrücke als Enttäuschungen; nur die alten Dardanellenschlösser überraschen. Sie sind romantisch schon durch ihre Formen. Das asiatische, das meiner Besichtigung näher kam, besteht aus alten grauen Thürmen, die Mohamed der Eroberer gebaut. Eine große, gelb angestrichene Caserne haben sie daneben gestellt, Batterien davor und in der Bucht, die sich tief einschneidet, ankerten zur besseren Vertheidigung türkische Kriegsschiffe, zwei Dampfer darunter. Das Land springt an keiner andern Stelle mehr als hier in den Hellespont vor, zuerst flach und eben von grünen Wiesen überzogen, wo es aber in die Fluth abfällt zu einem plötzlichen Hügel aufgewachsen. Ohne Zusammenhang mit den Bergketten des inneren Festlandes macht dieser Höcker den Eindruck, als sei er für sich allein aus dem Wasser aufgestiegen; und es hat ihn wohl auch erst eine spätere Eruption geschaffen, vielleicht im Zusammenhange mit den Goldlagern, welche einmal nahebei von den Abydenern betrieben worden sind. So hätte doch die Sage ein Theilchen der Wahrheit getroffen, wenn sie erzählt, daß dieser sonderbare Hügel von Menschenhänden aufgeworfen sei, um Schätze zu verbergen, und ihn deshalb Mal tepe, das Grab der Schätze, nennt.
Unbegreiflich ist es mir übrigens, wie man diesen Hügel vor Augen, den Herodot und den Strabo in Händen, über die Lage der Brücke des Xerxes streiten kann. Wollte heute wieder ein Eroberer über den Hellespont von Asien nach Europa hinüber, er könnte zur Ueberschau des Heeres nur den Mal tepe und zur Auslegung des Brückenkopfes in Asien nur die Spitze dieses Vorgebirges, dort, wo es sich schon dem Marmora-Meere zuwendet, wählen. Abydos lag neben daran in der Bucht, die gegen den Propontos hinsieht, und Sestos ihm gegenüber, also östlich neben dem Brückenkopfe in Europa, dort, wo jetzt grüne Wälder das Ufer decken. Von dem Thurme, den die Leandersage verherrlicht und den Reisende dort gefunden haben wollen, sah ich aus dieser Entfernung nichts; aber Grillparzer’s gedachte ich mit dankbarem Herzen. Es gleicht die Fahrt auf dieser Stelle des Hellespont der auf den lieblichen Fluthen des Rheines, wo Sänger und Sagen sich verbunden haben, die Ufer mit ewig blühenden Kränzen zu schmücken. Auf der einen Seite die Liebesklage der Hero um den Geliebten, auf der andern Seite die des Xerxes über die Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Denn dort auf dem Mal tepe muß der Altan gewesen sein, den ihm die Baumeister aus weißen Steinen errichtet hatten, und von dort herab muß er das Land und das Meer voller Menschen und Schiffe gesehen, sich gefreut und dann geweint haben. Ich konnte nie, schon als Knabe nicht, da mir mein griechischer Meister den Herodot übersetzte, das darauf folgende Gespräch des Königs mit dem Artabanus ohne die tiefste Rührung lesen; heute, den Schauplatz vor Augen, erschüttert es mich bis zu Thränen. Es ist etwas wie von den Klagen, die hier ausgesprochen wurden, in der Luft geblieben, und das athmet mit ein, wer heute nach tausend Jahren hier Athem holt.
Alexander der Große, die Hunnen, die Türken zweimal, unter Soleimann und unter Murad, gingen dem Xerxes nach auf derselben Straße über den Hellespont. Was auf Troja begann, wenigstens für unsere Geschichtskenntniß, die orientalische Frage ward an dieser Stelle fortgesetzt. Und wer darf sagen, daß es heute schon für diesen Boden sein Ende erreicht habe? Die Bestimmung einzelner Erdenflecke ist wie die der großen Männer, uns Heldenthaten zu liefern.
Ein paar Stunden später passiren wir Gallipoli, die erste türkische Stadt, die ich sehe. Es sind niedrige Holzhäuser unter Bäumen versteckt und Minarete, die daraus hervorragen.
Um halb 5 Uhr trat das Schiff in den Propontos hinaus. Glatt und ruhig, aber schwarzblau von dem Widerschein drohender Wolkenmassen lag er vor uns. Ein französischer Dampfer kam uns aus der Dämmerung, die im Osten schon nächtig war, entgegen; die Sonne ging hinter den thracischen Bergen in Farben unter, wie sie bei uns nur kalten Wintertagen eigenthümlich sind. Um halb 9 Uhr fuhren wir der Marmora-Insel vorbei. Ein großer gewaltiger Klotz zu unserer Rechten ist sie von regenhältigen Nebeln entstellt. Ankommen sollen wir erst morgen früh.
An Bord des „Stadium“, 20. Mai, Morgens.
Ich hatte den Auftrag gegeben, daß man mich bei Zeiten vor der Einfahrt in den Hafen wecke. Ueberflüssige Sorgfalt! Schlaflos, so wie uns in der Erwartung des fünften Actes eines Trauerspieles der Athem ausgeht, war mir die Nacht geworden; Stunde um Stunde erwachte ich. Lange sah ich nur schwarze Finsterniß, dann das matte Licht der Dämmerung, endlich die grauen Farben eines nebeligen Morgens. Das gleichmäßige Arbeiten der Maschine und Räder währte immer noch fort. Als man mich rief, hielten wir schon im Hafen. Aber welche Ueberraschung! Ein Sturz von bergehoher Hoffnung in bodenlose Enttäuschung, ein Fall, wie man ihn manchmal im Traume thut. Nicht im Bosporus, in der Themse mußte ich mich glauben. So dicht engten uns die Nebel ein, daß ich nicht einmal von den beiden Ufern des goldenen Hornes, zwischen denen ich uns nach der Karte wußte, viel weniger von dem asiatischen etwas sah. Und jetzt, wo sie sich endlich theilen und verziehen und auf den Hügeln zur Rechten Theile von Pera und Galata, auf denen zur Linken die Seraispitze und Stambul, vor uns die erste Hafenbrücke und hinter uns in weiterer Entfernung das asiatische Skutari sichtbar wird, ist Alles so sonnen- und glanzlos, so ganz ohne Licht und Farbe, daß das Gefühl der Unbefriedigung mit jeder schwindenden Wolke, mit jeder neuen Stunde wächst. Verstimmt sitze ich auf dem Verdecke und lasse die anderen Passagiere sich ausschiffen. Erstaunlich erscheint mir nur die große Zahl von Schiffen, welche im Hafen liegen und der lebendige Verkehr von Dampfern, der sich um uns regt. Zwei große sind zugleich mit uns angekommen, ein dritter ist in Bewegung nach dem schwarzen Meere abzugehen, und hundert andere ruhen an ihren Ankern. Dazwischen schieben sich eine Menge kleiner Hafendampfer durch, die nach und von allen Seiten, dem Marmora-Meere, Skutari, dem Bosporus etc. gehen und kommen; die, welche nahe genug an dem unserigen vorbeidampfen, sehe ich mit Menschen überfüllt. Sich und den Ruderbooten geben sie mit fortwährendem Pfeifen Warnungszeichen, um einen Zusammenstoß und das Ueberfahren zu verhüten. Das ist mir neu, denn so großartig habe ich den Verkehr in keinem andern Hafen gefunden.
Das Geschrei der sich Ausschiffenden und die Aufdringlichkeit jüdischer Agenten, die mir ihre Führerschaft anboten, trieben mich in die Kajüte hinab. Nicht ohne Bedauern nehme ich Abschied von den vier engen Holzwänden. Wie genügsam unser Leben sein kann, begreift der Mensch erst, wenn ihn die Gewohnheit des Wenigen von dem Ueberflüssigen des Mehreren überzeugt hat.
II. Erste Eindrücke.
Constantinopel, den 20. Mai, Nachts.
Geleitet von theuren Freunden betrat ich den türkischen Boden zum ersten Male bei Top-Hane, der Kanonengießerei. Ein großer Quai voll von alten und neuen Kanonen, dahinter die reizende, wie aus Zucker und Gold gebaute Moschee Mahmud’s, ein zierlicher Köschk des Sultans daneben, der hohe Uhrthurm in Rococoformen hart am Meere davor, auf der andern Seite des großen Platzes das niedrige gelb angestrichene Gebäude der Gießerei und neben ihr die schöne altersgraue Moschee des Pascha Kilidsch Ali sind das erste was mich umgibt. Durch das goldene Gitter an den präsentirenden Wachen vorüber treten wir dann in die sehr belebte Gasse von Top-Hane. Gleich zur Linken fällt mir ein Brunnen auf; viereckig, aus weißem Marmor, reich mit Vergoldungen, bunter Schrift und Porzellanziegeln geschmückt, gleicht er einem chinesischen Lusthause, wie wir sie von den bemalten Lackkästchen her kennen. Selbst das breit vorstehende Dach fehlt ihm nicht. Obsthändler, Pferdeknechte mit ihren Thieren sind darum versammelt und versuchen mit Geschrei und Scherzen uns ihre Waaren aufzunöthigen. Das Nächste, was meine Aufmerksamkeit fesselt, ist ein Hamal. So heißt hier zu Land der Packträger. Durch Amt und Stand unserem neugeschaffenen Dienstmanne ähnlich, gleicht er ihm aber nicht durch das Maß seiner Leistung; das ist mehr als bei uns ihrer drei vermögen. Zwei große Eisenbahnkoffer, darauf noch Nachtsäcke und Hutschachteln trug der, welchen ich zuerst bemerkte, über einen Lederpolster gebunden auf seinem Rücken die steilen Gassen vom Landungsplatze der Kaiks vor uns nach Pera hinauf. Das ist nicht so träge, als man in Europa dieses Volk schildert.
Es scheint herkömmlich, daß die Fremden bei dem Uebergange von dem Aeußern in das Innere der Stadt Enttäuschungen und Vorwürfe äußern über den Schmutz und Verfall, der die Gassen füllt. Meine Freunde wenigstens suchten mich auf diesen Wechsel vorzubereiten und waren dann nicht wenig erstaunt, als sie mich dadurch nicht nur nicht verletzt, sondern eher erfreut sahen. Das Pflaster ist allerdings, wo es nicht durch den Erdboden ersetzt wird, eingesunken, die Lücken sind durch allerlei Unrath ausgefüllt; die Häuser zu beiden Seiten sind nur aus Holz gebaut, schmal und niedrig, aber die Balken sind bunt mit grauen, braunen, rothen und gelben Farben angestrichen; das untere Stockwerk steht ganz offen, daß man frei in die Kaffeestuben, Garküchen und Bäckereien den Leuten bei ihrem Handwerke zuschaut; das obere ragt breit in die Gasse vor, und dazwischen sind von einem Hause zum andern alte Teppiche, zerrissene Tücher gespannt, oder Rosen- und Traubengewinde gezogen, den Schatten und die Kühle darunter festzuhalten. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch diese Decke, der leuchtet dann im sonstigen Dunkel doppelt helle und spielt auf den buntfarbigen Kleidern der Weiber, Tscherkessen und Soldaten grelle Lichter. Schwer beladene Esel, Reiter auf schönen und auf geschundenen Pferden drängen sich zwischen den Fußgängern, manchmal in solchen Mengen, daß wir, trotz den Platz machenden Kawassen, gezwungen stehen bleiben mußten. Die wilden Hunde allein liegen regungslos und beinahe unberührt von dem Gedränge mitten darinnen; Jeder weicht ihnen aus, sucht sie zu schonen. Nur wenn der zufällige Huf eines Pferdes oder der böswillige Schlag einer Peitsche sie trifft, laufen sie heulend mit eingekniffenem Schwanze auf die Seite.
Das ist anders lebendig, als es die Bilder unserer Gassen sind. Nichts von polizeilicher Ordnung, aber auch nichts von polizeilicher Langweiligkeit. Zum ersten Male wieder, seitdem mir Eisenbahnen das Reisen verleidet haben, gestehe ich zu, daß es außer unsern Bergen und Alpenthälern noch andere Dinge gebe, die seine Mühen verdienen. Die Welt ist weiter und schöner, als wir sie in unserer heimischen Enge glauben, und vielerlei Menschen wohnen unter ihrem Himmel.
Oben in Pera und im Hause angelangt, stellte man mich vor das offene Fenster der Stube, in der ich nun für einige Wochen leben soll. Die Sonne war inzwischen aus den Wolken getreten, der Himmel rein geworden und so mußte mich, was ich sah, gerade ob der Enttäuschung des frühen Morgens, mit gesteigertem Entzücken erfüllen. Ein weites, glänzendes Bild liegt vor mir, und ist mein in jedem Augenblicke, da ich danach begehre. Unmittelbar vor mir und rechts und links hinab bedecken die bunten Häuser Pera’s und Galata’s die Hügel; Baumkronen rauschen ab und zu wie aufschäumender Wogenschwall daraus empor. Unten, wo sich im Wasser die Häuser baden, mündet das goldene Horn in den Bosporus. Dampfer und Segelschiffe liegen dort in großen Flotten. Auf dem andern Ufer des Busens, mir gerade gegenüber, steht die eigentliche Türkenstadt, Stambul, mit Kuppeln und Thürmen, auch wieder Hügel hinauf, die äußerste Spitze mit den Köschken und Gärten des Serai’s geschmückt. Groß wie eine Stadt ist dieses Sultansschloß und wirklich auch von seinen eigenen Mauern und Thürmen umzäunt. Bäume und Blumen sind ihm über den Kopf gewachsen, als sei ihnen von einem Zauber geboten worden, den geheimnißvollen Ort zu verstecken und zu bewahren. An seinen Ufern vorbei braust der Bosporus ins Marmora-Meer. Der Seraispitze gegenüber, zu meiner Linken also, auf anderer Küste liegt Asien und eine dritte Stadt, das alttürkische Scutari. Dort stehen bei den bethürmten Mauern einer großen Caserne ein paar Pinien so wirkungsvoll im Bilde, als habe sie eine künstlerische Hand absichtlich dahin gestellt. Ihre überhängenden Kronen winken mir Grüße zu; ich verstehe, sie locken nach dem heiligen Welttheile. Zwischen Scutari und der Seraispitze durch erscheinen in der weiten Ferne des ruhigen Meeres die malerischen Felsen der Prinzen-Inseln, hinter ihnen die ebenen Linien der nikomedischen und bithinischen Berge und sie alle überragend die schneeige Kuppe des asiatischen Olympes. Das fortwährende Pfeifen der Dampfschiffe, das Schreien der Verkäufer und Bellen der Hunde dringt bis herauf zu meinem einsam hohen Fenster, mich überzeugend, daß das Geschaute wirklich und nicht traumhaft sei, wie ich mir wohl einen Augenblick lang die Herrlichkeit erklären wollte.
Man berieth indeß mich noch reichlicher für die Enttäuschung der Einfahrt zu entschädigen. Ein schneller Entschluß entschied, sie mich noch einmal sehen zu machen. Bei Top-Hane setzten wir uns zu je zweien in die leichtgebauten und schnellrudrigen Kaicks. Zwischen den Dampfern durch trugen sie uns aus dem ruhigen Wasser des Hafens in die bei der Seraispitze immer bewegte Strömung des Bosporus. Auf und nieder über die breiten Rücken der runden Wellen glitt ich und sah die andern Boote gleiten, so hurtig und so leicht, als schwebe der Kiel eben nur über dem Wasser. Keine angenehmere Fahrt als die im Kaick auf bewegter See. Weil das Boot so leicht und seine Wände so dünn sind, glaubt man sich unmittelbar im Wasser selbst, seine Kühle zu fühlen, ohne doch die Mühe des Schwimmens zu haben. Und weil die Schnelligkeit des Schiffes über den Widerstand des Elementes täuscht, gefällt man sich in der Einbildung, seine Unzuverlässigkeit zu beherrschen. Uebrigens prägt die Lage der Fahrenden dieses Gefühl aus. Man sitzt nicht im Kaick, man ruht ausgestreckt auf Teppichen und niederen Kissen darin; die Fährleute sitzen, den Rücken nach der Richtung der Fahrt gekehrt, ein, zwei, drei und auch mehr hinter einander, je nach dem Range und Vermögen des Eigenthümers. In jeder Hand halten sie eines der fein und glatt geschnitzten Ruder. Schon ist es so warm, daß sie nichts als ein leichtes auf der Brust offenes Hemd aus Brussastoff und weite Pumphosen aus weißer Leinwand tragen; die Beine bis zum Knie und die Arme nackt. Wir mußten uns gegen die Sonnenstrahlen mit weißen Schirmen decken. Zu beiden Seiten des Bootes trieben Delphine ihr munteres Spiel; kleine und große schlugen so gewaltige Purzelbäume, daß sie für Augenblicke ganz außer Wasser sich am hellen Sonnenscheine wärmten. Wenn wir sie dann überholten, fielen sie in die Kühle ihres angestammten Elementes zurück, um nach einer Weile wieder weit vor uns aufzutauchen, als wollten sie das Standesgefühl unserer Kaickgis zum Wettkampfe herausfordern. Niemand stellt im Bosporus diesen Thieren nach, und so leben sie hier wie vor tausend Jahren in unzählbaren Schaaren.
Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gewährt haben, als wir an seichtem Ufer anlegten. Es war asiatischer Boden; aber ich vergaß es in der Bewunderung über den Burschen, der dienstfertig mit einem Widerhaken das Boot an der Landungsstelle festhielt. Das Bild eines Benjamin, wie ihn sich keine Phantasie theilnahmswerther vorstellen kann. Helle blaue Augen voll Treue und Gutherzigkeit; ein edles Oval um Farben von zartem Weiß und Wangen von gesunder Röthe gezogen; auf der Lippe und dem Kinn der blonde weiche Flaum des Jünglings, der eben aufgehört Knabe zu sein; den Kopf in einen weißen Turban, den Oberleib in eine bunte Jacke und die Schenkel in weite faltige Hosen aus blauem Zwillich gehüllt; Waden und Füße nackt, so war dieser Jüngling. Alles an ihm, bis auf den persischen Shawl, den er breit und dick um die Hüften gewunden trug, ärmlich und abgenutzt, aber in seiner Haltung und in seinem Ausdrucke ein Anstand und ein Edelmuth, wie in einem zum Könige geborenen Fürstenkinde. Gemein mag beschränkter Geld- oder Wissenshochmuth einen solchen Menschen schelten, weil ihn das Herkommen an niedrigen Beschäftigungen festhält; der unbefangene Forscher wird dort, wo die Natur so sichtbare Auszeichnungen ausgestreut hat, auch eine ausgezeichnete Seele finden. Und wenn das Sclavenkleid den Fürsten, den das Unglück vom Throne gestoßen hat, nicht entadeln kann, warum soll es das über einen andern Unglücklichen vermögen, dessen Leib zwar im Elende und in Lumpen schon geboren, dessen Seele aber von Gott noch vor der Geburtsstunde gekrönt worden ist? Daß man den also verborgenen Keim nicht hervorheben, nicht erheben und retten kann, das ist mit eine der betrübenden Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, an deren Unabänderlichkeit so oft unsere wohlwollendsten Wünsche scheitern. Und doch, vielleicht hat auch das der Schöpfer zum Besten gemeint und eingerichtet. In der Beschränkung seiner gemeinen Arbeit und seines kargen Erwerbes sind dem Armen die Grenzen der Zufriedenheit gesichert, und der Geist bleibt ihm edel auch ohne den Aufputz des Reichthums und der Gelehrsamkeit.
Unter hochragenden Cypressen und breiten Platanen führte man mich dem Ufer entlang. Die Fluth hatte weiße Muscheln darauf gespült. Auf der äußersten Spitze der Landzunge ließen wir uns nieder; die Stelle ist darnach, Hütten darauf zu bauen. Blau und glatt lag das Meer vor und um uns, nur wo eine leichte Brise seine Fläche streichelte, zogen silberne Streifen darüber. Links begrenzen es die Küsten des nikomedischen Golfes, rechts die Gärten des Serai’s und die Hügel von Stambul. Aus seinem Schooße vor uns tauchen die Prinzen-Inseln auf, kleine weit auseinandergestreute kahle Felsen und größere näher zusammengeschobene Berge; das Grün von Oliven- und Pinienwäldern und die blinkenden Mauern kleiner Ortschaften bedecken diese. Alle in den schönsten Formen, die Felsen wild und zerbrochen, die Berge zart und ebenmäßig geschnitten und Farben darauf vom sonnigsten Roth bis zum schattigsten Blau. Friede und Heiterkeit waren auf der See, so fühlbar wie sie nur die Luft des Südens ausathmet. Jede Stimmung der Natur theilt sich dem ihr so innig verbundenen Geiste mit. Mir wurde ruhig und zufrieden, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. Ausgeglichen waren alle Wünsche und die Leidenschaften ebbten; dem Gemüthe blieb nichts als das Genießen eines seligen Augenblicks. Wenn die Anmuth, der Frohsinn und die Heiterkeit wirklich einmal als die besonderen Reize der Aphrodite geglaubt wurden, dann mußten dieser Göttin die dankbaren Menschen diesen Ort, den sie so vorzüglich mit ihren Gaben geschmückt hat, zu besonderer Verehrung weihen. Und in der That auf Akritos, wie die Alten dieses Vorgebirge nannten, stand ein Tempel und ein Altar der Aphrodite, vielleicht auf derselben Stelle, wo heute die Ruinen des türkischen Bethauses stehen. Ich sehe ihn noch, wenn ich das Gedächtniß nur etwas anstrenge, den kleinen mäßigen Bau mit der gastlichen Vorhalle, durch Säulen zugleich geöffnet und geschlossen und drinnen in der Cella ein liebliches Marmorbild der holdlächelnden Cypris, das Haar über der niederen Stirn gewellt und am Genicke in einen Knoten geflochten, und Priesterinnen, die in weißen Gewändern den heiligen Dienst verrichten und im heiligen Haine auf und nieder wandeln. Nirgends hat der Mensch durch Namen oder Denkmäler eine Gegend passender gekennzeichnet, als da er hierher der meergebornen Göttin ein Haus stellte. Die spätere Zeit zerstörte es, aber die Schönheit und die Weihe blieben dem Orte. Fener Bagdsche (Garten des Leuchtthurms) heißt er heute, und immer noch brennt eine heilige Flamme dort.
Ein Türke brachte uns Orangen und in kleinen Schalen schwarzen Kaffee. Andere lagerten in der Nähe gleich uns auf dem grünen Boden unter den alten Bäumen, den kühlen Schatten über, das sonnige Meer vor sich. An ihnen und an uns vorbei zog ein Trupp sonderbarer Musikanten. Sie bliesen aus kurzen Flöten einen scharfen Pfiff und strichen kleine Geigen, die sie senkrecht vor die Brust hielten. Melodie und Zusammenhang war keiner in den Tönen, aber sie klangen sonderbar und stimmten in den Frieden des Ortes. Das übten sie zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Feier ihres Sonntages, der den Türken auf den Leidenstag unseres Kalenders, den Freitag, fällt. Für die Musik eine Belohnung anzubieten, würde als eine Beleidigung zurückgewiesen worden sein. Die Menschen und ihre Belustigungen erschienen so harmlos gegen das scharfe Gewürz unserer sonntäglichen Vergnügungen, daß mich das mehr als alles Uebrige in eine andere Welt versetzte.
Ich ließ mir dann die Namen der Berge und Ufer, die um uns waren, nennen, und theilte ihnen ihre früheren Bezeichnungen und Sagen zu. Das ist in jeder mir neuen Gegend mein Erstes. Es ist wie mit den Menschen, die wir uns erst bekannt glauben, wenn wir ihre Namen und Geschichten gehört haben. Mit dem Opernglase suchte ich das Entferntere zu finden, so auch die Grenzen der türkischen Hauptstadt. Erstaunt folgte ich ihren Mauern, die in sichelförmiger Ausbuchtung um das Marmora-Meer gebaut sind bis in eine Weite, daß sie im Dunste der Sonne verschwanden. „Ist das noch immer Constantinopel, und das bei jener Kuppel, bei jenem Thurme auch noch? Aber wo ist denn sein Ende?“ Erst als die Sonne tiefer gesunken und die Luft durchsichtiger geworden war, fand ich es bei dem Schlosse der sieben Thürme, aber so undeutlich, daß ich mehr nur von der Beschreibung meiner Freunde als von dem selbst Gesehenen berichten kann. Noch weiter auf dem Halbmonde der europäischen Küste bezeichnet ein hoher Schornstein die Lage von Barut-Hane, der Pulverstampfe, und ein Leuchtthurm die von St. Stefano, einem betriebsamen Fabriksorte mit Landhäusern der Griechen und Armenier.
Stunde um Stunde war so im Schauen und Genießen vergangen; der Abend drängte zur Rückkehr. Näher dem asiatischen Ufer hielt sich dieses Mal die Fahrt; dort öffnet sich zuerst der Busen von Moda, ziemlich enge, aber tief ins Land geschnitten. Fener Burun und Moda Burun schließen ihn; Burun bedeutet so viel als Nase, Vorgebirge. In alten Tagen war darin der Hafen des Eutropius, und auf Moda Burun, wo heute das ländliche Kadi-Köi (Richterdorf) steht, das glänzende Chalcedon, die Stadt der Blinden, wie das Orakel ihre Gründer schalt, weil sie nicht die Vortheile der Lage des gegenüber liegenden goldenen Hornes gesehen hatten. Die Mauern von Chalcedon sind verschwunden, um den Namen aber hat die Geschichte das Immergrün großer Kriegs- und Leidensthaten geschlungen. Eine der rührendsten, ein wahres Denkmal des Unglücks und der Grausamkeit, das Ende des Kaisers Mauricius durch den Usurpator Phokas, hat dort in dem Hafen gespielt. Sie ist wenig gekannt, und verdient es mehr als manche, die der Volksmund verewigt. Am 14. August 582 war Kaiser Mauricius seinem Schwiegervater, dem wohlwollenden Kaiser Tiberius II., in der Herrschaft über das römische Reich gefolgt. Mauricius war der dritte Regent seit dem Tode des berühmten Justinian. Er war edel denkend, besorgt die Lasten seines Volkes zu erleichtern und das Ueberkommene durch Reformen zu bessern, sparsam in seinem Haushalte, liebevoll für seine Kinder, als Herrscher und als Mensch der Ludwig XVI. der byzantinischen Geschichte; aber leider auch wie dieser zu schwach und wankelmüthig, und sein Volk und seine Zeit verdorben und verkommen wie das französische und das achtzehnte Jahrhundert. Sein Robespierre, der Empörer Phokas, rückte im Jahre 602 gegen Constantinopel; der unzufriedene Pöbel der ungeheuren Stadt öffnete dem gemeinen Soldaten die Thore und half ihm sich auf-, den Mauricius vom Throne abzusetzen. Es waren nicht wie sonst in der byzantinischen Geschichte die aristokratischen Parteien der Rennbahn die das thaten, es war der Demos, das rothe Gespenst, das auch damals schon die sogenannten Gutgesinnten wohl erschrecken, aber nicht zu thatvoller Abwehr ermuthigen konnte. Mauricius, von Allen verlassen, floh aus seinem Palaste in einem Kahne nach einem Kloster auf der asiatischen Küste. Er hätte weiter fliehen können, die Zeit fehlte ihm nicht, aber Krankheit hielt ihn und der Wahn, durch seine Abdankung alle Parteien und auch den neuen Herrscher versöhnt zu haben. Der aber ließ ihn vom heiligen Asyle, aus der Kirche und vom Altare wegreißen und seine fünf Söhne vor ihm, ihn zuletzt hinrichten. Der unglückliche Vater hatte nur Anerkennung für die Weisheit der göttlichen Gerechtigkeit und bei dem letzten Streiche, als die Amme dem Henker ihr eigenes Kind statt des jüngsten Prinzen unterschieben wollte, die Selbstverleugnung, den Betrug zu entdecken; für seine Schuld sollte kein unschuldiges Blut fließen. Seine Frau, die Kaiserin Constantia, mußte ihn mit ihren drei Töchtern überleben, um später mit diesen auf derselben Stelle, den Marmorstufen des eutropischen Hafens, hingerichtet zu werden. Früher noch war der älteste Sohn, der Prinz Theodosius, der zu den Persern wollte, in Nicäa erwischt und enthauptet worden. Nur die Schwester des Kaisers blieb am Leben, um der unglücklichen Familie das Grab in dem Kloster des heil. Mamas, das im Hintergrunde des goldenen Hornes auf dem immer heiligen Boden des heutigen Ejub stand, zu errichten.
Kadi-Köi war immer ein Ort der Unglücklichen und Verbannten. Heute lebt in Abgeschiedenheit und freiwilliger Aermlichkeit der ehemalige Kriegsminister Riza Pascha dort, der bei dem Tode des letzten Sultans nichts Geringeres als die Thronfolge zu ändern und sich selbst zum Nachfolger des allgewaltigen Reschid Pascha einzusetzen beabsichtigte. Mit den Franzosen, die überall die Freunde solcher abenteuerlichen Pläne sind und in diesem Falle vielleicht auch hofften, durch den ihnen ganz ergebenen Mann an die Stelle des überaus mächtigen englischen Einflusses zu kommen, hatte er noch vor dem Tode des letzten Sultans verabredet, den ältesten Sohn desselben statt des Bruders, wie es die gesetzliche Thronfolgeordnung will, auf den Thron zu erheben. Das Heer war in seinen Händen und alles zur Ausführung des Planes vorbereitet, aber die Energie und Entschlossenheit des Großveziers und Aali Pascha’s gegen ihn. Kaum war Abdul Medschid todt und die Augen ihm geschlossen, so kehrte sich Aali Pascha, der den Verräther unter den Ministern wußte, zu ihnen mit dem Rufe: „Nun gehen wir dem neuen Sultan zu huldigen!“ Und durch die Gärten von Dolma Bagdsche führte er sie zu dem Hause Abdul Azis’. Die Thüre war verschlossen, so daß sie heftig daran pochen mußten. Statt ihrer öffnete sich oben ein Fenster, an dem die Mutter des Thronfolgers erschien. Auch sie wußte von der Gefahr. „Keinen von Euch lasse ich ein,“ rief die muthvolle Frau, „so lange ich den Verräther unter Euch sehe!“ Erst als Aali Pascha neuerdings im Namen des neuen Sultans den Einlaß begehrte, ließ man sie vor diesen. Schon mit allen Kleidern der neuen Würde angethan, fanden sie ihn, und auf der Stelle leisteten sie alle ihm den Eid der Treue und des Gehorsams, der Großvezier voraus und der Kriegsminister mit den Anderen. Riza hatte gesehen, daß der große Platz zwischen dem ersten Thore von Dolma Bagdsche und dem neuen Privattheater des Sultans, wo seine Soldaten stehen sollten, frei und menschenleer war, und hatte gehört, wie der Kapudan Pascha dem Großvezier sagte, daß die Linienschiffe, welche auf dem Bosporus hart an dem Ufer lagen, den Befehl hätten, ihre Breitseiten loszufeuern auf den ersten Soldaten, der sich auf jenem Platze zeigen würde. Den Ministern voran ging dann Abdul Azis über eben jenen Platz nach dem Schlosse von Dolma Bagdsche und von dort in der großen Staatsbarke hinüber nach dem Serai und der Pforte, wo seine Installation stattfand. Aengstlich und vorsorglich folgte ihm die Mutter, unerkannt in einem kleinen bescheidenen Kaik und dann in einer Tragbahre. Er und seine Minister zeigten so viel Wille und so viel Kraft des Handelns, daß den Verschwörern nach dem Fehlschlagen ihrer ersten Bemühungen der Muth zu neuen verloren ging. Riza Pascha wurde verhaftet, und ein großer Theil des Harems, der mit in den Plan verwickelt war, zur Nachtzeit aus dem Serai nach einem der kaiserlichen Paläste tief im Busen des goldenen Horns in sicheren Gewahrsam gebracht. Der Proceß, welcher dem ehemaligen Kriegsminister gemacht wurde, war in vollem Gange, als die vielen gravirenden Scandale, welche er zu Tage förderte, den französischen Botschafter zu dem demüthigenden Schritte bestimmten, den Sultan im Namen des Kaisers Napoleon um dessen Niederschlagung und um die Begnadigung des Schuldigen zu bitten. Mit ächt orientalischer Großmuth gewährte Abdul Azis beides, auch Vergessenheit für die großen Geldsummen, welche der französische Drogmann angenommen hatte. Riza Pascha wanderte zuerst in’s Exil nach einer der Inseln des Archipels, dann ward er begnadigt auf Kadi-Köi im fortwährenden Anblicke Constantinopels, das er hatte beherrschen wollen, zu leben. Das thut er in schlechten Kleidern und in einem elenden Hause, weil ihm ein Gefühl, das gewiß das richtige ist, eine andere Lebensweise unverträglich mit seinem gedemüthigten Zustande erscheinen läßt.
Kadi-Köi zeigt von all’ diesen traurigen Erinnerungen nichts in seinem äußeren Anblicke; es ist freundlich mit Gärten und Landhäusern und stattlichen Gasthöfen geschmückt. Gleich bei dem Orte biegt sich eine neue Bucht ein. Ihren Hintergrund füllt die weite Ebene von Haider Pascha und der ungeheure Cypressen-Friedhof von Skutari. Ihr anderes Ende springt hoch und zerklüftet wieder in das Meer heraus. Einige Bäume stehen darauf, der Obelisk, welcher den in der Krim verwundeten und in Constantinopel gestorbenen Soldaten der Engländer und Franzosen errichtet worden ist, dahinter die großen Mauern der Caserne Selims und in ihrem Hofe die Pinien, die so freundlich zu meinem Fenster winken. Die alten Megarenser weihten das Vorgebirge mit einem Tempel der Hera und nannten es Heraeon. Erhaben wie das Diadem auf dem Junoischen Haupte muß der Bau von seiner hohen Stelle in das weite Meer gesehen haben. Es beweist zugleich die Liebe zu dem feuchten Elemente und das Gefühl für die Schönheit der Natur, daß die Griechen nahe der See alle diese weitausblickenden Punkte mit Heiligthümern auszeichneten. Justinian setzte statt dessen einen Sommerpalast dahin.
Mit senkrechten Wänden verlängert sich die Küste bis zu einem dritten Vorgebirge, das, wo die in eine Kuh verwandelte Io auf der Flucht vor der eifersüchtigen Juno gelandet haben soll; daher der Name Bosporus, Ochsenfurt. Ein weißer Thurm steht weit im Meere auf einer Klippe davor. Die Franken knüpfen irriger Weise die Leandersage daran; aber auch das Märchen, welches die Türken dort spielen lassen, hat die Liebe zu seiner Seele. Der Ort ist romantisch und malerisch genug, daß ihm die Phantasie nichts Anderes anheften kann; Möven und fortwährend empörte Wellen umschwärmen und hüten ihn. Der kleinen Bosporus-Dampfer wurden nun so viele, daß wir für sie allein die Augen aufhalten mußten, um eine unberufene Taufe zu verhindern. In den Abendstunden ist der Verkehr am regsten. Von der Stadt und von den Geschäften will dann Alles nach Hause und aufs Land.
Das war der erste Tag in Constantinopel und Abends hörte ich den ersten Ruf des Muezzin. Nun, da die Nacht da ist, soll ich schlafen, aber was träumen, da ja schon der ganze Tag ein Traum aus Tausend und einer Nacht war?
Constantinopel, den 21. Mai.
Die Neugierde wie die Liebe folgen regellosen Trieben. Ohne Grund und Ursache heften sie ihre Neigungen an irgend einen Gegenstand, und bleiben ihm treu bis zum Augenblicke des Besitzes. So werden die meisten Menschen in ihrer Kindheit das Gelüste nach irgend einer Merkwürdigkeit empfunden haben, die sie unersättlich durch alles Uebrige das ganze Leben hindurch zu sehen begehren. Es ist das nicht immer das Größte, Schönste und Bedeutendste, oft nur eine kleine Statue, ein bescheidenes Bild oder ein einziges Haus, aber das Verlangen danach führt uns zu dem Größeren und Bedeutenderen, nach einem neuen Lande, zu einer glänzenden Stadt. So ist es mir mit dem Hippodrom des alten Constantinopel gewesen und mit der Reise nach dem Oriente geworden. Ich weiß nicht, warum ich gerade nach dem constantinopolitanischen Circus so sehr begehrte. In der Geschichte, wie sie gewöhnlich deutschen Kindern tradirt wird, spielen die Byzantiner nur eine geringe Rolle, und ein Aufsatz im Raumer’schen Taschenbuche des Jahres 1830, den ich als Knabe gelesen, schildert die Parteikämpfe der Rennbahn nicht mit solcher Lebhaftigkeit, daß er mir diese Begierde geweckt haben könnte.
Ich erbat mir, daß die erste unserer Wanderungen nach dem At-Meidan gehe, „Pferdeplatz“ zu deutsch, so heißt heute noch die Stätte. Die Fluthen einer Völkerwanderung konnten das Andenken an die Ereignisse, die darauf gespielt, nicht davon wegspülen. Man wählte einen Umweg, um mir vor dem Ziele noch einen Theil Pera’s und Stambuls zu zeigen. Durch den Garten der französischen Botschaft, an dem großartigen Palaste der englischen und der bescheidenen Behausung des preußischen Gesandten vorüber, ritten wir nach dem sogenannten kleinen Campo; das ist ein Friedhof, welchen die darum sich ansammelnde Bevölkerung allmälig mitten in die Stadt gestellt hat. Daß er einmal davor gelegen, beweisen die Mauern Galata’s, welche aus alter Genueser Zeit erhalten an seiner linken Seite zum Meere hinablaufen. Kassim-Pascha, die Stadt auf der andern, der rechten Seite, ist dann erst später, nachdem das dazwischen liegende Feld schon lange dem ehrwürdigen Zwecke gedient hatte, daran gebaut worden; denn daß die Byzantiner hier schon ihre Todten begruben, sieht man bei jedem Grabe, das jetzt einem Türken hier gegraben wird. Gemauerte Grüfte, Gerippe und Münzen werden da gefunden und auf letzteren die Bildnisse byzantinischer Kaiser, die wenigstens annäherungsweise den Zeitpunkt des Begräbnisses feststellen.
Ueberrascht von dem Bilde, das sich oben an dem Saume dieses Friedhofes, da man aus den Häusern Pera’s heraustritt, darbietet, hielt ich das Pferd eine Weile an. Gerade nach der zwängenden Enge der Gassen genießt man die Weite, die sich dort ausbreitet, mit doppeltem Vergnügen. Der Friedhof ist durch die Landessitte, die das Leben aus den Gräbern zieht, ein großer Cypressenwald; hohe, dicke, runzelige Stämme von so ehrwürdigem Aussehen, als seien sie schon den ältesten Gräbern zu Denkmälern gesetzt worden, stehen die Berglehne bis zum Arsenale hinab. Das ist auf dieses Ufer des goldenen Hornes gebaut. Der Golf liegt unten und große Linienschiffe schwammen darauf. Auf dem jenseitigen Ufer steigen wieder Höhen empor; gedrängt wie die Köpfe einer Volksmenge die Holzhäuser Stambuls darauf. Kuppeln und Minarete dazwischen, die größeren der drei kaiserlichen Moscheen Selims, Mohammeds und Suleimans wie herrschende Kronen und Scepter zu oberst. Weil Thäler die einzelnen Hügel trennen, sind die Bogen einer Wasserleitung über das ganze Stambul gespannt, als solle eine Brücke Anfang und Ende der ungeheuren Stadt verbinden. Der blaue Himmel blickt vom Marmora-Meere her durch die kühnen Schwingungen dieses luftigen Baues. Der Kaiser Hadrian hat ihn begonnen. Er kann dem alltäglichen Bedürfnisse damit nicht nützlicher gewesen sein, als der Verschönerung der Gegend. Man sieht vom kleinen Campo aus übrigens nur den mittleren Theil von Stambul; die Seraispitze und die Grenze gegen das innere Land zu findet das Auge nicht.
Steile, schlecht gebahnte Wege führen zur zweiten Hafenbrücke hinab. Der ganze Verkehr bewegt sich durch den Friedhof hinauf und hinunter. Andere Reiter, Soldaten und ganze Karavanen von Lastpferden kamen uns entgegen. Die Brücke ist wie auch die erste aus Pontons zusammengefahren. Sie scheint gesünder, als das Brücken bei uns gewöhnlich sind, oder die hiesige Polizei weniger hofmeisternd als die unserige zu sein. Wir ritten und Kanonen fuhren im Trabe darüber.
So eigenthümlich mir in Pera und Galata schon Alles erschienen war, in Stambul fand ich noch mehr zu staunen. Die Stein- und Ziegelhäuser, wie die fränkisch gekleideten Menschen verschwinden dort gänzlich. Die Häuser sind ausnahmslos hölzerne, meistens malerisch nach irgend einer Seite geneigt. Polizeiliche Regeln scheinen sie bei diesen Neigungen nicht zu befolgen, eher etwas anarchisch ihrem eigenen Willen nachzuhängen. So viel Freiheit in dem Vaterlande der Sclaverei muß überraschen. Die Hauptgassen sind auch hier lebendig durch die offenen Werkstätten, aber nicht so menschengefüllt wie drüben in Pera. In den engen Seitengassen sind Thüren und Fenster fest geschlossen. Wir passirten einige, in denen man fragen konnte, ob in den Häusern wirklich alles Leben ausgestorben sei und sie leer und besitzerlos das Ende ihres schon begonnenen Verfalles erwarten.
Mehrere Stunden waren wir so geritten, Hügel auf und ab, auch unter dem malerisch von Schlingpflanzen und vom durchsickernden Wasser triefenden Bogen der hadrianischen Wasserleitung hindurch, als die Länge der Zeit die Vermuthung weckte, der Kawaß, der uns führte, könne den Weg, den er vielleicht nie gewußt, verloren haben. Und so erwies es sich denn auch nach einigem Streite. Nun wurde ein Fragen an allen Ecken, bei jedem Caffegi und Tabakverkäufer nothwendig, und doch führte uns erst die Entdeckung, daß das Marmora-Meer nahe zu unserer Rechten hinter einer Reihe von Häusern sei, auf die rechte Spur. Wir waren im Viertel Condoscale auf einem verwilderten Platze. Regellos stehen breite Platanen darauf und Säulenschäfte ragen aus dem Boden auf, die Zeugen einer unterirdischen Welt. Kadriga-Liman, „Galeerenhafen“, nennt ihn der Türke, und bewahrt auch hier mit dem Namen ein Stück der Vergangenheit seiner Vorgänger. Unter dem Schutte, der stellenweise zu kleinen Hügeln angeschwellt ist, birgt sich der Hafen, den die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justin II., im Jahre 571 gegründet und nach sich benannt hatte. Noch im 16. Jahrhundert sah man dort stehendes Wasser und das Volk glaubte darin die Masten versunkener Galeeren zu erkennen. Seitdem hat die Erde die Schiffe immer tiefer begraben, daß sie heute sogar dem Märchenerzähler verschwunden sind. Die Wurzeln hundertjähriger Bäume ranken sich vielleicht um die Masten, welche sonst nur Segel und Taue zu tragen gewohnt waren.
Von Kadriga-Liman steigen ostwärts steile Gassen hinan. Wir hatten bald hohe Quadermauern vor uns. Anfangs zweifelhaft über ihren Zweck, ist es mir jetzt gewiß, daß sie der Rennbahn die zu kurze Oberfläche des Hügels verlängern und ausgleichen mußten. Wenige Schritte unserer Pferde neben diesen Mauern aufwärts brachten uns auf den At-Meidan. Das Gedächtniß gefüllt mit all’ den prachtvollen Bildern von Marmorstufen, von Palästen und Statuen, den herrlichsten, welche die griechischen und römischen Künstler producirt und die byzantinischen Räuber hier aufgestellt hatten; gefüllt mit den Erzählungen der Groß- und Blutthaten, der Siegeszüge und Niederlagen, welche hier das Schicksal der Welt entschieden hatten, muß Jeden das, was er jetzt auf dieser Stätte findet, verstimmen und betrüben. Wie stolz wird sonst das Auge von den Laubgängen, die hoch oben um die lange Rundung liefen, zugleich weit hinaus auf die Stadt, das Marmora-Meer und die grünen Berge des Bosporus, und vor sich hinab auf die menschengefüllten Sitzesreihen, auf die Obelisken, Säulen und Standbilder, auf die Tribünen des Kaisers und auf den ehrgeizigen Kampf der Pferde- und Wagenlenker geblickt haben! Und heute?! Ich sah nur alte morsche Holzhäuser, Trümmer, welche die Verwüstung in gestaltloses Gerölle zerstoßen hat, und als letzte Zeugen der gewesenen Pracht die drei Denksäulen, die zwar auch verstümmelt, aber doch aufrecht geblieben sind. Der Platz war öde und leer, nur Kinder drängten sich zu, für ein Almosen die Pferde zu halten. Auch die Luft kündete mit warmem mittäglichem Schweigen den Verfall und die Abgestorbenheit. Selten hat sich mir eine historische Stelle gleich mit dem ersten Eindrucke so ähnlich ihrer Geschichte vorgestellt als diese; Ehrgeiz und Eitelkeit, Verrath und Mord, die hier mehr als auf jeder anderen gerungen und gestritten, verdienen den Schutt, den die Zeit so hoch darauf gehäuft, um sicher vor jeder Auferstehung begraben zu bleiben.
Zunächst der Seite, wo wir auf den Platz gestiegen waren, und das war ehemals die der kaiserlichen Loge entgegengesetzte, steht der Obelisk aus Mauersteinen. Heute das verkommenste der drei übrig gebliebenen Denkmäler, hieß er doch einmal der goldene. Bronzetafeln verkleideten ihm den steinernen Leib; seitdem sie herabgerissen sind, bröckelt ein Glied um das andere aus seinem Körper heraus und neigt er sich drohend zum Sturze. Um ihn allein ist die Erde nicht weggegraben, daß man wie auf einen Hügel zu ihm emporklettert. Näher gegen die Mitte des Platzes ist die gewundene Schlangensäule aus grünem Erze. Griechen stifteten sie im 5. Jahrhunderte nach Delphi in den Tempel des Apollo für Siege, die sie über die Meder erfochten hatten. Ist es nicht verhängnißvoll, daß dieses alte Zeichen der früheren Kämpfe zwischen dem Morgen- und dem Abendlande hierher nach dem heutigen Knotenpunkte der orientalischen Frage versetzt worden, mit ihr vom griechischen Strande nach dem des Bosporus übersiedelt ist? Denn die orientalische Frage hat die Neigung, entgegen dem sonstigen Gange der Geschichte, vom Westen nach dem Osten zurückzuwandern. Und als hätte er eine Ahnung von der ursprünglichen Bedeutung dieses Denkmals gehabt, schlug ihm einer der Sultane eines der drei aufbäumenden Schlangenhäupter ab, rächend die Niederlage, die Europa seinen asiatischen Vorfahren zugefügt hatte. So merkt sich an einem todten Denkmale derselbe Gedanke Jahrtausende und Millionen von Menschen überlebend an. Daß auf den drei Köpfen ein Dreifuß gestanden, ist wahrscheinlich. Auch des Lysikrates Denkmal zu Athen beweist, daß es bei den alten Griechen Sitte gewesen, den opferbringenden Dreifuß möglichst hoch und erhaben aufzustellen; vielleicht aus demselben Grunde, aus welchem wir unsere Wallfahrtscapellen auf die obersten Berggipfel bauen, damit die Opfergabe dem empfangenden Gotte näher stehe. Daß aber dieser Dreifuß der der Pythia gewesen sei, ist eine Unmöglichkeit, obwohl es Herr v. Hammer drucken ließ. Die Fabel ward wohl wie so manche ihrer Schwestern von gewinnsüchtigen Fremdenführern erfunden, um unaufmerksame Reisende theilnahmsvoller zu stimmen. Von den drei Schlangenköpfen, welche fehlen, bewahrt man einen Unterkiefer in dem Museum, welches in der Irenenkirche eingerichtet ist. Auch Gypsabgüsse sah ich davon; danach muß der Rachen weit aufgerissen gewesen sein. Gerade in der Mitte des At-Meidan, wie auch ehemals des Hippodroms, steht der granitene Obelisk, das besterhaltene der Denkmäler. Er ist weit und viel gewandert. Seine erste Heimath und Geburtsstätte war Aegypten; bei Syena wurde er gegraben, dann war er in Athen. In Constantinopel stellte ihn Theodosius der Große sechzig Jahre nach Einweihung der Stadt, also im Jahre 390, auf das Postament, das ihn noch heute trägt. Die Spitze scheint ihm bei seinen Uebersiedelungsreisen beschädigt worden zu sein; sie ist stumpfer zugeschliffen. Seine Seitenflächen sind mit Hieroglyphen beschrieben, die des Fußgestelles mit erhabenen Bildern verziert, von so roher Arbeit, daß auch nicht einmal mehr die edlere Abstammung der Kunst zu erkennen ist. Es sind Werke eines schon vollzogenen Verfalles.
Der Lärm und die Mühe um eines der Pferde, das sich seinem kleinen Hüter losgerissen hatte und in freien Sprüngen über den Platz setzte, weckte mich aus meinen alterthümlichen Betrachtungen. Was die spätere Zeit auf die Trümmer gebaut hat, das fing ich erst jetzt an zu sehen. Drei Seiten des Platzes sind von unscheinbaren Gebäuden umsäumt, die vierte aber, die Ostseite, schlossen die Türken mit einem Prachtbaue, der Moschee Achmed I. Hinter einer niederen Marmormauer liegt sie, getrennt von dem gemeinen Lärm der Gasse, in der vornehmen Abgeschiedenheit eines heiligen Haines. So hoch hat das Alter die Platanen, Terebinthen und Cypressen gezogen, daß ihre Kronen und Wipfel die Kuppeln und Minarete zu überragen drohen; dabei sind die Bäume nicht greisenhaft abgelebt, sondern gesund in voller Manneskraft. Späht man genauer durch die vergoldeten Gitter, welche in die Umfassungsmauer eingesetzt sind, so findet man nur ahnungsvolle Stille und frommen Frieden unter dem kühlen Schatten, wie er Gott und dem Orte gebührt. Wo der Türke schmücken will, da genügt ihm nicht die Kunst des Menschen, er nimmt das freie Schaffen der Natur zu Hilfe. Um seine Gräber schlingt er Rosen und seine Tempel verbirgt er unter Bäumen. Wir thun das wohl auch an unseren Festtagen, wenn fromme Beter und andächtige Weihrauchwolken durch die Gassen wallen und grüne Zweige an den Häusern lehnen; der Türke aber hält jeden Tag solch’ festlichen Schmuckes würdig.
Das nördliche Ende des At-Meidan verunstaltet dermalen der geschmacklose Holzbau der türkischen Industrie-Ausstellung. Auf der Westseite des Platzes hatte man mir ein bescheidenes einstöckiges Haus mit dem unverdienten Titel: Palast des Finanzministeriums, Defter-Hane, genauer übersetzt Oberrechnungshof, gewiesen; jetzt zeigte man mir in der Seitengasse, in welche wir einbogen, zu unserer Rechten ein noch verfalleneres Gebäude als den Palast des Handelsministeriums. Das große Hofthor daran ist dienstesunfähig; die Thüren der Kanzleistuben münden unmittelbar auf die Bogengänge, welche den Hof umfassen; von orientalischer Pracht, wie sie unsere Vorurtheile erwarten, keine Spur. Die hohe Pforte, zu der wir durch steile Gassen hinabkommen, entspricht unseren Erwartungen und ihrem erhabenen Beiworte nicht viel mehr. Es ist eine lange, einförmige, gelb angestrichene Fronte, einen Stock hoch, mit vorspringender Säulenhalle und krönendem Giebelfelde, in dem abscheulichen Style englischer und amerikanischer Antike. Schön ist nur die Aussicht von der breiten Terrasse, die dem ganzen Baue vorliegt. Die Hügel von Pera und von Galata, die Berge von Asien und zwischen ihnen weit hinauf den Strom und die Ufer des Bosporus sah ich von dort aus in ganz neuer Ansicht und in den Gluthen der untergehenden Sonne.
Ueber die erste Hafenbrücke kehrten wir nach dem andern Ufer zurück. Das Leben, das sich auf der Brücke und auf den beiden Plätzen ihrer Mündungen, und weiter dann in der Galatagasse entfaltet, verwirrte und beschäftigte mich dergestalt, daß mich nur die Aufmerksamkeit meiner Führer vor unangenehmen Zusammenstößen bewahrte. Ich wußte nicht, wie ich Alles auf einmal oder was ich zuerst sehen sollte, die neuen Menschen oder die Dampfer, die pfeifend und schnaubend zu beiden Seiten der Brücke anlegten, gewiß immer ein Dutzend, das eben in Bewegung war. Auf dieser Brücke zu stehen verdient allein schon eine weite Reise; es ist als ließe man die Völker einer ganzen Welt die Revue passiren.
Pera, den 22. Mai.
Was bei uns eine Reise vorstellt, ist hier erst ein Spazierritt hinüber nach Stambul. Vom gestrigen, der den ganzen Tag gedauert hatte, waren wir so ermüdet, daß uns heute Ruhe nothwendig schien. Ich wollte sie mir am Schreibtische gewähren, um Briefe für die morgige Post vorzubereiten. Aber wie sollen sich die Gedanken sammeln, wie die Feder arbeiten, wenn rechts und links vom Schreibtische durch zwei offene Fenster der blaue Himmel und die helle Sonne hinaus nach dem Meere und nach den Hügeln dieses schönen Landes locken. Da half kein Widerstreben der entschlossensten Vorsätze. Ich schlich mich fort voll Vertrauen in meinen oft erprobten Ortssinn, mich allein in dem Häusergewirre zu versuchen. Das gibt den Reiz eines Wagnisses.
Durch enge steile Gassen und über Treppen stieg ich noch höher den Hügel hinauf. Nicht breiter als in den Calles Venedigs stehen die Häuser auseinander und so wie dort bleiben auch hier die Gassen keine zehn Schritte in derselben Richtung; rechts oder links, nach einer Seite biegen sie aus, daß sie ein fortwährendes Zickzack bilden. Ueberhaupt, wo ich hinsehe, finde ich den Anknüpfungspunkt wieder zu dem Faden, welchen der Handel im Mittelalter zwischen Constantinopel und der Lagunenstadt gesponnen hatte. Daß noch so viel davon fortbesteht, trotz des Wechsels der Zeit und der Menschen, beweist, wie angemessen dem angebornen Charakter beider Städte diese Verbindung war. Pera und Galata sind zwar nicht mehr eigenberechtigte Städte der Venetianer und Genuesen, aber immer noch beinahe ausschließlich von Italienern, Maltesern, Dalmatinern, Croaten, Franzosen, überhaupt von dem, was man mit dem Gesammtnamen „Franken“ zu bezeichnen pflegt, bewohnt. Die buntfarbigen Häusergruppen der Türken liegen nur wie einsame Inseln dazwischen. Auf den Stufen der Gassen saßen Bettlerinnen; sie hoben die Augen und die Hände auf und declamirten ihre Noth und ihre Gebete mit denselben dunklen Blicken und demselben Pathos, wie die struppigen Weiber auf den Brücken der Calle lunga und der Riva degli Schiavoni: „Grazia Signore, una povera vecchia!“
Alle die Treppen und Gäßchen münden in die große Perastraße, die vom kleinen bis zum großen Campo, den zwei Friedhöfen dieser Stadttheile, in einer ziemlich geraden Linie über den Kämmen der Hügel liegt. La grande rue de Pera, wie man hier alle Augenblicke in der Conversation hört, denn sie ist den Peroten, was den Wienern ihr „Graben“ und den Berlinern ihre „Linden“ sind, — hatte ich mir, ich gestehe es, etwas großartiger vorgestellt. Groß kann sie überhaupt wohl nur wegen ihrer Länge genannt werden, denn ihre Breite ist schmal wie die der andern Gassen, daß sich eben zwei Wagen darin ausweichen können, und Reiter und Fußgänger in ein fortwährend sich mißhandelndes Gedränge zusammengequetscht sind. Die Höhe der Häuser vermehrt noch diesen Eindruck der Enge. Die ersten Gasthöfe: Hôtel d’Angleterre, Hôtel de Byzance etc. stehen darinnen. Die Kaufläden waren offen und geschlossen, je nachdem der Glaube dem Eigenthümer die Heiligung unseres Sonntages freigibt oder gebietet; Polizeiverordnung verfügt hierüber nichts. Die Auslagen sind sehr primitiv, Spiegelscheiben nur an einigen Modehandlungen, sonst kleine Aushängekästchen, wie wir sie nur in unserer Kinderzeit oder heute noch in unseren Landstädten sahen. Ein Friseur verkauft auch Halsbinden und Handschuhe, ein Schuster Strohhüte, und beinahe alle Zuckerbäcker Kinderspielwaaren. Das repräsentirt eine Nationalökonomie, wie sie bei uns nur noch die Dörfer und böhmischen Badeorte betreiben. Indessen sie befriedigt ein Bedürfniß und die Verhältnisse sind andere, und so mag ich sie, blos darum weil sie anders als das Gewohnte ist, nicht tadeln.
Das Pflaster wäre eine Wohlthat, wenn es gar nicht wäre; so wie es ist, scheint es nur zu sein, um das Fahren zu hindern; in Berücksichtigung der Enge der Gassen und des Menschengedränges allerdings eine wohlthätige Vorsorge. Trotzdem begegneten mir einige Wagen. Es waren modische Broughams, Ein- und Zweispänner, die Pferde lose eingespannt, die Kutscher im albanesischen Kleide oder doch wie die meisten Einheimischen, wenn sie auch sonst ganz fränkisch gekleidet sind, durch das Fezz unterschieden. Mehr aber überraschte mich ein anderes Fuhrwerk, dem seinem Aussehen gemäß in allen Sprachen der türkische Name Arabat, was eigentlich nur Wagen sagen will, gelassen wird. Der Kasten ist mit Blumen bemalt und übermäßig vergoldet, ringsum möglichst offen mit Glasfenstern, oben mit einem gewölbten Dache geschlossen. In hohe Federn gehängt wackelt er nach allen Seiten, herüber und hinüber, vor- und rückwärts zugleich; das Ganze wie ein Ueberbleibsel des vorigen Jahrhunderts, aber von einem Dorf-Wagnermeister statt von einem Hoflieferanten Ludwig XV. gefertigt. Meistens ist nur ein Pferd davor gespannt; der Kutscher, Türke auch durch sein Kleid, geht oder läuft daneben, wenn ein kleiner Trab draußen im Freien möglich wird, denn in der Stadt kann jedes Fuhrwerk nur im Schritte fahren. In dem ersten Arabat, den ich sah, saßen Türkinnen; ich hielt das daher für ein speciell türkisches Beförderungsmittel, bis mich in einem späteren vier barmherzige Schwestern überraschten. Ich fand dann auf einem Platze solche Arabats in Menge dem Publicum wie unsere Fiaker aufgestellt. Uebrigens werden in der Stadt Wagen nur selten benutzt, in Stambul beinahe gar nicht. Die weiten Entfernungen und die schlechten Straßen zu überwinden lassen sich die Frauen tragen und reiten die Männer; darum die vielen Pferde mitten im Gedränge der Fußgänger. An den Straßenecken, bei den zierlichen Brunnenhäusern werden sie dem Bedürfnisse bereit gehalten; man setzt sich darauf, läßt den Pferdeknecht, Surugi, hintennach laufen, und zahlt ihn und sein Thier nach dem Ritte für die Stunde, wie in Berlin den Droschkenkutscher. 10 Piaster, ungefähr 1 Gulden, werden, wenn der pfiffige Surugi nicht den unwissenden Fremden herausgewittert hat, als die standesgemäße Bezahlung von einer Anstandsperson dankbar angenommen.
So guckte ich eines um das andere dem Straßenleben ab. Bild schob sich an Bild, und meine Gedanken, die thätig wie die Augen waren, suchten zu erklären, was die Blicke nicht gleich verstanden. Da drang ein neuer Laut, ein neues Bild in meine Betrachtungen. Jangin war! Jangin war! (Feuer ist!) riefen kreischende Stimmen aus weiter Entfernung. Aber kaum gehört, sah ich auch schon die Rufer. Alle nackt bis auf die Lenden, um die sie weiße Tücher geschlungen hatten, liefen sie vorüber, lauter schöne kräftige Bursche, die zur Feuerwehr gehören. Mitten im Laufe, ohne daß der auch nur einen Augenblick hielt oder in der gleichmäßigen Bewegung schwankte, wechselten sie mit ihren Kameraden im Tragen der wassergefüllten Spritzen. Was ihnen im Wege blieb, wurde rücksichtslos niedergeworfen und übersprungen. Schon gestern Abend, als eine große Feuerröthe über Stambul flammte, hatte man mich auf diese wilde Jagd vorbereitet. Ich war daher gleich bei dem ersten Rufe in eine Ladenthüre getreten und beobachtete aus diesem Schilderhause, wie sich die Menge gelassen, ohne auch nur die Miene dem sonderbaren Zuge zuzukehren, vor ihm theilte und hinter ihm wieder im alten Strome zusammenschloß. Diese stürmende Erscheinung ist ihr so alltäglich, daß die Gewohnheit dafür keine Aufmerksamkeit mehr hat. Ich aber brauchte eine Weile, um wieder im früheren Gleichgewichte weiter schreiten zu können.
Wo die Perastraße breiter wird und sich theilt, um einen Zweig nach dem großen Campo und einen anderen in’s Freie über die kahlen Hügel zu senden, steht ein verfallener aber immer noch mit Marmor bekleideter Brunnen. Platanen, Terebinthen, eine geborstene Cypresse, die hinter ihm wachsen, beschatteten einige Sakas, Wasserverkäufer, die vor ihm ihre Tische und ihre Krüge aufgestellt hatten. Bretter hatten sie von einem Fuße zum andern ihrer wackeligen Waarengerüste nageln und binden müssen, um ihnen Halt zu geben. So abgenützt und zerbrochen diese Trümmer waren, der Schönheitssinn des Südländers hatte sie immer noch einer Ausschmückung werth gefunden. Lilien und Nelken hatte er in hohen Büscheln an die Tischecken gebunden und in breiten Kränzen um die blechernen Schöpfeimer gewunden. Einer der Verkäufer war ein Neger. Seine kurze Hose, sein zerrissenes Hemd, der Mangel anderer Kleidungsstücke und sein confiscirtes Spitzbubengesicht bewiesen, daß die Gewerbe, welche er sonst betrieben haben mag, vielleicht weniger unschuldig, aber gewiß nicht einbringlicher als sein heutiges gewesen waren. Er war noch thätiger als seine Genossen im Rühmen seiner Waare. Endlos wuschen sie die Gläser, hielten sie den Vorübergehenden zur Prüfung der Reinlichkeit entgegen, priesen die Sauberkeit des Glases und die Frische des Wassers, und gossen wie zur Lockung mit hochgeschwungenem Arme aus den Schöpfkrügen einen langen Strahl in die Gläser, die sie dann mit der linken Hand präsentirten, ihr „Sacka!“ so lange und so aufdringlich schreiend, bis einer der Spaziergänger nach dem Glase langte und seinen Para dafür auf den Tisch warf.
Gegenüber ist ein Standplatz für Miethpferde. Es sind kleine aber zierliche und, wenn nur etwas geschont, schöne Pferde. Ohne wenigstens einen Tropfen edlen Blutes scheint kein türkisches Pferd zu sein. Die plumpe Rohheit der unserigen, die nicht einmal immer stark ist, fehlt hier den Thieren wie den Menschen. Diese Reitknechte, die mich gleich umringten, mir — jeder durch einen andern Kniff — ihre Pferde aufzuschwätzen, wie ausdrucksvoll sprechen ihre Gesichter, und wie anstandsvoll sind ihre Bewegungen! Und welche Mannigfaltigkeit der Physiognomien! Da war ein Blasser mit dunklem Haar und kleinem Schnurrbarte, die Lüderlichkeit hatte ihn offenbar so romantisch zugerichtet, der klopfte gelassen den neuen Sattel seines jungen Schimmels und lockte nur mit den Augen. Ein Anderer, dem aller Verstand im pfiffigen Schlusse der Lippen saß, führte seinen Braunen langsam vorüber und rühmte mir dessen Vorzüge mit italienischen, sogar mit einigen französischen Brocken an. Und ein Dritter, dem die Schönheit auf der Stirne thronte, warf sich auf seinen Fuchsen und jagte davon, mir dessen Schnelligkeit zu beweisen, aber gleich wieder zurückkehrend, damit den Kameraden nicht die Zeit bliebe mich ihm abzugewinnen. Und so ein Dutzend mehr, und jedem hätte man seine besondere Geschichte erfinden können. Dazu die maßvoll gebildete Gestalt; nicht zu klein und engbrüstig, um verächtlich und kränklich, und nicht zu groß und breitschulterig, um bedrohlich und roh zu erscheinen. Wenn sie gingen oder sich in den Sattel schwangen voll gelenkiger Beweglichkeit, und wenn sie sich an das Roß anlehnten oder rauchend auf dem Boden lagen voll ausgeglichener Ruhe. Ihre Kleidung war ärmlich aber wohlanständig, weil sich jeder darin zu Hause fühlte. Eine weite Hose bis zum Knie, eine Jacke, über dem Bauche durch den Shawl zusammengehalten, ein kleiner Turban um die Mütze geschlungen, Arme und Füße nackt, das ist der ganze Reichthum, den diese Nomaden der Gassen Constantinopels auf dem Leibe tragen. Ihre Herren, was bei uns also Stallmeister wären, oder die Reitknechte, welche in den festen Diensten reicher Privatleute stehen, sind kostbarer angezogen. Sie tragen das montenegrinische oder albanesische Kleid, kirschroth oder dunkelblau, über und über mit verschlungener Goldstickerei geziert. Auch solche trieben sich da herum. Nahebei erwarteten Arabats ihre Kunden. Ein Kaffeehaus, das auf einer Terrasse errichtet ist, hatte die seinigen schon in Menge gefunden. Der Menschenstrom aber wälzte sich weiter, jetzt in’s Freie hinaus, sichtlich immer vergnügter, je mehr die Enge der Stadt und des Handwerks hinter ihm zurückblieb, daß mir hier in der Türkei, „wo die Völker auf einander schlagen,“ der Ostersonntag in Göthe’s „Faust“ einfiel.
Rechts von der Straße ist eine große Artilleriecaserne und links ihr Exercirplatz; Recruten übten sich dort. Nur wenige der Leute trugen noch die häßlichen Uniformen nach europäischen Mustern, die meisten waren in der Nationaltracht, welche der neue Sultan seinem Heere zurückgegeben hat. Die weiten Hosen und offenen Jacken kleiden sie weit besser, weil ihre Glieder, die in solcher Zwanglosigkeit aufgewachsen sind, darin das Selbstgefühl einer alten Gewohnheit wiederfinden. Wie sehr diese Tracht übrigens den Werth einer schönen Gestalt erhöht, sah ich an einem Manne der Hundert-Garden des Sultans, der mir entgegen kam. Er war ein Araber in hohen glänzenden Stiefeln, feuerrothen Pumphosen, rother Jacke und rothem Burnus, der in breiten Falten über seinem Rücken bis zu den Fersen hinabfiel. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Burschen. Kaum daß ihm ein Flaum auf der Lippe keimte und sein ganzes Wesen drückte doch schon die Ruhe und die Hoheit des Alters aus. Dabei war sein Auge jugendfrisch und lebenslustig und voll Theilnahme für das Treiben der Menge. Wenn ich Verachtung in seinem Blicke, der mich traf, zu erkennen glaubte, so war das wohl nur, weil ich mich solcher Hoheit gegenüber verächtlich fühlte; dem Jünglinge waren Körper und Geist viel zu gesund, um ein so krankhaftes Gefühl hegen zu können. Wie ein Gott der alten Griechen, der Mensch geworden um mit seinen Mitmenschen zu leben und zu genießen, zu sündigen und zu büßen, so schritt er einher mit mächtig ausgreifenden Schritten. Und so staunte ich ihn an. Nicht anders mögen die Indianer die ersten Weißen bewundert haben. Wie ärmlich erscheint mir danach das, was unsere Salons einen schönen Mann nennen, und wie erbarmungswerth solche Genügsamkeit!
Tiefer in’s Land, wohin die Straße führt, wollte ich nicht. Ich suchte das Meer. Ein blauer Streifen rechts über den Hügeln verrieth es mir. Ich bog von dem Wege ab in die staubigen
Felder ein. Diese liegen hier alle unbebaut, wüste, ein trostloser Anblick; aber nur wenige beharrliche Schritte durch den gelben Sand weiter, und ich sah Europa und Asien, den Bosporus und Propontos wieder in all’ der Farbenpracht, die mein Auge seit den letzten Tagen so sehr verwöhnt hat. Unten auf dem Hügel, auf dessen Kuppe ich stand, und seine Hänge hinauf und ihnen entlängst sind von Top-Hane in den Bosporus hinein Stadt an Stadt gereiht: Fündykly, Dolma-Bagdsche mit dem neuen Palaste des Sultans, dessen Höfe und Gärten gerade unter mir waren, Beschicktasch, Tschirraghan etc., eine an der anderen, Haus an Haus, Name an Namen. Gegenüber auf dem asiatischen Ufer Skutari, ausgedehnter und volkreicher als es sich nach irgend einer anderen Seite hin zeigt. Bis tief in den Bosporus, um dessen Buchten und Vorgebirge sind seine Häuser gebaut und hoch die Höhen hinauf seine Villen und Gärten gepflanzt, daß die Stadt Meer und Berge zugleich zu umfassen scheint. Die Seraispitze, einige der ihr zunächst liegenden Moscheen Stambuls und die schiffebeladene Mündung des Goldenen Hornes, die der Strom des Bosporus von Asien scheidet, schließen auf der rechten Seite das Bild. Darüber und grenzenlos weit liegt der Horizont des Marmora-Meeres. Das sind die Umrisse, die mir die Farben fest in dem Gedächtnisse halten müssen. Wie sollte auch die schwarze Tinte das Blau des Meeres, das Grün der Gärten, das Roth der Hügel, den Glanz des Himmels und den Duft der Ferne malen können!? Das kann nur der Dichter, der in der Brust jedes Menschen wohnt und dem Künstler wie dem Leser, dem einen beim Schaffen, dem andern beim Genießen, helfen muß, damit die Bilder wieder werden, wie sie wirklich und greifbar nur die allmächtige Kunst der Natur erschaffen kann.
Ich war ermüdet auf einen Stein am Wege gesunken. Soldaten, türkische Weiber mit ihren Kindern, Griechen im übertriebensten Sonntagsputze der letzten Pariser Mode, Armenier in den langen Pelzröcken ihrer alten Nationaltracht, Menschen aller Nationen und Religionen, die an mir vorüber die Straße von Dolma-Bagdsche hinauf oder hinab stiegen, belebten das Land, das um mich war, und Schiffe, die vom Dampfe, dem Segel oder den Rudern in den Bosporus hinein oder heraus getrieben wurden, belebten das Meer, das wellend im warmen Mittagswinde zu meinen Füßen lag. Drei Fregatten und zwei prächtige Dampfjachten des Sultans ruhten an ihren Anker vor den Fenstern seines Palastes. Gegen Pera zu, nicht allzuweit von meiner Rechten, war der Wald des großen Campo’s; seine Cypressen mahnten wie düstere Ahnungen in den heiteren Frohsinn des sonst so hellen Bildes. Da klang ein anderer, auch ein bekannter Ton in meine Stimmung: der Baccio, ein Walzer, den die Artôt und der sie berühmt gemacht. Eine Musikbande spielte ihn lärmend und tactlos in einem nahen Kaffeehausgarten. Auch in dieser verstümmelten Gestalt hörte ich ihn gerne, weil er angenehme Stunden zurückbrachte. Da kam eine Nacht wieder, die mir in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse liebe Freunde vergnügt hatten; ein Abend im Conversationshause zu Baden-Baden, den schöne Frauen, ein Nachmittag im Mathissongraben des Heidelberger Schlosses, welchen die Einsamkeit beglückt hatte. Denn glücklich, wie die heutige Gegenwart, war jene Vergangenheit gewesen, und dieselbe Melodie knüpfte verwandte Eindrücke an die früheren. So hängt zuletzt eine ganze Kette an dem einzigen Tone, und angeschlagen zittert er Glied um Glied erweckend zurück bis in die entlegenste Jugend. Oft schon, wenn ich diese Macht der Musik so erinnerungskräftig erfahren habe, frag ich, ob sie so nicht auch über das Grab hinaus wirken werde?
Wie sie hier unten aber auch quälen kann, das erfuhr ich gleich darauf, als eine türkische Musikbande in der großen Caserne links von mir über dem Palaste von Dolma-Bagdsche ihre Uebungen begann, denn das sollten diese Dissonanzen vorstellen, die dort geblasen wurden. Und so wenig Musiksinn scheint der Orientale zu haben, daß sich gleich eine Menge Volkes unter den offenen Fenstern sammelte. Damit die Katzenmusik vollstimmig werde, fing nun auch zu meiner Rechten im Kaffeegarten das Orchester wieder an diesmal die schwindsüchtige Sterbearie der Traviata zu spielen. Eines allein hätte ich vielleicht um des längeren Anblickes der schönen Gegend willen erduldet, beides zusammen war für Ohren und Nerven zu viel. So interessant es mir gewesen wäre, einen Trupp Soldaten zu beobachten, die eben nach ihrer Caserne zurück marschirten, ich flüchtete mich. Durch Seitengassen Pera’s suchte ich den Rückweg, langsam und mit vielen Verirrungen, aber doch so, daß ich ihn allein fand. Der Plan Dufour’s erwies sich mir dabei als ganz fabelhaft und nutzlos.
Den 22. Mai, Nachts.
Gleich nach dem Essen, um 9 Uhr Abends, zu einer armenischen Hochzeit. Durch ein Labyrinth von Gassen, die Hügel hinauf und hinab, führte man mich zu einer Kirche, von der man mir sagte, daß sie in der Nähe des Feuerthurmes von Galata sei. Auf dem kleinen Platze vor der Kirche war ein lärmendes Durcheinander von Dienern, Fackel- und Sesselträgern, die ihren Herrschaften den Vorrang erkämpfen wollten. Das Innere der Kirche ist häßlich, ein Viereck durch eine Kuppel gedeckt und durch drei gerade Mauern, auf der vierten Seite durch einen Halbkreis geschlossen, in dem zwischen vier plumpen Säulen der Altartisch steht. Zahlreiche Armleuchter hingen von der Decke und an den Wänden herab. Auf den Boden waren dichte Teppiche gebreitet und Stühle in Reihen neben und hinter einander gestellt. In dieser Anordnung und Beleuchtung glich das eher einem Concertsaale, und so auch sah das Publicum aus. Links die Frauen, rechts die Männer waren alle festlich, die Weiber über und über mit Edelsteinen geschmückt; dem diplomatischen Corps hatte man vorne auf beiden Seiten besondere Plätze vorbehalten. Ich sah von dort aus Alles auf’s beste.
Es war eine Doppelheirat, die eingesegnet wurde. Auf jeder Seite standen Bruder und Schwester. Die Brautleute, die Eltern und die nächsten Anverwandten füllten den Halbkreis vor uns. Die Geistlichen ordneten sie und reihten sich dann dienend um den Altar. Es waren ihrer achte, Alle in hellgrünen, reich mit Silber gestickten Talaren, die in breiten langen Falten, durch keinen Gürtel unterbrochen, vom Halse auf den Boden fielen; ein goldenes Band, eine Art Stola, hing jedem auf der rechten Schulter, und eine gefältete Krause, die beim Halsausschnitte hervorstand, rahmte die dunkeln Köpfe aufs wirkungsvollste ein. In diesem Kleide glich einer der Priester so sehr einem der schönsten Porträte Paolo Veronese’s, daß mich die Aehnlichkeit während der ganzen Feier mehr als alles übrige beschäftigte. Wie er da sorgend herumging, bald artig die Brautleute belehrte, wie sie sich bei den Ceremonien zu benehmen hätten, bald herrisch den Dienern winkte, die silbernen Teller mit den Kränzen zu bringen, war es, als sei aus dem großen Bilde: „Christus im Hause des Levi,“ welches die Akademie der schönen Künste zu Venedig bewahrt, der stolze Venetianer mit dem schwarzen Barte im grünen Wamse, der aus dem Vordergrunde seine Befehle in die hohe Säulenhalle zurückruft, herausgetreten, um das Amt, worin ihn der Künstler so glücklich abgebildet, wiederum auszuüben.
Die Ceremonien dauerten lange und blieben mir zum Theile unerklärt. Auffallend war der sonderbare Schmuck der Bräute. Zu beiden Seiten des Gesichts fielen statt der Schleier, worin man sie bei uns verhüllt hätte, lange Locken der Einen aus rauschendem Gold-, der Anderen aus Silberpapier herab, und das so lange, daß sie beinahe den Boden berührten, und so dicht, daß sie die Mädchen fortwährend aus dem Gesichte streichen mußten. Der Blassen stand dieser goldene Lockenwuchs sehr gut; sie sah verzaubert wie die Prinzessin in einem Kindermärchen aus. Die beiden Männer schienen jünger als ihre künftigen Frauen zu sein, nicht älter als 20 Jahre. Sie trugen lange schwarze Gehröcke mit aufstehenden Kragen und das Fezz auf dem Kopfe. Das ist für alle Unterthanen des Sultans, für Griechen, Armenier, auch für jene Türken, die sich fränkisch tragen, das Hofkleid statt unseres Frackes und Cylinders. Besondere Eitelkeit scheint für die Füße sorgsam zu sein. Sie sind aber auch meist klein und wohlgebildet und eines gutgemachten Schuhes würdig.
Als wichtig in dem Acte der Vermählung bezeichnete man mir das Wechseln der Kränze, denn auch dem Bräutigam wurden Myrthen und Orangen auf’s Haupt gelegt. Nachdem er sie eine Weile getragen, vertauschte sie der Oberpriester mit denen der Braut. So gekrönt blieben beide bis zum Ende der Ceremonie. Diese Kränze sollen sorgsam als Talisman des ehelichen Glückes aufgehoben werden.
Auf der linken Seite des Presbyteriums hatten sich bald nach Beginn des kirchlichen Aktes in denselben kostbaren Gewändern, wie sie die Priester trugen, Chorknaben aufgestellt, um die ganze Feier mit einem Gesange zu begleiten, der werthvoll wie die Blechmusik des Morgens war. Ein Junge aber, der darunter war, ersetzte mit seinen kunstbegeisterten Gesichtern den Augen, was die Ohren leiden mußten. Je höher der Ton stieg, desto mehr neigte er den Kopf auf die linke Schulter und desto krampfhafter schüttelte er den ganzen Körper; die Augen schloß er dabei immer fester, den Mund öffnete er immer weiter, und doch ließ er keinen Ton auf einem andern Wege als auf dem Umwege durch die Nase hinaus. Es gab ein Geheul und das mit so viel Aufwand von Pathos, daß es einem Liebhaber des Sonderbaren zuletzt als etwas Unübertreffliches bewundernswerth werden mußte.
Nachdem in der Kirche die Festlichkeit vorüber war, geleitete man uns nach dem nahen Hause der einen Familie, wo ein Ball sie fortsetzen sollte. Schon an der Hausthüre erwarteten uns die beiden neuen Ehemänner; der eine nahm meinen Arm und führte mich die Treppe in das zweite Stockwerk hinauf; die Musikanten, die im Stiegenhause versteckt aufgestellt waren, empfingen uns mit einem Marsche und die Hausleute, obwohl ich ihnen fremd und uneingeladen kam, mit den zuvorkommensten Bemühungen, mir die Gesellschaft bald bekannt zu machen. Sie war zahlreich, so daß die Räume zu klein wurden. Diese sind, sowie ich das aus den italienischen Häusern her kenne, durch die Sala, die mitten durch das Haus geht, in zwei Hälften getheilt; die zur Linken schien hier den Männern, die zur Rechten den Frauen zu gehören. Ich fand wenigstens in den Zimmern der letzteren meistens nur Frauen, die nach der Landessitte mit hinaufgezogenen Füßen auf den breiten Divanen lagen. Es waren schön geschnittene Gesichter darunter, mehr aber noch fielen sie mir durch den Ausdruck ihrer Augen auf, die sind schwarz wie die Kohle und die Blicke leuchten wie der Funke, der vor dem Verglimmen noch einmal in seiner allerhellsten Kraft auflodert, nur daß keiner dieser Blicke der letzte und daß jeder wie der erste ist. Selbst Weiber, die beinahe häßlich sind, werden durch das Feuer dieser Sprache fesselnd.
Die Gäste benahmen sich frei und ungezwungen, die Männer gegen die Frauen sogar vertraulicher als das bei uns erlaubt ist; aber alle in den Formen des schicklichsten Anstandes, weil das dem Gefühle eines jeden angeboren ist. Der größere Theil der Männer trug das Fezz auf dem Kopfe, das waren Eingeborene des Landes, die vielen Anderen, welche den Hut in der Hand hielten, Herren des diplomatischen Corps. Dem französischen Botschafter, Marquis du Moustier, wurde ich gleich beim Eintritte vorgestellt. Er ist ein großer, schöner und durch Haltung und Formen noch jugendlicher Mann und danach sind auch seine Ansprüche an das Leben bemessen. Der englische Botschafter, Sir Henry Bulwer, kam erst nach Mitternacht. Ich lernte ihn in einem kleinen Nebenzimmer kennen, wo die Stille den Raum zu einem längeren Gespräche gab.
Sir Henry Bulwer folgte dem Lord Stratford Redcliffe, der auf diesem Posten alt und berühmt geworden war. Das Amt, das für England immer eines der wichtigsten ist, war nach der Bedeutung, die es durch die Persönlichkeit des Lord Redcliffe erlangt hatte, ein noch schwerer zu besetzendes geworden; daß unter solchen Umständen Sir Henry Bulwer dafür gewählt wurde, beweist, welche Meinung die vorsichtigen Staatsmänner seiner Heimath von seinen Fähigkeiten haben. Seine äußere Erscheinung zeigt alle Sonderbarkeiten, aber auch die ganze Vornehmheit des englischen Aristokraten. Wo man ihm auch begegnen mag, nirgends wird man ihn übersehen können. Seine Gestalt ist nicht groß, hager und in der Brust so eingefallen, daß die leise, oft beinahe nur gehauchte Stimme nicht überrascht. Er trägt einen Vollbart, der sonderbar in zwei Zwickel getheilt ist. Hände und Füße sind beinahe unnatürlich klein; den einen Fuß sah ich ihn, wie das hier Sitte ist, auf den Divan heraufziehen. Das Französische, die übliche Sprache der hiesigen Salons, spricht er fließend, wenn schon mit dem englischen Accente, der die Worte dehnt. Er liebt es, seine Reden mit kleinen Witzworten und Sentenzen zu spicken, und erinnert dadurch an die Schreibweise seines Bruders, des Romandichters, die um solcher Aperçüs willen philosophisch genannt worden ist. Ein Gespräch weiß er, da sein Geist thätig und gewandt ist, leicht ohne das verlegene Angeln nach einem Gegenstande flüssig zu machen. Mit einer zuvorkommenden Frage setzt er den Fremden auf dessen Steckenpferd und weil doch jeder lieber sich als den Andern reiten sieht, in Entzücken über die Klugheit und Artigkeit dieses großen Herrn. Von mir verlangte er meine ersten Ideen über den Orient zu hören. Sichtlich erfreut durch die Antwort, weil auch ihm dieses Land gefällt, meinte er, ich werde es nächstens nicht blos mehr mit Vergnügen, sondern auch mit nutzbarer Anwendung auf die Zustände meiner Heimath sehen. Das brachte uns auf Oesterreich. Er ließ mich länger darüber sprechen, nur ab und zu einfallend, um Einzelnes noch mehr ausgeführt zu erhalten, und als ich zur ungarischen Frage sagte, daß mir jeder gemeine Hußar eine genügende Widerlegung der Germanisirungshoffnungen sei, zu bemerken: gerade rücksichtlich dieser Streitfrage werde mir hier klar werden, daß es auch andere Wege, als die der europäischen Gewohnheit gebe, die Völker zu ihrem Wohlsein zu führen.
Vergleiche ich nun seine gescheidten Bemerkungen mit den albernen Schilderungen, die unsere Zeitungen von diesem Manne brachten, so bestätigt mir das von Neuem die Erfahrung, die ich zumeist nach dem Jahre 1859 in Italien gesammelt, daß, um richtig zu urtheilen, man vor allem den Zeitungen mißtrauen und die Dinge mit eigenen Augen gesehen haben müsse, an dem so gebildeten Urtheile aber mit der Arroganz des unverschämtesten Selbstvertrauens festhalten dürfe.
Die Fürstin von Samos hatte dieses Gespräch, das wohl eine Stunde gedauert, unterbrochen. Sie wollte mir an dem offenen Fenster die Mondnacht zeigen. Die Fürstin hat mich übrigens neben Sir Henry Bulwer auf diesem Balle am meisten beschäftigt. Sie ist noch jung und muß einmal sehr schön gewesen sein. Sorgen haben den Jahren vorgegriffen. Sie ist bleich, aber das Auge noch jugendlich feurig. Mit dem ersten Eindrucke erschien sie mir nicht bedeutend. Ihr Wesen ist und gibt sich so einfach, daß ich begreife, daß man sie lange übersehen kann; wer dann aber einmal ihren ganzen Reiz empfunden, den hält sie unlösbar gefangen. Es ist mit ihr, wie mit manchen Blumen, die ihren feinen Duft nur an auserwählte Günstlinge geben. Und wie ihre äußere Art, so ist auch ihr Verstand. Manche unserer Frauen könnten ihn ungebildet schelten, denn ihr Wissen ist lückenhaft; aber eben darum ist er unbefangener und natürlicher, urtheilsfähiger und ergiebiger, und von einer Kraft, daß er die Eitelkeit, von der doch sonst alles Menschliche bemeistert wird, so sehr bezwingen konnte, daß sie, der sich hier Jeder zu empfehlen sucht, immer bestrebt ist, jede Bedeutung, auch die einer femme politique — sonst das höchste Ziel weiblichen Ehrgeizes — abzuleugnen. Sie mußte wissen, daß mir ihre einflußreiche Stellung auf dem hiesigen Platze bekannt sei, und übte doch auch gegen mich dieselbe Bescheidenheit. Was sie ist, gilt ihr nur insoferne es als Vortheil, nicht als es Glanz bringt; eine Klugheit, die bei uns zu Hause keine weitverbreitete ist.
Sie rief mich an das Fenster, weil ich ihr früher mein Gefallen an Constantinopel ausgesprochen hatte. Wir setzten uns in zwei Sessel, deren hohe Lehnen uns von dem übrigen Zimmer isolirten. „Voyez et respirez!“ sagte sie mir. Der Mond stand voll in einem wolkenlosen Himmel, und sein Spiegelbild ruhte vergrößert auf der regungslosen Fluth des goldenen Horns; das lag tief unter unseren Fenstern, kleine Terrassen und flache Dächer hinab; Stambul, wie eine hohe schwarze Mauer uns gegenüber, und links hinaus in weiter Ferne sogar noch ein silbernes Glimmern des Bosporus. Die liebenswürdige Frau neben mir, dieses Bild vor mir, die verhallende Musik des Tanzsaales hinter mir und die Luft, die ich athmete, das waren Genüsse, wie ich sie schon lange nicht mehr genossen habe. Lichter und Menschen sind mir, wie oft ich mir selbst das auch abzuleugnen versuche, im Grunde unentbehrlich; mischt sich aber wie hier und in Venedig dem Salon noch die Poesie bei, dann bin ich sein doppelt williger Gast.
Während ich stumm schaute und nur mit einzelnen Ausrufen mein Entzücken ausdrückte, schilderte mir die Fürstin beredt und lebendig die Reize ihres Heimathlandes, das sie glühend liebt. Sie nannte mir Orte dieser Stadt, die ob ihrer landschaftlichen Schönheit besonders sehenswerth seien; sie sprach von den Sommerabenden auf dem Bosporus, von den Mondscheinnächten auf dem Quai von Bujuk-dere, von den Sonnenuntergängen auf den Prinzen-Inseln und von ihrem Landhause auf Prinkipo, wo ich sie besuchen müsse. „Ja, Sie haben,“ so schloß sie ihre Rede, „Sie haben den rechten Zeitpunkt getroffen; Constantinopel und den Bosporus muß man im Sommer sehen, wenn seine Gärten blühen und seine Hügel grünen, wenn seine Fluthen eben und mit den leichten Booten seiner Bewohner gefüllt sind, die im Abendsonnenscheine von Europa nach den noch schöneren Ufern Asiens hinüber rudern. Ich halte es überhaupt für einen Irrthum, in den die Bequemlichkeit den Nordländer verführt, die Länder des Südens, Italien und den Orient, in den kalten Jahreszeiten zu besuchen; da erstirbt hier so gut als im Norden das Leben, wenn auch nicht in gleichem Grade, so doch verhältnißmäßig. Was der Fremde sieht, ist todt, soweit die Sonne des Südens das Sterben überhaupt zuläßt. Es ist ein Unrecht, das dann mit dem Frühling des Nordens zu vergleichen und zu richten, als sei es das letzte Wort, welches diese Landschaften aussprechen können. Neapel gefiel mir erst, als ich es im Sommer sah, wenn es Alle fliehen; wer den Preis haben will, darf den Schweiß nicht scheuen und muß etwas Hitze aushalten können.“
Es war 2 Uhr nach Mitternacht, als ich nach Hause kam und jetzt, da ich die Feder weglegen will, regt sich der Morgen. Sehen kann ich ihn nicht, denn die Sonne geht hinter dem Hause auf, aber Vögel und die anderen ersten Laute einer großen Stadt künden ihn. Das Fenster neben meinem Schreibtische stand die ganze Zeit über offen; glückliches Land, wo das beste Gut, die frische Luft, immer frei zu uns ein darf.
Pera, den 23. Mai.
Der Morgen verging in Vorbereitungen zur Abreise nach Brussa. Ich soll nach Asien ehe die Sommerhitze einfällt. Nachmittags setzten wir uns bei Top-Hane in’s Kaik, um durch das Goldene Horn nach Ejub, einer Vorstadt und Begräbnißstätte Stambuls, zu fahren. — Das Goldene Horn! Wie schön der Name klingt, und wenn man diese Bucht mit werthvollen Schiffen gefüllt und von volkreichen Städten umschlossen sieht, erkennt man ihn auch als berechtigt und durch die Natur der Dinge gegeben. Ueber seinen Ursprung und sein Alter finde ich nirgends eine Nachricht aufgezeichnet; über seine Bedeutung schon bei den alten Schriftstellern die mannigfaltigsten Auslegungen. Dem Einen hieß die Bucht Chrysokeras, weil sie wie ein Füllhorn des Ueberflusses sei; dem Anderen, wie dem Strabo zum Beispiel, weil sie einem Hirschgeweihe gleiche. Dem Füllhorn ist sie, mit einiger Phantasie gesehen, auch heute noch ähnlich; dem Hirschgeweihe nicht mehr, weil die kleinen Buchten, die Aeste, in die sie sich sonst getheilt haben soll und die unter den Kaisern zu den vielen kleinen Hafenanlagen gedient haben mögen, von denen in den byzantinischen Geschichtschreibern die Rede ist, ihr heute fehlen. Die verschiedenen Eroberungen und Zerstörungen der Stadt werden diese Zweige verschüttet und dem Ufer gleich gemacht haben. Ich habe übrigens zu den Vermuthungen und Auslegungen über die Entstehung und die Bedeutung des Chrysokeras meine eigenen selbst erfundenen hinzuzufügen. Seit den ältesten Fabelzeiten war an diesen Küsten der Dienst der Hekate der besonders gefeierte. Das Zeichen dieser Göttin, der Halbmond mit den Sternen, wurde das Wappenbild der Stadt, die Byzaz hier gegründet, und mit ihr das der Römer und der Türken. Liegt es nicht nahe, daß dieser Halbmond, der den Alten so gut als uns Neuen Κέρας, Horn, hieß, nicht auch der ihm so ähnlich geformten Bucht den Namen gegeben und sich wie das Wappen von diesem uralten allen gemeinsamen Ursprunge her durch die ganze Folge der Landeigenthümer bis auf den heutigen vererbt habe? Dieser Vermuthung über die Entstehung des Κέρας steht nun freilich meine sprachliche Auslegung des Wortes entgegen. Indeß da mich nichts zu einer Wahl zwingt, so mögen immerhin beide Deutungen neben einander stehen. Ich finde nämlich, daß das Wort Κέρας den Griechen nicht blos Horn oder Geweih, sondern jede Krümmung überhaupt und so auch ganz einfach den Arm eines Flusses bedeutet habe; dann hätten sie mit Κρυσοκέρας nichts sagen wollen, als der goldene Arm des flußähnlichen Bosporus. Und so ist dieses Stück See und seine Bucht wirklich gestaltet. Wer zu seinen Füßen sich das schwarze Meer denkt und den rechten Arm ausstreckt, der stellt mit seinem Körper ungefähr den Bosporus und das goldene Horn vor. Denn keine der andern Buchten des Bosporus tritt im Vergleiche zu der des goldenen Horns merklich tief aus der Hauptrichtung des Bettes in die Ufer hinein, und das goldene Horn ist im Verhältniß zum Bosporus ziemlich gleich schmal und lang, wie der Arm zum Körper. Auf eine Länge von 4000 Klafter oder 2 Stunden kömmt eine Breite von nur 500 Klafter oder ¼ Stunde, die an einzelnen Stellen noch mehr zusammenschrumpft. Das bildet eine sonderbare Gestaltung, die auch auf der Landkarte gleich als solche auffällt. Ich weiß ihr in allen fünf Welttheilen kein Gegenstück zu finden. Aber nicht blos um seiner Sonderbarkeit, auch um seiner Schönheit und Bequemlichkeit willen ist dieser Golf ohne seines Gleichen in der Welt. Größer und zugleich sicherer ist kein anderer Hafen. Die tiefstgehenden Kriegsschiffe können an den Häusermauern ihre Anker werfen, und der Strom, der aus dem schwarzen Meere kömmt, fegt ihn, indem er seine Ufer im Bogen umkreist, rein von all’ dem unvermeidlichen Unrathe einer großen Stadt. Nie war eine Säuberung, eine Ausbaggerung nothwendig; die Natur und die Menschen helfen zusammen, das Horn zu einem wahrhaft goldenen zu machen.